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-The Project Gutenberg EBook of Die Cellularpathologie, by Rudolf Virchow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die Cellularpathologie
- in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre
-
-Author: Rudolf Virchow
-
-Release Date: February 15, 2014 [EBook #44921]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE CELLULARPATHOLOGIE ***
-
-
-
-
-Produced by Constanze Hofmann, Jens Nordmann and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (BioLib
-(www.biolib.de))
-
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-
- Vorlesungen
-
- über
-
- PATHOLOGIE
-
- von
-
- RUDOLF VIRCHOW.
-
- $Erster Band:$
-
- Die Cellular-Pathologie in ihrer Begründung auf physiologische
- und pathologische Gewebelehre.
-
- Vierte Auflage.
-
- Berlin, 1871.
-
- =Verlag von August Hirschwald=.
-
- Unter den Linden No. 68.
-
- * * * * *
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-
-
-
- Die
-
- CELLULARPATHOLOGIE
-
- in ihrer Begründung auf
-
- physiologische und pathologische Gewebelehre,
-
- dargestellt
-
- von
-
- RUDOLF VIRCHOW,
-
- ord. öff. Professor der pathologischen Anatomie, der allgemeinen
- Pathologie und Therapie an der Universität, Director des pathologischen
- Instituts und dirigirendem Arzte an der Charité zu Berlin.
-
- $Vierte, neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage.$
-
- Mit 157 Holzschnitten.
-
- Berlin, 1871.
-
- =Verlag von August Hirschwald=.
-
- Unter den Linden No. 68.
-
- Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen,
- besonders in's Englische und Französische vor.
-
- * * * * *
-
-
-
-
- Vorrede zur ersten Auflage.
-
-
-Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem weiteren ärztlichen Publikum
-vorlege, wurden im Anfange dieses Jahres vor einem grösseren Kreise von
-Collegen, zumeist praktischen Aerzten Berlin's, in dem neuen
-pathologischen Institute der Universität gehalten. Sie verfolgten
-hauptsächlich den Zweck, im Anschlusse an eine möglichst ausgedehnte
-Reihe von mikroskopischen Demonstrationen eine zusammenhängende
-Erläuterung derjenigen Erfahrungen zu geben, auf welchen gegenwärtig
-nach meiner Auffassung die biologische Doctrin zu begründen und aus
-welchen auch die pathologische Theorie zu gestalten ist. Sie sollten
-insbesondere in einer mehr geordneten Weise, als dies bisher geschehen
-war, eine Anschauung von der cellularen Natur aller Lebensvorgänge, der
-physiologischen und pathologischen, der thierischen und pflanzlichen zu
-liefern versuchen, um gegenüber den einseitigen humoralen und
-neuristischen (solidaren) Neigungen, welche sich aus den Mythen des
-Alterthums bis in unsere Zeit fortgepflanzt haben, die Einheit des
-Lebens in allem Organischen wieder dem Bewusstsein näher zu bringen, und
-zugleich den ebenso einseitigen Deutungen einer grob mechanischen und
-chemischen Richtung die feinere Mechanik und Chemie der Zelle entgegen
-zu halten.
-
-Bei den grossen Fortschritten des Einzelwissens ist es für die Mehrzahl
-der praktischen Aerzte immer schwieriger geworden, sich dasjenige Maass
-der eigenen Anschauung zu gewinnen, welches allein eine gewisse
-Sicherheit des Urtheils verbürgt. Täglich entschwindet die Möglichkeit
-nicht bloss einer Prüfung, sondern selbst eines Verständnisses der
-neueren Schriften denjenigen mehr, welche in den oft so mühseligen und
-erschöpfenden Wegen der Praxis ihre beste Kraft verbrauchen müssen. Denn
-selbst die Sprache der Medicin nimmt nach und nach ein anderes Aussehen
-an. Bekannte Vorgänge, welche das herrschende System seinem
-Gedankenkreise an einem bestimmten Orte eingereiht hatte, wechseln mit
-der Auflösung des Systems die Stellung und die Bezeichnung. Indem eine
-gewisse Thätigkeit von dem Nerven, dem Blute oder dem Gefässe auf das
-Gewebe verlegt, ein passiver Vorgang als ein activer, ein Exsudat als
-eine Wucherung erkannt wird, ist auch die Sprache genöthigt, andere
-Ausdrücke für diese Thätigkeiten, Vorgänge und Erzeugnisse zu wählen,
-und je vollkommener die Kenntniss des feineren Geschehens der
-Lebensvorgänge wird, um so mehr müssen sich auch die neueren
-Bezeichnungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntniss anschliessen.
-
-Nicht leicht kann Jemand mit mehr Schonung des Ueberlieferten die
-nothwendige Reform der Anschauungen durchzuführen versuchen, als ich es
-mir zur Aufgabe gestellt habe. Allein die eigene Erfahrung hat mich
-gelehrt, dass es hier eine gewisse Grenze gibt. Zu grosse Schonung ist
-ein wirklicher Fehler, denn sie begünstigt die Verwirrung: ein neuer,
-zweckmässig gewählter Ausdruck macht dem allgemeinen Verständnisse etwas
-sofort zugänglich, was ohne ihn jahrelange Bemühungen höchstens für
-Einzelne aufzuklären vermochten. Ich erinnere an die parenchymatöse
-Entzündung, an Thrombose und Embolie, an Leukämie und Ichorrhämie, an
-osteoides und Schleimgewebe, an käsige und amyloide Metamorphose, an die
-Substitution der Gewebe. Neue Namen sind nicht zu vermeiden, wo es sich
-um thatsächliche Bereicherungen des erfahrungsmässigen Wissens handelt.
-
-Auf der anderen Seite hat man es mir schon öfters zum Vorwurfe gemacht,
-dass ich die moderne Anschauung auf veraltete Standpunkte
-zurückzuschrauben bemüht sei. Hier kann ich wohl mit gutem Gewissen
-sagen, dass ich eben so wenig die Tendenz habe, den =Galen= oder den
-=Paracelsus= zu rehabilitiren, als ich mich davor scheue, das, was in
-ihren Anschauungen und Erfahrungen wahr ist, offen anzuerkennen. In der
-That finde ich nicht bloss, dass im Alterthum und im Mittelalter die
-Sinne der Aerzte nicht überall durch überlieferte Vorurtheile gefesselt
-wurden, sondern noch mehr, dass der gesunde Menschenverstand im Volke an
-gewissen Wahrheiten festgehalten hat, trotzdem dass die gelehrte Kritik
-sie für überwunden erklärte. Was sollte mich abhalten, zu gestehen, dass
-die gelehrte Kritik nicht immer wahr, das System nicht immer Natur
-gewesen ist, dass die falsche Deutung nicht die Richtigkeit der
-Beobachtung beeinträchtigt? Warum sollte ich nicht gute Ausdrücke
-erhalten oder wiederherstellen, trotzdem dass man falsche Vorstellungen
-daran geknüpft hat? Meine Erfahrungen nöthigen mich, die Bezeichnung der
-Wallung (Fluxion) für besser zu halten, als die der Congestion; ich kann
-nicht umhin, die Entzündung als eine bestimmte Erscheinungsform
-pathologischer Vorgänge zuzulassen, obwohl ich sie als ontologischen
-Begriff auflöse; ich muss trotz des entschiedenen Widerspruchs vieler
-Forscher den Tuberkel als miliares Korn, das Epitheliom als
-heteroplastische, maligne Neubildung (Cancroid) festhalten.
-
-Vielleicht ist es in heutiger Zeit ein Verdienst, das historische Recht
-anzuerkennen, denn es ist in der That erstaunlich, mit welchem
-Leichtsinn gerade diejenigen, welche jede Kleinigkeit, die sie gefunden
-haben, als eine Entdeckung preisen, über die Vorfahren aburtheilen. Ich
-halte auf mein Recht, und darum erkenne ich auch das Recht der Anderen
-an. Das ist mein Standpunkt im Leben, in der Politik, in der
-Wissenschaft. Wir sind es uns schuldig, unser Recht zu vertheidigen,
-denn es ist die einzige Bürgschaft unserer individuellen Entwickelung
-und unseres Einflusses auf das Allgemeine. Eine solche Vertheidigung ist
-keine That eitlen Ehrgeizes, kein Aufgeben des rein wissenschaftlichen
-Strebens. Denn wenn wir der Wissenschaft dienen wollen, so müssen wir
-sie auch ausbreiten, nicht bloss in unserem eigenen Wissen, sondern auch
-in der Schätzung der Anderen. Diese Schätzung aber beruht zum grossen
-Theile auf der Anerkennung, die unser Recht, auf dem Vertrauen, das
-unsere Forschung bei den Anderen findet, und das ist der Grund, warum
-ich auf mein Recht halte.
-
-In einer so unmittelbar praktischen Wissenschaft, wie die Medicin, in
-einer Zeit so schnellen Wachsens der Erfahrungen, wie die unsrige, haben
-wir doppelt die Verpflichtung, unsere Kenntniss der Gesammtheit der
-Fachgenossen zugänglich zu machen. Wir wollen die Reform, und nicht die
-Revolution. Wir wollen das Alte conserviren und das Neue hinzufügen.
-Aber den Zeitgenossen trübt sich das Bild dieser Thätigkeit. Denn nur zu
-leicht gewinnt es den Anschein, als würde eben nur ein buntes
-Durcheinander von Altem und Neuem gewonnen, und die Nothwendigkeit, die
-falschen oder ausschliessenden Lehren der Neueren mehr als die der Alten
-zu bekämpfen, erzeugt den Eindruck einer mehr revolutionären, als
-reformatorischen Einwirkung. Es ist freilich bequemer, sich auf die
-Forschung und die Wiedergabe des Gefundenen zu beschränken und Anderen
-die »Verwerthung« zu überlassen, aber die Erfahrung lehrt, dass dies
-überaus gefährlich ist und zuletzt nur denjenigen zum Vortheil
-ausschlägt, deren Gewissen am wenigsten zartfühlend ist. Uebernehmen wir
-daher jeder selbst die Vermittelung zwischen der Erfahrung und der
-Lehre.
-
-Die Vorlesungen, welche ich hier mit der Absicht einer solchen
-Vermittelung veröffentliche, haben so ausdauernde Zuhörer gefunden, dass
-sie vielleicht auch nachsichtige Leser erwarten dürfen. Wie sehr sie der
-Nachsicht bedürfen, fühle ich selbst sehr lebhaft. Jede Art von freiem
-Vortrage kann nur dem wirklichen Zuhörer genügen. Zumal dann, wenn der
-Vortrag wesentlich darauf berechnet ist, als Erläuterung für
-Tafel-Zeichnungen und Demonstrationen zu dienen, muss er nothwendig dem
-Leser ungleichmässig und lückenhaft erscheinen. Die Absicht, eine
-gedrängte Uebersicht zu liefern, schliesst an sich eine speciellere,
-durch ausreichende Citate unterstützte Beweisführung mehr oder weniger
-aus und die Person des Vortragenden wird mehr in den Vordergrund treten,
-da er die Aufgabe hat, gerade seinen Standpunkt deutlich zu machen.
-
-Möge man daher das Gegebene für nicht mehr nehmen, als es sein soll.
-Diejenigen, welche Musse genug gefunden haben, sich in der laufenden
-Kenntniss der neueren Arbeiten zu erhalten, werden wenig Neues darin
-finden. Die Anderen werden durch das Lesen nicht der Mühe überhoben
-sein, in den histologischen, physiologischen und pathologischen
-Specialwerken die hier nur ganz kurz behandelten Gegenstände genauer
-studiren zu müssen. Aber sie werden wenigstens eine Uebersicht der für
-die cellulare Theorie wichtigsten Entdeckungen gewinnen und mit
-Leichtigkeit das genauere Studium des Einzelnen an die hier im
-Zusammenhange gegebene Darstellung anknüpfen können. Vielleicht wird
-gerade diese Darstellung einen unmittelbaren Anreiz für ein solches
-genaueres Studium abgeben, und schon dann wird sie genug geleistet
-haben.
-
-Meine Zeit reicht nicht aus, um mir die schriftliche Ausarbeitung eines
-solchen Werkes möglich zu machen. Ich habe mich deshalb genöthigt
-gesehen, die Vorlesungen, wie sie gehalten wurden, stenographiren zu
-lassen und mit leichten Aenderungen zu redigiren. Herr Cand. med.
-=Langenhaun= hat mit grosser Sorgfalt die stenographische Arbeit
-besorgt. Soweit es sich bei der Kürze der Zeit thun liess, und soweit
-der Text ohne dieselben für Ungeübte nicht verständlich sein würde, habe
-ich nach den Tafel-Zeichnungen und besonders nach den vorgelegten
-Präparaten Holzschnitte anfertigen lassen. Vollständigkeit liess sich in
-dieser Beziehung nicht erreichen, da schon so die Veröffentlichung durch
-die Anfertigung der Holzschnitte um Monate verzögert worden ist.
-
- =Misdroy=, am 20. August 1858.
-
-
-
-
- Vorrede zur zweiten Auflage.
-
-
-Der vorliegende Versuch, meine von den hergebrachten abweichenden
-Erfahrungen dem grösseren Kreise der Aerzte im Zusammenhange
-vorzuführen, hat einen unerwarteten Erfolg gehabt: er hat viele Freunde
-und lebhafte Gegner gefunden. Beides ist gewiss sehr erwünscht, denn die
-Freunde werden in diesem Buche keinen Abschluss, kein System, kein Dogma
-finden, und die Gegner werden genöthigt sein, endlich einmal die Phrasen
-aufzugeben und sich an die Sachen selbst zu machen. Beides kann nur zur
-Bewegung, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen.
-
-Allein Beides hat doch auch seine niederschlagende Seite. Wenn man ein
-Decennium hindurch mit allem Eifer gearbeitet und die Ergebnisse seiner
-Forschungen dem Urtheile der Mitwelt vorgelegt hat, so stellt man sich
-nur zu leicht vor, dass mehr davon, dass vielleicht der grössere und
-wesentliche Theil allgemeiner bekannt sein könne. Dies war, wie die
-Erfahrung gelehrt hat, bei meinen Arbeiten nicht der Fall. Einer meiner
-Kritiker erklärt es aus der Breite meiner Beweisführungen. Mag es sein,
-allein dann hätte ich vielleicht erwarten dürfen, dass andere Kritiker
-die Beweise, welche sie hier nicht in ausreichender Weise fanden, in den
-Originalarbeiten aufgesucht hätten. Denn ausdrücklich hatte ich schon
-das erste Mal hervorgehoben, dass diejenigen, welche sich in der
-laufenden Kenntniss der neueren Arbeiten erhalten hätten, hier wenig
-Neues finden würden.
-
-In der neuen Ausgabe habe ich mich darauf beschränkt, den Ausdruck zu
-verbessern, Missverständliches schärfer zu fassen, Wiederholungen zu
-unterdrücken. Gewiss bleibt auch so noch sehr Vieles der Verbesserung
-bedürftig, aber es schien mir, dass dem Ganzen der frischere Eindruck
-der mündlichen Rede und des freien Gedankenganges möglichst erhalten
-bleiben müsse, wenn es noch weiterhin als ein wirksames Ferment für die
-an sich so verschiedenartigen Richtungen des medicinischen Lebens und
-Wirkens dienen sollte. Denn das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben,
-wenn es Propaganda, nicht für die Cellular-Pathologie, sondern nur
-überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in grossen Kreisen machen
-hilft.
-
- =Berlin=, am 7. Juni 1859.
-
-
-
-
- Vorrede zur dritten Auflage.
-
-
-Die neue Auflage, welche hiermit vor das Publikum tritt, hat wesentliche
-Umgestaltungen erfahren müssen. Der Verfasser hat sich genöthigt
-gesehen, die Form der Vorlesungen ganz aufzugeben, weil sie ihn
-hinderte, wesentliche Veränderungen, insbesondere Neuerungen in den Text
-zu bringen. Solche Aenderungen waren aber vielfach nothwendig. Denn die
-Wissenschaft, insbesondere die deutsche, ist in den drei Jahren seit dem
-Erscheinen der ersten Auflage rüstig vorwärts geschritten, und wenn sie
-auch an den Grundanschauungen und Hauptlehrsätzen, welche hier dargelegt
-wurden, nichts geändert hat, so gestattete sie doch an vielen Punkten
-ein ungleich tieferes Eingehen.
-
-Aber die weitere Entfernung von dem Ausgangspunkte gestattet auch eine
-freiere Uebersicht. Vieles hatte, wie es bei freien Vorträgen nur zu
-leicht geschieht, nur losen Zusammenhang; Anderes war, wie es die
-Demonstration bestimmter Präparate mit sich brachte, geradezu zerrissen.
-Dies ist dem Verfasser insbesondere bei der Durchsicht der inzwischen
-erschienenen englischen und französischen Uebersetzungen entgegen
-getreten, und er hat sich daher bemüht, durch schärferen Ausdruck, durch
-Umstellung des alten und Hinzufügung neuen Stoffes das Verständniss zu
-sichern. Deswegen sind auch noch einige neue Holzschnitte beigegeben.
-
-Freilich war es nicht möglich, überall das Einzelne der Beweisführung zu
-liefern. Früher hatte der Verfasser darauf hingewiesen, dass diese
-Beweisführung in seinen Specialarbeiten zu suchen sei, aber Wenige haben
-darauf gehört, im Gegentheil haben Manche Prioritäts-Anklagen gegen den
-Verfasser erhoben, gleich als ob er seine Lehrsätze in diesem Werke zum
-ersten Male aufgestellt hätte. Es ist daher nöthig geworden, an den
-betreffenden Stellen die Citate der früheren Arbeiten anzugeben. Wenn
-der Verfasser sich dabei darauf beschränkt hat, fast nur seine eigenen
-Arbeiten zu citiren, so glaubt er sich damit verantworten zu können,
-dass es ganz unmöglich gewesen sein würde, alle Belegstellen oder Werke
-zu citiren, auf welche sich seine Anschauungen stützen, dass aber
-diejenigen Leser, welche die citirten Stellen nachsehen wollen, an
-denselben in der Regel die einschlagenden Leistungen auch der anderen
-Untersucher gewissenhaft vorgetragen finden werden.
-
-Bei dem Zusammenstellen dieser Citate ist der Verfasser noch mehr, als
-er dies schon früher hervorhob, von der Thatsache durchdrungen worden,
-dass der grosse Erfolg des vorliegenden Werkes nur der leichten Form und
-nicht dem Inhalte zu danken ist. Denn in der That findet sich alles
-Wesentliche schon in seinen früheren Arbeiten ausgesprochen, ja es ist
-dort zum Theil weit klarer und schärfer ausgedrückt. Aber nur Wenige
-haben davon Kenntniss genommen, und Mancher nur zu dem Zweck, um es als
-sein Eigenthum zu verwerthen. Das kurzgefasste Büchlein aber ist in der
-kürzesten Frist in fünf Sprachen übersetzt worden; es hat einer grossen
-Zahl von Lesern, wie ich aus dem Munde Vieler weiss, eine dauernde
-Anregung gegeben, und so möge in der Freude darüber der Schmerz
-vergessen sein, dass eine strengere Form der Darstellung noch jetzt eine
-so geringe Theilnahme findet. Hoffentlich wird dieser Mangel durch die
-jetzige Auflage nicht befördert werden.
-
- =Dürkheim=, am 26. September 1861.
-
- $Rud. Virchow.$
-
-
-
-
- Uebersicht der Holzschnitte.
-
-
- Seite
-
- Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum
- tuberosum 5
- " 2. Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 7
- " 3. Knorpelzellen vom Ossificationsrande wachsender
- Knorpel 8
- " 4. Verschiedene Arten von Zellen und Zellgebilden. _a_
- Leberzellen, _b_ Bindegewebskörperchen, _c_
- Capillargefäss, _d_ Sternzelle aus einer Lymphdrüse,
- _e_ Ganglienzellen aus dem Kleinhirn 10
- " 5. Freie Pflanzenzellenbildung nach =Schleiden= 11
- " 6. Pigmentzelle (Auge), glatte Muskelzelle (Darm), Stück
- einer doppeltcontourirten Nervenfaser 14
- " 7. Junge Eierstockseier vom Frosch 15
- " 8. Zellen aus katarrhalischem Sputum (Eiter- und
- Schleimkörperchen, Pigmentzelle) 15
- " 9. Epiphysenknorpel vom Oberarm eines Kindes 18
- " 10. Zellenterritorien 19
- " 11. Schema der Globulartheorie 23
- " 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie 23
- " 13. Längsschnitt durch einen jungen Trieb von Syringa 25
- " 14. Pathologische Knorpelwucherung aus Rippenknorpel 26
- " 15. Cylinderepithel der Gallenblase 30
- " 16. Uebergangsepithel der Harnblase 30
- " 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der Haut der
- Zehe (Epidermis, Rete Malpighii, Papillen) 32
- " 18. Schematische Darstellung eines Längsdurchschnittes
- vom Nagel unter normalen und pathologischen
- Verhältnissen 35
- " 19. _A_ Entwickelung der Schweissdrüsen. _B_ Stück eines
- Schweissdrüsenkanals 38
- " 20. _A_ Bündel des gewöhnlichen Bindegewebes, _B_
- Bindegewebs-Entwickelung nach dem Schema von
- =Schwann=. _C_ Bindegewebs-Entwickelung nach dem
- Schema von =Henle= 40
- " 21. Junges Bindegewebe vom Schweinsembryo 42
- " 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung 43
- " 23. Durchschnitt durch den wachsenden Knorpel der Patella 45
- " 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen Knochen
- der Dura mater cerebralis 48
- " 25. Muskelprimitivbündel unter verschiedenen
- Verhältnissen 51
- " 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer Puerpera 54
- " 27. Glatte Muskeln aus der Harnblase 56
- " 28. Kleinere Arterie aus der Basis des Grosshirns 60
- " 29. Schematische Darstellung von Leberzellen. _A_
- Physiologische Anordnung. _B_ Hypertrophie. _C_
- Hyperplasie. 90
- " 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) aus
- einem Sarcoma fusocellulare der Rückenmarkshäute 94
- " 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des
- Unterkiefers 95
- " 32. Stück von der Peripherie der Leber eines Kaninchens,
- die Gefässe injicirt 103
- " 33. Injection der Capillaren der Rinde der Niere nach
- =Beer= 105
- " 34. Injection der Gefässe der Rinde des Kleinhirns 106
- " 35. Natürliche Injection der Gefässe des Corpus striatum
- eines Geisteskranken 107
- " 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des Magens 108
- " 37. Gefässe des Calcaneus-Knorpels vom Neugebornen 109
- " 38. Knochenschliff aus der compacten Substanz des Femur 110
- " 39. Knochenschliff (Querschnitt) 111
- " 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde einer
- sklerotischen Tibia 113
- " 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen (Osteom) der
- Arachnoides cerebralis 116
- " 42. Zahnschliff mit Dentin und Schmelz 117
- " 43. Längs- und Querschnitt aus der halbmondförmigen
- Bandscheibe des Kniegelenkes vom Kinde 119
- " 44. Querschnitt aus der Achillessehne des Erwachsenen 121
- " 45. Querschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines
- Neugebornen 122
- " 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines
- Neugebornen 123
- " 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen nach
- =His= 126
- " 48. Flächenschnitt der Hornhaut parallel der Oberfläche
- nach =His= 127
- " 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines fast
- ausgetragenen Kindes, injicirt 128
- " 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des Nabelstranges 129
- " 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des Nabelstranges 131
- " 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe
- des Bauches 133
- " 53. Injection der Hautgefässe, senkrechter Durchschnitt 137
- " 54. Schnitt aus der Tunica dartos 138
- " 55. _A_ Epithel von der Cruralarterie. _B_ Epithel von
- grösseren Venen 144
- " 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Extensoren 145
- " 57. Epithel der Nierengefässe. _A_ Flache Spindelzellen
- vom Neugebornen. _B_ Bandartige Epithelplatte vom
- Erwachsenen 148
- " 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner Gefässe aus
- der Schwimmhaut des Frosches nach Reizung (Copie nach
- =Wharton Jones=) 152
- " 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute 168
- " 60. Kernhaltige rothe Blutkörperchen von einem sechs
- Wochen alten menschlichen Fötus 171
- " 61. Rothe Blutkörperchen des Erwachsenen 172
- " 62. Hämatoidin-Krystalle 177
- " 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des Gehirns 178
- " 64. Häminkrystalle aus menschlichem Blute 179
- " 65. Farblose Blutkörperchen 182
- " 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser Leukocytose 183
- " 67. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie und ein Korn,
- aus dichtgedrängten farblosen Blutkörperchen
- bestehend, bei Leukocytose 184
- " 68. Capillarstrom in der Froschschwimmhaut 185
- " 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem
- hyperinotischem Blute 187
- " 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher
- Gekrösdrüsen 208
- " 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der
- Lymphdrüsen-Follikel 211
- " 72. Eiterkörperchen und Kerne derselben bei Gonorrhoe 219
- " 73. Eingedickter käsiger Eiter 220
- " 74. Eingedickter, zum Theil in Auflösung begriffener,
- hämorrhagischer Eiter aus Empyem 221
- " 75. In der Fettmetamorphose begriffener Eiter 222
- " 76. Durchschnitt durch die Rinde einer Axillardrüse bei
- Tättowirung der Haut des Arms 224
- " 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Arms, gefüllte
- Reticulum aus einer Axillardrüse 225
- " 78. Valvuläre Thrombose der Vena saphena 236
- " 79. Puriforme Detritusmassen aus erweichten Thromben.
- _A_ Körner des zerfallenden Fibrins. _B_ Die
- freiwerdenden, zum Theil in der Rückbildung
- begriffenen Blutkörperchen. _C_ In der Entfärbung
- begriffene und zerfallende Blutkörperchen 238
- " 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben der
- Cruralvenen-Aeste 243
- " 81. Embolie der Lungenarterie 245
- " 82. Ulceröse Endocarditis mitralis von einer Puerpera 246
- " 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der Milzarterie
- nach Endocarditis 247
- " 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen 264
- " 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus
- brachialis 273
- " 87. Graue und weisse Nervenfasern 274
- " 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges 276
- " 89. Tropfen von Markstoff: _A_ aus der Markscheide von
- Hirnnerven nach Aufquellung durch Wasser, _B_ aus
- zerfallendem Epithel der Gallenblase 277
- " 90. Breite und schmale Nervenfasern mit unregelmässiger
- Aufquellung des Markstoffes 279
- " 91. Vater'sches oder Pacini'sches Körperchen aus dem
- Unterhautgewebe der Fingerspitze 281
- " 92. Nerven- und Gefässpapillen der Haut der Fingerspitze.
- Tastkörperchen 283
- " 93. Grundstock eines spitzen Condyloms vom Penis mit
- Papillarwucherung 287
- " 94. _A_ Verticaldurchschnitt durch die ganze Dicke der
- Retina. _B_, _C_ (nach H. =Müller=) Isolirte
- Radiärfasern 290
- " 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser 295
- " 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom Kinde 297
- " 97. Elemente (Ganglienzellen und Nervenfasern) aus dem
- Ganglion Gasseri 301
- " 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen. _A_, _B_, _C_
- Aus dem Rückenmarke. _D_ Aus der Gehirnrinde 304
- " 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem Halstheile des
- Rückenmarkes 310
- " 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens in der
- Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach= 312
- " 101. Querdurchschnitt durch das Rückenmark von Petromyzon
- fluviatilis 314
- " 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des Petromyzon
- fluviatilis 315
- " 103. Ependyma ventriculorum mit Neuroglia. _ca_ Corpora
- amylacea. 318
- " 104. Zellige Elemente der Neuroglia 321
- " 105. Schematischer Durchschnitt des Rückenmarkes bei
- partieller grauer Atrophie 324
- " 106. Schema des Zustandes der Nerven-Molekeln, _A_ im
- ruhenden, _B_ im elektrotonischen Zustande nach
- =Ludwig= 339
- " 107, I. Automatische Zellen aus der Flüssigkeit einer
- Hydrocele lymphatica 354
- " 107, II. Automatische Zellen aus Enchondrom 355
- " 107, III. Dieselben Zellen mit stärkerer Verästelung der
- Fortsätze 356
- " 107, IV. Bewegliche Eiterkörperchen des Frosches nach
- v. =Recklinghausen= 357
- " 107. Gewundenes Harnkanälchen aus der Rinde der Niere bei
- Morbus Brightii 372
- " 108. Parenchymatöse Keratitis 377
- " 109. Parenchymatöse Keratitis 379
- " 110. Kerntheilung in den Elementen einer melanotischen
- Geschwulst der Parotis 382
- " 111. Markzellen des Knochens nach =Kölliker= 383
- " 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln im Umfange
- einer Krebsgeschwulst 385
- " 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden
- Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes
- (Längsschnitt) 387
- " 113, II. Proliferation eines Myxosarkoms des Oberkiefers 389
- " 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das
- gewöhnliche Unterhautgewebe mit Fettzellen, _B_
- Atrophisches Fett 406
- " 115. Interstitielle Fettwucherung der Muskeln 407
- " 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale
- Darmzotten, _B_ Zotten im Zustande der Contraction.
- _C_ Menschliche Darmzotten während der
- Chylusresorption, _D_ bei Chylusretention 410
- " 117. Die aneinanderstossenden Hälften zweier Leberacini
- (Zonen der Fett-, Amyloid- und Pigmentinfiltration) 415
- " 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren Haut 418
- " 119. Milchdrüse in der Lactation, Milch, Colostrum 419
- " 120. Corpus luteum aus dem menschlichen Eierstock 424
- " 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in verschiedenen
- Stadien 427
- " 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_
- Fettmetamorphose der Muskelzellen in der
- Ringfaserhaut. _B_ Bildung von Fettkörnchenzellen
- in den Bindegewebskörperchen der Intima 429
- " 123. Geschichtete amylacische Körper der Prostata
- (Concretionen) 436
- " 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie aus der
- Submucosa des Dünndarms 441
- " 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse 448
- " 126. Corpora amyloidea aus einer erkrankten Lymphdrüse 448
- " 127. Verkalkung der Gelenkknorpel alter Leute 454
- " 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer
- sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms
- fortschreitenden Stelle 464
- " 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde. _aa_'
- Flüssiges Fett, _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen,
- _cc_' Cholestearinkrystalle 466
- " 130. Verticaler Durchschnitt aus einer sklerotischen, sich
- fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (innere
- Haut) 467
- " 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula mitralis 471
- " 132. Intracapsuläre Zellenvermehrung in der mittleren
- Substanz der Intervertebralknorpel 487
- " 133. Endogene Neubildung, blasentragende Zellen
- (Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines
- Neugebornen. _B C_ Krebszellen 489
- " 134. Verticalschnitt durch den Ossificationsrand eines
- wachsenden Astragalus (pathologische Reizung) 501
- " 135-36. Horizontalschnitte durch den wachsenden
- Diaphysenknorpel der Tibia, menschlicher Fötus von
- 7 Monaten 504
- " 137-38. Rachitische Diaphysenknorpel: markige und osteoide
- Umbildung, Verkalkung und Verknöcherung 507-9
- " 139. Periostwachsthum der Schädelknochen (Os parietale,
- Kind) 513
- " 140-41. Osteoidchondrom vom Kiefer einer Ziege 515-16
- " 142. In der Heilung begriffene Fractur des Oberarms,
- Callusbildung 519
- " 143. Demarkationsrand eines nekrotischen Knochenstückes
- bei Paedarthrocace, Knochenterritorien 521
- " 144. Interstitielle Eiterbildung bei puerperaler
- Muskelentzündung 530
- " 145. Eiterige Granulation aus dem Unterhautgewebe des
- Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens 536
- " 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei Carcinoma
- mammae 539
- " 147. Beginnendes Blumenkohlgewächs (Cancroid) des Collum
- uteri 554
- " 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in der
- Pleura 559
- " 149. Krebszellen 566
- " 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der Unterlippe
- mit Epidermis-Perlen 568
- " 151. Cancroid der Orbita 569
- " 152. Sarcoma mammae 572
-
-
-
-
- Erstes Capitel.
-
- Die Zelle und die cellulare Theorie.
-
-
- Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen in
- der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie auf
- die Pathologie.
-
- Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers.
- Genauere Bestimmung der Zelle. Die Pflanzenzelle: Membran, Inhalt
- (Protoplasma), Kern. Die thierische Zelle: die eingekapselte
- (Knorpel) und die einfache. Der Zellenkern (Nucleus). Das
- Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie der Zellenbildung aus
- freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und Bedeutung desselben für
- die Erhaltung der lebenden Elemente. Der Zellkörper und das
- Protoplasma. Verschiedenartigkeit des Zelleninhalts und Bedeutung
- desselben für die Function der Theile. Die Zellen als vitale
- Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper als sociale
- Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die Zellenterritorien.
-
- Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral- und
- Solidarpathologie.
-
- Falsche Elementartheile: Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen).
- Entstehung der Zellen. Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der
- Zellen. Das Gesetz von der continuirlichen Entwickelung (Omnis
- cellula e cellula). Pflanzen- und Knorpelwachsthum.
-
-Wir befinden uns inmitten einer grossen Reform der Medicin. Zum ersten
-Male seit Jahrtausenden ist in unserer Zeit das gesammte Gebiet dieser
-so umfangreichen Wissenschaft der naturwissenschaftlichen Forschung
-unterworfen worden. Lehrsätze, welche zu den ältesten Ueberlieferungen
-der Menschheit gehören, werden der Feuerprobe nicht bloss der Erfahrung,
-sondern noch mehr des Versuches ausgesetzt. Für die Erfahrung werden
-Beweise, für den Versuch zuverlässige Methoden gefordert. Ueberall
-dringt die Forschung auf die feinsten, den menschlichen Sinnen
-zugänglichen Verhältnisse; die Erkenntniss geht in zahllose Einzelheiten
-aus einander, welche das Bewusstsein von der einheitlichen Natur des
-menschlichen Wesens stören und welche Vielen mehr geeignet zu sein
-scheinen, einen Schmuck des Wissens, als eine Handhabe des Handelns
-darzustellen. Am meisten wird der ausübende Arzt bedrängt. Er, dem die
-Praxis kaum die Musse des Lesens vergönnt, dem sowohl die ausreichenden
-literarischen Hülfsmittel, als die Anschauung der neueren Erfahrungen
-nur zu oft abgehen, er findet sich verwirrt in einem Chaos, in welchem
-die Trümmer des Alten mit den Bausteinen des Neuen bunt durch einander
-geworfen zu sein scheinen.
-
-Und doch ist das Chaos nur scheinbar. Es besteht nur für den, welcher
-die Thatsachen nicht beherrscht, auf welchen die neue Anschauung sich
-begründet. Für den Eingeweihten lässt sich wohl eine Ordnung herstellen,
-welche sowohl dem praktischen, als dem wissenschaftlichen Bedürfnisse
-genügt, eine Ordnung, welche freilich weit davon entfernt ist, ein in
-sich abgeschlossenes System zu bilden, welche aber von einem allgemeinen
-biologischen Principe aus die Einzelerfahrungen nach ihrem besonderen
-Werthe und nach ihren Beziehungen unter einander in einen
-wissenschaftlichen Zusammenhang zu setzen vermag. Diess ist das
-=cellulare Princip=, welches in seiner Anwendung auf den
-zusammengesetzten, lebenden Körper uns zu einer =Cellular-Physiologie=
-und zu einer =Cellular-Pathologie= führt, welches aber in jeder dieser
-beiden Richtungen zunächst auf einer Anatomie des feinsten Einzelnen,
-auf der Histologie beruht.
-
-In der That ist die gegenwärtige Reform wesentlich ausgegangen von neuen
-anatomischen Erfahrungen. Freilich waren es zumeist Erfahrungen der
-pathologischen Anatomie, welche die alten Lehrgebäude erschütterten, und
-noch jetzt scheint es Vielen, als sei damit genug gethan und als habe
-die Histologie nur die Bedeutung einer Luxuswissenschaft. Jeder Blick in
-die Vergangenheit zeigt uns aber, wie unrichtig es ist, wenn man glauben
-kann, der Einfluss der Anatomie auf die Medicin sei nur ein äußerlicher,
-ihr Werth ein mehr relativer. Die Geschichte der Medicin lehrt uns ja,
-wenn wir nur einen einigermaassen grösseren Ueberblick nehmen, dass zu
-allen Zeiten die bleibenden Fortschritte bezeichnet worden sind durch
-anatomische Neuerungen, dass jede grössere Epoche zunächst eingeleitet
-wurde durch eine Reihe bedeutender Entdeckungen über den Bau und die
-Einrichtung des Körpers. So ist es in der alten Zeit gewesen, als die
-Erfahrungen der Alexandriner, zum ersten Male von der Anatomie des
-Menschen ausgehend, das galenische System vorbereiteten; so im
-Mittelalter, als =Vesal= die moderne Anatomie begründete und damit die
-Reform der Medicin begann; so endlich im Anfange unseres Jahrhunderts,
-als =Bichat= die Grundsätze der allgemeinen Anatomie entwickelte.
-
-Wenn man den ausserordentlichen Einfluss erwägt, welchen seiner Zeit
-=Bichat= auf die Gestaltung der ärztlichen Anschauungen ausgeübt hat, so
-ist es in der That erstaunlich zu sehen, dass eine verhältnissmässig so
-lange Zeit vergangen ist, seitdem =Schwann= seine grossen Entdeckungen
-in der Histologie machte, ohne dass man die eigentliche Breite der neuen
-Thatsachen würdigte. Es hat dies allerdings zum Theil trotz dieser
-Entdeckungen daran gelegen, dass immer noch eine grosse Unsicherheit
-unserer Kenntnisse über die feinere Einrichtung vieler Gewebe
-fortbestanden hat, ja, wie wir leider zugestehen müssen, in manchen
-Theilen der Histologie selbst jetzt noch in solchem Maasse herrscht,
-dass Mancher kaum weiss, für welche Ansicht er sich entscheiden soll.
-Jeder Tag bringt neue Aufschlüsse, aber auch neue Zweifel über die
-Zuverlässigkeit eben erst veröffentlichter Entdeckungen. Ist denn
-überhaupt, fragt Mancher, in der Histologie etwas sicher? Giebt es einen
-Punkt, in dem Alle übereinstimmen? Vielleicht nicht. Aber gerade um
-deswegen habe ich in den Vorträgen im Anfange des Jahres 1858, welche
-vor einem grossen Kreise von Collegen, zunächst als Erläuterung
-unmittelbarer Demonstrationen, als Erklärung bestimmter, für die
-Ueberzeugung der Einzelnen durch eigene Anschauung und Prüfung
-eingerichteter Beweisstücke gehalten wurden und welche der gegenwärtigen
-Darstellung zu Grunde liegen, mich für verpflichtet erachtet, eine kurze
-und leicht fassliche Uebersicht desjenigen, was ich durch langjährige,
-gewissenhafte Untersuchung für wahr zu halten mich berechtigt glaubte,
-auch dem weiteren Kreise der Aerzte zugänglich zu machen. Manches
-Einzelne ist seitdem berichtigt, manches Andere neu entdeckt worden; die
-gegenwärtige Bearbeitung wird davon Zeugniss ablegen. Aber das Princip
-der Anschauung, welches ich für das gesammte Gebiet der Physiologie und
-Pathologie zu benutzen gelehrt habe und dessen erste schüchterne
-Ausführung in einer Arbeit des Jahres 1852[1] niedergelegt ist, darf
-gegenwärtig als gesichert angesehen werden, und für denjenigen, welcher
-daran festhält, wird es auch künftig nicht schwer werden, neue
-Ergebnisse des Forschens an der richtigen Stelle aufzunehmen, ohne dass
-er deshalb genöthigt wäre, die obersten Sätze aufzugeben, welche hier
-über die allgemeinen Grundlagen der Lebensthätigkeiten aufgestellt
-werden.
-
- [1] Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. Archiv für pathol.
- Anatomie, Phys. u. klin. Med. Bd. IV. S. 375.
-
-Alle Versuche der früheren Zeit, ein solches einheitliches Princip zu
-finden, sind daran gescheitert, dass man zu keiner Klarheit darüber zu
-gelangen wusste, von welchen Theilen des lebenden Körpers eigentlich die
-Action ausgehe und was das Thätige sei. Dieses ist die Cardinalfrage
-aller Physiologie und Pathologie. Ich habe sie beantwortet durch den
-Hinweis auf =die Zelle als auf die wahrhafte organische Einheit=. Indem
-ich daher die Histologie, als die Lehre von der Zelle und den daraus
-hervorgehenden Geweben, in eine unauflösliche Verbindung mit der
-Physiologie und Pathologie setzte, forderte ich vor Allem die
-Anerkennung, dass =die Zelle wirklich das letzte Form-Element aller
-lebendigen Erscheinung sowohl im Gesunden, als im Kranken sei, von
-welcher alle Thätigkeit des Lebens ausgehe=. Manchem erscheint es
-vielleicht nicht gerechtfertigt, wenn in dieser Weise das Leben als
-etwas ganz Besonderes anerkannt wird, ja, es wird vielleicht Vielen wie
-eine Art biologischer Mystik vorkommen, wenn das Leben überhaupt aus dem
-grossen Ganzen der Naturvorgänge getrennt und nicht sofort ganz und gar
-in Chemie und Physik aufgelöst wird. In der Folge dieser Vorträge wird
-sich jedermann davon überzeugen, dass man kaum mehr mechanisch denken
-kann, als ich es zu thun pflege, wo es sich darum handelt, die Vorgänge
-innerhalb der letzten Formelemente zu deuten. Aber wie viel auch von dem
-Stoffverkehr, der innerhalb der Zelle geschieht, nur an einzelne
-Bestandtheile derselben geknüpft sein mag, immerhin ist die Zelle =der
-Sitz der Thätigkeit=, das Elementargebiet, von welchem die Art der
-Thätigkeit abhängt, und sie behält nur so lange ihre Bedeutung als
-lebendes Element, als sie wirklich ein unversehrtes Ganzes darstellt.
-
-Nicht am seltensten ist gegen diese Auffassung der Einwand erhoben
-worden, man sei nicht einmal einig darüber, was eigentlich unter einer
-Zelle zu verstehen sei. Dieser Einwand ist insofern unerheblich, als der
-Streit nicht um die Existenz der Zellen, sondern nur um ihre Deutung
-geführt wird. Im Wesentlichen weiss jedermann, welche thatsächlich
-existirenden Körper gemeint sind; ob der Eine sie so, der Andere sie
-anders interpretirt, ist eine Frage zweiter Ordnung, deren Beantwortung
-den Werth des Princips nicht berührt. Um so grössere Bedeutung hat sie
-für die Erörterung der Einzelvorgänge, und es ist gewiss zu bedauern,
-dass nicht schon lange eine Einigung erzielt ist. Die Schwierigkeiten,
-auf welche wir hier stossen, datiren unmittelbar von der ersten
-Begründung der Zellenlehre. =Schwann=, der auf den Schultern des
-Botanikers =Schleiden= stand, deutete seine Beobachtungen nach
-botanischen Mustern, und so kam es, dass alle Lehrsätze der
-Pflanzen-Physiologie mehr oder weniger entscheidend wurden für die
-Physiologie der thierischen Körper. Die Pflanzenzelle in dem Sinne, wie
-man sie zu jener Zeit ganz allgemein fasste und wie sie auch gegenwärtig
-häufig noch gefasst wird, ist aber ein Gebilde, dessen Identität mit
-dem, was wir thierische Zelle nennen, nicht ohne weiteres zugestanden
-werden kann.
-
-[Illustration: =Fig=. 1. Pflanzenzellen aus dem Centrum des jungen
-Triebes eines Knollens von Solanum tuberosum. _a_. Die gewöhnliche
-Erscheinung des regelmässig polygonalen, dickwandigen Zellengewebes.
-_b_. Eine isolirte Zelle mit feinkörnigem Aussehen der Höhlung, in der
-ein Kern mit Kernkörperchen zu sehen ist. _c_. Dieselbe Zelle, nach
-Einwirkung von Wasser; der Inhalt (Protoplasma) hat sich von der Wand
-(Membran, Capsel) zurückgezogen. An seinem Umfange ist eine besondere
-feine Haut (Primordialschlauch) zum Vorschein gekommen. _d_. Dieselbe
-Zelle bei längerer Einwirkung von Wasser; die innere Zelle (Protoplasma
-mit Primordialschlauch und Kern) hat sich ganz zusammengezogen und ist
-nur durch feine, zum Theil ästige Fäden mit der Zellhaut (Capsel) in
-Verbindung geblieben.]
-
-Wenn man von gewöhnlichem Pflanzenzellgewebe spricht, so meint man in
-der Regel damit ein Gewebe, das in seiner einfachsten und
-regelmässigsten Form auf einem Durchschnitt aus lauter vier- oder
-sechseckigen, wenn es etwas loser ist, aus rundlichen oder polygonalen
-Körpern zusammengesetzt erscheint. An jedem dieser Körper (Fig. 1, _a_.)
-unterscheidet man eine ziemlich dicke und derbe Wand (=Membran=) und
-eine innere Höhlung. In der Höhlung können je nach Umständen,
-insbesondere je nach der Natur der einzelnen Zellen, sehr verschiedene
-Stoffe abgelagert sein, z. B. Fett, Stärke, Pigment, Eiweiss
-(=Zelleninhalt=). Aber auch ganz abgesehen von diesen örtlichen
-Verschiedenheiten des Inhaltes, ist die chemische Untersuchung im
-Stande, an jeder Pflanzenzelle mehrere verschiedene Stoffe nachzuweisen.
-
-Die Substanz, welche die äussere Membran bildet, die sogenannte
-=Cellulose=, ist stickstofflos, und characterisirt sich durch die
-eigenthümliche, schön blaue Färbung, welche sie bei Einwirkung von Jod
-und Schwefelsäure annimmt. (Jod allein giebt keine Färbung,
-Schwefelsäure für sich verkohlt.) Dasjenige, was in der von der
-Cellulose-Haut umschlossenen Höhle liegt, wird nicht blau, es müsste
-denn zufällig Stärke (Amylon) vorhanden sein, welche schon durch Jod
-allein blau gefärbt wird. Ist die Pflanzenzelle recht einfach, so
-erscheint vielmehr nach der Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine
-bräunliche oder gelbliche Masse, die sich als besonderer Körper im
-Innern des Zellenraumes isolirt und an der sich häufig eine besondere
-faltige, häufig geschrumpfte Umhüllungs-Haut erkennen lässt (Fig. 1,
-_c_.). =Hugo= v. =Mohl=, der zuerst (1844-46) diese innere Einrichtung
-genauer beschrieben hat, nannte jene Masse das =Protoplasma=, die
-Umhüllungs-Haut den =Primordialschlauch= (Utriculus primordialis). Auch
-die gröbere chemische Analyse zeigt an den einfachsten Zellen neben der
-stickstofflosen äusseren Substanz eine stickstoffhaltige innere Masse,
-und es lag daher nahe, zu schliessen, dass das eigentliche Wesen einer
-Pflanzenzelle darin beruhe, dass innerhalb einer stickstofflosen Membran
-ein von ihr differenter stickstoffhaltiger Inhalt vorhanden sei.
-
-Man wusste freilich schon seit längerer Zeit, dass noch andere Dinge
-sich im Innern der Zellen befinden. Insbesondere war es eine der am
-meisten folgenreichen Entdeckungen, als =Rob=. =Brown= den =Kern=
-(Nucleus) innerhalb der Pflanzenzelle entdeckte (Fig. 1, _b_ u. _c_.).
-Unglücklicherweise legte man diesem Gebilde eine grössere Bedeutung für
-die Bildung, als für die Erhaltung der Zellen bei, weil in sehr vielen
-älteren Pflanzenzellen der Kern äusserst undeutlich wird, in vielen ganz
-verschwindet, während die Form der Zelle doch erhalten bleibt.
-
-Objecte zu gewinnen, welche das vollkommene Bild der Pflanzenzelle
-darbieten, ist nicht schwierig. Man nehme z. B. einen Kartoffelknollen
-und untersuche ihn da, wo er anfängt, einen neuen Schoss zu treiben, wo
-also die Wahrscheinlichkeit besteht, dass man junge Zellen finden wird,
-vorausgesetzt, dass Knospung überhaupt in der Bildung neuer Zellen
-besteht. Im Innern des Knollens sind alle Zellen mit Amylonkörnern
-vollgestopft; an dem jungen Schoss dagegen wird in dem Maasse, als er
-wächst, das Amylon aufgelöst und verbraucht, und die Zelle zeigt sich
-wieder in ihrer einfacheren Gestalt. Auf einem Querschnitte durch einen
-jungen Schössling nahe an seinem Austritte aus dem Knollen unterscheidet
-man etwa vier verschiedene Lagen: die Rindenschicht, dann eine Schicht
-grösserer Zellen, dann eine Schicht kleinerer Zellen, und zu innerst
-wieder eine Lage von grösseren. In dieser letzteren sieht man lauter
-regelmässige Gebilde; dicke Kapseln von sechseckiger Gestalt und im
-Innern derselben einen oder ein Paar Kerne (Fig. 1). Gegen die Rinde
-(Korkschicht) und ihre Matrix (Cambium) hin sind die Zellen viereckig
-und je weiter nach aussen, um so platter, aber auch in ihnen erkennt man
-bestimmt Kerne (Fig. 2, _a_.). Ueberall, wo die sogenannten Zellen
-zusammenstossen, ist zwischen ihnen eine Grenze zu erkennen; dann kommt
-die dicke Celluloseschicht, in welcher häufig feine Streifen
-(Ablagerungsschichten) zu bemerken sind, und im Innern der Höhle eine
-zusammengesetzte Masse, in welcher leicht ein Kern mit Kernkörperchen zu
-unterscheiden ist, und an der nach Anwendung von Reagentien auch der
-Primordialschlauch (Utriculus) als eine gefaltete, runzlige Haut zum
-Vorschein kommt. Es ist dies die vollendete, aber einfache Form der
-Pflanzenzelle. In den benachbarten Zellen liegen einzelne grössere, matt
-glänzende, geschichtete Körper: die Reste von Stärkemehl (Fig. 2, _c_.).
-
-[Illustration: =Fig=. 2. Aus der Rindenschicht eines Knollens von
-Solanum tuberosum nach Behandlung mit Jod und Schwefelsäure. _a_. Platte
-Rindenzellen, umgeben von der Kapsel (Zellhaut, Membran). _b_. Grössere,
-viereckige Zellen derselben Art aus dem Cambium; die geschrumpfte und
-gerunzelte eigentliche Zelle mit dem Primordialschlauch innerhalb der
-Kapsel. _c_. Zelle mit Amylonkörnern, welche innerhalb des
-Primordialschlauches liegen.]
-
-Mit solchen Erfahrungen kam man an die thierischen Gewebe, deren
-Uebereinstimmung mit den pflanzlichen =Schwann= nachzuweisen suchte. Die
-eben besprochene Deutung der gewöhnlichen pflanzlichen Zellenformen,
-wobei man jedoch den von Vielen geleugneten Primordialschlauch ganz
-unberücksichtigt zu lassen pflegte, diente als Ausgangspunkt. Dies ist
-aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, in gewissem Sinne irrig gewesen.
-Man kann die pflanzliche Zelle in ihrer Totalität nicht mit jeder
-thierischen zusammenstellen. Wir kennen an thierischen Zellen keine
-solchen Unterschiede zwischen stickstoffhaltigen und stickstofflosen
-Schichten; in allen wesentlichen, die Zelle constituirenden Theilen
-kommen auch stickstoffhaltige Stoffe vor. Aber es giebt allerdings
-gewisse Formelemente im thierischen Leibe, welche an diese pflanzlichen
-Zellen unmittelbar erinnern; die am meisten charakteristischen unter
-ihnen sind die Zellen im =Knorpel=, der seiner ganzen Erscheinung nach
-von den übrigen Geweben des thierischen Leibes so sehr abweicht, und der
-schon durch seine Gefässlosigkeit eine ganz besondere Stellung einnimmt.
-Der Knorpel schliesst sich in jeder Beziehung am nächsten an die Gewebe
-der Pflanze an. An einer recht entwickelten Knorpelzelle erkennen wir
-eine verhältnissmässig dicke äussere Schicht, innerhalb welcher, wenn
-wir recht genau zusehen, wiederum eine zarte Haut, ein Inhalt und ein
-Kern zu finden sind. Hier haben wir also ein Gebilde, das der
-Pflanzenzelle durchaus entspricht.
-
-[Illustration: =Fig=. 3. Knorpelzellen, wie sie am Ossificationsrande
-wachsender Knorpel vorkommen, ganz den Pflanzenzellen analog (vgl. die
-Erklärung zu Fig. 1). _a_-_c_. entwickeltere, _d_. jüngere Form.]
-
-Man hat daher auch lange Zeit hindurch, wenn man den Knorpel schilderte,
-das ganze eben beschriebene Gebilde (Fig. 3, _a_-_d_.) ein
-Knorpelkörperchen genannt. Indem man dasselbe aber den Zellen anderer
-thierischer Theile coordinirte, stiess man auf Schwierigkeiten, welche
-die Kenntniss des wahren Sachverhältnisses ungemein störten. Das
-Knorpelkörperchen ist nehmlich nicht als Ganzes eine Zelle, sondern die
-äussere Schicht, die von mir sogenannte =Capsel=[2], ist das Produkt
-einer späteren Entwickelung (Absonderung, Ausscheidung). Im jungen oder
-wenig entwickelten Knorpel ist sie sehr dünn, während auch die Zelle
-kleiner zu sein pflegt. Gehen wir noch weiter in der Entwickelung
-zurück, so treffen wir auch im Knorpel nichts als eine einfache Zelle,
-welche jene äussere Absonderungsschicht noch nicht besitzt, dasselbe
-Gebilde, welches auch sonst in thierischen Geweben vorkommt.
-
- [2] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1853. Bd. V. S. 419, Note.
-
-Die Vergleichung zwischen thierischen und pflanzlichen Zellen, die wir
-allerdings machen müssen, ist demnach insofern zu beschränken, als in
-den meisten thierischen Geweben keine Formelemente gefunden werden, die
-als Aequivalente der Pflanzenzelle in der alten Bedeutung dieses Wortes
-betrachtet werden können. Insbesondere entspricht die Cellulose-Membran
-der Pflanzenzelle nicht der thierischen Zellhaut. Aber bei einer anderen
-Deutung der Pflanzenzelle trifft die Vergleichung allerdings zu, nur
-muss man sofort davon abgehen, dass die thierische Zellhaut als
-stickstoffhaltig eine typische Verschiedenheit von der pflanzlichen als
-stickstoffloser darbiete. Vielmehr treffen wir in beiden Fällen eine
-stickstoffhaltige Bildung von im Grossen übereinstimmender
-Zusammensetzung. Wenn auch die sogenannte Membran (Capsel) der
-Pflanzenzelle in der Capsel der Knorpelzellen ein Analogon findet, so
-=entspricht doch vielmehr die gewöhnliche Membran der Thierzelle dem
-Primordialschlauch der (inneren) Pflanzenzelle=, wie ich schon 1847
-hervorgehoben habe[3]. Erst wenn man diesen Standpunkt festhält, wenn
-man von der Zelle Alles ablöst, was durch eine spätere Entwickelung
-äusserlich hinzugekommen ist, so gewinnt man das einfache, gleichartige,
-scheinbar monotone Gebilde, welches sich in allen lebendigen Organismen
-wiederholt. Aber gerade diese Constanz ist das beste Kriterium dafür,
-das wir in ihm das wirklich Elementare haben, dasjenige Gebilde, welches
-alles Lebendige charakterisirt, ohne dessen Präexistenz keine neuen
-lebendigen Formen entstehen und an welches Fortgang und Erhaltung des
-Lebens gebunden sind. Erst seitdem der Begriff der Zelle diese strenge
-Form bekommen hat, und ich bilde mir etwas darauf ein, trotz des
-Vorwurfes der Pedanterie stets daran festgehalten zu haben, erst seit
-dieser Zeit kann man sagen, dass eine einfache Form gewonnen ist, die
-wir überall wieder aufsuchen können, und die, wenn auch in Grösse,
-Gestalt und Ausstattung verschieden, doch in ihren wesentlichen
-Bestandtheilen immer gleichartig angelegt ist.
-
- [3] Archiv 1847. Bd. I. S. 218.
-
-Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck »Zelle«, welcher von den
-Cellulose-Capseln der Pflanzenzellen hergenommen ist, ein beträchtliches
-Stück seiner wirklichen Bedeutung verloren hat, seitdem er auf die mit
-zarten Primordialschläuchen oder Membranen umkleideten =Körper=
-übertragen ist, welche die neue Wissenschaft im Auge hat. Denn hier
-handelt es sich nicht sowohl um hohle Bläschen, bei denen die Membran
-gewissermassen die Hauptsache ist, sondern um, wenn auch weiche, so doch
-solide Körper, deren äussere Begrenzungsschicht eine grössere
-Dichtigkeit besitzt, als das Innere, ja bei denen es fraglich ist, ob
-überhaupt diese Begrenzungsschicht ein notwendiges Zubehör ist. Bevor
-wir jedoch diese Frage erörtern, wird es zweckmässig sein, die anderen
-Bestandtheile der Zelle zu betrachten.
-
-Zuerst erwarten wir, dass innerhalb der Zelle ein =Kern= sei. Von diesem
-Kerne, der in der Regel eine ovale oder runde Gestalt hat, wissen wir,
-dass er, zumal in jungen Elementen, eine grössere Resistenz gegen
-chemische Einwirkungen besitzt, als die äussereren Theile der Zelle, und
-dass er trotz der grössten Variabilität in der äusseren Gestalt der
-Zelle seine Gestalt im Allgemeinen behauptet. Der Kern ist demnach
-derjenige Theil der Zelle, der mit grösster Constanz in allen Formen
-fast unverändert wiederkehrt. Freilich giebt es einzelne Fälle, sowohl
-in der vergleichenden, als auch in der pathologischen Anatomie, wo auch
-der Kern zackig oder eckig erscheint, aber dies sind ganz seltene
-Ausnahmen, gebunden an besondere Veränderungen, welche das Element
-eingegangen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass, so lange es noch
-zu keinem Abschlusse des Zellenlebens gekommen ist, so lange die Zellen
-sich als lebenskräftige Elemente verhalten, die Kerne eine nahezu
-constante Form besitzen. Nur in den niedersten Pflanzen z. B. in den
-niedersten Pilzformen, ist es nicht möglich, einen Kern nachzuweisen.
-
-[Illustration: =Fig=. 4. _a_. Leberzelle. _b_. Spindelzelle des
-Bindegewebes. _c_. Capillargefäss. _d_. Grössere Sternzelle aus einer
-Lymphdrüse. _e_. Ganglienzelle aus dem Kleinhirn. Die Kerne überall
-gleichartig.]
-
-Der Kern seinerseits enthält bei entwickelten Elementen wiederum mit
-grosser Beständigkeit ein anderes Gebilde in sich, das sogenannte
-=Kernkörperchen= (Nucleolus). Man kann jedoch von demselben nicht sagen,
-dass es als ein notwendiges Desiderat der vitalen Form erscheine; in
-einer erheblichen Zahl von jungen Elementen ist es noch nicht gelungen,
-es zu sehen. Dagegen treffen wir es bei gut entwickelten, älteren Formen
-regelmässig, und es scheint daher eine höhere Ausbildung des Elementes
-anzuzeigen.
-
-Nach der Aufstellung, welche ursprünglich von =Schleiden= gemacht und
-von =Schwann= acceptirt wurde, dachte man sich lange Zeit das
-Verhältniss der drei genannten Zellentheile (Membran, Kern und
-Kernkörperchen) so, dass der Nucleolus bei der Bildung der Gewebe als
-das Erste aufträte, indem er sich aus einer Bildungsflüssigkeit
-(=Blastem=, =Cytoblastem=) ausscheide, dass er schnell eine gewisse
-Grösse erreiche, und dass sich dann um ihn kleine Körnchen aus dem
-Blastem niederschlügen, um die sich wiederum eine Membran verdichte.
-Damit wäre ein Nucleus fertig, um den sich allmählich wiederum neue
-Masse ansammele und, zuerst an einer Seite des Nucleus, eine feine
-Membran erzeuge (die berühmte Uhrglasform der Zellenmembran.
-Fig. 5, _d_'). Diese Darstellung der Bildung von Zellen aus freiem
-Blastem, wonach der Kern der Zelle voraufgehen und als eigentlicher
-Zellenbildner (=Cytoblast=) auftreten sollte, ist es, welche man
-gewöhnlich unter dem Namen der =Zellentheorie= (genauer Theorie der
-=freien= Zellenbildung) zusammenzufassen pflegte, -- eine Theorie,
-welche gegenwärtig vollständig verlassen ist, und für deren Richtigkeit
-keine Thatsache beigebracht werden kann.
-
-[Illustration: =Fig=. 5. Freie Zellenbildung nach =Schleiden=, Grundzüge
-der wiss. Botanik. I. Fig. 1. »Inhalt des Embryosackes von Vicia faba
-bald nach der Befruchtung. In der hellen, aus Gummi und Zucker
-bestehenden Flüssigkeit schwimmen Körnchen von Proteinverbindungen
-(_a_.), unter denen sich einzelne grössere auffallend auszeichnen. Um
-diese letzteren sieht man dann die ersteren zu einer kleinen Scheibe
-zusammengeballt (_b_. _c_.) Um andere Scheiben erkennt man einen hellen,
-scharf begrenzten Saum, der sich allmählich weiter von der Scheibe (dem
-Cytoblasten) entfernt und endlich deutlich als junge Zelle (_d_. _e_.)
-erkannt wird.«]
-
-Wir werden späterhin eine Reihe von Thatsachen der physiologischen und
-pathologischen Entwickelungsgeschichte besprechen, welche es in hohem
-Grade wahrscheinlich machen, dass der Kern allerdings eine
-außerordentlich wichtige Rolle innerhalb der Zelle spielt, eine Rolle,
-die, wie ich gleich hervorheben will, weniger auf die Function, die
-specifische Leistung der Elemente sich bezieht, als vielmehr auf die
-Erhaltung und Vermehrung der Elemente als lebendiger Theile. Die
-specifische (im engeren Sinne animalische) Function zeigt sich am
-deutlichsten am Muskel, am Nerven, an der Drüsenzelle, aber die
-besonderen Thätigkeiten der Contraction, der Sensation, der Secretion
-scheinen in keiner Weise unmittelbar mit den Kernen etwas zu thun zu
-haben. Dass dagegen inmitten aller Function das Element ein Element
-bleibt, dass es nicht vernichtet wird und zu Grunde geht unter der
-fortdauernden Thätigkeit, dies scheint wesentlich an die Existenz des
-Kerns gebunden zu sein. Alle diejenigen zelligen Bildungen, welche ihren
-Kern verlieren, sind hinfällig, sie gehen zu Grunde, sie verschwinden,
-sterben ab, lösen sich auf. Ein menschliches Blutkörperchen z. B. ist
-eine Zelle ohne Kern; es besitzt höchstens eine äussere Membran und
-einen rothen Inhalt, aber damit ist seine Zusammensetzung, soweit man
-sie erkennen kann, erschöpft, und was man vom Blutkörperchen-Kern beim
-Menschen erzählt hat, bezieht sich auf Täuschungen, welche allerdings
-sehr leicht und häufig hervorgebracht werden dadurch, dass kleine
-Unebenheiten an der Oberfläche entstehen (Fig. 61). Man würde daher
-nicht einmal behaupten können, dass Blutkörperchen Zellen seien, wenn
-man nicht wüsste, dass eine gewisse Zeit existirt, wo auch die
-menschlichen Blutkörperchen Kerne haben, nehmlich die Zeit innerhalb der
-ersten Monate des intrauterinen Lebens. Hier circuliren auch beim
-Menschen kernhaltige Blutkörperchen, wie man sie bei Fröschen, Vögeln,
-Fischen das ganze Leben hindurch sieht. Das ist bei Säugethieren auf
-eine gewisse Zeit der Entwickelung beschränkt; in der späteren Zeit
-besitzen die rothen Blutkörperchen nicht mehr die volle Zellennatur,
-vielmehr haben sie einen wichtigen Bestandtheil ihrer Zusammensetzung
-eingebüsst. Aber Alle sind auch darüber einig, dass gerade das Blut
-einer von jenen wechselnden Bestandtheilen des Körpers ist, deren
-Elemente keine Dauerhaftigkeit besitzen, vielmehr fort und fort zu
-Grunde gehen und ersetzt werden durch neue, die wiederum der Vernichtung
-bestimmt sind. Wie die obersten Epidermiszellen, in welchen wir auch
-keine Kerne finden, sobald sie sich abschilfern, haben die ersten
-Blutkörperchen schon ein Stadium ihrer Entwickelung erreicht, wo sie
-nicht mehr jener Dauerhaftigkeit der inneren Zusammensetzung bedürfen,
-als deren Bürgen wir den Kern betrachten müssen.
-
-Dagegen kennen wir, so vielfach auch gegenwärtig die Gewebe untersucht
-sind, keinen Theil, der wächst, der sich vermehrt, sei es physiologisch,
-sei es pathologisch, wo nicht kernhaltige Elemente als die
-Ausgangspunkte der inneren Veränderung nachweisbar wären, und wo nicht
-die ersten erkennbaren Veränderungen, welche auftreten, den Kern selbst
-betreffen, so dass wir aus seinem Verhalten oft bestimmen können, was
-möglicher Weise aus den Elementen geworden sein würde, wenn der Vorgang
-weiter fortgeschritten wäre.
-
-[Illustration: =Fig=. 6. _a_. Pigmentzelle aus der Chorioides
-oculi. _b_. Glatte Muskelzelle aus dem Darm. _c_. Stück einer
-doppeltcontourirten Nervenfaser mit Axencylinder, Markscheide und
-wandständigem, nucleolirtem Kern in der äusseren Scheide.]
-
-Längere Zeit hindurch verlangte man für die Definition einer Zelle nicht
-viel mehr, als die Membran, mochte sie nun rund oder zackig oder
-sternförmig sein, und den Kern, welcher von vorn herein eine andere
-chemische Beschaffenheit besitzt, als die Membran. Es ist indess damit
-lange nicht alles Wesentliche erschöpft. Denn die Zelle ist ausser dem
-Kern gefüllt mit einer verhältnissmässig grösseren oder kleineren Menge
-von =Inhaltsmasse=, und ebenso in der Regel der Kern seinerseits, in der
-Art, dass der Inhalt des Kerns wieder verschieden zu sein pflegt von dem
-Inhalte der Zelle. Innerhalb mancher Zellen sehen wir Pigment, ohne dass
-der Kern davon etwas enthielte (Fig. 6, _a_.). Innerhalb einer
-Muskelzelle wird contractile Substanz abgelagert, die Trägerin der
-Contractions-Kraft; der Kern bleibt Kern (Fig. 6, _b_.). Eine
-Nervenfaser kann um den Axencylinder Mark ausscheiden, aber der Kern
-bleibt ausserhalb, der Axencylinder innerhalb des Markes unversehrt
-(Fig. 6, _c_.). In der Mehrzahl der thierischen Zellen nimmt der
-sogenannte Inhalt den verhältnissmässig grössten Raum ein; er ist
-wenigstens quantitativ unzweifelhaft der Hauptbestandtheil dessen, was
-ich den =Zellkörper= nenne. Allein schon =Mohl= schrieb dem Inhalte der
-Pflanzenzellen auch qualitativ eine bedeutende Rolle zu, indem er darin
-eine besondere, eiweisshaltige Flüssigkeit von grossem functionellen
-Werthe, das von ihm sogenannte =Protoplasma=, annahm. In neuerer Zeit
-hat diese Auffassung auch bei den Untersuchern der thierischen Zellen
-immer mehr Anklang gefunden, so dass gegenwärtig von Vielen das
-Protoplasma oder was man früher allgemein den Zelleninhalt nannte, als
-der wichtigste und gewissermaassen essentielle Theil des ganzen Gebietes
-angesehen wird. Es stellt nach dieser Auffassung eine in allen Zellen,
-wenigstens allen noch lebenskräftigen, vorkommende Grundsubstanz dar, in
-welcher ausser dem Kern je nach besonderen Entwickelungsverhältnissen
-noch eine grössere Menge meist in körniger Form abgeschiedener Stoffe
-(Fett, Pigment, Glykogen u. s. w.) eingeschlossen sein können.
-
-Sieht man davon ab, dass nicht wenige Zellen um sich herum allerlei
-äussere Stoffe (=Intercellular=- oder =Extracellularsubstanz=) anhäufen,
-beziehungsweise abscheiden, so wird man nicht bezweifeln können, dass
-die besonderen (=specifischen=) Eigenthümlichkeiten, welche einzelne
-Zellen oder Zellengruppen an bestimmten Orten und unter besonderen
-Bedingungen erreichen, zu einem grossen Theile gebunden sind an
-wechselnde Eigenschaften des Zelleninhalts (=Intracellularsubstanz=) und
-dass hauptsächlich von diesen die functionelle (physiologische)
-Verschiedenheit der Gewebe abhängig ist. Diess darf uns jedoch nicht
-abhalten, daran festzuhalten, dass innerhalb der verschiedensten Gewebe
-jene Bestandtheile, welche die Zelle gewissermaassen in ihrer abstracten
-Form darstellen, Kern und Zellkörper, mit grosser Regelmässigkeit
-wiederkehren, und dass durch ihre Zusammenfügung ein einfaches Element
-gewonnen wird, welches durch die grosse Reihe der lebendigen
-pflanzlichen und thierischen Gestaltungen, so äusserlich verschieden sie
-auch sein mögen, so sehr die innere Zusammensetzung dem Wechsel
-unterworfen sein mag, eine ganz besondere Formbildung als bestimmte
-Grundlage der Lebenserscheinungen erkennen lässt.
-
-Betrachtet man z. B. die jüngsten Eierstockseier des Frosches, bevor die
-Abscheidung der Dotterkörner begonnen hat, so wird man nicht daran
-zweifeln können, dass man es mit wirklichen Zellen zu thun hat,
-wenngleich sie durch allmähliches Wachsthum eine colossale Grösse zu
-erreichen vermögen.
-
-[Illustration: =Fig=. 7. Junge Eierstockseier vom Frosch. _A_. Eine ganz
-junge Eizelle. _B_. Eine grössere. _C_. Eine noch grössere mit
-beginnender Abscheidung brauner Körnchen an dem einen Pol (_e_.) und mit
-äusserer Einfaltung der Zellmembran durch Eindringen von Wasser. _a_.
-Membran des Graaf'schen Follikels. _b_. Zellmembran. _c_. Kernmembran.
-_d_. Kernkörperchen. _S_. Eierstock. Vergröss. 150.]
-
-[Illustration: =Fig=. 8. Zellen aus frischem katarrhalischem Sputum. _A_.
-Eiterkörperchen. _a_. ganz frisch. _b_. nach Behandlung mit Essigsäure:
-innerhalb der Membran ist der Inhalt aufgeklärt und man sieht drei
-kleine Kerne. _B_. Schleimkörperchen. _a_. einfaches. _b_. mit
-Pigmentkörnchen. Vergr. 300.]
-
-Im Gegensatze dazu nehme man ein gewöhnliches klinisches Object: Zellen
-von einem frischen katarrhalischen Sputum. Es sind hier im Verhältniss
-sehr kleine Elemente, die sich bei stärkerer Vergrösserung als
-vollkommen kugelige Gebilde darstellen, und an denen man erst nach
-Einwirkung von Wasser und anderen Reagentien deutlich eine Membran,
-Kerne und einen im frischen Zustande trüben Inhalt unterscheidet. Die
-meisten von den kleinen Elementen gehören nach der gebräuchlichen
-Terminologie in die Reihe der Eiterkörperchen; die grösseren, als
-Schleimkörperchen oder katarrhalische Zellen zu bezeichnen, enthalten
-zum Theil Fett oder grauschwarzes Pigment in Form von Körnern.
-Aber so klein sie sind, so besitzen sie doch die ganze typische
-Eigenthümlichkeit der grossen Zellen; alle wesentlichen Charaktere der
-grossen finden sich an ihnen wieder. Das ist aber meines Erachtens das
-Entscheidende, dass, wir mögen nun die grossen oder die kleinen, die
-pathologischen oder die physiologischen Zellen zusammenhalten, dies
-Uebereinstimmende sich immer wiederfindet.
-
-Es darf nicht überraschen, dass der Werth der einzelnen, die vollendete
-Zelle zusammensetzenden Theile vielfacher Deutung ausgesetzt ist und
-dass die Definition der Zelle immer neue Formulirungen erhält, trotzdem
-dass man immer dasselbe Gebilde oder wenigstens denselben Körper meint.
-Seitdem die sogenannte Membran der Pflanzenzelle als ein secundäres
-Abscheidungsproduct, als blosse Capsel erkannt ist, hat natürlich der
-frühere Zelleninhalt, das Protoplasma, eine grössere Bedeutung erlangt.
-Der Kern ist mehr in den Hintergrund getreten, nachdem man ihm nicht
-mehr die Präexistenz und die Rolle des Cytoblasten beilegt. Noch
-ungünstiger liegt die Frage, ob die Membran ein notwendiges Erforderniss
-der Zelle ist, und nicht bloss unter den Botanikern, sondern auch unter
-den Zoologen (=Max Schultze=) giebt es nicht wenige und ausgezeichnete
-Forscher, welche die Zelle als vollkommen constituirt betrachten, sobald
-ein Kern mit dem dazu gehörigen Protoplasma vorhanden ist. Erst auf
-einer gewissen Entwickelungshöhe würde sich dieses Protoplasma mit einer
-Membran bekleiden und zum Zelleninhalt werden, wie man es bei der
-Furchung des Eies und der Bildung der Primordialzellen so lange
-angenommen hat. Glücklicherweise hat diese schwierige Frage für die
-Pathologie keine principielle Bedeutung. Abgesehen davon, dass bei fast
-allen physiologischen und pathologischen Zellen von einiger Bedeutung
-Membranen isolirbar sind, wird doch auch vom Standpunkte derjenigen,
-welche die Membranlosigkeit vieler Zellen behaupten, weder die Existenz,
-noch der entscheidende Werth der Zellen in Frage gestellt. Ob eine Zelle
-im alten Sinne des Wortes ein Bläschen oder im neuen ein solides
-Körperchen ist, ist daher eine Detailfrage, welche das cellulare Princip
-nicht berührt.
-
-Dieses Princip aber ist meiner Auffassung nach der einzigmögliche
-Ausgangspunkt aller biologischen Doctrin. Wenn eine wirkliche
-Uebereinstimmung der elementaren Formen durch die ganze Reihe alles
-Lebendigen hindurchgeht, wenn man vergeblich in dieser grossen Reihe
-nach irgend etwas Anderem sucht, was als =organisches Element= an die
-Stelle der Zelle gesetzt werden könnte, so muss man nothwendig auch jede
-höhere Ausbildung, sei es einer Pflanze, sei es eines Thieres,
-betrachten als eine fortschreitende Summirung grösserer oder kleinerer
-Zahlen von Zellen. Wie ein Baum eine in einer bestimmten Weise
-zusammengeordnete Masse darstellt, in welcher als letzte Elemente an
-jedem einzelnen Theile, am Blatt wie an der Wurzel, am Stamm wie an der
-Blüthe, zellige Elemente erscheinen, so ist es auch mit den thierischen
-Gestalten. =Jedes Thier erscheint als eine Summe vitaler Einheiten=, von
-denen jede den vollen Charakter des Lebens an sich trägt. Der Charakter
-und die Einheit des Lebens kann nicht an einem bestimmten einzelnen
-Punkte einer höheren Organisation gefunden werden, z. B. im Gehirn des
-Menschen, sondern nur in der bestimmten, constant wiederkehrenden
-Einrichtung, welche jedes einzelne Element an sich trägt. Daraus geht
-hervor, dass die Zusammensetzung eines grösseren Körpers, des
-sogenannten Individuums, immer auf eine Art von gesellschaftlicher
-Einrichtung herauskommt, =einen Organismus socialer Art= darstellt, wo
-eine Masse von einzelnen Existenzen auf einander angewiesen ist, jedoch
-so, dass jedes Element (Zelle oder, wie =Brücke= sehr gut sagt,
-=Elementar-Organismus=) für sich eine besondere Thätigkeit hat, und dass
-jedes, wenn es auch die Anregung zu seiner Thätigkeit von anderen
-Theilen her empfängt, doch die eigentliche Leistung von sich selbst
-ausgehen lässt.
-
-Ich habe es deshalb für nothwendig erachtet, den Gesammt-Organismus oder
-das Individuum nicht bloss in seine Organe und diese in ihre Gewebe,
-sondern auch noch die Gewebe zu zerlegen in =Zellenterritorien=. Ich
-habe gesagt Territorien, weil wir in der thierischen Organisation eine
-Eigenthümlichkeit finden, welche in der Pflanze fast gar nicht oder doch
-nur in sehr unvollkommener Weise zur Anschauung kommt, nehmlich die
-Entwickelung grosser Massen sogenannten =intercellularen Stoffes=.
-Während die Pflanzenzellen in der Regel mit ihren äusseren
-Absonderungsschichten, den vorher erwähnten Capseln, unmittelbar
-aneinander stossen, so jedoch, dass man immer noch die alten Grenzen
-unterscheiden kann, so finden wir bei den thierischen Geweben, dass
-diese Art der Anordnung die seltnere ist. In der oft sehr reichlichen
-Masse, welche zwischen den Zellen liegt (=Zwischen=- oder
-=Grundsubstanz=, =Intercellularsubstanz=), können wir selten von
-vornherein übersehen, inwieweit ein bestimmter Theil davon der einen,
-ein anderer der anderen Zelle angehöre; sie erscheint als ein
-gleichmässiger Zwischenstoff.
-
-[Illustration: =Fig=. 9. Epiphysenknorpel vom Oberarme eines Kindes,
-an der Ellenbeuge. Das Object war zuerst mit chromsaurem Kali und
-dann mit Essigsäure behandelt. In der homogenen Grundsubstanz
-(Intercellularsubstanz) sieht man bei _a_. Knorpelhöhlen mit noch dünner
-Wand (Capsel), in welchen die Knorpelzellen, mit Kern und Kernkörperchen
-versehen, sich deutlich abgrenzen. _b_. Capseln (Höhlen) mit zwei, durch
-Theilung der früher einfachen entstandenen Zellen. _c_. Theilung der
-Capseln nach Theilung der Zellen. _d_. Auseinanderrücken der getheilten
-Capseln durch Zwischenlagerung von Intercellularsubstanz. --
-Knorpelwachsthum.]
-
-Nach der Ansicht =Schwann='s war die Intercellularsubstanz Cytoblastem,
-für die Entwickelung neuer Zellen bestimmt. Dies halte ich nicht für
-richtig, vielmehr bin ich durch eine Reihe von Erfahrungen zu dem
-Schlusse gekommen, dass die Intercellularsubstanz, wie sie von den
-Zellen gebildet (abgeschieden) wird, so auch in einer bestimmten
-Abhängigkeit von ihnen bleibt, in der Art, dass man auch in ihr Grenzen
-ziehen kann, und das gewisse Bezirke von ihr der einen, gewisse der
-anderen Zelle angehören. Durch pathologische Vorgänge werden diese
-Grenzen scharf bezeichnet, und es lässt sich direct zeigen, wie jedesmal
-ein bestimmtes Gebiet von Zwischensubstanz beherrscht wird von dem
-zelligen Elemente, welches in seiner Mitte gelegen ist.
-
-Es wird jetzt deutlich sein, wie ich mir die Zellen-Territorien denke:
-Es gibt einfache Gewebe, welche ganz aus Zellen bestehen, Zelle an Zelle
-gelagert (Fig. 10, _A_.). Hier kann über die Grenze der einzelnen Zelle
-keine Meinungsverschiedenheit bestehen, aber es ist nöthig,
-hervorzuheben, dass auch in diesem Falle jede einzelne Zelle ihre
-besonderen Wege gehen, ihre besonderen Veränderungen erfahren kann, ohne
-dass mit Nothwendigkeit das Geschick der zunächst liegenden Zellen daran
-geknüpft ist. In andern Geweben dagegen, wo wir Zwischenmassen haben
-(Fig. 10, _B_.), versorgt die Zelle ausser ihrem eigenen Inhalt noch
-eine gewisse Menge von äusserer Substanz, die an ihren Veränderungen
-Theil nimmt, ja sogar häufig frühzeitiger afficirt wird, als das Innere
-der Zelle, welches durch seine Lagerung mehr gesichert ist, als die
-äussere Zwischenmasse. Endlich gibt es eine dritte Reihe von Geweben
-(Fig. 10, _C_.), deren Elemente unter einander in engeren Verbindungen
-stehen. Es kann z. B. eine Zelle mit anderen zusammenhängen und dadurch
-eine reihen- oder flächenförmige Anordnung entstehen, ähnlich der bei
-den Capillaren und anderen analogen Gebilden. In diesem Falle könnte man
-glauben, dass die ganze Reihe beherrscht werde von irgend Etwas, was wer
-weiss wie weit entfernt liegt, indessen bei genauerem Studium ergibt
-sich, dass selbst in diesen ketten- oder hautartigen Einrichtungen eine
-gewisse Unabhängigkeit der einzelnen Glieder besteht, und dass diese
-Unabhängigkeit sich äussert, indem unter gewissen äusseren oder inneren
-Einwirkungen das Element nur innerhalb seiner Grenzen gewisse
-Veränderungen erfährt, ohne dass die nächsten Elemente dabei betheiligt
-sind.[4]
-
- [4] Lange, nachdem dieses geschrieben war, haben die Untersuchungen
- von =Heidenhain= für die Knorpel, von =Auerbach= und =Eberth= für die
- Capillaren auch die physiologische Realität der Zellenterritorien
- erwiesen.
-
-[Illustration: =Fig=. 10. Schematische Darstellung der
-Zellenterritorien. _A_. Einfaches Zellengewebe (Epidermis). _B_. Gewebe
-mit Intercellularsubstanz (Knorpel), in welchem nach unten hin die
-Zellenterritorien abgegrenzt sind. _C_. Kernhaltiges, scheinbar
-homogenes Gewebe (Capillargefäss), in welchem die Territorien durch
-punktirte Linien angedeutet sind.]
-
-Das Angeführte wird zunächst genügen, um zu zeigen, in welcher Weise ich
-es für nothwendig erachte, die pathologischen Vorgänge zu localisiren,
-sie auf bekannte histologische Elemente zurückzuführen, warum es mir
-z. B. nicht genügt, von einer Thätigkeit der Gefässe oder von einer
-Thätigkeit der Nerven zu sprechen, sondern warum ich es für nothwendig
-erachte, neben Gefässen und Nerven die grosse Zahl von kleinen Theilen
-ins Auge zu fassen, welche thatsächlich die Hauptmasse der
-Körpersubstanz ausmachen. Es ist nicht genug, dass man, wie es seit
-langer Zeit geschieht, die Muskeln als thätige Elemente daraus ablöst;
-innerhalb des grossen Restes, der gewöhnlich als =träge Masse=
-betrachtet wird, findet sich noch eine ungeheure Zahl wirksamer Theile.
-
-In der Entwickelung, welche die Medicin bis in die letzten Tage genommen
-hat, finden wir den Streit zwischen den humoralen und solidaren Schulen
-der alten Zeit immer noch erhalten. Die humoralen Schulen haben im
-Allgemeinen das meiste Glück gehabt, weil sie die bequemste Erklärung
-und in der That die plausibelste Deutung der Krankheitsvorgänge gebracht
-haben. Man kann sagen, dass fast alle glücklichen Praktiker und
-bedeutenden Kliniker mehr oder weniger humoralpathologische Tendenzen
-gehabt haben; ja diese sind so populär geworden, dass es jedem
-Arzte äusserst schwer wird, sich aus ihnen zu befreien. Die
-solidarpathologischen Ansichten sind mehr eine Liebhaberei speculativer
-Forscher gewesen; sie sind nicht sowohl aus dem unmittelbaren
-pathologischen Bedürfnisse, als vielmehr aus physiologischen und
-philosophischen, selbst aus religiösen Erwägungen hervorgegangen. Sie
-haben den Thatsachen Gewalt anthun müssen, sowohl in der Anatomie, als
-in der Physiologie, und haben daher niemals eine ausgedehnte Verbreitung
-gefunden. Meiner Auffassung nach ist der Standpunkt beider ein
-unvollständiger; ich sage nicht ein falscher, weil er eben nur falsch
-ist in seiner Exclusivität; er muss zurückgeführt werden auf gewisse
-Grenzen, und man muss sich erinnern, dass neben Gefässen und Blut, neben
-Nerven und Centralapparaten noch andere Dinge existiren, die nicht ein
-blosses Substrat der Einwirkung von Nerven und Blut sind, auf welchem
-diese ihr Wesen treiben.
-
-Wenn man nun fordert, dass die medicinischen Anschauungen auch auf
-dieses Gebiet sich übertragen sollen, wenn man andererseits verlangt,
-dass auch innerhalb der humoral- und neuropathologischen Vorstellungen
-man sich schliesslich erinnern soll, dass das Blut aus vielen einzelnen
-für sich bestehenden und wirkenden Theilen besteht, dass das
-Nervensystem aus vielen thätigen Sonder-Bestandtheilen zusammengesetzt
-ist, so ist dies eine Forderung, die freilich auf den ersten Blick
-manche Schwierigkeiten bietet. Aber wenn man sich erinnert, dass man
-Jahre lang nicht bloss in den Vorlesungen, sondern auch am Krankenbette
-von der Thätigkeit der Capillaren gesprochen hat, einer Thätigkeit, die
-Niemand gesehen hat, die eben nur auf bestimmte Doctrinen hin angenommen
-worden ist, so wird man es nicht unbillig finden, dass Dinge, die
-wirklich zu sehen sind, ja die, wenn man sich übt, selbst dem
-unbewaffneten Auge nicht selten zugängig sind, gleichfalls in den Kreis
-des ärztlichen Wissens und Denkens aufgenommen werden. Von Nerven hat
-man nicht nur gesprochen, wo sie nicht dargestellt waren; man hat sie
-einfach supponirt, selbst in Theilen, wo bei den sorgfältigsten
-Untersuchungen sich nichts von ihnen hat nachweisen lassen; man hat sie
-wirksam sein lassen an Punkten, wohin sie überhaupt gar nicht
-vordringen. So ist es denn gewiss keine unbillige Forderung, dass dem
-grösseren, wirklich existirenden Theile des Körpers, dem »dritten
-Stande«, auch eine gewisse Anerkennung werde, und wenn diese Anerkennung
-zugestanden wird, dass man sich nicht mehr mit der blossen Ansicht der
-Nerven als ganzer Theile, als eines zusammenhängenden einfachen
-Apparates, oder des Blutes als eines bloss flüssigen Stoffes begnüge,
-sondern dass man auch innerhalb des Blutes und des Nervenapparates die
-ungeheure Masse kleiner wirksamer Centren zulasse. Dann wird sich nicht
-nur ein neues, grosses Gebiet, das der zelligen Gewebselemente, in die
-ärztliche Betrachtung einfügen, sondern es wird möglich sein, auch Blut
-und Nerven von dem Standpunkte der Cellularphysiologie aus zu würdigen,
-und so den alten Streit der Humoral- und Solidarpathologie in einer
-einigen Cellularpathologie zu versöhnen.
-
-Die wesentlichen Hindernisse, welche bis in die letzte Zeit in dieser
-Richtung bestanden, waren nicht so sehr pathologische. Ich bin
-überzeugt, man würde mit den pathologischen Verhältnissen ungleich
-leichter fertig geworden sein, wenn es nicht bis vor Kurzem unter die
-Unmöglichkeiten gehört hätte, die wirklichen =Elementartheile= des
-thierischen Leibes zu ermitteln und eine einfache Uebersicht der
-physiologischen Gewebe zu liefern. Die alten Anschauungen, welche zum
-Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert überkommen waren, haben gerade in
-demjenigen Gebiete, welches pathologisch am häufigsten in Betracht
-kommt, nämlich in dem des Bindegewebes, so sehr vorgewaltet, dass noch
-jetzt eine allgemeine Einigung nicht gewonnen ist, und dass jedermann
-genöthigt ist, sich durch die Anschauung der Objecte selbst ein Urtheil
-darüber zu bilden.
-
-Noch in den Elementa physiologiae von =Haller= findet man an die Spitze
-des ganzen Werkes, wo von den Elementen des Körpers gehandelt wird, die
-=Faser= gestellt. =Haller= gebraucht dabei den sehr characteristischen
-Ausdruck, dass die Faser (fibra) für den Physiologen sei, was die Linie
-für den Geometer.
-
-Diese Auffassung ist bald weiter ausgedehnt worden, und die Lehre, dass
-für fast alle Theile des Körpers die Faser als Grundlage diene, dass die
-Zusammensetzung der allermannichfachsten Gewebe in letzter Instanz auf
-die Faser zurückführe, ist namentlich bei dem Gewebe, welches, wie sich
-ergeben hat, pathologisch die grösste Wichtigkeit hat, bei dem
-sogenannten Zellgewebe am längsten festgehalten worden.
-
-Im Laufe des letzten Jahrzehnts vom vorigen Jahrhundert begann indess
-schon eine gewisse Reaction gegen diese Faserlehre, und in der Schule
-der Naturphilosophen kam frühzeitig ein anderes Element zu Ehren, das
-aber in einer viel mehr speculativen Weise begründet wurde, nämlich das
-=Kügelchen=. Während die Einen immer noch an der Faser festhielten, so
-glaubten Andere, wie in der späteren Zeit noch =Milne Edwards=, so weit
-gehen zu dürfen, auch die Faser wieder aus linear aufgereihten Kügelchen
-zusammengesetzt zu denken. Diese Auffassung ist zum Theil hervorgegangen
-aus optischen Täuschungen bei der mikroskopischen Beobachtung. Die
-schlechte Methode, welche während des ganzen vorigen Jahrhunderts und
-eines Theiles des gegenwärtigen bestand, dass man mit mässigen
-Instrumenten im vollen Sonnenlicht beobachtete, brachte fast in alle
-mikroskopischen Objecte eine gewisse Dispersion des Lichtes, und der
-Beobachter bekam den Eindruck, als sähe er weiter nichts, als
-Kügelchen. Andererseits entsprach aber auch diese Anschauung den
-naturphilosophischen Vorstellungen von der ersten Entstehung alles
-Geformten.
-
-Diese Kügelchen (Körnchen, Granula, Moleküle) haben sich sonderbarer
-Weise bis in die moderne Histologie hinein erhalten, und es gab
-bis vor Kurzem wenige histologische Werke, welche nicht mit den
-Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind noch vor nicht langer Zeit
-diese Ansichten von der Kugelnatur der Elementartheile so überwiegend
-gewesen, dass auf sie die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im
-Embryo, als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass
-eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kügelchen sich sphärisch zur
-Membran ordneten, innerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt
-erhielten. Noch von =Baumgärtner= und =Arnold= ist in diesem Sinne gegen
-die Zellentheorie gekämpft worden.
-
-[Illustration: =Fig=. 11. Schema der Globulartheorie. _a_. Faser aus
-linear aufgereihten Elementarkörnchen (Molekularkörnchen). _b_. Zelle
-mit Kern und sphärisch geordneten Körnchen.]
-
-In einer gewissen Weise hat diese Auffassung in der
-Entwickelungsgeschichte eine Stütze gefunden; in der sogenannten
-=Umhüllungstheorie=, -- einer Lehre, die eine Zeit lang stark in den
-Vordergrund getreten war (=Henle=). Danach dachte man sich, dass,
-während ursprünglich eine Menge von Elementarkügelchen zerstreut
-vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Verhältnissen
-zusammenlagerten, nicht in Form sphärischer Membranen, sondern zu einem
-compacten Haufen, einer Kugel (Klümpchen), und dass diese Kugel der
-Ausgangspunkt der weiteren Bildung werde, indem durch Differenzirung der
-Masse, durch Apposition oder Intussusception aussen eine Membran, innen
-ein Kern entstehe.
-
-[Illustration: =Fig=. 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie.
-_a_. Getrennte Elementarkörnchen. _b_. Körnchenhaufen (Klümpchen). _c_.
-Körnchenzelle mit Membran und Kern.]
-
-Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kügelchen oder das
-Elementarkörnchen als einen histologischen Ausgangspunkt betrachten. So
-lange als man sich die Entstehung von lebendigen Elementen aus vorher
-nicht geformten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder
-Bildungsstoffen (=plastischer Materie=, =Blastem=, =Cytoblastem=)
-hervorgehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen
-allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, welchen die
-allerletzten Jahre gebracht haben, am meisten durchgreifend gewesen. Die
-Bildungsstoffe finden sich wesentlich innerhalb der Zellen
-(=Endoblastem=). Auch in der Pathologie können wir gegenwärtig so weit
-gehen, als allgemeines Princip hinzustellen, =dass überhaupt keine
-Entwickelung de novo beginnt, dass wir also auch in der
-Entwickelungsgeschichte der einzelnen Theile, gerade wie in der
-Entwickelung ganzer Organismen, die Generatio aequivoca
-zurückweisen=[5]. So wenig wir noch annehmen, dass aus saburralem
-Schleim ein Spulwurm entsteht, dass aus den Resten einer thierischen
-oder pflanzlichen Zersetzung ein Infusorium oder ein Pilz oder eine Alge
-sich bilde, so wenig lassen wir in der physiologischen oder
-pathologischen Gewebelehre es zu, dass sich aus irgend einer unzelligen
-Substanz eine neue Zelle aufbauen könne. Wo eine Zelle entsteht, da muss
-eine Zelle vorausgegangen sein (=Omnis cellula e cellula=), ebenso wie
-das Thier nur aus dem Thiere, die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen
-kann. Auf diese Weise ist, wenngleich es einzelne Punkte im Körper
-giebt, wo der strenge Nachweis noch nicht geliefert ist, doch das
-Princip gesichert, dass in der ganzen Reihen alles Lebendigen, dies
-mögen nun ganze Pflanzen oder ganze thierische Organismen oder
-integrirende Theile derselben sein, ein ewiges Gesetz der
-=continuirlichen Entwickelung= besteht. Die Erfahrung lehrt keine
-Discontinuität der Entwickelung in der Art, dass eine neue Generation
-von sich aus eine neue Reihe von Entwickelungen begründete. Alle
-entwickelten Gewebe können weder auf ein kleines noch auf ein grosses
-einfaches Element zurückgeführt werden, es sei denn auf die Zelle
-selbst. In welcher Weise diese continuirliche =Zellenwucherung=
-(=Proliferation=), denn so kann man den Vorgang bezeichnen, in der Regel
-vor sich geht, das lässt sich an wachsenden Theilen sowohl von
-Pflanzen, als von Thieren sehr leicht sehen.
-
- [5] Der neueste Versuch von =Pouchet=, die Lehre von der Urzeugung
- wenigstens für Pilze und Infusorien wieder einzusetzen, darf wohl
- durch die vortrefflichen Experimente von =Pasteur= als
- zurückgeschlagen angesehen werden. Trotzdem wird das theoretische
- Bedürfniss, eine natürliche Schöpfungsgeschichte zu construiren,
- begreiflicherweise immer von Neuem zu der Annahme einer Urzeugung
- führen, wenn man sie auch allmählich auf die allerkleinsten
- Micrococci oder auf gestaltlose Protisten beschränkt. Das Bedürfniss
- erkenne ich an, aber die Thatsachen streiten dagegen, und am
- allerwenigsten gestatten sie für die Pathologie eine Ausnahme.
-
-[Illustration: =Fig=. 13. Längsschnitt durch ein junges Februar-Blatt
-vom Aste einer Syringa. _A_. Die Rinden- und Cambium-Schicht: unter
-einer sehr platten Zellenlage sieht man grössere, viereckige,
-kernhaltige Zellen, aus denen durch fortgehende Quertheilung kleine
-Haare (_a_) hervorwachsen, die immer länger werden (_b_) und durch
-Längstheilung sich verdicken (_c_). _B_. Die Gefässschicht mit
-Spiralfasern. _C_. Einfache, viereckige, längliche Rinden-Zellen. --
-Pflanzenwachsthum.]
-
-Betrachten wir z. B. einen Längsschnitt aus der jungen Knospe eines
-Flieder-Strauches, wie sie die warmen Tage des Februar entwickelt haben.
-In der Knospe ist schon eine Menge von jungen Blättern angelegt, jedes
-aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt. In diesen jüngsten Theilen
-bestehen die äusseren Schichten aus ziemlich regelmässigen Zellenlagen,
-die mehr platt viereckig erscheinen, während in den inneren Lagen die
-Zellen mehr gestreckt sind, und in einzelnen Abschnitten die
-Spiralfasern auftreten. Kleine Auswüchse (Blatthaare) treten überall am
-Rande hervor, ganz ähnlich gewissen thierischen Excrescenzen, z. B. an
-den Zotten des Chorions, wo sie die Orte bezeichnen, an welchen junge
-Zotten hervorwachsen werden. An unserem Objecte (Fig. 13) sehen wir die
-kleinen kolbigen Zapfen, die sich in gewissen Abständen wiederholen,
-nach Innen mit den Zellenreihen des Cambiums zusammenhängend. An diesen
-zarten Bildungen kann man am besten die feineren Formen der Zelle
-unterscheiden und zugleich die eigenthümliche Art ihres Wachsthums
-entdecken. Das Wachsthum geht so vor sich, dass an einzelnen zelligen
-Elementen eine Theilung eintritt und sich eine quere Scheidewand bildet;
-die Hälften wachsen als selbständige Elemente fort und vergrössern sich
-nach und nach. Nicht selten treten auch Längstheilungen ein, wodurch das
-ganze Gebilde dicker wird (Fig. 13, _c_). Jeder Zapfen, jedes
-Pflanzenhaar ist also ursprünglich eine einzige Zelle; indem sie sich
-quertheilt und immer wieder quertheilt (Fig. 13, _a_, _b_), schiebt sie
-ihre Glieder vorwärts und breitet sich dann bei Gelegenheit auch
-seitlich durch Längstheilung aus. In dieser Weise wachsen die Haare
-hervor, und dies ist im Allgemeinen der Modus des Wachsthums nicht nur
-in der Pflanze, sondern auch in den physiologischen und pathologischen
-Bildungen des thierischen Leibes.
-
-[Illustration: =Fig=. 14. Knorpelwucherung aus dem Rippenknorpel eines
-Erwachsenen. Grössere Gruppen von Knorpelzellen innerhalb einer
-gemeinschaftlichen Umgrenzung (fälschlich sogenannte Mutterzellen),
-durch successive Theilungen aus einzelnen Zellen hervorgegangen. Am
-Rande oben ist eine solche Gruppe durchschnitten, in der man eine
-Knorpelzelle mit mehrfacher Umlagerung von Kapselschichten (äusserer
-Absonderungsmasse) sieht. Vergröss. 300.]
-
-Nimmt man ein Stück Rippenknorpel im Stadium des pathologischen
-Wachsthums, so erscheinen schon für das blosse Auge Veränderungen: man
-sieht kleine Buckel der Oberfläche des Knorpels. Dem entsprechend zeigt
-das Mikroskop Wucherungen der Knorpelzellen. Hier finden sich dieselben
-Formen wie bei den Pflanzenzellen: grössere Gruppen von zelligen
-Elementen, welche je aus einer früheren Zelle hervorgegangen sind, in
-mehrfachen Reihen angeordnet, mit dem einzigen Unterschiede von den
-wuchernden Pflanzenzellen, dass zwischen den einzelnen Gruppen
-Intercellularsubstanz vorhanden ist. An den Zellen unterscheidet man
-wieder die äussere Kapsel, die sogar an einzelnen Zellen mehrfach
-geschichtet ist, in zwei-, drei- und mehrfacher Lage, und darin erst
-kommt die eigentliche Zelle mit Körper, Kern und Kernkörperchen.
-Nirgends gibt es hier eine andere Art der Neubildung, als die
-=fissipare=; ein Element nach dem andern theilt sich: Generation geht
-aus Generation hervor.
-
-
-
-
- Zweites Capitel.
-
- Die physiologischen Gewebe.
-
-
- Anatomische Classification der Gewebe. Die drei
- allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die
- Organe und Systeme oder Apparate.
-
- Die =Epithelialgewebe=. Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel.
- Epidermis und Rete Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare.
- Linse. Pigment. Drüsenzellen.
-
- Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder Zellgewebe. Die
- Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=. Meine Theorie. Die
- Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des Bindegewebes als
- Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der Knorpel (hyaliner,
- Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie Knorpelkörperchen
- (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes Bindegewebe.
- Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes Röhren- oder
- Kanalsystem.
-
- Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln, Nerven, Gefässe, Blut,
- Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in Verbindung mit
- Interstitialgewebe.
- Muskeln. Quergestreifte. Faserzellen. Herzmuskulatur.
- Muskelkörperchen. Fibrillen. Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern.
- Muskelatrophie. Die contractile Substanz (Syntonin) und die
- Contractilität überhaupt. Cutis anserina und Arrectores pilorum.
- Gefässe. Capillaren. Contractile Gefässe.
-
-Die normalen Gewebe lassen sich ohne Zwang in drei Kategorien
-eintheilen: Entweder man hat Gewebe, welche einzig und allein aus Zellen
-bestehen, in welchen Zelle an Zelle liegt, also =in dem modernen Sinne
-Zellengewebe=. Oder es sind Gewebe, in welchen regelmässig eine Zelle
-von der andern getrennt ist durch eine gewisse Zwischenmasse
-(Intercellularsubstanz), in welchen also eine Art von Bindemittel
-existirt, das die einzelnen Elemente in sichtbarer Weise aneinander,
-aber auch auseinander hält. Hierher gehören die Gewebe, welche man heut
-zu Tage gewöhnlich unter dem Namen der =Gewebe der Bindesubstanz=
-zusammenfasst, und in welche als Hauptmasse dasjenige eintritt, was man
-früherhin allgemein Zellgewebe nannte. Endlich gibt es eine dritte
-Gruppe von Geweben, in welchen specifische Ausbildungen der Zellen
-Statt gefunden haben, vermöge deren sie eine ganz eigenthümliche
-Einrichtung erlangt haben, zum Theil so eigenthümlich, wie sie einzig
-und allein der thierischen Oekonomie zukommt. Diese Gewebe höherer
-Ordnung sind es, welche =eigentlich den Character des Thieres
-ausmachen=, wenngleich einzelne unter ihnen Uebergänge zu Pflanzenformen
-darbieten. Hierher gehören die Nerven- und Muskelapparate, die Gefässe
-und das Blut. Damit ist die Reihe der Gewebe abgeschlossen.
-
-Eine solche Gruppirung der histologischen Erfahrungen unterscheidet sich
-sehr wesentlich von derjenigen, welche nach dem Vorgange von =Bichat= so
-lange die allgemeine Anatomie beherrscht hat. Die Gewebe der älteren
-Schule stellten zu einem grossen Theile nicht so sehr dasjenige dar, was
-wir heute als die Gegenstände der allgemeinen Histologie betrachten,
-sondern vielmehr das, was wir als den Inhalt der speciellen Histologie
-bezeichnen müssen. Wenn man die Sehnen, die Knochen, die Fascien als
-besondere Gewebe nimmt, so giebt dies eine ausserordentliche
-Mannichfaltigkeit von Kategorien (=Bichat= hatte deren 21), aber es
-entsprechen ihnen nicht eben so viele einfache Gewebsformen.
-
-In unserem Sinne lässt das ganze anatomische Gebiet sich zunächst
-zerlegen nach allgemein-histologischen Kategorien (eigentliche
-=Gewebe=). Die specielle Histologie beschäftigt sich sodann mit dem
-Falle, wo eine Zusammenfügung von zum Theil sehr verschiedenartigen
-Geweben zu einem einzigen Ganzen (=Organ=) Statt findet. Wir sprechen
-z. B. mit Recht von Knochengewebe, allein dieses Gewebe, die Tela ossea
-im allgemein-histologischen Sinne, bildet für sich keinen Knochen, denn
-kein Knochen besteht durch und durch, einzig und allein aus Tela ossea,
-sondern es gehören dazu mit einer gewissen Nothwendigkeit mindestens
-Periost und Gefässe. Ja, von dieser einfachen Vorstellung eines Knochens
-unterscheidet sich die jedes grösseren, z. B. eines Röhrenknochens: dies
-ist ein wirkliches Organ, in dem wir wenigstens vier verschiedene Gewebe
-unterscheiden. Wir haben da die eigentliche Tela ossea, die Knorpellage
-am Gelenk, die Bindegewebsschicht des Periosts, das eigenthümliche
-Mark. Jeder dieser einzelnen Theile kann wieder eine innere
-Verschiedenartigkeit der zusammensetzenden Bestandtheile darbieten; es
-gehen z. B. Gefässe und Nerven mit in die Zusammensetzung des Markes,
-der Beinhaut u. s. f. ein. Alles dies zusammengenommen, giebt erst den
-vollen Organismus eines Knochens. Bevor man also zu den eigentlichen
-=Systemen= oder =Apparaten=, dem speciellen Vorwurfe der descriptiven
-Anatomie kommt, hat man eine ganze Stufenfolge zu durchlaufen. Man muss
-sich daher bei Diskussionen mit Anderen immer erst klar werden, was in
-Frage ist. Wenn man Knochen und Knochengewebe zusammenwirft, so gibt
-dies eine eben so grosse Verwirrung, als wenn man Nerven- und
-Gehirnmasse einfach identificiren wollte. Das Gehirn enthält viele
-Dinge, die nicht nervös sind, und seine physiologischen und
-pathologischen Zustände lassen sich nicht begreifen, wenn man sie auf
-eine Zusammenordnung rein nervöser Theile bezieht, wenn man nicht neben
-den Nerven auf die Häute, das Zwischengewebe, die Gefässe Rücksicht
-nimmt.
-
-Betrachten wir nun die erste allgemein-histologische Gruppe etwas
-genauer, nämlich die einfachen Zellengewebe, so ist unzweifelhaft am
-leichtesten übersichtlich die =Horn=- oder =Epithelialformation=, wie
-wir sie in der Epidermis und dem Rete Malpighii an der äussern
-Oberfläche, im Cylinder- und Plattenepithelium auf den Schleim- und
-serösen Häuten antreffen. Der Name Epithelium stammt von =Ruysch=, der
-zuerst an der Brustwarze ([Griechisch: thêlê]) ein ablösbares Häutchen
-auffand, welches er weiterhin in ähnlicher Weise auch an Schleimhäuten
-nachwies. =Heusinger= hat das Verdienst, den Zusammenhang aller
-Horngebilde dargelegt zu haben, indem er die chemische und physikalische
-Uebereinstimmung derselben lehrte. Das allgemeine Schema ist hier, dass
-Zelle an Zelle stösst, so dass in dem günstigsten Falle, wie bei der
-Pflanze, vier- oder sechseckige Zellen unmittelbar sich an einander
-schliessen und zwischen ihnen nichts Anderes weiter, als höchstens eine
-geringe Kittsubstanz, gefunden wird. So ist es an manchen Orten mit dem
-Platten- oder Pflasterepithel (Fig. 17). Die besonderen Formen der
-Epithelialzellen sind offenbar grossentheils Druckwirkungen. Wenn alle
-Elemente eines Zellengewebes eine vollkommene Regelmässigkeit haben
-sollen, so setzt dies voraus, dass sich alle Elemente völlig
-gleichmässig entwickeln und gleichzeitig vergrössern. Geschieht ihre
-Entwickelung dagegen unter Verhältnissen, wo nach einer Seite hin ein
-geringerer Widerstand besteht, so kann es sein, dass die Elemente, wie
-bei den Säulen- oder Cylinderepithelien, nur in einer Richtung
-auswachsen und sehr lang werden, während sie in den andern Richtungen
-sehr dünn bleiben. Aber auch ein solches Element wird, auf einem
-Querschnitt angesehen, sich als ein sechseckiges darstellen: wenn wir
-Cylinder-Epithel von der freien Fläche her betrachten, so sehen wir auch
-bei ihm ganz regelmässig polygonale Formen (Fig. 15, _b_).
-
-[Illustration: =Fig=. 15. Säulen- oder Cylinderepithel der Gallenblase.
-_a_. Vier zusammenhängende Zellen, von der Seite gesehen, mit Kern und
-Kernkörperchen, der Inhalt leicht längs gestreift, am freien Rande
-(oben) ein dickerer, fein radiär gestreifter Saum. _b_. Aehnliche
-Zellen, halb von der freien Fläche (oben, aussen) gesehen, um die
-sechseckige Gestalt des Querschnittes und den dicken Randsaum zu zeigen.
-_c_. Durch Imbibition veränderte, etwas aufgequollene und am oberen Saum
-aufgefaserte Zellen.]
-
-[Illustration: =Fig=. 16. Uebergangsepithel der Harnblase. _a_. Eine
-grössere, am Rande ausgebuchtete Zelle mit keulen- und spindelförmigen,
-feineren Zellen besetzt, _b_. dasselbe: die grössere Zelle mit zwei
-Kernen. _c_. Eine grössere, unregelmässig eckige Zelle mit vier Kernen.
-_d_. Eine ähnliche mit zwei Kernen und 9 von der Fläche aus gesehenen
-Gruben, den Randausbuchtungen entsprechend (vgl. Archiv f. path. Anat.
-u. Phys. Bd. III. Taf. I. Fig 8.)]
-
-Im Gegensatze dazu finden sich ausserordentlich unregelmässige Formen an
-solchen Orten, wo die Zellen in unregelmässiger Weise hervorwachsen, so
-besonders constant an der Oberfläche der Harnwege (Fig. 16), in der
-ganzen Ausdehnung der Schleimhaut von den Nierenkelchen bis zur Urethra.
-An allen diesen Stellen trifft man sehr gewöhnlich Anordnungen, wo
-einzelne Zellen an dem einen Ende rund sind, während sie an dem anderen
-in eine Spitze auslaufen, andere Zellen ziemlich grobe Spindeln
-darstellen, andere wieder an einer Seite platt abgerundet, an der
-anderen ausgebuchtet sind, oder wo eine Zelle sich so zwischen andere
-einschiebt, dass sie eine kolbige oder zackige Form annimmt. Immer
-entspricht hier die eine Zelle der Form der Lücke zwischen den anderen,
-und es ist nicht die Eigenthümlichkeit der Zelle, welche die Form
-bedingt, sondern die Art ihrer Lagerung, das Nachbarverhältniss, die
-Abhängigkeit von der Anordnung der nächsten Theile. In der Richtung des
-geringeren Widerstandes bekommen die Zellen Spitzen, Zacken und
-Fortsätze der mannichfaltigsten Art. Diese Art von Epithel nannte man,
-da sie sich nicht recht unterbringen liess, mit =Henle=
-Uebergangs-Epithel, weil sie schliesslich gewöhnlich in deutliches
-Platten- oder Cylinderepithel übergeht. Zuweilen ist dies aber nicht der
-Fall und man könnte ebenso gut einen anderen Namen dafür einführen. Sie
-stellt das Vorbild zu der vielbesprochenen =Polymorphie= gewisser
-pathologischer Epithelialzellen, z. B. der Krebszellen dar.
-
-An der Oberhaut (Epidermis) haben wir den günstigen Fall, dass eine
-Reihe von Zellenlagen über einander liegt, was an vielen Schleimhäuten
-nicht der Fall ist. Es lassen sich daher die jungen Lagen (das =Rete
-Malpighii= oder die =Schleimschicht= der früheren Autoren) von den
-älteren (der =eigentlichen Epidermis=) bequem trennen.
-
-Wenn man einen senkrechten Durchschnitt der Hautoberfläche betrachtet,
-so erblickt man zumeist nach aussen ein sehr dichtes, verschieden dickes
-Stratum, welches aus lauter platten Elementen besteht, die von der Seite
-her wie einfache Linien aussehen. Man könnte sie bei dieser Betrachtung
-für Fasern halten, welche übereinander geschichtet mit leichten
-Niveau-Verschiedenheiten die ganze Oberhaut zusammensetzen. Von der
-Fläche aus gesehen, erweisen sie sich jedoch als rundlich-ovale
-Plättchen, die bei Einwirkung von Alkalien sich zu dickeren,
-linsenförmigen Körpern aufblähen. Unterhalb dieser Lagen folgt in
-verschiedener Mächtigkeit das sogenannte Rete Malpighii, welches
-unmittelbar bis an die Papillen der Haut (Lederhaut, Cutis, Corium)
-reicht. Untersuchen wir nun die Grenze zwischen Epidermis und Rete, so
-ergibt sich fast bei allen Arten der Betrachtung, dass fast plötzlich an
-die innerste Lage der Epidermis sich Elemente anschliessen, die zunächst
-noch immer platt sind, aber doch schon einen grösseren Dickendurchmesser
-haben, innerhalb deren man sehr deutlich Kerne erkennt, welche in den
-Plättchen der Epidermis fehlen. Diese ziemlich grossen Elemente stellen
-den Uebergang dar von den ältesten Schichten des Rete Malpighii zu den
-jüngsten der Epidermis. Hier ist der Punkt, von wo aus sich die
-Epidermis regenerirt, welche ihrerseits eine träge Masse darstellt die
-an der Oberfläche durch Reibung und Abblätterung allmählich entfernt
-wird. Und hier ist im Allgemeinen auch die Grenze, wo die pathologischen
-Processe einsetzen. Je weiter wir gegen die Tiefe hin untersuchen, um so
-kleiner werden die Elemente; die letzten stehen als kleine Cylinder auf
-der Oberfläche der Hautpapillen (Fig. 17, _r_, _r_).
-
-[Illustration: =Fig=. 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der
-Haut von der Zehe, mit Essigsäure behandelt. _P_. _P_. Spitzen
-durchschnittener Papillen, in denen man je eine Gefässschlinge und
-daneben kleine spindelförmige und an der Basis netzförmige
-Bindegewebselemente bemerkt: links eine Ausbiegung der Papille,
-entsprechend einem nicht mehr dargestellten, tiefer gelegenen
-Tastkörperchen. _R_. _R_. Das Rete Malpighii, zunächst an der Papille eine
-sehr dichte Lage kleiner cylinderförmiger Zellen (_r_, _r_), nach aussen
-immer grösser werdende polygonale Zellen. _E_. Epidermis, aus platten,
-dichteren Zellenlagen bestehend. _S_. _S_. Ein durchtretender
-Schweisskanal. -- Vergröss. 300.]
-
-Im Grossen ist das Verhältniss der verschiedenen Schichten an der ganzen
-Hautoberfläche überall dasselbe, so mannichfaltig auch im Einzelnen die
-Besonderheiten sein mögen, welche sie in Beziehung auf Dicke, Lagerung,
-Festigkeit und Zusammenfügung darbieten. Ein Durchschnitt z. B. des
-Nagels, der seiner äusseren Erscheinung nach gewiss weit von der
-gewöhnlichen Oberhaut abweicht, zeigt doch im Allgemeinen dasselbe Bild,
-wie diese; er unterscheidet sich nur in einem Punkte wesentlich,
-nehmlich dadurch, dass sich an ihm zwei verschiedene epidermoidale
-Gebilde übereinanderschieben. Dadurch entsteht eine Complication, die,
-wenn man sie nicht erkennt, zu der Annahme gewisser specifischer
-Verschiedenheiten des Nagels von anderen Theilen der Epidermis führen
-kann, während sie doch nur durch eine eigenthümliche Verschiebung
-gewisser Epidermislagen gegen andere bedingt ist. Die äusserst dichten
-und festen Plättchen, welche den frei zu Tage liegenden Theil, das
-sogenannte =Nagelblatt=, zusammensetzen, lassen sich auf verschiedene
-Weise wieder in Formen zurückführen, in denen sie das gewöhnliche Bild
-von Zellen darbieten; am deutlichsten durch Behandlung mit einem Alkali,
-wo ein jedes Plättchen zu einer grossen, rundlich-ovalen Blase
-anschwillt.
-
-In den oberen Schichten der Oberhaut werden die Zellen überall platter,
-und in den äussersten findet man, wie gesagt, gar keine Kerne mehr.
-Trotzdem besteht kein ursprünglicher Unterschied zwischen der Epidermis
-und dem Rete Malpighii; das letztere ist vielmehr die Bildungsstätte
-(Matrix) der Epidermis oder die jüngste Epidermislage selbst, insofern
-von hieraus immer neue Theile sich ansetzen, sich abplatten und in die
-Höhe rücken, in dem Maasse, als aussen durch Waschen, Reiben u. s. w.
-Theile verloren gehen. Auch zwischen der untersten Schicht des Rete und
-der Oberfläche der Cutis gibt es keine weitere Zwischenlage mehr, keine
-amorphe Flüssigkeit, kein Blastem, das in sich Zellen bilden könnte; die
-Zellen sitzen direct auf der Bindegewebspapille der Cutis auf. Es ist
-hier nirgends ein Raum, wie man noch vor Kurzem dachte, in welchen aus
-den Papillen und den in ihnen enthaltenen Gefässen Flüssigkeit
-transsudirte, damit aus und in derselben neue Elemente durch freie
-Urzeugung entständen und hervorwüchsen. Eine blosse Schleimschicht,
-welche als Cytoblastem für die neuen Zellen diente, ist absolut nicht
-wahrnehmbar. Durch die ganze Reihe der Zellenlagen des Rete und der
-Epidermis besteht dasselbe Continuitätsverhältniss, wie man es an der
-Rinde eines Baumes kennt. Die Rindenschicht einer Kartoffel (Fig. 2)
-zeigt in gleicher Weise aussen korkhaltige epidermoidale Elemente und
-darunter, wie im Rete Malpighii, eine Lage kernhaltiger Zellen, das
-Cambium, welches die Matrix des Nachwuchses für die Rinde darstellt.
-
-Sehr ähnlich verhält es sich am Nagel. Betrachtet man den Durchschnitt
-eines Nagels, quer auf die Längsrichtung des Fingers, so sieht man
-dieselbe Anordnung, wie an der gewöhnlichen Haut, nur entspricht jede
-einzelne Ausbuchtung der unteren Fläche nicht einer zapfenförmigen
-Verlängerung der Cutis, einer Papille, sondern einer Leiste, welche über
-die ganze Länge des Nagelbettes hinläuft und welche mit den Leisten zu
-vergleichen ist, die an der Volarseite der Finger zu sehen sind. Auf
-diesen Leisten des Nagelbettes befinden sich sehr niedrige und
-verkommene Papillen, an deren Oberfläche das mehr cylindrisch gestaltete
-jüngste Lager des Rete Malpighii aufsitzt; daran schliessen sich immer
-grössere Elemente an, und endlich folgt eine hornig-blätterige Schicht,
-welche der Epidermis entspricht.
-
-Es ist jedoch, um dies gleich vorweg zu nehmen, da wir auf den Nagel
-nicht wieder zu sprechen kommen werden, seine Zusammensetzung deshalb
-schwierig zu ermitteln gewesen, weil man sich ihn als einheitliches
-Gebilde gedacht hat. Daher hat sich der Streit hauptsächlich um die
-Frage gedreht, wo die Matrix des Nagels sei, ob er von der ganzen Fläche
-wachse, oder nur von dem kleinen Falz, in welchem er hinten steckt. Die
-eigentliche feste Masse, das compacte =Nagelblatt=, wächst allerdings
-nur von hinten her und schiebt sich über die Fläche des sogenannten
-=Nagelbettes= hinweg, aber das Nagelbett erzeugt seinerseits eine
-bestimmte Masse von Zellen, die als Aequivalente einer Epidermislage zu
-betrachten sind. Macht man einen Durchschnitt durch die Mitte eines
-Nagels, so kommt man zu äusserst auf das von hinten gewachsene
-Nagelblatt, dann auf die losere Substanz, welche von dem Nagelbett
-abgesondert ist, dann auf das Rete Malpighii, und endlich auf die
-Leisten, auf welchen der Nagel ruht[6]. Es combiniren sich also in der
-Nagelbildung zwei Epidermoidalstrata: ein äusseres oder oberes, dessen
-Matrix das Rete im Falz ist, und ein inneres oder unteres, dessen Matrix
-das Rete des Bettes ist.
-
- [6] Vgl. meine Abhandlung zur normalen und pathologischen Anatomie der
- Nagel und der Oberhaut, insbesondere über hornige Entartung und
- Pilzbildung an den Nägeln. Vgl. Würzb. Verhandl. 1854. V. 83.
-
-So begreift man, dass das Nagelblatt bis zu einem gewissen Maasse locker
-liegt und sich leicht vorwärts bewegen kann, indem es sich auf einer
-beweglichen Unterlage vorschiebt. Aber es ist auch sofort zu verstehen,
-wie leicht man sich in der Deutung des Bildes, welches senkrechte
-Durchschnitte durch den Nagel gewähren, täuschen kann, und wie nahe es
-liegt, anzunehmen, auch das Nagelblatt beziehe seine Elemente wenigstens
-zum Theil aus der Matrix des Bettes. Es fügen sich jedoch die von
-letzterer gelieferten Elemente nur lose der unteren Fläche des
-Nagelblattes an. Diese Fläche besitzt daher, entsprechend den erwähnten
-Leisten, seichte Ausbuchtungen, so dass der wachsende Nagel, indem er
-über die Leisten fortgleitet, seitliche Bewegungen nur innerhalb
-beschränkter Grenzen machen kann. Man kann daher sagen: es bewegt sich
-das von hinten wachsende Nagelblatt über ein =Polster= von lockerer
-Epidermismasse nach vorn (Fig. 18, _a_) in Rinnen, welche zwischen den
-längslaufenden Leisten oder Falten des Nagelbettes gelegen sind. Das
-Nagelblatt selbst, frisch untersucht, besteht dagegen aus einer so
-dichten Masse, dass man einzelne Zellen daran kaum zu unterscheiden im
-Stande ist, ja, dass man ein Bild bekommt, wie an manchen Stellen im
-Knorpel. Aber durch Behandlung mit Kali, welches die Zellen aufquellen
-macht und von einander trennt, kann man sich überzeugen, dass er überall
-nur aus Epidermiszellen besteht.
-
-[Illustration: =Fig=. 18. Schematische Darstellung des
-Längsdurchschnittes vom Nagel. _a_. Das normale Verhältniss: leicht
-gekrümmtes, horizontales Nagelblatt, in seinem Falze steckend und durch
-ein schwaches Polster von dem Nagelbette getrennt. _b_. Stärker
-gekrümmtes und etwas dickeres Nagelblatt mit stark verdicktem Polster
-und stärker gewölbtem Nagelbette, der Falz kürzer und weiter. _c_.
-Onychogryphosis: das kurze und dicke Nagelblatt steil aufgerichtet, der
-Falz kurz und weit, das Nagelbett auf der Fläche eingebogen, das Polster
-sehr dick und aus übereinander geschichteten Lagen von lockeren Zellen
-bestehend.]
-
-Kennt man diese Entwickelung, so lassen sich die Krankheiten des Nagels
-in leicht fasslicher Weise von einander scheiden. Es gibt nehmlich
-Krankheiten des Nagelbettes, welche das Wachsthum des Nagelblattes
-nicht ändern, aber Dislocationen desselben bedingen. Wenn auf dem
-Nagelbette eine sehr reichliche Entwickelung von Polstermasse
-stattfindet, so kann das Nagelblatt in die Höhe gehoben werden (Fig. 18,
-_b_), ja es kommt, namentlich an den Zehen, nicht selten vor, dass es,
-statt horizontal, senkrecht in die Höhe wächst und der Raum unter ihm
-von dicken Anhäufungen des blätterigen Polsters erfüllt wird (Fig. 18,
-_c_). Selbst Eiterungen können auf dem Nagelbette stattfinden, ohne dass
-die Entwickelung des Nagelblattes dadurch gehindert wird. Die
-sonderbarsten Veränderungen zeigen sich bei den Pocken. Wenn eine
-Blatter auf dem Nagelbett sich bildet, so bekommt der Nagel nur eine
-gelbliche, etwas unebene Stelle; entwickelt sich dagegen die Pocke im
-Nagelfalze, so sieht man Wochen nachher das Bild der Pocke in einer
-kreisförmig vertieften, wie ausgeschnittenen Stelle des sich allmählich
-vorschiebenden Nagelblattes, als einen Beweis des Ausfalls von
-Elementen, gerade wie auf der Epidermis. Denn jede Krankheit, welche den
-Nagelfalz (die Matrix) trifft, ändert auch das Nagelblatt, und wenn der
-Falz zerstört wird, so kann ein wirkliches Blatt nicht mehr nachgebildet
-werden; das Bett bedeckt sich dann nur mit einer hornigen, unregelmässig
-geschichteten Masse, wie sie sich zuweilen auch auf grossen Narben
-anderer Hautstellen, namentlich nach partiellen Amputationen des Fusses,
-erzeugt. --
-
-Wie am Nagel, so erfahren auch an anderen Orten unter besonderen
-Verhältnissen die epidermoidalen Elemente besondere Umwandlungen,
-wodurch sie ihrem ursprünglichen Habitus ausserordentlich unähnlich
-werden und allmählich Erscheinungsformen annehmen, die es jedem, welcher
-die Entwickelungsgeschichte nicht kennt, unmöglich machen, ihre
-ursprüngliche Epidermis-Natur auch nur zu ahnen. So ist es mit den
-=Haaren=. Die am meisten abweichende Entwickelung findet sich jedoch an
-der =Krystallinse= des Auges, welche ursprünglich eine reine
-Epidermis-Anhäufung ist. Sie entsteht bekanntlich dadurch, dass sich ein
-Theil der Haut von aussen sackförmig einstülpt. Anfangs bleibt durch
-eine leichte Membran die Verbindung mit den äusseren Theilen erhalten,
-durch die Membrana capsulo-pupillaris; später atrophirt diese und lässt
-die abgeschlossene Linse im Innern des Auges liegen. Die sogenannten
-Linsenfasern sind also weiter nichts, wie schon =Carl Vogt= zeigte, als
-epidermoidale Elemente mit eigenthümlicher Entwickelung, und die
-Regeneration derselben z. B. nach Extraction der Cataract, ist nur so
-lange möglich, als noch Epithel an der Capsel vorhanden ist, welches den
-Neubau übernimmt und gleichsam ein dünnes Lager von Rete Malpighii
-darstellt. Dieses reproducirt in derselben Weise die Linse, wie das
-gewöhnliche Rete Malpighii der Haut die Epidermis; nur ist die
-Regeneration der Linse gewöhnlich unvollständig, da die sich
-vermehrenden Rete-Zellen hauptsächlich am Umfange der Linsenkapsel
-liegen. Die neu gebildete Linse ist daher in der Regel ein Ring, der in
-der Mitte nicht ausgefüllt ist.
-
-Unter den sonstigen Modificationen epithelialer Gebilde werden wir noch
-gelegentlich die eigenthümlichen =Pigmentzellen= zu erwähnen haben, die
-an den verschiedensten Punkten aus der Umwandlung von Rete- oder
-Epithelial-Elementen hervorgehen, indem sich der Inhalt der Zellen
-entweder durch Imbibition färbt oder in sich durch (metabolische)
-Umsetzung des Inhalts Pigment erzeugt. So entstehen Pigmentzellen in dem
-Rete gefärbter Hautstellen oder gefärbter Racen, bei Naevi und
-Bronzekrankheit; so bilden sich die dunkle Zellenschicht der Chorioides
-oculi (Fig. 6), gewisse pigmentirte Zellen in den Alveolen der Lunge
-(Fig. 8). --
-
-[Illustration: =Fig=. 19. _A_. Entwickelung der Schweissdrüsen durch
-Wucherung der Zellen des Rete Malpighii nach innen. _e_. Epidermis, _r_.
-Rete Malpighii, _g g_ solider Zapfen, der ersten Drüsenanlage
-entsprechend. Nach =Kölliker=.
-
-_B_. Stück eines Schweissdrüsenkanals im entwickelten Zustande, _t t_
-Tunica propria. _e e_ Epithellagen.]
-
-Zu den Epithelien gehört noch eine andere, ganz besondere Art von
-Elementen, die bei dem Zustandekommen gewisser höherer Functionen des
-Thiers eine sehr bedeutende Rolle spielen, nehmlich die =Drüsenzellen=.
-Die eigentlich activen Elemente der gewöhnlichen, mit Ausführungsgängen
-versehenen Drüsen sind wesentlich epitheliale. Es ist eines der grössten
-Verdienste von =Remak=, gezeigt zu haben, dass in der normalen
-Entwickelung des Embryo von den bekannten drei Keimblättern das äussere
-und innere hauptsächlich epitheliale Gebilde hervorbringen, von denen
-unter Anderem durch allmähliche Wucherung die Drüsengestaltung ausgeht.
-Schon andere Forscher hatten ähnliche Beobachtungen gemacht,
-insbesondere =Kölliker=. Gegenwärtig kann man es als allgemeine Doctrin
-hinstellen, dass die Drüsenbildung überhaupt als ein directer
-Wucherungsprocess von Epithelial-Gebilden zu betrachten ist. Früher
-dachte man sich Cytoblastem-Haufen, in denen unabhängig Drüsenmasse
-entstände; allein mit Ausnahme der Lymphdrüsen, welche in ein ganz
-anderes Gebiet gehören, entstehen sämmtliche Drüsen in der Weise, dass
-an einem gewissen Punkte in ähnlicher Art, wie ich von den Auswüchsen
-der Pflanzen angegeben habe (S. 25), epitheliale Zellen anfangen sich zu
-theilen, sich wieder und wieder theilen, bis allmählich ein kleiner
-Zapfen von zelligen Elementen entstanden ist (Fig. 19, _A_). Dieser
-wächst nach innen und bildet, indem er sich seitlich ausbreitet und im
-Innern aushöhlt, einen Drüsengang (Fig. 19, _B_), welcher demnach sofort
-ein Continuum mit äusseren Zellenlagen darstellt. So entstehen die
-Drüsen der Oberfläche (die Schweiss- und Talgdrüsen der Haut, die
-Milchdrüse), so entstehen aber auch die inneren Drüsen des
-Digestionstractus (Magendrüsen, Lieberkühnsche Darmdrüsen, Leber), der
-Eierstock u. s. w. Die einfachsten Formen, welche eine Drüse darbieten
-kann, kommen beim Menschen nicht vor. Es sind dies =einzellige Drüsen=,
-wie sie in neuerer Zeit bei niederen Thieren vielfach gefunden sind. Die
-menschlichen Drüsen sind stets Anhäufungen von vielen Elementen, die
-jedoch genetisch auf ziemlich einfache Anlagen zurückführen. Freilich
-gehen ausser den epithelialen Elementen in unsern zusammengesetzten
-Drüsen noch andere nothwendige Bestandtheile (Bindegewebe, Gefässe,
-Nerven) in die Zusammensetzung ein, und man kann nicht sagen, dass die
-Drüse, als Organ betrachtet, bloss aus Drüsenzellen bestehe. Jedoch ist
-man darüber gegenwärtig ziemlich einig, dass das bestimmende Element in
-der Zusammensetzung die Drüsenzelle ist, ebenso wie bei den Muskeln das
-Muskelprimitivbündel, und dass die specifische Thätigkeit der Drüse
-hauptsächlich in der Natur und eigenthümlichen Einrichtung dieser
-Elemente begründet ist.
-
-Im Allgemeinen bestehen also die Drüsen aus Anhäufungen von Zellen,
-welche in der Regel offene Kanäle bilden. Wenn man von den Drüsen mit
-zweifelhafter Function (Schilddrüse, Nebennieren) absieht, so gibt es
-beim Menschen nur die Eierstöcke, welche eine Ausnahme machen, indem
-ihre Follikel nur zu Zeiten offen sind; aber auch sie müssen offen sein,
-wenn die specifische Secretion der Eier stattfinden soll. Bei den
-meisten Drüsen kommt freilich bei der Secretion noch eine gewisse Menge
-transsudirter Flüssigkeit hinzu, allein diese Flüssigkeit stellt nur das
-Vehikel dar, welches die Elemente selbst oder ihre specifischen Produkte
-wegschwemmt. Wenn sich in den Hodenkanälen eine Zelle ablöst, in welcher
-Samenfäden entstehen, so transsudirt zugleich eine gewisse Menge von
-Flüssigkeit, welche dieselben fortträgt, aber das, was den Samen zum
-Samen macht, was das Specifische der Thätigkeit gibt, ist die
-Zellenfunction. Die blosse Transsudation von den Gefässen aus ist wohl
-ein Mittel zur Fortbewegung, gibt aber nicht das specifische Produkt der
-Drüse, das Secret im engeren Sinne des Worts. Wie am Hoden, so geht im
-Wesentlichen an allen Drüsen, an denen wir mit Bestimmtheit das Einzelne
-ihrer Thätigkeit übersehen können, die wesentliche Eigenthümlichkeit
-ihrer Energie von der Entwickelung, Umgestaltung und Thätigkeit
-epithelialer Elemente aus. --
-
- * * * * *
-
-Die zweite histologische Gruppe bilden die Gewebe der =Bindesubstanz=.
-Es ist dies diejenige Gruppe, welche gerade für mich das meiste
-Interesse hat, weil von hier aus meine allgemein-physiologischen
-Anschauungen zu dem Abschlusse gekommen sind, den ich im Eingange kurz
-darstellte. Die Aenderungen, welche es mir gelungen ist, in der
-histologischen Auffassung der ganzen Gruppe herbeizuführen, haben mir
-zugleich die Möglichkeit gegeben, die Cellulardoctrin zu einer gewissen
-Abrundung zu bringen.
-
-Die Hauptglieder dieser Gruppe sind das =Bindegewebe=, das
-=Schleimgewebe=, der =Knorpel=, das =Knochengewebe=, das =Zahnbein=, die
-=Neuroglia= und das =Fettgewebe=. Betrachten wir zuerst das Bindegewebe
-als das für die Auffassung der übrigen mehr oder weniger bestimmende.
-Bis in die neueste Zeit hiess es fast allgemein Zellgewebe (tela
-cellulosa), weil man annahm, dass es regelmässig kleinere Räume
-(cellulae, areolae) enthalte. Erst =Johannes Müller= führte den Ausdruck
-Bindegewebe (tela conjunctoria s. connectiva), freilich nur für eine
-gewisse Art, ein; er meinte damit, was wir gegenwärtig =interstitielles
-Gewebe= zu nennen pflegen, nehmlich dasjenige »Zellgewebe«, welches
-Organe oder Organtheile mit einander verbindet. Sehr langsam, zum Theil
-aus blossem Widerwillen gegen den schlechten Namen Zellgewebe, ist die
-Bezeichnung Bindegewebe auf alles Zellgewebe und auf alle daraus
-zusammengesetzten Theile (Lederhaut, Sehnen, Fascien) ausgedehnt worden.
-Gegenwärtig muss man sich fast in Acht nehmen, nicht noch weiterzugehen
-und auch die übrigen Glieder dieser Gruppe dem Bindegewebe zuzurechnen.
-»Bindesubstanz« soll diesem weiteren Klassenbegriff entsprechen.
-
-[Illustration: =Fig=. 20. _A_. Bündel von gewöhnlichem lockigem
-Bindegewebe (Intercellularsubstanz), am Ende in feine Fibrillen
-zersplitternd.
-
-_B_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Schwann=. _a_.
-Spindelzelle (geschwänztes Körperchen, fibroplastisches Körperchen
-=Lebert=) mit Kern und Kernkörperchen. _b_. Zerklüftung des Zellkörpers
-in Fibrillen.
-
-_C_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Henle=. _a_. Hyaline
-Grundsubstanz (Blastem) mit regelmässig eingestreuten, nucleolirten
-Kernen. _b_. Zerfaserung des Blastems (directe Fibrillenbildung) und
-Umwandlung der Kerne in Kernfasern.]
-
-Seit =Haller= betrachtete man das Zellgewebe oder, wie man auch wohl
-sagte, das =Fasergewebe= (tela fibrosa) als wesentlich aus Fasern
-(fibrae, fibrillae) zusammengesetzt und sah in diesen Fasern, wie im
-ersten Capitel (S. 22.) hervorgehoben ist, die eigentlich elementare
-Form des Organischen. In der That, wenn man Bindegewebe an verschiedenen
-Regionen, z. B. an den Sehnen und Bändern, der Pia mater, dem subserösen
-und submucösen Zellgewebe untersucht, so findet man überall wellige
-Faserbündel (Fascikel), sogenanntes =lockiges Bindegewebe= (Fig. 20,
-_A_). Die Zusammensetzung dieser Bündel glaubte man um so bestimmter auf
-einzelne Fasern zurückführen zu können, als wirklich nicht selten an dem
-Ende der Bündel isolirte Fädchen herausstehen. Trotzdem ist gerade auf
-diesen Punkt vor etwa 25 Jahren ein ernsthafter Angriff gemacht worden,
-der, wenngleich in einer anderen, als der beabsichtigten Richtung, eine
-sehr grosse Bedeutung gewonnen hat. =Reichert= suchte nehmlich zu
-zeigen, dass die Fasern nur der optische Ausdruck von Falten seien, und
-dass das Bindegewebe vielmehr an allen Orten eine homogene, jedoch mit
-grosser Neigung zur Faltenbildung versehene Masse darstelle.
-
-=Schwann= hatte die Bildung des Bindegewebes so dargestellt, dass
-ursprünglich zellige Elemente von spindelförmiger Gestalt vorhanden
-wären, die nachher so berühmt gewordenen =geschwänzten Körperchen,
-Spindel- oder Faserzellen= (fibroplastischen Körper =Lebert='s, Fig. 4,
-_b_), und dass aus solchen Zellen unmittelbar Fascikel von Bindegewebe
-in der Weise hervorgingen, dass der Körper der Zelle in einzelne
-Fibrillen sich zerspalte, während der Kern als solcher liegen bliebe
-(Fig. 20, _B_). Jede Spindelzelle würde also für sich oder in Verbindung
-mit anderen, an sie anstossenden und mit ihr verschmelzenden
-Spindelzellen ein Bündel von Fasern liefern. =Henle= dagegen glaubte aus
-der Entwickelungsgeschichte schliessen zu müssen, dass ursprünglich gar
-keine Zellen vorhanden seien, sondern nur einfaches Blastem, in welchem
-Kerne in gewissen Abständen sich bildeten; die späteren Fasern sollten
-durch eine directe Zerklüftung des Blastems entstehen. Während so die
-Zwischenmasse sich differenzire zu Fasern, sollten die Kerne sich
-allmählich verlängern und endlich zusammenwachsen, so dass daraus
-eigenthümliche feine Längsfasern entständen, die sogenannten
-=Kernfasern= (Fig. 20, _C_, _b_). =Reichert= hat gegenüber diesen
-Ansichten einen ausserordentlich wichtigen Schritt gethan. Er bewies
-nehmlich, dass ursprünglich nur Zellen in grosser Masse vorhanden sind,
-zwischen welche erst später homogene Intercellularmasse abgelagert wird.
-Zu einer gewissen Zeit verschmölzen dann, wie er glaubte, die Membranen
-der Zellen mit der Intercellularsubstanz, und es komme nun ein Stadium,
-dem von =Henle= beschriebenen analog, wo keine Grenze zwischen den alten
-Zellen und der Zwischenmasse mehr existire. Endlich sollten auch die
-Kerne in einigen Formen gänzlich verschwinden, während sie in anderen
-sich erhielten. Dagegen leugnete =Reichert= entschieden, dass die
-spindelförmigen Elemente von =Schwann= überhaupt vorkämen. Alle
-spindelförmigen, geschwänzten oder gezackten Elemente wären
-Kunstproducte, gleich wie die Fasern, welche man in der Zwischenmasse
-sähe und welche nur scheinbar etwas für sich Existirendes darstellten,
-da sie in Wahrheit eine falsche Deutung des optischen Bildes, der
-Ausdruck blosser Falten und Streifungen einer an sich durchaus
-gleichmässigen Substanz seien.
-
-[Illustration: =Fig=. 21. Bindegewebe vom Schweinsembryo nach längerem
-Kochen. Grosse zum Theil isolierte, zum Theil noch in der
-Grundsubstanz eingeschlossene und anastomisirende Spindelzellen
-(Bindegewebskörperchen). Grosse Kerne mit abgelöster Membran; zum Theil
-geschrumpfter Zelleninhalt. Vergr. 350.]
-
-Meine Untersuchungen haben gelehrt, dass die Auffassung sowohl von
-=Schwann=, als von =Reichert= bis zu einem gewissen Grade auf richtigen
-Anschauungen beruht. Erstlich mit =Schwann= und gegen =Reichert=, dass
-in der That spindelförmige (Fig. 21) und sternförmige Elemente mit
-vollkommener Sicherheit existiren, dann aber gegen =Schwann= und mit
-=Henle= und =Reichert=, dass eine directe Zerklüftung der Zellen zu
-Fasern nicht geschieht, dass vielmehr dasjenige, was wir nachher als
-Bindegewebe vor uns sehen, an die Stelle der früher gleichmässigen
-Intercellular-Substanz tritt. Ich fand ferner, dass =Reichert= sowohl,
-als =Schwann= und =Henle= darin Unrecht hatten, wenn sie zuletzt im
-besten Falle Kerne oder Kernfasern bestehen liessen; dass vielmehr in
-den meisten Fällen auch die Zellen selbst sich erhalten. Das Bindegewebe
-der späteren Zeit unterscheidet sich der allgemeinen Structur und Anlage
-nach in gar nichts von dem Bindegewebe der früheren Zeit. Es gibt nicht
-ein embryonales oder unreifes Bindegewebe mit Spindeln und ein
-ausgebildetes oder reifes ohne diese, sondern die Elemente bleiben
-dieselben, wenngleich sie oft nicht sofort zu sehen sind[7].
-
- [7] Vergl. meine Abhandlung über das Bindegewebe in den Würzburger
- Verhandl. 1851. II. 150.
-
-[Illustration: =Fig=. 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach
-meinen Untersuchungen. _A_. Jüngstes Stadium. Hyaline Grundsubstanz
-(Intercellularsubstanz) mit grösseren Zellen (Bindegewebskörperchen);
-letztere in regelmässigen Abständen, reihenweise gestellt, Anfangs
-getrennt, spindelförmig und einfach, späterhin anastomosirend und
-verästelt. _B_. Aelteres Stadium: bei _a_. streifig gewordene
-(fibrilläre) Grundsubstanz, durch die reihenweise Einlagerung von Zellen
-fasciculär erscheinend; die Zellen schmäler und feiner werdend; bei _b_.
-nach Einwirkung von Essigsäure ist das streifige Aussehen der
-Grundsubstanz wieder verschwunden, und man sieht die noch kernhaltigen,
-feinen und langen anastomosirenden Faserzellen (Bindegewebskörperchen).]
-
-Mit dem Nachweise von der Persistenz der Zellen im Bindegewebe gelangte
-ich zu einer gänzlich verschiedenen Betrachtungsweise der
-physiologischen und pathologischen Bedeutung der einzelnen
-Bestandtheile. Während bis dahin die Fasern als die eigentlich
-constituirenden Elemente des Bindegewebes angesehen waren, wie es
-=Robin= und die französische Schule noch heute thun, so rückten sie in
-meiner Vorstellung als Bestandtheile der Intercellularsubstanz in eine
-durchaus untergeordnete Stellung. Sie verhalten sich zu den
-Bindegewebszellen, oder, wie ich sie gewöhnlich nenne, den
-=Bindegewebskörperchen=, wie die Fasern des Fibrins in einem
-Blutgerinnsel zu den Blutkörperchen. Sie geben dem Gewebe Consistenz,
-Dehnbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausdehnungsfähigkeit, Farbe und
-Aussehen, aber sie sind nicht die Sitze der Lebensthätigkeit, nicht die
-lebenden Mittelpunkte des Gewebes.
-
-Da die Substanz, welche sich zwischen den Bindegewebskörperchen
-befindet, ursprünglich homogen ist und erst später fibrillär wird, so
-muss man sich vorstellen, dass die Fibrillation in ähnlicher Weise vor
-sich geht, wie in dem Fibringerinnsel, welches zuerst auch homogen und
-gallertartig ist. Und da ferner die Substanz zwischen den Zellen später
-auftritt, als die Zellen, so kann man sie nicht im Sinne =Henle='s als
-Cytoblastem betrachten, sondern sie lässt sich nur als ein von den
-Zellen geliefertes =Secret= ansehen. In der letzten Zeit haben Manche
-mit =Max Schultze= Werth darauf gelegt, die Intercellularsubstanz nicht
-als ein Secret aufzufassen, sondern als die äussere, metamorphosirte
-Schicht der Zellen oder, um in der Schulsprache zu reden, als das
-veränderte Protoplasma selbst. Dieser Streit ist ein rein doctrinärer.
-Denn auch die Vorstellung von der Secretion der Intercellularsubstanz
-geht davon aus, dass das Secret einmal innerhalb der Zellen befindlich
-gewesen sei, und es versteht sich von selbst, dass eine Zelle nach
-geschehener Secretion der Intercellularsubstanz um so viel kleiner sein
-muss, als Secret aus ihr hervorgetreten ist (vorausgesetzt, dass sie
-nicht wieder neue Substanz von aussen her in sich aufgenommen hat). Dass
-aber wirklich die Corticalschicht der Bindegewebskörperchen in
-Intercellularsubstanz verwandelt werde, hat noch Niemand dargethan.
-
-Demnach ist das Bindegewebe aufzufassen als zusammengesetzt aus
-Zellenterritorien (S. 17), von denen jedes eine Zelle mit dem ihr
-zugehörigen Antheil von Intercellularsubstanz enthält, und deren Grenzen
-gänzlich verschmolzen sind. Man kann diess auch so ausdrücken, dass man
-sagt: das Bindegewebe besteht aus einer im Wesentlichen faserigen
-Intercellularsubstanz und Zellen, welche in regelmässigen Abständen in
-dieselbe eingeschlossen sind. Diese Formel gilt übrigens für sämmtliche
-Gewebe der Bindesubstanz, nur dass die Beschaffenheit der
-Intercellularsubstanz verschieden und keineswegs überall faserig ist. Im
-ausgebildeten Zustande besteht wenigstens scheinbar fast überall der
-grösste Theil des Gewebes aus Intercellularsubstanz, und deshalb ist
-diese letztere in hohem Maasse für die äussere Erscheinung des Gewebes
-bestimmend. Die Zellen sind der Masse nach meist unbedeutend und sie
-können die mannichfachsten Formen haben. Daher lassen die Gewebe sich
-nicht darnach unterscheiden, dass das eine nur runde, das andere dagegen
-geschwänzte oder sternförmige Zellen enthält; vielmehr können in allen
-Geweben der Bindesubstanz runde, lange, eckige oder verästelte Elemente
-vorkommen.
-
-[Illustration: =Fig=. 23. Senkrechter Durchschnitt durch den wachsenden
-Knorpel der Patella. _a_. Die Gelenkfläche mit parallel gelagerten
-Spindelzellen (Knorpelkörperchen). _b_. Beginnende Wucherung der Zellen.
-_c_. Vorgeschrittene Wucherung; grosse, rundliche Gruppen; innerhalb der
-ausgedehnten Capseln immer zahlreichere runde Zellen. -- Vergröss. 50.]
-
-Der einfachste Fall ist der, dass runde Zellen in gewissen Abständen
-liegen, durch Intercellularsubstanz getrennt. Das ist diejenige Form,
-welche wir am schönsten in den =Knorpeln= finden, z. B. in den
-Gelenküberzügen, wo die Zwischenmasse vollkommen homogen und an ihr
-nichts zu sehen ist, als eine vielleicht hier und da schwach gekörnte,
-im Ganzen jedoch völlig wasserklare Substanz, so homogen, dass, wenn man
-nicht die Grenze des Objectes vor sich hat, man in Zweifel sein kann, ob
-überhaupt etwas zwischen den Zellen vorhanden ist. Diese Substanz
-characterisirt den =hyalinen Knorpel=.
-
-Unter gewissen Verhältnissen wandeln aber die runden Elemente sich auch
-im Knorpel in längliche, spindelförmige um, z. B. ganz regelmässig gegen
-die Gelenkoberflächen hin. Je näher man bei der Durchforschung des
-Gelenkknorpels der freien Oberfläche kommt (Fig. 23, _a_), um so platter
-werden die Zellen; zuletzt sieht man nur kleine, flach linsenförmige,
-auf einem Längsdurchschnitt spindelförmig erscheinende Körper, zwischen
-denen die Intercellularsubstanz zuweilen ein leicht streifiges Aussehen
-zeigt. Hier tritt also, ohne dass das Gewebe aufhört, Knorpel zu sein,
-ein Typus auf, den wir viel regelmässiger im Bindegewebe antreffen, und
-es kann leicht daraus die Vorstellung erwachsen, als sei der
-Gelenkknorpel noch mit einer besonderen Membran überzogen. Dies ist
-jedoch nicht der Fall. Es legt sich keine Synovialhaut über den Knorpel;
-die Grenze des Knorpels gegen das Gelenk hin ist überall vom Knorpel
-selbst gebildet. Die Synovialhaut fängt erst da an, wo der Knorpel
-aufhört, am Knochenrande.
-
-An anderen Stellen geht der Knorpel über in ein Gewebe, wo die Zellen
-nach mehreren Richtungen Fortsätze aussenden, dadurch sternförmig
-werden, und wo die endliche Anastamose der Elemente sich vorbereitet;
-endlich trifft man Stellen, wo man nicht mehr sagen kann, wo das eine
-Element aufhört und das andere anfängt: sie hängen durch ihre Fortsätze
-direct mit einander zusammen, sie anastomosiren, ohne dass eine Grenze
-zwischen ihnen zu erkennen wäre. Wenn ein solcher Fall eintritt, so wird
-die bis dahin gleichmässige hyaline Intercellularsubstanz
-ungleichmässig, streifig, faserig. Solchen Knorpel hat man schon seit
-langer Zeit =Faserknorpel= genannt.
-
-Von diesen beiden Arten unterscheidet man eine dritte, den sogenannten
-=Netzknorpel=, so an Ohr und Nase, wo die Elemente rund sind, aber eine
-eigenthümliche Art von dicken, steifen Fasern um sie herum liegt, deren
-Entstehung noch nicht ganz erforscht ist, die aber offenbar durch eine
-Metamorphose der Intercellularsubstanz entstehen.
-
-Wir haben schon früher (S. 8) gesehen, dass der ausgebildete Knorpel
-=incapsulirte= Zellen hat. Hier ist also die Zelle von der
-Intercellularsubstanz noch durch eine besondere, oft sehr dicke Wand
-getrennt. Wenn nun nicht bezweifelt werden kann, dass auch diese Wand
-ein Secretionsproduct der Zelle ist, so folgt, dass, genau genommen, die
-=Capsel der Intercellularsubstanz angehört, deren jüngster Theil sie
-ist=. In allen Rippenknorpeln ist es gewöhnlich, um einzelne Zellen
-sogar zwei und mehr Capselschichten zu sehen (Fig. 14), unter deren
-Ausbildung die Zelle immer kleiner und kleiner wird, so dass sie
-manchmal nur noch als ein granulirtes Kügelchen im Innern der
-Capselhöhle erscheint. Durch Jodzusatz lässt sie sich jedoch leicht
-erkennen, indem sie sich roth färbt, während Capsel- und
-Intercellularsubstanz nur gelb werden. Die Existenz der Capsel ist in
-hohem Maasse characteristisch für den Knorpel. Aber sie ist nicht
-entscheidend, denn in jungem und unentwickeltem Knorpel, sowie in dem
-von mir als =Knochenknorpel= (osteoidem Gewebe) benannten Gewebe fehlt
-sie und die Intercellularsubstanz stösst unmittelbar an die Oberfläche
-der Zelle.
-
-Mit diesen verschiedenen Typen, welche der Knorpel an verschiedenen
-Orten und zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung darbietet, sind
-auch alle die Verschiedenheiten gegeben, welche die übrigen Gewebe der
-Bindesubstanz darbieten. Es gibt auch wahres Bindegewebe mit runden, mit
-langen und sternförmigen Zellen. Ebenso finden sich innerhalb des
-eigenthümlichen Gewebes, welches ich =Schleimgewebe= genannt habe, runde
-Zellen in einer hyalinen, spindelförmige in einer streifigen,
-netzförmige in einer maschigen Grundsubstanz. Das Haupt-Kriterium für
-die Scheidung der Gewebe beruht daher auf der Bestimmung der chemischen
-Qualität der Intercellularsubstanz. Bindegewebe wird ein Gewebe genannt,
-dessen Grundsubstanz beim Kochen Leim (Colla, Gluten) gibt; Knorpel
-liefert aus seiner Zwischenmasse Chondrin, Schleimgewebe einen durch
-Alkohol in Fäden fällbaren und in Wasser wieder aufquellenden, durch
-Essigsäure fällbaren und im Ueberschuss sich nicht lösenden, dagegen in
-Salz- und Salpetersäure löslichen Stoff, das Mucin (Schleimstoff).
-
-Weitere Verschiedenheiten des Gewebes können sich späterhin einstellen
-durch die besondere Gestaltung und Füllung der einzelnen Zellen. Auch
-die Knorpel- und Bindegewebszellen führen zuweilen =Farbstoffe=, wie die
-epithelialen: es gibt also auch pigmentirte Bindesubstanz. Was wir
-kurzweg =Fett= nennen, ist ein Gewebe, welches sich hier unmittelbar
-anschliesst und welches sich wesentlich dadurch unterscheidet, dass die
-einzelnen Zellen sich haufenweise vermehren, vergrössern und mit Fett
-vollstopfen, wobei der Kern zur Seite gedrängt wird. An sich ist die
-Structur des Fettgewebes aber dieselbe wie die des Bindegewebes, und
-unter Umständen kann das Fett so vollständig schwinden, dass das
-Fettgewebe wieder auf einfaches gallertartiges Bindegewebe oder
-Schleimgewebe zurückgeführt wird[8]. Und umgekehrt kann nicht bloss
-Schleim- und Bindegewebe sich direct in Fettgewebe umwandeln, sondern es
-kann auch ganz direct fetthaltiges Mark aus Knorpel- oder Knochengewebe
-entstehen.
-
- [8] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1859. XVI. 15.
-
-[Illustration: =Fig=. 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen
-Knochen von der Dura mater cerebralis. Man sieht die verästelten und
-anastomosirenden Fortsätze derselben (Knochenkanälchen) und innerhalb
-der Knochenkörperchen kleine Punkte, welche den trichterförmigen Anfang
-der Kanälchen bezeichnen. Vergröss. 600.]
-
-Unter den Geweben der Bindesubstanz besitzen diejenigen für die
-pathologische Anschauung die grösste Wichtigkeit, in welchen eine
-netzförmige Anordnung der Elemente besteht, oder anders ausgedrückt, in
-welchen die Elemente durch Ausläufer oder Fortsätze untereinander
-anastomosiren (Fig. 21; 22, _A_; 24). Ueberall, wo solche Anastomosen
-Statt finden, wo ein Element mit dem anderen zusammenhängt, da lässt
-sich mit einer gewissen Sicherheit darthun, dass diese Anastomosen eine
-Art von Röhren- oder Kanalsystem darstellen, welches den grossen
-Kanalsystemen des Körpers angereiht, welches namentlich neben den Blut-
-und Lymphkanälen als eine neue Erwerbung unserer Anschauungen betrachtet
-werden muss, also eine Art von Ersatz für die alten Vasa serosa bietet,
-die in der früher angenommenen Weise nicht existiren. Eine solche
-Einrichtung kommt vor im Faserknorpel, Bindegewebe, Knochen,
-Schleimgewebe an den verschiedensten Theilen und jedesmal unterscheiden
-sich die Gewebe, welche solche Anastomosen besitzen, von denen mit
-isolirten Elementen durch ihre grössere Fähigkeit, krankhafte Processe
-zu leiten. --
-
- * * * * *
-
-Nachdem wir die Gruppe der Epithelial- oder Epidermoidalformation und
-die der Bindesubstanzen betrachtet haben, so bleibt uns noch eine ebenso
-grosse, als wichtige Gruppe, deren einzelne Glieder freilich nicht in
-der Weise, wie dies bei der Epithelial-und Bindegewebs-Formation der
-Fall ist, eine wirkliche Verwandtschaft untereinander haben. Ihre
-Uebereinstimmung ist vielmehr eine physiologische, indem sie =die
-höheren animalischen Gebilde= darstellen, welche sich durch die
-specifische Art ihrer Einrichtung und Leistung von den mehr
-indifferenten Epithelial- und Bindegeweben unterscheiden. Hierhin zähle
-ich das =Muskelgewebe=, das =Nervengewebe=, die =feineren Gefässe mit
-Blut=, =Lymphe= und =Lymphdrüsen=. Allerdings sind diese Gewebe unter
-sich so verschieden, dass man aus jedem derselben eine besondere Gruppe
-bilden könnte. Ich will darüber nicht streiten. Indess spricht die
-praktische Bequemlichkeit, sämmtliche Gewebe höherer Dignität in eine
-einzige Gruppe zusammenzufassen, für meinen Vorschlag.
-
-Ein anderer Umstand scheint auf den ersten Anblick die Nothwendigkeit
-einer solchen Vereinigung darzuthun. Gerade die Elemente der
-Hauptglieder dieser Gruppe stellen sich uns dar in der Form von
-zusammenhängenden, weithin durch den Körper verbreiteten, mehr oder
-weniger röhrenartigen Gebilden. Wenn man Muskeln, Nerven und Capillaren
-mit einander vergleicht, so kann man sehr leicht zu der Vorstellung
-kommen, es handle sich bei allen dreien um wirkliche Röhren, welche mit
-einem bald mehr, bald weniger beweglichen Inhalt gefüllt seien. Diese
-Vorstellung, so bequem sie für eine oberflächliche Anschauung ist,
-genügt jedoch deshalb nicht, weil wir den Inhalt der verschiedenen
-Röhren nicht einfach vergleichen können. Das Blut, welches in den
-Gefässen enthalten ist, lässt sich nicht als ein Analogen des
-Axencylinders oder des Markes einer Nervenröhre, oder der contractilen
-Substanz eines Muskelprimitivbündels betrachten. Allerdings ist die
-Entwickelung mancher Gebilde, welche ich in dieser Gruppe zusammenfasse,
-noch ein Gegenstand grosser Differenzen, und die Ansicht über die
-zellige Natur vieler der hier einschlagenden Elemente findet noch
-Widersacher. So viel ist indess sicher, wenn wir die fötale Entwickelung
-ins Auge fassen, dass die Blutkörperchen ebenso gut Zellen sind, wie die
-einzelnen Elemente der Gefässwand, innerhalb deren das Blut strömt, und
-dass man das Gefäss nicht als eine einfache Röhre bezeichnen kann,
-welche die Blutkörperchen umfasst, wie eine Zellmembran ihren Inhalt.
-Deshalb ist es nothwendig, dass man bei den Gefässen den Inhalt von der
-Wand, dem eigentlichen Gefässe trennt und dass man die Aehnlichkeit der
-Gefässe mit den Nervenröhren und Muskelbündeln nicht zu stark
-hervorhebt. Von entschiedener Bedeutung ist auch hier die
-Entwickelungsgeschichte. Nur was genetisch zusammengehört, muss
-zusammengehalten werden. Es ist aus diesem Grunde berechtigt, zum Blute
-die Lymphdrüsen hinzuzunehmen, insofern das Verhältniss beider zu
-einander ein gleiches ist, wie wir es bei den Epithelialformationen
-zwischen Epidermis und Rete angetroffen haben. Die Lymphdrüsen
-unterscheiden sich von den eigentlichen Drüsen nicht allein dadurch,
-dass sie keinen Ausführungsgang im gewöhnlichen Sinne des Wortes
-besitzen, sondern sie stehen auch ihrer Entwickelung nach keineswegs den
-gewöhnlichen Drüsen gleich; in ihrer ganzen Geschichte schliessen sie
-sich so eng an die Gewebe der Bindesubstanz, dass man eher versucht sein
-kann, anzunehmen, dass sie aus einer Umwandlung von Bindegewebe
-hervorgehen.
-
-Bei der Mehrzahl der höheren Gewebe tritt noch eine eigenthümliche
-Schwierigkeit hervor, welche wir schon bei den Drüsen (S. 38) kennen
-gelernt haben. Manche dieser Gewebe kommen überhaupt nirgends ganz rein
-vor. Sie sind vielmehr gemischt und zusammengehalten durch
-=interstitielles Gewebe=, welches von den specifischen Elementen ganz
-verschieden ist und ausnahmslos irgend einer Art von Bindesubstanz
-angehört. Es entsteht daher in der Regel ein zusammengesetzter,
-organartiger Bau, dessen Erforschung grosse Vorsicht erfordert, da sehr
-leicht die mehr indifferenten Elemente des interstitiellen =Gewebes=
-(welches wohl von Intercellular=substanz= zu unterscheiden ist) mit den
-eigentlich functionellen Elementen verwechselt werden können. Ein Muskel
-besteht aus wirklich muskulösen Elementen und Interstitialgewebe mit
-Bindegewebskörperchen, zu welchen noch Gefässe und Nerven hinzukommen.
-Das Gehirn enthält Nervenzellen, Nervenfasern und Interstitialgewebe mit
-einfachen Zellen, Gefässe u. s. w. Gehirnzellen im strengen Sinne des
-Wortes sind Nerven- oder Ganglienzellen, im weiteren können auch
-Gliazellen ebenso genannt werden.
-
-[Illustration: =Fig=. 25. Eine Gruppe von Muskelprimitivbündeln
-(Muskelfasern). _a_. Die natürliche Erscheinung eines frischen
-Primitivbündels mit seinen Querstreifen (Bändern oder Scheiben). _b_.
-Ein Bündel nach leichter Einwirkung von Essigsäure; die Kerne treten
-deutlich hervor und man sieht in dem einen zwei Kernkörperchen, den
-anderen völlig getheilt. _c_. Stärkere Einwirkung der Essigsäure: der
-Inhalt quillt am Ende aus der Scheide (Sarcolemm) hervor. _d_. Fettige
-Atrophie. Vergröss. 300.]
-
-Unter den Gliedern der hier in Rede stehenden Gruppe hat man gewöhnlich
-die =muskulösen Elemente= als die einfachsten betrachtet. Untersucht man
-einen gewöhnlichen rothen Muskel, so findet man ihn wesentlich
-zusammengesetzt aus einer Menge von meistentheils gleich dicken
-Cylindern (den =Primitivbündeln= oder =Muskelfasern=), die auf einem
-Querschnitte sich als runde Körper darstellen. An ihnen nimmt man
-alsbald die bekannten Querstreifen wahr, das heisst breite Linien,
-welche sich gewöhnlich etwas zackig über die Oberfläche des Bündels
-erstrecken, und welche nahezu so breit sind, wie die Zwischenräume,
-welche sie trennen (Fig. 25, _a_). Neben dieser Querstreifung sieht man
-weiterhin, namentlich nach gewissen Präparationsmethoden, eine der Länge
-nach verlaufende Streifung, die sogar in manchen Präparaten so
-überwiegend wird, dass das Muskelbündel fast nur längsgestreift
-erscheint. Wendet man nun Essigsäure an, so zeigen sich, während die
-Streifen erblassen, an der Wand, hier und da auch mehr gegen die Mitte
-des Cylinders hin, in gewissen Abständen grosse, rundlich-ovale Kerne
-mit glänzenden, ziemlich grossen Kernkörperchen, bald in grösserer, bald
-in kleinerer Zahl. Auf diese Weise gewinnen wir, nachdem wir durch die
-Einwirkung der Essigsäure die innere Substanz geklärt haben, ein Bild,
-welches an Zellenformen erinnert, und man ist daher um so mehr geneigt
-gewesen, das ganze Primitivbündel als aus einer einzigen Zelle
-hervorgegangen anzusehen, als nach der älteren Ansicht innerhalb eines
-jeden Muskels die einzelnen Primitivbündel von dem einen
-Insertionspunkte bis zu dem andern reichen sollten, also so lang gedacht
-wurden, als der Muskel selbst. Letztere Annahme ist freilich durch
-Untersuchungen, welche unter =Brücke='s Leitung in Wien durch =Rollett=
-angestellt wurden, erschüttert worden, indem dieser nachwies, dass im
-Verlaufe vieler Muskeln sich Enden der Primitivbündel mit zulaufenden
-Spitzen finden. Diese Enden schieben sich ineinander, und es entspricht
-demnach keineswegs die Länge aller Primitivbündel der ganzen Ausdehnung
-des Muskels. Allein diese Entdeckung, statt die Ansicht von der zelligen
-Natur der Primitivbündel zu erschüttern, hat sie vielmehr befestigt; sie
-zeigt, dass auch das fertige Muskelprimitivbündel sich verhält, wie eine
-Faserzelle (Fig. 105, _A_).
-
-Die einzige bekannte Ausnahme von dieser Einrichtung findet sich, wie
-=Eberth= gefunden hat, an der Herzmuskulatur, welche durch das Bestehen
-verzweigter und anastomosirender Bündel schon seit =Leeuwenhoek= die
-Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, und welche auch durch den Mangel
-eines ausgebildeten Sarcolemma eine so eigenthümliche Stellung einnimmt.
-Hier gibt es statt der Faserzellen kürzere, mit platten Enden oder
-eckigen Grenzen aneinanderstossende und so mit einander verschmelzende
-Abtheilungen, von denen jede für sich einer Zelle entspricht.
-
-Auf der anderen Seite sind gerade in der letzten Zeit von verschiedenen
-Seiten Beobachtungen gemacht worden, welche eher geeignet schienen, die
-einzellige Natur der Primitivbündel in Zweifel zu ziehen. =Leydig= hat
-zuerst die Ansicht aufgestellt, dass in jedem Cylinder (Primitivbündel)
-eine Reihe von zelligen Elementen kleinerer Art enthalten sei. In der
-That liegt jeder Kern in einer besonderen, langgestreckten Lücke, welche
-durch das Auseinanderrücken der quergestreiften (contractilen) Substanz
-des Bündels gebildet wird. Die Lücke ist nach =Leydig= von einer
-besondern Membran umschlossen und sie stellt nach seiner Ansicht eine
-intramusculäre Zelle vor. Es handelt sich, sobald diese letzte
-Zusammensetzung discutirt wird, um äusserst schwierige Verhältnisse, und
-ich bekenne, dass, so sehr ich von der ursprünglich einzelligen Natur
-der Primitivbündel überzeugt bin, ich doch die sonderbaren Erscheinungen
-im Innern derselben zu gut kenne, als dass ich nicht zugestehen müsste,
-dass eine andere Ansicht aufgestellt werden könne.
-
-An jedem Cylinder (Primitivbündel) kann man leicht eine membranöse
-äussere Hülle (=Sarcolemma=) und einen Inhalt unterscheiden. In
-letzterem liegen die Kerne und an ihm kann man im natürlichen Zustande
-die eigenthümliche Quer- und Längsstreifung erkennen. Diese Streifung
-ist durchaus eine innere und nicht eine äussere. Die Membran an sich ist
-vollkommen glatt und eben; die Querstreifung gehört dem Inhalt an,
-welcher im Grossen die eigentliche rothe Muskelmasse, das Fleisch
-darstellt. Jedes Primitivbündel ist daher ein nach beiden Seiten hin
-zugespitzt endigender, meist sehr langer Cylinder, der eine Membran,
-einen Inhalt und Kerne besitzt, also die Eigenschaften einer sehr
-verlängerten Zelle darbietet. Damit stimmt die Entwickelungsgeschichte
-überein, insofern jedes Primitivbündel in der That durch doppelseitiges
-Wachsthum aus einer einzigen, ursprünglich ganz einfachen Bildungszelle
-hervorgeht, in welcher sich erst allmählich der specifische Inhalt, die
-Fleischsubstanz ablagert. Nun sieht man aber von Anfang an, dass die
-Ablagerung dieses specifischen Inhalts nicht an allen Punkten der Zellen
-erfolgt, sondern dass die nächste Umgebung des Kerns frei davon bleibt.
-Auch für pathologisch neugebildete Muskelzellen habe ich dies
-nachgewiesen[9]. Je grösser die Muskelzellen werden, um so mehr tritt
-diese von specifischem Inhalt freie Lücke um den Kern hervor, und zwar
-so, dass sie, wenn man den Cylinder von der Fläche aus betrachtet, als
-ein spindelförmiger Raum erscheint, während er auf einem
-Querdurchschnitt meist eckig oder sternförmig aussieht und nicht selten
-sich in verästelte und anastomosirende Fortsätze verfolgen lässt.
-Letztere nimmt man zuweilen, namentlich am Herzmuskel des Menschen, auch
-bei der Betrachtung von der Fläche her als feine interfibrilläre Linien
-oder Striche wahr (Fig. 26, _C_). Wie mir scheint, erstrecken sich diese
-Fortsätze ununterbrochen in das von =Cohnheim= entdeckte intermusculäre
-Gitterwerk, welches die Fleischsubstanz durchsetzt. Aber die Ansichten
-über die Natur der um die Kerne gelegenen Zeichnungen gehen noch weit
-auseinander. Während =Leydig=, wie erwähnt, sie als eine Art von
-Bindegewebskörperchen und die specifische Inhaltsmasse des
-Primitivbündels als ein Analogon der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
-betrachtet, nimmt =Rollett= sie mit den dazu gehörigen Fortsätzen als
-ein intramusculäres Lacunensystem. =Max Schultze= endlich denkt sich
-diese von ihm als =Muskelkörperchen= bezeichneten Gebilde als
-membranlose Körper, nur aus Kern und Protoplasma bestehend, so jedoch,
-dass das Protoplasma derselben mit dem in der übrigen Fleischsubstanz
-vorhandenen und hier durch die Einlagerung anderer Bestandtheile zum
-Theil verdeckten Protoplasma continuirlich zusammenhänge.
-
-
- [9] Würzb. Verhandl. 1850. I. 189. Archiv f. path. Anat. 1854. VII.
- 137. Taf. II. Fig. 4.
-
-[Illustration: =Fig=. 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer
-Puerpera. _A_. Eigenthümliche, den Faserzellen der Milzpulpe ganz
-ähnliche Spindelzellen, vielleicht dem Sarcolemma angehörig, bei dem
-Zerzupfen des Präparates frei geworden. _a_. halbmondförmig gekrümmte,
-an einem Ende etwas platte Zelle, von der Fläche gesehen, _b_. eine
-ähnliche, von der Seite gesehen, der Kern platt, _c_. _d_. Zellen, deren
-Kerne in einer herniösen Ausbuchtung der Membran liegen; _e_. eine
-ähnliche Zelle, von der Fläche gesehen, der Kern wie aufgelagert. _B_.
-Ein Primitivbündel ohne Hülle (Sarcolemma) mit deutlichen Längsfibrillen
-und grossen rundlichen Kernen, von denen einer zwei Kernkörperchen
-enthält (beginnende Theilung). _C_. Ein Primitivbündel, zerzupft und
-leicht durch Essigsäure gelichtet; ausser einem getheilten Kerne sieht
-man zwischen den Längsfibrillen feine pfriemenförmige Striche, die
-Andeutung von Ausläufern der intramuskulären Körper (Lücken, Zellen). --
-Vergröss. 300.]
-
-Zunächst fragt es sich hier also, ob die Gebilde von Membranen begrenzt
-sind, wie vollständige Zellen, oder nicht; sodann, ob sie nur Lacunen
-und feinste Kanäle darstellen, oder Körper mit Fortsätzen. Beides ist
-sehr schwer zu entscheiden, und es ist mir nicht gelungen, constante
-Resultate zu erlangen. An Froschmuskeln, wie es =Sczelkow= ganz richtig
-dargelegt hat[10], findet sich eine so deutlich durch scharfe, dunkle
-Contouren begrenzte Zeichnung, dass man an der Existenz von Membranen
-kaum zweifeln möchte; am Herzmuskel des Menschen habe ich häufig, jedoch
-nicht in der Mehrzahl der Fälle, dasselbe gesehen. Unter pathologischen
-Verhältnissen, wie von A. =Böttcher=, namentlich aber von C. O. =Weber=
-gezeigt ist, und wie ich bestätigen kann, findet man um die Kerne
-blasige, durchaus zellenähnliche Gebilde, oder doch sehr deutliche,
-differente Absätze, z. B. Pigmentkörnchen (in der braunen Atrophie). In
-der grossen Mehrzahl der Muskeln kann ich von Membranen nichts erkennen
-und noch weniger Körper oder Fortsätze isoliren. Es ist daher wohl
-möglich, dass die Beschaffenheit dieser Gebilde eine wechselnde ist;
-jedenfalls können wir von der Entscheidung dieser Frage unser Urtheil
-nicht abhängig machen, da wir aus der Entwickelungsgeschichte ganz
-bestimmt wissen, dass die fraglichen Gebilde im Innern von Zellen
-entstehen.
-
- [10] Archiv f. path. Anat. 1860. XIX. 215. Taf. V.
-
-Wir müssen daher das Primitivbündel (die Muskelfaser) als eine
-ursprünglich einfache, jedoch späterhin zusammengesetzte Zelle
-betrachten, welche im entwickelten Zustande sowohl kernhaltige
-Muskelkörperchen, als eine specifische Inhaltsmasse umschliesst.
-Letztere ist es, an der unzweifelhaft die Eigenschaft der Contractilität
-haftet, und die je nach dem Zustande der Contraction selbst in ihren
-Erscheinungen variirt, indem sie bei der Contraction kürzer und breiter
-wird, während die Zwischenräume zwischen den einzelnen Querbändern oder
-Streifen sich etwas verschmälern. Es erfolgt also bei der Contraction
-eine Umordnung der kleinsten Bestandtheile, und zwar, wie aus den
-Untersuchungen von =Brücke= hervorgeht, nicht bloss der physikalischen
-Molecüle, sondern auch der sichtbaren anatomischen Bestandtheile.
-=Brücke= hat nehmlich, indem er den Muskel im polarisirten Lichte
-untersuchte, verschiedene optische Eigenschaften der einzelnen
-Substanzlagen gefunden, derer, welche die Querstreifen und derer, welche
-die Zwischenmasse darstellen. Jene bestehen aus Theilchen, welche das
-Licht doppelt brechen (Disdiaklasten), diese nicht.
-
-Bei gewissen Methoden der Präparation kann man den Inhalt eines jeden
-Muskel-Primitivbündels in Platten oder Scheiben (=Bowman='s discs)
-zerlegen, welche ihrerseits wieder aus lauter kleinen Körnchen
-(=Bowman='s sarcous elements) zusammengesetzt sind. In Wirklichkeit
-besteht jedoch der Inhalt des Primitivbündels aus einer grossen Menge
-feiner Längsfibrillen, von denen jede, entsprechend der Lage der
-Querstreifen oder scheinbaren Scheiben des Primitivbündels, kleine
-Körner enthält, welche durch eine blasse Zwischenmasse zusammengehalten
-werden. Indem nun viele Primitivfibrillen zusammenliegen, so entsteht
-durch die symmetrische Lage der kleinen Körnchen eben der Anschein von
-Scheiben, die eigentlich nicht vorhanden sind. Je nach der Thätigkeit
-des Muskels nehmen diese Theile eine veränderte Stellung zu einander an:
-bei der Contraction nähern sich die Körner einander, während die
-Zwischensubstanz kürzer und zugleich breiter wird.
-
-[Illustration: =Fig=. 27. Glatte Muskeln aus der Wand der Harnblase.
-_A_. Zusammenhängendes Bündel, aus dem bei _a_, _a_ einzelne, isolirte
-Faserzellen hervortreten, während bei _b_ die einfachen Durchschnitte
-derselben erscheinen. _B_. Ein solches Bündel nach Behandlung mit
-Essigsäure, wo die langen und schmalen Kerne deutlich werden; _a_ und
-_b_ wie oben. -- Vergr. 300.]
-
-Verhältnissmässig sehr viel einfacher erscheint die Zusammensetzung der
-=glatten, organischen= oder, obgleich weniger bezeichnend,
-=unwillkürlichen Muskelfasern=. Wenn man irgend einen Theil derjenigen
-Organe, worin glatte Muskelfasern enthalten sind, untersucht, so findet
-man in der Mehrzahl der Fälle zunächst in ähnlicher Weise, wie bei den
-quergestreiften Muskeln, kleine Bündel, z. B. in der Muskelhaut der
-Harnblase. Innerhalb dieser Fascikel unterscheidet man bei weiterer
-Untersuchung eine Reihe von einzelnen Elementen, von denen eine gewisse
-Zahl, 6, 10, 20 und mehr durch eine gemeinschaftliche Bindemasse
-zusammengehalten wird. Nach der Vorstellung, welche bis in die letzten
-Tage allgemein gültig war, würde jedes einzelne dieser Elemente ein
-Analogon des Primitivbündels der quergestreiften Muskeln darstellen.
-Denn sobald es gelingt, diese Fascikel in ihre feineren Bestandtheile zu
-zerlegen, so bekommt man als letzte Elemente lange spindelförmige
-Zellen, die in der Regel in der Mitte einen Kern besitzen (Fig. 6, _b_).
-Nach derjenigen Anschauung dagegen, welche in den letzten Tagen von
-verschiedenen Seiten anfängt bewegt zu werden, namentlich angeregt durch
-=Leydig='s Untersuchungen, würde man vielmehr ein Fascikel, worin eine
-ganze Reihe von Faserzellen enthalten ist, als Analogon eines
-quergestreiften Primitivbündels betrachten müssen. Berücksichtige ich
-jedoch die Entwickelungsgeschichte, so erscheint es mir zweckmässig und
-den bekannten Thatsachen am meisten entsprechend, die einzelne
-Faserzelle als Aequivalent des Primitivbündels festzuhalten.
-
-An einer solchen spindelförmigen oder Faser-Zelle ist es schwer, ausser
-dem Kern und dem Zellkörper etwas Besonderes zu unterscheiden. Bei recht
-grossen Zellen und bei starker Vergrösserung unterscheidet man
-allerdings häufig eine feine Längsstreifung (Fig. 6, _b_), so dass es
-aussieht, als ob auch hier im Innern eine Art von Fibrillen der Länge
-nach geordnet wäre, während von einer Querstreifung nur bei der
-Contraction (=Meissner=) etwas wahrzunehmen ist. Trotzdem haben die
-blassen, glatten Muskeln chemisch eine ziemlich grosse Uebereinstimmung
-mit den quergestreiften, indem man eine ähnliche Substanz (das
-sogenannte Syntonin =Lehmann='s) aus beiden ausziehen kann durch
-verdünnte Salzsäure, und indem gerade einer der am meisten
-characteristischen Bestandtheile, das Kreatin, welches in dem
-Muskelfleisch der rothen Theile gefunden wird, nach der Untersuchung von
-G. =Siegmund= auch in den glatten Muskeln des Uterus vorkommt. =Brücke=
-hat neuerlich auch in glatten Muskeln eine doppeltbrechende Substanz
-nachgewiesen.
-
-Ausserordentlich häufig findet man bei der Untersuchung von rothen
-Muskeln pathologisch interessante Stellen, insbesondere Bündel, welche
-das Bild des Muskels in der sogenannten =progressiven= (fettigen)
-=Atrophie= darbieten. Ein solches degenerirtes Bündel ist meist kleiner
-und schmäler, und zugleich zeigen sich zwischen den Längsfibrillen
-kleine Fettkörnchen aufgereiht (Fig. 25, _d_). Was an den Muskeln die
-Atrophie überhaupt macht, ist die Verkleinerung des Durchmessers der
-Primitivbündel, also die Abnahme der Fleischsubstanz; bei der fettigen
-Atrophie kommt dazu noch die gröbere Veränderung, dass im Innern des
-Primitivbündels kleine Reihen von Fettkörnchen auftreten, unter deren
-Vermehrung die eigentliche contractile Substanz an Masse abnimmt. Je
-mehr Fett, desto weniger contractile Substanz, oder mit anderen Worten:
-der Muskel wird weniger leistungsfähig, je geringer der normale Inhalt
-seiner Primitivbündel wird. Auch die pathologische Erfahrung bezeichnet
-daher als die Trägerin der Contractilität eine bestimmte Substanz.
-
-Sehen wir hier zunächst ab von der Contractilität kleiner Zellen, welche
-für die Beurtheilung der sogenannten motorischen Vorgänge ohne Bedeutung
-sind, und halten wir uns an jene Erscheinungen, welche Ortsveränderungen
-zusammengesetzter Theile bedingen, so finden wir als Grund derselben
-überall muskulöse Elemente. Während man früher neben der Muskelsubstanz
-noch manche andere Dinge, z. B. das Bindegewebe (als Ganzes, nicht bloss
-in seinen Zellen) als contractil annahm, so hat sich, namentlich seit
-den wichtigen Entdeckungen von =Kölliker=, die Lehre von den Bewegungen
-im menschlichen Körper eigentlich auf jene Substanz zurückgezogen, und
-es ist gelungen, fast alle die so mannichfaltigen und zum Theil so
-sonderbaren motorischen Phänomene auf die Existenz von grösseren oder
-kleineren Theilen wirklich muskulöser Natur zurückzuführen. So liegen in
-der Haut des Menschen kleine Muskeln, ungefähr so gross, wie die
-kleinsten Fascikel von der Harnblasenwand, aus ganz kleinen Faserzellen
-bestehende Bündel, welche vom Grunde der Haarfollikel gegen die Haut
-verlaufen, und welche, wenn sie sich zusammenziehen, die Oberfläche der
-Haut gegen die Wurzel des Haarbalges nähern. Das Resultat davon ist
-natürlich, dass die Haut uneben wird und man, wie man sagt, eine
-Gänsehaut bekommt. Dies sonderbare Phänomen, welches nach den früheren
-Anschauungen unerklärlich war, wurde sofort und einfach erklärt durch
-den Nachweis jener rein mikroskopischen Muskeln, der =Arrectores
-pilorum=.
-
-[Illustration: =Fig=. 28. Kleine Arterie aus der Basis des Grosshirns
-nach Behandlung mit Essigsäure. _A_ kleiner Stamm, _B_ und _C_ gröbere
-Aeste, _D_ und _D_ feinste Aeste (capillare Arterien). _a_, _a_ Adventitia
-mit Kernen, welche, der Längenausdehnung entsprechend, anfangs in
-doppelter, später in einfacher Lage sich finden, mit streifiger
-Grundsubstanz, bei _D_ und _E_ einfache Lage mit Längskernen, hier und
-da durch Fettkörnchenhaufen ersetzt (fettige Degeneration). _b_, _b_ Media
-(Ringfaser-oder Muskelhaut) mit langen, walzenförmigen Kernen, welche
-quer um das Gefäss verlaufen und am Rande (auf dem scheinbaren
-Querschnitt) als runde Körper erscheinen; bei _D_ und _E_ immer seltener
-werdende Querkerne der Media. _c_, _c_ Intima, bei _D_ und _E_ mit
-Längskernen. Vergr. 300.]
-
-So wissen wir gegenwärtig, dass die mittlere Haut grösserer Gefässe
-grossentheils aus Elementen dieser Art besteht, und dass die
-Contractionsphänomene der Gefässe einzig und allein auf die Wirkung von
-Muskeln zurückbezogen werden müssen, welche in ihnen in Form von Ring-
-oder Längsmuskeln enthalten sind. Eine kleine Vene oder eine kleine
-Arterie kann sich nur soweit zusammenziehen, als sie mit Muskeln
-versehen ist; sie unterscheiden sich hauptsächlich durch den Umstand,
-dass entweder mehr die Längs- oder mehr die Quermuskulatur entwickelt
-ist.
-
-Diese Beispiele sind besonders geeignet zu zeigen, wie eine einfache
-anatomische Entdeckung die wichtigsten Aufschlüsse über zum Theil ganz
-weit auseinanderliegende physiologische Erfahrungen gibt, und wie an
-den Nachweis bestimmter morphologischer Elemente sofort die wichtigsten
-Verdeutlichungen von Funktionen geknüpft werden können, die ohne eine
-solche thatsächliche Voraussetzung ganz unbegreiflich sein würden oder
-eine ganz willkürliche Erklärung finden müssten.
-
-Ich übergehe es hier, über die feineren Einrichtungen des
-Nervenapparates zu sprechen, weil ich später im Zusammenhange darauf
-zurückkommen werde; sonst würde dies der Gegenstand sein, welcher hier
-zunächst anzuschliessen wäre, weil zwischen Muskel- und Nervenfasern in
-der Einrichtung vielfache Aehnlichkeiten bestehen. Zu den Nerven gehören
-aber nothwendig die Ganglienzellen, welche die einzelnen Fasern
-untereinander verbinden, und welche als die wichtigsten Sammelpunkte des
-ganzen Nervenlebens betrachtet werden müssen, und ich verspare mir daher
-die Betrachtung dieser Gebilde für spätere Capitel.
-
-Auch über die Einrichtung des Gefässapparates will ich hier nicht im
-Zusammenhange handeln, und nur so viel sagen, als nöthig ist, um eine
-vorläufige Anschauung zu geben.
-
-Das Capillar-Gefäss ist eine einfache Röhre (Fig. 4, _c_.), welche bei
-der mikroskopischen Betrachtung aus einer einfachen Haut zu bestehen
-scheint, an welcher nichts wahrzunehmen ist, als von Strecke zu Strecke
-platte Kernen, welche, wenn das Gefäss von der Fläche angesehen wird,
-dasselbe Bild darbieten, wie an den Muskelelementen, welche aber
-gewöhnlich mehr am Rande bemerkbar werden und hier pfriemenförmig oder
-oval erscheinen, indem man nur ihre scharfe Kante oder einen kleineren
-Theil ihrer Fläche wahrnimmt. In der Nähe ihres Ursprunges aus den
-Arterien schliesst sich äusserlich noch eine feine, aus Bindegewebe
-bestehende Adventitia an. Bis vor Kurzem war man allgemein der Meinung,
-dass die Capillar-Membran ganz continuirlich sei und nur aus
-pathologischen Erscheinungen schloss ich (S. 19. Fig. 10, _c_.), dass
-sie in einzelne Zellenterritorien zu zerlegen sei. Mein damaliges Schema
-ist durch Untersuchungen von =Auerbach=, =Eberth= und =Hoyer= im Jahre
-1865 als der Ausdruck einer thatsächlichen Zusammensetzung aus platten
-Zellen bestätigt worden, deren Grenzen sich durch Anwendung von
-Reagentien, namentlich von Silbernitrat deutlich nachweisen lassen. Ob
-man diese Zellen als blosse Epithelien und die Capillaren dem
-entsprechend als blosse Intercellulargänge zu betrachten habe, ist mir
-jedoch zweifelhaft, da die Entwickelungsgeschichte der Capillaren mit
-der sonst bekannten Entstehung der epithelialen Gebilde nicht ganz
-übereinstimmt.
-
-Diese einfachsten Gefässe sind es, welche wir heut zu Tage einzig und
-allein Capillaren nennen. Von ihnen können wir nicht sagen, dass sie
-sich durch eigene Thätigkeit erweitern oder verengern, höchstens dass
-ihre Elasticität eine Verengung möglich macht. Mit Ausnahme von
-=Stricker= hat niemand in neuerer Zeit an ihnen eigentliche Vorgänge der
-Contraction oder des Nachlasses derselben bemerkt. Die früheren
-Discussionen über die Contractilität der Capillaren sind wesentlich auf
-kleine Arterien und Venen zu beziehen, deren Lumen sich durch
-Contraction ihrer Muskelwand verengt oder sich bei Nachlass der
-Contraction unter dem Blutdrucke erweitert. Es war dies eine überaus
-wichtige Thatsache, welche sofort aus der genaueren histologischen
-Kenntniss der feineren und grösseren Gefässe hervorging; sie lehrte,
-dass man überhaupt nicht von allgemeinen Eigenschaften, am wenigsten von
-einer überall in gleicher Weise vorhandenen Thätigkeit der Gefässe
-sprechen kann, insofern der capillare Theil wesentlich anders gebaut
-ist, als die kleinen Arterien und Venen. Diese sind höchst
-zusammengesetzte Organe, während das Capillargefäss eine einfache Röhre
-von fest elementarem Bau darstellt.
-
-
-
-
- Drittes Capitel.
-
- Physiologische Eintheilung der Gewebe.
-
-
- Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe.
- Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen
- Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen Gruppirung:
-
- 1) Nach der Function. Motorische Elemente: muskulöse, epitheliale
- (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige (Pigment).
- Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen, Schleimgewebe.
-
- 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und Zeitgewebe.
- Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse
- (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers
- durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und
- Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie).
- Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina.
- Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer
- desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der Gewebe.
-
- 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der Gewebe
- (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende Gewebe.
- Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale Gewebe;
- unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe. Chorda
- dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe (Anlagen,
- Keimgewebe). Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine Gültigkeit
- der Entwickelungsgesetze.
-
- 4) Nach der Verwandtschaft und Abstammung. Continuitäts-Gesetz.
- Heterologe Verbindungen von Gewebselementen. Die histologische
- Substitution und die histologischen Aequivalente. Abstammung der
- Elemente (Descendenz).
-
-Die anatomische Eintheilung der Gewebe ist eine wichtige und
-unerlässliche Vorbedingung für die physiologische Betrachtung derselben,
-und es ergeben sich, wie wir gesehen haben, aus der Kenntniss des Baus
-der Theile ohne Weiteres sehr wichtige Aufschlüsse über ihre Thätigkeit.
-Allein damit allein ist es nicht gethan. Vielmehr ist eine selbständige
-physiologische Untersuchung nothwendig, um die besondere Bedeutung der
-einzelnen Gewebe zu ermitteln und für jeden Ort im Körper festzustellen,
-welche Thätigkeiten von seinen Elementen ausgehen.
-
-Ganglienzellen finden sich an den verschiedensten Orten des Körpers.
-Niemand zweifelt daran, dass sie im Gehirn eine andere Bedeutung haben,
-als am Sympathicus, an der Hirnrinde eine andere als im Streifenhügel.
-Manche Verschiedenheiten der Grösse und Gestalt, der Verbindung und
-inneren Einrichtung derselben lassen sich an diesen verschiedenen Orten
-wahrnehmen. Nichtsdestoweniger genügen diese anatomischen
-Verschiedenheiten nicht, um die physiologisch so verschiedene Energie
-der einzelnen Gruppen zu erklären.
-
-Epitheliale Zellen kommen unter den mannichfaltigsten Verhältnissen vor.
-Höchst auffallende Verschiedenheiten ihres Baues finden sich an den
-einzelnen Orten. Wir begreifen, dass eine Flimmerzelle andere Wirkungen
-hervorbringt, als ein Epidermisplättchen. Aber wir sind nicht im Stande
-zu erkennen, warum die Epithelien der Milchdrüse so wesentlich andere
-Leistungen hervorbringen, als die Epithelien der Speicheldrüsen, oder
-warum die Flimmerzellen der Hirnventrikel nicht dieselbe physiologische
-Stellung einnehmen, wie die Flimmerzellen des Uterus.
-
-Wenn wir aus der physiologischen Forschung Verschiedenheiten scheinbar
-gleichartiger Elemente erkennen, so gelangen wir damit allerdings sofort
-zu neuen Fragestellungen und Vermuthungen in Beziehung auf die weitere
-anatomische Untersuchung, und es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass
-man auf dem Wege einer derartigen Untersuchung allmählich zu einer
-ungleich grösseren Erkenntniss =der localen Verschiedenheiten in dem Bau
-und der Einrichtung histologisch gleichwerthiger Elemente= kommen wird,
-als wir sie gegenwärtig besitzen. Nur darf man bei einer solchen
-Hoffnung nicht übersehen, dass diese Histologie der Zukunft noch nicht
-existirt und dass man sich daher vorläufig mindestens noch damit
-begnügen muss, neben einer anatomischen Ordnung der Gewebe auch noch
-eine physiologische oder genauer gesagt, mehrere physiologische
-zuzulassen.
-
-In der That gibt es mehr als ein Principium dividendi für die
-physiologische Gruppirung der Gewebe. Je nach der Richtung, in welcher
-die Fragestellung geschieht, fällt auch die Antwort verschieden aus. Der
-specifische Physiolog wird zuerst immer nach der =Function= fragen.
-Welche Thätigkeit übt ein Gewebe aus? Diese Richtung der Untersuchung
-führt zu einer Eintheilung der Gewebe nach ihrer Function. Eine kurze
-Umschau ergibt sofort, dass Gewebe, welche ganz verschiedenen
-anatomischen Gruppen angehören, bei dieser Art der Betrachtung einander
-genähert werden. Frage ich nach den Geweben, deren Function Bewegung
-ist, so werde ich zunächst an die Muskeln gewiesen. Aber unzweifelhaft
-ist auch die Flimmerbewegung Bewegung, unzweifelhaft haben die
-Samenfäden Bewegung. Und doch knüpft sich hier die Bewegung an
-epitheliale Erzeugnisse, welche von den eigentlichen Muskeln anatomisch
-weit entfernt sind. Sollen wir desswegen die Samenfäden zu den
-muskulösen Elementen oder die letzteren zu den epithelialen rechnen?
-Gewiss liegt hier ebenso wenig ein Grund zu einer solchen Vereinigung
-vor, als wenn wir Schwärmsporen und Infusorien vereinigen wollten.
-Allerdings hat es eine Zeit gegeben, wo man sämmtliche Schwärmsporen zu
-den Infusorien rechnete, wo sogar die Mehrzahl der beweglichen Algen
-eben dahin gezählt wurde, aber mit Recht betrachtet man diesen
-Standpunkt als einen überwundenen.
-
-Die Bewegung »sitzt« jedoch nicht bloss in muskulösen und epithelialen
-Elementen; sie findet sich auch an bindegewebigen. Nehmen wir ein
-zugleich pathologisch interessantes Beispiel. =Axmann= hatte bei
-Fröschen gesehen, dass nach Durchschneidung der gangliospinalen Nerven
-die in der Haut zahlreich verbreiteten Pigmentzellen ihre Strahlen
-verlieren. Er nannte dies eine Atrophie und schloss daraus auf einen
-nutritiven Einfluss der gangliospinalen Nerven. Die in Frage stehenden
-Pigmentzellen sind grosse, sternförmige Bindegewebskörperchen. Bei der
-Wichtigkeit dieser Angabe beschloss ich eine experimentelle Prüfung
-derselben und veranlasste Herrn =Lothar Meyer= zu einer solchen. Alsbald
-ergab sich, dass es sich um keine Atrophie, sondern um eine Contraction
-handelte[11]. Die Zellen ziehen ihre Fortsätze ein, ihr Körper
-vergrössert sich in demselben Maasse, und das früher über eine grössere
-Fläche vertheilte Pigment häuft sich an einzelnen Stellen an. Das grobe
-Ergebniss dieser unzweifelhaften Bewegung ist eine Farbenveränderung der
-Froschhaut.
-
- [11] Mein Archiv 1854. Bd. VI. S. 266.
-
-Wir finden also, dass in allen drei Gruppen der Gewebe motorische
-Thätigkeit nachweisbar ist, und jeder Denkende wird daher auch
-veranlasst werden, seine etwaigen Betrachtungen über =motorische
-Elemente= oder noch allgemeiner über motorische Gewebe auf alle drei
-Gruppen auszudehnen. Von diesem Gesichtspunkte aus ergibt sich eine
-Eintheilung aller Gewebe in zwei Abtheilungen: motorische und nicht
-motorische. Dagegen lässt sich nicht das Mindeste sagen. Aber man darf
-auch nicht übersehen, dass diese Eintheilung eine wesentlich
-=praktische= ist. Sie mag durchaus wissenschaftlich durchgeführt werden,
-aber sie greift eine einzige Seite der Betrachtung auf, sie wählt ein
-einziges Merkmal, eine einzige Eigenschaft aus der ganzen Summe der
-Merkmale und Eigenschaften dieser Gewebe oder Elemente. Sie kann daher
-keinesweges als eine eigentlich wissenschaftliche Eintheilung gelten,
-wenngleich sie für die wissenschaftliche Betrachtung und Untersuchung
-von dem grössten =Nutzen= ist.
-
-Unter den Absonderungen hat seit den ältesten Zeiten eine das Interesse
-der Aerzte ganz besonders auf sich gezogen, die des =Schleims=. Schon in
-der koischen Priesterschule wird das Phlegma als einer der vier
-Cardinalsäfte des Körpers aufgeführt, und noch heute hat sich eine
-freilich sehr verwischte Erinnerung daran in der Bezeichnung des
-phlegmatischen Temperamentes erhalten. In der That war die glasige,
-gallertartige, gequollene Beschaffenheit des Schleims wohl geeignet, die
-Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die Häufigkeit seines
-Hervortretens unter krankhaften Verhältnissen, die nicht selten
-bedenkliche Heftigkeit der dadurch bedingten Zufälle berechtigte dazu,
-den phlegmatischen Krankheiten eine hervorragende Stelle in dem Systeme
-anzuweisen. Mehr und mehr knüpfte sich jedoch die Forschung über die
-Schleimabsonderung an die =Schleimhäute=, und als =Bichat= sein System
-der allgemeinen Anatomie aufstellte, hatte er nur eine allseitig
-anerkannte Ueberzeugung zu fixiren, indem er aus den Schleimhäuten eine
-besondere Gewebsgruppe machte. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe man
-erkannte, dass glasige Schleimabsonderungen nicht an allen Schleimhäuten
-vorkommen. Man weiss jetzt, dass wohl die Schleimhaut des Collum uteri
-ein solches Secret liefert, aber dass dies keineswegs an der
-»Schleimhaut« der Vagina oder an der des Corpus uteri der Fall ist. Das
-Ileum und die Speiseröhre sondern keine zähen Schleimmassen ab, wie sie
-so reichlich an der Schleimhaut der Luftröhre zu Tage treten.
-
-Man ist so von den Schleimhäuten zu den =Schleimdrüsen= gekommen, und
-Mancher hilft sich damit, dass er alle Schleimabsonderung auf diese
-zurückführt. Aber sonderbarerweise sind gerade manche Schleimhäute, an
-deren Oberfläche wir die zähesten und klebrigsten Schleimbeschläge
-finden, wie die der Harnblase und des Collum uteri, ungemein arm an
-Drüsen, und diese an sich ziemlich unvollkommenen Drüsen sind durchaus
-nicht als die Specialsitze der Secretion zu erkennen. Wären sie es
-jedoch, so würde man auf ihre Epithelien als auf die activen Factoren
-der Absonderung zurückkommen müssen, da bekanntlich der Schleim nicht im
-Blute präexistirt, also nicht einfach transsudiren kann. Muss man, wie
-es meiner Meinung nach nothwendig ist, auch eine Schleimabsonderung von
-der Fläche =gewisser= Schleimhäute anerkennen, so gelangt man zu
-demselben Gedanken, dass die Epithelien die Schleimabsonderer seien.
-
-Darf man nun sagen, die Schleimabsonderung sei überall die Function
-gewisser Epithelialzellen, die man =Schleimzellen= nennen kann? Die
-Erfahrung hat gelehrt, dass diese Auffassung irrthümlich ist. Ich habe
-für eine grosse Reihe physiologischer und pathologischer Gewebe den
-Nachweis geliefert, dass der Schleim in derselben glasigen,
-gallertartigen, gequollenen Weise, wie er frei an der Oberfläche der
-Schleimhäute erscheint, auch im Innern von Geweben und zwar wesentlich
-als ein =intercellularer= Stoff vorkommt. Ich sah mich deshalb
-veranlasst, ein Schleimgewebe aufzustellen, welches weder mit dem
-Schleimhautgewebe =Bichat='s, noch mit dem Schleimdrüsengewebe identisch
-ist. Es ist kein epitheliales Gewebe, sondern ein Glied in der Gruppe
-der Bindesubstanz. Nichts desto weniger wird man auch an ihm nicht umhin
-können, den intercellularen Schleim als ein Absonderungsprodukt der
-Zellen zu betrachten. Nur handelt es sich hier um eine =parenchymatöse=
-(innere) und nicht um eine oberflächliche (äusserliche) Absonderung.
-Aeusserlich kann sie erst werden, wenn an dem Schleimgewebe eine
-Ulceration eintritt, wie es bei dem Carcinoma mucosum (colloides)
-vorkommt.
-
-Es finden sich demnach Schleimzellen in zwei verschiedenen Gruppen vor:
-epitheliale und bindegewebige. Für eine Untersuchung über
-Schleimentstehung und Schleimabsonderung ist es gewiss nützlich, sich an
-die Gruppen nicht zu kehren und nur die besonderen Gewebe
-zusammenzustellen und zu vergleichen, in welchen dieser Vorgang
-vorkommt. So ist der physiologische Botaniker berechtigt, alle
-diejenigen Pflanzengewebe zusammenzustellen, in welchen Pflanzenschleim
-oder Gummi oder Amylon vorkommen, und eine solche Zusammenstellung ist
-von hohem praktischen Werthe für den Landwirth, den Kaufmann, die
-Hausfrau. Aber nichts berechtigt, eine solche praktische Eintheilung
-als die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers hinzustellen.
-
-Wenn der physiologische Specialist zuerst nach der Function fragt, so
-fragt der Patholog, auch wenn er ganz physiologisch zu Werke geht,
-zuerst nach der =Existenz= der Theile. Es erklärt sich diese Differenz
-aus dem Umstande, dass der Physiolog gesunde Verhältnisse voraussetzt
-und den Bestand des Körpers an Geweben unter solchen Verhältnissen als
-einen gegebenen und constanten betrachtet, der Patholog dagegen, durch
-traurige Erfahrungen belehrt, das Zugrundegehen und den Verlust von
-Theilen als ein nur zu häufiges Ergebniss des kranken Lebens kennt. Für
-den Arzt handelt es sich vor Allem um die =Erhaltung= der Theile.
-Wissenschaftlich analysirt, ist dies die Frage von der =Lebensdauer= und
-der =Ernährung= der Theile.
-
-Nun ist es bekannt, dass die verschiedenen Elemente des Körpers auch im
-gesunden Leibe eine sehr verschieden lange Lebensdauer besitzen und aus
-diesem Grunde auch manche Gewebe, ja selbst manche Organe nicht die
-gleiche Lebensdauer haben, wie der gesammte Körper. Die Pupillarmembran
-schwindet schon vor der Geburt, die Eihüllen werden mit der Geburt
-abgeworfen, der Nabelstrang folgt alsbald, das Wollhaar, die
-Thymusdrüse, die männliche Brustdrüse, die Milchzähne kommen nach und
-nach an die Reihe, die Eifollikel, die weibliche Brust, die Zähne und
-das Kopfhaar schwinden bald früher, bald später. Man kommt so ganz
-natürlich zu einer grossen Zweitheilung in =bleibende= (=permanente=)
-und =nicht bleibende= (=temporäre=) Gewebe, oder, wie man kurz sagen
-kann, in =Dauergewebe= und =Zeitgewebe=. Unter letzteren bilden die
-=abfälligen= (telae caducae s. deciduae) eine besondere Unterabtheilung.
-Zwischen den Dauer- und Zeitgeweben stehen in einer höchst
-eigenthümlichen Stellung die =Wechselgewebe= (telae mutabiles s.
-mutantes).
-
-Man muss jedoch sehr vorsichtig sein in der Anwendung dieser Ausdrücke.
-Unter pathologischen Verhältnissen kann ein Zeitgewebe =persistiren= und
-ein Dauergewebe =hinfällig= werden. Die Thymusdrüse kann sich bis nach
-der Pubertät erhalten, während sie sonst bald nach der Geburt schwindet.
-Die männliche Brust kann nicht bloss persistiren, sondern sich auch
-stärker entwickeln. Und umgekehrt kann bald dieses, bald jenes Gewebe
-oder Organ schwinden, »phthisisch« werden, das sonst zu den permanenten
-gehört. Ein Kind kann ohne Arme und Beine, ohne Herz und Gehirn geboren
-werden, weil schon die Anlagen im Mutterleibe verkümmerten. Ein ganzer
-Muskel, eine ganze Niere kann bis auf einen kümmerlichen Rest von
-Interstitialgewebe »atrophiren«. Ein Fuss kann durch Brand absterben
-und, wie der Nabelstrang, abgeworfen werden.
-
-An dieser Stelle, wo es sich um physiologische Verhältnisse handelt,
-berühren uns diese, der Lehre von der =Heterochronie= angehörigen Fragen
-nicht. Wir haben es hier nur mit der =natürlichen= Verschiedenheit der
-Lebensdauer einzelner Körpertheile, welche der typischen Entwickelung
-angehören, zu thun. Ein einziges, freilich sehr verbreitetes Vorurtheil
-tritt uns jedoch entgegen: ich möchte es das Vorurtheil von der
-=Allveränderlichkeit= der Körpertheile nennen. In einer bedauerlichen
-Uebertreibung wohlberechtigter Erfahrungssätze über den Stoffwechsel ist
-man dahin gekommen, zu berechnen, wie viele Jahre gewisse Theile, wie
-viele der ganze Körper gebrauche, um gänzlich erneuert zu sein. Die in
-ihrer Ausschliesslichkeit unannehmbare Lehre von der Mauserung
-(C. H. =Schultz=) hatte ein grosses Stück ihrer Popularität dieser
-Auffassung zu verdanken.
-
-Wie es möglich gewesen ist, die auffälligsten Thatsachen so sehr zu
-übersehen, ist schwer zu begreifen. Selbst ausgezeichnet hinfällige
-Theile lassen doch deutlich erkennen, dass, so lange sie existiren, ihre
-Substanz dauerhaft ist. Man mag den Zahnwechsel, wie den Haarwechsel,
-eine Mauser nennen, aber nichts berechtigt, die =Elemente= des Zahns
-oder des Haares als in fortdauernder Erneuerung begriffen anzusehen. Der
-Zahnschmelz besteht aus verkalkten Epithelien, welche, soweit wir
-wahrnehmen können, weder in ihrem Kalk, noch in ihrer organischen
-Grundsubstanz einer Erneuerung unterliegen. Das Zahnbein kann durch
-Ersatz aus der Pulpe neuen Zuwachs bekommen, aber weder seine Röhrchen,
-noch seine Intercellularsubstanz lassen erkennen, dass ihre Molekeln
-durch neue Molekeln ersetzt werden. Das Bindegewebe, diese so weit
-verbreitete und so massenhaft im Körper vorhandene Substanz, ist gewiss
-in allen seinen wesentlichen Bestandtheilen in hohem Maasse dauerhaft.
-Die Elemente der Linse, trotz ihrer Zartheit, bestehen häufig ohne
-Veränderung bis zum höchsten Alter.
-
-Diese Beständigkeit der =wesentlichen= Bestandtheile der Gewebselemente
-schliesst den Wechsel unwesentlicher nicht aus. Eine Drüsenzelle kann
-immerfort Stoffe in sich aufnehmen, sie umsetzen und die
-Umsetzungsprodukte als Secrete wieder ausscheiden, ohne dass ihr
-histologischer Bestand dadurch unmittelbar betroffen wird. Eine
-Leberzelle zeigt in der auffälligsten Weise, wie durch die Nahrung
-allerlei Stoffe in sie eingeführt und eine Zeitlang in ihr abgelagert
-werden: Fett und Glykogen sind Stoffe, die eine Zeit lang vorhanden
-sind, um später wieder zu verschwinden. Aber niemand hat dargethan, dass
-der Kern oder die Körpersubstanz der Leberzellen einem gleichen Wechsel
-unterliegt. Wir haben vielmehr allen Grund anzunehmen, dass eine
-Leberzelle von der Zeit der vollendeten Ausbildung des Organs bis zum
-höchsten Alter persistiren kann, ohne dass sie in allen ihren
-Bestandtheilen einer Erneuerung unterlegen hat. Auch in dem einzelnen
-Gewebs-Element (wenngleich keineswegs in jedem) muss man daher
-=Dauerstoffe= und =Wechselstoffe= (=Verbrauchsstoffe=) unterscheiden.
-
-Das Verhältniss dieser Stoffe zu einander kann zu verschiedenen Zeiten
-in demselben Elemente sehr verschieden sein. Die grossen glatten
-Muskelfasern des schwangeren Uterus enthalten offenbar ungleich mehr
-Verbrauchsstoffe, als die überaus kleinen und gleichsam verkümmerten des
-ruhenden Uterus. Eine prall gefüllte Fettzelle besteht dem Volumen nach
-fast ganz aus Wechselstoff; eine atrophische kann beinahe vollständig
-auf ihre Dauerstoffe zurückgeführt sein. Was wir Stoffwechsel nennen,
-ist eben keine einfache Umschreibung für Ernährung, wenigstens nicht für
-Ernährung im strengeren Sinne des Wortes, wo es die auf =Erhaltung des
-Elementes gerichtete Thätigkeit= bezeichnet. Mit dieser letzteren haben
-wir es im Augenblicke allein zu thun. Denn Dauergewebe in unserem Sinne
-sind solche Gewebe, welche der Regel nach während des ganzen
-entwickelten Lebens sich erhalten; Zeitgewebe solche, welche sich nur
-für eine gewisse Zeit erhalten und dann »auf natürliche Weise sterben«.
-
-Auch hier müssen wir vor einer Verwechselung warnen. Ein Gewebe kann
-aufhören zu existiren, ohne dass es stirbt oder hinfällig wird. Das
-subcutane Schleimgewebe des Fötus findet sich nicht mehr im Erwachsenen
-und doch ist es weder geschwunden, noch gestorben. Im Gegentheil, es
-lebt fort in einer anderen Gestalt, nehmlich als Fettgewebe. Seine
-Zellen existiren noch, sie erhalten sich durch fortdauernde Ernährung,
-obwohl sie mit Fett gefüllt sind. Hier handelt es sich also um eine
-=Gewebsumwandelung= (Metamorphose, Metaplasie). So hört der Zeitknorpel
-auf zu existiren, aber seine Elemente bestehen fort, obwohl sie nicht
-mehr Knorpel-, sondern Mark- oder Knochenkörperchen sind. Der
-Zeitknorpel verknöchert und wenngleich keineswegs, wie man früher
-annahm, seine organische Grundlage ganz und gar in dem Knochen als
-sogenannter Knochenknorpel fortbesteht, so sind doch seine Zellen in die
-neue Bildung eingegangen. In diesen =Wechselgeweben= finden wir also
-=Persistenz der Zellen bei Veränderung des Gewebscharakters=.
-
-Manche abfälligen Gewebe (telae caducae) bieten gerade das umgekehrte
-Bild dar. Die Zellen fallen ab, ohne dass der Charakter des Gewebes
-überhaupt aufhört zu existiren. Das beste Beispiel dafür bietet uns die
-Epidermis. Die obersten Schichten derselben bestehen eigentlich nicht
-mehr aus lebenden Elementen. Es sind kernlose, verhornte,
-zusammengetrocknete Schüppchen, welche noch eine Zeit lang der Unterlage
-einen Schutz gewähren, aber welche ausser Stande sind, selbst die
-niederste Leistung des Lebens, die Selbsterhaltung, auszuführen. Sie
-werden endlich lose und blättern ab, wie die Rinde eines Baumes. Aber
-schon ist neuer =Nachwuchs= da, der an ihre Stelle tritt. Immer neue
-epidermoidale Theile gehen aus dem Rete hervor und trotz aller Verluste
-an der Oberfläche erhält sich die Oberhaut als Gewebe. Aehnlich ist es
-mit den Epithelien mancher Drüsen (Milchdrüse), mit dem Blute und der
-Lymphe.
-
-Unter pathologischen Verhältnissen erreichen die hier erwähnten
-Verhältnisse ein ungleich höheres Maass und sie werden in demselben
-Grade auffälliger. An der Oberhaut sind es die =desquamativen= Prozesse,
-welche in der allergröbsten Form die allmähliche Abblätterung der
-oberflächlichen Epidermisschichten erkennen lassen. Eine ähnliche
-Abblätterung zeigt der Nagel, während die Haare zerklüften und
-»zerfasern«. Aber auch an Schleimhäuten geschieht Aehnliches: die
-desquamativen Katarrhe des Darms, der Niere und Harnblase, der Scheide
-(Fluor albus) bringen die abgelösten Epithelien bald in Form
-zusammenhängender Lamellen und Fetzen, bald als isolirte Zellen zu Tage.
-
-Aber wir würden das Hauptbeispiel übergehen, wenn wir nicht jener
-eigenthümlichen Erscheinung gedächten, von welcher ich den Namen für
-diese Gruppe hergenommen habe: ich meine die Ablösung der =Decidua
-uterina= bei der Geburt und während des Wochenbettes, sowie in den
-selteneren Fällen des Abortus und der Dysmenorrhoea membranacea. Auch
-diese Haut galt bis in die neuere Zeit als eine Exsudathaut, als eine
-Pseudomembran von mehr oder weniger strukturloser Beschaffenheit
-(membrane anhiste =Robin=). Erst das genauere Studium ihrer Entwickelung
-hat gelehrt, dass die Decidua keine Pseudomembran, kein Exsudat ist,
-sondern ein durch Wucherung vergrösserter Theil der Uterinschleimhaut
-selbst[12]. Sie ist dem entsprechend auch nichts weniger als
-strukturlos, sondern sie besteht durch und durch aus deutlich geformten
-Geweben. Aber zum Unterschiede von den bloss desquamativen Prozessen,
-welche nur das Epithel betreffen, greift die Decidua-Bildung tief in das
-eigentliche Gewebe der Uterinschleimhaut, denn dasjenige, was sich als
-puerperale Decidua löst, besteht zum grösseren Theile aus stark
-vergrösserten Zellen des Bindegewebes. Selbst Gefässe sind durchaus
-keine Seltenheit in der Decidua, wie sie sich von den Eihäuten des
-Neugebornen ablösen lässt. Aber, wie bei der Desquamation, so bleibt
-auch hier ein Theil des Gewebes sitzen, und dieser dient später als
-Matrix für die regenerative Neubildung.
-
- [12] =Froriep='s Neue Notizen 1847. März. No. 20. Gesammelte
- Abhandlungen zur wissenschaftl. Medicin Frankf. 1856. S. 775.
-
-Sowohl von den Wechselgeweben, als von den hinfälligen Geweben
-unterscheiden sich die =einfachen Zeitgewebe= (telae temporariae)
-dadurch, dass ihre Elemente zu Grunde gehen (absterben), aber nicht
-durch neue ersetzt werden. Der =Meckel='sche Knorpel, ein langer und
-starker Faden, der sich beim Fötus von dem mittleren Ohr aus an der
-inneren Seite des Unterkiefers bis zur Symphyse des Kinns erstreckt,
-schwindet schon mit dem 8. Fötalmonat bis auf die daraus gebildeten
-Hammer und Ambos. Die Thymusdrüse, eine der grössten Lymphdrüsen des
-Körpers, »atrophirt« nach der Geburt gänzlich; alle ihre unzähligen
-Zellen (Lymphkörperchen) verschwinden; jede Erinnerung ihres
-lymphatischen Baus geht verloren; an ihrer Stelle findet sich später nur
-ein kümmerlicher Rest losen Fett- und Bindegewebes. Unter der Ausbildung
-der Keilbeinhöhlen verschwindet fast alles vorhandene Knochengewebe und
-Mark aus den sphenoidalen Wirbelkörpern, ohne auch nur eine Spur zu
-hinterlassen. Die Nabelarterien obliteriren nach der Geburt, d. h. sie
-verstreichen, ohne dass in den Ligamenta vesicae lateralia, welche an
-ihre Stelle treten, ein erkennbarer Rest ihrer meist so mächtigen
-Muscularis übrig bleibt.
-
-Unter Umständen kann das grosse Endergebniss bei den abfälligen Geweben
-demjenigen bei den einfachen Zeitgeweben sehr ähnlich sein. Wenn
-epidermoidale Theile immerfort abfallen, so ist die Persistenz des
-Gewebes, wie wir gesehen haben, nur durch Nachwuchs möglich. Hört jedoch
-der Nachwuchs gänzlich auf, so wird auch der Defect ein vollständiger
-und dauernder. Dies kommt allerdings bei der eigentlichen Epidermis nur
-unter erschwerenden pathologischen Verhältnissen vor, z. B. bei gewissen
-nässenden Exanthemen; auch beim Nagel nur bei wirklichen Krankheiten des
-Falzes. Aber es ist ein sehr gewöhnliches Ereigniss bei den Haaren, wenn
-ihre Matrix, die Haarzwiebel verödet. Es tritt dann dauernde Alopecie
-ein.
-
-Die Dauerhaftigkeit eines Gewebes ist in keiner Weise abhängig von
-seiner Festigkeit. Im Gegentheil zeigt sich bei genauerer Untersuchung,
-dass gerade die Weichtheile (Gehirn und Nerven, Muskeln, manche Drüsen)
-sich einer grossen Beständigkeit ihrer Elemente erfreuen, während das
-Knochengewebe, nächst dem elastischen das festeste des ganzen Körpers,
-durchaus nicht jene Starrheit und Unveränderlichkeit zeigt, welche
-sprüchwörtlich geworden ist. Die Verknöcherung schützt nicht vor dem
-Wechsel. Mit verhältnissmässiger Leichtigkeit wird das Knochengewebe
-wieder weich und verwandelt sich durch Metaplasie in Mark.
-
-Wir stossen hier auf eine neue und nicht wenig verwirrende Eigenschaft
-der thierischen Gewebe. =Dasselbe Gewebe kann je nach dem Orte, an dem
-es vorkommt, ein Dauer-, ein Wechsel- und ein Zeitgewebe sein=.
-Unzweifelhaft bestehen gewisse Theile der Knochen mindestens von der
-Pubertät an, manche schon länger, bis zum Tode, sind also
-ausgezeichnetes Dauergewebe. Andere dagegen tragen in ebenso
-ausgezeichnetem Sinne den Charakter des Wechselgewebes, indem sie mit
-fortschreitendem Alter sich in Mark verwandeln. Andere endlich, wie das
-Keilbein, gewisse Theile des Felsenbeins schwinden schon bald nach der
-Pubertät und an ihre Stellen treten, wie bei den Vögeln, luftführende
-Räume. Es gibt also eine tela ossea permanens, eine t. o. mutans und
-eine t. o. temporaria s. transitoria. Von den Knorpeln ist es längst
-anerkannt, dass es Dauerknorpel (cartilagines permanentes) und
-Zeitknorpel (cartilagines temporariae) gibt. Man kann demnach auf Grund
-der Lebensstatistik der Gewebe keine allgemeingültige Eintheilung
-derselben machen, sondern man kann nur für =die einzelnen Orte= im
-Körper statistisch feststellen, ob ein bestimmtes Gewebe an =dieser=
-Stelle permanent oder nur temporär vorkommt.
-
-Eine solche Kenntniss ist aber unentbehrlich für die Uebersicht der
-Lebensvorgänge. Indem wir ersehen, dass die Thymusdrüse im ersten
-Lebensjahre schon hinschwindet, während die übrigen Lymphdrüsen bis zum
-Greisenalter und zum Tode aushalten, indem wir lernen, dass die Gefässe
-des Glaskörpers schon vor der Geburt obliteriren, während die der Retina
-fortbestehen, indem wir erkennen, dass der =Müller='sche Faden beim
-Manne früh obliterirt, während der =Wolff='sche Gang sich zum Vas
-deferens entwickelt, so erschliesst sich uns sofort der Einblick in eine
-Reihe bemerkenswerter Eigenthümlichkeiten der Entwickelung. Dass die
-Schädel-Synchondrosen früh verknöchern, während die Wirbel-Synchondrosen
-knorpelig blieben, dass das Schleimgewebe um die Niere in Fettgewebe
-übergeht, während dasjenige im Glaskörper seine Beschaffenheit bewahrt,
-ist auf den ersten Blick schwer verständlich, aber nothwendig zu wissen,
-um die Local-Geschichte und örtliche Bedeutung der Gewebe zu würdigen.
-
-Die Local-Geschichte der Gewebe erhält jedoch ihre Vervollständigung
-erst durch eine genaue =Zeitbestimmung=, bei der sowohl Anfang, als Ende
-des Gewebes festzustellen ist. Wir kommen damit auf die ebenso
-schwierige, als wichtige =genetische= Untersuchung, deren Einführung in
-die moderne Pathologie ich seit einer langen Reihe von Jahren mit
-besonderem Eifer zu fördern bestrebt gewesen bin. Nicht alle Gewebe des
-Körpers entstehen zu derselben Zeit und nicht alle sterben zu gleicher
-Zeit. Auch in dieser Beziehung stellt der Organismus keine Einheit dar,
-sondern nur eine Gemeinschaft, und die Bezeichnungen, welche wir für die
-Entwickelungsperioden des Gesammt-Organismus mit Recht wählen, passen
-keineswegs für die einzelnen Theile und Gewebe. =Es gibt jugendliche
-Gewebe im hohen Greisenalter und senescirende[13] Gewebe im Fötus=.
-Selbst der Bulbus des ergrauten Haares erzeugt doch immer noch neue
-Elemente und bis zum Tode hin strömen immer wieder junge Blutkörperchen
-in die Gefässe ein. Andererseits sieht schon das fötale Leben zahlreiche
-Elemente zu Grunde gehen. Der =Meckel=sche Knorpel und der =Wolff='sche
-Körper sind grösstentheils verschwunden, wenn das Kind zur Welt kommt;
-die Pupillarmembran, die Vasa omphalomesaraica haben um dieselbe Zeit
-aufgehört zu existiren. Manche Gewebe lassen sich in eine
-=allgemein-chronologische Reihenfolge= bringen. Schleimgewebe ist im
-Allgemeinen früher da, als Fettgewebe; Knorpel früher, als Knochen.
-Rothe Blutkörperchen sind jünger, als farblose. Aber dies gilt nicht
-allgemein. Denn die Bildung des Schleimgewebes ist nicht überhaupt
-abgeschlossen, wenn die des Fettgewebes beginnt; sie ist nur
-abgeschlossen an der Stelle, wo Schleimgewebe in Fettgewebe übergeht. An
-anderen Orten kann neues Schleimgewebe entstehen, während das früher
-vorhanden gewesene seine Metaplasie längst gemacht hat. Farblose
-Blutkörperchen bilden sich von Neuem, nachdem unzählige rothe zu Grunde
-gegangen sind. =Dieselbe Art von Gewebe kann also an einem Orte jünger,
-an einem anderen Orte älter sein=. An der Epiphyse eines Röhrenknochens
-beginnt die Knochenbildung zu einer Zeit, wo die Diaphyse schon seit
-Monaten zum grossen Theil verknöchert ist. An den Lippen erreicht die
-Haarbildung zur Zeit der Pubertät die Stärke, welche sie an der
-Schädelhaube schon in dem ersten Lebensjahre zu zeigen pflegt.
-
- [13] Mein Handbuch der spec. Path. u. Ther. 1854. Bd. I. S. 310.
-
-Manche sonst verdiente Forscher haben den Sinn solcher Erscheinungen
-gänzlich verkannt. Sie sprechen z. B. von =embryonalen= oder =fötalen=
-Geweben im Erwachsenen. Dies ist ein blosses Spiel mit Worten. Ein
-Gewebe, welches schon im Embryo vorhanden ist und sich als solches
-extrauterin erhält, ist darum kein embryonales. Permanenter Knorpel,
-permanentes Schleimgewebe sind eben so wenig embryonal, als die
-Krystalllinse oder die Hornhaut. Wenn jedes Gewebe, das sich im
-Erwachsenen so vorfindet, wie es im Fötus besteht, fötal genannt werden
-sollte, so könnte man auch die Epidermis des inneren Präputialblattes
-fötal nennen, weil sie feucht zu sein pflegt und eine Vernix caseosa
-liefert. Embryonal im strengeren Sinne des Wortes (d. h. dem Embryo
-angehörig) ist nur ein =unfertiges=, =unreifes= oder =Uebergangs=-Gewebe
-aus der früheren Zeit des intrauterinen Lebens. Embryonale Muskeln sind
-schmale und verhältnissmässig kurze Cylinder oder Faserzellen mit
-schmalen Lagen von Fleischsubstanz im Innern. Embryonale Nerven haben
-noch keine Markscheide. Embryonales Bindegewebe hat noch runde Zellen
-und eine nicht-faserige Zwischensubstanz. Aber nicht jedes unfertige
-Gewebe ist darum embryonal. Das Rete Malpighii, die Haarzwiebel, die
-Zahnpulpe sind und bleiben unfertige Gewebe, denn es soll aus ihnen
-Epidermis, Haar, Zahnbein entstehen. Sie werden überhaupt niemals
-fertig, denn sie sind eben zum Nachwuchs bestimmt, sie sind
-=Matricular-Gewebe=, welche nicht bloss den Mutterboden für die
-=Ersatzzellen= darstellen, sondern welche aus sich selbst durch
-=Proliferation= diese Ersatzzellen hervorbringen. Die Mehrzahl der
-gewöhnlichen Matricular-Gewebe findet sich daher in Verbindung mit
-abfälligen Geweben; eine kleinere Zahl besorgt gelegentlich das
-Ersatz-Geschäft für die Wechselgewebe, z. B. Knorpel und Beinhaut für
-den Knochen. Zwischen der Matrix und dem daraus hervorgegangenen
-Tochtergewebe ist die Stelle, wo man das =Uebergangsgewebe= (tela
-transitoria) zu suchen hat, und nur in dem Falle, dass die ganze Matrix
-durch die Proliferation aufgezehrt wird, wie es im Ovulum geschieht,
-welches in seiner Totalität in Bildungszellen aufgeht, tritt das
-Uebergangsgewebe als eigentlich embryonales für eine gewisse Zeit
-hindurch scheinbar ganz selbständig auf.
-
-Wirklich embryonal sind eben nur Gewebe des Embryo. Der Nabelstrang
-z. B. besteht seinem grössten Theile nach aus embryonalem Schleimgewebe;
-der Glaskörper des Embryo desgleichen. Aber man hat kein Recht, auch den
-Glaskörper des Erwachsenen aus embryonalem Schleimgewebe bestehen zu
-lassen, bloss deshalb, weil das Schleimgewebe in ihm persistirt. Hier
-liegt vielmehr ein Dauergewebe vor, welches mit dem Augenblicke der
-Geburt aufgehört hat, embryonal zu sein.
-
-Es giebt vielleicht kein Gewebe, welches in einem so hohen Maasse den
-Charakter eines embryonalen Zeitgewebes an sich trägt, als die =Chorda
-dorsualis= (Notochorde R. =Owen=). Es ist dies ein aus grossen, blasigen
-Zellen zusammengesetzter Strang, welcher ursprünglich durch die
-ganze Ausdehnung der später von den Wirbelkörpern und den
-Zwischenwirbelscheiben eingenommenen Region vom Keilbein bis zum
-Steissbein hindurchläuft. Er stellt ein fast reines Zellengewebe dar,
-welches man versucht sein könnte, den Epithelialformationen anzureihen,
-wenn er nicht seiner ganzen Stellung nach den Geweben der Bindesubstanz
-angehörte. Indes bleibt die Intercellular-Secretion an ihm auf ein
-Minimum beschränkt. Früher nahm man allgemein an, dass nur bei den
-niedrigsten Fischen die Chorda persistire, dass sie dagegen bei allen
-höheren Wirbelthieren und namentlich beim Menschen ein rein embryonales
-oder fötales Gewebe sei, welches schon vor der Geburt gänzlich
-verkümmere. Erst =Heinrich Müller= hat dargethan, dass ein Theil der
-Chorda sich noch nach der Geburt erhält. Daraus folgt, dass genau
-genommen selbst dieses Gewebe den Namen eines embryonalen nur während
-einer gewissen Zeitdauer verdient; der laxere Gebrauch, auch die nach
-der Geburt noch fortbestehenden Theile fötal zu nennen, rechtfertigt
-sich nur dadurch, dass dieselben in der That nur einen für das spätere
-Leben bedeutungslosen Rückstand einer fötalen Bildung darstellen.
-
-Eine derartige Concession darf jedoch nicht zu immer weiteren
-Forderungen gemissbraucht werden. Was soll man davon sagen, wenn im
-Ernst von einigen Schriftstellern erklärt wird, das Schleimgewebe sei
-embryonales oder fötales Bindegewebe? Sieht man nicht, dass man mit
-gleichem Rechte das Knorpelgewebe aus der Reihe der selbständigen Gewebe
-streichen und dasselbe einfach als embryonales Knochengewebe bezeichnen
-könnte? Ich will gar nicht davon sprechen, dass nicht einmal die
-vorausgesetzte Thatsache richtig ist, indem das Schleimgewebe gewöhnlich
-in Fettgewebe, aber nicht in eigentliches Bindegewebe übergeht. Aber
-gesetzt, es wäre richtig, dass Schleimgewebe das Bildungsgewebe für
-Bindegewebe sei, so muss man sich doch darüber klar werden, dass nicht
-jedes =Bildungsgewebe= (tela formativa s. formans) embryonal genannt
-werden kann, gleichviel zu welcher Zeit des Lebens es sich findet. Es
-gibt dreierlei Arten von Bildungsgewebe: =Matriculargewebe= (Matrices)
-im engeren Sinne des Wortes, welche durch Proliferation, also durch
-Hervorbringung neuer Elemente, ein Tochtergewebe erzeugen, neben welchem
-sie fortbestehen, =blosse Vorgewebe= (telae praecursoriae), welche durch
-die Proliferation verzehrt werden und nach der Erzeugung der neuen
-Gewebe nicht mehr vorhanden sind, und endlich =Uebergangsgewebe= (telae
-transitoriae), welche sich durch Metaplasie, ohne wesentliche
-Veränderung in der Zahl ihrer Elemente, in andere Gewebe umbilden. Im
-Embryo kommen alle drei Arten vor, und man fasst sie gelegentlich wohl
-unter dem Sammtnamen der =Anlagen= oder =Keimgewebe= (telae
-germinativae) zusammen.
-
-Die Eizelle ist gewissermaassen der Prototyp eines Vorgewebes, denn
-obwohl durch fortschreitende Proliferation aus ihr die späteren Gewebe
-des Embryo hervorgehen, so hört sie selbst doch auf zu existiren. Sie
-verhält sich in dieser Beziehung, wie jene Epithelialzellen, aus deren
-Wucherung die von ihnen selbst ganz verschiedenen Drüsenzellen
-hervorgehen. So erklärt es sich, dass auch die Drüsenbildung eine
-einmalige ist, die sich nicht fortsetzt oder wiederholt, wie die Bildung
-der Haare oder des Nagels oder der Epidermis, bei denen ein gewisser
-Theil der germinativen Zellen als Matrix persistirt. Die Haarzwiebel,
-die Falzzellen des Nagels, das Rete Malpighii wuchern ebenfalls, aber
-nicht alle ihre Elemente gehen gleichzeitig oder kurz nach einander in
-das neue Gewebe auf. So ist der Knorpel eine wahre Matrix, die trotz
-reichlichster Wucherung an den meisten Orten noch einen gewissen Rest
-unversehrter Substanz übrig behält, aus welcher immer wieder von Neuem
-Mark und Knochengewebe erzeugt werden können. Allerdings besteht, wie
-leicht ersichtlich, zwischen den Vorgeweben und den Matriculargeweben
-keine scharfe Grenze. Die Bildung der Krystallinse wird frühzeitig
-abgeschlossen, und, wie wir gesehen haben, niemals später wird nach dem
-Verlust derselben eine neue vollständige Linse regenerirt.
-Nichtsdestoweniger persistirt ein gewisser Theil der germinativen Zellen
-und eine unvollständige Reproduction der Linse ist daher allerdings
-möglich. Das Kapsel-Epithel ist demnach mehr als Matrix und nicht als
-blosses Vorgewebe aufzufassen.
-
-Manche embryonale Gewebe erscheinen unter Verhältnissen, wo man versucht
-wird, sie entweder für Matriculargewebe oder wenigstens für Vorgewebe zu
-halten. Die Chorda dorsualis liegt inmitten der späteren Wirbelkörper
-und ihr knorpelartiger Charakter legte es nahe, in ihr die erste Anlage
-der späteren Wirbelkörper und zwar namentlich der knorpeligen Matrices
-derselben zu sehen. In der That hat man geglaubt, dass aus ihr oder doch
-aus ihrer Scheide die Vertebralknorpel hervorgingen. Erst die neuere
-Forschung hat gelehrt, dass dies ein Irrthum war, indem die Knorpel
-ausserhalb der Chorda und ihrer Scheide entstehen. Aehnlich war es mit
-dem sogenannten Meckel'schen Knorpel, dessen Lage in unmittelbarer
-Verbindung mit dem Unterkiefer es wahrscheinlich machte, dass er
-wirklich die Matrix des Unterkiefers sei. Aber auch hier erweist sich
-der Knochen als eine äussere Belagsmasse des Knorpels. Während der
-letztere daher sich hier als ein rein fötales Zeitgewebe darstellt, so
-gehen aus seinem hinteren Ende allerdings der Hammer und Ambos,
-namentlich in sehr deutlicher Weise der Hammerfortsatz hervor, und es
-erweist sich daher dasselbe Gebilde, welches an seinem vorderen Ende
-eine bloss temporäre Bedeutung hat, in seinem hintersten Abschnitte als
-ein wirkliches Vorgewebe.
-
-Was die Uebergangsgewebe betrifft, so entstehen sie entweder aus den
-Vorgeweben oder aus Matriculargeweben. Die aus der Furchung der Eizelle
-entstehenden Ur- oder Bildungszellen (cellulae primordiales s.
-formativae) bieten ein schönes Beispiel dafür. Die farblosen
-Blutkörperchen stehen ihnen nahe. Manche Uebergangselemente zeichnen
-sich durch ganz besondere, sonst fast gar nicht normal vorkommende
-Formen aus. Ich erinnere in dieser Beziehung an die vielkernigen
-Riesenzellen des Knochenmarks. Andere Uebergangselemente wiederum haben
-so indifferente und gleichmässige Formen, sie stellen so sehr die
-einfachste Erscheinung =nicht differenzirter= Zellen dar, dass man
-gerade deshalb vielfach geneigt ist, sie sämmtlich zu identificiren,
-und, wie früher unter dem Namen von =Primordial=- oder =Exsudatzellen=,
-so jetzt unter dem der farblosen Blutkörperchen zusammenzufassen. Gerade
-im Knochenmark, wie in der Milz, kommen neben grossen und vielkernigen
-Elementen solche kleine, runde, einfache Zellen sehr häufig vor.
-
-Der entwickelte Organismus zeigt in allen diesen Beziehungen keine
-durchgreifenden Verschiedenheiten von dem fötalen. Die blosse Form der
-Elemente oder Gewebe genügt daher keineswegs, dieselben für fötal oder
-embryonal auszugeben. =Die Gesetze der Entwickelung gelten für alle
-Zeiten des Lebens=, und wenn dieselben nicht zu allen Zeiten in gleicher
-Ausdehnung und Häufigkeit zur Geltung kommen, so darf man darüber nicht
-vergessen, dass die Bedingungen nicht zu allen Zeiten gleiche sind. Eine
-correcte Terminologie ist aber nur zu gewinnen, wenn wir jedem
-Lebensalter seine besondere Beziehung lassen. Gerade die Pathologie muss
-in dieser Beziehung besonders streng sein, da ihr Erfahrungsgebiet eine
-grosse Reihe von Erscheinungen umfasst, welche im gewöhnlichen Leben auf
-gewisse Zeiten der Entwickelung, z. B. auf das embryonale Leben
-beschränkt sind, welche aber unter krankhaften Verhältnissen zu ganz
-ungehörigen Zeiten auftreten. Muskel- und Nervenfasern von ganz
-embryonalem Charakter können im Zeitalter der Pubertät oder noch später
-entstehen, aber wenn man sie ihres Charakters wegen embryonal nennen
-wollte, so würde man Gefahr laufen, die grösste Verwirrung
-hervorzurufen.
-
-Es erhellt aus diesen Erörterungen, dass wir trotz der Wichtigkeit der
-physiologischen Gesichtspunkte doch einer rein anatomischen
-Classification der Gewebe nicht entbehren können. Sie bildet für die
-Physiologie und Pathologie eine ebenso nothwendige Grundlage, wie die
-anatomische Classifikation der Pflanzen und Thiere für die Botanik und
-die Zoologie. Gleichwie jedoch der Botaniker und der Zoolog jede
-einzelne Species und Varietät, ja wie der Gärtner und der Viehzüchter
-jedes Individuum von Baum und Thier besonders in seinen Eigenschaften
-und Eigenthümlichkeiten studiren muss, so wird auch der Physiolog und
-noch mehr der Patholog auf eine gleiche Individualisirung und
-Localisirung seiner Forschungen hingewiesen.
-
-Bevor ich jedoch diese Betrachtungen schliesse, muss ich noch ein Paar
-Augenblicke bei der Erörterung einiger wichtiger principieller Punkte
-verweilen, welche die thierischen Gewebe in ihrer Verwandtschaft unter
-einander und Abstammung von einander betreffen, und welche wiederholt zu
-allgemeinen, mehr physiologischen Formulirungen Veranlassung gegeben
-haben.
-
-Als =Reichert= es unternahm, die Gewebe der Bindesubstanz zu einer
-grösseren Gruppe zusammenzufassen, ging er hauptsächlich von dem
-philosophischen Satze aus, dass der Nachweis =der Continuität der
-Gewebe= über ihre innere Verwandtschaft entscheiden müsse. Sobald man
-erkennen könne, dass irgend ein Theil mit einem andern continuirlich
-(durch inneren Zusammenhang, nicht durch blosses Zusammenstossen)
-verbunden sei, so müsse man auch beide als Theile eines
-gemeinschaftlichen Ganzen betrachten. Auf diese Weise suchte er zu
-beweisen, dass Knorpel, Beinhaut, Knochen, Sehnen u. s. f. wirklich ein
-Continuum, eine Art von Grundgewebe des Körpers bildeten, die
-=Bindesubstanz=, welche an den verschiedenen Orten gewisse
-Differenzirungen erfahre, ohne dass jedoch der Charakter des
-Gewebes als solchen dadurch aufgehoben würde. Dieses sogenannte
-=Continuitäts-Gesetz= hat bald die grössten Erschütterungen erfahren,
-und gerade in der jüngsten Zeit sind so gefährliche Einbrüche in
-dasselbe geschehen, dass es kaum noch möglich sein dürfte, daraus ein
-allgemeines Kriterium für die Bestimmung der Art eines Gewebes
-herzunehmen. Man hat immer neue Thatsachen für die Continuität solcher
-Gewebs-Elemente beigebracht, welche nach =Reichert= toto coelo
-auseinander gehalten werden müssten, z. B. von Epithelial- und
-Bindegewebe; insbesondere haben sich die Angaben gehäuft, dass
-cylindrische Epithelzellen in fadenförmige Fasern auslaufen, welche
-direct in Zusammenhang treten mit Bindegewebs-Elementen, z. B. am Darm.
-Ja, man hat sogar in der neuesten Zeit eine Reihe von Angaben gemacht,
-nach denen solche Zellen der Oberfläche nach Innen fortgehen und dort
-mit Nervenfasern in unmittelbarem Zusammenhang stehen sollten, z. B. am
-Gehirn. Was das letztere betrifft, so muss ich bekennen, dass ich noch
-nicht von der Richtigkeit der Darstellung überzeugt bin, allein
-was den ersteren Fall anbelangt, so besteht ein wirkliches
-Continuitäts-Verhältniss der Elemente. Man ist also nicht mehr im
-Stande, scharfe Grenzen zwischen jeder Art von Epithel und jeder Art von
-Bindegewebe zu ziehen; es ist dies nur da möglich, wo Plattenepithel
-sich findet, und auch hier nicht überall, während die Grenzen
-zweifelhaft sind überall, wo Cylinder-Epithel existirt.
-
-Ebenso verwischen sich die Grenzen auch anderswo. Während man früher
-zwischen Muskel- und Sehnen-Elementen eine scharfe Grenze annahm, so hat
-sich auch hier, zuerst durch =Hyde Salter= und =Huxley=, ergeben, dass
-an die Elemente des Bindegewebes direct Faserzellen sich anschliessen,
-welche nach und nach den Charakter quergestreifter Muskeln annehmen. Auf
-diese Art ergeben sich in dem Bindegewebe sowohl mit den Elementen der
-Oberfläche, als mit den edleren Elementen der Tiefe continuirliche
-Verbindungen. Erwägt man nun andererseits, dass die Elemente des
-Bindegewebes aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmte Beziehungen zu dem
-Gefässapparat, insbesondere zu den Lymphgefässen haben, so liegt es sehr
-nahe, in dem Bindegewebe eine Art von =indifferentem Sammelpunkt=, eine
-eigenthümliche Einrichtung für die innere Verbindung der Theile zu
-sehen, eine Einrichtung, die allerdings nicht für die höheren Funktionen
-des Thieres, aber wohl für die Ernährung und Entwickelung von der
-allergrössten Bedeutung ist.
-
-Noch viel auffälliger sind die Beziehungen zwischen den letzten
-Verzweigungen der peripherischen Nerven und den Elementen anderer
-Gewebe. Seit =Doyère= hat sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich der
-Verbindung zwischen den letzten Ausläufern der motorischen Nerven und
-den Muskelprimitivbündeln zugewendet, und es ist nicht mehr zweifelhaft,
-dass die ersteren das Sarkolemm durchbohren und in direkten Contakt mit
-der Fleischsubstanz treten. Noch weiter gehen die Verbindungen zwischen
-den terminalen Nerven und den Epithelien. =Hensen= hat in Froschlarven
-die Nervenfädchen bis zu den Kernkörperchen der Hautepithelien verfolgt;
-=Lipmann= hat Aehnliches an dem hinteren Epithel der Hornhaut und selbst
-an den Körperchen der Hornhaut wahrgenommen. =Pflüger= sah die letzten
-Nervenausläufer an die Zellen der Speicheldrüsen treten.
-
-An die Stelle des Continuitätsgesetzes muss man daher nothwendig etwas
-Anderes setzen. Nicht der Zusammenhang zwischen den Theilen, welcher
-möglicherweise erst einer späteren Entwickelungszeit angehört, und
-welcher Verbindungen zwischen Theilen sehr verschiedener Natur
-herbeiführen kann, sondern die Entstehung ist entscheidend. Die
-Verwandtschaft der Gewebe führt zurück auf eine =gemeinsame Abstammung=
-(Descendenz). Allerdings lehrt die Geschichte des befruchteten Ei's,
-dass in letzter Abstammung die verschiedenartigsten Gewebe von einem
-gemeinschaftlichen Anfange ausgehen, aber in dem Fortgange der
-Proliferation kommen wir an gewisse Stadien, wo die einzelnen Zellen
-oder Zellengruppen ihre Differenzirung beginnen, und von hier aus kehrt
-jede Zelle oder Zellengruppe ihre besondere Eigenthümlichkeit heraus.
-Eine gewisse Familienähnlichkeit kann ihnen allen anhaften;
-nichtsdestoweniger geht eine jede Gruppe ihren eigenen Weg, der von dem
-der anderen verschieden ist. Bei Menschen einer bestimmten Race finden
-sich gewisse Eigenschaften der Haare und der Haut, des Schädel- und
-Zahnbaus, der Grösse und des Umfanges der verschiedensten Skelettheile
-mit so grosser Beständigkeit wieder, dass wir aus einzelnen Merkmalen
-auf die Anwesenheit der anderen schliessen können. Der gemeinsame
-Ursprung aller Gewebe von dem einen befruchteten Ei gibt die allerdings
-nur grobe Erklärung dieser Erfahrung. Von Zelle zu Zelle pflanzt sich
-wenigstens etwas aus dem ursprünglichen Vorgewebe fort. Je mehr sich die
-Matriculargewebe ausbilden, um so sichtbarer wird die Verwandtschaft
-ihrer Derivate unter einander. Wenn aus dem Rete Malpighii des Embryo
-einerseits Haarzwiebeln, andererseits Schweiss- und Talgdrüsen
-entstehen, so lässt sich vermuthen, dass eine gewisse Beziehung zwischen
-Haarbildung und Absonderung von Schweiss und Talg bestehen muss, und es
-begreift sich, dass Beides bei einem Neger anders ist, als bei einem
-Weissen.
-
-Eine genauere Kenntniss der =Stammbäume= der Gewebe wird manches noch
-jetzt bestehende Räthsel lösen. Leider sind die embryologischen
-Erfahrungen noch keineswegs sicher genug, um auch nur eine Uebersicht zu
-geben. Hat doch erst in neuerer Zeit =His= alle früheren Vorstellungen
-angegriffen, indem er das embryonale Bindegewebe gar nicht von der
-Eizelle, sondern von dem Dotter ausgehen lässt, der sich ausserhalb
-derselben befindet. Schon die früheren Embryologen waren darin einig,
-dass eine andere Quelle für das Bindegewebe, als für die
-Epithelialformation besteht, dass besondere Heerde für Muskel- und
-Nervenbildung existiren. Je weiter die Forschung schreitet, um so
-sicherer wird sich von diesem Felde aus die =genetische Topographie= des
-Körpers gestalten lassen.
-
-Für den erwachsenen Körper, ja schon für die späteren Zeiten der fötalen
-Entwickelung ist von entscheidender Wichtigkeit das Gesetz der
-=histologischen Substitution=. Bei allen Geweben derselben Gruppe
-besteht die Möglichkeit, dass sie gegenseitig für einander eintreten. Zu
-verschiedenen Zeiten des Lebens finden sich an derselben Stelle
-verschiedene Glieder einer Gewebsgruppe. Bei verschiedenen Thierklassen
-wird an einem bestimmten Orte des Körpers das eine Gewebe ersetzt durch
-ein analoges Gewebe derselben Gruppe, mit anderen Worten, durch ein
-=histologisches Aequivalent=.
-
-Eine Stelle, welche Cylinderepithel trägt, kann Plattenepithel bekommen;
-eine Fläche, die anfänglich flimmerte, kann später gewöhnliches Epithel
-haben. So treffen wir an der Oberfläche der Hirnventrikel zuerst
-Flimmer-, späterhin einfaches Plattenepithel. Die Schleimhaut des Uterus
-flimmert für gewöhnlich, aber in der Gravidität wird die Schicht der
-Flimmercylinder an der Decidua ersetzt durch eine Lage von
-Plattenepithel. An Stellen, wo weiches Epithel vorkommt, entsteht unter
-Umständen Epidermis, z. B. an der vorgefallenen Scheide, an den
-Stimmbändern. In der Sclerotica der Fische findet sich Knorpel, während
-sie beim Menschen aus dichtem Bindegewebe besteht; bei manchen Thieren
-kommen an Stellen der Haut Knochen vor, wo beim Menschen nur Bindegewebe
-liegt, aber auch beim Menschen wird an vielen Stellen, wo gewöhnlich
-Knorpel liegt, zuweilen Knochengewebe gefunden, z. B. an den
-Rippenknorpeln. Knorpel kann sich in Schleimgewebe, dieses in Fettgewebe
-oder in Knochengewebe umwandeln, wie es bei der gewöhnlichen
-Knochen-Entwickelung der Fall ist. Am auffälligsten sind diese
-Substitutionen im Gebiete der Muskeln. Der Oesophagus besitzt in seinem
-oberen Abschnitte quergestreifte, im unteren glatte Muskelfasern. Bei
-einigen Fischen findet sich quergestreifte Muskulatur an Theilen des
-Nahrungskanals, wo die anderen glatte haben, z. B. am Magen des
-Schlammpeitzgers (Cobitis) und am Darm der Schleie (Tinca).
-
-Nicht alle diese Substitutionen sind gleichwerthig. Ein Theil derselben
-führt direkt auf Metaplasie (S. 70) zurück, indem die Elemente
-persistiren und entweder ihren Charakter ändern, oder eine andere Art
-von Intercellularsubstanz abscheiden. Wenn Knorpel in Schleimgewebe
-übergeht, so bleiben seine Zellen bestehen und die Intercellularsubstanz
-wird weich. Ein anderer Theil der Substitutionen, nehmlich alle
-diejenigen, bei welchen es sich um verschiedene Arten von Thieren
-handelt, also alle diejenigen, welche der vergleichenden Anatomie
-angehören, zeigt uns =parallele=, aber nicht continuirliche Reihen.
-Haare und Federn sind parallele, Knorpel und Knochen continuirliche
-Aequivalente.
-
-
-
-
- Viertes Capitel.
-
- Die pathologischen Gewebe.
-
-
- Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification.
- Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen
- Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder
- (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte
- (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie
- (Heterotopie, Heterochronie, Heterometrie). Malignität.
- Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie.
- Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte.
-
- Ungewöhnliche Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom
- (Spindelzellen, Riesenzellen). Abstammung der pathologischen
- Gewebe: Continuität der Entwickelung, Discontinuität des Typus.
- Pathologische Substitutionen und Aequivalente. Homologe und
- heterologe Substitution. Bildung per primam aut secundam
- intentionem. Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter
- verschiedenen Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation
- fibrinöser Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung
- derselben Gewebsart.
-
-Wenn man von pathologischen Geweben spricht, so kann man natürlich damit
-nur die pathologisch neu entstandenen meinen, und nicht etwa die durch
-irgend eine pathologische Störung veränderten physiologischen Theile. Es
-handelt sich also hier um eigentliche Neubildungen, =Neoplasmen=, um
-das, was im Laufe pathologischer Processe an neuen Geweben zuwächst, und
-es fragt sich: lässt sich das, was wir physiologisch als allgemeine
-Typen der Gewebe hingestellt haben, auch pathologisch festhalten? Darauf
-antworte ich ohne Rückhalt: ja, und so sehr ich auch darin abweiche von
-vielen der lebenden Zeitgenossen, so bestimmt man auch noch in den
-letzten Jahren die ganz besondere (=specifische=) Natur der Elemente
-vieler pathologischen Gewebe hervorgehoben hat, so bin ich doch
-überzeugt, dass jedes pathologische Gebilde ein physiologisches Vorbild
-hat, und dass keine pathologische Form entsteht, deren Elemente nicht
-zurückgeführt werden könnten auf ein in der thierischen Oekonomie
-gegebenes Vorbild.
-
-Die Classification der pathologischen Neubildungen ist früherhin
-meistentheils versucht worden vom Standpunkte der =Vascularisation= aus.
-Bis zur Zeit der Zellentheorie hat man die Frage von der Organisation
-bestimmter Theile entschieden durch den Nachweis ihrer Vascularisation
-oder Nicht-Vascularisation. Man nahm jeden Theil als organisirt, der
-Gefässe enthielt, jeden als nicht organisirt, der keine Gefässe führte.
-Dies ist für den heutigen Standpunkt an sich schon eine Unrichtigkeit,
-insofern wir auch physiologische Gewebe ohne Gefässe, wie die Knorpel,
-das Epithel haben.
-
-So lange als man, entsprechend dem niedrigen Stande der mikroskopischen
-Technik, die zelligen Elemente höchstens als Kügelchen kannte und diesen
-Kügelchen sehr verschiedene Bedeutung beilegte, war es zu verzeihen,
-dass man sich an die Gefässe hielt, insbesondere seit =John Hunter= die
-Vergleichung der pathologischen Neubildung mit der Entwickelung des
-Hühnchens im Ei in die allgemeine Vorstellung eingeführt und zu zeigen
-versucht hatte, dass ähnlich, wie das Punctum saliens im Hühnerei die
-erste Lebenserscheinung darstelle, so auch in pathologischen Bildungen
-Blut und Gefäss das Erste sei. Nach diesem Vorbilde beschrieben noch
-=Rust= und =Kluge= manche »parasitischen« Neubildungen als versehen mit
-einem unabhängigen Gefässsystem, welches, ohne Wurzel in den alten
-Gefässen, sich, wie im Hühnchen, ganz selbständig bilden sollte.
-Freilich hatte man schon vor dieser Zeit vielfach versucht, die
-scheinbar so abweichenden Formen der Neubildungen auf physiologische
-Paradigmen zurückzuführen; namentlich ist dies ein wesentliches
-Verdienst der Naturphilosophen gewesen. In jener Zeit, wo die
-Theromorphie eine grosse Rolle spielte und man in den pathologischen
-Dingen vielfache Analogien mit den Zuständen niederer Thiere fand, hat
-man auch angefangen, Vergleichungen zwischen den krankhaften
-Neubildungen und bekannten Theilen des gesunden Körpers zu machen. So
-sprach der alte J. F. =Meckel= von dem brustdrüsenartigen, dem
-pancreasartigen Sarkom. Die Heteradenie, die heterologe Bildung von
-Drüsensubstanz, welche in der neuesten Zeit von Paris aus als
-eine Neuigkeit beschrieben worden ist, war in der deutschen
-naturphilosophischen Schule vor einem halben Jahrhundert eine ziemlich
-allgemein angenommene Thatsache.
-
-Erst seitdem man die histologische Seite der Entwickelungsgeschichte zu
-bebauen begonnen hat, hat man sich mehr und mehr davon überzeugt, dass
-die meisten Neubildungen Theile enthalten, welche irgend einem
-physiologischen Gewebe entsprechen. Selbst in den mikrographischen
-Schulen des Westens hat man sich theilweise begnügt anzunehmen, dass es
-in der ganzen Reihe der Neubildungen nur ein besonderes Gebilde gäbe,
-welches specifisch abweichend sei von allen natürlichen Bildungen,
-nämlich den Krebs. Von ihm nahm man an, dass er ganz und gar von den
-physiologischen Geweben abweiche, Elemente sui generis enthalte, während
-man eigenthümlicher Weise das zweite Gebilde, das die Aelteren dem
-Krebsgewebe anzunähern pflegten, nämlich den Tuberkel, vielfach bei
-Seite liess, obwohl man doch auch für ihn kein Analogon fand. Aber man
-deutete ihn als ein unvollständiges, mehr rohes (=crudes=) Product, als
-ein nicht recht zur Organisation gekommenes, gewissermaassen unfertiges
-Gebilde, und glaubte ihn daher mehr den blossen Exsudationen anreihen zu
-dürfen.
-
-Wenn man jedoch den Krebs oder den Tuberkel sorgfältiger betrachtet, so
-kommt es auch bei ihnen nur darauf an, dasjenige Stadium ihrer
-Entwickelung aufzusuchen, in welchem sie die Höhe ihrer Gestaltung
-erreicht haben. Man darf weder zu früh untersuchen, wo die Entwickelung
-unvollendet, noch zu spät, wo sie über ihr Höhenstadium hinausgerückt
-ist. Hält man sich an die Zeit der Entwickelungshöhe (Acme, Florescenz),
-so lässt sich für jedes pathologische Gewebe auch ein physiologisches
-Vorbild finden, und es ist eben so gut möglich, für die Elemente des
-Krebses solche Vorbilder zu entdecken, wie es möglich ist, dieselben für
-den Eiter zu finden, der, wenn man einmal specifische Gesichtspunkte
-festhalten will, ebenso im Rechte ist, als etwas Besonderes betrachtet
-zu werden, wie der Krebs. Beide stehen sich darin vollkommen parallel,
-und wenn die Alten von Krebseiter gesprochen haben, so haben sie in
-gewissem Sinne Recht gehabt, da der Eiter vom Krebssafte sich nur durch
-die Entwickelungshöhe der einzelnen Elemente unterscheidet.
-
-Eine Classification auch der pathologischen Gebilde lässt sich ganz in
-der Weise aufstellen, die wir vorher für die physiologischen Gewebe
-versucht haben. Zunächst gibt es auch hier Gebilde, welche, wie die
-epithelialen, wesentlich aus zelligen Theilen zusammengesetzt sind, ohne
-dass zu diesen etwas Erhebliches hinzukommt (=epitheliale
-Neubildungen=). In zweiter Linie treffen wir Gewebe, welche sich denen
-der Bindesubstanz anschliessen, indem regelmässig neben zelligen
-Theilen eine gewisse Menge von Zwischensubstanz vorhanden ist
-(=bindegewebige Neubildungen=). Endlich in dritter Linie kommen
-diejenigen Bildungen, welche sich den höher organisirten Theilen, Blut,
-Muskeln, Nerven u. s. w. anschliessen. Es ist jedoch von vorn herein
-hervorzuheben, dass in den pathologischen Bildungen diejenigen Elemente
-häufiger vorhanden sind, ja entschieden vorwalten, welche nur den
-niederen Graden der eigentlich thierischen Entwickelung entsprechen,
-dass dagegen im Ganzen diejenigen Elemente am seltensten nachgebildet
-werden, welche den höher organisirten, namentlich den Muskel- und
-Nervenapparaten angehören. Ausgeschlossen sind jedoch auch diese
-Bildungen keineswegs; vielmehr kennen wir jede Art von pathologischer
-Neubildung, sie mag auf ein Gewebe bezüglich sein, auf welches sie will,
-wenn es nur überhaupt einen erkennbaren Habitus hat. Nur in Beziehung
-auf die Häufigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen neu gebildeten
-Gewebe besteht eine Verschiedenheit in der Art, dass die grösste
-Mehrzahl der pathologischen Producte überwiegend epitheliale oder
-Elemente der Bindesubstanz führen, und dass von denjenigen Gebilden,
-welche wir in der letzten Klasse der normalen Gewebe zusammenfassten, am
-häufigsten Gefässe und Theile, welche mit der Lymphe und den Lymphdrüsen
-verglichen werden können, neu entstehen, am seltensten aber wirkliches
-Blut, Muskeln und Nerven.
-
-Dass man diesen so einfachen Standpunkt noch jetzt vielfach leugnet,
-erklärt sich nicht bloss daraus, dass das Verständniss der
-pathologischen Histologie überall die genaueste Kenntniss der
-physiologischen voraussetzt und ohne diese ganz und gar in die Irre
-geht, sondern vielleicht noch mehr daraus, dass es sich hier nicht bloss
-um einfache Gewebe, sondern häufig um besondere und grössere
-Zusammenordnungen von Geweben handelt, welche sich zu einer =Art von
-pathologischen Organen= zusammenfügen. Ein Dermoid besteht nicht bloss
-aus Epidermis oder aus Bindegewebe, sondern es stellt eine pathologische
-Reproduction des Derma in seiner ganzen Zusammensetzung als =Hautorgan=
-dar, in welche Zusammensetzung Epidermis und Bindegewebe, Haare, Talg-
-und Schweissdrüsen, Fettgewebe und glatte Muskeln, Gefässe und Nerven
-eintreten können. Ein Osteom besteht nicht bloss aus Knochengewebe (tela
-ossea), sondern es kann ausserdem Mark, Knorpel und Bindegewebe
-enthalten. Und so entspricht auch der Krebs nicht einem einzigen
-physiologischen Gewebe, sondern er enthält, ähnlich wie eine Drüse,
-zellige Elemente in besonderen Hohlräumen oder Kanälen, welche getragen
-werden durch ein Stroma von Bindegewebe mit Gefässen. Alle diese Arten
-von Neubildungen entsprechen also den Gegenständen der speciellen
-Histologie, der Organenlehre, und ihre gesammte Lebensgeschichte, ihre
-Entwickelung und Rückbildung lässt sich nicht nach dem Maassstabe
-einfacher Gewebe beurtheilen, sondern nur nach dem Vorbilde
-zusammengesetzter Organe des Körpers, grösserer anatomischer Gruppen von
-Theilen des Organismus, welche bekanntlich gerade durch ihre
-Zusammenlegung aus verschiedenen Geweben eine weit grössere
-Mannichfaltigkeit des Lebens und Erkrankens darbieten, als dies an
-einfachen Geweben möglich ist.
-
-Es zerfällt daher die ganze Reihe der Neoplasmen in zwei grössere
-Kategorien; einfache (=histioide=) und =zusammengesetzte (organoide)=.
-Die einfachen finden sich in den zusammengesetzten wieder. Epithel und
-Bindegewebe können jedes für sich eine Neubildung aufbauen: sie können
-aber auch zusammentreten und eine Art von pathologischem Organ erzeugen.
-Kommen dazu immer mehr und mehr Gewebe, so kann endlich ein so
-complicirtes Gefüge entstehen, dass es nur mit grösseren =Systemen= des
-Körpers zu vergleichen ist. Indess ist dies selten und auch dann
-gewöhnlich so unordentlich, dass man diese Kategorie als einen blossen
-Anhang zu der Lehre der Neubildungen zu betrachten hat. Manche dieser
-systematoiden Neubildungen gleichen so sehr gewissen Monstrositäten, ja
-ihre Grenze gegen die eigentlich fötalen Missbildungen ist so schwer zu
-ziehen, dass ich sie mit dem allgemeinen Namen der =teratoiden= belegt
-habe[14].
-
- [14] Geschwülste. Bd. I. S. 96.
-
-Wenn man diesen rein physiologischen Gesichtspunkt festhält, so wirft
-sich sofort die Frage auf, was aus der Lehre von der =Heterologie= der
-krankhaften Producte wird, einer Lehre, welche aufrecht zu erhalten man
-sich seit langer Zeit bemüht hat, und auf welche die natürliche
-Anschauung scheinbar mit einer gewissen Nothwendigkeit hinführt. Hierauf
-kann ich nicht anders antworten, als dass es keine andere Art von
-Heterologie in den krankhaften Gebilden gibt, als die =ungehörige Art
-ihrer Entstehung oder ihres Vorkommens=, und dass diese Ungehörigkeit
-sich entweder darauf bezieht, dass ein Gebilde erzeugt wird an einem
-Punkte, wo es nicht hingehört, oder zu einer Zeit, wo es nicht erzeugt
-werden soll, oder in einem Grade, welcher von der typischen Norm des
-Körpers abweicht. Jede Heterologie ist also, genauer bezeichnet,
-entweder eine =Heterotopie=, eine Aberratio loci, oder eine Aberratio
-temporis, eine =Heterochronie=, oder endlich eine bloss quantitative
-Abweichung, =Heterometrie=. Schleimgewebe, welches im Gehirn entsteht,
-findet sich am unrechten Orte; eine Schleimgewebsgeschwulst, welche am
-Nabel eines Erwachsenen wächst, zeigt eine Gewebsbildung zur unrechten
-Zeit; die Mola hydatidosa stellt eine excessive Neubildung von
-Schleimgewebe an den Zotten des Chorion dar, also eine Neubildung in
-ungehöriger Menge.
-
-Man muss sich aber wohl in Acht nehmen, diese Heterologie im weiteren
-Sinne des Wortes nicht zu verwechseln mit der =Malignität=. Die
-Heterologie im histologischen Sinne bezieht sich auf einen grossen Theil
-von pathologischen Neubildungen, die von dem Standpunkte der Prognose
-durchaus gutartig genannt werden müssen. Nicht selten geschieht eine
-Neubildung an einem Punkte, wo sie freilich durchaus nicht hingehört, wo
-sie aber auch keinen erheblichen Schaden anrichtet, oder wo der Schaden,
-den sie anrichtet, nicht aus dem Wesen, der Art der Geschwulst als
-solcher, sondern aus ihrer Lage, ihren Nachbarverhältnissen zu anderen
-Theilen, also aus den Zufälligkeiten des Sitzes und der Entwickelung zu
-erklären ist. Es kann ein Fettklumpen sich sehr wohl an einem Orte
-erzeugen, wo wir kein Fett erwarten, z. B. in der Submucosa des
-Dünndarms, aber im besten Falle entsteht dadurch ein Polyp, der auf der
-inneren Fläche des Darms hervorhängt und der ziemlich gross werden kann,
-ehe er Krankheitserscheinungen hervorruft. Tritt dieser Fall aber ein,
-so folgen daraus Erscheinungen der Zerrung, des Druckes, der Hemmung,
-also Erscheinungen mechanischer Art, aber keine einzige Erscheinung
-wirklich maligner Art. Denn wir können nur das bösartig nennen, was
-seiner Natur nach schädlich ist, nicht das, was nur durch besondere
-Verhältnisse, per accidens, schädlich wirkt.
-
-[Illustration: =Fig=. 29. Schematische Darstellungen von Leberzellen.
-_A_. Einfache physiologische Anordnung derselben. _B_. Hypertrophie, _a_
-einfache, _b_ mit Fettaufnahme (fettige Degeneration, Fettleber). _C_.
-Hyperplasie (numerische oder adjunctive Hypertrophie), _a_ Zelle mit
-Kern und getheiltem Kernkörperchen. _b_ getheilte Kerne. _c_, _c_
-getheilte und daher kleinere Zellen.]
-
-Betrachtet man die im engeren Sinne heterolog zu nennenden Gebilde in
-Beziehung zu den Orten, wo sie entstehen, so ergibt sich ihre Trennung
-von den homologen durch den Nachweis, dass sie von dem Typus desjenigen
-Theils, in welchem sie entstehen, abweichen. Wenn im Fettgewebe eine
-Fettgeschwulst oder im Bindegewebe eine Bindegewebs-Geschwulst sich
-bildet, so ist der Typus der Bildung des Neuen homolog dem Typus der
-Bildung des Alten. Alle solche Bildungen fallen der gewöhnlichen
-Bezeichnung nach unter den Begriff der Hypertrophie, oder, wie ich zur
-genaueren Unterscheidung vorgeschlagen habe zu sagen, der
-=Hyperplasie=[15]. Hypertrophie in meinem Sinne bezeichnet den Fall, wo
-die einzelnen Elemente eine beträchtliche Masse von Stoff in sich
-aufnehmen und dadurch grösser werden, und wo durch die gleichzeitige
-Vergrösserung vieler Elemente endlich ein ganzes Organ anschwillt. Bei
-einem dicker werdenden Muskel werden alle Primitivbündel dicker. Eine
-Leber kann einfach dadurch hypertrophisch werden, dass die einzelnen
-Leberzellen sich bedeutend vergrössern. In diesem Falle gibt es eine
-wirkliche Hypertrophie ohne eigentliche Neubildung. Von diesem Vorgange
-ist wesentlich verschieden der Fall, wo eine Vergrösserung erfolgt durch
-eine =Vermehrung der Zahl der Elemente=. Eine Leber kann nehmlich auch
-grösser werden dadurch, dass an der Stelle der gewöhnlichen Zellen sich
-eine Reihe von kleineren entwickelt. Ebenso sehen wir durch einfache
-Hypertrophie das Fettpolster der Haut anschwellen, indem jede einzelne
-Fettzelle eine grössere Masse von Fett aufnimmt; wenn dies an Tausenden
-und aber Tausenden, ja man kann sagen, an Hunderttausenden und Millionen
-von Zellen geschieht, so ist das Resultat ein sehr grobes und
-augenfälliges (Polysarcie). Allein es kann eben so gut sein, dass sich
-im Fettgewebe neben den alten Zellen neue hinzubilden und eine
-Vergrösserung der Gewebsmasse erfolgt, ohne dass die Elemente für sich
-eine Vergrösserung erfahren. Es handelt sich hier um wesentlich
-verschiedene Processe: =um einfache und um numerische Hypertrophie=.
-
- [15] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. 1854. I. 327-28.
-
-Hyperplastische Processe (numerische oder adjunctive Hypertrophie)
-bringen in allen Fällen Gewebe hervor, welche dem Gewebe des alten
-Theiles gleichartig sind. Eine Hyperplasie der Leber bringt wieder
-Leberzellen, die des Nerven wieder Nerven, die der Haut wieder die
-Elemente der Haut hervor. Ein heteroplastischer Process dagegen erzeugt
-Gewebselemente, welche freilich natürlichen Formen entsprechen, z. B.
-Elemente von drüsenartiger Natur, Nervenmasse, Theile von Bindegewebs-
-oder epithelialer Structur, aber diese Elemente entstehen nicht durch
-einfache Zunahme der vorher vorhanden gewesenen, sondern durch eine
-Neubildung mit Umwandlung des ursprünglichen Typus des Muttergewebes.
-Wenn sich Gehirnmasse im Eierstock bildet, so entsteht dieselbe nicht
-aus präexistirender Gehirnmasse, nicht durch irgend einen Akt einfacher
-Vermehrung; wenn Epidermis im Muskelfleische des Herzens entsteht, so
-mag sie noch so sehr übereinstimmen mit der auf der äusseren Haut, sie
-ist doch ein heteroplastisches Gebilde. Wenn sich Haare von ganz
-natürlichem Bau in der Hirnsubstanz finden, so mag man die grösste
-Uebereinstimmung finden zwischen ihnen und Haaren der Körper-Oberfläche;
-es werden dies immer heteroplastische Haare sein. So sehen wir
-Knorpelsubstanz entstehen, ohne dass ein wesentlicher Unterschied
-zwischen ihr und der gewöhnlichen, bekannten Knorpelsubstanz besteht,
-z. B. in Enchondromen. Dennoch erscheint das eigentliche Enchondrom als
-eine heteroplastische Geschwulst, selbst am Knochen. Denn der fertige
-Knochen hat an den Theilen, wo das Enchondrom sich bildet, keinen
-Knorpel mehr, und die Phrase von dem Knochenknorpel, als der organischen
-Grundlage des Knochens, ist eben nur eine Phrase. Es ist entweder die
-Tela ossea oder die Tela medullaris, in welcher das Enchondrom sitzt,
-und gerade da, wo eigentlicher Knorpel liegt, z. B. am Gelenkende,
-entstehen keine Enchondrome in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.
-Dagegen finden wir sehr ausgezeichnete Enchondrome in Drüsen, z. B. in
-den Speicheldrüsen, im Hoden. Es handelt sich hier also nicht um eine
-Hypertrophie oder Hyperplasie, die ein normaler Knorpel eingeht, sondern
-es ist eine vollständige Neubildung, welche eine Veränderung des localen
-Gewebstypus darstellt. In meinem Sinne kann daher =dasselbe Gewebe das
-eine Mal homolog, das andere Mal heterolog sein=. Fettgewebe in der
-Nierenkapsel ist homolog, in der Nierensubstanz heterolog. Epithel in
-Drüsenkanälen ist homolog, im Knochen heterolog. Dieselbe Geschwulst
-kann an einer Stelle homolog, an einer anderen heterolog sein. Eine
-Knochengeschwulst (Osteom) am Knochen ist hyperplastisch, im Gehirn
-heteroplastisch.
-
-Diese Auffassung ist wesentlich verschieden von der früher gangbaren,
-wie sie z. B. =Lobstein= vertrat, als er die Neubildungen in
-homöoplastische und heteroplastische eintheilte. Denn bei ihm, wie noch
-in der neuesten französischen Schule, gilt als homöoplastisch jede
-Neubildung, welche eine den physiologischen Geweben oder Organen des
-Körpers entsprechende Zusammensetzung zeigt; eine jede solche wurde
-zugleich als gutartig angesehen. Ich dagegen nehme in Beziehung auf die
-Frage von der Heterologie und Homologie keine Rücksicht auf die
-Zusammensetzung des Neugebildes als solchen, sondern nur auf das
-Verhältniss desselben zu dem Mutterboden, aus dem es hervorgeht.
-Heterologie in diesem Sinne bezeichnet die Verschiedenartigkeit in dem
-Typus der Entwickelung des Neuen gegenüber dem Alten, oder, wie man
-gewöhnlich zu sagen pflegt, die =Entartung= (=Degeneration=), die
-Abweichung von der =Eigenart= des typischen Gewebes.
-
-Hiermit ist zugleich der entscheidende prognostische Anhaltspunkt
-gegeben. Wir kennen Geschwülste, welche den allergrössten Einklang ihrer
-Elemente darbieten mit den bekanntesten physiologischen Geweben. Eine
-Epidermis-Geschwulst kann, wie ich schon hervorgehoben habe, in ihren
-Elementen vollständig übereinstimmen mit gewöhnlicher Oberhaut, aber sie
-ist trotzdem nicht immer eine gutartige Geschwulst von bloss localer
-Bedeutung, welche abgeleitet werden dürfte von einer einfach
-hyperplastischen Vermehrung präexistirender Gewebe, denn sie entsteht
-zuweilen mitten in Theilen, welche fern davon sind, Epidermis oder
-Epithel zu besitzen, z. B. beim Kankroid im Innern von Lymphdrüsen, in
-dicken Bindegewebslagen, welche von allen Oberflächen entfernt liegen,
-ja sogar im Knochen. In diesen Fällen ist gewiss die Bildung von
-Epidermis so heterolog, als sich überhaupt etwas heterolog denken lässt.
-Auch hat die praktische Erfahrung gelehrt, dass es durchaus unrichtig
-war, aus der blossen Uebereinstimmung der pathologischen Epidermis mit
-physiologischer auf den gutartigen Verlauf des Falles zu schliessen.
-Vielmehr zeigt uns die Beobachtung der Kranken, dass jeder Fall
-verdächtig ist und uns zur Vorsicht mahnen muss, wo wir eine heterologe
-Neubildung antreffen.
-
-Gerade das ist, wie ich mit besonderer Betonung bemerken muss, nahezu
-der schwerste und am meisten begründete Vorwurf gewesen, welcher den
-mikrographischen Schilderungen der jüngst verflossenen Zeit gemacht
-wurde, dass sie, in dem Sinne =Lobstein='s von dem allerdings
-verzeihlichen Gesichtspunkte der histologischen Uebereinstimmung mancher
-normalen und abnormen Bildungen ausgehend, jedes pathologische
-Neugebilde für unschädlich ausgaben, welches eine Reproduction von
-präexistirenden und bekannten Körpergeweben darstellte. Wenn meine
-Ansicht richtig ist, dass überhaupt innerhalb der pathologischen
-Entwickelung keine absolut neuen Formen gefunden werden, dass es überall
-nur Bildungen gibt, die in der einen oder anderen Weise als
-=Reproductionen physiologischer Gewebe= betrachtet werden müssen, so
-fällt jener Gesichtspunkt in sich selbst zusammen. Für die Richtigkeit
-meiner Ansicht kann ich aber die Thatsache beibringen, dass ich bis
-jetzt in den Streitigkeiten über die Gut- oder Bösartigkeit bestimmter
-Geschwulstformen bis auf einen Fall immer noch Recht behalten habe, und
-dass ich in diesem Falle, wo ich der Erfahrung mehr Recht einräumte, als
-meiner Theorie, gerade durch eine neue Erfahrung von der Zuverlässigkeit
-dieser Theorie überzeugt wurde. Es handelte sich dabei um die Malignität
-einer Art des Dermoids. --
-
-[Illustration: =Fig=. 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper)
-in ihrer natürlichen Anordnung aus einem Sarcoma fusocellulare der
-Rückenmarkshäute. Vergröss. 350. (Geschwülste II. S. 197. Fig. 136).]
-
-Dass es einer so langen Zeit bedurft hat, diese so einfachen
-Gesichtspunkte zu gewinnen, erklärt sich zum grossen Theile aus der
-ungenauen Kenntniss der selteneren histologischen Formen, zum kleineren
-aus der allerdings ungewöhnlichen Entwickelung mancher pathologischen
-Elemente. Die Krebszelle entspricht, wie ich gezeigt habe[16], ihrer
-ganzen Erscheinung nach den Zellen der Epithelialformation. Aber in der
-Mehrzahl der Krebse haben die Zellen eine Grösse, Gestalt,
-Kernentwickelung, wie sie an dem gewöhnlichen Epithel selten vorkommt.
-Dagegen zeigt das früher (S. 30, Fig. 16.) erwähnte Epithel der Harnwege
-die grösste Uebereinstimmung damit, und man würde gewiss viel früher auf
-die richtige Deutung gekommen sein, wenn man dieses eigenthümliche
-Epithel früher richtig gewürdigt hätte. In den sogenannten
-Epidermiskrebsen oder Kankroiden dagegen finden sich so entschieden
-epidermoidale Formen, dass man glaubte, diese Geschwulstart ganz von
-den Krebsen trennen und zu den einfach hypertrophischen und daher
-gutartigen Bildungen stellen zu müssen. In den Spindelsarkomen finden
-sich so grosse und eigenthümliche Zellen, dass noch jetzt Mancher sich
-weigert, sie den gewöhnlich so kleinen Spindelzellen des Bindegewebes
-(Fig. 4, _b_; 21.) parallel zu stellen; hat man sich von der kolossalen
-Entwickelung dieser Spindelzellen in der Decidua uterina überzeugt, so
-verschwindet das Auffällige. In den Riesenzellensarkomen wiederum trifft
-man überaus grosse, stellenweise fast ungeheuerliche Zellen mit
-zahlreichen Kernen, für die jede Analogie zu fehlen scheint. Allein das
-Studium des jungen Knochenmarkes oder der Rindenschicht der Nebennieren
-lehrt uns analoge Formen auch im normalen Entwickelungsgange kennen.
-
- [16] Archiv 1847. Bd. I. S. 105.
-
-[Illustration: =Fig=. 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des
-Unterkiefers. Zahlreiche, dicht gedrängte Spindelzellen (fibroplastische
-Körper) bilden eine Art von maschigem Gerüst, in dessen Räumen
-vielkernige, mit feineren und gröberen Fortsätzen versehene Riesenzellen
-(myeloide Zellen, Myeloplaxen) liegen. Vergr. 300. (Geschwülste II. S.
-317. Fig. 158).]
-
-Auf dieser Stufe der Erkenntniss angelangt, stossen wir auf eine neue
-Schwierigkeit. Jedesmal, wo eine pathologische Bildung auf
-physiologische Vorbilder zurückgeführt wird, erhebt sich die Frage, ob
-sie nicht direct von einem solchen physiologischen Gebilde abstamme. In
-der That liegt es nahe, an eine =continuirliche= Entwickelung zu denken,
-und wir haben die ernstliche Verpflichtung, in jedem solchen Falle zu
-prüfen, ob nicht wirklich ein entsprechend zusammengesetzter oder
-gebauter Theil Matrix des pathologischen sei. Wenn man weiss, dass
-vielkernige Riesenzellen im Knochenmark vorkommen, so wird man geneigt
-sein, mit =Nélaton= jedes Riesenzellensarcom (tumeur à myéloplaxes) vom
-Knochenmark abzuleiten. Sieht man, dass das Kankroid in der Regel aus
-Epidermiszellen besteht, so liegt nichts näher, als dasselbe auf eine
-örtliche Wucherung präexistirender Epidermis zurückzuführen. Allein die
-Erfahrung mahnt hier zu grosser Vorsicht. Sonst kommt man leicht zu
-Schlüssen, wie sie früher oft genug gemacht sind, dass z. B. ein Teratom
-des Eierstocks, weil es Knochen und Zähne, Haut und Haare, ja selbst
-Muskeln und Hirnmasse enthält, ein degenerirter Fötus sei oder aus einer
-aberrirten Embryobildung herstamme. Man darf den blossen
-Wahrscheinlichkeiten nicht zu sehr nachgeben, sonst macht man blosse
-Conjectural-Pathologie.
-
-Eine unbefangene Prüfung lehrt allerdings, dass alle pathologischen
-Gewebe continuirlich aus physiologischen hervorgehen, aber keinesweges
-so, dass ihr Typus immer unverändert der ihrer physiologischen Matrix
-bleibt. =Die Entwickelung selbst ist stets continuirlich, der Typus aber
-kann discontinuirlich sein=, und gerade diese Aenderung des Typus ergibt
-für mich das entscheidende Kriterium der Heterologie. Wenn die Neuroglia
-des Gehirns gewöhnliches Bindegewebe oder ausgezeichnetes Schleimgewebe
-hervorbringt, so geschieht dies durch continuirliche Vorgänge, aber der
-Typus der Neuroglia geht dabei verloren. Ein Enchondrom des Hodens
-entsteht continuirlich aus dem schwachen Interstitialgewebe der Drüse,
-aber ein bis dahin ganz unerhörtes Gewebe tritt im Hoden auf. Das eine
-Gewebe wird hier durch ein anderes, das aus ihm hervorgegangen, aber von
-ihm verschieden ist, substituirt.
-
-Wir finden demnach auch hier, wie im physiologischen Leben, gewisse
-=Substitutionen und Aequivalente von Geweben=, und gleichwie im
-Physiologischen die Grenze dieser Substitionen durch das ein für
-allemal gegebene Entwickelungsgeschäft der Species bezeichnet ist, so
-geschieht auch pathologische Substitution stets durch Gewebe, deren
-Vorkommen in der Species physiologisch nachweisbar ist.
-
-In krankhaften Zuständen gibt es =heterologe Substitutionen=, wo ein
-bestimmtes Gewebe ersetzt wird durch ein Gewebe anderer Art, aber nie
-durch ein der menschlichen Organisation fremdes Gewebe. Selbst dann,
-wenn der Ersatz von dem alten Gewebe des Ortes ausgeht, kann die
-Neubildung mehr oder weniger abweichen von dem ursprünglichen Typus der
-Matrix. So tritt an die Stelle der Haut, welche durch Verschwärung
-verloren gegangen ist, eine Narbe, die nicht bloss Bindewebe, sondern
-auch Epidermis enthält, obwohl die Matrix dieser Epidermis das
-Bindegewebe der Cutis und nicht das (verloren gegangene) Rete Malpighii
-sein kann.
-
-Es geschieht also die Substitution entweder durch Ersetzung vermittelst
-eines Gewebes aus derselben Gruppe (=Homologie=) oder durch ein Gewebe
-aus einer anderen Gruppe (=Heterologie=). Auf letztere muss die ganze
-Doctrin von den specifischen Elementen der Pathologie zurückgeführt
-werden, welche in den letzten Decennien eine so grosse Rolle gespielt
-haben. Denn diese Gewebe sui generis sind nicht insofern specifisch, als
-sie im natürlichen Entwickelungsgange des Körpers kein Analogon finden,
-sondern nur insofern, als sie unter gewöhnlichen Umständen nicht zu den
-constituirenden Theilen derjenigen Organe gehören, in welchen sie unter
-krankhaften Verhältnissen erzeugt werden. Deshalb erscheinen sie nicht
-sowohl als Bestandtheile des Organs, welches sie erzeugt, als vielmehr
-als Bestandtheile der Neubildung (gewissermaassen des pathologischen
-Organs), welches aus ihnen zusammengesetzt ist, und wir vergessen nur zu
-leicht, dass auch diese Neubildung, wenngleich kein an sich
-nothwendiger, doch ein continuirlich zusammenhängender Theil jenes
-physiologischen Organs, und somit des ganzen Organismus ist.
-
-Diese Erkenntniss ist um so schwieriger, als in der Regel die heterologe
-Substitution nicht direct, sondern auf einem Umwege erfolgt. Denn nicht
-immer entsprechen sofort die ersten Anlagen der Neubildung dem endlichen
-Producte; selbst die Hyperplasie geschieht nicht immer durch sofortige
-Erzeugung homologer Elemente (=per primam intentionem=). Sehr häufig
-schiebt sich zuerst ein Stadium indifferenter Bildungen ein, aus denen
-sich erst langsam die besonderen Formen der späteren Zeit differenziren
-(=per secundam intentionem=). =Dasselbe Gewebe kann auf die eine und auf
-die andere Weise entstehen=. Aus dieser Erfahrung, die ich nicht genug
-betonen kann, erklären sich zahlreiche Widersprüche der Mikrographen,
-welche das Meiste dazu beigetragen haben, die Mikrographie überhaupt in
-Misskredit zu bringen. Jeder Forscher betrachtet seine Beobachtungen als
-die maassgebenden, und statt zu fragen, ob nicht vielleicht auch der
-andere Forscher richtig gesehen habe, erklärt er die fremden Angaben,
-welche mit den seinigen nicht übereinstimmen, sofort für falsch. Wie
-immer, führt die Exclusivität zur Einseitigkeit und damit zum Irrthum.
-So hat lange der Streit darüber geschwebt, ob Knochen immer aus Knorpel
-entstehe. Schon die älteren Beobachter behaupteten, er könne auch aus
-Membranen entstehen. Ich habe dargethan, dass er aus Bindegewebe und aus
-Mark hervorgehen kann[17]. Spätere Beobachter haben dann geradezu
-geleugnet, dass Knorpel direct in Knochengewebe übergehe, und in diesem
-Augenblicke hat diese Meinung das Uebergewicht. Meiner Ueberzeugung nach
-ist dieselbe einseitig und daher irrthümlich. Vielmehr entsteht
-Knochengewebe aus Knorpel in doppelter Weise: gewöhnlich per secundam
-intentionem aus Mark, welches aus Knorpel durch Metaplasie
-hervorgegangen ist, aber in geringerem Umfange auch per primam
-intentionem aus Knorpel. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem
-Bindegewebe. Lange Zeit liess man alles pathologisch neugebildete
-Bindegewebe aus fibrinösem Blastem (plastischer Lymphe) entstehen,
-welches auf dem Wege der Exsudation aus dem Blute austreten sollte. Von
-diesem ganz exclusiven Standpunkte aus bestritt man sogar die
-Möglichkeit einer Organisation des Thrombus innerhalb der Gefässe,
-obwohl doch in demselben derselbe Faserstoff vorhanden ist, der die
-eigentlich plastische Substanz des Exsudates darstellen sollte. Ich habe
-nicht bloss die Entstehung von Bindegewebe aus dem Thrombus, sogar die
-Vascularisation des letzteren nachgewiesen[18], sondern auch die
-Entstehung von Bindegewebe an Orten, wo niemals ein fibrinöses Blastem
-erkennbar ist. Bindegewebe entsteht direct aus Knorpel, aus
-Knochengewebe, aus Neuroglia. =Die eine Art der Entstehung schliesst die
-andere nicht aus=. Sogar an derselben Stelle kann Bindegewebe auf
-verschiedene Art sich bilden, z. B. an der inneren Oberfläche einer
-Arterie kann es entstehen durch Wucherung der Intima und durch
-Organisation von Thrombusmasse. Zuweilen verwandelt sich ein anderes
-Gewebe, wie wir sahen, durch Metaplasie unmittelbar in Bindegewebe;
-andermal erzeugt präexistirendes Bindegewebe neues durch directe
-Hyperplasie, ohne dass der Charakter des Gewebes sich während dieser
-Zeit im Wesentlichen ändert; andermal wiederum entsteht aus
-präexistirendem Bindegewebe zuerst ein indifferentes Granulationsgewebe
-und erst dieses geht durch Metaplasie wieder in Bindegewebe über. Es
-entsteht also nicht nur dasselbe Gewebe unter verschiedenen Bedingungen
-auf verschiedene Weise, sondern es kann sogar =dieselbe Matrix dasselbe
-Gewebe auf verschiedene Weise hervorbringen=. Ich bemerke jedoch
-ausdrücklich, dass, soweit unsere bisherigen Erfahrungen reichen, dieser
-Satz nicht auf alle pathologischen Gewebe und nicht auf alle Matrices
-Anwendung findet.
-
- [17] Mein Archiv 1847. I. 135. 1853. V. 438, 444, 455.
-
- [18] Gesammelte Abhandl. 1856. S. 323.
-
-
-
-
- Fünftes Capitel.
-
- Die Ernährung und ihre Wege.
-
-
- Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und
- Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus:
- Nahrungsstoffe, Verdauung, Circulation. Ernährung im cellularen
- Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer
- Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver
- Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde.
-
- Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von Gefäss
- und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens. Knorpel.
- Knochen.
-
- Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen. Metastasen.
- Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). Die Ernährungsleitung in
- den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn. Faserknorpel. Hornhaut.
- Bandscheiben.
-
-Die Grundlage aller Vorstellungen über das Leben bildet die Erfahrung
-von der allem Lebendigen zukommenden Fähigkeit der =Selbsterhaltung=.
-Sowohl das organische Gesammt-Individuum, als die einzelne Zelle sind
-vermöge ihrer inneren Einrichtung (Organisation) befähigt, sich unter
-den mannichfaltigsten äusseren Verhältnissen zu erhalten, Störungen, die
-sie erlitten haben, auszugleichen (zu reguliren), und eine Reihe von
-Thätigkeiten zu äussern, deren einfachstes Ergebniss die Erhaltung des
-Status quo ist. Die Gesammtheit der Vorgänge, durch welche dieses
-Ergebniss erzielt wird, pflegt man mit einem allerdings sehr dehnbaren
-und daher auch häufig nur wenig zutreffenden Ausdrucke =Ernährung=
-(=Nutrition=) zu nennen[19]. Als das eigentliche Wesen der Ernährung
-gilt wiederum sehr allgemein der =Stoffwechsel=, d. h. die Aufnahme,
-Assimilation, Zersetzung (Desintegration) und Wiederausscheidung
-gewisser Stoffe, welche dieser Anschauung entsprechend =Nahrungsstoffe=
-genannt werden.
-
- [19] Vgl. meinen Vortrag über Nahrungs- und Genussmittel. Berlin 1868.
- S. 23.
-
-Es ist leicht verständlich, dass in der Meinung vieler Physiologen und
-Pathologen, namentlich vieler praktischen Aerzte die Lehre von der
-Ernährung als der Ausgangspunkt aller weiteren Erörterungen erscheint,
-und wir wollen daher diesen Punkt sofort besprechen, um so mehr, als ich
-die überlieferten Vorstellungen in mehrfacher Beziehung nicht als
-berechtigt anerkenne. Selbst die Physiologie hat erst in den letzten
-Jahren angefangen, sich derjenigen Betrachtungsweise anzunähern, welche
-ich seit langer Zeit als die entscheidende vertheidigt habe. Zwei
-Umstände namentlich sind es gewesen, welche die Vereinbarung erschwert
-haben. Einerseits die hervorragende Stellung, welche den =Vorgängen der
-Ernährung im Gesammt-Organismus= angewiesen wurde. Die Folge davon war,
-dass man die Forschung wesentlich auf die Geschichte der Nahrungsstoffe
-in den »ersten Wegen«, d. h. die Verdauung, und im Blute beschränkte,
-dass man also gewissermaassen da Halt machte, wo in der cellularen
-Anschauung die Ernährung im engeren Sinne eigentlich erst beginnt,
-nehmlich an den Geweben. Denn begreiflicherweise sind für denjenigen,
-welcher die Ernährung der einzelnen Theile als das Wesentliche ansieht,
-alle anderen Vorgänge nur =Vorbereitungen=, und so wichtig Verdauung und
-Circulation auch sein mögen, so können sie doch nur als Akte gelten,
-welche die Bestimmung haben, den Elementartheilen geeignetes Material
-für ihre Ernährung zu liefern. -- Andererseits war der Umstand für die
-Einigung der verschiedenen Forscher hinderlich, dass man glaubte, mit
-dem blossen =äusserlichen= Stoffwechsel, der sogenannten Endosmose und
-Exosmose, das Hauptsächliche der Ernährung abgethan zu haben. Man
-übersah dabei, dass es auch im Todten einen Stoffwechsel gibt, wie die
-Geschichte der im menschlichen Körper selbst eingeschlossenen
-mortificirten Theile deutlich erkennen lässt[20], und dass es viel mehr
-auf den =inneren= Stoffwechsel ankommt, der sich durch blosse Endosmose
-und Exosmose nur unvollständig erkennen lässt. Aufnahme und Abgabe von
-Stoffen können erfolgen, ohne dass damit eine Ernährung bewirkt wird.
-Gleichwie ein Infusorium ein Indigokorn oder den Kieselpanzer einer
-Diatomee »frisst«, möglicherweise ohne Mund und Magen in sein Inneres
-aufnimmt, und diese Körper nachher wieder, möglicherweise ohne After,
-auswirft, so »fressen« viele Zellen Fett, ohne es zu assimiliren oder zu
-verbrauchen, und sie werfen es später wieder aus, ohne es »verdaut« zu
-haben. Dieser, wie ich ihn genannt habe[21], nur =intermediäre=
-Stoffwechsel (Transito-Verkehr) ist von dem eigentlich nutritiven wohl
-zu trennen.
-
- [20] Verhandlungen der Berliner medic. Gesellschaft 1867. S. 254.
-
- [21] Archiv 1857. XI. 574.
-
-Ich bin von Anfang an[22] davon ausgegangen, dass die Zellen die
-eigentlichen =Ernährungseinheiten= seien und dass sie gerade aus
-diesem Grunde auch als die eigentlichen =Krankheitseinheiten=
-(=Krankheitsheerde=) aufgefasst werden müssten. Meine eigenen
-Vorstellungen haben sich insofern erweitert, als ich später in
-schärferer Weise, als es mir ursprünglich erschien, die formativen und
-functionellen Vorgänge von den nutritiven getrennt habe. Trotzdem muss
-ich noch gegenwärtig daran festhalten, dass die =cellulare Nutrition= in
-der That die erste Grundlage für die Betrachtung der vitalen Vorgänge
-bildet. In diesem Sinne wollen wir uns auch zunächst mit ihr
-beschäftigen.
-
- [22] Ebendas. 1852. IV. 387. 1855. VIII. 15. 1856. XI. 40. Gesammelte
- Abhandl. 1856. S. 50.
-
-Gewöhnlich betrachtet man in der Lehre von der Ernährung =die Gefässe=
-als diejenigen Kanäle, welche nicht nur den Stoffverkehr vermitteln,
-sondern auch durch bald active, bald passive Hülfe den einzelnen Theil
-in seinem Stoffverkehr überwachen. Seit lange hat man daher das
-Bestimmende bei dem Ernährungsvorgange mit einem Ausdrucke, der sich
-auch in die heutige Sprache hinübergeschlichen hat, in der Thätigkeit
-der Gefässe gesucht, wie wenn die Gefässe ein unmittelbares Regiment
-über die ihnen benachbarten oder von ihnen versorgten Gewebstheile
-ausübten.
-
-Wie ich schon früher bei Gelegenheit der Muskelfasern hervorhob (S. 61),
-so können wir heut zu Tage von einer Action der Gefässe nur in so weit
-sprechen, als Muskelfasern in denselben vorhanden sind, und als sich
-demnach die Gefässe durch Zusammenziehung ihrer Muskeln verengern oder
-verkürzen können. Die Verengerung hat das Resultat, dass der Durchtritt
-der Flüssigkeiten gehemmt wird, während umgekehrt bei Erschlaffung oder
-Lähmung der Muskeln das durch den Blutdruck erweiterte Gefäss den
-Durchtritt der Flüssigkeiten begünstigen kann. Gestehen wir dies zu,
-aber vergessen wir auch nicht, die Gewebsmasse, welche neben den
-Gefässen liegt, und welche man sich gewöhnlich als eine sehr einfache
-und träge Masse vorstellt, mit in Betracht zu ziehen.
-
-[Illustration: =Fig=. 32. Stück von der Peripherie der Leber eines
-Kaninchens; die Gefässe vollkommen injicirt. Vergr. 11.]
-
-Wenn wir Theile wählen, in welchen die Gefässe recht dicht liegen, in
-welchen vielleicht fast eben so viel an Gefässen vorhanden ist, als an
-Gewebe, so sehen wir, dass jedes einzelne Spatium, welches zwischen den
-Gefässen übrig bleibt, durch eine ganz kleine Zahl von Elementen erfüllt
-wird. Ein solches Organ ist die Leber, bei der in der That dieses
-Verhältniss ganz zutrifft. Denn eine Leber im gefüllten Zustande der
-Gefässe hat nahezu so viel Volumen Gefäss, als eigentliche
-Lebersubstanz. Betrachten wir einen einzelnen Acinus der Leber für sich,
-so finden wir in dem glücklichsten Falle des Querschnittes in seiner
-Mitte die Vena centralis oder intralobularis, die zur Lebervene geht, im
-Umfange Aeste der Pfortader, welche in das Innere des Acinus capillare
-Zweige senden. Letztere bilden sofort ein Anfangs langmaschiges, später
-kürzeres Netz, welches sich in der Richtung gegen die Vena centralis
-(hepatica) fortsetzt und zuletzt in dieselbe einmündet. Das Blut strömt
-also, indem es von der V. interlobularis (portalis) eintritt, durch das
-Capillarnetz hindurch zur Vena intralobularis, von wo es durch die Venae
-hepaticae wieder zum Herzen zurückgeführt wird. Hat man nun eine
-injicirte Leber vor sich, so sieht man dieses Netz so dicht, dass
-dasjenige Gewebe, welches die Maschen des Netzes erfüllt, fast geringer
-an Masse erscheint, als der Raum, welcher von den Gefässen eingenommen
-wird. So kann man sich leicht vorstellen, wie die älteren Autoren, vor
-Allen =Ruysch=, durch ihre Injectionen auf die Vermuthung kommen
-konnten, dass fast Alles im Körper aus Gefässen bestände und dass die
-verschiedenen Organe nur durch Differenzen in der Anordnung ihrer
-Gefässe sich unterschieden. Gerade umgekehrt, wie an einem
-Injectionspräparat, erscheint jedoch das Verhältniss an einem
-gewöhnlichen Präparat aus einer blutleeren Leber. Hier nimmt man die
-Gefässe fast gar nicht wahr. Man sieht wohl ein ähnliches Netz, aber
-dies ist das Netz der Leberzellen (Fig. 29), welche, dicht an einander
-gedrängt, allein vorhanden zu sein scheinen. Es ergiebt sich also, dass
-Gefässnetz und Zellennetz sich auf das Innigste durchflechten, so dass
-überall fast unmittelbar an der Gefässwand Zellen des Leberparenchyms
-liegen. Zwischen den Zellen und der Gefässwand bemerkt man nur sehr
-schwer noch eine feine Lage, von der es unter den Histologen immer noch
-streitig ist, ob sie einer besonderen und continuirlichen Wand
-zuzuschreiben ist, welche die feinsten Gallengänge zusammensetzt, oder
-ob nur eine minimale Menge von Bindegewebszellen die Zellennetze
-umgreift.
-
-In diesem Falle kann man allerdings ein sehr einfaches Verhältniss
-zwischen den Gefässen und den Zellen annehmen; man kann sich vorstellen,
-dass das Blut, welches in den Gefässen strömt, je nach den
-Erweiterungszuständen der letzteren und je nach seiner Menge
-unmittelbar auf die anstossenden Elemente einwirkt und unmittelbar
-Ernährungsstoffe an sie abgiebt, sowie Zersetzungsstoffe aus ihnen
-aufnimmt. Freilich kann man in Beziehung auf die Ernährungsverhältnisse
-entgegenhalten, dass es sich hier um eine ganz eigenthümliche
-Gefäss-Einrichtung handelt, die wesentlich venöser Natur ist,
-zusammengesetzt aus Pfortader- und Lebervenenästen, allein in dasselbe
-Capillarnetz geht auch die Arteria hepatica hinein, und das Blut lässt
-sich in dem Netz nicht mehr in seine einzelnen arteriellen und venösen
-Theile zerlegen. Die Injectionen gelangen von jedem der Gefässe zuletzt
-in dasselbe Capillarnetz hinein. Nichts desto weniger halte ich es für
-berechtigt, gerade bei einem Organe, wie die Leber, welches einen so
-ausgezeichnet intermediären Stoffverkehr hat, die grosse Nähe der
-Capillaren für wichtiger in Beziehung auf diesen Stoffverkehr, als in
-Beziehung auf die eigentliche Ernährung zu halten. Jedenfalls begreift
-man leicht, dass alle Produkte des Transito-Verkehrs zuerst und am
-stärksten in denjenigen Zellen erscheinen, welche von dem einströmenden
-Blute zuerst berührt werden. Es sind dies die peripherischen Zellen der
-einzelnen Acini.
-
-Etwas anders ist das Verhältniss schon in der =Niere=. Macht man einen
-feinen Durchschnitt durch die Rindensubstanz, nachdem man vorher die
-Gefässe sorgfältig injicirt hat, so bemerkt man, dass letztere die
-Harnkanälchen ziemlich dicht umspinnen (Fig. 33, _c_, _e_). Diese sind
-ihrerseits zusammengesetzt aus einer strukturlosen Haut, der sogenannten
-Tunica propria (Fig. 33, _b_), und einem zusammenhängenden Epithel,
-welches das freie Kanallumen (_d_) umgiebt. Hier bleibt zwischen den
-Gefässen und der Tunica propria noch ein kleiner Raum, in welchem bei
-genauester Untersuchung ein fast strukturloses, feinstreifiges
-Bindegewebe mit Zellen, Bindegewebskörperchen (_a_), gelagert ist. Die
-Epithelialzellen sind demnach von den Capillaren getrennt durch die
-Tunica propria und diese Bindegewebslage, und die Blutflüssigkeit muss,
-um zu den Epithelzellen Säfte abgeben zu können, nicht nur die
-Capillarwand, sondern auch die genannten zwei Septa durchdringen, deren
-Zustände natürlich nicht ohne Bedeutung für die Möglichkeit dieser
-Durchdringung sein können. Ueberdies bemerkt man leicht, dass eine
-grössere Zahl von Zellen stets einer einzigen Capillarschlinge anliegt,
-und es bedarf wohl nur dieser Erinnerung, um darauf aufmerksam zu
-machen, dass es schwer erklärlich sein würde, wie, was zuweilen
-vorkommt, nur einzelne Zellen besondere nutritive Abweichungen zeigen,
-wenn in der That die Gefässe das allein Bestimmende bei der Ernährung
-wären.
-
-[Illustration: =Fig=. 33. Durchschnitt durch die Rindensubstanz einer
-künstlich injicirten menschlichen Niere. _a_. Bindegewebskörperchen des
-Stromas oder des interstitiellen Gewebes, dessen Masse in der Zeichnung
-etwas zu gross ausgefallen ist. _b_. Tunica propria des Harnkanälchens.
-_c_, _c_ Capillargefässe. _d_. Das Harnkanälchen mit seinem Epithellager.
-Vergr. 300. (Nach A. =Beer=, Die Bindesubstanz der menschlichen Niere.
-Berlin 1859. Fig. 3.)]
-
-So einfach, wie in der Leber und in der Niere, gestalten sich aber die
-Verhältnisse in den meisten anderen Theilen nicht; gewöhnlich liegen
-ziemlich bedeutende Zwischenräume zwischen den einzelnen Gefässen, und
-nicht unbeträchtliche Mengen von Elementen sind in jeder einzelnen
-Capillar-Masche enthalten. Ja, in demselben Organe sind diese
-Verhältnisse sehr verschieden, je nachdem die Function der einzelnen
-Theile einen rascheren Wechsel der Stoffe erfordert. Nirgends tritt dies
-so auffällig hervor, als im =Gehirn=. Hier ist die Gefässverbreitung in
-der weissen Substanz, die hauptsächlich Nervenfasern enthält, ziemlich
-spärlich, während sie in der grauen Substanz, welche die Ganglienzellen
-führt, überaus reichlich ist. Das eine hier abgebildete Object (Fig. 34)
-zeigt eine künstliche Injection der Rinde des Kleinhirns, das zweite
-(Fig. 35) die natürliche Gefässfülle in dem sehr rothen Corpus striatum
-eines Geisteskranken, der unter einer starken Hyperämie des Gehirns
-gestorben war. Der Schnitt ist quer durch das Corpus striatum gelegt,
-und man erkennt von Strecke zu Strecke grössere, bei durchfallendem
-Lichte dunkel erscheinende Stellen, rundliche Flecke (Fig. 35, _a_, _a_,
-_a_), die bei auffallendem Lichte und für das blosse Auge weiss aussehen
-und Querdurchschnitte jener Bündel von Nervenfasern darstellen, welche
-in langen Zügen gegen das Rückenmark hinziehen. Gefässe treten in diese
-Bündel fast gar nicht ein. Die übrige Masse dagegen besteht aus der
-eigentlichen grauen Substanz des Corpus striatum; innerhalb derselben
-verbreitet sich ein sehr feinmaschiges Gefässnetz, wie denn überhaupt
-die graue Substanz der Nervencentren sich sowohl im Innern, als an der
-Rinde durch ihren grossen Gefässreichthum vor der weissen Substanz
-auszeichnet. In dem Object sieht man einzelne grössere Gefässe, von
-welchen Aeste ausgehen, die sich immer feiner verzweigen, bis sie
-endlich in ganz feinmaschige Capillarnetze übergehen. Allein so eng
-dieses Netz in der grauen Substanz auch sein mag, so stösst doch
-keinesweges jedes einzelne Element der Hirnsubstanz unmittelbar an ein
-Capillargefäss.
-
-[Illustration: =Fig=. 34. Künstliche Injection der Rinde des
-menschlichen Kleinhirns, _a a_. Weisse Substanz der Arbor vitae, _g g_.
-graue Substanz, _s s_. Sulci zwischen den Gyri, in welche die Arterien
-mit der Pia mater eintreten und von da Aeste in die Hirnsubstanz senden,
-welche in der grauen Substanz ein ganz feines Netz bilden, zum Theil
-aber in grösseren Stämmen zur weissen Substanz durchtreten, wo sie sehr
-spärliche Netze bilden. Nach einer Injection des Herrn =Gerlach=. Ganz
-schwache Vergrösserung.]
-
-[Illustration: =Fig=. 35. Natürliche Injection des Corpus striatum eines
-Geisteskranken. _a a_. Gefässlose Lücken, entsprechend den Zügen von
-Nervenfasern, welche das Ganglion durchsetzen. Vergröss. 80.]
-
-Gleichmässiger ist die Gefässvertheilung an der =Muskelhaut des Magens=:
-hier bilden die Gefässe ziemlich regelmässige, unter einander durch
-Queranastomosen in Verbindung stehende Netze, von denen aus sich immer
-kleinere Gefässe verästeln, die zuletzt feinste Netze bilden, so dass
-dadurch das Ganze in eine Reihe von unregelmässig viereckigen
-Abtheilungen zerlegt wird. Auf jeden letzten Zwischenraum fällt eine
-grössere Zahl von Muskelelementen, so dass die Gefässe an einigen
-Stellen die Muskelfasern berühren, an anderen Stellen entfernter davon
-liegen.
-
-[Illustration: =Fig=. 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des
-Magens eines Kaninchens, 11 mal vergrössert.]
-
-[Illustration: =Fig=. 37. Durchschnitt des Calcaneus-Knorpels vom
-Neugebornen. _C_. der Knorpel, dessen Zellen durch feine Punkte
-angedeutet sind. _P_. Perichondrium und anstossendes Fasergewebe. _a_.
-die Ansatzzelle am Knochen, mit den von der Arteria nutritia
-aufsteigenden Gefässschlingen. _b b_. Gefässe, die durch das
-Perichondrium gegen den Knorpel andringen. Vergröss. 11.]
-
-Verfolgt man in dieser Weise die Einrichtung der verschiedenen Organe
-und Gewebe, so kommt man von solchen, welche nach der Injection fast nur
-aus Gefässen zu bestehen scheinen, mit der Zeit zu denjenigen, welche
-fast gar keine Gefässe enthalten und endlich zu solchen, welche wirklich
-keine mehr führen. Dieses Verhältniss trifft man am meisten
-ausgesprochen in den Epithelialformationen, welche auch da, wo sie am
-mächtigsten ausgebildet sind, keine Gefässe besitzen; nächstdem in den
-Geweben der Bindesubstanz, und hier wieder am reinsten am Knorpel,
-weniger rein am Knochengewebe. Der entwickelte normale Knorpel hat
-überhaupt gar keine Gefässe; der entwickelte Knochen enthält allerdings
-Gefässe, aber in einem sehr wechselnden Maasse und zum Theil recht
-spärlich. Dass der entwickelte =Knorpel= keine Gefässe enthält, davon
-gibt fast jedes Knorpelpräparat Zeugniss (Fig. 9, 14, 23). Eine fast
-beständige Ausnahme davon macht der wachsende Knorpel, der sich zur
-Verknöcherung anschickt, gleichviel ob im physiologischen oder
-pathologischen Wege. Besonders interessant ist das Verhältniss an
-jungem, wachsendem Knorpel. Fig. 37 zeigt einen Schnitt aus dem
-Caleaneus eines neugebornen Kindes, wo von der schon gebildeten
-centralen Knochenmasse, dem sogenannten Knochenkern aus Gefässe in den
-noch sehr reichlichen peripherischen Knorpel hineingehen. Das Präparat
-zeigt an seiner äussersten Oberfläche die Uebergänge zu dem
-Perichondrium, während der untere Theil des Schnittes bis nahe an die
-Grenze des schon gebildeten Knochenkerns reicht. Von hier aus steigen
-grosse Gefässe auf, welche von der Arteria nutritia herstammen; sie
-endigen mitten im Knorpel, indem sie Schlingen und Netze bilden und
-gleichsam Zottenbäume inmitten des Knorpels darstellen, welche sehr
-ähnlich sind den Chorion-Zotten am Ei. In der That wachsen von der
-Arteria nutritia her die Gefässe in den Knorpel hinein, aber nur bis zu
-einer gewissen Höhe. Hier lösen sie sich in wirkliche Schlingen oder in
-ein feines Netzwerk von Capillaren auf, aus dem sich Venen
-zusammensetzen, die in derselben Richtung, in welcher die Arterien
-herkamen, zurückgehen. Die ganze übrige Masse besteht aus gefässlosem
-Knorpel, dessen Körperchen bei schwacher Vergrösserung als feine Punkte
-erscheinen. Es liegt also ein ganzes Heer von Knorpelkörperchen zwischen
-den letzten Schlingen und der äusseren Oberfläche, die meisten sehr
-entfernt von den äussersten Gefässenden. Diese ganze Lage ist in ihrer
-Ernährung allerdings abhängig von dem Safte, der aus den Endschlingen
-austritt, zum Theil auch von den Stoffen, welche die spärlichen Gefässe
-des Perichondriums zuführen, jedoch nicht so, dass jedes Körperchen eine
-besondere Beziehung zu einzelnen Gefässen oder Gefässtheilen hätte. Die
-von der Arteria nutritia stammenden Gefässe bezeichnen an allen Knorpeln
-schon ziemlich frühzeitig ungefähr die Grenze, bis zu welcher späterhin
-die Ossification fortschreiten wird, während derjenige Theil, welcher
-als Knorpelrest am Gelenk liegen bleibt, niemals Gefässe enthält.
-
-[Illustration: =Fig=. 38. Knochenschliff aus der compacten
-Rindensubstanz eines Os femoris. _P P_. die dem Periost zugewendete
-Oberfläche, an welcher parallele Züge von Knochenkörperchen liegen, _v
-v_. grössere Gefässe, die aus dem Periost in den Knochen eindringen und
-sich bald verästeln, _v_' _v_' kleinere Gefässe derselben Art. Alle
-dunklen Züge und Flecke bezeichnen angeschliffene Gefässkanäle. Sie sind
-von parallelen und concentrischen Lagen von Knochenkörperchen begleitet.
-Vergröss. 120.]
-
-Was die =Knochen= selbst anbetrifft, so ist bei ihnen das
-Gefäss-Verhältniss ein ziemlich einfaches, aber auch zugleich ein sehr
-charakteristisches. Wenn man die äussere Oberfläche der Knochenrinde
-betrachtet, so sieht man schon mit dem blossen Auge kleine Löcher
-(Poren). Es sind dies die Oeffnungen von Kanälen, durch welche Gefässe
-aus dem Periost in die Knochenrinde eintreten. Bei einer mässigen
-Vergrösserung erkennt man, dass diese Kanäle (Fig. 38, _v_, _v_') alsbald
-unter der Oberfläche sich verästeln. So entsteht ein System unter
-einander anastomosirender Röhren, die zuweilen mehr schräg nach Innen
-gehen, aber im Wesentlichen eine Längsrichtung einhalten. Zwischen
-diesen Maschen bleiben verhältnissmässig breite Zwischenräume, welche
-von dem eigentlichen Knochengewebe erfüllt sind. In dem letzteren liegen
-die Knochenkörperchen, grade so, wie in dem vorigen Beispiele die
-Knorpelkörperchen, und zwar im Allgemeinen in Reihen parallel den
-Gefässen. Nur die am meisten peripherischen Lagen der Rinde zeigen
-Knochenkörperchen, welche der Oberfläche parallel sind und deren
-Längsrichtung an langen Knochen (Röhrenknochen) der Längsaxe entspricht.
-Untersucht man dagegen Querschnitte, so bekommt man natürlich an den
-Stellen, wo vorher Längskanäle zu sehen waren, einfache runde Löcher,
-Durchschnitte (Fig. 39, _a_) zu Gesicht, hier und da durch eine schräge
-Verbindung vereinigt. Zwischen ihnen befindet sich die eigentliche Tela
-ossea mit den Knochenkörperchen, in lamellösen Schichten gelagert, und
-zwar concentrisch um die Gefässe. Im Allgemeinen kann man daher sagen,
-dass die compakte Substanz der Knochen durchweg aus einer
-Zusammenordnung paralleler Lagen von Knochengewebe besteht, welche zu
-mehreren die einzelnen Gefässe umgeben. Nur da, wo diese Systeme von
-concentrischen Lamellen endigen, gewissermaassen in den Räumen, welche
-zwischen diesen Systemen übrig bleiben, findet sich eine geringe Masse
-von Knochengewebe (Fig. 39, _i_), welche nicht dieselbe Anordnung zeigt,
-sondern sich mehr unabhängig verhält; bei genauer Analyse zeigt sich,
-dass sie aus kleinen Säulen gebildet ist, welche meist senkrecht auf der
-Längsaxe des Knochens stehen und in eine Art von Bogen übergehen, die
-der Längsaxe parallel sind. Dies sind die Ueberreste der bei dem
-Dickenwachsthum des Knochens zuerst gebildeten, also ältesten Balken der
-Tela ossea.
-
-[Illustration: =Fig=. 39. Knochenschliff, _a_ querdurchschnittener Mark-
-(Gefäss-) Kanal, um welchen die concentrischen Lamellen _l_ mit
-Knochenkörperchen und anastomosirenden Knochenkanälchen liegen. _r_
-längsdurchschnittene, parallele Lamellen. _i_ unregelmässige Lagerung in
-den ältesten Knochenschichten, _v_ Gefässkanal. Vergröss. 280.]
-
-Da man meistentheils in den Kanal-Durchschnitten, die man in Schliffen
-des Knochens gewinnt, die Gefässe selbst nicht mehr erkennt, so nannte
-man die Höhlungen (Fig. 38, _v_, _v_'; 39, _a_, _v_), in denen die Gefässe
-verlaufen, Markkanäle, insofern uneigentlich, als in diesen engen
-Kanälen meist kein Mark enthalten ist; man sollte eigentlich sagen:
-Gefässkanäle, doch ist jener Ausdruck so allgemein angenommen, dass man
-ihn auch da gebraucht, wo die Gefässwand sich unmittelbar an die innere
-Oberfläche der Höhlung anlegt. Häufig bezeichnet man die Kanäle auch
-nach ihrem Entdecker =Havers=. Im nächsten Umfange dieser Kanäle liegt
-stets eine Reihe von eigenthümlichen Gebilden: längliche oder rundliche,
-bei durchfallendem Lichte gewöhnlich schwarz erscheinende Körper, die
-mit Zacken oder Ausläufern versehen sind. Man nannte sie
-Knochenkörperchen (Fig. 24) und ihre Ausläufer Knochenkanälchen
-(Canaliculi ossei). =Johannes Müller=, welcher die Ansicht hegte, dass
-die Kalksubstanz in ihnen abgelagert sei und das dunklere Aussehen,
-welches sie bei durchfallendem Lichte darzubieten pflegen, eben von
-ihrem Kalkgehalte herrühre, bezeichnete die Kanälchen als Canaliculi
-chalicophori, ein Name, der heut zu Tage ganz gestrichen ist, weil man
-sich überzeugt hat, dass der Kalk gerade in ihnen nicht, sondern überall
-in der homogenen Grundsubstanz enthalten ist, welche zwischen ihnen
-liegt.
-
-[Illustration: =Fig=. 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde
-einer sklerotischen Tibia. _a a_ Mark- (Gefäss-) Kanäle, zwischen ihnen
-die grossentheils parallel, bei _b_ concentrisch (Querschnitt)
-geordneten Knochenkörperchen. Vergr. 80.]
-
-Als man erkannte, dass der Absatz des Kalkes in dem Knochengewebe
-gerade umgekehrt, wie man geglaubt hatte, stattfindet, so ging man
-alsbald in das andere Extrem über, indem man den Namen der
-Knochenkörperchen durch den der Knochenlücken (Lacunen) ersetzte und
-annahm, der Knochen enthalte nur eine Reihe von leeren Höhlen und
-Kanälen, in welche allenfalls Flüssigkeit oder Gas gelange, welche aber
-eigentlich doch nur Spalten des Knochens darstellten. Einzelne nannten
-sie auch geradezu Knochenspältchen (=Bruch=). Ich habe mich bemüht, auf
-verschiedene Weise den Nachweis zu führen, dass es wirkliche Körperchen
-sind und nicht bloss Höhlen in einem Grundgewebe, mit einem Wort, dass
-es Gebilde sind, mit besonderen Wandungen und eigenen Grenzen versehen,
-welche sich aus der Grundsubstanz auslösen lassen. Durch chemische
-Einwirkung, insbesondere durch Maceration in concentrirter Salz- oder
-Salpetersäure, kann man es dahin bringen, dass die Grundsubstanz sich
-auflöst und die Körperchen frei werden. Dadurch ist wohl am sichersten
-der Nachweis geliefert, dass es körperliche, wirklich für sich
-bestehende Gebilde sind. Ueberdies erkennt man in ihnen Kerne, und,
-auch ohne auf die Entwickelungsgeschichte einzugehen, findet man, dass
-man es auch hier wieder mit zelligen Elementen sternförmiger Art zu thun
-hat. Die Zusammensetzung des Knochens ergiebt demnach ein Gewebe,
-welches in einer scheinbar ganz homogenen, verkalkten Grundmasse
-(Intercellularsubstanz) sehr regelmässig vertheilt die eigentlichen,
-sternförmigen Knochenzellen enthält.
-
-Die Entfernung zwischen je zwei Knochengefässen ist oft sehr bedeutend;
-ganze Lamellensysteme schieben sich zwischen die Markkanäle ein, mit
-zahlreichen Knochenkörperchen durchsetzt. Hier ist es gewiss schwierig,
-sich die Ernährung eines so complicirten Apparates als abhängig von der
-Thätigkeit der zum Theil so weit entfernten Gefässe zu denken,
-namentlich sich vorzustellen, wie jedes einzelne Körperchen in dieser
-grossen Zusammensetzung immer noch in einem Specialverhältniss der
-Ernährung zu den Gefässen stehen soll. Ueberdies lehrt die Erfahrung,
-dass wirklich jedes einzelne Knochenkörperchen für sich ein besonderes
-Ernährungs-Verhältniss besitzt. --
-
-Ich habe diese Einzelheiten vorgeführt, um die lange Stufenleiter zu
-zeigen, die von =den gefässreichen und den gefässhaltigen zu den
-gefässarmen und den gefässlosen= Theilen stattfindet. Will
-man eine einfache und zugleich befriedigende Anschauung der
-Ernährungs-Verhältnisse haben, so glaube ich es als logische Forderung
-aufstellen zu müssen, dass Alles, was von der Ernährung der
-gefässreichen Theile ausgesagt wird, auch für die gefässarmen und für
-die gefässlosen Gültigkeit haben muss, und dass, wenn man die Ernährung
-der einzelnen Theile in eine direkte Abhängigkeit von den Gefässen oder
-dem Blute stellt, man wenigstens darthun muss, dass alle Elemente,
-welche in nächster Beziehung zu einem und demselben Gefässe stehen,
-welche also in ihrer Ernährung auf ein einziges Gefäss angewiesen sind,
-auch wesentlich gleichartige Lebensverhältnisse darbieten. In dem Falle
-vom Knochen müsste jedes System von Lamellen, welches nur ein Gefäss für
-seine Ernährung hat, auch immer gleichartige Zustände der Ernährung
-darbieten. Denn wenn das Gefäss oder das Blut, welches in demselben
-circulirt, das Thätige bei der Ernährung ist, so könnte man höchstens
-zulassen, dass ein Theil der Elemente, nehmlich der zunächst an den
-Gefässkanal anstossende, ihrer Einwirkung mehr, ein anderer, nehmlich
-der entferntere, weniger ausgesetzt sei; im Wesentlichen müssten sie
-aber doch eine gemeinschaftliche und gleichartige, höchstens quantitativ
-verschiedene Einwirkung erfahren. Dass dies keine unbillige Anforderung
-ist, dass man eine gewisse Abhängigkeit bestimmter Gewebs-Territorien
-von bestimmten Gefässen allerdings zugestehen muss, davon haben wir die
-schönsten Beispiele in der Lehre von den Metastasen, namentlich in dem
-Studium der Veränderungen, welche durch die Verschliessung einzelner
-Capillargefässe zu Stande kommen, wie wir sie aus der Geschichte der
-Capillar-Embolie kennen. In solchen Fällen sehen wir in der That, dass
-ein ganzes Gewebsstück, so weit es in einer unmittelbaren Beziehung zu
-einem Gefässe steht, auch in seinen pathologischen Verhältnissen ein
-Ganzes vorstellt, =ein vasculäres Territorium, eine Gefässeinheit=.
-Allein diese Gefässeinheit erscheint vor einer feineren Auffassung immer
-noch als ein Vielfaches, als eine mehr oder weniger grosse Summe von
-Ernährungseinheiten (Zellenterritorien) und es genügt nicht, den Körper
-etwa in lauter Gefässterritorien zu zerlegen, sondern man muss noch
-innerhalb derselben weiter auf die Zellenterritorien zurückgehen.
-
-In dieser Auffassung ist es, wie ich glaube, ein wesentlicher
-Fortschritt gewesen, dass durch meine Untersuchungen innerhalb der
-Gewebe der Bindesubstanz, wie ich früher hervorgehoben habe (S. 48), ein
-besonderes System anastomosirender Elemente nachgewiesen ist, und dass
-wir auf diese Weise anstatt der Vasa serosa, welche sich die Früheren
-für diese nächsten Zwecke der Ernährung zu den Capillaren hinzudachten,
-eine thatsächliche Ergänzung bekommen haben, durch welche die
-Möglichkeit von Saftströmungen an Orten gegeben ist, die an sich arm an
-Gefässen sind. Wenn wir beim =Knochen= stehen bleiben, so wären Vasa
-serosa eine nicht zu rechtfertigende Annahme. Die harte Grundsubstanz
-ist durch und durch ganz gleichmässig mit Kalksalzen erfüllt, so
-gleichmässig, dass man gar keine Grenze zwischen den einzelnen
-Kalktheilchen wahrnimmt. Wenn Einzelne angenommen haben, dass man kleine
-Körner daran unterscheiden könne, so ist dies ein Irrthum. Das Einzige,
-was man in der Grundsubstanz sieht, sind die Canaliculi, welche zuletzt
-alle zurückführen auf die Körper der Knochenzellen (Knochenkörperchen),
-und welche ihrerseits wieder verästelt sind. Die inneren Enden dieser
-Aeste, dieser kleinen Fortsätze reichen unmittelbar bis an die
-Oberfläche des Gefässkanals (Markkanals). Sie setzen also unmittelbar
-da ein, wo die Gefässmembran anliegt (Fig. 41), denn man kann sie
-deutlich auf der Wand des Kanals als kleine Löcherchen wahrnehmen. Da
-nun die verschiedenen Knochenkörperchen wieder unter sich in offener
-Verbindung stehen, so ist dadurch die Möglichkeit gegeben, dass eine
-gewisse Quantität von Saft, welcher an der inneren Fläche des
-Gefässkanals aufgenommen ist, durch die ganze Gewebsmasse hindurch
-dringt, nicht diffus, sondern innerhalb dieser feinen prädestinirten und
-continuirlichen Wege, welche der Injection vom Gefässe aus nicht mehr
-zugänglich sind. Eine Zeitlang hat man geglaubt dass die Kanälchen vom
-Gefässe aus zu injiciren seien, allein dies ist nur vom leeren
-(macerirten) Gefäss- oder Markkanal aus möglich.
-
-[Illustration: =Fig=. 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen der
-Arachnoides cerebralis, der übrigens ganz normale Verhältnisse des Baues
-zeigt. Man sieht einen verästelten Gefäss- (Mark-) Kanal mit den in ihn
-einmündenden und zu den Knochenkörperchen führenden Knochenkanälchen.
-Vergröss. 350.]
-
-Es ist dies ein ganz ähnliches Verhältniss, wie am =Zahn=, wo man von
-der leeren Zahnhöhle aus die Zahnkanälchen oder Zahnröhrchen (Fig. 42)
-injiciren kann. Spritzt man Carminlösung in eine leere Zahnhöhle, so
-sieht man die Zahnkanälchen zahlreich neben einander als nahezu
-parallel, nur wenig strahlig auseinander gehende Röhren zu der
-Oberfläche aufsteigen. Die Zahnsubstanz bildet eben auch eine breite
-Lage von gefässloser Substanz. Gefässe finden sich nur in der Markhöhle
-des Zahns; von da nach aussen haben wir weiter nichts, als die
-eigentliche Zahnsubstauz (Dentin) mit ihrem Röhrensystem, welches an der
-Krone bis nahe an den Schmelz (Fig. 42, _S_) reicht, an der Zahnwurzel
-dagegen unmittelbar übergeht in eine Lage von wirklicher Knochensubstanz
-(Cement). Hier sitzen die Knochenkörperchen am Ende dieser Röhren auf.
-Eine ähnliche Einrichtung für die Saftströmung, wie vom Marke der
-Knochen, geht hier von der Zahnpulpe aus; der Ernährungssaft kann durch
-Röhren bis zum Schmelz und zum Cement geleitet werden.
-
-[Illustration: =Fig=. 42. Zahnschliff von der Krone. _a_ äussere
-Oberfläche des Zahns, _i_ innere Grenze gegen die Markhöhle hin. _S_
-Schmelz, _D_ Dentin. Vergr. 150.]
-
-Diese Art von Röhrensystemen, die im Knochen und Zahn in einer so
-ausgesprochenen Weise sich findet, ist in den weichen Gebilden mit einer
-ungleich geringeren Klarheit zu erkennen. Das ist wohl der
-hauptsächliche Grund gewesen, weshalb die Analogie, welche zwischen den
-weichen Geweben der Bindesubstanz und den harten der Knochen besteht,
-nicht recht zur Anschauung gelangt ist. Am deutlichsten sieht man solche
-Einrichtungen an Punkten, die eine mehr knorpelige Beschaffenheit haben,
-namentlich im Faserknorpel. Aber es ist noch viel mehr bezeichnend, dass
-wir von dem Knorpel eine Reihe von Uebergängen zu anderen Geweben der
-Bindesubstanz finden, in welchen sich stets dasselbe Verhältniss
-wiederholt. Zuerst Theile, die chemisch noch zum Knorpel gehören, z. B.
-die Hornhaut, welche beim Kochen Chondrin gibt, obgleich sie Niemand als
-wirklichen Knorpel ansieht. Viel auffälliger ist die Einrichtung bei
-solchen Theilen, bei denen die äussere Erscheinung für Knorpel spricht,
-ohne dass die chemischen Eigenschaften übereinstimmen, z. B. bei den
-Cartilagines semilunares im Kniegelenk, jenen Bandscheiben zwischen
-Femur und Tibia, welche die Gelenkknorpel vor zu starken Berührungen
-schützen. Diese Theile, welche bis vor Kurzem allgemein als Knorpel
-beschrieben wurden, geben beim Kochen nicht Chondrin, sondern Leim. In
-diesem harten Bindegewebe treffen wir, wie in der Hornhaut und dem
-Faserknorpel, dasselbe System von anastomosirenden Elementen mit einer
-ungewöhnlichen Schärfe und Klarheit. Gefässe fehlen darin fast gänzlich;
-dagegen enthalten diese Bandscheiben ein Röhrensystem von seltener
-Schönheit. Auf dem Durchschnitte sieht man, dass das Ganze sich zunächst
-zerlegt in grosse Abschnitte, ganz ähnlich wie eine Sehne; diese
-zerfallen wieder in kleinere, und die kleinen endlich sind durchsetzt
-von einem feinen, sternförmigen System von Röhren, oder wenn man will,
-von Zellen, insofern der Begriff einer Röhre und der einer Zelle hier
-zusammenfallen. Die Zellennetze, welche das Röhrensystem bilden, gehen
-nach aussen hin in die Grenzlager der einzelnen Abschnitte über, und
-hier sehen wir nebeneinander beträchtliche Anhäufungen von
-Spindelzellen. Auch in den Bandscheiben hängt dieses Netz von Röhrchen
-nur äusserlich zusammen mit dem Circulationsapparat: Alles, was in das
-Innere des Gewebes gelangen soll, muss auf grossen Umwegen ein
-Kanalsystem mit zahlreichen Anastomosen passiren, und die innere
-Ernährung ist ganz und gar abhängig von dieser Art der Leitung. Die
-Bandscheiben sind Gebilde von beträchtlichem Umfange und grosser
-Dichtigkeit; und da hier alle Ernährung auf das letzte feine System von
-Zellen zurückzuführen ist, so haben wir es noch viel mehr, als beim
-Knorpel, mit einer Art der Saftzufuhr zu thun, welche nicht mehr direkt
-von den Gefässen bestimmt werden kann.
-
-[Illustration: =Fig=. 43. Durchschnitt aus der halbmondförmigen
-Bandscheibe (Cartilago semilunaris) des Kniegelenks vom Kinde. _a_.
-Faserzüge mit spindelförmigen, parallel liegenden und anastomosirenden
-Zellen (Längsschnitt). _b_. Netzzellen mit breiten verzweigten und
-anastomosirenden Kanälchen (Querschnitt). Mit Essigsäure behandelt.
-Vergr. 350.]
-
-Für das Verständniss der Abbildung (Fig. 43) füge ich noch hinzu, dass
-die letzten Elemente der Bandscheiben als sehr kleine Zellkörper
-erscheinen, die in lange, feine Fäden ausgehen, welche sich verästeln.
-Durchschnitte dieser Fäden stellen sich als kleine Punkte mit einem
-hellen Centrum dar. Alle Fäden lassen sich mit grosser Bestimmtheit bis
-an gemeinschaftliche Zellkörper verfolgen, ganz wie im Knochen. Es sind
-feinste Röhren, die in innigem Zusammenhang unter einander stehen, nur
-dass sie sich an gewissen Punkten zu grösseren Haufen sammeln, durch
-welche die Hauptleitung erfolgt, und dass die Zwischensubstanz in keinem
-Falle Kalk aufnimmt, sondern stets ihre Bindegewebsnatur beibehält.
-
-
-
-
- Sechstes Capitel.
-
- Weiteres über Ernährung und Saftleitung.
-
-
- Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang.
-
- Weiches Bindegewebe (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose
- Häute: Tunicae propriae, Cuticula. Elastische Membranen: Sarkolemm.
-
- Lederhaut (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut
- (subcutanes, subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos.
-
- Das feinere Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen.
- Bedeutung der Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte
- innerhalb der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective
- Eigenschaften der Zellen.
-
-Die Bandscheiben, wie wir sie in der am meisten ausgesprochenen Form im
-Kniegelenke an den sogenannten Semilunar-Knorpeln, die eben keine
-Knorpel sind, kennen gelernt haben, besitzen eigentlich die
-Eigenschaften platter Sehnen. Die einzelnen Structurverhältnisse, die
-wir in ihnen gefunden haben, wiederholen sich im Querschnitte der
-=Sehnen=. Betrachten wir daher zunächst diese oft so vernachlässigten
-Gebilde. Ich wähle dazu eine Reihe von Objecten aus der Achilles-Sehne
-sowohl des Erwachsenen, als des Kindes, welche verschiedene
-Entwickelungs-Stadien zeigen. Es ist dies überdem eine Sehne, die manche
-Bedeutung für operative Zwecke hat, die also schon aus praktischen
-Gründen wohl einen kleinen Aufenthalt entschuldigt.
-
-An der Oberfläche einer Sehne sieht man bekanntlich mit blossem Auge
-eine Reihe von parallelen weisslichen Streifen ziemlich dicht der Länge
-nach verlaufen, welche das atlasglänzende Aussehen bedingen. Bei
-mikroskopischer Betrachtung erscheinen die Streifen natürlich mehr
-getrennt: die Sehne sieht deutlich fasciculirt aus. Noch viel
-deutlicher ist dies auf einem Querschnitte, wo man schon mit blossem
-Auge eine Reihe von kleineren und grösseren Abtheilungen (Bündeln,
-Fascikeln) wahrnimmt. Vergrössert man das Object, so zeigt sich eine
-innere Einrichtung, welche fast ganz derjenigen entspricht, welche bei
-den Semilunar-Knorpeln geschildert ist. Am äusseren Umfange der Sehne
-liegt ringsumher eine faserige Masse, eine Art von lockerer =Scheide=,
-in der die Gefässe enthalten sind, welche die Sehne ernähren. Die
-grösseren Gefässe bilden in der Scheide ein Geflecht, welches die Sehne
-äusserlich umspinnt. Aus diesem Geflechte treten an einzelnen Stellen
-mit Fortsetzungen der Scheide Gefässe in das Innere, indem sie sich in
-den Zwischenlagen oder Scheiden der Fascikel (Fig. 44 _a_, _b_)
-verästeln. In das Innere der Fascikel selbst geht dagegen ebensowenig
-etwas von Gefässen hinein, als in das Innere der Bandscheiben; hier
-finden wir vielmehr wieder das mehrfach besprochene Zellennetz, oder
-anders ausgedrückt, das eigenthümliche saftführende Kanalsystem, dessen
-Bedeutung wir beim Knochen kennen gelernt haben.
-
-[Illustration: =Fig=. 44. Querschnitt aus der Achilles-Sehne eines
-Erwachsenen. Von der Sehnenscheide aus sieht man bei _a_, _b_ und _c_
-Scheidewände nach innen laufen, welche maschenförmig zusammenhängen und
-die primären und secundären Fascikel abgrenzen. Die grösseren (_a_ und
-_b_) pflegen Gefässe zu führen die kleineren (_c_) nicht mehr. Innerhalb
-der secundären Fascikel sieht man das feine Maschennetz der
-Sehnenkörperchen (Netzzellen) oder das intermediäre Saftkanalsystem.
--- Vergröss. 80.]
-
-[Illustration: =Fig=. 45. Querschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne
-eines Neugebornen. _a_ die Zwischenmasse, welche die secundären Fascikel
-scheidet (entsprechend Fig. 44, _c_), ganz und gar aus dichtgedrängten
-Spindelzellen bestehend. Mit diesen in direkter Anastomose sieht man
-seitlich bei _b_, _b_ netz- und spindelförmige Zellen in das Innere der
-Fascikel verlaufen. Die Zellen sind deutlich kernhaltig. Vergröss. 300.]
-
-Man kann demnach die Sehne zunächst in eine Reihe von grösseren
-(primären) Bündeln zerlegen, diese aber wieder in eine gewisse Summe von
-kleineren (secundären) Fascikeln theilen. Sowohl jene, als diese sind
-durch Züge einer faserigen, Gefässe und Faserzellen enthaltenden
-Bindesubstanz getrennt, so dass der Querschnitt der Sehne ein maschiges
-Aussehen darbietet. Von diesem interstitiellen oder interfasciculären
-Gewebe, das sich von der eigenthümlichen Sehnensubstanz nur durch seine
-Lockerheit, sowie durch die dichtere Anhäufung zelliger Elemente und
-durch die Anwesenheit der Gefässe unterscheidet, beginnt ein
-zusammenhängendes Netz sternförmiger Elemente (=Sehnenkörperchen=),
-welche in das Innere der Fascikel hineingehen, unter sich anastomosiren
-und die Verbindung zwischen den äusseren gefässhaltigen und den inneren
-gefässlosen Theilen der Fascikel herstellen. Dies Verhältniss ist in
-einer kindlichen Sehne sehr viel deutlicher, als in einer erwachsenen.
-Je älter nehmlich die Theile werden, um so länger und feiner werden im
-Allgemeinen die Ausläufer der Zellen, so dass man an vielen Schnitten
-die eigentlichen Zellenkörper gar nicht trifft, sondern nur feine, in
-Fäden zu verfolgende Punkte oder punktförmige Oeffnungen erblickt. Die
-einzelnen Zellkörper rücken also mit fortschreitendem Wachsthum weiter
-auseinander und es wird immer schwieriger, die Zellen in ihrer ganzen
-Ausdehnung mit ihren Fortsätzen auf einmal zu übersehen. Auch muss man
-sich erst über das Verhältniss von Längs- und Querschnitt in's Klare
-setzen, um die vorkommenden Bilder richtig zu verstehen. Wo nehmlich auf
-einem Längsschnitte spindelförmige Elemente liegen, da treffen wir auf
-einem Querschnitte sternförmige, und umgekehrt entspricht dem
-Zellennetze des Querschnittes die regelmässige Abwechselung von
-reihenweise gestellten spindelförmigen Elementen des Längsschnittes ganz
-nach dem Schema, wie wir es für das Bindegewebe überhaupt aufgestellt
-haben. Die Elemente sind also auch hier nur scheinbar einfach
-spindelförmig, wenn man einen reinen Längsschnitt betrachtet: ist dieser
-etwas schräg gefallen, so sieht man die seitlichen Ausläufer, durch
-welche die Zellen einer Reihe mit denen der anderen communiciren.
-
-[Illustration: =Fig=. 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne
-eines Neugebornen. _a_, _a_, _a_ Scheiden (interstitielles Gewebe). _b_,
-_b_ Fascikel. In beiden sieht man spindelförmige Kernzellen, zum Theil
-anastomosirend mit leicht längsstreifiger Grundsubstanz, die Zellen in
-den Scheiden dichter, in den Fascikeln spärlicher, bei _c_ der
-Durchschnitt eines interstitiellen Blut-Gefässes. Vergr. 250.]
-
-Bis jetzt hat man das fortgehende Wachsthum der Sehnen nach der Geburt
-noch nicht zum Gegenstande einer regelmässigen Untersuchung gemacht, und
-es ist nicht bekannt, ob dabei noch eine weitere Vermehrung der Zellen
-stattfindet; so viel ist jedoch sicher, dass die Zellen später sehr lang
-und die Abstände zwischen den einzelnen Kernstellen ausserordentlich
-gross werden. Das Structurverhältniss an sich erleidet dadurch jedoch
-keine Veränderung; die ursprünglichen Zellen erhalten sich, ohne in
-ihrer Form und ihren Lagerungs-Verhältnissen wesentliche Veränderungen
-zu erfahren, auch in dem grossen Röhrensystem, welches in der
-ausgewachsenen Sehne das ganze Gewebe durchzieht. Daraus erklärt sich
-die Möglichkeit, dass, obwohl die Sehne in ihren innersten Theilen keine
-Gefässe enthält und, wie man bei jeder Tenotomie sehen kann, nur wenig
-Blut in den äusseren Gefässen der Sehnenscheide und den inneren Gefässen
-der Interstitien der grösseren Bündel empfängt, doch eine gleichmässige
-Ernährung der Theile stattfinden kann. Diese lässt sich in der That nur
-so denken, dass auf besonderen, von den Gefässen unterscheidbaren Wegen
-Säfte durch die ganze Substanz der Sehne in regelmässiger Weise
-vertheilt werden. Nun sind aber die natürlichen Abtheilungen der Sehne
-fast ganz regelmässig, so dass ungefähr auf jedes einzelne zellige
-Element eine gleich grosse Menge von Zwischensubstanz kommt, und da die
-Zellenmaschen des Innern sich direkt in die dichten Zellenbündel der
-Interstitien und diese bis an die Gefässe verfolgen lassen (Fig. 44,
-45), so darf man wohl unzweifelhaft in diesen Zellen die Wege einer
-intermediären Saftströmung sehen, welche nicht mehr durch freie Ostien
-mit den Wegen der allgemeinen Blutströmung zusammenhängen.
-
-Es ist dies ein neues Beispiel für meine Ansicht von den
-Zellenterritorien. Ich zerlege die ganze Sehne, abgesehen von primären
-und secundären Fascikeln, in eine gewisse Zahl von Reihen linear und
-maschenförmig verbundener Zellen; jeder Reihe rechne ich ein gewisses
-Gewebsgebiet zu, so dass z. B. auf einem Längsschnitte etwa die Hälfte
-der Zwischenmasse der einen, die andere Hälfte derselben der anderen
-Zellenreihe zugehören würde. Das, was man als die eigentlichen Bündel
-der Sehne betrachtet, wird hier also noch weiter zerspalten, indem die
-Sehne in eine grosse Zahl von besonderen Ernährungs-Territorien
-auseinander gelegt wird.
-
-Ein solches Verhältniss finden wir überall bei den Geweben dieser Gruppe
-wieder. Aus ihm leitet sich, wie man sich durch direkte Anschauung
-überzeugen kann, zugleich die Grösse der Krankheitsgebiete ab: =jede
-Krankheit, welche wesentlich auf einer nutritiven Störung der inneren
-Gewebs-Einrichtung beruht, stellt immer eine Summe aus den
-Einzelveränderungen solcher Territorien dar=. Die Bilder, welche man bei
-diesen Untersuchungen gewinnt, gewähren durch die Zierlichkeit der
-inneren Anordnung zugleich einen wirklich ästhetischen Genuss, und ich
-kann nicht leugnen, dass, so oft ich einen Sehnenschnitt ansehe, ich mit
-immer erneutem Wohlgefallen diese netzförmigen Einrichtungen betrachte,
-welche in so zweckmässiger Weise die Verbindung des Aeusseren mit dem
-Inneren herstellen, und welche, ausser in dem Knochen, kaum in irgend
-einem anderen Gebilde mit so grosser Schärfe und Klarheit sich darlegen
-lassen, wie in der Sehne. --
-
-Dem Bau und den Einrichtungen nach schliesst sich hier am leichtesten
-die =Hornhaut= an. Denn in ähnlicher Weise, wie die Sehne ihr
-peripherisches Gefässsystem hat und ihre inneren Theile durch das feine
-saftführende Röhrensystem ernährt werden, so reichen auch an der
-Hornhaut nur die feinsten Gefässe, und auch diese kaum eine Linie weit,
-über den Rand herüber, so dass nicht bloss der centrale Abschnitt,
-sondern der grösste Theil der Cornea vollkommen gefässlos ist, was schon
-wegen der Durchsichtigkeit des Gewebes sich als nothwendig ergibt. Der
-grösste Theil der Hornhaut ist daher in seinen Ernährungs-Einrichtungen
-so gestellt, dass er vom Umfange und von den Flächen her Stoffe
-aufnehmen und leiten kann, ohne dass es dazu direkter Gefässverbindung
-bedürfte.
-
-Die Substanz der Hornhaut besteht nach der älteren Ansicht aus über
-einander geschichteten Lamellen (Platten oder Blättern), welche mehr
-oder weniger parallel durch die ganze Ausdehnung der Hornhaut gehen.
-Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, dass die Lamellen, wie beim
-Knochen, nicht vollkommen getrennt sind, dass vielmehr die einzelnen
-Gewebs-Schichten, welche allerdings im Grossen lamellös über einander
-gelagert sind, unter einander vielfach zusammenhängen; sie liegen nicht
-in irgend welcher Art lose oder fest auf einander, sondern sie haben
-unter sich direkte Verbindungen. Es ist daher die Cornea vielmehr als
-eine überall zusammenhängende Masse anzusehen, deren fast homogene
-Grundsubstanz in gewissen Richtungen oder Zügen unterbrochen wird durch
-zellige Elemente (=Hornhautkörperchen=), ganz in derselben Weise, wie
-dies bei den anderen verwandten Geweben, welche wir schon besprochen
-haben, gesehen wird. Ein Verticalschnitt zeigt uns spindelförmige
-Elemente, welche unter einander anastomosiren, zugleich aber auch
-seitliche Ausläufer haben. Betrachtet man sie von der Fläche, im
-Horizontalschnitte, so erweisen sie sich als vielstrahlige,
-sternförmige, aber sehr platte Zellen, den Knochenkörperchen
-vergleichbar.
-
-[Illustration: =Fig=. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des
-Ochsen, um die Gestalt und Anastomose der Hornhautzellen (Körperchen) zu
-zeigen. Hie und da sieht man durchschnittene, als Fasern oder Punkte
-erscheinende Zellenfortsätze. Vergr. 500. Nach His Würzb. Verhandl. IV.
-Taf. IV. Fig. I.]
-
-Indem nun diese Zellen in regelmässiger Weise, nehmlich in mehrfachen,
-parallelen Ebenen, in die Grundsubstanz eingelagert sind, so entsteht
-eben jene lamellöse, blätterige oder plattenartige Beschaffenheit des
-ganzen Gewebes. Die Blätter der Hornhaut sind die Analoga der Bündel der
-Sehne. --
-
-[Illustration: =Fig=. 48. Flächenschnitt der Hornhaut, parallel der
-Oberfläche; die sternförmigen, platten Körperchen mit ihren
-anastomosirenden Fortsätzen. Nach =His=, ebendas. Fig. II.]
-
-Ich schliesse ein anderes Gewebe hier an, das sonst in der Histologie
-nicht besonders bevorzugt ist, das aber gewiss kein geringes Interesse
-hat, nehmlich das =Schleimgewebe=. Wir finden dasselbe in besonders
-reichlicher Anhäufung in dem Nabelstrang, wo es die sogenannte
-=Wharton='sche Sulze darstellt[23]. Diese gehört auch zu den Geweben,
-welche allerdings Gefässe führen, aber doch eigentlich keine Gefässe
-besitzen. Denn die Gefässe, welche durch den Nabelstrang
-hindurchgeleitet werden, sind nicht Ernährungsgefässe für die
-Nabelstrangsubstanz, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir von
-Ernährungsgefässen an anderen Theilen sprechen.
-
- [23] =Thom=. =Wharton= (Adenographia. Amstelod. 1659. pag. 233) sagt
- sehr charakteristisch: Lymphaeductus vel gelatina, quae eorum vices
- gerit, alterum succum albumini ovorum similiorem abducit
- (a placenta) ad funiculum umbilicalem.
-
-=Wenn man nehmlich von nutritiven Gefässen spricht, so meint man damit
-stets solche Gefässe, welche in die Theile, die ernährt werden sollen,
-Capillaren senden=. Die Aorta thoracica ist nicht das nutritive Gefäss
-des Thorax, eben so wenig als die Aorta abdominalis oder die Vena cava
-das für den Bauch. Man sollte also, wenn es sich um den Nabelstrang
-handelt, erwarten, dass ausser den beiden Nabel-Arterien und der
-Nabel-Vene noch Nabelstrang-Capillaren existiren. Allein Arterien und
-Vene verlaufen, ohne auch nur das Mindeste von Aesten abzugeben, vom
-Nabel bis zur Placenta hin; erst hier beginnen die Verästelungen. Die
-einzigen capillaren Gefässe, die überhaupt in dem Nabelstrange eines
-etwas entwickelten Fötus gefunden werden, reichen nur etwa 4-5 Linien,
-selten ein wenig mehr von der Bauchhaut aus in denjenigen Theil des
-Nabelstranges hinein, welcher nach der Geburt persistirt. Je nachdem
-dieser gefässhaltige Theil höher oder niedriger heraufreicht, wird auch
-der spätere Nabel verschieden entwickelt. Bei sehr niedriger
-Gefässschicht wird der Nabel sehr tief, bei sehr grosser gibt es einen
-prominirenden Nabel. Die Capillaren bezeichnen die Grenze, bis zu
-welcher das permanente Gewebe reicht; die Portio caduca des
-Nabelstranges hat keine eigenen Gefässe mehr.
-
-[Illustration: =Fig=. 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines
-fast ausgetragenen Kindes, injicirt. _A_ die Bauchwand. _B_ der
-persistirende Theil mit dichter Gefäss-Injection am Rande. _C_ Portio
-caduca mit den Windungen der Nabelgefässe. _v_ die Capillargrenze.]
-
-Dieses Verhältniss, welches mir für die Theorie der Ernährung sehr
-wichtig zu sein scheint, übersieht man sehr leicht mit blossem Auge an
-injicirten Früchten vom fünften Monate an, sowie an Neugebornen. Die
-gefässhaltige Schicht setzt sich zuweilen fast geradlinig ab.
-
-Freilich ist ein solches Object nicht absolut beweisend, denn es könnten
-immerhin einzelne feine Gefässe noch weiter gehen, welche nicht mit
-blossem Auge erkennbar wären. Aber ich habe gerade diesen Punkt zum
-Gegenstande einer speziellen Untersuchung gemacht[24], und obwohl ich
-eine Reihe von menschlichen Nabelsträngen bald von den Arterien, bald
-von den Venen aus injicirt habe, so ist es mir doch nie gelungen, auch
-nur das kleinste collaterale Gefäss zu sehen, welches über die Grenze
-der Portio persistens hinausging. Der ganze hinfällige Theil des
-Nabelstranges, das lange Stück, welches zwischen dem cutanen Ansatz und
-der Placentar-Auflösung liegt, ist vollständig capillarlos, und es ist
-in ihm nichts weiter von Gefässen vorhanden, als die drei grossen
-Stämme. Diese zeichnen sich aber sämmtlich durch sehr dicke Wandungen
-aus, welche, wie wir erst durch =Kölliker='s Untersuchung wissen,
-ausserordentlich reich an glatten Muskelfasern sind.
-
- [24] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1851. III. 459.
-
-[Illustration: =Fig=. 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des
-Nabelstranges. Links sieht man den Durchschnitt einer Nabelarterie mit
-sehr starker Muskelhaut, daran schliesst sich das allmählich immer
-weiter werdende Zellennetz des Schleimgewebes. Vergr. 80.]
-
-Auf einem Querschnitte durch den Nabelstrang bemerkt man, wie die dicke
-mittlere Haut der Gefässe ganz und gar aus diesen Muskelfasern besteht,
-eine unmittelbar an der anderen, so reichlich, wie es sonst kaum an
-irgend einem vollständig entwickelten Gefässe gefunden wird. Diese
-Eigenthümlichkeit erklärt die auffallend grosse Contractilität der
-Nabelgefässe, welche bei Einwirkung mechanischer Reize, beim Abschneiden
-mit der Scheere, beim Kneifen oder auf elektrische Reize im Grossen so
-leicht in Wirkung tritt. Zuweilen verengern sich die Gefässe auf äussere
-Reize selbst bis zum Verschlusse ihres Lumens, so dass nach der Geburt
-auch ohne Ligatur, z. B. nach Abreissen des Nabelstranges, die Blutung
-von selbst stehen kann. Die Dicke der Wandungen dieser Gefässe ist daher
-leicht begreiflich, denn zu der an sich so dicken Muscularis kommt noch
-eine innere und eine, wenn auch nicht gerade sehr stark entwickelte,
-äussere Haut; daran erst schliesst sich das sulzige Gallert-Gewebe
-(=Schleimgewebe=). Durch diese Lagen hindurch würde also die Ernährung
-geschehen müssen. Ich kann nun allerdings nicht mit Sicherheit sagen,
-von wo aus das Gewebe des Nabelstranges sich ernährt; vielleicht nimmt
-es aus dem Liquor Amnios Ernährungsstoffe auf; auch will ich nicht in
-Abrede stellen, dass durch die Wand der Gefässe Ernährungsstoffe
-hindurchtreten mögen, oder dass sich von den kleinen Capillaren des
-persistirenden Theils aus nutritives Material fortbewegt. Aber in jedem
-Falle liegt eine grosse Masse des Gewebes fern von allen Gefässen und
-von der Oberfläche; sie ernährt und erhält sich, ohne dass eine feinere
-Circulation von Blut in ihr vorhanden ist. Man hat nun allerdings lange
-Zeit hindurch sich mit diesem Gewebe nicht weiter beschäftigt, weil man
-es mit dem Namen der Sulze (Gallerte) belegte und es damit überhaupt aus
-der Reihe der Gewebe in die vieldeutige Gruppe der blossen Anhäufungen
-oder Ausschwitzungen von organischer Masse warf. Ich habe erst
-gezeigt[25], dass es wirklich ein gut gebildetes Gewebe von typischer
-Einrichtung ist, und dass dasjenige, was im engeren Sinne die Sulze
-darstellt, der ausdrückbare Theil der Intercellularsubstanz ist, nach
-dessen Entfernung ein leicht faseriges Gewebe zurück bleibt, welches ein
-feines, anastomotisches Netz von zelligen Elementen in derselben Weise
-enthält, wie wir es eben an der Sehne und an anderen Theilen kennen
-gelernt haben. Ein Durchschnitt durch die äusseren Schichten des
-Nabelstranges zeigt eine Bildung, welche viel Aehnlichkeit mit dem
-Habitus der äusseren Haut hat: ein Epidermoidal-Stratum, darunter eine
-etwas dichtere cutisartige Lage, dann die =Wharton=sche Sulze, welche
-der Textur nach dem Unterhautgewebe entspricht und eine Art von Tela
-subcutanea darstellt. Dies hat insofern für die Deutung einiger Gewebe
-der späteren Zeit ein besonderes Interesse, als die Sulze des
-Nabelstranges dadurch ihre nächste Verwandtschaft documentirt mit dem
-Panniculus adiposus, der aus ursprünglichem Schleimgewebe hervorgeht,
-sowie mit dem =Glaskörper=, welcher der einzige Gewebs-Rest ist, der,
-soweit ich bis jetzt ermitteln konnte[26], beim Menschen während des
-ganzen Lebens in dem Zustande einer zitternden Gallerte oder Sulze
-verharrt. Er ist der letzte Rest des embryonalen Unterhautgewebes,
-welches bei der Entwickelung des Auges mit der Linse (der früheren
-Epidermis, S. 36) von aussen eingestülpt wird.
-
- [25] Würzb. Verhandl. 1851. II. 160.
-
- [26] Würzb. Verhandl. II. 317. Archiv f. path. Anat. IV. 486. V. 278.
-
-Die Haupt-Masse des Nabelstranges besteht aus einem maschigen Gewebe,
-dessen Maschenräume Schleim (Mucin) und einzelne rundliche Zellen
-enthalten und dessen Balken aus einer streifig-faserigen Substanz
-bestehen. Innerhalb dieser letzteren liegen sternförmige Elemente.
-Stellt man durch Behandlung mit Essigsäure ein gutes Präparat her, so
-bekommt man ein regelrechtes Netz von Zellen zu Gesicht, welches die
-Masse in so regelmässige Abtheilungen zerlegt, dass durch die
-Anastomosen, welche diese Zellen durch den ganzen Nabelstrang haben,
-eben auch eine gleichmässige Vertheilung der Säfte durch die ganze
-Substanz möglich wird. --
-
-[Illustration: =Fig=. 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des
-Nabelstranges, das Maschennetz der sternförmigen Körper nach Behandlung
-mit Essigsäure und Glycerin darstellend. Vergr. 300.]
-
-Ich habe bis jetzt eine Reihe von Geweben vorgeführt, die alle darin
-übereinkamen, dass sie entweder sehr wenig Capillargefässe oder gar
-keine besitzen. In allen diesen Fällen erscheint der Schluss sehr
-einfach, dass die besondere zellige Kanal-Einrichtung, welche sie
-besitzen, für die Saftströmung diene. Man könnte aber, zumal wenn man
-das Schleimgewebe nicht anerkennt, meinen, es sei dies eine
-Ausnahms-Eigenschaft, die nur den gefässlosen oder gefässarmen, im
-Allgemeinen harten Theilen zukäme, und ich muss daher noch ein Paar
-Worte über die Weichtheile hinzufügen, welche einen ähnlichen Bau haben.
-Alle Gewebe, welche wir bisher betrachtet haben, gehören nach der
-Classification, welche ich im Eingange gegeben habe, in die Reihe der
-Bindesubstanzen: der Faser-Knorpel, das fibröse oder Sehnengewebe, das
-Schleim-, Knochen- und Zahngewebe müssen sämmtlich derselben Klasse
-zugerechnet werden. In dieselbe Kategorie gehört aber auch die
-ganze Masse dessen, was man gewöhnlich unter dem Namen des
-eigentlichen =Zellgewebes= begriffen hat und worauf zumeist der von
-=Joh=. =Müller=[27] vorgeschlagene Name des =Bindegewebes= passt; jene
-Substanz, welche die Zwischenräume der verschiedenen Organe in bald
-mehr, bald weniger grosser Menge erfüllt, welche die Verschiebung der
-Theile gegen einander ermöglicht, und von der man sich früher dachte,
-dass sie grössere oder kleinere, mit einem gasförmigen Dunst (Halitus
-serosus) oder Feuchtigkeit gefüllte Räume (Zellen im groben Sinne,
-Areolen) enthielte (S. 40).
-
- [27] =Müller=, Handb. der Physiol. I. 2. 1834. S. 410: »Das
- Zellgewebe, welches durch seine Eigenschaft, andere Gewebe mit
- einander zu vereinigen, auch Bindegewebe genannt werden könnte.«
-
-An den meisten Orten liegen darin zahlreiche Arterien, Venen und
-Capillaren, und die Einrichtung für die Ernährung ist die
-allergünstigste von der Welt. Trotzdem besteht auch hier neben den
-Blutgefässen überall eine feinere Einrichtung der Ernährungswege genau
-in derselben Art, wie wir sie eben kennen gelernt haben, nur dass, je
-nach dem besonderen Bedürfnisse, an einzelnen Theilen eine
-eigenthümliche Veränderung der Zellen stattfindet, indem nach und nach
-an die Stelle der einfachen Zellennetze und Zellenfasern eine compactere
-Bildung tritt, welche durch eine direkte Umwandlung daraus hervorgeht,
-das sogenannte =elastische Gewebe=.
-
-[Illustration: =Fig=. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem
-Unterhautgewebe vom Bauche einer Frau. _a_, _a_ grosse, elastische Körper
-(Zellkörper) mit zahlreichen anastomosirenden Ausläufern. _b_, _b_ dichte
-elastische Faserzüge, an der Grenze grösserer Maschenräume. _c_, _c_
-mittelstarke Fasern, am Ende spiralig retrahirt. _d_, _d_ feinere
-elastische Fasern, bei _e_ feinspiralig zurückgezogen. Vergr. 300.]
-
-Wenige Monate, nachdem ich meine ersten Beobachtungen über die Zellen
-und Röhrensysteme der Bindesubstanzen mitgetheilt hatte,
-veröffentlichte =Donders= seine Beobachtungen über die Umbildung der
-Bindegewebszellen in elastische Elemente, -- eine Erfahrung, welche für
-die Vervollständigung der Geschichte des Bindegewebes von grosser
-Bedeutung geworden ist. Wenn man nehmlich an solchen Punkten untersucht,
-wo das Bindegewebe grossen Dehnungen ausgesetzt ist, wo es also eine
-grosse Widerstandsfähigkeit besitzen muss, so findet man in derselben
-Anordnung und Verbreitung, welche sonst die Zellen und Zellenröhren des
-Bindegewebes darbieten, elastische Fasern, und man kann nach und nach
-die Umbildung der einen in die anderen so verfolgen, dass es nicht
-zweifelhaft bleibt, dass nicht bloss die feineren (=Henle='s sogenannte
-Kernfasern, Fig. 20 und 22), sondern auch die gröberen elastischen
-Fasern direkt durch eine chemische Veränderung und Verdichtung der Wand
-von Bindegewebskörperchen hervorgehen. Da, wo ursprünglich eine
-einfache, mit langen Fortsätzen versehene Zelle lag, da sehen wir nach
-und nach die Membran nach innen hin an Dicke zunehmen und das Licht
-stärker brechen, während der eigentliche Zelleninhalt sich immer mehr
-reducirt und endlich verschwindet. Das ganze Gebilde wird dabei
-gleichmässiger, gewissermaassen sklerotisch und erlangt gegen Reagentien
-eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit, so dass nur die stärksten
-Caustica nach längerer Einwirkung dasselbe zu zerstören im Stande sind,
-während es den kaustischen Alkalien und Säuren in der bei
-mikroskopischen Untersuchungen gebräuchlichen Concentration vollkommen
-widersteht. Je weiter diese Umwandlung fortschreitet, um so mehr nimmt
-die Elasticität der Theile zu, und wir finden in den Schnitten diese
-Fasern gewöhnlich nicht gerade oder gestreckt, sondern gewunden,
-aufgerollt, spiralig gedreht oder kleine Zikzaks bildend (Fig. 52, _c_,
-_e_). Dies sind die Elemente, welche vermöge ihrer grossen Elasticität
-Retractionen derjenigen Theile bedingen, an welchen sie in grösserer
-Masse vorkommen, z. B. der Arterien, der elastischen Bänder. Man
-unterscheidet gewöhnlich feine elastische Fasern, welche eben die grosse
-Verschiebbarkeit besitzen, von den breiteren, welche keine gewundenen
-Formen annehmen. Der Entstehung nach scheint indess zwischen beiden
-Arten kein Unterschied zu sein; meiner Meinung nach gehen beide aus
-Bindegewebszellen hervor und die spätere Anordnung wiederholt die
-ursprüngliche Anlage. An die Stelle eines Gewebes, welches aus
-Grundsubstanz und einem maschigen, anastomosirenden Zellengewebe
-besteht, tritt nachher ein Gewebe, dessen Grundsubstanz durch grosse
-elastische Maschennetze mit höchst compacten und derben Fasern
-abgetheilt wird.
-
-Ich will damit jedoch keineswegs behauptet haben, dass alle Dinge,
-welche man gelegentlich elastische Fasern nennt, auf dieselbe Weise
-entstehen. Im Netzknorpel wird die Intercellularsubstanz von sehr
-starken, rauhen Fasern durchsetzt, welche die gewöhnlich runden Zellen
-umziehen, aber weder einen Zusammenhang mit ihnen haben, noch aus ihnen
-hervorgehen. Manche neuere Beobachter sind der Meinung, dass in
-ähnlicher Weise auch die elastischen Fasern des Bindegewebes Producte
-der Intercellularsubstanz seien. Dieses scheint mir unrichtig zu sein.
-Allerdings verdichtet sich auch die Intercellularsubstanz des
-Bindegewebes an gewissen Orten zu einer homogenen, glasartigen,
-=strukturlosen Membran= von ganz ähnlichem Aussehen, wie die elastischen
-Fasern. Dahin gehören namentlich die sogenannten =Tunicae propriae= der
-Drüsenkanäle, z. B. der Niere, der Schweissdrüsen, für welche die
-englische Terminologie den Namen der Basement membranes eingeführt hat.
-Dahin scheint auch das Sarkolemm der Muskelprimitivbündel zu zählen zu
-sein, welches allerdings den Eindruck einer Zellmembran macht, welches
-aber erst im Laufe der späteren Entwickelung mehr hervortritt und
-gelegentlich z. B. in den Trichinen-Kapseln eine kolossale Dicke
-erreicht. Manche dieser Bildungen hat man, nach Analogie der Chitinhäute
-niederer Thiere, als eine Ausscheidung der Zellen, als sogenannte
-=Cuticulae= aufgefasst, indess passt diese Bezeichnung nur für solche
-Häute, welche nach aussen von den Zellen liegen, nicht für solche,
-welche, wie die Tunicae propriae der Drüsenkanäle, nach innen von
-denselben sich befinden. Wenn ich daher für die elastischen Membranen
-eine Ableitung derselben aus der Intercellularsubstanz zulasse, so halte
-ich doch daran fest, dass die eigentlichen elastischen Fasern aus den
-Zellkörpern des Bindegewebes entstehen.
-
-Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit ermittelt, ob die Verdichtung
-(Sklerose) der Zellen bei dieser Umwandlung so weit fortgeht, dass ihre
-Leitungsfähigkeit völlig aufgehoben, ihr Lumen ganz beseitigt wird, oder
-ob im Innern eine kleine Höhlung übrig bleibt. Auf Querschnitten feiner
-elastischer Fasern sieht es so aus, als ob das Letztere der Fall sei,
-und man könnte sich daher vorstellen, dass bei der Umbildung der
-Bindegewebskörperchen in elastische Fasern eben nur eine Verdichtung und
-Verdickung mit gleichzeitiger chemischer Umwandlung an ihren äusseren
-Theilen stattfände, schliesslich jedoch ein Minimum des Zellenraumes
-übrig bliebe. Was für eine Substanz es ist, welche die elastischen
-Theile bildet, ist nicht ermittelt, weil sie absolut unlöslich ist; man
-kennt von der chemischen Natur dieses Gewebes nichts, als einen Theil
-seiner Zersetzungs-Produkte. Daraus lässt sich aber weder seine
-Zusammensetzung, noch seine chemische Stellung zu den übrigen Geweben
-beurtheilen.
-
-Elastische Fasern finden sich überaus verbreitet in der äusseren Haut
-(=Cutis=), namentlich in den tieferen Schichten der eigentlichen
-Lederhaut; sie bedingen hauptsächlich die ausserordentliche Resistenz
-dieses Theiles, die sich auch nach dem Tode erhält und von der die Güte
-der Schuhsohlen und anderer, starker Abnutzung ausgesetzter, aus Leder
-gefertigter Geräthe abhängt. Die verschiedene Festigkeit der einzelnen
-Schichten der Haut beruht wesentlich auf ihrem grösseren oder geringeren
-Gehalt an elastischen Fasern. Den oberflächlichsten Theil der Cutis
-dicht unter dem Rete Malpighii bildet der Papillarkörper, worunter man
-nicht nur die Papillen selbst, sondern auch eine Lage von flach
-fortlaufender Cutissubstanz mit kleinen Bindegewebskörperchen zu
-verstehen hat. In die Papillen selbst steigen nur feine elastische
-Fasern und zwar in Bündelform auf. In der Basis der Papillen erscheinen
-dann zuerst feine und enge Maschennetze (Fig. 17, _P_, _P_), welche nach
-der Tiefe zu mit dem sehr dicken und groben elastischen Netz
-zusammenhängen, welches den mittleren, am meisten festen Theil der Haut,
-die eigentliche =Lederhaut= (Derma) durchsetzt. Darunter folgt endlich
-ein noch gröberes Maschennetz innerhalb der weniger dichten, aber
-immerhin noch sehr soliden, unteren Schicht der Cutis, welche endlich in
-das Fett- oder Unterhautgewebe (die =Unterhaut=) übergeht.
-
-Wo eine solche Umwandlung der Bindegewebskörperchen in elastisches
-Gewebe stattgefunden hat, da trifft man manchmal fast gar keine
-deutlichen Zellen mehr. So ist es nicht bloss an der Cutis, sondern auch
-namentlich an gewissen Stellen der mittleren Arterienhaut, namentlich
-der Aorta. Hier wird das Netz von elastischen Fasern so überwiegend,
-dass es nur bei grosser Sorgfalt möglich ist, hier und da feine zellige
-Elemente dazwischen zu entdecken. In der Cutis dagegen findet man neben
-den elastischen Fasern eine etwas grössere Menge von kleinen Elementen,
-die ihre zellige Natur noch erhalten haben, allerdings in äusserst
-minutiöser Grösse, so dass man danach besonders suchen muss. Sie liegen
-gewöhnlich in den Räumen, welche von den grossmaschigen Netzen der
-elastischen Fasern umgrenzt werden; sie bilden hier entweder ein
-vollkommen anastomotisches, kleinmaschiges System, oder sie erscheinen
-auch wohl als mehr gesonderte, rundlich-ovale Gebilde, indem die
-einzelnen Zellen nicht deutlich mit einander in Verbindung stehen. Dies
-ist namentlich in dem Papillarkörper der Haut der Fall, der sowohl in
-seiner ebenen Schicht, als in den Papillen zahlreiche kernhaltige Zellen
-führt, im geraden Gegensatze zu der zugleich mehr gefässarmen
-eigentlichen Lederhaut. Es bedarf der Papillarkörper einer ungleich
-zahlreicheren Menge von Gefässen, da diese zugleich das
-Ernährungsmaterial für das ganze, über der Papille liegende und für sich
-gefässlose Oberhautstratum liefern müssen. Trotz der verhältnissmässigen
-Grösse dieser Gefässe bleibt doch nur eine kleine Menge Ernährungssaft
-der Papille als solcher zur Disposition. Jeder Papille entspricht daher
-ein gewisser Abschnitt der darüber liegenden Oberhaut, welcher mit der
-Papille zusammen einen einzigen =vasculären oder Ernährungsbezirk=
-darstellt. Innerhalb dieses Bezirkes zerfällt sowohl die Oberhaut, als
-auch die Papille als solche wieder in so viele Elementar-
-(histologische) Territorien, als überhaupt Elemente (Zellen) darin
-vorhanden sind.
-
-[Illustration: =Fig=. 53. Injectionspräparat von der Haut, senkrechter
-Durchschnitt. _E_ Epidermis, _R_ Rete Malpighii, _P_ die Hautpapillen
-mit den auf- und absteigenden Gefässen (Schlingen). _C_ Cutis. Vergr.
-11.]
-
-Die =Unterhaut= (tela subcutanea) besteht an den meisten Stellen des
-Körpers keineswegs, wie man noch jetzt so häufig hört, aus Zellgewebe,
-sondern aus Fettgewebe (panniculus adiposus). Sie verhält sich in dieser
-Beziehung ganz ähnlich, wie an sehr vielen Orten das =subseröse= Gewebe,
-welches gleichfalls eine vorwiegende Neigung zur Fettabsetzung erkennen
-lässt. Die subpericardialen, subpleuralen, subperitonäalen,
-subsynovialen Schichten sind bei gut genährten Personen mehr oder
-weniger vollständig aus Fettgewebe gebildet. Wesentlich verschieden
-verhält sich das =submucöse= Gewebe, welches wohl gelegentlich wahres
-Fettgewebe ist, jedoch meist aus loserem Bindegewebe, seltener aus
-Schleimgewebe besteht. Ihnen am nächsten steht unter den subcutanen
-Lagern die Unterhaut des Scrotum (=Tunica dartos=), welche überdies noch
-dadurch ein besonderes Interesse darbietet, dass sie ausnehmend reich an
-Gefässen und Nerven ist, ganz entsprechend der besonderen Bedeutung
-dieses Theiles, und dass sie ausserdem eine grosse Masse von organischen
-Muskeln und zwar von jenen kleinen Hautmuskeln besitzt, die ich früher
-erwähnt habe (S. 58). Letztere sind die eigentlich wirksamen Elemente
-der contractilen Tunica dartos. Gerade hier, wo man früher auf
-contractiles Zellgewebe zurückgegangen war, ist die Menge der kleinen
-Hautmuskeln überaus reichlich; die kräftigen Runzelungen des
-Hodensackes entstehen einzig und allein durch die Contraction dieser
-feinen Bündel, welche man namentlich nach Carminfärbung sehr leicht von
-dem Bindegewebe unterscheiden kann. Es sind Fascikel von ziemlich
-gleicher Breite, meist breiter, als die Bindegewebsbündel; die einzelnen
-Elemente sind in ihnen in Form von langen glatten Faserzellen
-zusammengeordnet. Jedes Muskel-Fascikel zeigt, wenn man es mit
-Essigsäure behandelt, in regelmässigen Abständen jene eigenthümlichen,
-langen, häufig stäbchenartigen Kerne der glatten Muskulatur, und
-zwischen denselben eine streifige Abtheilung nach den einzelnen Zellen,
-deren Inhalt ein leicht körniges Aussehen hat. Das sind die Runzler des
-Hodensackes (=Corrugatores scroti=). Daneben finden sich in der überaus
-weichen Haut auch noch eine gewisse Zahl von feinen elastischen
-Elementen und in grösserer Menge das gewöhnliche weiche, lockige
-Bindegewebe mit einer grossen Zahl verhältnissmässig umfangreicher,
-spindel- und netzförmiger, schwach granulirter Kernzellen.
-
-[Illustration: =Fig=. 54. Schnitt aus der Tunica dartos des Scrotums.
-Man sieht nebeneinander parallel eine Arterie (_a_), eine Vene (_v_) und
-einen Nerven (_n_); erstere beide mit kleinen Aesten. Rechts und links
-davon organische Muskelbündel (_m_, _m_) und dazwischen weiches
-Bindegewebe (_c_, _c_) mit grossen anastomosirenden Zellen und feinen
-elastischen Fasern. Vergr. 300.]
-
-Das weiche Bindegewebe verhält sich daher, abgesehen von den in dasselbe
-eingelagerten, dem Bindegewebe als solchem nicht angehörigen Theilen
-(Gefässen, Nerven, Muskeln, Drüsen), wie das harte: überall ein Netz
-verzweigter und unter einander anastomosirender Zellen in einer, grossen
-Schwankungen der Consistenz und der inneren Zusammensetzung
-unterworfenen Grundsubstanz. Um jedoch die grosse Verschiedenheit der
-Ansichten, die noch immer über diesen schwierigen Gegenstand besteht,
-nicht zu verschweigen, so wollen wir hier erwähnen, dass eine grosse
-Zahl auch der neuesten Beobachter nicht bloss die zellige, sondern sogar
-die körperliche Natur der von mir beschriebenen Bindegewebszellen oder
-Bindegewebskörperchen, sowie aller der ihnen aequivalenten Gebilde
-(Knochen-, Hornhaut-, Sehnen-Körperchen) geradezu in Abrede stellt, und
-an die Stelle derselben blosse Zwischenräume, Aushöhlungen oder Lücken
-(Lacunen) setzt, welche sich zwischen den Bündeln oder Lamellen des
-Gewebes an den Punkten finden sollen, wo die Bündel oder Lamellen nicht
-vollständig mit einander in Berührung kommen. Die Erfahrung, dass die
-Bindegewebsmassen, welche an die Oberfläche treten, an verschiedenen
-Orten mit einer derberen, mehr homogenen, zuweilen elastischen oder
-glasartigen Haut oder Schicht (Tunica propria S. 134) bedeckt sind, ist
-zu Hülfe genommen worden, um zu erklären, dass auch jene Zwischenräume,
-Aushöhlungen oder Lücken von wirklichen Membranen umgrenzt sein könnten,
-ohne dass diese Membranen einem Zellkörper zugehörten. Selbst der
-Umstand, dass ich auf verschiedene Weise sowohl aus dem Binde- und
-Schleimgewebe, als auch aus Knochen und anderen Hartgebilden verästelte
-Körper isolirt habe, eine Erfahrung, welche durch zahlreiche andere
-Untersucher, wie =Fel=. =Hoppe=, =His=, =Kölliker=, H. =Müller=,
-=Leydig=, v. =Hessling=, A. =Förster= bestätigt ist, hat den Kritikern
-nicht genügt; man hat dagegen erklärt, dass auch eine blosse Lücke, die
-von Membranen umgrenzt sei, sich durch Auflösen der umliegenden Substanz
-isoliren lasse. Man übersah dabei, dass aus frischen Geweben die
-Isolations-Methode nicht bloss Membranen, sondern wirkliche Körper mit
-solidem Inhalt liefert. Solche Widersprüche lassen sich durch blosse
-Debatten und Reden überhaupt nicht zum Schweigen bringen. Hier kann nur
-die eigene Erfahrung genügen, sobald sie mit philosophischem Sinne, mit
-genauer Berücksichtigung der Histogenie und in möglich grösster
-Ausdehnung über das gesammte Gebiet der thierischen Organisation
-ausgeführt wird. Sicherlich gibt es Bindegewebslager und
-Bindegewebsbündel, deren oberflächlichste Schicht durch spätere
-Differenzirung eine hautartige Verdichtung erfahren hat, und welche also
-eine Art von Hülle oder Scheide besitzen, aber eben so sicher ist es,
-dass dies keine allgemein-gültige Erfahrung ist, und dass, selbst wenn
-sie allgemein wäre und wenn sie auch für die inneren Einrichtungen des
-weichen und harten Bindegewebes, der Knochen und Sehnen Gültigkeit
-hätte, daraus doch weiter nichts folgen würde, als dass auch die
-Bindegewebs-, Knochen- und Sehnenkörperchen sich, wie die
-Knorpelkörperchen, mit einer besondern =Kapselmembran= umgeben könnten.
-Nachdem selbst so hartnäckige Opponenten, wie =Henle=, zugestanden
-haben, dass im Innern jener sogenannten Lücken sehr häufig Kerne, Inhalt
-(Protoplasma), ja wirkliche Zellen zu finden seien, so bewegt sich der
-Streit nur noch um die Formel, nicht mehr um die Thatsachen. Meiner
-Anschauung genügt das Zugeständniss, dass in diesen Geweben, namentlich
-im Bindegewebe, verzweigte und zusammenhängende Röhrchen und Canälchen
-existiren, welche sich an gewissen Knotenpunkten zu grösseren Lacunen
-sammeln, und dass diese Röhrchen, Canälchen und Lacunen von zelligen
-Theilen erfüllt sind, welche sowohl bei der ersten Anlage des Gewebes
-vorhanden sind, als sich durch das ganze Leben des Individuums erhalten
-können[28].
-
- [28] Archiv f. path. Anat. u. Phys. XVI. 1.
-
-Diese persistirenden Zellen des Bindegewebes hat man früher völlig
-übersehen, indem man als die eigentlichen Elemente des Bindegewebes die
-Fibrillen desselben betrachtete. Wie wir schon früher (S. 41) gesehen
-haben, so liegen diese Fibrillen in der Regel in Bündeln zusammen.
-Trennt man die einzelnen Theile des Bindegewebes von einander, so
-erscheinen kleine Bündel von welliger Form und streifigem, fibrillärem
-Aussehen. Die Vorstellung von =Reichert=, dass dieses Aussehen nur
-durch Faltenbildung bedingt würde, darf in der Ausdehnung, wie sie
-aufgestellt wurde, nicht angenommen werden; man muss vielmehr neben den
-Fibrillen eine gleichmässige Grundmasse, eine Art von Kittsubstanz
-zulassen, welche die Fibrillen innerhalb des Bündels zusammenhält. Nach
-den Untersuchungen von =Rollett= scheint dies nicht selten auch im
-wahren Bindegewebe Mucin zu sein. Indess ist dies eine Frage von
-untergeordneter Bedeutung, in so fern es ganz und gar unzulässig ist,
-die der Intercellularsubstanz angehörenden Fibrillen des Bindegewebes
-als eigentliche organische Elemente zu betrachten. Dagegen ist es
-äusserst wichtig, zu wissen, dass überall, wo lockeres Bindegewebe sich
-findet, in der Unterhaut, im Zwischenmuskel-Gewebe, in den serösen
-Häuten, dasselbe durchzogen ist von meist anastomosirenden Zellen,
-welche auf Längsschnitten parallele Reihen, auf Querschnitten Netze
-bilden und welche in ähnlicher Weise die Bündel des Bindegewebes von
-einander scheiden, wie die Knochenkörperchen die Lamellen der Knochen,
-oder wie die Hornhautkörperchen die Blätter der Hornhaut.
-
-Neben ihnen finden sich überall die mannichfachsten Gefässverästelungen,
-und zwar namentlich so viele Capillaren, dass eine besondere
-Leitungs-Einrichtung des Gewebes selbst geradezu unnöthig erscheinen
-könnte. Allein dieser Schluss ist nur bei oberflächlicher Betrachtung
-richtig. Eine genauere Erwägung ergiebt, dass auch diese Gewebe, so
-günstig ihre Capillarbahnen liegen, einer Einrichtung bedürfen, welche
-die Möglichkeit darbietet, dass =eine Special-Vertheilung der
-ernährenden Säfte auf die einzelnen zelligen Bezirke in gleichmässiger
-und dem jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Weise stattfinde=. Erst
-wenn man die Aufnahme des Ernährungsmaterials als eine Folge der
-Thätigkeit (Anziehung) der Gewebs-Elemente selbst auffasst, begreift
-man, dass die einzelnen Bezirke nicht jeden Augenblick der
-Ueberschwemmung vom Blute aus preisgegeben sind, dass vielmehr das in
-dem Blute dargebotene Material nur nach dem wirklichen Bedarf in die
-Theile aufgenommen und den einzelnen Bezirken in verschiedenem Maasse
-zugeführt wird. So erklärt es sich auch, dass unter normalen
-Verhältnissen der eine Theil nicht durch die anderen in seinem Bestande
-wesentlich benachtheiligt wird.
-
-Auf diese Weise erscheint die Ernährung in einer unmittelbaren Beziehung
-zu dem Leben der einzelnen Theile, dessen Fortdauer trotz der durch die
-Thätigkeit und die Verrichtungen des Theiles eintretenden Veränderungen
-ja eben nur möglich ist durch eine mit Wechsel der Stoffe verbundene
-Erhaltung und Ernährung der natürlichen Zusammensetzung. Diese Erhaltung
-setzt aber ihrerseits bleibende regulatorische Einrichtungen in jedem
-einzelnen Theile voraus, in der Art, dass der Theil für sich eine
-bestimmende Einwirkung auf Abgabe und Aufnahme von Stoffen ausübt, in
-ähnlicher Weise, wie dies auch bei den Theilen der Pflanze stattfindet.
-Denn der Begriff der =Vegetation= beherrscht dieses ganze Gebiet des
-thierischen Lebens. Schon die erste Darstellung, welche ich von den
-Ernährungseinheiten und Krankheitsheerden des menschlichen Körpers
-gegeben habe[29], stützte sich wesentlich auf den Parallelismus, der
-durch das ganze Gebiet des Organischen geht, und jede weitere Forschung
-hat diese Anschauung nur bestärkt. Die einzelne Zelle innerhalb eines
-Gewebes wird nicht ernährt, sondern =sie ernährt sich=, d. h. sie
-entnimmt den Ernährungsflüssigkeiten, welche sich in ihrer Umgebung
-befinden, den für sie erforderlichen Theil. Sowohl quantitativ, als
-qualitativ ist die Ernährung daher ein Ergebniss der Thätigkeit der
-Zelle, wobei sie natürlich abhängig ist von Quantität und Qualität des
-ihr erreichbaren Ernährungsmaterials, aber keineswegs in der Art, dass
-sie genöthigt wäre, aufzunehmen, was und wie viel ihr zufliesst.
-Gleichwie die einzelne Zelle eines Pilzes oder einer Alge aus der
-Flüssigkeit, in der sie lebt, sich so viel und so beschaffenes Material
-nimmt, als sie für ihre Lebenszwecke braucht, so hat auch die
-Gewebszelle inmitten eines zusammengesetzten Organismus =elective=
-Fähigkeiten, vermöge welcher sie gewisse Stoffe verschmäht, andere
-aufnimmt und in sich verwendet. Das ist die eigentliche Nutrition im
-cellularen Sinne.
-
- [29] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1852. IV. 375.
-
-
-
-
- Siebentes Capitel.
-
- Circulation und Blutmischung.
-
-
- Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media
- (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und Venen.
- Continuität der Gefässwand. Porosität derselben. Hæmorrhagia per
- diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft.
-
- Eigenschaften der Gefässwand:
-
- 1) Contractilität. Rhythmische Bewegung. Active oder
- Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize. Collaterale Fluxion.
-
- 2) Elasticität und Bedeutung derselben für die Schnelligkeit und
- Gleichmässigkeit des Blutstromes. Erweiterung der Gefässe.
-
- 3) Permeabilität. Diffusion. Specifische Affinitäten. Verhältniss
- von Blutzufuhr und Ernährung. Die Drüsensecretion (Leber).
- Specifische Thätigkeit der Gewebselemente.
-
- Dyskrasie. Transitorischer Charakter und localer Ursprung
- derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische Diathese. Syphilis.
-
-In den letzten Capiteln habe ich in eingehender Weise versucht, ein Bild
-von den feineren Einrichtungen für die Saftströmungen innerhalb der
-Gewebe zu liefern, und zwar namentlich von denjenigen, wo die Säfte
-selbst sich der Beobachtung mehr entziehen. Wenden wir uns nunmehr zu
-den gröberen Wegen und den edleren Säften, welche in der gangbaren
-Anschauung bis jetzt eigentlich allein Berücksichtigung fanden.
-
-[Illustration: =Fig=. 55. _A_. Epithel von der Cruralarterie (Archiv f.
-path. Anat. Bd. III. Fig. 9 und 12. S. 569). _a_ Kerntheilung.
-
-_B_. Epithel von grösseren Venen. _a_, _a_ Grössere, granulirte, runde,
-einkernige Zellen (farblose Blutkörperchen?). _b_, _b_ Längliche und
-spindelförmige Zellen mit getheiltem Kern und Kernkörperchen. _c_
-Grosse, platte Zellen mit zwei Kernen, von denen jeder drei
-Kernkörperchen besitzt und in Theilung begriffen ist. _d_
-Zusammenhängendes Epithel, die Kerne in progressiver Theilung, eine
-Zelle mit sechs Kernen. Vergr. 320.]
-
-Die Vertheilung des Blutes im Körper ist zunächst abhängig von der
-Vertheilung der Gefässe innerhalb der einzelnen Organe. Indem die
-Arterien sich in immer feinere Aeste auflösen, ändert sich allmählich
-auch der Habitus ihrer Wandungen, so dass endlich feine Kanäle mit einer
-scheinbar so einfachen Wand, wie sie überhaupt im Körper angetroffen
-wird, sogenannte Haarröhrchen (Capillaren), daraus hervorgehen.
-Histologisch ist dabei Folgendes zu bemerken:
-
-Jede =Arterie= hat verhältnissmässig dicke Wandungen, und selbst an
-denjenigen Arterien, die man mit blossem Auge eben noch als feinste
-Fädchen verfolgen kann, unterscheidet man mit Hülfe des Mikroskopes
-nicht bloss die bekannten drei Häute, sondern noch ausser diesen eine
-feine Epithelialschicht, welche die innere Oberfläche bekleidet; sie
-pflegt gewöhnlich nicht als eine besondere Haut bezeichnet zu werden.
-Die innere und äussere Haut (Intima und Adventitia) sind wesentlich
-Bindegewebsbildungen, welche in grösseren Arterien einen zunehmenden
-Gehalt an elastischen Fasern erkennen lassen; zwischen ihnen liegt die
-verhältnissmässig dicke, mittlere oder Ringfaserhaut, welche als Sitz
-der Muskulatur fast den wichtigsten Bestandtheil der Arterienwand
-ausmacht. Die Muskulatur findet sich am reichlichsten in den mittleren
-und kleineren Arterien, während in den ganz grossen, namentlich in der
-Aorta, elastische Blätter den überwiegenden Bestandtheil auch der
-Ringfaserhaut ausmachen. An kleinen Arterien bemerkt man bei
-mikroskopischer Untersuchung leicht innerhalb dieser mittleren Haut
-(vergl. Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 54 _a_) kleine Quer-Abtheilungen,
-entsprechend den einzelnen musculösen Faserzellen, welche so dicht um
-das Gefäss herumliegen, dass wir Faserzelle neben Faserzelle fast ohne
-irgend eine Unterbrechung finden. Die Dicke dieser Schicht kann man
-durch die Begrenzung, welche sie nach innen und aussen durch
-Längsfaserhäute erfährt, bequem erkennen; das einzige Täuschende sind
-runde Zeichnungen, welche man hie und da in der Dicke der Ringfaserhaut,
-aber nur am Rande der Gefässe (Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 56 _m_, _m_)
-erblickt, und welche wie eingestreute runde Zellen oder Kerne aussehen.
-Dies sind die im scheinbaren Querschnitte gesehenen Faserzellen oder
-deren Kerne. Am deutlichsten aber erkennt man die Lage der Media nach
-Behandlung mit Essigsäure, welche in der Flächenansicht des Gefässes
-längliche, quergelagerte Kerne in grosser Zahl hervortreten lässt.
-
-[Illustration: =Fig=. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der
-Extensoren einer frisch amputirten Hand. _a_, _a_ Adventitia. _m_, _m_
-Media mit starker Muskelhaut, _i_, _i_ Intima, theils mit Längsfalten,
-theils mit Längskernen, an dem Seitenaste aus den durchrissenen äusseren
-Häuten hervorstehend. Vergr. 300.]
-
-Diese Schicht ist es, welche im Allgemeinen der Arterie ihre
-Besonderheit gibt, und welche sie am deutlichsten unterscheidet von den
-Venen. Freilich gibt es zahlreiche Venen im Körper, die bedeutende
-Muskelschichten besitzen, z. B. die oberflächlichen Hautvenen, besonders
-an den Extremitäten, indess tritt doch bei keiner derselben die
-Muskelschicht als eine so deutlich abgegrenzte, gleichsam selbständige
-Haut hervor, wie die Media der Arterien. Bei den kleineren Gefässen
-beschränkt sich dieses Vorkommen einer deutlich ausgesprochenen
-Ringfaserhaut wesentlich auf arterielle Gefässe, so dass man sofort
-geneigt ist, wo man mikroskopisch einen solchen Bau findet, auch die
-arterielle Natur des Gefässes anzunehmen.
-
-Diese auch bei mikroskopischer Betrachtung immer noch grösseren
-Arterien, die freilich selbst im gefüllten Zustande für das blosse Auge
-nur als rothe Fäden erscheinen, gehen nach und nach in kleinere über.
-Bei dreihundertmaliger Vergrösserung sehen wir sie sich in Aeste
-auflösen, und auch auf diese setzen sich, selbst wenn sie sehr klein (im
-vulgären Sinne schon capillar) sind, zunächst die drei Häute noch fort,
-Erst an den kleinsten Aesten verschwindet endlich die Muskelhaut, indem
-die Abstände zwischen den einzelnen Querfasern immer grösser werden und
-zugleich immer deutlicher die innere Haut durch sie hindurchscheint,
-deren längsliegende Kerne sich mit denen der mittleren unter einem
-rechten Winkel kreuzen (Fig. 28 _D_, _E_). Auch die Adventitia oder
-äussere Haut lässt sich noch eine Strecke weit verfolgen (an manchen
-Stellen, wie am Gehirn, häufig durch Einstreuung von Fett oder Pigment
-deutlicher bezeichnet, Fig. 28 _D_, _E_), bis endlich auch sie sich
-verliert und nur die einfache Haar-Röhre übrig bleibt (Fig. 4, _c_). Die
-Vermuthung würde also dafür sprechen, dass die eigentlichen
-Capillar-Membranen mit der Intima der grösseren Gefässe zu vergleichen
-wären, indess haben die neueren Erfahrungen (S. 60) vielmehr die
-Anschauung genährt, dass auch die Intima der Arterien in den Capillaren
-verschwinde und dass die Epithelialschicht zuletzt allein übrig bleibe.
-
-Ich bemerke dabei ausdrücklich, dass die gewöhnliche Sprache der
-Pathologen und noch mehr die der Aerzte den Ausdruck der Capillaren in
-einer sehr willkürlichen Weise verwendet, und dass namentlich sehr
-häufig Gefässe, die mit blossem Auge noch als Linien, Striche oder Netze
-erkannt werden, Capillaren genannt werden. Dies sind jedoch in der Regel
-wirkliche Arterien oder Venen: Capillaren im strengen Sinne des Wortes
-sind makroskopisch unsichtbar. Man mag nun immerhin auch von =capillaren
-Arterien= und =capillaren Venen= sprechen, indess folgen aus einem
-solchen Sprachgebrauch leicht grosse Irrthümer, und derselbe ist daher
-keineswegs empfehlenswerth. Man muss aber wissen, dass selbst in der
-mikrographischen Sprache bis in die neueste Zeit hinein ähnliche
-Verwechselungen sehr gewöhnlich waren und dass daraus manche
-Missverständnisse sich erklären, welche bei einer strengeren
-Terminologie leicht hätten vermieden werden können.
-
-Innerhalb der eigentlich =capillären= Auflösung ist an den Gefässen
-weiter nichts bemerkbar, als die früher schon erwähnten Kerne, deren
-Längsausdehnung der Längsaxe des Gefässes entspricht, und welche so in
-die Gefässwand eingesetzt sind, dass man eine zellige Abtheilung um sie
-herum ohne besondere chemische Hülfsmittel nicht weiter zu erkennen
-vermag. Die Gefässhaut erscheint hier ganz gleichmässig, absolut homogen
-und absolut continuirlich (Fig. 4, _c_). Während man noch vor 20 Jahren
-darüber discutirte, ob es nicht Gefässe gäbe, welche keine eigentlichen
-Wandungen hätten und nur Aushöhlungen, Ausgrabungen des Parenchyms[30]
-der Organe seien, sowie darüber, ob Gefässe dadurch entstehen könnten,
-dass von den alten Lichtungen aus sich neue Bahnen durch
-Auseinanderdrängen des benachbarten Parenchyms eröffneten, so ist heut
-zu Tage kein Zweifel mehr, dass das menschliche Gefässsystem, mit
-Ausnahme der Milz und der mütterlichen Placenta, überall continuirlich
-durch Membranen geschlossen ist. An diesen Membranen ist es nicht mehr
-möglich, eine Porosität zu sehen. Selbst die feinen Poren, welche man in
-der letzten Zeit an verschiedenen anderen Theilen wahrgenommen, haben
-bis jetzt an der Gefässhaut kein Analogon gefunden; wenn man von der
-Porosität der Gefässwand spricht, so kann dies nur in physikalischem
-Sinne von unsichtbaren, eigentlich molekularen Interstitien oder in grob
-mechanischem Sinne von wirklichen Continuitätstrennungen geschehen. Eine
-Collodiumhaut erscheint nicht homogener, nicht continuirlicher, als die
-Capillarhaut. Eine Reihe von Möglichkeiten, die man früher zuliess,
-z. B. dass an gewissen Punkten die Continuität der Capillarmembran nicht
-bestände, fallen einfach weg. Von einer »Transsudation« oder Diapedese
-des Blutes durch die Gefässhaut, ohne Ruptur oder Hiatus derselben, kann
-gar nicht weiter die Rede sein. Denn obwohl wir die Rupturstelle oder
-Spalte nicht in jedem einzelnen Falle anatomisch nachweisen können, so
-ist es doch ganz undenkbar, dass das Blut mit seinen Körperchen anders,
-als durch ein Loch in der Gefässwand austreten könne. Dies versteht sich
-nach histologischen Erfahrungen so sehr von selbst, dass darüber keine
-Discussion zulässig ist.
-
- [30] Um vielfachen, an mich ergangenen Anfragen über die Bedeutung des
- Wortes Parenchym zu genügen, verweise ich auf =Galenus= de
- temperamentis Lib. II. cap. 3. viscerum propriam substantiam
- Erasistratus parenchyma vocat.
-
-Nachdem die Capillaren eine Zeit lang fortgegangen sind, so setzen sich
-nach und nach aus ihnen kleine =Venen= zusammen, welche gewöhnlich in
-nächster Nähe der Arterien zurücklaufen (Fig. 54, _v_). Nicht ganz
-selten wird eine Arterie von zwei Venen begleitet, die zu beiden Seiten
-derselben liegen. An den Venen fehlt im Allgemeinen die
-charakteristische Ringfaserhaut der Arterien, oder sie ist wenigstens
-sehr viel weniger ausgebildet. Dafür trifft man in der Media der
-stärkeren Venen derbere Lagen, die sich nicht so sehr durch die
-Abwesenheit von Muskel-Elementen, als durch das reichlichere Vorkommen
-longitudinell verlaufender elastischer Fasern charakterisiren; je nach
-den verschiedenen Localitäten zeigen sie verschiedene Mächtigkeit. Nach
-innen folgen dann die weicheren und feineren Bindegewebslagen der
-Intima, und auf dieser findet sich wieder zuletzt ein plattes,
-ausserordentlich durchscheinendes Epitheliallager, das am Schnittende
-sehr leicht aus dem Gefässe hervortritt und oft den Eindruck von
-Spindelzellen macht, so dass es leicht verwechselt werden kann mit
-spindelförmigen Muskelzellen (Fig. 57). Die kleinsten Venen besitzen ein
-ähnliches Epithel, bestehen aber ausserdem eigentlich ganz aus einem mit
-Längskernen versehenen Bindegewebe (Fig. 54, _v_).
-
-[Illustration: =Fig=. 57. Epithel der Nierengefässe. _A_. Flache, längs
-gefaltete Spindelzellen mit grossen Kernen vom Neugebornen. _B_.
-Bandartige, fast homogene Epithelplatte mit Längskernen vom Erwachsenen.
-Vergr. 350.]
-
-Diese Verhältnisse erleiden keine wesentliche Aenderung, wenn auch die
-einzelnen Theile des Gefässapparates die äusserste Vergrösserung
-erfahren. Am besten sieht man dies bei der =Schwangerschaft=, wo nicht
-bloss am Uterus, sondern auch an der Scheide, an den Tuben und
-Eierstöcken, sowie an den Mutterbändern sowohl die grossen und kleinen
-Arterien und Venen, als auch die Capillaren eine so beträchtliche
-Erweiterung zeigen, dass das übrige Gewebe, trotzdem dass es sich
-gleichfalls nicht unerheblich vergrössert, dadurch wesentlich in den
-Hintergrund gedrängt wird. Indess eignen sich doch gerade Theile des
-puerperalen Geschlechtsapparates vortrefflich dazu, das Verhältniss der
-Gewebs-Elemente zu den Gefässbezirken zu übersehen. An den Fimbrien der
-Tuben sieht man innerhalb der Schlingennetze, welche die sehr weiten
-Capillaren gegen den Rand hin bilden, immer noch eine grössere Zahl von
-grossen Bindegewebszellen zerstreut, von denen nur einzelne den Gefässen
-unmittelbar anliegen. In den Eierstöcken, besonders aber an den Alae
-vespertilionum findet man ausserdem sehr schön ein Verhältniss, welches
-sich an den Anhängen des Generations-Apparates öfter wiederholt, ähnlich
-dem, wie wir es beim Scrotum betrachtet haben (S. 137); die Gefässe
-werden nehmlich von ziemlich beträchtlichen Zügen glatter Muskeln
-begleitet, welche nicht ihnen angehören, sondern nur dem Gefässverlaufe
-folgen und zum Theil die Gefässe in sich aufnehmen. Es ist dies ein
-äusserst wichtiges Element, insofern die Contractionsverhältnisse jener
-Ligamente, welche man gewöhnlich nicht als muskulös betrachtet,
-keinesweges bloss den Blutgefässen zuzuschreiben sind, wie erst
-neuerlich =James Traer= nachzuweisen gesucht hat; vielmehr gehen
-reichliche Züge von Muskeln mitten durch die Ligamente fort, welche in
-Folge davon bei der menstrualen Erregung in gleicher Weise die
-Möglichkeit zu Zusammenziehungen darbieten, wie wir sie an den äusseren
-Abschnitten der Geschlechtswege mit so grosser Deutlichkeit wahrnehmen
-können. An der weiblichen Scheide habe ich im Prolapsus auf mechanische
-oder psychische Erregungen eben so starke Querrunzelungen auftreten und
-bei Nachlass derselben wieder verschwinden sehen, wie es am männlichen
-Scrotum bekannt ist. --
-
-Wenn man nun die Frage aufwirft, welche Bedeutung die einzelnen Elemente
-der Gefässe in dem Körper haben, so versteht es sich von selbst, dass
-für die gröberen Vorgänge der Circulation die contractilen Elemente die
-grösste Bedeutung haben, dass aber auch die elastischen Theile und die
-einfach permeablen homogenen Häute auf viele Vorgänge einen bestimmenden
-Einfluss ausüben[31]. Betrachten wir zunächst die Bedeutung der
-=muskulösen Elemente= und zwar an denjenigen Gefässen, welche
-hauptsächlich damit versehen sind, an den Arterien.
-
- [31] Man vergleiche für die Special-Behandlung der hierher gehörigen
- Fragen den Abschnitt über die örtlichen Störungen des Kreislaufes in
- dem von mir herausgegebenen Handbuche der speciellen Pathologie und
- Therapie. Erlangen, 1854. I. 95 ff.
-
-Wenn eine Arterie irgend eine Einwirkung erfährt, welche eine
-Zusammenziehung ihrer Muskeln hervorruft, so wird natürlich das Gefäss
-sich verengern müssen, da die contractilen Zellen der Media ringförmig
-um das Gefäss herumliegen; die Verengerung kann erfahrungsgemäss unter
-Umständen bis fast zum Verschwinden des Lumens gehen. Die natürliche
-Folge wird dann sein, dass in den betreffenden Körpertheil weniger Blut
-gelangt. Wenn also eine Arterie auf irgend eine Weise einem
-pathologischen Irritans zugänglich, oder wenn sie auf physiologischem
-Wege excitirt und zur Thätigkeit angeregt wird, so kann diese Thätigkeit
-nur darin bestehen, dass ihre Lichtung enger und die Blutzufuhr
-erschwert wird. Man könnte freilich, nachdem man die Muskel-Elemente der
-Gefässwandungen erkannt hat, den alten Satz wieder aufnehmen, dass die
-Gefässe, wie das Herz, eine Art von rhythmischer, pulsirender, oder gar
-peristaltischer Bewegung erzeugten, welche im Stande wäre, die
-Fortbewegung des Blutes direct zu fördern, so dass eine arterielle
-Hyperämie durch eine vermehrte selbständige Pulsation (Propulsion) der
-Gefässe hervorgebracht würde.
-
-Es ist allerdings eine einzige Thatsache bekannt, welche eine wirkliche
-rhythmische Bewegung der Arterienwandungen beweist; =Schiff= hat
-dieselbe zuerst an dem Ohre der Kaninchen beobachtet. Allein sie
-entspricht keineswegs dem Rhythmus der bekannten Arterien-Pulsation; ihr
-einziges Analogen findet sich in den Bewegungen, welche schon früher von
-=Wharton Jones= an den Venen der Flughäute von Fledermäusen entdeckt
-worden waren, aber diese gehen in einer äusserst langsamen und ruhigen
-Weise vor sich. Ich habe diese Erscheinung an Fledermäusen studirt und
-mich überzeugt, dass der Rhythmus weder mit der Herzbewegung, noch mit
-der respiratorischen Bewegung zusammenfällt; es ist eine ganz
-eigenthümliche, verhältnissmässig nicht sehr ausgiebige Contraction,
-welche in ziemlich langen Pausen, in längeren als die Circulation, in
-kürzeren als die Respiration, erfolgt[32]. Auch die Zusammenziehungen
-der Arterien am Kaninchenohr sind ungleich langsamer, als die Herz- und
-Respirations-Bewegungen.
-
- [32] Mein Archiv XXVII. S. 224.
-
-Unzweifelhaft sind dies selbständige Pulsationen der Gefässe, aber sie
-lassen sich nicht in der Weise verwerthen, dass die frühere Ansicht von
-dem localen Zustandekommen der mit den Herzbewegungen isochronischen
-Pulsation dadurch gestützt werden könnte. Die Beobachtung ergiebt
-vielmehr, dass die Muskulatur eines Gefässes auf jeden Reiz, der sie in
-Action setzt, sich zusammenzieht, dass aber diese Zusammenziehung sich
-nicht in peristaltischer Weise fortpflanzt, sondern sich auf die
-gereizte Stelle beschränkt, höchstens sich ein wenig nach beiden Seiten
-darüber hinaus erstreckt, und an dieser Stelle eine gewisse Zeit lang
-anhält. Je muskulöser das Gefäss und je direkter der Reiz ist, um so
-dauerhafter und ergiebiger wird die Contraction, um so stärker die
-Hemmung, welche die Strömung des Blutes dadurch erfährt. Je kleiner die
-Gefässe sind, je mehr vorübergehend der Reiz war, um so schneller sieht
-man dagegen auf die Contraction eine Erweiterung folgen, welche aber
-nicht wiederum von einer Contraction gefolgt ist, wie es für das
-Zustandekommen einer Pulsation nothwendig wäre, sondern welche mehr oder
-weniger lange fortbesteht. Diese Erweiterung ist nicht eine active,
-sondern eine passive, hervorgebracht durch den Druck des Blutes auf die
-(durch die erste Contraction) ermüdete, weniger Widerstand leistende
-Gefässwand.
-
-Untersucht man nun die Erscheinungen, welche man gewöhnlich unter dem
-Namen der =activen Hyperämien oder Congestionen= zusammenfasst[33], so
-kann kein Zweifel darüber sein, dass die Muskulatur der Arterien
-wesentlich dabei betheiligt ist. Sehr gewöhnlich handelt es sich dabei
-um Vorgänge, wo die Gefässmuskeln gereizt wurden, wo aber der
-Contraction alsbald ein Zustand der Relaxation folgt, wie er in gleich
-ausgesprochener Weise sich an den übrigen Muskeln selten vorfindet, ein
-Zustand, der offenbar eine Art von Ermüdung oder Erschöpfung ausdrückt,
-und der um so anhaltender zu sein pflegt, je energischer der Reiz war,
-welcher einwirkte. An kleinen Gefässen mit wenig Muskelfasern sieht es
-daher öfters so aus, als ob die Reize keine eigentliche Verengerung
-hervorriefen, da man überaus schnell eine Erschlaffung und Erweiterung
-eintreten sieht, welche längere Zeit andauert und ein vermehrtes
-Einströmen des Blutes möglich macht.
-
- [33] Handbuch der spec. Path. I. 141.
-
-Diese selben Vorgänge der Relaxation können wir experimentell am
-leichtesten herstellen dadurch, dass wir die Gefässnerven eines Theiles
-durchschneiden, während wir die Verengerung (abgesehen von den Methoden
-der direkten Reizung) in sehr grosser Ausdehnung erzeugen, indem wir die
-Gefässnerven einem sehr energischen Reiz unterwerfen. Dass man diese Art
-von Verengerung so spät kennen gelernt hat, erklärt sich daraus, dass
-die Nervenreize sehr gross sein müssen, indem, wie =Claude Bernard=
-gezeigt hat, nur starke elektrische Ströme dazu ausreichen. Andererseits
-sind die Verhältnisse nach Durchschneidung der Nerven an den meisten
-Theilen so complicirt, dass die Erweiterung und Durchschneidung der
-Gefässnerven der Beobachtung sich entzogen hat, bis gleichfalls durch
-=Bernard= der glückliche Punkt entdeckt und in der Durchschneidung der
-sympathischen Nerven am Halse der Experimentation ein zuverlässiger und
-bequemer Beobachtungsort erschlossen wurde.
-
-[Illustration: =Fig=. 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner
-Gefässe aus der Schwimmhaut des Frosches. Copie nach =Wharton Jones=.]
-
-Mag die Erweiterung des Gefässes, oder, mit anderen Worten, die
-Relaxation der Gefässmuskeln unmittelbar durch eine Lähmung der Nerven,
-durch eine Unterbrechung oder Hemmung des Nerveneinflusses
-hervorgebracht sein, oder mag sie die mittelbare Folge einer
-vorausgegangenen Reizung sein, welche eine Ermüdung setzte, in jedem
-Falle ist sie bedingt durch eine Art von Paralyse der Gefässwand. Active
-Hyperämie ist daher insofern eine falsche Bezeichnung, als der Zustand
-der Gefässe dabei ein vollständig passiver ist. Alles, was man auf die
-dabei vorausgesetzte Activität der Gefässe gebaut hat, ist, wenn nicht
-gerade auf Sand gebaut, doch äusserst unsicher; alle weiteren Schlüsse,
-die man daraus gezogen hat in Beziehung auf die Bedeutung, welche die
-Thätigkeit der Gefässe für die Ernährungs-Verhältnisse der Theile selbst
-haben sollte, fallen in sich selbst zusammen.
-
-Wenn eine Arterie wirklich in Action ist, so macht sie keine Hyperämie;
-im Gegentheil, je kräftiger sie agirt, um so mehr bedingt sie Anämie des
-Theils, oder, wie ich es bezeichnet habe, Ischämie[34]. Die geringere
-oder grössere Thätigkeit der Arterie bestimmt das Mehr oder Weniger von
-Blut, welches in der Zeiteinheit in einen gegebenen Theil einströmen
-kann. =Je thätiger das Gefäss, um so geringer die Zufuhr=. Haben wir
-aber eine Reizungs-Hyperämie, d. h. eine vermehrte Zufuhr durch ermüdete
-und daher passiv erweiterte Arterien, so kommt es therapeutisch gerade
-darauf an, die Gefässe in einen Zustand von Thätigkeit zu versetzen, in
-welchem sie im Stande sind, dem andrängenden Blutstrome Widerstand
-entgegenzusetzen. Das leistet uns der sogenannte =Gegenreiz=, ein
-höherer Reiz an einem schon gereizten Theile, welcher die erschlaffte
-Gefässmuskulatur zu dauernder Verengerung anregt, dadurch die Blutzufuhr
-verkleinert und die Regulation der Störung vorbereitet. Gerade da, wo am
-meisten die Reaction, d. h. die regulatorische Thätigkeit in Anspruch
-genommen wird, da handelt es sich darum, jene Passivität zu überwinden,
-welche die (sogenannte active) Hyperämie unterhält.
-
- [34] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. I. 122.
-
-Längere Zeit hindurch betrachtete man es als unmöglich, dass die
-Strömung in erweiterten Gefässen eine beschleunigte sei. Man bezog sich
-auf die bekannte hydraulische Erfahrung, dass die Stromschnelligkeit in
-einer erweiterten Röhre ab-, in einer verengerten zunehme. Allein man
-übersah dabei, dass es sich am Gefässapparat nicht um einfache Röhren,
-sondern um ein System communicirender Röhren handelt, und dass
-keineswegs gleiche Mengen von Blut in der Zeiteinheit in jeden einzelnen
-Theil dieses Systems einströmen. Die hydraulischen Verhältnisse sind
-ganz verschieden, je nachdem wir den Stamm sei es der Aorta, sei es der
-Lungenarterie oder irgend einen mehr peripherischen Arterienast ins Auge
-fassen. Eine Verengerung des Stammes der Aorta oder der Lungenarterie
-wird sicherlich die Beschleunigung des Blutstroms an der verengten
-Stelle, eine Erweiterung die Verlangsamung desselben zur Folge haben.
-Wenn aber ein arterieller Ast im Bein oder in der Lunge sich verengert,
-so wird das an der Verengerungsstelle in seiner Fortbewegung
-beeinträchtigte Blut mit grösserer Kraft den collateralen Aesten
-zuströmen und hier sich einen leichteren Abfluss eröffnen. Wir finden
-dann neben der Ischämie das, was ich die =collaterale Fluxion= genannt
-habe[35]. --
-
- [35] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 122, 129, 142, 173.
-
- * * * * *
-
-Gehen wir nun von den muskulösen Theilen der Gefässe über auf die
-=elastischen=, so treffen wir da eine Eigenschaft, welche eine sehr
-grosse Bedeutung hat, einerseits für die Venen, deren Thätigkeit an
-vielen Stellen nur auf elastische Elemente beschränkt ist, andererseits
-für die Arterien, insbesondere die Aorta und ihre grösseren Aeste. Bei
-diesen hat die Elasticität der Wandungen den Effect, die Verluste,
-welche der Blutdruck durch die systolische Erweiterung der Gefässe
-erfährt, auszugleichen und den ungleichmässigen Strom, welchen die
-stossweisen Bewegungen des Herzens erzeugen, in einen gleichmässigen
-umzuwandeln. Wäre die Gefässhaut nicht elastisch, so würde unzweifelhaft
-der Blutstrom sehr verlangsamt werden und zugleich durch die ganze
-Ausdehnung des Gefässapparates bis in die Capillaren Pulsation bestehen;
-es würde dieselbe stossweise Bewegung, welche im Anfange des
-Aortensystems dem Blute mitgetheilt wird, sich bis in die kleinsten
-Verästelungen erhalten. Allein jede Beobachtung, welche wir am lebenden
-Thiere machen, lehrt uns, dass innerhalb der Capillaren der Strom ein
-continuirlicher ist. Diese gleichmässige Fortbewegung wird dadurch
-hervorgebracht, dass die Arterien in Folge der Elasticität ihrer
-Wandungen den Stoss, welchen sie durch das eindringende Blut empfangen,
-mit derselben Gewalt dem Blute zurückgeben, sonach während der Zeit der
-folgenden Herz-Diastole einen regelmässigen Fortschritt des Blutes in
-der Richtung zur Peripherie hin unterhalten.
-
-Lässt die Elasticität des Gefässes erheblich nach, ohne dass zugleich
-das Gefäss starr und unbeweglich wird (Verkalkung, Amyloidentartung), so
-wird die Erweiterung, welche das Gefäss unter dem Drange des Blutes
-empfängt, nicht wieder ausgeglichen; das Gefäss bleibt im Zustande der
-Erweiterung, und es entstehen allmählich die bekannten Formen der
-=Ektasie=, wie wir sie an den Arterien als Aneurysmen, an den Venen als
-Varicen kennen. Es handelt sich bei diesen Zuständen nicht so sehr, wie
-man in neuerer Zeit geschildert hat, um primäre Erkrankungen der innern
-Haut, sondern um Veränderungen, welche in der elastischen und muskulären
-mittleren Haut vor sich gehen. --
-
- * * * * *
-
-Wenn demnach die muskulösen Elemente der Arterien den gewichtigsten
-Einfluss auf das Maass und die Art der Blutvertheilung in den einzelnen
-Organen, die elastischen Elemente die grösste Bedeutung für die
-Herstellung eines schnellen und gleichmässigen Stromes haben, so üben
-sie doch nur eine mittelbare Wirkung auf die Ernährung der ausserhalb
-der Gefässe selbst liegenden Theile aus, und wir werden für diese Frage
-in letzter Instanz hingewiesen auf die mit =einfacher Membran versehenen
-Capillaren=, ohne welche ja nicht einmal die Wandbestandtheile der
-grösseren, mit Vasa vasorum versehenen Gefässe sich auf die Dauer zu
-ernähren und zu erhalten vermöchten. In den letzten Decennien hat man
-sich meist damit beholfen, dass man zwischen dem flüssigen Inhalte des
-Gefässes und dem Safte (Parenchymflüssigkeit) der Gewebe
-=Diffusionsströmungen= annahm: Endosmose und Exosmose. Die Gefässhaut
-galt dabei als eine mehr oder weniger indifferente Membran, welche eben
-nur eine Scheidewand zwischen zwei Flüssigkeiten bilde, die mit einander
-in ein Wechselverhältniss treten. In diesem Verhältnisse aber würden die
-zwei Flüssigkeiten wesentlich bestimmt durch ihre Concentration und ihre
-chemische Mischung, so dass, je nachdem die innere oder äussere
-Flüssigkeit concentrirter wäre, der Strom der Diffusion bald nach
-aussen, bald nach innen ginge, und dass ausserdem je nach den chemischen
-Eigenthümlichkeiten der einzelnen Säfte gewisse Modificationen in diesen
-Strömen entständen. Im Allgemeinen ist jedoch gerade diese letztere,
-mehr chemische Seite der Frage wenig berücksichtigt worden.
-
-Nun lässt sieh nicht in Abrede stellen, dass es gewisse Thatsachen
-giebt, welche auf eine andere Weise nicht wohl erklärt werden können,
-namentlich wo es sich um sehr grobe Abänderungen in den
-Concentrationszuständen der Säfte handelt. Dahin gehört jene Form von
-Cataract, welche =Kunde= bei Fröschen künstlich durch Einbringung von
-Salz in den Darmkanal oder in das Unterhautgewebe erzeugt hat. Dahin
-gehören insbesondere jene Stasen im Gefässapparat, welche =Schuler=[36]
-an amputirten Froschschenkeln durch Einwirkung von Salzlösungen
-hervorbrachte. Allein in dem Maasse, als man sich beim physikalischen
-Studium der Diffusions-Phänomene überzeugt hat, dass die Membran, welche
-die Flüssigkeiten trennt, kein gleichgültiges Ding ist, sondern dass die
-Natur derselben unmittelbar bestimmend wirkt auf die Fähigkeit des
-Durchtritts der Flüssigkeiten, so wird man auch bei der Gefässhaut einen
-solchen Einfluss nicht leugnen können. Indess darf man deshalb nicht so
-weit gehen, dass man etwa der Gefässhaut die ganze Eigenthümlichkeit des
-vasculären Stoffwechsels zuschriebe; am wenigsten darf man daraus
-erklären wollen, warum gewisse Stoffe, welche in der Blutflüssigkeit
-vertheilt sind, nicht allen Theilen gleichmässig zukommen, sondern an
-einzelnen Stellen in grösserer, an anderen in kleinerer Masse, an
-anderen gar nicht austreten. Diese Eigenthümlichkeiten hängen offenbar
-ab einerseits von den Verschiedenheiten des Druckes, welcher auf der
-Blutsäule einzelner Theile lastet, andererseits von den Besonderheiten
-der Gewebe; namentlich wird man sowohl durch das Studium der
-pathologischen, als besonders durch das Studium der pharmakodynamischen
-Erscheinungen mit Nothwendigkeit dazu getrieben, gewisse =Affinitäten=
-zuzulassen, welche zwischen bestimmten Geweben und bestimmten Stoffen
-existiren, Beziehungen, welche auf chemische Eigenthümlichkeiten
-zurückgeführt werden müssen, in Folge deren gewisse Theile mehr befähigt
-sind, aus der Nachbarschaft und somit auch aus dem Blute gewisse
-Substanzen anzuziehen, als andere.
-
- [36] Würzburger Verhandl. 1854. IV. 248.
-
-Betrachten wir die Möglichkeit solcher Anziehungen etwas genauer, so ist
-es von einem besonderen Interesse, zu sehen, wie sich solche Theile
-verhalten, die sich in einer gewissen Entfernung vom Gefässe befinden.
-Lassen wir auf irgend einen Theil direkt einen bestimmten Reiz
-einwirken, z. B. eine chemische Substanz, ich will annehmen, eine kleine
-Quantität eines Alkali, so bemerken wir, dass kurze Zeit nachher der
-Theil mehr »Ernährungsmaterial« aufnimmt, dass er schon in einigen
-Stunden um ein Beträchtliches grösser wird, anschwillt und trübe wird.
-Eine feinere Untersuchung ergiebt, dass die Elemente selbst solcher
-Gewebe, welche in hohem Grade durchsichtig sind, wie die Hornhaut,
-reichlich eine körnige, verhältnissmässig trübe Substanz enthalten, die
-nicht etwa aus eingedrungenem Alkali, sondern ihrem wesentlichen Theile
-nach aus Stoffen besteht, welche den Eiweisskörpern verwandt sind. Die
-Beobachtung ergiebt, dass ein solcher Vorgang in allen gefässhaltigen
-Theilen mit einer Hyperämie beginnt, so dass der Gedanke nahe liegt, die
-Hyperämie oder Congestion sei das Wesentliche und Bestimmende. Wenn wir
-aber die feineren Verhältnisse studiren, so ist es schwer zu verstehen,
-wie das Blut, welches in den hyperämischen Gefässen ist, es machen soll,
-um gerade nur auf den gereizten Theil einzuwirken, während andere
-Theile, welche in viel grösserer Nähe an denselben Gefässen liegen,
-nicht in derselben Weise getroffen werden. In allen Fällen, in welchen
-die Gefässe der Ausgangspunkt von Störungen sind, welche im Gewebe
-eintreten, finden sich auch die Störungen am meisten ausgesprochen in
-der nächsten Umgebung der Gefässe und in dem Gebiete, welches diese
-Gefässe versorgen (=Gefässterritorium=). Wenn wir einen reizenden, z. B.
-einen faulenden Körper in ein Blutgefäss stecken, wie dies von mir in
-der Geschichte der Embolie in grösserer Ausdehnung festgestellt ist, so
-werden nicht etwa die vom Gefässe entfernten Theile der Hauptsitz der
-activen Veränderung, sondern diese zeigt sich zunächst an der Wand des
-Gefässes selbst und dann an den anstossenden Gewebs-Elementen[37].
-Wenden wir aber den Reiz direkt auf das Gewebe an, so bleibt der
-Mittelpunkt der Störung auch immer da, wo der Angriffspunkt des Reizes
-liegt, gleichviel, ob Gefässe in der Nähe sind oder nicht.
-
- [37] Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. 1856.
- S. 294, 337, 456.
-
-Wir werden darauf später noch zurückkommen; hier war es mir nur darum zu
-thun, die Thatsache in ihrer Allgemeinheit vorzuführen, um den
-gewöhnlichen, eben so bequemen als trügerischen Schluss zurückzuweisen,
-dass die (an sich passive) Hyperämie bestimmend sei für die Ernährung
-des Gewebes.
-
-Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, um diesen, vom anatomischen
-Standpunkte aus vollständig unhaltbaren Schluss zu widerlegen, so haben
-wir in dem vorher erwähnten Experiment mit der Durchschneidung des
-Sympathicus die allerbequemste Handhabe. Wenn man bei einem Thiere den
-Sympathicus am Halse durchschneidet, so bildet sich eine Hyperämie in
-der ganzen entsprechenden Kopfhälfte aus: die Gefässe sind stark
-erweitert, das Ohr wird dunkelroth und heiss, die Conjunctiva und
-Nasenschleimhaut strotzend injicirt. Diese Hyperämie kann Tage, Wochen,
-Monate lang bestehen, ohne dass auch nur die mindeste gröbere nutritive
-Störung daraus folgt; die Theile sind, obwohl mit Blut überfüllt, so
-weit wir dies wenigstens bis jetzt übersehen können, in demselben
-Ernährungs-Zustande wie vorher. Wenn wir Entzündungsreize auf diese
-Theile appliciren, so ist das Einzige, was wir feststellen können, dass
-die Entzündung schneller verläuft, ohne dass sie jedoch an sich oder in
-der Art ihrer Producte wesentlich anders wäre als sonst[38].
-
- [38] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 151, 247. Gesammelte
- Abhandl. S. 319.
-
-Die grössere oder geringere Masse von Blut, welche einen Theil
-durchströmt, ist also nicht als die einfache Ursache der Veränderung
-seiner Ernährung zu betrachten. Es besteht wohl kein Zweifel darüber,
-dass ein Theil, der sich in Reizung befindet und gleichzeitig mehr Blut
-empfängt als sonst, auch mit grösserer Leichtigkeit mehr Material aus
-dem Blute anziehen kann, als er sonst gekonnt haben würde oder als er
-können würde, wenn sich die Gefässe in einem Zustande von Verengerung
-und verminderter Blutfülle befänden. Wollte man gegen meine Auffassung
-einwenden, dass bei hyperämischen Zuständen locale Blutentziehungen oft
-die günstigsten Effecte hervorbringen, so ist das kein Gegenbeweis. Denn
-es versteht sich von selbst, dass wir es einem Theile, dem wir das
-Ernährungsmaterial abschneiden oder verringern, schwerer machen,
-Material aufzunehmen, aber wir können ihn nicht umgekehrt dadurch, dass
-wir ihm mehr Ernährungsmaterial darbieten, sofort veranlassen, mehr in
-sich aufzunehmen; das sind zwei ganz verschiedene und auseinander zu
-haltende Dinge. So nahe es auch liegt, und so gerne ich auch zugestehe,
-dass es auf den ersten Blick etwas sehr Ueberzeugendes hat, aus der
-günstigen Wirkung, welche die Abschneidung der Blutzufuhr auf die
-Hemmung eines Vorganges hat, der unter einer Steigerung derselben
-entsteht, auf die Abhängigkeit jenes Vorganges von dieser Steigerung der
-Zufuhr zu schliessen, so meine ich doch, dass die praktische Erfahrung
-nicht in dieser Weise gedeutet werden darf. Es kommt nicht so sehr
-darauf an, dass, sei es in dem Blute als Ganzem, sei es in dem
-Blutgehalte des einzelnen Theiles, eine quantitative Zunahme erfolgt, um
-ohne Weiteres in der Ernährung des Theiles eine gleiche Zunahme zu
-setzen, sondern es kommt meines Erachtens darauf an, dass entweder
-besondere Zustände des Gewebes (Reizung) bestehen, welche die
-Anziehungsverhältnisse desselben zu bestimmten Stoffen ändern, oder dass
-besondere Stoffe (=specifische Substanzen=) in das Blut gelangen, auf
-welche bestimmte Gewebe oder Theile von Geweben eine besondere Anziehung
-ausüben.
-
-Prüft man diesen Satz in Beziehung auf die humoralpathologische
-Auffassung der Krankheiten, so ergiebt sich sofort, wie weit ich davon
-entfernt bin, die Richtigkeit der humoralen Deutungen im Allgemeinen zu
-bestreiten. Vielmehr hege ich die feste Ueberzeugung, dass besondere
-Stoffe, welche in das Blut gelangen, einzelne Theile des Körpers zu
-besonderen Veränderungen induciren können, indem sie in dieselben
-aufgenommen werden vermöge der =specifischen Anziehung der einzelnen
-Gewebe zu einzelnen Stoffen=[39]. Wir wissen, dass eine Reihe von
-Substanzen existirt, welche, wenn sie in den Körper gebracht werden,
-ganz besondere Anziehungen zum Nervenapparate darbieten, ja dass es
-innerhalb dieser Reihe wieder Substanzen gibt, welche zu ganz bestimmten
-Theilen des Nervenapparates nähere Beziehungen haben, einige zum Gehirn,
-andere zum Rückenmark, zu den sympathischen Ganglien, einzelne wieder zu
-besonderen Theilen des Gehirns, Rückenmarks u. s. w. Ich erinnere hier
-an Morphium, Atropin, Worara, Strychnin, Digitalin. Andererseits nehmen
-wir wahr, dass gewisse Stoffe eine nähere Beziehung haben zu bestimmten
-Secretionsorganen, dass sie diese Secretionsorgane mit einer gewissen
-Wahlverwandtschaft durchdringen, dass sie in ihnen abgeschieden werden,
-und dass bei einer reichlicheren Zufuhr solcher Stoffe ein Zustand der
-Reizung in diesen Organen stattfindet. Dahin gehören Harnstoff,
-Kochsalz, Canthariden, Cubeben. Allein nothwendig setzt diese Annahme
-voraus, dass die Gewebe, welche eine besondere Wahlverwandtschaft zu
-besonderen Stoffen haben sollen, überhaupt existiren: eine Niere, die
-ihr Epithel verliert, büsst damit auch ihre Secretionsfähigkeit für die
-specifischen Stoffe ein. Jene Annahme setzt ferner voraus, dass die
-Gewebe sich in ihrem natürlichen Zustande befinden: weder die kranke,
-noch die todte Niere hat mehr die Affinität zu besonderen Stoffen,
-welche die lebende und gesunde Drüse besass. Die Fähigkeit, bestimmte
-Stoffe anzuziehen und umzusetzen, kann höchstens für eine kurze Zeit in
-einem Organe erhalten, welches nicht mehr in einer eigentlich lebenden
-Verfassung bleibt. Wir werden daher am Ende immer genöthigt, die
-einzelnen Elemente als die wirksamen Factoren bei diesen Anziehungen zu
-betrachten. Eine Leberzelle kann aus dem Blute, welches durch das
-nächste Capillargefäss strömt, bestimmte Substanzen anziehen, aber sie
-muss eben zunächst vorhanden und sodann ihrer ganz besonderen
-Eigenthümlichkeit mächtig sein, um diese Anziehung ausüben zu können.
-Wird das vitale Element verändert, tritt eine Krankheit ein, welche in
-der molekularen, physikalischen oder chemischen Eigenthümlichkeit
-desselben Veränderungen setzt, so wird damit auch seine Fähigkeit
-geändert, diese besonderen Anziehungen auszuüben.
-
- [39] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 276.
-
-Betrachten wir dies Beispiel noch genauer. Die Leberzellen stossen fast
-unmittelbar an die Wand der Capillaren, nur geschieden durch eine dünne
-und vielleicht nicht einmal continuirliche Schicht einer feinen
-Bindegewebslage. Wollten wir uns nun denken, dass die Eigenthümlichkeit
-der Leber, Galle abzusondern, bloss darin beruhte, dass hier eine
-besondere Art der Gefäss-Einrichtung wäre, so würde dies in der That
-nicht zu rechtfertigen sein. Aehnliche Netze von Gefässen, welche zu
-einem grossen Theile venöser Natur sind, finden sich an manchen anderen
-Orten z. B. an den Lungen. Die Eigenthümlichkeit der Gallenabsonderung
-hängt offenbar ab von den Leberzellen, und nur so lange als das Blut in
-nächster Nähe an Leberzellen vorüberströmt, besteht die besondere
-Stoffanziehung, welche die Thätigkeit der Leber charakterisirt.
-
-Enthält das Blut freies Fett, so nehmen nach einiger Zeit die
-Leberzellen Fett in kleinen Partikelchen auf; wenn der Zufluss fortgeht,
-so wird auch das Fett in den Zellen reichlicher und es scheidet sich
-nach und nach in grösseren Tropfen innerhalb derselben ab (Fig. 29, _B_,
-_b_). Was wir beim Fett wirklich sehen, das müssen wir uns bei vielen
-anderen Substanzen, die sich in gelöstem Zustande befinden, denken,
-z. B. bei vielen metallischen Giften, die wir auf chemischem Wege aus
-dem Gewebe darstellen können. Immer aber wird es für die Aufnahme
-solcher Stoffe wesentlich sein, dass in der Leber Zellen in einem ganz
-bestimmten Zustande vorhanden sind; werden sie krank, entwickelt sich in
-ihnen ein Zustand, welcher mit einer wesentlichen Veränderung ihres
-Inhaltes verbunden ist, z. B. eine Atrophie, welche endlich das
-Zugrundegehen der Theile bedingt, dann wird damit auch die Fähigkeit des
-Organs, Stoffe aufzunehmen und abzuscheiden, insbesondere Galle zu
-bilden, immer mehr beschränkt werden. Wir können uns keine Leber denken
-ohne Leberzellen; diese sind, soviel wir wissen, das eigentlich
-Wirksame, da selbst in Fällen, wo der Blutzufluss durch Verstopfung der
-Pfortader beschränkt ist[40], Galle, wenn auch vielleicht nicht in
-derselben Menge, abgesondert wird.
-
- [40] Würzb. Verhandl. (1855). VII. 21.
-
-Diese Erfahrung hat gerade an der Leber einen besonderen Werth, weil die
-Stoffe, welche die Galle zusammensetzen, bekanntlich nicht im Blute
-präformirt sind, wir also nicht einen Vorgang der einfachen Abscheidung,
-sondern einen Vorgang der wirklichen Bildung für die Bestandtheile der
-Galle in der Leber voraussetzen müssen. Diese Frage hat noch an
-Interesse gewonnen durch die bekannte Beobachtung von =Bernard=, dass an
-dieselben zelligen Elemente auch die Eigenschaft der Zuckerbildung
-gebunden ist, welche in so colossalem Maassstabe dem Blute einen Stoff
-zuführt, der auf die inneren Umsetzungs-Prozesse und auf die
-Wärmebildung den entschiedensten Einfluss hat. Sprechen wir also von
-Leberthätigkeit, so kann man in Beziehung sowohl auf die Zucker-, als
-auf die Gallenbildung darunter nichts anderes meinen, als die Thätigkeit
-der einzelnen Elemente (Zellen), und zwar eine Thätigkeit, die darin
-besteht, dass sie aus dem vorüberströmenden Blute Stoffe anziehen, diese
-Stoffe in sich umsetzen und dieselben in dieser umgesetzten Form
-entweder an das Blut wieder zurückgeben, oder in Form von Galle den
-Gallengängen überliefern.
-
-Ich verlange nun für die Cellularpathologie nichts weiter, als dass
-diese Auffassung, welche für die grossen Secretions-Organe nicht
-vermieden werden kann, auch auf die kleineren Organe und auf die
-Elemente angewendet werde, dass also einer Epithelzelle, einer
-Linsenfaser, einer Knorpelzelle bis zu einem gewissen Maasse gleichfalls
-die Möglichkeit zugestanden werde, aus den nächsten Gefässen, wenn auch
-nicht immer direkt, sondern oft durch eine weite Transmission, je nach
-ihrem besonderen Bedürfnisse, gewisse Quantitäten von Material zu
-beziehen, und nachdem sie dasselbe in sich aufgenommen haben, es in sich
-weiter umzusetzen, so zwar, dass entweder die Zelle für ihre eigene
-Entwickelung daraus neues Material schöpft (=Assimilation=), oder dass
-die Substanzen im Innern sich aufhäufen, ohne dass die Zelle davon
-unmittelbar Nutzen hat (=Retention=), oder endlich, dass nach der
-Aufnahme selbst ein Zerfallen der Zelleneinrichtung geschehen, ein
-Untergang der Zelle eintreten kann (=Necrobiose=). Auf alle Fälle
-scheint es mir nothwendig zu sein, dieser =specifischen Action der
-Elemente=, gegenüber der specifischen Action der Gefässe, eine
-überwiegende Bedeutung beizulegen, und das Studium der localen Prozesse
-seinem wesentlichen Theile nach auf die Erforschung dieser Art von
-Vorgängen zu richten. --
-
- * * * * *
-
-Mit diesen Ergebnissen können wir uns zu einer Kritik der
-humoralpathologischen Systeme wenden, welche seit langer Zeit auf das
-Studium der sogenannten =edleren Säfte=, gewissermaassen auf die Lehre
-von der Ernährung im Grossen begründet wurden. Fasst man zunächst das
-Blut in seiner normalen Wirkung auf die Ernährung ins Auge, so handelt
-es sich dabei nicht so wesentlich um seine Bewegung, um das Mehr oder
-Weniger von Zuströmen, sondern um seine innere Zusammensetzung. Bei
-einer grossen Masse von Blut kann die Ernährung leiden, wenn die
-Zusammensetzung desselben nicht dem natürlichen Bedürfnisse der Theile
-entspricht; bei einer kleinen Masse von Blut kann die Ernährung
-verhältnissmässig sehr günstig vor sich gehen, wenn jedes einzelne
-Partikelchen des Blutes das günstigste Verhältniss der Mischung
-besitzt.
-
-Betrachtet man das Blut als Ganzes gegenüber den anderen Theilen, so ist
-es das Gefährlichste, was man thun kann, das, was zu allen Zeiten die
-meiste Verwirrung geschaffen hat, anzunehmen, dass man es hier mit einem
-constanten, in sich unabhängigen Fluidum zu thun habe, von dem die
-grosse Masse der übrigen Gewebe mehr oder weniger direkt abhängig sei.
-Die meisten humoralpathologischen Sätze stützen sich auf die
-Voraussetzung, dass gewisse Veränderungen, welche im Blute eingetreten
-sind, mehr oder weniger dauerhaft seien, und gerade da, wo diese Sätze
-praktisch am einflussreichsten gewesen sind, in der Lehre von den
-=chronischen Dyscrasien=, pflegt man sich vorzustellen, dass die
-Veränderung des Blutes eine continuirliche sei, ja, dass durch Vererbung
-von Generation zu Generation eigenthümliche Veränderungen in dem Blute
-übertragen werden und sich erhalten können.
-
-Das ist meiner Meinung nach der Grundfehler, der eigentliche Angelpunkt
-der Irrthümer. Nicht etwa, dass ich bezweifelte, dass eine veränderte
-Mischung des Blutes anhaltend bestehen, oder dass sie sich von
-Generation zu Generation fortpflanzen könnte, aber es scheint mir
-unlogisch, zu glauben, dass sie sich =im Blute selbst= fortpflanzen und
-dort erhalten kann, dass das Blut als solches der Träger der Dyscrasie
-ist.
-
-Meine cellularpathologischen Anschauungen unterscheiden sich darin von
-den humoralpathologischen wesentlich, dass ich das Blut nicht als einen
-dauerhaften und in sich unabhängigen, aus sich selbst sich
-regenerirenden und sich fortpflanzenden Saft, sondern als ein in einer
-constanten Abhängigkeit von anderen Theilen befindliches flüssiges
-Gewebe betrachte. Man braucht nur dieselben Schlüsse, die man für die
-Abhängigkeit des Blutes von der Aufnahme neuer Ernährungsstoffe vom
-Magen her allgemein zulässt, auch auf die Untersuchung der Abhängigkeit
-desselben von den Geweben des Körpers selbst anzuwenden. Wenn man von
-einer Säuferdyscrasie spricht, so wird Niemand die Vorstellung haben,
-dass Jeder, der einmal betrunken gewesen ist, eine permanente
-Alkoholdyscrasie besitzt, sondern man denkt sich, dass, wenn immer neue
-Mengen von Alkohol eingeführt werden, auch immer neue Veränderungen des
-Blutes eintreten, so dass die Veränderung am Blute so lange bestehen
-muss, als die Zufuhr von neuen schädlichen Stoffen geschieht, oder als
-in Folge früherer Zufuhr einzelne Organe in einem krankhaften Zustande
-verharren. Wird kein Alkohol mehr zugeführt, werden die Organe, welche
-durch den früheren Alkoholgenuss beschädigt waren, zu einem normalen
-Verhalten zurückgeführt, so ist kein Zweifel, dass damit die
-Säuferdyscrasie zu Ende ist. Dieses Beispiel, angewendet auf die
-Geschichte der übrigen Dyscrasien, erläutert ganz einfach den Satz,
-=dass jede dauernde Dyscrasie abhängig ist von einer dauerhaften Zufuhr
-schädlicher Bestandtheile von gewissen Punkten (Atrien oder Heerden)
-her=. Wie eine fortwährende Zufuhr von schädlichen Nahrungsstoffen eine
-dauerhafte Entmischung des Blutes setzen kann, eben so vermag die
-dauerhafte Erkrankung eines bestimmten Organs dem Blute fort und fort
-kranke Stoffe zuzuführen.
-
-Es handelt sich dann also wesentlich darum, für die einzelnen Dyscrasien
-Ausgangspunkte, =Localisationen= zu suchen, die bestimmten Gewebe oder
-Organe zu finden, von denen aus das Blut die besondere Störung erfährt.
-Ich will gern gestehen, dass es in vielen Dyscrasien bis jetzt nicht
-möglich gewesen ist, diese Gewebe oder Organe aufzufinden. In vielen
-anderen ist es aber gelungen, wenn man auch nicht bei jedem derselben
-erklären kann, in welcher Weise das Blut dabei verändert wird. Jedermann
-kennt jenen merkwürdigen Zustand, welchen man ungezwungen auf eine
-Dyscrasie beziehen kann, den scorbutischen Zustand, die Purpura, die
-Petechial-Dyscrasie. Vergeblich sieht man sich jedoch nach
-entscheidenden Erfahrungen darüber um, welcher Art die Dyscrasie, die
-Blutveränderung ist, wenn Scorbut oder Purpura sich zeigt. Das, was der
-Eine gefunden hat, hat der Andere widerlegt, ja es hat sich ergeben,
-dass zuweilen in der Mischung der gröberen Bestandtheile des Blutes gar
-keine Veränderung eingetreten war. Es bleibt hier also ein Quid ignotum,
-und man wird es gewiss verzeihlich finden, wenn wir nicht sagen können,
-woher eine Dyscrasie kommt, deren Wesen wir überhaupt nicht kennen. Auch
-schliesst die Erkenntniss der Art der Blutveränderung nicht die Einsicht
-in die Bedingungen der Dyscrasie in sich, und eben so wenig findet das
-Umgekehrte Statt. Bei der hämorrhagischen Diathese wird man es immerhin
-als einen wesentlichen Vortheil betrachten müssen, dass wir in einer
-Reihe von Fällen auf ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Organe
-hinweisen können, z. B. auf die Milz oder die Leber[41]. Es handelt sich
-jetzt zunächst darum, zu ermitteln, welchen Einfluss die Milz oder die
-Leber auf die besondere Mischung des Blutes ausüben. Wüssten wir genau,
-wie das Blut durch die Einwirkung dieser Organe verändert wird, so wäre
-es vielleicht nicht schwer, aus der Kenntniss des kranken Organs auch
-sofort abzuleiten, wie das Blut beschaffen sein wird. Aber es ist doch
-schon wesentlich, dass wir über das blosse Studium der Blutveränderungen
-hinausgekommen und auf bestimmte Organe geführt worden sind, in welchen
-die Dyscrasie wurzelt.
-
- [41] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 246.
-
-So muss man consequent schliessen, dass, wenn es eine syphilitische
-Dyscrasie gibt, in welcher das Blut eine virulente Substanz führt, diese
-Substanz nicht dauerhaft in dem Blute enthalten sein kann, sondern dass
-ihre Existenz im Blute gebunden sein muss an das Bestehen localer
-Heerde, von wo aus immer wieder neue Massen von schädlicher Substanz
-eingeführt werden in das Blut[42]. Folgt man dieser Bahn, so gelangt man
-zu dem schon erwähnten und gerade für die praktische Medicin äusserst
-wichtigen Gesichtspunkte, dass jede dauerhafte Veränderung in dem
-Zustande der circulirenden Säfte, welche nicht unmittelbar durch
-äussere, von bestimmten Atrien aus in den Körper eindringende
-Schädlichkeiten bedingt wird, von einzelnen Organen oder Geweben
-abgeleitet werden muss; es ergibt sich weiter die Thatsache, dass
-gewisse Gewebe und Organe eine grössere Bedeutung für die Blutmischung
-haben, als andere, dass einzelne eine nothwendige Beziehung zu dem Blute
-besitzen, andere nur eine zufällige.
-
- [42] Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie. 1858. XV. 217.
- Geschwülste II. 476.
-
-Ich komme also mit den Alten darin überein, dass ich eine Verunreinigung
-(=Infection=) des Blutes durch verschiedene Substanzen (=Miasmen=)
-zulasse, und dass ich einem grossen Theile dieser Substanzen
-(=Schärfen=, =Acrimonien=) eine reizende Einwirkung auf einzelne Gewebe
-zuschreibe. Ich gestehe auch zu, dass bei acuten Dyscrasien diese Stoffe
-im Blute selbst eine fortschreitende Zersetzung (=Fermentation=,
-=Zymosis=) erzeugen können, obwohl ich nicht weiss, ob dies in allen
-Fällen, die man so deutet, richtig ist. Aber sicher ist es, dass diese
-Zymosis ohne neue Zufuhr sich nicht =dauerhaft= erhält, und dass jede
-anhaltende Dyscrasie eine erneuerte Zufuhr schädlicher Stoffe in das
-Blut voraussetzt.
-
-
-
-
- Achtes Capitel.
-
- Das Blut.
-
-
- Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des Blutes
- (Dyscrasien).
-
- Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich mit Schleim und
- Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand.
-
- Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt
- bei den verschiedenen Wirbelthieren: diagnostische Schwierigkeiten.
- Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin, Hämoglobin. Stroma.
- Veränderungen der Farbe und der Gestalt. Blutkrystalle (Hämatoidin,
- Hämin, Hämatokrystallin).
-
- Farblose Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur.
- Vergleich mit Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination
- derselben. Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von
- Eiter- und farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der
- Eiterresorption und von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften
- der farblosen Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper,
- Auswanderung. Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare
- Doctrin.
-
-Wenn man die verschiedenen krankhaften Veränderungen des Blutes
-(=Dyscrasien=) in Beziehung auf Werth und Quelle ansieht, so lassen sich
-von vornherein zwei grosse Kategorien von dyscrasischen Zuständen
-unterscheiden, je nachdem nehmlich abweichende morphologische
-Bestandtheile im Blute enthalten sind, oder die Abweichung eine mehr
-chemische ist und an den flüssigen Bestandtheilen sich findet. Dabei
-versteht es sich aber wohl von selbst, dass in der Regel die
-morphologischen (anatomischen) Dyscrasien nicht ohne chemische Dyscrasie
-verlaufen und umgekehrt: unsere Methoden der Blutuntersuchung sind aber
-noch so unvollkommen, dass wir uns in der Regel an die eine oder andere
-Möglichkeit halten müssen. Ebenso ist es klar, dass die morphologischen
-Veränderungen der Blutmischung entweder durch Veränderungen der
-natürlichen Elemente (Blutkörperchen) oder durch Hinzufügung fremder,
-der Blutmischung normal nicht zukommender Theile bedingt sein können.
-
-Einer der flüssigen Stoffe des Blutes, der Faserstoff (=Fibrin=), hat
-häufig als ein morphologischer oder doch als ein fester Bestandtheil des
-Blutes gegolten, weil er vermöge seiner Gerinnbarkeit sehr bald, nachdem
-das Blut aus dem lebenden Körper entfernt ist, eine sichtbare Form
-annimmt. Diese Auffassung ist auch in der neueren Zeit noch vielfach in
-der Praxis festgehalten worden, wie sie denn traditionell in der Medicin
-seit langer Zeit bestanden hat, insofern man fibrinarmes Blut als
-=dissolutes= zu bezeichnen und die Qualität des Blutes viel weniger nach
-den Blutkörperchen, als nach dem Fibringehalt zu schätzen pflegte. Eine
-solche Trennung des Faserstoffes von den flüssigen Bestandtheilen des
-Blutes hat insofern einen wirklichen Werth, als derselbe eben so, wie
-die Blutkörperchen, eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist, so einzig
-und allein in dem Blute und den ihm zunächst stehenden Säften sich
-findet, dass man ihn in der That mehr mit den Blutkörperchen in
-Zusammenhang bringen kann, als mit dem Blutwasser (Serum). Betrachtet
-man das Blut in Beziehung auf seine eigentlich specifischen Theile,
-durch welche es Blut ist und durch welche es sich von anderen
-Flüssigkeiten unterscheidet, so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass
-auf der einen Seite die rothen, hämatinhaltigen Körperchen, auf der
-anderen Seite das Fibrin der Intercellular-Flüssigkeit (Liquor
-sanguinis, Plasma) es sind, in welchen die Unterschiede am meisten
-hervortreten.
-
-[Illustration: =Fig=. 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute. _a_
-Feine, _b_ gröbere und breitere Fibrillen; _c_ in das Gerinnsel
-eingeschlossene rothe und farblose Blutkörperchen. Vergr. 280.]
-
-Betrachten wir daher zunächst diese specifischen Bestandtheile etwas
-näher. Die morphologische Schilderung des Faserstoffes ist
-verhältnissmässig schnell gemacht. Untersuchen wir ihn, wie er im
-Blutgerinnsel vorkommt, so finden wir ihn fast immer in der Form, wie
-ihn =Malpighi= beschrieben hat und von welcher er den Namen trägt, der
-fibrillären. Die geronnene Substanz zeigt wirkliche Fasern von etwas
-zackiger Gestalt, welche sich vielfach durchsetzen und dadurch äusserst
-feine Geflechte, zarte Maschennetze bilden. Die Fasern sind in den
-einzelnen Fällen von sehr verschiedener Breite. Gewöhnlich sind sie
-sehr fein; zuweilen finden sich aber ungleich breitere, fast bandartige,
-welche viel glatter sind, sich aber im Uebrigen ziemlich auf dieselbe
-Weise durchsetzen und verschlingen. Es sind dies Eigenthümlichkeiten,
-über deren Bedeutung bis jetzt ein sicheres Urtheil noch nicht gewonnen
-ist. Ich finde solche Verschiedenheiten ziemlich häufig, bin jedoch
-nicht im Stande, die Bedingungen dafür anzugeben. Betrachtet man einen
-Blutstropfen während der Gerinnung, so sieht man überall, wie zwischen
-den Blutkörperchen feine Fibrin-Fäden anschiessen. In dem Coagulum
-finden sich daher die morphologischen Elemente in den Maschenräumen des
-entstandenen Netzwerkes (Fig. 59, _c_), rings umschlossen und zuweilen
-nicht wenig verdrückt durch die Fasern desselben.
-
-In Beziehung auf die Natur dieser Fasern können wir hervorheben, dass es
-histologisch nur noch zweierlei Arten von Fasern gibt, welche mit ihnen
-eine nähere Aehnlichkeit darbieten[43]. Die eine Art kommt in einer
-Substanz vor, welche sonderbarer Weise eine gewisse Verbindung zwischen
-den ältesten kraseologischen Vorstellungen und den modernen bildet,
-nehmlich im Schleim (S. 65). In der hippokratischen Medicin fällt der
-Blutfaserstoff noch unter den Begriff des =Phlegma= (=Mucus=), und die
-antike Lehre von dem phlegmatischen Temperament würde in moderner Formel
-ganz wohl als fibrinöse Krase übersetzt werden können. In der That, wenn
-wir den Schleim mit dem Faserstoff vergleichen, so müssen wir
-zugestehen, dass eine grosse formelle Uebereinstimmung in ihrer
-Gerinnung besteht. Wie das Fibrin, bildet auch der Schleim, zumal bei
-Zusatz von Wasser oder organischen Säuren, Fasern und Häute, welche
-unter einander zu oft sehr sonderbaren Figuren zusammentreten. Dass auch
-in der Absonderung von Schleim und Faserstoff gewisse Beziehungen
-bestehen, werden wir später darlegen. -- Die andere Substanz, welche
-hierher gehört, ist die Intercellularsubstauz des Bindegewebes, der
-leimgebende Stoff, das Collagen (Gluten der Früheren), und es ist gewiss
-interessant, sich daran zu erinnern, dass noch im vorigen Jahrhundert,
-ja hier und da noch in dem gegenwärtigen, die Speckhaut des Blutes als
-Gluten bezeichnet wurde. Die Fibrillen des Bindegewebes verhalten sich
-nur insofern anders, als die des Faserstoffes, als sie in der Regel
-nicht netzförmig, sondern parallel verlaufen; im Uebrigen sind sie den
-Fibrin-Fasern in hohem Maasse ähnlich. Die Intercellularsubstanz des
-Bindegewebes stimmt auch darin mit dem Faserstoff überein, dass ihr
-Verhalten gegen Reagentien sehr analog ist. Wenn wir diluirte Säuren,
-namentlich die gewöhnlichen Pflanzensäuren oder auch schwache
-Mineralsäuren darauf einwirken lassen, so quellen sie auf und unter den
-Augen verschwinden die Fasern, so dass wir nicht mehr sagen können, wo
-sie bleiben. Die Masse schwillt auf, es verschwindet jeder Zwischenraum,
-und es sieht aus, als ob die ganze Masse ein continuirliches, vollkommen
-homogenes Gewebsstück bildete. Waschen wir dasselbe langsam aus,
-entfernen wir die Säure wieder, so lässt sich, wenn die Einwirkung keine
-zu concentrirte war, wieder der faserige Zustand herstellen. Es ist dies
-Verhalten bis jetzt noch unerklärt, und gerade deshalb hatte die Ansicht
-=Reichert='s, welche ich früher (S. 41, 141) erwähnte, etwas
-Bestechendes, dass die Substanz des Bindegewebes eigentlich homogen und
-die Fasern nur eine künstliche Bildung oder eine optische Täuschung
-seien, indessen isoliren sich beim Faserstoff noch viel deutlicher als
-beim Bindegewebe die einzelnen Fibrillen so vollständig, dass ich nicht
-umhin kann, zu sagen, dass ich die Trennung in einzelne Fäserchen für
-wirklich bestehend und nicht bloss für künstlich und eben so wenig für
-eine Täuschung des Beobachters halte.
-
- [43] Gesammelte Abhandl. S. 137.
-
-Eine fernere Uebereinstimmung ist die, dass sowohl beim Fibrin, als beim
-Bindegewebe jedesmal vor dem Stadium des Fibrillären ein Stadium des
-Homogenen oder Gallertigen liegt. Betrachtet man die Gerinnung
-fibrinöser Flüssigkeiten, so sieht man nicht etwa von vornherein Fasern
-entstehen, sondern die ganze Flüssigkeit »gesteht« zuerst zu einer ganz
-gleichmässigen Masse, welche zuweilen so fest ist, dass man sie in einem
-Stücke aufheben kann. Erst aus dieser homogenen Gallerte scheiden sich
-die Fasern aus, mit deren Bildung die Zusammenziehung des Gerinnsels,
-die eigentliche Coagulation auftritt[44]. In ähnlicher Weise erscheint
-auch die Intercellularsubstanz des Bindegewebes zuerst bei ihrer Bildung
-als homogene Intercellularsubstanz (Schleim); erst nach und nach sieht
-man sich Fibrillen, wenn ich mich so ausdrücken darf, ausscheiden oder,
-wie man gewöhnlich sagt, differenziren. Die Bildung der Fasern, die
-=Fibrillation= lässt sich daher recht wohl mit der Krystallisation
-vergleichen, und in der That gibt es auch unter den anorganischen
-Stoffen gewisse Analogien. Manche Niederschläge von Kalksalzen oder
-Kieselsäure sind ursprünglich vollkommen gelatinös und amorph; nach und
-nach scheiden sich aus ihnen solide Körner und Krystalle aus.
-
- [44] =Froriep='s Neue Notizen 1845. Sept. No. 769. Gesammelte
- Abhandlungen. S. 59, 65.
-
-Man kann also immerhin den Namen der Fibrillen für die gewöhnliche
-Erscheinungsform des Faserstoffes beibehalten, aber man muss sich dabei
-erinnern, dass diese Substanz ursprünglich in einem homogenen, amorphen,
-gallertartigen Zustande existirte, und wieder in denselben übergeführt
-werden kann. Diese Ueberführung geschieht nicht nur künstlich, sondern
-sie macht sich auch auf natürlichem Wege im Körper selbst, so dass an
-Stellen, wo vorher Fibrillen vorhanden waren, später der Faserstoff
-wieder homogen angetroffen wird. Die Coagula der Aneurysmen, manche
-Thromben der Venen werden allmählich in homogene, knorpelartig dichte
-Massen verwandelt. --
-
-[Illustration: =Fig=. 60. Kernhaltige Blutkörperchen von einem
-menschlichen, sechs Wochen alten Fötus. _a_ Verschieden grosse, homogene
-Zellen mit einfachen, relativ grossen Kernen, von denen einzelne leicht
-granulirt, die meisten mehr gleichmässig sind, bei * ein farbloses
-Körperchen. _b_ Zellen mit äusserst kleinen, aber scharfen Kernen und
-deutlich rothem Inhalte. _c_ Nach Behandlung mit Essigsäure sieht man
-die Kerne zum Theil geschrumpft und zackig, bei mehreren doppelt; bei *
-ein granulirtes Körperchen. Vergr. 280.]
-
- * * * * *
-
-Was nun den zweiten specifischen Antheil des Blutes betrifft, die
-=Blutkörperchen=, so habe ich schon hervorgehoben (S. 12), dass
-gegenwärtig ziemlich alle Histologen darüber einig sind, dass die
-farbigen Blutkörperchen des Menschen und der Säugethiere im erwachsenen
-Zustande keine Kerne besitzen. Ihre zellige Natur könnte daher in
-Zweifel gezogen werden, wenn wir nicht wüssten, dass sie zu gewissen
-Zeiten der embryonalen Entwickelung (Fig. 60) je einen Kern besitzen.
-Mehrere neuere Beobachter, namentlich =Brücke=, leugnen jedoch auch die
-Existenz einer Membran an ihnen, so dass man versucht ist, auf jene
-ältere Bezeichnung der Blutkörner zurückzukommen, welche auch auf
-blosse Concretionen chemischer oder mechanischer Art anwendbar ist.
-Indess erscheint im Bewusstsein der heutigen Zeit, wie wir sahen (S.
-16), die Membranlosigkeit an sich als kein Grund, die zellige Natur
-eines organischen Elements in Abrede zu stellen, und da in den früheren
-Monaten des Embryolebens die rothen Blutkörperchen nicht nur genetisch
-aus unzweifelhaften Bildungszellen durch fortschreitende Umbildung
-hervorgehen, sondern auch unter Umständen eben solche Membranen zeigen
-(Fig. 60, _a_ u. _c_), wie sie an anderen Zellen nachweisbar sind, so
-wird man unbedenklich aussagen können, dass die rothen Blutkörperchen
-des Menschen sowohl in der späteren Zeit der fötalen Entwickelung, als
-namentlich in der Zeit nach der Geburt einfache kernlose Zellen sind.
-
-[Illustration: =Fig=. 61. Menschliche Blutkörperchen vom Erwachsenen.
-_a_ das gewöhnliche, scheibenförmige rothe, _b_ das farblose
-Blutkörperchen, _c_ rothe Körperchen, von der Seite und auf dem Rande
-stehend gesehen. _d_ rothe Körperchen in Geldrollenform
-zusammengeordnet. _e_ zackige, durch Wasserverlust (Exosmose)
-geschrumpfte rothe Körper. _f_ geschrumpfte rothe Körper mit hügeligem
-Rand und einer kernartigen Erhebung auf der Fläche der Scheibe. _g_ noch
-dichtere Schrumpfung. _h_ höchster Grad der Schrumpfung (melanöse
-Körperchen). Vergr. 280.]
-
-Ganz abweichend von allen anderen Zellen ist die Gestalt derselben beim
-Menschen und den Säugethieren. Sie stellen nehmlich platte, scheiben-
-oder tellerförmige Bildungen mit zweiseitiger centraler Depression dar.
-Der dickere Rand erscheint daher als ein dunkler gefärbter Ring, die
-dünnere Mitte als eine ganz schwach gefärbte Fläche. Bei Vögeln,
-Amphibien und Fischen, bei welchen sich der kernhaltige Zustand während
-des ganzen Lebens erhält, findet sich zugleich eine ovale Gestalt, die
-übrigens merkwürdigerweise auch bei dem Lama und Kameel vorkommt. Der
-allerniederste Fisch, der Amphioxus, hat überhaupt keine Blutkörperchen
-und beim Leptocephalus bleiben sie ungefärbt. Bei keinem anderen Gewebe
-sind die Verschiedenheiten der Elemente bei verschiedenen Thieren so
-gross, wie gerade bei den rothen Blutkörperchen, und man sollte daher
-ungemein vorsichtig sein, aus Erfahrungen, welche nur für die
-Blutkörperchen einer Gattung Gültigkeit haben, allgemeine Formeln
-abzuleiten. Andererseits sind nur ausnahmsweise die Blutkörperchen einer
-Gattung mit so charakteristischen Eigenthümlichkeiten ausgestattet,
-dass man daraus diagnostische Unterschiede abzuleiten vermöchte.
-Namentlich vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus wäre es im höchsten
-Grade erwünscht, wenn ein sicheres Merkmal nachgewiesen würde, wodurch
-die Blutkörperchen des Menschen von denen der Säugethiere unterschieden
-werden könnten. Allein alle Versuche, ein solches zu finden, sind bis
-jetzt fruchtlos gewesen. Das einzige, an sich nicht einmal
-durchgreifende Merkmal, dass die Blutkörperchen des Menschen etwas
-grösser sind, als die der meisten Säugethiere, ist in der Regel nicht
-verwerthbar, da man es in forensischen Fällen meist mit altem und häufig
-sogar mit getrocknetem Blute zu thun hat.
-
-Der eigentliche Zellkörper der rothen Blutkörperchen besteht aus einer
-ziemlich zähen Masse, an welcher die Farbe haftet. Letztere erscheint
-unter dem Mikroskope bei den einzelnen Körperchen als eine mehr
-gelbliche, sogar leicht ins Grünliche spielende. Gewöhnlich bezeichnet
-man in der Kürze die gefärbte Substanz als =Hämatin=, Blutfarbstoff.
-Allein der rothe Zellkörper ist keine einfache chemische Substanz, und
-das, was man Hämatin nennt, bildet eben nur einen Theil davon; einen wie
-grossen Theil, lässt sich bis jetzt noch gar nicht ermitteln. Was sonst
-noch innerhalb des Blutkörperchens enthalten ist, das gehört wesentlich
-der chemischen Untersuchung an, und diese ergiebt in den verschiedenen
-Wirbelthierklassen und Gattungen ebenso gut chemische, wie
-morphologische Verschiedenheiten. Beim Menschen nahm man früher neben
-dem Hämatin gewöhnlich noch eine besondere Substanz, das Globulin an;
-gegenwärtig betrachtet man als die Hauptmasse des rothen Zellkörpers das
-=Hämoglobin=, aus welchem erst durch Zersetzung das Hämatin selbst und
-verschiedene andere, namentlich eiweissartige Stoffe entstehen. Dieses
-Hämoglobin ist nach der Annahme =Rollett='s in einem schwammigen
-=Stroma= enthalten, welches möglicherweise noch wieder aus verschiedenen
-stickstoffhaltigen Stoffen besteht. Man beobachtet dasselbe an
-gefrorenem Blute, bei welchem das Hämoglobin die Blutkörperchen verlässt
-und an das Serum tritt. Ob wirkliches Protoplasma und damit eine wahre
-Contraktilität an den rothen Körperchen vorhanden ist, lässt sich nach
-den heutigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit aussagen.
-
-Was wir direkt beobachten können, sind gewisse =Veränderungen der Farbe
-und Gestalt=, welche durch äussere Agentien hervorgerufen werden. Da
-das Hämoglobin Sauerstoff, Kohlenoxyd und Stickoxyd absorbirt,
-wahrscheinlich auch Kohlensäure aufnimmt, so ist es leicht begreiflich,
-dass dadurch die Farbe der Blutkörperchen und damit die des Blutes im
-Ganzen geändert wird. Noch viel auffälliger ist die Farbenveränderung
-durch stärkere chemische Körper, namentlich die intensiv grüne durch
-Schwefelwasserstoff und die schwärzliche oder bräunliche (atrabiläre)
-durch organische und mineralische Säuren und Alkalien. Manche dieser
-Farbenveränderungen erfolgen ohne erhebliche Gestaltveränderungen;
-andere, wie die der stärkeren chemischen Körper, unter schneller
-Zerstörung der Blutkörperchen. Dabei ist es jedoch, namentlich auch für
-forensische Untersuchungen, von grosser Wichtigkeit, dass gerade
-kaustische Alkalien (Natron, Kali), =concentrirt= angewendet, die
-Blutkörperchen erhalten, während, diluirt angewendet, sie dieselben
-schnell zerstören. -- Die meisten Gestaltveränderungen erfolgen unter
-der Einwirkung von chemischen Lösungen, welche den Blutkörperchen Wasser
-entziehen; in Folge davon schrumpfen sie und erleiden sie eigenthümliche
-Gestaltsveränderungen, die sehr leicht Irrthümer herbeiführen können.
-Dies sind nicht unwichtige Verhältnisse, auf die ich deshalb noch mit
-ein paar Worten eingehen will.
-
-Wenn ein rothes Blutkörperchen dadurch einem Wasserverluste ausgesetzt
-ist, dass eine stärker concentrirte Flüssigkeit auf dasselbe einwirkt,
-so bemerkt man zuerst, dass in dem Maasse, als Flüssigkeit exosmotisch
-austritt, an der Oberfläche des Körperchens kleine Hervorragungen
-entstehen, welche anfangs sehr zerstreut liegen, sich bald an dem Rande,
-bald auf der Fläche finden und im letzteren Falle zuweilen täuschend
-einem Kerne ähnlich sehen (Fig. 61, _e_, _f_). Dies ist die Quelle für die
-irrthümliche Annahme von Kernen, welche man so viel beschrieben hat.
-Beobachtet man ein Blutkörperchen unter Einwirkung concentrirter Medien
-längere Zeit, so treten immer mehr Höcker hervor und das Körperchen wird
-in seinem Flächendurchmesser kleiner. Dabei bilden sich immer deutlicher
-kleine Falten und Höcker an der Oberfläche: das Körperchen wird zackig,
-sternförmig, eckig (Fig. 61, _g_). Solche zackigen Körper sieht man
-jeden Augenblick, wenn man Blut untersucht, welches eine Zeit lang an
-der Luft gewesen ist. Denn schon die blosse Verdunstung erzeugt diese
-Veränderung. Sehr schnell können wir sie hervorbringen, wenn wir die
-Mischung des Serums durch Zusatz von Salz oder Zucker ändern. Dauert die
-Wasser-Entziehung fort, so verkleinert sich das Körperchen noch mehr;
-endlich wird es wieder rund und glatt (Fig. 61, _h_), vollkommen
-sphärisch, und zugleich erscheint seine Farbe viel saturirter; der
-Inhalt sieht ganz dunkel schwarzroth aus. Es lässt sich daraus eine
-nicht uninteressante Thatsache erschliessen, nehmlich die, dass die
-Exosmose wesentlich eine Wasser-Entziehung ist, wobei vielleicht dieser
-oder jener andere Stoff, z. B. Salz, mit austritt, wobei aber die
-wesentlichen Bestandtheile zurückbleiben können. Das Hämoglobin
-insbesondere folgt dem Wasser nicht; das Blutkörperchen hält dasselbe
-zurück, so dass in dem Maasse, als viel Flüssigkeit verloren geht,
-natürlich das Hämoglobin im Innern dichter werden muss.
-
-Umgekehrt verhält es sich, wenn wir diluirte Flüssigkeiten anwenden. Je
-mehr die Flüssigkeit verdünnt wird, um so mehr vergrössert sich das
-Blutkörperchen: es quillt auf und wird blasser. Behandeln wir die unter
-der Einwirkung concentrirter Flüssigkeiten verkleinerten Blutkörperchen
-mit gewöhnlichem Wasser, so sehen wir, wie die kuglige Form wieder in
-die eckige und diese in die scheibenförmige zurückgeht, wie das
-Blutkörperchen sich sodann immer mehr wölbt, sich oft ganz sonderbar
-gestaltet, und wieder blasser wird. Diese Einwirkung kann man, wenn man
-die Verdünnung des Blutes recht vorsichtig eintreten lässt, so weit
-treiben, dass die Blutkörperchen kaum noch gefärbt erscheinen, während
-sie doch noch sichtbar bleiben. In den gewöhnlichen Fällen, wo man viel
-Flüssigkeit auf einmal zusetzt, wird in der Einrichtung des
-Blutkörperchens eine so grosse Revolution hervorgebracht, dass alsbald
-ein Entweichen des Hämoglobins aus dem Körperchen stattfindet. Wir
-bekommen dann ausserhalb der Blutkörperchen eine rothe Lösung, in
-welcher die Farbe frei an der Flüssigkeit haftet. Ich hebe diese
-Eigenthümlichkeit deshalb hervor, weil sie bei mikroskopischen
-Untersuchungen immerfort vorkommt, und weil sie eine der merkwürdigsten
-Erscheinungen bei der Bildung pathologischer Pigmentirungen erklärt, wo
-wir ein ganz ähnliches Entweichen des gefärbten Inhaltes aus den
-Blutkörperchen antreffen (Fig. 63, _a_). Gewöhnlich drückt man sich so
-aus, das Blutkörperchen werde aufgelöst, allein es ist eine schon längst
-bekannte Thatsache, welche zuerst von =Carl Heinrich Schultz= erkannt
-wurde, dass, wenn auch scheinbar gar keine Blutkörperchen mehr in der
-Flüssigkeit vorhanden sind, man durch Zufügen von Jodwasser die
-Membranen wieder deutlich machen kann. Aus dieser Erfahrung geht hervor,
-dass nur der Grad der Aufblähung und die ausserordentliche Verdünnung
-der Häute das Sichtbarwerden der Blutkörperchen gehindert hat. Es bedarf
-schon sehr stürmischer Einwirkungen durch chemisch differente Stoffe, um
-ein wirkliches Zugrundegehen der Blutkörperchen zu Stande zu bringen.
-Setzt man unmittelbar, nachdem man die Blutkörperchen mit ganz
-concentrirter Salzlösung behandelt hat, Wasser in grosser Menge hinzu,
-so kann man es dahin bringen, dass man den Blutkörperchen, ohne dass sie
-aufquellen, den Inhalt entzieht, und dass die Membranen oder die
-Stromata sichtbar zurückbleiben. Dies ist der Grund gewesen, weshalb
-=Denis= und =Lecanu= davon gesprochen haben, dass die Blutkörper Fibrin
-enthielten; sie haben geglaubt, indem sie die Körper erst mit Salz und
-dann mit Wasser behandelten, Fibrin aus ihnen darstellen zu können.
-Dieses sogenannte Fibrin ist aber, wie ich gezeigt habe[45], nichts
-Anderes, als eine Zusammenhäufung von Membranen oder, wie man jetzt
-sagen würde, von Stromata der Blutkörperchen, aber allerdings bestehen
-dieselben aus einer Substanz, die den eiweissartigen Stoffen verwandt
-ist und daher, wenn sie in grossen Haufen gewonnen wird, Erscheinungen
-darbieten kann, die an Fibrin erinnern. Ob im Uebrigen die rothen
-Blutkörperchen, wie neuerlich wieder =Heynsius= gefunden zu haben
-glaubt, wirkliches coagulables Fibrin enthalten, ist eine andere Frage,
-da sie sich nicht an die Rückstände zersetzter Blutkörperchen anknüpft.
-
- [45] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. Bd. IV. S. 281.
- Gesammelte Abhandl. S. 88.
-
-Was nun die Inhaltssubstanzen der Blutkörperchen anbetrifft, so haben
-gerade sie in der neueren Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen durch die
-mehr morphologischen Produkte, welche aus ihnen hervorgehen, und welche
-in die ganze Anschauung von der Natur der organischen Stoffe eine Art
-von Umwälzung gebracht haben. Es handelt sich hier namentlich um
-eigenthümliche gefärbte Krystalle, die unter gewissen Verhältnissen aus
-dem Blutfarbstoffe entstehen, und durch deren Beobachtung zuerst die
-Ansicht von der Nichtkrystallisirbarkeit der eiweissartigen Stoffe
-widerlegt worden ist. Sie besitzen übrigens nicht bloss ein grosses
-chemisches, sondern auch ein sehr erhebliches praktisches Interesse. Wir
-kennen bis jetzt schon drei verschiedene Arten von gefärbten
-=Krystallen=, für welche das Hämoglobin gemeinschaftliche Quelle ist.
-
-[Illustration: =Fig=. 62. Hämatoidin-Krystalle in verschiedenen Formen
-(Archiv f. path. Anat. Bd. I. Taf. III. Fig. 11). Vergr. 300.]
-
-Der ersten Form, welche ich zuerst genauer kennen lehrte, habe ich den
-Namen =Hämatoidin= gegeben[46]. Es ist dies eins der häufigsten
-Umwandlungs-Produkte, welches innerhalb des Körpers spontan aus Hämatin
-entsteht, und zwar oft so massenhaft, dass man es mit blossem Auge
-wahrnehmen kann. Seine Krystalle erscheinen in ihrer ausgebildeten Form
-als schiefe rhombische Säulen von schön gelbrother, bei dickeren Stücken
-von intensiv rubinrother Farbe; sie stellen eine der schönsten
-Krystallformen dar, die wir überhaupt kennen. Auch in kleinen Tafeln
-finden sie sich nicht selten, manchmal ziemlich ähnlich den Formen der
-Harnsäure. In der Mehrzahl der Fälle sind die Krystalle sehr klein,
-nicht bloss makroskopisch unerkennbar, sondern selbst für die
-mikroskopische Betrachtung etwas difficil. Man muss ein scharfer
-Beobachter oder speciell darauf vorbereitet sein, sonst bemerkt man
-häufig nichts weiter an den Stellen, wo dieses feine Hämatoidin liegt,
-als eckige Körner oder kleine Striche oder scheinbar gestaltlose
-Klümpchen. Erst wenn man genauer zusieht, lösen sich die Körner oder
-Striche in kurze rhombische Säulen, die Klümpchen in Aggregate von
-Krystallen auf.
-
- [46] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1847. I. 391.
-
-Das Hämatoidin kann als das regelmässige typische Endglied der
-Umbildungen des Hämatins an Stellen des Körpers betrachtet werden, wo
-grössere Mengen von Blut liegen bleiben (stagniren). Ein apoplectischer
-Heerd des Gehirns heilt in der Regel so, dass ein grosser Theil des
-Blutes in diese Krystallisation übergeht, und wenn wir vielleicht 10
-Jahre nachher bei der Autopsie eine gefärbte Narbe an dieser Stelle
-finden, so können wir fast mit Gewissheit darauf rechnen, dass die Farbe
-von Hämatoidin abhängt. Wenn eine junge Dame menstruirt und die Höhle
-des Graafschen Follikels, aus welchem das Ei ausgetreten ist, sich mit
-coagulirtem Blute füllt, so geht das Hämatin allmählich in Hämatoidin
-über, und wir treffen später an der Stelle, wo das Ei gelegen war, einen
-mennig- oder zinnoberfarbenen Fleck, als letztes Denkmal des
-Ereignisses. Auf diese Weise können wir rückwärts die Zahl der
-apoplectischen Anfälle zählen, oder berechnen, wie oft ein junges
-Mädchen menstruirt war. Jede Extravasation kann ihr kleines Contingent
-von Hämatoidin-Krystallen zurücklassen, und diese, wenn sie einmal
-gebildet sind, bleiben als vollständig widerstandsfähige, compacte
-Körper im Innern der Organe beliebig lange Zeit liegen.
-
-[Illustration: =Fig=. 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des
-Gehirns (Archiv Bd. I. S. 401. 454. Taf. III. Fig. 7). _a_ in der
-Entfärbung begriffene, körnig gewordene Blutkörperchen. _b_ Zellen der
-Neuroglia, zum Theil mit körnigem und krystallinischem Pigment versehen.
-_c_ Pigmentkörner. _d_ Hämatoidin-Krystalle. _f_ verödetes Gefäss, sein
-altes Lumen mit körnigem und krystallinischem rothen Pigment erfüllt.
-Vergr. 300.]
-
-Theoretisch besitzt das Hämatoidin noch ein besonderes Interesse
-dadurch, dass es eine Reihe von Eigenschaften darbietet, welche es als
-den einzigen, bis jetzt bekannten, mit dem Gallenfarbstoffe
-(Cholepyrrhin, Bilirubin) verwandten Stoff im Körper erscheinen lassen.
-Durch direkte Behandlung mit Mineralsäuren oder nach vorherigem
-Behandeln und Aufschliessen desselben vermittelst Alkalien
-bekommt man dieselbe oder eine ganz ähnliche Reihe der schönsten
-Farben-Veränderungen, wie man sie durch Behandlung mit Salpetersäure an
-dem Gallenfarbstoff erzielt. Andererseits lässt sich durch Chloroform
-aus der Galle ein krystallisirbarer Farbstoff extrahiren, welcher die
-grösste Uebereinstimmung mit dem Hämatoidin darbietet. Man kann daher
-nicht zweifeln, dass das letztere mit Gallenfarbstoff sehr nahe verwandt
-ist. Da man auch aus anderen Gründen vermuthen muss, dass die gefärbten
-Theile der Galle Umsetzungsprodukte des Blutroths sind, so ist mit dem
-von mir nachgewiesenen pathologischen Vorgange zugleich eine wichtige
-Aufklärung für einen der bedeutendsten Secretionsvorgänge des Körpers
-geliefert, und manche dunkle Beobachtung der Vorzeit in ein neues Licht
-gestellt. Wenn im Innern von Extravasaten eine gelblich-rothe Substanz
-entsteht, welche man wirklich als eine neugebildete Art von
-Gallenfarbstoff bezeichnen kann, so versteht man leicht jene sonderbaren
-Farbenhöfe um gequetschte und ekchymotische Stellen, jene
-eigenthümlichen gelblichen und bräunlichen Färbungen alter Blutmassen,
-welche den Grund zu der antiken Lehre von der =Atra bilis= und den
-=melancholischen= Processen abgegeben haben.
-
-[Illustration: =Fig=. 64. Hämin-Krystalle, künstlich aus menschlichem
-Blute dargestellt. Vergr. 300.]
-
-Die zweite Art von Krystallen, welche aus Hämoglobin hervorgehen, wurde
-später entdeckt; sie sind denen des Hämatoidins sehr ähnlich,
-unterscheiden sich aber dadurch, dass sie nicht als spontanes Produkt im
-Körper vorkommen, sondern künstlich dargestellt werden müssen. Sie haben
-eine mehr dunkel bräunliche Farbe, stellen gewöhnlich platte rhombische
-Tafeln mit spitzeren Winkeln dar, sind gegen Reagentien ausserordentlich
-widerstandsfähig und zeigen bei der Einwirkung der Mineralsäuren den
-eigenthümlichen Farbenwechsel nicht, welcher das Hämatoidin
-charakterisirt. Sie haben von ihrem Entdecker, =Teichmann=, den Namen
-des =Hämin='s bekommen, doch ist er in der neuesten Zeit selbst darüber
-zweifelhaft geworden, ob es nicht eine Art von Hämatin selbst
-(salzsaures Hämatin) sei. Pathologisch hat das Hämin bis jetzt gar kein
-Interesse, dagegen hat es eine sehr grosse Bedeutung gewonnen für die
-gerichtliche Medicin dadurch, dass die Herstellung seiner Krystalle in
-der letzten Zeit als eines der sichersten Mittel für die Erkennung von
-Blutflecken angewendet worden ist. Ich selbst bin in forensischen Fällen
-in der Lage gewesen, solche Proben mit sehr entscheidendem Erfolge zu
-machen. Zu diesem Zwecke mengt man am besten getrocknetes Blut in
-möglichst dichtem Zustande mit trockenem, krystallisirtem und
-gepulvertem Kochsalz, bringt dann auf diese trockene Mischung Eisessig
-(Acetum glaciale) und dampft bei Kochhitze ab. Ist dies geschehen, so
-findet man da, wo vorher die Blutreste oder die zweifelhafte
-hämatinhaltige Substanz waren, die Häminkrystalle. Es ist dies eine
-Reaction, die mit zu den sichersten und zuverlässigsten gehört, die wir
-überhaupt kennen. Denn es ist keine andere Substanz bekannt, welche eine
-solche Umbildung erleidet, als das Hämatin. Diese Probe ist ferner
-deshalb ausserordentlich wichtig, weil sie auch auf ganz minimale Mengen
-anwendbar ist; nur darf die Menge nicht über eine zu grosse Fläche
-verbreitet sein. Die Probe würde also nur schwer anwendbar sein, wenn es
-sich um ein Tuch handelte, welches in eine dünne, wässerige, mit Blut
-gefärbte Flüssigkeit getaucht war. Aber ich habe an dem Rocke eines
-Ermordeten, an dessen Aermel Blut gespritzt war, und wo einzelne
-Blutstropfen nur eine Linie im Durchmesser hatten, aus solchen Flecken
-noch zahllose Häminkrystalle darstellen können, natürlich
-mikroskopische[47]. In Fällen, wo die gewöhnliche chemische Probe wegen
-der geringen Menge absolut fehlschlagen müsste, sind wir noch im Stande,
-Hämin zu gewinnen. Bei so wenig Masse ist die Grösse der Krystalle
-freilich auch nur sehr geringfügig; wir finden dann, wie beim
-Hämatoidin, kleine, mit spitzen Winkeln versehene, intensiv braun
-gefärbte Nadeln.
-
- [47] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1857. XII. 337.
-
-Die dritte Substanz, welche in diese Reihe hineingehört, ist das früher
-sogenannte =Hämatokrystallin=, über dessen Entdeckung die Gelehrten
-streiten, weil es eben stückweis gefunden worden ist. Die erste
-Beobachtung darüber ist von =Reichert= an Extravasaten im Uterus des
-Meerschweinchens gemacht, in einem Präparate, das, wie ich denke, schon
-in Spiritus gelegen hatte. Seine Beobachtung wurde besonders dadurch
-bedeutungsvoll, dass er an diesen Krystallen nachwies, dass sie sich in
-gewisser Beziehung wie gewöhnliche eiweissartige Substanzen verhielten,
-indem sie unter der Wirkung gewisser Agentien grösser, unter der anderer
-kleiner würden, ohne dabei ihre Form zu verändern, -- eine Erscheinung,
-welche man bis dahin an Krystallen noch nicht kannte. Später sind diese
-Krystalle wieder entdeckt worden von =Kölliker=; =Funke=, =Kunde= und
-namentlich =Lehmann= haben sie genauer untersucht. Es hat sich
-herausgestellt, dass bei verschiedenen Thierklassen dieselben sehr
-verschieden sind, indessen hat sich bis jetzt ein bestimmter Grund dafür
-und eine Ansicht über die Constanz ihrer Zusammensetzung nicht gewinnen
-lassen. Beim Menschen sind es ziemlich grosse Krystalle. Man hat anfangs
-geglaubt, sie kämen nur an dem Blute gewisser Organe, namentlich der
-Milz, vor, allein es hat sich ergeben, dass sie aus jedem Blute, nur in
-gewissen Krankheits-Prozessen leichter, gewonnen werden können. In
-einzelnen sehr seltenen Fällen kommt es vor, dass man sie im Blut von
-Thier-Leichen schon gebildet findet. Diese Krystalle sind sehr leicht
-zerstörbar; sowohl wenn sie eintrocknen, als wenn sie feucht oder durch
-irgend ein flüssiges Medium berührt werden, gehen sie zu Grunde; man
-beobachtet sie daher nur in gewissen Uebergangsstadien, welche gerade
-getroffen werden müssen, bei der Zerstörung von Blutkörperchen. Die gut
-ausgebildeten Formen beim Menschen bilden vollkommen rechtwinklige
-Tafeln oder Säulen; aber sehr oft sind sie äusserst klein und man sieht
-nur einfache Spiesse, welche in grossen Massen an gewissen Stellen in
-das Object hineinschiessen. Dabei haben sie die Eigenthümlichkeit, dass
-sie sich immer noch verhalten, wie das Hämatin selbst, indem sie durch
-Sauerstoff hellroth, durch Kohlensäure dunkelroth werden. Lange stritt
-man darüber, ob die ganze Masse der Krystalle aus Farbstoff bestehe,
-oder ob der Farbstoff nur eine Tränkung an sich farbloser Krystalle
-bilde; gegenwärtig ist man darin übereingekommen, das Hämatokrystallin
-als identisch mit dem Hämoglobin anzuerkennen. Es versteht sich demnach
-für die Beurtheilung der Krystalle von selbst, dass die Farbe durchaus
-charakteristisch ist, und dass sie mit der gewöhnlichen Blutfarbe
-unmittelbar zusammenfällt.
-
-[Illustration: =Fig=. 65. Farblose Blutkörperchen aus einer Vena
-arachnoidealis eines Geisteskranken. _A_. Frisch, _a_ in ihrer
-natürlichen Flüssigkeit, _b_ in Wasser untersucht. _B_. Nach Behandlung
-mit Essigsäure: _a_-_c_ einkernige, mit immer grösserem, granulirtem und
-schliesslich nucleolirtem Kern. _d_ einfache Kerntheilung. _e_ weitere
-Kerntheilung. _f_-_h_ Dreitheilung des Kerns in allmähligem Fortschreiten.
-_i_-_k_ vier und mehr Kerne. Vergr. 280.]
-
-Kehren wir jetzt zu den natürlichen morphologischen Elementen des
-Blutes zurück, so treffen wir als ferneren Bestandtheil die =farblosen
-Körperchen= [Lymphkörperchen des Blutes, Leukocyten =Robin='s][48]. Sie
-kommen im Blute des gesunden Menschen in verhältnissmässig kleiner Zahl
-vor. Man rechnet ungefähr auf 300 rothe Körperchen 1 farbloses. Wie sie
-sich gewöhnlich im Blute finden, stellen sie sphärische Körperchen dar,
-welche in der Regel etwas grösser, zuweilen etwas kleiner oder auch eben
-so gross, wie die rothen Blutkörperchen sind, von denen sie sich aber
-auffallend durch den Mangel jeder Färbung und durch ihre vollkommen
-kugelige Gestalt unterscheiden. In einem Blutstropfen, der zur Ruhe
-gelangt, pflegen sich die rothen Körperchen in Reihen von der bekannten
-Form der Geldrollen, mit ihren flachen Scheiben an einander,
-zusammenzulegen (Fig. 61, _d_); in den Zwischenräumen derselben bemerkt
-man hier und da ein blasses sphärisches Gebilde, an dem man zunächst,
-wenn das Blut ganz frisch ist, nichts weiter erkennen kann, als eine
-leicht höckerig oder uneben aussehende Oberfläche. Lässt man Wasser
-hinzutreten, so sieht man, dass das Körperchen aufquillt; in dem Maasse,
-als es mehr Wasser aufnimmt, erscheint zuerst deutlich eine Membran,
-dann sieht man einen allmählich klarer hervortretenden körnigen Inhalt
-und zuletzt einen oder mehrere Kerne. Die scheinbar homogene Kugel
-verwandelt sich auf diese Art nach und nach in ein zartwandiges, oft so
-brüchiges Gebilde, dass bei unvorsichtiger Einwirkung des Wassers die
-äusseren Theile anfangen zu zerfallen oder geradezu bersten und im
-Innern ein leicht körniger Inhalt erkennbar wird, welcher sich mehr und
-mehr lockert und innerhalb dessen ein einziger, gewöhnlich in der
-Theilung begriffener oder mehrere Kerne erscheinen. Das Sichtbarwerden
-der letzteren ist viel schneller zu erlangen, wenn man das Object mit
-Essigsäure behandelt, welche die Membran durchscheinend macht, den
-trüben Inhalt klärt und den Kern gerinnen und schrumpfen lässt. Die
-Kerne erscheinen dann als scharf und dunkel contourirte Körper, seltener
-einfach, meist mehrfach, je nach den Umständen. Kurz, wir bekommen in
-der Mehrzahl der Fälle auf diese Weise ein Object zu sehen, wie es
-=Güterbock= zuerst als die gewöhnliche Erscheinung der Eiterkörperchen
-kennen gelehrt hat.
-
- [48] Gesammelte Abhandlungen. S. 212.
-
-Die Frage von der Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit der farblosen
-Blutkörperchen mit den Eiterkörperchen beschäftigt noch immerfort die
-Beobachter, und die Ansichten über die Beziehung der farblosen
-Blutkörperchen zu der Pyämie und zu der Pyogenesis werden wahrscheinlich
-noch eine Reihe von Jahren gebrauchen, ehe sie so weit geklärt sind,
-dass nicht immer wieder einseitige Rückfälle eintreten. Es ist nehmlich
-allerdings sehr trügerisch, dass man in manchem Blut Körperchen findet,
-welche nur einen einzigen, und zwar grossen, nicht selten mit einem
-Kernkörperchen versehenen Kern haben, während man in anderem Blut nur
-mehrkernige Körperchen antrifft. Da nun diese letzteren die grösste
-Aehnlichkeit mit Eiterkörperchen haben, so ist es solchen Beobachtern,
-welche durch Zufall früher im normalen Blut nur einkernige Körperchen
-getroffen hatten, nicht zu verdenken, wenn sie in einem neuen Falle, wo
-sie mehrkernige sehen, glauben, sie hätten etwas wesentlich Anderes vor
-sich, nehmlich Eiterkörperchen im Blute, und es handle sich um Pyämie.
-Allein sonderbarer Weise bilden die einkernigen die Ausnahme und man
-kann lange suchen, ehe man ein Blut findet, wo alle Körperchen nur einen
-Kern besitzen. Das nebenstehende Object (Fig. 66) ist von einem Blute,
-in welchem fast lauter einkernige Elemente und zwar in überaus grosser
-Menge existirten; es fand sich bei einem Manne, welcher an den Blattern
-gestorben war, und bei welchem zugleich eine höchst auffällige acute
-Hyperplasie der Bronchialdrüsen bestand.
-
-[Illustration: =Fig=. 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser
-Leukocytose. _a_ freie oder nackte Kerne. _b_, _b_ farblose Zellen mit
-kleinen, einfachen Kernen. _c_ grössere, farblose Zellen mit grossen
-Kernen und Kernkörperchen. Vergr. 300.]
-
-Nun könnte man glauben, dass dies wesentlich verschiedene Qualitäten von
-Blut seien. Dagegen muss bemerkt werden, dass allerdings in den Fällen,
-wo die eine oder andere Art von farblosen Zellen massenhaft existirt,
-man eine pathologische Erscheinung vor sich hat, während bei geringer
-Zahl derselben nur ein früheres oder späteres Entwickelungsstadium der
-Elemente vorliegt. Denn ein und dasselbe Blutkörperchen kann im Verlaufe
-seiner Lebensgeschichte einen und mehrere Kerne haben, indem der
-einfache in ein früheres, die mehrfachen in ein späteres Lebensstadium
-fallen. Bei demselben Individuum sieht man in kurzer Zeit, oft schon in
-Stunden den Wechsel eintreten, so dass in einem Blute, welches vorher
-nur einkernige Körperchen hatte, sich später mehrkernige finden, -- ein
-Beweis von der raschen Veränderung, welcher diese Gebilde unterworfen
-sind[49]. --
-
- [49] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. No. 35.
- Gesammelte Abhandl. S. 162, sowie 650.
-
-[Illustration: =Fig=. 67. _A_. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie,
-den Endästen derselben entsprechend, bei _a_, _a_ mit grösseren Platten
-von leukocytotischen Haufen besetzt, bei _b_, _b_, _b_ mit analogen
-Körnern. Natürliche Grösse.
-
-_B_. Ein Stück eines solchen Korns oder Haufens, aus dichtgedrängten
-farblosen Blutkörperchen bestehend. Vergr. 280.]
-
-Nachdem wir so die verschiedenen festen Bestandtheile kurz gemustert
-haben, welche sich in dem geronnenen Blute finden, haben wir noch einige
-Worte hinzuzufügen in Beziehung auf die gröberen Verhältnisse, welche
-sie unter einander darbieten. Gewöhnlich nimmt man an, dass von den
-morphotischen Bestandtheilen nur zwei der groben Beobachtung mit blossem
-Auge zugänglich werden, nehmlich die rothen Blutkörperchen, als
-Hauptbestandtheil des Cruors, und das Fibrin, welches bei Gelegenheit
-eine Speckhaut bilden kann, dass dagegen die farblosen Elemente ohne
-besondere Hülfsmittel in keiner Weise wahrzunehmen seien. Dies ist eine
-Vorstellung, welche nothwendig berichtigt werden muss. Die farblosen
-Körper machen sich, wo sie in grösserer Menge vorhanden sind, für das
-geübtere Auge bei der Trennung der Blutbestandtheile, namentlich wenn
-während der Gerinnung Bewegung vorhanden ist, sehr deutlich geltend; sie
-zeigen eine Eigenthümlichkeit, die man insbesondere kennen muss, wenn es
-sich um die Kritik des Leichenbefundes handelt, und deren
-Nichtkenntniss zu grossen Irrthümern geführt hat. Sie besitzen nehmlich,
-wie dies schon in den älteren Discussionen zu Tage getreten ist, welche
-=Ascherson= mit E. H. =Weber= gehabt hat, eine besondere Klebrigkeit
-(Viscosität), so dass sie mit Leichtigkeit an einander haften, sich auch
-unter Umständen an anderen Theilen festsetzen, wo die rothen Körperchen
-diese Erscheinung nicht darbieten. Die Neigung, an anderen Theilen
-anzukleben, ist besonders dann sehr deutlich, wenn zugleich ihrer
-mehrere unter einander in die Lage kommen, gegenseitig mit einander zu
-verkleben. So geschieht es ausserordentlich leicht, dass in einem Blute,
-in welchem an sich eine Vermehrung an farblosen Körpern besteht,
-Agglutinationen derselben vor sich gehen, sobald der Druck, unter
-welchem das Blut fliesst, nachlässt; in jedem Gefässe, wo sich die
-Strömung verlangsamt, wo eine Abschwächung des Druckes stattfindet, kann
-eine solche Agglutination der Körperchen geschehen[50].
-
- [50] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1847. No. 4.
- Gesammelte Abhandl. S. 183.
-
-[Illustration: =Fig=. 68. Capillargefäss aus der Froschschwimmhaut. _r_
-der centrale Strom der rothen Körperchen. _l_, _l_, _l_ die träge,
-peripherische Schicht des Blutstromes mit den farblosen Blutkörperchen.
-Vergr. 300.]
-
-Die Klebrigkeit der farblosen Blutkörperchen hat überdies den Effect,
-dass, wie =Ascherson= dargethan hat, bei der gewöhnlichen Strömung des
-Blutes durch die Capillargefässe die farblosen Körperchen sich
-gewöhnlich etwas langsamer fortbewegen, als die rothen, und dass,
-während die rothen mehr im Centrum des Capillargefässes in einem
-continuirlichen Strome schwimmen, am Umfange ein verhältnissmässig
-grosser Raum bleibt, innerhalb dessen sich die farblosen Körperchen, und
-zwar oft so ausschliesslich, bewegen, dass =Weber= zu dem Schlusse kam,
-es stecke jedes Capillargefäss in einem Lymphgefässe, innerhalb dessen
-die farblosen Blut- oder Lymphkörperchen schwömmen. Allein es kann
-darüber gar kein Zweifel sein, dass es sich meist um einfache Kanäle
-handelt, in welchen die farblosen Körperchen den Wandungen näher liegen,
-als die rothen. Hier ist es, wo man, während die Hauptmasse der
-Körperchen sich fortbewegt, einzelne für einen Augenblick festsitzen,
-dann sich losreissen und wieder langsam fortgehen sieht, so dass der
-Name der =trägen Schicht= für diesen Theil des Blutstromes ein
-vollkommen recipirter geworden ist.
-
-Diese beiden Eigenthümlichkeiten, dass bei einer Abschwächung des
-Blutstromes die Körperchen an den Wandungen des Gefässes stellenweise
-haften bleiben, gewissermaassen an ihnen ankleben, und dass sie unter
-einander zu grösseren Klumpen sich zusammenballen, haben zusammen die
-Wirkung, dass, wenn im Blute viele farblose Körper vorhanden sind und
-der Tod, wie in den gewöhnlichen Fällen, unter einer allmählichen
-Abschwächung der Triebkraft erfolgt, in den verschiedensten Gefässen die
-farblosen Körper sich zu kleinen Haufen zusammenballen und in der Regel
-am Umfange des späteren Blutgerinnsels liegen bleiben.
-
-Ziehen wir z. B. aus der Lungenarterie den gewöhnlich sehr derben
-Blutstrang heraus, welcher ihr Anfangsstück erfüllt, so kann es sein,
-dass an seiner Oberfläche kleine Körner (Fig. 67, _A_) sitzen, Knöpfchen
-von weisser Farbe, welche aussehen, wie einzelne Eiterpunkte, oder
-welche gar zu mehreren perlschnurartig zusammenhängen. Dieses Vorkommen
-ist am häufigsten an denjenigen Orten des Gefässsystems, wo die Zahl der
-Körper an sich am grössten ist, daher insbesondere in der Strecke
-zwischen der Einmündung des Ductus thoracicus und den Lungencapillaren.
-Ziemlich leicht vermag das blosse Auge an dem Abscheiden dieser Massen
-das mehr oder weniger reichliche Vorkommen der farblosen Körperchen zu
-erkennen. Unter Umständen, wo die Zahl derselben sehr gross wird, sieht
-man auch wohl ganze Häufchen, die wie eine Scheide einzelne Abschnitte
-des Gerinnsels umlagern. Bringt man ein solches Häufchen unter das
-Mikroskop, so sieht man viele Tausende von farblosen Körpern zusammen.
-
-Erfolgt die Gerinnung des Blutes, während dasselbe in Ruhe ist, so tritt
-eine andere Erscheinung sehr deutlich hervor, wie man sie in
-Aderlass-Gefässen sehen kann. Gerinnt der Faserstoff nicht sehr schnell
-oder geradezu langsam, wie bei entzündlichem Blute, so fangen innerhalb
-der ruhenden Blutflüssigkeit die Blutkörperchen an, sich vermöge ihrer
-Schwere zu senken. Diese Sedimentirung geht bekanntlich so weit, dass,
-wenn man frisch gelassenes Blut durch Quirlen seines Faserstoffes
-beraubt (defibrinirt), oder durch Zusatz von Mittelsalzen die Gerinnung
-hindert oder wenigstens sehr verlangsamt, die Flüssigkeit nach und nach
-vollkommen klar wird, indem die Körperchen zu Boden fallen. Wenn wir ein
-an farblosen Blutkörperchen reiches Blut defibriniren und stehen lassen,
-so bildet sich ein doppeltes Sediment, ein rothes und ein weisses. Das
-rothe bildet das tiefste, das weisse das höhere Stratum; letzteres sieht
-vollständig so aus, wie wenn eine Lage von Eiter über dem Blute läge.
-Wird das Blut nicht defibrinirt, gerinnt es aber langsam, dann kommt die
-Senkung nicht vollständig zu Stande, sondern es wird nur der höchste
-Theil der Blutflüssigkeit von Körperchen frei; wenn dann späterhin der
-Faserstoff gerinnt, so zeigt sich die bekannte Crusta phlogistica, die
-=Speckhaut=, und wenn wir nach den farblosen Blutkörperchen suchen, so
-finden wir sie als eine besondere Schicht an der unteren Grenze der
-Speckhaut. Diese Besonderheit erklärt sich einfach aus dem verschiedenen
-specifischen Gewichte, welches die beiden Arten von Blutkörperchen
-haben. Die farblosen sind immer leichte, an fester Substanz arme, sehr
-zarte Gebilde, während die rothen ein relativ bleiernes Gewicht haben
-durch ihren grossen Gehalt an Hämoglobin. Sie erreichen daher
-verhältnissmässig sehr schnell den Boden, während die farblosen noch im
-Fallen begriffen sind. Wenn man zwei verschieden schwere Substanzen frei
-in der Luft herunterfallen lässt, so kommen ja auch bei genügender Höhe
-wegen des Widerstandes der Luft die leichteren Körper später am Boden
-an.
-
-[Illustration: =Fig=. 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem
-hyperinotischem Blute. _a_ das Niveau der Blutflüssigkeit; _c_ die
-becherförmige Speckhaut, _l_ die Lymphschicht (Cruor lymphaticus, Crusta
-granulosa) mit den körnigen und maulbeerartigen Anhäufungen der
-farblosen Körperchen, _r_ der rothe Cruor.]
-
-In der Regel bildet bei der Gerinnung im Aderlassblute der weisse Cruor
-nicht eine continuirliche, sondern eine unterbrochene Lage, in der
-Weise, dass an der unteren Seite der Speckhaut kleine Häufchen oder
-Knötchen haften[51]. Daher hat =Piorry=, welcher zuerst diese
-Beobachtung machte, aber sie ganz falsch deutete, indem er sie auf eine
-Entzündung des Blutes selbst (Haemitis) bezog und darauf die Doctrin der
-Pyämie begründete, diese Form von Speckhaut als =Crusta granulosa s.
-tuberculosa= bezeichnet. Sie bedeutet nichts weiter, als eine
-massenhafte und gruppenweise Anhäufung der farblosen Blutkörperchen
-(=Crusta lymphatica=).
-
- [51] Gesammelte Abhandlungen S. 183.
-
-Unter allen Verhältnissen gleicht diese Schicht dem Aussehen nach dem
-Eiter, und da nun, wie wir vorher gesehen haben, auch die einzelnen
-farblosen Blutkörperchen die Beschaffenheit von Eiterkörperchen
-haben[52], so ist es leicht begreiflich, dass man nicht bloss bei einem
-gesunden Menschen in die Lage kommen kann, seine farblosen
-Blutkörperchen für Eiterkörperchen zu halten, sondern noch mehr bei
-Kranken, wo das Blut oder andere Theile voll von diesen Elementen sind.
-Die Frage, wie sie wiederholt aufgeworfen ist, liegt sehr nahe, ob die
-Eiterkörperchen nicht einfach extravasirte farblose Blutkörperchen
-seien, oder umgekehrt, ob die innerhalb der Gefässe gefundenen farblosen
-Blutkörperchen nicht von aussen her aufgenommene Eiterkörperchen seien.
-Bejaht man diese letztere Frage, so gelangt man auf dem hauptsächlich
-durch die französischen Autoren (=Ribes=, =Velpeau=, =Maréchal=)
-verfolgten Wege zu der Lehre von der =Eiterresorption=[53]. Nimmt man
-dagegen die erstere Auffassung an, so kommt man auf eine Anschauung, wie
-sie schon seit Hewson in der englischen Literatur sehr verbreitet ist:
-mit der »plastischen Lymphe« treten auch »Lymphkörperchen« aus. Diese
-Lehre von der =Lymphexsudation= ist namentlich durch W. =Addison= und
-=Paget= vertreten worden, und sie hat neuerlich in Beziehung auf die
-farblosen Körperchen sichere thatsächliche Unterlagen erhalten. So sehr
-schwanken die herrschenden Lehrsätze. Während vor kaum zwei Decennien
-jede auffällige Vermehrung der farblosen Blutkörperchen im Blute den
-Verdacht, ja die zuversichtliche Annahme einer purulenten Infection
-erregte, so gilt jetzt jede ungewöhnliche Rundzelle an beliebiger Stelle
-des Körpers für ein farbloses Blutkörperchen, und wie es damals nöthig
-war, der unberechtigten Ausdehnung der Pyämie-Lehre entgegen zu treten,
-so muss man jetzt der ungemessenen Erweiterung der Lehre von der
-Lymphexsudation Schranken setzen.
-
- [52] Gesammelte Abhandlungen S. 653.
-
- [53] Ebendas. S. 462, 640, 645.
-
-Allein die neuere Forschung hat auf diesem Felde überaus glückliche
-Erfolge gehabt, indem sie zu einer genaueren Beobachtung der
-=Lebenserscheinungen der farblosen Blutkörperchen= geführt hat. Schon
-=Wharton Jones= hatte spontane Gestaltveränderungen dieser Gebilde
-beschrieben, wobei sie nach Art gewisser niederer pflanzlicher und
-thierischer Organismen Fortsätze aus sich hervortreiben und wieder
-zurückziehen. Weitere Untersuchungen haben bestätigt, dass in der That
-sehr lebhafte =Bewegungen= an den Körpersubstanz der farblosen
-Blutkörperchen vorkommen, die man in gewissem Sinne als Contractionen
-bezeichnen kann, wenngleich dieser Ausdruck, den wir bisher gewohnt
-waren, nur auf die in ganz bestimmter Richtung geschehende
-Zusammenziehung muskulöser Theile zu beziehen, leicht zu
-Missverständnissen Veranlassung geben kann. =Häckel= sah sodann die
-farblosen Blutkörperchen niederer Thiere Farbstoffkörperchen in sich
-aufnehmen; v. =Recklinghausen= wies dasselbe für die Wirbelthiere nach
-und lehrte damit ein wichtiges Mittel kennen, die Zellen durch Aufnahme
-von gefärbten Theilen gleichsam zu markiren. Endlich beobachteten
-=Waller= und =Cohnheim= die =Auswanderung= der farblosen Blutkörperchen
-aus den Gefässen lebender Thiere auf die Oberflächen und in die Gewebe
-der Umgebung bei anhaltender Fixirung bestimmter Stellen unter dem
-Mikroskope.
-
-Auf diese Weise ist gerade an einer Art von Elementen, welche früher
-kaum der Aufmerksamkeit des Arztes werth erschienen, eine Fülle der
-wichtigsten Lebensthätigkeiten, ja eine Freiheit und Selbständigkeit
-dieser Thätigkeiten dargethan worden, welche die farblosen
-Blutkörperchen zu einem der günstigsten Objecte für die Demonstration
-vitaler Vorgänge und zugleich zu einem der bedeutungsvollsten
-Ausgangspunkte pathologischer Studien erheben. Als ich vor nunmehr 25
-Jahren den Satz aussprach: »Ich vindicire für die farblosen
-Blutkörperchen eine Stelle in der Pathologie«[54], da hatte ich freilich
-noch keine Ahnung von den weitaussehenden Consequenzen, welche sich an
-diesen Versuch geknüpft haben. Denn man kann schon jetzt sagen, dass die
-cellulare Doctrin nirgends eine so unzweifelhafte Bedeutung erlangt hat,
-als durch die immer zahlreicheren Erfahrungen über diese früher so
-vernachlässigten Gebilde.
-
- [54] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846.
- September. No. 36.
-
-
-
-
- Neuntes Capitel.
-
- Blutbildung und Lymphe.
-
-
- Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=.
- Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen.
- Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe.
-
- Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des
- Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat. Fibrinogene
- Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut, Hyperinose,
- phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung. Fibrintranssudation.
- Fibrinbildung im Blute.
-
- Die =farblosen Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung
- bei Hyperinose und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus).
- Leukocytose und Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie.
-
- =Milz=- =und Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der
- Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym
- derselben: Follikel (Markstränge), Reticulum, Lymphsinus.
- Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu
- Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der
- letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der Gefässwände
- in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in farbige. Ort
- derselben. Das rothe Knochenmark.
-
- =Lymphgefässe=. Zusammenhang mit dem Röhrensystem des Bindegewebes.
- Bau der grösseren Lymphgefässe: Contraktilität und Klappen
- derselben. Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache
- Epithel-Wand. Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe
- überhaupt. Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe.
-
-Hat man sich mit den einzelnen morphologischen Elementen des Blutes und
-den besonderen Eigenthümlichkeiten derselben bekannt gemacht, so ist das
-Nächste die Frage nach der Entstehung derselben.
-
-Aus den Erfahrungen über die erste Entwickelung der Blutelemente lassen
-sich wesentliche Rückschlüsse machen auf die Natur der Veränderungen,
-welche unter krankhaften Verhältnissen in der Blutmasse stattfinden.
-Früher betrachtete man das Blut mehr als einen in sich abgeschlossenen
-Saft, welcher allerdings gewisse Beziehungen nach aussen habe, aber doch
-in sich selbst eine wirkliche Dauer besitze; man nahm deshalb an, dass
-sich auch besondere Eigenschaften dauerhaft daran erhalten, ja viele
-Jahre hindurch fortbestehen könnten. Natürlich durfte man dabei den
-Gedanken nicht zulassen, dass die Bestandtheile des Blutes vergänglicher
-Natur seien, und dass neue Elemente hinzukämen, welche alte, verloren
-gegangene ersetzten. Denn die Dauerhaftigkeit eines Theiles als solchen
-setzt entweder voraus, dass er in seinen Elementen dauerhaft ist, oder
-dass die Elemente innerhalb des Theiles immerfort neue erzeugen, welche
-alle Eigenthümlichkeiten der alten erben. Für das Blut müsste man also
-entweder annehmen, seine Bestandtheile wären wirklich durch Jahre
-fortbestehend und könnten Jahre lang dieselben Veränderungen bewahren,
-oder man müsste sich denken, dass das Blut von einem Theilchen auf das
-andere etwas übertrüge, in der Art, dass von einem mütterlichen
-Bluttheilchen auf ein töchterliches etwas Hereditäres fortgepflanzt
-würde. Von diesen Möglichkeiten ist die erstere gegenwärtig gänzlich
-unhaltbar. Es denkt im Augenblick wohl Niemand daran, dass die einzelnen
-Bestandtheile des Blutes eine Dauer von vielen Jahren haben. Dagegen
-lässt sich die Möglichkeit nicht von vorn herein zurückweisen, dass
-innerhalb des Blutes die Elemente eine Fortpflanzung erfahren, und dass
-sich von Element zu Element gewisse erbliche Eigenthümlichkeiten
-übertragen, welche zu einer gewissen Zeit im Blute eingeleitet sind.
-Allein mit einer gewissen Zuverlässigkeit kennen wir solche
-Erscheinungen der Fortpflanzung des Blutes nur aus einer früheren Zeit
-des embryonalen Lebens. Hier scheint es nach Beobachtungen, die erst in
-der neuesten Zeit von =Remak= und =Metschnikow= wiederum bestätigt sind,
-dass die vorhandenen Blutkörperchen sich direkt theilen, in der Art,
-dass in einem Körperchen, welches in der ersten Zeit der Entwickelung
-sich als kernhaltige Zelle darstellt, zuerst eine Theilung des Kernes
-eintritt (Fig. 60, _c_), dass dann die ganze Zelle sich einkerbt und
-nach und nach wirkliche Uebergänge zu einer vollständigen Theilung
-erkennen lässt. In dieser frühen Zeit ist es daher allerdings zulässig,
-das Blutkörperchen als den Träger von Eigenschaften zu betrachten,
-welche sich von der ersten Reihe von Zellen auf die zweite, von dieser
-auf die dritte u. s. f. fortpflanzen.
-
-Allein in dem Blute des entwickelten Menschen, ja selbst im Blute
-des Fötus der späteren Schwangerschaftsmonate sind solche
-Theilungs-Erscheinungen nicht mehr bekannt, und keine einzige von den
-Thatsachen, welche man aus der Entwickelungsgeschichte beizubringen
-vermag, spricht dafür, dass in dem entwickelten Blute eine Vermehrung
-der zelligen Elemente durch direkte Theilung oder irgend eine andere im
-Blute selbst gelegene Neubildung stattfinde. Man weiss wohl, dass unter
-gewissen Verhältnissen, z. B. bei Einwirkung von Harnstoff und manchen
-Salzen, die rothen Blutkörperchen sich einschnüren und endlich in Stücke
-zerfallen oder einzelne, meist rundliche Stückchen (Körnchen) von sich
-abschnüren, allein diese Stückchen, welche noch G. =Zimmermann= als die
-ersten Anfänge neuer Blutkörperchen betrachtete, sind nichts anderes,
-als Trümmer. So lange man die Möglichkeit als erwiesen betrachtete, dass
-aus einem einfachen Cytoblastem durch direkte Ausscheidung differenter
-Materien Zellen entständen, so lange konnte man auch in der
-Blutflüssigkeit sich neue Niederschläge bilden lassen, aus denen Zellen
-hervorgingen. Allein auch davon ist man zurückgekommen. Alle
-morphologischen Elemente des Blutes, wie sie auch beschaffen sein mögen,
-leitet man gegenwärtig von Orten ab, welche ausserhalb des Blutes
-liegen. Ueberall geht man zurück auf Organe, welche mit dem Blute nicht
-direkt, sondern vielmehr durch Zwischenbahnen in Verbindung stehen. Die
-Hauptorgane, welche in dieser Beziehung in Frage kommen, sind die
-lymphatischen. Die =Lymphe= ist die Flüssigkeit, welche, während sie dem
-Blute gewisse Stoffe zuführt, die von den Geweben kommen, zugleich die
-körperlichen Elemente mit sich bringt, aus welchen die Zellen des Blutes
-sich fort und fort ergänzen.
-
-In Beziehung auf zwei Bestandtheile des Blutes dürfte es kaum
-zweifelhaft sein, dass diese Anschauung eine vollkommen berechtigte ist,
-nehmlich in Beziehung auf den Faserstoff und die farblosen
-Blutkörperchen. Was den =Faserstoff= anbetrifft, dessen morphologische
-Eigenschaften ich im vorigen Capitel besprach, so ist es eine sehr
-wesentliche und wichtige Thatsache, dass derjenige Faserstoff, welcher
-in der Lymphe circulirt[55], gewisse Verschiedenheiten darbietet von dem
-Faserstoffe des Blutes, welchen wir zu Gesicht bekommen, wenn wir
-Extravasate oder aus der Ader gelassenes Blut betrachten. Der Faserstoff
-der Lymphe hat die besondere Eigenthümlichkeit, dass er unter den
-gewöhnlichen Verhältnissen innerhalb der Lymphgefässe weder im Leben
-noch nach dem Tode gerinnt, während das Blut in manchen Fällen schon
-während des Lebens, regelmässig aber nach dem Tode gerinnt, so dass die
-Gerinnungsfähigkeit dem Blute als eine regelmässige Eigenschaft
-zugeschrieben wird. In den Lymphgefässen eines todten Thieres oder einer
-menschlichen Leiche findet man keine geronnene Lymphe, dagegen tritt die
-Gerinnung alsbald ein, sobald die Lymphe mit der äusseren Luft in
-Contact gebracht oder von einem erkrankten Organe her verändert wird.
-
- [55] Gesammelte Abhandl. S. 105.
-
-Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Gefässe einer Leiche am Blute
-eine sehr auffällige und schwer zu erklärende Verschiedenheit. Während
-das Blut des Herzens und der grösseren Gefässe nach dem Tode gerinnt, so
-=bleibt das Capillarblut flüssig=. Sonderbarerweise übersieht man diese
-wichtige Erscheinung fast immer, so wichtig sie auch für die Deutung des
-örtlichen Verhaltens der Färbung der Gefässe, insbesondere der
-postmortalen Ortsveränderungen, Senkungen u. s. w. des Blutes ist. Aber
-das Capillarblut der Leiche unterscheidet sich dadurch von der Lymphe,
-dass es auch nicht mehr gerinnt, wenn es aus den Capillaren entleert und
-der Luft ausgesetzt wird.
-
-Was nun die Lymphe anbetrifft, so muss ich noch immer an der Anschauung
-festhalten, dass in derselben kein fertiges Fibrin enthalten ist,
-sondern dass dies erst fertig wird, sei es durch den Contact mit der
-atmosphärischen Luft, sei es unter abnormen Verhältnissen durch die
-Zuführung veränderter Stoffe, oder durch den Contact mit besonderen
-Substanzen. Die normale Lymphe führt eine Substanz, welche sehr leicht
-in Fibrin übergeht, und, wenn sie geronnen ist, sich vom Fibrin kaum
-unterscheidet, welche aber, so lange sie im gewöhnlichen Laufe des
-Lymphstromes sich befindet, nicht als eigentlich fertiges Fibrin
-betrachtet werden kann. Es ist dies eine Substanz, welche ich lange,
-bevor ich auf ihr Vorkommen in der Lymphe aufmerksam geworden war, in
-verschiedenen Exsudaten constatirt hatte, namentlich in pleuritischen
-Flüssigkeiten[56].
-
- [56] Archiv 1847. I. 572. Gesammelte Abhandl. 104, 516.
-
-In manchen Formen der Pleuritis bleibt das Exsudat lange flüssig, und da
-kam mir vor einer Reihe von Jahren der besondere Fall vor, dass durch
-eine Punction des Thorax eine Flüssigkeit entleert wurde, welche
-vollkommen klar und flüssig war, aber kurze Zeit, nachdem sie entleert
-war, in ihrer ganzen Masse mit einem Coagulum sich durchsetzte, wie es
-oft genug in Flüssigkeiten aus der Bauchhöhle gesehen wird. Nachdem ich
-dieses Gerinnsel durch Quirlen aus der Flüssigkeit entfernt und mich von
-der Identität desselben mit dem gewöhnlichen Faserstoff überzeugt hatte,
-zeigte sich am nächsten Tage ein neues Coagulum, und so auch in den
-folgenden Tagen. Diese Gerinnungsfähigkeit dauerte 14 Tage lang, obwohl
-die Entleerung mitten im heissen Sommer stattgefunden hatte. Es war dies
-also eine von der gewöhnlichen Gerinnung des Blutes wesentlich
-abweichende Erscheinung, welche sich nicht wohl begreifen liess, wenn
-wirkliches Fibrin als fertige Substanz darin enthalten war, und welche
-darauf hinzuweisen schien, dass erst unter Einwirkung der
-atmosphärischen Luft Fibrin entstünde aus einer Substanz, welche dem
-Fibrin allerdings nahe verwandt sein musste, aber doch nicht wirkliches
-Fibrin sei. Ich schlug darum vor, dieselbe als =fibrinogene= Substanz zu
-trennen, und nachdem ich später darauf gekommen war, dass es dieselbe
-Substanz ist, welche wir in der Lymphe finden, so konnte ich meine
-Ansicht dahin erweitern, dass auch in der Lymphe der Faserstoff nicht
-fertig enthalten sei.
-
-Dieselbe Substanz, welche sich von dem gewöhnlichen Fibrin dadurch
-unterscheidet, dass sie eines mehr oder weniger langen Contactes mit der
-atmosphärischen Luft bedarf, um coagulabel zu werden, findet sich unter
-gewissen Verhältnissen auch im Blute der peripherischen Venen vor, so
-dass man auch durch eine gewöhnliche Venaesection am Arme Blut bekommen
-kann, welches sich vom gewöhnlichen Blute durch die Langsamkeit seiner
-Gerinnung unterscheidet. =Polli= hat die so gerinnende Substanz
-=Bradyfibrin= (langsames Fibrin) genannt. Solche Fälle kommen besonders
-vor bei entzündlichen Erkrankungen der Respirationsorgane und geben am
-Häufigsten Veranlassung zur Bildung einer =Speckhaut= (Crusta
-phlogistica). Es ist bekannt, dass die gewöhnliche Crusta phlogistica
-bei pneumonischem oder pleuritischem Blut um so leichter eintritt, je
-wässeriger die Blutflüssigkeit ist, je mehr die Blutmasse an festen
-Bestandtheilen verarmt ist, aber es ist wesentlich dabei, dass auch das
-Fibrin langsam gerinnt. Wenn man mit der Uhr in der Hand den Vorgang
-controlirt, so überzeugt man sich, dass bei der Crustenbildung eine sehr
-viel längere Zeit vergeht, als bei der gewöhnlichen Gerinnung. Von
-dieser häufigen Erscheinung, wie sie sich bei der gewöhnlichen
-Crustenbildung der entzündlichen Blutmasse findet, zeigen sich nun
-allmähliche Uebergänge zu einer immer längeren Dauer des
-Flüssigbleibens.
-
-Das Aeusserste dieser Art, was bis jetzt bekannt ist, geschah in einem
-Falle, den =Polli= beobachtete. Bei einem an Pneumonie leidenden,
-rüstigen Manne, welcher im Sommer, zu einer Zeit, welche gerade nicht
-die äusseren Bedingungen für die Verlangsamung der Gerinnung darbietet,
-in die Behandlung kam, gebrauchte das Blut, welches aus der geöffneten
-Ader floss, acht Tage, ehe es anfing zu gerinnen, und erst nach 14 Tagen
-war die Coagulation vollständig. Es fand sich dabei auch die andere, von
-mir am pleuritischen Exsudat beobachtete Erscheinung, dass im
-Verhältniss zu dieser späten Gerinnung eine ungewöhnlich späte
-Zersetzung (Fäulniss) des Blutes stattfand.
-
-Da nun Erscheinungen dieser Art überwiegend häufig bei Brustaffectionen
-beobachtet werden, so überwiegend, dass man seit langer Zeit die
-Speckhaut als Corium pleuriticum bezeichnet hat, so scheint daraus mit
-einer gewissen Wahrscheinlichkeit hervorzugehen, dass das
-Respirationsgeschäft einen bestimmenden Einfluss hat auf das Vorkommen
-oder Nichtvorkommen der fibrinogenen Substanz im Blute. Jedenfalls setzt
-sich die Eigenthümlichkeit, welche die Lymphe besitzt, unter Umständen
-auf das Blut fort, so dass entweder das ganze Blut daran Antheil nimmt,
-und zwar um so mehr, je grössere Störungen die Respiration erleidet,
-oder dass neben dem gewöhnlichen, schnell gerinnenden Stoffe ein
-langsamer gerinnender gefunden wird. Oft bestehen nehmlich zwei Arten
-von Gerinnung in demselben Blute neben einander, eine frühe und eine
-späte, namentlich in den Fällen, wo die direkte Analyse eine Vermehrung
-des Faserstoffes, eine =Hyperinose= (=Franz Simon=) ergibt. Diese
-hyperinotischen Zustände führen also darauf hin, dass bei ihnen eine
-vermehrte Zufuhr von Lymphflüssigkeit zum Blute stattfindet, und dass
-die Stoffe, welche sich nachher im Blute finden, nicht ein Product
-innerer Umsetzung desselben sind, dass also die letzte Quelle des
-Fibrins nicht im Blute selbst gesucht werden darf, sondern an jenen
-Punkten, von welchen die Lymphgefässe die vermehrte Fibrinmasse
-zuführen.
-
-Zur Erklärung dieser Erscheinungen habe ich eine etwas kühne Hypothese
-gewagt, welche ich jedoch für vollkommen discussionsfähig erachte,
-nehmlich die, =dass das Fibrin, wenn es im Körper ausserhalb des Blutes
-vorkommt, nicht immer als eine Abscheidung aus dem Blute zu betrachten
-ist, sondern häufig als ein Local-Erzeugniss=, und ich habe versucht,
-eine wesentliche Veränderung in der Auffassung der sogenannten
-phlogistischen Krase in Beziehung auf die Localisation derselben
-einzuführen[57]. Während man früher gewöhnt war, die veränderte Mischung
-des Blutes bei der Entzündung als ein von vorn herein bestehendes und
-namentlich durch primäre Vermehrung des Faserstoffes bezeichnetes Moment
-zu betrachten, so habe ich vielmehr die Krase als ein von der localen
-Entzündung abhängiges Ereigniss entwickelt. Gewisse Organe und Gewebe
-besitzen an sich in höherem Grade die Eigenschaft, Fibrin zu erzeugen
-und das Vorkommen von grossen Massen von Fibrin im Blute zu begünstigen,
-während andere Organe ungleich weniger dazu geeignet sind.
-
- [57] Handbuch der spec. Pathologie u. Therapie. 1854. I. 75.
- Gesammelte Abhandlungen. 135.
-
-Ich habe ferner darauf hingewiesen, dass diejenigen Organe, welche
-diesen eigenthümlichen Zusammenhang eines sogenannten phlogistischen
-Blutes mit einer localen Entzündung besonders häufig darbieten, im
-Allgemeinen mit Lymphgefässen reichlich versehen sind und mit grossen
-Massen von Lymphdrüsen in Verbindung stehen, während alle diejenigen
-Organe, welche entweder sehr wenige Lymphgefässe enthalten, oder in
-welchen wir kaum Lymphgefässe kennen, auch einen nicht nennenswerthen
-Einfluss auf die fibrinöse Mischung des Blutes ausüben. Es haben schon
-frühere Beobachter bemerkt, dass es Entzündungen sehr wichtiger Organe
-gibt, z. B. des Gehirns, bei denen man die phlogistische Krase
-eigentlich gar nicht findet. Aber gerade im Gehirn kennen wir nur wenige
-Lymphgefässe. Wo dagegen die Mischung des Blutes am frühesten verändert
-wird, bei den Erkrankungen der Respirationsorgane, da findet sich auch
-ein ungewöhnlich reichliches Lymphnetz. Nicht bloss die Lungen sind
-davon durchsetzt und überzogen, sondern auch die Pleura hat
-ausserordentlich reiche Verbindungen mit dem Lymphsystem, und die
-Bronchialdrüsen stellen fast die grössten Anhäufungen von
-Lymphdrüsen-Masse dar, die irgend ein Organ des Körpers überhaupt
-besitzt.
-
-Andererseits kennen wir keine Thatsache, welche die Möglichkeit zeigte,
-dass unter einfacher Steigerung des Blutdruckes, oder unter einfacher
-Veränderung der Bedingungen, unter denen das Blut strömt, in diesen
-Organen ein Durchtreten spontan gerinnender Flüssigkeiten von den
-Capillaren her in das Parenchym oder auf die Oberfläche derselben
-erfolgen könnte. Man denkt sich allerdings in der Regel, dass im
-Verhältniss zur Stromstärke des Blutes auch eine fibrinöse Zumischung
-zum Exsudate stattfinde, aber dies ist nie durch ein Experiment bewiesen
-worden. Niemals ist Jemand im Stande gewesen, durch blosse Veränderung
-in der Strömung des Blutes im lebenden Körper das Fibrin zu einer
-direkten Transsudation aus den Capillaren in Form eines entzündlichen
-Processes zu vermögen; dazu bedürfen wir immer eines Reizes. Man kann
-die beträchtlichsten Hemmungen im Circulationsgeschäft herbeiführen, die
-colossalsten Austretungen von serösen Flüssigkeiten experimentell
-erzeugen, aber nie erfolgt dabei jene eigenthümliche fibrinöse
-Exsudation, welche die Reizung gewisser Gewebe mit so grosser
-Leichtigkeit hervorruft.
-
-Dass das Fibrin in der Blutflüssigkeit selbst durch eine Umsetzung des
-Eiweisses entstünde, ist eine chemische Theorie, die weiter keine Stütze
-für sich hat, als die, dass Eiweiss und Fibrin grosse chemische
-Aehnlichkeit haben, und dass man sich, wenn man die zweifelhafte
-chemische Formel des Fibrins mit der ebenso zweifelhaften Formel des
-Eiweisses vergleicht, durch das Ausscheiden von ein paar Atomen den
-Uebergang von Albumin in Fibrin sehr leicht denken kann. Allein diese
-Möglichkeit der Formelüberführung beweist nicht das Geringste dafür,
-dass eine analoge Umsetzung in der Blutmasse geschehe. Sie kann
-möglicherweise im Körper erfolgen, aber auch dann ist es jedenfalls
-wahrscheinlicher, dass sie in den Geweben erfolgt, und dass erst von da
-aus eine Fortführung durch die Lymphe geschieht. Indess ist dies um so
-mehr zweifelhaft, als die rationelle Formel für die chemische
-Zusammensetzung des Eiweisses und des Faserstoffes bis jetzt noch nicht
-ermittelt ist, und die unglaublich hohen Atomzahlen der empirischen
-Formel auf eine sehr zusammengesetzte Gruppirung der Atome hindeuten.
-
-Halten wir daher an der Erfahrung fest, dass das Fibrin nur dadurch zum
-Austritt auf irgend eine Oberfläche gebracht werden kann, dass wir
-ausser der Störung der Circulation auch noch einen Reiz, d. h. eine
-locale Veränderung des Gewebes setzen. Diese locale Veränderung genügt
-aber erfahrungsgemäss für sich, um den Austritt von Fibrin zu bedingen,
-wenn auch keine Hemmung der Circulation eintritt. Es bedarf dieser
-Hemmung gar nicht, um die Erzeugung von Fibrin an einem bestimmten
-Punkte einzuleiten. Im Gegentheil sehen wir, dass in der besonderen
-Beschaffenheit der gereizten Theile die Ursache der grössten
-Verschiedenheiten gegeben ist. Wenn wir einfach eine reizende Substanz
-auf die Hautoberfläche bringen, so gibt es bei geringeren Graden der
-Reizung, mag sie nun chemischer oder mechanischer Natur sein, eine
-Blase, ein seröses Exsudat. Ist die Reizung stärker, so tritt eine
-Flüssigkeit aus, welche in der Blase vollkommen flüssig erscheint, aber
-nach ihrer Entleerung coagulirt. Fängt man die Flüssigkeit einer
-Vesicatorblase in einem Uhrschälchen auf und lässt sie an der Luft
-stehen, so bildet sich ein Coagulum; es ist also fibrinogene Substanz in
-der Flüssigkeit. Nun gibt es aber zuweilen Zustände des Körpers, wo ein
-äusserlicher Reiz genügt, um Blasen mit direkt coagulirender Flüssigkeit
-hervorzurufen. Im Winter von 1857-58 hatte ich einen Kranken auf meiner
-Abtheilung, welcher von einer Erfrierung der Füsse eine Anästhesie
-zurückbehielt, wogegen ich unter Anderem locale Bäder mit Königswasser
-anwendete. Nach einer gewissen Zahl solcher Bäder bildeten sich jedesmal
-an den anästhetischen Stellen der Fusssohle Blasen bis zu einem
-Durchmesser von zwei Zoll, welche bei ihrer Eröffnung sich mit grossen
-gallertigen Massen von fibrinösem Coagulum (nicht etwa mit
-Eiweiss-Niederschlägen) erfüllt zeigten. Bei anderen Menschen hätten
-sich wahrscheinlich einfache Blasen gebildet, mit einer Flüssigkeit, die
-erst nach dem Herauslassen erstarrt wäre. Diese Verschiedenheit liegt
-offenbar in der Verschiedenheit nicht der Blutmischung, sondern der
-örtlichen Disposition. Die Differenz zwischen der Form von Pleuritis,
-welche von Anfang an coagulable und spontan coagulirende Substanzen
-abscheidet, und derjenigen, wo coagulable, aber nicht spontan
-coagulirende Flüssigkeiten austreten, weist gewiss auf Besonderheiten
-der localen Reizung hin.
-
-Ich glaube also nicht, dass man berechtigt ist zu schliessen, dass
-Jemand, der mehr Fibrin im Blute hat, damit auch eine grössere Neigung
-zu fibrinöser Transsudation besitze; vielmehr erwarte ich, dass bei
-einem Kranken, der an einem bestimmten Orte sehr viel fibrinbildende
-Substanz producirt, von diesem Orte aus viel von dieser Substanz in die
-Lymphe und endlich in das Blut übergehen wird. Man kann also das Exsudat
-in solchen Fällen betrachten als den Ueberschuss des in loco gebildeten
-Fibrins, für dessen Entfernung die Lymphcirculation nicht genügte. So
-lange der Lymphstrom ausreicht, wird Alles, was in dem gereizten Theile
-an Stoffen gebildet wird, auch dem Blute zugeführt; sobald die örtliche
-Production über dieses Maass hinausschreitet, häufen sich die Producte
-an, und neben der Hyperinose wird auch eine örtliche Ansammlung oder
-Ausscheidung von fibrinösem Exsudat stattfinden. Ist diese Deutung
-richtig, und ich denke, dass sie es ist, so würde sich auch hier wieder
-jene Abhängigkeit der Dyscrasie von der örtlichen Krankheit ergeben,
-welche ich schon früher als den wesentlichsten Gewinn aller unserer
-Untersuchungen über das Blut hingestellt habe.
-
-Es ist nun eine sehr bemerkenswerthe Thatsache, welche gerade für diese
-Auffassung von Bedeutung ist, dass =sehr selten eine erhebliche
-Vermehrung des Fibrins Statt findet ohne gleichzeitige Vermehrung der
-farblosen Blutkörperchen=, dass also die beiden wesentlichen
-Bestandtheile, welche wir in der Lymphflüssigkeit finden, auch im Blute
-wiederkehren. In jedem Falle einer Hyperinose kann man auf eine
-Vermehrung der farblosen Körperchen rechnen, oder, anders ausgedrückt,
-jede Reizung eines Theiles, welcher mit Lymphgefässen reichlich versehen
-ist und mit Lymphdrüsen in einer ausgiebigen Verbindung steht, bedingt
-auch die Einfuhr grosser Massen farbloser Zellen (Lymphkörperchen) ins
-Blut.
-
-Diese Thatsache ist besonders interessant insofern, als man daraus
-begreifen kann, wie nicht bloss gewisse Organe, welche reich versehen
-sind mit Lymphgefässen, eine solche Vermehrung bedingen können, sondern
-wie auch gewisse Processe eine grössere Fähigkeit besitzen,
-beträchtliche Mengen von diesen Elementen in das Blut zu führen. Es sind
-dies alle diejenigen, welche früh mit bedeutender Erkrankung des
-Lymphgefäss-Systems verbunden sind. Vergleicht man eine erysipelatöse
-oder eine diffuse phlegmonöse (nach =Rust= pseudoerysipelatöse)
-Entzündung in ihrer Wirkung auf das Blut mit einer einfachen
-oberflächlichen Hautentzündung, wie sie im Verlauf der gewöhnlichen
-acuten Exantheme, nach traumatischen oder chemischen Einwirkungen
-auftritt, so ersieht man alsbald, wie gross die Differenz ist. Jede
-erysipelatöse oder diffuse phlegmonöse Entzündung hat die
-Eigenthümlichkeit, frühzeitig die Lymphgefässe zu afficiren und
-Schwellungen der lymphatischen Drüsen hervorzubringen. In jedem solchen
-Falle aber kann man darauf rechnen, dass eine Zunahme in der Zahl der
-farblosen Blutkörperchen stattfindet.
-
-Weiterhin ergibt sich die bezeichnende Thatsache, dass es gewisse
-Processe gibt, welche gleichzeitig Fibrin und farblose Blutkörperchen
-vermehren, andere dagegen, welche nur die Zunahme der letzteren
-bewirken. In diese Kategorie gehört gerade die ganze Reihe der einfachen
-diffusen Hautentzündungen, wo auch an den Erkrankungsorten keine
-erhebliche Fibrinbildung erfolgt. Andererseits gehört dahin eine Menge
-von Zuständen, welche vom Gesichtspunkt der Faserstoff-Menge als
-=hypinotische= (=Franz Simon=) bezeichnet werden, alle die Processe,
-welche in die Reihe der typhösen zählen, und die darin übereinkommen,
-dass sie bald diese, bald jene Art von bedeutender Anschwellung der
-Lymphdrüsen, aber keine locale Faserstoff-Exsudation hervorbringen. So
-setzt der Typhus diese Veränderungen nicht nur an der Milz, sondern auch
-an den Mesenterial-Drüsen.
-
-Den einfachen Zustand von Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute,
-welcher abhängig erscheint von einer Reizung der Blutbereitenden Drüsen,
-habe ich mit dem Namen der =Leukocytose= belegt[58]. Nun weiss man, dass
-eine andere Angelegenheit lange der Gegenstand meiner Studien gewesen
-ist, die von mir[59] sogenannte =Leukämie=, und es handelt sich zunächst
-darum, festzustellen, wie weit sich die eigentliche Leukämie von den
-leukocytotischen Zuständen unterscheidet.
-
- [58] Gesammelte Abhandlungen 1856. S. 703.
-
- [59] Archiv. 1847. I. 563.
-
-Schon in den ersten Fällen der Leukämie, welche mir vorkamen, stellte
-sich eine sehr wesentliche Eigenschaft heraus, nehmlich die, dass in dem
-Gehalt des Faserstoffes im Blute keine wesentliche Abweichung
-bestand[60]. Späterhin hat sich gezeigt, dass der Faserstoff-Gehalt je
-nach der Besonderheit des Falles vermehrt oder vermindert oder
-unverändert sein kann, dass aber constant eine immerfort steigende
-Zunahme der farblosen Blutkörperchen stattfindet, und dass diese
-Zunahme immer deutlicher zusammenfällt mit einer Verminderung der Zahl
-der gefärbten (rothen) Blutkörperchen, so dass als endliches Resultat
-ein Zustand herauskommt, in welchem die Zahl der farblosen
-Blutkörperchen der Zahl der rothen beinahe gleichkommt, und selbst für
-die gröbere Betrachtung auffallende Phänomene hervortreten. Während wir
-im gewöhnlichen Blute immer nur auf etwa 300 gefärbte ein farbloses
-Körperchen rechnen können, so gibt es Fälle von Leukämie, wo die
-Vermehrung der farblosen in der Weise steigt, dass auf 3 rothe
-Körperchen schon ein farbloses oder gar 3 rothe auf 2 farblose kommen,
-ja wo die Zahlen für die farblosen Körperchen die grösseren werden[61].
-
- [60] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. No. 780. Gesammelte Abhandl. 149.
-
- [61] Archiv 1853. IV. 43 ff.
-
-In Leichen erscheint die Vermehrung der farblosen Körperchen meist
-beträchtlicher, als sie wirklich ist, aus Gründen, die ich schon früher
-hervorhob (S. 185); diese Körperchen sind ausserordentlich klebrig und
-häufen sich bei Verlangsamung des Blutstromes in grösseren Massen an, so
-dass in Leichen die grösste Menge stets im rechten Herzen gefunden wird.
-Es ist mir einmal, ehe ich Berlin verliess, der besondere Fall passirt,
-dass ich das rechte Atrium anstach, und der Arzt, welcher den Fall
-behandelt hatte, überrascht ausrief: »Ah, da ist ein Abscess!« So
-eiterähnlich sah das Blut aus. Diese eiterartige Beschaffenheit des
-Blutes ist allerdings nicht in dem ganzen Circulationsstrome vorhanden;
-nie sieht das Blut im Ganzen wie Eiter aus, weil immer noch eine
-verhältnissmässig grosse Zahl von rothen Elementen existirt; aber es
-kommt doch vor, dass das aus der Ader fliessende Blut schon bei
-Lebzeiten weissliche Streifen zeigt, und dass, wenn man den Faserstoff
-durch Quirlen entfernt und das defibrinirte Blut stehen lässt, sich
-alsbald eine freiwillige Scheidung macht, in der Art, dass sich
-sämmtliche Blutkörperchen, rothe und farblose, allmählich auf den Boden
-des Gefässes senken, und hier ein doppeltes Sediment entsteht: ein
-unteres rothes, das von einem oberen, weissen, puriformen überlagert
-wird. Es erklärt sich dies aus dem ungleichen specifischen Gewicht und
-den verschiedenen Fallzeiten beider Arten von Körperchen (S. 187).
-Zugleich giebt dies eine sehr leichte Scheidung des leukämischen Blutes
-von dem chylösen (lipämischen), wo ein milchiges Aussehen des Serums
-durch Fettbeimischung entsteht; defibrinirt man solches Blut, so bildet
-sich nach einiger Zeit nicht ein weisses Sediment, sondern eine
-rahmartige Schicht an der Oberfläche[62].
-
- [62] Würzburger Verhandl. 1856. VII. 119. Gesammelte Abhandl. S. 138.
-
-Es existiren bis jetzt in der Literatur nur vereinzelte Fälle von
-Leukämie, wo die Kranken, nachdem sie eine Zeit lang Gegenstand
-ärztlicher Behandlung gewesen waren, als wesentlich gebessert das
-Hospital verliessen. In der Regel erfolgt der Tod. Ich will daraus
-keineswegs den Schluss ziehen, dass es sich um eine absolut unheilbare
-Krankheit handle; ich hoffe im Gegentheil, dass man endlich auch hier
-wirksame Heilmittel finden wird, aber es ist gewiss eine sehr wichtige
-Thatsache, dass es sich dabei, ähnlich wie bei der progressiven
-Muskelatrophie, um Zustände handelt, welche in einem gewissen Stadium,
-sich selbst überlassen, oder wenn sie unter einer der bis jetzt
-bekannten Behandlungen stehen, sich fortwährend verschlimmern und
-endlich zum Tode führen. Es haben diese Fälle noch ausserdem die
-besondere Merkwürdigkeit, dass sich gewöhnlich in der letzten Zeit des
-Lebens eine eigentliche =hämorrhagische Diathese= ausbildet und
-Blutungen entstehen, die besonders häufig in der Nasenhöhle stattfinden
-(unter der Form von erschöpfender Epistaxis), die aber unter Umständen
-auch an anderen Punkten auftreten können, so in colossaler Weise als
-apoplectische Formen im Gehirn oder als melänaartige in der Darmhöhle.
-
-Wenn man nun untersucht, von woher diese sonderbare Veränderung des
-Blutes stammt, so zeigt sich, dass in der grossen Mehrzahl der Fälle ein
-bestimmtes Organ als das wesentlich erkrankte erscheint, und häufig
-schon im Anfange der Krankheit den Hauptgegenstand der Klagen und
-Beschwerden der Kranken bildet, nehmlich die =Milz=. Daneben leidet sehr
-häufig auch ein Bezirk von =Lymphdrüsen=, aber das Milzleiden steht in
-der Regel im Vordergrunde. Nur in einer kleinen Zahl von Fällen fand ich
-die Milz wenig oder gar nicht, die Lymphdrüsen überwiegend verändert,
-und zwar in solchem Grade, dass Lymphdrüsen, die man sonst kaum bemerkt,
-zu wallnussgrossen Knoten sich entwickelt hatten, ja, dass an einzelnen
-Stellen fast nichts weiter als Lymphdrüsen-Substanz zu bestehen
-schien[63]. Von den Drüsen, welche zwischen den Inguinal- und
-Lumbal-Drüsen gelegen sind, pflegt man nicht viel zu sprechen; sie haben
-nicht einmal einen bequemen Namen. Einzelne von ihnen liegen längs der
-Vasa iliaca, einzelne im kleinen Becken. Im Laufe solcher Leukämien traf
-ich sie zweimal so vergrössert, dass der ganze Raum des kleinen Beckens
-wie ausgestopft war mit Drüsenmasse, in welche Rectum und Blase nur eben
-hineintauchten.
-
- [63] Archiv 1847. I. 567.
-
-Ich habe deshalb zwei Formen der Leukämie unterschieden, die gewöhnliche
-=lienale= und die seltenere =lymphatische=. Beide combiniren sich
-allerdings nicht selten mit einander, jedoch herrscht auch in diesem
-Falle die eine von beiden so sehr vor, dass man über die Wahl des Namens
-kaum in Verlegenheit kommen wird. Die Unterscheidung stützt sich nicht
-allein darauf, dass in dem einen Falle die Milz, im anderen die
-Lymphdrüsen als Ausgangspunkt der Erkrankung erscheinen, sondern noch
-mehr darauf, dass die farblosen Elemente, welche im Blute vorkommen, in
-beiden Fällen verschieden sind. Während nehmlich bei der lienalen Form
-in der Regel verhältnissmässig grosse, entwickelte Zellen mit
-mehrfachen, seltener einfachen Kernen im Blute circuliren, die in
-manchen Fällen überwiegend viel Aehnlichkeit mit Milzzellen haben, so
-sieht man bei der ausgemacht lymphatischen Form die Zellen klein, die
-Kerne im Verhältniss zu den Zellen gross und einfach, in der Regel
-scharf begrenzt, sehr dunkel contourirt und etwas körnig, die Membran
-häufig so eng anliegend, dass man kaum den Zwischenraum constatiren
-kann. Oefter sieht es aus, als ob vollkommen freie Kerne im Blute
-enthalten wären. In jenen gemischten Fällen, wo sowohl die Milz, als die
-Lymphdrüsen leiden, bieten auch die im Blute vorkommenden Gebilde
-beiderlei Gestalt dar. Nimmt man die Erfahrungen zusammen, so wird man
-zu der Schlussfolgerung geführt, dass die Vergrösserung der
-lymphatischen Drüsen, die in einer wirklichen Vermehrung ihrer Elemente
-(Hyperplasie) beruht, auch eine grössere Zahl zelliger Theile in die
-Lymphe und durch diese in das Blut führt, und dass in dem Maasse, als
-diese Elemente überwiegen, die Bildung der rothen Elemente Hemmungen
-erfährt. =Die Leukämie ist demnach eine Art von dauerhafter,
-progressiver Leukocytose; diese dagegen in ihren einfachen Formen stellt
-einen vorübergehenden, an zeitweilige Zustände gewisser Organe
-geknüpften Vorgang dar=[64].
-
- [64] Geschwülste. II. 566.
-
-Ob damit der ganze Unterschied zwischen Leukämie und Leukocytose
-erschöpft ist, steht dahin. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen,
-dass bei der Leukocytose neben den rothen Körperchen eine vorübergehende
-Zumischung von zahlreichen farblosen Körperchen stattfindet, ohne dass
-wir deshalb berechtigt wären, jedesmal eine Abnahme der ersteren zu
-statuiren. Bei der Leukämie dagegen findet sich eine wirkliche
-Verminderung der rothen Körperchen; sie stellt, wie ich früher sagte,
-einen wirklichen =Albinismus= des Blutes dar. Offenbar erleidet also die
-Bildung der rothen Körperchen eine Hemmung, und es ist gewiss sehr
-charakteristisch, dass in einem Falle von lienaler Leukämie, der bei uns
-vorkam, =Klebs= die embryonale Form der kernhaltigen rothen Körperchen
-bei einem Kinde von 1-1/4 Jahr antraf.
-
-Es ist ersichtlich, dass die drei von uns besprochenen dyscrasischen
-Zustände, welche in einer näheren Beziehung zu der Lymphflüssigkeit
-stehen, nehmlich die Hyperinose, die Leukocytose und die Leukämie sich
-mehrfach berühren. Der erstere, der durch Vermehrung des Fibrins
-ausgezeichnet ist (Hyperinose), bezieht sich mehr auf die veränderte
-Beschaffenheit der Organe, von wo die Lymphflüssigkeit herkommt, während
-die durch Vermehrung der farblosen Zellen bedingten Zustände
-(Leukocytose und Leukämie) mehr von der Beschaffenheit der Drüsen, durch
-welche die Lymphflüssigkeit strömte, abhängig sind. Diese Thatsachen
-lassen sich nun wohl nicht anders deuten, als dass man in der That die
-Milz und die Lymphdrüsen in eine nähere Beziehung zur Entwickelung des
-Blutes bringt. Dies ist noch wahrscheinlicher geworden, seitdem es
-gelungen ist, auch chemische Anhaltspunkte zu gewinnen. =Scherer= hat
-zweimal leukämisches Blut untersucht, das ich ihm übergeben hatte, um
-dasselbe mit den von ihm gefundenen Milzstoffen zu vergleichen; es ergab
-sich, dass darin Hypoxanthin, Leucin, Harnsäure, Milch- und Ameisensäure
-vorkamen. In einem Falle überzog sich eine Leber, die ich einige Tage
-liegen liess, ganz mit Tyrosinkörnern; in einem anderen krystallisirte
-aus dem Darminhalte Leucin und Tyrosin in grossen Massen aus. Die grosse
-Häufigkeit harnsaurer Sedimente im Harn und harnsaurer Concretionen in
-den Nieren der Leukämischen habe ich wiederholt erwähnt[65]. Kurz, Alles
-deutet auf eine vermehrte Thätigkeit der Milz, welche normal diese
-Stoffe in grösserer Menge enthält.
-
- [65] Mein Archiv 1853. Bd. V. S. 408. vgl. 1849. Bd. II. S. 590.
-
-Es ist eine ziemlich lange Reihe von Jahren (seit 1845) vergangen,
-während deren ich mich mit meiner Auffassung ziemlich vereinsamt fand.
-Erst nach und nach ist man, und zwar, wie ich leider gestehen muss,
-zuerst mehr von physiologischer, als von pathologischer Seite auf diese
-Gedanken eingegangen, und erst spät hat man sich der Vorstellung
-zugänglich erwiesen, dass im gewöhnlichen Gange der Dinge die
-Lymphdrüsen und die Milz in der That eine unmittelbare Bedeutung für die
-Formelemente des Blutes haben, dass im Besonderen die körperlichen
-Bestandtheile des letzteren wirkliche Abkömmlinge sind von den Zellen
-der Lymphdrüsen und der Milz, welche in denselben entstehen, aus ihrem
-Innern losgelöst und dem Blutstrom zugeführt werden. Kommen wir damit
-auf die Frage von der Herkunft der Blutkörperchen selbst.
-
-Seit dem vorigen Jahrhundert war man gewöhnt, die Lymphdrüsen als blosse
-Convolute von Lymphgefässen zu betrachten. Bekanntlich sieht man schon
-vom blossen Auge die zuführenden Lymphgefässe sich in Aeste auflösen,
-welche in die Lymphdrüse eintreten, innerhalb derselben verschwinden und
-am Ende aus derselben wieder hervorkommen. Aus den Resultaten der
-Quecksilber-Injectionen, welche man schon vor einem Jahrhundert mit
-grosser Sorgfalt unternommen hat, glaubte man schliessen zu müssen, dass
-das eingetretene Lymphgefäss vielfache Windungen mache, welche sich
-durchschlängen und endlich in das ausführende Gefäss fortgingen, so dass
-die Drüse nichts weiter als eine Zusammendrängung von Windungen der
-einführenden Gefässe, eine Art von Wundernetz, darstelle. Die ganze
-Sorgfalt der modernen Histologie hat sich daher darauf gerichtet, ein
-solches einfaches Durchtreten von Lymphgefässen durch die Drüse zu
-constatiren; nachdem man sich Jahre lang vergebens darum bemüht hatte,
-hat man es endlich aufgegeben.
-
-Im Augenblick dürfte es kaum einen Histologen geben, welcher an eine
-vollkommene Continuität der Lymphgefässe innerhalb einer Lymphdrüse
-dächte; meist ist die Anschauung von =Kölliker= acceptirt, dass die
-Lymphdrüsen den Strom der Lymphe unterbrechen, indem das Lymphgefäss,
-während es seine Wandungen verliert, sich in das Parenchym der Drüse
-auflöst und erst aus demselben sich wieder zusammensetzt. Man kann
-dieses Verhältniss nicht wohl anders vergleichen, als mit einer Art von
-Filtrirapparat, etwa wie wir ihn im Kohlen- oder Sandfiltrum besitzen.
-
-Wenn man eine menschliche Lymphdrüse durchschneidet, so bekommt man
-häufig eine Bildung zu Gesicht, wie von einer Niere. Da, wo die
-zuführenden Lymphgefässe sich auflösen und in die Drüse eintauchen, also
-an dem der Peripherie des Körpers oder des betreffenden Organs
-zugewendeten Umfange liegt eine derbere Substanz; halb umschlossen von
-derselben findet sich auf der inneren oder centralen Seite der Drüse
-eine Art von Hilus, an dem die Lymphgefässe die Drüse wieder verlassen.
-Derselbe ist erfüllt durch ein maschiges Gewebe von oft deutlich
-areolärem oder cavernösem Bau, in welches neben den Vasa lymphatica
-efferentia Blutgefässe eingehen, um von da weiter in die eigentliche
-Substanz einzudringen. =Kölliker= hat darnach eine Rinden- und
-Marksubstanz unterschieden; indess ist die sogenannte Marksubstanz
-häufig kaum noch drüsiger Natur. Letztere findet sich wesentlich an der
-Rinde, welche bald mehr, bald weniger dick ist. Man thut daher am
-besten, wenn man jenen Theil einfach den Hilus nennt, da aus- und
-einführende Gefässe dicht zusammenliegen, gerade so, wie im Hilus der
-Niere einerseits die Ureteren und Venen abführen, die Arterien zuleiten.
-Das eigentliche Parenchym der Drüse, die Substantia propria derselben
-(adenoide Substanz =His=) ist hauptsächlich in dem peripherischen Theile
-(der Rindensubstanz) enthalten.
-
-An diesem unterscheidet man, falls die Drüse einigermaassen gut
-entwickelt ist (und in einzelnen Fällen pathologischer Vergrösserung
-wird dies besonders deutlich), schon mit blossem Auge kleine, neben
-einander gelegene, rundliche, weisse oder graue Körner (Fig. 70, _A_, _F
-F_). Ist eine mässige Blutfülle vorhanden, so erkennt man ziemlich
-regelmässig um jedes Korn einen rothen Kranz von Gefässen. Diese Körner
-hat man seit langer Zeit =Follikel= genannt, aber es war zweifelhaft, ob
-es besondere Bildungen seien, oder blosse Windungen des Lymphgefässes,
-welche an die Oberfläche treten. Bei einer feineren mikroskopischen
-Untersuchung unterscheidet man leicht die eigentliche (drüsige) Substanz
-der Follikel von dem faserigen Maschen- oder Balkenwerk (Stroma,
-Trabekeln), welches dieselben umgrenzt und welches nach aussen
-continuirlich mit dem Bindegewebe der Capsel zusammenhängt. Die innere
-Substanz besteht überwiegend aus Haufen kleiner Rundzellen
-(=Lymphdrüsenkörperchen=), die ziemlich lose liegen, eingeschlossen in
-ein feines Netzwerk von sternförmigen, oft kernhaltigen Balken
-(=Reticulum=). Letzteres ist zuerst von =Kölliker= nachgewiesen und
-unter meiner Leitung von G. =Eckard=[66] genauer verfolgt worden, der
-den Anschluss desselben an die Blutcapillaren dargelegt hat. Von den
-Lymphgefässen kommt innerhalb des Stroma's nur wenig zu Tage; injicirt
-man eine Drüse, so geht die Injectionsmasse in die sogenannten Follikel
-selbst hinein. Untersucht man eine Gekrösdrüse während der
-Chylification, also vielleicht 4-5 Stunden nach einer fettreichen
-Mahlzeit, so erscheint ihre ganze Substanz weiss, vollständig milchig;
-das Mikroskop zeigt feinkörniges Chylusfett überall zwischen den
-zelligen Elementen der Follikel. Der Strom der Lymphe muss sich also
-zwischen den Drüsenzellen durchdrängen; eine freie offene Bahn existirt
-eigentlich gar nicht. Die Drüsenzellen sind in den Maschenräumen
-zusammengedrängt, im Umfange loser, im Innern dichter, wie die Theilchen
-in einem Kohlenfiltrum, so dass die Lymphe gleichsam filtrirt und
-gereinigt auf der anderen Seite wieder hervorquillt. Die Follikel sind
-demnach als Räume zu betrachten, die mit zelligen Elementen erfüllt,
-aber von einem vielbalkigen Reticulum durchsetzt sind. Sie können nicht
-als Windungen oder Erweiterungen der Lymphgefässe gelten; im Gegentheil,
-sie unterbrechen die offenen Lymphbahnen, und zwar um so vollständiger,
-je stärker sie entwickelt sind. Aber sie haben keineswegs, wie der
-äussere Anschein vermuthen lässt, eine kugelige Gestalt, sondern sie
-bilden längere, strangartige, unter einander zusammenhängende Züge,
-welche gegen die Rinde hin dicker werden und rundlich endigen. Das sind
-die sogenannten =Markschläuche= (=His=), =Markstränge= (=Kölliker=) oder
-=Follicularstränge= (v. =Recklinghausen=).
-
- [66] G. =Eckard=: De glandularum lymphaticarum structura. Diss. inaug.
- Berol. 1858 p. 12. Fig. I-III.
-
-[Illustration: =Fig=. 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher
-Gekrös-Drüsen. _A_. Schwache Vergrösserung der ganzen Rinde: _P_
-Umgebendes Fettgewebe und Capsel, durch welche Blutgefässe _v_, _v_, _v_
-eintreten. _F_, _F_, _F_ Follikel der Drüse, in welche sich die Blutgefässe
-zum Theil einsenken, bei _i_, _i_ das die Follikel trennende
-Zwischengewebe (Stroma).
-
-_B_. Stärkere Vergrösserung (280 mal). _C_ das parallel-fibrilläre
-Gewebe der Capsel. _a_, _a_ das Reticulum, zum Theil leer, zum Theil mit
-dem kernigen Inhalt erfüllt. Das Ganze stellt den äusseren Abschnitt
-eines Follikels dar.]
-
-Durch die sorgfältigen Untersuchungen von =His= und =Frey= ist neuerlich
-der Nachweis geführt, dass die eintretenden Lymphgefässe sich nicht ganz
-und gar in die Follikel auflösen, sondern dass sie, indem sie ihre
-besonderen Wandungen einbüssen, sich in sinuöse oder lacunäre Räume
-(Spalten) verlieren, welche im Umfange der Follikel gelegen, aber gegen
-das Innere derselben nicht abgeschlossen sind. Auch besteht nach =Frey=
-durch Vermittelung dieser Sinus oder Lacunen eine offene Verbindung
-zwischen eintretenden und austretenden Lymphgefässen. Indess
-muss man gerade bei den Lymphdrüsen sehr vorsichtig sein, die
-comparativ-anatomischen Erfahrungen ohne Weiteres in die menschliche
-Anatomie zu übertragen. Bei manchen Säugethieren, namentlich beim Rind,
-sind die Randsinus allerdings ziemlich gross, und obwohl auch sie durch
-ein Reticulum durchzogen und keineswegs frei von Zellen sind, so mag
-immerhin ein freierer Durchgang durch die Drüse bestehen. Beim Menschen
-dagegen sind die Randsinus viel enger und nicht einmal constant
-vorhanden, so dass eine so scharfe Grenze zwischen den sogenannten
-Marksträngen und den Lymphbahnen, wie bei manchen Säugethieren, nicht zu
-erkennen ist.
-
-Jedenfalls kann darüber kein Zweifel bestehen, dass die Lymphe, indem
-sie sich durch die engen Spalten des Drüsengewebes hindurchzwängt, aus
-demselben einen Theil der Parenchymzellen ablöst und mit sich
-fortschwemmt. Die eintretende Lymphe ist verhältnissmässig arm an
-Zellen[67], die austretende dagegen sehr reich. Diese Zellen erscheinen
-zunächst in der Lymphe als =Lymphkörperchen=, im Chylus als
-=Chyluskörperchen=, später im Blute als =farblose Blutkörperchen=. Ueber
-diesen Zusammenhang besteht kaum noch ein Streit. Aber man darf die
-Identificirung nicht übertreiben, wie es jetzt so häufig geschieht. Auch
-die einzelne Epidermiszelle war einmal eine Zelle des Rete Malpighii;
-nichtsdestoweniger ist sie so sehr verändert, dass man sie nicht mehr
-eine Rete-Zelle nennen darf. Genau so verhält es sich auch hier. Wenn
-eine Lymphdrüsenzelle (Parenchymzelle) zu einem Lymphkörperchen
-(Flüssigkeitszelle) wird, so verändert sie sich, und wenn ein
-Lymphkörperchen zu einem farblosen Blutkörperchen wird, so verändert es
-sich wiederum, so dass ein Lymphdrüsenkörperchen von einem
-Lymphkörperchen und beide von einem farblosen Blutkörperchen regelmässig
-verschieden sind.
-
- [67] Gesammelte Abhandl. S. 214.
-
-Freilich gibt es Fälle, wo die Körperchen fast unverändert bleiben,
-trotzdem dass sie die Drüsen verlassen und in Lymphe und Blut übergehen.
-Schon bei einfacheren Reizungsvorgängen finden sich zuweilen Elemente in
-grosser Zahl im Blute (Fig. 66), welche viel mehr den Lymphkörperchen
-oder den Lymphdrüsenzellen gleichen, als den gewöhnlichen farblosen
-Blutkörperchen. Noch viel auffälliger ist dies bei der lymphatischen
-Leukämie (=Lymphämie=), und gerade deshalb ist diese so ausserordentlich
-lehrreich. Aber aus diesen Ausnahmefällen darf man nicht die Regel
-machen. Regel ist vielmehr, dass die Drüsenzelle, welche fortgeführt
-wird (auswandert?), ihre Eigenschaften ändert, und zwar um so mehr, je
-weiter sie im Strome der Lymphe und des Blutes fortgeführt wird. Daher
-ist es höchst bedenklich, die farblosen Blutkörperchen einfach
-Lymphkörperchen zu nennen; mit eben so viel Recht könnte man die
-Lymphdrüsenzellen farblose Blutkörperchen heissen.
-
-Die Parenchymzellen der Lymphdrüsen sind unter sich ziemlich
-verschieden. Sie kommen jedoch sämmtlich darin überein, dass sie
-verhältnissmässig grosse, granulirte, mit einem oder mehreren
-Kernkörperchen versehene Kerne haben. Diese Kerne sind ganz überwiegend
-einfach. Man sieht sie in den Zellen schon ohne besondere Zusätze, doch
-macht Essigsäure sie noch deutlicher. Ueberaus häufig findet man sie
-»nackt« (Fig. 71, _A_, _a_), ohne Zellkörper, denn der letztere ist sehr
-gebrechlicher Natur und wird bei der Präparation leicht zerdrückt oder
-aufgelöst. Bei vorsichtiger Behandlung findet man die Kerne von
-Zellkörpern umhüllt, doch sind diese oft so klein, dass sie nur schmale
-Säume um die Kerne darstellen (Fig. 71, _A_, _b_). Der Kern, wenngleich
-klein, erscheint dann =unverhältnissmässig gross= in der kleinen Zelle.
--- Diese Art von Elementen ist die vorherrschende. Daneben finden sich
-jedoch in allen Lymphdrüsen auch grössere, mit stärker entwickeltem
-Leibe, aber immer bleibt der Kern verhältnissmässig gross: =er wächst
-mit der Zelle= (Fig. 71, _B_, _c_).
-
-[Illustration: =Fig=. 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der
-Lymphdrüsen-Follikel. _A_. Die gewöhnlichen Elemente: _a_ nackte Kerne,
-mit und ohne Kernkörperchen, einfach und getheilt. _b_ Zellen mit
-kleineren und grösseren Kernen, die Membran dem Kern sehr eng anliegend.
-_B_. Vergrösserte Elemente aus einer hyperplastischen Bronchialdrüse bei
-variolöser Pneumonie (vgl. bei Fig. 64. die zugehörigen farblosen
-Blutkörperchen). _a_ grössere Zellen mit Körnern und einfachen Kernen.
-_b_ keulenförmige Zellen. _c_ grössere Zellen mit grösserem Kern und
-Kernkörperchen. _d_ Kerntheilung. _e_ keulenförmige Zellen in dichter
-Aneinanderlagerung (Zellentheilung?). _C_ Zellen mit endogener Brut.
-Vergr. 300.]
-
-Nur diese letztere Form stimmt einigermaassen mit den Zellen der Lymphe
-überein. Denn auch diese sind verhältnissmässig grosse, überwiegend
-einkernige Zellen, deren grosser körniger Kern einen oder mehrere
-Nucleoli zeigt. Aber der Zellkörper ist meist umfangreicher, und er hat
-so sehr an Dichtigkeit gewonnen, dass die Kerne undeutlicher werden.
-Noch viel mehr ist dies der Fall bei den farblosen Blutkörperchen, deren
-dichter, stark granulirter Körper die Kerne ganz verhüllt, so dass erst
-durch Reagentien oder durch Wasserimbibition dieselben sichtbar gemacht
-werden müssen. Werden sie aber sichtbar, so sind sie =mehrfach=, in der
-Regel 3-7 an der Zahl, =glatt= und =gänzlich ohne Kernkörperchen=. Was
-nach Einwirkung von Essigsäure zuweilen als ein Kernkörperchen
-erscheint, das erweist sich bei stärkerer Vergrösserung als eine =kleine
-Delle an der Kernoberfläche= (Fig. 72, _A c_ u. _e_, _B b_ u. _c_).
-
-Ich verstehe daher in der That nicht, wie selbst sehr geübte Beobachter
-in der neueren Zeit alle diese Zellen einfach »identificiren«. Wie
-sollte man denn Eiter in einer Lymphdrüse erkennen, wenn die
-Parenchymzellen derselben mit farblosen Blutkörperchen identisch wären?
-Das farblose Blutkörperchen war einmal eine Lymphdrüsenzelle, aber es
-hat vollständig aufgehört, dies zu sein, nachdem es sich eben zu einem
-Blutkörperchen =entwickelt= hat, nachdem sein Kern sich getheilt und
-wesentlich verändert, sein Körper sich vergrössert und verdichtet hat.
-Ja, ich finde es so sehr verändert, dass ich leichter begreife, wenn
-jemand seine Abstammung aus der Drüse bezweifelt. Wenn ich trotzdem
-daran festhalte, dass das Drüsenparenchym die Matrix der farblosen
-Blutkörperchen ist, so geschieht es im Hinblick auf die Erscheinungen,
-welche eine gereizte Drüse darbietet. Hier zeigen sich auch im
-Drüsenparenchym nicht nur vergrösserte Zellen, sondern man sieht auch
-fortschreitende Kern- und Zellentheilungen (Fig. 71, _B_, _d_, _e_).
-Zuweilen kommen vielkernige Zellen vor und einzelne Erscheinungen
-scheinen für endogene Neubildung (Fig. 71, _C_) zu sprechen. Mit
-zunehmender Reizung werden diese Vorgänge immer deutlicher. Je mehr die
-Drüsen sich vergrössern, um so zahlreicher werden die zelligen Elemente,
-welche in das Blut übergehen, um so grösser und um so mehr entwickelt
-pflegen auch die einzelnen farblosen Zellen des Blutes selbst zu sein.
-
-Dasselbe Verhältniss scheint bei der =Milz= obzuwalten. Ursprünglich
-haben wir uns Alle gedacht, dass die Venen die Wege darstellten, auf
-welchen die farblosen Körper die Milz verlassen, allein die Verhältnisse
-sind hier so schwierig, dass eine bestimmte Aussage kaum gemacht werden
-kann. Nach den Untersuchungen von =Wilhelm Müller= scheint es, dass
-ähnliche Unterbrechungen, wie man sie von der Wand der Milzvenen mancher
-Säugethiere schon länger kennt, auch in den Milzcapillaren vorkommen,
-und dass die Wand der letzteren ebenfalls eine siebförmige
-Beschaffenheit annimmt, welche den Zugang zu einem wandungslosen Systeme
-von Capillarspalten innerhalb der Pulpa gestattet. Hier würde demnach
-das Blut in einen unmittelbaren Contakt mit den Zellen der Pulpa kommen,
-und erst, nachdem es dieses »intermediäre« Kanalnetz passirt hat, in die
-gleichfalls siebförmigen Anfänge der Venen übertreten. Unter solchen
-Verhältnissen, wie ich sie schon vor Jahren eingehend erörtert habe[68],
-würde allerdings auch der Uebergang von Pulpazellen in den Blutstrom
-keine Schwierigkeit haben. Andererseits kennt man sowohl an der Capsel
-der Milz, als an den Gefässscheiden im Innern derselben Lymphgefässe,
-und es ist daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch auf
-diesem Wege Milzelemente den circulirenden Säften zugeführt werden.
-Indess lässt sich nicht verkennen, dass die Beschaffenheit der Zellen in
-der lienalen Leukämie (=Splenämie=) mehr für die Abstammung derselben
-aus der Pulpa und demnach für ihre Einwanderung in die Blutgefässe
-spricht. Denn in der Pulpa selbst sind überhaupt keine Lymphgefässe
-bekannt.
-
- [68] Archiv 1848. II. 595. 1853. V. 122.
-
-Dabei ist jedoch eine erhebliche Schwierigkeit nicht zu verschweigen.
-Die Pulpazellen sind überwiegend grössere, mit einem einfachen,
-granulirten Kern und Kernkörperchen versehene Elemente, wie sie selbst
-in der Milzvene nicht die Mehrheit bilden. Wenngleich diese Zellen den
-Lymphkörperchen näher stehen, so fehlt ihnen doch die Zeit, sich in
-farblose Blutkörperchen umzubilden, da sie direkt in das Blut übergehen
-müssten, während die Lymphkörperchen einen verhältnissmässig langen Weg
-bis zum Blute zu durchlaufen haben. Es müsste also die Umbildung schon
-in der Milz selbst geschehen. Vorläufig lässt sich darüber ebenso wenig
-ein sicheres Urtheil abgeben, wie über die Frage, =wo für gewöhnlich die
-Umbildung der farblosen Körperchen in rothe geschehe=?
-
-Dass eine solche geschieht, wissen wir aus der Geschichte des Blutes bei
-niederen Wirbelthieren und beim menschlichen Embryo, sowie aus einzelnen
-Beobachtungen beim erwachsenen Menschen. Der Zellkörper (Zelleninhalt)
-farbloser Kernzellen wandelt sich nach und nach in die rothe
-Hämoglobinsubstanz um, und der Kern verschwindet. Aber dies geschieht
-regelmässig an einkernigen Elementen, und daher habe ich von Anfang an
-den Satz vertheidigt, dass die mehrkernigen farblosen Blutkörperchen zu
-einer solchen Umwandlung nicht bestimmt seien, dass sie vielmehr
-indifferente Gebilde darstellen, welche zum Untergange bestimmt
-sind[69]. In der That habe ich schon in meinem ersten Falle von Leukämie
-an ihnen Fettmetamorphose deutlich beobachtet[70], und =Reinhardt= hat
-diesen Vorgang bestätigt[71]. Die eigenthümlich rothe Farbe der
-Milzpulpa und die Eigenschaft des Lymphdrüsenparenchyms, an der Luft
-eine bräunlichrothe Farbe anzunehmen, sind mir als Anzeichen dafür
-erschienen, dass diese Organe auch zu der Erzeugung des Blutfarbstoffes
-in einem näheren Verhältnisse stehen müssten.
-
- [69] Gesammelte Abhandlungen. S. 217.
-
- [70] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. Nov. No. 780.
-
- [71] Archiv 1847. I. 65.
-
-Durch die neueren Untersuchungen von =Neumann=, =Bizzozero= und
-=Waldeyer= ist die Aufmerksamkeit noch auf einen dritten Ort, das
-=Knochenmark=, gelenkt worden, welchem ähnliche Beziehungen zur
-Blutbildung zugeschrieben wurden. In der That zeigt das rothe
-Knochenmark neben ungewöhnlich grossen venösen Gefässen zahlreiche
-Rundzellen, unter denen neben überwiegend einkernigen auch nicht selten
-mehrkernige gesehen werden. Dass unter gewissen Umständen auch von hier
-aus eine Zufuhr zum Blute geschehen mag, ist nicht unwahrscheinlich.
-Indess scheint mir eine regelmässige Beziehung um so weniger
-wahrscheinlich, als beim Erwachsenen, wo gerade am meisten ein
-Bedürfniss zu solcher Einfuhr vorliegt, das Mark der meisten Knochen in
-Fettgewebe übergeht, und nur gewisse Abschnitte der Spongiosa sich in
-dem früheren, kleinzelligen Zustande erhalten.
-
-Ungleich bedeutungsvoller dagegen könnte das Verhältniss der
-=Lymphgefässe= zu den Geweben auch für diese Frage werden. Bei manchen
-Thieren, und gerade bei unserem gewöhnlichen Versuchsthiere, dem
-Frosche, fehlen Lymphdrüsen eigentlich gänzlich, und wenn man forscht,
-woher hier die farblosen Blutkörperchen stammen, so kommt man leicht auf
-dieselbe Antwort, die wir für das Fibrin gegeben haben, nehmlich dass
-das Gewebe selbst und zwar vorwiegend das Bindegewebe und seine
-Aequivalente die Quelle enthalte. Alsbald, nachdem ich die
-Bindegewebskörperchen nachgewiesen hatte, sprach ich die Meinung aus,
-dass dieselben mit den Anfängen der Lymphgefässe in ähnlicher Weise
-zusammenhängen, wie die Lymphdrüsen[72], und bald nachher wies ich in
-einem Falle von congenitaler Makroglossie[73] unmittelbare Uebergänge
-von Wucherungsheerden der Bindegewebskörperchen zu grossen Lymphgefässen
-nach. Die schönen Untersuchungen v. =Recklinghausen='s haben diesen
-Zusammenhang für zahlreiche Orte des Körpers dargethan, nur dass nach
-der Ansicht dieses Forschers nicht die Bindegewebskörperchen selbst,
-sondern nur die von ihnen eingenommenen Räume und Kanälchen in offener
-Verbindung mit den Lymphgefässen stehen, -- eine Differenz, welche mit
-der früher erörterten Frage zusammenhängt, ob die Wandungen der Höhlen,
-in welchen sich die Bindegewebskörperchen befinden, zu den in ihnen
-enthaltenen Zellen gehören, oder nicht (S. 139). Die Beobachtungen
-=Chrzonszczewski='s über die Füllung der Bindegewebskörperchen und der
-Lymphgefässe von Hühnern, denen die Ureteren unterbunden sind, mit
-harnsauren Salzen, selbst die Erfahrungen von =Köster= über den
-Nabelstrang sprechen sehr zu Gunsten meiner Auffassung, indess will ich
-dieselbe hier nicht betonen, da es für die Untersuchung über den
-Ursprung der Lymphe nicht von entscheidender Bedeutung ist, zu welcher
-von beiden Meinungen man sich bekennt. Besteht überhaupt ein
-unmittelbarer Zusammenhang, so ist auch eine Ueberwanderung der
-Bindegewebskörperchen oder ihrer Tochterzellen in den Lymphstrom
-zulässig.
-
- [72] Würzb. Verhandl. 1855. II. 150, 314. Gesammelte Abhandl. S. 136.
-
- [73] Archiv VII. 132.
-
-Die grösseren Lymphgefässe, welche eigentlich so genannt werden,
-bestehen, wie die Blutgefässe, aus mehreren Häuten, einer
-bindegewebigen, mit elastischen Theilen stark durchsetzten Intima, einer
-muskulösen Media und einer gleichfalls bindegewebigen Adventitia. Die
-innere Oberfläche ist von einem feinen Plattenepithel überzogen. Die
-Lymphgefässe sind daher in hohem Maasse contraktil. Bei Versuchen an dem
-Körper eines Hingerichteten, die ich mit =Kölliker= anstellte[74],
-fanden wir, dass sich auf elektrische Reizung peripherische Lymphgefässe
-bis zum Verschwinden ihres Lumens, und zwar auf lange Zeit
-zusammenzogen. Bei dem Reichthum dieser Lymphgefässe an Klappen kann
-solchen Contractionen, wie denen gewisser Venen, allerdings ein
-propulsorischer Einfluss auf den Flüssigkeitsstrom zugesprochen werden.
-
- [74] Zeitschrift für wiss. Zoologie. 1851. III. 40.
-
-Verfolgt man die Lymphgefässe gegen die Peripherie, so kommt man zu
-Verästelungen, welche immer enger werden und schliesslich nur noch
-mikroskopisch erkannt werden können. Von ihnen sind am längsten das
-centrale Chylusgefäss der Darmzotten und die kleinen Lymphwurzeln im
-Schwanze der Froschlarve bekannt. Erst durch v. =Recklinghausen= ist in
-zahlreichen Theilen ein reiches Netz von Lymphbahnen entdeckt worden,
-welches gar keine andere Wand mehr hat, als ein überaus dünnes und
-durchsichtiges Plattenepithel, das nur durch künstliche Färbungen, am
-besten durch Silbernitrat, sichtbar gemacht werden kann. Gerade in
-bindegewebigen Theilen, und zwar sowohl im weichen, namentlich
-interstitiellen Bindegewebe, als auch in harten, sehnigen und
-aponeurotischen Theilen bildet dasselbe zum Theil sehr weite und
-zahlreiche Canäle von grosser Unregelmässigkeit und Veränderlichkeit der
-Wandungen. Diese =lymphatischen Capillaren= sind es, welche mit dem
-Röhrensystem des Bindegewebes und seiner Aequivalente in offener
-Verbindung stehen und daher für die Abfuhr der Produkte des Bindegewebes
-die natürlichen Wege darstellen.
-
-Gewiss ist es daher unrichtig, wenn man in der Lymphe nur den für die
-Ernährung der Gewebe unbrauchbaren oder wenigstens unbenutzten Rest der
-aus den Blutcapillaren transsudirenden Ernährungssäfte sieht.
-Lymphgefässe sind an manchen Theilen, welche sehr arm an Blutgefässen
-sind, überaus reichlich, und umgekehrt an manchen Theilen, welche dicht
-voll von Blutgefässen stecken, sehr spärlich. Ist die Lymphe, wie der
-Chylus, der ja doch nur eine modificirte Lymphe darstellt, eine zur
-Bildung und zur Regeneration des Blutes dienende Flüssigkeit, so lässt
-sich auch erwarten, dass gerade das Bindegewebe, welches überwiegend die
-Wurzeln der Lymphgefässe und daher die Quellen der Lymphe enthält, einen
-entscheidenden Einfluss darauf ausübt, und man darf in dem Bestreben,
-das blosse Communications-Verhältniss der verschiedenen Röhrensysteme
-festzustellen, nicht übersehen, dass ohne die in demselben befindlichen
-Zellen diese Röhrensysteme keine Bedeutung mehr haben würden. In den
-letzten Jahren hat man in der Lymphe immer mehr eine =recrementitielle=
-Flüssigkeit gesehen, welche die verbrauchten Stoffe in die allgemeine
-Blutbahn überführt, damit sie von da durch die Secretionsorgane
-ausgeschieden werden; es ist Zeit, dass wir wenigstens zum Theil zu der
-Auffassung =Hewson='s von der =plastischen= Natur der Lymphe
-zurückkehren.
-
-
-
-
- Zehntes Capitel.
-
- Pyämie und Leukocytose.
-
-
- Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die
- physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation,
- käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose, milchige
- Umwandlung). Intravasation von Eiter.
-
- Eiter in Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen.
- Mechanische Trennung (Filtration): Tättowirungsfarben. Mögliches
- Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung (Attraction):
- Krebs, Syphilis. Die Heizung der Lymphdrüsen und ihre Bedeutung für
- die Leukocytose.
-
- Die (physiologische) digestive und puerperale Leukocytose. Die
- pathologische Leukocytose (Scrofulose, Typhus, Krebs, Erysipel).
-
- Die lymphoiden Apparate: solitäre und Peyersche Follikel des Darms.
- Tonsillen und Zungenfollikel. Thymus. Milz.
-
- Völlige Zurückweisung der Pyämie als morphologisch nachweisbarer
- Dyscrasie.
-
-An die Erwägungen des vorigen Capitels schliesst sich mit eindringlicher
-Nothwendigkeit die Frage von der =Pyämie= an, und da dies nicht bloss
-ein Gegenstand von der grössten praktischen Bedeutung ist, sondern
-derselbe auch zu den wissenschaftlich am meisten streitigen zu rechnen
-ist, so dürfte es wohl gerechtfertigt sein, näher auf seine Besprechung
-einzugehen.
-
-Was soll man unter Pyämie verstehen? In der Regel hat man sich gedacht,
-es sei dies ein Zustand, wo das Blut Eiter enthalte. Man hat ihn daher
-auch geradezu =purulente Infection= oder =Eitervergiftung= genannt. Da
-aber der Eiter wesentlich durch seine morphologischen Bestandtheile
-charakterisirt wird, so handelte es sich natürlich darum, im Blute die
-Eiterkörperchen zu zeigen. Das hat man denn auch redlich versucht, und
-mancher Beobachter glaubte es geleistet zu haben. Nachdem wir jedoch
-erfahren haben, dass die farblosen Blutkörperchen in ihrer gewöhnlichen
-Erscheinung, bei Leuten im besten Gesundheitszustande, den
-Eiterkörperchen ganz ähnlich sind (S. 183), so fällt damit von
-vornherein eine wesentliche Voraussetzung dieser Nachweise weg. Um
-indess einigermaassen Klarheit in den Gegenstand zu bringen, ist es
-nothwendig, auf die verschiedenen Gesichtspunkte, welche hierbei in
-Betracht kommen, im Einzelnen einzugehen.
-
-Die farblosen Blutkörperchen sind zum Verwechseln den Eiterkörperchen
-ähnlich, so dass, wenn man in einem mikroskopischen Objecte solche
-Elemente antrifft, man nie ohne Weiteres mit Sicherheit angeben kann, ob
-man es mit farblosen Blutkörperchen oder mit Eiterkörperchen zu thun
-hat[75]. Früherhin hatte man vielfach die Ansicht, dass die
-Bestandtheile des Eiters im Blute präexistirten, dass der Eiter nur eine
-Art von Secret aus dem Blute sei, wie etwa der Harn, und dass er auch,
-wie eine einfache Flüssigkeit, in das Blut zurückkehren könne. Diese
-Ansicht erklärt die Auffassung, welche in der Lehre von der sogenannten
-=physiologischen Eiterresorption=, d. h. der Resorption von Eiter zum
-Zwecke der Heilung, sich so lange erhalten hat.
-
- [75] Archiv I. 242. Gesammelte Abhandl. 161, 223, 645.
-
-Man stellte sich vor, dass der Eiter von einzelnen Punkten her, an
-welchen er abgelagert war, wieder in das Blut aufgenommen werden könne,
-und dass dadurch eine günstige Wendung in der Krankheit eintrete,
-insofern der aufgenommene Eiter endlich aus dem Körper entfernt werde.
-Man erzählte, dass bei Kranken mit Eiter im Pleurasacke die Krankheit
-sich durch eiterigen Harn oder eiterigen Stuhlgang entscheiden könne,
-ohne dass ein Durchbruch des Eiters von der Pleura her in den Darm oder
-die Harnwege vorhergegangen sei. Man liess also die Möglichkeit zu, dass
-durch die circulirenden Flüssigkeiten Eiter in Substanz aufgenommen und
-weggeführt werden könnte. Späterhin, als die Lehre von der purulenten
-Infection mehr und mehr aufkam, hat man diesen (vorausgesetzten) Fall
-unter dem Namen der physiologischen Eiterresorption von der
-pathologischen unterschieden, und es blieb nur fraglich, wie man die
-erstere in ihrem günstigen und die letztere in ihrem malignen Verlaufe
-sich erklären sollte. Diese Angelegenheit erledigt sich einfach dadurch,
-dass =Eiter als Eiter nie resorbirt wird=. Es gibt keine Form, in der
-Eiter in Substanz auf dem Wege der Resorption verschwinden könnte;
-immer sind es die flüssigen Theile des Eiters, welche aufgenommen
-werden, und daher lässt sich dasjenige, was man Eiterresorption nennt,
-auf folgende zwei Möglichkeiten zurückführen:
-
-Im einen Falle ist der Eiter mit seinen Körperchen zur Zeit der
-Resorption mehr oder weniger intact vorhanden. Dann wird natürlich in
-dem Maasse, als Flüssigkeit verschwindet, der Eiter dicker werden. Es
-ist dies die allbekannte =Eindickung= (=Inspissation=) des Eiters,
-wodurch dasjenige erzeugt wird, was die Franzosen »pus concret«
-nennen[76]. Dieses stellt eine dicke Masse dar, welche die
-Eiterkörperchen in einem geschrumpften Zustande enthält, nachdem nicht
-bloss die Flüssigkeit zwischen den Eiterkörperchen (das Eiterserum),
-sondern auch ein Theil der Flüssigkeit, die sich in den Eiterkörperchen
-befand, verschwunden ist.
-
- [76] Archiv I. 175, 181.
-
-[Illustration: =Fig=. 72. Eiter. _A_. Eiterkörperchen, _a_ frisch, _b_
-mit etwas Wasserzusatz, _c_-_e_ nach Essigsäure-Behandlung, der Inhalt
-klar geworden, die in der Theilung begriffenen oder schon getheilten
-Kerne sichtbar, bei _e_ mit leichter Depression der Oberfläche. _B_.
-Kerne der Eiterkörperchen bei Gonorrhoe: _a_ einfacher Kern mit
-Kernkörperchen, _b_ beginnende Theilung, Depression des Kerns, _c_
-fortschreitende Zweitheilung, _d_ Dreitheilung. _C_. Eiterkörperchen in
-dem natürlichen Lagerungsverhältniss zu einander. Vergr. 500.]
-
-Der Eiter besteht seinem Haupttheile nach aus kleinen, farblosen
-Rundzellen, welche im gewöhnlichen Zustande eine dicht an der anderen
-liegen (Fig. 72, _C_.) und zwischen welchen sich eine geringe Masse von
-Intercellularflüssigkeit (=Eiterserum=) befindet. Die Eiterkörperchen
-selbst enthalten gleichfalls eine grosse Menge von Wasser und sind
-deshalb von sehr geringem, specifischem Gewichte; fast jeder Eiter, mag
-er auch im frischen Zustande sehr dick aussehen, hat doch einen so
-grossen Antheil von Wasser, dass er bei der Eindampfung viel mehr
-verliert, als eine entsprechende Quantität von Blut. Letzteres macht nur
-deshalb den Eindruck der grösseren Wässrigkeit, weil es sehr viel freie
-intercellulare, aber relativ wenig intracellulare Flüssigkeit besitzt,
-während umgekehrt beim Eiter mehr Wasser innerhalb der Zellen, weniger
-ausserhalb derselben befindlich ist. Wenn nun eine Resorption
-stattfindet, so verschwindet zunächst der grösste Theil der
-intercellularen Flüssigkeit und die Eiterkörperchen rücken näher
-aneinander; bald verschwindet aber auch ein Theil der Flüssigkeit aus
-den Zellen selbst, und in demselben Maasse werden diese kleiner,
-unregelmässiger, eckiger, höckriger, bekommen die allersonderbarsten
-Formen, liegen dicht aneinander gedrängt, brechen das Licht stärker,
-weil sie mehr feste Substanz enthalten, und sehen gleichmässiger aus
-(Fig. 73).
-
-[Illustration: =Fig=. 73. Eingedickter, käsiger Eiter. _a_ die
-geschrumpften, verkleinerten, etwas verzerrten und mehr homogen und
-solid aussehenden Körperchen. _b_ ähnliche mit Fettkörnchen. _c_
-natürliches Lagerungsverhältniss zu einander. Vergröss. 300.]
-
-Diese Art der Eindickung ist keineswegs ein so seltener Vorgang, wie man
-oft annimmt, sondern im Gegentheil ausserordentlich häufig, und fast
-noch mehr wichtig als häufig. Es ist dies nehmlich einer von den
-Vorgängen, die man in der neueren Zeit alle unter den Begriff des
-Tuberkels subsumirt hat, und von denen namentlich durch =Reinhardt=
-gezeigt ist, dass sie zu einem sehr beträchtlichen Theile wirklich auf
-Eiter, also auf Entzündungsproduct zurückzuführen sind. Späterhin werden
-wir sehen, dass diese Erfahrungen zu falschen Schlüssen über den
-Tuberkel selbst verwerthet worden sind; aber dass durch Inspissation
-Entzündungsproducte in Dinge, die man, wenn auch fälschlich, Tuberkel
-nennt, umgewandelt werden können, ist unzweifelhaft. Gerade in der
-Geschichte der Lungentuberculose spielt dieser Act eine sehr grosse
-Rolle. Man denke sich die Lungenalveolen mit Eiter vollgestopft und
-lasse nun Alveole für Alveole die Inspissation ihres Inhaltes eingehen,
-so bekommt man jene käsigen Hepatisationen, welche man gewöhnlich unter
-dem Namen der =Tuberkel-Infiltration= schildert.
-
-Diese unvollständige Resorption, wo nur die flüssigen Bestandtheile
-resorbirt werden, lässt die Masse der festen Bestandtheile als Caput
-mortuum, als abgestorbene, nicht mehr lebensfähige Masse in dem Theile
-liegen[77]. Ich habe daher dem Vorgange den Namen der =käsigen
-Metamorphose= (Tyrosis) beigelegt. Eine solche Art von Eindickung ist
-es, welche in grossem Maassstabe bei der unvollständigen Resorption
-pleuritischer Exsudate eintritt, wo sehr grosse Lager von bröckliger
-Substanz im Pleurasacke zurückbleiben; ebenso im Umfange der Wirbelsäule
-bei Spondylarthrocace, in kalten, zumal parostealen Abscessen u. s. w.
-In allen diesen Fällen ist die Resorption, sobald die Flüssigkeit
-verschwunden ist, zu Ende. Darin beruht die schlimme Bedeutung dieser
-Vorgänge. Die festen Theile, welche nicht resorbirt werden, bleiben
-entweder als solche liegen, oder sie können später erweichen, werden
-aber dann gewöhnlich nicht mehr Object der Resorption, sondern es geht
-meist aus ihnen eine Ulceration hervor. Auf alle Fälle ist das, was
-resorbirt wurde, kein Eiter, sondern eine einfache Flüssigkeit, welche
-überwiegend viel Wasser, etwas Salze und sehr wenig eiweissartige
-Bestandtheile enthalten mag, und es kann kein Zweifel sein, dass hier
-eine der unvollständigsten Formen der Resorption vorliegt.
-
- [77] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 282-284. Archiv XXXIV. 69.
- Geschwülste II. 593.
-
-[Illustration: =Fig=. 74. Eingedickter, zum Theil in der Auflösung
-begriffener, hämorrhagischer Eiter aus Empyem. _a_ die natürliche Masse,
-körnigen Detritus, geschrumpfte Eiter- und Blutkörperchen enthaltend.
-_b_ dieselbe Masse, mit Wasser behandelt; einzelne körnige, entfärbte
-Blutkörperchen sind deutlich geworden. _c_ und _d_ nach Zusatz von
-Essigsäure. Vergr. 300, bei _d_ 520.]
-
-Die zweite Form von Eiterresorption ist diejenige, welche den
-günstigsten Fall constituirt, wo der Eiter wirklich verschwindet und
-nichts Wesentliches von ihm übrig bleibt. Aber auch hier wird der Eiter
-nicht als Eiter resorbirt, sondern er macht vorher eine fettige
-Metamorphose durch; jede einzelne Zelle lässt fettige Theile in sich
-frei werden, zerfällt, und zuletzt bleibt nichts weiter übrig, als die
-Fettkörner und die Zwischenflüssigkeit. Dann ist also überhaupt keine
-Zelle und kein Eiter mehr vorhanden; an ihre Stelle ist eine emulsive
-Masse, eine Art von Milch getreten, welche aus Wasser, etwas
-eiweissartigen Stoffen und Fett besteht, und in welcher man sogar
-mehrfach Zucker nachgewiesen hat, so dass dadurch eine noch grössere
-Analogie mit wirklicher Milch entsteht. Diese =pathologische Milch= ist
-es, welche nachher zur Resorption gelangt, also wieder kein Eiter,
-sondern Fett, Wasser oder Salze[78].
-
- [78] Archiv I. 182.
-
-[Illustration: =Fig=. 75. In der fettigen Rückbildung (Fettmetamorphose)
-begriffener Eiter. _a_ beginnende Metamorphose. _b_ Fettkörnchenzellen
-mit noch deutlichen Kernen. _c_ Körnchenkugel (Entzündungskugel). _d_
-Zerfall der Kugel. _e_ Emulsion, milchiger Detritus. Vergr. 350.]
-
-Das sind die Vorgänge, welche man »physiologische Eiterresorption«
-nennen kann, eine Resorption, wo nicht Eiter als solcher resorbirt wird,
-sondern entweder nur seine flüssigen Bestandtheile, oder die durch eine
-innere Umwandlung bedeutend veränderte Substanz.
-
-Es gibt nun allerdings einen Fall, wo Eiter in Substanz das Object nicht
-gerade einer Resorption, aber wenigstens einer =Intravasation= werden
-und wo dieser intravasirte Eiter innerhalb der Gefässe fortbewegt werden
-kann, der nehmlich, wo ein Blutgefäss verletzt oder durchbrochen wird,
-und durch die Oeffnung Eiter in sein Inneres gelangt. Es kann ein
-Abscess an einer Vene liegen, die Wand derselben durchbrechen, und
-seinen Inhalt in ihre Lichtung entleeren[79]. Noch leichter geschieht
-ein solcher Uebergang an Lymphgefässen, welche in offene Abscesse
-münden. Es fragt sich also nur, in wieweit man berechtigt ist, diesen
-Fall als einen häufigen zu setzen. Für die Venen hat man seit Decennien
-diese Möglichkeit ziemlich beschränkt; von einer Resorption des Eiters
-in Substanz durch dieselben ist man mehr und mehr zurückgekommen, aber
-von der Resorption durch Lymphgefässe spricht man noch ziemlich häufig,
-und man hat in der That manche Veranlassung dazu.
-
- [79] Gesammelte Abhandl. 666.
-
-Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob der Eiter in Lymphgefässe
-wirklich von aussen hereinkommt, oder, was Andere annehmen, ob er durch
-Entzündung in den Lymphgefässen entsteht; schliesslich ist die Frage
-immer die, in wie weit ein mit Eiter gefülltes Lymphgefäss im Stande
-ist, eine Entleerung seines Inhaltes in den circulirenden Blutstrom zu
-Stande zu bringen und die eigentliche Pyämie zu setzen. Eine solche
-Möglichkeit muss in der Regel geleugnet werden, und zwar aus einem sehr
-einfachen Grunde. Alle Lymphgefässe, welche in der Lage sind, eine
-solche Aufnahme zu erfahren, sind peripherische, mögen sie von
-äusserlichen oder innerlichen Theilen entspringen, und sie gelangen erst
-nach einem längeren Laufe allmählich zu den Blutgefässen. Bei allen
-finden sich Unterbrechungen durch Lymphdrüsen; und seitdem man weiss,
-dass die Lymphgefässe durch die Drüsen nicht als weite, gewundene und
-verschlungene Kanäle hindurchgehen (S. 208), sondern, nachdem sie sich
-in feine Aeste aufgelöst haben, in Räume eintreten, welche zum grossen
-Theil mit zelligen Elementen gefüllt sind, so ist es an sich fraglich,
-ob Eiterkörperchen eine Lymphdrüse passiren können.
-
-Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt, und doch übersieht man ihn
-sonderbarer Weise gewöhnlich, obwohl die tägliche Erfahrung des
-praktischen Arztes Material genug zu seiner Erledigung bietet. =Frey=
-glaubt neuerlichst nach den Resultaten künstlicher Injectionen
-schliessen zu können, dass auch Zellen durch die Lymphdrüsen hindurch
-fliessen könnten. Indess stimmt dies wenig mit der Erfahrung am
-Lebenden, welche vielmehr eine Hemmung körperlicher Partikeln in den
-Lymphdrüsen lehrt. Wir haben ein sehr hübsches Experiment in der Sitte
-unserer niederen Bevölkerung, sich die Arme oder auch wohl andere Theile
-tättowiren zu lassen. Wenn ein Handwerker oder ein Soldat auf seinen Arm
-eine Reihe von Einstichen machen lässt, die zu Buchstaben, Zeichen oder
-Figuren geordnet werden, so wird fast jedesmal bei der grossen Zahl der
-Stiche ein Theil der oberflächlichen Lymphgefässe verletzt. Es ist ja
-gar nicht anders möglich, als dass, wenn man durch Nadelstiche ganze
-Hautbezirke umgrenzt, wenigstens einzelne Lymphgefässe getroffen werden.
-Darauf wird eine Substanz eingeschmiert, welche in der Körperflüssigkeit
-unlöslich ist, Zinnober, Kohlenpulver oder dergl., und welche, indem sie
-in den Theilen liegen bleibt, eine dauerhafte Färbung derselben bedingt.
-Allein bei dem Einstreichen gelangt ein gewisser Theil der Partikelchen
-in Lymphgefässe, wird trotz seiner Schwere vom Lymphstrome fortbewegt
-und gelangt bis zu den nächsten Lymphdrüsen wo er abfiltrirt wird. Man
-sieht nie, dass sich Partikeln bis über die Lymphdrüsen hinaus bewegen
-und an entferntere Punkte gelangen, dass sie sich etwa im Parenchym
-innerer Organe ablagern. Immer in der nächsten Drüsenreihe und zwar in
-der den eintretenden Lymphgefässen zugewendeten Rindenschicht derselben
-bleibt die Masse stecken. Untersucht man die infiltrirten Drüsen, so
-überzeugt man sich leicht, dass die Grösse vieler der abgelagerten
-Partikelchen geringer ist, als die Grösse auch des kleinsten
-Eiterkörperchens.
-
-[Illustration: =Fig=. 76. Durchschnitt durch die Rinde einer
-Axillardrüse bei Tättowirung der Haut des Arms. Man sieht von der Rinde
-her ein grosses eintretendes Gefäss, das sich leicht schlängelt und in
-feine Aeste auflöst. Ringsumher Follikel, die grossentheils mit
-Bindegewebe gefüllt sind. Die dunkle feinkörnige Masse stellt den
-abgelagerten Zinnober dar. Vergr. 80.]
-
-In dem Object, nach welchem die beigegebene Zeichnung (Fig. 76)
-angefertigt wurde, ist zufälliger Weise der Punkt getroffen, wo das
-Lymphgefäss in die Drüse eintritt, und von wo es zunächst innerhalb der
-Bindegewebsbalken, welche sich von der Capsel aus zwischen die Follikel
-erstrecken, schraubenförmig fortgeht, um sich in seine Aeste aufzulösen.
-Da, wo diese in die benachbarten, hier freilich zum grossen Theile mit
-Bindegewebe erfüllten (indurirten) Follikel übergehen, haben sie die
-ganze Masse des Zinnobers ausgeschüttet, so dass dieser noch zum Theil
-innerhalb der Zwischenbalken (Trabekel) liegt, zum Theil jedoch in die
-Follikel selbst eingedrungen ist. Das Präparat stammt von dem Arme eines
-Soldaten, der sich 1809 die Figuren hatte einreiben lassen, und dessen
-Tod fast 50 Jahre später erfolgt ist. Weiter als bis in die äussersten
-Rindenschichten ist nichts gekommen; schon die nächste Follikelreihe
-enthält nichts mehr. Die Partikelchen sind aber so klein und der
-Mehrzahl nach im Verhältnisse zu den Zellen der Drüse so fein, dass sie
-mit Eiterkörperchen gar nicht verglichen werden können. Wo solche
-Körnchen nicht durchgehen, wo so minimale Partikelchen eine Verstopfung
-machen, da würde es etwas kühn sein, zu denken, dass die relativ grossen
-Eiterkörperchen durchkommen könnten.
-
-[Illustration: =Fig=. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Armes,
-gefüllte Reticulum aus einer Axillardrüse (Fig. 76). _a_ ein Theil eines
-interfolliculären Balkens mit einem Lymphgefässe; _b_, ein in den
-Follikel tretender stärkerer Ast; _c_, _c_ die anastomosirenden,
-kernhaltigen Netze; die dunklen Körner sind Zinnoberpartikelchen. Vergr.
-300.]
-
-Allerdings kann man sich noch auf eine Eigenschaft der Eiterkörperchen
-berufen, auf welche zuerst v. =Recklinghausen= die allgemeine
-Aufmerksamkeit gerichtet hat; ich meine ihre Fähigkeit zu Gestalt- und
-Ortsveränderungen. Man kann die Möglichkeit nicht bestreiten, dass eine
-Zelle, welche feine Fortsätze aussenden und allmählich ihren ganzen
-Körper in diese Fortsätze nachziehen kann, sich durch so feine
-Oeffnungen hindurchzwängen mag, dass sie in ihrer gewöhnlichen Gestalt,
-bei ihrem gewöhnlichen Durchmesser immer von denselben angehalten werden
-würde. Und so könnte ein »contraktiles« Eiterkörperchen aus dem Gewebe
-in ein Lymphgefäss kriechen, mit der Lymphe in eine Lymphdrüse geflösst
-werden und hier durch die engen Spalten hindurchkriechen, um in dem
-austretenden Lymphgefässe wieder zum Vorschein zu kommen. Das ist
-denkbar, aber die Erfahrung spricht dagegen. Die Lymphdrüsen filtriren
-die Eiterkörperchen ab.
-
-Eine Einrichtung dieser Art, wodurch in den Lymphdrüsen der offene Strom
-der Flüssigkeit unterbrochen und die gröberen Partikelchen in einer ganz
-mechanischen Weise zurückgehalten werden, lässt begreiflicher Weise
-nicht leicht eine andere Form der Lymphresorption von der Peripherie her
-zu, als die von einfachen Flüssigkeiten. Freilich würde man falsch
-gehen, wenn man die Thätigkeit der Lymphdrüsen darauf beschränken
-wollte, dass sie, wie Filtren, zwischen die Abschnitte der Lymphgefässe
-eingeschoben sind. Offenbar haben sie noch eine andere Bedeutung, indem
-die Drüsensubstanz unzweifelhaft von der flüssigen Masse der Lymphe
-gewisse Bestandtheile anzieht, in sich aufnimmt, zurückhält und dadurch
-auch die chemische Beschaffenheit der Flüssigkeit alterirt, so dass
-diese um so mehr verändert aus der Drüse hervortritt, als zugleich
-angenommen werden muss, dass die Drüse gewisse Bestandtheile an die
-Lymphe abgibt, welche vorher in derselben nicht vorhanden waren.
-
-Ich will hier nicht auf minutiöse Verhältnisse eingehen, da die
-Geschichte jeder =bösartigen Geschwulst= die besten Beispiele für diesen
-Satz liefert. Wenn eine Achseldrüse krebsig wird, nachdem die Milchdrüse
-vorher krebsig erkrankt war, und wenn längere Zeit hindurch bloss die
-Achseldrüse krank bleibt, ohne dass die folgende Drüsenreihe oder irgend
-ein anderes Organ vom Krebs befallen wird, so können wir uns dies nicht
-anders vorstellen, als dass die Achseldrüse die schädlichen, von der
-Milchdrüse her aufgenommenen Bestandtheile sammelt, dadurch eine Zeit
-lang dem Körper einen Schutz gewährt, am Ende aber insufficient wird, ja
-vielleicht späterhin selbst eine neue Quelle selbständiger Infection für
-den Körper darstellt, indem von den kranken Theilen der Drüse aus die
-weitere Verbreitung des giftigen Stoffes stattfinden kann. Ebenso
-lehrreiche Beispiele liefert die Geschichte der =Syphilis=, wo der Bubo
-eine Zeit lang eine Ablagerungsstätte des Giftes werden kann, so dass
-die übrige Oekonomie in einer verhältnissmässig geringen Weise afficirt
-wird. Wie =Ricord= zeigte, findet sich die virulente Substanz gerade im
-Innern der eigentlichen Drüsensubstanz, während der Eiter im Umfange des
-Bubo frei davon ist; nur so weit als die Theile mit der zugeführten
-Lymphe in Contact kommen, nehmen sie den virulenten Stoff in sich auf.
-
-Wenden wir diese Erfahrungen auf die Eiterresorption an, so kann man
-selbst in dem Falle, dass wirklich Eiter in Lymphgefässe gelangt,
-durchaus nicht als nächste und nothwendige Folge davon eine Inficirung
-des Blutes durch eiterige Bestandtheile erschliessen; vielmehr wird
-wahrscheinlich innerhalb der Drüse eine Retention der Eiterkörperchen
-stattfinden, und auch die Flüssigkeiten, welche durch die Drüse hindurch
-gelangen, werden während des Durchganges einen grossen Theil ihrer
-schädlichen Eigenschaften verlieren. Secundäre Drüsen-Anschwellungen
-treten in verschiedenen Formen nach peripherischen Infectionen auf. Wie
-will man sie anders erklären, als dadurch, dass jede inficirende
-(miasmatische) Substanz, welche als eine wesentlich fremdartige oder,
-wenn ich mich so ausdrücken soll, feindselige für den Körper zu
-betrachten ist, indem sie in die Substanz der Drüse eindringt, von den
-Zellen der Drüse angesogen wird und daran jenen Zustand von mehr oder
-weniger ausgesprochener Reizung hervorbringt, der sehr häufig bis zur
-wirklichen Entzündung der Drüse sich steigert? Wir werden noch später
-auf den Begriff der Reizung etwas genauer zurückkommen, und ich will
-hier nur so viel hervorheben, dass nach meinen Untersuchungen =die
-Reizung der Lymphdrüsen darin besteht, dass dieselben in eine vermehrte
-Zellenbildung gerathen, dass ihre Follikel sich vergrössern und nach
-einiger Zeit viel mehr Zellen enthalten als vorher=.
-
-Im Verhältnisse zu diesen Vorgängen geschieht dann auch eine Vermehrung
-der farblosen Elemente im Blute. Jede bedeutende acute Drüsenreizung hat
-eine schnelle Zunahme der Lymphkörperchen im Blute zur Folge; jede
-Krankheit, welche Drüsenreizung mit sich bringt, wird daher auch den
-Effect haben, das Blut mit grösseren Mengen von farblosen Blutkörperchen
-zu versehen, mit anderen Worten, einen leukocytotischen Zustand zu
-setzen. Hat man nun schon im Voraus die Ansicht, es sei Eiter resorbirt
-worden, und der Eiter sei die Ursache der eingetretenen Störungen, so
-ist nichts leichter, als Zellen im Blute nachzuweisen, welche wie
-Eiterkörperchen aussehen, oft in so grosser Menge, dass man ihre
-Zusammenhäufungen (Fig. 67) in der Leiche wie kleine Eiterpunkte mit
-blossem Auge sehen kann, oder dass sie grosse, zusammenhängende oder
-körnige Lager an der unteren Seite der Speckhaut des Aderlassblutes
-bilden (Fig. 69). Scheinbar ist dieser Beweis so überzeugend als
-möglich. Man hat die Voraussetzung, dass Eiter in's Blut gelangt sei;
-man untersucht das Blut und findet wirklich Elemente, die vollkommen
-aussehen wie Eiterkörperchen, und zwar in sehr grosser Zahl. Selbst wenn
-man zugesteht, dass farblose Blutkörperchen wie Eiterkörperchen aussehen
-können, ist doch der Schluss sehr verführerisch, wie man ihn zu
-wiederholten Malen in der Geschichte der Pyämie gemacht hat, dass die im
-Blute aufgefundenen Zellen ihrer grossen Menge wegen doch nicht als
-farblose Blutkörperchen angesehen werden könnten, sondern
-Eiterkörperchen sein müssten. Diesen Schluss machte vor Jahren =Bouchut=
-bei Gelegenheit einer Pariser Epidemie von Puerperal-Fieber, welches er
-damals für eine Pyämie hielt, neuerlichst aber auf Grund derselben
-Beobachtung für eine acute Leukämie erklärte. Das ist ferner derselbe
-Schluss, den =Bennett= in der zwischen uns viel discutirten
-Prioritätssache gemacht hat, da er einen Fall von unzweifelhafter
-Leukämie einige Monate früher beobachtete, ehe ich meinen ersten Fall
-sah, und da er aus der »unerhört« grossen Zahl der farblosen Körperchen
-den Schluss zog, es handele sich um eine »Suppuration des Blutes«[80].
-Freilich war dieser Schluss nicht originell, sondern basirte sich auf
-die früher (S. 188) erwähnte Hämitis von =Piorry=, der sich dachte, dass
-das Blut selbst sich entzünde und in sich Eiter erzeuge, was man nachher
-in der Wiener Schule =spontane= Pyämie oder =Eitergährung= genannt hat.
-
- [80] Vergl. über die Prioritätsfrage mein Archiv V. 45, 77. VII. 174,
- 565.
-
-Alle diese Irrthümer sind hervorgegangen aus dem Umstande, dass man eine
-so ungeheuer grosse Zahl von farblosen Blutkörperchen fand. Heutzutage
-ist dieser Befund eben so einfach vom Standpunkte der Hämatopoëse aus zu
-erklären, wie er früher allein erklärlich schien vom Standpunkte der
-Pyämie aus. Die Reizung der Lymphdrüsen erklärt ohne alle Schwierigkeit
-die Vermehrung der farblosen, eiterähnlichen Zellen im Blute, und zwar
-in allen Fällen, nicht bloss in denen, wo man eine Pyämie erwartete,
-sondern auch in denen, wo man sie nicht erwartete, wo jedoch das Blut
-dieselbe Masse von farblosen Körperchen zeigt, wie in der eigentlichen,
-dem klinischen Begriffe entsprechenden Pyämie.
-
-So ergibt sich, dass jede Mahlzeit einen gewissen Reizungszustand in den
-Gekrösdrüsen setzt, indem die Chylus-Bestandtheile, die denselben
-zugeführt werden, einen physiologischen Reiz für dieselben darstellen.
-Die Milch, welche wir trinken, das Fett unserer Suppen, die
-verschiedenen, feiner vertheilten Fette und Oele in unseren festeren
-Speisen gelangen als kleinste Kügelchen in die Chylusgefässe und
-verbreiten sich eben so, wie der Zinnober, in den Drüsen; aber die
-kleinsten Fettkörnchen dringen nach einiger Zeit durch die Drüse
-hindurch. Für solche Körper besteht also noch eine wirkliche
-Permeabilität der Drüsengänge, aber auch sie werden eine Zeit lang
-zurückgehalten. Immer dauert es lange, ehe nach einer Mahlzeit die
-Gekrösdrüsen das Fett wieder völlig los werden, und es geschieht das
-Hindurchschieben der Massen offenbar unter einem verhältnissmässig
-grossen Drucke. Dabei beobachtet man zugleich eine Vergrösserung der
-Lymphdrüse, und ebenso nach jeder Mahlzeit eine Zunahme in der Zahl der
-farblosen Körperchen im Blute, eine =physiologische Leukocytose=, aber
-keine Pyämie.
-
-In dem Maasse, als eine =Schwangerschaft= vorrückt, als die Lymphgefässe
-am Uterus sich erweitern, als der Stoffwechsel in der Gebärmutter mit
-der Entwickelung des Fötus zunimmt, vergrössern sich die Lymphdrüsen der
-Inguinal- und Lumbalgegend erheblich, zuweilen so beträchtlich, dass,
-wenn wir sie zu einer anderen Zeit fänden, wir sie als entzündet
-betrachten würden. Diese Vergrösserung führt dem Blute auch mehr neue
-Partikelchen zelliger Art zu, und so steigt von Monat zu Monat die Zahl
-der farblosen Körperchen. Zur Zeit der Geburt kann man fast bei jeder
-Puerpera, mag sie pyämisch sein oder nicht, in dem defibrinirten Blute
-die farblosen Körperchen ein eiterartiges Sediment bilden sehen. Auch
-dies ist eine physiologische Form, welche fern davon ist, eine pyämische
-zu sein. Wenn man sich aber gerade eine Puerpera aussucht, welche
-Krankheits-Erscheinungen darbietet, die mit dem Bilde der Pyämie
-übereinstimmen, dann ist nichts leichter, als diese vielen farblosen,
-mehrkernigen Zellen zu finden, und sie für jene Eiterkörperchen
-auszugeben, welche nach der Voraussetzung gerade die Pyämie constatiren
-sollen. Dies sind Trugschlüsse, welche aus unvollständiger Kenntniss des
-normalen Lebens und der Entwickelung resultiren. So lange man sich bloss
-an die pyämischen Erfahrungen hält, so lange kann dies Alles erscheinen
-wie ein grosses und neues Ereigniss, und man kann sich berechtigt
-halten, wenn man das Blut einer Wöchnerin untersucht, zu schliessen,
-sie habe schon die Pyämie, bevor die pyämischen Symptome auftreten. Aber
-man mag untersuchen, wann man will, so wird man stets etwas von
-Leukocytose finden, gerade so, wie es schon seit langer Zeit bekannt
-ist, dass sich bei Schwangeren sehr gewöhnlich eine Speckhaut bildet,
-weil das Blut gewöhnlich mehr von einem langsamer gerinnenden Fibrin
-zugeführt bekommt (Hyperinose). Es erklärt sich dies durch den
-vermehrten Stoffwechsel und die, entzündlichen Vorgängen so nahe
-stehenden Veränderungen im Uterinsystem, welche mit einer gewissen
-Reizung der zunächst damit in Verbindung stehenden Lymphdrüsen
-vergesellschaftet sind[81].
-
- [81] Verhandl. der Gesellschaft für Geburtshülfe in Berlin. 1848. III.
- 174. Gesammelte Abhandl. 760, 777.
-
-Gehen wir einen kleinen Schritt weiter in dies pathologische Gebiet
-hinein, so treffen wir leukocytotische Zustände in der ganzen Reihe
-aller der Erkrankungen, welche mit Drüsenreizung complicirt sind, und
-bei welchen die Reizung nicht zu einer Zerstörung der Drüsensubstanz
-führt. Im Verlaufe einer Scrofulosis, bei deren einigermaassen
-ungünstigem Verlaufe die Drüsen zu Grunde gehen, sei es durch
-Ulceration, sei es durch käsige Eindickung, Verkalkung u. s. f., kann
-eine vermehrte Aufnahme von Elementen in das Blut nur so lange
-stattfinden, als die gereizte Drüse überhaupt noch leistungsfähig ist
-oder existirt; sobald aber die Drüse abgestorben, käsig geworden oder
-zerstört ist, so hört auch die Bildung von Lymphzellen und damit die
-Leukocytose auf. Jedesmal dagegen, wo eine mehr acute Form von Störung
-besteht, welche mit entzündlicher Schwellung der Drüsen verbunden ist,
-findet eine Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute Statt. So im
-Typhus, wo so ausgedehnte markige Schwellungen der Unterleibsdrüsen
-auftreten, so bei Krebskranken, wenn Reizung der Lymphdrüsen eintritt,
-so im Verlaufe jener Prozesse, welche man als Eruptionen des malignen
-Erysipels bezeichnet, und welche so frühzeitig schon mit
-Drüsenanschwellung verbunden zu sein pflegen. Das ist der Sinn dieser
-Vermehrung der farblosen Elemente, die zuletzt immer zurückführt auf die
-vermehrte Entwickelung lymphatischer Gebilde innerhalb der gereizten
-Drüsen.
-
-Es ist nun von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, dass man gegenwärtig den
-Begriff der Lymphdrüsen ungleich weiter ausdehnt, als es bis vor Kurzem
-geschehen ist. Erst die neueren histologischen Untersuchungen haben
-gezeigt, dass ausser den gewöhnlichen bekannten Lymphdrüsen, die eine
-gewisse Grösse und Selbständigkeit haben, eine grosse Menge von
-kleineren Einrichtungen im Körper vorhanden ist, welche ganz denselben
-Bau besitzen, welche aber nicht so massenhafte Zusammenordnungen von
-lymphatischen Theilen darstellen, wie wir sie in einer Lymphdrüse
-finden. Dahin gehören im Besonderen die =Follikel des Darms=, sowohl die
-solitären, als die Peyerschen. Ein Peyerscher Haufen ist nichts weiter,
-als die flächenartige Ausbreitung einer Lymphdrüse; die einzelnen
-Follikel des Haufens entsprechen, ebenso wie die Solitärfollikel des
-Digestionstractus, den einzelnen Follikeln einer Lymphdrüse, nur dass
-die Darmfollikel, wenigstens beim Menschen, in einfacher, die
-Lymphdrüsenfollikel in mehrfacher Lage über einander angeordnet sind.
-Die solitären und Peyerschen Drüsen haben also gar nichts gemein mit den
-gewöhnlichen (Lieberkühnschen) Drüsen, welche durch offene Mündungen
-nach dem Darm hin secerniren; sie haben vielmehr die Stellung und
-offenbar auch die Funktion der Lymphdrüsen. Gegen die Darmhöhle hin sind
-sie völlig geschlossen, und wenn sie secerniren, so thun sie es nur in
-der Richtung der Lymphgefässe, welche aus ihnen hervorgehen. Diese sind
-ihre Ausführungsgänge.
-
-In dieselbe Kategorie gehören die analogen Apparate, die wir im oberen
-Theile des Digestionstractus in so grossen Haufen zusammengeordnet
-finden, wo sie die =Tonsillen=, die =Follikel der Zungenwurzel= und die
-grosse =Pharynxdrüse= bilden. Während im Darm die Follikel in einer
-ebenen Fläche liegen, findet sich hier die Fläche eingefaltet und die
-einzelnen Follikel um die Einfaltung oder Einstülpung herumliegend.
-Früher nannte man gerade die Einfaltungen oder Taschen, wie sie an den
-meisten Zungenfollikeln einfach, an den Tonsillen mehrfach und verästelt
-vorkommen, Follikel (Bälge), und sah dem entsprechend die Oeffnungen der
-Taschen als Drüsenmündungen an. Allein die Taschen sind von einer
-Fortsetzung der benachbarten Schleimhaut und deren Epithel continuirlich
-ausgekleidet; auch hier haben die eigentlichen, lymphatischen Follikel
-keine nach aussen mündenden Ausführungsgänge. Sie liegen unter der
-geschlossenen Oberfläche.
-
-In dieselbe Kategorie gehört weiterhin die =Thymusdrüse=, bei welcher
-die Anhäufung der Follikel einen noch höheren Grad erreicht, als in den
-Lymphdrüsen. Während viele Lymphdrüsen noch einen Hilus haben, wo keine
-Follikel liegen, so hört dies in der Thymusdrüse auf. Mit diesem Mangel
-eines Hilus hängt zusammen, dass man an der Brustdrüse keine erheblichen
-Verbindungen mit Lymphgefässen kennt.
-
-Dahin gehört endlich ein sehr wesentlicher Bestandtheil der Milz,
-nehmlich die =Malpighischen oder weissen Körper= (=Follikel=), die bei
-verschiedenen Leuten in ebenso verschiedener Menge durch das
-Milzparenchym zerstreut sind, wie die solitären und Peyerschen Follikel
-im Darm. Auf einem Durchschnitte durch die Milz sehen wir vom Hilus her
-die Trabekeln mit den Gefässen gegen die Capsel ausstrahlen, in langen
-Zügen von der rothen Milzpulpe umlagert, welche hier und da unterbrochen
-wird durch bald mehr bald weniger zahlreiche weisse Körper von grösserem
-oder kleinerem Umfange, einzeln oder zusammengesetzt, zuweilen fast
-traubenförmig. Der Bau dieser Milzfollikel, welche an den Scheiden
-der Arterien sitzen, stimmt in der Hauptsache mit dem der
-Lymphdrüsen-Follikel.
-
-Wir können daher diese ganze Reihe von Apparaten als mehr oder weniger
-gleichwerthig mit den eigentlichen Lymphdrüsen betrachten; eine
-Anschwellung der Milz oder der Darmfollikel wird unter Umständen eine
-ebenso reichliche Zufuhr von farblosen Blutkörperchen liefern können,
-wie dies bei einer Anschwellung einer Lymphdrüse der Fall ist. Diese
-Möglichkeit erklärt es, dass in der Cholera, wo die Veränderung der
-solitären und Peyerschen Follikel im Darm besonders hervortritt, während
-die Schwellung der übrigen Lymphdrüsen viel weniger ausgebildet ist,
-ausserordentlich frühzeitig eine bedeutende Vermehrung der farblosen
-Blutkörperchen eintritt[82]. Dies erklärt es ferner, warum bei solchen
-Pneumonien, die mit grossen Schwellungen der Bronchialdrüsen verbunden
-sind, gleichfalls eine Vermehrung der farblosen Blutkörperchen
-stattfindet, welche in anderen Formen der Pneumonie, die nicht mit einer
-solchen Schwellung verbunden sind, fehlt. Je mehr die Reizung von der
-Lunge auf die Lymphdrüsen übergreift, je reichlicher von der Lunge
-schädliche Flüssigkeiten den Drüsen zugeführt werden, um so deutlicher
-erleidet das Blut diese besondere Veränderung.
-
- [82] Medic. Reform. 1848. No. 12. u. 15. Gaz. méd. de Paris. 1849.
- No. 3.
-
-Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Krankheiten durchmustert, so
-lässt sich in der That vom morphologischen Standpunkte aus gar nichts
-auffinden, was auch nur entfernt die Annahme eines Zustandes, der Pyämie
-zu nennen wäre, rechtfertigte. In den überaus seltenen Fällen, wo Eiter
-in Venen durchbricht, können unzweifelhaft dem Blute eiterige
-Bestandtheile zugeführt werden, allein hier ist die Einfuhr von Eiter
-meist eine einmalige. Der Abscess entleert sich, und ist er gross, so
-geschieht eher eine Extravasation von Blut, als dass eine anhaltende
-Pyämie zu Stande käme. Vielleicht wird es einmal gelingen, im Verlaufe
-eines solchen Vorganges Eiterkörperchen mit bestimmten Charakteren im
-Blute aufzufinden; bis jetzt steht aber die Sache so, dass man mit
-grösster Bestimmtheit behaupten kann, es sei Niemandem gelungen, mit
-Gründen, die auch nur einer milden Beurtheilung genügen könnten, die
-Anwesenheit einer morphologischen Pyämie darzuthun. Es muss daher dieser
-Name als Bezeichnung für eine durch die Beimischung bestimmter
-sichtbarer Gebilde hervorgebrachte Blutveränderung gänzlich aufgegeben
-werden.
-
-
-
-
- Eilftes Capitel.
-
- Infection und Metastase.
-
-
- Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis:
- parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme
- Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins, Auflösung der rothen
- Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten des
- Herzens.
-
- Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben. Lungenmetastasen.
- Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener Charakter der Metastasen.
- Endocarditis und capilläre Embolie. Latente Pyämie.
-
- Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse Erkrankung der lymphatischen
- Apparate und der Milz, der Secretionsorgane und der Muskeln.
- Chemische Substanzen im Blute: Silbersalze, Arthritis,
- Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde Körperchen in der Blutmischung:
- Zellen, Hämatozoen, Pilze, Körner. Pyämie als Sammelname.
-
-Ich habe in dem vorangehenden Capitel die Lehre von der Pyämie in
-Beziehung auf die im Blute vorkommenden zelligen Gebilde einer genaueren
-Betrachtung unterworfen, weil sich gerade daran die Quelle mancher, auch
-für andere Gebiete der Pathologie lehrreicher Irrthümer und eine
-richtigere Methode der Beobachtung und Beurtheilung besonders gut
-darlegen lässt. Wenn ich nochmals darauf zurückkomme, um die
-geschichtliche Entwickelung dieser Lehre und ihre thatsächlichen
-Grundlagen zu erörtern, so geschieht es nicht bloss der entscheidenden
-Wichtigkeit wegen, welche diese Lehre für die Auffassung der Metastasen
-und aller metastasirenden Dyscrasien hat, sondern auch, weil ich mich
-berechtigt erachte, gerade in einem Gebiete, in welchem ich viele Jahre
-lang mit eigenen Untersuchungen beschäftigt war, ein beglaubigtes
-Urtheil aussprechen zu können.
-
-Bis in die neueste Zeit hat man ganz besondere Beziehungen der Pyämie zu
-Gefässaffectionen und namentlich zu Gefässentzündungen[83] angenommen.
-Namentlich seitdem man sich genöthigt sah, die Ansicht aufzugeben,
-wonach die Eitermasse, welche man in der Vene zu sehen glaubte, durch
-eine Oeffnung der Wand oder eine klaffende Lichtung in dieselbe
-eingedrungen (absorbirt) sein sollte, kehrte man zu der von =John
-Hunter= begründeten Lehre von der Phlebitis[84] zurück. Viele
-betrachteten dem entsprechend den Eiter als ein Absonderungsproduct der
-Gefässwand. Die Beweise für diese Ansicht waren aber schwer zu liefern,
-nachdem man durch die Erfahrung belehrt war, dass eine primär eiterige
-Venenentzündung nicht vorkomme, sondern dass, wie zuerst von
-=Cruveilhier= mit Bestimmtheit nachgewiesen ist, im Anfange jeder
-sogenannten Phlebitis oder Arteriitis immer ein Blutgerinnsel innerhalb
-des Gefässes gebildet wird. Aber =Cruveilhier= selbst war durch diese
-Erfahrung so sehr überrascht worden, dass er eine Theorie daran knüpfte,
-welche gegenwärtig kaum noch begreiflich ist. Er schloss nämlich aus der
-Unmöglichkeit, in der er sich befand, zu erklären, warum die Entzündung
-der Venen mit Gerinnung des Blutes anfange, dass überhaupt jede
-Entzündung in einer Gerinnung von Blut bestände. Die Unmöglichkeit, die
-Phlebitis zu erklären, schien beseitigt dadurch, dass die Gerinnung des
-Blutes innerhalb der Gefässe zu einem allgemeinen Gesetze der
-Entzündungslehre erhoben und auch die gewöhnliche Entzündung auf eine
-Phlebitis im Kleinen, die von ihm sogenannte Capillarphlebitis, bezogen
-wurde. Diese Capillarphlebitis war nahezu identisch mit der in der
-deutschen Pathologie gebräuchlichen Stase; der abweichende Ausdruck des
-französischen Forschers erklärt sich nur dadurch, dass er sich eine
-eigenthümliche Ansicht über die Existenz besonderer, kleinster Venen in
-den Theilen gebildet hatte, auf welche er nicht bloss die Ernährung,
-sondern auch die Bildung von Cysten, Tuberkeln, Krebs, kurz aller
-wichtigeren anatomischen Prozesse zurückführte. Diese Art zu denken
-blieb aber der grossen Mehrzahl der gelehrten und noch mehr der
-ungelehrten Aerzte so vollständig fremd, dass die einzelnen
-Schlussthesen von =Cruveilhier=, die man in seiner Formulirung in die
-Wissenschaft aufnahm, ganz und gar missverstanden wurden.
-
- [83] Gesammelte Abhandlungen S. 636.
-
- [84] Ebendas. S. 458.
-
-Freilich hatte er in dem einen Punkte Recht, der auch seitdem mehr und
-mehr anerkannt worden ist, dass der sogenannte Eiter in den Venen nie
-zuerst an der Wand liegt, sondern immer zuerst in der Mitte eines schon
-vor ihm vorhandenen Blutgerinnsels auftritt, welches den Anfang des
-Prozesses überhaupt bezeichnet. Aber er fand für diese vortreffliche
-Beobachtung keine richtige Erklärung. Er stellte sich vor, dass die
-Eitersecretion von den Wandungen des Gefässes aus stattfinde, dass aber
-der Eiter nicht an der Wand liegen bleibe, sondern vermöge der
-»Capillarität« sofort bis in die Mitte des Coagulums wandere. Es war das
-eine sehr sonderbare Theorie, die sich auch dann nur annähernd begreift,
-wenn man erwägt, dass in jener Zeit der Eiter noch für eine einfache
-Flüssigkeit (Solution) gehalten wurde. Erkennt man in dem Eiter ein
-flüssiges oder, genauer gesagt, ein =bewegliches Gewebe=, dessen
-wesentlicher Bestandtheil Zellen, also feste Theile sind, so fällt jene
-Deutung in sich selbst zusammen.
-
-Allein trotz der falschen Deutung bleiben doch die Thatsachen stehen,
-gegen die sich auch heute nichts vorbringen lässt, dass als erste
-Erscheinung des örtlichen Vorganges, bevor etwas von Entzündung an der
-Gefässwand zu sehen ist, sich ein Blutgerinnsel findet, und dass etwas
-später inmitten dieses Gerinnsels sich eine Masse zeigt, welche ihrem
-Aussehen und ihrer Consistenz nach von dem Gerinnsel verschieden ist,
-dagegen mehr oder weniger Aehnlichkeit mit Eiter darbietet.
-
-[Illustration: =Fig=. 78. Thrombose der Vena saphena. _S_ Vena saphena,
-_T_ Thrombus: _v_, _v_' klappenständige (valvuläre) Thromben, in der
-Erweichung begriffen und durch frischere und dünnere Gerinnselstücke
-verbunden; _C_, der fortgesetzte über die Mündung des Gefässes in die
-Vena curalis _C_' hineinragende Pfropf.]
-
-Von diesen Erfahrungen ausgehend, habe ich mich bemüht, die Lehre von
-der Phlebitis ihrem grössten Theile nach überhaupt aufzulösen, indem
-ich für das Mystische, welches in =Cruveilhier='s Deutung lag, einfach
-den Ausdruck der Thatsachen einsetzte. Die Entzündung als solche ist
-nicht an Gerinnung gebunden; im Gegentheil hat sich herausgestellt, dass
-die Lehre von der Stase auf vielfachen Missverständnissen beruhe[85]. Es
-kann Entzündung bestehen bei vollkommen offenem Strome des Blutes
-innerhalb der Gefässe des afficirten Theiles. Lassen wir also die
-Entzündung überhaupt bei Seite, und halten wir uns einfach an die
-Gerinnung des Blutes, an die Bildung des Gerinnsels (Thrombus). Alsdann
-scheint es am meisten entsprechend, den ganzen Vorgang in dem Ausdrucke
-der =Thrombose= zusammenzufassen. Ich habe vorgeschlagen[86], diesen
-Ausdruck zu substituiren für die verschiedenen Namen von Phlebitis,
-Arteriitis u. s. w., insoweit es sich nehmlich wirklich um eine an =Ort
-und Stelle= geschehende Gerinnung des Blutes handelt.
-
- [85] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 53. J. H. Boner Die Stase
- nach Experimenten an der Froschschwimmhaut. Würzburg 1856.
-
- [86] Handbuch der spec. Path. I. 159.
-
-Untersucht man die Geschichte dieser Thromben, so ergibt sich, dass
-dieselben in den Capillaren fast gar nicht vorkommen, sondern sich auf
-die Venen, die Arterien und das Herz beschränken, so zwar, dass auch die
-kleinsten Venen und Arterien davon beinahe ganz frei bleiben. Die
-Mehrzahl der Thromben entsteht ursprünglich als =wandständige= (
-=parietale=), während neben ihnen der Strom des Blutes noch fortgeht;
-sie sind sämmtlich zu erklären aus örtlichen Veränderungen der
-Gefässwand und des Blutstromes, jedoch können zu dieser Erklärung auch
-allgemeine Veränderungen des Blutes oder der Blutströmung herangezogen
-werden, insofern sie auf das örtliche Verhalten des Blutstromes Einfluss
-ausüben. Selten finden sich gleich von vornherein =total verstopfende=
-(=obstruirende=) Thromben, bei denen der Blutstrom gänzlich unterbrochen
-ist; wo sie vorkommen, ohne dass besondere chemische Stoffe durch
-Einspritzung, Aetzung u. s. f. eingewirkt haben, da ist gewöhnlich schon
-vor der Thrombose ein Stillstand des Blutes (durch Ligatur, Compression)
-eingetreten und die Gerinnung ist als die natürliche Folge der
-Stagnation anzusehen.
-
-In vielen Thromben kommt es überhaupt niemals zu der sogenannten
-Eiterbildung. Im Gegentheil, es entsteht aus dem Gerinnsel ein
-Bindegewebs-Pfropf, gewöhnlich mit Pigment (Hämatoidin), zuweilen mit
-Gefässen. Dies hat man die =adhäsive= Phlebitis oder Arteriitis genannt.
-Bei der sogenannten =suppurativen= Phlebitis, der eigentlich
-gefürchteten Form, findet sich allerdings eine eiterartige Masse, allein
-diese stammt nicht von der Wand, sondern sie entsteht direkt durch eine
-Umwandlung zuerst der centralen Gerinnselschichten selbst, und zwar
-durch eine Umwandlung chemischer Art, wobei in ähnlicher Weise, wie man
-dies durch langsame Digestion von geronnenem Fibrin künstlich erzeugen
-kann, das Fibrin in eine feinkörnige Substanz zerfällt, und die ganze
-Masse in =Detritus= übergeht[87]. Es ist dies eine wirkliche Erweichung
-und Rückbildung der organischen Substanz: die Fäden des Fibrins
-zertrümmern in Stücke, diese wieder in kleinere und so fort, bis man
-nach einer gewissen Zeit fast die ganze Masse zusammengesetzt findet aus
-kleinen, feinen, blassen Körnern (Fig. 79 _A_). In Fällen, wo das
-Gerinnsel aus verhältnissmässig reinem Fibrin bestand, z. B. in
-parietalen Herzthromben, sieht man manchmal fast gar nichts weiter, als
-diese Körnchen.
-
- [87] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. V. 226. Gesammelte
- Abhandlungen S. 95, 104, 328, 524.
-
-[Illustration: =Fig=. 79. Puriforme Detritus-Masse aus erweichten
-Thromben. _A_ die verschieden grossen, blassen Körner des zerfallenden
-Fibrins. _B_ Die bei der Erweichung freiwerdenden, zum Theil in der
-Rückbildung begriffenen farblosen Blutkörperchen, _a_ mit mehrfachen
-Kernen, _b_ mit einfachen, eckigen Kernen und einzelnen Fettkörnchen,
-_c_ kernlose (pyoide) in der Fettmetamorphose. _C_ In der Entfärbung
-begriffene und zerfallende Blutkörperchen. Vergr. 350.]
-
-Das Mikroskop löst also die Schwierigkeiten sehr einfach auf, indem es
-nachweist, dass diese Masse, welche wie Eiter aussieht, kein Eiter ist.
-Denn wir verstehen unter Eiter eine wesentlich mit zelligen Elementen
-versehene Flüssigkeit. Ebenso wenig wie wir uns Blut ohne Blutkörperchen
-denken können, ebenso wenig existirt Eiter ohne Eiterkörperchen. Wenn
-wir hier aber eine Flüssigkeit finden, welche nichts weiter als eine mit
-Körnern durchsetzte Masse darstellt, so mag diese ihrem äusseren Habitus
-nach immerhin wie Eiter aussehen; nie darf man sie aber als wirklichen
-Eiter deuten. =Es ist eine puriforme Substanz, aber keine purulente=.
-
-Meistentheils aber erscheint neben diesen Körnern eine gewisse Zahl von
-anderen Bildungen, z. B. wirklich zellige Elemente (Fig. 79, _B_). Diese
-sind meist rund (sphärisch), seltener eckig, und enthalten in einer fein
-granulirten Substanz einen, zwei und mehr Kerne. Sie besitzen demnach in
-der That eine grosse Uebereinstimmung mit Eiterkörperchen, und wenn sehr
-oft in ihnen Fettkörnchen vorkommen, welche darauf hindeuten, dass es
-sich hier um ein Zerfallen (Necrobiose) handelt, so kommt, wie wir
-gesehen haben (S. 222), dasselbe ja auch an Eiterkörperchen vor. Wenn
-daher in solchen Fällen, wo die Menge des Detritus ganz überwiegend ist,
-kein Zweifel sein kann über das, was vorliegt, so können in anderen
-erhebliche Bedenken bestehen, ob nicht doch wirklicher Eiter vorhanden
-sei. Diese Bedenken lassen sich auf keine andere Weise lösen, als durch
-die Geschichte des Thrombus. Nachdem wir früher schon gesehen haben,
-dass farblose Blutkörperchen und Eiterkörperchen formell völlig mit
-einander übereinstimmen, so dass wirkliche Scheidungen zwischen ihnen
-unmöglich sind, so kann natürlich an einem Punkte, wo wir in einem
-Blutgerinnsel runde, farblose Zellen finden, die Frage, ob diese Zellen
-farblose Blutkörperchen sind, nur dadurch gelöst werden, dass ermittelt
-wird, ob die Körperchen schon in dem Thrombus vor der Erweichung
-vorhanden waren, oder ob sie erst bei derselben darin entstanden oder
-sonst wie hineingelangt sind. Es ergibt aber die Verfolgung der Vorgänge
-mit grosser Bestimmtheit, dass die Körperchen vor der Erweichung
-präexistiren, und wenn auch die Möglichkeit zugelassen werden muss, dass
-noch nach der Bildung des Thrombus farblose Blutkörperchen in denselben
-hineinkriechen, so ist dies doch nicht die Ursache der Erweichung, und
-noch weniger liegt ein Grund vor, anzunehmen, dass dieselben erst mit
-dem Eintritte der Erweichung entstehen oder in das Gerinnsel
-hineingelangen. Schon bei Untersuchung ganz frischer Thromben[88] findet
-man an manchen Stellen farblose Blutkörperchen in grossen Massen
-angehäuft; wenn später der Faserstoff zerfällt, so werden sie in solcher
-Zahl frei, dass der Detritus fast so zellenreich wie Eiter ist. Es
-verhält sich mit diesem Vorgange, wie wenn ein mit körperlichen Theilen
-ganz durchsetztes Wasser gefroren ist und dann einer höheren Temperatur
-ausgesetzt wird; beim Schmelzen des Eises müssen natürlich die
-eingeschlossenen Körper wieder zum Vorschein kommen.
-
- [88] Gesammelte Abhandlungen 515.
-
- * * * * *
-
-Gegen diese Darstellung kann ein Umstand eingewendet werden, nehmlich
-der, dass man nicht in der gleichen Weise die rothen Blutkörperchen frei
-werden sieht. Die rothen Körperchen gehen indess gewöhnlich sehr
-frühzeitig zu Grunde. Sie verlieren zuerst ihren Farbstoff, verkleinern
-sich dabei, indem dunkle Körnchen an ihrem Umfange hervortreten (Fig.
-63, _a_; 79, _C_), und verschwinden endlich ganz, indem nur diese
-Körnchen übrig bleiben[89], welche später resorbirt werden. Der aus den
-Körperchen ausgetretene Farbstoff zersetzt sich und verliert nach und
-nach sein rothes Colorit. Nur sehr selten erhalten sich die rothen
-Körperchen noch in der Erweichungsmasse. In der Regel gehen sie
-zu Grunde, und gerade dadurch erklärt sich die auffällige
-Eigenthümlichkeit, dass aus dem rothen Thrombus eine gelbweisse
-Flüssigkeit entsteht, die das Ansehen und die Farbe, ja sogar zum Theil
-die histologische Zusammensetzung von Eiter hat. Auch dafür kann man
-ohne besondere Schwierigkeiten die Deutung finden; man muss sich nur
-erinnern, wie gering die Widerstandsfähigkeit der rothen Blutkörperchen
-gegen die verschiedensten Agentien ist. Wenn man zu einem Blutstropfen
-unter dem Mikroskope einen Tropfen Wasser setzt, so sieht man die rothen
-Körperchen vor den Augen verschwinden, während die farblosen
-zurückbleiben.
-
- [89] Beiträge zur experimentellen Pathologie. II. 12. Archiv I. 245,
- 383.
-
-Das, was man im gewöhnlichen Sinne eine suppurative Phlebitis nennt, ist
-also weder suppurativ, noch Phlebitis, sondern es ist ein Process, der
-mit einer Gerinnung, einer Thrombusbildung aus dem Blute beginnt, und
-der später die Thromben erweichen macht; die Geschichte des Processes
-beschränkt sich zunächst auf die Geschichte des Thrombus. Ich muss aber
-gerade hier hervorheben, dass ich nicht, wie man mir hier und da
-nachgesagt hat, die Möglichkeit einer wirklichen Phlebitis (oder
-Arteriitis) in Abrede stelle, oder dass ich irgend wie gefunden hätte,
-es gäbe keine Phlebitis. =Allerdings gibt es eine Phlebitis=[90]. Aber
-diese ist eine Entzündung, die wirklich die Wand und nicht den Inhalt
-des Gefässes betrifft. An grösseren Gefässen können sich die
-verschiedensten Wandschichten (Intima, Media, Adventitia) entzünden und
-alle möglichen Formen der Entzündung eingehen, wobei aber das Lumen ganz
-intakt bleiben mag. Nach der früheren Auffassung betrachtete man die
-innere Gefässhaut wie eine seröse Haut, und wie eine solche leicht
-fibrinöse Exsudate oder eiterige Massen hervorbringt, so setzte man
-dasselbe bei der inneren Gefässhaut voraus. Ueber diesen Punkt ist seit
-Jahren eine Reihe von Untersuchungen angestellt, und ich selbst habe
-mich vielfach damit beschäftigt, aber es ist bis jetzt noch keinem
-Experimentator, welcher vorsichtig das Blut von dem Einströmen in die
-Gefässe abhielt, gelungen, ein Exsudat zu erzeugen, welches in das Lumen
-abgesetzt wurde. Vielmehr geht, wenn die Wand sich entzündet, das
-»Exsudat« in die Wand selbst; diese verdickt sich, trübt sich, und fängt
-möglicherweise späterhin an zu eitern. Ja, es können sich Abscesse
-bilden, welche die Wand nach beiden Seiten hin wie eine Pockenpustel
-hervordrängen, ohne dass eine Gerinnung des Blutes im Lumen erfolgt.
-Andere Male freilich wird die eigentliche Phlebitis (und ebenso die
-Arteriitis und Endocarditis) die Bedingung für Thrombose, indem sich auf
-der inneren Wand Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst
-Ulcerationen bilden, welche für die Entstehung eines Thrombus
-Anhaltspunkte bieten. Allein da, wo eine Phlebitis in dem gebräuchlichen
-Sinne des Wortes stattfindet, ist die Veränderung der Gefässwand fast
-immer eine secundäre, welche sogar verhältnissmässig spät zu Stande
-kommt.
-
- [90] Gesammelte Abhandlungen 484.
-
-Die jüngsten Theile des Thrombus bestehen immer aus frischerem
-Gerinnsel. Die Erweichung, das Schmelzen (=Colliquatio=) beginnt in der
-Regel an den ältesten Schichten, so dass also, wenn der Thrombus eine
-gewisse Grösse erreicht hat, sich in seiner Mitte oder an seiner Basis
-eine mehr oder weniger grosse Höhle findet, die allmählich sich
-vergrössert und der Gefässwand näher rückt. Aber in der Regel ist
-dieselbe nach oben und häufig auch nach unten durch einen frischeren,
-derberen Theil des Gerinnsels wie durch eine Kappe abgeschlossen;
-dadurch wird, wie =Cruveilhier= sich ausdrückte, der »Eiter«
-sequestrirt und die Berührung des Detritus mit dem circulirenden Blute
-gehindert. Nur seitlich oder im Grunde erreicht die Erweichung endlich
-die Wand des Gefässes selbst; diese verändert sich, es beginnt eine
-Verdickung und zugleich Trübung derselben, und endlich erfolgt selbst
-eine Eiterung innerhalb der Wandungen.
-
-Dasselbe, was wir bis jetzt an den Venen betrachtet haben, kommt auch am
-Herzen vor. Namentlich am rechten Ventrikel sieht man nicht selten
-sogenannte Eitercysten zwischen den Trabekeln der Herzwand. Sie ragen
-gegen die Höhle mit rundlichen Knöpfchen hervor und stellen kleine
-Beutel dar, welche beim Anschneiden einen weichen Brei enthalten, der
-ein vollkommen eiterartiges Ansehen haben kann. Mit diesen Eitercysten,
-welche übrigens zuerst die Veranlassung gewesen sind, dass =Piorry=
-seine Lehre von der Hämitis und der damit zusammenhängenden Pyämie
-aufstellte, hat man sich unendlich viel geplagt und alle nur möglichen
-Theorien darüber gemacht, bis endlich die einfache Thatsache herauskam,
-dass ihr Inhalt häufig weiter nichts als ein feinkörniger Brei von
-eiweissartigen Theilchen ist, der auch nicht die mindeste feinere
-Uebereinstimmung mit dem Eiter darbietet. Dies war insofern beruhigend,
-als noch keine Beobachtung vorliegt, dass ein Kranker, der solche Säcke
-in grösserer Zahl hatte, durch Pyämie zu Grunde gegangen wäre, aber es
-hätte denjenigen auffallen sollen, welche so leicht geneigt sind, die
-Pyämie mit peripherischen Thrombosen, die doch ganz dasselbe sind, in
-Verbindung zu setzen.
-
-Denn natürlich entsteht die Frage, in wie weit durch die Erweichung der
-Thromben besondere Störungen im Körper hervorgerufen werden können,
-welche man mit dem Namen Pyämie bezeichnen dürfte. Hierauf ist zunächst
-zu erwidern, dass allerdings sehr häufig secundäre Störungen veranlasst
-werden, aber nicht so sehr dadurch, dass die flüssigen Erweichungsmassen
-unmittelbar in das Blut gelangen, als vielmehr dadurch, dass grössere
-oder kleinere Stücke von dem centralen Ende des erweichenden Thrombus
-abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt und in entfernte Gefässe
-eingetrieben werden. Dies gibt den sehr häufigen Vorgang der von mir so
-genannten =Embolie=[91], die gröbste Form der im lebenden Körper
-vorkommenden =Metastase=.
-
- [91] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 167. Gesammelte Abhandl. 640.
-
-[Illustration: =Fig=. 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben. _c_, _c_'
-kleinere, varicöse Seitenäste (Venae circumflexae femoris), mit
-autochthonen Thromben erfüllt, welche über die Ostien hinaus in den
-Stamm der Cruralvene reichen. _t_, fortgesetzter Thrombus, durch
-concentrische Apposition aus dem Blute, entstanden. _t_' Aussehen eines
-fortgesetzten Thrombus, nachdem eine Ablösung von Stücken (Embolis)
-erfolgt ist.]
-
-Es ist dies ein Ereigniss, welches wir hier nur kurz berühren können. An
-den peripherischen Venen geht die Gefahr hauptsächlich von den kleinen
-Aesten aus. Gar nicht selten werden diese mit Gerinnselmasse ganz
-erfüllt. So lange indess der Thrombus sich nur in dem Aste selbst
-befindet, so lange ist für den Körper keine besondere Gefahr vorhanden:
-das Schlimmste ist, dass sich ein Abscess bildet, in Folge einer Peri-
-oder Mesophlebitis, der sich nach aussen öffnet. Allein die meisten
-Thromben der kleinen Aeste beschränken sich nicht darauf, bis an die
-Mündung derselben in den nächsten Stamm vorzudringen; gewöhnlich lagert
-sich an das Ende des Thrombus immer neue Gerinnselmasse Schicht um
-Schicht aus dem Blute ab, der Thrombus setzt sich über das Ostium des
-Astes hinaus in den nächsten Stamm in der Richtung des Blutstromes fort,
-wächst in Form eines dicken Cylinders weiter und wird immer grösser und
-grösser. Bald steht dieser =fortgesetzte= Thrombus (Fig. 80, _t_) in gar
-keinem Verhältnisse mehr zu dem ursprünglichen (=autochthonen=) Thrombus
-(Fig. 80, _c_), von dem er ausgegangen ist[92]. Der fortgesetzte
-Thrombus kann die Dicke eines Daumens haben, der ursprüngliche die einer
-Stricknadel. Von dem ganz kleinen Pfropf einer Vena lumbalis kann z. B.
-ein Gerinnsel, so dick, wie die letzte Phalanx des Daumens, sich in die
-Cava fortsetzen.
-
- [92] =Froriep='s Notizen. 1846. Januar. No. 794. Gesammelte
- Abhandlungen 225, 232.
-
-Diese fortgesetzten Pfröpfe bringen die eigentliche Gefahr mit sich; an
-ihnen erfolgt die Abbröckelung, welche zu secundären Verschliessungen
-entfernter Gefässe führt. Hier ist der Ort, wo durch das
-vorüberströmende Blut grössere und kleinere Partikeln abgerissen werden
-(Fig. 80, _t_'). Durch das ursprünglich verstopfte Gefäss strömt
-überhaupt kein Blut, da ist die Circulation gänzlich unterbrochen; aber
-in dem grösseren Stamme, durch welchen das Blut immer noch fortgeht, und
-in welchen die fortgesetzten Thrombuszapfen hineinragen, kann der
-Blutstrom kleinere oder grössere Bruchstücke lostrennen, mitschleppen
-und in das nächste Arterien- oder Capillarsystem festkeilen.
-
-So erklärt es sich, dass in der Regel alle Thromben in der Peripherie
-des Körpers, wenn überhaupt eine Embolie von ihnen ausgeht, secundäre
-Verstopfungen und Metastasen in der Lunge erzeugen. Ich habe lange
-Zweifel getragen, die metastatischen Entzündungen der Lunge sämmtlich
-als embolische zu betrachten, weil es sehr schwer ist, die Gefässe in
-den kleinen metastatischen Heerden zu untersuchen, aber ich überzeuge
-mich immer mehr von der Nothwendigkeit, diese Art der Entstehung als die
-Regel zu betrachten. Wenn man eine grössere Zahl von Fällen statistisch
-vergleicht, so zeigt sich, dass jedesmal, wo Metastasen in den Lungen
-vorkommen, auch Thrombose gewisser peripherischer Gefässe besteht. Wir
-hatten z. B. vom Herbst 1850 bis zum März 1858 eine ziemlich grosse
-Puerperalfieber-Epidemie in der Charité. Dabei stellte sich heraus,
-dass, so mannichfaltig die Formen der Erkrankung auch waren, doch alle
-diejenigen Fälle, in welchen Metastasen in den Lungen gefunden wurden,
-auch mit Thrombose im Bereiche des Beckens oder der unteren Extremitäten
-verlaufen waren. Bei den Lymphgefäss-Entzündungen fehlten die
-Lungenmetastasen[93]. Solche statistischen Resultate haben eine gewisse
-zwingende Nothwendigkeit, selbst wo der strenge anatomische Nachweis
-fehlt.
-
- [93] Monatsschrift für Geburtskunde. XI. 413.
-
-[Illustration: =Fig=. 81. Embolie der Lungenarterie. _P_ Mittelstarker
-Ast der Lungenarterie. _E_ der Embolus, auf dem Sporn der sich
-theilenden Arterie reitend. _t_, _t_' der einkapselnde (secundäre)
-Thrombus: _t_ das Stück vor dem Embolus, bis zu dem nächst höheren
-Collateralgefäss _c_ reichend; _t_' das Stück hinter dem Embolus, die
-abgehenden Aeste _r_, _r_' grossentheils füllend und zuletzt konisch
-endigend.]
-
-In die Lungen-Arterie dringen die eingeführten Thrombusstücke je nach
-ihrer Grösse verschieden weit ein. Gewöhnlich setzt sich ein solches
-Stück da fest, wo eine Theilung des Gefässes stattfindet (Fig. 81, _E_),
-weil die abgehenden Gefässe zu klein sind, um das Stück noch
-einzulassen. Bei sehr grossen Stücken werden schon die Hauptäste der
-Lungen-Arterie verstopft, und es tritt augenblickliche Asphyxie ein;
-ganz kleine Stücke gehen bis in die feinsten Arterien hinein und
-erzeugen von da aus die kleinsten, zuweilen miliaren Entzündungen des
-Parenchyms[94]. Für die Deutung dieser kleinen, oft sehr zahlreichen
-Heerde muss ich eine Vermuthung erwähnen, welche mir erst bei meinen
-späteren Untersuchungen gekommen ist, von welcher ich aber kein Bedenken
-trage, sie für eine unabweisliche auszugeben. Ich glaube nehmlich, dass,
-wenn ein grösseres Thrombusstück an einem bestimmten Punkte einer
-Arterie eingekeilt ist, hier noch eine weitere Zertrümmerung durch den
-andringenden Blutstrom stattfinden kann, so dass die Partikelchen,
-welche durch die Zertrümmerung des grossen Pfropfes entstehen, in die
-kleinen Aeste geführt werden, in welche sich das Gefäss auflöst. So
-allein scheint sich die Thatsache zu erklären, dass man oft im Bezirke
-einer und derselben grösseren Arterie eine grosse Menge von kleinen
-Heerden derselben Art und desselben Alters findet.
-
- [94] Gesammelte Abhandlungen 285 ff.
-
-Alles das hat mit der Frage, ob im Blute Eiter ist oder nicht, gar nicht
-das Mindeste zu thun. Es handelt sich dabei um ganz andere Körper, um
-Theile von Gerinnseln in einem mehr oder weniger veränderten Zustande;
-je nachdem diese Veränderung den einen oder den anderen Charakter
-angenommen hat, kann auch die Natur der Prozesse, welche sich in Folge
-der Verstopfung bilden, sehr verschieden sein. Ist z. B. an dem
-ursprünglichen Orte eine faulige oder brandige Erweichung des
-Gerinnsels eingetreten, so wird auch die Metastase einen fauligen oder
-brandigen Charakter annehmen, gerade so, wie dies bei einer Inoculation
-des fauligen oder brandigen Stoffes der Fall sein würde. Umgekehrt kommt
-es vor, dass die secundären Störungen, ähnlich denen am Orte der
-Lostrennung, sehr günstig verlaufen, indem der Embolus, wie der
-Thrombus, sich organisirt und Bindegewebe bildet.
-
-[Illustration: =Fig=. 82. Ulceröse Endocarditis mitralis. _a_ die
-freie, glatte Oberfläche der Mitralklappe, unter welcher die
-Bindegewebs-Elemente vergrössert und getrübt, das Zwischengewebe dichter
-sind. _b_ eine stärkere hügelige Schwellung, bedingt durch zunehmende
-Vergrösserung und Trübung des Gewebes. _c_ eine schon in Erweichung und
-Zertrümmerung übergegangene Schwellungsstelle. _d_, _d_ das noch wenig
-veränderte Klappengewebe in der Tiefe, mit zahlreichen, gewucherten
-Körperchen. _e_, _e_ der Beginn der Vergrösserung, Trübung und Wucherung
-der Elemente. Vergr. 80.]
-
-[Illustration: =Fig=. 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der
-Milzarterie nach Endocarditis (Vgl. Gesammelte Abhandlungen zur wiss.
-Medicin 1856. S. 716). 83. Gefässe eines Penicillus bei 10maliger
-Vergrösserung, um die Lage der verstopfenden Emboli in dem
-Arteriengebiete zu zeigen. 84. Eine kurz vor ihrer Theilung und in den
-nächst abgehenden Aesten mit Bruchstücken der feinkörnigen Embolusmasse
-(vergl. Fig. 82, _c_) gefüllte Arterie. Vergr. 300.]
-
-Diese Gruppe von Prozessen muss um so mehr losgelöst werden von der
-gewöhnlichen Geschichte der Pyämie, als dieselben Vorgänge sich jenseits
-der Lunge, auf der linken Seite des Stromgebietes wiederfinden; oft mit
-demselben Verlaufe, mit demselben Resultate, nur noch weniger abhängig
-von einer ursprünglichen Phlebitis. So bildet die =Endocarditis= nicht
-selten den Ausgangspunkt ähnlicher Metastasen[95]. Auf einer Herzklappe
-geschieht eine Ulceration, nicht durch Eiterbildung, sondern durch
-acute oder chronische Erweichung; zertrümmerte Partikeln der
-Klappenoberfläche oder der auf dieser Oberfläche abgesetzten
-Parietalthromben werden vom Blutstrome fortgerissen und gelangen mit ihm
-an entfernte Punkte. Die Art der Verstopfung, welche diese Trümmer
-erzeugen, ist ganz ähnlich der, welche die Bruchstücke von Venenthromben
-machen, aber beide haben nicht genau dieselbe chemische Beschaffenheit.
-Auch begünstigt ihre Kleinheit und Mürbigkeit das Eindringen in die
-kleinsten Gefässe in hohem Maasse. Daher findet man nicht ganz selten in
-kleinen mikroskopischen Gefässen, welche mit blossem Auge gar nicht mehr
-zu verfolgen sind, die Verstopfungsmasse, gewöhnlich bis zu einer
-Theilungsstelle und noch etwas darüber hinaus. Diese Masse zeigt häufig
-eine körnige Beschaffenheit, jedoch nicht den groben Detritus, wie an
-der Vene, sondern eine ganz feine und zugleich sehr dichte Körnermasse;
-chemisch hat sie die für die Untersuchung überaus bequeme Eigenschaft,
-dass sie gegen die gewöhnlichen Reagentien sehr widerstandsfähig ist und
-sich dadurch von anderen Dingen leicht unterscheidet. Dies gibt die
-=Capillarembolie=[96], eine der wichtigsten Formen der Metastase,
-welche häufig kleine Heerde in der Niere, in der Milz und im
-Herzfleische selbst hervorbringt, unter Umständen plötzliche
-Verschliessungen von Gefässen im Auge oder Gehirn bedingt und je nach
-Umständen zu metastatischen Heerden oder zu schnellen Functionsstörungen
-(Amaurose, Apoplexie) Veranlassung gibt. Auch hier kann man sich
-deutlich überzeugen, dass in frischen Fällen die Gefässwand an der
-embolischen Stelle ganz intakt ist; ja es würde hier die Lehre von der
-Phlebitis nicht mehr zureichen, indem dies überhaupt keine Venen, ja
-nicht einmal Gefässe sind, welche noch Vasa vasorum besitzen, und von
-welchen man annehmen könnte, dass von der Wand her eine Secretion nach
-innen ginge. Hier bleibt nichts übrig, als die Verstopfungsmasse als
-eine primär innen befindliche, die von den Zuständen der Wand in keiner
-Weise abhängig ist, anzuerkennen.
-
- [95] Archiv 1847. I. 338 ff.
-
- [96] Gesammelte Abhandl. 711. Archiv IX. 307. X. 179.
-
-Diese Darstellung wird hoffentlich dargethan haben, dass die Doctrin der
-Pyämie von zwei wesentlichen Irrthümern ausgegangen ist: einmal, dass
-man Eiterkörperchen im Blute zu finden glaubte, wo man nur die farblosen
-Elemente des Blutes selbst vor sich hatte; andermal, dass man Eiter in
-Gefässen zu sehen glaubte, wo nichts weiter als Erweichungsprodukte des
-Fibrins und der Blutkörperchen vorhanden waren. Wir haben gefunden, dass
-allerdings diese letztere Reihe die wichtigste Quelle für Metastasen
-abgibt. Nun ist aber nach meiner Meinung die Geschichte derjenigen
-Prozesse, die man unter dem Namen der Pyämie zusammengefasst hat, mit
-der Darstellung dieser Vorgänge (Leukocytose, Thrombose, Embolie) nicht
-zu Ende. Freilich, wenn der Prozess ganz rein verläuft, so dass sich von
-dem ersten Orte der Störung (Venenthrombose, Endocarditis u. s. w.) nur
-gröbere Massen ablösen und Verstopfung machen, so kommt in vielen Fällen
-der eigentliche Prozess nur durch die Metastase zur Beobachtung. Es gibt
-Fälle, welche so latent verlaufen, dass die ursprünglichen Ausgänge
-vollkommen übersehen werden, und dass der erste Schüttelfrost, dessen
-Eintritt den Kranken und den Arzt aufmerksam macht, schon die beginnende
-Entwickelung der metastatischen Prozesse anzeigt. Für gewöhnlich muss
-man aber noch ein anderes Moment in Betracht ziehen, welches weder für
-die gröbere, noch für die feinere anatomische Untersuchung direkt
-zugänglich ist; das sind gewisse =Flüssigkeiten=, welche an sich
-gleichfalls keine unmittelbare und nothwendige Beziehung zum Eiter als
-solchem, sondern offenbar sehr verschiedene Beschaffenheit und Ableitung
-haben.
-
-Schon bei der Betrachtung der Lymphveränderungen habe ich hervorgehoben
-(S. 226), dass Flüssigkeiten, welche von Lymphgefässen aufgenommen
-wurden, innerhalb der Lymphdrüsen-Filtren nicht nur von körperlichen
-Theilen befreit, sondern auch von der Substanz der Drüse zum Theil
-angezogen und zurückgehalten werden, so dass sie in derselben eine
-Wirksamkeit entfalten können. Aehnliche Einwirkungen scheinen auch über
-die Drüsen hinaus stattzufinden. Wo primär durch Venen die Resorption
-erfolgt[97], wo also überhaupt keine Drüsen zu passiren sind, da muss
-natürlich jedesmal eine Wirkung in die Ferne (eine =Metastase=)
-eintreten. Hierher gehört vor Allem eine Reihe von eigenthümlichen
-Erscheinungen, welche sich als constantes Element durch alle infectiösen
-Prozesse hindurchziehen. Das sind einerseits die Veränderungen, welche
-die lymphatischen und lymphoiden Drüsen, nicht sowohl am Orte der
-primären Affection, als vielmehr im Körper überhaupt erleiden können,
-andererseits die Veränderungen, welche die Secretionsorgane darbieten,
-durch welche die Stoffe ausgeschieden werden sollen[98].
-
- [97] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 297. Gesammelte Abhandl.
- 698.
-
- [98] Gesammelte Abhandlungen 701.
-
-Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass der =Milztumor= für den Typhus
-pathognomonisch sei, indem er den Drüsenanschwellungen im Mesenterium
-parallel gehe. Allein eine genauere Beobachtung lehrt, dass eine grosse
-Reihe von fieberhaften Zuständen, welche einen mehr oder weniger
-typhoiden Verlauf machen und den Nervenapparat so afficiren, dass ein
-Zustand der Depression an den wichtigsten Centralorganen zu Stande
-kommt, mit Milzschwellungen auftreten. Die Milz ist ein ausserordentlich
-empfindliches Organ, das nicht nur beim Wechselfieber und Typhus,
-sondern auch (mit Ausnahme der eigentlichen Vergiftungen) bei den
-meisten anderen Prozessen schwillt, in denen eine reichliche Aufnahme
-von schädlichen, inficirenden Stoffen in das Blut erfolgte. Allerdings
-muss die Milz immer in ihrer nahen Verwandtschaft zum Lymphapparate
-betrachtet werden, aber ihre Erkrankungen stehen ausserdem gewöhnlich in
-einem sehr direkten Verhältnisse zu analogen Erkrankungen der wichtigen
-Nachbardrüsen, insbesondere der =Leber= und der =Nieren=. Bei den
-meisten Infectionszuständen zeigen diese drei Apparate correspondirende
-Vergrösserungen, welche mit wirklichen Veränderungen im Innern verbunden
-sind, die jedoch selbst bei der mikroskopischen Untersuchung scheinbar
-nichts Bemerkenswertes darbieten, so dass das grobe Resultat für das
-blosse Auge, die starke Schwellung, für den Beobachter viel mehr
-auffällig ist. Bei umsichtiger Vergleichung findet sich indess ziemlich
-viel, so dass wir mit Bestimmtheit sagen können, dass die Drüsenzellen
-schnell verändert werden und frühzeitig an den Elementen, durch welche
-die Secretion geschehen soll, eine Störung sich einstellt. Aehnlich
-verhält es sich mit den =quergestreiften Muskeln= und namentlich mit dem
-=Herzen=, dessen Veränderungen für die Erklärung der Symptome von
-höchster Bedeutung sind.
-
-Ich werde darauf zurückkommen, da es mir nützlicher erscheint, zunächst
-auf ein Paar gröbere Beispiele einzugehen, welche die Möglichkeit einer
-unmittelbaren Anschauung solcher, aus dem Blute in die Theile
-eindringender und sich darin absetzender Stoffe gewähren.
-
-Wenn Jemand =Silbersalze= gebraucht, so erfolgt ein Eindringen derselben
-in die Gewebe; wenden wir sie nicht in eigentlich ätzender, zerstörender
-Weise an, so gelangt das Silber in einer Verbindung, deren Natur bis
-jetzt nicht hinreichend bekannt ist, in die Gewebstheile und erzeugt an
-der Applicationsstelle, wenn es lange genug angewendet wird, eine
-Farbenveränderung. Ein Kranker, welchem in der Klinik des verstorbenen
-v. =Gräfe= eine Lösung von Argentum nitricum zu Umschlägen auf das Auge
-verordnet war, gebrauchte als gewissenhafter Patient das Mittel vier
-Monate lang; das Resultat davon war, dass seine Conjunctiva ein intensiv
-bräunliches, fast schwarzes Aussehen annahm. Bei Untersuchung eines
-ausgeschnittenen Stückes derselben fand ich, dass eine Aufnahme des
-Silbers in die Substanz erfolgt war, so zwar, dass an der Oberfläche das
-ganze Bindegewebe eine leicht gelbbraune Farbe besass, in der Tiefe aber
-nur in den feinen elastischen Fasern oder Körperchen des Bindegewebes
-die Ablagerung stattgefunden hatte; die eigentliche Grund- oder
-Intercellularsubstanz war vollkommen frei geblieben. -- Ganz ähnliche
-Ablagerungen geschehen auch in entfernteren Organen bei innerem
-Gebrauche des Mittels. Die anatomische Sammlung des pathologischen
-Instituts enthält das sehr seltene Präparat von den Nieren eines
-Menschen, welcher wegen Epilepsie lange Argentum nitricum innerlich
-genommen hatte. Da zeigt sich an den Malpighischen Knäulen der Niere, wo
-die Transsudation der Flüssigkeiten geschieht, eine schwarzblaue Färbung
-der ganzen Gefässhaut, welche sich auf diesen Punkt der Rinde beschränkt
-und in ähnlicher, obwohl schwächerer Weise nur wieder auftritt in der
-Zwischensubstanz der Markkanälchen. In der ganzen Niere sind also ausser
-denjenigen Theilen, welche den eigentlichen Ort der Absonderung
-ausmachen, nur die verändert, welche der letzten Capillarauflösung in
-der Marksubstanz entsprechen. -- Von der bekannten Silberfärbung der
-äusseren Haut brauche ich hier nicht zu sprechen.
-
-Ein anderes Beispiel bietet uns die =Gicht=. Untersuchen wir den
-Gelenktophus eines Arthritikers, so finden wir ihn zusammengesetzt aus
-sehr feinen, nadelförmigen, krystallinischen Abscheidungen, aus
-harnsaurem Natron bestehend, zwischen denen höchstens hier und da ein
-Eiter- oder Blutkörperchen liegt. Hier handelt es sich also, wie bei dem
-Silbergebrauch, um eine körperliche Substanz, welche in der Regel durch
-die Nieren abgeschieden wird, und zwar nicht selten so massenhaft, dass
-schon innerhalb der Nieren selbst Niederschläge sich bilden, und
-namentlich in den Harnkanälchen der Marksubstanz grosse Krystalle von
-harnsaurem Natron sich anhäufen, zuweilen bis zu einer Verstopfung der
-Harnkanälchen. Wenn jedoch diese Secretion nicht regelmässig vor sich
-geht, so erfolgt zunächst eine Anhäufung der harnsauren Salze im Blute,
-wie dies durch eine sehr bequeme Methode von =Garrod= nachgewiesen
-worden ist. Dann beginnen Ablagerungen an anderen Punkten, nicht durch
-den ganzen Körper, nicht an allen Theilen gleichmässig, sondern an
-bestimmten Punkten und nach gewissen Regeln. Ganz ähnliche Ablagerungen
-von harnsauren Salzen, und zwar in den Bindegewebskörperchen und den
-Lymphgefässen des Bauchfells kann man nach den experimentellen
-Untersuchungen von =Zalesky= und =Chrzonszczewski= erzeugen, wenn man
-bei Vögeln die Ureteren unterbindet.
-
-Dies sind ganz andere Formen der Metastase, als die, welche wir bei der
-Embolie kennen gelernt haben. Dass die Veränderungen, welche in der
-Nierensubstanz durch die Aufnahme von Silber vom Magen her erfolgen,
-mit dem übereinstimmen, was man von Alters her in der Pathologie
-Metastase genannt hat, ist nicht zweifelhaft. Es ist dies ein
-materieller Transport von einem Orte zum andern (vom Magen zur Niere),
-wo an diesem zweiten Orte dieselbe Substanz, wenn auch etwas verändert,
-liegen bleibt, welche vorher an dem anderen vorhanden war, und wo das
-Secretionsorgan in sein Gewebe Partikelchen des Stoffes aufnimmt.
-Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte aller jener Metastasen, bei
-denen im Blute selbst nur gelöste Stoffe und nicht Partikelchen von
-sichtbarer, mechanischer Art (Körner, Körperchen) sich finden. Denn auch
-das harnsaure Natron im Blute des Arthritikers kann man so wenig direkt
-sehen, als die Silbersalze; man müsste sie denn erst durch chemische
-Prozesse sammeln.
-
-In dieselbe Kategorie gehört eine neue, freilich sehr seltene Art von
-Metastase, welche ich beschrieben habe. Bei massenhafter Resorption von
-Kalksalzen aus den Knochen, insbesondere bei ausgedehnter
-Geschwulstbildung (Knochenkrebs), wird in der Regel die Knochenerde
-massenhaft durch die Nieren ausgeschieden, so dass sich Sedimente im
-Harne bilden. Die Kenntniss dieser Erscheinung hat sich von der
-berühmten Frau =Supiot= her aus dem vorigen Jahrhundert in der
-Geschichte der Osteomalacie erhalten. Aber diese regelrechte Abscheidung
-der Kalksalze wird nicht selten durch Störungen der Nierenfunction in
-derselben Weise alterirt, wie bei Arthritis die Abscheidung des
-harnsauren Natrons; dann entstehen ebenso Metastasen von Knochenerde,
-aber an anderen Punkten, namentlich den Lungen und dem Magen. Die Lungen
-verkalken bisweilen in grossen Bezirken, ohne dass die Permeabilität der
-Respirationswege leidet; die erkrankten Theile sehen wie feiner
-Badeschwamm aus. Die Magenschleimhaut erfüllt sich in ähnlicher Weise
-mit Kalksalzen, so dass sie sich wie ein Reibeisen anfühlt und unter dem
-Messer knirscht, ohne dass die Magendrüsen unmittelbar daran betheiligt
-werden; sie stecken nur in einer starren Masse, und es mag sogar noch
-eine Secretion aus ihnen erfolgen[99].
-
- [99] Archiv VIII. 103. IX. 618.
-
-Diese Art von Metastasen, wo bestimmte Substanzen, aber nicht in einer
-palpablen Form, sondern in Lösung in die Blutmasse gelangen, muss
-jedenfalls für die Deutung des Complexes von Zuständen, welche man in
-den Begriff der Pyämie zusammenfasst, wohl berücksichtigt werden. Ich
-sehe wenigstens keine andere Möglichkeit der Erklärung für gewisse mehr
-diffuse Prozesse, die nicht in der Form der gewöhnlichen umschriebenen
-Metastasen auftreten. Dahin gehört die allerdings seltene metastatische
-Pleuritis, welche ohne metastatischen Abscess in der Lunge sich
-entwickelt, die scheinbar rheumatische Gelenkaffection, bei der man an
-den Gelenken keinen bestimmten Heerd findet, die diffuse gangränöse
-Entzündung des Unterhautgewebes, welche nicht wohl gedacht werden kann,
-ohne dass man auf eine mehr chemische Art der Infection zurückgeht. Hier
-handelt es sich, wie man bei der Pocken- und der Leicheninfection sieht,
-um eine Uebertragung von =verdorbenen, ichorösen Säften= auf den Körper,
-und man muss eine Dyscrasie (=ichoröse Infection=, =Ichorrhämie=)
-zulassen, wo in acuter Weise diese in den Körper gelangte ichoröse
-Substanz an den Organen, welche eine besondere Prädilection oder
-Affinität dazu haben, ihre Wirkung entfaltet[100].
-
- [100] Gesammelte Abhandl. 702. Verh. der Ges. für Geburtsh. 1865.
- XVII. 23.
-
-Allerdings ist es sehr schwer, gegenwärtig genau anzugeben, welcher
-Natur die sogenannten ichorösen Säfte sind. Insbesondere lässt sich die
-Möglichkeit nicht verkennen, dass mit den Flüssigkeiten allerlei feste
-Theile in die Circulation gelangen, und es mag sein, dass in vielen
-Fällen diese festen Theile eine grössere Bedeutung haben, als die blosse
-Flüssigkeit. Diese, der =Blutmischung fremden Körperchen= können
-wiederum sehr verschiedener Natur sein. In manchen Fällen liegt es nahe,
-an =wirkliche Zellen= zu denken, welche von einem Orte des Körpers aus
-in die Gefässe aufgenommen werden. Nachdem =Saviotti= selbst eine
-Pigmentzelle aus dem Bindegewebe der Froschschwimmhaut in ein Gefäss hat
-einwandern sehen, lassen sich ähnliche Vorgänge leicht in grosser Zahl
-denken. Daran schliesst sich das Vorkommen =fremder Organismen= im
-Blute. Bei verschiedenen Wirbelthieren kennt man =Hämatozoen=, welche
-offenbar von aussen her in die Gefässe dringen und im Blute circuliren.
-Beim Menschen ist ausser dem in Aegypten vorkommenden Distomum
-haematobium wenig Genaueres bekannt, und es ist namentlich zu erwähnen,
-dass die Einwanderung der Trichinen, soweit sich übersehen lässt, in der
-Regel nicht durch die Gefässe, sondern direkt durch die Gewebe und
-Höhlen des Körpers erfolgt[101]. Anders verhält es sich dagegen mit
-einer Reihe jener kleinsten Organismen, die unter den Namen von
-Vibrionen, Bakterien, Micrococcus aufgeführt werden, und die in der
-neueren Literatur überwiegend als =pflanzliche= Organismen betrachtet
-werden. Sie haben eine um so grössere Bedeutung, als sie eine grosse
-Zahl maligner Prozesse am Menschenleibe, namentlich die fauligen und
-brandigen, bewirken und sich den ichorösen Säften vielfach zumischen.
-Auch finden sie sich bei Leichen sehr häufig in inneren Gefässen des
-Körpers, und man hat sie im Blute lebender Menschen und Thiere
-nachgewiesen. Direkte Injectionen von Sporen eines grösseren
-Fadenpilzes, des Aspergillus, welche =Grohe= in die Gefässe lebender
-Thiere veranstaltete, haben überdies gelehrt, dass in den
-verschiedensten Theilen die Sporen keimten und »metastatische Heerde«
-hervorbrachten. -- Erinnert man sich endlich daran, dass nach den
-Untersuchungen v. =Recklinghausen='s, welche seitdem vielfach wiederholt
-worden sind, unlösliche Körnchen von Farbstoff, welche in die Höhlen
-oder Gefässe von Thieren eingespritzt werden, von den farblosen
-Blutkörperchen und anderen Gewebselementen aufgenommen und von ihnen auf
-ihren Wanderungen mit fortgetragen werden, so erschliesst sich hier noch
-ein reiches Gebiet möglicher Veränderungen des menschlichen Körpers,
-deren genauere Analyse uns erst gestatten wird, zu entscheiden, wie viel
-von der schädlichen Eigenschaft der ichorösen Säfte körperlichen
-Beimischungen, wie viel chemischen Stoffen zuzuschreiben ist. Immerhin
-können wir vor der Hand die ichoröse Infection als ein besonderes Glied
-neben der Leukocytose und Embolie festhalten.
-
- [101] Archiv XVIII. S. 535. Die Lehre von den Trichinen. 3. Aufl.
- Berlin 1866. S. 32.
-
-Bevor wir jedoch dieses Capitel schliessen, müssen wir noch eine
-wichtige Bemerkung in Beziehung auf die sogenannte Pyämie hinzufügen. Es
-kommt nicht selten vor, dass im Laufe desselben Krankheitsfalles die
-drei verschiedenen, von uns betrachteten Veränderungen oder wenigstens
-zwei derselben neben einander bestehen. Es kann eine Vermehrung der
-farblosen Körperchen (Leukocytose) der Art stattfinden, dass man an die
-morphologische Pyämie glauben möchte. Dies wird jedenfalls immer
-stattfinden, wenn der Prozess mit ausgedehnter Reizung von Lymphdrüsen
-verbunden war. Man kann ferner Thrombenbildung und Embolie mit
-metastatischen Heerden finden. Es kann endlich zugleich eine Aufnahme
-von ichorösen oder fauligen Säften statthaben (Ichorrhämie, Septhämie).
-Diese in sich verschiedenen Zustände können sich compliciren, fallen
-aber darum nicht nothwendig zusammen. Will man daher den Begriff der
-Pyämie festhalten, so kann man es am Besten für solche Complicationen
-thun; nur muss =man nicht einen einheitlichen Mittelpunkt in einer
-eiterigen Infection des Blutes suchen=, sondern die Bezeichnung als
-einen Sammelnamen für mehrere, ihrem Wesen und ihrem Ausgangspunkte nach
-verschiedenartige Vorgänge betrachten.
-
-
-
-
- Zwölftes Capitel.
-
- Theorie der Dyscrasien.
-
-
- Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der
- Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und
- allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung
- der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der
- virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection:
- Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser
- Elemente. Homologe und heterologe Infection.
-
- Melanämie. Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und
- Intermittens. Abhängigkeit von Milzfärbung.
-
- Die rothen Blutkörperchen. Entstehung. Die melanösen Formen.
- Chlorose. Lähmung der respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd.
- Blutgifte, Toxicämie.
-
- Verschiedene Entstehung der Dyscrasien.
-
-Im Vorhergehenden haben wir nicht nur körperliche Theile, sondern auch
-chemische Stoffe als Vermittler von Dyscrasien kennen gelernt und
-gefunden, dass diese Dyscrasien eine bald längere, bald kürzere Dauer
-haben, je nachdem die Zufuhr jener Theile oder Stoffe kürzere oder
-längere Zeit andauert. Kommen wir nunmehr kurz zu der Frage zurück, ob
-neben diesen Formen noch irgend eine Art von Dyscrasie nachweisbar ist,
-bei der =das Blut als der dauerhafte Träger= bestimmter Veränderungen
-erscheint, so müssen wir diese Frage entschieden verneinen.
-
-Je deutlicher nachweisbar eine wirkliche Verunreinigung des Blutes mit
-bestimmten, seiner Mischung fremdartigen Stoffen ist, um so
-regelmässiger pflegt der Verlauf der dadurch hervorgerufenen
-Krankheitsprozesse ein relativ acuter zu sein. Man denke an Vergiftungen
-und acute Exantheme. Dagegen dürften gerade jene Krankheits-Formen, bei
-denen man sich am liebsten, namentlich über die Mangelhaftigkeit der
-therapeutischen Erfolge, damit tröstet, dass es sich um eine tiefe und
-unheilbare, chronische Dyscrasie handele, wohl am wenigsten in einer
-zugleich ursprünglichen und anhaltenden Veränderung des Blutes beruhen;
-gerade bei ihnen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um
-ausgedehnte und dauerhafte Veränderungen gewisser Organe oder einzelner
-Theile. So ist es mit Krebs, Tuberculose, Aussatz, Hämorrhaphilie. Ich
-kann nicht behaupten, dass ein völliger Abschluss der Untersuchungen in
-Beziehung auf eine dieser Krankheiten vorläge; ich kann nur sagen, dass
-jedes Mittel der mikroskopischen und chemischen Analyse bis jetzt
-fruchtlos angewendet worden ist auf die hämatologische Erforschung des
-Wesens dieser Prozesse, dass wir dagegen bei allen wesentliche
-Veränderungen kleinerer oder grösserer Complexe von Organen oder
-Organtheilen nachweisen können, und dass die Wahrscheinlichkeit, auch
-hier die dauerhafte Dyscrasie als eine secundäre, abhängig von
-bestimmten organischen Punkten, zu erkennen, mit jedem Tage zunimmt.
-
-Diese Frage ist namentlich genauer zu discutiren bei der Lehre von der
-Verbreitung der bösartigen Geschwülste[102], bei denen man sich ja auch
-so häufig damit hilft, die Bösartigkeit als im Blute wurzelnd zu denken,
-so dass das Blut die Localaffectionen hervorbringe. Und doch ist es
-gerade im Verlaufe dieser Bildungen verhältnissmässig am leichtesten,
-einen anderen Modus der Verbreitung zu zeigen, sowohl in der nächsten
-Nachbarschaft der Erkrankungsstelle, als auch an entfernten Organen. Es
-ergibt sich, dass ein Umstand die Möglichkeit der Ausbreitung solcher
-Prozesse besonders begünstigt, nehmlich =der Reichthum an
-Parenchym-Säften= in dem pathologischen Gebilde[103]. Je trockener eine
-Neubildung ist, um so weniger besitzt sie im Allgemeinen die Fähigkeit
-der Infection, sei es näherer, sei es entfernterer Orte. Das Cancroid,
-die Perlgeschwulst, selbst der Tuberkel stecken die Nachbarschaft leicht
-an, während die entfernten Organe häufig gar nicht erkranken: das
-Carcinom, das Sarcom, der Rotz, selbst specifischer Eiter machen sehr
-leicht örtliche und zugleich allgemeine Ansteckung.
-
- [102] Geschwülste I. 41, 70, 126.
-
- [103] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 340.
-
-Der Modus der Verbreitung selbst entspricht bei dem Krebs in der Regel
-ganz dem, was wir früher betrachteten. Am leichtesten findet eine
-Leitung innerhalb der Lymphbahnen und ein Ergreifen der Lymphdrüsen
-statt; erst nach und nach treten an entfernteren Stellen Prozesse
-ähnlicher Art auf. Oder der Prozess greift auch hier zunächst auf die
-Venenwandungen über, diese werden wirklich krebsig, und nach einer
-gewissen Zeit wächst entweder der Krebs direkt durch die Wand hindurch
-in das Gefäss hinein und schreitet hier fort, oder es bildet sich an
-diesem Punkte ein Thrombus, welcher den Krebspfropf mehr oder weniger
-umhüllt, und in welchen die krebsige Masse hineinwächst[104]. Wir haben
-also hier in zwei Richtungen die Möglichkeit für eine Verbreitung, aber
-nur in einer Richtung die Möglichkeit eines sofortigen Ueberganges
-körperlicher Theile in das Blut, nehmlich nur in dem Falle, dass Venen
-durchbrochen werden. Eine Resorption von Krebszellen durch Lymphgefässe
-gehört keineswegs unter die Unmöglichkeiten, aber jedenfalls ist so viel
-sicher, dass nicht eher eine allgemeine Verbreitung derselben
-stattfinden kann, ehe die Lymphdrüsen nicht ihrerseits durch und durch
-krebsig umgewandelt sind, und dieselben krebsigen Massen von ihnen aus
-in abgehende Gefässe hineinwuchern. Nie kann ein peripherisches
-Lymphgefäss einfach, wie die Flüssigkeit, so auch die Zellen des Krebses
-bis zum Blute fortschwemmen; das ist nur denkbar und möglich an den
-Venen. Allein auch hier verhält es sich so, dass eine Wahrscheinlichkeit
-dafür, dass häufige Verbreitungen durch losgelöste Krebszellen
-stattfinden, durchaus nicht vorliegt, aus dem einfachen Grunde, weil die
-Metastasen des Krebses den Metastasen, die wir bei der Embolie kennen
-gelernt haben, sehr häufig nicht entsprechen. Die gewöhnliche Form der
-metastatischen Verbreitung beim Krebs entspricht vielmehr der Richtung
-zu den Secretionsorganen. Die Lunge erkrankt bekanntlich viel seltener
-durch Krebs, als die Leber, nicht nur nach Magen- und Uteruskrebs,
-sondern auch nach Brustkrebs, welcher doch zunächst Lungenkrebs erzeugen
-müsste, wenn es etwas Körperliches wäre, welches fortgeleitet würde,
-stagnirte und die neue Eruption bedingte.
-
- [104] Archiv I. 112. Gesammelte. Abhandl. 551. Geschwülste I. 43.
-
-Die Art der metastatischen Verbreitung macht es vielmehr wahrscheinlich,
-dass die Uebertragung häufig durch Flüssigkeiten erfolgt, und dass diese
-die Fähigkeit besitzen, eine Ansteckung zu erzeugen, welche die
-einzelnen Theile zur Reproduction derselben Masse bestimmt, die
-ursprünglich vorhanden war. Man denke sich nur einen ähnlichen Prozess,
-wie wir ihn bei den Pocken im Grossen haben. Der Pockeneiter, direkt
-übertragen, leitet allerdings den Prozess ein, aber das Contagium ist
-auch flüchtig, und es kann Jemand eiterige Pusteln auf der Haut
-bekommen, nachdem er nur infecte Luft geathmet hat. Einigermaassen
-ähnlich scheint es sich auch in den Fällen zu verhalten, wo im Laufe
-heteroplastischer Prozesse Dyscrasien zu Stande kommen, welche ihre
-neuen Eruptionen nicht an Punkten machen, welche nach der Richtung des
-Lymph- oder Blutstromes ihnen zunächst ausgesetzt sein würden, sondern
-an entfernten Punkten. Wie sich das Silbersalz nicht in den Lungen
-ablagert, sondern hindurchgeht, um sich erst in den Nieren oder der Haut
-niederzuschlagen, so kann ein contagiöser Saft von einer Krebsgeschwulst
-durch die Lungen gehen, ohne diese zu verändern, während er doch an
-einem entfernteren Punkte, z. B. in den Knochen eines weit abgelegenen
-Theiles, bösartige Veränderungen erweckt.
-
-Damit ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch
-zellige Elemente als Träger der contagiösen Stoffe auftreten. Wenn man
-die eigenthümlichen Eruptionen betrachtet, welche bei Magenkrebs am
-Netz, am Gekröse und an anderen Orten des Bauchfells auftreten, so wird
-es allerdings sehr viel leichter, dieselben durch das zufällige Ablösen,
-Heruntergleiten, Liegenbleiben und so zu sagen Keimen von krebsigen
-Zellen von der Oberfläche des Magens zu erklären, als sie auf
-abgesonderte Flüssigkeiten zu beziehen[105]. Denn diese secundären
-Peritonäal-Krebse bieten in Beziehung auf Vielfachheit, Form und Sitz
-der Heerde die grösste Aehnlichkeit mit den contagiösen
-Schimmelkrankheiten (Mykosen) der Haut dar, wo, z. B. bei Porrigo
-(Favus, Tinea), bei Pityriasis versicolor, die sich ablösenden und
-heruntergleitenden Sporen zuweilen am Rumpfe eine lange Reihe von
-Eruptionen bilden. Aber auch bei dieser =Dissemination= von Krebs ist es
-noch nicht erwiesen, dass es die etwa losgelösten Zellen selbst sind,
-welche aus sich, durch neue Proliferation, die secundären Knoten
-erzeugen; vielmehr dürfte auch ihnen nur eine contagiöse, katalytische
-Einwirkung auf die Gewebe zuzuschreiben sein, etwa wie dem Samen
-(Sperma) in Beziehung auf das Ei[106]. Soweit meine Beobachtung
-reicht, gehen die jungen Geschwulst-Elemente in allen solchen
-Secundär-Eruptionen aus dem Gewebe des angesteckten Ortes hervor.
-Deshalb habe ich geschlossen[107], dass die =locale Contagion=, welche
-sich von der ersten Erkrankungsstelle zunächst in der Nachbarschaft
-ausbreitet, durch Säfte erfolgen müsse, welche in die gesunden Gewebe
-eindringen, sie katalytisch erregen und zu neuer selbständiger Wucherung
-antreiben. Dies wäre eine =humorale Infection=, die doch nichts mit dem
-Blute zu thun hat, sondern, wie bei einem Erysipelas migrans, von einem
-Elemente direkt auf das andere fortschreitet, übertragen wird.
-
- [105] Geschwülste I. 54.
-
- [106] Gesammelte Abhandl. 41, 51, 53. Handb. der spec. Pathol. II.
- 411.
-
- [107] Archiv 1853. V. 245.
-
-Allerdings ist die Frage, welches die eigentlich infectiöse
-(=virulente=) Substanz sei, und namentlich, ob sie an zellige Elemente
-oder besondere Organismen gebunden oder als ein bloss chemischer Stoff
-anzusehen sei, eine überaus schwierige, und nichts berechtigt uns, sie
-für alle infectiösen Prozesse in gleicher Weise zu behandeln. Denn es
-ist durchaus nicht nöthig, dass dieselbe Erklärung für Pocken gilt, wie
-für Scharlach oder wie für Rotz oder wie für Syphilis. Würde dargethan,
-dass der Krebs sich nur durch Zellen fortpflanzte, so folgte daraus noch
-nicht, dass es bei Tuberkel ebenso sein müsse. Nirgends ist die
-Generalisation bedenklicher, als gerade hier. Auch muss ich darauf
-aufmerksam machen, dass selbst da, wo die Infection an Zellen oder
-Organismen geknüpft ist, noch nicht dargethan ist, dass diese Zellen
-oder Organismen selbst das Schädliche sind; es kann sehr wohl sein, dass
-die Zellen erst die schädliche Substanz absondern, etwa wie die
-Gährungspilze den Alkohol[108].
-
- [108] Berliner Klinische Wochenschrift 1871. No. 10.
-
-In der That hat das genauere Studium der infectiösen Krankheiten
-gelehrt, dass selbst =zerfallende, regressive Substanzen= (Detritus) der
-Träger der Ansteckung sein können[109]. Ich habe dies zuerst für den
-Rotz[110] nachgewiesen. Für die Syphilis hat =Michaelis= einen ähnlichen
-Nachweis versucht, und die neueren Experimentatoren sind wenigstens
-sehr getheilter Ansicht[111]. In grosser Ausdehnung hat sich eine
-ähnliche, zuerst von =Dittrich= vermutungsweise aufgestellte Ansicht in
-der Lehre von der Tuberkulose Anerkennung verschafft, seitdem man
-dieselbe im Wege der =Impfung= (Inoculation) bei Thieren studirt hat.
-Nachdem zuerst =Villemin= positive Resultate erlangt hatte, indem er
-Tuberkelsubstanz auf Thiere übertrug, und damit die Ansteckungsfähigkeit
-des Tuberkels erwiesen schien, hat eine Reihe späterer Experimentatoren,
-insbesondere =Cohnheim= und =Fränkel= dargethan, dass die Fähigkeit,
-Tuberkel hervorzurufen, nicht an Tuberkelstoff geknüpft ist, sondern
-dass die Inoculation von zerfallendem Eiter, ja die blosse Einbringung
-von reizenden Körpern, welche chronische Eiterung mit nekrobiotischem
-Zerfall hervorrufen, genügt, um eine bald örtliche, bald allgemeine
-Tuberkulose zu erzeugen. Ja, Versuche von =Carl Ruge=[112] an
-Meerschweinchen haben gelehrt, dass die Einbringung fremder Körper,
-z. B. von Korkstückchen in die Bauchhöhle, auch dann Tuberkulose
-hervorbringen kann, wenn weder Eiter, noch Käse, sondern nur chronische
-Entzündung entsteht. Nichtsdestoweniger wird man kaum fehlgehen, wenn
-man den käsigen Stoffen, mögen sie nun aus Eiter oder aus Tuberkel
-entstanden sein, eine höhere Fähigkeit, die tuberkulöse Infection
-hervorzubringen, zuschreibt.
-
- [109] Geschwülste I. 111.
-
- [110] Spec. Pathologie und Therapie 1855. II. 411.
-
- [111] Geschwülste I. 112. II. 474.
-
- [112] C. =Ruge= Einige Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Inaug.
- Diss. Berlin 1869. S. 26.
-
-Muss man daher zugestehen, dass selbst der Detritus organisirter Gewebe
-oder zelliger Theile infectiöse Eigenschaften besitzen kann, so wird man
-sich der Erwägung nicht verschliessen können, dass auch Secretstoffe,
-mögen sie nun, wie die Samenfäden, durch den Untergang von Zellen
-freigeworden sein, oder mögen sie, als recrementitielle Stoffe von den
-noch fortbestehenden Zellen ausgeschieden sein, infectiös werden können.
-Wenn eine Krebszelle in eine Lymphdrüse geführt wird, so könnte durch
-die von ihr gelieferten Stoffe auch den Drüsenzellen ein specifischer
-Reiz übertragen werden, welcher dieselben bestimmt, nicht bloss zu
-wachsen und sich zu vermehren, wie bei einer gewöhnlichen Reizung,
-sondern auch wirklich krebsig zu werden. In der That lassen sich bei
-secundärem Krebs der Lymphdrüsen Uebergänge zwischen Drüsen- und
-Krebszellen vielfach wahrnehmen.
-
-Auch auf dem Wege der Impfung ist es mehreren neueren Experimentatoren
-gelungen, Krebs auf Thiere zu übertragen[113]. Aber noch ist nicht genau
-festgestellt, ob in diesen, verhältnissmässig seltenen und daher noch
-nicht über allen Zweifel erhabenen Versuchen die geimpften Krebszellen
-selbst weitere Brut aus sich hervorgebracht haben, oder ob sie nur
-katalytisch-erregend auf die Gewebstheile einwirkten. Dieses ist erst
-durch weitere Untersuchungen festzustellen.
-
- [113] Geschwülste I. 87.
-
-Die neueren Erfahrungen über die =Wanderungen= zelliger Elemente (S.
-189) haben überdies eine neue Möglichkeit der Erklärung mancher
-Erscheinungen gebracht, welche früher nur durch die Annahme contagiöser
-Säfte gedeutet werden konnten. Es ist damit nicht bloss die Auswanderung
-von =infectiösen Elementen= in die Nachbarschaft, sondern auch deren
-Uebergang in die Circulation und ihre Einwanderung in entfernte Organe
-in den Kreis der zulässigen Interpretation eingetreten. Die Bildung von
-Metastasen in entfernten Punkten des Körpers, sowie die durch
-reichlichere Anwesenheit von Parenchymsäften begünstigte Neigung zur
-Infection lässt sich dadurch sehr bequem erklären. Aber man darf um der
-Bequemlichkeit der Erklärung willen nicht übersehen, dass der
-thatsächliche Nachweis allein eine Entscheidung bringt. Wenn sich im
-Umfange eines Tuberkels wieder Tuberkel bilden, welche in einer gewissen
-Entfernung von dem ersten liegen, so lässt sich dies so erklären, dass
-von dem ersten Heerde Tuberkelzellen ausgewandert seien, welche an den
-accessorischen Knoten gekeimt sind. Aber dieselbe Erklärung passt nicht
-mehr auf den Fall, den ich mehrmals gesehen habe, dass sich in der Nähe
-eines kankroiden Geschwürs des Oesophagus eine multiple Eruption
-miliarer Tuberkel auf der Pleura bildet. Hier kommt man nothwendig auf
-blosse Stoffe zurück, und man überzeugt sich, dass es eine =doppelte Art
-der Infection= gibt: eine =homologe=, wo die Secundärprodukte den
-ursprünglichen gleich oder ähnlich, und eine =heterologe=, wo sie davon
-verschieden sind.
-
-Auch darf man nicht übersehen, dass ein wirklicher Uebergang geformter
-Theile in das Blut nicht nothwendig in denjenigen Organen, zu welchen
-diese Theile gelangen, analoge Erkrankungen erzeugen muss, wie an dem
-Orte ihrer Bildung bestanden. In dieser Beziehung will ich einen
-Zustand erwähnen, welcher in der neueren Zeit mehrfach besprochen worden
-ist, die von mir sogenannte =Melanämie=[114]. Es ist dies ein Zustand,
-welcher sich am nächsten an die Geschichte der Leukämie anlehnt,
-insofern es sich dabei um Elemente des Blutes handelt, welche, wie die
-farblosen Körperchen bei der Leukämie, von bestimmten Organen aus in das
-Blut gelangen und mit dem Blute circuliren[115]. Die Zahl der bekannten
-Beobachtungen darüber ist schon ziemlich gross, man möchte fast sagen,
-grösser als vielleicht nothwendig wäre, denn es scheint in der That,
-dass hier und da Verwechselungen von Pigment mit cadaverösen
-Producten[116] mit untergelaufen sind, welche aus der Geschichte der
-Affection wieder hinauszubringen sein dürften. Unzweifelhaft gibt es
-aber einen Zustand, in welchem farbige Elemente im Blute vorkommen,
-welche in dasselbe nicht hineingehören. Einzelne Beobachtungen solcher
-Art finden sich schon seit längerer Zeit[117] und zwar zuerst in der
-Geschichte der melanotischen Geschwülste, wo man öfter angegeben hat,
-dass in ihrer Nähe schwarze Partikelchen in den Gefässen vorkommen, und
-wo man sich dachte, dass hieraus die melanotische Dyscrasie
-entstände[118]. Dies ist aber gerade der Fall nicht, den man meint, wenn
-man heut zu Tage von Melanämie redet. In den letzten Jahren ist keine
-einzige Beobachtung bekannt geworden, welche in Beziehung auf den
-Uebergang melanotischer Geschwulsttheile in das Blut einen Fortschritt
-darböte.
-
- [114] Gesammelte Abhandlungen 201.
-
- [115] Archiv 1853. V. 85.
-
- [116] Gesammelte Abhandl. 730. Note.
-
- [117] Herr Dr. =Stiebel= sen. in Frankfurt a. M. macht mich darauf
- aufmerksam, dass er schon in einer Recension von =Schönlein='s
- klinischen Vorträgen (in =Häser='s Archiv) das Vorkommen von
- Pigmentzellen im Blute besprochen habe.
- Anm. der zweiten Aufl.
-
- [118] Geschwülste II. 285.
-
-Die erste Beobachtung derjenigen Reihe, welche ich im engeren Sinne als
-Melanämie bezeichne, ist von =Heinrich Meckel= bei einer Geisteskranken
-gemacht worden, kurze Zeit, nachdem ich die Leukämie beschrieben hatte.
-Er fand, dass auch hier die Milz in einem sehr erheblichen Maasse
-vergrössert, aber zugleich mit schwarzem Pigment durchsetzt war, und er
-leitete daher die Veränderung im Blute von einer Aufnahme farbiger
-Partikelchen aus der Milz ab. Die nächste Beobachtung habe ich selbst
-gemacht[119], und zwar in einer Richtung, die nachher sehr fruchtbar
-geworden ist, bei einem Intermittenskranken, welcher lange Zeit mit
-einem beträchtlichen Milztumor behaftet war; ich fand in seinem
-Herzblute =pigmentirte Zellen= (Fig. 85). =Meckel= hatte nur freie
-Pigmentkörner und Schollen gesehen. Die von mir gefundenen Zellen hatten
-vielfache Aehnlichkeit mit farblosen Blutkörperchen; es waren
-sphärische, manchmal aber auch mehr längliche, kernhaltige Elemente,
-innerhalb deren sich mehr oder weniger grosse, schwarze Körner fanden.
-Auch in diesem Falle bestätigte sich das Vorkommen einer grossen
-schwarzen Milz. Seit jener Zeit ist durch =Meckel= selbst, sowie durch
-eine Reihe von anderen Beobachtern in Deutschland, zuletzt durch
-=Frerichs=, in Italien durch =Tigri=, die Aufmerksamkeit auf diese
-Zustände immer mehr gelenkt worden. =Tigri= hat die Krankheit geradezu
-nach der schwarzen Milz als Milza nera bezeichnet, während nach der
-Ansicht von =Meckel=, welche durch =Frerichs= an Ausdehnung gewonnen
-hat, es vielmehr eine Form der schwereren Intermittenten wäre, welche
-auf diese Weise zu erklären sein sollte.
-
- [119] Archiv 1848. II. 594.
-
-[Illustration: =Fig=. 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen (vgl.
-Archiv für pathol. Anatomie und Physiologie. Bd. II. Fig. 8). Farblose
-Zellen von verschiedener Gestalt, mit schwarzen, zum Theil eckigen
-Pigmentkörnern erfüllt. Vergr. 300.]
-
-=Meckel= suchte den Grund der schweren Zufälle darin, dass die Elemente,
-welche in's Blut gelangen, sich an gewissen Orten in den feineren
-Capillarbezirken anhäuften und hier Stagnation und Obstruction
-erzeugten. So namentlich in den Capillaren des Gehirns, wo sie sich nach
-Art der Emboli an den Theilungsstellen festsetzen und bald
-Capillarapoplexien, bald die comatösen und apoplektischen Formen der
-schweren Wechselfieber bedingen sollten. =Frerichs= hat noch eine andere
-Art der Verstopfung hinzugefügt, die der feinen Lebergefässe, welche
-endlich zur Atrophie des Leberparenchyms Veranlassung geben soll.
-
-Es würde demnach hier eine ausserordentlich wichtige Reihe von
-Secundärzufällen existiren, die direkt von der Dyscrasie abhängig wären.
-Leider kann ich selbst wenig darüber sagen, da ich seit meinem ersten
-Falle nicht wieder in der Lage war, etwas Aehnliches zu beobachten. Ich
-habe wohl schwarze Milzen, sowie Lebern mit schwarzem Pigment im
-interstitiellen Gewebe gefunden, aber keine Melanämie und keine
-melanämische Embolie. Ich kann also auch nicht mit Sicherheit über den
-Werth der Beziehungen urtheilen, welche man aufgestellt hat über den
-Zusammenhang der secundären Veränderungen mit der Blutverunreinigung.
-Nur das möchte ich hervorheben, dass alle Thatsachen, welche man in
-Bezug auf diese Zustände kennt, darauf hinweisen, dass die
-Verunreinigung des Blutes von einem bestimmten Organe ausgeht, dass dies
-Organ, wie bei den farblosen Blutkörperchen, gewöhnlich die Milz ist,
-dass aber selbst diejenigen Beobachter, welche das im Blute enthaltene
-Pigment an entfernten Punkten in den Gefässen stocken lassen, daraus nur
-mechanische Störungen ableiten, aber nicht melanotische
-Secundärgeschwülste. Dass die schwere Intermittens, wie =Griesinger=
-meinte, an die Melanämie geknüpft sei, ist entschieden unrichtig, und
-wenn, wie ich finde, das schwarze Pigment in den melanämischen Lebern
-constant in den Bindegewebskörperchen der portalen Scheiden liegt, so
-ist damit noch lange nicht dargethan, dass diese Körperchen selbst
-eingewandert sind. --
-
- * * * * *
-
-Ich habe im Verlaufe meiner Darstellung bis jetzt kaum etwas von den
-Veränderungen der =rothen Körperchen= des Blutes erwähnt, nicht etwa,
-weil ich sie für unwesentliche Bestandtheile hielte, sondern weil bis
-jetzt über ihre Veränderungen ausserordentlich wenig bekannt ist. Die
-Geschichte der rothen Blutkörperchen ist immer noch mit einem
-geheimnissvollen Dunkel umgeben, da eine völlige Sicherheit über die
-Entstehung dieser Elemente auch gegenwärtig noch nicht gewonnen ist.
-Ihre Entstehung aus farblosen Zellen, so bestimmt wir sie auch
-voraussetzen müssen, ist beim geborenen Menschen nicht regelmässig zu
-verfolgen. Dass die gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen über das
-Stadium hinaus zu sein scheinen, wo ihre Neubildung zu rothen Körperchen
-noch eintritt, habe ich schon erwähnt (S. 213); ob jedoch im Chylus oder
-in der Lymphe selbst, in der Milz oder im Knochenmark schon solche
-Umbildungen geschehen, ist erst genauer festzustellen. Nur bei
-Froschblut ist es v. =Recklinghausen= in seiner »Zuchtkammer« auch
-ausserhalb des Körpers gelungen, eine allmähliche Umbildung farbloser
-Blutkörperchen in rothe zu beobachten. Für den Menschen ist diese
-Erfahrung nicht ohne Weiteres zu verwerthen. Wir wissen von ihm nur so
-viel mit Bestimmtheit, wie ich schon früher (S. 172) hervorhob, dass die
-ersten rothen Blutkörperchen aus embryonalen Bildungszellen des Eies
-ebenso direkt hervorgehen, wie alle übrigen Gewebe sich aus denselben
-aufbauen. Wir wissen ferner, dass in den ersten Lebensmonaten auch des
-menschlichen Embryo Theilungen der rothen Blutkörperchen stattfinden,
-wodurch eine Vermehrung derselben im Blute selbst hervorgebracht wird.
-Allein nach dieser Zeit ist, ganz vereinzelte Beobachtungen über das
-Vorkommen kernhaltiger Blutkörperchen (S. 205) abgerechnet, Alles
-dunkel, und zwar fällt dieses Dunkel ziemlich genau zusammen mit der
-Periode, wo die Blutkörperchen im menschlichen und Säugethier-Blute
-aufhören, Kerne zu zeigen. Wir können nur sagen, dass gar keine
-Thatsache bekannt ist, welche für eine fernere selbständige Entwickelung
-oder für eine Theilung der rothen Körperchen im Blute selbst spräche;
-Alles deutet mit Wahrscheinlichkeit auf eine Zufuhr hin. Selbst
-G. =Zimmermann=, welcher annahm, dass kleine bläschenförmige Körperchen
-im Blute vorkämen, welche in demselben nach und nach durch
-Intussusception wüchsen und endlich zu rothen Blutkörperchen würden,
-leitete jene bläschenförmigen Körperchen aus dem Chylus ab.
-
-Indess scheint mir diese Beobachtung nicht richtig gedeutet zu sein. Die
-von =Zimmermann= beschriebenen Gebilde sind offenbar Bruchstücke alter
-Blutkörperchen (S. 193), wie sie =Wertheim= neuerlich nach Verbrennungen
-gesehen haben will. Ausserdem finden sich nicht selten ungewöhnlich
-kleine Blutkörperchen auch im frischen Blute (Fig. 61, _h_), allein wenn
-man sie genauer untersucht, so ergibt sich an ihnen eine
-Eigenthümlichkeit, welche an jungen (embryonalen) Formen nicht bekannt
-ist, nehmlich dass sie ausserordentlich resistent gegen die
-verschiedensten Einwirkungen sind. An sich sehen sie schön dunkelroth
-aus, sie haben eine gesättigte, manchmal fast schwarze Farbe; behandelt
-man sie mit Wasser oder Säuren, welche die gewöhnlichen rothen
-Körperchen mit Leichtigkeit auflösen, so sieht man, dass eine ungleich
-längere Zeit vergeht, bevor sie verschwinden. Setzt man zu einem Tropfen
-Blut viel Wasser hinzu, so sieht man sie nach dem Verschwinden der
-übrigen Blutkörperchen noch längere Zeit übrig bleiben. Diese
-Eigenthümlichkeit stimmt am meisten überein mit Veränderungen, welche in
-solchem Blute eintreten, welches in Extravasaten oder innerhalb der
-Gefässe lange Zeit in Stase sich befunden hat. Hier führt diese
-Veränderung unzweifelhaft zu einem Untergang der Körper, und es kann
-daher mit grosser Wahrscheinlichkeit auch für das circulirende Blut
-geschlossen werden, dass diese kleinen Körperchen nicht junge, in der
-Entwickelung begriffene, sondern im Gegentheil alte, im Untergang
-begriffene Formen darstellen. Ich stimme daher im Wesentlichen mit der
-Auffassung von =Karl Heinrich Schultz= überein, welcher diese Körper
-unter dem Namen von =melanösen= Blutkörperchen beschrieben hat und sie
-für die Vorläufer der »Blutmauserung« ansieht, für Körperchen, welche
-sich vorbereiteten zu den eigentlich excrementiellen Umsetzungen.
-
-In manchen Zuständen wird die Zahl dieser Elemente ungeheuer gross. Bei
-recht gesunden Individuen findet man sehr wenig davon, nur im
-Pfortaderblut glaubt =Schultz= immer viele dieser Körperchen gesehen zu
-haben. Sicher ist es aber, dass es krankhafte Zustände gibt, wo ihre
-Menge so gross wird, dass man fast in jedem Blutstropfen eine kleinere
-oder grössere Zahl davon antrifft. Diese Zustände lassen sich jedoch bis
-jetzt nicht in bestimmte Kategorien bringen, weil die Aufmerksamkeit
-darauf wenig rege gewesen ist. Man findet sie in leichten Formen von
-Intermittens, bei Cyanose nach Herzkrankheiten, bei Typhösen, bei den
-Infectionsfiebern der Operirten und im Laufe epidemischer Erkrankungen,
-immer jedoch in solchen Krankheiten, welche mit einer schnellen
-Erschöpfung der Blutmasse einhergehen und zu kachectischen und
-anämischen Zuständen führen. In der Regel sieht solches Blut sehr dunkel
-aus und nimmt selbst beim Stehen an der Luft oder beim Zusatze von
-Neutralsalzen nicht jene hochrothe Farbe an, welche das normale Blut so
-sehr auszeichnet. Auch vom klinischen Gesichtspunkte aus besteht für die
-Mehrzahl dieser Krankheitszustände die Wahrscheinlichkeit eines
-reichlichen Zugrundegehens von Blutbestandtheilen innerhalb der
-Blutbahn. --
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- * * * * *
-
-Ausser diesen Veränderungen kennen wir mit Bestimmtheit noch eine andere
-Reihe, wo es sich um quantitative Veränderungen in der Zahl der Körper
-handelt. Diese Zustände, deren Hauptrepräsentant die =Chlorose= ist,
-zeigen eine gewisse Aehnlichkeit mit jenen, welche mit Vermehrung der
-farblosen Blutkörperchen einhergehen, mit der Leukämie im engeren Sinne
-und den bloss leukocytotischen Zuständen. Die Chlorose unterscheidet
-sich aber dadurch von ihnen, dass die Zahl der zelligen Körperchen im
-Blute überhaupt geringer ist. Während in der Leukämie gewissermaassen an
-die Stelle der rothen Körperchen farblose treten und eine Verminderung
-der Zahl der zelligen Elemente im Blute nicht zu Stande kommt, ja
-zuweilen sogar eine Art von Plethora lymphatica dadurch bedingt wird, so
-vermindern sich bei der Chlorose die Elemente beider Gattungen, ohne
-dass das gegenseitige Verhältniss der farbigen zu den farblosen in einer
-bestimmten Weise gestört würde. Es setzt dies eine verminderte Bildung
-überhaupt voraus, und wenn man schliessen darf (wie ich allerdings
-glaube, dass man kaum anders kann), dass auch die rothen Körperchen von
-Elementen der Milz und der Lymphdrüsen herstammen, so würde Alles darauf
-hindeuten, dass in der Chlorose eine verminderte Bildung von Zellen
-innerhalb der Blutdrüsen stattfinde. Die Leukämie erklärt sich natürlich
-viel einfacher, insofern wir hier Repräsentanten der zelligen Elemente
-im Blute finden, und wir uns denken können, dass ein Theil der Elemente,
-anstatt in rothe umgewandelt zu werden, seine Entwickelung ganz als
-farblose fortsetzt. In der Geschichte der Chlorose dagegen waltet noch
-viel Dunkel, da wir ein primäres Leiden der Blutdrüsen mit Bestimmtheit
-nicht nachweisen können. Die anatomischen Erfahrungen deuten darauf hin,
-dass die chlorotische Störung schon sehr frühzeitig angelegt wird. Man
-findet gewöhnlich die Aorta und die grösseren Arterien, häufig das Herz
-und den Sexualapparat mangelhaft gebildet, was auf eine congenitale oder
-doch in früher Jugend erworbene Disposition schliessen lässt. Wenn diese
-Disposition in der Regel erst zur Pubertätszeit wirkliche Störungen von
-pathologischem Werthe hervorbringt, so würde es doch irrig sein, wenn
-man deshalb die Disposition leugnen wollte. Meine Ansicht geht sogar
-dahin, dass diese Disposition unheilbar ist, wenngleich sie durch
-zweckmässige Behandlung, insbesondere diätetische Pflege latent gemacht
-werden kann. --
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-
-Endlich muss hier noch eine dritte Reihe von Zuständen erwähnt werden,
-diejenige nehmlich, wo die innere Beschaffenheit der Blutkörperchen
-Veränderungen erfahren hat, ohne dass dadurch ein bestimmter
-morphologischer Effect hervorgebracht würde. Hier handelt es sich
-wesentlich um Functionsstörungen, welche wahrscheinlich mit feineren
-Veränderungen der Mischung zusammenhängen, also Veränderungen der
-eigentlichen =respiratorischen Substanz=. So gut nehmlich, wie wir bei
-den Muskeln die Substanz des Primitivbündels, die compacte Masse des
-Syntonins oder Myosins als contractile Substanz erfinden, so erkennen
-wir im Inhalte des rothen Blutkörperchens die eigentlich functionirende,
-respiratorische Substanz. Sie erfährt unter gewissen Verhältnissen
-Veränderungen, welche sie ausser Stand setzen, ihre Function
-fortzuführen, eine Art von Lähmung, wenn man will. Dass etwas der Art
-vorgegangen ist, ersieht man daraus, dass die Körperchen nicht mehr im
-Stande sind, Sauerstoff aufzunehmen, wie man dieses experimentell
-unmittelbar erhärten kann. Dass es sich dabei aber um molekulare
-Veränderungen in der Mischung handelt, dafür haben wir bequeme
-Anhaltspunkte in der Wirkung solcher giftiger Substanzen, welche schon
-in minimaler Menge das Hämoglobin so verändern, dass es in eine Art von
-Paralyse versetzt wird. Es sind dies die =Blutgifte= im engeren Sinne
-des Wortes, bei denen nicht bloss, wie bei den meisten Giften, die
-schädliche Substanz durch das Blut hindurchgeht, um zu anderen Theilen
-z. B. zu Ganglienzellen, Drüsenzellen, zu gelangen, sondern bei denen
-das Blut selbst in seinen specifischen Elementen den Hauptangriff
-zu erfahren hat. Hierher gehört ein Theil der flüchtigen
-Wasserstoffverbindungen, z. B. Arsenikwasserstoff, Cyanwasserstoff;
-ferner nach =Hoppe-Seyler='s und =Bernard='s Untersuchungen das
-Kohlenoxydgas, von dem verhältnissmässig kleine Mengen ausreichend sind,
-um die respiratorische Fähigkeit der Körperchen zu vernichten. Analoge
-Zustände sind schon früherhin vielfach beobachtet worden im Verlaufe
-anderer Infectionskrankheiten, z. B. der typhoiden Fieber, wo die
-Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen, in dem Maasse abnimmt, als die
-Krankheit einen schweren acuten Verlauf gewinnt. Mikroskopisch sieht man
-aber ausser einzelnen melanösen Körperchen fast gar nichts, nur das
-chemische Experiment und die grobe Wahrnehmung vom blossen Auge zeigen
-die veränderte Beschaffenheit an. Man kann daher sagen, dass in diesem
-Gebiete der =Toxicämie= das Meiste noch zu machen ist. Wir haben mehr
-Anhaltspunkte, als Thatsachen.
-
-Fassen wir nun das, was wir über das Blut vorgeführt haben, kurz
-zusammen, so ergiebt sich in Beziehung auf =die Theorie der Dyscrasien=,
-dass entweder Substanzen in das Blut gelangen, welche auf die zelligen
-Elemente desselben schädlich einwirken und dieselben ausser Stand
-setzen, ihre Function zu verrichten, oder dass von einem bestimmten
-Punkte aus, sei es von aussen, sei es von einem Organe aus, Stoffe dem
-Blute zugeführt werden, welche von dem Blute aus auf andere Organe
-nachtheilig einwirken, oder endlich dass die Bestandtheile des Blutes
-selbst nicht in regelmässiger Weise ersetzt und nachgebildet werden.
-Nirgends in dieser ganzen Reihe finden wir irgend einen Zustand, welcher
-darauf hindeutete, dass eine =dauerhafte= Fortsetzung von bestimmten,
-einmal eingeleiteten Veränderungen =im Blute selbst= sich erhalten
-könnte, dass also eine permanente Dyscrasie möglich wäre, ohne dass neue
-Einwirkungen von einem bestimmten Atrium oder Organe aus auf das Blut
-stattfinden. In jeder Beziehung stellt sich uns das Blut dar als ein
-abhängiges und nicht als ein unabhängiges oder selbständiges Fluidum;
-die Quellen seines Bestandes und Ersatzes, die Anregungen zu seinen
-Veränderungen liegen nicht in ihm, sondern ausser ihm. Daraus folgt
-consequent der auch für die Praxis ausserordentlich wichtige
-Gesichtspunkt, dass es sich bei allen Formen der Dyscrasie darum
-handelt, ihren örtlichen Ursprung, ihre (in Beziehung auf das Blut
-selbst) äussere Veranlassung aufzusuchen. --
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- Dreizehntes Capitel.
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- Das peripherische Nervensystem.
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- Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit.
-
- Die Nervenfasern. Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser.
- Perineurium und Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder
- (electrische Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der
- Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der
- einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene Breite
- der Fasern.
-
- Die peripherischen Nervenendigungen. Vater'sche (Pacini'sche) und
- Tastkörper. Marklose Fasern der Haut mit Endigung im Rete.
- Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und Zellenterritorien in der
- Haut. Endkolben der Schleimhautnerven. Höhere Sinnesorgane: Riech-,
- Geschmacks- und Hörzellen. Retina: nervöse und bindegewebige
- Theile. Arbeitsnerven: Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit
- Drüsen- und anderen Zellen.
-
- Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ der Fische.
- Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über Nerventerritorien.
-
- Nervenplexus mit ganglioformen Knoten. Darmschleimhaut. Gefässe.
- Plexus myentericus.
-
- Irrthümer der Neuropathologen.
-
-Nachdem wir die humoralpathologischen Gesichtspunkte in der Betrachtung
-der Dyscrasien erörtert haben, so dürfte es nicht bloss dem historischen
-Rechte nach, sondern auch der Wichtigkeit des Gegenstandes nach gerathen
-sein, nunmehr die Grundlagen der solidarpathologischen Doctrin in ihrer
-modernen Gestalt als Neuropathologie zu prüfen. Wenden wir uns daher
-jetzt zu der =Einrichtung des Nervenapparates=.
-
-Die überwiegende Masse des Nervenapparates besteht aus =faserigen
-Bestandtheilen=. Diese sind es auch, auf welche sich fast alle die
-feineren, physiologischen Entdeckungen beziehen, welche die letzten
-Jahrzehnte gebracht haben, während der andere, der Masse nach viel
-kleinere Theil des Nerven-Apparates, die =graue= oder =gangliöse=
-Substanz, bis jetzt selbst der histologischen Untersuchung
-Schwierigkeiten entgegengestellt hat, welche noch lange nicht überwunden
-sind, so dass die experimentelle Erforschung dieser Substanz kaum in
-Angriff genommen werden konnte. Es wird freilich oft behauptet, man
-wisse gegenwärtig viel von dem Nervensystem, aber unsere Kenntniss
-beschränkt sich grossentheils auf die weisse Substanz, den faserigen
-Antheil, während wir leider eingestehen müssen, dass wir über die, ihrer
-functionellen Bedeutung nach offenbar viel höher stehende, graue
-Substanz in vielen Beziehungen immer noch sowohl anatomisch, als
-namentlich physiologisch in grosser Unsicherheit uns bewegen.
-
-Sobald man die Frage von der Bedeutung des Nervensystems innerhalb der
-Lebensvorgänge anatomisch betrachtet, so ergibt ein einziger Blick, dass
-der Standpunkt, von welchem die Neuro-Pathologie auszugehen pflegt, ein
-sehr verfehlter ist. Denn sie betrachtet das Nervensystem wie ein
-ungewöhnlich Einfaches, das durch seine Einheit zugleich die Einheit des
-ganzen Organismus, des Körpers überhaupt bedinge. Wer aber auch nur ganz
-grobe anatomische Vorstellungen über die Nerven hat, der sollte es sich
-doch nicht verhehlen, dass es mit dieser Einheit sehr misslich bestellt
-ist. Schon das Scalpell legt den Nervenapparat als ein aus
-ausserordentlich vielen, relativ gleichwerthigen Theilen
-zusammengeordnetes System ohne erkennbaren einfachen Mittelpunkt dar. Je
-genauer wir histologisch untersuchen, um so mehr vervielfältigen sich
-die Elemente, und die letzte Zusammensetzung des Nervensystems zeigt
-sich nach einem ganz analogen Plane angelegt, wie die aller übrigen
-Theile des Körpers. Eine unendliche Menge zelliger Elemente von mehr
-oder weniger grosser Selbständigkeit tritt neben und grossentheils
-unabhängig von einander auch in dem Nervensystem in die Erscheinung.
-
-Schliessen wir zunächst die gangliöse Substanz aus und halten wir uns
-einfach an die faserige Masse, so haben wir einerseits die eigentlichen
-(peripherischen) =Nerven= im engeren Sinne des Wortes, andererseits die
-grossen Anhäufungen =weisser Markmasse=, wie sie den grössten Theil des
-kleinen und grossen Gehirns und der Stränge des Rückenmarks
-zusammensetzt. Die Fasern dieser verschiedenen Abschnitte sind im
-Grossen ähnlich gebaut, zeigen aber im Feineren vielfache und zum Theil
-so erhebliche Verschiedenheiten, dass es Punkte gibt, wo man noch in
-diesem Augenblick nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die Elemente,
-welche man vor sich hat, wirklich Nerven sind, oder ob sie einer ganz
-anderen Art von Fasern angehören. Am sichersten ist man über die
-Zusammensetzung der gewöhnlichen peripherischen Nerven; hier
-unterscheidet man im Allgemeinen mit ziemlicher Leichtigkeit Folgendes:
-
-Alle mit blossem Auge zu verfolgenden Nerven enthalten eine gewisse
-Summe von Unterabtheilungen, Bündeln oder Fascikeln, welche sich nachher
-als Aeste oder Zweige auseinanderlösen. Verfolgen wir diese einzelnen,
-sich weiter und weiter vertheilenden Zweige, so behält der Nerv fast
-unter allen Verhältnissen bis nahe zu seinen letzten Theilungen eine
-fascikuläre Einrichtung, so dass jedes Bündel wieder eine kleinere oder
-grössere Zahl von sogenannten Primitivfasern umschliesst. Der Ausdruck
-Primitivfaser, welchen man hier gebraucht, ist ursprünglich gewählt
-worden, weil man den Nervenfascikel für ein Analogon der Primitivbündel
-des Muskels hielt. Späterhin ist die Vorstellung von einem besonderen
-Bindemittel zwischen den einzelnen Nervenfasern fast verloren gegangen,
-und erst durch =Robin= ist in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit wieder auf
-die Substanz hingelenkt worden, welche das Bündel zusammenhält; er
-nannte dieselbe =Perineurium=. Es ist dies ein sehr dichtes, fast
-aponeurotisches und daher leicht durchscheinendes Bindegewebe, in
-welchem sich bei Zusatz von Essigsäure kleine Kerne zeigen. Verschieden
-davon ist das mehr lockere Bindegewebe, welches die Fascikel
-zusammenhält und eine Scheide für den ganzen Nerven bildet, das
-sogenannte =Neurilem=.
-
-[Illustration: =Fig=. 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus
-brachialis. _l_, _l_ Neurilem, von dem eine grössere Scheide _l_' und
-feinere durch helle Linien bezeichnete Fortsätze durch den Nerven
-verlaufen und ihn in kleine Fascikel scheiden. Letztere zeigen die
-dunklen, punktförmigen Durchschnitte der Primitivfasern und dazwischen
-das Perineurium. Vergr. 80.]
-
-Wenn wir kurzweg von Nervenfasern im histologischen Sinne sprechen, so
-meinen wir immer die Primitivfaser, nicht den Fascikel, welcher vom
-blossen Auge als Faser erscheint und daher in der Vulgärsprache oft so
-genannt wird. Jene feinsten, mikroskopischen Fasern besitzen wiederum
-jede für sich eine äussere Membran, die sogenannte =Schwann'sche
-Scheide=; an ihr sieht man, wenn man sie vollkommen frei macht vom
-Inhalte, was allerdings sehr schwierig ist, was aber zuweilen unter
-pathologischen Verhältnissen spontan auftritt, z. B. bei gewissen
-Zuständen der Atrophie, wandständige Kerne (Fig. 6, _c_). Innerhalb
-dieser membranösen Röhren liegt die eigentliche =Nerven-Substanz=,
-welche sich bei den gewöhnlichen Nerven nochmals in zweierlei
-Bestandtheile scheidet. Diese sind bei dem ganz frischen Nerven kaum als
-zwei zu erkennen, treten aber kurze Zeit nach dem Absterben oder
-Herausschneiden des Nerven oder nach Einwirkung irgend eines Mediums auf
-den Nerven sofort ganz deutlich aus einander, indem der eine dieser
-Bestandtheile eine schnelle, gewöhnlich als Gerinnung bezeichnete
-Veränderung erfährt, durch welche er sich von dem anderen Bestandtheile
-absetzt (Fig. 87). Ist dies geschehen, so sieht man im Innern der
-Nervenfaser deutlich den sogenannten =Axencylinder= (das Primitivband
-von =Remak=), ein sehr feines, zartes, blasses Gebilde, und um ihn herum
-eine ziemlich derbe, dunkle, hier und da zusammenfliessende Masse, das
-=Nervenmark= oder die =Markscheide=; letztere füllt den Raum zwischen
-Axencylinder und der äusseren Membran aus. Meist ist aber die
-Nervenröhre so stark gefüllt mit dem Inhalte, dass man bei der
-gewöhnlichen Betrachtung von den einzelnen Bestandtheilen fast gar
-nichts sieht, wie denn überhaupt der Axencylinder innerhalb der
-Markmasse schwer erkennbar ist. Daraus erklärt es sich, dass man Jahre
-lang über seine Existenz gestritten und vielfach die Ansicht
-ausgesprochen hat, er sei gleichfalls eine Gerinnungs-Erscheinung, indem
-eine Trennung des ursprünglich gleichmässigen Inhaltes in eine innere
-und äussere Masse stattfinde. Dies ist aber unzweifelhaft unrichtig:
-alle Methoden der Untersuchung geben zuletzt dies Primitivband zu
-erkennen; selbst auf Querschnitten der Nerven sieht man ganz deutlich im
-Innern den Axencylinder und um ihn herum das Mark.
-
-[Illustration: =Fig=. 87. Graue und weisse Nervenfasern. _A_ Ein grauer,
-gelatinöser Nervenfascikel aus der Wurzel des Mesenteriums, nach
-Behandlung mit Essigsäure. _B_ Eine breite, weisse Primitivfaser aus dem
-N. cruralis: _a_ der freigelegte Axencylinder _v_, _v_ die variköse Faser
-mit der Markscheide, am Ende bei _m_, _m_ der Markstoff (Myelin) in
-geschlängelten Figuren hervortretend. _C_ Feine, weisse Primitivfaser
-aus dem Gehirn, mit frei hervortretendem Axencylinder. Vergr. 300.]
-
-Das sogenannte Nervenmark ist es, was den Nervenfasern überhaupt das
-weisse Ansehen verleiht; überall, wo die Nerven diesen Bestandtheil
-enthalten, erscheinen sie weiss, überall, wo er ihnen fehlt, haben sie
-ein durchscheinendes, graues Aussehen. Daher gibt es Nerven, welche der
-Farbe nach der gangliösen Substanz sich anschliessen, verhältnissmässig
-durchsichtig sind, ein mehr helles, gelatinöses Aussehen besitzen; man
-hat sie deshalb =graue= oder =gelatinöse Nerven= genannt (Fig. 87, _A_).
-Zwischen grauer und weisser Nervenmasse überhaupt besteht also nicht der
-Unterschied, dass die eine gangliös, die andere faserig ist, sondern nur
-der, dass die eine Mark enthält, die andere nicht; indess gebraucht man
-den Ausdruck »graue Substanz« gewöhnlich nur von der wirklich gangliösen
-Masse, nicht von den grauen, marklosen Nerven. Den Zustand der
-Marklosigkeit bei den Nervenfasern kann man im Allgemeinen als den
-niederen, unvollständigeren bezeichnen; die Markhaltigkeit zeigt eine
-reichere Ernährung und höhere Entwickelung an.
-
-Nichts lehrt vielleicht die unmittelbar praktische Bedeutung dieser
-beiden Zustände so auffallend, als eine zuerst von mir gemachte
-Beobachtung an der Retina, an welcher in einer sehr unerwarteten Weise
-die sonst durchscheinende graue Nervenmasse in undurchsichtige weisse
-verwandelt war. Ich fand[120] nehmlich ganz zufällig eines Tages in den
-Augen eines Mannes, bei dem ich ganz andere Veränderungen vermuthete, im
-Umfange der Papilla optici, wo man sonst die gleichmässig
-durchscheinende Retina sieht, eine weissliche, radiäre Streifung, wie
-man sie an derselben Stelle im Kleinen zuweilen bei Hunden und ziemlich
-constant in einzelnen Richtungen bei Kaninchen trifft. Die
-mikroskopische Untersuchung ergab, dass in ähnlicher Weise, wie bei
-diesen Thieren, in der Retina markhaltige Fasern sich entwickelt hatten,
-und dass die Faserlage der Retina durch die Aufnahme von Markmasse
-dicker und undurchsichtig geworden war. Die einzelnen Fasern verhielten
-sich dabei so, dass, wenn man sie von den vorderen und mittleren Theilen
-der Retina aus nach hinten gegen die Papille hin verfolgte, sie
-allmählich an Breite zunahmen, und zugleich in einer zuerst fast
-unmerklichen, später sehr auffälligen Weise eine Abscheidung von Mark in
-ihrem Inneren erkennen liessen. Das ist also eine Art von Hypertrophie,
-aber sie beschränkt die Function der Retina wesentlich, denn das Mark
-lässt die Lichtstrahlen nicht durch und die zarte Haut wird daher mehr
-und mehr getrübt.
-
- [120] Archiv 1856. X. 190.
-
-[Illustration: =Fig=. 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des
-Auges. _A_ Die hintere Hälfte des Bulbus, von vorn gesehen; von der
-Papilla optici gehen nach vier Seiten radiäre Ausstrahlungen von weissen
-Fasern aus. _B_ Die Opticusfasern aus der Retina bei 300 maliger
-Vergrösserung: _a_ eine blasse, gewöhnliche, leicht variköse Faser, _b_
-eine mit allmählich zunehmender Markscheide, _c_ eine solche mit frei
-hervorstehendem Axencylinder.]
-
-Dieselbe Veränderung geschieht am Nerven, während er sich entwickelt.
-Der junge Nerv ist eine feine Röhre, welche in gewissen Abständen mit
-Kernen besetzt ist und einen blassgrauen Inhalt besitzt. Erst später
-erscheint das Mark, der Nerv wird damit breiter, und der Axencylinder
-setzt sich deutlich ab. Man kann daher sagen, dass die Markscheide ein
-nicht absolut nothwendiger Bestandtheil des Nerven ist, sondern ihm erst
-auf einer gewissen Höhe seiner Entwickelung zukommt.
-
-[Illustration: =Fig=. 89. Tropfen von Markstoff (Myelin, nach =Gobley=
-Lecithin). _A_ Verschieden gestaltete Tropfen aus der Markscheide von
-Hirnnerven, nach Aufquellung durch Wasser. _B_ Tropfen aus zerfallendem
-Epithel der Gallenblase in der natürlichen Flüssigkeit. Vergr. 300.]
-
-Es folgt daraus, dass diese Substanz, welche man früher als das
-Wesentliche im Nerven betrachtete, nach der jetzigen Anschauung eine
-mehr untergeordnete Rolle spielen muss. Nur diejenigen, welche auch
-jetzt noch keinen Axencylinder zulassen, sehen sie natürlich nicht
-bloss als den bei Weitem überwiegenden Bestandtheil, sondern auch als
-den eigentlich functionirenden Nerveninhalt an. Sehr merkwürdig ist es
-aber, dass dieselbe Substanz eine der am meisten verbreiteten ist,
-welche überhaupt im thierischen Körper vorkommen. Ich war sonderbarer
-Weise zuerst bei der Untersuchung von Lungen auf Gebilde gestossen,
-welche ganz ähnliche Eigenschaften darboten, wie man sie am Nervenmark
-wahrnimmt. So auffallend dies auch war, so dachte ich in der That nicht
-an eine Uebereinstimmung, bis nach und nach durch eine Reihe weiterer
-Beobachtungen, welche im Laufe mehrerer Jahre hinzukamen, ich darauf
-geführt wurde, viele Gewebe chemisch darauf zu untersuchen[121]. Dabei
-stellte es sich heraus, dass fast gar kein zellenreiches Gewebe
-vorkommt, in dem jene Substanz sich nicht in grosser Masse vorfände;
-allein nur die Nervenfaser hat die Eigenthümlichkeit, dass die Substanz
-als solche sich abscheidet, während sie in allen anderen zelligen
-Theilen in einer fein vertheilten Weise im Inneren der Elemente
-enthalten ist und erst bei chemischer Veränderung des Inhaltes oder bei
-chemischen Einwirkungen auf denselben frei wird. Wir können aus den
-Blutkörperchen, aus den Eiterkörperchen, aus den epithelialen Elementen
-der verschiedensten drüsigen Theile, aus dem Inneren der Milz und
-ähnlicher Drüsen ohne Ausführungsgänge überall durch Extraction mit
-heissem Alkohol diesen Stoff gewinnen. Es ist dieselbe Substanz, welche
-den grössten Bestandtheil der gelben Dottermasse im Hühnerei bildet, von
-wo ihr Geschmack und ihre Eigenthümlichkeit, namentlich ihre
-eigenthümliche Zähigkeit und Klebrigkeit, welche den höheren technischen
-Zwecken der Küche so vortrefflich dient, jedermann hinlänglich bekannt
-ist. Ich schlug für diese Substanz den Namen =Markstoff= oder =Myelin=
-vor. Später hat O. =Liebreich= diesen Körper genauer studirt und
-nachgewiesen, dass das gewöhnliche Myelin keine ganz reine chemische
-Substanz ist; ihren wesentlichen Antheil bildet eine Stickstoff und
-Phosphor enthaltende Substanz, welcher er den Namen =Protagon= beigelegt
-hat. Andere Untersucher haben denn auch aus den anderen von mir
-angegebenen Theilen, wie aus Blutkörperchen und Eiter, Protagon
-dargestellt.
-
- [121] Archiv. 1845. VI. 562.
-
-Für die Lehre von den Nervenfunctionen hat diese Substanz das besondere
-Interesse, dass sie die Veranlassung zu der oft besprochenen Auffassung
-von der Bedeutung des Phosphors für die eigentliche Nerventhätigkeit,
-namentlich auch für die Denkthätigkeit gegeben hat. Auch hat
-man pathologisch geglaubt, aus vermehrter Abscheidung von
-Phosphorverbindungen durch die Secretionsorgane, namentlich durch die
-Nieren, auf einen vermehrten Verbrauch von Nervensubstanz schliessen zu
-können. Wenn es nun auch richtig ist, dass Phosphorsäure (in Verbindung
-mit Glycerin) ein gewöhnliches Zersetzungsproduct des Protagons ist, und
-wenn daher bei vollständiger Zerstörung von Nerven- oder Gehirntheilen
-Phosphorsäure in grösserer Menge in's Blut und in die Secrete gelangen
-kann, so ist doch leicht ersichtlich, dass dieselbe in keiner Weise der
-eigentlich fungirenden Substanz des Nerven oder des Gehirns entstammt,
-und dass sie am allerwenigsten da erwartet werden kann, wo bei Erhaltung
-des Nerven als solchen nur ein durch seine Thätigkeit vermehrter Umsatz
-seiner Substanz vorausgesetzt wird. Das »Phosphoresciren der Gedanken«
-kann also zu den Träumen der Wissenschaft gerechnet werden.
-
-Wird die Ernährung des Nerven erheblich gestört, so nimmt die
-Markscheide an Masse ab, ja sie kann unter Umständen gänzlich
-verschwinden, so dass der weisse Nerv wieder auf einen grauen oder
-gelatinösen Zustand zurückgeführt wird. Das gibt eine =graue Atrophie=,
-=gelatinöse Degeneration=, wobei die Nervenfaser an sich existirt und
-nur die besondere Anfüllung mit Markmasse leidet. Daraus erklärt es
-sich, dass man an vielen Punkten, wo man früher nach der anatomischen
-Erfahrung einen vollständig functionsunfähigen Theil erwarten zu dürfen
-glaubte, durch die klinische Beobachtung mit Hülfe der Electricität den
-Nachweis liefern konnte, dass der Nerv noch functionsfähig sei, wenn
-auch in einem geringeren Maassstabe, als normal, und so ist auch diese
-Erfahrung wieder ein Beweis geworden, dass das Mark nicht derjenige
-Bestandtheil sein kann, an welchen die Function des Nerven als solche
-gebunden ist. Zu demselben Schluss haben auch die physikalischen
-Untersuchungen geführt, und man betrachtet daher gegenwärtig ziemlich
-allgemein den Axencylinder als den wesentlichen Theil des Nerven.
-Derselbe ist auch im blassen Nerven vorhanden, aber nur im weissen
-Nerven hebt er sich durch seine Ablösung von der umgebenden Markscheide
-deutlicher hervor. Der Axencylinder würde also die eigentliche
-=electrische Substanz= der Physiker sein, und man kann allerdings die
-Hypothese zulassen, dass die Markscheide mehr als eine isolirende Masse
-dient, welche die Electricität in dem Nerven selbst zusammenhält und
-deren Entladung eben nur an den marklosen Enden der Fasern zu Stande
-kommen lässt.
-
-Die Besonderheit des Markstoffes äussert sich am häufigsten darin, dass,
-wenn man einen Nerven zerreisst oder zerschneidet, das Mark gewöhnlich
-aus demselben hervortritt (Fig. 87, _m_, _m_) und zugleich, namentlich bei
-Einwirkung von Wasser, eine eigenthümliche Runzelung oder Streifung
-annimmt (Fig. 89, _A_). Es saugt nehmlich Wasser auf, was allein
-beweist, dass es keine neutrale fettige Substanz in dem früher
-angenommenen Sinne ist, sondern höchstens wegen seines grossen
-Quellungsvermögens mit gewissen seifenartigen Verbindungen verglichen
-werden kann. Je länger die Einwirkung des Wassers dauert, um so längere
-Massen von Markstoff schieben sich aus den Nerven heraus. Diese haben
-ein eigenthümlich bandartiges Aussehen, bekommen immer neue Runzeln,
-Streifen und Schichtungen, und führen zu den sonderbarsten Figuren.
-Häufig lösen sich auch einzelne Stücke los und schwimmen als besondere,
-geschichtete Körper herum, welche in neuerer Zeit zu Verwechselungen mit
-den Corpora amylacea Veranlassung gegeben haben, von denen sie sich
-jedoch durch ihre chemischen Reactionen auf das Bestimmteste
-unterscheiden. --
-
-[Illustration: =Fig=. 90. Breite und schmale Nervenfasern aus dem N.
-cruralis mit unregelmässiger Aufquellung des Markstoffes. Vergr. 300.]
-
-In Beziehung auf die histologische Verschiedenheit der Nerven unter sich
-ergibt die Untersuchung, dass an manchen Orten die eine oder andere Art
-ihrer Ausbildung ausserordentlich vorwaltet. Einerseits nehmlich
-unterscheiden sich die Nerven wesentlich durch die Breite ihrer
-Primitivfasern, andererseits durch die Markhaltigkeit derselben. Es
-gibt sehr breite, mittlere und kleine weisse, und ebenso breite und
-feine graue Fasern. Eine sehr beträchtliche Grösse erreichen die grauen
-überhaupt selten, weil die Grösse eben abhängig ist von der Zunahme des
-Inhaltes, allein überall zeigt sich doch wieder eine Verschiedenheit, so
-dass gewisse Nerven feiner, andere gröber sind.
-
-Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass in den Endstücken die Nervenfasern
-in der Regel feiner werden, und dass die letzte Verästelung
-verhältnissmässig die feinsten zu enthalten pflegt; jedoch ist das keine
-absolute Regel. Beim Opticus finden wir schon vom Augenblicke seines
-Eintrittes in das Auge an gewöhnlich nur ganz schmale, blasse Faser
-(Fig. 88, _a_), während die Nerven der Tastkörperchen der Haut bis ans
-Ende verhältnissmässig breite und dunkel contourirte Fasern zeigen (Fig.
-92). Eine sichere Ansicht über die Bedeutung der verschiedenen
-Faserarten je nach ihrer Breite und Markhaltigkeit hat sich bis jetzt
-noch nicht gewinnen lassen. Eine Zeit lang hat man geglaubt,
-Unterschiede der Art aufstellen zu können, dass die breiten Fasern als
-Abkömmlinge des Cerebrospinal-Centrums, die feinen als Theile des
-Sympathicus betrachtet werden müssten, allein dies ist nicht
-durchzuführen, und man kann nur so viel sagen, dass die gewöhnlichen
-peripherischen Nerven allerdings einen grossen Gehalt an breiten, die
-sympathischen einen verhältnissmässig grösseren Antheil von feineren
-Fasern enthalten. An vielen Orten, wie z. B. im Unterleibe, überwiegen
-graue, breite Fasern (Fig. 87, _A_), deren nervöse Natur von Einigen
-noch bezweifelt wird. Es ist also vorläufig ein sicherer Schluss über
-die etwaige Verschiedenheit der Functionen aus dem blossen Bau noch
-nicht zu ziehen, obwohl kaum bezweifelt werden kann, dass solche
-Verschiedenheiten vorhanden sein müssen, und dass eine breite Faser an
-sich andere Fähigkeiten, sei es auch nur quantitativ verschiedene,
-darbieten muss, als eine feine, eine markhaltige andere, als eine
-marklose. Allein über alles das ist bis jetzt mit Sicherheit nichts
-ermittelt; und seitdem durch die feinere physikalische Untersuchung
-nachgewiesen ist, dass alle Nerven, nicht wie man früher annahm, nur
-nach der einen oder der anderen Seite hin leiten, sondern die
-Leitungsfähigkeit nach beiden Seiten hin besitzen, so scheint es nicht
-gerechtfertigt, Hypothesen über die centripetale oder centrifugale
-Leitung an diese Erfahrung von der verschiedenen Breite der Fasern
-unmittelbar anzuknüpfen. Die grosse Verschiedenheit, welche in
-Beziehung auf die Function der einzelnen Nerven zu bemerken ist, lässt
-sich bis jetzt nicht so sehr auf die Verschiedenartigkeit des Baues
-derselben beziehen, als vielmehr auf die Besonderheit der Einrichtungen,
-mit welchen der Nerv verbunden ist. Es ist einerseits die besondere
-Bedeutung des Centralorgans, von welchem der Nerv ausgeht, andererseits
-die besondere Beschaffenheit des Endes, in welches er gegen die
-Peripherie hin verläuft, welche seine specifische Leistung erklären.
-
-In der Verfolgung der Endigungen, welche die Nerven gegen die Peripherie
-hin darbieten, hat die Histologie gerade in den letzten Jahren wohl ihre
-glänzendsten Triumphe gefeiert. Früherhin stritt man sich bekanntlich
-darum, ob die Nerven in Schlingen ausgingen oder in Plexus oder frei
-endigten, und man war gleich exclusiv nach der einen, wie nach der
-anderen Richtung hin. Heutzutage haben wir Beispiele für die meisten
-dieser Endigungen, am wenigsten aber für die Form, welche eine Zeit lang
-als die regelrechte betrachtet wurde, nehmlich für die Schlingenbildung.
-
-[Illustration: =Fig=. 91. Vater'scher oder Pacini'scher Körper aus dem
-Unterhautfettgewebe der Fingerspitze. _S_ Der aus einer dunkelrandigen,
-markhaltigen Primitiv-Nervenfaser _n_ und dem dicken, mit Längskernen
-versehenen Perineurium _p_, _p_ bestehende Stiel. _C_ Der eigentliche
-Körper mit concentrischen Lagen des kolbig angeschwollenen Perineurium
-und der centralen Höhle, in welcher der blasse Axencylinder fortläuft
-und frei endigt. Vergr. 150.]
-
-Die deutlichste, aber sonderbarer Weise functionell bis jetzt am
-wenigsten bekannte Endigungsform ist die in den sogenannten
-=Vater'schen= oder =Pacini'schen Körpern=, -- Organen, über deren
-Bedeutung man immer noch nichts anzugeben weiss. Man findet sie beim
-Menschen verhältnissmässig am meisten ausgebildet im Fettgewebe der
-Fingerspitzen, aber auch in ziemlich grosser Anzahl im Gekröse, am
-deutlichsten und bequemsten aber im Mesenterium der Katzen, in welches
-sie ziemlich weit hinaufreichen, während sie beim Menschen gewöhnlich
-bloss an der Wurzel des Gekröses liegen, wo das Duodenum mit dem
-Pancreas zusammenstösst, in der Nähe des Plexus solaris. Ueberdies zeigt
-sich eine sehr grosse Variabilität bei verschiedenen Individuen. Einige
-haben sehr wenig, andere sehr viel davon, und es ist sehr leicht
-möglich, dass daraus gewisse individuelle Eigenthümlichkeiten
-resultiren. So habe ich z. B. mehrmals bei Geisteskranken sehr viele
-solche Körper gefunden, worauf ich indessen vorläufig kein grosses
-Gewicht legen will.
-
-Ein Pacini'scher Körper stellt, mit blossem Auge gesehen, ein
-weissliches, gewöhnlich ovales und an dem einen Ende etwas zugespitztes,
-1-1-1/2''' langes Gebilde dar, das an einem Nerven festhängt, und zwar so,
-dass in einen jeden Körper nur eine einzelne Primitivfaser übergeht. Der
-Körper zeigt eine verhältnissmässig grosse Reihe von elliptischen und
-concentrischen Lagen oder Blättern, welche am oberen Ende ziemlich nahe
-an einander stossen, am unteren weiter von einander abweichen und im
-Inneren einen länglichen, gewöhnlich gegen das obere Ende spitzeren, von
-einer feinkörnigen Substanz erfüllten Raum umschliessen. Zwischen diesen
-Blättern erkennt man deutlich eine regelmässige Einlagerung von Kernen.
-Wenn man die Blätter gegen den nervösen Stiel hin verfolgt, so sieht man
-sie zuletzt in das hier sehr dicke Perineurium übergehen. Man kann sie
-daher als colossale Entfaltungen des Perineuriums betrachten, welche
-aber nur eine einzige Nervenfaser umschliessen. Verfolgt man nun die
-Nervenfaser selbst, so bemerkt man, dass der markhaltige Theil
-gewöhnlich nur bis in den Anfang des Körperchens reicht; dann
-verschwindet das Mark, und man sieht den Axencylinder allein fortgehen.
-Dieser verläuft nun in der centralen Höhle, um gewöhnlich in der Nähe
-des oberen Endes einfach, oft mit einer kleinen kolbigen Anschwellung,
-im Gekröse sehr häufig in einer spiralförmigen Windung zu enden. In
-seltenen Fällen kommt es vor, dass die Primitivfaser innerhalb des
-Körperchens sich in zwei oder mehrere Aeste theilt. Aber jedesmal
-scheint hier eine Art von Endigung vorzuliegen. Was die Körper zu
-besagen haben, welche Verrichtung sie ausüben, ob sie irgend etwas mit
-sensitiven Functionen zu thun haben, oder ob sie irgend eine Leistung
-des Centrums anzuregen berufen sind, darüber wissen wir bis jetzt
-nichts. --
-
-Eine gewisse Aehnlichkeit mit diesen Gebilden zeigen die in der letzten
-Zeit so viel discutirten =Tastkörper=. Wenn man die Haut und namentlich
-den empfindenden Theil derselben mikroskopisch untersucht, so
-unterscheidet man, wie dies von =Meissner= und =Rud=. =Wagner= zuerst
-gefunden ist, zweierlei Arten von Papillen oder Wärzchen, mehr schmale
-und mehr breite, zwischen denen freilich Uebergänge vorkommen (Fig. 92).
-In den schmalen findet man constant eine einfache, zuweilen eine
-verästelte Gefässschlinge, aber keinen Nerven. Es ist diese Beobachtung
-insofern wichtig, als wir durch sie zur Kenntniss eines neuen
-nervenlosen Theiles gekommen sind. In der anderen Art von Papillen
-findet man dagegen sehr häufig gar keine Gefässe, sondern Nerven und
-jene eigenthümlichen Bildungen, welche man als Tastkörper bezeichnet
-hat.
-
-[Illustration: =Fig=. 92. Nerven- und Gefässpapillen von der Haut der
-Fingerspitze, nach Ablösung der Oberhaut und des Rete Malpighii. _A_
-Nervenpapille mit dem Tastkörper, zu dem zwei Primitivfasern _n_ treten:
-im Grunde der Papille feine elastische Netze _e_, von denen feine Fasern
-ausstrahlen, zwischen und an denen Bindegewebskörperchen zu sehen sind.
-_B_, _C_, _D_ Gefässpapillen, bei _C_ einfache, bei _B_ und _D_
-verästelte Gefässschlingen, daneben feine elastische Fasern und
-Bindegewebskörperchen; _p_ der horizontal fortlaufende Papillarkörper,
-bei _c_ feine sternförmige Elemente der eigentlichen Cutis. Vergr. 300.]
-
-Der Tastkörper erscheint als ein von der übrigen Substanz der Papille
-ziemlich deutlich abgesetztes, länglich ovales Gebilde, das =Wagner=,
-freilich etwas kühn, mit einem Tannenzapfen verglichen hat. Es sind
-meistens nach oben und unten abgerundete Knoten, an denen man nicht,
-wie an den Pacini'schen Körpern, eine längliche Streifung sieht, sondern
-vielmehr eine Querstreifung mit querliegenden Kernen. Zu jedem solchen
-Körper tritt nun ein Nerv und von jedem kehrt ein Nerv zurück, oder
-richtiger, man sieht gewöhnlich an jeden Körper zwei Nervenfäden treten,
-meistentheils ziemlich nahe an einander, die sich bequem bis an die
-Seite oder die Basis des Körpers verfolgen lassen. Von da ab ist der
-Verlauf sehr zweifelhaft, und in einzelnen Fällen variiren die Zustände
-so sehr, dass es noch nicht gelungen ist, mit Bestimmtheit das
-gesetzmässige Verhalten der Nerven zu diesen Körpern zu ermitteln. In
-manchen Fällen sieht man nehmlich ganz deutlich den Nerven hinaufgehen
-und auch wohl sich um den Körper herumlegen. Zuweilen scheint es, als ob
-wirklich der Tastkörper in einer Nervenschlinge liege und auf diese
-Weise die Möglichkeit einer intensiveren Einwirkung äusserer Anstösse
-auf den Nerven gegeben sei. Andere Male sieht es wieder aus, als ob der
-Nerv viel früher schon aufhörte und sich in den Körper selbst einsenkte.
-Einige haben angenommen, wie =Meissner=, dass der Körper selbst dem
-Nerven angehöre, welcher an seinem Ende anschwölle. Dies halte ich nicht
-für richtig; nur das scheint mir zweifelhaft zu sein, ob der Nerv im
-Innern des Körpers endigt oder im Umfange desselben eine Schlinge
-bildet.
-
-Neuere Untersuchungen von P. =Langerhans= haben jedoch gelehrt, dass die
-Nervenpapillen ausser den zu den Tastkörpern gehenden markhaltigen
-Fasern noch ein sehr reiches Geflecht markloser Fasern enthalten, welche
-von Strecke zu Strecke kernhaltige, ganglienartige Anschwellungen
-besitzen. Von diesen gehen feine Fortsätze aus, welche über die Grenze
-der Papillen hinaus in das Rete Malpighii eindringen und zwischen den
-Zellen desselben birnförmige Anschwellungen bilden, von welchen wiederum
-feine Fortsätze ausgehen. Letztere dringen bis zwischen die oberen Lager
-der Rete-Zellen und endigen hier mit feinen, knopfartigen
-Anschwellungen. Dieses marklose Geflecht findet sich übrigens auch an
-Stellen der Haut, wo keine Papillen und Tastkörper vorkommen.
-
-Abgesehen von der anatomischen und physiologischen Frage, hat das
-Beispiel der Hautpapillen einen grossen Werth für die Deutung
-pathologischer Erscheinungen, weil wir hier in an sich ganz ähnlichen
-Theilen zwei vollkommene Gegensätze finden: =einerseits nervenlose und
-gefässreiche, andererseits gefässlose, nur mit Nerven versehene
-Papillen=. Die besonderen Beziehungen, welche die Lager des Rete und der
-Epidermis zu den beiden Arten von Papillen haben, scheinen, abgesehen
-von den marklosen Fasern, keine wesentlichen Verschiedenheiten
-darzubieten. Die Zellen der Oberhaut ernähren sich über den einen, wie
-über den anderen, und sie scheinen über den einen so wenig innervirt zu
-werden, wie über den anderen.
-
-Dies sind Thatsachen, welche auf eine gewisse Unabhängigkeit der
-einzelnen Theile hindeuten und welche bestimmte Gesichtspunkte liefern,
-dass grosse, selbst nervenreiche Theile ohne Gefässe bestehen, sich
-erhalten und functioniren können, und dass andererseits Theile, die
-verhältnissmässig viele Gefässe enthalten, absolut der Nerven entbehren
-können, ohne in Unordnung ihrer Ernährungszustände zu gerathen. Freilich
-ist dies an keinem Orte augenfälliger, als an der Haut und gerade
-deshalb scheint mir die Verschiedenheit der einzelnen Hautwärzchen
-untereinander theoretisch so wichtig zu sein, dass ich die
-Aufmerksamkeit dafür besonders in Anspruch nehmen zu müssen glaube.
-
-Denkt man sich an einer Hautpapille die Gefässe, Nerven und Tastkörper
-hinweg, so bleibt nur noch eine geringe Masse von Gewebe übrig, aber
-auch innerhalb dieses geringen Restes gibt es noch wieder zellige
-Elemente mit Intercellularsubstanz (Bindegewebe). Die Sache ist demnach
-so, dass unmittelbar an die (epidermoidalen) Zellen des Rete Malpighii
-Bindegewebe mit Bindegewebskörperchen (Fig. 17) stösst, welche sich nach
-der Injection sehr deutlich von den Gefässen unterscheiden (Fig. 92).
-Besonders günstig für eine Untersuchung ist der Fall, wenn durch irgend
-eine Erkrankung, z. B. den Pockenprocess, eine leichte Schwellung der
-ganzen Haut stattgefunden hat und die Elemente ein wenig grösser sind,
-als normal. In gewöhnlichen Papillen ist es etwas schwieriger, die
-Bindegewebselemente wahrzunehmen, doch sieht man sie bei genauerer
-Betrachtung überall, auch neben den Tastkörpern.
-
-Demnach findet sich auch in den feinsten Ausläufern der Haut gegen die
-Oberfläche hin nicht eine amorphe Masse, welche in einem constanten
-Ernährungs-Verhältnisse zu Gefässen und Nerven steht; vielmehr erscheint
-als einheitliche Einrichtung, als eigentlich constituirende Grundmasse
-der verschiedenen (Gefäss- und Nerven-) Papillen immer nur die
-Bindegewebssubstanz. Erst dadurch gewinnen die einzelnen Papillen eine
-verschiedene Bedeutung, dass zu dieser Grundmasse in dem einen Falle
-Gefässe, in dem anderen Nerven hinzukommen.
-
-Wir wissen allerdings wenig über die besonderen Beziehungen, welche die
-gefässhaltigen Papillen zu den Functionen der Haut haben, indessen lässt
-sich kaum bezweifeln, dass, wenn man erst mehr im Stande sein wird, die
-verschiedenen Hautthätigkeiten zu sondern, auch den Gefässpapillen eine
-grössere Wichtigkeit zugesprochen werden wird. So viel können wir aber
-jetzt schon sagen, dass es falsch ist, sich zu denken, dass in einem
-jeden anatomischen Theile der Haut eine besondere Nervenverbreitung
-existire. Gleichwie physiologische Versuche zeigen, dass relativ grosse
-Empfindungskreise in der Haut vorhanden sind, so lehrt auch die feinere
-histologische Untersuchung, dass die Zahl der zur Oberfläche
-aufsteigenden Nerven eine relativ spärliche ist. Die Gefässe sind
-zahlreicher, als die ankommenden Nerven. Will man also die Haut in
-bestimmte Territorien eintheilen, so versteht es sich von selbst, dass
-die Nerven-Territorien grösser ausfallen müssen, als die
-Gefäss-Territorien. Aber auch jedes durch eine einzige Capillarschlinge
-bezeichnete Gefäss-Territorium (Papille) zerfällt wieder in eine Reihe
-von kleineren (Zellen-) Territorien, welche freilich alle an dem Ufer
-des einen Capillargefässes liegen, aber in sich begrenzt sind, indem
-jedes durch ein besonderes zelliges Element beherrscht wird[122].
-
- [122] Archiv 1852. IV. 389.
-
-Auf diese Weise kann man es sich sehr wohl erklären, wie innerhalb einer
-Papille einzelne (Zellen-) Territorien erkranken können. Gesetzt z. B.,
-ein solches Territorium schwillt an, vergrössert sich und wächst mehr
-und mehr hervor, so kann eine baumförmige Verästelung entstehen (spitzes
-Condylom, Fig. 93), ohne dass die ganze Papille in gleicher Weise
-afficirt wäre. Das Gefäss wächst erst späterhin nach und schiebt sich in
-die schon grösser gewordenen Aeste hinein. Nicht das Gefäss ist es,
-welches durch seine Entwickelung die Theile hinausschiebt, sondern die
-erste Entwickelung geht immer vom Bindegewebe des Grundstockes aus. Es
-hat daher das Studium der Hautzustände ein besonderes Interesse für die
-Kritik der allgemein-pathologischen Doctrinen. Was zunächst den
-neuropathologischen Standpunkt betrifft, so ist es ganz unbegreiflich,
-wie ein Nerv, der inmitten einer ganzen Gruppe von nervenlosen Theilen
-liegt, es machen soll, um innerhalb dieser Gruppe eine einzelne Papille,
-zu welcher er gar nicht hinkommt, zu einer pathologischen Thätigkeit zu
-vermögen, an welcher die übrigen Papillen desselben Nerven-Territoriums
-keinen Theil nehmen. Eben so schwierig ist die Deutung dieses
-Verhältnisses vom Standpunkte eines Humoralpathologen da, wo es sich um
-Erkrankungen von gefässlosen Papillen handelt. Selbst wo innerhalb einer
-Gefäss-Papille die verschiedenen Zellen-Territorien in verschiedene
-Zustände gerathen, würde diese Verschiedenheit der Zustände nicht wohl
-begreiflich sein, wenn man den ganzen Ernährungsvorgang einer Papille
-als einen einheitlichen und als direct abhängig von dem Generalzustande
-des Gefässes ansehen wollte, welches sie versorgt.
-
-[Illustration: =Fig=. 93. Der Grundstock eines spitzen Condyloms vom
-Penis mit stark knospenden und verästelten Papillen, nach völliger
-Ablösung der Epidermis und des Rete Malpighii. Vergr. 11.]
-
-Aehnliche Betrachtungen kann man freilich an allen Punkten des Körpers
-anstellen, indess bietet die Haut doch ein besonders günstiges Beispiel
-dafür, wie verkehrt es war, wenn man alle Gefässe unter einen
-particularen Nerveneinfluss stellte. Bleiben wir bei der Haut stehen, so
-beschränkt sich die Einwirkung, welche ein Nerv auszuüben im Stande ist,
-darauf, dass die zuführende Arterie, welche eine ganze Reihe von
-Papillen zusammen versorgt (Fig. 53), in einen Zustand der Verengerung
-oder Erweiterung versetzt wird, und dass dem entsprechend eine
-verminderte oder vermehrte Zufuhr zu einem grösseren Bezirke, einer
-Gruppe von Papillen stattfindet.
-
-W. =Krause= hat in der letzten Zeit an verschiedenen Schleimhäuten, wie
-an der Conjunctiva bulbi, in der Mundschleimhaut unter der Zunge und am
-weichen Gaumen, an den Papillen der Zunge, sowie an gewissen
-Uebergangsstellen von der äusseren Haut zur Schleimhaut, namentlich an
-den Lippen und der Eichel, =Endkolben= an den Nerven gefunden, welche
-sich den Tastkörperchen oder eigentlich noch mehr den Vater'schen
-Körperchen anschliessen. Es dringt nehmlich die schliesslich marklos
-gewordene Nervenfaser, zuweilen unter eigenthümlichen Windungen und
-Knäuelbildung, in eine sehr feinkörnige, von einer Bindegewebshülle
-umgebene Anschwellung ein. --
-
-Betrachten wir nun andere Beispiele der Nerven-Endigungen, so zeigt sich
-nirgends eine Wahrscheinlichkeit für eigentliche Schlingenbildung.
-Ueberall, wo man sichere Kenntnisse gewinnt, ergibt sich, dass die
-Nerven entweder übergehen in einen grossen Plexus, in eine netzförmige
-Ausbreitung, oder dass sie direct endigen in besonderen Apparaten. Bei
-der Mehrzahl der letzteren verlieren sich die Nerven zuletzt in
-eigenthümliche, besonders gestaltete Ausläufer oder Fortsätze, welche
-theils neben den anderen Gewebselementen zerstreut liegen, theils zu
-besonderen Massen zusammengefügt sind. Eine solche Art der Endigung
-findet sich an allen =höheren Sinnesorganen=. Indess bietet die
-Untersuchung hier so grosse Schwierigkeiten, dass noch an keinem
-einzigen Punkte eine allgemein angenommene Auffassung gesichert ist. So
-viele Untersuchungen man auch über Retina und Cochlea, über Nasen- und
-Mundschleimhaut in den letzten Jahren gemacht hat, so sind doch die
-letzten Fragen über das histologische Detail, namentlich über den
-Zusammenhang der Nerven mit den Endapparaten, noch nicht ganz erledigt.
-Fast überall bleiben zwei Möglichkeiten für die Endigung der Nerven:
-entweder sie laufen gegen die Oberfläche hin in eigenthümliche, von den
-gewöhnlichen Nervenfasern abweichende Gebilde aus, welche aber doch den
-Nerven als solchen angehören, also selbst nervös sind, oder sie
-verbinden sich an ihrem Ende mit Elementen eines anderen Gewebstypus,
-z. B. mit Epithelialzellen.
-
-Die ersten Untersuchungen der =Nasen- und Mundschleimhaut= schienen mehr
-für das letztere Verhältniss zu sprechen. Man fand hier gewisse Stellen,
-welche sich durch die Beschaffenheit ihres Epithels wesentlich von der
-übrigen Schleimhaut unterscheiden: an der Nasenschleimhaut die
-sogenannte Regio olfactoria, an der Zunge die Papillae fungiformes
-(wenigstens beim Frosch). Während das Epithel an der gewöhnlichen
-Schleimhaut meist dicker und aus mehrfachen, über einander geschobenen
-Reihen an der Oberfläche flimmernder Cylinderzellen zusammengesetzt ist,
-bildet es an den genannten Orten eine einfache Lage von bald mehr, bald
-weniger gefärbten, nicht flimmernden Zellen. Letztere gehen nach unten
-(innen) in längere Fortsätze über, welche in das Bindegewebe eindringen.
-Als zuerst =Eckhardt= und dann =Ecker= an der Nasenschleimhaut diese
-Beobachtung machten, glaubten sie annehmen zu dürfen, dass diese
-Fortsätze sich mit den in dem Bindegewebe eingeschlossenen Nervenfasern
-unmittelbar verbänden. Allein mehr und mehr ist man von dieser Ansicht
-zurückgekommen, und es ist namentlich das Verdienst von =Max Schultze=,
-dargethan zu haben, dass die Nervenenden sich neben und zwischen jenen
-eigenthümlichen Epithelialzellen finden. Die Nervenfasern theilen sich
-an ihrem Ende in zahlreiche, kleine Fädchen, welche über das Bindegewebe
-hinaus zwischen die Epithelialzellen eintreten und sich hier zu
-besonderen zellenartigen, mit Kernen versehenen, jedoch sehr feinen
-Gebilden ausweiten, aus denen zuweilen noch wieder feinere Endfädchen
-über die freie Oberfläche hervorstehen. Damit ist die Frage nach der
-Bedeutung jener eigenthümlichen Epithelialzellen und ihrer Verbindungen
-nach innen hin noch immer nicht gelöst, aber so viel doch
-sichergestellt, dass die Geruchs- und Geschmacksobjecte =unmittelbar=
-mit den letzten Endgebilden der Nerven (=Riech=- =und Geschmackszellen=)
-in Berührung kommen.
-
-Ganz ähnliche Verhältnisse fand =Max Schultze= im inneren =Ohr=,
-namentlich in dem Vorhofe und den Ampullen, wo die letzten
-Nervenendigungen durch das Epithel hindurchtreten und in frei
-hervorstehende, steife Haare (=Hörhaare=) auslaufen. Die seit =Corti= so
-vielfach untersuchte Endigungsweise des Hörnerven in der Schnecke ist
-dagegen immer noch nicht ganz aufgeklärt. Hier findet sich ein überaus
-zusammengesetzter, sehr zarter Apparat, an welchem eine Reihe von Fasern
-mit gestielten Zellen etwa so in Verbindung steht, wie die Tasten eines
-Fortepiano's mit den Saiten desselben. Was hier nervös ist, was nicht,
-ist sehr schwer zu scheiden. Erst in der letzten Zeit hat A. =Böttcher=
-einen Zusammenhang der Endfasern des Nervus cochleae mit inneren und
-äusseren =Hörzellen= beschrieben, welche an der Seite der Bogenfasern im
-Canalis cochleae gelegen sind.
-
-Ungleich besser, obwohl immer noch nicht ganz vollständig, sind wir über
-die empfindenden Theile des =Auges= unterrichtet, und ich will daher,
-bei der grossen praktischen Bedeutung dieser, durch die Ophthalmoskopie
-der direkten Untersuchung bei Lebzeiten zugänglich gemachten Theile,
-etwas specieller darauf eingehen.
-
-[Illustration: =Fig=. 94. _A_ Verticalschnitt durch die ganze Dicke der
-Retina, nach Härtung in Chromsäure, _l_ Membrana limitans (anterior) mit
-den aufsteigenden Stützfasern. _f_ Faserschicht des Opticus. _g_
-Ganglienschicht. _n_ graue feinkörnige Schicht mit durchtretenden
-Radiärfasern. _k_ Innere (vordere) Körnerschicht. _i_ Intermediäre oder
-Zwischenkörnerschicht. _k_' Aeussere (hintere) Körnerschicht. _s_
-Stäbchenschicht mit Zapfen. Vergr. 300. _B_, _C_ (nach H. Müller)
-Isolirte Radiärfasern.]
-
-Alsbald nach seinem Eintritte in das Innere des Bulbus breitet sich der
-Opticus von der sogenannten Papille her nach allen Seiten so aus, dass
-seine völlig marklosen Fasern an der vorderen, dem Glaskörper
-zugewendeten Seite der Retina verlaufen (Fig. 94, _f_). Nach hinten
-schliesst sich daran eine verschieden dicke Lage, welche den Haupttheil
-der Retina ausmacht, aber in keiner Weise aus einer einfachen
-Ausstrahlung des Opticus hervorgeht. Diese Lage, welche man sehr
-uneigentlich eine Haut (Netzhaut) nennt, zeigt zu äusserst, der
-Pigmentzellenschicht der Aderhaut (Chorioides) unmittelbar anliegend,
-ein eigenthümliches Stratum, über welchem ein sonderbares Geschick
-geschwebt hat, indem man dasselbe längere Zeit an die vordere Seite der
-Retina verlegte; es ist dies die berühmte =Stäbchenschicht= (Fig. 94,
-_s_). Diese Schicht, welche zu den verletzbarsten Theilen des Auges
-gehört und deshalb den früheren Untersuchern vielfach entgangen war,
-besteht, wenn man sie von der Seite her betrachtet, aus einer sehr
-grossen Menge dicht gedrängter, radiär gestellter Stäbchen, zwischen
-denen in gewissen Abständen breitere zapfenförmige Körper erscheinen.
-Betrachtet man die Retina von der hinteren Oberfläche her, d. h. von der
-Seite der Chorioides aus, so sieht man in regelmässigen Abständen die
-Zapfen, umgeben von den Enden der Stäbchen, welche als feine Punkte
-erscheinen.
-
-Was nun zwischen der Stäbchenschicht und der eigentlichen Ausbreitung
-des Sehnerven liegt, das ist wieder ein sehr zusammengesetztes Ding, an
-welchem man eine Reihe regelmässig auf einander folgender Schichten
-unterscheiden kann. Zunächst vor der Stäbchenschicht und von derselben
-durch ein zartes Häutchen (Membrana limitans posterior s. externa
-M. =Schultze=) getrennt, folgt eine verhältnissmässig dicke Lage, welche
-fast ganz aus groben, runden Körnern zusammengesetzt erscheint: die
-sogenannte äussere Körnerschicht (Fig. 94, _k_'). Dann kommt eine
-verschieden starke, jedoch im Ganzen dünnere Lage von mehr amorphem
-Aussehen: die Zwischenkörnerschicht (Fig. 94, _i_). Dann kommen wieder
-gröbere Körner (die innere Körnerschicht), welche, wie die Körner der
-äusseren Lage, Kerne besitzen (Fig. 94, _k_). Darauf folgt nochmals eine
-feinkörnige oder vielmehr feinstreifige Lage von mehr grauem Aussehen
-(Fig. 94, _n_) und dann erst die ziemlich dicke Lage der Opticusfasern,
-welche ihrerseits nach vorne von einer Membran begrenzt wird, der
-Membrana limitans anterior s. interna (Fig. 94, _l_), welche dem
-Glaskörper dicht anliegt. Innerhalb der grauen Schicht sieht man, zum
-Theil noch in die Faserschicht des Opticus eingesenkt, eine Reihe von
-grösseren Zellen, die sich als Ganglienzellen ausweisen (Fig. 94, _g_).
-Sie hängen mit den Opticusfasern unmittelbar zusammen.
-
-Diese ausserordentlich zusammengesetzte Beschaffenheit einer auf den
-ersten Blick so einfachen, so zarten Membran macht es leicht erklärlich,
-dass es lange gedauert hat, ehe das Verhältniss ihrer einzelnen Theile
-auch nur annähernd ermittelt wurde. Einer der ersten Schritte, der in
-der Erkenntniss dieses Verhältnisses gemacht wurde, war die Entdeckung
-von =Heinrich Müller=, dass man von der Limitans interna aus bis tief in
-die Körnerschichten hinein eine Reihe von feinen parallelen Faserzügen
-verfolgen kann, =radiäre Fasern=, auch Müller'sche Fasern[123] genannt,
-welche an gewissen Stellen Kerne tragen (Fig. 94, _B_, _C_). Die
-Radiärfasern sind im Wesentlichen senkrecht auf den Verlauf der
-Opticusfasern gestellt, aber das Verhältniss beider zu einander ist
-schwer zu ergründen. Die grösste Schwierigkeit bestand darin, zu
-ermitteln, ob die radiäre Faser, sei es durch direkte Umbiegung, sei es
-durch seitliche Anastomose, in Opticus-oder Ganglienfasern übergehe,
-also selbst nervös sei, oder ob es sich nur um eine dichte
-Aneinanderlegung handle, so dass die Nerven nur in einem innigen
-Nachbarverhältnisse zu den Radiärfasern stehen. Auch den Tastkörper
-konnte man ja als eine körperliche Anschwellung des Nerven selbst oder
-als ein besonderes Gebilde ansehen, an welches der Nerv nur heran- oder
-hereintritt. Diese Frage ist lange streitig gewesen. Bald ist die
-Wahrscheinlichkeit etwas grösser geworden, dass es sich um direkte
-Verbindungen, bald dass es sich nur um Aneinanderlagerung handle. Zuerst
-verständigte man sich über die gröberen Faserzüge, welche von der
-Membrana limitans anterior mit breiter, fast dreieckiger Basis anheben
-(Fig. 94, _l_) und in regelmässigen Abständen durch die Retina nach
-hinten verlaufen; sie sind sicher bindegewebiger Natur und bilden ein
-=interstitielles Gewebe=, welches dem Ganzen eine Art von Halt oder
-Stütze bietet (=Stützfasern=). Ich habe zuerst durch die pathologische
-Beobachtung den Unterschied dieses Zwischengewebes von dem nervösen
-Antheil dargelegt[124]. =Max Schultze= hat sodann gezeigt, dass die
-vorderen Enden der Zapfen und Stäbchen mit den äusseren Körnern
-(Zapfen-und Stäbchenkörnern) zusammenhängen und diese wiederum in feine
-Fasern übergehen, welche die Zwischenkörnerschicht durchsetzen. An der
-Grenze der inneren Körnerschicht angelangt, bildet jede Faser eine
-kleine dreieckige Anschwellung, aus welcher nach =Hasse= je drei Fädchen
-ausgehen, die in die äussere Körnerschicht eintreten. Hier wird
-vermuthet, dass sie mit den Körnern selbst zusammenhängen, und dass
-andererseits diese wieder mit Fortsätzen der Ganglienzellen in direkter
-Verbindung stehen. Indess ist es noch nicht gelungen, diese überaus
-zarten und verwickelten Verhältnisse ganz zu entwirren. Noch weniger ist
-es klar, in welcher Ausdehnung das interstitielle Gewebe dieser
-Schichten mit eigenen zelligen Elementen ausgestattet ist; nur das
-scheint festzustehen, dass auch die gröberen Radiärfasern dem
-Bindegewebe angehören.
-
- [123] Neuerlich nennt =Kölliker= nur diejenigen Fasern, welche mit den
- nervösen Theilen zusammenhängen, Müller'sche.
-
- [124] Archiv 1856. X. 177. Taf. II. Fig. 4-5.
-
-Trotz dieser Mängel kann schon jetzt nicht mehr bezweifelt werden, dass
-für die Licht-Empfindung der ganze Apparat wesentlich ist, und dass der
-Opticus an sich mit allen seinen Fasern und Ganglienzellen existiren
-könnte, ohne irgendwie die Fähigkeit zu haben, Lichteindrücke zu
-empfangen; diese erlangt er erst durch seine Verbindung mit der
-Stäbchenschicht und den Körnerlagen. Gerade die Papilla optici, d. h.
-die Stelle des Augen-Hintergrundes, wo bloss Opticusfasern liegen und
-nicht ein solcher Apparat, ist zugleich die einzige, welche nicht sieht
-(blinder Fleck). Damit das Licht also überhaupt in die Lage komme, auf
-den Sehnerven einwirken zu können, bedarf es der Berührung mit jenem
-Endapparat, und, nachdem M. =Schultze= gefunden hat, dass die letzten
-Ausläufer der Nerven in Form feinster Fäserchen die Limitans externa
-durchbohren und sich den Stäbchen und Zapfen äusserlich anlegen, so ist
-es auch physikalisch nicht zweifelhaft, dass der Nerv nicht selbst die
-Vibrationen der Lichtwellen empfängt, sondern dass die Schwingungen der
-Zapfen und Stäbchen auf die Enden des Sehnerven einwirken und in
-denselben die eigenthümliche Licht-Erregung erzeugen.
-
-Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird man sich der Ueberzeugung nicht
-entziehen können, dass die specifische Energie der einzelnen Nerven
-nicht sowohl in der Besonderheit des inneren Baues ihrer Fasern als
-solcher beruht, sondern dass es wesentlich auf die besondere Art der
-Endeinrichtung ankommt, mit welcher der Nerv, sei es durch Continuität,
-sei es durch Contact, in Verbindung steht. Nur darin beruht die
-besondere Fähigkeit der einzelnen Sinnesnerven. Betrachtet man einen
-Querschnitt des Opticus ausserhalb des Auges, so bietet er keine
-solchen Besonderheiten anderen Nerven gegenüber dar, dass sie erklären
-könnten, warum gerade dieser Nerv für Licht mehr leitungsfähig ist, als
-die anderen Nerven; erwägt man dagegen die besonderen Verhältnisse,
-unter welchen sich seine letzten Enden verbreiten, so wird die
-ungewöhnlich grosse Empfindlichkeit der Retina gegen das Licht
-vollständig begreiflich. -- Aehnlich verhält es sich mit den übrigen
-Sinnesnerven. --
-
-Die bisherige Erörterung bezog sich wesentlich auf Empfindungs-und
-Sinnesnerven, bei denen es sich darum handelte, ihre peripherischen
-Enden durch besondere Anordnung oder Ausstattung für die Aufnahme der
-Sinneseindrücke zu befähigen. Anders verhält es sich mit derjenigen
-Klasse von Nerven, welche von den Centralorganen aus die Anregung zu
-besonderen Thätigkeiten der Peripherie zuleiten sollen. Ich will sie
-kurzweg als =Arbeitsnerven= bezeichnen. Dahin gehören vor Allen die
-Muskel- und Drüsennerven. Auch sie erlangen ihre eigentliche Bedeutung
-erst durch ihre Verbindung mit besonderen Apparaten, aber sie
-unterscheiden sich dadurch von den Empfindungsnerven, dass diese
-Apparate nicht mehr Bestandtheile der Nerven, sondern selbständige
-Einrichtungen sind, welche nur der Anregung der Nerven bedürfen, um in
-Thätigkeit zu gerathen. Auch hier haben erst die letzten Jahre
-Aufklärung gebracht.
-
-Zuerst zeigte =Doyère= bei Wirbellosen einen nahen Zusammenhang der
-motorischen Nerven mit den Muskeln. Er fand, dass eine feine Nervenfaser
-an das Primitivbündel selbst herantritt und hier mit einer
-eigenthümlichen Anschwellung, dem =Nervenhügel=, endigt (S. 81). Später
-hat W. =Kühne= diese Verhältnisse in grosser Ausdehnung bei den
-Wirbelthieren und dem Menschen verfolgt. Es hat sich ergeben, dass eine
-einzelne markhaltige Nervenfaser bis zu dem einzelnen Primitivbündel
-(Muskelfaser) herantritt, das Sarkolemm desselben durchbohrt, marklos
-wird und sich schnell zu einer, mit Kernen reichlich versehenen
-Endplatte (=elektrische Platte=) ausbreitet, welche sich unmittelbar auf
-die muskulöse Substanz auflegt. An organischen Muskelfasern hat
-=Frankenhäuser= unmittelbare Verbindungen der Nervenenden mit den
-Kernkörperchen bemerkt.
-
-In ähnlicher Weise haben sich Verbindungen der Nervenenden mit
-Drüsenzellen ergeben. =Pflüger= hat an der Speicheldrüse gesehen, wie
-die Nerven die Tunica propria durchbrechen und sich mit den Drüsenzellen
-selbst, ja sogar mit den Kernen derselben verbinden, -- eine Art der
-Vereinigung, die er später auch von der Leber beschrieben hat. Aller
-Wahrscheinlichkeit nach werden sich diese Erfahrungen schnell vermehren,
-und damit für das Studium der Innervationsvorgänge ein ganz neues Gebiet
-der Erfahrungen sich erschliessen. Zahlreiche zerstreute Beobachtungen
-der früheren Zeit deuten darauf hin, und schon jetzt haben sie jede
-Möglichkeit, das sogenannte Continuitätsgesetz wieder aufzurichten, von
-vorn herein beseitigt (S. 80). --
-
-[Illustration: =Fig=. 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser bei _t_,
-wo sich eine Einschnürung findet; _b_', _b_'' Aeste. _a_ eine andere
-Faser, welche die vorige kreuzt. Vergröss. 300.]
-
-Bevor wir jedoch die Betrachtung über die Nerven-Endigungen
-abschliessen, müssen wir noch eine kurze Zeit bei der Untersuchung
-verweilen, wie sich die Nerven verhalten, bevor sie in diese
-Endausbreitungen übergehen. Hier kommen noch zwei Punkte in Betracht:
-nehmlich ihre =Verästelung= und ihre =plexusartige Ausbreitung=. Es sind
-dies Punkte, auf welche die neueren Untersucher hauptsächlich durch
-=Rudolf Wagner= geleitet worden sind. Die Untersuchungen, welche dieser
-Forscher über die Verbreitung der Nerven im elektrischen Organ der
-Fische anstellte, gaben den wesentlichen Anstoss zu der Begründung der
-Lehre von der Verästelung der Nervenfasern. Bis dahin hatte man die
-Nervenfasern als zusammenhängende, einfache Röhren betrachtet, welche
-vom Centrum bis ans Ende einfach neben einander fortliefen. Gegenwärtig
-weiss man, dass sich die Nerven wie Gefässe verbreiten. Indem sich eine
-Nervenfaser direkt, gewöhnlich dichotomisch theilt, ihre Aeste sich
-wieder theilen und so fort, so entsteht zuweilen eine überaus reiche
-Verästelung. Die Bedeutung derselben ist natürlich höchst verschieden,
-je nachdem der Nerv sensitiv oder motorisch ist, je nachdem er also
-entweder von einer grösseren Fläche her die Eindrücke sammelt, oder auf
-eine grössere Fläche hin die motorische Erregung ausstrahlt. Ein
-wahrhaft miraculöses Beispiel haben wir in der neueren Zeit kennen
-gelernt in dem Nerven des durch die interessanten Experimente du
-=Bois-Reymond='s so berühmt gewordenen elektrischen Welses
-(Malapterurus). Hier hat =Bilharz= gezeigt, dass der Nerv, welcher das
-elektrische Organ versorgt, ursprünglich nur eine einzige mikroskopische
-Primitivfaser ist, welche sich immer wieder und wieder theilt und sich
-schliesslich in eine enorm grosse Masse feinster Aeste auflöst, welche
-sich an das elektrische Organ verbreiten. In diesem Falle muss also die
-Wirkung mit einem Male von einem Punkte aus sich über die ganze
-Ausbreitung der elektrischen Platten äussern.
-
-Beim Menschen fehlen uns für diese Frage noch bestimmte Anhaltspunkte,
-weil die colossalen Entfernungen, über welche die einzelnen Nerven sich
-verbreiten, es fast unmöglich machen, einzelne bestimmte Primitivfasern
-vom Centrum bis in die letzte Peripherie zu verfolgen. Aber es ist gar
-nicht unwahrscheinlich, dass auch beim Menschen in einzelnen Organen
-analoge Einrichtungen existiren, wenn auch vielleicht nicht so
-frappante. Vergleicht man die Grösse der Nervenstämme an gewissen
-Punkten mit der Summe von Wirkungen, die in einem Organe, z. B. in einer
-Drüse stattfinden, so kann es kaum zweifelhaft erscheinen, dass analoge
-Einrichtungen auch hier vorhanden sind.
-
-Diese Art der Verbreitung hat insofern ein besonderes Interesse, als
-viele räumlich getrennte Theile dadurch unter einander verbunden werden.
-Das elektrische Organ der Fische besteht aus einer Menge von Platten,
-aber nicht jede Platte wird auf einem nur für sie bestimmten Wege vom
-Centrum aus innervirt. Der Wels setzt nicht diese oder jene Platte in
-Bewegung, sondern er muss das Ganze in Bewegung setzen; ja er ist ausser
-Stande, die Wirkung zu zerlegen. Er kann die Wirkung stärker oder
-schwächer einrichten, aber er muss jedesmal das Ganze in Anspruch
-nehmen. Denken wir uns dem entsprechend gewisse Muskeleinrichtungen, so
-haben wir auch da keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass jedes
-Element des Muskels besondere, ungetheilt vom Centrum ausgehende und
-somit unabhängige Nervenfasern empfange. Im Gegentheil findet in der
-Regel eine besondere Zerlegung der Nerven-Wirkung in den Muskeln nur in
-sehr beschränktem Maasse statt, wie wir ja aus eigener Erfahrung an uns
-selbst wissen, und wenn, wie wir sehen, auch die einzelnen Muskelfasern
-in unmittelbarer Verbindung mit einzelnen Nervenfasern stehen, welche in
-sie eingehen, so sind dies doch nicht Fasern, welche als einfache,
-ungetheilte Bahnen vom Centrum ausgehen, sondern eben nur Endäste
-einfacherer Stämme. Vom neuristischen Standpunkte aus schliesst man,
-dass =der Wille= oder =die Seele= oder =das Gehirn= im Stande sei, durch
-besondere Fasern auf jeden einzelnen Theil zu wirken; in der That ist
-dies aber gar nicht der Fall, sondern es bleibt den Centren meist nur
-ein einziger Weg zu einer Summe gleichartiger Elementar-Apparate.
-
-[Illustration: =Fig=. 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom
-Kinde, nach einem Präparate von Hrn. =Billroth=. _n_, _n_, _n_ Nerven,
-welche sich zu einem Netze verbinden, in dessen Knotenpunkten
-kernreiche, ganglioforme Anschwellungen liegen. _v_, _v_ Gefässe,
-dazwischen Kerne des Bindegewebes. Vergr. 180.]
-
-Was nun die =Nervenplexus= anbetrifft, so kennen wir gegenwärtig beim
-Menschen die ausgedehntesten Einrichtungen der Art in der Submucosa des
-Darmes, wo zuerst durch =Meissner=, dann durch =Billroth= und =Manz= die
-Verhältnisse genauer erörtert worden sind. Die Submucosa des Darms ist
-darnach, wie schon =Willis= sagte, eine Tunica nervea. Wenn man den
-eintretenden Nerven nachgeht, so sieht man, dass sie, nachdem sie sich
-getheilt haben, zuletzt in wirkliche Netze übergehen, welche bei
-Neugebornen an gewissen Stellen sehr grosse kernreiche Knotenpunkte
-haben, von denen aus sie in Geflechte ausstrahlen, so dass dadurch eine
-so grosse Aehnlichkeit mit dem Capillarnetz entsteht, dass einzelne
-Beobachter beide verwechselt haben.
-
-Wie weit sich solche Einrichtungen im Körper überhaupt erstrecken, ist
-noch nicht ergründet, denn auch hier handelt es sich um fast ganz neue
-Thatsachen, welche erst in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der
-Untersucher mehr in Anspruch nahmen. Wahrscheinlich wird sich die Zahl
-solcher Nervenhäute erheblich vergrössern lassen. =His= hat gezeigt,
-dass die Gefässnerven sich zum Theil in grossen plexiformen Auflösungen
-an den Gefässhäuten verbreiten, und L. =Auerbach= hat in der Muscularis
-des Darmes ein eben so ausgedehntes, als in seinen einzelnen
-Einrichtungen merkwürdiges Geflecht, den von ihm sogenannten =Plexus
-myentericus= nachgewiesen. Um jedoch etwaigen Missverständnissen
-vorzubeugen, muss ich sogleich hinzusetzen, dass manche dieser
-plexusartigen Ausbreitungen keineswegs einfach sind. Am Darm tragen die
-erwähnten grösseren Knotenpunkte den Habitus von Ganglien an sich, so
-dass gewissermaassen neue Sammelpunkte des Nervenapparates mit der
-Möglichkeit einer Verstärkung oder Hemmung der Wirkungen eintreten. Für
-die Function ist diese Einrichtung offenbar von grosser Bedeutung, denn
-wir würden uns am Darm die peristaltische Bewegung nicht wohl erklären
-können, wenn nicht eine Einrichtung existirte, welche von Netz zu Netz,
-von Theil zu Theil Reize übertrüge, die nur an einem Punkte dem Darme
-zugekommen sind. Die bis vor Kurzem bekannten Verhältnisse der
-Nervenverbreitung genügten nicht, um den Modus der peristaltischen
-Bewegung einigermaassen zu erklären, während sich hier die bequemsten
-Anhaltspunkte der Deutung bieten. --
-
-So viel im Wesentlichen über die allgemeinen Formen, welche man bis
-jetzt für die peripherischen Endigungen der Nerven kennt. Im Ganzen
-entsprechen diese Erfahrungen wenig dem, was man sich früher gedacht
-hat, und was noch jetzt die Neuropathologen annehmen. Die Vorstellung
-eines Neuropathologen von reinem Wasser geht bekanntlich dahin, dass
-ein Nervencentrum im Stande sei, vermittelst der Nervenfasern auf jeden
-kleinsten Theil seines Territoriums eine besondere Wirkung auszuüben.
-Soll an einem kleinen Punkte des Körpers Krebsmasse oder Eiter entstehen
-oder eine einfache Ernährungsstörung erfolgen, so bedarf der
-Neuropatholog einer Einrichtung, vermöge welcher das Centralorgan im
-Stande ist, der Peripherie innerhalb ihrer kleinsten Bezirke seine
-Einwirkung =gesondert= zukommen zu lassen, irgend eines Weges, auf
-welchem die Boten gehen können, welche nun einmal die Ordre jedem
-einzelnen der entferntesten Punkte des Organismus zu überbringen
-bestimmt sind. Die wirkliche Erfahrung lehrt nichts der Art. Gerade an
-den Stellen, wo wir eine so ausserordentlich vervielfältigte Einrichtung
-der Endapparate kennen, wie ich sie bei den Sinnesorganen schilderte,
-haben die Nerven keine Beziehung auf die Ernährung und insbesondere
-keine nachweisbare Einwirkung auf elementare Theile. Fast an allen
-anderen Orten werden entweder ganze Flächen oder Organ-Abschnitte in
-einer gleichmässigen Weise innervirt, oder es werden von diesen Flächen
-oder Organ-Abschnitten aus Sammel-Erregungen zu den Centren geführt. An
-vielen Theilen, von denen wir allerdings nachweisen können, dass ein
-Nerven-Einfluss auf sie stattfindet, z. B. an den kleinen Gefässen,
-wissen wir bis jetzt noch nicht einmal, wie weit einzelne Abschnitte
-derselben besondere Nervenfasern enthalten. So schlecht sind die
-anatomischen Grundlagen der neuropathologischen Doctrin.
-
-
-
-
- Vierzehntes Capitel.
-
- Rückenmark und Gehirn.
-
-
- Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte
- Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare
- und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze: Nerven-
- oder Axencylinderfortsätze, Ganglien- und Reiserfortsätze.
- Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare
- (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden und Kernröhren. Innere
- Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der Untersuchung.
- Die Nerven des elektrischen Organs der Fische. Das Gross- und
- Kleinhirn des Menschen.
-
- Das Rückenmark. Weisse und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse
- Gruppen. Weisse Stränge und Commissuren.
-
- Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns: Körner- und
- Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des Gehirns.
-
- Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern desselben.
-
- Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe). Ependyma
- ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue oder gelatinöse
- Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea) der Häute
- des Gehirns und Rückenmarks.
-
-Nachdem wir die peripherischen Einrichtungen des Nervenapparates
-besprochen haben, so erübrigt uns, um die Uebersicht der
-Nerveneinrichtungen zu vervollständigen, noch die wichtige Reihe der
-=centralen Theile=, oder im engeren Sinne der =Ganglien-Apparate=. Wie
-ich schon früher hervorhob, so finden wir diese überwiegend in
-denjenigen Theilen der Centralorgane, wo graue Substanz lagert. Nur ist
-das bloss graue Aussehen nicht entscheidend für die gangliöse
-Beschaffenheit eines Theiles; insbesondere darf man nicht glauben, dass
-etwa die Ganglienzellen es seien, welche die graue Farbe wesentlich
-bedingen. An manchen Stellen befindet sich graue Masse, ohne dass
-Ganglienzellen vorhanden sind. So enthält die äusserste Schicht der
-Grosshirnrinde keine deutlichen Ganglienzellen mehr, obwohl sie grau
-aussieht; hier findet sich eine durchscheinende Bindesubstanz, welche
-mit vielen feineren Gefässen durchsetzt ist und je nach der Füllung
-derselben bald mehr grauroth, bald mehr weissgrau erscheint.
-Andererseits kommt es häufig vor, dass, wo Ganglienzellen liegen, die
-Substanz gerade nicht grau aussieht, sondern eine positive Farbe hat,
-die zwischen bräunlichgelb und schwarzbraun schwankt. So haben wir an
-dem Gehirne kleinere Abschnitte, welche schon seit langer Zeit unter dem
-Namen der Substantia nigra, fusca, ferruginea bekannt sind; hier haftet
-die schwarze oder braune Farbe, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, an
-den Ganglienzellen als den eigentlich gefärbten Punkten.
-
-[Illustration: =Fig=. 97. Elemente aus dem Ganglion Gasseri. _a_
-Ganglienzelle mit kernreicher (bindegewebiger und epithelialer) Scheide,
-die sich um den abgehenden Nervenfortsatz erstreckt; im Innern der
-grosse, klare Kern mit Kernkörperchen und um ihn Pigmentanhäufung. _b_
-Isolirte Ganglienzelle mit dem an sie herantretenden blassen Fortsatz.
-_c_ Feinere Nervenfaser mit blassem Axencylinder. Vergr. 300.]
-
-Diese Färbung stellt sich erst im Laufe der Jahre ein. Je älter ein
-Individuum wird, um so lebhafter werden die Farben; jedoch scheinen
-unter Umständen auch pathologische Prozesse den Eintritt und die Stärke
-derselben zu beschleunigen. So ist es an den Ganglien des Sympathicus
-eine auffallende Erscheinung, dass gewisse Krankheitsprozesse, z. B. der
-typhöse, einen wirksamen Einfluss auf die frühe Pigmentirung zu üben
-scheinen. Da aber das Pigment etwas relativ Fremdartiges in der inneren
-Zusammensetzung der Zelle darstellt, insofern als es, soviel wir wissen,
-nicht der eigentlichen Function dienstbar ist, sondern als träge Masse
-hinzutritt, so dürfte es in der That wohl möglich sein, dass man diese
-Zustände als eine Art von vorzeitigem Altern (Senium praecox) der
-Ganglienzellen zu betrachten hat. An diesen Zellen unterscheidet man
-(Fig. 97, _a_) ausser dem sehr deutlichen, grossen Kerne mit seinem
-grossen, glänzenden Kernkörperchen den eigentlichen Zellkörper, welcher
-aus einer feinkörnigen Grundsubstanz (Protoplasma) besteht und das an
-einer gewissen Stelle, gewöhnlich excentrisch neben dem Kern, zuweilen
-rings um denselben gelagerte Pigment umschliesst. Unter Umständen nimmt
-das letztere an Masse so sehr zu, dass ein grosser Theil der Zelle damit
-ausgefüllt wird. Je reicher diese Ablagerung wird, um so dunkler
-erscheint die ganze Stelle schon für das blosse Auge.
-
-Früher hat man sich die Ganglienzellen in der Regel als einfach runde,
-kugelige Gebilde (Ganglienkugeln) gedacht. Allein man hat sich mehr und
-mehr überzeugt, dass diese Form eine künstliche, erst durch das
-Abreissen der Fortsätze bei der Präparation entstandene ist, dass
-vielmehr von jeder Ganglienzelle nach gewissen Richtungen Fortsätze
-ausgehen, welche sich endlich mit Nerven oder mit anderen Ganglienzellen
-in Verbindung setzen oder in eigenthümlicher Weise verästeln. Viele
-Ganglienzellen besitzen gleichzeitig mehrere Fortsätze, von denen jedoch
-nur einer mit einer wirklichen Nervenfaser direkt in Verbindung steht:
-der =Nerve=- =oder Axencylinder=-=Fortsatz=. Hier und da scheint durch
-=Ganglienfortsätze= eine direkte Verbindung zwischen zwei Ganglienzellen
-hergestellt zu werden. Verhältnissmässig häufig, namentlich in den
-Centralorganen, sind Fortsätze mit mehrfacher und zuletzt sehr feiner
-Verästelung, die ich =Reiserfortsätze= nennen will.
-
-Die Nervenfaser-Fortsätze sind bei ihrem Ursprunge aus den
-Ganglienzellen blass, und auch da, wo sich endlich ihr Uebergang in
-gewöhnliche, dunkelconturirte Nervenfasern verfolgen lässt, sieht man
-sie erst in einer gewissen Entfernung von der Ganglienzelle dicker
-werden, indem sie sich allmählich mit einer Markscheide versehen. Dieser
-Umstand, welchen man früher nicht gekannt hat, erklärt es, dass man so
-lange Zeit über das wahre Verhältniss im Unklaren geblieben ist. Die
-unmittelbaren Fortsätze der Ganglienzellen, namentlich im Gehirn und
-Rückenmark, sind daher nicht Nerven im gewöhnlichen Sinne des Wortes,
-sondern blasse und oft so feine Fasern, dass sie kaum noch eine
-Aehnlichkeit mit den früher geschilderten marklosen Fasern haben,
-sondern wie blasse Axencylinder erscheinen (Fig. 97, _a_, _b_).
-
-Lange hat man erwartet, wesentliche Verschiedenheiten unter den
-Ganglienzellen, je nach den groben Abschnitten des Nerven-Apparates,
-also namentlich Verschiedenheiten zwischen den Zellen des Sympathicus
-und denen des Hirns und Rückenmarks zu finden. Allein auch in diesem
-Punkte hat sich das Gegentheil als richtig ergeben, namentlich seitdem
-=Jacubowitsch= die Thatsache kennen gelehrt hat, dass zweistrahlige
-Zellen, welche den gewöhnlichen Zellen der sympathischen Ganglien
-vollkommen analog sind, auch in der Mitte des Rückenmarks und mancher
-Theile, welche wir schon dem Gehirne zurechnen, vorkommen[125]. Dass der
-Sympathicus mit einem grossen Theile seiner Fasern im Rückenmarke
-wurzelt, weiss man schon lange; wenn nun auch, wie ich mich überzeugt
-habe, zweistrahlige Elemente im Rückenmarke und andererseits
-vielstrahlige Elemente in sympathischen Ganglien, z. B. im G. coeliacum,
-vorkommen, so kann man sagen, dass auch in histologischer Beziehung das
-Rückenmark nicht einen einfachen und nothwendigen Gegensatz zu dem
-Grenzstrange darstellt.
-
- [125] Ich habe übrigens solche Zellen schon vor langer Zeit aus dem
- menschlichen Rückenmark beschrieben (Archiv 1847. I. 459 Anm.).
-
-Will man die Formen der Ganglienzellen genauer kennen lernen, so
-geschieht dies am leichtesten an dem Rückenmark, welches überhaupt für
-die Zusammenordnung eines wirklichen Centralorgans im engsten Sinne des
-Wortes den klarsten Ausdruck darstellt. In der grauen Substanz (den
-Hörnern) desselben finden sich überall und zwar fast auf jedem
-Querschnitte verschiedenartige Ganglienzellen. =Jacubowitsch= hat drei
-verschiedene Formen davon unterschieden: die eine nannte er motorisch,
-die andere sensitiv, die dritte sympathisch. Ich werde auf ihre
-Anordnung bei weiterer Besprechung des Rückenmarkes zurückkommen; hier
-will ich zunächst nur ihre Formen im Allgemeinen besprechen.
-
-Nachdem es feststeht, dass es Ganglienzellen ohne Fortsätze (apolare)
-überhaupt nicht gibt, ist die Frage über die Zahl der Fortsätze sehr
-viel discutirt worden. Man beschrieb zunächst hauptsächlich uni- und
-bipolare (besser =monoklone= und =diklone=) Zellen. Allein auch die
-sogenannten unipolaren (Fig. 97) werden, je genauer man untersucht,
-immer seltener. Die meisten Zellen besitzen mindestens zwei Fortsätze,
-sehr viele sind multipolar oder genauer vielästig (=polyklon=).
-
-[Illustration: =Fig=. 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen: _A_, _B_,
-_C_ aus dem Rückenmarke, nach Präparaten des Hrn. =Gerlach=, _D_ aus der
-Gehirnrinde. _A_ Grosse, vielstrahlige (multipolare, polyklone) Zellen
-aus den Vorderhörnern (Bewegungszellen). _B_ Kleinere Zellen mit drei
-grösseren Fortsätzen aus den Hinterhörnern (Empfindungszellen). _C_
-Zweistrahlige (bipolare, diklone), mehr rundliche Zelle aus der Nähe der
-hinteren Commissur (sympathische Zelle). Vergr. 300.]
-
-Eine multipolare Zelle besitzt einen grossen Kern mit Kernkörperchen,
-einen körnigen Inhalt (Protoplasma) und, wenn sie besonders gross und
-alt ist, einen Pigmentfleck; sie entsendet nach verschiedenen Richtungen
-hin Ausläufer oder Fortsätze. Mindestens einer dieser Ausläufer, der
-sich durch seine festere Beschaffenheit auszeichnet, geht, wie zuerst
-=Deiters= gezeigt hat, in eine Nervenfaser über. Dieses ist der schon
-vorher (S. 302) erwähnte Axencylinder-Fortsatz. Die übrigen Ausläufer,
-nicht sehr glücklich als =Protoplasmafortsätze= bezeichnet, theilen sich
-nach kürzerem oder längerem Verlaufe in zahlreiche, kleine Reiserchen,
-welche die graue Substanz durchziehen. Was aus ihnen weiterhin wird, ist
-noch unbekannt; nur glaubt =Deiters= gefunden zu haben, dass gewisse
-feine Aestchen, welche unter rechten Winkeln von diesen Fortsätzen
-ausgehen, gleichfalls mit Nervenfasern zusammenhängen. Jedenfalls
-beginnt schon hier das physiologisch wichtige Verhältniss, welches ich
-vorher besprach (S. 296, 299), dass von einzelnen Punkten des
-Nervensystems aus ganze Massen von Fäden oder Fasern ausgehen, ein
-Verhältniss, welches darauf hindeutet, dass bei der Thätigkeit (Reizung)
-der Nerven zwar von Anfang an je nach Umständen diese oder jene Bahn
-benutzt werden kann, dass aber innerhalb gewisser Bahnen die Wirkung auf
-die ganze Verästelung sich relativ gleichmässig fortsetzen kann.
-
-Die multipolaren Zellen des Rückenmarks sind meist verhältnissmässig
-gross. Die stärksten derselben (Fig. 98, _A_.) liegen an denjenigen
-Stellen der grauen Substanz angehäuft, welche dem Eintritte der
-motorischen (vorderen) Wurzeln entsprechen; man kann sie deshalb kurzweg
-als motorische oder =Bewegungszellen= bezeichnen. Diejenigen
-Ganglienzellen, welche die Fasern der sensitiven (hinteren) Wurzeln
-aufnehmen (Fig. 98, _B_.), und welche man in Kürze sensitive oder
-=Empfindungszellen= nennen mag, sind in der Regel kleiner und zeigen
-nicht eine so vielfache und weitreichende Verästelung, wie die
-Bewegungszellen. Ein grosser Theil von ihnen besitzt nur 3, vielleicht 4
-Aeste. Die von =Jacubowitsch= sympathisch genannten Zellen (Fig. 98,
-_C_.) sind wiederum grösser, haben aber gewöhnlich nur 2 Aeste und
-zeichnen sich durch eine mehr rundliche Form aus. Es sind dies
-Verschiedenheiten, welche allerdings nicht so durchgreifend sind, dass
-man schon jetzt im Stande wäre, einer isolirten Ganglienzelle in jedem
-einzelnen Falle sofort anzusehen, welcher Kategorie sie angehört, aber
-sie sind doch, wenn man die einzelnen Gruppen ins Auge fasst, so
-auffallend, dass man zu Betrachtungen über die verschiedene Bedeutung
-derselben angeregt wird.
-
-Wahrscheinlich wird man im Laufe der Zeit noch weitere
-Verschiedenheiten, auch vielleicht in der inneren Einrichtung der
-Zellen, erkennen; bis jetzt lässt sich darüber nichts weiter aussagen,
-als dass verschiedene Beobachter, zuerst =Harless=, feinere Fasern bis
-zu dem Kern und Kernkörperchen verfolgt haben (=Kernkörperchenfäden= und
-=Kernröhren=). Am genauesten hat in der letzten Zeit =Frommann= diese
-merkwürdigen Verhältnisse studirt, deren Eigenthümlichkeit noch dadurch
-erhöht wird, dass einzelne Ganglienzellen einen mehr faserigen Bau ihres
-Leibes zeigen, während bei der grossen Mehrzahl der Zellkörper eine
-feinkörnige Beschaffenheit darbietet. Indess liegen alle diese
-Verhältnisse noch so im Dunkeln, dass sich irgend welche gesetzmässigen
-Aufstellungen daraus noch nicht ableiten lassen. Es ist dies eine sehr
-grosse und beklagenswerthe Lücke unserer Kenntnisse, weil gerade hier
-der Punkt ist, wo die specifische Action der wichtigsten Elemente des
-Körpers zu erklären wäre. Aber man darf auch nicht übersehen, dass diese
-Verhältnisse mit zu den schwierigsten gehören, welche überhaupt der
-anatomischen Untersuchung unterworfen werden, und dass die Herstellung
-von Objecten, welche auch nur das eigene Auge überzeugen, fast immer
-daran scheitert, dass eine wirkliche Isolirung der Elemente mit allen
-ihren Fortsätzen und Verbindungen kaum jemals gelingt und dass man wegen
-ihrer ausserordentlichen Gebrechlichkeit fast immer genöthigt ist, sie
-auf gehärteten Durchschnitten zu verfolgen. Wenn man Schnitte macht in
-Theilen, welche zu einem grossen Theile aus Fasern bestehen und in
-welchen die Fasern theils longitudinal, theils transversal, theils
-schräg verlaufen, wo also überall ein Geflecht besteht, so hängt es ja
-ganz und gar von einem glücklichen Zufalle ab, ob man in einem und
-demselben Schnitte den Verlauf einer einzelnen Faser über grössere
-Strecken hinaus mit einer gewissen Bestimmtheit verfolgen kann. Diese
-Schwierigkeit lässt sich allerdings dadurch ausgleichen, dass man die
-Schnitte in allen möglichen Richtungen führt und so die
-Wahrscheinlichkeit steigert, dass man endlich einmal auf diejenige
-Richtung stossen wird, in welcher sich ein Ast vollständig auflöst, aber
-erfahrungsgemäss bleibt auch dann noch die Schwierigkeit so gross, dass
-man niemals die ganze Verbreitung und Verbindung einer irgendwie
-vielästigen Zelle in den Centralorganen auf einmal hat übersehen können.
-
-Auch in dieser Beziehung ist das =elektrische Organ= ein besonders
-glücklicher Ausgang der Untersuchung geworden. Hier gelang es =Bilharz=,
-die eine Faser, welche das ganze peripherische Organ versieht
-(innervirt), in eine einzige, centrale Ganglienzelle zurück zu
-verfolgen. Auch diese Zelle, welche so gross ist, dass man sie mit
-blossem Auge bequem wahrnehmen kann, hat nach anderen Richtungen hin
-feinere Ausstrahlungen. Die weiteren Beziehungen dieser letzteren zu
-ermitteln, ist bis jetzt eben so wenig gelungen, wie wir im Stande
-gewesen sind, von der feineren Anatomie des menschlichen Gehirns ein
-nach allen Seiten hin befriedigendes Bild zu gewinnen, namentlich zu
-entdecken, in welchem Maasse darin Verbindungen von Zellen unter
-einander vorkommen. Bei den Untersuchungen des Rückenmarks hat es sich
-herausgestellt, dass nicht alle Fortsätze der Ganglienzellen in
-Nervenfasern übergehen, sondern dass ein Theil derselben wieder zu
-Ganglienzellen geht und Verbindungen zwischen Ganglienzellen herstellt.
-Einzelne Beobachter geben bestimmt an, direkte Anastomosen von
-Ganglienzellen unter einander gesehen zu haben, und es lässt sich ein
-solcher Zusammenhang wohl nicht bezweifeln. Indess scheint dies doch ein
-sehr seltener Fall zu sein. Die Regel ist, dass die nicht direkt in
-Axencylinder übergehenden Fortsätze sich mehr und mehr verästeln und
-erst, nachdem sie ganz feine Fäserchen oder Reiserchen gebildet haben,
-mit den von anderen Ganglienzellen ausgehenden Fäserchen anastomosiren.
-Auf diese Art entsteht z. B. in der grauen Substanz des Rückenmarks ein
-=zusammenhängendes Reiserwerk=, welches bis zum Gehirn aufsteigt. Es
-lässt sich denken, dass dadurch die grösste Mannichfaltigkeit der
-Leitung und Strömung ermöglicht wird. Auch im =Gehirn=, zumal in der
-grauen Rindensubstanz, haben die Ganglienzellen ganz ähnliche
-Beschaffenheit (Fig. 98, _D_). An der Oberfläche des Grosshirns, wo die
-Ganglienzellen in mehrfachen Schichten über einander stehen, sind die
-Reiserfortsätze nach innen gerichtet, während gewöhnlich ein stärkerer
-Fortsatz zur Oberfläche aufsteigt und hier umbiegt. Schon =Valentin= hat
-diese »Schlingenbildung« gesehen. Ob jedoch dieser Fortsatz in einen
-Axencylinder fortgeht, ist immer noch zweifelhaft. Noch complicirter
-sind die Verhältnisse an der Rinde des Kleinhirns, wo mehrere, stärkere
-Fortsätze gegen die Oberfläche ausstrahlen und in Reiser übergehen,
-während nach innen nur ein einziger Fortsatz gerichtet ist, der ziemlich
-sicher zu Nerven verfolgt ist. In dieser Gegend, wo schon äusserlich
-erkennbar eine rostfarbene Schicht sich der grauen Substanz anschliesst
-und sie von der weissen Centralmasse trennt, findet sich eine mächtige
-Körnerlage; die ganze Einrichtung gewinnt so eine gewisse Aehnlichkeit
-mit jenen ganz feinen Einrichtungen der radiären Fasern der Retina (S.
-292).
-
-So schwierig es ist, über die Natur und Verbindung der nervösen Elemente
-ins Klare zu kommen, so häufen sich die Schwierigkeiten doch noch mehr,
-wenn es sich um die Zusammensetzung der nervösen Centralorgane im Ganzen
-handelt. Hier hat es sich immer als das Vortheilhafteste erwiesen, sich
-zunächst an dasjenige Centralorgan zu halten, welches als Grundlage der
-Wirbelthier-Entwickelung überhaupt dient, nehmlich an das =Rückenmark=;
-es ist dies dasjenige, dessen Struktur wir am besten übersehen können.
-
-Das Rückenmark ist bekanntlich, wie man auf jedem Querschnitte vom
-blossen Auge mit Leichtigkeit sehen kann, an verschiedenen Stellen
-seines Verlaufes verschieden reich an weisser Substanz, so jedoch, dass
-fast überall die weisse Substanz über die graue das Uebergewicht hat.
-Letztere tritt auf Querschnitten unter der Form der bekannten Hörner
-hervor, die sich durch ihre bald blassgraue, bald grauröthliche Färbung
-von dem reinen Weiss der übrigen Masse deutlich absetzen. So weit nun,
-als die Substanz vom blossen Auge weiss erscheint, besteht sie
-wesentlich aus wirklichen markhaltigen Nervenfasern, welche durch
-schwache Züge eines weichen Interstitialgewebes in grössere und kleinere
-Bündel abgetheilt sind (Fig. 99). Ein grosser Theil dieser Fasern ist
-von so beträchtlicher Breite, dass die Masse des Markstoffes (Myelins)
-an gewissen Punkten eine ausserordentlich reichliche ist.
-
-Die graue Substanz der Hörner dagegen ist die eigentliche Trägerin der
-Ganglienzellen, aber auch hier ist das graue Aussehen keineswegs der
-Anwesenheit der Ganglienzellen zuzuschreiben; vielmehr bilden, wie wir
-nachher sehen werden, die Ganglienzellen immer nur einen kleinen Theil
-dieser Substanz, und das graue Aussehen ist hauptsächlich dadurch
-bedingt, dass hier jener undurchsichtige, stark lichtbrechende Stoff
-(der Markstoff) nicht abgeschieden ist, welcher die weissen Nerven
-erfüllt.
-
-Inmitten der grauen Substanz befindet sich, wie =Stilling= zuerst
-bestimmt gezeigt hat, jener =centrale Kanal= (Canalis spinalis), den man
-früher so vielfach vermuthet, häufig auch als regelmässigen Befund
-bezeichnet hat, der aber doch niemals früher regelmässig demonstrirt
-werden konnte. Bei den älteren Beobachtern, z. B. =Portal=, handelte es
-sich immer um vereinzelte pathologische Befunde, von welchen sie ihre
-Kenntnisse über diese Einrichtung hernahmen, und von welchen aus sie
-ziemlich willkürlich schlossen, dass das Vorhandensein eines Kanals die
-Regel sei.
-
-Der Centralkanal ist so fein, dass besonders glückliche Durchschnitte
-dazu gehören, um ihn mit blossem Auge deutlich wahrnehmen zu können.
-Gewöhnlich erkennt man nichts weiter als einen rundlichen, grauen Fleck,
-der sich von der Nachbarschaft durch eine etwas grössere Dichtigkeit
-unterscheidet. Erst die mikroskopische Untersuchung zeigt innerhalb des
-Fleckes den Querschnitt des Kanals als ein feines Loch (Fig. 99, _c c_).
-Wie fast alle freien Oberflächen des Körpers, ist er mit einem
-Epitheliallager überkleidet. Es ist ein wirklich regelmässiger,
-constanter und persistenter Kanal in aller Form Rechtens. Derselbe setzt
-sich durch die ganze Ausdehnung des Rückenmarkes fort vom Filum
-terminale[126], wo er nicht immer ganz deutlich herzustellen ist, bis
-zum vierten Ventrikel hinauf, wo seine Einmündungsstelle in dem
-sogenannten Sinus rhomboidalis an der gelatinösen Substanz des Calarnus
-scriptorius liegt. Hier kann man ihn als eine direkte Fortsetzung vom
-Boden des vierten Ventrikels aus zunächst in eine feine trichterförmige
-Spalte oder Linie verfolgen.
-
- [126] Untersuchungen über die Entwickelung des Schädelgrundes. Berlin
- 1857. S. 92.
-
-Die =Ganglien-Zellen= des Rückenmarkes finden sich in der grössten Masse
-in den vorderen und seitlichen Theilen der Vorderhörner. Und zwar sind
-es hauptsächlich die grossen vielstrahligen Elemente, welche ich früher
-(S. 305) besprochen habe. Ihre Fortsätze sind zum Theil verfolgt worden
-in austretende Nerven der vorderen Wurzeln; sie geben also motorischen
-Nerven ihren Ursprung.
-
-[Illustration: =Fig=. 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem
-Halstheile des Rückenmarkes. _fa_ Fissura anterior, _fp_ Fissura
-posterior. _cc_ Centralkanal mit dem centralen Ependymfaden. _ca_
-Commissura anterior mit sich kreuzenden Nervenfasern, _cp_ Commissura
-posterior. _ra_ Vordere Wurzeln, _rp_ hintere. _gm_ Anhäufung der
-Bewegungszellen in den Vorderhörnern, _gs_ Empfindungszellen der
-Hinterhörner, _gs_' sympathische Zellen. Die schwarzpunktirte Masse
-stellt die Querschnitte der weissen Substanz (Nervenfasern der Vorder-,
-Seiten- und Hinterstränge) des Rückenmarkes mit ihren lobulären
-Abtheilungen dar. Vergr. 12.]
-
-Eine analoge, jedoch weniger deutlich gruppirte Anhäufung findet sich
-gegen die Basis der hinteren Hörner hin; es sind kleinere, mehrstrahlige
-Zellen, wie ich sie gleichfalls beschrieben habe. Sie hängen mit den
-Fasern zusammen, welche in die hinteren Wurzeln eintreten, dienen also
-wahrscheinlich der sensitiven Function. Ausserdem zeigt sich gewöhnlich
-noch eine dritte, bald mehr zusammengefaßte, bald mehr zerstreute Gruppe
-von Zellen, welche ihrem Baue nach an die bekannten Formen der Zellen in
-den Ganglien erinnern (Fig. 98, _C_. 99, _gs_'). Ihre besondere Stellung
-innerhalb des Rückenmarks ist allerdings nicht so klar bezeichnet, wie
-die der anderen Theile; vielleicht sind sie als die Quelle der
-sympathischen Wurzeln zu betrachten, welche vom Rückenmarke sich zum
-Grenzstrang begeben, indess ist dies noch lange nicht ausgemacht.
-
-Innerhalb der weissen Substanz der Vorder-, Seiten- und Hinterstränge
-finden sich die markhaltigen Nervenfasern, welche im Allgemeinen einen
-auf- oder absteigenden Verlauf nehmen, so dass wir auf Querschnitten
-dieser Theile des Rückenmarkes fast nur Querschnitte von Nervenfasern zu
-Gesicht bekommen. Unter dem Mikroskope sieht man hier zahllose, dunkle
-Punkte oder bei stärkerer Vergrösserung Ringe, von denen jeder einer
-Nervenfaser entspricht und gewöhnlich noch einen dritten, bei
-Carminfärbung stärker hervortretenden Kern oder Fleck, den Querschnitt
-des Axencylinders, enthält. Die ganze Fasermasse der Rückenmarksstränge
-ist von innen nach aussen in eine Reihe von Gruppen oder Segmenten von
-im Ganzen radiärer Anordnung, gewissermaassen in keilförmige Lappen
-zerlegt, indem sich zwischen die einzelnen, auch hier fasciculären
-Abtheilungen eine bald kleinere, bald grössere Masse von Bindegewebe mit
-Gefässen einschiebt. Letzteres hängt nach innen mit der reichlicheren
-Bindegewebsmasse der grauen Substanz, nach aussen mit dem Bindegewebe
-der Pia mater, welche die ernährenden Gefässe zuführt, zusammen.
-
-Was nun die =Nervenfasern= der Rückenmarksstränge betrifft, so dürfte
-ein gewisser Theil von ihnen der ganzen Länge des Rückenmarkes nach
-fortgehen, aber sicherlich darf man nicht annehmen, dass sie alle vom
-Gehirne herkommen; ein wahrscheinlich viel beträchtlicherer Theil stammt
-wohl von den Ganglienzellen des Rückenmarkes selbst und biegt alsbald in
-die vorderen oder hinteren Stränge um. Ausserdem bestehen zwischen den
-beiden Hälften des Rückenmarkes direkte Verbindungen, =Commissuren=,
-indem Fasern von einer Seite zur anderen hinübertreten, theils in der
-Weise, dass sie mit denen der entgegengesetzten Seite sich kreuzen
-(vordere Commissur, Fig. 99, _ca_), theils so, dass sie gestreckt und
-parallel verlaufen (hintere Commissur, Fig. 99, _cp_).
-
-Mit diesen anatomischen Erfahrungen kann man sich ein freilich noch
-immer sehr ungenügendes Bild machen von den Wegen, auf welchen die
-Vorgänge innerhalb der Centraltheile passiren. =Jede besondere
-Thätigkeit hat ihre besonderen elementaren zelligen Organe; jede Art der
-Leitung findet ihre bestimmt vorgezeichneten Bahnen=. Auch im Grossen
-entsprechen den functionellen Verschiedenheiten ganz bestimmte
-Eigenthümlichkeiten in der Struktur der einzelnen Centraltheile,
-namentlich entwickeln sich nach oben hin die hinteren Hörner allmählich
-immer kräftiger, und in dem Maasse, als diese Entwickelung vorschreitet,
-macht sich die Entfaltung der Medulla oblongata, des grossen und kleinen
-Gehirns, wobei mehr und mehr die motorischen Theile in den Hintergrund
-treten, um zuletzt fast ganz zu verschwinden. Der Anlage nach und im
-Grossen bestehen in allen diesen Theilen analoge Verhältnisse; das
-Einzige, was bis jetzt wenigstens als eine besonders charakteristische
-Eigenthümlichkeit der cerebralen Apparate betrachtet werden kann, ist
-die schon früher hervorgehobene Erscheinung, dass am Kleinhirn an der
-inneren Seite der hier überall einfachen Lage der Ganglienzellen eine
-besondere Schicht vorkommt, die am meisten Aehnlichkeit hat mit den
-Körnerschichten der Retina (Fig. 100, _B_). Denn auch hier finden sich
-verästelte, fast baumförmige Fäden, welche kleine Körnchen in oft
-mehrfacher Reihe in sich schliessen, und welche sich an die
-Ganglienzellen in einer wesentlich anderen, namentlich sehr viel
-feineren Weise anfügen, als das bei den eigentlichen Nervenfortsätzen
-der Fall ist. Nach aussen von der Ganglienschicht zeigt die graue
-Substanz eine so auffällig radiäre Streifung, dass man früher dieselbe
-gleichfalls mit der Stäbchenschicht der Retina parallelisirte. Indess
-ist dies eine ziemlich grobe Aehnlichkeit, für die irgend ein
-histologischer Nachweis nicht geliefert werden kann. Es ist vielmehr die
-Interstitialsubstanz, welche diese streifigen Abtheilungen besitzt; wie
-kürzlich =Herm=. =Hadlich= gefunden hat, ist sie von langen parallelen
-Stützfasern durchzogen, welche mit dreieckigen Enden gegen die
-Oberfläche ansetzen.
-
-[Illustration: =Fig=. 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens
-in der Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach=. (Mikroskopische Studien Taf.
-I. Fig. 3) _A_ weisse Substanz, _B_, _C_ graue Substanz. _B_
-Körnerschicht, _C_ Zellenschicht mit den grossen (Purkinje'schen)
-Ganglienzellen.]
-
-Die Rindenschichten des Gross- und Kleinhirns enthalten einen solchen
-Reichthum von Ganglienzellen, dass =Meynert= nach einer ganz
-wahrscheinlichen Schätzung ihre Zahl auf eine Milliarde berechnet. Wenn
-nicht bezweifelt werden kann, dass diese Zellen zu einem grossen Theile
-der eigentlichen =psychischen Thätigkeit= dienen, so ist es gewiss
-bemerkenswerth, dass ihre Anhäufungen sich durch ein allmähliches
-Anwachsen und Vermehren aus den hinteren Abschnitten des Rückenmarkes
-entfalten, dass sie also genetisch dem empfindenden Antheile desselben
-angehören. Unzweifelhaft bieten diese =psychischen Ganglienzellen=
-manches Besondere und Eigenthümliche auch in ihrer Gestalt dar;
-nichtsdestoweniger ist es unmöglich, bis jetzt aus ihren Besonderheiten
-und Eigenthümlichkeiten irgend einen Grund für die Vollkommenheit ihrer
-Function abzuleiten. Wir müssen uns vor der Hand damit begnügen, ihre
-Existenz und ihre äusseren Eigenschaften kennen gelernt zu haben. --
-
- * * * * *
-
-[Illustration: =Fig=. 101. Durchschnitt durch das Rückenmark des
-Petromyzon fluviatilis. _F_ Fissura (oder genauer Commissura) anterior,
-_F_' Fissura posterior, _c_ Centralkanal mit Epithel. _gm_ grosse,
-vielstrahlige Ganglienzellen mit Fortsätzen in der Richtung der vorderen
-Wurzeln. _gp_ kleinere, mehrstrahlige Zellen mit Fortsätzen zu den
-hinteren Wurzeln, _gs_ grosse, rundliche Zellen in der Nähe der hinteren
-Commissur (sympathische Zellen). _n_, _n_ Querdurchschnitte der grossen,
-blassen Nervenfasern (=Müller='sche Fasern), _n_' leere Lücken, aus
-welchen die grossen Nerven ausgefallen sind, _n_'' Lücke für kleinere
-Fasern. Ausserdem zahlreiche Querschnitte feinerer und gröberer Fasern.]
-
-Der Typus der Rückenmarksbildung, welchen wir beim Menschen kennen
-gelernt haben, ist im Wesentlichen derselbe durch die ganze Reihe der
-Wirbelthiere oder, wie man sie besser nennen würde, Markthiere[127],
-nur dass beim Menschen im Allgemeinen eine grössere Complication und ein
-grösserer Reichthum sowohl an Nervenfasern, als an Gangliensubstanz
-hervortritt. Es ist gewiss sehr interessant, in dieser Beziehung den
-Durchschnitt vom Rückenmarke eines der niedrigsten Wirbelthiere zu
-vergleichen. Ich wähle dazu das Neunauge (Petromyzon). Bei diesem
-Thiere, welches bekanntlich nahe an der untersten Grenze der
-Wirbelthiere überhaupt steht, stellt das Rückenmark ein sehr kleines
-plattes Band dar, welches in der Fläche etwas eingebogen ist und auf den
-ersten Anblick wie ein wirkliches Ligament aussieht. Macht man einen
-Querschnitt davon, so enthält dieser an sich dieselben Theile, die wir
-beim Menschen sehen, aber Alles nur in der Anlage. Was wir bei uns graue
-Substanz nennen, das findet sich auch hier wieder zu beiden Seiten in
-der Gestalt je eines plattlänglichen Lappens, welcher einzelne
-Ganglienzellen, aber nur sehr wenige enthält, so dass man auf jeder
-Seite des Querschnittes vielleicht 4-5 davon findet. In der
-Mitte befindet sich der Centralkanal, und zwar mit derselben
-Epithelialschicht, wie beim Menschen. Nach unten und vorn davon sieht
-man gewöhnlich eine Reihe von grösseren runden Lücken, welche ganz
-ungewöhnlich dicken, zuerst von =Johannes Müller= gesehenen, marklosen
-Nervenfasern (Fig. 102, _a_) entsprechen. Weiter nach aussen liegen noch
-einzelne dickere, überwiegend jedoch eine grosse Menge ganz feiner
-Fasern, welche dem Querschnitte ein sehr buntes, regelmässig getüpfeltes
-Aussehen geben. Unter den Ganglienzellen kann man auch hier verschiedene
-Arten unterscheiden. Nach aussen in der grauen Substanz liegen
-vielstrahlige, nach vorn grössere, nach hinten kleinere und einfachere
-Zellen. Mehr nach innen und hinten dagegen finden sich grössere, mehr
-rundliche, wie es scheint, diklone (bipolare) Zellen, den sympathischen
-Formen vergleichbar. Diese Zellen communiciren über die Mitte durch
-wirkliche Faser-Verbindungen, und ausserdem findet man Fortsätze zu den
-Nerven, welche nach vorne und rückwärts aus dem Rückenmarke hervortreten
-und die vordere und hintere Wurzel bilden. Das ist das einfachste
-Schema, welches wir für diese Verhältnisse besitzen, der allgemeine
-Typus für die anatomische Einrichtung dieser Theile.
-
- [127] Vergl. meinen Vortrag über das Rückenmark in der von mir und
- v. =Holtzendorff= herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher
- wissenschaftlicher Vorträge. 1871. Serie V. Heft 120.
-
-[Illustration: =Fig=. 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des
-Petromyzon fluviatilis. _A_ Breite, schmale und feinste Fasern. _B_
-Querschnitte von breiten Fasern mit deutlicher Membran und körnigem
-Centrum. Vergr. 300.]
-
-Besonders zu bemerken ist hier, dass beim Petromyzon in der ganzen
-Substanz des Rückenmarkes kein Markstoff in isolirter Ausscheidung
-vorhanden ist, wie wir ihn beim Menschen haben; man findet nur einfache,
-blasse Fasern, welche =Stannius= geradezu als nackte Axencylinder
-angesprochen hat. Abgesehen davon, dass sie zum Theil einen colossalen
-Durchmesser haben, so findet man bei genauerer Untersuchung, wie bei den
-gelatinösen, grauen Fasern des Menschen, eine auf Querschnitten,
-besonders nach Färbung mit Carmin sehr deutliche Membran und im Centrum
-eine feinkörnige Substanz, ähnlich einem Axencylinder, so dass man
-versucht wird, sie mit gewöhnlichen weissen Nervenfasern zu
-vergleichen. =Reissner= hat neuerlich eine ähnliche Ansicht
-vertreten. --
-
- * * * * *
-
-Gewinnt man so eine allgemeine Uebersicht über die Einrichtung eines
-centralen Nervenapparates, so darf man doch nicht vergessen, dass dies
-nur die eigentlich nervösen Theile desselben sind. Will man das
-Nervensystem in seinem wirklichen Verhalten im Körper, die nervösen
-Elemente in ihrem Zusammenhalte studiren, so ist es unumgänglich nöthig,
-auch diejenige Masse zu kennen, welche =zwischen den Nerventheilen=
-vorhanden ist, welche diese Theile umfasst und den ganzen Organen
-Festigkeit und Gestalt gibt: das =Interstitialgewebe= des Gehirns und
-Rückenmarks[128].
-
- [128] Geschwülste II. 125 ff.
-
-Es ist gar nicht so lange her, dass man das Vorhandensein einer solchen
-Zwischenmasse eigentlich nur bei den peripherischen Nerven zuliess und
-sich begnügte, das Neurilem bis auf die Häute des Rückenmarkes und
-Gehirnes zurück zu verfolgen, höchstens dass man noch innerhalb der
-Ganglien und im Sympathicus ein besonderes Umhüllungsgewebe anerkannte.
-Allerdings hatte schon 1810 =Keuffel= die Existenz eines »fibrösen
-Gewebes« im Rückenmarke vertheidigt, aber bis auf wenige Ausnahmen
-(=Fr=. =Arnold=) hatten alle Anatomen sich gegen diese Auffassung
-erklärt. Namentlich im Gehirne deutete man die Zwischensubstanz gerade
-als eine wesentlich nervöse Masse. Eine solche erschien in der That so
-lange als ein natürliches Desiderat, als man eine directe Uebertragung
-der Erregungen von Faser zu Faser zuliess, als man also die
-Nothwendigkeit einer wirklichen Continuität der Leitung innerhalb der
-Nerven selbst nicht anerkannte. So sprach man beim Gehirne von einer
-feinkörnigen, zwischen die Fasern eingeschobenen Masse, welche freilich
-keine vollständige Verbindung zwischen den Fasern herstelle, indem sie
-eine gewisse Schwierigkeit in der Uebertragung der Erregungen von einer
-Faser zur anderen bedinge, welche aber doch eine Leitung zwischen
-denselben ermögliche, indem bei einer beträchtlichen Höhe der Erregung
-eben auch eine direkte (seitliche) Uebertragung von Faser zu Faser
-stattfinden könne. Diese Masse ist jedoch unzweifelhaft nicht nervöser
-Natur, und wenn man ihre Beziehung zu den bekannten Gruppen der
-physiologischen Gewebe aufsucht, so kann man darüber nicht im Unsicheren
-bleiben, dass es sich um eine Art des Bindegewebes handelt, also um ein
-Aequivalent desjenigen Gewebes, welches wir bei den Nerven als
-Perineurium kennen gelernt haben (S. 273). Allein der Habitus dieser
-Substanz ist allerdings sehr weit verschieden von dem, was wir
-Perineurium oder Neurilem nennen. Letztere sind verhältnissmässig derbe,
-zum Theil sogar harte und zähe Gewebe, während das Interstitialgewebe
-der Centren ausserordentlich weich und gebrechlich ist, so dass man nur
-mit grosser Schwierigkeit überhaupt dahin kommt, seinen Bau kennen zu
-lernen.
-
-[Illustration: =Fig=. 103. Ependyma ventriculorum und Neuroglia vom
-Boden des vierten Hirnventrikels. _E_ Epithel, _N_ Nervenfasern.
-Dazwischen der freie Theil der Neuroglia mit zahlreichen
-Bindegewebszellen und Kernen, bei _v_ ein Gefäss, im Uebrigen zahlreiche
-Corpora amylacea, welche bei _ca_ noch isolirt dargestellt sind. Vergr.
-300.]
-
-Ich wurde zuerst auf seine Eigenthümlichkeit aufmerksam bei
-Untersuchungen, die ich vor 25 Jahren über die sogenannte =innere Haut
-der Hirnventrikel= (Ependyma) anstellte[129]. Damals bestand die
-Ansicht, welche zuerst durch =Purkinje= und =Valentin=, später
-namentlich durch =Henle= geltend geworden war, dass eine eigentliche
-Haut in den Hirnventrikeln gar nicht existire, sondern nur ein
-Epithelial-Ueberzug, indem die Epithelial-Zellen unmittelbar auf der
-Fläche horizontal gelagerter Nervenfasern aufsässen. Diese
-Epithelialschicht war es, welche =Purkinje= Ependyma ventriculorum
-nannte. Seine Annahme ist freilich von den Pathologen nie getheilt
-worden. Die pathologische Anschauung ging ziemlich unbekümmert neben den
-histologischen Angaben einher. Indess erschien es doch wünschenswerth,
-eine Verständigung zu gewinnen, da in einem bloss epithelialen Ependyma
-nicht wohl eine Entzündung vorkommen konnte, wie man sie einer serösen
-Haut zuzuschreiben pflegt. Bei meinen Untersuchungen ergab sich nun,
-dass allerdings unter dem Epithel der Ventrikel eine Schicht vorhanden
-ist, welche an manchen Stellen ganz den Habitus von Bindegewebe, an
-anderen jedoch eine so weiche Beschaffenheit besitzt, dass es überaus
-schwierig ist, eine Beschreibung von ihrem Aussehen zu liefern. Jede
-kleinste Zerrung ändert ihre Erscheinung: man sieht bald körnige, bald
-streifige, bald netzförmige oder wie sonst geartete Substanz. Anfangs
-glaubte ich mich beruhigen zu dürfen bei dem Nachweise, dass hier
-überhaupt ein dem Bindegewebe analoges Gewebe existire und eine Haut zu
-constatiren sei. Allein, je mehr ich mich mit der Untersuchung derselben
-beschäftigte, um so mehr überzeugte ich mich, dass keine eigentliche
-Grenze zwischen dieser Haut und den tieferen Gewebslagen bestehe, und
-dass man nur in uneigentlichem Sinne von einer Haut sprechen könne, da
-man doch bei einer Haut voraussetzt, dass sie von der Unterlage mehr
-oder weniger verschieden und trennbar sei. Im Groben lässt sich freilich
-nicht selten eine solche Trennung auch hier vornehmen, aber im Feineren
-ist es durchaus nicht möglich. Man sieht, wenn man die Oberfläche irgend
-eines Durchschnittes der Ventrikelwand bei stärkerer Vergrösserung
-einstellt, zunächst an der Oberfläche ein bald mehr, bald weniger gut
-erhaltenes Epithel (Fig. 103, _E_). Im günstigsten Falle trifft man
-Cylinder-Epithel mit Cilien, welches sich wenigstens ursprünglich durch
-die ganze Ausdehnung der Höhle des Rückenmarkes (Centralkanal) und des
-Hirnes (Ventrikel) erstreckt. Unter dieser Lage folgt eine bald mehr,
-bald weniger reine Schicht von bindegewebsartiger Structur, welche auf
-den ersten Blick gegen die Tiefe hin allerdings scharf abgesetzt
-erscheint, denn schon mit blossem Auge, namentlich nach Behandlung mit
-Essigsäure, erkennt man sehr deutlich eine äussere, graue und
-durchscheinende Lage, während die tiefere Schicht weiss aussieht. Dieses
-weisse Aussehen rührt daher, dass hier markhaltige Nervenfasern liegen,
-zunächst der Oberfläche einzelne, dann immer mehrere und dichter
-gedrängte, in der Regel der Oberfläche parallel (Fig. 103, _N_). So kann
-es allerdings scheinen, als sei hier eine besondere Haut, die man von
-den letzten Nervenfasern abtrennen könnte. Vergleicht man nun aber damit
-die Masse, welche zwischen den Nervenfasern selbst liegt, so zeigt sich
-keine wesentliche Verschiedenheit; es ergibt sich vielmehr, dass die
-oberflächliche Schicht weiter nichts ist, als der über die
-Nervenelemente hinaus zu Tage gehende Theil des Zwischengewebes, welches
-überall zwischen den Elementen vorhanden ist, und welches nur hier in
-seiner Reinheit zur Erscheinung kommt[130]. Es ist also das Verhältniss
-ein continuirliches.
-
- [129] Zeitschrift für Psychiatrie. 1846. Heft 2. 242. Gesammelte
- Abhandlungen 885.
-
- [130] Archiv 1854. VI. 138.
-
-Es erhellt aus dieser Darstellung, dass es ein ganz müssiger Streit war,
-wenn man Jahre lang darüber discutirte, ob die Haut, welche die
-Ventrikel auskleide, eine Fortsetzung der Arachnoides oder der Pia mater
-oder ob sie eine eigene Haut sei. Es ist, streng genommen, gar keine
-Haut vorhanden, sondern es ist die Oberfläche des Organs selbst, welche
-unmittelbar zu Tage geht. Auch an dem Gelenkknorpel müssen wir es als
-einen müssigen Streit bezeichnen, welche Art von Haut den Knorpel
-überzieht, da der Knorpel selbst bis an die Oberfläche des Gelenkes
-herantritt. In gleicher Weise geht auch nichts von der Arachnoides,
-nichts von der Pia mater auf die Oberfläche der Ventrikel: die letzte
-Ausbreitung, welche diese Häute nach innen aussenden, ist die Tela
-(Velum) chorioides mit den Plexus chorioides. Ueber diese hinaus findet
-sich kein seröser Ueberzug mehr, welcher die innere Fläche der
-Hirnhöhlen auskleidet. Aus diesem Grunde kann man die Zustände der
-Hirnhöhlen nicht vollkommen vergleichen mit den Zuständen der
-gewöhnlichen serösen Säcke. Es kann allerdings an der Tela chorioides
-oder den Plexus eine Reihe von Erscheinungen auftreten, welche parallel
-stehen den Störungen anderer seröser Häute, aber nie findet dies ganz in
-derselben Art an der Ventrikeloberfläche des Gehirns selbst statt.
-
-Das interstitielle Gewebe der Centralorgane des Nervensystems bildet
-demnach an der Oberfläche der Hirnhöhlen, und, wie ich sofort hinzufüge,
-auch des Centralkanals des Rückenmarks eine hautartige Schicht, welche
-continuirlich in die Zwischenmasse, den eigentlichen Kitt, welcher die
-Nervenmasse zusammenhält, übergeht. Obwohl zu der grossen Klasse der
-Gewebe der Bindesubstanz gehörig (S. 40), zeigt es doch so wesentliche
-Eigenthümlichkeiten, dass ich mich veranlasst sah, ihm den neuen Namen
-der =Neuroglia= (Nervenkitt) beizulegen[131]. Die Ansicht, dass es sich
-um ein Aequivalent des Bindegewebes handele, ist in der neueren Zeit
-fast von allen Seiten recipirt worden, allein über die Art seiner
-Zusammensetzung und über die Ausdehnung, in welcher man die einzelnen im
-Gehirn und Rückenmark vorkommenden Elemente dieser Substanz zuzurechnen
-hat, sind die Meinungen noch getheilt. Schon als ich meine ersten
-weitergehenden Untersuchungen über diese Theile anstellte, ergab es
-sich, dass gewisse sternförmige Elemente, welche in der Mitte des
-Rückenmarks, im Umfange des nachher genauer constatirten Centralkanals,
-in dem von mir so genannten =centralen Ependymfaden=[132] vorkommen, und
-welche bis dahin als Nervenzellen betrachtet worden waren, unzweifelhaft
-der Neuroglia angehörten. Es ist späterhin, namentlich durch die
-Dorpater Schule unter =Bidder=, eine Reihe von Untersuchungen publicirt
-worden, in denen man die Mehrzahl aller Zellen des Rückenmarks diesem
-Bindegewebe zugerechnet hat. =Bidder= selbst fasste zuletzt alle Zellen,
-welche in der hinteren Hälfte des Rückenmarkes vorkommen, also auch
-wirkliche Ganglienzellen, als Bindegewebskörper auf. Auf der anderen
-Seite leugnete =Jacubowitsch= früher, dass überhaupt im Hirn oder
-Rückenmark irgendwo zellige Theile des Bindegewebes vorkommen; das
-freilich auch von ihm als Bindesubstanz aufgefasste Zwischengewebe
-schilderte er als eine ganz amorphe, fein granulirte oder netzartige
-Masse, welche durchaus nirgend geformte Theile mit sich führe. Zwischen
-diesen Extremen, so glaube ich, ist es empirisch vollkommen
-gerechtfertigt, die Mitte zu halten. Es kann meiner Ueberzeugung nach
-nicht bezweifelt werden, dass die grossen Elemente, welche in den
-hinteren Körnern des Rückenmarks enthalten sind, Nervenzellen sind,
-allein auf der anderen Seite muss ebenso bestimmt behauptet werden,
-dass, wo Neuroglia vorkommt, dieselbe stets eine gewisse Zahl von
-zelligen, ihr gehörigen Elementen enthält. An der Oberfläche der
-Hirnventrikel kommen gewöhnlich der Oberfläche parallel liegende
-Spindelzellen vor, ähnlich, wie man sie in anderen Bindegewebsarten
-findet, bald kleinere, bald grössere; macht man schräge Schritte, so
-geben sie sich oft als sternförmige Elemente zu erkennen (Fig. 103).
-
- [131] Gesammelte Abhandl. 890
-
- [132] Archiv VI. 137.
-
-[Illustration: =Fig=. 104. Elemente der Neuroglia aus der weissen
-Substanz der Grosshirnhemisphäre des Menschen. _a_ freie Kerne mit
-Kernkörperchen, _b_ Kerne mit körnigen Resten des bei der Präparation
-zertrümmerten Zellenparenchyms, _c_ vollständige Zellen. Vergr. 300.]
-
-Ein ganz ähnlicher Bau, wie wir ihn früher vom Bindegewebe kennen
-gelernt haben, insbesondere ähnliche Elemente mit einer weichen,
-feinfaserigen oder netzförmigen Intercellularsubstanz finden sich auch
-zwischen den Nervenfasern des Hirns und Rückenmarks vor, aber sie sind
-so weich und gebrechlich, dass man meist nur Kerne wahrnimmt, die in
-gewissen Abständen in der Masse zerstreut sind. Wenn man aber genau
-sucht, so kann man selbst an frischen Objecten regelmässig einzelne
-weiche, zellige Körper erkennen, welche einen feinkörnigen Leib und
-grosse, granulirte Kerne mit Kernkörperchen besitzen und als rundliche
-oder linsenförmige, häufig mit feinen Fortsätzen versehene Gebilde in
-einer allerdings nicht sehr beträchtlichen Menge zwischen den
-Nervenelementen liegen. An gewissen Stellen ist es freilich bis jetzt
-unmöglich gewesen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen beiden
-Geweben, so namentlich an der Oberfläche des kleinen Gehirns zwischen
-den Körnern, welche ich vorher (S. 313) schilderte, und welche mit
-grossen Ganglienzellen zusammenhängen, einerseits und den Elementen des
-Bindegewebes andererseits. Namentlich wenn man die Theile aus dem
-Zusammenhange gerissen sieht, so kann man nicht leicht einen Unterschied
-machen; eine bestimmte Deutung ist nur so lange möglich, als man sie in
-ihrer natürlichen Lage übersieht.
-
-Wie in allen Geweben der Bindesubstanz, so liegen auch hier die Elemente
-(Glia-Zellen) in einer Intercellularsubstanz, welche je nach den
-einzelnen Orten in sehr verschiedener Mächtigkeit auftritt. Im
-Allgemeinen ist die gliöse Intercellularsubstanz weich, aber, wie wir
-schon bei der Betrachtung des Ependyms sahen (S. 317), sie bietet sehr
-verschiedene Grade der Festigkeit und der inneren Zusammensetzung dar.
-Obwohl sie frisch fast überall eine mehr gleichmässige, mit feinen
-Pünktchen oder Körnchen versehene, weiche und gebrechliche Masse
-darstellt, die deshalb von Einigen geradezu als eine Art von Protoplasma
-angesprochen wird, so zeigt sie doch auch ohne besondere
-Vorbereitung an manchen Stellen eine faserige, mehr oder weniger der
-Intercellularsubstanz des Bindegewebes analoge Beschaffenheit. Erhärtet
-man sie vorsichtig durch chemische Mittel, so tritt überall eine
-feinfaserige Einrichtung hervor. Diese Fäserchen sind von äusserster
-Zartheit, so dass es in der grauen Substanz noch nicht gelungen ist, sie
-überall von den reiserförmigen Fortsätzen der Ganglienzellen (S. 307) zu
-unterscheiden, ja dass Einzelne sogar einen Zusammenhang zwischen beiden
-angenommen haben. Diese Schwierigkeit ist namentlich dadurch bedingt,
-dass die gliösen Fäserchen an zahlreichen Stellen ein feines Netzwerk
-bilden, welches sich den Hirnzellen so eng anschliesst, dass man Mühe
-hat, die Ausläufer dieser Zellen, welche gleichfalls fibrillär sind, von
-den intercellularen Fibrillen zu trennen. Verhältnissmässig am nächsten
-unter den Geweben der Bindesubstanz steht das Schleimgewebe.
-
-Gewiss ist es von erheblicher Wichtigkeit zu wissen, dass in allen
-nervösen Theilen, sowohl den centralen, als den peripherischen, ausser
-den eigentlichen Nervenelementen noch ein zweites Gewebe vorhanden ist,
-welches sich anschliesst an die grosse Gruppe von Bildungen, welche den
-ganzen Körper durchziehen, und welche wir in den früheren Capiteln als
-Gewebe der Bindesubstanz kennen gelernt haben. Spricht man von
-pathologischen oder physiologischen Zuständen des Hirns oder
-Rückenmarks, so handelt es sich zunächst immer darum, zu erkennen, in
-wieweit dasjenige Gewebe, welches getroffen ist, welches leidet oder
-erregt ist, nervöser (parenchymatöser, specifischer) oder gliöser
-(interstitieller) Art ist. Für die Deutung krankhafter Processe
-gewinnen wir so von vornherein die wichtige Scheidung der Affectionen
-der Nerven, des Hirns und Rückenmarks in interstitielle und
-parenchymatöse [nervöse][133], und die Erfahrung lehrt, dass gerade das
-interstitielle Gewebe einer der häufigsten Sitze krankhafter
-Veränderung, z. B. fettiger Degeneration, Induration, Proliferation ist.
-Es versteht sich von selbst, dass die Erkrankungen dieses
-interstitiellen Gewebes ganz denen anderer Bindegewebsmassen gleichen,
-dass also auch Gehirn, Rückenmark und Nerven dieselben Arten von
-Veränderung erfahren können, die an der Haut, der Cornea, dem
-interstitiellen Gewebe der Leber oder Nieren vorkommen.
-
- [133] Entwickelung des Schädelgrundes 96, 100.
-
-Innerhalb der Neuroglia verlaufen die Gefässe, welche daher von der
-Nervenmasse fast überall ausser ihrer Adventitia (Lymphscheide) noch
-durch ein leichtes Zwischenlager getrennt sind und nicht in
-unmittelbarem Contact mit derselben sich befinden. Die Neuroglia
-erstreckt sich in der besonders weichen Form, welche sie an den
-Central-Organen, besonders am Gehirne hat, nur noch auf diejenigen
-Theile, welche als direkte Verlängerungen der Hirnsubstanz betrachtet
-werden müssen, nehmlich auf einige höhere Sinnesnerven. Der Olfactorius
-und Acusticus zeigen noch dieselbe Beschaffenheit der Zwischenmasse,
-während in den übrigen Theilen, selbst schon im Opticus, eine zunehmende
-Masse eines derberen Gewebes auftritt, welches den Charakter des
-Perineuriums annimmt.
-
-Perineurium und Neuroglia sind also äquivalente Theile, nur dass die
-letztere eine weiche, markige, gebrechliche, fast schleimige
-Beschaffenheit hat, während das erstere sich den fibrösen Theilen
-anschliesst. Das Neurilem aber verhält sich zum Perineurium, wie die
-Hirn- und Rückenmarkshäute zu der Neuroglia.
-
-Ueberall, wo Neuroglia vorhanden ist, zeigt sich noch eine ganz
-besondere Eigenthümlichkeit, welche sich bis jetzt weder chemisch noch
-physikalisch deuten lässt; überall da können nehmlich jene
-eigenthümlichen Körper vorkommen, welche schon durch ihren Bau an die
-Körner der Pflanzenstärke erinnern und deshalb von ihrem Entdecker,
-=Purkinje=, den Namen der =Corpora amylacea= (Fig. 103, _a_) erhielten.
-Durch ihre chemische Reaction stellen sie sich den pflanzlichen
-vollständig an die Seite. Am meisten ausgedehnt und am mächtigsten
-liegen sie im Ependyma der Hirnventrikel und des Spinalkanals, und zwar
-um so reichlicher, je grösser die Dicke der Ependymaschicht ist. Man
-findet sie gewöhnlich an manchen Stellen nur vereinzelt, an anderen
-dagegen nimmt ihre Zahl so sehr zu, dass die ganze Dicke des Ependyms
-davon in einer solchen Weise eingenommen ist, dass es aussieht, als wenn
-man ein Pflaster vor sich hätte. Die Corpora amylacea treten aber
-merkwürdiger Weise auch unter pathologischen Verhältnissen häufig in
-grösser Menge auf, wenn durch eine krankhafte Störung die Masse der
-Neuroglia im Verhältnisse zur Nervensubstanz zunimmt, z. B.
-nach Processen der Atrophie (S. 278). Bei der Tabes dorsualis, wie man
-früher sagte, der gelatinösen oder grauen Atrophie einzelner
-Rückenmarksstränge, wie ich den Zustand genannt habe[134], findet man in
-dem Maasse, als die Atrophie fortschreitet, als die Nerven untergehen,
-in gewissen Richtungen, z. B. in den hinteren Strängen, meist zunächst
-an der hinteren Spalte keilförmige Züge, in welchen die bis dahin weisse
-Substanz von aussen her grau und durchscheinend wird. Es sieht dann aus,
-als entstände neue graue Substanz. Diese Umwandlung kann fortschreiten
-und geht gewöhnlich in der Weise fort, dass der Keil immer höher und
-höher steigt und zugleich an Breite zunimmt. In seinen Grenzen schwindet
-nun allmählich die ganze markhaltige Substanz; man findet keine
-deutlichen Nerven an diesen Stellen mehr; dagegen durchsetzt sich die
-Neuroglia sehr häufig mit einer massenhaften Anhäufung von Corpora
-amylacea.
-
- [134] Archiv VIII. 143, 540. X. 102. XLVIII. 520.
-
-[Illustration: =Fig=. 105. Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller
-(lobulärer) grauer oder gelatinöser Atrophie (Degeneration). _f_ Fissura
-longitudinalis posterior, _s_, _s_ hintere, _m_, _m_ vordere Nervenwurzeln,
-in Verbindung mit der grauen Substanz der Hörner. In _A_ geringere, in
-_B_ ausgedehnte Atrophie, die sich in den Hintersträngen um die
-Mittelspalte _f_, und bei _l_ in den Seitensträngen zeigt. Natürliche
-Grösse.]
-
-Trotz dieser Massenhaftigkeit ist es für die Betrachtung mit dem blossen
-Auge ganz unmöglich, irgend etwas von der Anwesenheit der Corpora
-amylacea wahrzunehmen. Man sieht weder die einzelnen Körper, welche
-niemals zu einer makroskopischen Grösse anwachsen, noch ihre Haufen.
-Denn die Körper sind so wenig lichtbrechend, dass ihre Anwesenheit sich
-durch keine gröbere Eigenschaft oder Wirkung bemerkbar macht. Sie lassen
-sich daher nur durch das Mikroskop diagnosticiren.
-
-Nirgends im Körper hat man bis jetzt ein vollständiges Analogon dieser
-Art von Bildungen gefunden. Nur in denjenigen Theilen, welche bei der
-embryonalen Entwickelung als direkte Ausstülpungen aus der Hirnsubstanz
-hervorgehen, nehmlich in den höheren Sinnesorganen, wo ursprünglich eine
-gewisse Quantität von Centralnervenmasse in Sinneskapseln eintrat,
-namentlich in dem Acusticus, Olfactorius, Opticus, in der Cochlea und
-Retina kommen zuweilen Corpora amylacea vor, doch ist bis jetzt die
-chemische Reaction an denen der Retina nicht gelungen. Auch bei Thieren
-fehlt es bis jetzt fast ganz an analogen Beobachtungen, und erst in der
-letzten Zeit hat =Bütschli= bei der Gregarine, einer entozoischen
-Monere, ähnliche Körper aufgefunden. Sehr bemerkenswerth ist der
-Umstand, dass auch der Neugeborne noch nirgends Corpora amylacea
-besitzt, ja dass sie selbst bei der so häufigen congenitalen grauen
-Atrophie der Rückenmarksstränge fehlen. Ihre Entwickelung beginnt erst
-in einer späteren Zeit des Lebens, und man wird daher um so eher
-geneigt, sie für ein pathologisches Produkt zu halten, als ihre Zahl und
-selbst ihr zeitliches Erscheinen sehr wesentlich durch das Auftreten
-pathologischer Prozesse bestimmt wird. Nichtsdestoweniger sind sie bei
-Erwachsenen so constant, dass man sie als einen typischen Bestandtheil
-der Neuroglia betrachten muss.
-
-Isolirt man solche Körper, so zeigen sie in jeder Beziehung eine so
-vollständige Analogie mit pflanzlicher Stärke, dass schon lange, bevor
-es mir gelang[135], die Analogie der chemischen Reaction zu finden,
-wegen der morphologischen Aehnlichkeit die Bezeichnung der Corpora
-amylacea eingeführt war. Freilich hat man von manchen Seiten die
-chemische Uebereinstimmung der thierischen und pflanzlichen
-Amyloidkörper bezweifelt; namentlich hatte =Heinrich Meckel= grosse
-Bedenken dagegen, indem er vielmehr eine Beziehung der ersteren zu
-Cholestearin annahm. In der neueren Zeit ist aber selbst von Botanikern
-vom Fach die Sache untersucht worden, und jeder, der sich genauer damit
-beschäftigte, hat bis jetzt dieselbe Ueberzeugung gewonnen, welche ich
-aussprach. =Nägeli= erklärt die Körper des Gehirns für ganz veritable
-Stärke.
-
- [135] Archiv VI. 135, 416. VIII. 142.
-
-Morphologisch erscheinen sie entweder als ganz runde, regelmässig
-geschichtete Körper, oder das Centrum sitzt etwas seitlich, oder es sind
-Zwillingskörper; meist sehen sie mehr homogen, blass, mattglänzend, wie
-fettartig aus. Behandelt man sie mit Jod, so färben sie sich
-blassbläulich oder graublau, wobei freilich die richtige Concentration
-des Reagens sehr viel ausmacht. Setzt man hinterher Schwefelsäure zu, so
-bekommt man bei regelrechter Einwirkung, am besten bei sehr langsamer
-Einwirkung des Reagens ein schönes Blau. Wirkt Schwefelsäure stark ein,
-so erhält man eine violette, schnell braunroth oder schwärzlich werdende
-Färbung, welche von der Färbung der Nachbartheile sich auf das
-Entschiedenste absetzt, denn diese werden gelb oder höchstens gelbbraun.
-
-Mit den Corpora amylacea darf eine in ihrer Nachbarschaft häufig
-vorkommende und in morphologischer Beziehung ihnen sehr nahe stehende
-Art von Bildungen nicht verwechselt werden, nehmlich die Körner des
-=Gehirnsandes=. Am längsten kennt man dieselben aus der Basis der Zirbel
-(Conarium, Glandula pinealis), wo sie in einem grösseren Häufchen, dem
-von den Gebrüdern =Wenzel= sogenannten Acervulus zu liegen pflegen.
-Jedoch sind sie manchmal durch einen grossen Theil der Substanz der
-Zirbel zerstreut. Nächstdem fand man sie in den Plexus choroides,
-namentlich in dem sogenannten Glomus, wo sie pathologisch zuweilen
-gleichfalls grosse Haufen bilden. Ich habe indess gezeigt, dass sie auch
-an zahlreichen anderen Stellen der Hirnhäute, und zwar sowohl der Pia,
-als der Dura mater, unter pathologischen Verhältnissen in Lymphdrüsen
-und an serösen Häuten vorkommen[136]. Jedenfalls finden sie sich
-physiologisch niemals im Innern der nervösen Theile; ihr Vorkommen ist
-streng gebunden an die Häute. Diese =Sandkörper= (Corpora arenacea)
-bestehen, wie die Corpora amylacea, aus concentrischen Schichten, aber
-sie werden sehr schnell der Sitz einer Kalkablagerung, welche sie
-allmählich ganz und gar durchdringt. Löst man die Kalksalze durch
-Säuren, so bleibt ein streifiges Gerüst einer lamellären organischen
-Substanz, welche niemals Jod- oder Jod-Schwefelsäure-Reaction gibt. Auch
-ihre beträchtliche Grösse, welche schnell makroskopisch wird, gestattet
-leicht ihre Unterscheidung von den Corpora amylacea. Dagegen kommen sie
-darin mit den letzteren überein, dass sie beim Neugebornen noch nicht
-vorhanden sind, sondern sich erst im Laufe des extrauterinen Lebens
-entwickeln.
-
- [136] Würzburger Verhandl. I. 144. II. 53. VII. 228. Geschwülste II.
- 107.
-
-
-
-
- Fünfzehntes Capitel.
-
- Leben der Elemente. Thätigkeit und Reizbarkeit.
-
-
- Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen. Einwände
- dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren. Animismus:
- Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit der
- einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action. Die
- Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des Lebens.
- Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit der
- Intercellularsubstanz.
-
- Verrichtung, Ernährung und Bildung als allgemeine Formen der
- Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der Reizbarkeit je nach diesen
- Formen.
-
- Functionelle Reizbarkeit. Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen.
- Ermüdung und functionelle Restitution. Reizmittel. Specifische
- Beziehung derselben. Muskelirritabilität. Geringer praktischer
- Werth derselben.
-
- Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung
- derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität. Innervation.
- Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft (Nervenseele,
- Neurilität). Specifische Unterschiede der constituirenden Theile
- des Nervensystems. Die Leitung der Electricität als Zubehör der
- Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung, Verstärkung) und Lenkung als
- Zubehör der Ganglienzellen. Moderations-Einrichtungen. Instinctives
- und intellectuelles Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer
- histologischen Localisation der nervösen Functionen. Erregung der
- Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination
- (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen.
- Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die pathologische
- Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf, Lähmung) und
- combinatorische Abweichung (Epilepsie).
-
- Drüsen-Irritabililät. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach dem
- Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen: Leber,
- Nieren. Glykogenie.
-
- Automatische Elemente. Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma.
- Amöboide Erscheinungen. Bewegliche Zellen. Verwechselungen des
- Automatismus mit den Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung
- und Schwellung). Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und
- Einziehen von Fortsätzen (Polymorphismus); innere
- Molecularbewegung, Vacuolenbildung, Abschnürung von Theilen des
- Zellkörpers. Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen.
- Wanderung und Mobilisirung der Zellen. Voracität:
- Blutkörperchenhaltige Zellen. Mechanisches Eindringen von fremden
- Körpern in Zellen. Der Automatismus als Merkmal der Irritabilität.
-
- Die pathologischen Abweichungen der Function: Mangel (Defect),
- Schwächung und Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme
- qualitativer Heterologie.
-
-Wenn man, wie es in den vorhergehenden Capiteln versucht worden ist, die
-gesammte histologische Einrichtung des Körpers überblickt, so scheint es
-mir, man müsse mit Nothwendigkeit zu demjenigen Schlusse geführt werden,
-der, meiner Ansicht nach, als Ausgangspunkt für alle weiteren
-Betrachtungen zu dienen hat, welche über Leben und Lebensthätigkeit
-angestellt werden, zu dem Schlusse nehmlich, dass jeder Theil des
-Körpers eine Mehrheit von kleinen wirkungsfähigen Centren oder Elementen
-darstellt, und dass nirgends, soweit unsere Erfahrung reicht, ein
-einfacher anatomischer Mittelpunkt existirt, von dem aus die
-Thätigkeiten des Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet
-werden[137]. Schon nach den Erfahrungen des täglichen Lebens, die einem
-Jeden fast von selbst zufliessen, ist dies die einzige Deutung, welche
-zugleich ein Leben der einzelnen Theile und ein Leben der Pflanze
-anzunehmen gestattet. Sie allein setzt uns in den Stand, eine
-Vergleichung anzustellen sowohl zwischen dem Gesammtleben des
-entwickelten Thieres und dem Einzelleben seiner kleinsten Theile, als
-auch zwischen dem Ganzen des Pflanzenlebens und dem Leben der
-einzelnen Pflanzentheile. Sie macht es endlich möglich, die
-Entwickelungsgeschichte des Eies und des Fötus auf dieselben
-Grundgesetze zurückzuführen, welche für das spätere Leben und die
-krankhafte Störung Gültigkeit haben. =Und das ist das Hauptkriterium,
-nach welchem wir den Werth einer biologischen Theorie beurtheilen
-müssen=.
-
- [137] Archiv IV. 376. VIII. 15. IX. 34. Gesammelte Abhandl. 50.
-
-Die entgegenstehende Auffassung, welche noch vor Kurzem mit einer
-gewissen Energie heraustrat, diejenige, welche im Nervensystem den
-eigentlichen Mittelpunkt des Lebens sieht, hat die überaus grosse
-Schwierigkeit vor sich, dass sie in demselben Apparate, in welchen sie
-die Einheit verlegt, die gleiche Zerspaltung in unzählige, einzelne
-Centren wiederfindet, welche der übrige Körper darbietet, und dass sie
-an keinem Punkte des Nervensystems den wirklichen Mittelpunkt
-aufzuweisen vermag, von welchem, als von einem bestimmenden, alle Theile
-derselben beherrscht würden.
-
-Man hat gut reden, dass das Nervensystem die Einheit des Körpers
-bewirke, insofern allerdings kein anderes System vorhanden ist, welches
-sich einer so vollkommenen Verbreitung durch die verschiedensten
-peripherischen und inneren Organe erfreut. Allein selbst diese weite
-Verbreitung, selbst die vielfachen Verbindungen, die zwischen den
-einzelnen Theilen des Nervenapparates bestehen, sind keinesweges
-geeignet, um ihn als einfaches Centrum aller organischen Thätigkeiten
-erscheinen zu lassen. Wir haben im Nervenapparate bestimmte kleine,
-zellige Elemente gefunden, welche als Mittelpunkte der Bewegung dienen,
-aber wir finden nicht Eine einzelne Ganglienzelle, von welcher alle
-Bewegung in letzter Instanz ausginge; die verschiedensten einzelnen
-motorischen Apparate stehen auch mit den verschiedensten einzelnen
-motorischen Ganglienzellen in Beziehung. Allerdings sammeln sich die
-Empfindungen an bestimmten Ganglienzellen, allein auch hier finden wir
-keine einzelne Zelle, welche etwa als Centrum aller Empfindung
-bezeichnet werden könnte, sondern wieder sehr viele kleinste Centren.
-
-Die Neuristen (ich wähle diese Bezeichnung der Kürze wegen für die
-Anhänger der, am meisten in gewissen neuropathologischen Werken
-niedergelegten Ansicht von der dominirenden Bedeutung des Nervensystems)
-haben sich ihre Sache dadurch leicht gemacht, dass sie nachzuweisen
-versuchten, wie alle Lebensthätigkeit vom Nervensystem aus angeregt,
-alle einzelnen Lebensverrichtungen durch Nerveneinfluss (=Innervation=)
-hervorgerufen würden. Dass von diesem Standpunkte aus die Geschichte der
-Eizelle und aller ihrer Tochterelemente bis zu dem Zeitpunkte hin, wo
-Nerven existiren, einfach bei Seite geschoben werden muss, liegt auf der
-Hand. Dass auch im entwickelten Individuum die Lebensvorgänge aller
-derjenigen Theile, in denen wir bis jetzt noch keine Nerven kennen, --
-ich erwähne nur die Knorpel, die Linse, den Glaskörper, -- als nicht
-vorhanden betrachtet werden müssen, bedarf keines Beweises. Aber wenn
-man auch annehmen wollte, wozu die ungeahnten Entdeckungen der letzten
-Jahre im Gebiete der feinsten Anatomie der Nerven einen scheinbaren
-Grund darbieten, dass es bei weiterer Forschung gelingen werde, in allen
-Theilen des ausgewachsenen Körpers Nerven aufzufinden, so sind wir doch
-noch fern davon, beweisen zu können, dass jeder einzelne Theil von
-diesen Nerven beeinflusst wird. Die blosse Existenz eines Nerven beweist
-doch noch nicht, dass er eine Einwirkung auf seine Nachbarschaft
-ausübt. Die Enden des Geruchsnerven treten, wie wir sahen (S. 289), bis
-zwischen die Epithelzellen der Regio olfactoria, aber sie »riechen«
-eben, und es wäre kühn, wenn man sofort annehmen wollte, dass sie
-ausserdem das benachbarte Epithel innerviren.
-
-Wir können aber noch mehr zugestehen. Selbst wenn dargethan würde, dass
-jeder einzelne, noch so kleine Theil des Körpers innervirt wird, so
-folgt daraus noch keineswegs, dass in dieser Innervation das ganze Leben
-der Theile enthalten ist. Die Blutkörperchen sind gewiss ohne irgend
-eine direkte Verbindung mit Nervenfasern, sowohl die rothen, als die
-farblosen; nichtsdestoweniger kann man sich vorstellen, dass von den
-Nerven aus auf sie eine Einwirkung, etwa eine elektrische, ausgeübt
-werde. Allein hören die Blutkörperchen auf zu leben, wenn wir sie diesen
-Einwirkungen entziehen? Respiriren nicht die rothen Blutkörperchen auch
-ausserhalb des Körpers? Fahren die farblosen nicht unter dem Mikroskope
-fort sich zu bewegen? =Der Gedankengang der Neuristen ist ein
-vollständig mythologischer=. Wie sie heute die Gewebe des Körpers im
-Verhältnisse zu dem Nervensystem betrachten, so betrachteten die
-Naturvölker die lebenden Individuen im Verhältnisse zu der Sonne, und
-gewiss mit eben so viel Recht. Wärme und Licht sind die »belebenden«
-Faktoren der Welt. Leben ist ohne Licht und Wärme unmöglich. Das Calidum
-innatum der altgriechischen Philosophen führte ganz consequent zu der
-Sonne hin. Sollen wir nun aber dabei stehen bleiben, dass jede unserer
-Lebensverrichtungen von der Sonne abhängig sei? Dass, weil die Sonne
-eine nothwendige Vorbedingung alles Lebens ist, auch das ganze Leben
-nichts als Sonnenwirkung sei? Ein solcher Sonnendienst wäre jedenfalls
-dem Nervendienste noch vorzuziehen, denn wir gewinnen hier wenigstens
-eine andere Einheit, als in dem Nerven=system=.
-
-Denn das Nervensystem ist eben ein System, d. h. ein aus vielen
-wirkenden Theilen zusammengesetztes Ganzes. Wenn wir zunächst aus ihm
-das Rückenmark als den für die gewöhnlichen Lebensvorgänge des
-Wirbelthierkörpers am meisten bestimmenden Theil auslösen, so wird
-niemand leugnen können, dass wir hier eine Art von Mittelpunkt (genauer
-Mittelglied) finden, zu dem zahllose Ströme hingehen und von dem eben so
-zahllose Ströme ausgehen. Aber sicherlich ist dieser Mittelpunkt kein
-einheitlicher im philosophischen Sinne, und unsere Neuristen übersehen
-nur zu leicht, dass selbst materiell hier jene Einheit nicht zu finden
-ist, welche sie suchen. Man kann das Rückenmark in eine gewisse Zahl von
-Abschnitten zerlegen, von denen jeder einzelne gewisse peripherische
-Theile innervirt und auch noch nach der Zerlegung zu innerviren
-fortfährt. Aber mit jedem Schnitte durch das Rückenmark schaffen wir uns
-ein getrenntes »System«, eine immer grössere Zahl gesonderter
-»Mittelpunkte«.
-
-Mit dem Gehirn ist es nicht anders. Die Anatomie »zerlegt« es in eine
-grosse Zahl besonderer Provinzen mit specifischer Thätigkeit, von denen
-jede ihr eigenes Leben lebt, und in diesen Provinzen kommen wir endlich
-auf jene Milliarde kleinster Heerde oder Elemente, welche wir vor Kurzem
-zum Gegenstande unserer Betrachtung gemacht haben. Nirgends in der
-körperlichen Einrichtung ist hier eine wirkliche Einheit, und selbst der
-Lebensknoten (noeud vital) von =Flourens= hilft uns nicht über die
-materielle Schwierigkeit hinweg. Denn er beweist nur, dass gewisse, für
-das Collectivleben des Körpers unentbehrliche Functionen, namentlich die
-Thätigkeit des Vagus, auf eine gewisse =Gruppe= von Ganglienzellen
-zurückgeführt werden kann.
-
-Der Neurismus führt daher zu dem ersehnten Ziele nicht. Man muss alsdann
-über das Körperliche hinaus gehen und mit dem alten =Georg Ernst Stahl=
-in den Hafen des =Animismus= einlaufen. Nur die immaterielle Seele
-bietet die Möglichkeit einer wirklichen Einheit. Aber diese Wirklichkeit
-ist nur eine gedachte. Sie ist nicht mehr Gegenstand der
-naturwissenschaftlichen Beobachtung, der Messung, des Experiments. Auch
-genügt die Eine Seele nicht zur Erklärung des Lebens der einzelnen
-Theile. Man muss dann noch einen Schritt weiter rückwärts machen und mit
-=Paracelsus= und =van Helmont= jedem einzelnen Theile seine besondere
-Seele, seinen =Archaeus= sichern. Wie man von der Gehirnseele zu der
-Rückenmarksseele gelangt ist, so kommt man bei der heutigen Kenntniss
-der Dinge nothwendig zu einer oder eigentlich zu zahllosen
-=Zellenseelen=. Die Eizelle nimmt diese Seele von der Mutter mit und
-überträgt sie auf die unendliche Brut von neuen Zellen, welche sie
-ihrerseits hervorbringt, bis dieselbe sich in den Ganglienzellen des
-neuen Gehirns wieder zu einer Gehirnseele entfaltet.
-
-Man bewegt sich hier in einem Kreise. Wie man es auch anfängt, um zur
-Einheit zu gelangen, immer langt man wieder bei der Vielheit an. Sind
-das Lebensprincip und die Seele identisch, so ist auch die Seele in
-jedem einzelnen Theile. Die Erfahrungen des Nervenlebens gestatten es am
-allerwenigsten, das Lebensprincip auf eine einzelne Stelle zu
-localisiren. Alle Thätigkeiten, welche vom Nervensystem ausgehen, und
-gewiss sind es sehr viele, lassen uns nirgends anders eine Einheit
-erkennen, als in unserem eigenen Bewusstsein[138]; eine anatomische oder
-physiologische Einheit ist wenigstens bis jetzt nirgends nachweisbar.
-Und, wie gesagt, könnte man wirklich in dem Nervensystem mit seinen
-zahlreichen einzelnen Centren den Mittelpunkt aller organischen
-Thätigkeit nachweisen, so würde man damit nicht gewonnen haben, was man
-sucht, die einfache Einheit. Macht man sich die Gründe klar, die uns zu
-dem Aufsuchen einer solchen Einheit veranlassen, so kann es nicht
-zweifelhaft sein, dass wir durch die geistigen Phänomene unseres Ichs
-immerfort irre geführt werden in der Deutung der organischen Vorgänge.
-Da wir uns selbst als etwas Einfaches und Einheitliches fühlen, so
-folgern wir, dass von diesem selben Einheitlichen alles Andere bestimmt
-werden müsse.
-
- [138] Gesammelte Abhandl. 14, 16. Archiv VII. 18.
-
-Man verfolge aber doch einmal die Entwickelung einer bestimmten Pflanze
-von ihrem ersten Keime bis zu ihrer höchsten Entfaltung; hier trifft man
-eine ganz analoge Reihe von organischen Vorgängen, wie bei der
-Entwickelung eines Thieres, ohne dass man auch nur vermuthen könnte, es
-bestände eine solche Einheit, wie wir sie unserem Bewusstsein nach in
-uns voraussetzen. Niemand ist im Stande gewesen, ein Nervensystem bei
-den Pflanzen zu zeigen; nirgend hat man gefunden, dass von einem
-einzigen Punkte aus die ganze entwickelte Pflanze beherrscht werde. Alle
-heutige Pflanzenphysiologie beruht auf der Erforschung der
-Zellenthätigkeit, und wenn man sich immer noch sträubt, dasselbe Princip
-auch in die thierische Oekonomie einzuführen, so ist, wie ich glaube,
-gar keine andere Schwierigkeit da, als die, dass man die ästhetischen
-und moralischen Bedenken nicht zu überwinden vermag.
-
-Es kann natürlich an diesem Orte unsere Sache nicht sein, diese Bedenken
-zu widerlegen oder zu zeigen, wie sie sich vermitteln liessen; ich
-hatte nur zu zeigen, wie sowohl die Physiologie, als die Pathologie, die
-uns zunächst interessirt, überall auf dasselbe cellulare Princip
-zurückführt, und wie dieses Princip überall den einheitlichen
-Auffassungen widerstreitet, welche man vom neuristischen Standpunkte aus
-behauptet. Es ist dies im Grunde kein neuer und ungewöhnlicher Gedanke.
-Wenn man seit Jahrtausenden von einem Leben der einzelnen Theile
-spricht, wenn man den Satz zulässt, dass unter krankhaften Verhältnissen
-ein Absterben einzelner Theile, eine Nekrose, ein Brand eintreten kann,
-während das Ganze noch fortexistirt, so geht daraus hervor, dass etwas
-von unserer Art zu denken in der allgemeinen Auffassung längst gegeben
-war. Nur ist man sich darüber nicht vollkommen klar geworden. Spricht
-man von einem Leben und Sterben der einzelnen Theile, so muss man auch
-wissen, worin das Leben und Sterben sich äussert, wodurch sie wesentlich
-charakterisirt sind.
-
-Das Charakteristicum des Lebens finden wir in der =Thätigkeit=, und zwar
-einer Thätigkeit, zu der jeder einzelne Theil je nach seiner
-Eigenthümlichkeit etwas Besonderes beiträgt, innerhalb deren er aber
-auch immer etwas besitzen muss, welches mit dem Leben der übrigen Theile
-übereinstimmt. Wäre dies nicht der Fall, so würden wir keine
-Berechtigung haben, das Leben als etwas Gleichartiges, als eine
-gemeinsame Eigenschaft alles Organischen zu betrachten.
-
-Diese Thätigkeit (Action) des Lebens geht, so viel wir wenigstens
-beurtheilen können, nirgends, an keinem einzigen Theile durch eine ihm
-etwa von Anfang an zukommende und ganz in ihm abgeschlossene Ursache vor
-sich, sondern überall sehen wir, dass eine gewisse =Erregung= dazu
-nothwendig ist. Jede Lebensthätigkeit setzt eine Erregung, wenn man
-will, eine =Reizung= voraus. Diese besteht in einer =passiven=
-Veränderung (passio, pathos), welche das lebende Element durch eine
-äussere Einwirkung erfährt, welche aber nicht so gross ist, dass die
-wesentliche Einrichtung des Elementes dadurch gestört wird. Auf diese
-passive Veränderung (Irritamentum) folgt ein =activer Vorgang=, eine
-=positive Leistung= des Elementes selbst, von der wir annehmen, dass sie
-aus den lebendigen Eigenschaften des Elementes als ein selbständiges
-Ereigniss folge. Daher erscheint uns die =Erregbarkeit= der einzelnen
-Theile als das Kriterium, wonach wir beurtheilen, ob der Theil lebe oder
-nicht lebe[139].
-
- [139] Archiv IV. 285. VIII. 37. IX. 51. XIV. 1.
-
-Ein abgestorbener Theil zeigt allerdings auch anatomisch häufig grosse
-Veränderungen. Ich habe in dieser Beziehung zwei grössere Gruppen
-unterschieden. In der einen Gruppe, welche die =Nekrobiose=[140]
-umfasst, gehen dem Absterben schon gewisse Veränderungen der organischen
-Einrichtung voraus, welche zu einer Zerstörung, häufig zu einer
-wirklichen Zertrümmerung (=Detritus=) der Elemente führen. Am Schlusse
-des Processes findet sich der organische Theil gar nicht mehr vor: es
-ist ein Defect vorhanden. In der anderen Gruppe, welche die eigentliche
-=Nekrose= liefert, stirbt der Theil ab, ohne dass seine äussere
-Erscheinung eingreifende Veränderungen erfährt; relative Integrität der
-Form ist das unterscheidende Merkmal. Freilich kann der nekrotische
-Theil nachher wesentliche Veränderungen erfahren, aber dieses sind
-=cadaveröse= Veränderungen, und ihr Eintritt kann sich verhältnissmässig
-sehr lange verzögern. An Hartgebilden, namentlich Knochen, ist dies
-hinreichend bekannt; dasselbe gilt aber auch für Weichgebilde und selbst
-für ganz zarte, mindestens für die erste Zeit nach ihrem Absterben. Ob
-ein Nerv lebe oder todt sei, das können wir unmittelbar, durch seine
-anatomische Betrachtung, keineswegs mit Sicherheit erkennen, wir mögen
-ihn nun mikroskopisch oder makroskopisch untersuchen. In der äusseren
-Erscheinung, in den gröberen Einrichtungen, die wir mit unseren
-Hülfsmitteln entziffern können, ist, wenn wir frisch abgestorbene Nerven
-in Betracht ziehen, keine Möglichkeit gegeben, eine solche
-Unterscheidung zu machen. Ob ein Muskel lebt oder abgestorben ist,
-können wir anatomisch kaum beurtheilen, da wir die Muskelstructur noch
-erhalten finden an Theilen, welche schon seit Jahren abgestorben sind.
-Ich habe in einem Kinde, welches bei einer Extrauterinschwangerschaft 30
-Jahre im Leibe seiner Mutter gelegen hatte, die Structur der Muskeln so
-intact gefunden, wie wenn das Kind eben erst ausgetragen gewesen
-wäre[141]. =Czermak= hat Theile von Mumien untersucht und an ihnen eine
-Reihe von Geweben gefunden, welche so vollständig erhalten waren, dass
-man sehr wohl hätte auf den Schluss kommen können, diese Theile wären
-aus einem lebenden Körper hergenommen. Der Begriff des Todten, des
-Abgestorbenen, Nekrotischen beruht ja eben darauf, dass wir bei und
-trotz der Erhaltung der Form nicht mehr die Erregbarkeit finden[142]. Am
-deutlichsten hat sich diese Erfahrung gerade in der neueren Zeit bei den
-Untersuchungen über die feineren Eigenschaften der Nerven gezeigt. Erst
-nachdem man auch am sogenannten ruhenden Nerven durch die Untersuchungen
-du =Bois-Reymond='s eine Thätigkeit kennen gelernt, nachdem man
-eingesehen hat, dass auch in dem ruhenden Nerven fortwährend elektrische
-Vorgänge stattfinden, dass er fortwährend eine Wirkung auf die
-Magnetnadel ausübt, kann man mit Sicherheit durch das physikalische
-Experiment beurtheilen, wann der Nerv todt ist. Denn sowie der Tod
-eingetreten ist, hören jene Eigenschaften auf, welche untrennbar mit dem
-Leben des Nerven verbunden sind.
-
- [140] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 273, 279, 306.
-
- [141] Würzb. Verhandl. I. 104. Gesammelte Abhandl. 791.
-
- [142] Spec. Pathologie und Therapie. I. 279
-
-Diese Eigenschaft der Erregbarkeit, welche wir an einzelnen Theilen in
-einer so ausgesprochenen und so evident nachweisbaren Weise finden,
-tritt immer mehr zurück, je niedriger organisirt der Theil ist, und am
-wenigsten sicher sind unsere Kriterien an den Geweben, welche die
-Bindegewebsformation umfasst. Hier sind wir in der That häufig in
-grosser Verlegenheit, zu entscheiden, ob ein Theil lebt oder ob er schon
-abgestorben ist. Es erklärt sich diese Schwierigkeit aus dem Umstande,
-dass diese Gewebe in der Regel ihrer Hauptmasse nach aus
-Intercellularsubstanz bestehen, und dass, wenn wir sie auf
-ihre Erregbarkeit prüfen wollen, nur die verhältnissmässig
-kleinen und spärlichen Zellen in Betracht kommen. =Nirgends ist
-Intercellularsubstanz erregbar=. Es ist dies eine überaus wichtige
-Erfahrung, welche sowohl für die physiologische Deutung der Gewebe, als
-auch für die Lehre =von dem Leben der einzelnen Theile als einer
-ausschliesslich cellularen= Eigenschaft von grösster Bedeutung ist.
-Früher hat man immer mit dem ganzen Gewebe experimentirt; erst in der
-neuesten Zeit hat man angefangen, auch die experimentelle Forschung auf
-die mikroskopischen Elemente zu richten, und es hat sich auch bei den
-Geweben der Bindesubstanz ergeben, dass ihre Zellen, z. B. auf
-elektrische Reizung erregbar sind.
-
-Wenn man nun weiter analysirt, was man unter Erregbarkeit verstehen
-soll, so ergibt sich alsbald, dass damit die Eigenschaft der lebenden
-Theile gemeint ist, vermöge welcher sie auf äussere Einwirkung in
-Thätigkeit gerathen. Es sind aber die verschiedenen Thätigkeiten, welche
-auf irgend eine äussere Einwirkung hervorgerufen werden können,
-wesentlich dreierlei Art[143]; und ich halte es für sehr wichtig, dass
-man diesen Punkt für die Gruppirung physiologischer und pathologischer
-Vorgänge bestimmt ins Auge fasse, um so mehr, als er gewöhnlich nicht
-mit besonderer Deutlichkeit hervorgehoben zu werden pflegt.
-
- [143] Archiv XIV. 13.
-
-Entweder nehmlich handelt es sich bei dem Hervorrufen einer bestimmten
-Thätigkeit um die Verrichtung, oder um die Erhaltung, oder um die
-Bildung eines Theiles: =Function=, =Nutrition=, =Formation=. Darnach
-lassen sich sämmtliche physiologischen und pathologischen
-Elementar-Vorgänge in drei grosse Gruppen zerlegen: functionelle,
-nutritive (trophische) und formative (plastische). Allerdings lässt sich
-nicht leugnen, dass an gewissen Punkten die Grenzen zwischen diesen
-verschiedenen Vorgängen verschwinden, dass insbesondere zwischen den
-nutritiven und den formativen Vorgängen, und ebenso zwischen den
-functionellen und den nutritiven Uebergänge bestehen, allein in dem
-eigentlichen Akt unterscheiden sie sich doch ganz wesentlich, und die
-inneren Veränderungen, welche der einzelne erregte Theil erleidet, je
-nachdem er nur fungirt, oder sich ernährt, oder der Sitz besonderer
-Bildungsvorgänge wird, sind erheblich verschieden[144]. Das Resultat der
-Erregung, oder wenn man will, der Reizung eines lebenden Theiles kann
-also je nach Umständen ein bloss functioneller Vorgang sein, oder es
-kann eine mehr oder weniger starke Ernährung des Theiles eingeleitet
-werden, ohne dass nothwendig die Function gleichzeitig erregt wird, oder
-es kann endlich ein Bildungsvorgang einsetzen, welcher mehr oder weniger
-viele neue Elemente schafft. Diese Verschiedenheiten werden in dem
-Maasse deutlicher, als die einzelnen Gewebe des Körpers mehr geeignet
-sind, dem einen oder dem anderen Erregungszustande zu entsprechen.
-
- [144] Spec. Pathol. und Ther. I. 272. Archiv VIII. 27.
-
-Wenn wir von =Verrichtungen= der Theile sprechen, so reducirt sich bei
-einer guten Zahl von Geweben die wahre Function auf ein Minimum. Wir
-wissen im Ganzen sehr wenig zu sagen von der eigentlichen Function (im
-höheren Sinne des Wortes) bei fast allen Geweben der Bindesubstanz, bei
-der grössten Zahl der Epithelial-Elemente. Wir können wohl sagen, was
-sie für einen Nutzen haben, aber sie erschienen bis vor Kurzem immer
-mehr als relativ träge Massen, welche weniger der eigentlichen Function
-dienen, sondern vielmehr als Stützen für den Körper, als Decken für die
-Oberflächen, unter Umständen verbindend oder vermittelnd oder trennend,
-aber wesentlich =passiv= wirkend. Anders dagegen verhält es sich mit
-denjenigen Theilen, welche durch die Eigenthümlichkeit ihrer inneren
-Einrichtung einer schnelleren Veränderung zugänglich sind: den Nerven,
-den Muskeln und einzelnen anderen Gebilden, z. B. unter den epithelialen
-den Drüsenzellen, dem Flimmer-Epithel. Am frühesten hat
-begreiflicherweise die Erregbarkeit der Nerven die Aufmerksamkeit auf
-sich gezogen, und so ist es gekommen, dass viele Jahre hindurch der
-Begriff der Irritabilität sich ausschliesslich an die Nerven knüpfte,
-ein Umstand, der das Aufkommen des Neurismus in hohem Maasse begünstigt
-hat.
-
-Bei allen Geweben, welche erheblichen Functionen dienstbar sind, finden
-wir die Function hauptsächlich begründet in der feineren Umordnung,
-oder, wenn man es schärfer ausdrückt, in feinen räumlichen Veränderungen
-der inneren Masse, des Zelleninhaltes oder des Protoplasma. Es ist also
-hier der eigentliche Zellkörper in seiner specifischen, inneren
-Ausstattung, welcher entscheidet; es handelt sich dabei wenig um die
-Membran und, wenigstens in den meisten Fällen, wohl wenig um den Kern.
-Das Protoplasma verändert sich unter gewissen Einwirkungen
-verhältnissmässig schnell, ohne dass wir jedoch jedesmal von der
-Umordnung der einzelnen Inhaltspartikeln morphologisch etwas wahrnehmen
-könnten. Höchstens sehen wir als grobes Resultat eine wirkliche
-Locomotion einzelner Theile, aber der Hergang lässt sich nicht so weit
-für das Verständniss auflösen, dass man daraus einfach beurtheilen
-könnte, in welcher Weise diese Locomotion durch die kleinsten
-Partikelchen, welche den Zelleninhalt zusammensetzen, bedingt wird.
-Wenn in einem Nerven eine Erregung stattfindet, so wissen wir jetzt,
-dass damit eine Veränderung seines elektrischen Zustandes verbunden ist,
-eine Veränderung, welche nach Allem, was uns über die Erregung der
-Elektricität in anderen Körpern bekannt ist, mit Nothwendigkeit bezogen
-werden muss auf eine veränderte Stellung, welche die einzelnen Molekeln
-zu einander annehmen. Denken wir uns den Axencylinder aus elektrischen
-Molekeln zusammengesetzt, so können wir uns vorstellen, dass je zwei
-dieser Molekeln in dem Momente der Erregung eine veränderte Stellung zu
-einander einnehmen. Von diesen Stellungen der Molekeln sehen wir jedoch
-nichts, denn Molekeln sind überhaupt nicht sichtbar. Der Axencylinder
-sieht während der Function nicht anders aus, als sonst. Wenn wir einen
-Muskel während der Action betrachten, so bemerken wir allerdings, dass
-die Zwischenräume, welche zwischen den einzelnen sogenannten Scheiben
-liegen (S. 56), kürzer werden, und da wir nun wissen, dass die Substanz
-des Muskels aus einer Reihe von kleinen Fibrillen besteht, welche
-ihrerseits von Strecke zu Strecke, entsprechend diesen Scheiben,
-kleinste Körnchen enthalten, so schliessen wir daraus mit einer gewissen
-Sicherheit, dass wirkliche örtliche Verschiebungen der Körnchen gegen
-einander stattfinden. Aber diese Verschiebungen können nicht mehr
-zurückgeführt werden auf einen sichtbaren oder unmittelbar erkennbaren
-Grund. Wir können keine bestimmte chemische Veränderung, keine
-Umwandlung der Ernährungszustände der Theile wahrnehmen; wir sehen nur
-eine Verrückung, eine Dislocation der Partikeln, von der es freilich
-wahrscheinlich ist, dass sie auf einer geringen chemischen Veränderung
-der Molekeln beruht.
-
-[Illustration: =Fig=. 106. Bildliches Schema des Zustandes der
-Nerven-Molekeln im ruhenden (peripolaren, _A_) und im elektrotonischen
-(dipolaren _B_) Zustande des Nerven. Nach =Ludwig= Physiol. I. 103.]
-
-Bei dem Flimmer-Epithel sitzen feine Cilien an der Oberfläche der
-Zellen; diese bewegen sich in einer gewissen Richtung und üben in dieser
-Richtung auf kleine Theile, welche ihnen nahe kommen, einen
-locomotorischen Effect aus. Isoliren wir die einzelnen Zellen, so zeigt
-sich, dass eine jede oben einen Saum (Deckel) von einer gewissen Dicke
-hat, an welchem kleine haarförmige Verlängerungen hervortreten. Diese
-bewegen sich alle in der Art, dass eine Cilie, welche im ruhigen
-Zustande ganz gerade steht, sich einbiegt und wieder zurückschlägt. Aber
-wir sind ausser Stande, innerhalb der einzelnen Cilien weitere
-Veränderungen wahrzunehmen, durch welche die Bewegung vermittelt würde.
-
-Gerade so verhält es sich mit den Drüsenzellen, von welchen wir gar
-nicht zweifelhaft sein können, dass sie einen bestimmten locomotorischen
-Effect haben. Denn nachdem =Ludwig= durch die Untersuchung der
-Speicheldrüsen gezeigt hat, dass der Druck des ausströmenden Speichels
-grösser ist, als der Druck des zuströmenden Blutes, so bleibt nichts
-anderes übrig, als zu schliessen, dass die Drüsenzellen einen bestimmten
-motorischen Effect auf die Flüssigkeit ausüben; die Secret-Masse wird
-mit einer bestimmten Gewalt hervorgetrieben, welche nicht von dem
-Blutdruck oder einer besonderen Muskel-Action, sondern von der
-specifischen Energie der Zellen als solcher ausgeht. =Engelmann= glaubt
-neuerlich sogar an den Hautdrüsen des Frosches eine selbständige, von
-den Muskeln unabhängige Zusammenziehung beobachtet zu haben. Allein an
-einer Drüsenzelle, während sie fungirt, können wir eben so wenig einen
-eigenthümlichen, materiellen Vorgang innerhalb der constituirenden
-Theilchen wahrnehmen, wie an den Nerven, den Muskeln oder dem
-Flimmer-Epithel.
-
-Diese Thatsachen werden wesentlich verstärkt dadurch, dass wir
-wahrnehmen, wie gerade die functionellen Fähigkeiten der einzelnen
-Theile eine gewisse Störung erfahren durch eine längere Dauer der
-Verrichtung. An allen Theilen treten gewisse Zustände der =Ermüdung=
-auf, Zustände, wo der Theil nicht mehr im Stande ist, dasjenige Maass
-von Bewegung von sich ausgehen zu lassen, welches bis dahin an ihm zu
-bemerken war. Allein um wiederum in den leistungsfähigen Zustand zu
-kommen, bedürfen diese Theile keineswegs immer einer Ernährung, einer
-Aufnahme von Nahrungsstoff: die blosse Ruhe reicht aus, um innerhalb
-einer gewissen Zeit die Möglichkeit einer neuen Thätigkeit
-herbeizuführen. Ein Nerv, den wir aus dem Körper herausgeschnitten haben
-und zum Experiment verwenden, wird nach einer gewissen Zeit
-leistungsunfähig; wenn man ihn unter günstigen Verhältnissen, welche
-seine Austrocknung hindern, liegen lässt, so wird er allmählich wieder
-leistungsfähig. Diese =functionelle Restitution=, welche ohne
-eigentliche Ernährung stattfindet und aller Wahrscheinlichkeit nach
-darauf beruht, dass die Molekeln, welche aus ihrer gewöhnlichen Lagerung
-herausgetreten sind, allmählich wieder in dieselbe zurückkehren, können
-wir an verschiedenen Theilen hervorrufen durch gewisse Reizmittel. Nach
-der Auffassung der Neuristen würden diese Mittel nur auf die Nerven und
-erst vermittelst der Nerven auf die anderen Theile einwirken; allein
-gerade hier haben wir einige Thatsachen, welche sich nicht wohl anders
-deuten lassen, als dass in der That eine Wirkung auf die Theile selbst
-stattfindet.
-
-Wenn wir eine einzelne Flimmerzelle nehmen, sie, ganz vom Körper
-isolirt, frei schwimmen lassen und abwarten, bis vollkommene Ruhe
-eingetreten ist, so können wir die eigenthümliche Bewegung ihrer Cilien
-wieder hervorrufen, wenn wir eine kleine Quantität von Kali oder Natron
-der Flüssigkeit zufügen, eine Quantität, welche nicht so gross ist, dass
-ätzende Effecte auf die Zelle hervorgebracht werden, welche aber genügt,
-um, indem ein Theil davon in die Zelle eindringt, eine gewisse
-Veränderung an ihr zu erzeugen. Es ist aber besonders interessant, dass
-die Zahl der fixen Substanzen, durch welche wir das Flimmer-Epithel
-reizen können, sich auf diese beiden beschränkt. Daraus erklärt es sich,
-dass =Purkinje= und =Valentin=, welche zuerst und zwar sogleich in sehr
-ausgedehnter Weise Experimente über die Flimmerbewegung anstellten,
-nachdem sie mit einer sehr grossen Zahl von Substanzen experimentirt
-und, wer weiss was Alles versucht hatten, mechanische, chemische und
-elektrische Reize, zuletzt zu dem Schlusse kamen, es gebe überhaupt kein
-Reizmittel für die Flimmerbewegung. Ich hatte das Glück, zufällig auf
-die eigenthümliche Thatsache zu stossen, dass Kali und Natron solche
-Reizmittel seien[145]. Neuerlich hat W. =Kühne= entdeckt, dass unter den
-gasförmigen Substanzen sich noch ein mächtiger Erreger der
-Flimmerbewegung findet, nehmlich der Sauerstoff, während Kohlensäure und
-Wasserstoff dieselbe hemmen. Gewiss können wir hier keinen
-Nerveneinfluss mehr zu Hülfe rufen; derselbe erscheint um so weniger
-zulässig, als nach bekannten Erfahrungen die Flimmerbewegung im todten
-Körper sich noch zu einer Zeit erhält, wo andere Theile schon zu faulen
-angefangen haben. Ich sah die Flimmer-Epithelien der Stirnhöhlen und der
-Trachea in menschlichen Leichen noch 36 bis 48 Stunden post mortem in
-vollständiger Thätigkeit, zu einer Zeit, wo jede Spur von Erregbarkeit
-in den übrigen Theilen längst verschwunden war.
-
- [145] Archiv VI. 133.
-
-Aehnlich verhält es sich mit den übrigen erregbaren Theilen,
-insbesondere mit den Muskeln, an denen W. =Kühne= diese Verhältnisse mit
-so grosser Umsicht untersucht hat. Fast überall zeigt sich, dass gewisse
-Erregungsmittel leichter als andere wirken, und dass manche gar nicht im
-Stande sind, einen erheblichen Effect hervorzubringen. Fast überall
-ergeben sich =specifische Beziehungen=. Wenn wir die Drüsen ins Auge
-fassen, so ist es eine bekannte Thatsache, dass es specifische
-Substanzen gibt, wodurch wir im Stande sind, auf die eine Drüse zu
-wirken, nicht auf die anderen, die specifische Energie einer Drüse zu
-treffen, während die übrigen unbetheiligt bleiben. Bei den Drüsen lässt
-sich freilich ungleich schwieriger die Wirkung der Nerven ausschliessen,
-als beim Flimmer-Epithel, allein wir haben gewisse Versuche, wo man nach
-Durchschneidung aller Nerven, z. B. an der Leber, durch Injection
-reizender Substanzen in das Blut im Stande gewesen ist, eine vermehrte
-Absonderung des Organes hervorzurufen, indem man Stoffe anwandte, welche
-erfahrungsmässig zu dem Organe eine nähere Beziehung haben.
-
-Am meisten hat sich, wie bekannt, diese Discussion in neuerer Zeit
-concentrirt auf die Frage von der Muskel-Irritabilität, eine Frage,
-welche gerade deshalb so schwierig gewesen ist, weil sie von =Haller=
-mit einer grossen Exclusion eben auf dieses einzelne Gebiet beschränkt
-wurde. =Haller= kämpfte aufs Aeusserste dagegen, dass irgend ein anderer
-Theil ausser den Muskeln irritabel sei; sonderbarer Weise kämpfte er
-sogar gegen die Irritabilität von solchen Theilen, welche, wie die
-feinere Untersuchung der Späteren gezeigt hat, Muskel-Elemente
-enthalten, z. B. die mittlere Haut der Gefässe. Ja, er gebrauchte
-ziemlich energische Ausdrücke, wo er die von Anderen schon damals
-behauptete Erregbarkeit der Gefässe zurückwies. Ich habe schon angeführt
-(S. 129), dass wir gerade in dem Gefäss-Apparate grosse Abschnitte
-finden, z. B. am meisten ausgesucht an den Nabelgefässen des
-Neugebornen, in denen massenhafte Anhäufungen von Musculatur, aber keine
-Spur von Nerven erkennbar sind. Trotzdem besteht daran Irritabilität in
-einem hohen Maasse; wir können Zusammenziehungen der Muscularis
-mechanisch, chemisch und elektrisch herbeiführen. Ebenso verhält es
-sich mit vielen anderen kleinen Gefässen, welche keineswegs in der
-Weise, wie dies die Neuropathologen annehmen müssen, in allen
-Abschnitten Nervenfasern zeigen. Auch hier können wir an jedem einzelnen
-Punkte, wo Muskeln existiren, unmittelbar die Contraction hervorrufen.
-
-Die Erledigung der Frage von der Muskel-Irritabilität ist in der neueren
-Zeit besonders dadurch gefördert worden, dass man durch die Anwendung
-bestimmter Gifte, namentlich des Worara-(Curare-)Giftes dahin gelangt
-ist, die Nerven bis in ihre letzten, dem Versuche zugänglichen
-Endigungen zu lähmen, und zwar so, dass nicht wohl noch der Einwand
-erhoben werden kann, dass die Erregbarkeit der letzten Endigungen der
-Nerven in dem Muskel erhalten sei. Die Lähmung des Worara-Giftes
-beschränkt sich vollständig auf die Nerven, während die Muskeln ebenso
-vollständig reizbar bleiben. Während man die stärksten elektrischen
-Ströme auf den Nerven vergebens einwirken lässt, ohne irgend etwas von
-Bewegung hervorzubringen, so genügen die kleinsten mechanischen,
-chemischen oder elektrischen Reize, um den betreffenden Muskel in
-Erregung zu versetzen.
-
-Wenn daher die so lange streitige Frage dahin entschieden ist, dass es
-wirklich eine eigenthümliche Muskel-Irritabilität gibt, welche an der
-Muskelsubstanz als solcher haftet, so ist das Ergebniss doch praktisch
-nicht von so grosser Bedeutung, wie man hätte erwarten können. Denn
-thatsächlich sind fast alle Muskelbewegungen, welche die Physiologie und
-die Pathologie kennen, durch Nerveneinwirkung hervorgerufen: eine
-wirkliche =Selbstbewegung= der Muskeln findet nur in ganz anomalen
-Fällen statt. Nichtsdestoweniger ist es für das Urtheil von höchster
-Wichtigkeit zu wissen, dass die Bewegung als solche eine Function des
-Muskels ist, und dass der Nerv nichts anderes thut, als den Anstoss zu
-dem in der Muskelsubstanz schon vorbereiteten Vorgange zu geben. Die
-Natur dieses Vorganges ist nicht abhängig von der Eigenthümlichkeit der
-Nerveneinwirkung, sondern einzig und allein von der Eigenthümlichkeit
-der Muskelsubstanz.
-
-Die Neuristen haben jedoch aus derartigen Thatsachen, wie sie auch in
-der Reihe der secretorischen Vorgänge in ähnlicher Weise vorkommen,
-weitgehende Schlüsse in Beziehung auf die absolute Abhängigkeit der
-vitalen Vorgänge von Innervation gezogen. Dies ist in keiner Weise
-anzuerkennen. Man kann die Nerven eines Muskels oder einer Drüse
-zerschneiden und den Zusammenhang der Organe mit den Centren aufheben,
-ohne dass deshalb die Fähigkeit des Muskels zur Contraction oder die der
-Drüse zur Secretion aufhört. Ja man kann den Muskel oder die Drüse aus
-dem Körper herausschneiden, sie definitiv dem Organismus entfremden,
-ohne dass zunächst die Eigenschaften der Contraction oder Secretion
-dadurch geändert werden. Wollte man sich hier selbst darauf beziehen,
-dass in den ausgeschnittenen Muskeln oder Drüsen noch Nerven-Enden
-vorhanden seien, so hat dieses an sich hinfällige Argument schon deshalb
-keine Bedeutung, weil die neuristische Doctrin nur dann einen
-theoretischen Werth besitzt, wenn sie den Nervenapparat in seinem
-Zusammenhange, in seiner sogenannten Einheit in Rechnung stellen kann,
-keineswegs aber, wenn sie mit einzelnen peripherischen Abschnitten von
-Nerven arbeitet. Denn diese letzteren sind vielmehr als vorzügliche
-Beispiele für das Leben der einzelnen Theile, also für die cellulare
-Anschauung zu betrachten.
-
-Ich gestehe demnach die hohe Dignität des Nervenapparates und der an ihm
-geschehenden Vorgänge vollständig zu; ja ich gehe so weit, zu sagen,
-dass in dem gewöhnlichen Gange des menschlichen Lebens die Mehrzahl der
-Einzelvorgänge im Körper durch Nerveneinwirkung hervorgerufen oder
-geleitet wird. Wenn daraus jedoch in keiner Weise gefolgert werden darf,
-dass diese Einzelvorgänge selbst bloss passive Veränderungen der
-innervirten Theile sind, so darf noch weniger die Meinung zugelassen
-werden, als sei die Nerventhätigkeit keine cellulare, und als müsse die
-=Nerven-Irritabilität= als das eigentliche Wesen des Lebens angesehen
-werden. Betrachten wir diese viel besprochene Eigenschaft daher etwas
-näher:
-
-Die Lehre von der Irritabilität der Nerven beruht zunächst auf der
-Erfahrung, dass irgend eine Verletzung oder Reizung derselben Schmerz
-erzeugt oder wenigstens empfindlich ist. Genau genommen ist diese
-=Empfindlichkeit= eben das, was man die Irritabilität genannt hat; man
-reizte die verschiedensten Gewebe, um zu sehen, ob sie irritabel seien,
-und beurtheilte ihre Irritabilität wesentlich danach, ob auf die Reizung
-Schmerzempfindung eintrete oder nicht. In diesem beschränkten Sinne
-würde Nerven-Irritabilität die Eigenschaft bedeuten, zu den
-Centralorganen gehende und dort zum Bewusstsein kommende, durch äussere
-Reize hervorgerufene Vorgänge zu bewirken. Allein diese Vorgänge
-stellen nur die eine, nehmlich die =recipirende= Seite der
-Nerventhätigkeit dar; die andere, die im gewöhnlichen Sinne =active=
-oder =motorische= Seite, wird dabei gar nicht berührt. Die Anhänger der
-Nerven-Irritabilität haben daher nicht gezögert, auch diese Seite mit in
-ihre Betrachtungen hineinzuziehen; ja, es hat nicht lange gedauert, bis
-man daraus geradezu die Hauptsache gemacht hat. So kam es, dass schon
-=Haller= Irritabilität und Contractilität verwechselte, und dass er die
-Irritabilität gewisser Theile leugnete, weil sie sich auf Reize nicht
-contrahiren wollten.
-
-Der Grundfehler in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man von
-ganz falschen Einheiten ausging. Man hatte keine einheitlichen Elemente
-und demgemäss auch keine einheitlichen Vorgänge. Man verwechselte zuerst
-Nerventhätigkeit und =Innervation=. Es liegt auf der Hand, dass
-Innervation nur diejenige Nerventhätigkeit bezeichnen kann, welche auf
-andere, =nicht nervöse= Theile gerichtet ist, also z. B. die Erregung
-der Muskel-oder Drüsenelemente zur Thätigkeit. Nun ist es freilich
-möglich, dass diese Thätigkeit ihrem Wesen nach identisch ist mit
-derjenigen, welche im Nerven selbst stattfindet, also etwa elektrisch
-ist, und man kann sich vorstellen, dass von den Nervenenden die
-elektrische Bewegung sich wirklich direkt auf die Muskel- oder
-Drüsensubstanz überträgt. Aber selbst wenn dies allgemein richtig wäre,
-was erst zu beweisen ist, so würde daraus doch nicht hervorgehen, dass
-die Thätigkeit des Nerven, insofern sie Elektricität hervorbringt, in
-irgend einer Weise gebunden ist an die Möglichkeit, dieselbe an
-bestimmte andere Theile des Körpers abzugeben und in diesen besondere
-Thätigkeitsäusserungen hervorzurufen. Ein ganz isolirter und aus dem
-Körper entfernter Nerv kann gereizt und in Thätigkeit gesetzt werden.
-Ueberdiess passt die Formel der Innervation nur für diejenigen Nerven,
-welche ich (S. 294) Arbeitsnerven genannt habe; sie ist ganz unbrauchbar
-für die Empfindungsnerven, welche zu Ganglienzellen gehen und gerade in
-der Erregung dieser letzteren ihre hauptsächliche »Thätigkeit«
-entfalten.
-
-Hier stossen wir auf ein neues Hinderniss. Die Neuristen knüpften die
-(wenn ich so sagen darf, =rückläufige=) Irritabilität an =bewusste=
-Empfindungen, namentlich an Schmerzäusserungen. Allein wir wissen, dass
-das Bewusstsein nur einem Theile derjenigen Empfindungen zukommt,
-welche dem Gehirn zuströmen, dass es dagegen an sich gänzlich fremd ist
-allen denjenigen Empfindungen, welche dem Rückenmark und dem spinalen
-Abschnitte des Gehirns angehören, und noch mehr jenen Perceptionen, um
-nicht zu sagen, Empfindungen, welche nur die Ganglien des Sympathicus
-berühren. Erst seitdem das Gebiet der Reflexvorgänge genauer studirt
-ist, hat man begriffen, dass nicht alle Bewegungserscheinungen, welche
-auf Reizung von Empfindungsnerven eintreten, Schmerzäusserungen sind,
-man müsste denn auch einen unbewussten Schmerz annehmen. Wollte man dies
-aber thun, was in einer gewissen Weise berechtigt wäre, so würde man
-doch sofort in einen Wirbel gerathen, der schliesslich zur Aufstellung
-eines =unbewussten Bewusstseins= führen müsste. Ein solches ist freilich
-in der sogenannten Rückenmarksseele gleichsam personificirt schon
-geschaffen worden; indess müsste man noch einen Schritt weiter gehen,
-und eine besondere Nervenseele wählen, wenn man einmal für alle Theile
-sich die spiritualistische Erklärungsform sichern wollte.
-
-Diese Nervenseele oder, wie die mehr naturphilosophischen Neuristen
-sagten, diese =Nervenkraft= (Neurilität =Lewes=) müsste
-nothwendigerweise jedem nervösen Theile oder Elemente zugeschrieben
-werden, und Irritabilität würde alsdann bedeuten die Fähigkeit des
-Theiles oder Elementes, diese Seele oder Kraft in Thätigkeit zu setzen.
-Aber gewiss ist es ein gewagter und nichts weniger als berechtigter
-Schritt, allen nervösen Theilen die gleiche Kraft zuzuschreiben. In der
-That ist noch niemand so weit gegangen, neben der Gehirnseele und der
-Rückenmarksseele auch noch besondere Ganglien- und Nervenseelen
-aufzustellen. Das allgemeine Zugeständniss, dass es nervöse Theile gibt,
-die nicht einmal das »unbewusste Bewusstsein« besitzen, dass also
-=innerhalb des Nervensystems specifische Unterschiede zwischen den
-constituirenden Elementen vorhanden sind=, reicht aus, um es
-verständlich zu machen, warum man mit der Annahme einer einfachen
-Nervenkraft nicht ausreicht. Man mag dieselbe nun spiritualistisch oder
-materialistisch construiren, man mag sie Anima oder Elektricität nennen,
-man ist ausser Stande, nach dem Stande unserer Kenntnisse damit alle
-functionellen Erscheinungen zu erklären. Daher muss man sich dazu
-verstehen, die Nervenfasern und die Nervenzellen nicht einfach zu
-identificiren.
-
-Alles, was wir über elektrische Vorgänge an Nerven wissen, bezieht sich
-auf Nervenfasern und zwar wesentlich auf =Leitung= (Conduction) der
-Elektricität in denselben. Indess darf man deshalb nicht so weit gehen,
-die Nervenfasern nur als Conduktoren der Elektricität aufzufassen, denn
-es ist leicht ersichtlich, dass, wenn von dem peripherischen Ende eines
-durchschnittenen Nerven aus durch direkte Reizung Bewegungen inducirt
-werden können, dies nur geschieht, indem der gereizte Nerv in sich
-Elektricität =hervorbringt=. Auch die Nervenfasern sind also functionell
-reizbar. Aber ich gestehe hier, wie bei der Muskel-Irritabilität zu,
-dass dies ein anomaler Fall ist, der im gewöhnlichen Leben selten
-vorkommt, und dass man daher als die eigentlichen =Erreger= der
-elektrischen Strömungen die Ganglienzellen anzusehen hat. Ob jedoch die
-Vorgänge im Innern dieser Zellen selbst elektrische sind, das ist bis
-jetzt nicht bekannt. Gewiss liegt es nahe, zu vermuthen, dass auch in
-den Ganglienzellen selbst elektrische Vorgänge stattfinden, ja Manches
-spricht dafür, dass diese Zellen die Fähigkeit besitzen, diese Vorgänge
-zu modificiren, d. h. abzulenken, zu verstärken und zu schwächen. Die
-empfindenden Nervenfasern sind fast durchgehends an ihren peripherischen
-Enden mit Nervenzellen in Verbindung, so dass jede von aussen
-eintretende Veränderung (Reizung) erst die Nervenzelle passiren muss,
-ehe sie in die eigentliche Nervenfaser übergeht und zu den centralen
-Ganglienzellen geleitet wird. Auch die motorischen Nervenfasern laufen
-kurz vor ihrem Ende vielfach in besondere gangliöse Apparate aus,
-gleichwie sie an ihrem Ursprunge aus Ganglienzellen hervorgehen. Welche
-andere Bedeutung können diese Zellen haben, als die einer =Sammlung= der
-in den Nerven geschehenden Bewegung, welche einerseits die Möglichkeit
-einer verschiedenen =Ablenkung= des Nervenstromes (Direction,
-Derivation), andererseits die Möglichkeit einer zeitweisen
-=Abschwächung= und =Hemmung= desselben und dann einer nachfolgenden
-=Verstärkung= mit vielleicht explosiver Wirkung gewährt? Gleichwie
-früher das Studium der Reflexvorgänge, so führt gegenwärtig die sich
-immer mehr ausdehnende Kenntniss der von mir so genannten
-=Moderations-Einrichtungen= im Nervensystem[146], wofür zuerst der
-Vagus, dann der Splanchnicus, schliesslich selbst das Gehirn so
-ausgezeichnete experimentelle Beispiele geliefert haben, mit
-Nothwendigkeit auf Ganglienzellen und nicht auf Nervenfasern zurück.
-Erscheinungen, wie die des Elektrotonus, sind im lebenden Organismus
-nicht bekannt. Trotzdem lassen die Vorgänge der Reflexion und
-Derivation, der Hemmung und Verstärkung eine Interpretation im Sinne der
-elektrischen Theorie zu.
-
- [146] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. 1854. I. 19.
-
-Aber eine solche Interpretation ist nicht mehr möglich bei jenen
-verwickelten Vorgängen des =instinktiven= und =intellektuellen= Lebens,
-welche überhaupt die höchste Entwickelung der thierischen Function
-darstellen. Wer ist im Stande, den Instinkt oder gar den Verstand
-elektrisch zu construiren? oder gar das Bewusstsein als ein Analogon
-eines mechanischen Vorganges nachzuweisen? Wie so oft, hat man sich auch
-in diesem Falle über die Schwierigkeiten des Einzelnen hinwegzusetzen
-gesucht, indem man die Einzelerfahrung verallgemeinerte. So hat noch
-neuerlich E. =Hering= das Gedächtniss als eine allgemeine Function der
-organisirten Materie dargestellt, und =Wallace= hat den noch weiteren
-Schritt gethan, das Bewusstsein als eine allgemeine Eigenschaft der
-Substanz anzusprechen. Er ist auf diese Weise, ohne es zu ahnen, nahezu
-auf denselben Standpunkt der Naturanschauung gelangt, den vor fast
-zweihundert Jahren sein grosser Landsmann =Glisson=, der Erfinder des
-Wortes Irritabilität, einnahm, indem er der Substanz überhaupt drei
-Functionen beilegte, welche er als perceptiva, appetitiva und motiva
-bezeichnete. Leider ist es mit der Generalisation allein nicht gethan;
-man muss auch Beweise beibringen. Sonst bedeutet die Generalisation
-nichts als das Bestreben, eine Schwierigkeit möglich weit von sich zu
-entfernen und dadurch unmerklich zu machen.
-
-Eine Erklärung der organischen Vorgänge lässt sich am wenigsten auf dem
-Wege der speculativen Verallgemeinerung gewinnen. Jeder Schritt auf
-diesem Wege führt von der Forschung ab. Was uns in der organischen Welt
-noththut, ist nicht die Generalisation, sondern vielmehr die
-=Localisation=. Das Bewusstsein, das Gedächtniss, das Denken und
-Vorstellen überhaupt sind nicht einmal allgemeine Functionen aller
-Theile des Körpers. Wie sollten wir zu der Vermuthung kommen, dass auch
-die unorganische Substanz daran Antheil hat? Im Laufe von Jahrtausenden
-ist man allmählich dahin gekommen, den Nervenapparat als Träger dieser
-Functionen zu bestimmen. Nachdem sich zuletzt mehr und mehr die
-Aufmerksamkeit auf das Gehirn concentrirt hat, ist ganz folgerichtig die
-Frage aufgeworfen worden, welche Theile des Gehirns der »Sitz« der
-psychischen Functionen seien, und nachdem auch diese Frage zunächst nur
-im groben Sinne behandelt war, ist man endlich im Wege der Histologie zu
-den Ganglienzellen gelangt. Hier freilich lassen uns sowohl die
-Histologie als das Experiment und die pathologische Beobachtung im
-Stiche. Wir können noch nicht sagen, welche Ganglienzellen es sind, die
-so merkwürdige Functionen haben, und in welchen ihrer Bestandtheile
-dieselben ihre Erklärung finden. Aber dass an gewisse Gruppen von
-Hirnelementen die psychische Thätigkeit geknüpft ist, dass innerhalb
-dieser Gruppen Ganglienzellen die eigentlich wirksamen Elemente sind,
-und dass diese Ganglienzellen gewisse specifische Eigenthümlichkeiten
-haben müssen, wodurch sie sich von anderen unterscheiden, daran können
-wir nicht wohl zweifeln. Jedoch nur die immer mehr =localisirende=
-Untersuchung wird uns dahin führen, diese Eigenthümlichkeiten wirklich
-zu ergründen.
-
-Sprechen wir nun von Nerven-Irritabilität im Sinne der
-Centraleinrichtungen, so ist damit offenbar etwas anderes gemeint, als
-wenn wir nur an die Nervenfasern denken. Es ist die =Erregung= der
-=Ganglienzellen=, um welche es sich handelt. Diese Erregung kann eine
-willkürliche oder unwillkürliche, eine bewusste oder unbewusste, eine
-perceptive (sensitive) oder motorische sein, je nachdem diese oder jene
-Art von Ganglienzellen dabei betheiligt ist. Manche Verschiedenheiten
-der eintretenden Thätigkeiten erklären sich offenbar durch die
-=verschiedene Energie= der einzelnen Ganglienzellen: wie wir Bewegungs-
-und Empfindungszellen unterscheiden, so können wir auch innerhalb der
-Bewegungszellen die den einzelnen muskulösen Apparaten zugehörigen von
-einander trennen, und ebenso innerhalb der Empfindungszellen die
-gewöhnlichen spinalen Ganglienzellen von den Riech-, Seh- und Hörzellen
-u. s. w. des Gehirns sondern. Andere Verschiedenheiten dagegen
-resultiren aus der combinirten Erregung und Zusammenwirkung
-(=Synergie=) mehrerer, in sich verschiedener Ganglienzellen oder
-Ganglienzellen-Gruppen. Jede Reflex-Erregung, jede bewusste und
-willkürliche Erregung setzt die gleichzeitige oder doch innerhalb kurzer
-Zeiträume auf einander folgende Thätigkeit verschiedener Ganglienzellen
-voraus. Für viele Fälle sind wir im Stande, durch eine genaue Analyse
-des Vorganges diejenigen Gruppen zu bezeichnen, welche in Wirksamkeit
-treten. Aber das eigentliche Wesen der Erregung der einzelnen Zellen
-selbst zu erklären, sind wir bis jetzt nicht befähigt.
-
-Bei einer früheren Gelegenheit[147] habe ich darauf aufmerksam gemacht,
-dass allerdings auch bei den Erregungsvorgängen der Centren sich
-Zustände der =Spannung= und der =Entladung= unterscheiden lassen. »Man
-schliesst sich«, sagte ich damals, »mit diesem bildlichen Ausdrucke
-sowohl an die Terminologie der Psychologen, als auch an die der Physiker
-und Praktiker an, und man gewinnt wenigstens einen, die Thatsachen kurz
-bezeichnenden Ausdruck, welcher die Möglichkeit zulässt, ohne sie jedoch
-nothwendig zu machen, dass auch die Zustände der Ganglien sich den
-bekannten Zuständen elektrischer Theile unterordnen«. Die kleinste
-peripherische oder centrale Erregung setzt zunächst eine gewisse Störung
-oder Veränderung in dem inneren Zustande einer Ganglienzelle. Diese kann
-sich fast unmittelbar auf die Fortsätze derselben fortsetzen und damit
-abgeleitet werden. Es kann aber auch eine Hemmung in der Fortleitung des
-Stromes eintreten und die Störung für eine gewisse Zeit innerhalb der
-Zelle beschränkt bleiben, indem die in ihrer Anordnung oder ihrem
-chemischen Verhalten veränderten Theilchen der weiteren Fortsetzung der
-Bewegung Hindernisse entgegenstellen. Kommt endlich die Ableitung,
-vielleicht in stürmischer Weise, zu Stande, so erscheint die dadurch
-hervorgebrachte Leistung als =befreiende That=, welche das leidende
-Organ entlastet, Erleichterung und Ausgleichung bringt. Im
-psychologischen Sinne entspricht die Störung dem =Affect=, der, indem er
-zur Motion drängt, zum =Triebe= wird, und der in der zur Befriedigung
-des Triebes führenden =Handlung= seine Lösung findet.
-
- [147] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. 1854. I. 17.
-
-Diese Erfahrungen gelten in gleicher Weise für das gewöhnliche
-Nervenleben, wie für das Geistesleben, für die Physiologie, wie für die
-Pathologie. Allerdings nehmen die Erscheinungen der Erregung, der
-Spannung und der Entladung unter krankhaften Verhältnissen nicht selten
-überaus seltsame und selbst wunderbare Formen an. Aber als Regel muss
-überall festgehalten werden, dass auch die Erscheinungen des kranken
-Nervenlebens =nicht qualitativ verschieden= sind von denen des
-gesunden. Kein Nerv, keine Ganglienzelle kann, soviel wir wissen, unter
-pathologischen Bedingungen etwas Anderes thun oder leisten, als sie nach
-ihren, ein für allemal gegebenen Einrichtungen überhaupt zu thun oder zu
-leisten im Stande sind. Ein Tastnerv kann nicht sehen, ein Sehnerv nicht
-hören, eine Empfindungszelle nicht bewegen. Zuweilen macht sich freilich
-eine starke Neigung der Menschen geltend, den Nerven qualitativ
-verschiedene Leistungen zuzuschreiben. Der Mesmerismus hat Manchem den
-Glauben beigebracht, man könne mit den Hautnerven, z. B. der
-Oberbauchgegend, lesen. Die Tischrücker meinten, mit Empfindungsnerven
-Holz bewegen zu können. Alles das sind entweder Betrügereien, oder
-Selbsttäuschungen. Die pathologische Nervenfunction ist von der
-physiologischen nur dadurch verschieden, dass sie entweder =quantitative
-Abweichungen=, oder =ungewöhnliche Combinationen= erfährt.
-
-Die quantitativen Abweichungen ergeben ein Mehr oder Weniger an
-Leistung: =Krampf= oder =Lähmung=. Die combinatorischen (synergischen)
-Abweichungen zeigen eine Verbindung von nervösen, sei es an sich
-physiologischen, sei es quantitativ von den physiologischen
-verschiedenen Erscheinungen mit einander. Solcher Art ist die Epilepsie,
-bei welcher starke unwillkürliche Contractionen von willkürlichen
-Muskeln (Krämpfe) mit Lähmung des Bewusstseins sich combiniren. Diese
-Combination ist so auffällig, dass man sich in früheren Zeiten nicht
-anders zu helfen wusste, als dass man die Epileptiker Besessene nannte
-und irgend einen bösen Geist in sie hineinfahren liess, der mit ihren
-Gliedern arbeitete. Eine solche Heterologie der Kräfte existirt nicht.
-Was im Epileptiker arbeitet, sind seine eigenen Nerven, und trotz aller
-Absonderlichkeit der Leistung ist dieselbe doch in jedem ihrer Theile
-eine vorgezeichnete und in diesem Sinne eine physiologische. --
-
- * * * * *
-
-Wenn sowohl bei den Muskeln, als bei den Nerven die Irritabilität eine
-so sehr in die Augen springende Eigenschaft ist, dass sie seit langen
-Jahren ein Gegenstand anhaltender Untersuchungen gewesen ist, so verhält
-es sich wesentlich anders mit der =Drüsen-Irritabilität=.
-Begreiflicherweise kann es sich hier nur um die Erregbarkeit der
-Drüsenzellen, des specifischen Parenchyms, und nicht um die an sich
-unzweifelhafte und gewiss in vielen Fällen sehr wirksame Erregbarkeit
-der Muskulatur der Gefässe und Ausführungsgänge der Drüsen handeln. Aber
-gerade deshalb ist die Frage eine sehr complicirte, die nur unter
-grossen Schwierigkeiten gelöst werden kann. Es kommt hinzu, dass man die
-Drüsenfunction noch weniger unter einheitlichen Gesichtspunkten
-behandeln kann, wie die Muskel- und Nervenfunction. Denn der Typus der
-Drüsenfunction ist in sich ganz verschieden. Eine Reihe sehr wichtiger
-Drüsen, insbesondere alle dem Generationssysteme angehörigen, arbeiten
-mehr nach dem nutritiven oder formativen Typus; sie müssen, bei der
-gegenwärtigen Betrachtung ausgeschieden werden. Wir können hier nur
-diejenigen Drüsen besprechen, deren Elemente eine grössere Dauer haben
-und demgemäss den Act der Function überleben. Dahin gehören, soweit sich
-bis jetzt erkennen lässt, die beiden wichtigsten Drüsen: die =Leber= und
-die =Nieren=. Aber auch an ihnen ist es schwer, die Function von der
-Nutrition zu scheiden, insofern ihre Function auf Stoffwechsel beruht.
-Es werden Stoffe in die Drüsenzellen aufgenommen, in denselben verändert
-und von denselben in diesem veränderten Zustande ausgeschieden. Nichts
-ist in dieser Beziehung so charakteristisch, wie die =Glykogenie= in der
-Leber. Aus differenten Stoffen, wie aus den Arbeiten =Bernard='s
-hervorgeht, selbst aus stickstoffhaltigen, entsteht in den Leberzellen
-eine stickstofflose Substanz, das Glykogen; dieses wird in Zucker
-übergeführt und letzterer in die Blutgefässe ausgeschieden und durch die
-Lebervenen dem allgemeinen Kreislaufe zugeleitet. Mannichfache Reize,
-mögen sie nun durch Innervation oder durch den Contact scharfer, durch
-das Blut zugeführter Stoffe hergestellt werden, erregen diese Thätigkeit
-der Leberzellen und steigern die Zuckerzufuhr zum Blute.
-
-Auch in dieser Form hat die Drüsenthätigkeit Manches an sich, wodurch
-sie den Ernährungsvorgängen nahe tritt, und es lässt sich begreifen,
-dass die Lehre von der functionellen Reizbarkeit nach dieser Seite hin
-wenig ausgebildet ist. Wahrscheinlich würde sie auch jetzt noch
-wesentlich auf muskulöse und nervöse Theile beschränkt geblieben sein,
-wenn nicht in ziemlich unerwarteter Weise ihr aus dem Gebiete der
-scheinbar trägen Einzelzellen eine sehr reiche Verstärkung an positiven
-Erfahrungen zugeflossen wäre. Diese war von um so grösserer Bedeutung,
-als hier zuerst =automatische= Vorgänge bekannt wurden, welche in der
-augenfälligsten Weise von allem Nerveneinflusse frei sind.
-
-Die Reihe dieser Entdeckungen wurde eingeleitet durch eine schnell
-steigende Zahl von Beobachtungen auf dem Felde der Botanik und der
-Zoologie, welche zum Theil jenes Grenzgebiet betrafen, welches =Häckel=
-seitdem unter der Bezeichnung des =Protistenreiches= abgeschieden hat.
-Indess lieferten auch unzweifelhaft einzellige Pflanzen, zumal Algen,
-welche frei im Wasser leben, und isolirte Pflanzentheile, wie die
-Sporen, sehr wichtige Anhaltspunkte. Daran schlossen sich neue
-Erfahrungen über die automatische Substanz niederer Wasserthiere,
-namentlich über die sogenannte =Sarkode= der Süsswasserpolypen durch
-=Ecker=, sowie über die contractile Substanz der Polythalamien durch
-M. =Schultze= und der Radiolarien durch =Häckel=. Seit diesen Autoren
-ist allmählich der Name =Protoplasma= in einer solchen Ausdehnung für
-diese Substanzen gebräuchlich geworden, dass man sich des Bedenkens
-allerdings nicht entschlagen kann, dass derselbe weit über das Maass
-eines wissenschaftlichen Verständnisses hinaus in Anwendung gebracht
-wird. Immerhin kann man zugestehen, dass er bei diesen niederen
-Organismen eine höhere Berechtigung hat. Wenn bei den durch =de Bary=
-und W. =Kühne= genauer bekannt gewordenen Myxomyceten diese Substanz
-nicht bloss der Bewegung dient, sondern auch in sich neue Gewebselemente
-erzeugt, so trifft die Bezeichnung gewiss in hohem Maasse zu. Noch mehr
-würde dies der Fall sein, wenn jener neu entdeckte Organismus, welcher
-den Boden des atlantischen Oceans überzieht, der Bathybius, in der That
-keine zellige Organisation erreichte, sondern, wie =Huxley= beschreibt,
-auf einer niederen Stufe der Differenzirung stehen bliebe. Für die
-vergleichende Physiologie ist jedoch am meisten entscheidend gewesen die
-Kenntniss eines bis in die neueste Zeit hinein den Infusorien
-zugerechneten Wesens, der Amoebe, deren sehr einfache Organisation und
-eben so einfache Lebensthätigkeit sie gewissermaassen als den Prototyp
-des Automatismus erscheinen liess. So ist es gekommen, dass die
-Gesammtheit der hier in Betracht kommenden Erscheinungen den Namen der
-=amöboiden= erhalten hat.
-
-Auch die eigentlich cellulare Erforschung der automatischen Vorgänge
-begann bei niederen Thieren. In immer steigender Zahl wurden
-=bewegliche Elemente= im Innern des Körpers bei Cephalopoden,
-Crustaceen, Würmern u. s. f. aufgefunden. Bei den Wirbelthieren
-begannen, wie ich schon früher (S. 64, 189) erwähnt habe, die
-Beobachtungen mit dem Studium der Flimmerzellen, der Pigmentzellen und
-der farblosen Blutkörperchen, denen sich endlich durch die Entdeckung
-=von Recklinghausen='s die, trotz aller meiner Anstrengungen bis dahin
-von Vielen kaum noch als Elemente anerkannten Bindegewebskörperchen,
-sowie die Eiterkörperchen anschlossen.
-
-[Illustration: =Fig=. 107, I. Automatische Zellen aus Hydrocele
-lymphatica, durch Punction entleert. Man sieht theils einzelne
-haarförmige, theils gedrängte büschelige Fortsätze. Der Zelleninhalt
-(Protoplasma) feinkörnig; in einzelnen Zellen kleine (schwärzliche)
-Fettkörnchen, in zweien Vacuolen. Vergr. 300.]
-
-Manche der hier in Frage kommenden Erscheinungen waren allerdings schon
-länger bekannt, aber anderen Reihen von Vorgängen angeschlossen. Ich
-selbst hatte sie in höchst charakteristischer Weise an zwei
-verschiedenen Arten von Elementen gesehen und gezeichnet, nehmlich an
-Exsudatzellen und an Knorpelkörperchen[148]. Indess war damals die
-Neigung, alle Veränderungen der Zellen auf Exosmose und Endosmose
-zurückzuführen, so vorherrschend, dass ich im Zweifel geblieben war, ob
-ich nicht Erscheinungen der =Schwellung= und =Schrumpfung= vor mir
-hätte, welche durch bloss mechanische Einwirkung von Flüssigkeiten
-verschiedener Concentration herbeigeführt wurden. Die zum Theil sehr
-auffälligen osmotischen Veränderungen[149] der Zellen entsprechen zum
-Theil dem, was ich an einer anderen Stelle (S. 174, Fig. 61, _e_-_h_) von
-den rothen Blutkörperchen beschrieben habe, gehen jedoch noch darüber
-hinaus und sie konnten wohl als Grund der grössten Formveränderungen
-angesehen werden. Die neueren Beobachter sind gerade im Gegentheil so
-sehr von der Allgegenwart und Allwirkung des Protoplasma überzeugt, dass
-manche von ihnen auch alle diese, der wahren Osmose angehörigen
-Erscheinungen mit zu den Wirkungen des Protoplasma rechnen. Wie mir
-scheint, wird noch manche Arbeit dazu gehören, diese zwei Reihen, die
-active und die passive, auseinanderzulösen.
-
- [148] Archiv 1863. Bd. XXVIII. S. 237.
-
- [149] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. Bd. IV. S. 278.
- Gesammelte Abhandl. S. 86. Archiv 1847. I. 105. III. 237.
-
-[Illustration: =Fig=. 107, II. Automatische Zellen aus frisch
-exstirpirtem Enchondrom: körniger Zellkörper, grosser Kern mit je zwei
-Nucleoli. _a_ Zelle mit homogenen verzweigten Ausläufern nach zwei
-Richtungen, _b_ mehrfache feine Reiser neben den grossen, zum Theil
-körnigen Ausläufern. Vergr. 300.]
-
-Unter den automatischen Veränderungen der Zellen sind folgende vier zu
-nennen:
-
-1) Die =äussere Gestaltveränderung=, insbesondere das =Aussenden= und
-=Einziehen von Fortsätzen=. Nirgends habe ich dies in so grosser, ja,
-ich kann wohl sagen, ungeheurer Ausdehnung gesehen, wie an jungen
-Knorpelzellen, namentlich an Enchondromzellen. =Grohe= hat es in
-gleicher Weise constatirt. Hier sah ich (Fig. 107, II.) von Zellen,
-welche, so lange sie in ihren Capsein enthalten waren, eine
-rundlich-kugelige Gestalt besassen, allmählich Fortsätze ausgehen, die
-als ganz feine Reiserchen begannen. Nach und nach verlängerten sie sich,
-sendeten neue Reiser und Aeste aus, schoben sich immer weiter und weiter
-hinaus und wurden so lang, dass man sie nicht auf einmal im
-Gesichtsfelde des Mikroskopes übersehen konnte. Aus einer kugeligen oder
-linsenförmigen Zelle wurde so ein Gebilde, welches einer vielstrahligen
-Ganglienzelle glich. Auch darin zeigt sich eine gewisse Uebereinstimmung
-mit den Bewegungen niederster Organismen, dass die ausstrahlende
-Substanz anfangs homogen, später in dem Maasse, als der Zellkörper sich
-mehr in die Fortsätze hineinschiebt, körnig ist. An kleineren Rundzellen
-(Fig. 107, I.) treten die Ausläufer bald in feinen Büscheln, bald in
-Form einzelner Haare oder Cilien zu Tage. Bei weiterer Beobachtung habe
-ich an pathologischen Knorpelzellen auch wahrgenommen, wie der
-Zellkörper mehr und mehr in Fortsätze sich auflöste und dem entsprechend
-sich, fast bis zur Unkenntlichkeit, verschmächtigte (Fig. 107, III. _a_
-u. _c_). Ja, ich sah schliesslich die einzelnen Fortsätze sich einander
-nähern, in einander fliessen und sich gleichsam organisch mit einander
-verbinden, wie es ganz ähnlich an den sogenannten Pseudopodien der
-Polythalamien und Radiolarien beobachtet wird.
-
-[Illustration: =Fig=. 107, III. Aus derselben Geschwulst, wie Fig. 107,
-II. Die automatischen Zellen noch mehr in Fortsätze aufgelöst, letztere
-viel mehr verästelt. Der Zellkörper fast verschwunden. Vergr. 300.]
-
-In ähnlicher Weise, wie dieses Ausstrahlen der Fortsätze geschieht,
-erfolgt auch das Einziehen derselben. Einer nach dem andern verkürzt
-sich, zieht sich allmählich in den Zellkörper zurück und verschwindet.
-Die Zelle nimmt schliesslich wieder ihre rundliche Form an, ja nicht
-selten wird diese so auffällig kugelig und zugleich die Dichtigkeit des
-Gebildes so gross, dass schon daran der »Contractions«-Zustand erkannt
-werden kann.
-
-So auffällig diese Vorgänge sind, so muss ich doch betonen, dass ganz
-ähnliche durch abwechselnde Einwirkung concentrirter und diluirter
-Flüssigkeiten hervorgebracht werden können, zumal wenn ungleich dichte
-Mischungen auf die Zellen einwirken. Durch concentrirte Salz- oder
-Zuckerlösungen kann man das Zurückgehen der Fortsätze leicht bewirken,
-wie man umgekehrt durch verdünnte alkalische Lösungen zuweilen recht
-ausgezeichnete Fortsatzbildungen hervorrufen kann.
-
-2) =Das Auftreten von Molecularbewegung= im Innern des Zellkörpers
-(Protoplasma's). Diese Erscheinung ist zuerst (1845) von =Reinhardt= an
-Eiterkörperchen, sodann von =Remak= an Schleimkörperchen gesehen und von
-mir genauer beschrieben worden[150]. Sie lässt sich durch einen Wechsel
-in den Concentrationszuständen mit Leichtigkeit herbeiführen. Erst sehr
-viel später ist die allgemeine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen durch
-=Brücke= erregt worden, der darin einen besonderen vitalen Act sieht. Es
-lässt sich dies nicht ganz in Abrede stellen, insofern manche
-automatischen Vorgänge, z. B. die Aussendung von Fortsätzen mit einer
-moleculären Vibration beginnen, indess darf man doch nicht so weit
-gehen, jede Art der intracellularen Molecularbewegung als vital
-anzusehen.
-
- [150] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. IV. 278. Ges. Abh.
- S. 86.
-
-[Illustration: =Fig=. 107, IV. Eiterkörperchen des Frosches im Humor
-aqueus nach v. Recklinghausen. (Mein Archiv 1863. Bd. XXVIII. Taf. II.
-Fig. 1.). Vergr. 350. Fig. 1-7. Formen, welche dasselbe Körperchen der
-Reihe nach innerhalb fünf Minuten annahm. Fig. 17-18. Dasselbe
-Körperchen, mit Vacuolen besetzt.]
-
-3) =Die Bildung von Vacuolen= im Protoplasma. Schon seit langer Zeit
-sind aus Pflanzenzellen und aus niederen Thieren inmitten der körnigen
-Substanz ihres Körpers helle, blasenförmige Räume bekannt. Aehnliche
-kommen auch in Zellen der höheren Thiere und des Menschen vor. Jedoch
-scheide ich diejenigen, welche von einer besonderen Haut umkleidet sind
-(Physaliden), ausdrücklich aus. Die genauere Beobachtung Vacuolen
-tragender Rundzellen (Fig. 107, I. Fig. 107, IV. 17 u. 18) ergibt, dass
-die hellen Räume manchmal einfach leere oder eigentlich von Wasser
-eingenommene Stellen, Wassertropfen innerhalb des sogenannten
-Protoplasmas sind, andermal dagegen von einer zähen, in Wasser schwerer
-löslichen und zuweilen in Form hyaliner Tropfen aus den Zellen
-austretenden Substanz erfüllt sind. In beiden Fällen wird durch
-concentrirtere Medien, namentlich Salzlösungen die Erscheinung
-aufgehoben. Ebenso kann man sie jedoch auch durch Maceration der Zellen
-in verdünnten alkalischen Salzlösungen künstlich erzeugen. Auch hier
-muss man daher sehr vorsichtig sein in der Deutung.
-
-4) =Die Abschnürung einzelner Theile des Zellkörpers=. Es ist dies eine
-ähnliche Erscheinung, wie wir sie bei den rothen Blutkörperchen
-besprochen haben (S. 193, 266). Im Zusammenhange mit automatischen
-Bewegungen hat sie schon Boner[151] beobachtet; später ist sie von
-=Beale=, =Stricker= und Anderen als ein häufigeres Phänomen nachgewiesen
-worden.
-
- [151] J. H. =Boner= Die Stase. Inaug. Diss. Würzburg 1856. S. 7.
-
-Diese verschiedenen Erscheinungen, welche nicht selten neben, sehr oft
-kurz nach einander an einer und derselben Zelle auftreten, verändern das
-Aussehen derselben so auffällig, dass es häufig unmöglich ist, ohne
-unmittelbare Beobachtung des Vorganges sich von der Identität der
-Zellindividuen zu überzeugen. Es sind in der That proteusartige
-Metamorphosen. Allerdings kann man sie sämmtlich, wie es jetzt
-gewöhnlich geschieht, auf Contraction beziehen. Indess haben sie doch
-fast durchweg gewisse Eigenthümlichkeiten, welche ihre Veränderungen von
-den eigentlichen Contractionsveränderungen unterscheiden: diese
-Veränderungen erfolgen nehmlich mit =grosser Langsamkeit=, man kann fast
-sagen, Trägheit, aber zugleich nicht in einer vorgezeichneten Form oder
-Ordnung, wie die Bewegung muskulöser oder flimmernder Elemente, sondern
-mit dem =Anscheine der Freiheit und Willkür= und daher zuweilen auch der
-=Absichtlichkeit=.
-
-Erwägt man andererseits, dass in nicht wenigen Fällen es überaus schwer
-ist, die Grenzen zwischen den automatischen und den osmotischen
-Veränderungen zu ziehen, so wird man begreifen, mit welchen
-Schwierigkeiten das Studium dieser Phänomene umgeben ist. Auch eine
-blosse =Schrumpfung durch Exosmose= oder =Schwellung durch Endosmose=,
-also ganz physikalische Acte ohne alle Beziehung zum Leben, kann unter
-Umständen vorkommen, wo sie den Eindruck der Freiwilligkeit und selbst
-der Absichtlichkeit macht. Umgekehrt wieder sind wir bei vielen
-automatischen Acten in der That ganz ausser Stande, zu erkennen, ob eine
-Absicht bestand, ob der Vorgang auf einer Erregung beruhte, ob demnach
-das Element selbst ein reizbares ist und ob der automatische Vorgang als
-ein Beweis der Irritabilität der Zelle angesehen werden darf. In dieser
-Beziehung haben wir jedoch zwei bestimmte Anhaltspunkte: zunächst den
-Nachweis, der zuerst bei den automatischen Pigmentzellen der Froschhaut
-geführt wurde, dass die Veränderungen unter dem Nerveneinflusse stehen;
-sodann die Thatsache, dass wir durch stärkere Reizmittel, wie
-Elektricität, Wärme, Licht, chemische Substanzen automatische Vorgänge
-hervorzurufen vermögen. So hat noch kürzlich wieder =Rollett= die
-Beobachtung W. =Kühne='s bestätigt, dass die Hornhautkörperchen sich auf
-elektrische Schläge zusammenziehen.
-
-Handelte es sich bei diesen Vorgängen nur um befestigte (fixe) Elemente
-der Gewebe, so könnte man vielleicht glauben, es werde bei weiterer
-Forschung gelingen, überall einen Zusammenhang derselben mit Nerven
-aufzufinden. Aber das Vorhandensein automatischer Eigenschaften an losen
-und in Flüssigkeiten befindlichen (infusoriellen) Zellen überhebt uns in
-dieser Beziehung einer jeden Sorge. Wie schon erwähnt (S. 189), hat
-=Wharton Jones= zuerst an den farblosen Blutkörperchen solche Vorgänge
-beobachtet. Damit war für Jedermann, der lernen wollte, der Beweis
-geliefert, dass es sich um einfache Zellen-Eigenschaften handelte.
-Später hat dann v. =Recklinghausen= in der Hornhaut und im Bindegewebe
-neben den fixen Elementen auch bewegliche wahrgenommen und zuerst
-festgestellt, dass dieselben wirkliche Ortsveränderungen vornehmen, also
-wahre =Wanderzellen= sind.
-
-Die von =Waller= und =Cohnheim= gefundene (S. 189) Thatsache, dass die
-farblosen Blutkörperchen nicht bloss ihre Gestalt verändern, sondern
-auch die Fähigkeit der Ortsveränderung besitzen, so dass sie selbst die
-Gefässe verlassen und auf Oberflächen und in Gewebe des Körpers
-auswandern, hat es in hohem Maasse erschwert zu erkennen, ob gewisse
-mobile Elemente, welche sich im Inneren von Geweben finden, in dieselben
-eingedrungene farblose Blutkörperchen oder =mobilisirte= Elemente des
-Gewebes selbst sind. So ist eine grosse Verwirrung in der Interpretation
-der Thatsachen entstanden, und es ist in der That in vielen Fällen noch
-jetzt ganz unmöglich, genau festzustellen, wofür man sich entscheiden
-soll. Jeder Einzelne urtheilt unter solchen Verhältnissen mehr nach der
-von ihm angenommenen Formel, als nach der wirklichen Beobachtung. Meiner
-Erfahrung nach ist es irrig, eine einzige Formel als richtig anzunehmen.
-Sowohl im Bindegewebe, als in jungen Epitheliallagen können vorher
-befestigte Zellen mobilisirt und ebenso vorher mobile Zellen fixirt
-werden. Die Mobilisirung geschieht in Folge von Reizung, und insofern
-hat man ein Recht, auch diesen Act als eine Wirkung der Reizbarkeit der
-Zellen anzusehen.
-
-Die Gewebselemente des menschlichen Körpers, welche einer Mobilisirung
-unterliegen, gehören, abgesehen von den lymphatischen und Blutzellen,
-ausschliesslich der Gruppe der bindegewebigen und epithelialen
-Formationen an. Für viele dieser Elemente ist mit dieser Erkenntniss
-erst die Möglichkeit gegeben, ihnen überhaupt eine Function in dem
-strengen Sinne des Wortes zuzuschreiben. Nach ihrer Mobilisirung
-verhalten sie sich, wie die Amoebe und andere ähnliche Sonderorganismen,
-die =Häckel= in der Klasse der =Moneren= vereinigt hat. Sie erscheinen
-als vollständig individualisirte, wenigstens zeitweise gänzlich freie
-und abgesonderte Körper, welche den Gedanken der Zellen-Individualität
-im höchsten Maasse veranschaulichen.
-
-Es ist endlich noch eine besondere Eigenschaft zu besprechen, welche aus
-dem bisher mitgetheilten als eine einfache Consequenz folgt; das ist die
-=Voracität= dieser Elemente (S. 101, 189). Sie »fressen« allerlei Dinge,
-auch vollständig unverdauliche und nicht assimilirbare. Auch in dieser
-Beziehung gleichen sie vielen niederen Organismen. Namentlich durch
-=Ehrenberg= waren die sogenannten Färbungen der Infusorien mit
-Farbstofftheilchen, namentlich mit Indigo und Carmin in Gebrauch
-gekommen; es sollte damit gezeigt werden, dass diese »Thiere« Mund,
-Magen und After besässen, also eine vollkommene Organisation hätten.
-Genauere Beobachtungen haben auch für die Infusorien gelehrt, dass
-diese Argumentation falsch war; sie haben im Gegentheil gezeigt, dass
-manche Wesen an jeder beliebigen Stelle ihrer Oberfläche andere Körper
-aufnehmen, in ihr Inneres pressen und, in verschiedener Weise verändert,
-wieder auswerfen können, ohne dass sie Mund, Magen oder After besitzen.
-
-Für die Lehre vom Menschen trat diese Frage zuerst in einer
-entscheidenden Weise in den Vordergrund bei Gelegenheit der sogenannten
-=blutkörperchenhaltigen= Zellen. Schon als ich meine ersten
-Beobachtungen über die Entstehung der pathologischen Pigmente
-veröffentlichte[152], musste ich mich gegen die damals von =Kölliker=
-und =Ecker= vertheidigte Hypothese erklären, welche dahin ging, dass
-unter gewissen Verhältnissen Haufen von Blutkörperchen sich
-zusammenballten und daraus Zellen entständen. Andererseits hatten
-=Rokitansky= und =Engel= für pathologische, =Gerlach= und =Schaffner=
-für physiologische Verhältnisse die Möglichkeit aufgestellt, dass in
-gewöhnlichen Zellen nachträglich eine Neubildung von rothen
-Blutkörperchen stattfinde, dass also diese Zellen Mutterzellen für Blut
-darstellten. Ich wies nach[153], dass es sich hier um das Eindringen
-präexistirender Blutkörperchen in präexistirende Zellen, also um
-keinerlei Art von Neubildung, sondern nur um die Incorporirung von
-Blutkörperchen in andere Zellen handle, und da diese Zellen, wenigstens
-zum Theil, persistiren und aus den Blutkörperchen Pigment hervorgeht, um
-eine secundäre Pigmentbildung in Gewebselementen. Obwohl ich schon
-damals auf die Analogie dieser Vorgänge mit dem »Fressen« der mundlosen
-Infusorien hinwies, so hielt ich doch das Eindringen der Blutkörperchen
-in die Zellen für einen mechanischen Act, welcher durch die Gewalt des
-extravasirenden Blutes hervorgebracht werde. Ich dachte mir, dass das
-aus Gefässrupturen austretende Blut durch Rupturen der Wand in Zellen
-eindringe und hier liegen bleibe.
-
- [152] Archiv 1847. I. 381, 451.
-
- [153] Archiv 1852. IV. 515. 1853 V. 405.
-
-Erst =Preyer= hat bei direkter Beobachtung unter dem Mikroskop gefunden,
-dass manche bewegliche Zellen, z. B. farblose Blutkörperchen, unter
-Umständen rothe Blutkörperchen umfassen, in ihr Inneres hineinpressen
-und in sich aufnehmen. In besonders ausgezeichneter Weise ist später
-dargethan worden, dass dieselben Farbstoffkörner, welche die Infusorien
-»fressen«, von farblosen Blutkörperchen und anderen Zellen gleichfalls
-aufgenommen werden: Indigo, Carmin, Zinnober werden auf diese Weise
-incorporirt, und manche Zellen zeigen eine ungemein grosse Gefrässigkeit
-für derartige fremde, gleichviel ob verdauliche und veränderliche oder
-unverdauliche und unveränderliche Körper. Kohlenstückchen werden auf
-diese Weise von Schleimkörperchen der Luftwege mit grosser Leichtigkeit
-aufgenommen (S. 15, Fig. 8, _B b_).
-
-Dass es sich bei diesem »Fressen« nicht einfach um Ernährung handelt,
-habe ich schon früher bemerkt (S. 101). Aber ich muss auch davor warnen,
-jedes Eindringen von fremden Körpern in das Innere von Zellen als das
-Resultat automatischer Bewegungen anzusehen. Unzweifelhaft gibt es auch
-Incorporirungen fremder Körper, wobei das incorporirende Element sich
-ganz passiv verhält. Ein mikroskopisches Kohlensplitterchen kann vermöge
-der Schärfe und Spitzigkeit seiner Ecken gewiss ebenso gut in eine Zelle
-hineindringen, wie ein scharfes Instrument in den Körper. Kleine
-Entozoen und Pilze dringen vermöge ihrer eigenen Thätigkeit, mag diese
-nun in selbständigen Bewegungen, oder in fortschreitendem Wachsthum und
-Absorption entgegenstehender Widerstände beruhen, in das Innere von
-Gewebselementen ein; ja sie können dieselben gänzlich erfüllen und die
-specifische Substanz verdrängen oder aufzehren. Wir wissen dies nicht
-nur von den Trichinen, welche in Muskelfasern einwandern, sondern auch
-von Pilzen und Vibrionen, die in pflanzliche und thierische Zellen
-eindringen und sich darin vermehren.
-
-Diese Anführungen werden genügen, um zur Vorsicht in der Deutung der
-Beobachtungen aufzufordern. Veränderungen, welche dem Anscheine nach
-vollständig unter einander übereinstimmen, kommen auf ganz verschiedene
-Weise zu Stande. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bleiben, dass die
-Voracität der Elemente, gleich der Migration und dem Polymorphismus
-derselben, als Ergebniss ihrer Thätigkeit und als Merkmal ihrer
-Irritabilität wirklich existirt. Alle diese Erscheinungen gehören
-demselben Gebiete an, -- einem Gebiete, welches ich mit dem Namen des
-=Automatismus= bezeichne, und dessen Kenntniss vielleicht als das
-wichtigste Ergebniss der auf das Einzelleben bezüglichen Forschungen der
-Neuzeit bezeichnet werden darf. Die Zahl der functionell activen
-Elemente des Körpers ist dadurch auf das Aeusserste vermehrt worden.
-
-Auch auf diesem Gebiete, wie auf dem aller anderen functionellen Theile,
-beschränkt sich die pathologische Störung auf das Quantitative. Nirgends
-gibt es qualitative Abweichungen. Die Function ist da oder sie ist nicht
-da; ist sie da, so ist sie entweder verstärkt oder geschwächt. Das gibt
-die drei Grundformen der Störung: =Mangel= (=Defect=), =Schwächung= und
-=Verstärkung der Function=. Eine andere Function, als die
-physiologische, wohnt auch unter den grössten pathologischen Störungen
-keinem Elemente des Körpers bei. Der Muskel empfindet nicht, der Nerv
-bewegt keinen Knochen, der Knorpel denkt nicht. Auch hier ist es nur die
-oft höchst sonderbare und complicirte Synergie verschiedener Theile oder
-gar die Combination activer und passiver Zustände, welche eine scheinbar
-quantitative Abweichung ergeben. Aber eine wissenschaftliche Analyse
-wird und muss jedesmal ergeben, dass auch die ungewöhnlichste Krankheit
-keine neue Form, keine eigentliche Heterologie der Function mit sich
-bringt.
-
-
-
-
- Sechzehntes Capitel.
-
- Nutritive und formative Reizung. Neubildung und Entzündung.
-
-
- Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung.
- Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose als
- Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Processe. Wesen der
- Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene
- Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe:
- Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen; Resorption und
- Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und Atonie,
- Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize: trophische
- Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse Entzündung; trübe
- Schwellung. Niere, Knorpel, Haut, Hornhaut. Die neuropathologische
- und die humoralpathologische Doctrin. Parenchymatöse Schwellung.
- Nutritive Restitution und Nekrobiose. Stadien der parenchymatösen
- Entzündung. Active Natur dieses Processes.
-
- Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen und Kerne
- (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen (Knochenmark,
- Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen). Formative
- Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum. Neubildung der
- Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation): Knorpel, epitheliale
- und bindegewebige Neubildung. Wucherung (Proliferation).
- Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und aus ihnen
- hervorgehende Organisation. Die plastischen (histogenetischen)
- Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der extracellulären Neubildung
- und der Bildungsstoffe. Die Neubildung als Thätigkeit der Zellen.
- Formative Reize. Die humoralpathologische und neuropathologische
- Doctrin.
-
- Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische Entzündung
- (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica. Prädisposition und
- neurotische Atrophie. Die Entzündung als Collectivvorgang.
-
-Während die functionelle Reizbarkeit, deren Wirkungen wir im vorigen
-Capitel besprochen haben, den Lieblingsgegenstand der Studien unserer
-Physiologen darstellt und daher im Laufe der letzten Jahrzehnte fast
-ausschliesslich von ihnen verfolgt worden ist, so ist das Gebiet der
-=nutritiven Reizbarkeit= noch gegenwärtig vielmehr der pathologischen
-Untersuchung vorbehalten geblieben, und manche sehr wichtige Seite der
-Betrachtung hat sich deshalb lange der allgemeinen Aufmerksamkeit
-entzogen. Es war dies der Grund, weshalb ich schon früher, im fünften
-und sechsten Capitel, die Ernährung zum Gegenstande einer besonderen
-Erörterung gemacht habe. Auf diese Erörterung kann ich mich hier
-beziehen. Man wird danach leicht ersehen, dass ich unter der Bezeichnung
-der nutritiven Reizbarkeit die Fähigkeit der einzelnen Theile verstehe,
-auf bestimmte Erregungen mehr oder weniger viel Stoff in sich
-aufzunehmen und festzuhalten. Ich kann sogleich hinzusetzen, dass mit
-einer solchen vermehrten Aufnahme in das Innere der Elemente die
-wichtigsten jener Prozesse beginnen, welche das Gebiet der
-pathologischen Anatomie ausmachen.
-
-Ein Theil, der sich ernährt, kann sich dabei entweder beschränken auf
-die einfache Erhaltung seiner Masse, oder er kann, wie wir besonders in
-pathologischen Fällen sehen, eine grössere oder geringere Masse von
-Material in sich aufnehmen, als im gewöhnlichen Laufe der Dinge
-geschehen wäre. In welcher Weise oder in welcher Masse aber auch die
-Aufnahme erfolgen mag, so bleibt doch die Zahl der histologischen
-Elemente vor und nach einer bloss nutritiven Erregung sich gleich.
-Dadurch unterscheidet sich die einfache Hypertrophie von der Hyperplasie
-(numerischen oder adjunctiven Hypertrophie), mit welcher sie im äusseren
-Effect oft eine so grosse Aehnlichkeit hat (S. 90, Fig. 29, _B_). Solche
-einfache Hypertrophien beobachten wir an den Muskeln, den Nerven (S.
-275), den Epithelien, insbesondere den Drüsenzellen, den Zellen des
-Bindegewebes, am häufigsten des Fettgewebes. Eine Steigerung der
-natürlichen, =adäquaten= Reize bedingt sehr leicht eine derartige
-Vergrösserung der Elemente. Ein Muskel, der gegen grössere Widerstände
-zu arbeiten hat, bekommt dickere Primitivbündel; das Epithel einer
-Niere, welche mehr Harnstoff abzusondern hat, vergrössert sich. Daher
-haben diese Hypertrophien häufig eine =compensatorische= Bedeutung. Das
-Herz wird hypertrophisch, wenn die arterielle Blutbahn kleiner wird; die
-eine Niere wird hypertrophisch, wenn die andere schrumpft.
-
-Ebenso unterscheidet sich die einfache =Atrophie= sowohl von der
-Aplasie, der ursprünglichen Mangelhaftigkeit in der Bildung einzelner
-Theile, als auch von der Nekrobiose (numerischen oder degenerativen
-Atrophie), welche eine wirkliche Zerstörung und Detritusbildung bedingt
-(S. 335). Seit alter Zeit hat man diese drei, in sich verschiedenen
-Zustände ganz gewöhnlich unter demselben Namen zusammengefasst: die
-Bezeichnung des =Schwundes= oder der =Schwindsucht= (Phthisis, Phthoe,
-Tabes), obwohl häufiger in dem Sinne eines allgemeinen, den ganzen
-Körper betreffenden Prozesses angewendet, hat doch bis in die neueste
-Zeit auch als Ausdruck für locale Prozesse gedient, z. B. Phthisis
-bulbi, testiculi. Will man sich jedoch das Verständniss der krankhaften
-Vorgänge sichern, so muss man nothwendig die drei Vorgänge aus einander
-halten[154]. Denn es liegt auf der Hand, dass eine mangelhafte Bildung
-und Entwickelung ganz andere Bedingungen und ein ganz anderes Wesen hat,
-als eine mangelhafte Erhaltung eines im Uebrigen regelmässig gebildeten
-und entwickelten Theiles. Letztere stellt immer einen =Rückgang=
-(regressiven Prozess) dar. Insofern stimmt sie überein mit der
-Nekrobiose, welche den Rückgang in seiner schlimmsten Form ausdrückt.
-Aber die Nekrobiose ist eine Art des örtlichen Sterbens; der davon
-befallene Theil stirbt definitiv ab, und er kann nur wieder ersetzt
-werden durch einen regenerativen Prozess der Neubildung, während der
-atrophische Theil trotz seines verschlechterten Zustandes persistirt,
-sich erhält und bei Verbesserung dieses Zustandes im Wege der einfachen
-Ernährung reparirt oder =restaurirt= wird. Derselbe Theil, oder sagen
-wir noch genauer, dasselbe Element kann im Laufe der Zeit in immer
-wechselnder Weise bald normal ernährt werden, bald atrophisch und
-hypertrophisch werden, wie das Beispiel der Muskeln vortrefflich lehrt.
-Grundbedingung ist jedoch, dass das Element überhaupt vorhanden ist und
-dass trotz alles Wechsels die erhaltende Thätigkeit nicht aufhört.
-
- [154] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 304.
-
-Die wahre Ernährung ist also unter allen Verhältnissen auf die Erhaltung
-des Theils gerichtet, und begreiflicherweise kann sie nur ein Mehr oder
-Weniger normaler Vorgänge darstellen. Sie besteht nicht etwa in einer
-blossen Aufnahme, auch nicht in einem blossen Stoffwechsel, der sich aus
-Aufnahme und Abgabe zusammensetzt, sondern ganz wesentlich in der
-=Aneignung= der Stoffe. Bei letzterer ist wiederum zweierlei zu
-unterscheiden. Zunächst die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die
-besondere Substanz des Parenchyms, die sogenannte =Assimilation=. Wenn
-wir in der Nahrung auch die mannichfaltigsten Stoffe, selbst
-Parenchymsubstanz geniessen, so gelangen doch höchstens das Wasser und
-einige Stoffe von mehr indifferenter Art, niemals die specifische
-Parenchymsubstanz als solche vollständig präparirt vom Magen oder vom
-Blute aus in die Gewebe[155]. Es genügt nicht, Blutwurst zu essen, um
-Blutkörperchen zu erzeugen, oder Hühnereier, um Markstoff in die Nerven
-absetzen zu lassen; ehe aus Fleisch wieder Fleisch, aus genossener Leber
-wieder Leber wird, müssen die daraus entstandenen Verdauungsstoffe
-(Peptone) erst wieder einer chemischen Umsetzung unterliegen, und die
-Ernährungs-=Thätigkeit= besteht gerade zu einem wesentlichen Theile
-darin, dass die in noch =crudem= Zustande aufgenommene Substanz in
-wirkliche Gewebssubstanz umgewandelt wird. Dies kann ganz und gar
-innerhalb der Zellen geschehen; sehr häufig, insbesondere bei allen mit
-Intercellularsubstanz versehenen Geweben, ist die Assimilation erst
-vollendet, wenn die neu entstandene Substanz in die Umgebung der Zellen
-=abgesondert= ist. Bindegewebe (leimgebendes Gewebe) kann nicht einfach
-dadurch restaurirt werden, dass wir Leim, etwa in Form einer Brühe,
-geniessen. Dieser Leim geht, wie das genossene Eiweiss, zum grösseren
-Theile in Harnstoff über, ohne wieder zu eigentlichem Gewebsmaterial
-verwendet zu sein. Die Ernährung der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
-haben wir uns vielmehr so zu denken, dass aus einem Theile der Peptone
-neues Bluteiweiss gebildet wird, dass sodann von diesem ein Theil in die
-Bindegewebskörperchen aufgenommen und umgesetzt wird, und dass endlich
-dieser umgesetzte, leimartige Stoff aus den Körperchen in die
-Intercellularsubstanz ausgeschieden wird. Die assimilirende Thätigkeit
-ist daher keineswegs eine so einfache, wie man sie sich häufig denkt.
-
- [155] Vgl. meinen Vortrag über Nahrung- und Genussmittel (Sammlung
- gemeinverst. wiss. Vorträge Serie II. Heft 48. S. 22. Berlin
- 1868.)
-
-Zweitens gehört jedoch zu der Ernährung die =Fixirung= der aufgenommenen
-und assimilirten Stoffe. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, diese
-Stoffe an dem Orte, wohin sie zur Bewahrung des Status quo gehören, auch
-festzuhalten, sie dem Spiele des Stoffwechsels, insbesondere der
-Exosmose zu entziehen. Hämoglobin ist eine in Wasser lösliche Substanz.
-Es genügt, Blutkörperchen in eine grosse Menge von Wasser zu versetzen,
-um sie auf dem Wege der Exosmose gänzlich »auszulaugen«. Dass eine
-ähnliche Auslaugung nicht schon durch das Blutwasser (Liquor sanguinis)
-geschehe, wird nicht bloss durch die concentrirtere Mischung desselben
-gehindert, sondern auch durch die Constitution der lebenden
-Blutkörperchen selbst. =Rollett= hat gezeigt, dass man durch Frost in
-kürzester Zeit die Blutkörperchen in dem gewöhnlichen Blutwasser zur
-vollständigsten Auslaugung bringen kann. Dasselbe geschieht auch im
-Körper überall, wo die Blutkörperchen absterben; die todten Körperchen
-lassen das Blutroth fahren, und dieses vertheilt sich alsbald mit dem
-Blutwasser in die umgebenden Theile. So entstehen die cadaverösen
-Färbungen der Leichen und die eigenthümlichen Farben des Brandes beim
-Lebenden; so kommen jene sonderbaren Entfärbungen der Blutkörperchen in
-Extravasaten und Thromben zu Stande, welche wir früher besprochen haben
-(S. 240, Fig. 79, _C_).
-
-Wenn der Blutfarbstoff eben seiner Farbe wegen ein besonders günstiges
-Object für diese Betrachtung ist, so haben wir ein anderes, welches
-wegen der grossen Häufigkeit und der bedeutenden Wirkungen seiner
-Exosmose der Aufmerksamkeit in noch weit höherem Maasse würdig ist. Das
-ist das Wasser. Bei Gelegenheit einer Erörterung der käsigen
-Metamorphose habe ich die Frage des Stoffwechsels im Todten des Weiteren
-besprochen[156] und namentlich auch den schnellen Wasserverlust
-hervorgehoben, von welchem todte Theile im Körper betroffen werden (S.
-220). Das Welken der Blätter, die Krustenbildung und Mumification
-äusserer, die Schrumpfung, der Collapsus innerer thierischer Theile,
-welche abgestorben sind, stehen auf einer Linie. Dürres Laub,
-geschrumpfte Zellen sind vollkommene Analoga.
-
- [156] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. 1865-66. S. 245.
-
-Der Umstand, dass die aus den Zellen austretenden Stoffe oft nach kurzer
-Zeit gänzlich verschwinden, hat zu der in früherer Zeit ganz allgemeinen
-Annahme geführt, es handle sich hier wesentlich um =Resorption=. Allein
-das Dürrwerden der Blätter, die Mumification brandiger Glieder beruhen
-auf Wasserverdunstung und nicht auf Resorption. Ueberdiess ist die
-Resorption, wo sie eintritt, z. B. bei den käsigen Umwandlungen, nur ein
-secundärer Act. Es war daher allerdings richtiger, als man das Wesen des
-Vorganges in einer vermehrten =Exosmose= suchte. Aber die Exosmose setzt
-einen Austausch von Stoffen voraus; überdiess erfolgt sie durch die
-Force majeure der ausserhalb der Zelle befindlichen Stoffe. Davon ist
-hier gar nicht die Rede. Der Wasseraustritt aus todten Theilen geschieht
-auch da, wo gar kein Austausch vorhanden ist, wo gar keine durch
-Concentration oder Mischung ausgezeichnete Intercellularflüssigkeit
-vorhanden ist. Der eigentliche Grund liegt in der Unfähigkeit der todten
-Elemente, ihre Bestandtheile noch festzuhalten.
-
-Das, was an todten Theilen im Extrem hervortritt, findet sich bei der
-Atrophie in geringerem Grade. Wenn ein atrophirender Nerv sein Myelin
-verliert, wenn eine Pigmentzelle ihr Pigment einbüsst, so braucht sie
-noch nicht todt zu sein oder zu sterben. Aber ihre innere Festigkeit ist
-erschüttert, die Solidität des inneren Baues ist beeinträchtigt, und die
-Folge ist eine =Verkleinerung mit Verschlechterung der Constitution=.
-Das ist das, was die Alten zum Theil mit dem Ausdrucke der
-=Kachexie= (Habitus malus) bezeichneten, und was in der antiken
-solidarpathologischen Lehre vom =Laxum et strictum= einen verständlichen
-Ausdruck gefunden hat. Denn es liegt auf der Hand, dass dem welken und
-schlaffen Zustande der Atrophie der derbe und straffe Zustand der guten
-Ernährung und noch mehr der wahren Hypertrophie gegenübersteht. Hier ist
-nicht bloss eine reichlichere Aufhäufung wohl assimilirten Stoffes,
-sondern auch eine stärkere Fixirung desselben vorhanden. Nirgends ist
-dies deutlicher erkennbar, als an den Muskeln, an welche sich daher auch
-die technische Sprache lange angeschlossen hat. Die =straffe Faser= der
-früheren Autoren ist zunächst die gut genährte Muskelfaser (das
-Primitivbündel) und erst weiterhin jede andere Faser.
-
-Dem Strictum et laxum der Methodiker entspricht zum Theil der =Tonus=
-und die =Atonie= der Neueren. Auch hier hat man in den letzten Jahren
-fast ausschliesslich den neuristischen Standpunkt eingenommen und den
-Tonus als die Folge einer dauernden Innervation gedeutet. Für einzelne
-Theile mag dies zutreffen. Aber allgemein betrachtet entsprechen diese
-Bezeichnungen den Ernährungszuständen der Gewebe; wie ich ausgeführt
-habe[157], bedeutet Tonus in diesem allgemeinen Sinne die nutritive
-Spannung (Tension). Daher galt der Tonus als Merkmal eines gesunden,
-normalen Zustandes der Theile, wo der günstigen Ernährung auch eine
-grosse Leistungsfähigkeit (Kraft) entspricht, während Atonie ausser der
-schlechteren Ernährung zugleich die Erschlaffung (Relaxatio) und
-Schwäche (Debilitas) bedeutet. Insofern schiebt sich in die Vorstellung
-neben dem nutritiven Moment zugleich die Voraussetzung eines
-functionellen mit hinein.
-
- [157] Archiv VI. 139. VIII. 27. XIV. 27.
-
-Ungleich dehnbarer ist der zu gewissen Zeiten viel gebrauchte Ausdruck
-des =Turgor vitalis=. Obwohl derselbe in vielen Fällen auch nichts
-anderes, als die nutritive Fülle eines Theiles bedeutet, so knüpfte sich
-doch meistentheils zugleich die Vorstellung von einer stärkeren Füllung
-der Gefässe (Hyperämie) daran. Wie bei dem Tonus die Nerven, so traten
-bei dem Turgor die Blutgefässe mit in die Betrachtung ein. Auch diese
-Betrachtung hat ihre Berechtigung. Denn offenbar ist eine gewisse
-Freiheit der Circulation Vorbedingung für eine reichlichere Zufuhr von
-Ernährungsmaterial und insofern auch für eine kräftigere Ernährung.
-
-Aber wir haben schon früher gesehen, dass die Gefässfüllung und der
-reichere Zustrom von Blut die Ernährung nicht nothwendig bestimmt (S.
-158). Auch in gefässlosen Geweben ernähren sich die Elemente; ja sie
-leben und erhalten sich in vollständiger Trennung von den Geweben und
-von den Gefässen. Nach der alten Vorstellung =wird der Theil ernährt=
-und verhält sich dabei mehr oder weniger passiv; die Thätigkeit der
-Gefässe bestimmt seine Ernährung. Nach meiner Auffassung =ernährt er
-sich=: er verhält sich durchaus activ, und die Thätigkeit der Gefässe
-kann nur seine eigene Thätigkeit fördern oder unterstützen. Jede
-einzelne Zelle verhält sich, wie eine kleinste Pflanze; sie =wählt= ihr
-Ernährungsmaterial aus ihrer Umgebung[158]. Jedes Gewebsstück ernährt
-sich, wie die Frucht im Mutterleibe, die wohl an die Gefässe der Mutter
-grenzt, aber keinen Zusammenhang mit ihnen hat. Kann man eine grössere
-Uebereinstimmung denken, als die blosse Juxtaposition der Frucht im
-Mutterleibe mit einer oculirten Knospe? Die Geschichte der
-Transplantation von Körpertheilen, wie sie in den jüngsten Tagen bei der
-Behandlung von Wunden in immer grösserer Ausdehnung mit dem grössten
-Erfolge geübt wird, gibt die schönsten Beispiele für diese
-Selbsternährung bloss juxtaponirter Theile.
-
- [158] Archiv IV. 381.
-
-Aber freilich bedarf auch die Ernährungsthätigkeit bestimmter
-Erregungsmittel. Ohne diese bleibt ein lebender Theil inmitten der
-grössten Fülle von Ernährungsstoffen träge und unthätig. Die =nutritiven
-Reize= sind keineswegs immer Nahrungsstoffe: ein grosser Theil
-derjenigen Substanzen, welche wir Genussmittel nennen, reizt die Gewebe
-zu stärkerer Ernährung. Vermehrte Function, mechanische und chemische
-Einwirkungen der verschiedensten Art haben vermehrte Aufnahme von
-Nahrungsstoffen im Gefolge[159]. Wie das Licht auf die Pflanzengewebe,
-so wirkt mechanische Bewegung auf viele Thiergewebe reizend ein. Auch
-der Nerveneinfluss darf hier nicht ausgeschlossen werden, aber man soll
-nur nicht im Sinne der Neuristen die gesammte Ernährung als eine
-Wirkung =trophischer Nerven= betrachten. Ein grosser Theil der
-Ernährungsvorgänge hat mit Nerven nicht das Mindeste zu thun. Wo aber
-die Ernährung durch Innervation bestimmt wird, da hat die letztere nur
-einen modificirenden Einfluss auf die auch ohne sie vorhandene
-Ernährung. Wie die Muskelirritabilität allein es erklärt, dass die
-Innervation des Muskels eine Contraction zum Gefolge hat, so erklärt die
-nutritive Erregbarkeit der einzelnen Theile, dass der Einfluss
-trophischer Nerven die Aufnahme und Assimilation der Nahrungsstoffe
-anregen kann.
-
- [159] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 338.
-
-Es ist aber für die pathologische Auffassung äusserst wichtig zu wissen,
-dass ein Theil, der in Folge seiner Energie und in Folge einer Reizung
-eine grosse Quantität von Material in sich aufnimmt, deshalb nicht
-nothwendiger Weise in einen dauerhaften Zustand der Vergrösserung zu
-gerathen braucht, sondern dass im Gegentheile gerade unter solchen
-Verhältnissen oft eine nachträgliche Störung in der inneren Einrichtung
-hervortritt, welche den Bestand des Theiles in Frage stellt und welche
-der nächste Grund wird für den Untergang desselben. Jedes Gewebe besitzt
-erfahrungsgemäss nur gewisse Möglichkeiten und Grade der Vergrösserung,
-innerhalb deren es im Stande ist, sich regelmässig zu conserviren; wird
-dieser Grad, und namentlich schnell, überschritten, so sehen wir immer,
-dass für das weitere Leben des Theiles Hindernisse erwachsen, und dass,
-wenn der Prozess besonders acut von Statten geht, eine Schwächung des
-Theiles bis zu vollständigem Vergehen desselben eintritt.
-
-Vorgänge dieser Art bilden schon einen Theil jenes Gebietes, das man in
-der gewöhnlichen Sprache der =Entzündung= zurechnet[160]. Eine Reihe von
-entzündlichen Vorgängen stellt in ihrem ersten Anfange gar nichts
-weiter dar, als eine vermehrte Aufnahme von Material in das Innere der
-Zellen, welche ganz derjenigen ähnlich sieht, welche bei einer einfachen
-Hypertrophie stattfindet. Wenn wir z. B. die Geschichte der Bright'schen
-Krankheit in ihrem gewöhnlichen Verlaufe betrachten, so ergibt sich,
-dass das Erste, was man überhaupt in einer solchen Niere wahrnehmen
-kann, darin besteht, dass im Innern der gewundenen und im Uebrigen noch
-ganz intacten Harnkanälchen der Rinde die einzelnen Epithelialzellen,
-welche schon normal ziemlich gross sind, sich weiter vergrössern. Aber
-sie werden nicht bloss sehr gross, sondern sie erscheinen auch zugleich
-sehr trübe, indem in das Innere der Zellen überall eine reichlichere
-Masse von eiweissartigem, körnigem Material eintritt. Das ganze
-Harnkanälchen wird durch diese Schwellung der Zellen breiter, und es
-erscheint schon für das blosse Auge als ein gewundener, weisslicher,
-opaker Zug. Isoliren wir die einzelnen Zellen, was ziemlich schwierig
-ist, da die Cohäsion derselben schon zu leiden pflegt, so sehen wir sie
-erfüllt mit einer körnigen Masse, welche scheinbar nichts anderes
-enthält, als dieselben Körnchen, die auch normal im Inneren der
-Drüsenzellen vorhanden sind. Ihre Anhäufung wird um so dichter, je
-energischer und acuter der Prozess vor sich geht; ja, allmählich wird
-selbst der Kern undeutlich. Dieser Zustand von =trüber Schwellung=, wie
-ich ihn genannt habe, ist an vielen gereizten Theilen der Ausdruck der
-nutritiven Irritation. Er begleitet eine gewisse Form der sogenannten
-Entzündung, und macht einen nicht geringen Theil desjenigen aus, was man
-seit alten Zeiten als =Entzündungsgeschwulst= (Tumor inflammatorius)
-bezeichnete.
-
- [160] Archiv IV. 277, 314, 316.
-
-[Illustration: =Fig=. 107. Abschnitt eines gewundenen Harnkanälchens aus
-der Rinde der Niere bei Morbus Brightii. _a_ die ziemlich normalen
-Epithelien, _b_ Zustand trüber Schwellung, _c_ beginnende fettige
-Metamorphose und Zerfall. Bei _b_ und _c_ grössere Breite des Kanals.
-Vergr. 300.]
-
-Zwischen diesen schon degenerativen Vorgängen und der einfachen
-Hypertrophie finden sich gar keine erkennbaren Grenzen. Wir können von
-vornherein nicht sagen, wenn wir einen solchen vergrösserten, mit
-reichlicherem Inhalte versehenen Theil antreffen, ob er sich noch
-erhalten oder ob er zu Grunde gehen wird, und daher ist es für den
-Anatomen, wenn er gar nichts über den Prozess weiss, durch den etwa eine
-solche Veränderung eingetreten ist, in vielen Fällen ausserordentlich
-schwierig, die einfache Hypertrophie von derjenigen Form der
-entzündlichen Prozesse zu scheiden, welche wesentlich mit einer
-Steigerung der Ernährungs-Aufnahme beginnt[161].
-
- [161] Archiv 1852. IV. 263. (Aus einer Vorlesung von 1847).
-
-Auch bei diesen Vorgängen ist es nicht wohl möglich, den einzelnen
-Elementen die Fähigkeit abzustreiten, von sich aus auf eine Anregung,
-die ihnen direct zukommt, eine vermehrte Stoff-Aufnahme stattfinden zu
-lassen; mindestens widerstreitet es allen Erfahrungen, anzunehmen, dass
-eine solche Aufnahme das Resultat einer besonderen Innervation sein
-müsse. Nehmen wir einen nach allen Beobachtungen ganz nervenlosen Theil,
-z. B. die Oberfläche eines Gelenkknorpels. Hier können wir, wie dies
-schon vor einer Reihe von Jahren durch die schönen Experimente von
-=Redfern= dargethan ist, durch direkte Reize Vergrösserungen der Zellen
-hervorbringen. Dasselbe beobachtet man im spontanen Ablaufe
-pathologischer Vorgänge. So zeigen sich nicht selten hügelartige
-Erhebungen der Knorpel-Oberfläche; wenn wir solche Stellen mikroskopisch
-untersuchen, so finden wir, wie ich in einem früheren Capitel an einem
-Rippenknorpel zeigte (S. 26, Fig. 14), dass die Zellen, welche sonst
-ganz feine, kleine, linsenförmige Körper darstellen, zu grossen, runden
-Elementen anschwellen, und in dem Maasse, als sie mehr Material in sich
-aufnehmen, ihre Grenzen hinausschieben, so dass endlich die ganze Stelle
-sich höckerig über die Oberfläche erhebt. Nun gibt es aber in dem
-Gelenkknorpel gar keine Nerven; die letzten Ausstrahlungen derselben
-liegen in dem Marke des zunächst anstossenden Knochens, welches von der
-gereizten Stelle der Oberfläche durch eine 1/2-1 Linie dicke, intacte
-Zwischenlage von Knorpelgewebe getrennt sein kann. Es wäre nun gewiss
-ausser aller Erfahrung, wenn man sich vorstellen sollte, dass ein Nerv
-von dem Knochenmarke aus eine specielle Action auf diejenigen Zellen der
-Oberfläche ausüben könne, welche der Punkt der Reizung gewesen sind,
-ohne dass die zwischen dem Nerven und der gereizten Stelle gelegenen
-Knochen- und Knorpelzellen gleichzeitig getroffen würden. Wenn wir
-durch einen Knorpel einen Faden ziehen, so dass weiter nichts, als ein
-traumatischer Reiz stattfindet, so sehen wir, wie alle Zellen, welche
-dem Faden anliegen, sich vergrössern durch Aufnahme von mehr Material.
-Die Reizung, welche der Faden hervorbringt, erstreckt sich nur bis auf
-eine gewisse Entfernung in den Knorpel hinein, während die weiter
-abliegenden Zellen durchaus unberührt bleiben. Solche Erfahrungen können
-nicht anders gedeutet werden, als dass der Reiz in der That auf die
-Theile einwirkt, welche er trifft; es ist unmöglich, zu schliessen, dass
-er auf irgend einem, der Doctrin vielleicht mehr entsprechenden Wege
-durch einen sensitiven Nerven zum Rückenmark geleitet und dann erst
-wieder durch Reflex auf die Theile zurückgeleitet werde.
-
-Freilich sind wenige Gewebe im Körper so vollständig nervenlos, wie der
-Knorpel; allein auch dann, wenn man die nervenreichsten Theile verfolgt,
-zeigt es sich überall, dass die Ausdehnung der Reizung oder, genauer
-gesagt, die Ausdehnung des Reizungsheerdes keinesweges der Grösse eines
-bestimmten Nerventerritoriums entspricht, sondern dass in einem sonst
-normalen Gewebe die Grösse des Heerdes wesentlich correspondirt mit der
-Ausdehnung der localen Reizung. Wenn wir das Experiment mit dem Faden an
-der =Haut= machen, so wird durch denselben eine ganze Reihe von
-Nerventerritorien durchschnitten. Es werden aber keinesweges die ganzen
-Territorien der Nerven, welche an dem Faden liegen, in denselben
-krankhaften Zustand versetzt, sondern die nutritive Reizung beschränkt
-sich auf die nächste Umgebung des Fadens. Kein Chirurg erwartet bei
-solchen Operationen, dass etwa alle Nerventerritorien, welche der Faden
-kreuzt, in ihrer ganzen Ausdehnung erkranken. Ja, man würde sich in
-hohem Grade über die Natur beklagen müssen, wenn jede Ligatur, jedes
-Setaceum über die Grenzen, welche es zunächst berührt, hinaus auf die
-ganze Ausbreitung der Nervenbezirke, welche es durchsetzt, einen
-Entzündung erregenden Einfluss ausübte. An der =Hornhaut= lässt sich
-dies Verhältniss sehr klar verfolgen: an Stellen, wo keine Gefässe mehr
-hinreichen, liegen noch Nerven; sie besitzen eine netzförmige Anordnung
-und lassen kleinere Gewebsbezirke zwischen sich, welche frei von Nerven
-sind. Wenden wir nun irgend ein Reizmittel direkt auf die Hornhaut an,
-z. B. eine glühende Nadel oder Lapis infernalis, so entspricht der
-Bezirk, welcher dadurch in krankhafte Thätigkeit versetzt wird,
-keinesweges einer Nervenausbreitung. Es kam einmal vor, als Hr.
-=Friedr=. =Strube= unter meiner Anleitung seine Untersuchungen über die
-Hornhaut machte[162], dass die Aetzung bei einem Kaninchen gerade einen
-stärkeren Nervenfaden traf, allein die Erkrankung fand sich nur in der
-nächsten Umgebung dieser Stelle, keinesweges im ganzen Gebiete des
-Nerven.
-
- [162] =Fr=. =Strube.= Der normale Bau der Cornea und die
- pathologischen Abweichungen in demselben. Inaug. Diss. Würzb.
- 1851. S. 23.
-
-Man kann also, auch wenn man Erfahrungen, wie ich sie vom Knorpel
-angeführt habe, nicht gelten lassen will, durchaus nicht umhin,
-zuzugeben, dass die Erscheinungen der Reizung an nervenhaltigen Theilen
-keine anderen sind, als an nervenlosen, und dass der nächste Effect
-wesentlich darauf beruht, dass die umliegenden Elemente sich
-vergrössern, anschwellen, und wenn es ihrer viele sind, dadurch eine
-Geschwulst des ganzen Theiles entsteht. Das ist es, was man beobachtet,
-wenn man irgendwo einen Ligaturfaden durch die Haut hindurchzieht.
-Untersucht man am folgenden Tage die nächste Umgebung des Fadens, so
-sieht man die active Vergrösserung der zelligen Elemente, ganz
-unbeschadet der Gefäss- oder Nervenverbreitungen, welche vorhanden sind.
-
-Es liegt hier, wie man sieht, ein wesentlicher Unterschied vor von
-denjenigen Ansichten, welche man gewöhnlich über die nächsten
-Bedingungen dieser Schwellungen aufgestellt hatte. Nach dem alten Satze:
-Ubi stimulus, ibi affluxus, dachte man sich gewöhnlich, dass das
-Nächste, welches einträte, die vermehrte Zuströmung des Blutes sei,
-welche von den Neuropathologen wieder zurückgeführt wurde auf die
-Erregung sensitiver Nerven, und dass dann die unmittelbare Folge der
-vermehrten Zuströmung eine vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit sei,
-welche das Exsudat constituire, das den Theil erfüllt.
-
-In den ersten schüchternen Versuchen, welche ich machte, diese
-Auffassung zu ändern, habe ich deshalb auch noch den Ausdruck des
-=parenchymatösen Exsudates= gebraucht[163]. Ich hatte mich nehmlich
-überzeugt, dass an vielen Stellen, wo eine Schwellung erfolgt war,
-absolut nichts weiter zu sehen war, als die bekannten Theile des
-Gewebes (Parenchym). An einem Gewebe, welches aus Zellen besteht, sah
-ich auch nach der Schwellung (Exsudation) nur Zellen, an Geweben mit
-Zellen und Intercellularsubstanz nur Zellen und Intercellularsubstanz,
--- die einzelnen Elemente allerdings grösser, voller, mit einer Menge
-von Stoff erfüllt, mit welcher sie nicht hätten erfüllt sein sollen,
-aber kein Exsudat in der Weise, wie man sich dasselbe bis dahin dachte,
-frei oder in den Zwischenräumen des Gewebes. Alle Masse war innerhalb
-der Elemente, im eigentlichen Parenchym des Organes enthalten. Das war
-es, was ich mit dem Ausdrucke des parenchymatösen Exsudates sagen
-wollte, und wovon ich den Namen der parenchymatösen Entzündung
-ableitete. Allerdings ist dieser Name schon vor mir gebraucht worden,
-aber in einem anderen Sinne, als der war, den ich meinte, und der
-seitdem gangbarer geworden ist, als es nothwendig war. Ich sprach von
-Exsudat, insofern damals (1846) alle im Laufe krankhafter Vorgänge an
-die Oberfläche oder in das Innere der Theile tretenden Stoffe unter
-diesem Namen zusammengefasst wurden. Indess schon sehr frühzeitig führte
-ich diese Art der Exsudate auf Abweichungen der Ernährungsströme
-(Osmose) zurück. Nachdem ich später die nutritive Activität der
-organischen Elemente, die Ansaugung der Flüssigkeiten durch die Zellen
-als das Entscheidende kennen gelernt hatte, erschien der Ausdruck
-Exsudat allerdings ganz ungenau, und ich habe längst aufgehört, ihn für
-diese Zustände zu gebrauchen. =Parenchymatöse Schwellung= drückt das
-Besondere derselben vollständig aus. Dieser Ausdruck besagt, dass eine
-besondere Form der Reizung besteht, welche von anderen Formen bestimmt
-unterschieden werden muss, insofern hier die einmal gegebenen
-constituirenden Elemente des Gewebes eine grössere Masse von Stoff in
-sich aufnehmen, sich dadurch vergrössern und anschwellen, während
-ausserhalb dieser vergrösserten Elemente weiter nichts vorhanden ist. Es
-handelt sich dabei also um eine Art von =acuter Hypertrophie mit Neigung
-zur Degeneration=.
-
- [163] Archiv IV. 261, 274.
-
-Ein besonderes charakteristisches Beispiel solcher Entzündung mag
-folgender Fall zeigen. Es war dies eines der auffälligsten Beispiele,
-welche mir vorgekommen sind. Es handelte sich dabei um eine sogenannte
-Keratitis. Bei einem Kranken des Herrn =von Gräfe= fand nach heftiger
-diffuser phlegmonöser Entzündung der Extremitäten eine äusserst
-schnelle entzündliche Trübung der Hornhaut statt. Als mir die Hornhaut
-übergeben wurde, schien es mir, als ob sie in ihrer ganzen Dicke
-undurchsichtig und geschwollen wäre. Die Gefässe des Randes waren stark
-mit Blut gefüllt. Als ich aber die Hornhaut durch einen senkrechten
-Schnitt in zwei Hälften zerlegte, und parallel der Schnittfläche
-verticale Durchschnitte führte, so ergab sich alsbald, schon bei
-schwacher Vergrösserung, dass die Trübung keinesweges gleichmässig durch
-die ganze Ausdehnung der Hornhautschnitte ging, sondern sich auf eine
-bestimmte Zone beschränkte. Diese Zone ist so charakteristisch in
-Beziehung auf die verschiedenen möglichen Deutungen, dass der Fall, wie
-ich glaube, ein ganz besonderes Interesse für die Prüfung der Theorie
-darbietet.
-
-[Illustration: =Fig=. 108. Parenchymatöse Keratitis. Durchschnitt durch
-die Hälfte der Cornea. _A_, _A_ vordere (äussere), _B_, _B_ hintere
-(innere) Seite der Hornhaut. _C_, _C_ die getrübte Zone mit
-vergrösserten Hornhautkörperchen. Vergr. 18.]
-
-Es zeigte sich nämlich, dass die Trübung unmittelbar vom Rande der
-Hornhaut begann, und zwar nur an der hinteren (inneren) Seite, dicht an
-der Descemetschen Haut, da wo sich die Iris anschliesst. Von da stieg
-die Trübung fast treppenförmig in dem Hornhautschnitt nach vorne hinauf
-bis in einige Entfernung von der äusseren Oberfläche. Ohne letztere zu
-erreichen, ging sie gleichmässig bis zur Mitte der Hornhaut fort, um auf
-der anderen Seite in ähnlicher Weise wieder herunterzugehen. So bildete
-sich ein trüber Bogen durch die ganze Ausdehnung des Hornhautschnittes
-hindurch, welcher die äussere (vordere) Oberfläche nirgends erreichte
-und auch die mittleren Theile der hinteren Fläche frei liess. Denkt man
-sich die Ernährung der Hornhaut ausgehend vom Humor aqueus, so passt
-diese Form der Trübung nicht, denn man müsste vielmehr erwarten, dass
-dann zunächst die (innerste) hinterste Schicht in ihrer ganzen
-Ausdehnung verändert würde.[164] Handelte es sich umgekehrt um eine
-Einwirkung von aussen, so müsste die Trübung in den äussersten Schichten
-liegen. Hinge die Trübung wesentlich ab von den Gefässen, so würden wir,
-da die Gefässe nur am Rande und mehr an der vorderen Fläche liegen, hier
-die Haupt-Erkrankung haben erwarten können. Gingen endlich die
-Veränderungen von den Nerven aus, so würden wir eine netzförmige
-Verbreitung, aber nicht einen Bogen in dem Durchschnitt finden.
-
- [164] Archiv IV. 285. XIV. 53.
-
-Den Bau der Hornhaut habe ich schon früher (S. 125) besprochen. Ich
-führte an, dass er im Allgemeinen blätterig (lamellös) sei, dass aber
-die Blätter nicht wirklich getrennt seien, sondern vielmehr unter
-einander zusammenhingen, indem eine überall continuirliche Grund- oder
-Intercellularsubstanz durch regelmässige Lagen von Zellen
-(Hornhautkörperchen) in parallele Schichten abgetheilt würde. Der
-vorliegende Fall zeigt also auch darin eine Besonderheit, dass die
-Trübung nicht in denselben Schichten (Blättern, Lamellen) blieb, sondern
-dass sie, indem sie sich von einem Blatte zum anderen fortsetzte, eines
-nach dem anderen wieder verliess, um in das nächst höhere oder tiefere
-fortzugehen. Woraus bestand nun aber die, zugleich mit Anschwellung der
-Hornhaut verbundene Trübung oder kurzweg, die =trübe Schwellung=? Etwa
-in der Art, wie man sich dies früher meist vorstellte, aus einem
-zwischen die Hornhautblätter ergossenen, einem sogenannten
-interstitiellen Exsudate? Im Gegentheil, bei stärkerer Vergrösserung
-zeigte sich sofort, was man übrigens bei jeder Form von Keratitis
-constatiren kann, dass die Veränderung wesentlich an den Körpern oder
-Zellen der Hornhaut bestand. In dem Maasse, als man sich von aussen oder
-innen her der getrübten Stelle näherte, sah man die kleinen und schmalen
-Elemente der normalen Theile immer grösser und trüber werden. Zuletzt
-fanden sich an ihrer Stelle starke, fast kanalartige Züge oder
-Schläuche. Während diese Vergrösserung der Elemente, diese, wie gesagt,
-=acute Hypertrophie= erfolgt, wird zugleich der Inhalt der Zellen
-trüber, und diese Opacität des Inhaltes ist es, welche wiederum die
-Trübung der ganzen Haut bedingt. Die eigentliche Grund- oder
-Intercellularsubstanz kann dabei vollkommen frei sein. Die Trübung
-hinwiederum war durch die Anwesenheit feiner Körnchen bedingt, welche
-zum Theil fettiger Natur waren, so dass der Prozess schon einen
-degenerativen Charakter anzunehmen schien. Ich würde auch gar kein
-Bedenken getragen haben, zu glauben, dass hier eine Zerstörung der
-Hornhaut wirklich eingeleitet war, allein Herr =von Gräfe=[165]
-versicherte mich, dass nach seiner Erfahrung eine solche Keratitis sich
-bei glücklichem Verlaufe wieder zurückbilden könne. In der Sache liegt
-auch durchaus nichts, was dieser Möglichkeit widerstreitet; da die
-Zellen noch existiren und nur ihr veränderter Inhalt durch Resolution
-und Resorption weggeschafft werden muss, so kann ja eine vollständige
-Restitution eintreten.
-
- [165] A. v. =Gräfe= gehörte im Jahre 1858, als ich diese Vorträge
- hielt, zu meinen fleissigsten Zuhörern. Ich war ebenso überrascht,
- als gerührt, als ich in diesen Tagen in einem Exemplare der
- Cellular-Pathologie aus seinem Nachlasse noch die von seiner Hand
- geschriebenen Notizen fand, in denen er den Gang der Vorträge für
- sich verzeichnet hatte.
-
-[Illustration: =Fig=. 109. Parenchymatöse Keratitis (vergl. Fig. 108)
-bei stärkerer Vergrösserung. Bei _A_ die Hornhautkörperchen in fast
-normaler Weise, bei _B_ vergrössert, bei _C_ und _D_ noch stärker
-vergrössert und zugleich getrübt. Vergröss. 350.]
-
-Gerade dieser Gesichtspunkt der =einfach nutritiven
-Restitutionsfähigkeit= so veränderter Gewebe ist es, der für die
-praktische Auffassung eine sehr grosse Bedeutung hat. Hier, wo weiter
-nichts vorgegangen ist, als dass die Elemente vermöge ihrer Activität
-eine grössere Masse von Stoff in sich aufgehäuft haben, hier kann
-möglicher Weise auch der Ueberschuss von Stoff wieder entfernt werden,
-ohne dass die Elemente angegriffen werden. Die Elemente können einen
-Theil dieses Inhaltes umsetzen, in lösliche Stoffe verwandeln
-(Resolution), und das Material kann in dieser löslichen Form auf
-demselben Wege, auf dem es gekommen, wieder verschwinden (Resorption).
-Die Structur des Gewebes im Grossen bleibt dabei dieselbe; es ist nichts
-Neues oder Fremdartiges zwischen die Theile eingeschoben; das Gewebe
-bleibt in seiner natürlichen Anlage und in seiner ursprünglichen
-Zusammensetzung unverändert.
-
-Das ist die parenchymatöse Entzündung, der höchste Grad der nutritiven
-Reizung, ein Vorgang, der sich unmittelbar an die Hypertrophie
-anschliesst und der nur dadurch, dass in sehr kurzen Zeiträumen die
-beträchtlichste Aufnahme von neuem Stoff in die Elemente des Gewebes
-stattfindet, die Gefahr des inneren Zerfalls, der nachfolgenden
-Degeneration mit sich bringt. Denn obwohl die Elemente als die
-eigentlich thätigen, activen Theile die Stoffe an sich ziehen und in
-sich aufnehmen, so kann es doch sein, dass sie dieselben
-nicht =assimiliren=, dass dieselben keine dem natürlichen
-Mischungsverhältnisse des Zellenkörpers homologe Beschaffenheit
-erreichen und so die Constitution desselben zerrütten[166]. Der
-gewöhnliche Ausgang des Prozesses ist daher die Nekrobiose, wobei
-entweder eine direkte Erweichung, oder, was noch häufiger und bei
-subacutem und chronischem Verlaufe die Regel ist, Fettmetamorphose
-eintritt. Auf den activen Anfang folgt demnach ein passives Ende. Wenn
-man den ersteren eine Entzündung nennt, so kann man sagen, es gehe die
-parenchymatöse Entzündung in Erweichung oder Fettmetamorphose aus.
-Letztere sind spätere Stadien oder Ausgänge der Entzündung.
-
- [166] Archiv XIV. 35.
-
-Die parenchymatösen Entzündungen gehören mit zu den allerhäufigsten
-und zugleich schwersten Erkrankungen des Menschen. Sie begleiten[167]
-insbesondere die Mehrzahl der von mir so genannten Infectionskrankheiten:
-die acuten Exantheme (Scharlach, Pocken), den Typhus, die Puerperal- und
-Wundfieber, die phlegmonösen und erysipelatösen Prozesse, viele
-Intoxicationen. Nicht selten findet man sie gleichzeitig an zahlreichen
-Organen des Körpers, namentlich an den Nieren und der Leber, dem Herzen
-und den willkürlichen Muskeln, so jedoch, dass bei einzelnen
-Infectionskrankheiten dieses, bei anderen jenes Organ stärker und
-häufiger ergriffen zu sein pflegt.
-
- [167] Gesammelte Abhandlungen 701, 703.
-
-Manche haben bezweifelt, ob man in der That ein Recht habe, diese
-Vorgänge als Entzündungen und als unmittelbare Wirkungen der
-Entzündungsursache anzusehen. Insbesondere ist die Meinung aufgestellt,
-die parenchymatösen Veränderungen seien nur die Folge primärer
-Veränderungen in dem Interstitialgewebe. An den Nieren z. B. erkranke
-das Epithel nur deshalb, weil das umgebende Bindegewebe verändert sei.
-Ich muss dies bestimmt in Abrede stellen. Es gibt sehr ausgedehnte
-interstitielle Nephritiden, bei denen das Epithel wenig oder gar nicht
-verändert wird, und ebenso die allerstärksten parenchymatösen Formen,
-bei welchen, wenigstens von Anfang an, das Interstitialgewebe ganz
-intact ist. Ich möchte aber rathen, diese Frage überhaupt nicht an den
-zusammengesetzten Organen zu studiren. Wählt man ein Organ, wie die
-Niere, in welchem ausser dem specifischen Parenchym (den mit Zellen
-besetzten Kanälchen) noch interstitielles Gewebe vorhanden ist, so
-geräth man in eine eigenthümliche Schwierigkeit, an welcher die von mir
-gewählte, in dieser Beziehung nicht ganz glückliche Terminologie die
-Schuld trägt. Der von =Erasistratus= herstammende Name des Parenchyms,
-als Ausdruck für die Substantia propria, schafft hier einen Gegensatz
-zwischen dem epithelialen und dem bindegewebigen Antheil, der an anderen
-Organen nicht vorhanden ist. An der Hornhaut nennen wir gerade den
-bindegewebigen Antheil Parenchym und trennen von demselben das vordere
-und hintere Epithel als besondere Häute. Parenchymatöse Keratitis hat
-daher in Beziehung auf das befallene Gewebe einen ganz anderen Sinn, als
-parenchymatöse Nephritis. In Beziehung auf den Prozess aber, und darauf
-kam es mir für die Terminologie allein an, besteht die vollständigste
-Uebereinstimmung, denn es sind in beiden Fällen die Gewebselemente
-selbst, welche die Veränderung und zwar eine acute, irritative
-Ernährungsstörung erfahren. Zweifelt jemand daran, ob diese wirklich
-irritativ sei, so möge er doch die Untersuchung an einfachen Theilen,
-wie die Hornhaut, das Bindegewebe, die Knorpel, beginnen. Hier lassen
-sich durch mechanische, thermische, chemische Reizung die vollkommensten
-Formen der parenchymatösen Entzündung hervorrufen. --
-
-[Illustration: =Fig=. 110. Elemente aus einer von Herrn =Textor= 1851
-exstirpirten melanotischen Geschwulst an der Parotis. _A_ Freie Zellen
-mit Theilung der Kernkörperchen und Kerne. _B_ Netz der
-Bindegewebskörperchen mit Kerntheilung. Vergr. 300.]
-
- * * * * *
-
-An die Vorgänge der nutritiven Reizung schliessen sich sehr oft
-unmittelbar die Anfänge =formativer Veränderungen= an. Wenn man nehmlich
-an bestimmten Theilen die fortschreitende, sich steigernde Reizung
-verfolgt, so sieht man, dass die Elemente oft kurze Zeit, nachdem sie
-eine nutritive Vergrösserung erfahren haben, weitere Veränderungen
-zeigen, welche nicht mehr der Ernährung angehören. Meist beginnen die
-letzteren im Inneren der Kerne[168]. Gewöhnlich ist das Erste, was man
-wahrnimmt, dass das Kernkörperchen (Nucleolus) ungewöhnlich gross, in
-vielen Fällen etwas länglich, zuweilen stäbchenförmig wird. Dann folgt
-als nächstes Stadium, dass das Kernkörperchen eine Einschnürung bekommt,
-bisquitförmig wird; etwas später findet man zwei Kernkörperchen. Diese
-=Theilung= der Kernkörperchen bezeichnet das bevorstehende Theilen des
-Kernes selber. Das folgende Stadium ist dann, dass um einen solchen
-getheilten Kernkörper auch eine bisquitförmige Einschnürung und später
-eine wirkliche Theilung des Kernes zu Stande kommt, wie wir sie schon
-früher bei den farblosen Blut-und Eiterkörperchen gesehen haben (Fig. 8,
-_A b_. 65. 72). Hier handelt es sich offenbar um etwas wesentlich
-Anderes, als vorhin bei der nutritiven Reizung. Bei der einfachen oder
-degenerativen Hypertrophie bleibt, zunächst wenigstens, der Kern ganz
-intact; hier dagegen, bei der formativen Reizung, wird der Kern häufig
-sehr früh verändert, während der Zellkörper eine relativ geringe
-Abweichung erfährt, höchstens dass er grösser wird, woraus wir
-schliessen, dass eine gewisse Menge von neuem Inhalt aufgenommen ist.
-
- [168] Ueber die Theilung der Zellenkerne. Archiv XI. 89.
-
-[Illustration: =Fig=. 111. Markzellen des Knochens, _a_ Kleine Zellen
-mit einfachen und getheilten Kernen. _b_, _b_ Grosse, vielkernige
-Elemente. Vergr. 350. Nach =Kölliker= Mikr. Anat. I. 364. Fig. 113.]
-
-In manchen Fällen beschränken sich die Veränderungen auf diese Reihe von
-Umbildungen, als deren Schluss die Theilung des Kernes zu betrachten
-ist. Diese kann sich wiederholen, so dass 3, 4 Kerne und mehr entstehen
-(Fig. 16, _b_, _c_, _d_). So kommt es, dass wir zuweilen Zellen finden,
-nicht bloss unter pathologischen Verhältnissen, sondern auch nicht
-selten bei ganz normaler Entwickelung, welche 20-30 Kerne und noch mehr
-besitzen. Im Marke der Knochen, namentlich bei jungen Kindern, finden
-sich umfangreiche Gebilde, welche ganz voller Kerne stecken, und in
-welchen die Kerne zuweilen so gross werden, wie die ganze ursprüngliche
-Zelle. =Robin=, der sie zuerst auffand, aber ihre zellige Natur nicht
-erkannte, nannte sie aus letzterem Grunde vielkernige Platten (plaques à
-plusieurs noyaux) und neuerlichst Markplatten (myéloplaxes). Indess sind
-es wirkliche, vergrösserte Zellen. Aber sie sind nicht auf das
-Knochenmark beschränkt, sondern sie finden sich, besonders unter
-pathologischen Verhältnissen, an den verschiedensten Orten. Eine Reihe
-solcher Beispiele habe ich früher[169] zusammengestellt und durch
-Abbildungen erläutert, darunter auch das von =Frey= hervorgehobene,
-jedoch nicht ganz richtig gedeutete Vorkommen solcher Gebilde in
-Lymphdrüsen. Dieselben Bildungen kommen besonders in manchen
-Geschwülsten so massenhaft vor, dass man in England danach eine
-besondere Geschwulst-Species unterscheidet, welche nach dem Vorschlage
-von =Paget= als =Myeloid-Tumor= (Markgeschwulst) in die Classification
-aufgenommen ist. Der jüngere =Nélaton= hat sie später als Tumeur à
-myéloplaxes wieder beschrieben. Ich kann eine besondere Species von
-Geschwulst darin nicht erkennen; es sind in der Regel sarcomatöse
-Formen[170]. Jede ausschliessliche Beziehung zum Knochenmark muss diesen
-Zellen abgesprochen werden. Denn sie finden sich auch in Geschwülsten
-der Weichtheile, die gar nichts mit Knochen zu thun haben, und,
-wenngleich weniger gross, in lymphatischen Neubildungen, z. B. beim
-Typhus, bei Tuberkulose, bei der Perlsucht des Rindviehs[171]. Ich habe
-daher denselben den allgemeinen Namen der =Riesenzellen= (cellulae
-giganteae) beigelegt (S. 95, Fig. 31).
-
- [169] Archiv XIV. 46.
-
- [170] Geschwülste II. 209, 316, 337.
-
- [171] Ebendas. II. S. 618, 637, 638, 672, 746.
-
-Der gereizte Muskel zeigt ganz ähnliche Formen[172]. Während für
-gewöhnlich die quergestreiften Muskeln in gewissen Abständen mit Kernen,
-jedoch nicht sehr reichlich, versehen sind, so finden wir, wenn wir
-einen Muskel in der Nähe einer gereizten Stelle, z. B. einer Wunde,
-einer Aetzungs- oder Geschwürsfläche, einer Trichine untersuchen, dass
-in den Primitivbündeln eine Vermehrung der Kerne vor sich geht. Zuerst
-bemerkt man Kerne mit zwei Kernkörperchen; dann kommen eingeschnürte,
-dann getheilte Kerne (vgl. Fig. 25, _b_, _c_. 26, _B_, _C_), und so geht
-es fort, bis wir an einzelnen Stellen, wo die Theilungen massenhaft
-geschehen sind, ganze Gruppen von Kernen neben einander, oder ganze
-Reihen derselben hinter einander finden (Fig. 112). In den
-ausgesprochenen Fällen dieser Art nimmt die Zahl der Kerne so sehr zu,
-dass man auf den ersten Blick kaum noch Muskeln zu sehen glaubt, und
-dass Bruchstücke der Primitivbündel die grösste Aehnlichkeit darbieten
-mit jenen Plaques à plusieurs noyaux im Knochenmark. Diese excessive
-Vermehrung der Kerne, =Nucleation=[173] ist etwas ganz Eigenthümliches,
-welches schon an den Anfang einer wirklichen Neubildung anstreift,
-obwohl die Neubildung im gewöhnlichen Sinne sich nicht auf einzelne
-Theile der Zellen beschränkt. Aber gerade für die Muskeln ist es sehr
-wichtig, dass genau dieselbe Beschränkung bei der ersten embryonalen
-Bildung, im Laufe des ersten Wachsthums der Muskelprimitivbündel
-stattfindet. Denn dies ist der Modus, wie der Muskel ursprünglich
-wächst. Wenn man einen wachsenden Muskel verfolgt, so sieht man
-dieselbe Theilung der Kerne; nachdem Gruppen und Reihen von Kernen in
-ihm entstanden sind, so schieben sich diese beim Wachsen durch immer
-reichlichere Zwischenmasse allmählich aus einander. Obwohl nun ein
-Längenwachsthum an dem pathologisch gereizten Muskel nur dann mit
-Sicherheit demonstrirt werden kann, wenn der Muskel zugleich ausgedehnt
-wird, wie dies durch die Spannung unterliegender Geschwülste, am Herzen
-durch Widerstände der Circulation geschieht, so müssen wir doch die
-vollkommene Analogie mancher krankhaften Reizungsvorgänge am Muskel mit
-den natürlichen Wachsthumsvorgängen als eine sichere Thatsache
-festhalten. Denn der bildende Akt des wirklichen Wachsthums beginnt mit
-einer Vermehrung der Centren, und als solche müssen, wie schon vor
-langer Zeit =John Goodsir= gezeigt hat, die Kerne in Beziehung auf die
-Zellen betrachtet werden[174].
-
- [172] Archiv IV. 313. XIV. 51. Taf. I. Fig. 3 _c_.
-
- [173] Archiv XIV. 62.
-
- [174] Archiv IV. 383. IX. 43. XIV. 32.
-
-[Illustration: =Fig=. 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln des
-Oberschenkels im Umfange einer Krebsgeschwulst. Bei _A_ ein
-Primitivbündel, dessen Querstreifung nicht überall ausgeführt worden
-ist, mit seinem natürlichen, spindelförmigen Ende _f_, und mit
-beginnender Kernvermehrung. _B_ Starke Kernwucherung. Vergröss. 300.]
-
-Geht man nun einen Schritt weiter in der Betrachtung dieser Vorgänge, so
-kommen wir an die =Neubildung der Zellen selbst (Cellulation)=. Nachdem
-die Wucherung der Kerne stattgefunden hat, so kann allerdings, wie wir
-gesehen haben, die Zelle als zusammenhängendes Gebilde sich noch
-erhalten, allein die Regel ist doch, dass schon nach der ersten
-Kerntheilung die Zellen selbst der Theilung verfallen, und dass nach
-einiger Zeit zwei, dicht neben einander liegende, durch eine mehr oder
-weniger gerade Scheidewand getrennte, je mit einem besonderen Kern
-versehene Zellen gefunden werden (Fig. 9, _b_, _b_). =Fissipare= Bildung
-ist der regelmässige Modus der Vermehrung organischer Elemente. Die
-beiden durch die Theilung entstandenen Zellen können später auseinander
-rücken, wenn es ein Gewebe ist, welches Intercellularsubstanz erzeugt
-(Fig. 9, _c_, _d_), oder dicht aneinander liegen bleiben, wenn es sich um
-ein bloss aus Zellen bestehendes Gewebe handelt (Fig. 29, _C_). Bei
-weiterem Verlaufe kann eine immer fortgehende Theilung der Zellen
-stattfinden und zu dem Entstehen grosser Zellengruppen aus ursprünglich
-einfachen Elementen führen (Fig. 14. 23).
-
-Am bequemsten übersieht man dies am wachsenden oder gereizten Knorpel.
-Durch die fortgesetzte Theilung der ursprünglich einfachen Knorpelzellen
-entstehen anfangs kleine Häufchen verhältnissmässig kleiner Zellen.
-Letztere vermehren sich von Neuem fissipar, die Häufchen werden grösser.
-Endlich wachsen auch die neugebildeten Zellen durch Intussusception
-neuer Stoffe und zuletzt werden sie grösser, als die ursprünglichen
-Zellen, von denen sie ausgegangen sind. Es war dies der Punkt, wo ich
-zuerst auf die Uebereinstimmung des thierischen Wachsthums mit dem
-pflanzlichen aufmerksam wurde[175], und von wo aus ich allmählich das
-Gesetz der continuirlichen Entwickelung (S. 24) durch immer mehr
-ausgedehnte Untersuchungen aufbauen konnte.
-
- [175] Archiv (1849) III. 220. Einheitsbestrebungen in der
- wissenschaftlichen Medicin. Berlin 1849 S. 35. Gesammelte
- Abhandl. 43. Archiv XIV. 38.
-
-[Illustration: =Fig=. 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden
-Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes. Längsschnitt. _a_ Die zum
-Theil einfachen, zum Theil in die Wucherung eintretenden Knorpelelemente
-an der Epiphysengrenze. _b_ Die durch wiederholte Theilung einfacher
-Zellen entstandenen Zellengruppen. _c_ Die durch Wachsthum und
-Vergrösserung der einzelnen Zellen bedeutend entwickelten Zellengruppen
-gegen den Verkalkungsrand der Diaphyse hin; die Intercellularsubstanz
-immer spärlicher. _d_ Durchschnitt eines Blutgefässes. Vergröss. 150.]
-
-Der plastische Vorgang ist natürlich am einfachsten zu übersehen in
-Geweben, welche ganz und gar aus Zellen bestehen, daher am besten am
-Epithel. Er ist hier um so mehr charakteristisch, als wenigstens die
-geschichteten Epithelien fort und fort in der Neubildung begriffen sind
-und in ausgezeichnetem Sinne abfällige Gewebe (S. 70) darstellen. Das
-Haar wächst, indem immer neue Elemente an seiner Zwiebel gebildet
-werden, welche die älteren vor sich her schieben; das Nagelblatt wird
-durch immer neuen Nachwuchs vom Falze her über das Nagelbett
-fortgedrängt (S. 34); die Epidermis selbst regenerirt sich fortwährend
-aus den oberen Lagen des Rete Malpighii. Aehnlich verhält es sich mit
-den lymphatischen Drüsen, deren Zellen immer neu entstehen und als
-vollständig getrennte Elemente sich von einander scheiden.
-
-Ungleich verwickelter sind die Verhältnisse in bindegewebigen Theilen,
-wo die neuen Zellen um sich wieder Intercellularsubstanz ausscheiden und
-diese oft so reichlich wird, dass die Zellen dadurch ganz in den
-Hintergrund der Betrachtung gedrängt werden. Bis zu dem Augenblicke, wo
-ich die Struktur des Bindegewebes kennen lehrte, richtete
-sich daher auch die Aufmerksamkeit fast ausschliesslich auf die
-Intercellularsubstanz oder, wie man oft sagte, auf die Fasern, und die
-wunderbarsten Theorien der Neubildung bauten sich auf dieser
-missverstandenen Interpretation der Gewebsstruktur auf. In Wahrheit geht
-die Bildung des Bindegewebes ebenso durch Vermehrung der Zellen vor
-sich, wie die der epithelialen Formationen, und in günstigen Objecten
-kann man sogar die Reihen der jungen Elemente weit sicherer wahrnehmen,
-da sie durch die Intercellularsubstanz festgehalten und gleichsam
-eingemauert sind. An der Stelle einzelner Spindelzellen sieht man dann
-zuweilen lange Reihen semmelförmig an einander gereihter Rundzellen; ja
-in einzelnen Fällen findet man im Anschlusse an einen Grundstock von
-Spindelzellen zahlreiche ausstrahlende Reihen von jungen, theils
-länglichen, theils rundlichen Zellen, welche die junge Brut des durch
-die Reizung veränderten Nachbargewebes darstellen (Fig. 113, II.). Je
-langsamer und anhaltender die Vermehrung erfolgt, um so mehr überzeugend
-sind die Objecte, und daher eignen sich Geschwulsttheile dazu im Ganzen
-mehr, als entzündliche Neubildungen.
-
-[Illustration: =Fig=. 113, II. Mikroskopischer Schnitt aus einem
-Myxosarcom des Oberkiefers. Reihenweise Proliferation der Zellen mit
-Ausscheidung hyaliner Intercellularsubstanz. Vergr. 350.]
-
-Den Vorgang der Zellenvermehrung nenne ich =Wucherung=,
-=Proliferation=[176]. Was im wachsenden Körper als Ausdruck eines
-unbekannten, von der Befruchtung her fortdauernden, =immanenten= Reizes,
-den ich den =Wachsthumsreiz= nennen will, erfolgt, das tritt im
-erwachsenen Körper als das Resultat einer direkten Reizung der Gewebe
-ein. Kehren wir z. B. auf den Fall zurück, welchen wir vorhin
-betrachteten, dass ein einfach mechanischer Reiz durch das Einziehen
-eines Fadens in die Theile gesetzt wird, so beschränkt sich in der Regel
-die eintretende Schwellung nicht einfach auf die Vergrösserung der
-bestehenden Elemente (nutritive Reizung), sondern es finden Theilungen
-und Vermehrungen derselben statt (formative Reizung). Im Umfange eines
-Fadens, welchen wir durch die Haut ziehen, zeigt sich gewöhnlich schon
-am zweiten Tage eine Reihe von jungen Elementen[177]. Dieselbe
-Veränderung kann man durch einen chemischen Reiz hervorbringen. Wenn man
-z. B. ein Kauter an die Oberfläche eines Theiles applicirt, so ist das
-Nächste, dass die Zellen anschwellen, aber alsbald beginnen bei
-regelmässigem Fortgange der Reizung die Elemente sich zu theilen und es
-tritt eine mehr oder weniger reichliche Wucherung der Zellen ein.
-
- [176] Spec. Pathol. und Ther. I. 330.
-
- [177] Archiv XIV. 61.
-
-Ein Umstand erschwert das Studium dieser Neubildungs-Vorgänge in hohem
-Maasse. Es ist dies die =Auswanderung der farblosen Blutkörperchen=,
-welche selbst in das Innere von Geweben in grösserer Zahl eindringen und
-sich hier mit den Elementen der Gewebe mischen. In manchen Fällen ist es
-unmöglich zu erkennen, was ausgewandert und was neugebildet ist. Viele
-der neueren Beobachter, welche sich nur vorübergehend mit Forschungen
-dieser Art beschäftigt haben, sind daher auf den schon von
-G. =Zimmermann= aufgestellten Satz zurückgekommen, dass alle Neubildung
-von den farblosen Blutkörperchen ausgehe. Einige haben das Wachsthum der
-epithelialen Gewebe auf Wanderzellen zurückgeführt; andere haben das
-Bindegewebe, die Muskeln und Nerven daraus hervorgehen lassen. Diese
-Einseitigkeit ist, wie zum Theil schon durch umständliche, unter allen
-Cautelen vorgenommene Untersuchungen festgestellt ist, durchaus
-irrthümlich. Sie ist weder für die epitheliale, noch für die
-bindegewebigen Theile zulässig. Wie im Knorpel, bei dem meines Wissens
-noch niemand die jungen Elemente auf farblose Blutkörperchen gedeutet
-hat, die alten Zellen (=Mutterzellen=) sich theilen und neue Zellen
-(=Tochterzellen=) hervorbringen, unter deren Erzeugung sie selbst
-aufhören zu existiren, so bringen auch die Bindegewebskörperchen durch
-progressive Theilung neue Brut hervor. Die epithelialen Zellen erleiden,
-wie =Eberth=, F. =Hoffmann= und =Heiberg= gezeigt haben, nicht selten
-eigenthümliche Gestaltveränderungen, partielle Verlängerungen und
-Auswüchse, ehe sich ihre Theile von einander trennen. An Hornhautzellen
-hat =Stricker= vor der Theilung mancherlei amöboide Erscheinungen
-wahrgenommen, welche der Mobilisirung dieser Elemente entsprechen. Von
-den Blutcapillaren weiss man schon seit langer Zeit, namentlich durch
-=Kölliker= und =Joseph Meyer=, dass von ihnen zunächst Fortsätze
-aussprossen, welche Kerne erhalten, zellig werden und endlich neue
-Capillaren herstellen.
-
-Die Erfahrungen von der Auswanderung der farblosen Blutkörperchen, weit
-entfernt, die von mir vertretene Grundanschauung von der cellularen
-Ableitung der neuen Zellen, den Grundsatz: Omnis cellula e cellula (S.
-24) zu erschüttern, haben vielmehr denselben nur gestützt. Manche
-irrthümliche Deutung ist dadurch corrigirt worden, aber das cellulare
-Princip hat eine wesentliche Verstärkung erfahren. Mag ein grosser Theil
-der Exsudatzellen direkt aus dem Blute stammen, mögen sich diese Zellen,
-wie =Stricker= angiebt, im Exsudate weiter theilen und vermehren,
-immerhin stammt die junge Brut von früheren Zellen ab. Die plastischen
-Exsudate sind nicht mehr im alten Sinne plastisch (S. 23), und es ist
-nicht das freie Plasma oder Fibrin, welches durch organische
-Krystallisation neue Zellen liefert, nicht die Intercellularsubstanz,
-welche, wie noch =Schwann= vom Knorpel lehrte, als Cytoblastem die
-jungen Elemente aus sich hervorbringt, sondern es ist die Zellsubstanz
-selbst, das Protoplasma der Neueren, woraus im Wege der fortschreitenden
-Proliferation die organischen Einheiten neu geschaffen werden. Der
-=Bildungstrieb= (nisus formativus), die =plastische Kraft= (vis
-plastica) haftet an den schon existirenden Elementen, nicht an dem
-freien Blastem, dem Succus nutritius.
-
-Sonderbarerweise behaupten Einzelne, meine ganze Theorie der Neubildung
-sei auf das Bindegewebe gebaut; nur aus ihm hätte ich die neuen Elemente
-hervorgehen lassen. Zu keiner Zeit habe ich solche Vorstellungen gehegt.
-Ich habe zu allen Zeiten die formativen Eigenschaften der
-Epithelialformationen anerkannt; ich habe zuerst die mit Kernvermehrung
-einhergehenden Reizungsprocesse an den Muskelprimitivbündeln und den
-Capillaren beschrieben[178]; ja ich habe zu einer Zeit, wo die farblosen
-Blutkörperchen noch sehr missachtet waren, die Organisation des Thrombus
-auf sie bezogen[179]. Es liegt mir daher sehr fern, in irgend einer
-Weise den erfreulichen Fortschritten unseres positiven Wissens mich
-neidisch entgegenstellen zu wollen; im Gegentheil, ich begrüsse jede
-neue Entdeckung auf diesem Gebiete als eine neue Waffe zur Vertheidigung
-meiner Grundanschauung.
-
- [178] Archiv XIV. 51.
-
- [179] Gesammelte Abhandlungen 327.
-
-Um nicht missverstanden zu werden, will ich sogleich hinzusetzen, dass
-diese Grundanschauung durchaus verträglich ist mit der Aufstellung
-verschiedener Arten von Zellenbildung (Cytogenesis), vorausgesetzt, dass
-es Zellsubstanz ist, welche das Material dazu liefert. Es ist keineswegs
-nöthig, dass jede Neubildung mit Theilung anhebt; wir werden später
-sehen, dass auch die endogene Zellbildung innerhalb gewisser Grenzen
-zulässig erscheint. Ein wirklicher Gegensatz würde erst entstehen, wenn
-=extracelluläre Neubildung= irgendwo vorkäme. Da dies für den
-menschlichen Körper von niemand mehr behauptet wird, so liegt wenigstens
-für jetzt kein Grund zur Unruhe vor.
-
-Ueber die durch die Neubildung (Neoplasie) entstehenden Gewebe,
-insbesondere über die pathologischen, habe ich früher, namentlich im
-vierten Capitel, weitläufiger gehandelt; auch werden wir später darauf
-noch weiter zurückkommen. Hier genügt es festgestellt zu haben, dass die
-im strengsten Sinne =productive und positive Leistung der Neubildung von
-der formativen oder plastischen Thätigkeit der Elemente ausgeht=, nicht
-von beliebigen, mit den Ernährungsstoffen mehr oder weniger identischen
-Substanzen, die man noch vor Kurzem als =histogenetische= bezeichnete.
-Dass auch im Innern der Gewebselemente gewisse Substanzen die Träger der
-formativen Reizbarkeit seien, soll damit natürlich nicht ausgeschlossen
-sein; der chemischen Forschung ist hier ein gewiss sehr lohnendes Feld
-noch vorbehalten. Wir, als Biologen, haben zunächst den Gewinn
-festzuhalten, dass es eine =Lebensthätigkeit= der geformten Elemente
-ist, neue Elemente hervorzubringen, und zwar eine Thätigkeit, welche an
-den Elementen selbst haftet, wenngleich äussere Reize dazu gehören, um
-sie in Wirksamkeit zu setzen. Diese =formativen Reize= können sehr
-mannichfaltiger Art sein: mechanische, chemische, physikalische. Wie die
-Spermatozoiden die Eizelle zu ihrer plastischen Thätigkeit reizen, so
-sind es andere Stoffe katalytischer Art, welche andere Zellen zu oft
-ebenso wunderbaren Leistungen anregen.
-
-Immer handelt es sich dabei um Akte, welche durchaus gar keine
-Verschiedenheit in ihrem Geschehen erkennen lassen, mag der Theil
-nervenhaltig oder nervenlos sein, Gefässe führen oder nicht. Demnach
-können wir also auch nicht sagen, dass irgend etwas von diesen Vorgängen
-mit Nothwendigkeit gebunden erschiene an Nerven- und Gefässthätigkeit;
-im Gegentheil, wir werden hier auf die Theile selbst gewiesen. Die
-Beziehung der Gefässe ist durchaus nicht in dem Sinne zu deuten, wie man
-dies gewöhnlich thut, dass die Zufuhr reichlicheren Materials, die
-Exsudation von Plasma das Bestimmende ist; die Aufnahme von Material in
-das Innere der Elemente, aus welchem die Vergrösserung und die späteren
-Theile hervorgehen sollen, ist vielmehr unzweifelhaft ein Akt der
-Elemente selbst. Denn wir haben bis jetzt gar keinen Modus, auf irgend
-einem Wege der Experimentation durch eine primär die Gefässe treffende
-Einwirkung eine Wucherung der Zellen in dem =gesunden= Körper
-hervorzurufen. Man kann die Circulation in den Theilen steigern, so weit
-sie zu steigern ist, ohne dass daraus eine Schwellung oder Vermehrung
-der Elemente unmittelbar folgte. Gerade die schon früher erwähnten
-Experimente mit der Durchschneidung des Sympathicus haben bekanntlich
-ergeben, -- ich selbst habe diese Experimente sehr häufig angestellt und
-in diesem Sinne verfolgt[180], -- dass ein vermehrter Zustrom von Blut
-(Fluxion, Congestion, Hyperämie) Wochen lang bestehen kann, ein Zustrom
-von Blut, welcher mit starker Steigerung der Temperatur und
-entsprechender Röthung verbunden ist, so gross, wie wir sie irgend in
-Entzündungen antreffen, ohne dass dadurch die Zellen des Theiles im
-Mindesten vergrössert oder gar an ihnen Vorgänge der Wucherung
-herbeigeführt werden (S. 158). Wenn man nicht die Gewebe selbst reizt,
-die Irritation in die Theile selbst einbringt, sei es, dass man die
-reizenden Stoffe von aussen oder von dem Blute aus wirken lässt, so kann
-man nicht auf den Eintritt dieser Veränderungen rechnen. Das ist der
-wesentliche Grund, aus welchem ich folgere, dass diese unzweifelhaft
-aktiven Vorgänge in der besonderen Thätigkeit der Elementartheile
-begründet sind, -- einer Thätigkeit, welche nicht an vermehrten Zustrom
-von Blut gebunden ist, welche freilich dadurch begünstigt wird, aber
-auch vollständig unabhängig davon vor sich gehen kann, und =welche sich
-ebenso deutlich an gefässlosen Theilen darstellt=[181].
-
- [180] Spec. Pathologie und Ther. I. 274.
-
- [181] Ebendaselbst I. 62, 152.
-
-Schon bei einer früheren Gelegenheit[182] habe ich darauf hingewiesen,
-dass Zunahme der Ernährung in dem Sinne, dass damit eine Vergrösserung
-und Vermehrung der Elementartheile des Körpers bezeichnet wird, nicht
-identisch sei mit Steigerung des Stoffwechsels, welche in einem bloss
-vermehrten Umsatz der Gewebstheile bestehen könne. Ein solcher
-vermehrter Umsatz mag immerhin in einem Theile stattfinden, zu dem mehr
-Ernährungsmaterial strömt, eben so wie in der Regel ein Mensch, der viel
-isst, auch mehr umsetzt und ausscheidet, als einer, der wenig Nahrung zu
-sich nimmt. Das blosse Vielessen macht aber noch nicht dick und stark.
-Ein Organ, welches in Folge einer vermehrten Zuströmung von Blut
-(Fluxion) mehr Stoff in sich aufnehmen und =festhalten= (fixiren,
-assimiliren) soll, muss in einen gewissen Zustand der Erregung (Reizung)
-versetzt werden. Diese Erregung kann durch das zuströmende Blut gesetzt
-werden. Entweder enthält dieses Blut besondere Stoffe, welche auf den
-Theil erregend einwirken, wie Excretstoffe auf die Excretionsorgane,
-oder der Theil befindet sich in einem solchen Zustande von Reizbarkeit,
-dass auch das gewöhnliche Blut genügt, um die Erregung wirklich
-hervorzurufen. Letzterer Fall führt auf die wichtige, wenngleich in
-neuerer Zeit so sehr vernachlässigte Lehre von den =Prädispositionen=,
-also auf präexistirende krankhafte oder wenigstens mangelhafte Zustände
-der Organe[183]. Diese können uns aber um so weniger bestimmen, für
-gesunde Organe eine gleiche Einwirkung zuzulassen, als ja gerade der
-krankhafte Zustand der prädisponirten Theile (loci minoris resistentiae)
-uns wiederum auf die Frage von der Bedeutung der Theile selbst
-hinleitet.
-
- [182] Spec. Pathologie und Ther. I. 327.
-
- [183] Ebendaselbst I. 21, 23, 78, 152, 281, 289, 340.
-
-Ganz ähnlich, wie mit der Einwirkung der Gefässe, verhält es sich mit
-der Einwirkung der Nerven, auf welche man früher so grossen Werth legte.
-Zunächst muss man erwägen, dass die neueren Erfahrungen allmählich die
-Lehre von den sogenannten =neuroparalytischen Entzündungen= gänzlich
-verändert haben[184]. Die beiden Nerven, um die es sich bei der
-Discussion der entzündlichen Phänomene fast ausschliesslich gehandelt
-hat, sind der Vagus und der Trigeminus, nach deren Durchschneidung man
-in dem einen Falle Pneumonie, in dem anderen die berühmten Veränderungen
-des Augapfels, namentlich der Cornea, eintreten sah. Diese Erfahrungen
-haben sich dahin aufgelöst, dass allerdings nach dem Durchschneiden
-Entzündungen eintreten können, dass diese aber so gedeutet werden
-müssen, dass sie =trotz der Durchschneidung auftraten=. Vom Vagus ist es
-bekanntlich schon vor längerer Zeit durch =Traube= dargethan worden,
-dass die Lähmung der Stimmritze, welche das Eintreten von
-Mundflüssigkeiten in die Luftwege erleichtert, ein Hauptmittel für die
-Entstehung der Entzündung ist. Die genauere Deutung der
-pathologisch-anatomischen Befunde hat überdies herausgestellt, dass sehr
-Vieles von dem, was man Pneumonie genannt hatte, eben nichts weiter als
-Atelectase mit Hyperämie der Theile war; die wirkliche Pneumonie ist
-sicher zu vermeiden, wenn die Möglichkeit des Hineingelangens fremder
-Körper in die Bronchien abgeschnitten wird. Dasselbe ist für die
-Trigeminus-Entzündungen erreicht worden, und zwar durch ein sehr
-einfaches Experiment. Nachdem man sich früher auf die mannichfachste
-Weise bemüht hatte, die verschiedenen störenden Einwirkungen auf das
-seiner Empfindung beraubte Auge zu beseitigen, so ist es endlich in
-Utrecht gelungen, ein sehr einfaches Mittel zu finden, um dem Auge
-wieder einen empfindlichen Apparat zu substituiren; =Snellen= nähte bei
-Thieren, welchen er den Trigeminus durchschnitten hatte, das empfindende
-Ohr vor das Auge. Von der Zeit an bekamen die Thiere keine Entzündungen
-mehr, indem einerseits ein directer Schutz gegeben, andererseits die
-Thiere durch die Anwesenheit einer empfindenden Decke vor traumatischen
-Einwirkungen auf das Auge bewahrt wurden. So wie man die Empfindung,
-nicht am Auge selbst, sondern nur vor dem Auge herstellte, so war damit
-auch die an sich rein traumatische Entzündung beseitigt.
-
- [184] Archiv VIII. 33. Vergl. Spec. Pathol. I. 51.
-
-=Bernard= hat gegen dieses Experiment eingewendet, dass es nicht
-constante Resultate ergebe, und dass überhaupt die Nervendurchschneidung
-bei =geschwächten= Thieren sehr leicht Ernährungsstörungen und selbst
-Entzündungen erzeuge. Dieses kann gewiss nicht geleugnet werden und ist
-wenigstens von mir nie geleugnet worden. Im Gegentheil habe ich immer
-auf diese =asthenischen Entzündungen=, die ja in der Pathologie stets
-anerkannt worden sind und sich der täglichen Beobachtung des Arztes wie
-in natürlichen Experimenten darbieten, hingewiesen. »=Die asthenischen
-Entzündungen sind als reine Entzündungen in geschwächten Theilen oder
-Körpern zu betrachten=«, so habe ich vor 17 Jahren meine Anschauung
-formulirt[185]; den Unterschied sthenischer und asthenischer Formen aber
-fand ich darin, dass bei den ersteren ein grösserer Bruchtheil der
-constituirenden Gewebspartikeln unverändert, noch kräftig bleibe, und
-dass damit eine grössere Möglichkeit der Ausgleichung der Störungen
-gegeben sei, indem von demjenigen Bruchtheile aus, der seine Integrität
-bewahrt hat, die Regulation ausgehen könne.
-
- [185] Spec. Pathologie und Ther. I. 80.
-
-Weiter hin habe ich, wie schon früher =Valentin=, hervorgehoben,
-dass »=mit dem Nachlasse der Innervation ein Nachlass der
-Widerstandsfähigkeit der Theile oder kurz, eine grössere Prädisposition
-zu Erkrankungen hervortrete=«[186]. Ich habe ferner in einer
-Vollständigkeit, wie vor mir kein anderer Autor, eine ganze Klasse von
-Störungen unter der Bezeichnung der =neurotischen Atrophien= gesammelt
-und dadurch den Schluss befestigt, dass unzweifelhaft eine Einwirkung
-des Nervensystems auf die Gewebe bestehe[187]. Aber ich muss noch heute,
-wie damals, aussagen, dass diese Thatsachen in keiner Weise darthun,
-dass es bestimmte Nerven giebt, welche der Ernährung vorstehen, und dass
-die Einwirkung dieser Nerven eine directe ist. Jedenfalls ist in allen
-Fällen von Neuroparalyse der Mangel an Innervation nur ein Grund der
-Schwächung, aber nicht ein Grund der Reizung. Diese geht von anderen
-Einwirkungen aus, welche das Gewebe erfährt, aber sie steigert sich
-leicht zur Entzündung, weil das Gewebe weniger befähigt zur Regulation
-ist und weil also jede Störung dauerhafter und energischer wirkt, als an
-einem gesunden Theile. In welcher Ausdehnung diese Entzündung, welche
-man immerhin eine neuroparalytische nennen kann, sich ausdehnen und
-zerstörend wirken kann, habe ich in der Geschichte der Lepra
-anaesthetica dargethan[188].
-
- [186] Ebendaselbst I. 276. Vergl. Archiv IV. 275.
-
- [187] Ebendaselbst I. 319, 323. Gesammelte Abhandl. 689. Entwickelung
- des Schädelgrundes 109.
-
- [188] Geschwülste II. 528.
-
-Eine ganz andere Gestaltung hat jedoch diese Frage angenommen, seitdem
-=Samuel= den Nachweis trophischer Nerven durch Versuche darzuthun
-gesucht hat, in denen entzündliche Reizung der Theile durch starke
-Erregung der Nerven hervorgebracht werden sollte. Dies wäre also gerade
-das umgekehrte der neuroparalytischen Entzündungen, und es ist nur das
-Auffällige dabei, dass der Verlauf der Localprozesse genau derselbe sein
-soll, wie der früher bei Durchschneidung, also Lähmung der Nerven
-beobachtete. Eine genauere Prüfung dieser Versuche ist dringend
-nothwendig; sollte sich dabei ihre Richtigkeit herausstellen, so würde
-doch daraus nur folgen, wie =Samuel= selbst sehr richtig dargelegt hat,
-dass auch von den Nerven aus den Theilen wirkliche Entzündungsreize
-zugeführt werden können.
-
-Die Frage von der selbständigen Thätigkeit (Autonomie) der Elemente des
-Gewebes wird davon nicht im Geringsten berührt. Denn wir können sowohl
-an gelähmten, als an ganz und gar =nervenlosen= Theilen durch directe
-Irritamente dieselben Reizungsvorgänge hervorrufen, welche wir an
-unveränderten und nervenreichen Theilen erzeugen. Schnelligkeit, Grad
-und Ausdehnung der Prozesse mögen verschieden sein, die Prozesse selbst
-sind es nicht. Mindestens dürfen wir auch jetzt noch sagen: es ist gar
-keine Form von irritativen Störungen bekannt, welche aus der
-aufgehobenen Action eines Nerven direct hergeleitet werden könnte. Ein
-Theil kann gelähmt sein, ohne dass er sich entzündet; er kann
-anästhetisch sein, ohne dieser Gefahr unmittelbar ausgesetzt zu sein. Es
-bedarf immer noch eines besonderen Reizes, sei es mechanischer oder
-chemischer Art, sei es von aussen oder vom Blute her, um die
-eigenthümliche Erregung der an sich autonomen Gewebselemente zu Stande
-zu bringen. Auf diese Weise gewinnen wir eine Reihe von Verbindungen
-zwischen eminent pathologischen Thatsachen und den nächsten Vorgängen
-des physiologischen Lebens, Thatsachen, welche aber nur dann in ihrer
-besonderen Bedeutung sich erkennen und definiren lassen, wenn man eben
-die Scheidungen macht, welche ich im Anfange dieses Capitels hervorhob,
-das heisst, wenn man die Erregungen je nach ihrem functionellen,
-nutritiven oder formativen Werthe trennt. Wirft man sie zusammen, wie es
-in der Lehre von der Innervation fast immer geschehen ist, sondert man
-namentlich nicht die formativen und nutritiven Vorgänge, dann kommt man
-auch zu keiner einfachen Erklärung der Erscheinungen.
-
-Dies gilt namentlich für die eigentlich =entzündlichen Reizungen=. Sie
-lassen überhaupt nie eine einfache Deutung zu, weil es sich dabei um
-keine einfachen (elementaren) Prozesse handelt[189]. In der Entzündung
-finden wir neben einander alle möglichen Formen der Reizung. Ja wir
-sehen sehr häufig, dass, wenn das Organ selbst aus verschiedenen Theilen
-zusammengesetzt ist, der eine Theil des Gewebes sich functionell oder
-nutritiv, der andere dagegen sich formativ verändert. Wenn man einen
-Muskel ins Auge fasst, so wird ein chemischer oder traumatischer Reiz an
-den Primitivbündeln desselben vielleicht in dem ersten Moment eine
-functionelle Reizung setzen: der Muskel zieht sich zusammen; dann aber
-stellen sich nutritive Störungen (trübe Schwellung) oder formative
-Veränderungen (Kernvermehrung) ein. Im Zwischen-Bindegewebe, welches die
-einzelnen Muskelbündel zusammenhält, gibt es meist sofort wirkliche
-Neubildungen, sehr leicht Eiter. Hier handelt es sich also um eine
-wesentlich formative Reizung, während das entzündete Primitivbündel in
-sich weder Eiter, noch neue Muskelsubstanz zu erzeugen pflegt; vielmehr
-treten hier bei einer gewissen Höhe der Reizung am häufigsten
-degenerative nutritive Prozesse ein. Auf diese Weise kann man die drei
-Formen der Reizung an einem und demselben Organ von einander trennen.
-Natürlich kann dabei auch gleichzeitig noch eine Exsudation und eine
-Reizung der Nerven bestehen, aber letztere hat (zumal wenn man von der
-Function des Organs absieht) mit den Prozessen im eigentlichen Gewebe
-keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, sondern sie ist ein
-Collateraleffect der ursprünglichen Störung. Für den Krankheitsprozess
-im Ganzen mag sie eine grosse Bedeutung erlangen, sei es, dass der
-Schmerz als ein hervorstechendes Symptom sich fühlbar macht, sei es,
-dass directe oder reflektorische Veränderungen an den Gefässen dadurch
-herbeigeführt werden. Letztere können einen grossen Einfluss auf die
-eintretenden Transsudationen ausüben und so eine neue Complication
-darstellen. Aber es ist leicht ersichtlich, dass mit jeder neuen
-Complication das Krankheitsbild eben auch ein mehr zusammengesetztes
-wird, und dass man sich nicht einem einheitlichen Prozesse, sondern
-vielmehr einem Collektivprozesse gegenüber sieht. Die Entzündung als
-solche aber bedarf weder der Nerven, noch der Gefässe, weder des
-Schmerzes, noch der Exsudation: sie kann als einfach nutritiver oder
-formativer Vorgang bestehen, von anderen ähnlichen nur ausgezeichnet
-durch den Charakter der Acuität und namentlich der Gefahr[190].
-
- [189] Archiv IV. 279.
-
- [190] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. I. 76.
-
-Diese Erfahrung ist meines Erachtens als der für die ärztliche
-Anschauung wichtigste Erwerb meiner speciellen histologischen
-Untersuchungen anzusehen, und er ist um so sicherer, als man ihn sowohl
-durch das Experiment, als durch physiologische und pathologische
-Erfahrung controliren kann. Später werde ich zeigen, wie das Studium der
-entzündlichen Prozesse dadurch eine klarere Auffassung gewinnt.
-
-
-
-
- Siebzehntes Capitel.
-
- Passive Vorgänge. Fettige Degeneration.
-
-
- Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur
- Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration.
-
- Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes im
- Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als transitorische
- Infiltration und als nekrobiotischer Stoff.
-
- Das Fettgewebe. Polysarcie. Fettgeschwülste. Die interstitielle
- Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln.
-
- Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und Function
- der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber:
- intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber.
-
- Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und der
- Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln.
- Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe
- Hirnerweichung. Corpus Inteum des Eierstocks. Arcus senilis der
- Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig
- metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des
- Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen. --
- Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus.
-
-Bis jetzt habe ich fast nur von den Thätigkeiten der Zellen gehandelt
-und von den Vorgängen, welche an ihnen eintreten, wenn sie ihre
-Lebendigkeit auf irgend eine äussere Einwirkung hin zu erkennen geben.
-Es gibt aber im Körper auch eine ziemlich grosse Reihe von =passiven
-Vorgängen=[191], welche verlaufen, ohne dass dabei eine besondere
-Thätigkeit der Elemente nachweisbar wäre, ja welche häufig unmittelbar
-durch eine Hemmung der Thätigkeit bedingt werden. Es wird nützlich sein,
-bevor wir in der Darstellung der activen Prozesse weiter gehen, diese
-passiven Vorgänge etwas genauer zu besprechen. Denn die
-Leidensgeschichte der Zellen, von welcher die Pathologie den Namen
-trägt, ist zusammengesetzt aus Vorgängen, welche der activen, und
-solchen, welche der passiven Reihe angehören; ja, das grobe Resultat,
-der sogenannte Krankheitsausgang, hat trotz des verschiedenen Charakters
-der Prozesse in vielen Fällen eine so grosse Uebereinstimmung, dass die
-endlichen Veränderungen, welche wir nach einer gewissen Zeitdauer des
-Prozesses antreffen, in beiden Reihen nahezu dieselben sein können. Aus
-diesem Grunde ist es eine Zeit lang sehr schwer gewesen, Grenzen
-zwischen den zwei Reihen zu ziehen, und ein grosser Theil der
-Verwirrung, welche die Anfangsperiode der mikroskopischen Bestrebungen
-bezeichnete, ist bedingt gewesen durch die ausserordentliche
-Schwierigkeit, die activen und passiven Störungen auseinander zu
-bringen.
-
- [191] Archiv IX. 51. XIV. 8. Spec. Pathol. u. Ther. I. 10.
-
-Passive Störungen nenne ich diejenigen Veränderungen der Elemente, wobei
-sie in Folge äusserer ungünstiger Bedingungen sofort entweder bloss
-Einbusse an Wirkungsfähigkeit erleiden, oder vollständig zu Grunde
-gehen, in welchem Falle natürlich ein Substanzverlust, ein Defect, eine
-Verminderung der Summe der Körperbestandtheile entsteht. Beide Reihen
-von passiven Vorgängen zusammengenommen, diejenigen, welche sich durch
-Schwächung zu erkennen geben, und diejenigen, welche mit vollständigem
-Untergange der Theile endigen, bilden das Hauptgebiet der sogenannten
-=Degenerationen=, obwohl, wie wir späterhin noch genauer betrachten
-müssen, auch in der Reihe der activen Prozesse ein grosser Theil
-desjenigen unterzubringen ist, was man degenerativ nennt.
-
-Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, ob ein Element überhaupt
-als solches bestehen bleibt, oder ob es ganz und gar untergeht, ob es am
-Ende des Prozesses, wenn auch in einem Zustande sehr verminderter
-Leistungsfähigkeit, noch vorhanden ist, oder ob es überhaupt ganz
-zerstört ist. Darin liegt für die praktische, namentlich für die
-prognostische Auffassung die grosse Scheidung, dass für die eine Reihe
-von Prozessen die Möglichkeit einer Reparation der Zellen besteht
-(=nutritive Restitution=), während in der anderen eine direkte
-Reparation unmöglich ist und eine Herstellung nur geschehen kann durch
-einen Ersatz vermittelst neuer Elemente von der Nachbarschaft her
-(=regenerative= oder =formative Restitution=). Denn wenn ein Element zu
-Grunde gegangen ist, so ist natürlich von ihm aus keine weitere
-Entwickelung oder Neubildung möglich[192].
-
- [192] Spec. Pathologie und Therapie. I. 21.
-
-Diese letztere Kategorie, wo die Elemente unter dem Ablaufe des
-Prozesses zu Grunde gehen, habe ich vorgeschlagen (S. 335) mit einem
-Ausdrucke zu bezeichnen, welcher von K. H. =Schultz= für die Krankheit
-überhaupt gebraucht worden ist, mit dem der =Nekrobiose=[193]. Immer
-nehmlich handelt es sich hier um ein Absterben, um ein Zugrundegehen,
-man möchte fast sagen, um eine Nekrose. Aber der gangbare Begriff der
-Nekrose bietet doch gar keine Analogie mit diesen Vorgängen, insofern
-wir uns bei der Nekrose den mortificirten Theil als in seiner äusseren
-Form mehr oder weniger erhalten denken. Hier dagegen verschwindet der
-Theil, so dass wir ihn in seiner Form nicht mehr zu erkennen vermögen.
-Wir haben am Ende des Prozesses kein nekrotisches Gewebe, keine Art von
-gewöhnlichem Brand, sondern eine Masse, in welcher von den früheren
-Geweben absolut gar nichts mehr wahrnehmbar ist. Die nekrobiotischen
-Prozesse, welche von der Nekrose völlig getrennt werden müssen, haben im
-Allgemeinen als Endresultat eine =Erweichung= im Gefolge. Dieselbe
-beginnt mit Brüchigwerden der Theile; diese verlieren ihre Cohäsion,
-zerfliessen endlich wirklich, und mehr oder weniger bewegliche, breiige
-oder flüssige Producte treten an ihre Stelle. Man könnte daher geradezu
-diese ganze Reihe von nekrobiotischen Prozessen Erweichungen nennen,
-wenn viele von ihnen nicht verliefen, ohne dass für die grobe
-Anschauung, d. h. für das unbewaffnete Auge, die Malacie jemals zur
-Erscheinung kommt. Wenn nehmlich innerhalb eines zusammengesetzten
-Organs, z. B. eines Muskels, ein solcher Vorgang eintritt, so entsteht
-allerdings jedesmal eine grobe Myomalacie, sobald an einem bestimmten
-Punkte alle Muskelelemente auf einmal getroffen werden, aber weit
-häufiger geschieht es, dass innerhalb eines Muskels nur eine gewisse
-Zahl von Primitivbündeln getroffen wird, während die anderen unversehrt
-bleiben. Freilich tritt dann auch eine Malacie ein, aber eine so feine,
-dass sie für die grobe Betrachtung gar nicht zugänglich wird und nur
-mikroskopisch nachzuweisen ist. In diesem Falle spricht man fälschlich
-von einer Muskelatrophie, obgleich der Vorgang, welcher die einzelnen
-Primitivbündel getroffen hat, sich seiner Natur nach gar nicht von den
-Vorgängen unterscheidet, welche man ein anderes Mal Muskelerweichung
-nennt.
-
- [193] Ebendaselbst I. 273, 279.
-
-Das ist der Grund, warum man nicht einfach den Ausdruck der Erweichung,
-der für die grobe pathologische Anatomie vorbehalten werden muss, auf
-die histologischen Vorgänge anwenden kann, und warum es besser ist,
-Nekrobiose zu sagen, wo es sich um diese feineren Vorgänge handelt. Das
-Gemeinschaftliche aller Arten von nekrobiotischen Prozessen besteht aber
-darin, dass der getroffene Theil am Ende des Prozesses und durch den
-Prozess zersetzt, untergegangen, vernichtet ist.
-
-Eine zweite Reihe von passiven Prozessen bilden die =einfach
-degenerativen Formen=, wo am Ende des Vorganges der getroffene Theil
-zwar vorhanden ist, aber sich in irgend einem weniger oder gar nicht
-mehr actionsfähigen Zustande befindet, wo er in der Regel starrer
-geworden ist. Man könnte daher diese Gruppe im Gegensatze zu der vorher
-erwähnten als =Verhärtungen= (=Indurationen=) bezeichnen, und damit eine
-schon äusserlich von den nekrobiotischen Prozessen trennbare Gruppe
-bilden. Allein auch der Ausdruck der Induration würde leicht
-missverständlich sein, insofern auch hier wieder viele Zustände
-vorkommen, wo wenigstens die Härte des Organes im Ganzen nicht
-bedeutender ist, sondern wo nur einzelne kleinste Theile sich verändern,
-so dass für das Tastgefühl keine auffallenden Veränderungen bemerkbar
-werden.
-
-Ich hebe aus der Reihe der passiven Prozesse einige als Typen hervor,
-und zwar diejenigen, welche die grösste Wichtigkeit für die praktische
-Anschauung haben.
-
- * * * * *
-
-Unter den nekrobiotischen Prozessen ist der unzweifelhaft am weitesten
-verbreitete und fast der wichtigste unter allen bekannten cellularen
-Störungen die =Fettmetamorphose=[194], oder wie man von Alters her
-gewohnt ist zu sagen, die =fettige Degeneration=. Dieser Prozess bringt
-eine zunehmende Anhäufung von Fett in den Organen mit sich. Der alte
-Begriff der fettigen Degeneration hatte den Sinn, dass man dabei an eine
-immer steigende Veränderung der Art dachte, dass zuletzt an die Stelle
-ganzer Organtheile reines Fett träte. Es hat sich aber ergeben, dass
-dieser alte Begriff, wie er noch jetzt in der pathologischen Sprache
-sich vielfach erhalten hat, eine grosse Reihe unter sich vollkommen
-verschiedener Vorgänge zusammenfasst, und dass man nothwendig irre gehen
-musste, wenn man vom Standpunkte der Pathogenie aus die ganze Gruppe auf
-einfache Weise deuten wollte.
-
- [194] Archiv I. 141, 144.
-
-Die Geschichte des Fettes in Beziehung zu den Geweben lässt sich im
-Allgemeinen in einer dreifachen Richtung betrachten. Wir finden erstlich
-eine Reihe von Geweben im Körper vor, welche als physiologische Behälter
-für Fett dienen, und in welchen das Fett als eine Art von nothwendigem
-Zubehör enthalten ist, ohne dass jedoch ihr eigener Bestand durch die
-Anwesenheit des Fettes irgendwie gefährdet wäre. Im Gegentheil, wir sind
-sogar gewöhnt, nach dem Fettgehalt gewisser Gewebe das Wohlsein eines
-Individuums zu schätzen und den Grad der andauernden =Füllung der
-einzelnen Fettzellen= als Kriterium für den glücklichen Fortgang des
-Stoffwechsels überhaupt anzusehen. Dies ist also der gerade Gegensatz zu
-den nekrobiotischen Vorgängen, wo der Theil unter der Anhäufung des
-Fettes wirklich ganz und gar aufhört zu existiren.
-
-In einer zweiten Reihe stellen die Gewebe keine regelmässigen Behälter
-für Fett dar, aber wohl treffen wir in ihnen zu gewissen Zeiten
-vorübergehend Fett an, welches nach einiger Zeit wieder aus ihnen
-verschwindet, ohne den Theil deshalb in einem veränderten Zustande
-zurückzulassen. Das ist der Fall bei der gewöhnlichen Resorption des
-Fettes aus dem Darme. Wenn wir Milch trinken, so erwarten wir nach alter
-Erfahrung, dass dieselbe vom Darme allmählich in die Milchgefässe
-übergehe und von da aus dem Blute zugeführt werde; wir wissen, dass der
-Uebergang des Verdauten vom Darm in die Milchgefässe durch das
-Darmepithel und die Zotten hindurch erfolgt, und dass das Epithel und
-die Zotten einige Stunden nach der Mahlzeit voll von Fett stecken. Von
-einer solchen fetthaltigen Zotte oder Epithelzelle setzen wir aber
-voraus, dass sie unter natürlichen Verhältnissen endlich ihr Fett
-abgeben und nach einiger Zeit wieder vollkommen frei sein werde. Das ist
-eine =Fett-Infiltration= von rein transitorischem Charakter. Verzögert
-sich die Entleerung des Fettes, bleibt die an sich nur für
-vorübergehende Zwecke vorhandene Fettfüllung bestehen, so gibt das eine
-=Fett-Retention=.
-
-Endlich in einer dritten Reihe werden die Gewebe von Prozessen
-getroffen, welche zur =fettigen Nekrobiose= führen. Diese hat man in
-neuerer Zeit häufig als eigenthümlich pathologische betrachtet. Allein,
-wie sich überall gezeigt hat, dass die pathologischen Prozesse keine
-specifischen sind, dass vielmehr für sie Analogien in dem normalen Leben
-bestehen, so kann man sich auch überzeugen, dass die nekrobiotische
-Entwickelung von Fett ein ganz regelmässiger, typischer Vorgang an
-gewissen Theilen des gesunden Körpers ist, ja, dass wir sie sogar in
-sehr grobem Style im physiologischen Leben antreffen. Die wichtigsten
-Typen für dieses Verhältniss haben wir einerseits in der Secretion der
-Milch, des Hautschmeeres, des Ohrenschmalzes u. s. w., andererseits in
-der Bildung des Corpus luteum im Eierstocke. An allen diesen Theilen
-geht eine Fettentwickelung genau in der Weise vor sich, wie wir sie bei
-der nekrobiotischen Fettmetamorphose unter krankhaften Bedingungen
-antreffen; was wir Hautschmeer, Milch oder Colostrum nennen, das sind
-die Analoga für die pathologischen Fettmassen, welche aus der fettigen
-Erweichung hervorgehen. Wenn Jemand statt in der Milchdrüse im Gehirn
-Milch fabricirt, so gibt dies eine Form der Hirnerweichung; das Product
-kann morphologisch vollständig übereinstimmen mit dem, was in der
-Milchdrüse ganz normal gewesen wäre. Hier ist aber der grosse
-Unterschied, dass, während in der Milchdrüse die zu Grunde gehenden
-Zellen sich ersetzen durch neue nachrückende Elemente, der Zerfall der
-Elemente in einem Organe, welches nicht zum Nachrücken eingerichtet ist,
-zu einem dauerhaften Verluste führt. Derselbe Prozess, welcher an einem
-Orte die glücklichsten, ja die süssesten Resultate liefert, bringt an
-einem anderen einen schmerzlichen und bitteren Schaden mit sich.
-
-Betrachten wir diese drei verschiedenen physiologischen Typen nach
-einander. Im ersten Falle finden wir die Anfüllung der Zellen mit Fett
-in der Weise, dass am Ende jede einzelne Zelle ganz und gar voll von
-Fett steckt. Das gibt den Typus des sogenannten =Fettzellgewebes= oder
-kurzweg =Fettgewebes=, wie es namentlich in der Unterhaut (Tela
-subcutanea) in so grosser Masse vorkommt, wo es einerseits die
-Schönheit, namentlich der weiblichen Form, andererseits die
-pathologischen Zustände der Obesität oder Polysarcie bedingt. Ebenso
-bildet das Fettgewebe das gewöhnliche, schon seit mythologischen Zeiten
-so berühmte gelbe Knochenmark (Medulla ossium). Ueberall besteht das
-Fettgewebe aus einer meist geringen Menge von Intercellularsubstanz und
-aus Fettzellen. Letztere besitzen immer eine Membran und einen fettigen
-oder öligen Inhalt. Das Fett erfüllt den inneren Raum so vollständig,
-die Membran ist so ausserordentlich dünn, zart und gespannt, dass man
-gewöhnlich gar nichts weiter sieht, als den Fetttropfen, und dass bis in
-die neueste Zeit noch immer darüber discutirt worden ist, ob die
-Fettzellen wirkliche Zellen seien. Es ist in der That sehr schwer, sich
-davon deutlich zu überzeugen, allein wir haben sehr schöne Hülfsmittel
-in dem Verlaufe der natürlichen Prozesse. Wenn Jemand magerer wird, so
-schwindet das Fett allmählich, die Membran verliert von ihrer Spannung,
-sie erscheint nicht mehr so dünn und zart und tritt um so schärfer
-hervor, je kleiner die innere Fettmasse wird. Sie ist dann deutlich vom
-Fetttropfen abgesetzt. Innerhalb der Zelle liegt ein erkennbarer Kern
-(Fig. 114, _A_, _a_). Es ist hier also eine wirkliche, vollständige Zelle
-mit Kern und Membran vorhanden, an welcher aber der eiweissartige Inhalt
-fast ganz und gar durch das aufgenommene Fett verdrängt worden ist.
-Dieses sogenannte Fettzellgewebe ist eine Form des Bindegewebes (S. 47),
-und wenn es sich zurückbildet, so sieht man sehr deutlich, dass es
-metaplastisch in Binde- oder Schleimgewebe[195] übergeht, indem zwischen
-den Zellen wieder eine grössere Menge von faserig-schleimiger
-Intercellularsubstanz zum Vorscheine kommt (Fig. 114, _A_, _b_, _B_).
-
- [195] Archiv XVI. 15. Geschwülste I. 399.
-
-[Illustration: =Fig=. 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das
-gewöhnliche Unterhautgewebe, mit Fettzellen, etwas Zwischengewebe und
-bei _b_ Gefässschlingen; _a_ eine isolirte Fettzelle mit Membran, Kern
-und Kernkörperchen. _B_ Atrophisches Fett bei Phthisis. Vergröss. 300.]
-
-[Illustration: =Fig=. 115. Interstitielle Fettwucherung (Mästung) der
-Muskeln. _f_, _f_ Reihen von interstitiellen Fettzellen; _m_, _m_, _m_
-Muskelprimitivbündel. Vergr. 300.]
-
-Fettgewebe ist es, welches nicht bloss unter Umständen Polysarcie und
-Obesität hervorbringt, indem immer grössere Massen von Bindegewebe in
-die Fettfüllung hineingezogen werden, sondern welches auch die Grundlage
-aller anomalen Fettgebilde ist. Die einzelnen Formen dieser Gebilde,
-namentlich die wirklichen Fettgeschwülste (Lipome), unterscheiden sich
-unter einander nur durch die grössere oder geringere Masse von
-interstitiellem, zwischen den Läppchen der Fettzellen gelegenen
-Bindegewebe, von welchem ihre grössere oder geringere Consistenz
-abhängt[196]. -- Dasselbe Fettgewebe ist es auch, welches unter
-krankhaften Verhältnissen in einer Reihe von solchen Fällen auftritt,
-welche man nach alter Tradition fettige Degeneration nennt. Namentlich
-die =fettige Degeneration der Muskeln= stellt in vielen Fällen nichts
-weiter dar, als eine mehr oder weniger weit fortgeschrittene
-Entwickelung von Fettzellgewebe zwischen den Muskelprimitivbündeln. Es
-ist dies ein ähnlicher Vorgang, wie wir ihn bei der Mästung von Thieren
-finden, wie ihn z. B. jede Ochsenzunge sehr schön zeigt, und wie manche
-einfach gemästete Muskeln auch beim Menschen ihn darbieten. Zwischen die
-einzelnen Muskelprimitivbündel schieben sich Fettzellen ein, welche
-natürlich streifenweise nach dem Verlauf der Muskelfasern liegen;
-letztere können sich dabei erhalten. Die Grundlage der Entwickelung ist
-hier das interstitielle Bindegewebe, an welchem es mir zuerst mit
-Bestimmtheit gelang, den Uebergang der Bindegewebskörperchen in
-Fettzellen zu beobachten[197]. Bei dieser sogenannten Fettdegeneration
-der Muskeln kann es, namentlich im Anfange der Entwickelung und bei
-grosser Regelmässigkeit derselben, vorkommen, dass ganz einfache Reihen
-hinter einander liegender Fettzellen mit den Reihen der Muskel-Elemente
-abwechseln (Fig. 115). In diesem Falle, wo die Primitivbündel durch die
-Fettzellen auseinander gedrängt werden und gewöhnlich in Folge ihrer
-Anhäufung die Circulation im Muskel beeinträchtigt, das Fleisch also
-blass wird, sieht es für das blosse Auge oft so aus, als sei gar kein
-Muskelfleisch mehr vorhanden. Untersucht man z. B. an einer
-Unterextremität, welche in Folge einer Ankylose des Knie's lange
-unbewegt geblieben ist, die Gastroenemii, so findet man zuweilen nur
-eine gelbliche, kaum streifig aussehende Masse ohne jedes fleischige
-Ansehen, allein bei feinerer Untersuchung zeigt sich, dass die an sich
-erhaltenen Primitivbündel noch immer durch das Fett hindurchgehen.
-Selbst in diesem Falle, wo das Fett eine bedeutende Erschwerung für den
-Muskelgebrauch bildet, sind die Muskelprimitivbündel doch noch vorhanden
-und in gewisser Weise wirkungsfähig. Es unterscheidet sich daher dieser
-Prozess wesentlich von der Nekrobiose, wo das Primitivbündel als solches
-zu Grunde geht. Denn er stellt eine rein interstitielle
-Fettgewebsbildung dar, wobei gewöhnliches Bindegewebe in Fett übergeht,
-und man sollte daher lieber den Ausdruck der fettigen Degeneration
-vermeiden, welcher so leicht missverstanden werden kann.
-
- [196] Geschwülste I. 368.
-
- [197] Archiv VIII. 538. Ueber die Bildung der Fettzellen im
- Knochenmark und im Unterhautgewebe vergl. meine Untersuchungen über
- die Entwickelung des Schädelgrundes 49.
-
-Diese Form kommt besonders am Herzen ziemlich häufig vor und kann, wenn
-sie eine grosse Ausdehnung erreicht, erhebliche Störungen der
-Bewegungsfähigkeit des Herzfleisches hervorbringen. Aber ihrem
-pathologischen Werthe nach steht sie tief unter der eigentlichen
-Fettmetamorphose, obwohl diese hinwiederum im äusserlich sichtbaren
-Resultat nicht entfernt ihr gleichkommt. Das, was die alten Anatomen als
-Fettherzen beschrieben haben, waren meistentheils nur fettig
-durchwachsene Herzen; was man dagegen heut zu Tage meint, wenn man von
-einer eigentlichen fettigen Degeneration (Metamorphose) des Herzens
-spricht, das ist nicht dieses Fettwerden des Herzens, dieses
-Durchwachsen seines Fleisches mit Fettzellen, sondern es ist vielmehr
-die wirkliche im Innern des Fleisches vor sich gehende Umsetzung der
-Substanz (Fig. 25, _d_. 121), auf welche ich noch zurückkommen werde. In
-dem letzteren Falle liegt das Fett in, im ersteren zwischen den
-Primitivbündeln. --
-
- * * * * *
-
-Die zweite Reihe von Vorgängen, welche ich aufstellte, ist die
-=transitorische Anfüllung= gewisser Organe mit Fett, wie wir sie im
-Wesentlichen bei der Digestion antreffen. Hat Jemand eine fettige
-Substanz genossen, und ist diese in den Zustand der Emulgirung
-übergeführt, so finden wir, dass, wenn sie in das obere Ende des Jejunum
-gelangt, zum Theil schon im Duodenum, die Zotten der Schleimhaut
-weisslich, trübe und dicker werden. Die feinere Untersuchung ergibt,
-dass sie mit sehr feinen, kleinsten Fettkörnchen erfüllt werden, welche
-viel feiner sind, als wir sie in irgend einer künstlichen Emulsion
-herstellen können. Diese Körnchen, welche sich schon im Chymus finden,
-berühren zuerst das Cylinderepithel, mit welchem jede einzelne Darmzotte
-umgeben ist. An der Oberfläche jeder Epithelzelle findet sich aber, wie
-von =Kölliker= zuerst bemerkt ist, ein eigenthümlicher Saum, welcher,
-wenn man die Zelle von der Seite her betrachtet, feine, senkrechte
-Strichelchen erkennen lässt; von der Oberfläche aus gesehen, erscheint
-die Zelle sechseckig und mit vielen kleinen Punkten besetzt, wie
-getüpfelt (Vergl. das Epithel der Gallenblase Fig. 15, sowie Fig. 116,
-_A_). =Kölliker= hat die Vermuthung aufgestellt, dass diese kleinen
-Striche und Punkte feinen Porenkanälchen entsprächen, und dass die
-Resorption so vor sich ginge, dass die kleinen Partikelchen des Fettes
-durch diese feinen Poren an der Oberfläche der Epithelzellen aufgenommen
-würden. Der Gegenstand liegt indess so sehr an der Grenze unserer
-optischen Apparate, dass es bis jetzt nicht möglich gewesen ist, eine
-vollkommene Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Striche wirklich feinen
-Kanälen entsprechen, oder ob es sich vielmehr, wie =Brücke= annimmt, um
-eine Zusammensetzung des ganzen oberen Saumes aus Stäbchen oder
-Säulchen, ähnlich den Flimmerhaaren, handelt. Ich bin durch meine
-Untersuchungen auch mehr zu letzterer Ansicht disponirt worden, zumal da
-an denselben Orten die vergleichende Histologie wirkliches
-Flimmerepithel als Aequivalent nachweist. Jedenfalls ist soviel sicher,
-dass einige Zeit nach der Digestion das Fett nicht mehr aussen an den
-Zellen liegt, sondern sich innen in ihnen findet, und zwar zuerst am
-äusseren (freien) Ende derselben; dann rücken seine Körnchen nach und
-nach weiter und gehen in den Zellen nach innen, und zwar so deutlich
-reihenweise, dass es den Eindruck macht, als gingen feine Kanäle durch
-die ganze Länge der Zellen selbst hindurch (Fig. 116, _C_, _a_). Allein
-auch das ist eine Frage, welche mit unseren optischen Apparaten nicht so
-bald gelöst werden dürfte. Genug, die grobe Thatsache bleibt stehen,
-dass das Fett durch die Zellen geht und zwar in der Weise, dass
-anfänglich nur der äussere Theil derselben damit erfüllt ist, dann eine
-Zeit kommt, wo sie ganz voll von Fett sind, etwas später die äussere
-Partie wieder ganz frei wird, während die innere noch etwas enthält, bis
-endlich alles Fett spurlos aus den Zellen verschwindet. Auf diese Weise
-kann man den allmählichen Fortgang von Stunde zu Stunde verfolgen.
-Nachdem das Fett bis in die innere Spitze der Zellen hineingerückt ist,
-so beginnt es, in das sogenannte Parenchym der Zotte überzugehen (Fig.
-116, _C_). Ob die Epithelzellen, wie zuerst von =Heidenhain= behauptet
-worden ist, an ihrem unteren (centralen) Ende unmittelbar mit feinsten
-Ausläufern der Bindegewebskörperchen der Zotte zusammenhängen, ist noch
-streitig, jedoch durch =Eimer='s sorgsame Untersuchung zu höchster
-Wahrscheinlichkeit geführt.
-
-[Illustration: =Fig=. 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale
-Darmzotten des Menschen aus dem Jejunum, bei _a_ das zum Theil noch
-ansitzende Cylinderepithel mit dem feinen Saum und Kernen; _c_ das
-centrale Chylusgefäss, _v_, _v_ Blutgefässe; im übrigen Parenchym die
-Kerne des Bindegewebes und der Muskeln. -- _B_ Zotten im Zustande der
-Contraction vom Hund. -- _C_ Menschliche Darmzotte während der
-Chylus-Resorption, _D_ bei Chylus-Retention: an der Spitze ein grosser,
-aus einer krystallinischen Hülle austretender Fetttropfen. Vergr. 280.]
-
-Es ist höchst schwierig, mit Sicherheit über diese feinsten
-Einrichtungen der Gewebssubstanz zu urtheilen. In der Regel finden wir
-innerhalb der Zotten das Netz der Blutgefässe etwas unter der Oberfläche
-(Fig. 116, _A_, _v_, _v_), dagegen in der Axe eine ziemlich weite, stumpf
-endigende Höhlung, den Anfang des Chylusgefässes, soweit es bis jetzt
-mit Sicherheit erkennbar ist (Fig. 116, _A_, _c_). An der Peripherie der
-Zotten hat =Brücke= eine Lage von Muskeln entdeckt, welche für die
-Digestion von grosser Bedeutung ist, insofern dadurch ein Heranziehen
-der Zottenspitze gegen ihre Basis, eine Verkürzung möglich ist, wie man
-sehr leicht sehen kann. Wenn man Zotten vom Darme eines eben getödteten
-Thieres abschneidet, so sieht man unter dem Mikroskop, dass sie sich
-zusammenziehen, sich runzeln, dicker und kürzer werden (Fig. 116, _B_).
-Offenbar erfolgt dadurch ein Druck in der Richtung von aussen nach
-innen, welcher die Fortbewegung der aufgenommenen Säfte befördert. So
-weit wäre die Sache ziemlich klar, allein was das noch übrig bleibende
-Parenchym für einen Bau hat, ist äusserst schwer zu sehen. Ausser der
-Muskellage bemerkt man noch kleinere Kerne, welche, wie ich schon vor
-Jahren hervorhob, hin und wieder ziemlich deutlich in feinen zelligen
-Elementen eingeschlossen sind. Diese Parenchymzellen anastomosiren unter
-sich und mit dem centralen Chylusgefässe. Bei der Resorption sieht es
-aus, als ob das Fett, welches in den Zotten immer weiter nach innen
-dringt, das ganze Parenchym erfüllte, jedoch ergibt eine feinere
-Untersuchung, zumal an weniger stark gefüllten Zotten, dass das Fett auf
-prädestinirten Strassen, nehmlich durch die Bindegewebskörperchen,
-seinen Weg verfolgt[198]. So gelangt es endlich in das centrale
-Chylusgefäss. Von hier beginnt der regelmässige Strom des Chylus.
-
- [198] Ich habe mich neuerlichst durch die Untersuchung von
- Querschnitten chylusgefüllter Zotten beim Menschen überzeugt, dass
- das Fett nicht discret im Parenchym, sondern heerdweise im Innern
- besonderer kleiner (Zellen?) Räume liegt.
-
- Anm. zur zweiten Auflage (1859).
-
-Am wenigsten verständlich ist in diesem Hergange die Aufnahme des Fettes
-in die Epithelialzellen. Zu wiederholten Malen ist daher die Meinung
-aufgetaucht, dass hier gröbere Oeffnungen, wirkliche Stomata existiren.
-Insbesondere hat diese Frage in der neueren Zeit durch =Letzerich= eine
-besondere Bedeutung erlangt. Er richtete die Aufmerksamkeit auf gewisse,
-schon längere Zeit bekannte Elemente, die sogenannten =Becherzellen=. Es
-sind dies offene Zellen von fast trichterförmiger Gestalt, welche
-gewöhnlich in gewissen Entfernungen von einander zwischen den
-gewöhnlichen Cylinderzellen des Darmepithels zerstreut vorkommen. Ich
-sah sie am Darm eines Hingerichteten, der ganz frisch untersucht wurde.
-=Letzerich= glaubt in ihnen die eigentlichen Aufnahme-Organe des Fettes
-zu erkennen. Diese Meinung ist unzweifelhaft irrig. Das von mir vorher
-Angeführte ist mit grösster Bestimmtheit zu sehen: =jede Epithelzelle
-ist fähig, Fett aufzunehmen=, und ich möchte eher sagen, die
-Becherzellen seien es am wenigsten. Das mechanische Problem ist damit
-wenig gefördert, indess wird man schwerlich bei dem gegenwärtigen Stande
-unserer Kenntnisse noch auf blosse Druckverhältnisse zurückgehen können.
-Aller Wahrscheinlichkeit »fressen« die Zellen das Fett, und es handelt
-sich um einen der an die Thätigkeit der Elemente geknüpften
-automatischen Vorgänge (S. 360), bei welchen das Protoplasma betheiligt
-ist.
-
-Jedenfalls setzt der Vorgang eine emulsive Beschaffenheit des Fettes
-voraus, welches überall in feinster Zertheilung durch die Gewebstheile
-hindurchdringt. In dem regelmässigen Gange sind es so ausserordentlich
-zarte Partikeln, dass, wenn man frischen, noch warmen Chylus untersucht,
-man fast nichts von körperlichen Theilen darin erkennen kann[199].
-Allein jede Störung, welche in dem Resorptionsgeschäfte stattfindet und
-längere Zeit hindurch das Fortrücken hindert, bedingt ein
-Zusammenfliessen der Fettpartikeln; innerhalb der Gewebe, in welchen die
-Fett-=Retention= erfolgt, scheiden sich alsdann immer grössere
-Fettkörner ab, und diese fliessen endlich zu ganz grossen Tropfen
-zusammen. Solche finden wir sowohl in den Epithelialzellen, als auch
-innerhalb des Zottengewebes, namentlich in dem centralen Chylusgefässe,
-und es kommt vor, dass das Ende des letzteren sich erweitert, kolbig
-ausgedehnt wird, und dass die Anhäufung von Fett darin so beträchtlich
-wird, dass man sie schon mit blossem Auge erkennt[200]. =Lieberkühn=
-hielt diesen Zustand für den Ausdruck eines normalen Verhältnisses, und
-nannte die Ausweitungen Ampullen. Ich habe gezeigt, dass dieselben eine
-rein pathologische Bedeutung haben, und dass auch die von E. H. =Weber=
-bemerkte Scheidung in einen dunklen und hellen Theil (Fig. 116, _D_) nur
-auf einer Trennung des Fetttropfens in eine feste Rinde und einen
-flüssigen und nach Berstung der Rinde austretenden Inhalt beruht.
-Nirgends sieht man diese Zustände auffälliger und häufiger, wie in der
-Cholera, wo schon 1837 durch =Böhm= gute Schilderungen davon geliefert
-worden sind. Sie bedeuten im Allgemeinen die Hemmung des Lymphstromes
-durch die Respirations- und Circulationsstörungen. Da bekanntlich die
-Cholera-Anfälle überwiegend häufig in der Digestionsperiode eintreten
-und mit grossen Hemmungen des Respirationsgeschäftes verlaufen, welche
-sich durch den ganzen Venenapparat geltend machen, so müssen sie
-natürlich auch auf den Chylusstrom zurückwirken. So erklärt sich die
-colossale Anstauung (Retention) von Fett in den Zotten. Dies ist also,
-wenn man will, schon ein pathologischer Zustand, aber derselbe beruht
-nur auf einer vorübergehenden Hemmung und wir haben allen Grund
-anzunehmen, dass, wenn der Chylusstrom wieder frei wird, auch diese
-grösseren Fetttropfen allmählich wieder beseitigt werden. Damit kommen
-wir auf andere Gebiete, wo die Grenze zwischen Physiologie und
-Pathologie sich sehr schwer ziehen lässt. Ein solcher Fall findet sich
-namentlich an der Leber.
-
- [199] Archiv I. 152, 162, 262. Beiträge zur exper. Pathologie. Heft
- II. 72. Gesammelte Abhandl. 139.
-
- [200] Würzb. Verhandl. IV. 354. Gesammelte Abhandlungen 732.
-
-Seit alter Zeit weiss man, dass die =Leber= dasjenige Organ ist, welches
-überwiegend leicht in einen Zustand sogenannter fettiger Degeneration
-geräth, und schon lange hat man gerade die Kenntniss dieses Zustandes
-auf dem Wege populärer Experimentation verwerthet. Die Geschichte der
-Gänseleberpasteten beweist dies in der angenehmsten Weise. Obgleich
-=Lereboullet= in Strassburg behauptete, dass die Fettlebern der
-gemästeten Gänse physiologische seien, die sich von den pathologischen,
-welche man nicht isst, sondern nur beobachtet, wesentlich unterschieden,
-so muss ich doch bekennen, dass ich bis jetzt ausser Stande gewesen bin,
-einen Unterschied zwischen physiologischen und pathologischen Fettlebern
-zu entdecken; ich meine vielmehr, dass gerade, indem man die Identität
-beider zulässt, der einzig richtige Gesichtspunkt auch für die
-pathologische Fettleber gewonnen wird. Wir kennen nehmlich eine
-Thatsache, welche gleichfalls zuerst von =Kölliker= beobachtet worden
-ist, dass nehmlich bei saugenden Thieren regelmässig einige Stunden nach
-der Digestion eine Art von Fettleber physiologisch vorkommt. Wenn man
-von demselben Wurfe von Thieren die einen hungern, die andern saugen
-lässt, so haben diejenigen, welche gesogen haben, ein Paar Stunden
-nachher eine Fettleber, die anderen nicht. Diese erscheint ganz blass,
-wenn auch nicht so weiss, wie eine Gänseleber.
-
-Diese Erfahrung hat mir Gelegenheit gegeben, die Frage von der Beziehung
-des Fettes zur Leber etwas weiter zu verfolgen, und ich glaube danach
-allerdings mit Bestimmtheit schliessen zu können, dass ein naher
-Zusammenhang der physiologischen und pathologischen Formen besteht. Ich
-fand nehmlich[201], dass einige Zeit nach der Digestion, und zwar etwas
-später, als die Leberzellen die Fettfüllung zeigen, man einen ähnlichen
-Zustand im Laufe der Gallenwege findet, und dass sowohl in den
-Gallengängen, als in der Gallenblase das Epithel dieselben Erscheinungen
-der Fett-Resorption wahrnehmen lässt, die wir vom Darmepithel kennen.
-Man braucht, um sich eine Vorstellung davon zu machen, das Bild von
-vorher (Fig. 116) nur umzukehren: anstatt einer Zotte, an welche das
-Epithel aussen angelagert ist, denke man sich einen Kanal, welcher innen
-mit Epithel ausgekleidet ist. Das feine Cylinderepithel in der
-Gallenblase hat denselben streifigen Saum, wie das im Darm (Fig. 15),
-und man sieht daran in derselben Weise, dass das Fett von aussen
-eindringt, gegen die Tiefe weitergeht und nach einiger Zeit in die Wand
-der Gallenwege übergeht. Ich habe diesen Vorgang bei jungen saugenden
-Thieren nach der Digestion verfolgt; man kann sich da leicht überzeugen,
-dass offenbar das Fett, welches eine Zeit lang in den Leberzellen
-enthalten ist, von ihnen in die Gallenwege secernirt, hier aber
-allmählich wieder resorbirt wird und so zum zweiten Male in die
-Circulation zurückkehrt.
-
- [201] Archiv XI. 574.
-
-Ein solcher =intermediärer Stoffwechsel=, wo das Fett vom Darme in das
-Blut, vom Blute in die Leber, von der Leber in die Galle und von da
-wieder in Lymph- und Blutgefässe gelangt, welche zum rechten Herzen
-zurückführen, setzt natürlich auch, wie die Resorption im Darme, für die
-Rückfuhr günstige Verhältnisse voraus; tritt irgend eine Störung ein, so
-wird es eben auch hier eine Retention geben und es werden nach und nach
-an die Stelle der feinen Körner innerhalb der Zellen grosse Tropfen
-treten. Das ist aber der Hergang, wie wir ihn in der Fettleber wirklich
-antreffen.
-
-[Illustration: =Fig=. 117. Die aneinander stossenden Hälften zweier
-Leber-Acini. _p_ Ein Ast der Pfortader (von Bindegewebe umgeben), mit
-Aesten _p_' _p_'', den Venae interlobulares entsprechend. _h_, _h_
-Querschnitt der Vena intralobularis s. hepatica. _a_ die Zone des
-Pigmentes, _b_ die des Amyloids, _c_ die des Fettes. Vergr. 20.]
-
-In der Regel bemerkt man, wenn man eine Fettleber studirt, dass das Fett
-hauptsächlich in derjenigen Zone der Acini abgelagert ist, welche
-zunächst an die capillare Auflösung der Pfortaderäste anstösst (Fig.
-117, _c_, _c_). Wenn man Durchschnitte des Organes mit blossem Auge
-sorgfältig betrachtet, so bemerkt man an vielen Stellen Zeichnungen, wie
-wenn man ein Eichenblatt mit seinen Rippen und Buchten vor sich hätte;
-hier entspricht die Verbreitung der Pfortaderäste den Rippen, die
-Fettzone der Substanz des Blattes. Je stärker die Infiltration wird, um
-so breiter wird die Fettzone. Es gibt Fälle, wo das Fett die ganzen
-Acini bis zur centralen (intralobulären) Leber-Vene (Fig. 117, _h_) hin
-erfüllt, und wo jede einzelne Zelle mit Fett vollgestopft ist. In
-seltenen Fällen kommt es freilich vor, dass wir gerade das Umgekehrte
-finden, dass das Fett nehmlich in den Leberzellen um die Vena centralis
-liegt; wahrscheinlich sind diese Fälle so zu deuten, dass das Fett schon
-in der Ausscheidung begriffen ist und nur die letzten Zellen noch etwas
-davon zurückhalten. Jedoch muss man sich hüten, eine Art von fettiger,
-nekrobiotischer Atrophie, wie sie namentlich bei chronischer Cyanose
-(Muskatnussleber) vorkommt, damit zu verwechseln.
-
-Betrachten wir nun den Vorgang bei der Bildung der Fettleber im
-Einzelnen, so zeigt sich, dass die Art, wie die Leberzellen sich füllen,
-genau derjenigen entspricht, wie sich die Epithelzellen im Darme mit
-Fett erfüllen. Zuerst finden wir in ihnen zerstreut ganz kleine
-Fettkörnchen. Diese werden reichlicher, dichter und nach einiger Zeit
-grösser; zugleich werden die Zellen grösser, schwellen an und zeigen
-grössere und kleinere Tropfen von Fett (Fig. 29, _B_, _b_). Im höchsten
-Grade der Anfüllung bieten sie denselben Habitus dar, wie die Zellen des
-Fettgewebes: man sieht fast gar keine Membran und fast nie einen Kern,
-doch sind beide immer noch vorhanden. Das ist der Zustand, welchen man
-Fettleber im eigentlichen Sinne des Wortes nennt.
-
-Auch hier haben wir, wie bei dem Fettgewebe, die =Persistenz der
-Zellen=. Es ist irrig, zu meinen, dass in der gewöhnlichen Fettleber die
-Zellen zu existiren aufhörten. Immer sind die Elemente des Organes
-vorhanden, nur statt mit gewöhnlicher Inhaltssubstanz, fast ganz mit
-Fetttropfen erfüllt. Auch kann es kaum zweifelhaft sein, dass sie in
-diesem Zustande immer noch eine gewisse Masse functionsfähiger Substanz
-enthalten. Denn bei manchen Thieren, z. B. den Fischen, von denen man
-den Leberthran gewinnt, geht die Function des Organs vor sich, wenn auch
-noch so viel Thran in den Zellen enthalten ist[202]. Auch beim Menschen
-findet man, selbst in dem höchsten Grade der Fettleber, in der
-Gallenblase noch Galle. Insofern kann man diese Zustände in Nichts
-vergleichen mit den nekrobiotischen Zuständen, wie sie im Laufe der
-fettigen Degeneration (Metamorphose) an so vielen Theilen erscheinen, wo
-die Elemente zu Grunde gehen. Bei einer fettigen Degeneration im
-strengeren Sinne des Wortes treffen wir nachher irgendwo mürbe,
-erweichte Stellen, wo Fett in freien Tropfen vorkommt, gewissermaassen
-fettige Abscesse. Davon ist hier nichts zu sehen. Es ist daher äusserst
-wichtig, und ich halte es für die Auffassung dieser Form in hohem Maasse
-entscheidend, dass in der Fettleber immer eine Persistenz der
-histologischen Bestandtheile statthat, und dass, wenn ihre Zellen auch
-noch so sehr mit Fett erfüllt sind, sie doch immer noch als Elemente
-existiren. Daraus folgt, dass eine Fettleber heilbar ist, ohne dass es
-dazu besonderer Regenerationsprozesse bedarf. Es gehört dazu nur, dass
-die Bedingungen der Retention beseitigt und die Leberzellen wieder frei
-von Fett werden. Freilich wissen wir weder das Eine, noch das Andere mit
-Sicherheit. Wir kennen die Zustände nicht, welche das Fett festhalten,
-noch die Bedingungen, unter welchen es wieder ausgetrieben werden kann.
-Indess, nachdem man einmal so weit in der Erkenntniss des Mechanismus
-der Fettfüllung ist, so wird es auch wahrscheinlich möglich sein, die
-weiteren Thatsachen zu finden. Es wäre denkbar, dass einfach die
-Elasticität der Gewebselemente von Bedeutung wäre, in der Art, dass wenn
-die Zellmembranen erschlaffen, sie mit Leichtigkeit mehr Inhalt
-einlassen und in sich dulden, während bei einer grossen Elasticität der
-Membranen (Tonus) eher ein Entfernen, ein Auspressen des Inhaltes
-erfolgen könnte. Auch ist gewiss der Zustand der Circulation von
-Bedeutung: die verhältnissmässige Häufigkeit der Fettleber bei
-chronischen Lungen- und Herzaffectionen ist gewiss nicht wenig dem
-vergrösserten Drucke zuzuschreiben, unter dem das Venenblut steht.
-
- [202] Archiv VII. 563.
-
-Doch das sind für unsere jetzige Betrachtung Nebenfragen; worauf es mir
-hauptsächlich ankam, das ist, den grossen Unterschied zu zeigen zwischen
-dieser Art von fettiger Degeneration und derjenigen, welche wir vorher
-bei den Muskeln erörtert haben. Während wir dort zwischen den
-eigentlichen, specifischen Organbestandtheilen Fettzellen entstehen
-sahen, welche dem Bindegewebe angehören, so sind es hier die
-specifischen Drüsenzellen selbst, welche der Sitz des Fettes sind. Auf
-der anderen Seite liegt der nicht minder grosse Unterschied von den
-nekrobiotischen Prozessen der fettigen Degeneration, wobei die Elemente
-als solche verschwinden, auf der Hand. --
-
-Wenden wir uns nun zu der dritten Reihe von fettigen Zuständen, nehmlich
-zu der mit Auflösung der Elemente zusammenfallenden nekrobiotischen, so
-finden wir für sie, wie schon erwähnt, in der Secretion der Milch und
-des Hauttalges die physiologischen Paradigmen. Dass diese beiden Secrete
-sich einander analog verhalten, erklärt sich einfach daraus, dass die
-Milchdrüse eigentlich nichts weiter ist, als eine colossal entwickelte
-und eigenthümlich gestaltete Anhäufung von Hautdrüsen (Schmeer- oder
-Talgdrüsen). Der Entwickelung nach stehen sich beide Reihen vollständig
-gleich. Beide gehen durch eine progressive Wucherung aus den äusseren
-Epidermisschichten hervor (S. 37. Fig. 19, _A_). Ebendahin gehören auch
-die Ohrenschmalzdrüsen und die grossen Achseldrüsen. In allen diesen
-Fällen entsteht das Fett, welches den Hauptbestandtheil der Milch,
-wenigstens für die äussere Erscheinung, darstellt, sowie dasjenige,
-welches den Schmeer liefert, zuerst im Innern von Epithelzellen, welche
-allmählich zu Grunde gehen und das Fett frei werden lassen, während von
-ihnen selbst kaum etwas erhalten bleibt.
-
-[Illustration: =Fig=. 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren
-Haut. _c_ das Haar, _b_ die Haarzwiebel, _e_, _e_ die von der Epidermis
-sich in den Haarbalg einsenkenden Zellenschichten. _g_, _g_ Talgdrüsen im
-Act der Schmeerabsonderung: das Secret bei _f_ neben dem Haar
-heraufsteigend und sich ansammelnd. Vergr. 280.]
-
-Die =Talgdrüsen= liegen im Allgemeinen seitlich an den Haarbälgen in
-einiger Tiefe unter der Oberfläche; sie bestehen aus einer gewissen Zahl
-von kleinen Läppchen, in welche eine Epithellage als Fortsetzung des
-Rete Malpighii continuirlich hineingeht. Die Zellen dieser Epithellage
-sind jedoch grösser, als die des Rete, so dass sie eine fast solide
-Erfüllung der Drüsensäcke bilden. In dem Innern der ältesten (am meisten
-nach innen gelegenen) Zellen scheidet sich das Fett zuerst in kleinen
-Körnchen aus, diese werden bald grösser, und nach kurzer Zeit sieht man
-schon nicht mehr deutlich die einzelnen Zellen, sondern nur
-Zusammenhäufungen grosser Tropfen, welche aus der Drüse in den Haarbalg
-hervortreten und endlich das an die Hautoberfläche hervortretende
-Secret liefern (Fig. 118). Denken wir uns die Drüse in eine Fläche
-ausgebreitet, so würde sich ihr Zellenlager darstellen, wie Rete
-Malpighii und Epidermis, nur dass die ältesten, der Epidermis
-vergleichbaren Zellen nicht verhornen, sondern durch fettige
-Metamorphose zu Grunde gehen. Die jüngeren, dem Rete entsprechenden
-Zellen vermehren sich inzwischen durch immer neue Wucherung. Die
-Secretion ist also eine rein epitheliale, wie die Samen-Secretion (S.
-39).
-
-[Illustration: =Fig=. 119. Milchdrüse in der Lactation und Milch. _A_
-Drüsenläppchen der Milchdrüse mit der hervorquellenden Milch. _B_
-Milchkügelchen. _C_ Colostrum, _a_ deutliche Fettkörnchenzelle, _b_
-dieselbe mit verschwindendem Kern. Vergr. 280.]
-
-Dieser Hergang liefert uns zugleich ein genaues Schema für die
-=Milchbildung=[203]. Man braucht sich nur die Gänge mehr verlängert, die
-End-Acini mehr entwickelt zu denken; der Prozess bleibt im Wesentlichen
-derselbe: die Zellen vermehren sich durch Wucherung, die gewucherten
-Zellen gehen die fettige Metamorphose ein, zerfallen endlich und zuletzt
-bleibt fast nichts Körperliches von ihnen übrig, als Fetttropfen. Am
-meisten stimmt mit der gewöhnlichen Art der Schmeersecretion die
-früheste Zeit der Lactation überein, welche das sogenannte =Colostrum=
-liefert. Das Colostrumkörperchen (Fig. 119, _C_) ist die noch
-zusammenhaltende Kugel[204], welche aus der fettigen Degeneration einer
-Epithelialzelle hervorgeht. Die Colostrum- und die Schmeerbildung
-unterscheiden sich nur dadurch, dass die Fettkörner bei der ersteren
-kleiner bleiben. Während beim Schmeer sehr bald grosse Tropfen
-auftreten, enthalten beim Colostrum die letzten Zellen, welche noch
-bemerkt werden, gewöhnlich nur feine Fettkörnchen, ganz dicht gedrängt.
-Hierdurch bekommt das ganze Element ein etwas bräunliches Aussehen,
-obwohl das Fett selbst nur wenig gefärbt ist. Das ist das körnige
-Körperchen (Corps granuleux) von =Donné=, die =Fettkörnchenkugel=.
-
- [203] Archiv I. 182.
-
- [204] Archiv I. 165 Note.
-
-Die Entdeckung der allmählichen Umbildung von Zellen zu
-Fettkörnchenkugeln haben wir =Benno Reinhardt= zu verdanken. Allein er
-scheute sich noch, die wichtige Erfahrung von der Colostrumbildung auf
-die Geschichte der Milch überhaupt auszudehnen, weil in der späteren
-Zeit der eigentlichen Lactation granulirte Körperchen nicht mehr
-vorkommen. Es ist aber unzweifelhaft, dass zwischen der früheren Bildung
-der Colostrumkörper und der späteren Milchbildung kein anderer
-Unterschied besteht, als der, dass bei der Colostrumbildung der Prozess
-langsamer erfolgt und die Zellen länger zusammenhalten, während bei der
-Milchsecretion der Prozess acut ist und die Zellen eher zu Grunde gehen.
-Recht vollkommenes Colostrum enthält eine überaus grosse Masse von
-granulirten Körpern, die Milch dagegen nichts weiter, als
-verhältnissmässig grosse und kleine, durcheinander gemengte Tröpfchen
-von Fett, die sogenannten =Milchkörperchen= (Fig. 119, _B_). Letztere
-sind nichts als Fetttropfen, die, wie die meisten Fetttropfen, welche in
-dem thierischen Körper vorkommen, von einer feinen Eiweisshaut, der von
-=Ascherson= benannten Haptogenmembran, umschlossen sind. Die einzelnen
-Tropfen (Milchkörperchen) entsprechen den Tropfen, welche wir bei der
-Schmeerabsonderung antreffen; sie entstehen aus der Confluenz der feinen
-Körnchen, welche bei der Colostrumabsonderung durch eine caseinöse
-Zwischenmasse getrennt erscheinen.
-
-Nachdem wir die physiologischen Typen der Fettmetamorphose besprochen
-haben, so hat die Darstellung der pathologischen Vorgänge keine
-Schwierigkeit mehr. Mit Ausnahme ganz weniger Gebilde, wie der rothen
-Blutkörperchen, der Ganglienzellen und Nervenfasern in den
-Central-Organen[205], können fast alle übrigen zelligen Theile unter
-gewissen Verhältnissen eine ähnliche Umwandlung erfahren. Diese stellt
-sich genau in derselben Weise dar: in dem Zelleninhalte erscheinen
-einzelne feinste Fettkörnchen, werden reichlicher und erfüllen
-allmählich den Zellenraum, ohne jedoch zu so grossen Tropfen
-zusammenzufliessen, wie dies bei der Fettinfiltration und der
-Fettgewebsbildung der Fall ist. Gewöhnlich tritt die Entwickelung von
-Fettkörnchen zuerst in einiger Entfernung vom Kerne auf; sehr selten
-beginnt sie vom Kerne aus. Das ist die Zelle, welche man seit längerer
-Zeit =Körnchenzelle= genannt hat. Dann kommt ein Stadium, wo allerdings
-noch Kern und Membran zu sehen sind, wo aber die Fettkörnchen so dicht
-angehäuft sind, wie bei den Colostrumkörperchen; nur an der Stelle, wo
-der Kern lag, findet sich noch eine kleine Lücke (Fig. 75, _b_). Von
-diesem Stadium ist nur noch ein kleiner Schritt bis zum vollkommenen
-Untergange der Zelle. Denn in dem Zustande der Körnchenzelle erhält sich
-eine Zelle niemals längere Zeit; wenn sie einmal in dieses Stadium
-eingetreten ist, so verschwinden gewöhnlich alsbald der Kern und die
-Membran, soweit ersichtlich, durch Auflösung oder Erweichung. Dann haben
-wir die einfache =Körnchenkugel=, oder wie man früher nach =Gluge= zu
-sagen pflegte, die =Entzündungskugel= (Fig. 75, _c_).
-
- [205] Archiv X. 407.
-
-=Gluge= verfiel bei dieser Gelegenheit in einen der Irrthümer, wie sie
-die Anfangsperiode der Mikrographie mehrfach gebracht hat. Er sah solche
-Kugeln zuerst bei Untersuchung einer Niere im Innern eines Kanals, den
-er für ein Blutgefäss hielt. Damals, wo die Lehre von der Stase die
-Grundlage der Entzündungstheorie bildete, schien es ihm unzweifelhaft,
-dass er ein Gefäss mit stagnirendem Inhalt vor sich habe, in welchem der
-Inhalt (das Blut) zerfallen sei und die Entzündungskugeln erzeugt habe.
-Leider war, wie wir jetzt bestimmt behaupten können, das Gefäss ein
-Harnkanälchen, das, was er für Theile zerfallender Blutkörperchen ansah,
-Fett, das, was er Entzündungskugeln nannte, fettig degenerirtes
-Nierenepithel. Man hätte sich diesen Irrweg leicht ersparen können,
-allein es gab damals wenige Leute, welche wussten, wie Harnkanälchen
-aussehen, und wie sie sich von Gefässen unterscheiden, und so hat es
-etwas lange gedauert, ehe jene Entzündungstheorie überwunden worden ist.
-
-Gegenwärtig nennen wir das Ding eine Körnchenkugel und betrachten es als
-das Product der vollendeten Degeneration, wo die Zelle nicht mehr als
-Zelle erhalten ist, sondern wo bloss noch die rohe Form übrig ist, nach
-vollständigem Verlust der die eigentliche Zelle constituirenden Theile,
-der Membran und des Kernes. Von diesem Zeitpunkte an tritt je nach den
-äusseren Verhältnissen entweder ein vollständiger Zerfall ein, oder die
-Theile können sich noch im Zusammenhange erhalten. In weichen Theilen,
-in denen von Anfang an viel Flüssigkeit (Saft) vorhanden ist, fallen
-die Körnchen bald aus einander. Der Zusammenhang, in dem sie sich
-ursprünglich befanden und Kugeln bildeten, welche durch einen Rest des
-alten Zelleninhaltes zusammenklebten, löst sich allmählich; die Kugel
-zerfällt in eine bröcklige Masse, welche oft noch an einzelnen Stellen
-etwas zusammenhält, aus welcher sich aber ein Fetttropfen nach dem
-andern ablöst. Der pathologische =Detritus= zeigt daher eine grosse
-Uebereinstimmung mit der Milch.
-
-Sehr schön sieht man diese Vorgänge am =Lungenepithel=[206] in den
-späteren Stadien catarrhalischer Pneumonie, wo zuweilen die
-Fettmetamorphose so reichlich ist, dass man die Lungen von weisslichen
-Punkten oder Figuren, einer Art von fettigem Reticulum, durchsetzt
-findet. Diese Stellen bieten eine besonders günstige Gelegenheit dar,
-den Unterschied der Fettkörnchenzellen (Fig. 75) von anderen Formen der
-Körnchenzellen kennen zu lernen. Gerade unter den Zellen, welche die
-Alveolen solcher Lungen erfüllen, findet man sehr oft Pigmentzellen;
-auch werden letztere bei solchen Leuten durch den Auswurf zuweilen in so
-grosser Menge zu Tage gefördert, dass derselbe dadurch die bekannten
-rauchgrauen Flecke bekommt (Fig. 8, _b_). Auf den ersten Blick ist es
-ziemlich schwierig, einen Unterschied zwischen Fettkörnchen- und
-Pigment-Zellen zu machen. In beiden Fällen liegt scheinbar dasselbe Bild
-vor. Man sieht runde, mit kleinen dunklen Körnchen gefüllte und auch im
-Ganzen dunkel (schwärzlich) erscheinende Kugeln. Denn auch bei
-feinkörniger Fettmetamorphose erscheinen die veränderten Zellen im
-durchfallenden Lichte als gelbbraune oder schwärzliche Körperchen, aber
-ihre einzelnen Theilchen besitzen keine positive Farbe und das farbige
-Aussehen ist nur ein Interferenzphänomen. Die Pigmentkörnchenzellen
-dagegen enthalten unzweifelhaften braunen, grauen oder schwarzen
-Farbstoff, der an den einzelnen Körnern haftet.
-
- [206] Beiträge zur experim. Pathologie. 1846. Heft II. 83. Gesammelte
- Abhandl. 280. Archiv I. 145, 461.
-
-Die Unterscheidung der gewöhnlichen Körnchenzellen, womit man nach dem
-angenommenen Sprachgebrauche die Fettkörnchenzellen meint, ist aber sehr
-wesentlich, da wir auch an anderen Punkten, z. B. am =Gehirn=, beide
-Arten von Körnchenzellen, Fett haltende und Pigment haltende,
-nebeneinander finden, und, wenn es sich um die Veränderung kleinerer
-Stellen handelt, es für die Deutung des Fundes entscheidend ist, zu
-wissen, ob es sich um Fett oder um Pigment handelt. Auch am Gehirn kann
-die Anhäufung vieler kleiner Fetttheilchen durch die Vervielfältigung
-der lichtbrechenden Punkte für das blosse Auge eine intensiv gelbe Farbe
-bedingen, und so eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Aussehen
-apoplektischer Stellen erzeugen, bei denen die Farbe von verändertem
-Blutpigment abhängt (S. 177). Der verschiedene Gehalt an Fett und der
-Grad der Zertheilung desselben erzeugt eine überaus grosse Reihe von
-Farben-Verschiedenheiten, welche sich auch für die gröbere Anschauung
-sehr deutlich zu erkennen geben. Je feiner und dichter gelagert die
-fettigen Theile sind, um so mehr entsteht auch für das blosse Auge ein
-rein gelbes oder bräunlich-gelbes Aussehen. Was wir gelbe Hirnerweichung
-nennen, ist nichts weiter, als eine Form der Fettmetamorphose, wo das
-gelbe Aussehen der Heerde durch die Anhäufung feinkörnigen Fettes
-bedingt ist[207]. Sobald dieses entfernt wird, so verschwindet auch die
-Farbe, obgleich das extrahirte Fett gar nicht so gefärbt ist, wie die
-Stelle, von welcher es herstammt. Die Lichtbrechung zwischen den
-kleinsten Partikeln ist die Hauptbedingung für dieses Farbenphänomen.
-
- [207] Archiv I. 147, 323, 355, 358, 454. X. 407.
-
-Besonders ausgezeichnet ist diese Färbung an dem =Corpus luteum= des
-Eierstocks[208]. Ich führe letzteres hauptsächlich deshalb an, weil man
-daran ersehen kann, wie grobe Resultate die Fettmetamorphose für die
-grobe Anschauung darbieten kann. Macht man einen Schnitt in das Ovarium
-senkrecht von der Oberfläche hinein an der Stelle, wo eine kleine
-Prominenz und eine kleine Lücke der Albuginea den Ort bezeichnen, wo der
-Follikel geborsten und das Ovulum ausgetreten ist (Fig. 120, _B_), so
-sieht man, wenn das Corpus luteum frisch ist, um einen rothen Klumpen
-die sehr breite, gelbweisse Schicht (Fig. 120, _A_, _a_), von welcher der
-Körper seinen Namen hat. Bei einem puerperalen Corpus luteum hat diese
-Schicht eine sehr grosse Dicke und eine mehr gelbröthliche Farbe; bei
-dem menstrualen ist sie schmäler und nach innen sehr scharf abgesetzt
-gegen den frisch extravasirten Inhalt, welcher das durch den Austritt
-des Eichens entleerte Bläschen gefüllt hat. Diese innere rothe Masse
-ist ganz und gar Thrombus, Blutgerinnsel. Die äussere Schicht dagegen
-besteht wesentlich aus fettig degenerirten Zellen, und die gelbe Farbe,
-welche sie besitzt, ist bedingt durch die Brechung des Lichtes, welche
-die vielen kleinen Partikelchen des Fettes hervorbringen. Auch dies ist
-kein eigentliches Pigment, sondern eine Interferenzfarbe.
-
- [208] Archiv I. 411, 446.
-
-[Illustration: =Fig=. 120. Bildung des Corpus luteum im menschlichen
-Eierstock. _A_ Durchschnitt des Eierstockes: _a_ frisch geplatzter und
-mit geronnenem Blut (Extravasat, Thrombus) gefüllter Follikel, an dessen
-Umfange die dünne gelbe Schicht liegt; _b_ ein schon gefalteter, mit
-verkleinertem Thrombus und verdickter Wand versehener, früher
-geborstener Follikel; _c_, _d_ noch weiter vorgerückte Rückbildung. _B_
-Aeussere Oberfläche des Eierstockes mit der frischen Rupturstelle des
-Follikels, aus dessen Höhle der Thrombus hervorsieht. Natürliche
-Grösse.]
-
-Es versteht sich von selbst, dass an jedem Punkte, wo die fettige
-Degeneration einen hohen Grad erreicht, zugleich eine grosse Opacität
-sich einstellt. Durchsichtige Theile werden ganz undurchsichtig, wenn
-sie fettig entarten; das sieht man am besten an der =Hornhaut=, deren
-fettige Trübung im Arcus senilis (Gerontoxon) so stark werden kann, dass
-eine ganz undurchsichtige Zone entsteht[209]. Selbst an solchen Organen,
-wo die Theile von vornherein nicht durchsichtig, sondern nur
-durchscheinend waren, tritt in dem Maasse, als der Prozess der fettigen
-Degeneration vorrückt, eine vollkommene Trübung ein.
-
- [209] Archiv IV. 288.
-
-Betrachtet man eine =Niere= im Stadium der fettigen Degeneration, z. B.
-im Beginne der Atrophie, welche im Laufe eines der unter dem Namen des
-Morbus Brightii zusammengefassten Prozesse eintritt, so findet man die
-gewundenen Harnkanälchen der Rinde sehr vergrössert und ihr Epithel
-insgesammt fettig degenerirt, so dass man innerhalb der Kanälchen oft
-gar nichts weiter erkennt, als eine dicht gedrängte Masse von
-Fettkörnern. Wenn man jedoch sehr vorsichtig mikroskopische Schnitte
-anfertigt, so sieht man im Anfange die Fettkörnchen noch in einzelnen
-Gruppen (als Körnchenzellen oder Körnchenkugeln, Fig. 107); unter
-geringem Drucke zerstreut sich aber die Masse so, dass das ganze
-Harnkanälchcn mit einem fein emulsiven Inhalte gleichmässig erfüllt
-wird. Schon vom blossen Auge vermag man ganz bestimmt die Veränderung zu
-erkennen; wenn man einmal gewöhnt ist, solche feineren Zustände genauer
-zu sondern, so hat es gar keine Schwierigkeit, einer Niere anzusehen, ob
-eine Veränderung ihres Epithels und zwar in dieser bestimmten Art
-vorhanden ist. Denn es giebt gar keine Form der Veränderung, welche
-damit verglichen werden könnte. Betrachtet man die Oberfläche der Niere,
-so wird man wahrnehmen, dass in dem mehr grau durchscheinenden
-Grundgewebe, aus welchem die Stellulae Verheyeni (die corticalen Venen)
-hervortreten, kleine trübe gelbliche Flecke in der verschiedensten Weise
-zerstreut sind, meist nicht als eigentliche Punkte, sondern mehr als
-kurze Bogenabschnitte. Das sind immer Theile von Harnkanälchenwindungen,
-welche an die Oberfläche treten. Diese gelblichen, opak erscheinenden
-Windungen entsprechen fettig degenerirten Harnkanälchen, oder genauer
-gesagt, mit fettig degenerirtem Epithel erfüllten Harnkanälchen.
-Vergleicht man den Durchschnitt mit der Oberfläche, so sieht man auch an
-ihm sehr bestimmt, wie durch die ganze Rinde dieselbe Zeichnung in der
-Richtung von der Peripherie bis zur Marksubstanz fortgeht und in
-ziemlich regelmässigen Abständen von einander die einzelnen Kegel der
-Rindensubstanz umsäumt. Unter dem Mikroskope unterscheidet man in
-Schnitten, aus der Nähe der Oberfläche und parallel mit derselben
-genommen, sehr leicht die fettig degenerirten Kanäle von den mehr
-normalen Kanälen und von den oft unversehrten Glomerulis. Bei
-schwächerer Vergrösserung und bei durchfallendem Lichte erscheinen die
-Malpighischen Knäuel (Glomeruli) als grosse, helle, kuglige Gebilde,
-während die degenerirten gewundenen Harnkanälchen, welche sich
-mannichfaltig verschlingen, sich durch ihr trübes, schattiges Aussehen
-sowohl vor ihnen, als vor den gestreckten, mehr hellen und
-durchscheinenden Kanälchen auszeichnen.
-
-Zugleich ist an einem solchen Objecte sehr schön zu sehen, was übrigens
-an allen fettig degenerirten Theilen vorkommt, dass an allen Stellen,
-wo wir bei auffallendem Lichte und bei der gewöhnlichen Betrachtung mit
-blossem Auge weissliche, gelbliche, oder bräunliche Theile sehen, bei
-durchfallendem Lichte, wie wir es meistens bei den Mikroskopen und
-besonders bei stärkerer Vergrösserung anwenden, entweder schwarze oder
-schwarz-bräunliche, oder wenigstens sehr dunkle, von scharfen Schatten
-umgebene Theile erscheinen. Eine Körnchenkugel, die, wenn sie mit
-mehreren anderen zusammenliegt, für das blosse Auge eine weisse Trübung
-bedingt, wird bei durchfallendem Lichte ein fast schwarzes oder doch
-bräunliches Aussehen darbieten. --
-
-Das ist der gewöhnliche Modus, in welchem der Zerfall fast aller der
-Theile stattfindet, welche wesentlich aus Zellen bestehen und welche von
-Natur viel Flüssigkeit enthalten, z. B. unter den bekannten
-pathologischen Producten der Eiter (S. 221, Fig. 75). Es entstehen
-zuerst Körnchenkugeln, sodann durch deren Erweichung ein milchiger
-Detritus, der resorptionsfähig ist. Sind die Theile mehr trocken und
-starr, so dass eine Resorption der Fettmasse weniger leicht vor sich
-gehen kann, so bleibt das Fett zuweilen lange in der Form des früheren
-Elementes liegen.
-
-So verhält es sich bei der Fettmetamorphose der =Muskeln=. Betrachtet
-man ein von derselben betroffenes Herz, so bemerkt man schon vom blossen
-Auge gewisse Veränderungen, nehmlich eine Erschlaffung und Verfärbung
-der Substanz. Letztere verliert die rothe Fleischfarbe und wird mehr und
-mehr blassgelb. Diese Verfärbung erstreckt sich manchmal über das
-gesammte Myocardium. Andermal ist sie jedoch mehr partiell. Sie betrifft
-z. B. überwiegend den linken Ventrikel und hier vielleicht besonders die
-inneren Lagen. Oder sie findet sich, wie bei maligner Pericarditis[210],
-in diffuser Verbreitung in den peripherischen Muskelschichten. Sehr
-häufig erkennt man, namentlich an den Papillarmuskeln, kurze, gelbliche,
-fast geflechtartig aneinander stossende, die Richtung der Muskelbündel
-kreuzende Flecke oder Striche, die gegen die röthliche Farbe des
-eigentlichen Muskelfleisches stark abstechen.
-
- [210] Archiv XIII. 266.
-
-Untersucht man die verfärbten Theile mikroskopisch, so zeigen sich im
-Innern der Primitivbündel zuerst ganz vereinzelt feine, schwärzlich
-aussehende Punkte; diese vermehren und vergrössern sich. Bei einer
-gewissen Menge sieht man sie sehr deutlich in Reihen geordnet (Fig.
-121), jede Reihe perlschnurförmig. Diese Reihen entstehen dadurch, dass
-die Fettkörnchen sich zwischen die Primitivfibrillen einlagern, welche
-noch lange neben ihnen fortexistiren. Erst in den höheren Graden der
-Veränderung verschwinden die Primitivfibrillen durch Erweichung.
-
-[Illustration: =Fig=. 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in ihren
-verschiedenen Stadien. Vergr. 300.]
-
-Das ist die eigentliche Fettmetamorphose der Muskelsubstanz des Herzens,
-die sich ganz wesentlich von der Obesität (Polysarcie) des Herzens
-unterscheidet, wo dasselbe mit epicardialem und interstitiellem
-Fettgewebe überladen wird und letzteres an einzelnen Stellen die Wand so
-durchsetzt, dass man kaum noch Muskelmasse wahrnimmt. Zwischen beiden
-Zuständen besteht der erhebliche Unterschied, dass bei der
-Fettmetamorphose die Züge von wirksamer Substanz (Muskelfasern) durch
-Stellen unterbrochen werden, welche für die Action nicht mehr brauchbar
-sind, während bei der Obesität die träge Masse des Fettes sich zwischen
-die wirksamen Bestandtheile einschiebt und sie, wenigstens zunächst, nur
-mechanisch hindert. Bei längerer Dauer dieses Zustandes kommt es
-freilich nicht selten vor, dass sich zugleich Fettmetamorphose des
-Herzfleisches entwickelt, dass also beide Zustände, der parenchymatöse
-und der interstitielle, sich mit einander combiniren. Diese höheren
-Grade sind es besonders, welche man, ohne auf das Einzelne Rücksicht zu
-nehmen, in früherer Zeit unter dem Namen der =fettigen Degeneration=
-zusammenfasste.
-
-Aehnlich gestaltet sich das Verhältniss bei Verkrümmungen. Ich wähle ein
-bestimmtes Beispiel: die Muskelverhältnisse eines Mannes mit
-Kypho-Skoliose. Hier fand sich der Longissimus dorsi an der Stelle,
-wo er über die Biegung hinweglief, in eine platte, dünne, blassgelbliche
-Masse umgewandelt. An einer Stelle war er bis auf eine membranöse Lage
-geschwunden und das rothe Aussehen fehlte ganz und gar; nach unten hin
-dagegen war der Muskel vielmehr aus abwechselnden rothen und gelben
-Längsstreifen zusammengesetzt. Letzteres Aussehen zeigen die meisten
-fettig degenerirten Muskeln, welche sich bei Verkrümmungen der Glieder,
-z. B. bei Klumpbildungen an den unteren Extremitäten, finden. Hier
-ergibt sich in der Regel, dass, entsprechend den gelben Streifen, nicht
-so sehr eine wirkliche Umänderung der Muskelsubstanz besteht, sondern
-dass vielmehr eine interstitielle Entwickelung von Fettgewebe eintritt.
-Dieses liegt in Reihen zwischen den Primitivbündeln; dadurch wird eine
-für das blosse Auge gelbliche Färbung erzeugt, welche der rothen
-Streifung des eigentlichen Muskelfleisches sehr ähnlich ist. Es verhält
-sich dabei genau so, wie in dem früheren Falle (S. 407, Fig. 115), wo
-wir zwischen je zwei Primitivbündeln eine Reihe von Fettzellen trafen;
-das Gelbe, was man dort sehen konnte, war nicht veränderte
-Muskelsubstanz, sondern das Fett, welches zwischen der Muskelsubstanz
-gewachsen war. Bei unserem Skoliotischen besteht aber neben der
-interstitiellen Fettgewebsbildung eine parenchymatöse Degeneration der
-eigentlichen Substanz: auch das Muskelfleisch selbst ist fettig
-entartet. Diese Combination ist jedoch nur an den unteren Theilen des
-Muskels zu sehen, während der Abschnitt, welcher unmittelbar an der
-stärksten Ausbiegung des Brustkorbes lag und die grösste Spannung
-erduldet hatte, vom blossen Auge gar kein Muskelfleisch mehr erkennen
-lässt. Mikroskopisch findet man hier dicht neben einzelnen Muskelfasern,
-welche noch deutlich quergestreift sind, zahlreiche andere, welche stark
-mit Fett durchsetzt sind.
-
-Die partielle Fettmetamorphose des Muskelfleisches erscheint also unter
-zwei Formen, der =fleckigen= und der =streifigen=: in der ersten Form
-wird der Muskel in seinem Verlaufe durch degenerirte Stellen
-unterbrochen, so dass dasselbe Bündel theils degenerirt, theils sich in
-seiner Integrität erhält; in der anderen Form dagegen folgt die
-Veränderung den Bündeln, welche in ihrer ganzen Ausdehnung die
-Veränderung eingehen. Hier können demnach normale und degenerirte Bündel
-neben einander liegen, miteinander abwechseln. Dieser partiellen
-Fettmetamorphose steht die allgemeine gegenüber, welche sich gerade am
-Herzen nicht selten vorfindet, und welche einen der schwersten
-Krankheitszustände begründet. Gerade hier ist unsere Kenntniss im Laufe
-der letzten Jahre sehr vorgerückt, indem nicht nur die acuten
-Fettmetamorphosen nach manchen Vergiftungen, z. B. Phosphor, sondern
-auch die sehr ähnlichen Formen nach Infectionskrankheiten, namentlich
-Typhus, Puerperalfieber, Ichorrhaemie zu den häufigeren Vorkommnissen
-gehören. Die peripherischen Muskeln nehmen bald mehr, bald weniger an
-diesen Veränderungen Theil, jedoch ist ihre Betheiligung selten eine so
-starke, wie die des Herzfleisches. --
-
-[Illustration: =Fig=. 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_
-Fettmetamorphose der Muskelzellen in der Ringfaserhaut. _B_ Bildung von
-Fettkörnchenzellen in den Bindegewebskörperchen der Intima. Vergröss.
-300.]
-
-Auch an der Wand der =Arterien= kommt Fettmetamorphose vor. Zuweilen
-geschieht sie an den Faserzellen der Muskelhaut (Fig. 122, _A_); in
-diesem Falle hat sie eine grosse Bedeutung für die Bildung von
-Erweiterungen und Zerreissungen der Gefässe. Noch häufiger ist sie an
-der Intima (Fig. 122, _B_). An der Aorta, der Carotis, den Hirnarterien
-sieht man oft mit blossem Auge ganz oberflächliche Veränderungen der
-inneren Haut in der Art, dass kleine weissliche oder gelbliche Flecke
-von rundlicher oder eckiger Gestalt, manchmal mehr zusammenhängend, über
-die Fläche etwas hervortreten. Schneidet man an solchen Stellen ein, so
-findet man, dass die Veränderung in der innersten (oberflächlichsten)
-Schicht der Intima liegt. Sie darf mit dem eigentlichen atheromatösen
-Zustande nicht verwechselt werden. Nimmt man eine solche Stelle unter
-das Mikroskop, so ergibt sich, dass eine Fettmetamorphose der
-Bindegewebs-Elemente der Intima stattgefunden hat. Da diese
-Bindegewebs-Elemente sternförmige, ästige Zellen sind, so zeigt sich
-begreiflicherweise nicht die gewöhnliche Form der Körnchenzellen,
-sondern man sieht feine, oft sehr lange, an einzelnen Stellen spindel-
-oder sternförmig anschwellende Körper, welche ganz mit Fettkörnchen
-erfüllt sind, während dazwischen noch intacte Intercellularsubstanz sich
-befindet. Die zelligen Elemente des Bindegewebes gehen hier in ihrer
-Totalität die Veränderung ein. Selbst die feinsten Ausläufer der Zellen
-zeigen noch perlschnurförmig angeordnete Fettkörnchen. Später erweicht
-die Zwischenmasse, die zelligen Theile fallen auseinander, der Blutstrom
-reisst die Fettpartikelchen mit sich. So entstehen an der Oberfläche des
-Gefässes unebene Stellen, welche so lange, als der Prozess
-fortschreitet, anschwellen, später usurirt werden und leicht sammetartig
-aussehen, ohne dass es ein Geschwür im eigentlichen Sinne des Wortes
-gibt. Es ist dies eine besondere Form der =fettigen Usur=[211]. Sie
-kommt auch an vielen anderen Theilen vor, so an den Gelenkknorpeln,
-selbst an der Oberfläche von Schleimhäuten, z. B. des Magens (=Fox=).
-
- [211] Gesammelte Abhandlungen 494, 503.
-
-Diese oberflächliche, zur einfachen Usur führende Veränderung
-unterscheidet sich wesentlich von der sogenannten atheromatösen
-Degeneration. Denn bei dieser tritt ein ähnlicher Vorgang der
-Fettmetamorphose in der Tiefe ein: die tiefsten Lagen der Intima
-gerathen zuerst in die Fettmetamorphose, und erst zuletzt wird die
-Oberfläche erreicht. Mit eintretender Erweichung der Grundsubstanz
-entsteht der =atheromatöse Heerd=, der eine breiige Masse enthält,
-ähnlich dem Atherom der äusseren Haut, wo die Vermischung von Schmeer
-mit Epidermis einen Brei abgibt. Was wir an dem Atherom der Arterie
-finden, ist die Mischung des fettigen Detritus der Zellen mit erweichter
-Gewebssubstanz, und da diese Masse abgeschlossen unter der Oberfläche
-liegt, so gibt es eine Art von Heerd, gleichsam einen Abscess. Erst bei
-vorgeschrittener Erweichung reisst die Oberfläche ein, es treten Theile
-aus der Höhle in das Gefäss, und hinwieder Theile aus dem Blute gehen
-aus dem Lumen des Gefässes in die Atheromhöhle hinein. Auf diese Weise
-entstehen =Zerstörungen=, =Destructionen=, in letzter Instanz das
-=atheromatöse Geschwür=: ein Geschwür, welches den gewöhnlichen Arten
-von Ulceration sehr nahe steht, aber eben nur der fettigen Metamorphose
-seine Entstehung verdankt. Es ist ein Product des Heerdes, allein es
-enthält nichts mehr von geformten Elementartheilen, höchstens etwas
-krystallinisches Cholestearin (Fig. 129). Wir haben es dann recht
-eigentlich mit einem zerstörenden und ulcerirenden Vorgang zu thun.
-
-Nur in solchen Theilen, wo, wie in der Milchdrüse, in den Schmeerdrüsen,
-neue Elemente nachwachsen, kann der Prozess der Fettmetamorphose längere
-Zeit bestehen, ohne zu einem vernichtenden Gesammtresultate zu führen.
-Die einzelnen Zellen gehen aber auch da unter, sie lösen sich in
-derselben Weise zu einem Detritus, wie bei der pathologischen
-Fettmetamorphose. Diese stellt daher unter allen Verhältnissen, sowohl
-physiologisch, wie pathologisch, eine Nekrobiose dar. Wenn die Milch-
-und Schmeersekretion, die ihrem Wesen nach nekrobiotische Absonderungen
-sind, trotz dieses Charakters Monate lang, ja die letztere das ganze
-Leben lang fortbestehen können, so ist dies eben nur möglich, weil sie
-an Drüsen mit stetigem Nachwuchse neuer Elemente sich vollstrecken. Hört
-an der Milchdrüse, wie es nicht selten geschieht, die Bildung neuer
-Zellen in den Terminalbläschen auf, so atrophirt die Drüse und sie wird
-dauernd unbrauchbar für die Secretion.
-
-
-
-
- Achtzehntes Capitel.
-
- Amyloide Degeneration. Verkalkung.
-
-
- Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres
- Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen:
- Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und
- eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der
- Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel.
- Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit:
- functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der
- Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse und
- interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie. Gang
- der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und Syphilis.
- Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der Nebennieren.
-
- Verkalkung (Versteinerung, Petrification). Unterschied von
- Verknöcherung. Verkalkung der Arterien, des Bindegewebes, der
- Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides Bindegewebe).
- Concentrisch geschichtete Kalkkörper (Concretionen). Versteinerung:
- Lithopädion. Verkalkung todter Theile: Eingeweidewürmer,
- Ganglienzellen des Gehirns bei Commotion, käsige und thrombotische
- Massen.
-
-Unter den passiven Prozessen, welche zur Degeneration und damit zur
-Verminderung oder Vernichtung der Functionsfähigkeit führen, stehen, wie
-wir oben hervorhoben, die nekrobiotischen, mehr oder weniger
-erweichenden, bei welchen ein Theil der Gewebselemente ganz verschwindet
-und aufgelöst wird, denjenigen gegenüber, bei welchen bald für das
-blosse Auge und das Tastgefühl, bald bloss für das bewaffnete Auge eine
-Verdichtung, eine Vermehrung der festen Substanz des leidenden Organs
-stattfindet. Ich meine damit jedoch nicht jene eigentliche Induration,
-welche vielmehr auf einer Vermehrung der constituirenden Bestandtheile
-des Gewebes beruht, sondern eine wirklich degenerative Veränderung, bei
-welcher die zunehmende Dichtigkeit durch ungehörige, der Zusammensetzung
-des Gewebes fremdartige Bestandtheile erfolgt. Unsere Kenntniss in
-dieser Richtung ist in neuerer Zeit sehr wesentlich gefördert worden,
-insofern ein Prozess, dessen Natur früher theils ganz unklar, theils nur
-wenig untersucht war, mehr und mehr unseren Untersuchungen zugänglich
-geworden ist, so dass er schon jetzt ein wichtiges Gebiet der Pathologie
-der kachektischen Zustände ausmacht. Es ist dies der von Einigen als
-=speckig=, von Anderen als =wächsern= bezeichnete Zustand, dem ich den
-Namen des =amyloiden= beigelegt habe.
-
-Der Name der speckigen Veränderung ist hauptsächlich durch die Wiener
-Schule wieder mehr in Gebrauch gekommen. Denn er ist nicht erst in
-neuerer Zeit erfunden worden; im Gegentheil, er ist als Bezeichnung für
-ein festes, derbes, gleichmässiges Aussehen der Theile in der Medicin
-ziemlich alt. Wir finden ihn seit Jahrhunderten, und Speckgeschwülste
-(Steatome, Tumores lardacei) haben noch in der Neuzeit ihre Rolle
-gespielt[212]. Allein der Ausdruck der speckigen Veränderung, wie er
-jetzt gebraucht wird, hat weder mit dem Alterthum, noch mit der
-Geschwulstlehre, noch überhaupt mit Neubildung von Gewebsbestandtheilen
-etwas zu thun; er bezieht sich vielmehr auf gewisse Veränderungen oder
-Degenerationen von Organen, welche die Alten, die, wie ich glaube,
-bessere Speckkenner waren, als die jetzigen Wiener, schwerlich mit einem
-solchen Namen belegt haben würden. Das Aussehen solcher Organe nehmlich,
-welche nach Wiener Anschauungen speckig aussehen sollen, gleicht nach
-nördlichen Begriffen vielmehr dem Wachs. Daher habe ich schon seit
-langer Zeit, wie die Edinburger Schule, den Ausdruck der wächsernen
-Veränderung dafür gebraucht. Sieht man eine Leber oder eine Lymphdrüse
-in recht ausgeprägten Zuständen dieser Art an, so ist das, was am
-meisten für das blosse Auge auffällt, das blasse, durchscheinende, aber
-zugleich matte Aussehen, welches die Schnittflächen darbieten: die
-natürliche Farbe der Theile ist mehr oder weniger verloren, so dass ein
-Anfangs mehr graues, später vollkommen farbloses Material die Theile zu
-erfüllen scheint. Die durchscheinende Beschaffenheit, welche das Gewebe
-hat, lässt indess das Roth der Gefässe und die natürliche Färbung der
-Nachbartheile durchschimmern, so dass die veränderten Stellen in
-einzelnen Organen mehr gelblich, röthlich oder bräunlich aussehen. Die
-sogenannte Speckmilz sieht geradezu schinkenartig aus. Es ist dies aber
-nicht eine der abgelagerten Substanz zukommende, sondern nur eine durch
-sie hindurchschimmernde Farbe. Zugleich pflegen sich die betroffenen
-Organe zu vergrössern und sowohl absolut, als specifisch schwerer zu
-werden. Auf Durchschnitten sehen manche von ihnen so matt aus und
-zugleich sind sie so dicht, dass ihr Aussehen an dasjenige von gekochten
-oder geräucherten Theilen erinnert.
-
- [212] Geschwülste I. 13, 325, 365.
-
-Die ersten Anhaltspunkte für die genauere Deutung der Substanz, welche
-man früher bald für eine eigenthümliche Fettmasse, bald für Eiweiss oder
-Fibrin, bald endlich für Colloid nahm, wurden durch die Anwendung des
-Jods auf die thierischen Gewebe gewonnen. Noch in demselben Jahre
-(1853), in dem ich die eigenthümliche Jodreaction an den Corpora
-amylacea der Nervenapparate, welche ich früher schilderte (S. 325),
-entdeckt hatte, stiess ich auf ein anderes Organ, nehmlich die Milz und
-zwar auf einen Zustand derselben, in welchem ihre Follikel
-(Malpighischen Körper) in ihrer Totalität in eine blasse,
-durchscheinende, wachsartige Masse umgewandelt waren. Ich nannte diesen
-Zustand wegen des eigenthümlichen, an gekochten Sago erinnernden
-Aussehens der entarteten Follikel =Sagomilz=. Auch hier fand sich eine
-Substanz, welche sowohl durch Jod für sich, als durch Jod und
-Schwefelsäure eine pflanzlichen Stärke- und Cellulose-Bildungen ähnliche
-Reaction ergab. Und hier war dieses Vorkommen noch viel mehr
-interessant, da es sich um eine unzweifelhaft krankhafte Erscheinung
-handelte, von der ich schon durch frühere Erfahrungen wusste, dass sie
-mit Zuständen der Kachexie, mit Erkrankungen der Leber und Nieren
-verbunden war[213].
-
- [213] Archiv VI. 268. Gaz. hebdom. de méd. et de chirurg. 1853.
- p. 161. (Sitzung der Acad. des sc. vom 5. Dec. 1853).
-
-Bald nachher hat =Heinr=. =Meckel= Untersuchungen über die
-»Speckkrankheit« veröffentlicht, welche das Vorkommen dieser Substanz
-namentlich in der Niere, der Leber und dem Darme schilderten. Ja, es
-stellte sich bald heraus, dass ein solcher Stoff bei der Erkrankung der
-verschiedensten thierischen Theile, in den Lymphdrüsen, in der ganzen
-Ausdehnung des Digestionstractus, an den Schleimhäuten der Harnorgane,
-endlich sogar in der Substanz der Muskelapparate, im Herzen, im Uterus,
-in der Schilddrüse und Nebenniere, sowie im Inneren von Knorpeln
-vorkommen kann[214]. Merkwürdigerweise begrenzt sich jedoch das Gebiet
-der amyloiden Veränderung ganz überwiegend auf ein gewisses Feld,
-nehmlich auf die Organe des Unterleibes. Am Gehirne und den sonstigen
-Organen des Kopfes ist sie nie beobachtet worden; am Halse sind es nur
-die Schilddrüse und der Oesophagus, welche daran leiden; in der Brust
-sind in ganz seltenen Fällen das Herz, etwas häufiger die Speiseröhre,
-niemals die Lungen betheiligt. Die Krankheit hat daher einen so
-auffallend =regionären= Charakter, dass wir kaum irgend eine Analogie
-dafür in der Pathologie anführen können.
-
- [214] Archiv VI. 416. VIII. 140, 364. XI. 188. XIV. 187. Würzb.
- Verhandl. VII. 222.
-
-Betrachtet man die Substanzen im Thierkörper, welche Jodreaction geben,
-genauer, so ergiebt sich, dass mehrere ähnliche, aber nicht identische
-Körper unterschieden werden müssen. Zuerst nehmlich der von =Bernard= in
-der Leber und anderen, namentlich embryonalen Geweben aufgefundene
-Stoff, welcher so leicht in Zucker übergeht und welcher den Namen
-=Glykogen= oder =Zoamylon= erhalten hat. Dieser gibt mit Jodlösungen
-eine eigenthümliche weinrothe Färbung, die durch Schwefelsäure dunkelt,
-aber nicht in Blau übergeht. Beim Erwachsenen finde ich eine solche
-Substanz nur selten, z. B. in dem Epithel des Urogenital-Apparates und
-in den Knorpelzellen.
-
-Ganz verschieden davon ist die Substanz, welche mehr der eigentlichen
-Stärke (Amylon) der Pflanzen analog ist und auch in der Form ihrer
-Abscheidungen mit den pflanzlichen Stärkekörnern eine überraschende
-Aehnlichkeit darbietet, denn ganz regelmässig erscheint sie in mehr oder
-weniger rundlichen oder ovalen, concentrisch geschichteten Bildungen. In
-diese Reihe gehören vor Allen die =Corpora amylacea= des Nervenapparates
-(Fig. 103, _c a_). Diese bleiben immer mikroskopische Gebilde. In anderen
-Organen kommen jedoch geschichtete Amylacea von sehr beträchtlicher
-Grösse vor; ihr Durchmesser kann so erheblich werden, dass man sie vom
-blossen Auge leicht erkennt. Dahin gehört namentlich ein Theil der
-geschichteten Körper, wie sie fast bei jedem erwachsenen Manne in der
-Prostata sich finden, wo sie unter Umständen so sehr anwachsen, dass sie
-die sogenannten Prostata-Concretionen bilden. Ebenso sind hierher zu
-zählen die seltenen, ähnlich gebildeten Körper, welche zuerst
-=Friedreich= in manchen Zuständen der Lunge nachgewiesen hat.
-
-[Illustration: =Fig=. 123. Geschichtete Prostata-Amylacea
-(Concretionen): _a_ längliches, blasses, homogenes Körperchen mit einem
-kernartigen Körper. _b_ Grösseres, geschichtetes Körperchen mit blassem
-Centrum. _c_ Noch grösseres, mehrfach geschichtetes Gebilde mit
-gefärbtem Centrum. _d_, _e_ Körper mit zwei und drei Centren. _d_ stärker
-gefärbt. _f_ Grosse Concretion mit schwarzbraunem, grossem Centrum.
-Vergr. 300.]
-
-In der Prostata wechseln diese Körper von ganz kleinen, einfachen,
-gleichmässig aussehenden Gebilden bis zu hanfkorngrossen Klumpen, an
-denen wir stets eine successive Reihe sehr zahlreicher Schichtungen
-sehen. Wie die kleinen amylacischen Körperchen des Nervenapparates
-häufig zu zweien zusammengesetzt sind, Zwillingsbildungen darstellen, so
-kommt es auch in der Prostata sehr häufig vor, dass um getrennte Centren
-eine gemeinschaftliche Umhüllung stattfindet (Fig. 123, _d_, _e_). Ja, in
-einzelnen Fällen geht das so weit, dass ganze Haufen von kleineren
-Körpern von grossen, gemeinschaftlichen Lagen umhüllt und
-zusammengehalten werden. Diese ganz grossen, freilich selteneren Formen
-können einen Durchmesser von ein Paar Linien erreichen, so dass man sie
-leicht aus dem Gewebe isoliren und selbst grober Untersuchung
-unterwerfen kann. Es scheint kaum zweifelhaft, dass in diesen Fällen
-eine Substanz abgeschieden wird, welche sich nach und nach aussen um
-präexistirende Körper ansetzt, dass es sich hier also nicht um die
-Degeneration eines bestimmten Gewebes handelt, sondern um eine Art von
-Ausscheidung und Sedimentbildung, wie wir sie bei anderen Concretionen
-aus Flüssigkeiten erfolgen sehen. Man kann mit Wahrscheinlichkeit
-schliessen, dass die Prostata, indem ihre Elemente sich auflösen, eine
-Flüssigkeit liefert, welche nach und nach Niederschläge bildet und
-dadurch diese besonderen Formen hervorbringt.
-
-Diese Gebilde haben nun das Eigenthümliche, dass sie schon unter der
-einfachen Wirkung von Jod (ohne Zusatz von Schwefelsäure) sehr häufig
-eine eben solche blaue Farbe annehmen, wie die Pflanzenstärke. Je
-nachdem die Substanz reiner oder unreiner ist, ändert sich die Farbe, so
-dass sie z. B., wenn viel eiweissartige Masse beigemengt ist, statt blau
-grün erscheint, indem die albuminöse Substanz durch Jod gelb, die
-amylacische blau wird; was den Totaleffect des Grünen gibt. Je mehr
-albuminöse Substanz, um so mehr wird die Farbe braun, und nicht selten
-hat man in der Prostata Concretionen, welche nach der Jodeinwirkung die
-verschiedensten Farben darbieten. Insofern unterscheiden sich diese
-Körper von jenen kleinen Amylonkörperchen des Nervenapparates, welche
-sämmtlich eine bläuliche oder blaugraue Färbung durch Jod annehmen. Auch
-ist zu bemerken, dass viele im Baue ganz analoge Körper der Prostata
-durch Jod nur gelb oder braun werden, sich also chemisch anders
-verhalten.
-
-Daraus folgt, dass man sich bei der Anwendung von Reagentien leicht
-täuschen kann, dass jedoch ohne die Anwendung derselben eine
-Entscheidung überhaupt nicht möglich ist. Ich selbst habe früher (1851)
-alle morphologisch der Pflanzenstärke analogen Gebilde im menschlichen
-Körper unter dem Namen der Corpora amylacea zusammengestellt[215]; erst
-seitdem ich die Jodreaction gefunden habe, war ich in der Lage, nur
-diejenigen in diese Bezeichnung einzuschliessen, welche die Reaction
-geben. Dabei ist es sehr wohl möglich, dass die amylacische Substanz in
-einem geschichteten Körper, der ursprünglich nichts davon enthielt,
-nachträglich durch chemische Umwandlung entsteht.
-
- [215] Würzb. Verhandl. II. 51.
-
-Wesentlich verschieden sowohl von dem Glykogen, als noch mehr von diesen
-Ausscheidungen stärkeartiger Substanz sind die =amyloiden Degenerationen
-der Gewebe selbst=, wobei Gewebs-Elemente als solche sich direct mit
-einer auf Jod reagirenden Substanz erfüllen und nach und nach so davon
-durchdrungen werden, wie etwa die Durchdringung der Gewebe mit Kalk bei
-der Verkalkung erfolgt. Man kann nicht füglich zwei Dinge besser
-vergleichen, als die Verkalkung und die amyloide Entartung. -- Die
-Substanz, welche diese eigentliche Degeneration der Gewebe bedingt, hat
-die Eigenthümlichkeit, dass sie unter der Einwirkung von blossem Jod für
-sich nie blau wird. Bis jetzt ist wenigstens kein Fall bekannt, wo
-verändertes Parenchym der Gewebe diese Farbe angenommen hätte. Vielmehr
-sieht man eine eigenthümlich gelbrothe Farbe entstehen, welche
-allerdings in manchen Fällen einen leichten Stich ins Rothviolette
-(Weinrothe) hat, so dass wenigstens eine Annäherung an das Blau der
-Stärke-Masse hervortritt. Dagegen bekommt die Substanz häufig eine
-wirkliche, sei es vollkommen blaue, sei es violette Farbe, wenn man
-=recht vorsichtig= Schwefelsäure oder Chlorzink zufügt. Es gehört dazu
-allerdings eine gewisse Uebung; man muss das Verhältniss gut treffen, da
-die Schwefelsäure die Substanz gewöhnlich sehr schnell zerstört, und man
-entweder sehr undeutliche Färbungen bekommt, oder die Farbe nur momentan
-hervortritt und alsbald wieder verschwindet. Es ist also nöthig, das Jod
-zuerst und zwar in =diluirten=, wässerigen Lösungen recht vollständig
-einwirken zu lassen, was am besten geschieht, wenn man das Object mit
-einer Präparirnadel sanft klopft, so dass man gleichsam das Jod in
-dasselbe hineinpresst. Sodann entferne man die überflüssige Flüssigkeit
-und setze einen ganz kleinen Tropfen =concentrirter= Schwefelsäure zu
-und zwar so, dass er ganz langsam eindringt. Man muss zuweilen Stunden
-lang warten, ehe die gute blaue Farbe eintritt. Somit steht diese
-Substanz der eigentlichen Stärke weniger nahe, sondern nähert sich
-vielmehr der Cellulose, die wir früher besprochen haben (S. 6). Allein
-sie unterscheidet sich auch wiederum von der Cellulose dadurch, dass sie
-durch die Einwirkung von Jod für sich schon eine Färbung erfährt,
-während die eigentliche Cellulose durch blosses Jod überhaupt nicht
-gefärbt wird. Denn die Cellulose verhält sich darin ganz wie
-Cholestearin[216]. Wenn man nehmlich nur Jod zu dem Cholestearin
-hinzusetzt, so sieht man keine Veränderung, ebensowenig wie an der
-Cellulose; wenn man dagegen zu der jodhaltigen Cholestearinmasse
-Schwefelsäure bringt, so färben sich die Cholestearintafeln und nehmen,
-im Anfange namentlich, eine brillant indigoblaue Farbe an, welche
-allmählich in ein Gelblichbraun übergeht, während die Cholestearintafel
-zu einem bräunlichen Tropfen umgewandelt wird. Die Schwefelsäure für
-sich verwandelt das Cholestearin in einen fettartig aussehenden Körper,
-welcher weder Cholestearin noch eine Verbindung von Cholestearin und
-Schwefelsäure, sondern ein Zersetzungsproduct des ersteren ist[217].
-Auch die Schwefelsäure für sich gibt sehr schöne Farbenerscheinungen an
-dem Cholestearin.
-
- [216] Archiv IV. 418-21. VIII. 141. Würzb. Verhandl. VII. 228.
-
- [217] Würzburger Verhandl. I. 314. Archiv XII. 103.
-
-Bei dieser Mannichfaltigkeit der Reactionen ist es allerdings immer noch
-sehr schwer mit Sicherheit zu sagen, wohin die Substanz gehört. =Meckel=
-hat mit grosser Sorgfalt den Gedanken verfolgt, dass es sich um eine Art
-von Fett handle, welches mit Cholestearin mehr oder weniger identisch
-sei, allein wir kennen bis jetzt keinerlei Art von Fett, welches die
-drei Eigenschaften, durch Jod für sich gefärbt zu werden, bei Einwirkung
-von Schwefelsäure für sich farblos zu bleiben, und durch die combinirte
-Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine blaue Farbe anzunehmen, in
-sich vereinigte. Ausserdem verhält sich die Substanz selbst keinesweges
-wie eine fettige Masse; sie besitzt nicht die Löslichkeit, welche das
-Fett charakterisirt, insbesondere kann man bei der Extraction mit
-Alkohol und Aether aus diesen Theilen keine Substanz gewinnen, welche
-die Eigenthümlichkeiten der früheren besitzt. Nach Allem liegt also
-vielmehr eine Uebereinstimmung mit pflanzlichen Formen vor (Verholzung),
-und man kann immerhin die Ansicht festhalten, dass es sich hier um einen
-Prozess handle, vergleichbar demjenigen, welchen wir bei der
-Entwickelung einer Pflanze eintreten sehen, wenn die einfache Zelle sich
-mit holzigen Capselschichten (Cellulose) umhüllt, -- ein Vorgang, bei
-dem wahrscheinlich stickstoffhaltige Lagen in stickstofflose verwandelt
-werden. Dass das thierische Amyloid aus einer stickstoffhaltigen,
-möglicherweise eiweissartigen Substanz hervorgehe, ist kaum zu
-bezweifeln. Nachdem schon =Kekule= und =Carl Schmidt= bei unserer
-Substanz einen Stickstoffgehalt gefunden zu haben glaubten, ist durch
-W. =Kühne= und =Rudnew= derselbe sicher nachgewiesen worden. Ausgehend
-von der Erfahrung, dass das Amyloid gegen die verschiedenartigsten
-Lösungsmittel sich fast ebenso resistent verhält, wie Cellulose,
-wendeten sie Verdauungsflüssigkeiten auf amyloid entartete Gewebe an,
-und es gelang ihnen so, die veränderten Theile zu isoliren und rein
-darzustellen.
-
-Am schönsten kann man diese Veränderungen verfolgen an denjenigen
-Theilen, welche überhaupt als der häufigste und früheste Sitz derselben
-betrachtet werden müssen, nehmlich an den =kleinsten Arterien=. Diese
-erfahren überall zuerst die Umwandlung; erst, nachdem die Umänderung
-ihrer Wandungen bis zu einem hohen Grade vorgerückt ist, kann die
-Infiltration auf das umliegende Parenchym fortschreiten. Jedoch
-geschieht dies keineswegs häufig; im Gegentheil atrophirt nicht selten
-das Parenchym der Organe, während die Erkrankung sich von den Arterien
-auf die Capillaren ausbreitet. Wenn wir in einer amyloiden Milz eine
-kleine Arterie verfolgen, während sie sich in einen sogenannten
-Penicillus auflöst, so sehen wir, wie ihre an sich schon starke Wand in
-dem Maasse, als die Veränderung fortschreitet, noch dicker wird, und wie
-dabei die Lichtung des Gefässes um ein Bedeutendes sich verkleinert.
-Hieraus erklärt es sich, dass alle Organe, welche in einem bedeutenderen
-Grade die amyloide Veränderung eingehen, überaus blass aussehen; es
-entsteht eine Ischämie (S. 153) durch die Hemmung, welche die
-verengerten Gefässe dem Einströmen des Blutes entgegensetzen und
-wahrscheinlich in Folge davon die erwähnte Atrophie. Jedoch ist die
-Verdickung der Gefässe so gross und so verbreitet, dass die befallenen
-Organe trotz der Atrophie ihres Parenchyms grösser und schwerer werden.
-
-Untersucht man nun, an welchen Gewebselementen der Gefässe der amyloide
-Zustand sich zuerst findet, so scheinen es ziemlich constant die kleinen
-Muskeln der Ringfaserhaut zu sein. Dabei tritt an die Stelle einer jeden
-contractilen Faserzelle ein compactes, homogenes Gebilde, an welchem man
-Anfangs die Stelle des Kernes noch wie eine Lücke erkennt, welches aber
-nach und nach jede Spur von zelliger Structur einbüsst, so dass zuletzt
-eine Art von spindelförmiger Scholle übrig bleibt, an welcher man weder
-Membran, noch Kern, noch Inhalt unterscheiden kann. Bei der Verkalkung
-kleiner Arterien findet genau derselbe Vorgang statt; die einzelne
-Faserzelle der Muskelhaut nimmt Kalksalze auf, anfangs in körniger,
-später in homogener Weise, bis sie endlich in eine gleichmässig
-erscheinende Kalkspindel umgewandelt ist. So durchdringt auch die
-amyloide Substanz ganze Partien des Gewebes, und die Wand der Arterie
-verwandelt sich in einen zuletzt fast vollkommen gleichmässigen,
-compacten, bei auffallendem Lichte glänzenden, farblosen Cylinder,
-welcher nur nicht die Härte der verkalkten Theile, im Gegentheil einen
-hohen Grad von Brüchigkeit besitzt. Die Venen leiden, mit Ausnahme der
-mesenterialen und der in der Leber, selten und niemals in solchem Grade,
-wie die Arterien. Dagegen kann die Veränderung der Capillaren einen
-überaus hohen Grad erreichen.
-
-[Illustration: =Fig=. 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie
-aus der Submucosa des Darmes, bei noch intactem Stamm. Vergr. 300.]
-
-Ist nun eine solche Veränderung bis zu einem gewissen Grade
-vorgeschritten, so kann eine analoge Veränderung auch in dem Parenchym
-der Organe eintreten. Diese Stadien kann man nirgend so deutlich
-verfolgen, wie in der =Leber=. Hier geschieht es zuweilen, dass man ein
-Stadium trifft, wo in dem ganzen Organe nichts weiter verändert ist, als
-nur die kleineren Aeste der Arteria hepatica. Macht man feine
-Durchschnitte durch die Leber, wäscht sie sorgfältig aus und bringt Jod
-darauf, so bemerkt man zuweilen schon vom blossen Auge die kleinen
-jodrothen Züge und Punkte, welche den durchschnittenen Aesten der
-Arteria hepatica entsprechen. Von da kann sich der Prozess auf das
-Capillarnetz der Acini fortsetzen und die Atrophie der Leberzellen
-herbeiführen. Dabei leidet, was wiederum sehr charakteristisch ist,
-gerade derjenige Theil der Acini zuerst, der am weitesten sowohl von
-den interlobulären als von den intralobulären Venen entfernt ist. Man
-kann nehmlich den pathologischen Veränderungen nach, die oft schon vom
-blossen Auge zu erkennen sind, innerhalb eines jeden Acinus drei
-verschiedene Zonen der Prädilection unterscheiden (Fig. 117). Die
-äusserste Zone, welche zunächst den portalen (interlobulären) Aesten
-liegt, ist der Hauptsitz der fettigen Infiltration; der intermediäre
-Theil, welcher unmittelbar daran stösst, gehört der amyloiden
-Degeneration an, und der centrale Theil des Acinus um die Vena hepatica
-(intralobularis) ist der gewöhnlichste Sitz für Pigmentablagerung. Jede
-dieser Veränderungen kann für sich bestehen, jedoch können sie auch alle
-drei gleichzeitig vorhanden sein. In diesem Falle erkennt man schon mit
-blossem Auge zwischen der äussersten gelbweissen und der innersten
-gelbbraunen oder graubraunen Schicht die blasse, farblose,
-durchscheinende und resistente Zone der wächsernen oder amyloiden
-Veränderung.
-
-Werden die Leberzellen selbst von dieser letzteren Veränderung
-betroffen, so sieht man, dass der früher körnige Inhalt derselben, der
-jeder Leberzelle ein leicht trübes Aussehen gibt, allmählich homogen
-wird; Kern und Membran verschwinden, und endlich tritt ein Stadium ein,
-wo man gar nichts weiter wahrnimmt, als einen absolut gleichmässigen,
-leicht glänzenden Körper, so zu sagen, eine einfache Scholle. Auf diese
-Weise gehen zuweilen in der beschriebenen Zone sämmtliche Leberzellen in
-amyloide Schollen über. Erreicht der Prozess einen sehr hohen Grad, so
-überschreitet endlich sogar die Veränderung diese Zone, und es kann
-sein, dass fast die ganze Substanz der Acini in Amyloidmasse verwandelt
-wird. Es entsteht hier endlich auch eine Art von Amyloidkörpern, nur
-dass sie nicht geschichtet sind, wie die vorher besprochenen Corpora
-amylacea; sie bilden gleichmässige homogene Körper, an welchen keine
-innere Abtheilung, keine Andeutung ihrer eigenthümlichen
-Bildungsgeschichte mehr zu erkennen ist.
-
-Wenn man diese Thatsachen zusammennimmt, so erscheint es ziemlich
-wahrscheinlich, dass es sich hier um eine allmähliche Durchdringung der
-Theile mit einer Substanz handelt, die ihnen, wenn auch nicht fertig,
-von aussen her zugeführt wird. Es ist dies eine Auffassung, welche
-wesentlich durch die Thatsache unterstützt wird, dass fast immer, wenn
-die amyloide Degeneration auftritt, der Prozess sich nicht auf eine
-einzige Stelle beschränkt, sondern dass viele Orte und Organe
-gleichzeitig im Körper ergriffen werden. Dadurch gewinnt in der That der
-ganze Vorgang ein wesentlich dyscrasisches Aussehen.
-
-Der einzige Ort, wo bis jetzt wenigstens eine ganz unabhängige
-Entwickelung dieser Veränderung von mir bemerkt worden ist, und wo mit
-einiger Wahrscheinlichkeit ein ursprünglicher Sitz der Bildung
-angenommen werden kann, ist der =permanente Knorpel=[218]. Namentlich
-bei älteren Leuten nehmen die Knorpel an verschiedenen Stellen, z. B. an
-den Sternoclavicular-Gelenken, an den Symphysen des Beckens, an den
-Intervertebral-Knorpeln, eine eigenthümlich blassgelbliche
-Beschaffenheit an; dann kann man ziemlich sicher sein, dass, wenn man
-die Jodreaction mit ihnen versucht, man auch die eigenthümliche Färbung
-erlangen wird. Diese Farben kommen an den Knorpelzellen, jedoch noch
-viel mehr an der Intercellularsubstanz vor, und da solche Fälle nicht
-etwa mit Erkrankungen grosser innerer Organe zusammentreffen, sondern
-ganz unabhängig bei Individuen eintreten, welche übrigens am Körper
-nichts der Art zu erkennen geben, so scheint es, dass hier in der That
-eine unmittelbare Transformation vorliegt, und dass es sich beim Knorpel
-nicht um eine Einfuhr von aussen her handelt.
-
- [218] Würzb. Verhandl. VII. 277. Archiv VIII. 364.
-
-Alle anderen Formen der amyloiden Entartung haben ein constitutionelles,
-mehr oder weniger dyscrasisches Ansehen. Allein vergeblich habe ich mich
-bis jetzt bemüht, eine bestimmte Veränderung im Blute zu erkennen, aus
-welcher man etwa schliessen könnte, dass das Blut wirklich der
-Ausgangspunkt der Ablagerungen sei. Es existirt bis jetzt nur eine
-einzige Beobachtung, welche auf die Anwesenheit analoger Elemente im
-Blute hindeutet, und diese ist so sonderbar, dass man von ihr aus nicht
-wohl eine Erklärung versuchen kann. Ein Arzt zu Toronto in Canada hatte
-nehmlich auf den Wunsch eines Kranken, welcher an Epilepsie litt, das
-Blut desselben untersucht und eigenthümliche blasse Körper im Blute
-gesehen. Als er nun von meinen Beobachtungen über die Jodfärbung der
-Corpora amylacea im Gehirne las, kam ihm der Kranke wieder in den Sinn,
-und, ich glaube nach Verlauf von fünf Jahren, nahm er wieder Blut von
-ihm und fand auch wieder die Körper, welche in der That Stärke-Reaction
-gegeben haben sollen. Dieser Beobachtung gegenüber ist es sonderbar,
-dass Niemand sonst jemals etwas der Art gesehen hat, und da es sich hier
-um eine überaus dauerhafte Dyscrasie handeln müsste, so würde am
-wenigsten aus dieser Beobachtung ein Schluss auf unsere Fälle gezogen
-werden können, wo die Erkrankung offenbar in viel kürzerer Zeit sich
-ausbildet und wo wir wenigstens im Blute nichts der Art haben entdecken
-können. Ueberdies ist es mit jener Beobachtung eine missliche Sache.
-Stärkekörner können sehr leicht in verschiedene Objecte hineinkommen, so
-dass man (bei allem Respect gegen den Beobachter), so lange es sich um
-eine ganz solitäre Beobachtung handelt, noch die Möglichkeit zulassen
-muss, dass vielleicht eine Täuschung obgewaltet habe. Ist doch neuerlich
-eine ähnliche Täuschung vorgekommen, als =Carter= und =Luys=
-Stärkekörner als normalen Bestandtheil der menschlichen Hautabsonderung
-gefunden zu haben glaubten. =Rouget= hat dargethan, dass es sich hier
-immer um äussere Verunreinigung durch wirkliche pflanzliche Stärke
-handelt. Und so bin ich bis jetzt viel mehr geneigt, anzunehmen, dass
-das Blut in dieser Krankheit eine einfach chemische Veränderung in
-seinen gelösten Bestandtheilen erfährt, als dass es die pathologischen
-Substanzen in körniger Form enthält.
-
-Jedenfalls ist es unzweifelhaft, dass die amyloide Veränderung für die
-Pathologie einen ausserordentlich hohen Werth beansprucht. Es kann gar
-nicht anders sein, als dass diejenigen Theile, welche der Sitz derselben
-werden, ihre specielle Function einbüssen, dass z. B. Drüsenzellen,
-welche auf diese Weise verändert werden, nicht mehr im Stande sind, ihre
-besondere Drüsenfunction zu versehen, dass Gefässe nicht mehr der
-Ernährung der Gewebe oder der Absonderung der Flüssigkeiten, für welche
-sie sonst bestimmt sind, dienen können.
-
-Aus solchen Erwägungen erklärt es sich leicht, dass physiologische
-(klinische) Störungen so regelmässig mit diesen anatomischen
-Veränderungen zusammentreffen. Wir finden einerseits ausgesprochene
-Zustände der Kachexie, andererseits die überaus häufige Erscheinung von
-Hydropsie mit der ganzen Complication von Veränderungen, wie sie
-gewöhnlich unter dem Bilde der Brightschen Krankheit zusammengefasst
-wird. Fast jedesmal, wo eine solche Erkrankung eine gewisse Höhe
-erreicht, befinden sich die Kranken in einem hohen Grade von
-Marasmus und Anämie. Es gibt Fälle, wo die ganze Ausdehnung des
-Digestionstractus von der Mundhöhle bis zum After keine einzige feinere
-Arterie besitzt, welche nicht in dieser Erkrankung sich befände, wo
-jeder Theil des Oesophagus, des Magens, des Dünn- und Dickdarmes die
-kleinen Arterien der Schleimhaut und der Submucosa in dieser Weise
-verändert zeigt.
-
-Es ist dies gerade in sofern eine äusserst bemerkenswerthe Thatsache,
-als diese Art von Umwandelung am Darm, die für die Function so
-entscheidend ist (Mangel an Resorption, Neigung zu Diarrhoe), für das
-blosse Auge fast gar nicht erkennbar ist. Die Theile sind blass
-(anämisch) und haben ein graues durchscheinendes, zuweilen leicht
-wachsartiges Aussehen; allein dies ist doch so wenig charakteristisch,
-dass man daraus nicht mit Sicherheit einen Rückschluss auf die inneren
-Veränderungen machen kann, und dass die einzige Möglichkeit einer
-Erkenntniss, wenn man kein Mikroskop zur Hand hat, in der directen
-Application des Reagens besteht. Man braucht nur etwas Jod auf die
-Fläche aufzutupfen, so sieht man schon vom blossen Auge sehr bald eine
-Reihe von dicht stehenden, gelbrothen oder braunrothen Punkten
-entstehen, während die zwischenliegende Schleimhaut einfach gelb
-erscheint. Diese rothen Punkte sind die Zotten des Darmes; nimmt man
-eine davon unter das Mikroskop, so sieht man die Wand der kleinen
-Arterien und selbst der Capillaren, welche sich in ihr verbreiten,
-zuweilen auch das Parenchym jodroth gefärbt. Ganz ähnlich lässt sich
-auch an anderen Organen die Veränderung für dass blosse Auge durch Jod
-sichtbar machen, sobald sie einmal einen höheren Grad erreicht hat.
-Wendet man bloss Jodlösung an, so verschwindet die Färbung gewöhnlich
-sehr bald oder sie tritt sehr schwer ein. Es scheint dies von der so
-häufigen ammoniakalischen Zersetzung herzurühren, welche Leichentheile
-so leicht eingehen. Daher empfiehlt es sich, nach der Jodanwendung etwas
-Säure zuzusetzen, um die Alkalescenz des Gewebes aufzuheben. Dazu genügt
-schon Essigsäure.
-
-Nahezu die wichtigste Art der Amyloid-Erkrankung, welche wir bis jetzt
-kennen, ist diejenige, welche in der Niere entsteht. Ein grosser Theil,
-namentlich der chronischen Fälle von Brightscher Krankheit, gehört
-dieser Veränderung an, muss also von vielen anderen ähnlichen Formen als
-eine besondere, ganz und gar eigenthümliche Form abgelöst werden. Auch
-diese Nieren hat man in Wien zu einer Zeit, wo die chemische Reaction
-noch nicht bekannt war, Specknieren genannt. Ich muss aber wiederum
-bemerken, dass es unmöglich ist, mit blossem Auge unmittelbar zu
-erkennen, ob gerade diese Veränderung stattgefunden hat oder eine
-andere, und dass ein Theil der sogenannten Specknieren nichts anderes
-als indurirte Nieren waren. Von dieser Verwechselung einfach indurativer
-Zustände (fibröser Degeneration) mit amyloiden schreibt sich nicht bloss
-für die Nieren, sondern auch für Milz und Leber manche Verwirrung in den
-Angaben der Schriftsteller her. Gerade an der Niere kann man eine
-sichere Diagnose erst nach Jodanwendung machen, und auch da muss man
-sich sorgfältig bemühen, zuerst so viel als möglich das Blut aus den
-Gefässen auszuwaschen. Denn ein mit Blut gefülltes Gefäss zeigt nach
-Anwendung des Jods genau dieselbe Farbe, welche ein mit Jod behandeltes,
-amyloid degenerirtes Gefäss darbietet.
-
-Bringt man Jodlösung auf eine ganz anämische Rindensubstanz, so
-erscheinen gewöhnlich zuerst rothe Punkte, welche den Glomerulis
-entsprechen, auch wohl feine Striche, den Arteriae afferentes angehörig.
-Nächstdem, wenn die Erkrankung recht stark ist, sieht man auch innerhalb
-der Markkegel rothe, parallele Linien, welche sehr dicht liegen. Das
-sind die Arteriolae rectae[219]. Die Erkrankung der Arterien wird
-zuweilen so stark, dass man nach Anwendung des Reagens eine deutliche
-Uebersicht des Gefässverlaufes bekommt, wie wenn man eine sehr
-vollständige künstliche Injection vor sich hätte. Allein gerade bei
-diesen Nieren ist eine Injection nicht ganz ausführbar. Auch die
-feineren Mittel, welche wir für Injectionen anwenden, sind viel zu grob,
-um durch die verengten Gefässe hindurch zu gelangen. Untersucht man
-einen solchen Glomerulus mikroskopisch, so sieht man, dass von da, wo
-sich die zuführende Arterie auflöst, die Schlinge nicht mehr die feine,
-zarte Röhre ist, wie sonst; vielmehr erscheinen alle einzelnen Schlingen
-innerhalb der Capsel als compacte, fast solide Bildungen. Da nun gerade
-diese Theile es sind, welche offenbar die eigentlichen Secretionspunkte
-der Harnflüssigkeit darstellen, so begreift es sich, dass in solchen
-Fällen Störungen in der Ausscheidung des Harnes stattfinden müssen. Wir
-haben leider bis jetzt keine vollständig ausreichenden Analysen, allein
-es scheint, dass viele Fälle von Albuminurie, welche mit erheblicher
-Verminderung der Harnstoff-Ausscheidung verbunden sind, gerade mit
-diesen Zuständen zusammenhängen, und dass die Abscheidung um so mehr
-sinkt, je intensiver die Erkrankung wird. Diese Fälle compliciren sich
-sehr häufig mit Anasarka und Höhlenwassersucht und können im vollsten
-Maasse die Symptome der Brightschen Erkrankung liefern. Sie
-unterscheiden sich aber wesentlich von der einfach entzündlichen Form
-der Brightschen Krankheit, welche ich als =parenchymatöse Nephritis=
-bezeichne, dadurch, dass bei letzterer die Erkrankung nicht so sehr an
-den Glomerulis oder den Arterien, als an dem Epithel der Niere haftet,
-und dass die Veränderung oft lange Zeit an dem Epithel verläuft, während
-die Glomeruli selbst in solchen Fällen noch intact erscheinen können, wo
-kaum noch Epithel in den Kanälchen vorhanden ist. Hiervon ist wieder
-eine dritte, =indurative= Form zu unterscheiden, wo überwiegend das
-=interstitielle Gewebe= sich verändert, wo Verdickungen um die Capseln
-und die Harnkanälchen entstehen, Abschnürungen, Verschrumpfungen zu
-Stande kommen und dadurch mechanische Hemmungen des Blutstromes
-hervorgebracht werden, welche natürlich mit Secretionsveränderungen
-zusammenfallen müssen.
-
- [219] Archiv XII. 318.
-
-Es ist sehr wichtig, dass man diese Verschiedenheiten, welche in dem
-Bilde einer scheinbar einzigen Krankheit zusammengefasst werden,
-auseinanderlöse, weil sich daraus erklärt, dass die Erfahrungen der
-einen Reihe sich nicht ohne weiteres auf die anderen Reihen anwenden
-lassen, und dass weder die physiologischen Consequenzen, noch die
-therapeutischen Maximen in diesen Zuständen gleich sein können. Dabei
-darf aber nicht übersehen werden, dass jene drei verschiedenen Formen
-keinesweges immer rein vorkommen, dass vielmehr häufig zwei von ihnen,
-zuweilen alle drei in derselben Niere gleichzeitig bestehen, und dass
-die eine Erkrankungsform lange bestehen kann, um sich endlich mit einer
-der anderen oder beiden zu compliciren. Dies kommt offenbar am
-häufigsten in der Reihenfolge vor, dass die amyloide Degeneration sich
-zu einer längere Zeit bestehenden einfach-parenchymatösen oder
-interstitiellen Nephritis im Stadium des Marasmus hinzugesellt.
-
-[Illustration: =Fig=. 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse. _a_,
-_b_, _b_ Gefässe mit stark verdickter, glänzender, infiltrirter Wand. _c_
-Eine Lage von Fettzellen im Umfange der Drüse. _d_, _d_ Follikel mit dem
-feinen Reticulum und Corpora amylacea. Vergr. 200. Vergl. Würzb.
-Verhandl. Bd. VII. Taf. III.]
-
-[Illustration: =Fig=. 126. Einzelne Corpora amylacea in verschiedenen
-Grössen und zum Theil eingebrochen, aus der Drüse in Fig. 125. Vergr.
-350.]
-
-Unter den vielen Organen, welche der Amyloid-Erkrankung unterliegen,
-sind ferner die =Lymphdrüsen= zu erwähnen[220]. Sie verhalten sich
-ähnlich wie die Milz. Es verändern sich einerseits die kleinen Arterien,
-andererseits die wesentliche Drüsensubstanz, das Parenchym, d. h. die
-feinzellige Masse, welche die Follikel erfüllt. Wie wir früher erwähnten
-(S. 207, Fig. 70), so liegen unter der Capsel der Drüse folliculäre
-Bildungen, und diese setzen sich wieder aus einem feinen Maschennetz
-zusammen, in welchem jene kleinen Zellen der Drüse aufgehäuft sind, von
-denen wir vermuthen, dass sie die Ausgangspunkte für die Entwickelung
-der Blutkörperchen darstellen. Die Arterien verlaufen zunächst in den
-Septa der Follikel und lösen sich hier in Capillaren auf, welche die
-Follikel umspinnen und von da in das Innere der Follikel selbst
-eindringen. Die amyloide Erkrankung der Lymphdrüsen besteht nun
-einerseits darin, dass diese Arterien dicker und enger werden und
-weniger Blut zuleiten, andererseits darin, dass die kleinen Zellen
-innerhalb der einzelnen Maschenräume der Follikel in Corpora amyloidea
-übergehen, und dass nachher anstatt vieler Zellen in jeder Masche des
-Follikels eine einzige grosse blasse Scholle angetroffen wird. Dadurch
-gewinnt die Drüse schon für das blosse Auge das Aussehen, als wenn sie
-mit kleinen Wachspunkten durchsprengt wäre, und bei der mikroskopischen
-Untersuchung erscheint es wie ein dichtes Strassenpflaster, welches die
-ganze Inhaltmasse zusammensetzt.
-
- [220] Würzb. Verhandl. VII. 222.
-
-Ueber die Bedeutung dieser Veränderungen lässt sich empirisch nicht viel
-aussagen, allein, wenn gerade der Follikel-Inhalt das Wesentliche bei
-einer Lymphdrüse ist, wenn von hier aus die Entwickelung der neuen
-Bestandtheile des Blutes erfolgt, so muss man wohl schliessen, dass die
-Erkrankung der Lymphdrüsen und der Milz, wo nicht selten gleichfalls die
-Follikel getroffen werden, für die Blutbildung direct einen
-nachtheiligen Einfluss haben müsse, dass es sich also nicht um
-weitliegende Wirkungen handele, sondern dass direct die Blutbildung eine
-Abänderung erleiden und Zustände der Anämie (Anaemia lymphatica =Wilks=)
-nachfolgen müssen. Auch kann für den Lymphstrom eine Hemmung und dadurch
-wieder Mangel an Resorption, Neigung zu Hydrops u. s. w. entstehen.
-
-Wenden wir auf die Durchschnitte solcher Drüsen Jod an, so färben sich
-alle erkrankten Theile roth, während alles Uebrige, was der normalen
-Struktur entspricht, einfach gelb wird. Die Kapsel, welche aus
-Bindegewebe besteht, die fibrösen Balken oder Scheidewände zwischen den
-Follikeln, das feine Netz, welches die einzelnen Corpora amyloidea
-auseinanderhält, endlich diejenigen Follikel, welche normale Zellen
-enthalten, bleiben gelb. Alle anderen Theile nehmen schon für das blosse
-Auge das jodrothe Aussehen an. Bringen wir unter dem Mikroskop
-Schwefelsäure dazu, so werden diese Stellen dunkel röthlichbraun,
-violettroth und, trifft man es glücklich, rein blau; sind noch
-albuminöse Partikelchen dazwischen, so erscheint eine grüne oder
-braunrothe Farbe.
-
-In allen Fällen beginnt die Erkrankung der Lymphdrüsen in den cortikalen
-Follikeln auf derjenigen Seite, wo die zuführenden Lymphgefässe in die
-Drüse eintreten; von da schreitet sie nach und nach gegen die
-Marksubstanz fort, ohne diese jedoch für gewöhnlich zu erreichen. In
-dieser Weise verändert sich eine Drüse nach der anderen und zwar in der
-Reihenfolge, dass zuerst die mehr peripherischen leiden und dann eine
-nach der anderen der in der Richtung des Lymphstromes auf einander
-folgenden Drüsen. Aber besonders bemerkenswerth ist es, dass diese Art
-der Veränderung sich nicht allgemein an allen peripherischen Lymphdrüsen
-findet, sondern nur an gewissen Stellen oder in gewissen Provinzen des
-lymphatischen Systemes. Sucht man dafür einen Grund, so ergibt sich als
-Regel, dass in der Gegend, wo die Wurzeln der zu den erkrankten
-Lymphdrüsen hingehenden Lymphgefässe liegen, eine chronische Erkrankung,
-meist eine alte Eiterung stattfindet. Meine Erfahrungen betreffen
-überwiegend Fälle von langdauernder Caries und Nekrose der Wirbel- und
-Schenkelknochen, wo die Lumbal- und Inguinaldrüsen die hauptsächlich
-leidenden waren.
-
-Der Gang der amyloiden Erkrankung[221] entspricht demnach in
-vielen Stücken demjenigen, welchen wir bei den secundären
-Lymphdrüsen-Anschwellungen der Skrofulösen, Krebsigen, Typhösen
-beobachten. Drüse nach Drüse wird getroffen, und in der einzelnen Drüse
-Follikel nach Follikel, jedoch immer so, dass die Richtung des
-Lymphstromes die Priorität der Erkrankung bestimmt. Hier lässt sich der
-Schluss kaum ablehnen, dass die Lymphgefässe die Conductoren des
-Prozesses sind. Ihre Wandungen sind nicht erkrankt; ist der Inhalt, den
-sie führen, ein veränderter? Vergeblich habe ich mich bemüht, in den
-erkrankten Knochen selbst amyloide Substanz zu finden. Es bleibt also
-unentschieden, ob eine solche Substanz den Drüsen zugeführt und in sie
-abgesetzt wird, oder ob irgend ein anderer Stoff zugeleitet wird,
-welcher das Drüsengewebe erst zu der selbständigen Erzeugung der
-Substanz oder zu ihrer Aufnahme aus dem Blute veranlasst. Vorläufig ist
-es wahrscheinlicher, dass der Drüse durch die Lymphe nur eine Anregung
-in dem letzteren Sinne zukommt, zumal da die Erkrankung der in die Drüse
-eingehenden Arterien im Sinne der ersteren Möglichkeit nicht leicht zu
-erklären sein würde.
-
- [221] Archiv VIII. 364.
-
-Unter den übrigen Prozessen sind es namentlich die =Tuberkulose= und die
-=Syphilis=, welche sich in ihren späteren Stadien sehr häufig mit weit
-ausgedehnter Amyloid-Erkrankung compliciren. Am meisten ist dies bei
-der constitutionellen Lues der Fall, so dass einzelne Beobachter zu der
-Vorstellung gekommen waren, die Produkte der secundären Syphilis seien
-jederzeit »speckige«. Zu einer solchen Auffassung konnte schon der
-Sprachgebrauch verführen, indem bekanntlich seit langer Zeit die
-speckigen Infiltrationen, der speckige Geschwürsgrund als besondere
-Eigenthümlichkeiten secundär-syphilitischer Prozesse angegeben wurden.
-Allein ich habe dargelegt[222], dass ein wesentlicher Unterschied
-zwischen den gummösen, im alten Sinne speckigen Producten der Syphilis
-und den amyloiden, im neueren Sinne speckigen Entartungen besteht, dass
-die letzteren erst in der Tertiär-oder genauer Quaternärperiode
-aufzutreten pflegen, und dass sie überhaupt nicht der Syphilis als
-solcher, sondern vielmehr der Kachexie angehören. Aber gerade für die
-Geschichte der syphilitischen Kachexie sind sie von der allergrössten
-Bedeutung, da nur durch ihre Kenntniss manche Eigenthümlichkeiten dieses
-Zustandes verständlich geworden sind.
-
-
- [222] Archiv XV. 232. Geschwülste II. 417, 471.
-
-Ueberaus merkwürdig ist es, dass gerade zwei Organe, von deren Bedeutung
-man überaus wenig weiss, die aber gewissermaassen instinctiv der Gruppe
-der sogenannten Blutdrüsen zugerechnet worden sind, nehmlich die
-=Schilddrüse= (Glandula thyreoidea) und die =Nebennieren=
-verhältnissmässig häufig an der Amyloid-Erkrankung theilnehmen. Auch ist
-es gewiss merkwürdig, dass an den letzteren gerade die sogenannte Rinde,
-welche in der Struktur mit der Schilddrüse in so vielen Stücken
-übereinstimmt, ausgesetzt ist, während die Marksubstanz, welche einen
-mehr gliösen Bau hat, fast ganz verschont bleibt, -- ein Umstand, der
-insofern bemerkenswerth ist, als selbst bei der stärksten
-Amyloiderkrankung der Rindensubstanz keine Broncefärbung der Haut
-eintritt. An beiden Organen sind es gleichfalls die kleinen Arterien,
-von welchen die Veränderung ausgeht; später setzt sie sich auf die
-Capillaren fort, und nicht selten wird sie so stark, dass die ganze
-Substanz schon für das blosse Auge ein wächsernes Aussehen annimmt. --
-
- * * * * *
-
-Schon früher (S. 438, 440) erwähnte ich, dass die amyloide Erkrankung in
-mehrfacher Beziehung Aehnlichkeit mit der einfachen =Verkalkung=
-(kalkigen Degeneration) habe. Man muss sich aber wohl hüten, in den
-Fehler zu verfallen, der so häufig begangen ist, dass man Verkalkung und
-Verknöcherung identificirt. Verknöcherung ist ein activer, progressiver
-Prozess; Verkalkung dagegen kann ein im hohen Grade passiver,
-regressiver Prozess sein und eine wirkliche Atrophie[223] oder eine
-blosse Versteinerung todter Theile[224] darstellen. Will man zwischen
-Ossification und Verkalkung unterscheiden, so genügt es nicht, das
-endliche Resultat im Auge zu behalten. Ein Theil wird nicht
-regelmässiger Knochen dadurch, dass ein Gewebe, in welchem sternförmige
-Zellen vorhanden sind, in seine Grundmasse Kalk aufnimmt; es kann
-trotzdem nichts weiter als verkalktes Bindegewebe sein. Wenn wir von
-Ossification reden, so setzen wir immer voraus, dass dieselbe durch
-einen activen Vorgang, eine Reizung hervorgerufen ist. Diese wirkt aber
-nicht so, dass ein schon existirendes Gewebe einfach dadurch, dass es
-Kalksalze aufnimmt, die Knochenform anzieht. Vielmehr wird das Gewebe
-selbst durch die Reizung verändert, noch bevor es die Kalksalze
-aufnimmt, entweder so, dass nur seine Grundsubstanz dichter und
-homogener wird (=sklerosirt=, =cartilaginescirt=), oder so, dass eine
-Proliferation der Zellen voraufgeht und die Verkalkung an wirklich
-neugebildetem Gewebe geschieht. =Dasselbe Gewebe kann daher einfach
-verkalken und wirklich verknöchern=.
-
- [223] Spec. Pathologie und Ther. I. 307.
-
- [224] Verh. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.
-
-So gibt es an den =Gefässen= Verkalkungen und Ossificationen. In alter
-Zeit hat man, namentlich an den Arterien, Alles Ossificationen genannt.
-Viele der Neueren dagegen haben geleugnet, dass dieselbe überhaupt an
-den Gefässen vorkomme. Faktisch kommt sowohl Ossification vor, als auch
-blosse Verkalkung, oder, wie ich nach Art der Paläontologen sagen will,
-=Petrification=. Letztere ist an den peripherischen Arterien
-verhältnissmässig am häufigsten und wird hier gewöhnlich als ein Merkmal
-des atheromatösen Prozesses betrachtet. Dies ist jedoch nicht richtig,
-denn der atheromatöse Prozess hat seinen Sitz in der Intima der
-Arterien. Fühlt man dagegen die Radialarterie hart und höckerig, erkennt
-man an der Cruralis oder Poplitaea starre Wandungen, so kann man
-ziemlich sicher schliessen, dass diese Verhärtung ihren Sitz in der
-Media hat. In diesem Falle trifft die Verkalkung wirklich die
-Muskelelemente; die Faserzellen der Ringfaserhaut werden in Kalkspindeln
-verwandelt. Die Kalkmasse kann allerdings auch noch die Nachbartheile
-überziehen; die innere Haut aber bleibt dabei möglicherweise ganz
-intact. Dieser Prozess ist daher mehr verschieden von dem, welchen man
-atheromatös nennt, als eine Periostitis von einer Erkrankung des
-Knochengewebes. Die einfache Verkalkung hat gar keinen nothwendigen
-Zusammenhang mit einer Entzündung der Arterie; sie kommt am
-gewöhnlichsten unter Verhältnissen vor, wo überhaupt eine Neigung zu
-Verkalkungen eintritt, daher namentlich im höheren Lebensalter. Das ist
-wenigstens mit Sicherheit zu sagen, dass noch kein Stadium dieser
-Veränderungen bekannt ist, welches der Entzündung parallel stände.
-
-Schon vor langer Zeit habe ich gezeigt[225], dass an Stellen, wo kein
-wirklicher Knorpel präexistirt, bei der wahren Ossification schon vor
-der Ablagerung der Kalksalze ein Gewebe vorhanden zu sein pflegt,
-welches im Wesentlichen alle Bestandtheile des späteren Knochens, sowohl
-die Körperchen, als die Intercellularsubstanz enthält, nehmlich ein
-=osteoides Bindegewebe=[226], und dass dieses dadurch zu Knochengewebe
-wird, dass es Kalksalze in seine Intercellularsubstanz aufnimmt. Aber,
-wie erwähnt, entweder ist dieses Bindegewebe neugebildetes, oder es
-erfährt vor der Verkalkung eine besondere, progressive Veränderung,
-indem seine Grundsubstanz sich verdichtet und verdickt,
-=sclerosirt=[227]. Dieses veränderte Bindegewebe, der Hautknorpel der
-früheren Autoren, besser =Knochenknorpel= genannt, gibt zum Theil
-Chondrin, zum Theil wirklichen Leim. Man kann daher sagen, dass erst das
-metamorphosirte Bindegewebe wirklich zu Knochen verkalkt, während eine
-einfache Verkalkung des gewöhnlichen Bindegewebes nie Knochen liefert,
-sondern immer nur verkalktes Bindegewebe. Solche Zustände kommen an der
-Dura mater nicht selten vor, wo sie jedoch nicht mit den noch weit
-häufigeren Osteomen[228] zu verwechseln sind; sie finden sich an den
-Lungen, der Schleimhaut des Magens, der Keilbeinhöhlen[229].
-
- [225] Archiv I. 136. Würzb. Verhandl. II. 158.
-
- [226] Archiv V. 439. Geschwülste I. 463, 472.
-
- [227] Archiv V. 443, 455.
-
- [228] Geschwülste II. 92.
-
- [229] Archiv VIII. 103. IX. 618. Entwickelung des Schädelgr. 41.
- Taf. IV. Fig. 19.
-
-[Illustration: =Fig=. 127. Verkalkung des Gelenkknorpels am unteren Ende
-des Femur von einem alten Manne. Anfangs körnige, später homogene
-Erfüllung der Capsularsubstanz mit Kalksalzen bei Erhaltung der
-Knorpelkörperchen. Vergr. 300.]
-
-In noch viel auffälligerer Weise, als am Bindegewebe, zeigt sieh die
-Verschiedenheit zwischen Verkalkung und Verknöcherung an den =Knorpeln=.
-Die blosse Ablagerung von Kalksalzen in die Substanz des Knorpels ist
-nichts weniger als eine Verknöcherung[230], obwohl man noch heutigen
-Tages diese zwei Dinge immerfort mit einander verwechselt. Die einfache
-Verkalkung erfolgt bei der gewöhnlichen Bildung wachsender und sich
-entwickelnder Knochen =vor= der wirklichen Verknöcherung, worauf wir
-später zurückkommen werden. Aber sie findet sich nicht bloss an solchem
-Knorpel, der in der typischen Entwickelung des Skeletts dazu bestimmt
-ist, in Knochen aufzugehen, sondern auch an den sogenannten permanenten
-Knorpeln. Man trifft sie in dem Gelenkknorpel älterer Leute, also an
-Theilen, welche normal nicht zur Ossification bestimmt sind, gar nicht
-selten, und zwar am gewöhnlichsten in der tiefen Zone derselben, welche
-unmittelbar der Terminallamelle des Knochens aufliegt. Hier lagern sich
-die Kalksalze häufig zuerst in die dicke Kapselsubstanz ab, welche die
-Knorpelzellen umgibt, und durchdringen erst später die eigentliche
-Intercellularsubstanz, lassen aber die Knorpelzellen selbst frei. Wie
-überall, so geschieht die Ablagerung auch hier Anfangs in der Art, dass
-die Kalktheilchen als feinste Körnchen in der noch erkennbaren
-organischen Grundsubstanz erscheinen. Nach und nach werden sie dichter,
-das Grundgewebe verschwindet endlich vor den Augen und eine ganz
-homogene, krystallartige Masse tritt an seine Stelle. Beschränkt sich
-der Prozess auf die Kapseln der Knorpelkörperchen, so sieht es aus, als
-wenn Nüsse mit dicker Schale und rundlicher oder rundlich eckiger Höhle
-in der Grundsubstanz zerstreut lägen (Fig. 127). Nimmt auch die
-Grund-oder Intercellular-Substanz an der Verkalkung Antheil, so
-verschwindet die Grenze zwischen ihr und der Kapselsubstanz; es entsteht
-eine ganz gleichmässige, harte Masse, in welcher, entsprechend den
-früheren Knorpelzellen, rundliche oder leicht eckige Höhlen liegen. Löst
-man die Kalksalze mit Säuren auf, so hat man wieder den Knorpel in
-seiner gewöhnlichen Form. Dabei ist zu bemerken, dass es ein, freilich
-sehr lange Zeit hindurch geglaubter Irrthum war, als man annahm, dass
-auch aus fertigem Knochengewebe, wenn es durch Säuren seiner Salze
-beraubt würde, wieder Knorpel dargestellt werden könne.
-
- [230] Archiv V. 420, 429.
-
-Diese einfache Knorpel-Verkalkung hat die grösste Uebereinstimmung mit
-der Infiltration von harnsaurem Natron, wie sie bei der Gicht
-(S. 251) vorkommt. Nur erscheint das harnsaure Natron stets in
-fein-krystallinischen Formen und seine Theilchen vereinigen sich nicht
-zu dichten, glas- oder elfenbeinartigen Massen, wie kohlensaurer und
-phosphorsaurer Kalk, sondern bilden eine bröckelige, losere, tuffartige
-Masse (Tophus). Das ist aber unzweifelhaft, dass sowohl die Kalk- als
-die Natronsalze aus dem Blute abgelagert werden, dass es sich also um
-eine Infiltration oder Incrustation handelt. Diese kann, wie wir sahen
-(S. 252), eine metastatische sein.
-
-Die Ablagerung der Kalksalze geschieht aber auch häufig in Form
-besonderer =Kalkkörper= oder =Concretionen=, welche einen geschichteten
-Bau haben, den Stärkekörnern ähnlich sind und sich zwischen den
-Gewebselementen oder in den Cavitäten oder den Kanälen des Körpers,
-z. B. in den Harnkanälchen, im Gehirne finden. In der Prostata kommen
-amylacische und verkalkte, lamellöse Concretionen nicht selten in einer
-und derselben Drüse neben einander vor. Hier scheint es sogar, dass
-amylacische Körper verkalken. Ganz bestimmt habe ich dies bei
-Amyloidsubstanz der Leber beobachtet[231]. Indess sind dies seltene
-Verbindungen; in der Regel besteht die amyloide Entartung, so viele
-Vergleichungen mit der Verkalkung sie auch zulässt, für sich.
-
- [231] Geschwülste II. 430.
-
-Dass die Theile, welche verkalken, eine besondere Anziehung auf die im
-Blute oder in den Säften vorhandenen Kalksalze ausüben müssen, lässt
-sich nicht abweisen. Es ist dies aber kein besonderer Lebensact, denn
-die Verkalkung erfolgt überall auf dieselbe Art. Die geologische
-Versteinerung ist der pathologischen ganz gleich. Todte Theile verkalken
-und versteinern im menschlichen Körper, wie in den Schichten des
-Erdkörpers; ja es ist dies sogar eine der gewöhnlichsten Arten der
-Veränderung, welche abgestorbene Theile von geringerem Umfange im Körper
-erfahren[232]. Am auffälligsten zeigt dies die Geschichte der
-sogenannten Lithopädien, sowie die Petrification abgestorbener
-Eingeweidewürmer, am häufigsten der Cysticerken. Bei den Trichinen
-trifft die Verkalkung gewöhnlich nur die Kapsel, während das Thier
-innerhalb derselben noch lebendig bleibt; doch gibt es auch Fälle, wo
-die Thiere in der noch unverkalkten Kapsel absterben und versteinern.
-Bei abgestorbenen Leber-Echinokokken habe ich sämmtliche jungen Thiere
-versteinert gesehen, während die Kapseln und die Mutterblasen unversehrt
-waren. Ganz besonders interessant ist die isolirte Verkalkung von
-Ganglienzellen des Gehirnes nach Commotion, die ich vor einiger Zeit
-nachgewiesen habe[233]. Auch blosse organische Massen, z. B. alte
-Thromben, nekrobiotische Gewebstheile, z. B. die käsigen,
-tuberkelartigen Residuen, verkalken auf dieselbe Weise.
-
- [232] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.
-
- [233] Archiv L. 304.
-
-Aus diesen Beispielen geht hervor, dass nicht jeder Theil beliebig
-verkalkt, sondern dass er sich dazu in besonderen Verhältnissen befinden
-muss. Ist er nicht abgestorben, so geht doch eine chemische Veränderung,
-häufig eine physiologische Schwächung voraus. Dies gilt namentlich für
-den Fall, wo die Zellen eines Theiles, und nicht etwa, wie bei dem
-Knochen, nur die Intercellularsubstanz, verkalken. Sind die zelligen
-Elemente eines Gewebes verkalkt, so ist es eine träge Masse geworden,
-welche für die Zwecke, denen es eigentlich dienen sollte, unbrauchbar
-ist. Es ist gleichsam zur Ruhe gebracht, beigesetzt.
-
-Und so ist die einfache Verkalkung ein im hohen Maasse passiver Vorgang,
-der das Wesen und die Bedeutung der indurirenden passiven Prozesse
-besonders gut erläutert. --
-
-
-
-
- Neunzehntes Capitel.
-
- Gemischte, activ-passive Prozesse. Entzündung.
-
-
- Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen
- primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher)
- Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln.
-
- Atheromatöser Prozess der Arterien. Atheromatie und Ossification
- als Folgen der Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der
- letzteren: Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der
- Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification. Ulceration.
- Analogie mit der Endocarditis.
-
- Die Entzündung. Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in
- den einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die
- neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio
- laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen Theilen.
- Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim und Fibrin. Die
- Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang. Parenchymatöse
- und exsudative (secretorische) Form. Klinische und anatomische
- Bedeutung der Entzündung. Irrthum von der einheitlichen Natur der
- Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität der entzündlichen Prozesse.
-
-Die Betrachtung der passiven Prozesse hatte uns zu einer Darstellung der
-Vorgänge bei der =Fettmetamorphose= geführt. Ich sage Fettmetamorphose,
-einmal weil unter der Bezeichnung der fettigen Degeneration im Laufe der
-Zeit zu vielerlei Vorgänge zusammengeworfen sind, andermal weil ich in
-der That die Ansicht hege, dass das Fett hier durch eine chemische
-Metamorphose aus dem früheren Zelleninhalt, also vielleicht aus
-eiweissartiger Substanz erzeugt wird. Jedenfalls geht nicht nur die
-normale Struktur der Theile dabei zu Grunde, sondern es tritt auch an
-die Stelle der histologischen Elemente, welche zerfallen und sich
-auflösen, eine nicht mehr organische, rein emulsive Masse, es bildet
-sich, kurz gesagt, ein =fettiger Detritus=. Es macht dabei nichts aus,
-ob eine Eiterzelle, ein Bindegewebskörperchen, eine Nerven- oder
-Muskelfaser, ein Gefäss die Veränderung erfährt; das Resultat ist immer
-dasselbe: ein milchiger Detritus, eine amorphe Anhäufung von Fett- oder
-Oeltheilchen in einer mehr oder weniger eiweissreichen Flüssigkeit. Wenn
-wir für alle Fälle der Fettmetamorphose diese Uebereinstimmung
-festhalten, so folgt daraus doch keinesweges, dass der Werth dieser
-Veränderung in Beziehung auf die Krankheitsvorgänge, im Laufe welcher
-sie eintritt, jedesmal gleich sei. Man kann das schon daraus abnehmen,
-dass, während ich diese Metamorphose unter der Kategorie der rein
-passiven Störungen vorgeführt habe, gerade eines der Gebilde, welches
-dabei am häufigsten auftritt, die Körnchenkugel, lange Zeit hindurch als
-das specifische Element der Entzündung betrachtet worden ist. Jahrelang
-sah man die Entzündungskugel für eine wesentliche, pathognomonische und
-daher diagnostische Erscheinung des Entzündungsprozesses an, und in der
-That, die Häufigkeit, mit welcher man in entzündeten Theilen fettig
-degenerirte Zellen findet, beweist genügend, dass im Laufe der
-entzündlichen Prozesse, welche wir nimmermehr als einfach passive
-Vorgänge betrachten können, solche Umwandlungen geschehen. Es handelt
-sich also darum, eine Unterscheidung beider Reihen, der einfach passiven
-und der entzündlichen, zu finden.
-
-Freilich hat diese Unterscheidung in einzelnen Fällen ihre sehr grossen
-Schwierigkeiten. Meiner Ueberzeugung nach besteht die einzige
-Möglichkeit einer Orientirung darin, dass man untersucht, ob der Zustand
-der fettigen Degeneration ein primärer oder ein secundärer ist, ob er
-eintritt, sobald überhaupt eine Störung bemerkbar wird, oder ob er erst
-erfolgt, nachdem eine andere bemerkbare Störung vorangegangen ist. Die
-secundäre Fettmetamorphose, bei welcher erst in zweiter Linie diese
-eigenthümliche Umwandelung zu Stande kommt, folgt in der Regel auf ein
-erstes actives oder irritatives Stadium; eine ganze Reihe derjenigen
-Prozesse, welche wir ohne Umstände Entzündungen nennen, verläuft in der
-Weise, dass als zweites oder drittes anatomisches Stadium eine fettige
-Metamorphose der Gewebe auftritt. Diese entsteht also hier nicht als das
-unmittelbare Resultat der Reizung des Theiles, sondern wo wir
-Gelegenheit haben, die Geschichte der Veränderung genauer zu verfolgen,
-da zeigt sich fast immer, dass dem Stadium der fettigen Degeneration ein
-anderes Stadium voraufgeht[234], nehmlich das der =trüben Schwellung=,
-in welchem die Theile sich vergrössern, an Umfang und zugleich an Dichte
-zunehmen, indem sie eine grosse Menge von neuem Material in sich
-aufsaugen. Absichtlich sage ich aufsaugen[235], weil ich es für falsch
-halte, dass der Theil etwa von aussen genöthigt worden ist, dieses
-Material aufzunehmen, dass er etwa durch Exsudat von den Gefässen aus
-überschwemmt worden ist. Dieselben Erscheinungen treten auch an Theilen
-auf, die keine Gefässe haben. Aber erst dann, wenn die Ansammlung ein
-solches Maass erreicht hat, dass die Constitution in Frage gestellt
-wird, leitet sich ein fettiger Zerfall im Inneren der Elemente ein. So
-können wir die fettige Degeneration des Nierenepithels als ein späteres
-Stadium der Bright'schen Krankheit, oder, wie ich sage, der
-parenchymatösen Nephritis bezeichnen; ihr geht ein Stadium der Hyperämie
-und Schwellung voraus, wo jede Epithelzelle eine grosse Quantität von
-opaker Masse in sich ansammelt, ohne dass im Anfange auch nur eine Spur
-von Fetttröpfchen zu bemerken ist[236]. So schwillt der Muskel unter
-Einwirkungen, welche nach dem allgemeinen Zugeständniss eine Entzündung
-machen, z. B. nach Verwundungen, nach chemischen Aetzungen; seine
-Primitivbündel werden breiter und trüber, und in einem zweiten Stadium
-beginnt in ihnen dieselbe fettige Degeneration, welche wir andere Male,
-z. B. bei Lähmungen, direct auftreten sehen[237].
-
- [234] Archiv I. 149. 165.
-
- [235] Archiv I. 276. III. 460. IV. 379.
-
- [236] Archiv I. 165. IV. 264, 319.
-
- [237] Archiv IV. 266.
-
-Man kann also, wenn man ganz allgemein spricht, allerdings sagen, dass
-es eine entzündliche Form der fettigen Degeneration gibt. Allein, genau
-genommen, ist diese entzündliche Form nur ein späteres Stadium, ein
-Ausgang, welcher den eintretenden Zerfall der Gewebsstruktur anzeigt, wo
-der Theil nicht mehr im Stande ist, seine Sonderexistenz fortzuführen,
-sondern wo er so weit dem Spiele der chemischen Kräfte seiner
-constituirenden Theile verfällt, dass das nächste Resultat seine
-vollständige Auflösung ist. Gerade diese Art von Entzündungszuständen
-hat eine sehr grosse Bedeutung, weil an allen Theilen, wo die
-wesentlichen Elemente in dieser Weise verändert werden, überhaupt keine
-unmittelbare, nutritive oder einfach regenerative Restitution möglich
-ist. Wenn eine Muskelentzündung besteht, bei welcher die
-Muskelprimitivbündel der fettigen Degeneration verfallen, so gehen sie
-auch regelmässig zu Grunde, und wir finden nachher an der Stelle, wo die
-Degeneration stattgefunden hatte, eine, wenn auch nicht offene, Lücke
-(einen Defect) im Muskelfleisch. Die Niere, deren Epithel in fettige
-Degeneration übergeht, schrumpft fast immer zusammen; das Resultat ist
-eine bleibende Atrophie. Ausnahmsweise kommt vielleicht etwas zu Stande,
-was als Regeneration des Epithels gedeutet werden könnte, aber
-gewöhnlich ist ein Zusammensinken der ganzen Struktur die Folge.
-Dasselbe sehen wir am Gehirne bei der gelben Erweichung, gleichviel, wie
-sie bedingt sein mag. Ob Entzündung oder nicht vorherging, es bildet
-sich ein Heerd, welcher sich nie wieder mit Nervenmasse ausfüllt.
-Vielleicht, dass eine einfache Flüssigkeit die fehlenden Gewebe ersetzt;
-von irgend einer Herstellung eines neuen, functionell wirksamen Theiles
-kann niemals die Rede sein.
-
-So muss man es sich erklären, dass scheinbar sehr ähnliche Zustände,
-welche man vom pathologisch-anatomischen Standpunkte aus als identisch
-erklären möchte, vom klinischen Standpunkte aus weit auseinander liegen,
-ja dass man an denselben Theilen dieselben Veränderungen trifft, ohne
-dass doch der Gesammtprozess, welchem sie angehören, derselbe war. Wenn
-ein Muskel einfach fettig degenerirt, so kann das Primitivbündel ebenso
-aussehen, als wenn eine Entzündung darauf eingewirkt hat. Die
-Myocarditis erzeugt ganz analoge Formen der fettigen Degeneration
-innerhalb des Herzfleisches, wie die übermässige Dilatation der
-Herzhöhlen. Wenn eine der letzteren z. B. durch Hemmung des Blutstromes
-oder Incontinenz der Klappen dauernd sehr ausgespannt wird, so tritt an
-dem am meisten gespannten Theile sehr häufig eine fettige Degeneration
-des Muskelfleisches ein. Diese gleicht morphologisch so vollständig
-einem Stadium der Myocarditis, dass in vielen Fällen überhaupt gar nicht
-mit Sicherheit zu sagen ist, auf welche Weise der Prozess entstanden
-sein mag.
-
-Versuchen wir, die Methode der Lösung solcher Schwierigkeiten an einer
-wichtigen, häufigen und zugleich vielfach missverstandenen Krankheit
-darzulegen, nehmlich an dem sogenannten =atheromatösen Prozesse der
-Arterien=[238]. Gerade bei ihm ist die Confusion in der Deutung der
-Veränderungen vielleicht am grössten gewesen.
-
- [238] Gesammelte Abhandlungen 492 ff.
-
-Zu keiner Zeit im Laufe dieses Jahrhunderts hat man sich vollständig
-über das geeinigt, was man unter dem Ausdrucke der atheromatösen
-Veränderung an einem Gefässe verstehen wollte. Der Eine hat den Begriff
-weiter, der Andere hat ihn enger gefasst, und doch ist er vielleicht von
-Allen zu weit gefasst worden. Als nehmlich die Anatomen des vorigen
-Jahrhunderts den Namen des Atheroms auf eine bestimmte Veränderung der
-Arterienhäute anwandten, hatten sie natürlich einen ähnlichen Zustand im
-Sinne, wie derjenige ist, welchen man schon seit dem griechischen
-Alterthume an der Haut mit dem Namen des Atheroms, des Grützbalges
-belegt hatte[239]. Es versteht sich danach von selbst, dass der Begriff
-des Atheroms sich auf einen geschlossenen Heerd, eine Art von
-Balggeschwulst (Tumor cysticus) bezieht. Niemand hat etwas an der Haut
-Atherom genannt, was offen und frei zu Tage lag. Es war daher ein
-sonderbares Missverständniss, als man neuerlich anfing, an den Gefässen
-auch solche Veränderungen Atherome zu nennen, welche nicht abgeschlossen
-in der Tiefe liegen, sondern ganz und gar der Oberfläche angehören.
-Anstatt, wie es ursprünglich gemeint war, einen geschlossenen Heerd
-atheromatös zu nennen, hat man damit häufig eine Veränderung bezeichnet,
-welche in der innersten Arterienhaut ganz oberflächlich bestand. Als man
-anfing, die Sache feiner zu untersuchen, und als man an sehr
-verschiedenen Punkten der Gefässwand, sowohl bei Atherom, als ohne
-dasselbe, fettige Partikeln fand (Fig. 122), als man sich endlich
-überzeugte, dass der Prozess der fettigen Degeneration immer derselbe
-und mit der atheromatösen Veränderung nahezu identisch sei, so wurde es
-Sitte, alle Formen der fettigen Degeneration an den Arterien in der
-Bezeichnung des Atheroms oder der Atherose zu vereinigen. Nach und nach
-kam man sogar dahin, von einer atheromatösen Veränderung solcher Gefässe
-zu sprechen, welche nur eine einfache Haut haben, denn auch an den
-Capillaren stösst man auf fettige Processe.
-
- [239] Geschwülste I. 224.
-
-Seit Langem hat es ferner Beobachter gegeben, welche die Ossification
-der Gefässe als eine mit dem Atherom zusammengehörige Veränderung
-betrachteten. =Haller= und =Crell= glaubten, dass die Ossification aus
-der atheromatösen Masse hervorginge, und dass die letztere ein Saft sei,
-welcher ähnlich, wie man es von dem unter dem Periost des Knochens
-ausschwitzenden Safte annahm, fähig sei, aus sich Knochenplatten zu
-erzeugen. Später erkannte man freilich, dass Atheromatie und
-Ossification zwei parallele Vorgänge seien, welche aber auf einen
-gemeinschaftlichen Anfang hinwiesen. Es wäre nun wohl logisch gewesen,
-wenn man sich zunächst darüber geeinigt hätte, welches dieser
-gemeinschaftliche Anfang wäre, von dem die atheromatöse Veränderung und
-die Ossification ausgingen. Statt dessen gerieth man in die Bahn der
-fettigen Entartungen und dehnte den atheromatösen Prozess über eine
-Reihe von kleinen Gefässen aus, an denen die Bildung irgend eines
-wirklich dem atheromatösen Heerde der Haut vergleichbaren geschlossenen
-Sackes oder Balges überhaupt unmöglich ist.
-
-Nun liegt aber die Sache auch hier sehr einfach so, dass man an den
-Gefässen zwei, ihrem endlichen Resultate nach sehr analoge Prozesse
-trennen muss: zuerst die =einfache= (=passive=) =Fettmetamorphose=,
-welche ohne ein weiter erkennbares Vorstadium eintritt, wo die
-vorhandenen Elemente unmittelbar in fettige Degeneration übergehen und
-zerstört werden, und wodurch eben nur ein mehr oder weniger ausgedehnter
-Verlust (Usur) von Bestandtheilen der Gefässwand zu Stande kommt; sodann
-eine zweite Reihe von Vorgängen, wo wir vor der Fettmetamorphose =ein
-Stadium der Reizung= unterscheiden können, welches übereinstimmt mit dem
-Stadium der Schwellung, Vergrösserung, Trübung, das wir an anderen
-entzündeten Stellen sehen. Ich habe daher kein Bedenken getragen, in
-dieser Frage mich ganz auf die Seite der alten Anschauung zu stellen,
-und als den Ausgangspunkt der sogenannten atheromatösen Degeneration
-eine Entzündung der Gefässwand zuzulassen (Endoarteriitis); und ich habe
-mich weiterhin bemüht zu zeigen, dass diese Art von entzündlicher
-Erkrankung der Gefässwand in der That genau dasselbe ist, was man
-allgemein an den Herzwandungen eine Endocarditis nennt. Zwischen beiden
-Prozessen besteht kein anderer Unterschied, als dass die Endocarditis
-häufiger acut, die Endoarteriitis häufiger chronisch verläuft.
-
-Mit einer solchen Scheidung der Prozesse an den Arterien in einfach
-degenerative (passive) und entzündliche (active) erklärt sich sofort
-der verschiedene Verlauf. Trügerisch ist nur der Umstand, dass beide
-Prozesse sich gelegentlich in demselben Falle gleichzeitig finden. Neben
-den charakteristischen Umwandlungen der chronisch entzündlichen Theile
-in der Tiefe finden sich an der Oberfläche nicht selten einfach fettige
-Veränderungen.
-
-[Illustration: =Fig=. 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer
-sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms fortschreitenden Stelle. _mm_'
-Tunica media, _i_ _i_' _i_'' Tunica intima. Bei _S_ die Höhe der
-sklerotischen Stelle gegen die Gefässlichtung, _i_ die innerste, über
-den ganzen Heerd fortlaufende Lage der Intima, _i_' die wuchernde,
-sklerosirende und schon zur Fettmetamorphose sich anschickende Schicht,
-_i_'' die schon fettig metamorphosirte, bei _e_, _e_ direkt erweichende,
-zunächst an die Media anstossende Lage. Vergr. 20.]
-
-Betrachten wir nun die Atheromatie etwas genauer, z. B. an der Aorta, wo
-der Prozess am gewöhnlichsten ist. Im Anfange (d. h. eigentlich zu einer
-Zeit, wo noch nichts Atheromatöses vorhanden ist) entsteht an der
-Stelle, wo die Reizung stattgefunden hat, eine Anschwellung, kleiner
-oder grösser, nicht selten so gross, dass sie als wirklicher Buckel über
-das Niveau der inneren Oberfläche hervorragt. Diese Hervorragungen
-unterscheiden sich von der Nachbarschaft durch ihr durchscheinendes,
-hornhautartiges Aussehen. In der Tiefe sehen sie mehr trübe aus. Hat die
-Veränderung eine gewisse Dauer gehabt, so zeigen sich die weiteren
-Umwandelungen nicht an der Oberfläche, sondern unmittelbar da, wo die
-Intima die Media berührt, wie das die Alten sehr gut beschrieben haben.
-Wie oft haben sie mit Bestimmtheit behauptet, dass man die innere Haut
-über die veränderte Stelle hinweg abziehen könne! Daraus ging die
-Schilderung von =Haller= hervor, dass die breiartige, atheromatöse Masse
-in einer geschlossenen Höhle, wie eine kleine Balggeschwulst, zwischen
-Intima und Media läge. Nur das war falsch, dass man die Geschwulst als
-einen besonderen, von den Gefässhäuten trennbaren Körper betrachtete,
-über welchen die sonst unveränderte Intima einfach hinwegliefe. Es ist
-vielmehr die stark verdickte Intima selbst, welche ohne Grenze in die
-Geschwulst übergeht. Je weiter der Prozess fortschreitet, um so mehr
-bildet sich aus der Erweichung und dem Zerfalle der tiefsten Lagen der
-Intima ein geschlossener Heerd, während die oberflächlichen Schichten
-sich noch unversehrt erhalten; zuletzt kann es sein, dass der Heerd
-fluctuirt und beim Einschnitte eine breiige Materie sich entleert, wie
-der Eiter beim Einschnitte in einen Abscess.
-
-Untersucht man nun die Masse, welche am Ende des Prozesses vorhanden
-ist, so sieht man zahlreiche Cholestearinplatten, welche oft schon für
-das blosse Auge als glitzernde Scheibchen hervortreten: grosse
-rhombische Tafeln, welche meist zu vielen nebeneinanderliegen, sich
-decken und im Ganzen einen Glimmerreflex erzeugen. Neben diesen Platten
-finden sich die unter dem Mikroskope bei durchfallendem Lichte schwarz
-erscheinenden Körnchenkugeln, innerhalb derer die einzelnen Fettkörnchen
-zuerst ganz fein sind. Die Kugeln sind gewöhnlich in grosser Masse
-vorhanden; einzelne sieht man zerfallen, sich auseinander lösen und
-Partikelchen davon, wie in der Milch, umherschwimmen. Daneben mehr oder
-weniger grosse amorphe Gewebsfragmente, welche noch zusammenhalten und
-durch die Erweichung der übrigen, nicht fettig veränderten
-Gewebssubstanz entstehen; in sie sind hie und da Körnerhaufen
-eingesetzt. =Diese drei Bestandtheile zusammen, das Cholestearin, die
-Körnchenzellen und die Fettkörnchen, endlich grössere Klumpen von
-halberweichter Substanz, sind es, welche den breiigen Habitus des
-atheromatösen Heerdes bedingen=, und welche zusammengenommen in der That
-eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Inhalte eines Grützbeutels der
-äusseren Haut erzeugen.
-
-[Illustration: =Fig=. 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde.
-_a a_' Flüssiges Fett, entstanden durch Fettmetamorphose der Zellen der
-Intima (_a_), welche sich in Körnchenkugeln (_a_' _a_') umbilden, dann
-zerfallen und kleine und grosse Oeltropfen frei werden lassen (fettiger
-Detritus). _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen erweichten und
-gequollenen Gewebes. _c c_' Cholestearinkrystalle: _c_ die grossen
-rhombischen Tafeln, _c_' _c'_ feine, rhombische Nadeln. Vergr. 300.]
-
-Was das Cholestearin anbetrifft, so ist es keineswegs ein specifisches
-Product, welches dieser Art von fettiger Umwandelung für sich zugehörte.
-Vielmehr sehen wir überall, wo fettige Producte innerhalb einer
-abgeschlossenen Höhle, welche dem Stoffwechsel wenig zugänglich ist,
-längere Zeit stagniren, dass das Fett Cholestearin abscheidet, z. B. in
-der Flüssigkeit alter Hydrocelen, Strumen, Eierstockscysten. Fast alle
-Fettmassen, die wir im Körper antreffen, enthalten eine gewisse
-Quantität von Cholestearin gebunden. Ob das freiwerdende Cholestearin
-vorher schon vorhanden war, oder ob an den Stellen eine wirkliche
-Neubildung desselben erfolgt, darüber kann man bis jetzt nichts sagen,
-da bekanntlich noch gar keine chemische Thatsache ermittelt ist, welche
-über den Hergang bei der Bildung des Cholestearins und über die Stoffe,
-aus welchen Cholestearin sich bilden mag, irgend einen Aufschluss gäbe.
-Soviel muss man festhalten, dass das Cholestearin ein spätes
-Abscheidungsproduct stagnirender, namentlich fetthaltiger Theile ist.
-
-Wenn man nun die erste Entwickelung der atheromatösen Stellen der
-Arterien histologisch erforscht, so stösst man vor der Zeit, wo breiige
-Substanz in dem Heerde des Atheroms liegt, auf ein Stadium, wo man
-nichts weiter findet, als eine Fettmetamorphose, durch welche
-Körnchenzellen in der gewöhnlichen Weise aus den Elementen des Gewebes
-hervorgehen, und man überzeugt sich deutlich, dass der Vorgang in diesem
-Stadium absolut nicht verschieden ist von dem, welchen wir bei dem
-Herzen und bei der Niere in dem Stadium der fettigen Metamorphose
-vorfanden (S. 425, 427). In dieser Zeit, unmittelbar vor der Bildung des
-Heerdes, stellt sich das Verhältniss bei starker Vergrösserung so dar:
-Auf einem Durchschnitte (Fig. 130, _a_, _a_') sehen wir die eingestreuten
-fettig degenerirenden Elemente gegen die Mitte hin grösser werden und
-dichter liegen, aber im Allgemeinen noch die Form von Zellen bewahren;
-gegen den Umfang des Heerdes hin sind sie kleiner und spärlicher. Alle
-diese Zellen sind mit kleinen, das Licht stark reflectirenden, fettigen
-oder öligen Körnchen gefüllt. Dadurch entsteht für das blosse Auge auf
-einem Durchschnitte ein weisslicher oder weissgelblicher Fleck. Zwischen
-diesen Körnchenzellen befindet sich eine maschige Grundsubstanz, die
-eigentlich faserige Intercellularsubstanz der Intima, welche wir
-deutlich nach aussen in die normale Intima sich fortsetzen sehen.
-
-[Illustration: =Fig=. 130. Verticaler Durchschnitt aus einer
-sklerotischen, sich fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (Tunica
-intima, nahe der Oberfläche): _i_ der innerste Theil der Haut mit
-einzelnen und zu mehreren gruppirten (getheilten), runden Kernen. _h_
-die Schicht der sich vergrössernden Zellen: man sieht Maschennetze mit
-spindelförmigen Zellen, welche durchschnittene knorpelartige Körperchen
-umschliessen. _p_ Wucherungsschicht; Theilung der Kerne und Zellen.
-_a a_' die atheromatös werdende Schicht: _a_ der Beginn des Prozesses,
-_a_' der vorgerückte Zustand der Fettmetamorphose. Vergr. 300.]
-
-Für die Deutung der Vorgänge ist es aber ganz besonders wichtig, dass
-man sich unmittelbar davon überzeugen kann, dass die Faserlage, welche
-über dem Heerde liegt, ebenso in die oberflächliche Faserlage der
-benachbarten normalen Intima übergeht, wie die Faserlage der
-degenerirten Stelle in die tieferen Faserlagen der normalen Intima. Auf
-diese Weise wird die, auch von =Rokitansky= längere Zeit vertheidigte
-Ansicht widerlegt, dass es sich ursprünglich um eine Auflagerung auf die
-Fläche der inneren Haut handele. Man sieht auf einem Durchschnitte ganz
-evident, wie die äussersten Schichten in einem Bogen über die ganze
-Schwellung hinweglaufen, aus der Intima hervorkommen und in sie
-zurückkehren. Die Alten hatten also ganz Recht, wenn sie in dem Stadium,
-wo die Bildung des Atherom-Heerdes schon vorgerückt ist, sagten, man
-könne die Intima über den Heerd herüber im Zusammenhange abziehen. Nur
-ist das nicht die ganze Intima, vielmehr überzeugt man sich, dass die
-unteren Schichten des Heerdes jenseits der Grenze desselben ebenfalls in
-die tieferen Schichten der normalen Intima fortgehen, dass also hier
-nicht, wie die Alten annahmen, eine Zwischenlagerung zwischen Intima und
-Media stattfindet, sondern das Ganze, was wir vor uns haben, degenerirte
-Intima ist.
-
-In einzelnen besonders heftigen Fällen erscheint auch an den Arterien
-die nekrobiotische Erweichung nicht als Folge einer rein fettigen
-Metamorphose, sondern als directes Entzündungsproduct. Während im
-Umfange ein fettiger Zerfall stattfindet, tritt im Centrum der
-Veränderungsstelle ein gelbliches, trübes Wesen auf, unter welchem die
-Substanz fast unmittelbar in ein Gemisch grober Bröckel (Fig. 128, _e_,
-_e_. Fig. 129, _b_) erweicht und zerfällt.
-
-Es fragt sich in letzter Instanz, wo eigentlich der Sitz der fettigen
-Degeneration ist. Man kann sich auch hier wieder denken, dass das Fett
-in Zwischenräume (Interstitien) zwischen den Lamellen der Intima
-abgelagert werde; und es gibt noch heute einen kleineren Theil von
-Histologen, welche nicht anerkennen, dass das Bindegewebe nur Zellen,
-aber keine einfachen Lücken enthält. Untersucht man die veränderten
-Stellen nach der Oberfläche hin, so sieht man, dass dasselbe Gefüge,
-welches an den fettigen Theilen hervortritt, sich auch an den bloss
-hornigen oder halbknorpeligen Lagen erkennen lässt. Faserzüge, zwischen
-welchen von Strecke zu Strecke kleine linsenförmige Lücken erscheinen,
-finden sich hier, wie auch an der normalen Intima; in den Lücken und in
-den Faserzügen liegen aber zellige Theile (Fig. 130, _h_, _p_). Die
-Vergrösserung, welche die Stelle erfahren hat, und welche wir =Sklerose=
-nennen, beruht darauf, dass, während die faserige Intercellularsubstanz
-dicker und dichter wird, die zelligen Elemente sich vergrössern und eine
-Vermehrung ihrer Kerne eintritt, so dass man nicht selten Räume findet,
-in denen ganze Haufen von Kernen liegen. Damit leitet sich der Prozess
-ein. Weiterhin kommen Theilungen der Zellen vor, und man trifft eine
-grosse Masse von jungen Elementen. Diese sind es, welche nachher der
-Sitz der fettigen Degeneration werden (Fig. 130, _a_, _a_') und dann
-wirklich zu Grunde gehen. Demnach haben wir auch hier wieder einen
-activen Prozess, der wirklich neues Gewebe hervorbringt, dann aber durch
-seine eigene Entwickelung dem Zerfalle entgegeneilt.
-
-Kennt man diese Entwickelung, so begreift es sich, dass eine zweite
-Möglichkeit des Ausganges neben der fettigen Degeneration besteht,
-nehmlich die =Ossification=. Denn es handelt sich hier wirklich um eine
-Ossification, und nicht, wie man in neuerer Zeit behauptet hat, um eine
-blosse Verkalkung: die Platten, welche die innere Wand des Gefässes
-durchsetzen, sind wirkliche, wenn auch etwas rohe Knochenplatten. Da sie
-aus derselben sklerotischen Substanz sich bilden, aus der in anderen
-Fällen die fettige Masse wird, und da ein wirkliches Gewebe nur aus
-einem früheren Gewebe hervorgehen kann, so folgt von selbst, dass wir
-auch beim Ausgange in Fettmetamorphose nicht eine einfache Ausstreuung
-von Fett annehmen können, welche in beliebige Zwischenräume erfolgte.
-
-Die Ossification geschieht hier gerade so, wie wenn sich unter
-Entzündungs-Erscheinungen an der Oberfläche des Knochens eine
-(periostitische) Knochenlage bildete. Die Osteophyten der inneren
-Schädeldecke und der Hirnhäute zeigen dieselbe Entwickelung, wie die
-ossificirenden Platten der inneren Haut der Aorta und selbst der Venen.
-Ihr erstes Stadium besteht immer in der vermehrten Bildung von
-bindegewebigen, sklerosirenden Verdickungen, in welche erst spät die
-Ablagerung der Kalksalze erfolgt. Sobald diese wirkliche Ossification
-besteht, so können wir gar nicht umhin, den Vorgang als einen aus einer
-Reizung der Theile zu neuen, formativen Actionen hervorgegangenen zu
-betrachten; er fällt also in den Begriff der Entzündung oder wenigstens
-derjenigen irritativen Prozesse, welche einer Entzündung
-ausserordentlich nahe stehen.
-
-Gelangt man demnach von beiden Endpunkten des Prozesses aus, sowohl von
-der Atheromatie, als von der Ossification, zu demselben Resultate, dass
-die Knoten und Buckel, welche im Stadium der Sklerose die innere Fläche
-der Gefässe verunstalten, auf einen activen Prozess, auf wirkliche
-formative Reizung zurückführen, so kann man den Prozess gewiss nicht
-besser bezeichnen, als mit dem Namen der =Endoarteriitis chronica
-deformans s. nodosa=. Der an sich passive Charakter des fettigen
-Endstadiums (Ausganges) ändert nichts an dem activen, irritativen
-Anfangsstadium. Nur muss man sich stets erinnern, dass eine wesentliche
-Verschiedenheit zwischen diesem Prozesse und der einfachen fettigen
-Degeneration besteht, welche am besten an einem grossen Gefässe, z. B.
-der Aorta, zu erkennen ist. Bei der letzteren entsteht an der Oberfläche
-der Intima eine ganz leichte Anschwellung, welche sofort mit weggenommen
-wird, sobald man einen oberflächlichen Schnitt abträgt; darunter liegt
-noch eine starke Lage intacter Intima. Bei der Endoarteriitis dagegen
-haben wir im letzten Stadium einen tief unter der oft normalen
-Oberfläche liegenden Heerd, welcher später aufbricht, seinen Inhalt
-entleert und das =atheromatöse Geschwür= bildet. Dieses entsteht zuerst
-als ein feines Loch der Intima, durch welches der dicke, zähe Inhalt des
-Atheromheerdes in Form eines Pfropfes an die Oberfläche drängt; nach und
-nach entleert sich immer mehr von diesem Inhalte, wird vom Blutstrome
-fortgerissen, und zuletzt behalten wir ein mehr oder weniger grosses
-Geschwür zurück, welches bis auf die Media gehen kann, ja nicht selten
-diese mit betheiligt. Immer handelt es sich also um eine schwere
-Erkrankung des Gefässes, welche zu einer eben solchen Destruction führt,
-wie sie bei anderen heftigen entzündlichen Prozessen vorkommt.
-
-Wendet man diese Erfahrung auf die Geschichte der =Endocarditis=[240]
-an, so findet man die ganze Angelegenheit auch da. Auch an den
-Herzklappen gibt es einfach fettige Degenerationen, sowohl an der
-Oberfläche, als auch in der Tiefe. Diese verlaufen gewöhnlich so, dass
-bei Lebzeiten keine Störung erkennbar wird, und dass wir von unserem
-gegenwärtigen Erfahrungs-Standpunkte aus keine gröbere anatomische
-Störung angeben könnten, welche die weitere Folge davon wäre. Dagegen
-das, was wir Endocarditis nennen, was nachweisbar im Verlaufe des
-Rheumatismus entsteht und unzweifelhaft als eine Art von Aequivalent
-(Metastase) für den Rheumatismus der peripherischen Theile auftreten
-kann, beginnt mit einer Schwellung der erkrankten Stelle selbst. Die
-zelligen Elemente nehmen mehr Material auf, die Stelle wird uneben,
-höckerig. Verläuft der Prozess mehr langsam, so entsteht entweder eine
-Excrescenz (Condylom), oder die Verdickung breitet sich mehr hügelig aus
-und wird später der Sitz einer Verkalkung oder wirklichen Verknöcherung.
-Hat der Prozess einen acuteren Verlauf, so kommt es zu fettiger
-Degeneration oder Erweichung, wo die Klappen durch den Blutstrom
-zertrümmert werden, Bruchstücke sich ablösen und embolische Heerde an
-entfernteren Punkten entstehen (Fig. 82, S. 246).
-
- [240] Wiener medic. Wochenschrift 1858. No. 14.
-
-[Illustration: =Fig=. 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula
-mitralis: einfache körnige Anschwellungen (Granulationen), grössere
-Hervorragungen (Vegetationen), einzelne zottig, einzelne ästig und
-wieder knospend; in allen elastischen Fasern aufsteigend. Vergr. 70.]
-
-Nur auf diese Weise, indem man die Anfänge der Veränderungen beobachtet,
-ist es möglich, sichere und für die Praxis brauchbare Urtheile über die
-pathologischen Prozesse zu gewinnen. Niemals darf man sich bestimmen
-lassen, von der Differenz der klinischen Prozesse ausgehend, die
-endlichen Producte derselben als nothwendig verschieden zu betrachten.
-Die heftigsten Entzündungsprozesse, welche in ganz kurzer Zeit
-verlaufen, können dieselben Ausgänge machen, welche in anderen Fällen
-langsamer und ohne Entzündung entstehen.
-
-Ich habe nicht die Absicht, die Reihe der verschiedenen passiven
-Störungen, welche möglicherweise im späteren Verlaufe von
-Reizungszuständen auftreten können, im Einzelnen zu verfolgen. Wir
-würden sonst in der Geschichte fast aller degenerativen Atrophien
-analoge Beispiele finden können. Ueberall muss man die Zustände, in
-denen ein Theil direkt der Sitz einer solchen Rückbildung wird, von
-denjenigen unterscheiden, wo er vorher eine active Veränderung erfuhr.
-Das ist die erste Vorbedingung zur vorurtheilsfreien, wirklich
-gegenständlichen Erkenntniss der =Entzündung= überhaupt, zu deren
-Besprechung wir uns gegenwärtig wenden wollen.
-
-Der Begriff der Entzündung hat sich unter der Einwirkung der
-Erfahrungen, von welchen ich schon in dem Vorhergehenden einen gewissen
-Theil besprochen habe, wesentlich verändert. Während man noch bis vor
-kurzer Zeit gewohnt war, die Entzündung ontologisch, als einen =seinem
-Wesen nach= überall gleichartigen Vorgang zu betrachten, so ist nach
-meinen Untersuchungen nichts übrig geblieben, als alles Ontologische von
-dem Entzündungs-Begriffe abzustreifen, und die Entzündung nicht mehr als
-einen seinem Wesen nach von den übrigen verschiedenen Prozess, sondern
-nur als eine =dem Verlaufe nach eigenthümliche Form verschiedener
-Prozesse= anzusehen[241].
-
- [241] Archiv IV. 280. Spec. Pathol. und Ther. I. 46, 72, 76.
-
-In der Aufstellung der Alten, wie sie uns in den dogmatischen Schriften
-=Galen='s erhalten ist, steht bekanntlich unter den vier
-Cardinal-Symptomen (calor, rubor, tumor, dolor) die Hitze als das
-dominirende da, denn sie ist das Symptom, von welchem der Prozess seinen
-Namen bekommen hat. Späterhin ist in dem Maasse, als die Frage von der
-thierischen Wärme überhaupt und von der Wärme in pathologischen
-Zuständen insbesondere in den Hintergrund trat, immer mehr Gewicht
-gelegt worden auf die Röthung, und so ist es geschehen, dass schon im
-vorigen Jahrhundert, in der Zeit der mechanischen Theorien, wo
-namentlich =Boerhaave= die Entzündung ableitete von der Obstruction der
-Gefässe und der damit verbundenen Stasis des Blutes, der Begriff der
-Entzündung sich mehr oder weniger an die Gefässe band. Seitdem die
-pathologisch-anatomischen Erfahrungen sich ausdehnten, wurde
-insbesondere in Frankreich durch =Andral= die Hyperämie als der
-nothwendige und regelmässige Ausgangspunkt der Entzündung hingestellt.
-Die Einseitigkeit, mit welcher diese Ansicht noch bis in unsere Zeit
-festgehalten ist, war zum grossen Theile eine Nachwirkung der
-=Broussais='schen Anschauung, welche in der pathologisch-anatomischen
-Richtung zur Geltung gekommen ist. Die Hyperämie trat allmählich an die
-Stelle aller übrigen wesentlichen Symptome.
-
-Eine Aenderung der Doctrin im grossen Style hat eigentlich nur die
-Wiener Schule versucht, indem sie, wiederum vom anatomischen Standpunkte
-aus, an die Stelle der Entzündungs-Symptome das Entzündungsproduct
-setzte. Das, was sie ihren Erfahrungen gemäss zunächst im Auge hatte,
-und worin sie das Wesen der Entzündung suchte, war das Product, welches
-man, allerdings entsprechend den überlieferten Vorstellungen, als ein
-nothwendig aus den Gefässen hervorgegangenes, als Exsudat bezeichnete.
-In der alten Classification der Symptome entsprach dem Exsudate der
-Wiener ungefähr das Symptom des Tumors, und man könnte daher sagen,
-dass, wie früher der Calor und dann der Rubor, so hier der Tumor in den
-Vordergrund getreten sei. -- Nur in der mehr speculativen Anschauung der
-Neuropathologen wird bekanntlich der Dolor als die wesentliche und
-ursprüngliche Veränderung in dem Entzündungsacte betrachtet.
-
-Es kann kein Zweifel sein, dass von diesen verschiedenen Aufstellungen
-die anatomische Lehre der Wiener Schule die richtigste sein würde, wenn
-sich nachweisen liesse, dass bei jeder Entzündung, wie es gegenwärtig in
-die Sprache der meisten Aerzte übergegangen ist, ein Exsudat stattfände,
-dass der Tumor wesentlich durch dieses Exsudat bedingt sei, und
-namentlich, dass dieses Exsudat als ein constantes, typisches, und der
-Fibrin-Gehalt desselben als ein Kriterium der entzündlichen Natur
-desselben betrachtet werden dürfe.
-
-Schon in den früheren Capiteln habe ich zu zeigen gesucht, wie erheblich
-der Begriff des Exsudates geschmälert werden muss, und wie wesentlich
-bei dem Auftreten von Stoffen, welche wir allerdings als aus den
-Gefässen hervorgegangen und zu den früheren Gewebstheilen hinzugekommen
-betrachten müssen, die activen Beziehungen der Gewebselemente selbst in
-Frage kommen. Vieles ist, wie wir sahen, nicht ein aus den Gefässen
-durch den Blutdruck hervorgepresstes, also passives Exsudat, sondern
-vielmehr, wenn ich mich so ausdrücken soll, ein Educt oder Extract aus
-den Gefässen in Folge der Thätigkeit, der activen Anziehung der
-Gewebselemente selbst.
-
-Dasjenige, von dem, wie ich glaube, ausgegangen werden muss bei der
-Betrachtung der Entzündung, der Punkt, in dem ich auch die Aufstellung
-von =Broussais= und =Andral= für am meisten berechtigt erachte, ist der
-Begriff des =Reizes=. Wir können uns keine Entzündung denken ohne
-Entzündungsreiz, und es fragt sich zunächst, in welcher Weise man sich
-diesen Reiz vorzustellen habe?
-
-Wir haben schon gesehen, dass im Allgemeinen eine Reizung in drei
-verschiedenen Richtungen eintreten kann, dass sie nehmlich entweder eine
-functionelle, oder eine nutritive, oder eine formative sein kann. Dass
-bei der Entzündung functionelle Reize in Betracht kommen, dafür spricht
-schon der Umstand, dass alle neueren Schulen wenigstens darin
-übereingekommen sind, dass zu den vier charakteristischen Symptomen der
-Alten noch die =Functio laesa= hinzugefügt werden müsse. Ist bei der
-Entzündung die Function wirklich gestört, so setzt dies eben voraus,
-dass der Entzündungsreiz in der Zusammensetzung des Theiles
-Veränderungen bedingt haben muss, welche die zur Function verwendbaren
-Theile der Gewebselemente getroffen haben, dass also die functionsfähige
-Substanz nicht mehr unversehrt ist. Niemand wird erwarten, dass ein
-Muskel, der entzündet ist, sich normal contrahirt; jeder setzt voraus,
-dass die contractile Substanz des Muskels durch die Entzündung gewisse
-Veränderungen erfahren hat. Niemand wird erwarten, dass eine entzündete
-Drüsenzelle normal secerniren könne, sondern man betrachtet eine Störung
-(Hemmung und Aenderung) der Secretion als nothwendige Folge der
-Entzündung. Niemand wird annehmen, dass eine entzündete Ganglienzelle
-oder ein entzündeter Nerv seine Verrichtungen ausüben, wie sonst, dass
-sie auf Reize normal reagiren können. Unseren allgemeinsten Erfahrungen
-nach schliessen wir in solchen Fällen mit Nothwendigkeit, dass
-Veränderungen in der Zusammensetzung der zelligen Theile eingetreten
-sein müssen, welche die natürliche Functionsfähigkeit derselben
-alteriren. Solche Veränderungen können die Folgen einer übermässigen
-Function sein; treten sie aber auf Reize ein, die nicht gross genug
-sind, um die Theile sofort zu zerstören oder ihre Functionsfähigkeit zu
-erschöpfen, so müssen es nothwendiger Weise entweder nutritive oder
-formative Reize gewesen sein. Und in der That bestätigt sich dieser
-Schluss bei der Entzündung. Man findet heut zu Tage die Ansicht schon
-ziemlich verbreitet, dass es sich bei der Entzündung im Grossen um eine
-Veränderung in dem Ernährungsacte handle, wobei man die Ernährung
-freilich als das die formativen und nutritiven Vorgänge gemeinschaftlich
-Umfassende nimmt, oder, wie ich es früher[242] ausdrückte: So lange auf
-ein Irritament nur functionelle Störungen zu beobachten sind, so lange
-spricht man von Irritation; werden neben den functionellen Störungen
-nutritive bemerkbar, so nennt man es Entzündung.
-
- [242] Spec. Pathologie und Ther. I. 72.
-
-Will man also von einem Entzündungsreize sprechen, so kann man sich
-darunter füglich nichts Anderes denken, als dass durch irgend eine für
-den Theil, welcher in Reizung geräth, äussere Veranlassung, entweder
-direkt von aussen, oder vom Blute, oder möglicher Weise von einem Nerven
-her, die Mischung oder Zusammensetzung des Theiles Aenderungen erleidet,
-welche zugleich seine Beziehungen zur Nachbarschaft ändern und ihn in
-die Lage setzen, aus dieser Nachbarschaft, sei es ein Blutgefäss oder
-ein anderer Körpertheil[243], eine grössere Quantität von Stoffen an
-sich zu ziehen, aufzusaugen und je nach Umständen umzusetzen. Jede Form
-von Entzündung, welche wir kennen, findet darin ihre natürliche
-Erklärung. Jede kommt darauf hinaus, dass sie als Entzündung beginnt von
-dem Augenblicke an, wo diese vermehrte Aufnahme von Stoffen in das
-Gewebe erfolgt und die weitere Umsetzung dieser Stoffe eingeleitet wird.
-
- [243] Archiv XIV. 29.
-
-Diese Auffassung nähert sich bis zu einem gewissen Maasse, wie man
-leicht sieht, derjenigen, welche man vom Standpunkte der vasculären
-Theorie aus behauptet hat, wonach man als unmittelbare Folge der
-Hyperämie das Exsudat betrachtet und annimmt, dass die Entzündung, wenn
-sie declarirt sei, durch die Anwesenheit eines der natürlichen Mischung
-des Theiles mehr oder weniger fremdartigen Stoffes sich charakterisire.
-Es fragt sich nur, ob wirklich die Hyperämie die Einleitung und zwar die
-nothwendige Einleitung zu diesen Vorgängen bilde.
-
-Wäre die Entzündung nothwendig gebunden an die Hyperämie, so würde es
-begreiflicher Weise unmöglich sein, von Entzündungen in Theilen zu
-sprechen, welche nicht überall in einer unmittelbaren Beziehung zu
-Gefässen stehen. Wir könnten uns nicht vorstellen, dass eine Entzündung
-in einer gewissen Entfernung von einem Gefässe geschähe. Es würde
-vollständig unmöglich sein, von einer Hornhautentzündung zu sprechen
-(abgesehen vom Rande der Hornhaut), von einer Knorpelentzündung
-(abgesehen von den zunächst an den Knochen stossenden Theilen), von
-einer Entzündung der inneren Sehnensubstanz. Vergleichen wir aber die
-Vorgänge in solchen Theilen mit den gewöhnlichen, so stellt sich
-unzweifelhaft heraus, dass dieselben Vorgänge der Entzündung in allen
-diesen Theilen vorkommen können, und dass die Veränderungen der
-gefässhaltigen sich in keiner Weise nothwendig von denen der gefässlosen
-unterscheiden.
-
-Man darf aber deshalb nicht behaupten, dass die Entzündung an allen
-Theilen gleich, dass sie demnach als ein einheitlicher Vorgang
-aufzufassen sei. Allerdings bedingt die Existenz von Gefässen und der
-Reichthum an Gefässen grosse Verschiedenheiten in den auf gewisse Reize
-eintretenden Veränderungen. Das Auftreten von Exsudaten ist in hohem
-Maasse abhängig von der Art der Vascularisation eines Theiles. Die
-gefässlose Intima einer Arterie oder Vene liefert kein Exsudat, obwohl
-sie einer Serosa so ähnlich ist, dass die Schule =Bichat='s sie nicht
-bloss für eine Serosa erklärte, sondern ihr auch dieselben
-Erkrankungsmöglichkeiten zuschrieb, wie sie an den serösen Häuten
-bekannt sind. Ebenso wenig exsudirt der Gelenkknorpel an seiner
-Oberfläche; findet sich ein Exsudat in einer Gelenkhöhle, so stammt es
-von der Synovialis, welche reichlich Gefässe führt.
-
-Wie bekannt, hat man aber auch in der Auffassung der entzündlichen
-Exsudate insofern Concessionen machen müssen, als man manchen Prozess
-Entzündung genannt hat, welcher durch die Art des sogenannten Exsudates
-sich wesentlich von anderen unterscheidet. Wenn man von
-Schleimhaut-Entzündungen spricht, so denkt man in der Regel doch nicht
-daran, dass die Schleimhaut ein fibrinöses Exsudat liefern wird. Wir
-kennen wohl Schleimhäute, wo fibrinöse Exsudate häufig sind, z. B. die
-Schleimhaut der Respirationsorgane. Aber wir wissen auch, dass auf der
-Schleimhaut des Digestionstractus freie fibrinöse Exsudate fast gar
-nicht vorkommen, dass sie höchstens die schlimmeren, namentlich die
-brandigen und specifischen Formen begleiten. Wenn man von einer
-Laryngitis spricht, so setzt man nicht sogleich einen Croup voraus. Bei
-einer Cystitis erwartet man nicht, die innere Fläche der Blase von
-einer fibrinösen Schicht überzogen zu finden. In der ganzen Reihe der
-sogenannten gastrischen Entzündungen finden wir namentlich im Anfange
-des Prozesses fast nichts weiter, als eine reichliche Absonderung von
-Schleim. Wenn wir also diese catarrhalischen Entzündungen noch
-Entzündungen nennen, wenn wir sie nicht ganz aus der Reihe der
-Entzündungen herauswerfen wollen, wozu kein Grund vorliegt, so müssen
-wir zugestehen, dass ausser dem fibrinösen Exsudate in Entzündungen ein
-schleimiges Exsudat bestehen kann, und dass die Entzündungen mit
-schleimigem Exsudate eine eigene, gewissen Organen zukommende Kategorie
-bilden. Denn bekanntlich finden wir sie nicht an allen Geweben des
-Körpers, sondern fast nur an Schleimhäuten.
-
-Sieht man sich nun die fibrinösen Exsudate etwas genauer an, so kann gar
-kein Zweifel sein, dass sie in diesem Punkte von den schleimigen nicht
-verschieden sind. Wir kennen nehmlich keinesweges an allen Punkten des
-Körpers fibrinöse Exsudate; wir kennen z. B. keine Form von exsudativer
-Encephalitis, welche fibrinöses Exsudat liefert. Eben so wenig ist eine
-Form von Hepatitis bekannt, wobei fibrinöse Exsudate in der Leber
-vorkämen. Es gibt wohl eine Entzündung des Leberüberzuges
-(Perihepatitis), so gut wie eine Entzündung des Gehirnüberzuges
-(Arachnitis), wobei Fibrin frei hervortreten kann, aber nie hat Jemand
-bei einer eigentlichen Hepatitis oder Encephalitis Fibrin angetroffen.
-Ebensowenig gibt es bei den gewöhnlichen Entzündungen des Herzfleisches
-(Myocarditis) Fibrin.
-
-Andererseits ist es sicher, dass man, von bestimmten Voraussetzungen
-ausgehend, Fibrin-Exsudate an vielen Punkten vermuthet hat, wo sie in
-der That gar nicht zu sehen sind. Wenn man den Eiter aus einem
-fibrinösen Exsudat hat hervorgehen lassen, und wenn man demnach an allen
-Stellen, wo Eiter auftritt, ein fibrinöses Exsudat als den Ausgangspunkt
-betrachtet hat, so gehört doch eben keine grosse Beobachtungsgabe dazu,
-um sich zu überzeugen, dass dies ein Irrthum ist. Man nehme eine
-beliebige Ulcerationsfläche, wische den Eiter ab und fange das auf, was
-nun »ausschwitzt«, so wird man entweder seröse Flüssigkeit oder Eiter
-haben, aber man wird nicht sehen, dass sich die abgewischte Fläche mit
-einem Fibrin-Gerinnsel überzieht. Beschränkt man sich auf diejenigen
-Theile, wo Entzündungen mit wirklichem, unzweifelhaftem fibrinösen
-Exsudate vorkommen, so ist dies eine nahezu ebenso beschränkte
-Kategorie, wie die der schleimigen Entzündungen. Hier stehen in erster
-Linie die eigentlichen serösen Häute, welche gewöhnlich schon bei
-leichtem Entzündungsreiz Fibrin hervorbringen, in zweiter Linie gewisse
-Schleimhäute, an welchen die fibrinösen Entzündungen in einer grossen
-Zahl von Fällen unverkennbar als eine Steigerung aus schleimigen
-hervorgehen. Ein gewöhnlicher Croup tritt in der Regel nicht von
-vornherein als fibrinöser Croup auf; anfangs, zu einer Zeit, wo die
-Gefahr schon eine sehr beträchtliche sein kann, findet sich oft nichts
-weiter, als eine schleimige oder schleimig-eiterige Pseudomembran. Erst
-nach einer gewissen Zeit setzt die fibrinöse Exsudation in der Weise
-ein, dass wir an derselben Pseudomembran die Uebergänge verfolgen
-können, so dass eine gewisse Stelle deutlich Schleim, eine andere
-deutlich Fibrin enthält, während an einer dritten Stelle nicht mehr zu
-sagen ist, ob der eine oder das andere vorhanden ist. Hier treten also
-beide Stoffe wiederum als Substitute für einander auf. Wo der
-entzündliche Reiz grösser ist, sehen wir Fibrin, wo er geringer ist,
-Schleim vorkommen.
-
-Vom Schleime wissen wir aber, dass er im Blute nicht präexistirt, wie
-das Fibrin. Wenn auch eine Schleimhaut unglaublich grosse Massen von
-Schleim in kurzer Zeit hervorbringen kann, so sind dieselben doch
-Producte der Schleimhaut selbst; sie wird nicht vom Blute aus mit
-Schleim durchdrungen, sondern das Mucin, der eigenthümliche Schleimstoff
-ist ein Erzeugniss der Haut (S. 66), und dieses wird durch die vom Blute
-aus durchquellende (trans- und exsudirende) Flüssigkeit mit an die
-Oberfläche geführt. Im Anschlusse an diese Erfahrung habe ich, wie ich
-früher andeutete (S. 197), auch versucht, die Ansicht umzukehren, welche
-man über die Entstehung des Fibrins zu haben pflegt[244]. Während man
-bis jetzt die Fibrinausscheidung als eine eigentliche Transsudation aus
-der Blutflüssigkeit, das Exsudat als das hervortretende Plasma
-betrachtete, so habe ich die Deutung aufgestellt, dass auch das Fibrin
-häufig ein Localproduct derjenigen Gewebe sei, an welchen und in welchen
-es sich findet, und dass es in derselben Weise an die Oberfläche
-gebracht werde, wie der Schleim der Schleimhaut. Ich habe damals schon
-gezeigt, wie man auf diese Weise am besten begreift, dass in dem Maasse,
-als an einem bestimmten Gewebe die Fibrinproduction steigt, auch dem
-Blute mehr Fibrin zugeführt wird, und dass die fibrinöse Krase eben so
-gut ein Product der localen Erkrankung ist, wie die fibrinöse Exsudation
-das Product der localen Stoffmetamorphose. Nie ist man im Stande
-gewesen, so wenig als man direct durch Druckveränderung aus dem Blute
-Schleim an einem Orte hervorbringen kann, welcher nicht selbst Schleim
-producirt, durch Veränderung im Blutdrucke aus den Capillaren des
-lebenden Thieres Fibrin hervorzupressen; was durchdringt, sind immer nur
-die serösen Flüssigkeiten.
-
- [244] Spec. Pathologie und Ther. I. 75. Gesammelte Abhandlungen
- 135-37. Archiv XIV. 36.
-
-Ich halte demnach dafür, =dass es in dem gewöhnlichen Sinne überhaupt
-kein entzündliches Exsudat gibt=, sondern dass das Exsudat, welches wir
-im Laufe entzündlicher Reizungen antreffen, sich zusammensetzt
-einerseits aus dem Material, welches durch die veränderte Haltung in dem
-entzündeten Theile selbst erzeugt wurde, andererseits aus der
-transsudirten Flüssigkeit, welche aus den Gefässen stammt. Diese kann
-ihrerseits sehr verschieden sein. Manchmal ist sie rein serös
-(hydropisch), andermal enthält sie zahlreiche rothe Blutkörperchen und
-muss daher geradezu als hämorrhagisch bezeichnet werden, andermal
-endlich finden sich in ihr grössere oder kleinere Mengen von farblosen
-Blutkörperchen. Besitzt daher ein Theil eine grosse Menge besonders
-oberflächlicher Gefässe, so wird er auch ein reichliches Exsudat geben
-können, wobei die vom Blute transsudirende Flüssigkeit ausser den aus
-dem Blute selbst gelieferten Bestandtheilen die besonderen Producte des
-Gewebes (Mucin, Fibrin, Paralbumin, zellige Elemente u. s. w.) mit an
-die Oberfläche führen kann. Hat dagegen der Theil keine Gefässe oder
-keine freie Oberfläche, so wird es auch kein Exsudat geben, sondern der
-ganze Vorgang beschränkt sich darauf, dass im Gewebe selbst die
-besonderen Veränderungen vor sich gehen, die durch den entzündlichen
-Reiz angeregt worden sind.
-
-Demnach gibt es wohl exsudative Entzündungen der äusseren Haut, der
-Schleim-, serösen und synovialen Häute, der Lungen, aber wir kennen
-nichts, was damit vergleichbar wäre an Hirn und Rückenmark, an Nerven
-und Muskeln, an Milz, Leber, Hoden, Knochen u. s. w. Man muss demnach
-zwei ganz und gar ihrer Leistung nach verschiedene Formen von
-Entzündungen von einander trennen[245]: nehmlich erstens die =rein
-parenchymatöse Entzündung=, wo der Prozess im Inneren des Gewebes und
-zwar mit Veränderungen der Gewebselemente selbst verläuft, ohne dass
-eine frei hervortretende Ausschwitzung wahrzunehmen ist; zweitens die
-=secretorische= (=exsudative=) =Entzündung=, welche mehr den
-oberflächlichen Organen angehört, wo vom Blute aus ein vermehrtes
-Austreten von wässerigen (serösen) Flüssigkeiten erfolgt, welche die
-eigenthümlichen, in Folge der Gewebsreizung gebildeten parenchymatösen
-Stoffe mit an die Oberfläche der Organe führen. Allerdings sind diese
-beiden Formen hauptsächlich nach den Organen unterschieden, an welchen
-die Entzündung vorkommt. Es gibt, wie gesagt, gewisse Organe, welche
-unter allen Verhältnissen nur parenchymatös erkranken, andere, welche
-fast jedesmal eine oberflächliche exsudative Entzündung erkennen lassen.
-Aber die Geschichte der mit freien Oberflächen versehenen Organe lehrt
-doch auch, dass dasselbe Gewebe, z. B. eine Schleimhaut, exsudativ und
-parenchymatös erkranken kann.
-
- [245] Spec. Pathologie und Therapie. I. 66.
-
-Die Scheidung der Entzündungsformen, welche man gewöhnlich nach dem
-Vorgange von =John Hunter= gemacht hat, die in adhäsive und eiterige
-Formen, liegt ungleich weiter entfernt. Zunächst handelt es sich immer
-darum, zu untersuchen, in wie weit die Gewebe selbst sich verändern und
-ihr Product einen degenerativen Character annimmt, oder in wie weit
-durch das Durchströmen der Flüssigkeiten der Theil wieder von dem
-befreit wird, was er in sich erzeugt hat, wodurch die Degeneration des
-Theiles vermieden wird. =Jede parenchymatöse Entzündung hat von
-vornherein eine Neigung, den histologischen und functionellen Habitus
-eines Organes zu verändern. Jede Exsudation bringt dem Gewebe eine
-gewisse Befreiung=: sie entführt ihm einen grossen Theil der
-Schädlichkeiten, und das Gewebe erscheint daher verhältnissmässig viel
-weniger leidend, viel weniger einer dauerhaften Degeneration ausgesetzt,
-als dasjenige, welches der Sitz einer parenchymatösen Erkrankung ist.
-Daher ist schon seit alten Zeiten die therapeutische Aufgabe des Arztes
-dahin festgestellt worden, bei Entzündungen oberflächlicher Organe die
-Secretion (Transsudation, Exsudation) zu befördern, und es kann trotz
-der gerade in der neuesten Zeit wieder in größerer Heftigkeit
-aufgetauchten Bedenken nicht bezweifelt werden, dass die Secretion nicht
-bloss für tiefere Theile, sondern auch für die erkrankte Oberfläche
-selbst eine =derivatorische= oder =depuratorische= Bedeutung hat.
-
-Die beiden Grundformen der Entzündung, die parenchymatöse und die
-exsudative, können sich mit einander vergesellschaften und eine
-combinirte Störung hervorbringen. Allein beide sind ihrem Wesen nach
-verschieden. Sagt man statt parenchymatöse Entzündung »entzündliche
-Degeneration« und statt exsudativer Entzündung »entzündliche Secretion«,
-so stellt sich die Verschiedenheit alsbald in deutlicher Weise dar.
-Niemand würde so verschiedene Prozesse zusammenwerfen, wenn nicht die
-klinische Beobachtung ergäbe, dass beide auf Reize entstehen, also einen
-irritativen Anfang haben, dass ferner derselbe Reiz hier eine
-Degeneration, dort eine Exsudation hervorruft, und dass endlich in
-beiden Fällen, wenn der Theil reichlichere Gefässe und Nerven hat,
-Röthe, Hitze und Spannung bemerkbar werden. Erwägt man nun aber
-weiterhin, dass weder die eintretende Degeneration, noch die Exsudation
-in allen Entzündungen denselben Charakter haben, dass die Degeneration
-nutritiv oder formativ, die Exsudation schleimig, serös, fibrinös,
-synovial sein kann, so wird leicht ersichtlich, dass in der That die
-Bezeichnung der Entzündung eine rein symptomatologische und
-prognostische, also klinische ist, und dass es eine ganz falsche und
-darum gefährliche Concession ist, im anatomischen Sinne überhaupt von
-einer Entzündung kurzweg zu sprechen. Denn mit dieser Concession geräth
-man sofort auf den Abweg, eine einheitliche anatomische Definition zu
-suchen, und bis jetzt ist noch jeder Versuch, eine solche zu finden,
-gescheitert.
-
-
-
-
- Zwanzigstes Capitel.
-
- Die normale und pathologische Neubildung. Geschichte des Knochens.
-
-
- Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der
- Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente
- und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die
- Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung. Die
- Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung als
- gewöhnlicher Anfang der Neubildungen.
-
- Endogene Bildung. Physaliden. Bruträume. Furchung.
-
- Wachsthumähnliche und zeugungsähnliche Neubildung. Pflanzliche
- Analogie.
-
- Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe und
- indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen:
- Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben.
-
- Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung.
- Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das
- appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die
- Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze zu
- dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum der
- Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als
- Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales,
- entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter
- Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes. --
- Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung der
- Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach Fractur.
- Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis.
- Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters.
-
- Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als
- Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung.
-
-Es wird nunmehr nothwendig sein, zur genaueren Erläuterung der
-=formativen Reizung= zu schreiten und die wesentlichsten Züge aus der
-Geschichte der pathologischen Neubildungen zu schildern. Denn schon aus
-dem Früheren wird hervorgegangen sein, dass formative Vorgänge nicht
-etwa bloss die Grundlage für Geschwulstbildungen im engeren Sinne des
-Wortes, sondern auch für viele einfach entzündliche Reizungsprozesse
-bilden.
-
-Dass ich die Doctrin vom Blastem in ihren ursprünglichen Grundzügen
-gegenwärtig vollständig zurückweise, habe ich wiederholt ausgesprochen.
-An ihre Stelle tritt die sehr einfache Lehre von der =continuirlichen
-Entwickelung der Gewebselemente aus einander=. Es handelt sich also für
-die einzelnen Fälle vielmehr darum, den besonderen Modus zu erkennen,
-nach welchem die verschiedenartigen Gewebe entstehen, und an bestimmten
-Beispielen die einzelnen Möglichkeiten kennen zu lernen, welche in
-Beziehung auf die Richtung dieser Entwickelung überhaupt bestehen.
-
-Meine ersten Erfahrungen, auf Grund deren ich anfing, die herrschende
-Doctrin vom Blastem und Exsudat in Beziehung auf daraus hervorgehende
-Neubildungen zu bezweifeln, datiren von Untersuchungen über die
-=Tuberkeln=[246]. Ich fand nehmlich, dass die jungen Tuberkel in
-verschiedenen Organen, insbesondere in Lymphdrüsen, in den Hirnhäuten
-und in den Lungen zu keiner Zeit ein erkennbares Exsudat, sondern zu
-jeder Zeit während ihrer Bildung organisirte Elemente enthalten, ohne
-dass je an ihnen oder vor ihnen ein Stadium des Amorphen, Gestaltlosen
-zu beobachten ist. Insbesondere erkannte ich, dass die Entwickelung in
-den Lymphdrüsen bei den bekannten scrofulösen Anschwellungen mit einer
-Neubildung beginnt und dass die ersten Zustände, welche man antrifft,
-vollkommen mit denjenigen übereinstimmen, welche man sonst mit dem Namen
-der Hypertrophie bezeichnete: Kerne und Zellen finden sich in reicher
-Masse, zerfallen späterhin und geben das Material zu der endlichen
-Anhäufung käsiger Substanz. Eine solche Erfahrung, wonach ein
-hypertrophirendes (genauer gesagt: hyperplastisches) Gewebe in seiner
-späteren Zeit ein vollkommen abweichendes, krankhaftes Product liefert,
-erschien um so bedeutungsvoller, als ich eine ganz ähnliche Reihe von
-Entwickelungen gleichzeitig bei der Untersuchung einer ganz differenten
-Bildung erkannte, nehmlich bei der sogenannten =Typhusmasse=[247].
-Damals herrschte ganz allgemein die Ansicht der Wiener Schule, dass bei
-den Abdominaltyphen ein eiweissartiges Exsudat von weicher
-Beschaffenheit in die Darmwand abgesetzt würde, und dass dadurch
-Schwellungen von markigem, medullärem Aussehen entständen. Ich fand
-dagegen, dass, gleichviel ob ich die Typhusmasse in den Lymphdrüsen des
-Gekröses oder an den Follikeln der Peyerschen Haufen untersuchte, zu
-keiner Zeit irgend ein bildungsfähiges Exsudat vorhanden war, sondern
-stets eine unmittelbare Fortbildung von den präexistirenden zelligen
-Elementen der Drüsen, der Follikel und des Bindegewebes zu der typhösen
-Substanz stattfinde.
-
- [246] Würzb. Verhandl. 1850. I. 80. II. 70. III. 98.
-
- [247] Ebendas. I. 86.
-
-Diese Erfahrungen berechtigten natürlich noch nicht, eine allgemeine
-Umänderung der bestehenden Doctrin vorzunehmen, denn organische Elemente
-entstehen an zahllosen Punkten, an denen damals wenigstens zellige
-Elemente als normale Bestandtheile überhaupt ganz unbekannt waren, und
-es schien daher kaum eine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die,
-dass durch eine Art von Generatio aequivoca aus Blastemmasse neue Keime
-gebildet würden. Die einzigen Orte, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit
-ausser den Drüsen eine Entwickelung neuer Elemente von den alten
-Elementen aus hätte erschlossen werden können, waren die Oberflächen des
-Körpers mit ihren Epithelial-Formationen. So geschah es, dass meine
-Untersuchung über die Natur der Bindegewebs-Substanzen, auf welche ich
-früher wiederholt eingegangen bin, eine entscheidende wurde. Von dem
-Augenblicke an, wo ich behaupten konnte, dass es fast keinen Theil des
-Körpers gibt, welcher nicht zellige Elemente besitzt, wo ich zeigen
-konnte, dass die Knochenkörperchen wirkliche Zellen sind, dass das
-Bindegewebe an verschiedenen Orten eine bald grössere, bald geringere
-Zahl wirklich zelliger Elemente führe[248], da waren auch überall Keime
-erkannt für eine mögliche Entwickelung neuer Gewebe. Thatsächliche
-Nachweise für eine solche Entwickelung brachte ich alsbald in meinen
-Arbeiten über parenchymatöse Entzündung[249] und über ein cystoides
-Enchondrom[250], denen später eine ganze Reihe weiterer
-Special-Untersuchungen sich angeschlossen hat. Je mehr die Zahl der
-Beobachter wuchs, um so häufiger hat es sich bestätigt, dass eine grosse
-Zahl der verschiedensten Neubildungen, welche im Körper entstehen, aus
-dem Bindegewebe und seinen Aequivalenten hervorgeht. Daran schloss sich
-unmittelbar das Gebiet der lymphatischen Gebilde und der mit ihnen
-zusammenhängenden farblosen Blutkörperchen, deren Bedeutung für die
-Neubildung von Manchen sehr hoch veranschlagt wird. Endlich sind zu
-erwähnen jene pathologischen Neubildungen, welche den Epithelformationen
-angehören, sowie diejenigen, welche mit den höher organisirten
-thierischen Geweben, z. B. den Gefässen, den Nerven, zusammenhängen.
-Erwägt man, dass die lymphatischen Einrichtungen ihrerseits mit dem
-Bindegewebe nahe Beziehungen haben, so wird man noch jetzt nicht
-fehlgehen, wenn man mit geringen Einschränkungen =an die Stelle der
-plastischen Lymphe, des Blastems der Früheren, des Exsudates der
-Späteren das Bindegewebe mit seinen Aequivalenten und Adnexen als den
-hauptsächlichen Keimstock des Körpers setzt=, und davon die Entwickelung
-der meisten neugebildeten Theile ableitet[251].
-
- [248] Würzb. Verhandl. II. 150, 154.
-
- [249] Archiv IV. 284, 304, 312.
-
- [250] Archiv V. 216, 239.
-
- [251] Spec. Pathologie und Ther. I. 330, 333. Archiv VIII. 415.
-
-Wenn wir ein bestimmtes inneres Organ nehmen, z. B. das Gehirn oder die
-Leber, so konnte, so lange als man innerhalb des Gehirnes nichts weiter
-als Nervenmasse sah, in der Leber nichts weiter als Gefässe und
-Leberzellen zuliess, eine Neubildung ohne Dazwischenkommen eines
-besonderen Bildungsstoffes kaum gedacht werden. Denn davon war es ja
-leicht, sich zu überzeugen, dass in der Regel in der Leber die
-Neubildungen nicht von den Leberzellen oder den Gefässen ausgehen. Dass
-in der Hirnsubstanz die Nerven nicht als solche die Neubildungen
-hervorbringen, und dass die Markschwämme nicht wuchernde Nervenmasse
-sind, sondern aus zelligen Elementen anderer Art bestehen, das hätte man
-wissen sollen seit dem Augenblicke, wo das Mikroskop auf die
-Untersuchung der Gewebe angewendet worden ist. Aber ich habe erst
-nachweisen müssen, dass es Bindegewebszellen in der Leber und
-interstitielle Gliazellen im Gehirne gibt, welche Aequivalente der
-gewöhnlichen Bindegewebskörperchen sind. In der That erscheint uns, wie
-zuerst =Reichert= hervorgehoben hat, der Grundstock des Körpers
-zusammengesetzt aus einer mehr oder weniger continuirlichen Masse von
-bindegewebsartigen Bestandtheilen, an und in welche an gewissen Punkten
-andere Dinge, wie Epithel, Muskeln, Gefässe und Nerven, eingesetzt sind.
-Innerhalb dieses mehr oder weniger zusammenhängenden Gerüstes ist es, wo
-nach meinen Untersuchungen die Mehrzahl der Neubildungen vor sich geht,
-und zwar nach demselben Gesetze, nach welchem die embryonale
-Entwickelung geschieht.
-
-Das Gesetz von der Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen
-Entwickelung ist, wie bekannt, schon von =Johannes Müller=, der auf den
-Untersuchungen von =Schwann= fortbaute, formulirt worden. Allein damals
-setzte man den Inhalt eines Ovulums (Fig. 7) dem Blasteme gleich; man
-dachte nicht daran, dass alle Entwickelung im Ei innerhalb der gegebenen
-Grenzen der Zelle geschieht, sondern man schloss einfach, dass im Eichen
-eine gewisse Menge von bildungsfähigem Stoffe gegeben sei, welcher
-vermöge einer ihm innewohnenden Eigenthümlichkeit, vermöge einer
-organisatorischen Kraft oder, vom Standpunkte der »höheren« Anschauung
-aus, durch eine organisatorische Idee getrieben, sich in diese oder jene
-besondere Form umgestalte. Wenn es auch nicht richtig ist, was am
-schärfsten von =Remak= behauptet worden ist, dass auch die
-Dotterfurchung und die daraus hervorgehende Bildung der Primordialzellen
-auf dem Hineinwachsen und Verschmelzen von Membranscheidewänden in das
-Innere des Eies beruht, so handelt es sich doch auch innerhalb der
-Dottermasse nicht um eine freie organisatorische Bewegung, sondern um
-fortgehende Theilungsacte eines ursprünglich einfachen Elementes. Es
-folgt daraus, dass eine Vergleichung der freien plastischen Exsudate
-oder des pathologischen Blastems mit den Inhalts- oder Protoplasmamassen
-des Eies an sich unzulässig ist. Wo wir beim Embryo wirklich geformte
-Elemente, Zellen, finden, da sind diese auch von einem präexistirenden
-Elemente, einer Zelle ausgegangen. Eine Uebereinstimmung der embryonalen
-und der pathologischen Neubildung kann daher nur dann behauptet werden,
-wenn auch in der Pathologie jede neue Entwickelung auf vorhandene Zellen
-als Ausgangspunkte zurückgeführt werden kann.
-
-Der in der neuesten Zeit vielfach behauptete Punkt, in wie weit
-ausgewanderte farblose Blutkörperchen oder Lymphkörperchen die Keime für
-allerlei Neubildungen werden können, ändert in diesen Anschauungen
-nichts Wesentliches. Beim Frosche, an welchem die Mehrzahl der diese
-Auswanderung betreffenden Untersuchungen angestellt worden sind, müssen
-die Lymphkörperchen bei dem Fehlen der Lymphdrüsen direkt aus dem
-Bindegewebe abgeleitet werden, und wenn sie später der Ausgangspunkt für
-Neubildungen werden, so unterscheidet sich diese Neubildung von der
-früher von mir gelehrten nur dadurch, dass sie nicht an Ort und Stelle,
-sondern an einer mehr oder weniger von dem Entstehungsorte dieser
-Keimzellen entfernten Orte stattfindet. Beim Menschen und den höheren
-Wirbelthieren, welche ausgebildete Lymphdrüsen besitzen, wäre in diesen
-eine permanente Brutstätte neuer Keimzellen anzunehmen, indess gehen
-auch die Lymphdrüsen, so weit wir wissen, embryologisch aus
-proliferirendem Bindegewebe hervor. Es kann sich daher im Principe nur
-darum handeln, festzustellen, auf welche Weise die Bildung der neuen
-Elemente in dem Keimgewebe stattfindet.
-
-[Illustration: =Fig=. 132. Zellen aus der mittleren Substanz des
-Intervertebralknorpels eines Erwachsenen. Intracapsuläre
-Zellenvermehrung. Vergr. 300.]
-
-Der Modus dieser Neubildung ist, so viel bekannt, ein doppelter. In der
-Regel handelt es sich um =einfache Theilung=, wie wir sie schon bei
-Gelegenheit der Reizung besprochen haben (S. 386). Wir sehen dann die
-ganze Reihe von Veränderungen von der Theilung des Kernkörperchens und
-des Kernes bis zur endlichen Theilung der ganzen Zelle. Wenn ein
-epitheliales Element zwei Kerne bekommt, sich darauf theilt, und dieses
-sich wiederholt, so kann daraus durch fortgehende Wiederholung eine
-grosse Zahl neuer Elemente hervorgehen. Bekommt Jemand durch
-fortgesetzte Reibung der Haut eine Reizung, und wird der Reiz bis zu
-einem gewissen Grade gesteigert, so wird sich das Epithel verdicken, und
-wenn die Wucherung sehr stark ist, so kann sie zu grossen,
-geschwulstartigen Bildungen sich erheben. Dies geschieht durch
-fortschreitende Zelltheilung. Denselben Modus der Entwickelung, welchen
-Epithelialschichten darbieten, treffen wir auch im Inneren der Organe.
-Im Knorpel, wo das einfache zellige Element in eine Kapsel
-eingeschlossen ist, tritt endlich an die Stelle desselben eine Anhäufung
-zahlreicher Elemente, von denen jedes wiederum eingeschlossen wird in
-eine besondere, neugebildete Kapsel, während die ganze Gruppe von der
-vergrösserten, ursprünglichen Kapsel (der früher fälschlich sogenannten
-Mutterzelle) umgeben ist. Am Bindegewebe kann jede neue Zelle, welche
-aus der Theilung hervorgegangen ist, sofort eine neue Schicht
-Intercellularsubstanz bilden. Das ist also ein an sich sehr einfacher
-Modus, der jedoch, da er an verschiedenartigen Geweben vorkommt, sehr
-verschiedene Resultate bringen kann.
-
-Es gibt aber noch eine andere Reihe von Neubildungen im Körper, welche
-freilich viel weniger gut gekannt sind, und deren Vorgang sich bis jetzt
-nicht mit eben so grosser Sicherheit übersehen lässt. Es sind das
-Vorgänge, wo im Inneren von präexistirenden Zellen =endogene=
-Neubildungen eintreten.
-
-Eine dieser Veränderungen ist folgende: In einer einfachen Zelle bildet
-sich ein blasiger Raum, der gegenüber dem etwas trüben, gewöhnlich
-leicht körnigen Inhalte der Zelle ein sehr klares, helles, homogenes
-Aussehen darbietet. Derselbe unterscheidet sich von einer blossen
-Vacuole (S. 357) dadurch, dass er eine besondere Hülle besitzt und nicht
-einen einfachen Tropfen darstellt[252]. Auf welche Weise diese Räume,
-welche ich unter dem Namen der =Physaliden=[253] zusammenfasse,
-entstehen, ist noch nicht ganz sicher. Die grösste Wahrscheinlichkeit
-ist dafür, dass bei gewissen Formen gleichfalls Kerne der Ausgangspunkt
-dieser Bildungen sind. Man sieht nehmlich neben den physaliphoren Zellen
-andere mit 2 Kernen, manche, wo der eine Kern schon etwas grösser und
-heller erscheint, aber doch immer noch mit kernartiger Beschaffenheit.
-Weiterhin wird dieser helle Kern zu einer Blase von solcher Grösse, dass
-die Zelle allmählich fast ganz davon erfüllt wird und ihr alter Inhalt
-mit dem andern Kerne nur noch wie ein kleiner Anhang an der Blase
-erscheint[254]. So weit ist der Vorgang ziemlich einfach. Allein neben
-diesen zunehmenden und die Zelle erfüllenden Blasen trifft man andere,
-wo im Inneren der Blasen wieder Elemente zelliger Art eingeschlossen
-sind. So ist es ziemlich häufig in Krebsgeschwülsten, aber auch in
-normalen Theilen, z. B. in der Thymusdrüse[255]. Diese Form scheint nur
-so gedeutet werden zu können, dass in besonderen blasigen Räumen, die
-ich deshalb =Bruträume= genannt habe[256], im Inneren von zelligen
-Elementen neue Elemente ähnlicher Art sich entwickeln. Obwohl ich
-ähnliche Formen auch bei entzündlichen Zuständen z. B. in dem Epithel
-des Herzbeutels bei Pericarditis gesehen habe[257], und obwohl manche
-neuere Beobachtungen sich dem anzureihen scheinen, so ist dies doch ein
-für die Gesammtfrage der Neubildung untergeordnetes Verhältniss, welches
-mehr für einzelne Fälle Werth hat.
-
- [252] Archiv III. 199.
-
- [253] Entwickelung des Schädelgrundes 58.
-
- [254] Archiv I. 130.
-
- [255] Archiv III. 197, 222.
-
- [256] Ebendas. III. 217.
-
- [257] Archiv III. 223.
-
-[Illustration: =Fig=. 133. Endogene Neubildung: blasentragende Zellen
-(Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines Neugebornen neben
-epithelioiden Zellen: im Innern einer Blase mit doppeltem Contour, die
-ihrerseits noch von einem zellenartigen Saume umgeben ist, liegt eine
-vollständige Kernzelle. _B C_ Krebszellen (vergl. Archiv f. path. Anat.
-Bd. I. Taf. II. und Bd. III. Taf. II.) _B_ eine mit doppeltem Kerne,
-eine zweite mit Kern und kleiner Physalide; _C_ eine mit einer fast die
-ganze Zelle füllenden Physalide und eine andere, wo die Physalide (der
-Brutraum) noch wieder eine vollständige Kernzelle umschliesst. Vergr.
-300.]
-
-Ausser dieser endogenen Neubildung in besonderen, physaliphoren Zellen
-finden sich nicht selten Erscheinungen, welche sich mehr den
-gewöhnlichen Furchungserscheinungen des Eies anzuschliessen
-scheinen[258], deren Grenzen aber gegen die aus blosser Theilung oder
-aus Physaliden hervorgegangenen Neubildungen sich nur schwer feststellen
-lassen. Denn sehr häufig sieht man in demselben Objecte diese
-verschiedenen Dinge neben einander. Am deutlichsten erkennt man solche
-Neubildungen an sehr vergrösserten Zellen, deren Kerne sich zuerst in
-prodigiöser Weise vermehren (S. 383), und an denen sich später um jeden
-Kern eine besondere Abtheilung des Zelleninhaltes besonders abgegrenzt
-zeigt. Namentlich geschieht das an der Oberfläche von Riesenzellen,
-während im Inneren manchmal keine Zellenbildung, manchmal wieder solide
-oder blasige Gebilde zu bemerken sind. Bei den Krebsen sind
-Beobachtungen der Art schon ziemlich alt[259], indess waren sie wenig
-genau. Bestimmtere Untersuchungen über den Gang der Neubildung habe ich
-zuerst an den Perlgeschwülsten (Cholesteatomen) des Menschen[260] und an
-der Franzosenkrankheit (Perlsucht) des Rindviehes[261] gemacht. Hier
-erhält sich in der That die alte Zellmembran noch längere Zeit, so dass
-die Bildung als eine wirklich endogene erscheint. Andermal dagegen geht
-die äussere Membran des Muttergebildes früh verloren, und es entsteht
-sofort eine grosse Gruppe einfach zusammenliegender, noch die Form der
-Mutterzelle bewahrender Tochterzellen, wo also die ursprüngliche Membran
-entweder sich auflösen oder zur Bildung der secundären Membranen der
-Tochterzellen verbraucht werden muss. In diesen Fällen ist es schwer,
-eine Grenze zwischen endogener Neubildung und Theilung zu ziehen, und
-man kann eben so wohl den ursprünglich endogenen Anfang des Prozesses,
-als die =verspätete= Theilung für die Bezeichnung massgebend sein
-lassen. Unzweifelhaft endogen ist der Vorgang nur dann, wenn das schon
-fertige neue Element (Tochterzelle) in die Substanz des alten
-(Mutterzelle) eingeschlossen ist.
-
- [258] Archiv XIV. 46.
-
- [259] Archiv I. 107.
-
- [260] Archiv VIII. 410. Taf. IX. Fig. 2-11.
-
- [261] Würzb. Verhandl. VII. 143. Archiv XIV 47. Geschwülste II. 745.
-
-Dieser Fall ist in der neueren Zeit von einer Reihe von Beobachtern
-beschrieben worden, insbesondere hat man im Inneren kernhaltiger Zellen
-neben dem Kerne das Vorkommen neuer Furchungselemente und wirklicher
-Zellen angeführt. So ist namentlich die Bildung von Schleim- und
-Eiterkörperchen im Inneren von noch existirenden Epithelialzellen von
-=Remak=, =Buhl=, =Eberth= und =Rindfleisch= geschildert worden. Hier
-würde also nicht die ganze Mutterzelle in Tochterzellen übergehen,
-sondern nur ein Theil ihres Inhaltes, und zwar nach Einigen, nachdem
-eine Kerntheilung voraufgegangen, nach Anderen ohne dieselbe,
-unmittelbar. Die so gebildeten Zellen würden dann durch Eröffnung der
-Mutterzelle (=Dehiscenz=) austreten und frei werden können. Auch hier
-ist die Entscheidung sehr schwer, da manche Beobachtungen zugleich die
-Bildung von Bruträumen schildern, andere an die Geschichte der
-sogenannten Blutkörperchen-haltenden Zellen (S. 361) erinnern, von denen
-man auch früher annahm, dass die Blutkörperchen in ihnen entständen,
-während ich vielmehr ein späteres Eintreten der Blutkörperchen in
-präexistirende Zellen nachgewiesen habe[262].
-
- [262] Archiv IV. 515. V. 405.
-
-Ist es demnach nothwendig, vor Feststellung bestimmterer Formeln noch
-weitere und mehr ausgedehnte Beobachtungen abzuwarten, so kann es doch
-nicht zweifelhaft sein, dass neue Elemente aus alten nur auf zwei Weisen
-entstehen können: entweder =fissipar=, oder =endogen=. Auch in dieser
-Beziehung ist es erfreulich, dass sich die pathologische
-Entwickelungsgeschichte sowohl mit der physiologischen, als auch mit der
-botanischen in Einklang befindet. Gerade in der Botanik sind diese zwei
-Weisen längst anerkannt. =Theilung entspricht bei den Pflanzen am
-gewöhnlichsten dem Wachsthume, endogene Bildung oder Neubildung im
-engsten Sinne entspricht der Zeugung, der geschlechtlichen
-Fortpflanzung=. Und so liessen sich auch in der Pathologie sehr wohl
-zwei gesonderte Typen der Neoplasie unterscheiden: der =Wachsthumstypus=
-und der =Zeugungstypus=.
-
-Der wesentliche Unterschied in den einzelnen zelligen Entwickelungen in
-Beziehung auf das Resultat ist der, dass in einer Reihe von Neubildungen
-die Theilungen mit einer gewissen Regelmässigkeit vor sich gehen, so
-dass die Producte der Theilung von Anfang an eine völlige
-Uebereinstimmung mit den Muttergebilden zeigen und die jungen Gebilde zu
-keiner Zeit erheblich von den Mutterelementen abweichen. Solche Vorgänge
-bezeichnet man im gewöhnlichen Leben meistentheils als Hypertrophien;
-ich hatte zur genaueren Bezeichnung den Namen der =Hyperplasien= dafür
-vorgeschlagen, da es sich dabei nicht um eine Zunahme der Ernährung
-bestehender Theile, sondern um die Bildung wirklich neuer Elemente
-handelt (S. 90), demnach kein trophischer (nutritiver), sondern ein
-plastischer (formativer) Vorgang vorliegt.
-
-In einer anderen Reihe macht sich die Entwickelung so, dass allerdings
-auch Theilungen stattfinden, dass aber diese sich sehr schnell
-wiederholen und immer kleinerere Elemente hervorbringen. Diese werden
-zuweilen am Ende so klein, dass sie an die Grenze der Zellen überhaupt
-herangehen (=Granulation=). Die Vermehrung der Zellen kann an diesem
-Punkte aufhören. Die einzelnen neuen Elemente fangen dann an, wieder zu
-wachsen, sich zu vergrössern, und unter Umständen kann auch hier wieder
-ein analoges Gebilde erzeugt werden, wie das, von welchem die
-Entwickelung ausgegangen war. Dies ist eine Hyperplasie, die auf einem
-Umwege, =per secundam intentionem=, zu Stande kommt (S. 98). In diese
-Kategorie würden auch diejenigen Neubildungen zu setzen sein, welche aus
-ausgewanderten farblosen Blutkörperchen oder mobilisirten
-Bindegewebskörperchen (S. 359) hervorgehen.
-
-Sehr häufig schlagen jedoch die jungen, kleinen Elemente einen anderen
-Gang der Entwickelung ein und es beginnt eine =heterologe
-Entwickelung=[263].
-
- [263] Würzburger Verhandl. I. 136.
-
-An den jungen Elementen können dabei wiederum Theilungen eintreten, doch
-ist es sehr gewöhnlich, dass zunächst, während die Zellen wachsen, nur
-die Kerne sich sehr vermehren, immer zahlreicher und mit
-fortschreitender Theilung immer kleiner werden. Das sieht man am besten
-bei farblosen Blut- und Eiterkörperchen, wo sehr schnell eine Theilung
-der Kerne stattfindet, gewöhnlich so, dass die ursprünglich einfachen
-Kerne sofort in eine grössere Zahl kleinerer zerlegt werden, welche
-Anfangs noch zusammenhalten. Bei den farblosen Blutkörperchen innerhalb
-des Blutes ist es sehr unwahrscheinlich, beim Eiter nach den
-Untersuchungen von =Stricker= allerdings wahrscheinlich, dass der
-Kerntheilung eine wirkliche Zellentheilung folgt; in anderen
-Neubildungen tritt dieser Fall gewöhnlich ein. Nur lässt, wie schon
-erwähnt, die vollständige Theilung, oder wenn man will, die Furchung der
-Elemente oft lange auf sich warten, und das Zwischenstadium der blossen
-Kerntheilung besteht daher häufig überwiegend lange und mit einer
-gewissen Selbständigkeit.
-
-Bei der endogenen Neubildung endlich tritt die =Heterologie= meist von
-Anfang an hervor, indem die in der Mutterzelle erzeugten Elemente in der
-Regel klein, scheinbar indifferent und zu abweichender Entwickelung
-geneigt sind. Bei den Perlgeschwülsten habe ich besonders dargethan, wie
-aus Bindegewebskörperchen Perlen und Zapfen von epidermoidalen Zellen
-entstehen[264].
-
- [264] Archiv VIII. 409. Taf. IX. Fig. 3-4.
-
-Abgesehen von denjenigen Neubildungen, welche durch regelmässige
-Theilung der Elemente =unmittelbar= zur Hyperplasie führen, wird also
-der normale Zustand zunächst unterbrochen durch einen Zwischenzustand,
-wo das Gewebe wesentlich verändert erscheint, ohne dass man sofort im
-Anfange des Prozesses erkennen kann, ob daraus eine gut- oder bösartige,
-eine homologe oder heterologe Entwickelung hervorgehen wird. Es ist dies
-ein Stadium scheinbar absoluter Indifferenz[265], welches ich als
-=Granulationsstadium= bezeichne. In demselben kann man es den einzelnen
-Elementen durchaus nicht ansehen, welcher Bedeutung sie eigentlich sind;
-sie verhalten sich, wie die sogenannten Bildungszellen des Embryo,
-welche auch im Anfange ganz gleich aussehen, gleichviel ob ein Muskel-
-oder ein Nervenelement oder was sonst daraus hervorgehen wird.
-Nichtsdestoweniger halte ich es für wahrscheinlich, dass feinere innere
-Verschiedenheiten wirklich bestehen, die schon im Voraus die späteren
-Umbildungen bis zu einem gewissen Maasse bedingen, nicht
-Verschiedenheiten, welche bloss Potentia in der Bildungszelle vorhanden
-wären, sondern wirklich materielle Verschiedenheiten, welche aber so
-fein sind, dass wir sie bis jetzt nicht darthun können.
-
- [265] Spec. Pathol. u. Ther. I. 331. Geschwülste I. 89.
-
-Nur bei der embryonalen Entwickelung kennt man seit Jahren eine
-Erscheinung, welche bestimmt darauf hindeutet, dass solche
-Verschiedenheiten der Bildungszellen bestehen: die verschiedenen
-Abtheilungen des Eies machen verschieden schnell ihre Bildung durch, und
-namentlich diejenigen Theile, welche zu den höheren Organen bestimmt
-sind, durchlaufen mit viel grösserer Schnelligkeit die einzelnen
-Stadien, als diejenigen, welche für die niedrigeren Gewebe angelegt
-werden. Auch in der Grösse der Elemente scheinen Verschiedenheiten zu
-bestehen. In ähnlicher Weise sieht man häufig auch bei pathologischen
-Bildungen Verschiedenheiten in Beziehung auf die Zeitdauer. Jedesmal,
-wenn die Entwickelung der Elemente schnell erfolgt, muss man eine mehr
-oder weniger heterologe Entwickelung fürchten. Eine homologe,
-direct-hyperplastische Bildung setzt immer eine gewisse Langsamkeit der
-Vorgänge voraus; in der Regel bleiben die Elemente dabei grösser, und
-die Theilungen schreiten nicht bis zur Entstehung ganz kleiner Formen
-vor.
-
-So überaus einfach ist diese Entwickelungsgeschichte in der Natur und in
-der Doctrin, aber allerdings schwierig ist sie in der Demonstration an
-den einzelnen Orten. Diejenigen Theile, welche scheinbar für die
-Untersuchung am allerbequemsten liegen sollten, und bei denen in der
-That schon vor ein Paar Decennien =Henle= ganz nahe an die Entdeckung
-einer solchen Entwickelung herangestreift war, sind die Epithelien.
-Hier, wo an der Oberfläche einer Haut eine oft so reichliche
-Entwickelung stattfindet, sollte man meinen, müsste es überaus leicht
-sein, dieselbe an den einzelnen Elementen genau zu verfolgen. =Henle=
-hat bekanntlich zu zeigen gesucht, dass die Schleimkörperchen, ja manche
-Formen, welche schon dem Eiter angehören, an der Oberfläche der
-Schleimhäute neben dem Epithel in der Art producirt werden, dass
-zwischen den Anlagen beider Reihen keine eigentliche Differenz zu
-erkennen ist, dass also gewissermaassen die Schleimkörperchen als
-verirrte oder nicht zu Stande gekommene Epithelialzellen, als
-missrathene Söhne erscheinen, welche durch eine frühe Störung in ihrer
-weiteren Entwickelung gehindert wurden, aber eigentlich angelegt waren,
-um Epithelialelemente zu werden. Unglücklicherweise hatte man damals und
-noch lange nachher die Vorstellung, dass die normale Entwickelung des
-Epithels eben auch aus einem Blastem erfolge. Man stellte sich vor, dass
-an der Oberfläche jeder Schleimhaut, ja an der Oberfläche der Cutis aus
-den Gefässen, die an die Oberfläche treten, zuerst eine plastische
-Substanz transsudire, in und aus welcher sich die Elemente bildeten. Man
-blieb nach dem Vorgange von =Schwann= bei dem Schema von =Schleiden= (S.
-11) stehen, dass sich zuerst Kerne (Cytoblasten) in einer Flüssigkeit
-bilden und erst später Membranen an dieselben sich anlegen. Gegenwärtig,
-so viel auch die verschiedenen Oberflächen der Haut, der Schleimhäute
-und der serösen Häute untersucht sind, hat man sich überall
-unzweifelhaft überzeugt, dass die epithelialen Elemente mindestens bis
-unmittelbar an die Oberfläche des Bindegewebes reichen und nirgends eine
-Stelle ist, wo zwischen Bindegewebe und Epithel freie Kerne, Blastem
-oder Flüssigkeit existirte, dass vielmehr an vielen Orten gerade die
-tiefsten Schichten diejenigen sind, welche die am dichtesten gedrängten
-Zellen enthalten. Hätte man damals, als =Henle= seine Untersuchungen
-machte, gewusst, dass hier normal kein Blastem existirt, keine
-Entwickelung de novo geschieht, sondern dass die vorhandenen
-Epithelzellen von alten Epithelialzellen oder vom Bindegewebe darunter
-oder von ausgewanderten Zellen sich entwickeln müssen, so würde er
-gewiss zu dem Schlusse gekommen sein, dass die Schleim- und
-Eiterkörperchen, welche nicht von einer ulcerirenden Oberfläche
-abgesondert werden, aus präexistirenden Elementen hergeleitet werden
-müssen.
-
-So nahe war man damals schon der richtigen Erfahrung. Allein die
-Blastemtheorie beherrschte die Geister, und wir Alle standen unter ihrer
-Einwirkung. Auch erschien es unmöglich, überall im Inneren der Gewebe
-die erforderlichen Vorgebilde aufzuweisen. Erst durch den Nachweis
-zelliger Elemente im Bindegewebe wurde ein überall vorhandenes
-Keimgewebe aufgewiesen, von dem an den verschiedensten Organen
-gleichartige Entwickelungen ausgehen können. Jetzt, wo wir wissen, dass
-Bindegewebe oder demselben äquivalente Gewebe im Gehirne, in der Leber,
-in den Nieren, im Muskelfleische, im Knorpel, der Haut u. s. f.
-existiren, jetzt hat es natürlich keine Schwierigkeit mehr, zu
-begreifen, dass in allen diesen scheinbar so verschiedenartigen Organen
-dasselbe pathologische Product entstehen kann. Man braucht dazu
-keineswegs irgend ein specifisches Blastem, welches in alle diese Theile
-abgelagert wird, sondern nur einen gleichartigen Reiz für das
-Bindegewebe verschiedener Orte.
-
-Was nun das Specielle dieser Lehre anbetrifft, so will ich zunächst ein
-concretes Beispiel der normalen Entwickelung vorführen, welches
-vielleicht am besten geeignet sein wird, ein Bild der oft so
-verwickelten Vorgänge zu geben, um welche es sich bei dieser
-=Gewebs-Formation und Transformation= handelt. Ich wähle dasjenige, an
-welchem an sich der Gang der Entwickelung am besten bekannt ist, und
-welches zugleich seiner besonderen Einrichtung wegen am wenigsten
-Missdeutungen zulässt, nehmlich die Bildung und das Wachsthum der
-=Knochen=. Diese Organe sind zu hart und dicht, als dass man noch von
-Blastem und Exsudat in ihrem eigentlichen Parenchyme oder, wie man nach
-dem Vorgange von =Clopton Havers= lange Zeit gethan hat, von einer
-Zwischenlagerung des Ernährungssaftes zwischen die Theilchen des
-Knochens reden könnte. Das Wachsthum der Knochen bietet uns zugleich
-unmittelbar Vergleichungen für alle die verschiedenen Neubildungen,
-welche innerhalb der Knochen unter krankhaften Verhältnissen vor sich
-gehen können, denn jede Art von Neubildung findet in der normalen
-Entwickelung des Knochens gewisse Paradigmen vor.
-
-Bekanntlich wächst jeder grössere Knochen in zwei Richtungen. Am
-einfachsten ist dies bei den Röhrenknochen, welche allmählich sowohl
-länger als dicker werden. Das Längenwachsthum erfolgt hier zu einem
-grossen Theile aus Knorpel, das Dickenwachsthum aus Periost
-(Bindegewebe). Allein auch ein platter Knochen z. B. am Schädel ist
-einerseits durch knorpelartige Theile (Synchondrosen) oder deren
-Aequivalente (Nähte), andererseits durch Häute, welche mit dem Perioste
-übereinstimmen (Pericranium, Dura mater oder Endocranium), bekleidet.
-Man kann daher Knorpel-und Periost-Wachsthum an jedem Knochen
-unterscheiden. Danach ergibt sich das Schema der Entwickelung des
-Röhrenknochens, wie es schon bei =Havers= sich findet, dass die neuen
-Knochenschichten die alten incapsuliren, und dass jede jüngere Schicht
-nicht bloss weiter, sondern auch länger ist, als die nächst ältere. Denn
-das Periostwachsthum rückt immer mehr gegen die Enden vor, insofern sich
-immer neue Abschnitte von Perichondrium in Periost verwandeln, je weiter
-die Ossification gegen die Enden fortschreitet; der mittlere Theil des
-Diaphysenknorpels wird schon sehr frühzeitig ganz in Knochen
-umgewandelt, und hört damit im Allgemeinen auf, aus sich selbst
-fortzuwachsen. Die Enden des Diaphysenknorpels und die noch ganz
-knorpelige Epiphyse dagegen wachsen immer noch in die Dicke. Während
-hier Theile, welche vorher entweder Bindegewebe oder Knorpel waren, in
-Knochen umgesetzt werden, geht innerhalb des Knochens die Entwickelung
-des Markes vor sich. Der ursprüngliche Knochen ist ganz dicht, eine sehr
-feste, relativ compacte Masse. Späterhin schwindet die Knochenmasse
-immer mehr, ein Theil nach dem anderen von ihr löst sich in Mark auf,
-und es entsteht endlich die Markhöhle, welche sich nicht etwa darauf
-beschränkt, so gross zu werden, wie die ursprüngliche Knochen-Anlage
-war, sondern welche diese Anlage bedeutend überschreitet und in die
-später apponirten, aus Knorpel und Periost entstandenen Schichten
-übergreift. Demnach besteht die Bildung des Knochens, ganz im Groben
-aufgefasst, nicht bloss in der allmählichen Apposition von immer neuen
-Knochenlagen vom Perioste und Knorpel her, sondern auch in der
-fortwährenden Ersetzung der innersten Lagen des Knochengewebes durch
-Markmassen.
-
-Es ist für die vorliegende Darstellung gleichgültig, ob die
-Bildungsvorgänge am Knochen auch zugleich für das Wachsthum desselben
-entscheidend sind oder nicht. Indess verknüpfen sich beide Fragen in
-sehr inniger Weise und gerade in diesem Augenblicke hat die Verknüpfung
-beider eine erhebliche praktische Bedeutung gewonnen durch den Streit
-über das sogenannte =interstitielle Wachsthum=. Dieser Streit ist
-hauptsächlich hervorgerufen worden durch die einseitige Formulirung,
-welche namentlich =Flourens= der Lehre von der Knochenbildung gegeben
-hatte, wonach ausser durch Apposition und Juxtaposition nirgends eine
-Zunahme an Knochen stattfinden sollte. So sehr ich in der Hauptsache mit
-dieser Formulirung übereinstimmte, so habe ich doch vor der
-Einseitigkeit gewarnt und darauf hingewiesen, dass man damit nicht
-auskomme, und dass namentlich für gewisse Knochen, z. B. für den
-Unterkiefer, die Appositionslehre ausser Stande sei, eine ausreichende
-Erklärung zu bieten[266]. Hier wird man im Gegensatze zu der bloss
-äusserlichen Anbildung der neuen Substanz zu der Annahme eines inneren
-Wachsthumes des alten Gewebes genöthigt. Seitdem hat diese Auffassung
-durch =Strassmann=, =Rich=. =Volkmann= und =Hüter= weitere thatsächliche
-Unterlagen gewonnen, und =Julius Wolff= hat sie allmählich bis zu einer
-vollständigen Negation der Appositionsdoctrin ausgebildet.
-
- [266] Archiv XIII. 350.
-
-Meiner Meinung nach ist dies eine eben so grosse Einseitigkeit, wie die
-frühere, und namentlich für die pathologische Auffassung der
-Knochenbildung hat sie schon jetzt zu wirklichen Irrungen geführt. Aber
-auch für die physiologische Bildungsgeschichte hat die neue Lehre nicht
-einen so grossen Werth, wie ihr =Wolff= zuschreibt. Nichtsdestoweniger
-sind wichtige Theile des Knochenwachsthumes ohne sie gänzlich
-unverständlich. Es war dies die Veranlassung, weshalb die Berliner
-medicinische Fakultät im Jahre 1868 die Preisfrage stellte, auf welche
-Weise das interstitielle Wachsthum sich vollziehe und namentlich, ob
-dasselbe mehr von der Zunahme der Knochenkörperchen oder mehr von der
-Zunahme der Intercellularsubstanz oder beider abhängig sei. =Carl
-Ruge=[267] hat diese Frage durch sehr mühsame Versuche mit Zählung und
-Messung der Knochenkörperchen und ihrer Entfernungen von einander
-dahin entschieden, dass es sich hauptsächlich um Zunahme der
-Intercellularsubstanz handelt, welche allerdings im Laufe des Lebens
-eine merkliche Grösse erreicht, dass dagegen Form und Grösse der
-Knochenkörperchen sich nur wenig ändert, und dass nur in den ersten
-Zeiten des Lebens mit Wahrscheinlichkeit eine Vermehrung der
-Knochenkörperchen durch Theilung angenommen werden könne. Es wird
-nunmehr erst für jeden einzelnen Knochen empirisch festgestellt werden
-müssen, wie viel zu seiner Gesammtausbildung das appositionelle und wie
-viel das interstitielle Wachsthum beiträgt. Jedenfalls schafft das
-erstere die eigentlichen Grundlagen des Knochens, innerhalb deren sich
-erst die weiteren Prozesse vollziehen. Diese letzteren werden jedoch
-durch das interstitielle Wachsthum keinesweges gedeckt; vielmehr bilden
-die von mir in bestimmter Weise dargelegten Vorgänge der Metaplasie oder
-Transformation ein ebenso grosses als wichtiges Gebiet.
-
- [267] Archiv XLIX. 237.
-
-Bei der Deutung der Knochengeschichte war lange Zeit die Blastemtheorie
-entscheidend. Schon =Havers= und =Duhamel=, welche im 17. und 18.
-Jahrhunderte vortreffliche Untersuchungen über die Knochenbildung
-gemacht haben, gingen von der Voraussetzung aus, dass ein
-eigenthümlicher Succus nutritius abgesondert werde, aus welchem die
-neuen Massen entständen. Die Mark-Entwickelung dachte man sich als eine
-durch Resorption erfolgende Bildung von Höhlen, in welche erst ein
-klebriger Saft und dann eine fettige Masse secernirt werde, Höhlen,
-welche von der Markhaut umkleidet würden, und deren Inhalt dem Alter des
-Individuums nach verschiedenartig sei. Wie ich indess schon früher
-hervorgehoben habe, so finden sich in den Räumen des Knochens keine
-Säcke, sondern ein continuirliches Gewebe, das =Mark= (Medulla), welches
-die Markräume und Markhöhlen ganz und gar ausfüllt, wie der Glaskörper
-die Höhle des Augapfels, und welches zur Bindesubstanz gehört, obwohl es
-vom gewöhnlichen Bindegewebe erheblich verschieden ist. Es handelt sich
-also, wie man aus dieser einfachen Thatsache ersieht, in der ganzen
-Bildungsgeschiche des Knochens um =Substitutionen von Geweben=. Wie
-Knochengewebe aus Periost und Knorpel gebildet wird, so entsteht Mark
-aus Knochengewebe und Knorpel, und die Entwickelung eines Knochens
-besteht nicht bloss in der Bildung von Knochengewebe, sondern sie setzt
-voraus, dass die Reihe der Transformationen über das Stadium des
-Knöchernen hinausgehe, und dass Mark entstehe. Das Mark würde also als
-das physiologische Ende der Knochenorgan-Bildung zu betrachten sein,
-wenn nicht auch der Fall vorkäme, dass aus Mark wieder Knochengewebe
-erzeugt wird.
-
-So einfach diese Auffassung ist, so gibt sie doch ein anderes Bild für
-das Wachsthum und die Geschichte des Knochens, als das hergebrachte.
-Früher ist man fast immer auf dem Standpunkte des reinen Osteologen
-stehen geblieben; man hat den =macerirten= Knochen genommen, ihn frei
-von allen Weichtheilen betrachtet und danach die Prozesse construirt. Es
-ist aber nothwendig, dass man diese an dem feuchten, lebendigen, sei es
-gesunden, sei es kranken Knochen verfolge, und dass man das
-Knochengewebe nicht bloss aussen aus den wuchernden Schichten des
-Knorpels und Periostes, sondern auch innerhalb der Marksubstanz sich
-gestalten lässt, als das äussere Entwickelungsprodukt in dieser Reihe,
-wenn auch nicht als das edelste. Als den wichtigsten und eigentlich
-entscheidenden Gesichtspunkt, durch den die ganze Knochenangelegenheit
-eine andere Gestaltung annimmt, betrachte ich dabei eben den, dass das
-Knochengewebe bei der Markbildung nicht einfach aufgelöst wird und an
-seine Stelle ein beliebiges Exsudat oder Blastem tritt, sondern dass
-auch die Auflösung der Knochensubstanz eine Transformation von Gewebe
-(Metaplasie S. 70) ist und dadurch erfolgt, dass Knochengewebe sich in
-eine Gewebsmasse (Mark) umbildet, die nicht mehr im Stande ist, die
-Kalksalze zurückzuhalten[268].
-
- [268] Archiv V. 428, 440, 445, 453. XIII. 332. Entwickelung des
- Schädelgrundes 26-38.
-
-Fragt man nun, wo kommen die neuen Gewebs-Elemente her, welche mitten in
-der Tela ossea entstehen? wie kann in der Mitte der compacten Rinde des
-Knochens ein Krebsknoten sich bilden oder ein Eiterheerd? so antworte
-ich ganz einfach: sie entstehen ebenso, wie in der natürlichen, normalen
-Entwickelung des Knochens das Mark entsteht. Es gibt keine Stelle, wo
-zuerst Knochengewebe sich auflöst, dann ein Exsudat erfolgt, dann eine
-Neubildung geschieht, sondern es geht das vorhandene Gewebe unmittelbar
-in das kommende über. Das vorhandene Knochen- oder Markgewebe ist die
-Matrix für das nachfolgende Krebsgewebe, die Zellen des Krebses sind
-unmittelbare Abkömmlinge von den Zellen des Knochens oder des Markes.
-
-Betrachten wir den Gang der Knochenbildung etwas specieller, so zeigt
-sich, dass, wie wir dies zum Theil schon früher erörtert haben, der
-Knorpel sich in der Weise zur Ossification anschickt, dass die
-Knorpelelemente anfangs grösser werden, dass sie sich dann theilen, und
-zwar zuerst die Kerne, nachher die Zellen selbst, dass diese Theilungen
-sehr schnell weiter gehen, so dass immer grössere Gruppen von Zellen
-entstehen, und dass in einer verhältnissmässig kurzen Zeit an die Stelle
-jeder einzelnen Zelle eine im Verhältnisse sehr grosse Zellengruppe
-(Fig. 113, I.) tritt. Schon im ersten Capitel (S. 8) hatte ich erwähnt,
-wie die Knorpelzelle sich von den meisten anderen Zellen dadurch
-unterscheidet, dass sie eine besondere Kapselmembran erzeugt, in welcher
-sie eingeschlossen ist. Diese Kapselmembran bildet bei der Theilung
-ihrer Inhaltszellen innere Scheidewände zwischen denselben[269], neue
-Umhüllungen der jungen Elemente, so jedoch, dass auch die colossalen
-Gruppen von Zellen, welche aus je einer ursprünglichen Zelle
-hervorgehen, noch von der sehr vergrösserten Mutterkapsel eingeschlossen
-sind (Fig. 132).
-
- [269] Archiv III. 221.
-
-Es versteht sich von selbst, dass, je mehr Zellen diese Umwandelung
-durchmachen, um so mehr der Knorpel sich vergrössern wird, und dass das
-Maass von Längenwachsthum, welches das einzelne Individuum erreicht,
-abgesehen von dem schon erwähnten interstitiellen Wachsthume, wesentlich
-von der Massenzunahme abhängt, welche in den einzelnen Knorpelgruppen
-stattfindet. Ob wir gross oder klein bleiben, ist so zu sagen in die
-Willkür dieser Elemente gestellt. -- Hat die Knorpelwucherung dieses
-Stadium erreicht, so stehen die zelligen Theile ganz dicht zusammen;
-zwischen ihnen liegt nur eine verhältnissmässig geringe Quantität von
-Zwischensubstanz (Fig. 113, I.). Je weiter die Entwickelung
-fortschreitet, um so mehr ändert sich der Habitus des Knorpels: er sieht
-fast aus, wie dichtzelliges Pflanzengewebe. Die Zellen selbst sind aber
-äusserst empfindlich, sie schrumpfen unter der Einwirkung der mildesten
-Flüssigkeiten leicht zusammen und erscheinen dann wie eckige und zackige
-Körperchen, fast den Knochenkörperchen analog, mit denen sie jedoch
-zunächst nichts zu schaffen haben.
-
-[Illustration: =Fig=. 134. Verticaldurchschnitt durch den
-Ossificationsrand eines wachsenden Astragalus. _c_ Der Knorpel mit
-kleineren Zellengruppen, _p_ die Schicht der stärksten Wucherung und
-Vergrößerung an der Verkalkungslinie. In den Knorpelhöhlen sieht man
-theils vollständige Kernzellen, theils geschrumpfte, eckige und körnig
-erscheinende Körper (künstlich veränderte Zellen). Die dunkle, in die
-Zwischensubstanz vorrückende Masse stellt die Kalkablagerung dar, hinter
-welcher hier ungewöhnlich schnell die Bildung von Markräumen (_m_, _m_,
-_m_) und Knochenbalken beginnt. Das Mark ist entfernt; an den am meisten
-zurückliegenden Räumen sind die Balken von einem helleren Saume jungen
-Knochengewebes (aus Mark entstanden) umgeben. Vergr. 300.]
-
-Die Zellen, welche aus diesen Wucherungen der ursprünglich einfachen
-Knorpelzellen hervorgegangen sind, bilden die Muttergebilde für Alles,
-was nachher in der Längsaxe des Knochens entsteht, insbesondere für
-Knochen- und Markgewebe. Es kann sein, dass durch eine unmittelbare
-Umwandelung Knorpelzellen in Markzellen übergehen und als solche
-fortbestehen; es kann sein, dass sie zunächst in Knochenkörperchen und
-dann in Markzellen übergehen, und es kann sein, dass sie zuerst in Mark-
-und dann in Knochenkörperchen übergehen. So wechselvoll sind die
-Permutationen dieser an sich so verwandten und doch ihrer äusseren
-Erscheinung nach so vollständig aus einander gehenden Gewebe. Geschieht
-eine directe Umänderung des Knorpels in Mark[270], so fängt zunächst die
-alte Zwischensubstanz des Knorpels an der Grenze gegen den Knochen an,
-weich zu werden; gewöhnlich geht dann auch sehr bald ein Theil der
-anstossenden Kapseln dieselbe Veränderung ein, so dass die zelligen
-Elemente mehr oder weniger frei in eine weichere Grundsubstanz zu liegen
-kommen. Mit dem Eintritte einer solchen Erweichung ist auch schon die
-chemische Reaction des Gewebes verändert: es zeigt immer deutliche
-Mucinreaction. Zugleich beginnen die zelligen Elemente sich zu theilen,
-und zwar nicht, wie sie das bisher gethan hatten, indem sie sich gleich
-in zwei analoge Zellen zerlegen (Hyperplasie), sondern vielmehr so, dass
-in ihnen eine Reihe von kleinen Kernen entsteht (physiologische
-Heteroplasie, Granulation). Weiterhin, in dem Maasse als dieser
-Umbildungsprozess immer höher und höher in den Knorpel hinein
-fortschreitet, als immer neue Theile der Intercellularsubstanz in weiche
-schleimige Masse verwandelt werden, theilen sich in der Regel die
-Zellen, und es entsteht eine Reihe von kleineren Elementen, die, im
-Verhältnisse zu den grossen Knorpelzellen, aus denen sie hervorgegangen
-sind, sehr geringfügige Bildungen darstellen. Sie besitzen entweder
-einen einzigen Kern mit Kernkörperchen oder auch wohl, wie
-Eiterkörperchen, mehrere Kerne[271]. So entsteht nach und nach ein
-äusserst zellenreiches Schleimgewebe, =das junge, rothe Mark=, wie wir
-es in der Regel in den Knochen der Neugebornen finden. Steht der Prozess
-hier still, so bezeichnet die Grösse der transformirten Stelle zugleich
-die Stelle des späteren Markraumes. Später können diese kleinen Zellen
-Fett in sich aufnehmen, anfangs in feinen Körnern, allmählich in grossen
-Tropfen, endlich so, dass sie ganz und gar davon erfüllt werden. Dadurch
-verwandelt sich das ursprüngliche Schleimgewebe in Fettgewebe[272]; das
-Fett ist aber immer im Inneren der Zellen enthalten, wie in den Zellen
-des Panniculus. Allein dies =gelbe, fetthaltige Mark= kommt nicht in
-allen Knochen vor. In den Wirbelkörpern finden wir fast immer die
-kleinen Elemente. In den Röhrenknochen des Erwachsenen dagegen kommt
-normal immer fetthaltiges Mark vor. Allein dies kann unter
-pathologischen Verhältnissen sehr schnell sein Fett abgeben, die
-Elemente können sich theilen, und dann bekommen wir wieder =rothes, aber
-entzündliches Mark=. Bei allgemeiner Atrophie und Osteomalacie wird das
-Fett resorbirt und das gesammte Mark geht in =gallertartiges
-Schleimgewebe= über, welches die grösste Aehnlichkeit, auch in der
-Consistenz, mit dem Glaskörper besitzt, aber sich von ihm dadurch
-unterscheidet, dass es stets Gefässe enthält.
-
- [270] Archiv V. 424, 427.
-
- [271] Archiv I. 122. XIV. 60.
-
- [272] Entwickelung des Schädelgrundes 49.
-
-In dieser ganzen Reihe von der ersten Entwickelung des Markes aus
-Knorpel bis zu der entzündlichen Störung, wie wir sie bei einer
-Amputation entstehen sehen (Osteomyelitis), und bis zu dem
-Gallertzustande bei Osteomalacie existirt zu keiner Zeit eine amorphe
-Substanz, ein Blastem oder Exsudat; immer können wir eine Zelle von der
-anderen ableiten: jede hat eine unmittelbare Entwickelung aus einer
-früheren und, so lange der Wucherungsgang fortschreitet, eine
-unmittelbare Nachkommenschaft von Zellen. Dabei kann gleichzeitig die
-Intercellularsubstanz bald reichlich, bald spärlich, bald fester, bald
-weicher sein, und auch darnach ist die äussere Beschaffenheit des
-Gewebes sehr veränderlich. --
-
-Die zweite Reihe von Umbildungen in der Längsaxe des Röhrenknochens
-betrifft das eigentliche Knochengewebe, die Tela ossea, welche hier
-hervorgehen kann aus Mark oder aus Knorpel. In dem einen Falle werden
-die Mark-, in dem anderen die Knorpelzellen zu Knochenzellen
-(Knochenkörperchen). Dieser Act der eigentlichen Ossification, die
-Entstehung der Tela ossea ist überaus schwierig zu beobachten,
-hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Erste, was bei diesen Vorgängen
-erfolgt, nicht die Erzeugung von wirklicher Tela ossea ist, sondern nur
-die Ablagerung von Kalksalzen. In der Regel nehmlich geschieht zuerst in
-der nächsten Nähe des Knochenrandes eine Verkalkung des Knorpels[273],
-welche allmählich höher hinauf schreitet, zuerst an den Rändern der
-grösseren Zellengruppen, sodann um die einzelnen Zellen, immer der
-Substanz der Kapseln folgend so dass jede einzelne Knorpelzelle von
-einem Ringe von Kalksubstanz umgeben wird. Aber das ist noch kein
-Knochen, sondern nichts weiter als verkalkter Knorpel, denn wenn wir die
-Kalksalze auflösen, so ist wieder der alte Knorpel da, der in keiner
-anderen Beziehung eine Analogie mit dem Knochen darbietet, als durch die
-Anwesenheit der Kalksalze (S. 454).
-
- [273] Archiv V. 421.
-
-[Illustration: =Fig=. 135. Horizontalschnitt durch den wachsenden
-Diaphysenknorpel der Tibia von einem 7monatlichen Fötus. _C c_ der
-Knorpel mit den Gruppen der gewucherten und vergrösserten Zellen, _p p_
-Perichondrium. _k_ Der verkalkte Knorpel, wo die einzelnen Zellgruppen
-und Zellen in Kalkringe eingeschlossen sind; bei _k_' grössere Ringe,
-bei _k_'' Fortschreiten der Verkalkung am Perichondrium. Vergr. 150.]
-
-[Illustration: =Fig=. 136. Stärkere Vergrößerung der rechten Ecke von
-Fig. 135. _co_ verkalkter Knorpel, _co_' Beginn der Verkalkung, _p_
-Perichondrium. Vergr. 350.]
-
-Damit nun aus diesem verkalkten Knorpel wirklicher Knochen werde, ist es
-nöthig, dass die Höhle, in welcher je eine Knorpelzelle lag, sich in die
-bekannte strahlige, zackige Höhle des Knochenkörperchens verwandele.
-Dieser Vorgang ist deshalb so überaus schwierig zu beobachten, weil beim
-Schneiden die Kalkmassen allerlei kleine Einbrüche bekommen und Trümmer
-liefern, innerhalb deren man nicht mehr ersehen kann, was eigentlich
-vorhanden war. Aus diesem Umstände ist es zu erklären, dass bis jetzt
-immer noch über die Entstehung der Knochenkörper gestritten ist und
-wahrscheinlich auch noch ferner gestritten werden wird. Ich halte die
-Ansicht für richtig, dass Knochenkörperchen an gewissen Stellen direct
-aus den Knorpelkörperchen entstehen[274], und zwar auf die Weise, dass
-zunächst die Kapsel, welche die Knorpelzelle einschliesst, enger wird,
-offenbar indem neue Kapselmasse innen abgelagert wird. Allein in dem
-Maasse als dies geschieht, beginnt die innere Begrenzung der
-Kapselhöhlung ein deutlich gekerbtes Aussehen anzunehmen (Fig. 137,
-_c_'); der Raum für die ursprüngliche Zelle wird dadurch bedeutend
-verkleinert. In seltenen Fällen gelingt es noch, Gebilde anzutreffen, wo
-die spätere Form des Knochenkörperchens als letzter Rest der Höhle
-erscheint, in welcher das zellige Element mit dem Kerne steckt. Dann
-aber verschwindet die Grenze, welche ursprünglich zwischen den
-Knorpelkapseln und der Grundsubstanz bestand; die Kapselsubstanz wird
-selbst Intercellularsubstanz und wir treffen in einer scheinbar ganz
-gleichmässigen Grundmasse zackige Elemente, mit anderen Worten, ein noch
-weiches Gewebe mit knochenartigem Bau (osteoides Gewebe Fig. 137, _o_).
-Gewöhnlich wird dieser Vorgang durch die frühzeitige Verkalkung des
-Knorpels verdeckt und nur gewisse Prozesse geben uns Gelegenheit, die
-osteoide Umbildung auch innerhalb der schon verkalkenden Theile noch in
-derselben Weise zu übersehen.
-
- [274] Archiv V. 431. Würzb. Verhandl. I. 137.
-
-Eine besonders günstige Gelegenheit, manche Vorgänge des
-Knochen-Wachsthumes zu sehen, die sonst durch die Anwesenheit von
-Kalksalzen verdeckt werden, gewährt uns die =Rachitis=[275], auf deren
-Besprechung ich um so lieber einen Augenblick eingehe, weil diese
-merkwürdige Krankheit noch jetzt meist missverstanden wird.
-
- [275] Archiv V. 409.
-
-Die rachitische Störung erweist sich bei genauerer Untersuchung nicht
-als ein Erweichungsprozess des Knochengewebes, wie man sie früher
-gewöhnlich betrachtete, sondern als ein Nichtfestwerden neuwuchernder
-Schichten, welche erst zu Knochengewebe werden sollten, also genau
-genommen, als eine Krankheit der Knorpel und des Periostes. Indem die
-alten Schichten von Knochengewebe durch die normal fortschreitende
-Markraumbildung verzehrt werden, die neuen aber weich bleiben, wird der
-Knochen brüchig. -- Neben diesem wesentlichen Acte der nicht
-geschehenden Verkalkung der Theile ergibt sich aber zugleich eine
-gewisse Unregelmässigkeit im Wachsthume, so dass Stadien der
-Knochenentwickelung, welche in der normalen Bildung spät eintreten
-sollten, schon sehr frühzeitig eintreten. Bei dem normalen Wachsthume
-bilden an der Verkalkungsgrenze (Fig. 134) die Zacken, mit welchen die
-Kalksalze in den Knorpel hinaufgreifen, eine so vollständig gerade Linie
-oder genauer gesagt, eine so vollständige Ebene, dass sie fast als
-mathematisch regelmässig zu bezeichnen ist. Dieses Verhältniss hört bei
-der Rachitis auf, um so mehr, je intensiver der Fall ist; es finden
-Unterbrechungen der Verkalkungsebene statt in der Weise, dass an
-einzelnen Stellen der Knorpel noch tief herunterreicht, während die
-Verkalkung schon hoch hinaufschreitet. Jene einzelnen Stellen werden
-bisweilen so vollständig von den übrigen isolirt, dass sie als
-Knorpelinseln, mitten in dem Knochen, ringsum von demselben umgeben,
-liegen bleiben, dass also Knorpel noch an Punkten sich findet, wo der
-Knochen schon längst in Markgewebe umgewandelt sein sollte. Je weiter
-der rachitische Prozess vorschreitet, um so mehr finden sich aber auch
-isolirte, zersprengte Kalkmassen in dem Knorpel, manchmal so, dass der
-ganze Knorpel auf dem Durchschnitte weiss punktirt erscheint. -- Weiter
-zeigt sich die Unregelmässigkeit darin, dass, während im normalen Gange
-der Dinge die Markräume erst eine kleine Strecke hinter dem
-Verkalkungsrande (Fig. 134) beginnen, dieselben hier darüber
-hinaustreten und manchmal bis weit über die Verkalkungsgrenze hinaus
-eine Reihe von zusammenhängenden Höhlen sich fortzieht, welche mit einem
-weicheren, leicht faserigen Gewebe erfüllt sind und in welche auch
-Gefässe aufsteigen (Fig. 137, _m_). Markräume und Gefässe liegen also
-da, wo normal eigentlich keine einzige Markzelle, kaum ein einziges
-Gefäss sich befinden sollte.
-
-[Illustration: =Fig=. 137. Verticalschnitt aus dem Diaphysenknorpel
-einer rachitischen wachsenden Tibia vom 2jährigen Kinde. Ein grosser,
-nach links einen Seitenast absendender Markzapfen erstreckt sich von _m_
-aus in den Knorpel herauf: er besteht aus faseriger Grundsubstanz mit
-spindelförmigen Zellen. Im Umfange bei _c_, _c_, _c_ der gewucherte
-Knorpel mit grossen Zellen und Zellengruppen; bei _c_', _c_' beginnende
-Verdickung und innere Einkerbung der Knorpelkapseln, welche bei _o_, _o_
-verschmelzen und osteoides Gewebe bilden. Vergr. 300.]
-
-Auf diese Weise kann an den Stellen, wo der Prozess seine Höhe erreicht
-hat, in derselben Ebene neben einander eine ganze Reihe von
-verschiedenartigen Gewebszuständen gefunden werden. Während wir sonst in
-einer bestimmten Zone Knorpel, in einer anderen Verkalkung, in einer
-dritten Knochengewebe und Mark finden, so liegt hier Alles
-durcheinander: Vorsprünge von Mark, darüber osteoides Gewebe oder
-wirklicher Knochen, daneben verkalkter Knorpel, darunter vielleicht noch
-erhaltener Knorpel. Die ganze rachitische Schicht des Diaphysenknorpels,
-welche sich beträchtlich weit erstrecken kann, gewinnt natürlich keine
-rechte Festigkeit, und das ist einer der Hauptgründe für die
-Verschiebbarkeit, welche die rachitischen Knochen zeigen, nicht
-innerhalb der Continuität der Diaphysen, sondern an den Enden. Diese ist
-in manchen Fällen überaus bedeutend, und bedingt manche Difformität,
-z. B. am Thorax (Pectus carinatum) einzig und allein. Die stärkeren
-Biegungen in der Continuität der Knochen sind immer Infractionen, die
-der Epiphysen gehören der Knorpelwucherung an und stellen einfache
-Inflexionen dar; hier ist es leicht zu begreifen, wie ein seiner
-regelmässigen Entwickelung so vollkommen beraubter Theil, welcher
-eigentlich dicht mit Kalksalzen erfüllt sein sollte, eine grosse
-Beweglichkeit bewahren muss.
-
-Die Vergrösserung und Vermehrung der einzelnen Zellen geschieht bei der
-Rachitis in derselben Weise, wie wir sie früher beschrieben haben; indem
-aber weiterhin in dem Knorpel einzelne Theile nicht verkalken, die
-eigentlich schon Knochen sein sollten, indem namentlich die
-Markraumbildung oft weit bis über die Verkalkungsgrenze herauf
-erfolgt, so liegt an manchen solchen Stellen häufig die ganze
-Entwickelungsgeschichte des Knochens im Zusammenhange klar zu Tage. Man
-sieht grosse, oft sehr gefässreiche Zapfen von faserigem Mark
-(Fig. 137, _m_) sich vom Knochen her in den Knorpel herauferstrecken und
-kann sehr deutlich erkennen, dass nicht etwa diese Zapfen sich in den
-Knorpel hineinschieben, sondern dass sie durch eine strichweise
-Umbildung der Knorpelsubstanz selbst und Sprossenbildung der Gefässe
-entstehen. Hauptsächlich in ihrem Umfange ist es, wo sich auch die
-osteoide Umbildung der Knorpel am besten sehen lässt, wo man
-insbesondere sehr deutlich wahrnehmen kann, wie ein Knorpelkörperchen
-sich nach und nach in ein Knochenkörperchen umwandelt. Aus dem
-Knorpelkörperchen, dass eine mässig dicke Kapselmembran hat, geht
-nehmlich ein mit immer dickerer Kapsel versehenes Gebilde hervor,
-innerhalb dessen der Raum für die Zelle immer kleiner wird, und das auf
-einer gewissen Höhe der Ausbildung nach innen hin Einkerbungen bekommt,
-ähnlich den sogenannten Tüpfelkanälen der Pflanzenzellen. So ist schon
-die erste Erscheinung des Knochenkörperchens angelegt, worauf sehr
-gewöhnlich eine Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz erfolgt
-und mit der Herstellung anastomosirender Höhlenfortsätze die Bildung des
-Knochenkörperchens abgeschlossen wird. Zuweilen verkalken einzelne
-osteoide Knorpelkörper für sich, ohne dass die Verschmelzung erfolgt
-ist; während ringsum noch die gewöhnliche Knorpel-Intercellularsubstanz
-liegt, erfüllt sich die Kapsel des osteoiden Körperchens schon
-vollständig mit Kalksalzen. An anderen Stellen dagegen erfolgt die
-Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz sehr frühzeitig (Fig.
-137, _o_), und man sieht innerhalb einer glänzend erscheinenden Masse,
-welche sich um manche Zellgruppen anhäuft, schon überall die zackigen
-Knochenkörperchen. Da ist aber keine scharfe Grenze im Gewebe, sondern
-die verdichtete und glänzende Substanz, welche die zackigen Körper
-umgibt, geht unmittelbar in die durchscheinende Substanz über, welche
-den gewöhnlichen Knorpel zusammenhält. Im Wesentlichen ist es derselbe
-Bau.
-
-[Illustration: =Fig=. 138. Inselförmige Ossification in rachitischem
-Diaphysenknorpel. _c_, _c_ der gewöhnliche wachsende (wuchernde) Knorpel,
-_c_' zunehmende Verdickung der Kapseln mit Bildung zackiger Höhlen
-(osteoide Knorpelzellen), _co_' Verkalkung solcher, noch isolirter
-Knorpelzellen, _co_ beginnende Verschmelzung der Kapseln verkalkter
-Knorpelzellen, _o_ Knochensubstanz. Vergr. 300. (Vergl. Archiv für
-pathologische Anatomie. Bd. XIV. Taf. I.)]
-
-Am wichtigsten für die cellulare Theorie überhaupt ist offenbar die
-isolirte Umbildung einzelner Knorpelzellen zu Knochenkörperchen. In
-einem Objecte (Fig. 138) übersieht man bei der Rachitis zuweilen die
-ganze Reihe dieser Vorgänge. Da, wo das vollständig knöcherne Stück, in
-welchem die Knochenkörperchen ganz regelmässig entwickelt sind, an den
-Knorpel stösst, findet sich eine Zone, wo man den Uebergang der
-Knorpelkörperchen in vollkommene Knochenkörperchen in ganz kurzen
-Strecken überblickt. An der Uebergangsstelle findet sich eine Reihe von
-Körperchen dicht an einander gelagert, wie Haselnüsse, die durch ihre
-dunkeln Contouren, ihr hartes Aussehen, ihren ungewöhnlich starken Glanz
-sich von den gewöhnlichen Knorpelkörperchen unterscheiden, und die in
-einer kleinen zackigen Höhle eine kleine Zelle umschliessen: das sind
-die noch isolirten Knochenkörperchen mit verkalkten Kapseln, welche
-ihnen noch von ihrer früheren Zeit als Knorpelkörperchen anhaften. Es
-ist desshalb besonders wichtig, diese Körper in ihrer Isolirung in loco
-zu sehen, weil man ohne ihre Kenntniss jene anderen Prozesse nicht
-begreift, bei welchen innerhalb des Knochens diese Territorien wieder
-ausfallen (Fig. 143).
-
-Auf alle Fälle, wenn man ein Object dieser Art einmal genau verfolgt
-hat, kann man darüber nicht mehr in Zweifel kommen, dass aus
-Knorpelkörperchen Knochenkörperchen werden können, und ich begreife
-nicht, wie noch bis in die allerletzte Zeit sorgfältige Untersucher die
-Frage aufwerfen konnten, ob nicht das Knochenkörperchen =jedesmal= eine
-auf Umwegen gewonnene Bildung sei, welche mit dem Knorpelkörperchen
-keinen unmittelbaren Zusammenhang habe. Allerdings ist es richtig, dass
-bei dem normalen Längenwachsthum der Knochen die meisten
-Knochenkörperchen nicht direct aus Knorpelzellen, sondern zunächst aus
-Markzellen hervorgehen und nur mittelbar von Knorpelzellen abstammen,
-aber ebenso richtig ist es, dass auch die Knorpelzelle geraden Weges in
-ein Knochenkörperchen sich umbilden kann. Schon vor langer Zeit habe ich
-auf einen Punkt besonders aufmerksam gemacht, wo man die Umbildung des
-Knorpels zu osteoidem Gewebe sehr deutlich übersehen kann, nehmlich die
-Uebergangsstellen vom Knorpel zum Perichondrium in der Nähe der
-Verkalkungsgrenze. Hier verwischen sich die Grenzen der Gewebsformen
-vollständig, und man sieht alle Uebergänge zwischen runden
-(knorpeligen), spindel- oder linsenförmigen (bindegewebigen) und
-zackigen (osteoiden) Zellen[276].
-
- [276] Archiv V. 453. XVI. 11.
-
-Gerade so, wie aus dem Knorpelkörperchen ein Knochenkörperchen werden
-kann, so kann auch aus der Markzelle ein Knochenkörperchen werden. In
-den Markräumen des Knochens nehmen in der Regel diejenigen Markzellen,
-welche am Umfange liegen, späterhin eine mehr längliche Beschaffenheit
-an, richten sich parallel der inneren Oberfläche der Markräume, und das
-Mark selbst erlangt hier eine mehr faserige Intercellularsubstanz,
-weshalb man es eben als Markhaut betrachtet hat. Aber diese sogenannte
-Haut ist nicht von den centralen Theilen zu trennen; sie stellt nur die
-festeste und zugleich äusserste Schicht des Markgewebes dar. Sobald nun
-Tela ossea entstehen soll, so ändert sich die Beschaffenheit
-der Grundsubstanz. Dieselbe wird fester, sklerotisch, knorpelartig,
-die einzelnen Zellen scheinen in Lücken der Grund- oder
-Intercellularsubstanz zu liegen. Schon früh werden sie zackig, indem sie
-kleine Ausläufer treiben, und nun ist weiter nichts mehr nöthig, als
-dass sich in die dichte Grundsubstanz Kalksalze ablagern; dann ist der
-Knochen schon fertig. So bildet sich auch hier wieder durch eine ganz
-directe Transformation (Metaplasie) das Knochengewebe, und indem sich
-eine solche osteoide Schicht nach der anderen aus dem Marke ablagert, so
-entsteht dadurch compacte Knochensubstanz, welche jedesmal bezeichnet
-ist durch die lamellöse Ablagerung von Tela ossea im früheren Markraume
-(Fig. 38 u. 39). Der ursprüngliche Knochen ist immer bimsteinartig,
-porös; seine Höhlungen erfüllen sich, indem aus Marklamellen Lagen von
-Knochensubstanz bis zu dem Punkte nachwachsen, wo das Gefäss allein
-übrig bleibt, welches die Ossification nicht zulässt. --
-
-Was nun die Entwickelung der Knochen =in der Dicke= d. h. aus dem
-Perioste[277] anbetrifft, so ist diese an sich viel einfacher, aber sie
-ist auch viel schwieriger zu sehen, weil die Ossification hier sehr
-schnell vor sich geht und die wuchernde Periostschicht so dünn und so
-zart ist, dass eine überaus grosse Sorgfalt dazu gehört, sie überhaupt
-nur wahrzunehmen. Im Pathologischen haben wir für ihr Studium ungleich
-bessere Gelegenheit, als im Physiologischen. Denn es ist ganz gleich, ob
-der Knochen in der Dicke physiologisch oder (durch eine Periostitis)
-pathologisch wächst; dies ist nur eine quantitative und zeitliche
-Differenz (Heterometrie, Heterochronie).
-
- [277] Archiv V. 437.
-
-Im entwickelten Zustande besteht das Periost dem grössten Theile nach
-aus sehr dichtem Bindegewebe mit einer überaus grossen Masse von
-elastischen Fasern, innerhalb dessen sich Gefässe ausbreiten, um von da
-in die Rinde des Knochens selbst hineinzugehen. Wenn nun das Wachsthum
-des Knochens in der Dicke beginnt, so nimmt die innerste, gefässreiche
-Schicht des Periostes an Dicke zu und schwillt an; dann sagt man, es sei
-ein Exsudat geschehen, indem man als ausgemacht annimmt, dass die
-Schwellung ein Exsudat voraussetze, und dass hier das Exsudat zwischen
-Periost und Knochen liege. Nimmt man aber die Masse vor und analysirt
-sie, so zeigt sie keinerlei Aehnlichkeit mit irgend einer bekannten Art
-von einfachem Exsudate; die geschwollene Stelle erscheint vielmehr durch
-ihre ganze Dicke von aussen bis nach innen organisirt und zwar am
-deutlichsten gerade am Knochen, während man nach aussen gegen die
-Periost-Oberfläche hin die Structurverhältnisse weniger leicht entwirren
-kann. Diese Verdickungen können unter Umständen sehr bedeutend zunehmen.
-Bei einer Periostitis sehen wir ja, dass förmliche Knoten gebildet
-werden. Man denke nur an die mehr physiologische Geschichte des Callus
-nach Fractur. Nach einem Exsudate sucht man hier vergeblich. Verfolgt
-man die verdickten Lagen in der Richtung zu dem noch unverdickten
-Perioste hin, so kann man sehr deutlich sehen, was =Duhamel= schon sehr
-schön zeigte, was aber immer wieder vergessen wird, dass die
-Verdickungsschichten endlich alle in die Schichten des Periostes
-continuirlich sich fortsetzen. So wenig als das Periost unorganisirt
-ist, so wenig sind die Verdickungsschichten ohne Organisation. Die
-mikroskopische Untersuchung zeigt in der Nähe der Knochenoberfläche eine
-leicht streifige Grundsubstanz und darin kleine zellige Elemente; je
-weiter man sich vom Knochen entfernt, um so mehr finden sich Theilungen
-der Elemente und endlich die einfachen, aber sehr kleinen
-Bindegewebskörperchen des Periostes. Der Gang der Theilung ist derselbe,
-wie am Knorpel, nur dass der Wucherungsact an sehr feinen Elementen
-geschieht. Je grösser der Reiz, um so grösser wird auch die Wucherung,
-um so stärker die Anschwellung der wachsenden Stelle.
-
-Diese aus der wuchernden Vermehrung der Periostkörperchen
-hervorgegangenen Elemente geben die Knochenkörperchen genau in derselben
-Weise, wie ich es beim Marke beschrieben habe. In der Nähe der
-Knochenoberfläche verdichtet sich die Grundsubstanz und wird fast
-knorpelartig, die Elemente wachsen aus, werden sternförmig und endlich
-erfolgt die Verkalkung der Grundsubstanz. Ist der Reiz sehr gross,
-wachsen die Elemente sehr bedeutend, dann entsteht hier wirklicher
-Knorpel; die Elemente vergrössern sich so, dass sie bis zu grossen,
-ovalen oder runden Zellen anwachsen und die einzelnen Zellen um sich
-herum eine kapsuläre Abscheidung bilden. Auf diese Weise kann auch im
-Periost durch eine directe Umbildung des wuchernden Periostes Knorpel
-entstehen, aber es ist keinesweges nothwendig, dass wirklicher,
-eigentlicher Knorpel entsteht; in der Regel erfolgt nur die osteoide
-Umbildung, wobei die Grundsubstanz sklerotisch wird und sofort verkalkt.
-
-[Illustration: =Fig=. 139. Verticaldurchschnitt durch die Periostfläche
-eines Os parietale vom Kinde. _A_ Die Wucherungsschicht des Periostes
-mit anastomosirenden Zellennetzen und Kerntheilung. _B_ Bildung der
-osteoiden Schicht durch Sklerose der Intercellularsubstanz. Vergr. 300.]
-
-So geschieht es, dass an der Oberfläche jedes wachsenden Knochens, wie
-insbesondere =Flourens= nachgewiesen hat, der neue Knochen sich immer
-Schicht auf Schicht ansetzt, und dass die neuen Schichten den alten
-Knochen so umwachsen, dass ein Ring, den man um den Knochen legt, nach
-einiger Zeit innerhalb desselben liegt, umschlossen von jungen
-Schichten, welche sich aussen herum gebildet haben. Letztere stehen mit
-dem alten Knochen durch kleine Säulchen in Verbindung, welche dem Ganzen
-ein bimsteinartiges Aussehen geben, und auch hier erfolgt die spätere
-Verdichtung zu Rindensubstanz dadurch, dass sich in den einzelnen, durch
-die Säulchen umgrenzten Räumen concentrische Lamellen von
-Knochensubstanz aus dem periostealen Marke bilden[278].
-
- [278] Archiv V. 444.
-
-Nirgends jedoch sieht man die Uebergänge des periostealen Bindegewebes
-in die eigentlich osteoide Substanz mit einer so überzeugenden
-Deutlichkeit, als an manchen Knochengeschwülsten, namentlich den
-=Osteoidchondromen=. Solche finden sich besonders an den Kiefern von
-Ziegen[279], und da auch hier die Verkalkung der schon Knochenstructur
-besitzenden Theile in grossen Abschnitten nicht erfolgt, so leisten sie
-für die Darstellung der Uebergänge des Bindegewebes in osteoide Substanz
-etwa dasselbe, was uns für die Umbildung der Knorpel die Geschichte der
-Rachitis gelehrt hat. Wobei ich übrigens bemerke, dass die Thierärzte,
-ich weiss nicht mit wie viel Recht, solche Zustände auch als Rachitis
-bezeichnen. Die Geschwulst, welche oft Ober- und Unterkiefer, aber jeden
-für sich befällt, ist so wenig dicht, dass man sie ganz bequem schneiden
-kann; nur an einzelnen Stellen findet das Messer einen stärkeren
-Widerstand. Macht man feinere Durchschnitte, so sieht man schon vom
-blossen Auge, dass dichtere und weniger dichte Stellen mit einander
-abwechseln, dass das Ganze ein maschiges Aussehen hat. Bringt man es bei
-schwacher Vergrößerung unter das Mikroskop, so bemerkt man sofort, dass
-die ganze Anlage vollkommen die eines neugebildeten Knochens ist; eine
-Art von Markhöhlen und ein Balkennetz wechseln mit einander ab, genau
-so, wie wenn man die Markhöhlen und Balken eines spongiösen Knochens vor
-sich hätte. Die Substanz, welche das Balkennetz bildet, ist im Ganzen
-dicht und erscheint dadurch schon bei schwacher Vergrösserung leicht von
-der zarteren Substanz, welche dazwischen liegt und die Maschenräume
-füllt, verschieden. Letztere bietet, wenn man sie stärker vergrössert,
-ein fein streifiges, faseriges Aussehen dar. Die Faserzüge laufen zum
-Theil parallel den Rändern der Balken. Innerhalb der letzteren sieht
-man bei starker Vergrösserung ähnliche Gebilde, wie sie das
-Knochengewebe darbietet, zackige Körperchen, ganz regelmässig
-verbreitet.
-
- [279] Geschwülste I. 532.
-
-[Illustration: =Fig=. 140. Schnitt aus einem Osteoidchondrom vom Kiefer
-einer Ziege: Habitus der Periost-Ossification. Osteoide Balkennetze mit
-zackigen Zellen umschliessen primäre Markräume, mit faserigem
-Bindegewebe gefüllt. Die dunkeln Stellen verkalkt und fertiges
-Knochengewebe darstellend. Vergr. 150.]
-
-Dieser Habitus entspricht vollständig dem, was bei der Entwickelung des
-Knochens vom Periost aus geschieht[280]; es ist, kurz gesagt, das Schema
-des Dickenwachsthums des Knochens. Ueberall, wo man junge
-Periost-Auflagerungen untersucht, findet man innerhalb des maschigen
-Netzes, welches die osteoide Substanz bildet, faseriges Mark, nicht
-zelliges, wie in der späteren Zeit. Es sind die Reste des gewucherten
-Periostes selbst, welche noch nicht einer weiteren Metaplasie unterlegen
-haben. Die osteoide Umbildung erfolgt in die Periostwucherung hinein
-ursprünglich immer in der Weise, dass sich von der Knochenoberfläche aus
-das Fasergewebe in gewissen Richtungen verdichtet; dadurch entstehen
-härtere, zuerst senkrecht und säulenartig auf dem Knochen aufsitzende
-Zapfen, welche sich durch quere, der Knochenoberfläche parallele Züge
-oder Bogen verbinden und so jenes Maschenwerk herstellen. Lässt man
-Essigsäure auf diese Theile einwirken, so sieht man alsbald, dass die
-ganze fibröse Masse, welche die Alveolen erfüllt, die wundervollsten
-Bindegewebs-Elemente enthält, und zwar in der Anordnung, dass dieselben
-am Umfange der Balken mehr spindel- oder linsenförmig sind und in
-concentrischen Streifen liegen, während sie in der Mitte der
-Maschenräume sternförmig sind und unter einander anastomosiren. Dass um
-die Alveolen herum aber wirklich schon Knochenbalken vorhanden sind,
-davon kann man sich an den Stellen sehr schön überzeugen, wo Kalksalze
-darin abgelagert sind. Während die Peripherie solcher verkalkten Balken
-(Fig. 140) ein glänzendes, fast knorpelartiges Aussehen hat, tritt mehr
-nach innen in denselben schon eine trübe, feinkörnige, in Säuren
-lösliche Masse auf, welche die Intercellularsubstanz durchsetzt und
-gegen die Mitte der Balken hin in eine fast gleichmässige, kalkige
-Schicht übergeht, in der von Strecke zu Strecke die Knochenkörperchen
-hervortreten. Hier haben wir also schon ein vollständiges Knochennetz,
-zugleich das regelrechte Bild für das Dickenwachsthum des Knochens.
-
- [280] Archiv V. 454.
-
-[Illustration: =Fig=. 141. Ein Stück aus Fig. 140, stärker vergrössert,
-nach Einwirkung von Essigsäure. _o_, _o_ die osteoiden Balken; _m_, _m_,
-_m_ die primären Markräume mit Spindel- und Netzzellen. Vergröss. 300.]
-
-Betrachtet man aber recht sorgfältig die Stellen, wo der Rand dieser
-Balken und Knochenzüge mit der fibrösen Substanz der Maschenräume
-zusammenstösst, so sieht man hier keine vollkommen scharfe Grenze; im
-Gegentheil, die osteoide Substanz verstreicht nach und nach in das
-fibröse Gewebe, so dass hier und da einzelne der Bindegewebselemente des
-fibrösen Gewebes schon in die sklerotische Substanz der Balken
-miteingeschlossen werden. Daraus kann man abnehmen, dass die Bildung der
-eigentlichen Knochensubstanz wesentlich erfolgt durch die allmähliche
-Veränderung von Intercellularsubstanz, und zwar so, dass diese aus ihrem
-ursprünglich faserigen Bindegewebs-Zustande in eine dichte, glänzende,
-sklerotische, knorpelartige Masse übergeht, welche sich jedoch sowohl
-durch Structur, als durch Mischung von Knorpel unterscheidet. Hier ist
-nie ein Stadium, welches den bekannten Formen des gewöhnlichen Knorpels
-entspräche, sondern es geht direkt aus Bindegewebe die osteoide Form
-hervor, dieselbe Form, welche auch im Knorpel und Mark erst entsteht,
-wenn aus ihnen Knochen wird. Es ist diese Erfahrung insofern sehr
-wesentlich, als man durch sie die Ueberzeugung gewinnt, dass es falsch
-ist, von Knochenknorpel in dem Sinne zu sprechen, als ob gewöhnlicher
-Knorpel die organische Grundlage des Knochengewebes bilde. Der Knorpel
-als solcher kann nur verkalken; wenn er Knochen werden soll, so muss
-eine Umsetzung seines Gewebes stattfinden: es muss sich die
-chondrinhaltige Grundsubstanz verdichten und, wenigstens zum grössten
-Theile, in eine leimgebende Intercellular-Masse umwandeln (S. 453).
-
-Die Ossification aus Bindegewebe ist die Regel für die =pathologische
-Neubildung von Knochen=, insbesondere für die =Callusbildung= nach
-Fractur, über welche ich noch ein Paar Worte hinzufügen will, da es ein
-viel discutirter und chirurgisch sehr wichtiger Prozess ist.
-
-Schon aus meiner bisherigen Darstellung ist leicht ersichtlich, dass der
-Wege der Neubildung von Knochengewebe mehrere sind, und dass die alte
-Voraussetzung, als müsse ein Modus als der allein gültige betrachtet
-werden, nicht richtig ist. Eine Präexistenz von eigentlichem Knorpel vor
-der Knochenbildung ist durchaus nicht nothwendig, vielmehr bildet sich
-viel häufiger durch eine direkte Sklerose der Intercellularsubstanz aus
-Bindegewebe osteoides Gewebe und aus diesem Knochengewebe; ja die
-Ossification kommt so eigentlich leichter und einfacher zu Stande, als
-aus gewöhnlichem Knorpel. Gerade in der Geschichte der Callustheorien
-hat es sich auf das Deutlichste gezeigt, dass das Bestreben, eine
-einfache Formel aufzufinden, das grösste Hinderniss für die Erkenntniss
-der Callusbildung gewesen ist, und dass, trotz der grossen
-Verschiedenheit der Meinungen, eigentlich Alle Recht gehabt haben, indem
-in der That der neue Knochen sich aus dem verschiedensten Material
-aufbaut.
-
-Unzweifelhaft werden, wenn der Fall günstig ist, die bequemsten Wege für
-die Neubildung betreten, und der allerbequemste Weg ist der, dass das
-Periost den übergrossen Theil des Callus hervorbringt. Es geschieht dies
-in der Weise, dass das Periost gegen den Rand des Bruches hin sich
-verdickt und hier unter fortschreitender Proliferation nach und nach
-anschwillt, so zwar, dass man nachher ziemlich deutlich einzelne sich
-übereinander schiebende Lagen oder Schichten (Lamellen) daran
-unterscheiden kann. Diese werden immer dicker und zahlreicher, indem
-fortwährend die innersten Theile des Periostes wuchern und durch
-Vermehrung ihrer Elemente neue Lagen bilden, welche sich zwischen dem
-Knochen und den noch relativ normalen äusseren Theilen des Periostes
-aufhäufen. Diese Lagen können zu wirklichem Knorpel werden, aber es ist
-dies nicht nothwendig und nicht die Regel. Ja es findet sich sogar, dass
-bei den meisten Fracturen, wo Knorpel entsteht, nicht die ganze Masse
-des Periostcallus aus Knorpel hervorgeht, sondern ein mehr oder weniger
-grosser Theil sich immer aus Bindegewebe bildet. Die Knorpelschichten
-liegen gewöhnlich dem Knochen zunächst; je weiter man nach aussen kommt,
-um so mehr herrscht die direkte Umbildung des Bindegewebes vor.
-
-Die Neubildung von Knochengewebe beschränkt sich aber bei Fracturen
-keineswegs auf das Periost; sehr häufig geht sie nach aussen über
-dasselbe hinaus, und nicht selten reicht sie in Form von Stacheln,
-Knoten und Höckern sehr weit in die benachbarten Weichtheile hinein. Es
-versteht sich von selbst, dass hier keinesweges eine nach aussen gehende
-Wucherung des Periostes stattfindet, sondern dass aus dem Bindegewebe
-der benachbarten Theile ossificationsfähiges Gewebe hervorgeht. Man kann
-sich davon leicht überzeugen, da man in solche Massen die Ansätze von
-Muskeln verfolgen kann. Ja, nicht selten findet man an den äusseren
-Theilen Stellen, wo subcutanes Fettgewebe mit in die Ossification
-eingeschlossen worden ist. Man kann also nicht sagen, dass die
-Callusbildung im Umfange der Fracturstücke nur eine periosteale Bildung
-sei; jedesmal, wenn sie eine gewisse Reichlichkeit gewinnt,
-überschreitet sie die Grenzen des Periostes und geht in das Bindegewebe
-der umliegenden Weichtheile hinein. Diesen Theil des äusseren Callus
-nenne ich =parosteal=.
-
-Vollständig verschieden von dieser äusseren Callusbildung ist diejenige,
-welche mitten im Knochen aus dem Mark erfolgt: die =medulläre= oder
-besser =myelogene=.
-
-[Illustration: =Fig=. 142. Querbruch des Humerus mit Callusbildung, etwa
-14 Tage alt. Man sieht aussen die poröse Kapsel des aus Periost und
-Weichtheilen hervorgegangenen Callus, dessen innerste Lage rechts noch
-knorpelig ist. Links liegt frei ein abgesplittertes Stück der
-Knochenrinde. Die beiden Bruchenden sind durch eine (dunkelrothe)
-hämorrhagisch-fibröse Schicht verbunden, das Mark beiderseits (durch
-Hyperämie und Extravasat) sehr dunkel, im unteren Bruchstücke mehrere
-poröse Callusinseln, aus der Ossification des Markes hervorgegangen.]
-
-In dem Augenblicke, wo der Knochen bei dem Bruche zertrümmert wird,
-werden natürlich viele kleine Markräume oder gar die grosse centrale
-Markhöhle eröffnet. In der Nähe der Bruchstelle füllen sich nun fast
-constant bei regelmässigem Verlaufe die noch unversehrten Markräume mit
-Callus, indem sich an die innere Fläche der sie umgrenzenden
-Knochenbalken neue Knochenlamellen aus dem Marke ansetzen, wie bei dem
-gewöhnlichen Dickenwachsthum des Knochens die ursprünglich
-bimsteinartigen äusseren Lagen durch die Einlagerung concentrischer
-Lamellen compact werden. Auf diese Weise geschieht es, dass nach einiger
-Zeit eine mehr oder weniger grosse neue Knochen-Schichte sich findet,
-welche continuirlich durch die Markhöhle hindurchzieht und eine
-Abschliessung derselben zu Stande bringt. Diese innere Callusbildung hat
-mit der äusseren in Beziehung auf die Ausgangspunkte gar nichts
-gemeinschaftlich; sie geht von einem ganz anderen Gewebe aus und liefert
-auch im Groben ein anderes Resultat, insofern sie innerhalb der Grenzen
-des alten Knochens eine Verdichtung desselben an der Bruchstelle
-hervorbringt. Selbst in dem Falle, dass die Knochenenden vollständig
-aufeinander passen, gestaltet sich in beiden Markhöhlen eine solche
-innere Knochenbildung, welche für eine gewisse Zeit eine Unterbrechung
-der Markhöhle erzeugt.
-
-Diese beiden Arten der Callusbildung sind die gewöhnlichen und normalen.
-Im Umfange der beiden Bruchenden geschieht die Anschwellung, im Innern
-die Verdichtung. Allmählich treten die neugebildeten Massen sich näher,
-ringsherum bildet sich aus der Ossification der Weichtheile eine
-brücken- oder capselartige Verbindung. Die übrige Vereinigung der
-getrennten Knochentheile geschieht endlich aus dem alten Knochengewebe
-selbst, welches an gewissen Theilen in weiches Gewebe übergeht,
-proliferirt, verschmilzt und von Neuem ossificirt. Es ist also wenig
-Grund zu fragen, ob der Callus aus einer freien Exsudat- oder
-Extravasatmasse hervorgehe. Allerdings erfolgt anfänglich eine
-Extravasation in den Raum zwischen die Bruchenden, allein das
-ausgetretene Blut wird in der Regel ziemlich vollständig absorbirt, und
-es trägt für die Constituirung der Verbindungsmassen verhältnissmässig
-sehr wenig bei. Ist viel Blut zwischen den Bruchenden, so bildet es eher
-ein Hinderniss, als eine Begünstigung für die Consolidation. --
-
-Ergibt sich demnach die Ossification aus Knorpel als ein
-verhältnissmässig seltener Fall, so bleibt doch die Erfahrung von der
-Umwandlung einzelner Knorpelkörperchen in Knochenkörperchen überaus
-lehrreich. Denn das Knorpelkörperchen steht dem Bindegewebskörperchen
-parallel und seine Kapsel repräsentirt die zuletzt von ihm
-hervorgebrachte Intercellularsubstanz, deren Grenze sich in dem
-Bindegewebe sofort verwischt. Aber sicherlich ist sie vorhanden und für
-die Ernährungsverhältnisse von bestimmender Wichtigkeit. Ja wir müssen
-sagen, dass die alte Grenze immerfort den Bezirk bezeichnet, welcher von
-dem Knochenkörperchen beherrscht wird, und, wie ich das schon am
-Eingange (S. 18) gerade für diesen Punkt hervorgehoben habe, unter
-pathologischen Verhältnissen tritt dieser Bezirk (Territorium) nicht nur
-wieder in Kraft, sondern auch in's Gesicht. In diesem Kreise macht das
-Knochenkörperchen seine besonderen Schicksale durch. Wird ein Knochen
-auf irgend eine Weise zu neuen Transformationen oder Productionen
-bestimmt, so geht ein Knochenkörperchen nach dem anderen innerhalb
-seiner Gebietsgrenzen in die Veränderung ein. Bildet sich im Umfange
-nekrotischer Stücke eine Demarcationslinie (reactive Entzündung), so
-bekommt die Oberfläche des Knochens, vom Rande her gesehen,
-Ausbuchtungen, deren Umfang den alten Zellterritorien entspricht[281].
-Auf der Fläche bemerkt man Lücken, welche hier und da zusammenfliessen
-und Gruben darstellen. Das Knochenkörperchen, welches früher an der
-Stelle der Grube lag, hat in dem Maasse, als es sich selbst veränderte,
-auch die umgebende Intercellularsubstanz bestimmt, in die Veränderung
-einzugehen.
-
- [281] Archiv IV. 301. XIV. 33.
-
-[Illustration: =Fig=. 143. Demarkationsrand eines nekrotischen
-Knochenstückes bei Paedarthrocace. _a_, _a_, _a_ der nekrotische Knochen
-mit sehr vergrösserten Knochenkörperchen und Knochenkanälchen; hier und
-da Andeutungen von Gruben auf der Fläche. _b_, _b_ die Lacunen, welche
-an die Stelle der Zellenterritorien des Knochens (vgl. Fig. 138)
-getreten sind, im seitlichen Abfalle des etwas dicken Präparates
-gesehen; hier und da noch vergrößerte Knochenkörperchen durchscheinend.
-_c_, _c_ die vollständig leeren Lücken. Vergr. 300.]
-
-Von dieser, den lebenden Knochen treffenden Veränderung ist eine andere,
-der äusseren Erscheinung nach oft sehr ähnliche wohl zu unterscheiden,
-welche auch an todten (nekrotischen) Knochen vorkommt. Viele Jahre
-hindurch ist es streitig gewesen, ob todte Knochen durch den Eiter
-angegriffen werden. Zahlreiche Versuche mit fast regelmässig negativem
-Ergebniss hatten zuletzt die Ueberzeugung allgemein gemacht, dass der
-todte Knochen inmitten des Eiters unverändert bleibe. Erst Erfahrungen,
-welche Herr =von Langenbeck= an Elfenbeinstücken machte, die in lebende
-menschliche Knochen eingesenkt wurden, haben dargethan, dass, wenn auch
-nicht der Eiter als solcher, so doch die Granulationen das todte Gewebe
-»anfressen«. Ich habe mich durch eigene Untersuchung an solchen Stiften
-überzeugt, dass sowohl kleine, als ganz grosse Gruben an der Oberfläche
-früher ganz glatter Stifte entstehen, und es kann hier um so weniger
-zweifelhaft sein, dass diese Gruben mit Zellenterritorien nichts zu thun
-haben, als das Elfenbein solche Territorien gar nicht besitzt. Nicht
-alle Gruben und Löcher am Knochen sind also durch Einschmelzung von
-Zellenterritorien entstanden; das Gesagte gilt nur von solchen Gruben,
-welche wirklich der Form und Grösse nach den Zellenterritorien
-entsprechen. Solche kann man sowohl an der compacten Knochenrinde, als
-auch an den Bälkchen des Markes wahrnehmen.
-
-Das sind Vorgänge, ohne deren Verständniss man die Geschichte der Caries
-gar nicht begreifen kann. Die Caries beruht eben darin, dass der Knochen
-sich in seine Territorien auflöst, dass die einzelnen Elemente, und zwar
-sowohl die des Knochengewebes, als auch die des Markes, in neue
-Entwickelung gerathen, und dass die Reste von alter Grundsubstanz als
-kleine, dünne Scherben in der weichen Substanz liegen bleiben. Ich habe
-dies wiederholt an Amputationsstümpfen verfolgt, an denen sich bald nach
-der Operation eine Periostitis mit leichter Eiterung, der Anfang von
-Caries peripherica, fand. Wenn man in einem solchen Falle das verdickte
-Periost abzieht, so sieht man in dem Moment, wo das Periost sich von der
-Oberfläche entfernt und die Gefässe sich aus der Knochenrinde
-hervorziehen, nicht, wie bei einem normalen Knochen, einfache Fäden,
-sondern einen kleinen Zapfen, eine dickere Masse; hat man sie ganz
-herausgezogen, so bleibt ein unverhältnissmässig grosses Loch zurück,
-viel umfangreicher, als unter normalen Verhältnissen. Untersucht man den
-Zapfen, so findet man, dass um das Gefäss herum eine gewisse Quantität
-von weichem Gewebe liegt, dessen zellige Elemente sich in fettiger
-Degeneration oder in zelliger Wucherung befinden. An den Stellen, wo das
-Gefäss herausgezogen ist, erscheint die Oberfläche nicht eben, wie beim
-normalen Knochen, sondern rauh und porös, und wenn man dieselben unter
-das Mikroskop bringt, so bemerkt man jene Ausbuchtungen, jene
-eigenthümlichen Löcher, welche den einschmelzenden Zellenterritorien
-zugehören. Fragt man also, auf welche Weise der Knochen im Anfange der
-Caries porös wird, so kann man sagen, dass es sicherlich nicht so
-geschieht, dass sich Exsudate bilden, denn dazu ist kein Raum
-vorhanden, da die Gefässe innerhalb der Markkanäle (Fig. 38, 39, 41)
-unmittelbar die Tela ossea berühren. Vielmehr bilden sich Lücken, welche
-sofort gefüllt sind mit einer weichen Substanz, die ein leicht
-streifiges Bindegewebe mit fettig degenerirten oder gewucherten Zellen
-darstellt. Schmilzt im Umfange eines Markkanals ein Knochenkörperchen
-nach dem anderen ein, so wird man nach einiger Zeit den Markkanal von
-einer lacunären Bildung umgrenzt finden. Mitten darin steckt immer noch
-das Gefäss, welches das Blut führt, aber die Substanz herum ist nicht
-Knochen oder Exsudat, sondern degenerirtes Gewebe, in welches
-möglicherweise aus den Gefässen ausgewanderte farblose Blutkörperchen
-eindringen. Der ganze Vorgang ist eine =degenerative Ostitis=, wobei die
-Tela ossea ihre chemische und morphologische Haltung einbüsst, und an
-ihre Stelle ein weiches, nicht mehr kalkführendes Gewebe tritt. Dieses
-kann je nach Umständen sehr verschieden sein, einmal eine fettig
-degenerirende, zerfallende Masse, in einem anderen Falle ein
-zellenreiches Gewebe mit zahlreichen jungen Elementen. Die neu
-entstehende Substanz verhält sich wieder, wie Mark. Unter Umständen kann
-sie so wachsen, dass, wenn wir das Beispiel wiederum von der Oberfläche
-des Knochens nehmen, wo sich ein Gefäss hineinsenkt, die junge Markmasse
-neben dem Gefässe herauswuchert und als ein Knöpfchen erscheint, welches
-eine Grube der Oberfläche erfüllt und unter Umständen sogar über sie
-hervorragt. Das nennen wir eine =Granulation=.
-
-Untersucht man Granulationen im Vergleiche mit rothem Mark, so ergibt
-sich, dass keine zwei Arten von Gewebe mehr mit einander übereinstimmen.
-Das Knochenmark eines Neugebornen könnte man jeden Augenblick chemisch
-und mikroskopisch für eine Granulation ausgeben. Die Granulation ist
-nichts weiter, als junges, weiches, schleimhaltiges Gewebe, analog dem
-Mark. Es gibt eine entzündliche Osteoporose, welche nur darin beruht,
-dass eine vermehrte Markraumbildung eintritt und der Prozess, welcher an
-der Markhöhle ganz normal ist, sich auch aussen in der compacten Rinde
-findet. Diese Osteoporose (Osteomalacie) unterscheidet sich von der
-granulirenden Caries peripherica nur durch ihren Sitz. Geht man einen
-Schritt weiter und lässt man die Zellen, welche bei der Osteoporose in
-mässiger Menge vorhanden sind, reichlicher und reichlicher werden,
-während die Grundsubstanz dazwischen immer weicher und spärlicher wird,
-so haben wir =Eiter=. Dieser entsteht nicht aus einem Blastem durch
-einen besonderen Act, nicht durch eine Schöpfung de novo, sondern er
-entwickelt sich regelrecht von Generation zu Generation nach vollkommen
-legitimer Art, gleichviel, ob seine Elemente aus den Elementen des
-früheren Gewebes hervorgehen[282], oder ob sie direkt aus dem Blute in
-das Gewebe einwandern.
-
- [282] Archiv XIV. 60.
-
-Es liegt also in der Geschichte des kranken Knochens eine ganze Reihe
-von Gewebs-Umbildungen vor uns: der zuerst entstandene, aus Knorpel oder
-Bindegewebe hervorgehende Knochen kann Umbildungen erfahren zu Mark,
-dann zu Granulations-Gewebe, und endlich zu fast reinem Eiter. Die
-Uebergänge sind hier so allmählich, dass bekanntlich derjenige Eiter,
-welcher zunächst auf die Granulation folgt, eine mehr schleimige,
-fadenziehende, zähe, cohärente Masse darstellt, welche auch wirklich
-Schleimstoff enthält, analog dem Granulations-Gewebe, und welche erst,
-je weiter man nach aussen kommt, die Eigenschaften des vollendeten
-Eiters zeigt. Der fertige rahmige Eiter der Oberfläche geht gegen die
-Tiefe hin nach und nach über in das Pus crudum, den schleimigen, zähen,
-nicht maturirten Eiter der tieferen Lagen, und was wir =Maturation=
-nennen, beruht nur darauf, dass die schleimige Grundsubstanz des
-ursprünglich zähen Eiters, welcher sich seiner Structur nach der
-Granulation anschliesst, allmählich in die vollkommen flüssige,
-albuminöse Zwischensubstanz des reinen Eiters übergeht. Der Schleim löst
-sich auf und die rahmige Flüssigkeit entsteht. =Die Reifung ist
-also im Wesentlichen eine Erweichung und Verflüssigung der
-Intercellularsubstanz=. So unmittelbar hängen Entwickelung und
-Rückbildung, physiologische und pathologische Zustände zusammen.
-
-Das ist ein Theil der normalen und pathologischen Vorgänge, welche wir
-bei der Bildung und Umbildung von Knochen erkennen. Man muss daraus
-entnehmen, dass es sich hier um eine Reihe von Permutationen oder
-Transformationen oder Substitutionen handelt, welche ein Fortschreiten
-bald zu einer höheren, bald zu einer niederen Form der Bildung
-darstellen, welche aber immerfort continuirlich mit einander
-zusammenhängen und welche je nach den Bedingungen, welche auf die Theile
-wirken, sich bald so, bald anders gestalten. Wir haben es in der Hand,
-ob wir einzelne Theile des Knorpels oder des Periostes bestimmen wollen,
-zu ossificiren oder sich in ein weiches Gewebe umzubilden. In dieser
-ganzen Reihe steht allein das rothe Mark als der Typus der heterologen
-Formen dar, indem es die kleinsten und am wenigsten charakteristischen
-Zellen enthält. Das junge Markgewebe entspricht seiner Erscheinung nach
-am meisten jenen jungen Entwickelungen, mit welchen alle heterologen,
-per secundam intentionem entstehenden Gewebe beginnen, und da es, wie
-ich vorhin schon berührte, zugleich den eigentlichen Typus für alle
-Granulationen darstellt[283], so kann man sagen, dass, =wo immer
-Neubildungen in massenhafter Weise entstehen sollen, auch eine dem Typus
-des jungen Markes analoge Substitution (Granulation) erfolgt=, und dass,
-gleichviel, welche Festigkeit das alte Gewebe haben mag, =doch immer
-eine Proliferation stattfinden kann, welche die Keime für die späteren
-Elemente legt=.
-
- [283] Archiv XIV. 59. Geschwülste II. 387.
-
-
-
-
- Einundzwanzigstes Capitel.
-
- Die pathologische, besonders die heterologe Neubildung.
-
-
- Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der
- exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und
- Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark und
- Eiter. Proliferation und Luxuriation.
-
- Die Eiterung. Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus
- Epithel und tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen
- Blutkörperchen. Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und
- Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende Eiterung.
- Lösende Eigenschaften des Eiters.
-
- Zusammenhang der Destruction mit pathologischem Wachsthum und
- Wucherung. Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom
- u. s. w. Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten
- Elemente und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile
- (Geschwülste).
-
- Zusammengesetzte Natur der grösseren Geschwulstknoten und miliarer
- Charakter der eigentlichen Heerde. Bedingungen des Wachsthums und
- der Recidive: Contagiosität der Neubildungen, Bedeutung der
- Elementar-Anastomosen und der Wanderzellen. Die Cellularpathologie
- im Gegensatze zur Humoral- und Neuropathologie. Allgemeine
- Infection des Körpers. Parasitismus und Autonomie der Neubildungen.
-
-Im vorigen Capitel habe ich die Hauptpunkte in der Geschichte der
-Neubildungen erörtert. Es erhellt daraus, dass nach meiner Auffassung
-jede Art von Neubildung, insofern sie präexistirende zellige Elemente
-als ihren Ausgangspunkt voraussetzt und an die Stelle derselben tritt,
-auch nothwendig mit einer völligen Veränderung (Alteration) des
-gegebenen Körpertheiles verbunden sein muss. Es lässt sich nicht mehr
-eine Hypothese der Art vertheidigen, wie man sie früher vom
-Gesichtspunkte der plastischen Stoffe aus festhielt, dass sich =neben=
-die vorhandenen Elemente des Körpers ein Rohstoff lagere, welcher aus
-sich durch eine Art von Urzeugung ein neues Gewebe erzeugt und so einen
-reinen Zuwachs für den Körper liefern würde. Wenn es richtig ist, dass
-jede Neubildung aus bestimmten Elementen hervorgeht und dass in der
-Regel Theilungen der Zellen das Mittel der Neubildung sind, so versteht
-es sich natürlich von selbst, dass, =wo eine Neubildung stattfindet, in
-der Regel auch gewisse Gewebselemente des Körpers aufhören müssen zu
-existiren=. Selbst ein Element, das sich einfach theilt und aus sich
-zwei neue, ihm gleiche Elemente erzeugt, hört damit auf zu sein,
-wenngleich das Gesammtresultat nur die scheinbare Apposition eines
-Elementes ist. Dies gilt für alle Formen von Neubildungen, so für die
-gutartigen, wie für die bösartigen, und man kann daher in einem gewissen
-Sinne sagen, dass =überhaupt jede Art von Neubildung destructiv ist,
-dass sie etwas vom Alten zerstört=. Allein wir sind bekanntlich gewöhnt,
-die Zerstörungen nach dem Effect zu beurtheilen, der für die gröbere
-Anschauung hervortritt, und wenn man von destruirenden Bildungen
-spricht, so meint man zunächst nicht diejenigen, wobei das Resultat der
-Neubildung ein Analogon der alten Bildung darstellt, sondern irgend ein
-mehr oder weniger von dem ursprünglichen Typus des Theiles abweichendes
-Erzeugniss. Dieser Gesichtspunkt ist es, den ich früher schon (S. 92)
-bei der Classification der pathologischen Neubildungen hervorgehoben
-habe. Aus ihm ergibt sich ein vernünftiger, den Thatsachen
-entsprechender Scheidungsgrund aller =Neubildungen in homologe und
-heterologe=.
-
-Heterolog dürfen wir nicht nur die malignen, degenerativen Neoplasmen
-nennen, sondern wir müssen jedes Gewebe so bezeichnen, welches von dem
-anerkannten Typus des Ortes abweicht, während wir homolog alles das
-nennen werden, was, obwohl neu gebildet, doch den Typus seines
-Mutterbodens reproducirt. Wir finden z. B., dass die so überaus häufige
-Art der Uterus-Geschwülste, welche man als fibröse oder fibroide
-bezeichnet, ihrer ganzen Zusammensetzung nach denselben Bau hat, wie die
-Wand des »hypertrophischen« Uterus, indem sie nicht nur aus fibrösem
-Bindegewebe mit Gefässen, sondern auch aus Muskelfasern besteht. Ich
-habe sie daher Myom oder Fibromyom genannt[284]. Die Geschwulst kann
-bekanntlich so gross werden, dass sie nicht bloss den Uterus in allen
-seinen Functionen auf das Aeusserste beeinträchtigt, sondern auch durch
-Druck auf die Nachbartheile den allerübelsten Einfluss ausübt. Trotzdem
-wird sie immer als ein homologes Gebilde gelten müssen. Dagegen können
-wir nicht umhin, von einer heterologen Bildung zu sprechen, sobald durch
-einen Vorgang, der vielleicht in seinem Anfange eine einfache Vermehrung
-der Theile auszudrücken scheint, ein Resultat gewonnen wird, welches von
-dem ursprünglichen Zustande des Ortes wesentlich verschieden ist. Ein
-Katarrh z. B. in seiner einfachen Form kann eine Vermehrung der zelligen
-Elemente an der Oberfläche mit sich bringen, ohne dass die neuen Zellen
-wesentlich verschieden sind von den präexistirenden. Untersucht man eine
-Vagina mit ausgesprochenem Fluor albus (Leukorrhoe), so ist kein
-Zweifel, dass die Zellen des Fluor albus den Zellen des Vaginalepithels
-sehr nahe stehen, obgleich sie nicht mehr ganz die typische Gestalt des
-Pflasterepithels bewahren. Je weniger sie sich aber zu den typischen
-Formen des Ortes entwickeln, um so mehr werden sie functionsunfähig. Sie
-sind beweglich auf einer Oberfläche, wo sie eigentlich festhaften
-sollten; sie fliessen herunter (Katarrh) und erzeugen Resultate, welche
-mit der Integrität der Theile unverträglich sind.
-
- [284] Archiv VI. 553. Geschwülste III. 97.
-
-Im engeren Sinne des Wortes destruirend sind allerdings nur heterologe
-Neubildungen. Die homologen können per accidens sehr nachtheilig werden,
-aber sie haben doch nicht den eigentlichen, im groben und traditionellen
-Sinne destruirenden oder malignen Charakter. Dagegen haftet
-jeder Art von Heterologie, zumal wenn sie sich nicht auf die
-alleroberflächlichsten Theile bezieht, eine gewisse Malignität
-an. Trotzdem sollte man nicht übersehen, dass selbst die
-Oberflächen-Affectionen, auch wenn sie sich nur auf die äusserste
-Epithelial-Lage beschränken, allmählich einen sehr nachtheiligen
-Einfluss ausüben können. Man denke nur an den Fall, dass eine grosse
-Schleimhautfläche immerfort secernirt, dass auf ihr fortwährend
-heterologe Producte erzeugt werden, die nicht zu bleibendem Epithel
-werden, sondern immerfort von der Schleimhaut herunter fliessen. Die
-durch die Ablösung der deckenden Elemente entstehende Erosion verbindet
-sich hier mit der Blennorrhoe, der Anämie, der Neuralgie u. s. f.
-
-Viel klarer stellt sich dieser nachtheilige Einfluss heraus, sobald man
-jene gröbere Destruction ins Auge fasst, welche das Motiv für Ulceration
-und Höhlenbildung im Innern der Theile wird. Es sieht wie ein
-Widerspruch aus, dass ein Prozess, der neue Elemente hervorbringt,
-zerstöre, allein dieser Widerspruch ist doch eben nur ein
-oberflächlicher. Wenn man sich denkt, dass in einem Theile, der vorher
-fest war, ein Gewebe neu gebildet wird, welches beweglich, in seinen
-einzelnen Theilen verschiebbar ist, so wird das natürlich immer eine
-wesentliche Aenderung in der Brauchbarkeit des Theiles mit sich bringen.
-Die einfache Umwandlung des Knochens in Mark (S. 502) kann die Ursache
-werden für eine grosse Fragilität der Knochen, und die =Osteomalacie=
-beruht ihrem Wesen nach auf gar nichts Anderem, als darauf, dass
-compacte Knochensubstanz in Mark umgewandelt wird[285]. Eine excessive
-Markraumbildung rückt allmählich vom Innern des Knochens an die
-Oberfläche vor, beraubt den Knochen seiner Festigkeit, erzeugt ein an
-sich ganz normales, aber für die nothwendige Festigkeit der Theile
-unbrauchbares Gewebe und bereitet so die Zerstörung des Zusammenhanges
-mit einer gewissen Nothwendigkeit vor. Das Mark ist ein ausserordentlich
-weiches Gewebe, das in jenen Zuständen, wo es roth und zellenreich oder
-atrophisch und gallertig ist, fast flüssig wird. Die Thierärzte sprechen
-daher geradezu von einer »Markflüssigkeit« als einer besonderen
-Krankheitsform. Von dem Mark zu den vollkommen flüssigen Geweben ist ein
-kleiner Schritt, und die Grenzen zwischen Mark und Eiter lassen sich
-manchmal mit Sicherheit überhaupt gar nicht feststellen. Eiter ist für
-uns ein junges Gewebe, welches allmählich unter rapider Vermehrung der
-Zellen alle feste Intercellularsubstanz auflöst. Eine einzige
-Bindegewebszelle mag in kürzester Zeit einige Dutzend Eiterzellen
-produciren, denn der Eiter hat einen reissend schnellen
-Entwickelungsgang[286]. Aber das Resultat ist für den Körper nutzlos,
-die =Proliferation wird Luxuriation=[287]. Die Eiterung ist ein
-Consumtions-Vorgang, durch welchen überflüssige Theile erzeugt werden,
-welche nicht die Consolidation, die dauerhafte Beziehung zu einander und
-zur Nachbarschaft gewinnen, welche für das Bestehen des Körpers
-nothwendig ist.
-
- [285] Archiv IV. 307. V. 491.
-
- [286] Archiv I. 240.
-
- [287] Spec. Pathologie und Ther. I. 331.
-
-Untersuchen wir nun zunächst eben die =Geschichte der Eiterung=, so
-ergibt sich sofort, dass wir verschiedene Wege der Eiterbildung
-unterscheiden müssen, je nachdem nehmlich die Elemente des Eiters mit
-den farblosen Blutkörperchen identisch sind und unmittelbar aus dem
-Blute auswandern, oder von den Elementen der örtlichen Gewebe neu
-erzeugt werden. Als solche Matrices des Eiters können bezeichnet werden
-sowohl die erste von uns betrachtete Art von Geweben, die =der
-Epithelformation=, als auch die zweite, die =der Bindesubstanz=[288]. Ob
-es auch eine Eiterung gibt, die aus einem Gewebe der dritten Reihe
-hervorgeht, aus Muskeln, Nerven, Gefässen u. s. f., das ist insofern
-zweifelhaft, als man natürlich die Bindegewebs-Elemente, welche in die
-Zusammensetzung der grösseren Gefässe, Muskel-und Nervenmassen eingehen,
-von den eigentlich muskulösen, nervösen und vasculösen (capillären)
-Elementen ausscheiden muss. Nun haben freilich zuverlässige Beobachter,
-wie C. O. =Weber=, auch für diese Gewebe das Bestehen einer aus ihrem
-Parenchym hervorgehenden Eiterung beschrieben, indess kann ich darüber
-nichts Bestimmtes aussagen. Die Regel ist jedenfalls auch für diese
-Gewebe die =interstitielle Eiterung= (Fig. 144).
-
- [288] Archiv XIV. 58. XV. 530.
-
-[Illustration: =Fig=. 144. Interstitielle eiterige Muskelentzündung
-bei einer Puerpera _m m_ Muskelprimitivfasern, _i i_ Entwickelung
-von Eiterkörperchen aus der Wucherung der Körperchen des
-Zwischen-Bindegewebes. Vergr. 280.]
-
-Die Frage von der Eiterbildung ist im Laufe der Zeit ziemlich complicirt
-geworden. Während die neueren Beobachter viele Jahre lang es als
-selbstverständlich ansahen, dass die Eiterkörperchen aus dem Exsudate
-durch Urzeugung hervorgingen, stellten zuerst einzelne Untersucher, wie
-=William Addison= und =Gustav Zimmermann=, die Meinung auf, dass der
-Eiter wesentlich auf ausgetretene farblose Blutkörperchen
-(Lymphkörperchen) zurückzuführen sei. =Benno Reinhardt= zeigte dagegen,
-dass in dem Wundsecrete allerdings während der ersten Stunden die
-vorkommenden Zellen mit den gleichzeitig im Blute vorkommenden farblosen
-Blutkörperchen übereinstimmen, dass diess jedoch später nicht mehr der
-Fall sei. Allein auch er liess diese späteren Eiterkörperchen aus dem
-Exsudate entstehen. Nachdem ich jedoch dasjenige, was er für die
-Anfänge der jungen Eiterkörperchen ansah, vielmehr für spätere
-Producte, welche innerhalb alter Körperchen entstanden sind, erklären
-musste[289], und allmählich die Entstehung von Eiterkörperchen aus
-anderen Gewebselementen erkannte, so muss ich daran festhalten, dass
-nicht alle Elemente, welche sich irgendwo im Eiter finden, aus dem Blute
-stammen. Ich meinerseits habe nie daran gezweifelt, dass farblose
-Blutkörperchen in Exsudate übergehen[290]. Indess haben erst die
-Untersuchungen von =Waller= und namentlich von =Cohnheim= gezeigt, in
-wie grossem Maasse dies der Fall ist. Letzterer hat ausserdem durch
-direkte Beobachtung am Mesenterium des Frosches gefunden, dass das
-Austreten der farblosen Blutkörperchen nicht durch passive Exsudation,
-sondern durch active Auswanderung, und zwar überwiegend durch die
-Wandungen kleinerer Venen erfolgt, und wenngleich diese Thatsache von
-manchen Gegnern geradezu in Abrede gestellt ist, so kann doch über ihre
-Richtigkeit nach dem, was ich selbst gesehen habe, nicht der mindeste
-Zweifel sein.
-
- [289] Archiv X. 183.
-
- [290] Archiv I. 246.
-
-So bereitwillig ich diese Thatsache anerkenne, so sehr muss ich doch
-davor warnen, alle Rundzellen, welche im Eiter oder überhaupt in
-Exsudaten oder Secreten vorkommen, für ausgewanderte farblose Körperchen
-oder gar für Lymphkörperchen zu halten. Schon früher (S. 211) habe ich
-auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, welche zwischen den Rundzellen
-der Lymphdrüsen, der Lymphflüssigkeit und des Blutes bestehen; hier muss
-ich hinzufügen, dass eine vorurtheilsfreie Untersuchung der Exsudat-und
-Secretzellen fernere und erhebliche Unterschiede vieler derselben von
-den Lymph- und farblosen Blutkörperchen ergibt. Auch haben sich andere
-Untersucher der neuesten Zeit in immer grösserer Zahl davon überzeugt,
-dass Eiterkörperchen durch Proliferation von Gewebselementen entstehen
-können. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Arten von Zellen zu
-ziehen, ist gegenwärtig um so weniger möglich, als sich nicht leugnen
-lässt, dass auch die ausgewanderten farblosen Blutkörperchen weitere
-Veränderungen erfahren, wodurch sie von den gewöhnlichen, im Blute
-selbst enthaltenen farblosen Rundzellen verschieden werden.
-
-So lange die Eiterung eine blosse oberflächliche ist, so erfolgt sie
-natürlich auch ohne erheblichen Substanzverlust, mit einfacher Erosion,
-ohne Geschwürsbildung. Dies ist aber jedesmal der Fall, wo der Eiter in
-der Tiefe, namentlich im Bindegewebe entsteht. Die Sache gestaltet sich
-dabei gerade umgekehrt, wie man früher annahm, wo man dem Eiter direkt
-schmelzende Eigenschaften zuschrieb. =Der Eiter ist nicht das
-Schmelzende, sondern das Geschmolzene, d. h. das transformirte Gewebe=.
-Ein Theil wird weich, er schmilzt ein, indem er eitert, aber es ist
-nicht der fertige Eiter, welcher diese Erweichung bedingt, sondern
-umgekehrt, er ist es, welcher durch die Umwandlung des Gewebes
-hervorgebracht wird.
-
-Oberflächliche Eiterung sehen wir alle Tage sowohl an der =äusseren
-Haut=, als an manchen Schleim- und serösen Häuten. Am besten kann man
-sie da beobachten, wo im normalen Zustande geschichtetes Epithel
-vorhanden ist. Verfolgt man die Eiterung auf der äusseren Haut, wenn sie
-ohne Geschwürsbildung geschieht, so findet man regelmässig, dass sie an
-dem Rete Malpighii geschieht. Sie besteht theils in der Auswanderung
-farbloser Blutkörperchen, theils in einer Wucherung der Zellen mit
-Entwickelung neuer Elemente. In dem Maasse, als die Eiterung
-fortschreitet, bildet sich eine Ablösung der härteren Epidermislage,
-welche in Form einer Blase, einer Pustel erhoben wird. Der Ort, wo die
-Eiterung hauptsächlich erfolgt, entspricht den oberflächlichen Schichten
-des Rete, welche schon im Uebergange zur Epithelbildung begriffen sind;
-zieht man die Haut der Blase ab, so bleiben diese auch gewöhnlich an der
-Oberhaut sitzen. Gegen die tieferen Lagen hin kann man bemerken, wie die
-zelligen Elemente, welche ursprünglich einfache Kerne haben, sich
-theilen, die Kerne reichlicher werden, an die Stelle einzelner Zellen
-mehrere treten, deren Kerne sich ihrerseits wieder theilen. Gewöhnlich
-hat man sich auch hier damit geholfen, dass man angenommen hat, es würde
-zuerst ein amorphes Exsudat gesetzt, welches den Eiter in sich erzeuge,
-und bekanntlich sind viele von den Untersuchungen über die Entwickelung
-des Eiters gerade an solchen Flüssigkeiten gemacht worden. Es war sehr
-begreiflich, dass so lange, als man die discontinuirliche Zellenbildung
-überhaupt nicht bezweifelte, man ohne Weiteres die jungen Zellen als
-freie Neubildungen ansah und sich dachte, dass in der Flüssigkeit Keime
-entständen, welche, allmählich zahlreicher werdend, den Eiter lieferten.
-Aber die Sache ist die, dass je länger die Eiterung dauert, um so
-zuverlässiger eine Reihe von Zellen des Rete nach der anderen in den
-Prozess hineingezogen wird, und dass, während die Blase sich abhebt, die
-Masse der in die Höhle hineingelangenden Zellen immer grösser wird. Wenn
-eine Pockenpustel sich bildet, so ist zuerst ein Tröpfchen klarer
-Flüssigkeit vorhanden, aber darin entsteht nichts; die Flüssigkeit
-lockert nur die Nachbartheile auf.
-
-Ganz ebenso verhält es sich an den =Schleimhäuten=. Wir haben keine
-einzige Schleimhaut, die nicht unter Umständen puriforme Elemente
-liefern könnte. Allein auch hier zeigt sich eine grosse Verschiedenheit.
-Eine Schleimhaut ist um so weniger im Stande, ohne Ulceration Eiter zu
-produciren, je einfacher, je weniger geschichtet ihr Epithel ist. Alle
-Schleimhäute mit Cylinderepithel sind weniger geeignet, nicht
-ulcerativen Eiter zu erzeugen, als solche mit Pflasterepithel; das, was
-an ihnen erzeugt wird, ergibt sich, auch wenn es ein ganz eiteriges
-Aussehen hat, bei genauer Untersuchung häufig nur als hyperplastisches
-Epithel. Die Darmschleimhaut, namentlich die des Dünndarms, erzeugt fast
-nie Eiter ohne Geschwürsbildung. Die Schleimhaut des Uterus, der Tuben,
-die manchmal mit einer dicken Masse von ganz puriformem Aussehen
-überzogen ist, sondert fast immer nur Epithelelemente ab, während wir an
-anderen Schleimhäuten, wie an der Urethra, massenhafte Absonderungen von
-Eiter sehen, z. B. in Gonorrhöen (Fig. 72), ohne dass auch nur die
-mindeste Geschwürsbildung an der Oberfläche vorhanden wäre. Sind
-mehrfach geschichtete Zellen-Lagen da, so können die oberen eine Art von
-Schutz für die tieferen bilden, deren Wucherung eine Zeit lang gesichert
-wird.
-
-Der Eiter wird entweder durch nachdrängende Eitermasse endlich
-weggeschoben, oder es erfolgt, wie es gewöhnlich der Fall ist,
-gleichzeitig eine Transsudation von Flüssigkeit, welche die Eiterzellen
-von der Oberfläche entfernt, gerade so, wie bei der Samensecretion die
-Epithelial-Elemente der Samenkanälchen die Spermatozoen liefern, und
-ausserdem eine Flüssigkeit transsudirt, welche dieselben fortträgt. Aber
-die Spermatozoen entstehen nicht in der Flüssigkeit, sondern diese ist
-nur das Vehikel ihrer Fortbewegung (S. 39). Auf ähnliche Weise sehen wir
-häufig Flüssigkeiten an der Körperoberfläche exsudiren, ohne dass
-dieselben als Bildungsorte für Zellen betrachtet werden könnten. Findet
-gleichzeitig eine vermehrte Epithelbildung an der Oberfläche statt, so
-werden auch die durch das Transsudat losgelösten Bestandtheile nur
-wucherndes Epithel darstellen; wurde Eiter gebildet, so wird auch die
-Flüssigkeit Eiterkörperchen enthalten.
-
-Wenn man =Eiter=-, =Schleim=- und =Epithelialzellen= mit einander
-vergleicht, so ergibt sich, dass allerdings zwischen Eiterkörperchen und
-Epithelialzellen eine Reihe von Uebergängen oder Zwischenstufen besteht.
-Neben ausgebildeten, mit mehrfachen glatten, nicht nucleolirten Kernen
-versehenen Eiterkörperchen (Fig. 8, _A_. 72) finden sich sehr gewöhnlich
-etwas grössere, runde, granulirte Zellen mit einfachen gleichfalls
-granulirten Kernen und sehr deutlichen Kernkörperchen, die sogenannten
-=Schleimkörperchen= (Fig. 8, _B_); etwas weiter sehen wir vielleicht
-noch grössere Elemente von typischer Gestalt und mit einfachen grossen
-Kernen: diese nennen wir Epithelialzellen. Letztere sind platt oder
-eckig oder cylindrisch, je nach dem Orte von bestimmter typischer
-Beschaffenheit, während Schleim- und Eiterkörperchen durchweg
-ausgezeichnete =Rundzellen= (Kugeln, Globuli) sind. Schon aus diesem
-Umstande erklärt es sich, dass, während die Epithelzellen, die sich
-gegenseitig decken und aneinander schliessen, eine nicht unbeträchtliche
-Festigkeit des Zusammenhanges besitzen, die lose aneinander gelagerten,
-sphärisch gestalteten Schleim- und Eiterkörperchen eine sehr grosse
-Verschiebbarkeit haben und leicht vom Orte gerückt werden, was natürlich
-um so leichter geschieht, wenn gleichzeitig mit ihrer Anhäufung eine
-reichlichere Transsudation von Flüssigkeit erfolgt.
-
-Man hat schon früher gesagt, es seien die Schleimkörperchen weiter
-nichts, als junges Epithel. Einen Schritt weiter und man könnte sagen,
-die Eiterkörperchen wären weiter nichts, als junge Schleimkörperchen.
-Das ist etwas irrthümlich. Man kann nicht behaupten, dass eine Zelle,
-die bis zu dem Punkte eines sogenannten Schleimkörperchens als
-sphärisches Gebilde sich erhalten hat, noch im Stande wäre, die typische
-Form des Epithels anzunehmen, welches an der Stelle existiren sollte;
-eben so wenig ist es sicher, dass ein Eiterkörperchen, nachdem es sich
-regelmässig ausgebildet hat und lose geworden ist, sich wieder in einen
-Entwickelungsgang hineinzubegeben vermöchte, der ein relativ bleibendes
-Element des Körpers herzustellen im Stande wäre. Die Elemente, aus denen
-die Entwickelung neuer Gewebe überhaupt erfolgt, sind junge Formen,
-indifferente Bildungszellen (S. 493), aber sie sind keine eigentlichen
-Eiterkörperchen. Im Eiter beginnt jede neue Zelle sehr früh ihren Kern
-zu theilen; nach kurzer Zeit erreicht die Kerntheilung einen hohen Grad,
-ohne dass die Zelle selbst weiter wächst. Im Schleim pflegen die Zellen
-einfach zu wachsen und zum Theil sehr gross zu werden, ohne ihre Kerne
-zu theilen, aber sie überschreiten nicht gewisse Grenzen, und namentlich
-nehmen sie keine typische Gestalt an. Im Epithel dagegen fangen die
-Elemente schon sehr früh an, ihre besondere Gestalt zu zeigen, denn,
-»was ein Haken werden soll, das krümmt sich beizeiten.« Die
-allerjüngsten Elemente, welche unter pathologischen Verhältnissen
-gebildet werden, kann man aber nicht Epithelzellen nennen, wenigstens
-sind sie noch keine typischen Epithelzellen, sondern auch sie sind
-indifferente Bildungszellen, welche auch zu Schleim- oder
-Eiterkörperchen werden könnten. Eiter-, Schleim- und Epithelialzellen
-sind also pathologisch äquivalente Theile, welche einander wohl
-substituiren, aber nicht für einander functioniren können.
-
-Schon hieraus folgt, dass der gesuchte Unterschied zwischen Schleim und
-Eiter, für dessen Auffindung man im vorigen Jahrhunderte Preise
-aussetzte, eigentlich nicht gefunden werden konnte, und dass die
-»Proben« immer unzureichend sein mussten, insofern die Entwickelungen
-auf der Schleimhaut nicht, immer den rein purulenten, den rein mucösen
-oder den rein epithelialen Charakter haben, vielmehr in der grossen
-Mehrzahl der Fälle ein gemischter Zustand existirt. Fast jedesmal, wenn
-auf einer grossen Schleimhaut, wie auf den Harn- oder Geschlechtswegen,
-ein katarrhalischer Prozess sich entwickelt, erscheinen Eiterkörperchen,
-aber die Secretion derselben findet irgendwo ihre Grenze, von wo an nur
-Schleimkörperchen abgesondert werden, und auch die Absonderung der
-Schleimkörperchen geht irgendwo wieder in vermehrte Epithelbildung über.
-Diese Art von Eiterung wird natürlich immer das Resultat haben, dass an
-Stellen, wo sie eine gewisse Höhe erreicht, die natürlichen Decken der
-Oberfläche nicht zu Stande kommen, oder wo diese eine gewisse Festigkeit
-haben, dass sie abgehoben und zerstört werden. Eine Pustel an der Haut
-zerstört die Epidermis, und insofern können wir auch diesen Formen der
-Eiterung einen degenerativen Charakter beimessen.
-
-[Illustration: =Fig=. 145. Eiterige Granulation aus dem
-Unterhautgewebe des Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens, _a_
-Bindegewebskörperchen, _b_ Vergrösserung der Körperchen mit Theilung der
-Kerne, _c_ Theilung der Zellen (Granulation), d Entwickelung der
-Eiterkörperchen. Vergr. 300.]
-
-Degeneration im gewöhnlichen Sinne tritt jedoch erst dann ein, wenn
-tiefere Theile befallen werden. Diese tiefere, eigentlich ulcerative
-Eiterbildung geschieht regelmässig im =Bindegewebe= oder seinen
-Aequivalenten[291]. An ihm erfolgt zuerst eine Vergrösserung der Zellen
-(Bindegewebskörperchen), die Kerne theilen sich und wuchern eine Zeit
-lang excessiv. Auf dieses erste Stadium folgen dann sehr bald Theilungen
-der Elemente selbst. Im Umfange der gereizten Stellen, wo vorher
-einzelne Zellen lagen, findet man späterhin doppelte und mehrfache, aus
-denen sich gewöhnlich eine Neubildung homologer Art (hyperplastisches
-Bindegewebe) gestaltet. Nach innen hin dagegen, wo schon vorher die
-Elemente stark mit Kernen gefüllt werden, treten bald Haufen von kleinen
-Zellen auf, welche anfangs noch in den Richtungen und Formen liegen, wie
-die früheren Bindegewebskörperchen. Etwas später findet man hier
-rundliche Heerde oder diffuse »Infiltrationen«, innerhalb deren das
-Zwischengewebe äusserst spärlich ist und in dem Maasse, als die
-Zellenanhäufung sich weiter ausbreitet, immer mehr verzehrt oder
-erweicht wird. Einen wie grossen Antheil an diesen Vorgängen die
-Einwanderung farbloser Blutkörperchen aus den Gefässen hat, muss noch
-genauer festgestellt werden. Manche neueren, ziemlich einseitigen
-Auffassungen haben von offenbar falschen Voraussetzungen aus das
-Ergebniss der experimentellen Untersuchungen irrthümlich gedeutet.
-Indess ist dies um so mehr verzeihlich, da auch wir, indem wir nur der
-Proliferation gedachten, früher eben so einseitig waren. Für die spätere
-Geschichte der suppurativen Prozesse kommt übrigens wenig darauf an, ob
-man die neuen Zellen der Wucherung oder der Wanderung zuschreibt.
-
- [291] Archiv IV. 312. VIII. 415. XIV. 58. Spec. Pathol. u. Ther. I.
- 330, 337.
-
-Finden diese Prozesse an einer unversehrten Oberfläche statt, so sieht
-man zuweilen das Epithellager noch ganz zusammenhängend über die
-gereizte und etwas geschwollene Stelle hinweglaufen. Auch die äusserste
-Lage der Intercellularsubstanz erhält sich oft noch lange Zeit, während
-alle tieferen Theile des Bindegewebes schon mit Eiterkörperchen erfüllt,
-»infiltrirt« oder »abscedirt« sind. Endlich berstet die Oberfläche oder
-sie wird auch ohne Berstung direkt transformirt in eine weiche,
-zerfliessende Masse. Diese Formen geben nach und nach die sogenannten
-=Granulationen=, welche immer aus einem Gewebe bestehen, wo in eine
-schwache Quantität von weicher Intercellularsubstanz mehr oder weniger
-zahlreiche, wenigstens in dem eigentlich wuchernden Stadium der
-Granulationen runde Elemente eingesetzt sind. Je weiter wir gegen die
-Oberfläche kommen, um so mehr zeigen die Zellen, welche in der Tiefe
-mehr einkernig sind, Theilungen der Kerne und an der letzten Grenze kann
-man sie nicht mehr von Eiterkörperchen unterscheiden. Es pflegt dann
-eine Ablösung des Epithels stattzufinden, und endlich kann es sein, dass
-die Grundsubstanz zerfliesst und die einzelnen Elemente sich frei
-ablösen. Bleibt die Wucherung oder Auswanderung der Zellen reichlich, so
-bricht die Masse fortwährend auf, die Elemente schütten sich auf der
-Oberfläche aus, und es findet eine Zerstörung statt, welche immer tiefer
-in das Gewebe eingreift und immer mehr Elemente auf die Oberfläche
-wirft. Das ist das eigentliche =Geschwür=.
-
-Nach der gewöhnlichen Vorstellung, wo man den Eiter aus einem beliebigen
-Exsudat ableitete, war diese Art von Ulceration gar nicht recht
-begreiflich; man sah sich immer genöthigt, eine besondere Art der
-Umwandlung des Gewebes neben der Eiterung anzunehmen, und man kam
-endlich dahin, dem Eiter eine Fähigkeit der chemischen Lösung
-zuzuschreiben. Aber auf chirurgischem Wege hat man sich schon lange auf
-das Mannichfachste überzeugt, dass flüssiger Eiter nicht schmelzend
-einwirkt. Man hat in Eiterhöhlen Knochen hineingesteckt, sie wochenlang
-darin liegen lassen, und wenn man sie nachher hervorlangte und wog, so
-waren sie eher schwerer geworden durch Aufnahme flüssiger Substanz; es
-hatte sich aber kein Erweichungszustand gebildet, ausser dem durch
-Fäulniss bedingten. Nur die Granulationen und ähnliche wuchernde Gewebe
-»fressen« wirklich den Knochen an (S. 521). In wie weit bei der Eiterung
-das Gewebe durch eine wirkliche Auflösung zerstört wird, das hängt
-hauptsächlich davon ab, ob die Grundsubstanz, welche die jungen Elemente
-umgibt, vollkommen flüssig wird. Behält sie eine gewisse Consistenz, so
-beschränkt sich der Prozess auf die Hervorbringung von Granulationen,
-und diese können eben so gut hervorgehen aus einer intacten, wie aus
-einer vorher verletzten Oberfläche. In der Chirurgie nimmt man häufig
-an, dass die Granulationen sich stets auf der Oberfläche eines
-Substanzverlustes bilden, allein sie gehen jedesmal direkt aus dem
-Gewebe hervor. Sie entstehen unmittelbar in dem Knochen, ohne dass an
-demselben ein Substanzverlust vorherging. Ebenso direkt in der Cutis
-unter intacter Epidermis, ebenso an Schleimhäuten. Erst in dem Maasse,
-als sie sich entwickeln, verliert die Oberfläche ihren normalen
-Charakter.
-
-Jede solche Entwickelung, gleichviel ob sie am Epithel oder am
-Bindegewebe erfolgt, geschieht heerdweise[292], und zwar genau so, wie
-an der Grenze des Ossificationsrandes des Knochens, wo jene mächtigen
-Gruppen von Knorpelzellen liegen (Fig. 113, I. 134, _p_), welche einer
-einzigen früheren Knorpelzelle entsprechen. Es handelt sich dabei in der
-That um Vorgänge, welche in gewöhnlichen Erscheinungen des Wachsthums
-ihr Analogen finden. Wie ein Knorpel, wenn er nicht verkalkt, z. B. in
-der Rachitis, endlich so beweglich wird, dass er seine Function als
-Stützgebilde nicht mehr erfüllen kann, so schwindet überall unter der
-Entwickelung der Granulation und Eiterung allmählich die Festigkeit des
-Gewebes. Damit verbindet sich sehr gewöhnlich eine Lockerung des
-Zusammenhanges, eine Erweichung, endlich eine Schmelzung des Gewebes. So
-verschieden also scheinbar diese Vorgänge der Destruction von den
-Vorgängen des Wachsthums sind, so fallen sie doch an einem gewissen
-Punkte vollständig damit zusammen. =Es gibt ein Stadium, wo man nicht
-mit Sicherheit entscheiden kann, ob es sich an einem Theile um
-einfache Vorgänge des Wachsthums oder um die Entwickelung einer
-heteroplastischen, zerstörenden Form handelt=.
-
- [292] Spec. Pathologie und Therapie. I. 337.
-
-[Illustration: =Fig=. 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei
-Carcinoma mammae. _a_ Bindegewebskörperchen, _b_ Theilung der Kerne, _c_
-Theilung der Zellen, _d_ reihenweise Anhäufung der Zellen, _e_
-Vergrösserung der jungen Zellen und Bildung der Krebsheerde (Alveolen),
-_f_ weitere Vergrösserung der Zellen und der Heerde. _g_ Dieselbe
-Entwickelung auf dem Querschnitt. Vergr. 300.]
-
-Die eben geschilderte Art der Entwickelung ist aber nicht etwa dem Eiter
-als solchem eigenthümlich, sondern sie findet sich in ähnlicher Weise
-bei jeder heteroplastischen Entwickelung; die ersten Veränderungen,
-welche wir bei der Eiterung durch Proliferation constatiren, finden sich
-genau ebenso bei jeder Art von Heteroplasmen bis zu den äussersten
-malignen Formen hin[293]. Die erste Entwickelung des Sarkoms, des
-Krebses und Cancroids zeigt dieselben Stadien: man muss nur weit genug
-in der Entwickelungs-Geschichte zurückgehen, dann stösst man auch
-zuletzt immer auf ein Stadium, wo man in den tieferen und jüngeren
-Schichten indifferente Zellen antrifft, welche erst durch spätere
-Differenzirung je nach den Besonderheiten der Reizung den einen oder den
-anderen Typus annehmen. Man kann daher auch im Grossen die Geschichte
-der meisten Neubildungen, die ihrem Haupttheile nach aus Zellen
-bestehen, gleichviel welches Muttergewebe sie haben, unter einen ganz
-gleichen Gesichtspunkt bringen. Die Form, unter welcher der Krebs
-schliesslich ulcerirt, hat mit der eiterigen Ulceration eine so grosse
-Aehnlichkeit, dass man seit langer Zeit beide Dinge als gleichartige
-betrachtet hat; schon im Alterthum stellte man die fressende Form der
-Eiterung, die sogenannten Schanker (Cancer) in Parallele mit der
-krebsigen »Eiterung« oder Verjauchung.
-
- [293] Geschwülste I. 74, 89.
-
-Wesentlich verschieden gestalten sich aber die einzelnen Neubildungen in
-einer späteren Epoche ihrer Ausbildung dadurch, dass ihre Elemente eine
-sehr verschiedene Entwickelungshöhe erreichen, oder anders ausgedrückt,
-dass die Zeitdauer, für welche ihre Elemente angelegt werden, =das
-mittlere Lebensalter der einzelnen Elemente=[294], ausserordentlich
-verschieden ist. Im dritten Capitel (S. 67) habe ich diese Art der
-Betrachtung eingehend dargelegt und namentlich den Unterschied der
-Dauer- und Zeitgewebe ausführlich erörtert. Aber auch die Zeitgewebe
-(Telae temporariae) haben Elemente von sehr verschiedener Lebensdauer.
-Wenn wir an einem Punkte, wo Eiterung stattgefunden hat, einen Monat
-später untersuchen, so können wir, auch wenn der Eiter scheinbar immer
-noch vorhanden ist, nicht mehr darauf rechnen, in dem Heerde unversehrte
-Eiterkörperchen zu finden. Eiter, der Wochen und Monate lang irgendwo
-gesteckt hat ist genau genommen kein Eiter mehr; es ist zerfallene
-Masse, Detritus, aufgelöste Bestandtheile, welche durch fettige
-Metamorphose, faulige Umsetzung, Kalkablagerung und dergleichen mehr
-verändert sind. Dagegen kann ein Krebsknoten Monate lang bestehen und
-dann noch sämmtliche Elemente unversehrt enthalten. Wir können also mit
-Bestimmtheit sagen, dass ein krebsiges Element längere Zeit zu existiren
-vermag, als ein eiteriges, gerade so, wie die Schilddrüse länger
-existirt, als die Thymusdrüse, oder wie einzelne Theile des
-Sexualapparates auch im Laufe des gesunden Lebens frühzeitig zu Grunde
-gehen, während andere sich das ganze Leben hindurch erhalten (S. 73). So
-ist es auch bei pathologischen Neubildungen. Zu einer Zeit, wo gewisse
-Arten von Elementen schon lange ihren Rückbildungsgang angetreten haben,
-fangen andere erst an, ihre volle Entwickelung zu machen. Bei manchen
-Neubildungen beginnt die Rückbildung verhältnissmässig so frühzeitig, ja
-sie stellt so sehr den gewöhnlichen Befund dar, dass die
-besten Untersucher die Rückbildungsstadien für die eigentlich
-charakteristischen angesehen haben. Bei dem Tuberkel hatten bis zu
-meinen Untersuchungen eigentlich alle neueren Beobachter, welche sich
-ex professo mit dem Studium desselben befasst haben, sein
-Rückbildungsstadium für das eigentlich typische, das Ende für den Anfang
-genommen und daraus Schlüsse auf die Natur des ganzen Vorganges gezogen,
-welche man mit demselben Rechte auch auf die Rückbildungsstufen von
-Eiter und von Krebs hätte anwenden können[295].
-
- [294] Archiv I. 194, 222. Spec. Pathol. u. Ther. I. 332.
-
- [295] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. Archiv XXXIV. 69.
-
-Wir vermögen bis jetzt mit vollkommener Sicherheit für wenige Elemente
-in Zahlen anzugeben, welche mittlere Lebensdauer ihnen zukommt. Offenbar
-existiren hier ähnliche Schwankungen, wie bei den normalen Organen.
-Allein unter allen pathologischen Neubildungen mit flüssiger
-Intercellularsubstanz gibt es keine einzige, welche sich dauerhaft zu
-erhalten vermöchte, keine einzige, deren Elemente zu bleibenden
-Bestandtheilen des Körpers werden und so lange existiren könnten, wie
-das Individuum. Es könnte dies allerdings insofern zweifelhaft
-erscheinen, als manche Arten von malignen Geschwülsten viele Jahre
-hindurch bestehen und das Individuum sie von dem Zeitpunkte an, wo sie
-sich entwickeln, bis zu seinem vielleicht sehr spät erfolgenden Tode
-behält. =Allein man muss die Geschwulst als Ganzes von den einzelnen
-Theilen derselben unterscheiden=. Innerhalb einer Krebsgeschwulst, die
-viele Jahre lang besteht, sind es nicht dieselben Elemente, welche so
-lange bestehen; vielmehr erfolgt eine oft sehr zahlreiche Succession
-immer neuer Bildungen. Diese Bildungen können innerhalb der Grenzen des
-Gesammtgebildes liegen, so dass dieses gleichsam von innen heraus immer
-mehr »auswächst« und anschwillt. Am besten sieht man dies bei Polypen,
-welche daher auch schon seit alten Zeiten als ein Mustergebilde für die
-eigentlich parasitischen Gewächse angesehen worden sind. Aber für die
-Mehrzahl der Neubildungen, namentlich der im Inneren der Organe
-auftretenden, gilt diese Erfahrung nur im geringen Umfange. Die erste
-Entwickelung einer Geschwulst oder eines Abscesses geschieht hier an
-einem bestimmten Punkte, aber ihr weiteres Wachsthum besteht in der
-Regel nicht darin, dass aus diesem Punkte heraus immer neue
-Entwickelungen geschehen, oder dass hier eine Intussusception von
-Stoffen stattfindet, welche zu einer dauerhaften Entfaltung des Ganzen
-nach ausserhalb verarbeitet werden. Vielmehr bilden sich im Umfange des
-ersten Heerdes neue kleine, accessorische Heerde, welche, indem sie sich
-vergrössern, sich dem ersten anschliessen und so nach und nach eine
-immer weiter gehende Vergrösserung des einmal bestehenden Knotens
-setzen[296]. Liegt die Geschwulst an der Oberfläche eines Organs, so
-zeigt sich auf dem Durchschnitte eine halbkreisförmige Zone jüngster
-Substanz an der Peripherie des Knotens; liegt sie inmitten eines Organs,
-so bilden die neuen Appositionen eine sphärische Schale um das ältere
-Centrum. Untersuchen wir eine Geschwulst, nachdem sie vielleicht ein
-Jahr lang bestanden, so ergibt sich gewöhnlich, dass in der Mitte die
-zuerst gebildeten Elemente gar nicht mehr vorhanden sind. Hier finden
-wir die Elemente zerfallen, durch fettige Prozesse aufgelöst. Liegt die
-Geschwulst an einer Oberfläche, so besitzt sie, oft in der Mitte ihrer
-Hervorragung eine nabelförmige Einziehung, und das nächste Stück
-darunter stellt eine dichte Narbe dar, welche nicht mehr den
-ursprünglichen Charakter der Neubildung an sich trägt. Diese
-rückgängigen Formen habe ich zuerst beim Krebs beschrieben, besonders an
-der Leber, der Lunge und dem Darm, wo sie leicht zu constatiren
-sind[297].
-
- [296] Archiv V. 238. Geschwülste I. 50, 98.
-
- [297] Archiv I. 184-92.
-
-Immer kann man sich überzeugen, dass, =was man eine Geschwulst nennt und
-als eine Einheit betrachtet, vielmehr eine Vielheit, eine oft unzählbar
-grosse Summe von vielen kleinen miliaren Heerden ist=, von denen jeder
-einzelne zurückgeführt werden muss auf einzelne oder wenige
-Mutter-Elemente. Indem in dieser Weise die Bildungen fortschreiten,
-gleichviel ob Eiter oder Tuberkel oder Krebs, so setzen sich immer neue
-Zonen von jungen Heerden an die alten an, und wir werden, wenn wir
-überhaupt die Entwickelungsgeschichte solcher Neoplasmen verfolgen
-wollen, mit grosser Sicherheit darauf rechnen können, dass in der
-äussersten Umgebung die jungen, im Centrum die alten Theile liegen. =Nun
-erstreckt sich aber die Zone der letzten Erkrankung gewöhnlich um ein
-Bedeutendes über die mit blossem Auge erkennbare Zone der Veränderung
-hinaus=. Wenn man irgend eine wuchernde Geschwulst von zelligem
-Charakter untersucht, so findet man oft 3-5 Linien weit über die
-scheinbare Grenze der Geschwulst hinaus die Gewebe schon erkrankt und
-die Anlage einer neuen Zone gegeben. Liegt die Neubildung in einem
-Theile, dessen Gewebe in gewissen Richtungen der Erkrankung sehr viel
-leichter zugänglich sind, so wird begreiflich die junge Masse keine
-eigentliche Zone oder Schale um den alten Heerd bilden, sondern sich
-vielleicht strangförmig in jenen Richtungen fortsetzen. Das ist die
-Hauptquelle für die örtlichen Recidive nach der Exstirpation, denn diese
-kommen dadurch zu Stande, dass die für das blosse Auge nicht erkennbare
-Zone, sowie die nächsten hinderlichen Momente weggefallen sind, zu
-wachsen anfängt. Es geschieht hier keine neue Ablagerung vom Blut aus,
-sondern es sind die schon in dem benachbarten Gewebe vorhandenen,
-neugebildeten Keime, welche in derselben Weise, wie das sonst geschehen
-sein würde, oder auch wohl noch schneller ihre weitere Entwickelung
-durchmachen[298].
-
- [298] Geschwülste I. 46.
-
-Diese Erfahrung halte ich deshalb für ausserordentlich wichtig, weil sie
-uns zeigt, dass alle diese Bildungen einen =contagiösen Habitus= an sich
-haben. Solange, als man sich dachte, dass die einmal gegebene Masse nur
-von sich aus wuchere, so lange konnte es natürlich scheinen, als habe
-man weiter keine andere Aufgabe, als der Geschwulst die weitere Zufuhr
-abzuschneiden. Aber es wird offenbar in dem Heerde selbst ein
-contagiöser Stoff gebildet, und wenn die zunächst an den
-Erkrankungsheerd anstossenden Elemente, welche durch Anastomosen mit den
-erkrankten Elementen in Verbindung stehen, gleichfalls die heterologe
-Wucherung eingehen, so kann man sich die Sache wohl nicht anders denken,
-als dass die Erkrankung genau ebenso erfolgt, wie die Erkrankung der
-nächsten Lymphdrüsen, welche in der Richtung des von der erkrankten
-Stelle ausgehenden Lymphstromes liegen. Je mehr Anastomosen die Theile
-besitzen, um so leichter erkranken sie, und umgekehrt. An dem Knorpel
-sind die malignen Erkrankungen so selten, dass man in der Regel annimmt,
-er sei ganz und gar unfähig dazu. So findet man zuweilen an einem
-Gelenke über sarkomatösen oder carcinomatösen Geschwülsten nur noch den
-Knorpelüberzug erhalten, während alles andere zerstört ist. So sehen
-wir, dass die fibrösen Theile, welche reich sind an elastischen
-Elementen, z. B. die Fascien, sehr wenig Disposition zu contagiöser
-Erkrankung haben, ja lange Zeit als Isolatoren krankhafter Prozesse
-dienen. Dagegen, je weicher ein Grundgewebe ist, je besser die Leitung
-stattfinden kann, um so sicherer können wir erwarten, dass bei
-Gelegenheit in dem Theile neue Erkrankungsheerde auftreten werden. Ich
-habe deshalb geschlossen, dass die Infection von dem bestehenden Heerde
-auf die anastomosirenden Nachbarelemente unmittelbar durch kranke Säfte
-übertragen wird, =ohne Dazwischenkunft von Gefässen und Nerven=[299].
-Freilich sind die Nerven oft die besten Leiter für die Fortpflanzung von
-contagiösen Neubildungen, aber nicht als Nerven, sondern als Theile mit
-weichem Zwischengewebe (Perineurium).
-
- [299] Archiv V. 246. Spec. Pathol. u. Ther. I. 339. Geschwülste I. 51.
-
-Hier ergibt sich die Bedeutung der anastomosirenden Elemente des
-Gewebes, der Werth der Cellular-Theorie für die Deutung der Prozesse auf
-das Augenscheinlichste. Man kann, wenn man einmal diese Art der Leitung
-kennen gelernt hat, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersehen,
-wohin in gewissen Theilen mit bekannter Art der Leitung die Richtung der
-Erkrankung gehen werde, und wo die grössere oder geringere Gefahr liegt.
-Auch wird es begreiflich, dass die Gefahr nicht bloss nach der Natur des
-Krankheitsprozesses, sondern auch nach der anatomischen Einrichtung des
-befallenen Organes verschieden gross ist, und dass derselbe Prozess an
-verschiedenen Organen, ganz abgesehen von der functionellen Bedeutung
-der letzteren, einen ganz verschiedenen Werth hat. Es ist bis jetzt
-unerweislich, ob in derselben Weise, wie die Infection der Nachbartheile
-wahrscheinlich geschieht, nehmlich durch Saftleitung, auch die Infection
-entfernter Theile zu Stande kommt, ob namentlich das Blut von dem Heerde
-aus etwas Schädliches aufnimmt und einem entfernten Orte zuleitet. Ich
-muss bekennen, dass ich in Beziehung auf die Einzelheiten dieses
-Vorganges keine hinreichend beweisenden Thatsachen kenne, und dass ich
-die Möglichkeit zugeben muss, dass die Verbreitung durch Gefässe
-möglicher Weise auf einer Zerstreuung von Zellen aus den Geschwülsten
-selbst beruhen mag. Indessen gibt es auch hier viele Thatsachen, welche
-für die Infection durch wirklich losgelöste Zellen sehr wenig sprechen,
-z. B. den Umstand, dass gewisse Prozesse gegen den Lauf der
-Lymphströmung fortschreiten, dass nach einem Brustkrebs eine Erkrankung
-der Leber stattfindet, während die Lunge frei bleibt. Hier scheint es
-ziemlich wahrscheinlich zu sein, dass Säfte aufgenommen werden, welche
-die weitere Verbreitung bedingen (S. 257). Natürlich schliesst die
-Contagion durch inficirende Säfte die Möglichkeit einer Contagion durch
-=Seminien= im zelligen Sinne nicht aus. Ich habe schon früher Thatsachen
-mitgetheilt[300], welche für eine =Dissemination= durch Zellen sprechen,
-und seitdem wir die automatischen Bewegungen vieler thierischer Elemente
-kennen gelernt haben (S. 353), ist diese Möglichkeit noch näher
-getreten. Indess muss man sich ja hüten, nicht exclusiv zu sein. Gerade
-die neuesten Erfahrungen über die Impfbarkeit des Tuberkels haben
-gelehrt, dass es zur Hervorrufung neuer Tuberkel keiner wirklich
-tuberkulösen und selbst keiner lebenden Zellen bedarf, sondern dass
-allerlei regressive Stoffe diese Fähigkeit in hohem Maasse an sich
-haben.
-
- [300] Geschwülste I. 54.
-
-Mit diesen Vorkenntnissen ist es nicht schwierig, eine andere Frage zu
-beantworten, welche sowohl praktisch, als theoretisch sehr wichtig ist,
-nehmlich die über den sogenannten =Parasitismus= der Neubildungen[301].
-
- [301] Archiv IV. 390. Spec. Pathol. u. Ther. I. 334. Geschwülste I.
- 19, 105.
-
-Nach meiner Meinung ist der Gesichtspunkt des Parasitismus, den die
-Alten für einen grossen Theil der Neubildungen festhielten, vollkommen
-gerechtfertigt. In der That muss jede Neubildung, welche dem Körper
-keine brauchbaren Gebilde zuführt, als ein parasitisches Wesen am Körper
-betrachtet werden. Erinnere man sich nur, dass der Begriff des
-Parasitismus nur graduell etwas Anderes bedeutet, als der Begriff der
-Autonomie jedes Theiles des Körpers. Jede einzelne Epithelial- und
-Muskelzelle, jedes Knorpel- und Bindegewebskörperchen führt im
-Verhältniss zu dem übrigen Körper eine Art von Parasitenexistenz, so gut
-wie jede einzelne Zelle eines Baumes im Verhältniss zu den anderen
-Zellen desselben Baumes eine besondere, ihr allein zugehörende Existenz
-hat und den übrigen Elementen für ihre Bedürfnisse (Zwecke) gewisse
-Stoffe entzieht. Der Begriff des Parasitismus, im engeren Sinne des
-Wortes, entwickelt sich unmittelbar aus dem Begriffe der Selbständigkeit
-der einzelnen Theile. Der Grad der Selbständigkeit der einzelnen Theile
-ist aber überaus verschieden. Während gewisse Elemente, z. B. die
-Ganglienzellen, sich nur im stetigen Zusammenhange mit dem Körper
-erhalten, können andere, wie die Flimmerzellen, die farblosen
-Blutkörperchen lange Zeit davon getrennt sein und doch ihre
-Eigenschaften bewahren. Wandert ein mobilisirtes Bindegewebskörperchen
-aus und siedelt es sich an einem anderen Orte an, so verhält es sich
-nahezu, wie ein Entozoon, welches in den Körper eingewandert ist, und es
-kann seine neue Existenz, wie das Entozoon, nur begründen, indem es sich
-parasitisch von der Nachbarschaft ernährt. Aus dieser Analogie erklärt
-es sich, dass ein Entozoon, wie ein Theil des Körpers selbst, sich einem
-fremden Organismus einfügen kann, und dass die mehr heterologen
-Neubildungen, deren scheinbare Fremdartigkeit so viele Beobachter
-irregeführt hat, von Vielen als entozoische Wesen angesprochen worden
-sind.
-
-So lange das Bedürfniss der übrigen Theile die Existenz eines Theiles
-voraussetzt, so lange dieser Theil in irgend einer Weise den anderen
-Theilen nützlich ist, so lange spricht man nicht von einem Parasiten;
-man thut dies aber von dem Augenblicke an, wo der Theil dem übrigen
-Körper fremd oder schädlich wird. Der Begriff des Parasiten ist daher
-nicht zu beschränken auf eine einzelne Reihe von Geschwülsten, sondern
-er gehört allen plastischen (formativen) Erzeugnissen an, vor Allem den
-heteroplastischen, welche in ihrer weiteren Entwickelung nicht homologe
-Producte, sondern Neubildungen hervorbringen, welche für die
-Zusammensetzung des Körpers mehr oder weniger ungehörig sind. Ein jedes
-ihrer Elemente entzieht dem Körper Stoffe, welche zu anderen Zwecken
-gebraucht werden könnten, und da das Neoplasma schon von vornherein
-durch seine Bildung (S. 527) normale Theile zerstört hat, da schon seine
-erste Entwickelung den Untergang seiner Muttergebilde voraussetzt, so
-wirkt es sowohl destructiv im Beginne, als auch räuberisch im Verlaufe.
-
-
-
-
- Zweiundzwanzigstes Capitel.
-
- Form und Wesen der pathologischen Neubildungen.
-
-
- Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen.
- Die Consistenz als Eintheilungsprinzip. Vergleich mit einzelnen
- Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare
- Heterologie des Tuberkels, Colloids u. s. f.
-
- Verschiedenheit von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom,
- Papillargeschwulst, Tuberkel.
-
- Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome, Papillome) und
- specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst).
-
- Der Tuberkel: Infiltration und Granulation. Tuberkelkörperchen. Der
- entzündliche Ursprung der Tuberkel. Käsige Pneumonie und
- Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der Tuberkel aus
- Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre Knoten. Die käsige
- Metamorphose.
-
- Das Colloid: Myxom. Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs.
-
- Die physiologischen Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide
- Natur des Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des
- Krebses, des Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids,
- bindegewebige des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über
- die Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit,
- nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der
- Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch
- regressive Stoffe.
-
- Vergleich der pathologischen Neubildung bei Thieren und Pflanzen.
- Schluss.
-
-Der praktische Arzt, welcher mit pathologischen Neubildungen zu thun hat
-und dieselben diagnosticiren soll, stellt zunächst die Frage an die
-Pathologen, an welchem Punkte eigentlich die Differenzirung der
-Neubildungen und damit die Möglichkeit ihrer Diagnose beginne. Mit Recht
-genügt es ihm nicht, zu wissen, dass die grosse Mehrzahl der
-Neubildungen aus Bindegewebe oder aus Theilen, welche dem Bindegewebe
-aequivalent sind, eine kleinere Zahl aus Epithel und lymphatischen
-Gebilden hervorgeht, dass die ersten Anlagen für viele Neubildungen
-nahezu gleichartig sind, dass im Besonderen die Theilung der Kerne, ihre
-Vermehrung, die endliche Theilung der Zellen in fast allen Neubildungen,
-in den gut- wie bösartigen, in den hyperplastischen wie
-heteroplastischen sich auf dieselbe Weise darstellt. Glücklicherweise
-ist aber diese Gleichartigkeit eine vorübergehende; es dauert nicht
-lange, bis an jedem einzelnen Gebilde irgend eine charakteristische
-Erscheinung hervortritt, wodurch wir in die Lage gesetzt werden, seine
-Natur deutlich zu erkennen.
-
-In diesem Punkte, wo es sich um die Kriterien der Neubildungen handelt,
-ist freilich auch gegenwärtig eine Einigkeit der Ansichten keinesweges
-gewonnen, und auch hier ist es daher meine Aufgabe, zu zeigen, wie ich
-zu meinen, zum Theil so abweichenden Ansichten gelangt bin, und aus
-welchen Gründen ich mich von dem ausgetretenen Wege entfernen zu müssen
-geglaubt habe.
-
-Die Namen, mit denen man die einzelnen Neubildungen zu belegen pflegt,
-haben sich, wie man weiss, oft ziemlich zufällig, zum Theil in sehr
-willkürlicher Weise gestaltet[302]. Der Versuch, eine regelmässige
-Terminologie herzustellen, ist in älterer Zeit eigentlich nur in
-Beziehung auf die Consistenz der Geschwülste gemacht worden, indem man
-Eintheilungsgründe davon hernahm, dass die Substanz der Neubildung bald
-hart, bald weich, flüssig, breiig, gallertartig u. s. f. ist, und danach
-die Steatome, die Skirrhen, die Meliceriden, die Atherome u. s. w. von
-einander trennte. Es versteht sich von selbst, dass die Begriffe, welche
-man jetzt an manche dieser Dinge knüpft, abgethan werden müssen, wenn
-man die ursprüngliche Bedeutung jener Bezeichnungen verstehen will. Wenn
-man heut zu Tage einen atheromatösen Prozess statuirt, so ist das
-etwas, was den Alten ganz fern gelegen hat. Wenn die heutigen
-Geschwulstanatomen sich bemühen, ein Steatom zu entdecken, welches eine
-feste Fettgeschwulst sein soll, so muss man sich erinnern, dass die
-Stearin-Fabrikation zur Zeit, als das Steatom aufkam, noch nicht bekannt
-war, und dass die Alten niemals den Gedanken gehabt haben, welcher den
-heutigen Geschwulstlehrern nicht aus dem Kopfe will, dass das Steatom
-eine Stearin- oder überhaupt eine Fettgewebsgeschwulst sei. Gewöhnlich
-meinte man nur eine etwas derbere, »speckige« Geschwulst (S. 433). In
-diesem Sinne sprach noch =Bichat= von einem steatomatösen Zustande der
-skrofulösen Lymphdrüsen, womit er offenbar dasselbe meinte, was ich den
-käsigen Zustand genannt habe.
-
- [302] Geschwülste I. 9.
-
-Die besseren Bezeichnungen, welche man im Anfange dieses Jahrhunderts
-einzuführen begann, stützten sich mehr auf Vergleichungen, welche man
-zwischen den Neubildungen und einzelnen normalen Theilen oder Geweben
-des Körpers machte. Der Ausdruck »Markschwamm« ging ja ursprünglich aus
-der Vorstellung hervor, dass die Markschwämme von den Nerven entständen
-und sich in ihrer Zusammensetzung wie Nervenmasse verhielten. Diese
-Vergleiche sind aber bis in die Neuzeit immer sehr willkürlich gewesen,
-weil man sich auf mehr oder weniger grobe Aehnlichkeiten in der äusseren
-Erscheinung stützte, ohne die feineren Besonderheiten des Baues und
-namentlich die wirklich histologische Zusammensetzung zu würdigen.
-
-Neuerlich hat man, hier und da sogar mit einer grossen Affectation,
-angefangen, die normalen Gebilde für eine gewisse Reihe von Neubildungen
-als terminologische Anhaltspunkte zu benutzen. Manche legen einen
-gewissen Werth darauf und halten es für mehr wissenschaftlich,
-Epitheliom zu sagen, wo Andere Cancroid oder Epithelialkrebs sagen. So
-hat man in Frankreich bekanntlich sehr viel Gewicht darauf gelegt, die
-Sarkome fibroplastische Geschwülste zu nennen, weil man mit =Schwann=
-das geschwänzte Körperchen für den Ausgang der Faserbildung im
-Bindegewebe hielt, was meiner Ansicht nach (S. 41) ein Irrthum ist.
-Allein trotz dieser Verirrungen ist es nothwendig, den histologischen
-Gesichtspunkt als den entscheidenden zu betrachten; nur, glaube ich, ist
-es von vorn herein nicht anzurathen, dass man von diesem Gesichtspunkte
-aus sofort dazu schreitet, für alle Dinge neue Namen zu machen, und
-Dinge, welche man seit langer Zeit kennt, durch neue Namen dem
-allgemeinen Bewusstsein zu entfremden. Selbst Neubildungen, welche ganz
-evident dem Typus irgend eines bestimmten normalen Gewebes folgen, haben
-doch meistentheils Eigenthümlichkeiten, wodurch man sie von diesem
-Gewebe mehr oder weniger unterscheiden kann, so dass man keinesweges,
-wenigstens bei der Mehrzahl, die ganze Neubildung zu sehen braucht, um
-zu wissen, dass dies nicht die normale, regelmässige Entwickelung des
-Gewebes ist, dass vielmehr in derselben, trotzdem dass sie den Typus
-nicht verliert, doch etwas von dem gewöhnlichen Gange homologer
-Entwickelung Abweichendes liegt. Auch blieb in der Regel eine gewisse
-Zahl von Neubildungen übrig, bei denen man, zum Theil aus Mangel an
-bekannten physiologischen Typen, die äussere Erscheinung oder den
-klinischen Charakter als Grund der Terminologie beibehielt.
-
-Man spricht immer noch von einem Tuberkel, und der altgriechische Name,
-den =Fuchs= dafür wieder einzuführen versucht hat, Phyma, ist ein so
-unbestimmter, so leicht auf jedes »Gewächs« anwendbarer[303], dass er
-keine grosse Zustimmung gefunden hat. Manche andere Namen hat man in der
-letzten Zeit in einer immer grösseren Ausdehnung gebraucht, welche auch
-nichts weiter als Lückenbüsser sind, z. B. den des =Colloids=. Dieser
-Name ist im Anfange unseres Jahrhunderts von =Laennec= erfunden worden
-für eine Form von Geschwulst, welche er der Consistenz nach als analog
-dem halberstarrten Tischlerleim (Colla) bezeichnete; in ihrer recht
-entwickelten Form stellt sie eine halb zitternde Gelatine von farblosem
-oder leicht gelblichem Aussehen dar, welche im Ganzen den Eindruck einer
-fast strukturlosen Beschaffenheit macht. Während man sich früherhin
-vollkommen befriedigt erklärte, wenn man Zustände dieser Art als
-gallertartige, gelatinöse bezeichnete, so ist es manchen Neueren als ein
-Beweis höherer Einsicht erschienen, wenn sie statt Gallertgeschwulst
-oder Gallertmasse Colloidgeschwulst oder Colloidmasse sagten. Aber man
-muss ja nicht glauben, dass diejenigen, welche diese Bezeichnungen am
-meisten im Munde führen, damit etwas anderes ausdrücken wollen, als was
-die meisten Anderen einfach Gallertgeschwulst oder Gallerte oder Sulze
-kurzweg nennen. Es ist damit gerade wie zu den Zeiten =Homer='s mit dem
-Kraut [Griechisch: Môly], welches in der Sprache der Götter so genannt
-ward, anders aber von den Menschen[304]. Es ist daher sehr rathsam, dass
-man diese eigentlich nichtssagenden und nur hochtönenden Ausdrücke nicht
-unnöthiger Weise ausbreite, und dass man sich daran gewöhne, mit jedem
-Ausdrucke etwas Präcises zu sagen. Wenn man also wirklich prätendirt,
-histologische Eintheilungen zu machen, so darf man nicht mehr für jede
-Gallertgeschwulst den Ausdruck Colloid in Anwendung bringen, der
-überhaupt keinen histologischen Werth hat, sondern eben nur ein äusseres
-Aussehen ausdrückt, welches die allerverschiedenartigsten Gewebe unter
-Umständen annehmen können. =Laennec= selbst hat in einer etwas
-verderblichen Weise die Bahn gebrochen, indem er von einer colloiden
-Umwandlung fibrinöser Exsudate der Pleura gesprochen hat.
-
- [303] Archiv XXXIV. 21. Geschwülste I. 9. II. 560.
-
- [304] Odyss. X. 305. Anmerkung des Stenographen.
-
-Die Hauptschwierigkeit, welche sich hier ergibt, beruht darin, dass man
-keinen Unterschied zwischen =der blossen Form und dem Wesen= zu finden
-weiss. Man darf die Form nur da als entscheidendes Kriterium für die
-Diagnose verschiedener Neubildungen zulassen, wo sie eben auch mit einer
-wirklichen Eigenartigkeit des Gewebes zusammenhängt und nicht bloss aus
-zufälligen Eigenthümlichkeiten des Ortes oder der Lagerung resultirt.
-Will man z. B. den Namen des Colloids anwenden, so kann man zwei Wege
-einschlagen. Man kann entweder damit nichts weiter als eine besondere
-Art des Aussehens bezeichnen, und dann wird man allerdings verschiedene
-Geschwülste bekommen können, welche durch den adjectivischen Zusatz
-»colloid« von anderen Geschwülsten derselben Art unterschieden werden
-mögen. Man kann also sagen: Colloidkrebs, Colloidsarkom, Colloidfibrom.
-Hier bezeichnet colloid weiter nichts, als gallertig oder sulzig. Will
-man dagegen einen bestimmten Begriff von dem Wesen, der chemischen oder
-physicalischen Besonderheit der Colloidsubstanz oder der morphologischen
-Natur des Colloidgewebes haben, so kann man nicht zwei genetisch,
-chemisch und morphologisch ganz verschiedene Producte, wie das
-Schilddrüsen-Colloid[305] und den Colloidkrebs, zusammen bringen.
-
- [305] Geschwülste III. 27.
-
-Eine grosse Menge von Geschwülsten bringt, wenn sie an der Oberfläche
-sitzen, Wucherungen der Oberfläche mit sich, welche, je nach der Natur
-der Oberfläche, in Form von Zotten, Papillen oder Warzen hervortreten
-(Fig. 93, 131). Man kann alle diese Geschwülste unter einem Namen
-zusammenfassen und sie Papillome nennen, allein die Geschwülste, welche
-diese Form haben, sind oft toto coelo von einander verschieden[306].
-Während der eine Fall eine wahre hyperplastische Entwickelung
-darstellt[307], so finden wir in einem anderen im Grunde dieser Zotten,
-da, wo sie auf der Haut oder Schleimhaut aufsitzen, irgend eine
-besondere Art von Geschwulst. In manchen Fällen sind selbst die Zotten
-mit dieser Geschwulstmasse gefüllt. Dies ist ein sehr wesentlicher
-Unterschied. An einem =breiten Condylom= (Schleimtuberkel oder Plaque
-muqueuse von =Ricord=) findet man unter der an sich noch glatten
-Oberhaut die Papillen sich vergrössernd und endlich in ästige Figuren
-auswachsend, so dass sie förmliche Bäume darstellen. Diese Form des
-Condyloms kann aber verbunden sein mit einer =krebsigen= Entwickelung.
-An der Haut geschieht das verhältnissmässig weniger häufig, als an
-manchen Schleimhäuten. Hier kann es kommen, dass wirklicher Krebs in den
-Zotten sitzt. Es ist dies ja an sich nicht auffällig. Die Papille
-besteht aus Bindegewebe, wie die Haut, auf welcher sie sitzt; es kann
-also innerhalb der Papillen vom Bindegewebe (Stroma) aus eine
-Entwickelung von Krebsmasse stattfinden, wie von dem Bindegewebe der
-Haut. Nun lässt sich andererseits nicht leugnen, dass diese Besonderheit
-der Oberflächen-Bildung sehr häufig gewisse Eigenthümlichkeiten des
-Verlaufes erklärt, wodurch eine Papillärgeschwulst von derselben Art von
-Geschwulst, welche nicht papillär ist, sich auffallend unterscheidet.
-Jemand kann einen Blasenkrebs, wenn derselbe einfach in der Wand sitzt,
-sehr lange tragen, ohne dass in der Art der Absonderung, welche mit dem
-Harn entleert werden muss, andere Veränderungen zu bestehen brauchen,
-als die eines einfachen Katarrhs. Sobald dagegen eine Zottenbildung an
-der Oberfläche stattfindet, so ist nichts gewöhnlicher, als dass sich
-Hämaturie damit complicirt, aus dem einfachen Grunde, weil jede Zotte
-auf der Harnblasenwand nicht mit einem festen Epidermisstratum überzogen
-wird, sondern unter einem losen Epithel fast frei zu Tage liegt. In das
-Innere der Zotten treten grosse Gefässschlingen ein, welche bis an die
-äusserste Oberfläche reichen; jede erhebliche mechanische Einwirkung
-gibt daher ein Moment für Hyperämie und Berstung der Zotten ab. Eine
-krampfhafte Zusammenziehung der Harnblase treibt, indem die Fläche, auf
-welcher die Zotten aufsitzen, sich verkürzt, das Blut in die
-Zottenspitzen, und wenn nun noch die mechanische Friction der Flächen
-hinzukommt, so ist nichts leichter, als dass eine bald mehr bald weniger
-beträchtliche Blutung erfolgt. Damit aber eine solche Blutaustretung zu
-Stande komme, ist es durchaus unnöthig, dass die Papillargeschwulst
-krebsig ist. Ich habe Fälle gesehen, wo Jahre lang von Zeit zu Zeit
-heftige und schliesslich unstillbare Blutungen eintraten, unter denen
-die Kranken endlich anämisch zu Grunde gingen, und wo nicht die Spur von
-einer krebsigen Infiltration des Grundes oder der Zotten existirte,
-sondern wo es eine ganz einfache Papillargeschwulst war, eine gutartige
-Bildung, welche an der Oberfläche der Haut mit Leichtigkeit hätte
-abgeschnitten oder abgebunden werden können, welche aber bei der
-Verborgenheit des Sitzes hier eine Reihe von Erscheinungen mit sich
-brachte, die man bei Lebzeiten nicht anders, als auf eine wirklich
-bösartige Neubildung zu beziehen wusste.
-
- [306] Würzburger Verhandl. I. 107.
-
- [307] Geschwülste I. 334.
-
-Ganz ähnlich verhält es sich mit den viel besprochenen
-=Blumenkohl-Geschwülsten=[308], wie sie sowohl an der Oberfläche der
-Genitalien des Mannes, als auch der Frau vorkommen. Bei dem Manne, wo
-diese Papillärgeschwülste, ausgehend vom Praeputium, die Corona glandis
-umkränzen, sind sie meistentheils von einer sehr dicken Epidermis-Lage
-überzogen, so dass sie auch bei der Ulceration kaum eine erhebliche
-Absonderung liefern. Bei der Frau dagegen, wo die Geschwulst am Collum
-uteri, einem sehr gefässreichen, mit einem schwachen Epithelstratum
-überzogenen, von Natur mit einem reichen Papillarlager versehenen Theile
-sich findet, bedingt sie meistentheils sehr frühzeitig starke
-Transsudationen und bei Gelegenheit hämorrhagiscbe Austretungen von
-fleischwasserartiger oder wirklich rother, cruenter Flüssigkeit. Bei
-diesen Formen ist man häufig im Zweifel gewesen, um was es sich handelt.
-Ich habe es erlebt, dass ein renommirter Chirurg in die Klinik von
-=Dieffenbach= kam, welcher eben einen Penis wegen »Carcinom« amputirte,
-und dass der fremde Chirurg nachher erklärte, es sei ein einfaches
-Condylom gewesen. Hinwiederum habe ich Fälle untersucht, wo man Jahre
-lang an diesen Dingen herumkurirt hat, als ob es syphilitische Condylome
-wären, weil die äussere Erscheinung so überaus analog und es so überaus
-schwierig ist, das Kriterium zu ermitteln, welches genau die
-Entscheidung gibt, ob die Bildung nur der Oberfläche angehört, oder ob
-sie complicirt ist mit der Erkrankung des unterliegenden Gewebes. Es
-gibt allerdings heute sehr viele Anatomen und Chirurgen, welche die
-Vorstellung haben, dass auch an der Oberfläche ähnliche Bildungen
-wachsen könnten, wie sie im Innern vorkommen, dass z. B. eine
-Zottengeschwulst krebsig genannt werden müsse, wenn sie von Krebszellen
-wie von einem Epithel überzogen sei, ohne dass im Innern der Zotten
-irgend eine Entwickelung von Krebsmasse sich zeigte. In der That findet
-man zuweilen Zotten, welche ganz dünn sind und kaum so viel Bindegewebe
-enthalten, dass die in ihnen aufsteigenden Gefässe noch eingehüllt sind,
-in ein dickes Lager von Zellen eingeschlossen, welche durch die
-Unregelmässigkeit ihrer Gestalt, die Grösse ihrer Kerne, die
-Entwickelung der einzelnen Elemente mehr den Habitus des Krebses, als
-den des Epithels darbieten. Aber ich muss bekennen, dass ich mich bis
-jetzt nicht habe überzeugen können, dass Krebszellen an der freien
-Oberfläche von Häuten entstehen könnten, dass sie einfach aus Epithel
-hervorgingen; vielmehr glaube ich nach Allem, was ich gesehen habe, dass
-man eine ganz strenge Scheidung machen muss zwischen den Fällen, wo
-Zellenmassen, sie mögen noch so reichlich und sonderbar gestaltet sein,
-frei auf einer an sich intacten Grundsubstanz aufsitzen, und denjenigen,
-wo die Zellen im Parenchym der Theile selbst sich bildeten.
-
- [308] Würzb. Verhandl. I. 109. Gesammelte Abhandlungen 1020.
-
-[Illustration: =Fig=. 147. Senkrechter Durchschnitt durch ein
-beginnendes Blumenkohlgewächs des Collum uteri (Cancroid). An der noch
-intacten Oberfläche sieht man die ziemlich grossen Papillen des Os uteri
-von einem gleichmässigen geschichteten Epitheliallager umhüllt. Die
-Erkrankung beginnt erst jenseits der Schleimhaut in dem eigentlichen
-Parenchym des Cervix, wo grosse, rundliche oder unregelmässige
-Zelleneinsprengungen (Alveolen) das Gewebe durchsetzen. Vergr. 150.]
-
-Immer entscheidet sich, so viel ich wenigstens weiss, der Werth einer
-Bildung nach dem Verhältnisse des unterliegenden Gewebes oder des
-Zottengewebes selbst; und nur dann kann man eine Bildung als Cancroid
-oder Carcinom ansprechen, wenn neben der Entwickelung an der Oberfläche
-auch in der Tiefe oder in den Zotten selbst die besonderen Veränderungen
-vorhanden sind, welche eben diese Art von Bildung charakterisiren. Ich
-glaube daher, dass alle jene äusserlichen Formverschiedenheiten eben nur
-dazu dienen können, einzelne Arten derselben Geschwulst, aber
-keinesweges verschiedene Geschwülste von einander zu sondern. Es gibt
-Bindegewebsgeschwülste (Fibrome) der Oberfläche, die in Form von
-einfachen Knoten auftreten, andere welche in Form von Warzen und
-Papillargeschwülsten sich zeigen[309]. Ebenso gibt es Krebs- und
-Cancroidbildungen, welche die Blumenkohlform annehmen, und andere, die
-es nicht thun.
-
- [309] Geschwülste I. 320, 340.
-
-In Beziehung auf das Verhältniss von Form und Wesen gibt es eine andere,
-ganz cardinale Frage, die im Interesse der Menschheit bald zu einer
-gewissen Einmüthigkeit geführt werden sollte, nehmlich die: was man
-eigentlich unter einem =Tuberkel= zu verstehen habe. Dieselben
-Schwierigkeiten, welche ich eben bei den Papillargeschwülsten
-schilderte, finden sich beim Tuberkel in noch verstärktem Maasse
-wieder[310]. Die Alten haben den Namen Tuberkel eingeführt einfach nach
-der äusseren Form des Gebildes. Man hat jedes Ding Tuberkel genannt,
-welches in Form eines Knötchens hervortrat. Wie bekannt, ist es gar
-nicht so lange her, dass man nicht im Mindesten sorgfältig in der
-Anwendung dieses Ausdruckes war. Man sprach von Tubercula carcinomatosa,
-scirrhosa, man unterschied Tubercula scrofulosa und syphilitica, eine
-Sprechweise, welche zum Theil noch jetzt in Frankreich erhalten ist. Es
-war mit dem Tuberkel, wie mit dem Krebs, bei dem man sich von Alters her
-ja auch nicht etwa auf die eigentliche Geschwulst beschränkte; vielmehr
-rechnete man Noma (Cancer aquaticus) eben so gut dahin, wie Schanker
-(Cancer syphiliticus).
-
- [310] Geschwülste II. 621.
-
-Von dieser etwas oberflächlichen Anschauung ist man im Laufe unseres
-Jahrhunderts nach und nach zu tieferen Forschungen fortgeschritten, und
-es ist auch hier hauptsächlich das Verdienst von =Laennec= gewesen, die
-Lehre von der Einheit des Tuberkels aufgestellt zu haben. Allein er
-selbst hat wiederum die Schuld zu tragen, dass auch diese Angelegenheit
-in eine fast unheilbare Verwirrung gerathen ist. Indem er nehmlich zwei
-verschiedene Formen von Tuberkeln der Lunge, die sogenannte
-=Tuberkel-Infiltration= und die =Tuberkel-Granulation= annahm, so war er
-genöthigt, in Beziehung auf die Infiltration vollständig von dem alten
-Begriffe des Tuberkels abzuweichen. Denn hier war gar nicht mehr die
-Rede von Knötchen, sondern es handelte sich um eine gleichmässige
-Durchdringung des ganzen Parenchyms mit der krankhaften Masse. Damit war
-die Bahn gebrochen, auf der man sich immer weiter von dem alten Begriffe
-des Tuberkels entfernte. Nachdem einmal die Tuberkel-Infiltration
-geschaffen und die Form des Gebildes als diagnostisches Kriterium damit
-aufgegeben war, so nahm man auch die weitere Schilderung gewöhnlich von
-der Infiltration als dem Umfangreicheren her und suchte nach den
-Merkmalen, worin eigentlich die Infiltration mit der früher bekannten
-Form des Tuberkels übereinstimme. So ist es gekommen, dass allmählich,
-und zwar eigentlich schon durch =Bayle=, die käsige Beschaffenheit als
-der gemeinschaftliche Gattungscharakter aller Tuberkelproducte, nicht
-bloss als nächster Anhaltspunkt für die Unterscheidung, sondern auch als
-Ausgangspunkt für die Deutung des Vorganges überhaupt gebraucht worden
-ist. So ist es im Besonderen geschehen, dass man sich vorgestellt hat,
-der Tuberkel könne einfach in der Weise entstehen, dass ein beliebiges
-Exsudat seine wässerigen Bestandtheile verliere, sich eindicke, trübe,
-undurchsichtig, käsig werde, und in diesem Zustande liegen bleibe.
-
-Der Ausdruck der Tuberkelkörperchen, der bis vor Kurzem noch recht
-häufig in Anwendung kam, bezieht sich gerade auf das Stadium des
-Käsigen, und die genaue Schilderung, welche =Lebert= davon geliefert
-hat, läuft darauf hinaus, dass es Bildungen seien, welche mit keiner der
-bekannten organischen Formen übereinstimmen, welche weder Zellen, noch
-Kerne, noch sonst etwas Analoges seien, sondern kleine, rundliche oder
-eckige, solide Körperchen, häufig von Fettpartikelchen durchsetzt,
-darstellten (Fig. 73). Untersucht man aber die Entwickelung dieser
-Körper, so kann man sich an allen Punkten, wo sie vorkommen, überzeugen,
-dass sie aus früheren organischen Formelementen hervorgehen, dass sie
-nicht etwa die ersten missrathenen Producte, gleichsam ein verunglückter
-Versuch der Organisation sind, sondern dass sie einmal ganz
-wohlgerathene Elemente waren, die aber durch ein unglückliches Geschick
-frühzeitig in ihrem weiteren Fortkommen gehindert wurden und einer
-schnellen Verschrumpfung unterlagen. Immer kann man mit Sicherheit
-voraussetzen, dass, wo ein grösseres Körperchen dieser Art sich findet,
-vorher eine Zelle dagewesen ist, wo ein kleineres, vorher ein Kern,
-vielleicht innerhalb einer Zelle eingeschlossen, existirt hat[311].
-Eiterzellen, Lymphdrüsenkörperchen, Krebs- und Sarkomzellen können in
-solche »Tuberkelkörperchen« ebenso umgewandelt werden, wie wahre
-Tuberkelzellen.
-
- [311] Würzb. Verhandlungen I. 83.
-
-Untersucht man denjenigen Punkt, der für die neuere Lehre von
-der Tuberkulose der maassgebende gewesen ist, nehmlich die
-Tuberkel-Infiltration der Lunge, so kommt man leicht zu dem Resultate,
-welches =Reinhardt= als das letzte hingestellt hat, dass die Tuberkulose
-nichts weiter sei, als eine Form der Umbildung von Entzündungsproducten,
-und dass eigentlich alle Tuberkelmasse eingedickter Eiter sei. In der
-That ist das, was man Tuberkel-Infiltration genannt hat, mit wenigen
-Ausnahmen auf eine ursprünglich entzündliche, eiterige oder
-katarrhalische Masse zu beziehen, welche nach und nach durch eine
-unvollständige Resorption in den Verschrumpfungszustand gerathen ist, in
-welchem sie nachher liegen bleibt[312]. Allein =Reinhardt= hat sich
-darin getäuscht, dass er glaubte, Tuberkel zu untersuchen. Er ist irre
-geführt worden durch die grosse Complication der in der Lunge
-vorkommenden Prozesse[313], besonders aber durch die falsche Richtung,
-welche die ganze Doctrin von der Tuberkulose von =Laennec= bis auf ihn
-namentlich durch die Schuld der Wiener genommen hat. Hätte er sich daran
-gehalten, den alten Begriff des Knötchens zu verfolgen, hätte er die
-Knotensubstanz in ihren verschiedenen Stadien untersucht, und hätte er
-die verschiedenen Organe, in welchen der knotige Tuberkel vorkommt,
-darauf verglichen, so würde er unzweifelhaft zu einem anderen Resultate
-gekommen sein[314]. Er würde dann zu der Ueberzeugung gelangt sein,
-welche meinen späteren Darstellungen zu Grunde liegt, dass die
-Tuberkel-Infiltration in der Lunge eine Form der Hepatisation,
-hervorgegangen aus dem von mir als =käsige Pneumonie= (skrofulöse
-Pneumonie) bezeichneten Prozesse[315] und ganz verschieden von der
-eigentlichen Tuberkelgranulation sei. Nirgends ist diese Verschiedenheit
-besser zu erkennen, als am Knochenmark, wo es einerseits eine
-ursprünglich eiterige, später käsige Osteomyelitis, andererseits wahre
-Tuberkel gibt[316].
-
- [312] Spec. Pathol. u. Ther. I. 337, 341, 346.
-
- [313] Wiener Med. Wochenschrift 1856. 396.
-
- [314] Würzb. Verhandl. III. 100.
-
- [315] Geschwülste II. 600.
-
- [316] Ebendas. II. 702.
-
-Man kann allerdings sagen, dass der grösste Theil desjenigen, was im
-Laufe der Tuberkulose nicht in Knotenform erscheint, eingedicktes
-Entzündungsproduct sei. Allein neben diesem Producte und bis zu einem
-gewissen Grade unabhängig von demselben gibt es ein Gebilde, welches in
-die gewöhnliche Classification der Neoplasmen nicht mehr hineinpassen
-würde, wenn man jene Entzündungs-Producte Tuberkel nennte. In der That
-ist in Frankreich, wo die Terminologie von =Lebert= die maassgebende
-geblieben ist, und wo man die Corpuscules tuberculeux als die
-nothwendigen Begleiter der Tuberkulose anzusehen pflegt, in der neuesten
-Zeit der Gedanke wirklich ausgesprochen, dass unter den Körnern, die man
-bisher Tuberkel nannte, noch ein ganz besonderes und bis jetzt noch gar
-nicht bezeichnetes Gebilde vorkomme. Einer der besten, ja vielleicht der
-beste Mikrograph, den Frankreich besitzt, =Robin= hat bei Untersuchung
-der Meningitis tuberculosa die kleinen Knoten in der Pia mater, die alle
-Welt für Tuberkeln hält, nicht dafür halten zu können geglaubt, weil
-einmal das Dogma in Frankreich herrscht, dass der Tuberkel aus soliden,
-unzelligen Körpern bestehe, und weil in den Tuberkeln der Hirnhaut
-vollständig erhaltene Zellen vorkommen. Ja, einer seiner Schüler,
-=Empis= hat sich vor der Consequenz nicht gescheut, neben der
-Tuberkulose noch eine neue Krankheit, die Granulie, in die medicinische
-Sprache einzuführen[317]. Zu so sonderbaren Verirrungen führt dieser
-Weg, dass man am Ende den eigentlichen Tuberkel gar nicht mehr
-bezeichnen kann, weil man so viel zufällige Dinge mit ihm
-zusammengeworfen hat, dass man über lauter Zufälligem das Gesuchte oder
-selbst das Gefundene, was man schon besessen, wieder aus der Hand
-verliert.
-
- [317] Archiv XXXIV. 12.
-
-[Illustration: =Fig=. 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in
-der Pleura. Man übersieht die ganze Reihenfolge von dem einfachen
-Bindegewebskörperchen, der Theilung der Kerne und Zellen bis zu der
-Entstehung des Tuberkelkorns, dessen Zellen in der Mitte wieder zu einem
-fettig-körnigen Detritus zerfallen. Vergröss. 300.]
-
-Ich halte dafür, dass der Tuberkel ein Korn, ein Knötchen sei, und dass
-dieses Knötchen eine Neubildung darstellt, und zwar eine Neubildung,
-welche von ihrer ersten Entwickelung an nothwendig zelliger Natur ist,
-welche in der Regel gerade so, wie viele anderen Neubildungen, aus
-Bindegewebe hervorgeht, und welche, wenn sie zu einer gewissen
-Entwickelung gekommen ist, innerhalb dieses Gewebes einen kleinen, wenn
-er an der Oberfläche sich befindet, in Form eines kugeligen Höckers
-hervorragenden Knoten darstellt, der in seiner ganzen Masse aus kleinen,
-ein- oder mehrkernigen Zellen besteht. Das, was diese Bildung
-charakterisirt, ist der Umstand, dass sie überaus kernreich ist, so
-dass, wenn man sie im Zusammenhange innerhalb der Fläche des Gewebes
-betrachtet, auf den ersten Blick fast nichts als Kerne vorhanden zu sein
-scheinen. Isolirt man die constituirenden Theile, so bekommt man
-entweder ganz kleine, mit einem Kerne versehene Elemente, oft so klein,
-dass die Membran sich dicht um den Kern herumlegt, oder grössere Zellen
-mit vielfacher Theilung der Kerne, so dass 12 bis 24 und 30 Kerne in
-einer Zelle enthalten sind, wo aber immer die Kerne klein, gleichmässig
-und etwas glänzend aussehen.
-
-Der Tuberkel steht allerdings in seiner Entwickelung dem Eiter am
-nächsten, insofern er die kleinsten Kerne und die verhältnissmässig
-kleinsten Zellen hat, und er unterscheidet sich dadurch von allen höher
-organisirten Formen (Krebs, Sarkom), dass die Elemente dieser letzteren
-grosse, mächtige, oft colossale Bildungen mit stark entwickelten Kernen
-und Kernkörperchen darstellen. Er ist immer nur eine ärmliche
-Production, eine von vornherein kümmerliche Neubildung. Anfangs ist er,
-wie andere Neubildungen, nicht selten mit Gefässen versehen, allein,
-wenn er sich vergrössert, so drängen sich seine vielen kleinen Zellen,
--- diese wie eine Kinderschaar, immer dichter an einander gehende Masse,
--- so eng zusammen, dass nach und nach die feineren Gefässe vollständig
-unzugänglich werden und sich nur die grösseren, durch den Tuberkel bloss
-hindurch gehenden noch erhalten. Gewöhnlich tritt im Centrum des
-Knotens, wo die alten Elemente liegen, sehr bald eine fettige
-Metamorphose ein (Fig. 148), welche aber in der Regel nicht vollständig
-wird. Dann verschwindet jede Spur von Flüssigkeit, die Elemente fangen
-an zu verschrumpfen, das Centrum wird gelb und undurchsichtig, man sieht
-einen gelblichen Fleck inmitten des grau durchscheinenden Korns. Damit
-ist die =käsige Metamorphose=[318] angelegt, welche später den Tuberkel
-charakterisirt. Diese Veränderung schreitet nach aussen immer weiter
-vorwärts von Zelle zu Zelle, und nicht selten geschieht es, dass der
-ganze Knoten nach und nach in die Veränderung eingeht.
-
- [318] Würzb. Verhandlungen III. 98.
-
-Warum ich nun meine, dass man für dieses Gebilde speciell den Namen des
-Tuberkels als einen äusserst charakteristischen festhalten muss, das ist
-der Umstand, dass nie ein Tuber daraus wird. Was man als grosse
-Tuberkeln zu bezeichnen pflegt, was die Grösse einer Wallnuss, eines
-Borsdorfer Apfels erreicht, z. B. im Gehirn, das sind keine einfachen
-Tuberkel. Freilich steht gewöhnlich in den Handbüchern, dass der
-Hirntuberkel solitär sei, aber das ist kein einzelner Knoten; eine
-solche apfel- oder nur wallnussgrosse Masse enthält viele Tausende von
-Tuberkeln; das ist ein ganzes Nest, das sich vergrössert, nicht dadurch,
-dass der ursprüngliche Heerd wächst, sondern vielmehr dadurch, dass an
-seinem Umfange immer neue Heerde ausgebildet werden[319]. Betrachtet man
-den vollkommen gelbweissen, trockenen, käsigen Knoten, so erkennt man in
-seiner nächsten Umgebung eine weiche, gefässreiche Schicht, welche ihn
-gegen die benachbarte Hirnsubstanz abgrenzt, eine dichte Areola von
-Bindegewebe und Gefässen. Innerhalb dieser Schicht liegen die kleinen,
-jungen Knötchen bald in grösserer, bald in kleinerer Zahl. Sie lagern
-sich aussen an, und der grosse Knoten wächst durch Apposition von immer
-neuen Heerden, von welchen jeder einzelne käsig wird. Daher kann der
-ganze Knoten in seinem Zusammenhange nicht als einfacher Tuberkel
-betrachtet werden. Der eigentliche Tuberkel bleibt wirklich minimal, wie
-man zu sagen pflegt, =miliar=, genauer ausgedrückt, submiliar. Selbst
-wenn sich an der Pleura neben ganz kleinen Knoten grosse, wie
-aufgelagerte gelbe Platten finden, so sind auch diese keine einfachen
-Tuberkel, sondern Zusammensetzungen aus einer grossen Summe gesonderter
-Knötchen. Die gewöhnlich als miliare Tuberkel bezeichneten Knoten in der
-Lunge aber sind entweder miliare Hepatisationen, oder bronchitische oder
-peribronchitische Heerde, möglicherweise mit Tuberkulose der
-Bronchialwand verbunden.
-
- [319] Geschwülste II. 656.
-
-Wie man sieht, hängt bei dem Tuberkel in der That Form und Wesen
-untrennbar zusammen. Die Form ist bedingt dadurch, dass der Tuberkel von
-einzelnen Elementen des Bindegewebes aus, durch die degenerative
-Entwickelung kleinerer Gruppen von Bindegewebskörperchen wächst. So
-kommt er ohne alles Weitere als Korn hervor. Wenn er einmal eine gewisse
-Grösse erreicht hat, wenn die Generationen von neuen Elementen, die sich
-durch immer fortgehende Theilung aus den alten Gewebselementen
-entwickeln, endlich so dicht liegen, dass sie sich gegenseitig hemmen,
-die Gefässe des Tuberkels allmählich zum Schwinden bringen und sich
-dadurch selbst die Zufuhr abschneiden, so zerfallen sie eben, sie
-sterben ab, und es bleibt nichts weiter zurück, als Detritus,
-verschrumpftes, zerfallenes, käsiges Material.
-
-Die käsige Umbildung ist der regelrechte Ausgang der Tuberkel, aber sie
-ist einerseits nicht der nothwendige Ausgang, denn es gibt seltene
-Fälle, wo die Tuberkel durch vollständige fettige Metamorphose
-resorptionsfähig werden; andererseits kommt dieselbe käsige Metamorphose
-anderen Formen von zelligen Neubildungen zu: der Eiter kann käsig
-werden, ebenso der Krebs und das Sarkom, die syphilitische
-Gummigeschwulst, die Typhusmasse. Diese allgemeine Möglichkeit[320] kann
-man daher nicht wohl als das Kriterium für die Beurtheilung eines
-bestimmten Gebildes, wie des Tuberkels hinstellen; vielmehr gibt es
-gewisse Stadien der Rückbildung desselben, wo man sich sagen muss, dass
-es nicht immer möglich ist, ein Urtheil zu fällen. Legt einem jemand
-eine Lunge, mit käsigen Massen durchsprengt, vor, und fragt: ist das
-Tuberkel oder nicht? so wird man häufig nicht genau sagen können, was
-die einzelnen Massen ursprünglich gewesen sind. Es gibt Zeiten in der
-Entwickelung, wo man mit Bestimmtheit das Entzündliche und das
-Tuberkulöse von einander trennen kann; endlich aber kommt eine Zeit, wo
-sich beide Producte mit einander vermischen, und wo, wenn man nicht
-weiss, wie das Ganze entstanden ist, man kein Urtheil mehr abgeben kann
-über das, was es bedeutet. Auch mitten in Krebsknoten können käsige
-Stellen vorkommen, welche gerade so aussehen, wie Tuberkel. Noch
-=Lebert= beschrieb dies als ein Vorkommen von Tuberkel in Krebs. Ich
-habe dargethan, dass es die Krebs-Elemente sind, welche in diese käsige
-Masse übergehen[321]. Wenn wir aber nicht mit Bestimmtheit aus der
-Entwickelungsgeschichte wüssten, dass die Zellen des Krebses sich
-Schritt für Schritt verändern, und dass in der Mitte des Krebses sich
-keine Tuberkeln bilden, so würden wir aus dem blossen Befunde in vielen
-Fällen durchaus nicht ein Urtheil fällen können.
-
- [320] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. III. 99. Spec. Pathologie und
- Therapie. I. 282, 284. Geschwülste II. 624.
-
- [321] Archiv I. 172.
-
-Ueberwindet man diese Schwierigkeiten, welche in der äusseren
-Erscheinung der Bildung liegen, und welche den Beobachter nicht bloss
-irre führen gegenüber der groben Erscheinung, sondern auch gegenüber der
-feineren Zusammensetzung, so bleibt für die Orientirung kein anderer
-Anhaltspunkt, als dass man nachsucht, welchen Typus der Entwickelung
-die einzelnen Neubildungen während der Stadien ihrer wirklichen Bildung,
-nicht während der Stadien ihrer Rückbildung zeigen. Man kann das Wesen
-des Tuberkels nicht studiren von dem Zeitpunkte an, wo er käsig geworden
-ist, denn von da an gleicht seine Geschichte vollkommen der Geschichte
-des käsig werdenden Eiters; man muss dies vorher thun, wo er wirklich
-wuchert.
-
-So müssen wir auch für die anderen Neubildungen die Zeit von ihrer
-ersten Entstehung bis zu ihrer Akme studiren und zusehen, mit welchen
-normalen physiologischen Typen sie übereinstimmen. Mit anderen Worten,
-=man muss sie genetisch erforschen=. Dann ist es allerdings möglich, mit
-den einfachen Principien der histologischen Classification auszukommen,
-welche ich früher ausgeführt habe (S. 86). =Auch die heterologen Gewebe
-haben physiologische Typen=[322].
-
- [322] Spec. Pathologie und Therapie. I. 9, 334.
-
-Ein Colloid, wenn man wirklich darunter versteht, was =Laennec= gemeint
-hat, eine gallertartige organisirte Neubildung, muss nothwendig irgend
-einen Typus der Bildung besitzen, welcher irgendwo oder irgend einmal im
-gewöhnlichen Körper vorkommt. In der That gibt es eine Reihe von
-Geschwülsten, die man zum Colloid gerechnet hat, welche vollkommen die
-Structur des Nabelstranges haben, und welche, wie dieser Theil, in ihrer
-Intercellularsubstanz wesentlich Schleim enthalten. Nachdem ich das
-Gewebe des Nabelstranges und der analogen Theile Schleimgewebe genannt
-hatte, so war es für mich ein sehr einfacher Schritt, diese Geschwülste
-=Schleimgeschwülste=, Myxome zu nennen[323]. Eine der am meisten
-ausgezeichneten Myxomformen stellt die sogenannte Blasen- oder
-Hydatidenmole (Mola vesiculosa s. hydatidosa) dar. Aber das Vorkommen
-des Myxoms beschränkt sich nicht auf die Zeit der intrauterinen
-Entwickelung. Indem wir Geschwülste mit dem Gewebstypus des
-Nabelstranges mitten im erwachsenen Körper nachweisen, so ist das
-Auffallende der Erscheinung nicht vermindert, aber es ist für dieselben
-ein im Körper normaler Typus gewonnen. Ein kopfgrosses Myxom des
-Oberschenkels bleibt immerhin eine sehr merkwürdige Erscheinung. Eine
-andere Form von Colloid, oder wie unser =Müller= gesagt hat,
-=Collonema=, stellt sich dar als ödematöses Bindegewebe. Wir finden
-nichts weiter, als ein sehr weiches Gewebe, welches von einer
-eiweisshaltigen Flüssigkeit durchtränkt ist. Eine solche Geschwulst
-können wir nicht von den Bindegewebsgeschwülsten im Ganzen trennen; wir
-mögen sie als gallertartiges oder ödematöses oder sklerematöses Fibrom
-bezeichnen, aber es besteht kein Grund, sie unter dem Namen von
-Collonema für das Denken ganz fremdartig zu gestalten. So finden wir
-ferner gewisse Formen von Krebs, wo das Stroma, statt einfach aus
-Bindegewebe zu bestehen, aus demselben Schleimgewebe besteht, welches
-wir in einer einfachen Schleimgeschwulst antreffen[324]. Dies können wir
-einfach einen =Schleimkrebs= (Gallert- oder Colloidkrebs) nennen. Damit
-wissen wir genau, was wir vor uns haben. Wir wissen, es ist ein Krebs,
-aber sein Grundgewebe ist verschieden durch seinen Schleimgehalt und
-seine gallertige Beschaffenheit von dem gewöhnlichen Fasergewebe des
-Krebsgerüstes.
-
- [323] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 396.
-
- [324] Würzb. Verhandlungen II. 318.
-
-Fassen wir nun nochmals den Tuberkel in's Auge, so würde derselbe
-allerdings etwas vollständig Abnormes sein, wenn die Corpuscules
-tuberculeux ihn ursprünglich und wesentlich constituirten; vergleicht
-man aber die Zellen, welche, wie ich nachgewiesen habe, die eigentlichen
-Constituentien des Kornes sind, mit normalen Geweben des Körpers, so
-ergibt sich die vollständigste Uebereinstimmung zwischen ihnen und den
-Elementen der =Lymphdrüsen= (S. 210, Fig. 71). Diese Analogie ist nicht
-zufällig und gleichgültig, denn seit alter Zeit weiss man ja, dass die
-Lymphdrüsen besonders dazu geneigt sind, eine käsige Veränderung
-einzugehen, und schon lange hat man davon gesprochen, dass eine
-lymphatische Constitution zu Prozessen dieser Art disponire[325]. Aus
-allen diesen Gründen habe ich den Tuberkel nicht als eine, seiner
-Entwickelung nach dem Körper gänzlich fremdartige Bildung sui generis
-betrachten können, sondern ihn als eine wesentlich =lymphoide=
-Neubildung der grösseren Gruppe der Lymphome[326] angereiht.
-
-Wenn wir den Eiter betrachten, so brauche ich nur an das zu erinnern,
-womit ich mich mehrere Capitel hindurch beschäftigt habe, nehmlich an
-die Frage von der Trennbarkeit der Pyämie von der Leukocytose. In den
-farblosen Blutkörperchen haben wir so vollständig den Eiterkörperchen
-analoge Bildungen erkannt, dass Viele geglaubt haben, wenn sie farblose
-Blutkörperchen im Blute fanden, Eiterkörperchen zu sehen, während Andere
-vielmehr in den Elementen des Eiters durchweg farblose Blutkörperchen
-wiederzufinden meinten. Beide Reihen haben den gleichen Typus der
-Bildung. Man kann daher sagen, dass der Eiter eine =hämatoide= Form
-habe, ja man kann den alten Satz aufwärmen, dass der Eiter das Blut der
-Pathologie sei. Will man aber einen Unterschied suchen, will man in den
-einzelnen Fällen sagen, was Eiter- und was Blutkörperchen sei, so hat
-man kein anderes Kriterium, als zu entscheiden, ob die Zelle in der
-gewöhnlichen Weise und an dem natürlichen Orte des farblosen
-Blutkörperchens entstanden ist, oder auf andere Weise, an einem anderen
-Orte, wo sie nicht zu entstehen hat.
-
- [325] Würzb. Verhandlungen III. 102. Spec. Pathol. und Ther. I. 346.
-
- [326] Geschwülste II. 557.
-
-Innerhalb der pathologischen Neubildungen gibt es eine grosse Kategorie,
-deren natürliches Paradigma das Epithel ist, wenn man will,
-=Epitheliome=. Allein der Ausdruck des Epithelioms, welcher von
-=Hannover= für einen kleinen Theil dieser Epithel führenden Geschwülste,
-für die sogenannten Cancroide vorgeschlagen wurde, ist deshalb für die
-besondere Art von Geschwulst, welche er damit bezeichnen wollte,
-vollständig unzulässig, weil sie nicht die einzige Geschwulst ist, deren
-Elemente den epithelialen Habitus an sich tragen. Man kann das
-Epitheliom =Hannover='s von anderen Geschwülsten nicht dadurch
-unterscheiden, dass seine Elemente den Habitus von Epithel hätten und
-andere nicht. Ich will gar nicht davon sprechen, dass es eine grosse
-Reihe unzweifelhaft epithelialer Geschwulstbildungen gibt, welche nichts
-als örtliche Wucherungen des präexistirenden Epithels darstellen. Dahin
-gehören das Atherom, die drüsigen Hyperplasien der Brust, des Magens.
-Aber auch scheinbar ganz fremdartige Neubildungen besitzen denselben
-Typus der Elemente. Die Geschwulst, welche =Müller= Cholesteatom,
-=Cruveilhier= Tumeur perlée genannt hat, was ich durch Perlgeschwulst
-(Margaritoma) übersetzt habe, diese Geschwulst hat genau denselben
-epithelialen Bau, wie das Cancroid, welches =Hannover= Epitheliom
-genannt hat, ja das gewöhnliche Cancroid erzeugt in sich sehr
-gewöhnlich kleine Perlknoten in oft erstaunlich grosser Menge[327].
-Allein beide unterscheiden sich sehr wesentlich. Nie hat man bis jetzt
-Perlgeschwülste gesehen, welche, nachdem sie an einem Orte bestanden
-hatten, an entfernten Orten Recidive gemacht und sich wie bösartige
-Geschwülste verhalten hätten; immer fand nur im nächsten Umfange der
-Geschwulst eine weitere, aber überaus langsame Entwickelung statt. Das
-Epitheliom dagegen, oder wie man besser sagt, der Epithelialkrebs oder
-das Cancroid, besitzt eine sehr ausgesprochene Malignität, nicht nur die
-Recidivfähigkeit in loco, sondern auch die Vervielfältigung in distans.
-In manchen Fällen werden fast alle Organe des Körpers metastatisch mit
-Cancroidmassen erfüllt[328].
-
- [327] Med. Reform 1849. No. 51. S. 271. Archiv III. 221. VIII. 397.
-
- [328] Gaz. méd. de Paris. 1855. Avril. No. 14. p. 208.
-
-[Illustration: =Fig=. 149. Verschiedene Krebszellen, zum Theil in
-fettiger Metamorphose, polymorph, mit Kernvermehrung. Vergr. 300.]
-
-Versucht man das Cancroid durch den epithelialen Bau seiner Elemente von
-dem eigentlichen Krebs zu unterscheiden, so wird man sich auch da
-vergeblich bemühen. Der eigentliche Krebs hat gleichfalls Elemente von
-epithelialem Habitus (Fig. 149), und man braucht nur solche Punkte im
-Körper zu suchen, wo sich die Epithelzellen unregelmässig entwickeln,
-z. B. an den Harnwegen (Fig. 16), so wird man in dem normalen Epithel
-dieselben sonderbaren, mit grossen Kernen und Kernkörperchen versehenen
-Bildungen antreffen, welche als die specifischen, polymorphen
-Krebszellen geschildert werden. Der Krebs, das Cancroid oder Epitheliom,
-die Perlgeschwulst oder das Cholesteatom, ja auch das Dermoid, welches
-Haare, Zähne, Talgdrüsen producirt und im Eierstock so häufig vorkommt,
-alle diese sind Bildungen, welche pathologisch Epithelformen erzeugen;
-aber sie stellen eine Gradation von verschiedenen Arten vor, die von den
-ganz örtlichen, dem gewöhnlichen Sinne nach vollkommen gutartigen bis zu
-solchen von der äussersten Malignität reichen[329]. Die blosse Form der
-Elemente, welche die Zusammensetzung des Gebildes machen, ist ohne
-entscheidenden Werth. Es hat sich gezeigt, dass es falsch war, als man
-annahm, der Krebs habe heterologe (specifische) Elemente und darum sei
-er bösartig, und das Cancroid habe homologe (hyperplastische) Elemente
-und darum sei es gutartig. Vielmehr enthält keine von beiden
-Geschwülsten absolut heterologe Elemente und keine ist gutartig, sondern
-es besteht zwischen ihnen eine Stufenfolge.
-
- [329] Archiv VIII. 414.
-
-Man könnte nun leicht in die Furcht gerathen, es sei überhaupt
-unmöglich, Krebs, Cancroid, Perlgeschwulst, kurz die epithelioiden
-Neubildungen, sei es von gewöhnlichem Epithel, sei es unter sich zu
-unterscheiden. Dies wäre ein grosser Irrthum. Sie alle unterscheiden
-sich durch die Heterologie ihrer Bildung von dem gewöhnlichen Epithel
-und der gewöhnlichen Epidermis, denn sie entstehen nicht an Oberflächen,
-sondern im Inneren der Organe aus dem Bindegewebe. Freilich kann es
-sein, dass die Anhäufungen ihrer Zellen dabei eine überraschende
-Aehnlichkeit mit bestimmten Oberhautgebilden erlangen, dass sie z. B.
-wie Drüsen oder Haare aussehen. Aber ein Cancroid erzeugt keine
-wirklichen Drüsen mit Höhlungen, sondern nur drüsenähnliche, solide
-Zapfen; in ihm wachsen keine wirklichen Haare, sondern haarähnliche
-Gebilde, die mehr kranken als gesunden Haaren entsprechen. Häufen sich
-diese Zapfen und Cylinder in grossen Mengen an, so entsteht dadurch eine
-breiige Masse von sehr bunter Zusammenordnung, in der jedoch an jedem
-Punkte immer wieder epidermoidale Gebilde isolirt werden können, so dass
-die Gesammtbildung die grösste Aehnlichkeit mit dem Atherom zeigen mag.
-Aber das Atherom ist eine hyperplastische Wucherung normaler Epidermis
-in einem erweiterten Hautsacke, das Cancroid und die Perlgeschwulst sind
-heteroplastische Bildungen einer aus Bindegewebe entstandenen Epidermis.
-Hier entscheidet also die Heterotopie (error loci).
-
-[Illustration: =Fig=. 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der
-Unterlippe. Dichtgedrängte Zellenlager mit dem Charakter des Rete
-Malpighii im Umfange: in dem einen Fortsatze fettartig glänzende Kugeln,
-in der Mitte des grossen Zapfens eine hornig-epidermoidale, haarartige
-Abscheidung mit zwiebelartigen Kugeln (Perlen, globes épidermiques).
-Vergr. 300.]
-
-[Illustration: =Fig=. 151. Durchschnitt durch ein Cancroid der Orbita.
-Grosse Epidermiskugeln (Perlen), zwiebelartig geschichtet, in einer
-dichtgedrängten Zellenmasse, die theils den Charakter der Epidermis,
-theils den des Rete Malpighii hat. Vergr. 150.]
-
-Dieser Auffassung steht freilich eine andere gegenüber, welche in
-Beziehung auf das Cancroid schon von =Mayor=, =Ecker= und Anderen
-ausgesprochen war, nehmlich dass dasselbe aus einer progressiven, nach
-innen gerichteten Wucherung gewöhnlichen Epithels oder oberflächlicher
-Epidermis entstehe. Ich habe dem gegenüber immer hervorgehoben, dass
-genetisch ein Unterschied zwischen Cancroid und eigentlichem Krebs
-(Carcinom) nicht zu entdecken sei, und dass, wenn das Cancroid als eine
-nur hyperplastische Neubildung gelten dürfe, auch das Carcinom in
-gleicher Weise gedeutet werden müsse. Mehrere neuere Beobachter haben
-kein Bedenken getragen, diesen Satz zu acceptiren und auch das Carcinom
-als eine Epithelialwucherung darzustellen. Freilich hat sich sehr bald
-die Schwierigkeit gezeigt, dass das Carcinom primär an Orten vorkommt,
-wie in Lymphdrüsen, in Knochen und im Gehirn, wo es kein Epithel
-gewöhnlicher Art gibt. Einige haben sich aus diesem Grunde nicht
-gescheut, die offenkundige Thatsache primärer Krebse dieser Organe
-einfach zu leugnen. Andere haben sich damit geholfen, auf das Epithel
-der Lymphgefässe zurückzugehen. Für diejenigen, welche auch die
-Bindegewebskörperchen zu den Lymphgefässen rechnen, ist dann freilich
-der Schritt nicht gross, um auch sie zu den möglichen Matrices der
-Krebszellen zuzulassen. Ich meinerseits bin durch diese Ausführungen
-nicht überzeugt; ich halte an der primären Heteroplasie aller Krebse
-fest.
-
-Dagegen erkenne ich vollständig die Schwierigkeit an, zwischen den
-einzelnen heteroplastischen Gebilden dieser Gruppe beständige
-Unterschiede zu finden; ja ich hege die Ueberzeugung, dass hier
-überhaupt keine scharfen Grenzen bestehen, sondern Uebergänge vorkommen.
-Man könnte daher leicht in Versuchung gerathen, alle diese Arten von
-Geschwülsten, wie es so oft vorgeschlagen ist, unter dem Collectivnamen
-der Krebse zusammen zu fassen. Dem wiederstreitet zunächst die
-praktische (klinische) Erfahrung, welche ergibt, dass die Perlgeschwulst
-sich nie generalisirt, das Cancroid selten, der Krebs gewöhnlich. Sodann
-zeigen sich aber auch Verschiedenheiten im Bau, und ich will hier in
-Beziehung auf den Krebs nur das hervorheben, dass bei dem Krebs im
-engeren Sinne des Wortes (Carcinoma) die epithelioiden Zellen in den
-Maschenräumen eines neugebildeten, gefässhaltigen Bindegewebs-Gerüstes
-(Stroma) enthalten sind[330]. Der Krebs erscheint daher nicht als
-blosses Gewebe (histioid), sondern als organartige Neubildung (S. 88).
-
- [330] Archiv I. 96.
-
-Die physiologische Bedeutung der einzelnen Arten aber richtet sich
-zunächst nach ihrem Saftreichthum[331]. Die Formen, welche trockene,
-saftarme Massen hervorbringen, sind relativ gutartig. Diejenigen, welche
-saftreiche Gewebe setzen, haben immer mehr oder weniger einen malignen
-Habitus (S. 257). Die Perlgeschwulst z. B. liefert vollkommen trockene
-Epithelmassen, fast ohne eine Spur von Feuchtigkeit: sie steckt nur
-örtlich an. Das Cancroid bleibt sehr lange örtlich, so dass oft erst
-nach Jahren die nächsten Lymphdrüsen erkranken, dass dann lange Zeit
-wiederum der Prozess sich auf diese Erkrankung der Lymphdrüsen
-beschränkt, und dass erst spät und selten die allgemeine Eruption durch
-den ganzen Körper erfolgt. Bei dem eigentlichen Krebs ist der örtliche
-Verlauf oft sehr schnell, und die Krankheit wird früh allgemein;
-Heilungen, selbst für kurze Zeit, sind so selten, dass man in
-Frankreich geradezu die vollkommene Unheilbarkeit des eigentlichen
-Krebses aufgestellt und mit Glück vertheidigt hat.
-
- [331] Gesammelte Abhandlungen 53. Archiv XIV. 40. Geschwülste I. 126.
-
-Die einzige scheinbare Ausnahme von dieser Regel macht der Tuberkel.
-Denn gerade bei ihm geschieht die Infection nicht selten in dem käsigen
-Stadium, welches sich im Allgemeinen durch seine Trockenheit von dem
-feuchten Zustande des grauen miliaren Korns unterscheidet. Aber die
-experimentellen Untersuchungen der neuesten Zeit haben, wie ich schon
-früher (S. 261) erwähnte, die glückliche Lösung gebracht, dass es nicht
-bloss der aus Tuberkel entstehende Käse ist, welcher wieder Tuberkel
-erzeugt, sondern dass regressive Substanzen der verschiedensten Art den
-gleichen Effect hervorbringen. So habe ich schon angeführt (S. 262),
-dass selbst rückgängiges Carcinom Tuberkel erregen kann. Diese
-Erfahrungen haben jedoch, soweit bis jetzt bekannt, keinen Werth für die
-Mehrzahl der infectiösen Neubildungen, welche vielmehr in ihrer
-Florescenz-Periode die grösste Virulenz besitzen, und hier sind wir
-entweder auf Wanderzellen, oder auf flüssige Stoffe hingewiesen.
-
-Auch unter den Bildungen, welche =den gewöhnlichen Bindegewebssubstanzen
-analog=, also scheinbar vollkommen homolog und gutartig sind, erweisen
-sich die saftreichen als viel mehr ansteckungsfähig als die trockenen.
-Die einfache Fettgeschwulst (=Lipom=) ist immer gutartig. Das =Myxom=
-(Schleimgeschwulst), welches immer viel Flüssigkeit mit sich führt, ist
-jedesmal eine verdächtige Geschwulst; in dem Maasse seines
-Saftreichthums recidivirt es oft[332]. Die Knorpelgeschwulst
-(=Enchondrom=), welche früher als unzweifelhaft gutartige Geschwulst
-geschildert wurde, kommt zuweilen in weichen, mehr gallertartigen Formen
-vor, welche eben solche inneren Metastasen bedingen können, wie der
-eigentliche Krebs[333]. In noch viel höherem Maasse zeigt das
-Osteoidchondrom bösartige Eigenschaften[334]. Selbst die
-Bindegewebsgeschwülste (=Fibrome=) werden unter Umständen reicher an
-Zellen, vergrössern sich, ihre Zwischensubstanz wird saftreicher, ja in
-manchen Fällen schwindet sie so vollständig, dass zuletzt fast nur
-zellige Elemente übrig bleiben. So entstehen Formen, welche meiner
-Ansicht nach sehr unzweckmässig fibroplastische Geschwülste genannt
-worden sind und viel besser mit dem alten Namen der =Sarkome= bezeichnet
-werden[335]. Sie unterscheiden sich von den blossen Fibromen, Myxomen,
-Chondromen u. s. w. durch die grosse Zahl und die beträchtliche
-Entwickelungshöhe ihrer Elemente, welche zuweilen geradezu Riesengrösse
-erreichen (Fig. 30, 31). Genetisch zeigen sie dieselbe Herkunft aus
-proliferirendem Bindegewebe, wie die gewöhnlichen Fibrome (Fig. 113,
-II.); sehr bald aber beginnen ihre Zellen einen progressiven
-Entwickelungsgang, welcher den Fibromen fehlt (Fig. 152). Sie sind
-zunächst allerdings gutartig, aber nicht selten recidiviren sie, wie die
-Epithelialkrebse, in loco; unter gewissen Verhältnissen recurriren sie
-in den Lymphdrüsen, und in manchen Fällen kommen sie in so ausgedehnten
-Metastasen durch den ganzen Körper vor, dass fast kein Organ davon
-verschont bleibt.
-
- [332] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 430.
-
- [333] Archiv V. 244. Würzb. Verhandl. I. 137. Geschwülste I. 523.
-
- [334] Geschwülste I. 527.
-
- [335] Archiv I. 196, 200, 224. Geschwülste II. 175.
-
-[Illustration: =Fig=. 152. Schematische Darstellung der
-Sarkom-Entwickelung, wie sie bei Sarcoma mammae sehr gut zu übersehen
-ist. Vergr. 350.]
-
-In der ganzen Reihe der Neubildungen, von denen jede einem normalen
-Gewebe mehr oder weniger vollständig entspricht, darf es gar nicht in
-Frage kommen, ob sie einen physiologischen Typus haben, oder ob sie ein
-specifisches Gepräge an sich tragen; schliesslich entscheidet vielmehr
-die Frage, =ob sie an einem Orte entstehen, wo sie hingehören oder
-nicht, und ob sie Stoffe in sich erzeugen, welche auf Nachbartheile
-gebracht, dort einen ungünstigen, contagiösen oder reizenden Einfluss
-ausüben=.
-
-Es verhält sich mit ihnen, wie mit pflanzlichen Bildungen. Die Nerven
-und Gefässe haben gar keinen unmittelbaren Einfluss auf ihre
-Entwickelung. Nur insofern haben sie Werth, als sie das Mehr oder
-Weniger von Zufuhr bestimmen können; aber sie sind ganz ausser Stande,
-die Geschwulst-Entwickelung anzuregen, hervorzubringen oder in einer
-direkten Weise zu modificiren. Eine pathologische Geschwulst des
-Menschen bildet sich genau in derselben Weise, wie eine Geschwulst an
-einem Baume, an der Rinde, an der Oberfläche des Stammes oder des
-Blattes, wo ein pathologischer Reiz stattgefunden hat. Der Gallapfel,
-der in Folge des Stiches eines Insectes entsteht, die knolligen
-Anschwellungen, welche die Stellen eines Baumes zeigen, wo ein Ast
-abgeschnitten ist, die Umwallung, welche die Wunde eines abgehauenen
-Baumstammes erfährt, beruhen auf einer ebenso reichlichen, oft ebenso
-raschen Zellenwucherung, wie die, welche wir an der Geschwulst eines
-wuchernden Theiles des menschlichen Leibes wahrnehmen. Der pathologische
-Reiz wirkt in beiden Fällen genau auf dieselbe Art; die
-Vegetationsverhältnisse gestalten sich vollständig nach demselben Typus,
-und so wenig als ein Baum an seiner Rinde oder seinem Blatte eine Art
-von Zellen hervorbringt, welche er sonst nicht hervorbringen könnte, so
-wenig thut dies der thierische Körper.
-
-Aber wenn man die Geschichte einer pflanzlichen Geschwulst betrachtet,
-so wird man auch da sehen, dass gerade die kranken Stellen es sind,
-welche ungewöhnlich reich an specifischen Bestandtheilen werden, welche
-die besonderen Stoffe, die der Baum producirt, in grösserer Menge in
-sich aufnehmen und ablagern. Die Pflanzenzellen, welche sich an einem
-Eichenblatt im Umfange des Insectensitzes bilden, haben viel mehr
-Gerbsäure, als irgend ein anderer Theil des Baumes. Die
-Geschwulstzellen, welche sich in wuchernder Menge an einer Kiefer da
-bilden, wo ein Insect sich in den jungen Stamm eingräbt, werden ganz
-vollgestopft mit Harz. Die besondere Energie der Bildung, welche an
-diesen Stellen entwickelt wird, bedingt auch eine ungewöhnlich reiche
-Anhäufung von Säften. Es bedarf keiner Nerven oder Gefässe, um die
-Zellen zu einer vermehrten Stoff-Aufnahme zu instigiren. Es ist die
-eigene Action der Zellen, die Anziehung, welche sie auf die benachbarten
-Flüssigkeiten ausüben, vermöge deren sie die brauchbaren Stoffe an sich
-reissen und fixiren.
-
-Und so sind wir am Schlusse wiederum bei derselben Vergleichung
-angelangt, von der wir im Anfange ausgingen, bei der Vergleichung des
-thierischen und besonders des menschlichen Körpers mit dem pflanzlichen.
-Auch der Patholog gewinnt durch die Kenntniss der botanischen Vorgänge
-die werthvollsten Anknüpfungspunkte für das Verständniss der
-Krankheiten; er vor Allen muss sich durch ein solches Verständniss immer
-mehr von der Wahrheit der cellularen Theorie überzeugen. Es besteht eine
-innere Uebereinstimmung in der ganzen Reihe der lebendigen Erscheinungen
-und gerade die niedrigsten Bildungen dienen uns oft als die
-Erklärungsmittel für die vollkommensten und am meisten zusammengesetzten
-Theile. Denn gerade in dem Einfachen und Kleinen offenbart sich am
-deutlichsten das =Gesetz=.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
- Seite
-
- Vorreden V
-
- Uebersicht der Holzschnitte XIII
-
- $Erstes Capitel.$ Die Zelle und die cellulare Theorie 1
-
- Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen
- in der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie
- auf die Pathologie. -- Die Zelle als letztes wirkendes Element des
- lebenden Körpers. Genauere Bestimmung der Zelle. Die
- Pflanzenzelle: Membran, Inhalt (Protoplasma), Kern. Die thierische
- Zelle: die eingekapselte (Knorpel) und die einfache. Der
- Zellenkern (Nucleus). Das Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie
- der Zellenbildung aus freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und
- Bedeutung desselben für die Erhaltung der lebenden Elemente. Der
- Zellkörper und das Protoplasma. Verschiedenartigkeit des
- Zelleninhalts und Bedeutung desselben für die Function der Theile.
- Die Zellen als vitale Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper
- als sociale Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die
- Zellenterritorien. -- Die Cellularpathologie im Gegensatze zur
- Humoral- und Solidarpathologie. -- Falsche Elementartheile:
- Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen). Entstehung der Zellen.
- Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der Zellen. Das Gesetz von
- der continuirlichen Entwickelung (Omnis cellula e cellula).
- Pflanzen- und Knorpelwachsthum.
-
- $Zweites Capitel.$ Die physiologischen Gewebe 27
-
- Anatomische Classification der Gewebe. Die drei
- allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die
- Organe und Systeme oder Apparate. -- Die =Epithelialgewebe=.
- Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel. Epidermis und Rete
- Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare. Linse. Pigment.
- Drüsenzellen. -- Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder
- Zellgewebe. Die Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=.
- Meine Theorie. Die Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des
- Bindegewebes als Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der
- Knorpel (hyaliner, Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie
- Knorpelkörperchen (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes
- Bindegewebe. Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes
- Röhren- oder Kanalsystem. -- Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln,
- Nerven, Gefässe, Blut, Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in
- Verbindung mit Interstitialgewebe. -- Muskeln. Quergestreifte.
- Faserzellen. Herzmuskulatur. Muskelkörperchen. Fibrillen.
- Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern. Muskelatrophie. Die
- contractile Substanz (Syntonin) und die Contractilität überhaupt.
- Cutis anserina und Arrectores pilorum. -- Gefässe. Capillaren.
- Contractile Gefässe.
-
- $Drittes Capitel.$ Physiologische Eintheilung der Gewebe 62
-
- Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe.
- Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen
- Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen
- Gruppirung: -- 1) Nach der Function. Motorische Elemente:
- muskulöse, epitheliale (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige
- (Pigment). Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen,
- Schleimgewebe. -- 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und
- Zeitgewebe. Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse
- (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers
- durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und
- Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie).
- Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina.
- Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer
- desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der
- Gewebe. -- 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der
- Gewebe (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende
- Gewebe. Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale
- Gewebe; unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe.
- Chorda dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe
- (Anlagen, Keimgewebe) Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine
- Gültigkeit der Entwickelungsgesetze. -- 4) Nach der Verwandtschaft
- und Abstammung. Continuitäts-Gesetz. Heterologe Verbindungen von
- Gewebselementen. Die histologische Substitution und die
- histologischen Aequivalente. Abstammung der Elemente (Descendenz).
-
- $Viertes Capitel.$ Die pathologischen Gewebe 84
-
- Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification.
- Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen
- Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder
- (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte
- (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie
- (Heterotopie Heterochronie, Heterometrie). Malignität.
- Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie.
- Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte. -- Ungewöhnliche
- Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom (Spindelzellen.
- Riesenzellen). Abstammung der pathologischen Gewebe: Continuität
- der Entwickelung, Discontinuität des Typus. Pathologische
- Substitutionen und Aequivalente. Homologe und heterologe
- Substitution. Bildung per primam aut secundam intentionem.
- Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter verschiedenen
- Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation fibrinöser
- Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung derselben
- Gewebsart.
-
- $Fünftes Capitel.$ Die Ernährung und ihre Wege 100
-
- Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und
- Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus:
- Nahrungsstoffe. Verdauung. Circulation. Ernährung im cellularen
- Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer
- Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver
- Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde.
- -- Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von
- Gefäss und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens.
- Knorpel. Knochen. -- Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen.
- Metastasen. Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). -- Die
- Ernährungsleitung in den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn.
- Faserknorpel. Hornhaut. Bandscheiben.
-
- $Sechstes Capitel.$ Weiteres über Ernährung und Saftleitung 120
-
- Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang. -- Weiches Bindegewebe
- (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose Häute: Tunicae
- propriae, Culicula. Elastische Membranen: Sarkolemm. -- Lederhaut
- (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut (subcutanes,
- subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos. -- Das feinere
- Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen. Bedeutung der
- Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte innerhalb
- der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective
- Eigenschaften der Zellen.
-
- $Siebentes Capitel.$ Circulation und Dyscrasie 143
-
- Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media
- (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und
- Venen. Continuität der Gefässwand. Porosität derselben.
- Hæmorrhagia per diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft.
- -- Eigenschaften der Gefässwand: 1. Contractilität. Rhythmische
- Bewegung. Active oder Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize.
- Collaterale Fluxion. 2. Elasticität und Bedeutung derselben für
- die Schnelligkeit und Gleichmässigkeit des Blutstromes.
- Erweiterung der Gefässe. 3. Permeabilität. Diffusion. Specifische
- Affinitäten. Verhältniss von Blutzufuhr und Ernährung. Die
- Drüsensecretion (Leber). Specifische Thätigkeit der
- Gewebselemente. -- Dyskrasie. Transitorischer Charakter und
- localer Ursprung derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische
- Diathese. Syphilis.
-
- $Achtes Capitel.$ Das Blut 167
-
- Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des
- Blutes (Dyskrasien). -- Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich
- mit Schleim und Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand. --
- Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt
- bei den verschiedenen Wirbelthieren; diagnostische
- Schwierigkeiten. Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin,
- Hämoglobin. Stroma. Veränderungen der Farbe und der Gestalt.
- Blutkrystalle (Hämatoidin, Hämin, Hämatokrystallin). -- Farblose
- Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur. Vergleich mit
- Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination derselben.
- Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von Eiter- und
- farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der Eiterresorption und
- von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften der farblosen
- Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper, Auswanderung.
- Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare Doctrin.
-
- $Neuntes Capitel.$ Blutbildung und Lymphe 191
-
- Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=.
- Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen.
- Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe.
- -- Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des
- Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat.
- Fibrinogene Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut,
- Hyperinose, phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung.
- Fibrintranssudation. Fibrinbildung im Blute. -- Die =farblosen
- Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung bei Hyperinose
- und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus). Leukocytose und
- Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie. =Milz=- =und
- Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der
- Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym
- derselben: Follikel (Markstränge). Reticulum, Lymphsinus.
- Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu
- Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der
- letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der
- Gefässwände in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in
- farbige. Ort derselben. Das rothe Knochenmark. -- =Lymphgefässe=.
- Zusammenhang mit dem Röhrensysteme des Bindegewebes. Bau der
- grösseren Lymphgefässe: Contractilität und Klappen derselben.
- Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache Epithel-Wand.
- Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe überhaupt.
- Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe.
-
- $Zehntes Capitel.$ Pyämie und Leukocytose 217
-
- Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die
- physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation,
- käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose,
- milchige Umwandlung). Intravasation von Eiter. -- Eiter in
- Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen.
- Mechanische Trennung (Filtration): Tätowirungsfarben. Mögliches
- Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung
- (Attraction): Krebs, Syphilis. Die Reizung der Lymphdrüsen und
- ihre Bedeutung für die Leukocytose. Die (physiologische) digestive
- und puerperale Leukocytose. Die pathologische Leukocytose
- (Scrofulose. Typhus. Krebs. Erysipel). -- Die lymphoiden Apparate;
- solitäre und Peyer'sche Follikel des Darms. Tonsillen und
- Zungenfollikel. Thymus. Milz. -- Völlige Zurückweisung der Pyämie
- als morphologisch nachweisbarer Dyskrasie.
-
- $Eilftes Capitel.$ Infection und Metastase 234
-
- Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis:
- parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme
- Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins. Auflösung der
- rothen Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten
- des Herzens. -- Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben.
- Lungenmetastasen. Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener
- Charakter der Metastasen. Endocarditis und capilläre Embolie.
- Latente Pyämie. -- Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse
- Erkrankung der lymphatischen Apparate und der Milz, der
- Secretionsorgane und der Muskeln. Chemische Substanzen im Blute:
- Silbersalze, Arthritis, Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde
- Körperchen in der Blutmischung: Zellen, Hämatozoen, Pilze.
- Körner. Pyämie als Sammelname.
-
- $Zwölftes Capitel.$ Theorie der Dyscrasien 256
-
- Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der
- Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und
- allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung
- der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der
- virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection:
- Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser
- Elemente, Homologe und heterologe Infection. -- Melanämie.
- Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und Intermittens.
- Abhängigkeit von Milzfärbung. -- Die rothen Blutkörperchen.
- Entstehung. Die melanösen Formen. Chlorose. Lähmung der
- respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd. Blutgifte. Toxicämie. --
- Verschiedene Entstehung der Dyscrasien.
-
- $Dreizehntes Capitel.$ Das peripherische Nervensystem 271
-
- Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit. -- Die Nervenfasern.
- Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser. Perineurium und
- Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder (electrische
- Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der
- Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der
- einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene
- Breite der Fasern. -- Die peripherischen Nervenendigungen.
- Vater'sche (Pacini'sche) und Tastkörper. Marklose Fasern der Haut
- mit Endigung im Rete. Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und
- Zellenterritorien in der Haut. Endkolben der Schleimhautnerven.
- Höhere Sinnesorgane: Riech-, Geschmacks- und Hörzellen. Retina:
- nervöse und bindegewebige Theile. Arbeitsnerven:
- Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit Drüsen- und anderen
- Zellen. -- Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ
- der Fische. Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über
- Nerventerritorien. -- Nervenplexus mit ganglioformen Knoten.
- Darmschleimhaut. Gefässe. Plexus myentericus. -- Irrthümer der
- Neuropathologen.
-
- $Vierzehntes Capitel.$ Rückenmark und Gehirn 300
-
- Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte
- Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare
- und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze:
- Nerven- oder Axencylinderfortsätze. Ganglien- und Reiserfortsätze.
- Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare
- (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden =und= Kernröhren. Innere
- Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der
- Untersuchung. Die Nerven des elektrischen Organs der Fische.
- Das Gross- und Kleinhirn des Menschen. -- Das Rückenmark. Weisse
- und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse Gruppen. Weisse
- Stränge und Commissuren. Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns:
- Körner- und Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des
- Gehirns. Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern
- desselben. -- Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe).
- Ependyma ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue und
- gelatinöse Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea)
- der Häute des Gehirns und Rückenmarks.
-
- $Fünfzehntes Capitel.$ Leben der Elemente. Thätigkeit und 328
- Reizbarkeit
-
- Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen.
- Einwände dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren.
- Animismus: Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit
- der einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action.
- Die Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des
- Lebens. Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit
- der Intercellularsubstanz. -- Verrichtung, Ernährung und Bildung
- als allgemeine Formen der Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der
- Reizbarkeit je nach diesen Formen. -- Functionelle Reizbarkeit.
- Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen. Ermüdung und functionelle
- Restitution. Reizmittel. Specifische Beziehung derselben.
- Muskelirritabilität. Geringer praktischer Werth derselben. --
- Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung
- derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität.
- Innervation. Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft
- (Nervenseele, Neurilität). Specifische Unterschiede der
- constituirenden Theile des Nervensystems. Die Leitung der
- Electricität als Zubehör der Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung,
- Verstärkung) und Lenkung als Zubehör der Ganglienzellen.
- Moderations-Einrichtungen. Instinctives und intellectuelles
- Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer histologischen
- Localisation der nervösen Functionen. Erregung der
- Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination
- (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen.
- Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die
- pathologische Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf,
- Lähmung) und combinatorische Abweichung (Epilepsie).
- -- Drüsen-Irritabilität. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach
- dem Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen:
- Leber, Nieren. Glykogenie. -- Automatische Elemente.
- Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma. Amöboide Erscheinungen.
- Bewegliche Zellen. Verwechselungen des Automatismus mit den
- Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung und Schwellung).
- Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und Einziehen von
- Fortsätzen (Polymorphismus); innere Molecularbewegung,
- Vacuolenbildung. Abschnürung von Theilen des Zellkörpers.
- Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen. Wanderung und
- Mobilisirung der Zellen. Voracität: Blutkörperchenhaltige Zellen.
- Mechanisches Eindringen von fremden Körpern in Zellen. Der
- Automatismus als Merkmal der Irritabilität -- Die pathologischen
- Abweichungen der Function: Mangel (Defect), Schwächung und
- Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme qualitativer
- Heterologie.
-
- $Sechzehntes Capitel.$ Nutritive und formative Reizung. Neubildung
- und Entzündung 364
-
- Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung.
- Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose
- als Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Prozesse. Wesen
- der Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene
- Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe:
- Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen: Resorption
- und Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und
- Atonie, Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize:
- trophische Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse
- Entzündung; trübe Schwellung. Niere, Knorpel, Haut. Hornhaut. Die
- neuropathologische und die humoralpathologische Doctrin.
- Parenchymatöse Schwellung. Nutritive Restitution und Nekrobiose.
- Stadien der parenchymatösen Entzündung. Active Natur dieses
- Prozesses. -- Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen
- und Kerne (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen
- (Knochenmark, Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen).
- Formative Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum.
- Neubildung der Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation):
- Knorpel, epitheliale und bindegewebige Neubildung. Wucherung
- (Proliferation). Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und
- aus ihnen hervorgehende Organisation. Die plastischen
- (histogenetischen) Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der
- extracellulären Neubildung und der Bildungsstoffe. Die
- Neubildung als Thätigkeit der Zellen. Formative Reize. Die
- humoralpathologische und neuropathologische Doctrin.
- -- Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische
- Entzündung (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica.
- Prädisposition und neurotische Atrophie. Die Entzündung als
- Collectivvorgang.
-
- $Siebzehntes Capitel.$ Passive Vorgänge. Fettige Degeneration 400
-
- Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur
- Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration.
- -- Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes
- im Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als
- transitorische Infiltration und als nekrobiotischer Stoff.
- -- Das Fettgewebe. Poly-arcie. Fettgeschwülste. Die
- interstitielle Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln.
- -- Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und
- Function der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber:
- intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber.
- -- Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und
- der Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln.
- Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe
- Hirnerweichung. Corpus luteum des Eierstocks. Arcus senilis der
- Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig
- metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des
- Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen.
- -- Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus.
-
- $Achtzehntes Capitel.$ Amyloide Degeneration. Verkalkung 432
-
- Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres
- Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen:
- Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und
- eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der
- Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel.
- Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit:
- functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der
- Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse
- und interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie.
- Gang der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und
- Syphilis. Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der
- Nebennieren. -- Verkalkung (Versteinerung, Petrification).
- Unterschied von Verknöcherung, Verkalkung der Arterien, des
- Bindegewebes, der Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides
- Bindegewebe). Concentrisch geschichtete Kalkkörper
- (Concretionen). Versteinerung: Lithopädion. Verkalkung todter
- Theile: Eingeweidewürmer, Ganglienzellen des Gehirns bei
- Commotion, käsige und thrombotische Massen.
-
- $Neunzehntes Capitel.$ Gemischte, activ-passive Prozesse.
- Entzündung 458
-
- Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen
- primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher)
- Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln. -- Atheromatöser Prozess der
- Arterien. Atheromatie und Ossification als Folgen der
- Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der letzteren:
- Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der
- Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification.
- Ulceration. Analogie mit der Endocarditis. -- Die Entzündung.
- Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in den
- einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die
- neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio
- laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen
- Theilen. Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim
- und Fibrin. Die Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang.
- Parenchymatöse und exsudative (secretorische) Form.
- Klinische und anatomische Bedeutung der Entzündung. Irrthum von
- der einheitlichen Natur der Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität
- der entzündlichen Prozesse.
-
- $Zwanzigstes Capitel.$ Die normale und pathologische Neubildung.
- Geschichte des Knochens 482
-
- Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der
- Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente
- und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die
- Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung.
- Die Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung
- als gewöhnlicher Anfang der Neubildungen. -- Endogene Bildung.
- Physaliden. Bruträume. Furchung. -- Wachsthumähnliche und
- zeugungähnliche Neubildungen. Pflanzliche Analogie.
- -- Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe
- und indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen;
- Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben.
- -- Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung.
- Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das
- appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die
- Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze
- zu dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum
- der Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als
- Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales,
- entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter
- Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes.
- -- Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung des
- Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach
- Fractur. Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis.
- Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters.
- -- Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als
- Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung.
-
- $Einundzwanzigstes Capitel.$ Die pathologische, besonders die
- heterologe Neubildung 526
-
- Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der
- exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und
- Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark
- und Eiter. Proliferation und Luxuriation. -- Die Eiterung.
- Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus Epithel und
- tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen Blutkörperchen.
- Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und
- Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende
- Eiterung. Lösende Eigenschaften des Eiters. -- Zusammenhang der
- Destruction mit pathologischem Wachsthum und Wucherung.
- Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom u. s. w.
- Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten Elemente
- und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile
- (Geschwülste). -- Zusammengesetzte Natur der grösseren
- Geschwulstknoten und miliarer Charakter der eigentlichen Heerde.
- Bedingungen des Wachsthums und der Recidive: Contagiosität der
- Neubildungen, Bedeutung der Elementar-Anastomosen und der
- Wanderzellen. Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral-
- und Neuropathologie. Allgemeine Infection des Körpers.
- Parasitismus und Autonomie der Neubildungen.
-
- $Zweiundzwanzigstes Capitel.$ Form und Wesen der pathologischen
- Neubildungen 547
-
- Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen.
- Die Consistenz als Eintheilungsprincip. Vergleich mit einzelnen
- Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare
- Hetorologie des Tuberkels, Colloids u. s. f. -- Verschiedenheit
- von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom, Papillargeschwulst,
- Tuberkel. -- Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome,
- Papillome) und specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst).
- -- Der Tuberkel: Infiltration und Granulation.
- Tuberkelkörperchen. Der entzündliche Ursprung der Tuberkel.
- Käsige Pneumonie und Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der
- Tuberkel aus Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre
- Knoten. Die käsige Metamorphose. -- Das Colloid: Myxom.
- Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs. -- Die physiologischen
- Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide Natur des
- Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des Krebses, des
- Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids, bindegewebige
- des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über die
- Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit,
- nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der
- Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch
- regressive Stoffe. -- Vergleich der pathologischen Neubildung
- bei Thieren und Pflanzen. Schluss.
-
- * * * * *
-
- Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
-und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
-
-Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit
-Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen
-($Text$) markiert.
-
-Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
-Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
-
- S. VII: beeinträchtigt? warum -> Warum
- S. XIV: 46 -> 46.
- S. XV: 86 -> 86.
- S. XVI: 113. -> 113, I.
- S. XVII: 125 -> 125.
- S. 1: Bestimmung der Zelle -> Zelle.
- S. 5: Fig. 1. a. -> Fig. 1, _a_.
- S. 11: Fig. 5. _d'_ -> Fig. 5, _d_'
- S. 19: äussere Zwissenmasse -> Zwischenmasse
- S. 19: was wer weis -> weiss
- S. 22: characteristischen Ausdruk -> Ausdruck
- S. 30: regelmässig polygnonale -> polygonale
- S. 36: an der =Krystalllinse= -> =Krystallinse=
- S. 40: daraus eigenthümthümliche -> eigenthümliche
- S. 46: =Faserknorpel= genannt -> genannt.
- S. 56: Verhätnissmässig -> Verhältnissmässig
- S. 59: Arterien). _a_, a -> _a_, _a_
- S. 94: Fig. 4 _b_, 21. -> Fig. 4, _b_; 21.
- S. 98: entsteht Bindegewebe -> Knochengewebe
- S. 104: Fig. 29. -> Fig. 29
- S. 109: Fig. 37. -> Fig. 37
- S. 112: dass die compakte -> compacte
- S. 112: Fig. 38 _v_, _v_', -> Fig. 38, _v_, _v_';
- S. 112: 39 _a_, _v_ -> 39, _a_, _v_
- S. 146: Fig. 4 _c_ -> Fig. 4, _c_
- S. 148: Fig. 54 _v_ -> Fig. 54, _v_
- S. 150: Mein Archiv. XXVII. -> Mein Archiv XXVII.
- S. 154: so treffen wie -> wir
- S. 155: einmal die Wandbebestandtheile -> Wandbestandtheile
- S. 156: Einfluss nicht läugnen -> leugnen
- S. 177: Klümpchen in Aggegrate -> Aggregate
- S. 182: Fig. 61, d. -> Fig. 61, _d_
- S. 183: oder Unähnlickeit -> Unähnlichkeit
- S. 184: 67. _A_ -> 67. _A_.
- S. 187: =Fig=. 67 -> 69
- S. 192: er in senien -> seinen
- S. 192: lässt sich die Möglickeit -> Möglichkeit
- S. 198: und des Easerstoffes -> Faserstoffes
- S. 201: Archiv. 1847. I. 563. -> Archiv 1847. I. 563.
- S. 202: Archiv. 1853. IV. 43 ff. -> Archiv 1853. IV. 43 ff.
- S. 204: Archiv. 1847. I. 567. -> Archiv 1847. I. 567.
- S. 206: Mein Archiv. 1853. Bd. V. -> Mein Archiv 1853. Bd. V.
- S. 209: bei den Lympdrüsen -> Lymphdrüsen
- S. 211: (Fig. 71, _B_, _c_) -> (Fig. 71, _B_, _c_).
- S. 218: Archiv. I. 242. -> Archiv I. 242.
- S. 222: Archiv. I. 182. -> Archiv I. 182.
- S. 227: Fig. 67. -> Fig. 67
- S. 227: Fig. 69. -> Fig. 69
- S. 239: (Fig. 79, B) -> (Fig. 79, _B_)
- S. 239: hineingelangen -> hineingelangen.
- S. 240: Fig. 63. _a_, 79. _C_ -> Fig. 63, _a_; 79, _C_
- S. 240: Archiv. I. 245, -> Archiv I. 245,
- S. 247: Fig. 82. _c_ -> Fig. 82, _c_
- S. 258: Archiv. I. 112. -> Archiv I. 112.
- S. 261: Inaug. Diss, Berlin 1869. -> Inaug. Diss. Berlin 1869.
- S. 263: Archiv. 1853. V. 85. -> Archiv 1853. V. 85.
- S. 264: =Fig= 85. -> =Fig=. 85.
- S. 264: Melanämie -> Melanämie.
- S. 266: Fig. 61 _h_ -> Fig. 61, _h_
- S. 273: grössere Scheide _v_ -> _l_'
- S. 275: Fig. 87 _A_ -> Fig. 87, _A_
- S. 278: Archiv. 1845. VI. 562. -> Archiv 1845. VI. 562.
- S. 280: oder contrifugale -> centrifugale
- S. 285: Fig. 92. -> Fig. 92
- S. 297: liegen. _c_, _v_ -> _v_, _v_
- S. 302: Fig. 97, _a_, _b_. -> Fig. 97, _a_, _b_
- S. 308: Fig. 99. -> Fig. 99
- S. 323: sich noch enie -> eine
- S. 353: bloss der Bewewegung -> Bewegung
- S. 354: Fig. 61 _e_-_h_ -> Fig. 61, _e_-_h_
- S. 358: mit groser -> grosser
- S. 367: Berlin 1868. -> Berlin 1868.)
- S. 368: Fig. 79 _C_ -> Fig. 79, _C_
- S. 398: der andere degegen -> dagegen
- S. 419: =Fig=. 117. -> =Fig=. 119.
- S. 420: die meisten Fettropfen -> Fetttropfen
- S. 427: der Stelle, we -> wo
- S. 428: Veränderung eingehen -> eingehen.
- S. 435: Fig. 103 _c a_ -> Fig. 103, _c a_
- S. 454: des Skelets -> Skeletts
- S. 456: Verkalkung gewönlich -> gewöhnlich
- S. 460: Stadium der Brightischen -> Bright'schen
- S. 461: der Lösung socher -> solcher
- S. 470: so, dass dei -> bei
- S. 471: Theile aufteten -> auftreten
- S. 484: wiederholt eingangen -> eingegangen
- S. 487: permanente Bruststätte -> Brutstätte
- S. 490: Achiv VIII. -> Archiv VIII.
- S. 493: Archiv VIII -> Archiv VIII.
- S. 495: Blastem und Exudat -> Exsudat
- S. 497: Veranlassung, wesshalb -> weshalb
- S. 501: stellt die Kalbablagerung -> Kalkablagerung
- S. 502: in dem Maase -> Maasse
- S. 503: Blastem oder Exudat -> Exsudat
- S. 508: welche die rachtischen -> rachitischen
- S. 508: Fig. 137 _m_ -> Fig. 137, _m_
- S. 519: =Fig= 142. -> =Fig=. 142.
- S. 522: an der compakten -> compacten
- S. 523: in der compakten -> compacten
- S. 530: =Pig=. 144. -> =Fig=. 144.
- S. 536: =Fig= 145. -> =Fig=. 145.
- S. 543: wachsen anfängt.. -> anfängt.
- S. 545: tuberkulösen und sebst -> selbst
- S. 555: sind, wslche -> welche
- S. 558: Spec. Pathol. u -> u.
- S. 569: gezeigt, dass -> dass das
- S. 577: Haemorrhagia -> Hæmorrhagia
- S. 580: und Induration -> Induration.
-
-
-
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-End of Project Gutenberg's Die Cellularpathologie, by Rudolf Virchow
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE CELLULARPATHOLOGIE ***
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