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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:46:41 -0700 |
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Rat Binding abgerufen worden; das +Echo, welches seine Ausführungen finden +werden, antwortet der Stimme eines +Toten.</p> + +<p>Ich darf bekunden, daß die Fragen, +mit denen unsere Abhandlung sich beschäftigt, +dem Verstorbenen Gegenstand +eines von lebhaftestem Verantwortungsgefühl +und tiefer Menschenliebe getragenen +Nachdenkens gewesen sind.</p> + +<p>Mir persönlich wird die Erinnerung +an die Stunden der gemeinsamen Arbeit +mit dem Feuerkopf voll kühlscharfen Verstandes +immer ein wehmütig stimmender +Besitz bleiben.</p> + +<p class="right"> +<em class="gesperrt">Freiburg</em> i. Br., den 10. April 1920.<br /> +</p> + +<p class="right" style="padding-right:1em"> +<b>Hoche.</b><br /> +</p> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span></p> + +<h2>I.<br /> +Rechtliche Ausführung</h2> + +<p class="center">von</p> + +<p class="center">Professor <i>Dr. jur. et phil.</i> <b>Karl Binding</b>.</p> + +<p class="center">Für die zweite Auflage durchgesehen +<br /> +von <em class="gesperrt">Paul Binding</em>. +</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p> + +<p class="p6">Ich wage am Ende meines Lebens mich noch zu einer +Frage zu äußern, die lange Jahre mein Denken beschäftigt +hat, an der aber die meisten scheu vorübergehen, weil sie +als heikel und ihre Lösung als schwierig empfunden wird, +so daß nicht mit Unrecht gesagt werden konnte, es handle +sich hier »um einen starren Punkt in unseren moralischen +und sozialen Anschauungen«.<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> + +<blockquote> + +<p>Sie geht dahin: <em class="gesperrt">soll die unverbotene Lebensvernichtung, +wie nach heutigem Rechte — vom +Notstand abgesehen —, auf die Selbsttötung des +Menschen beschränkt bleiben, oder soll sie +eine gesetzliche Erweiterung auf Tötungen von +Nebenmenschen erfahren und in welchem Umfange?</em></p></blockquote> + +<p>Ihre Behandlung führt uns von Fallgruppe zu Fallgruppe, +deren Lage jeden von uns aufs tiefste erschüttert. +Um so notwendiger ist es, nicht dem Affekt, andererseits +nicht der übertriebenen Bedenklichkeit das entscheidende +Wort zu überlassen, sondern es auf Grund bedächtiger rechtlicher +Erwägung der Gründe für und der Bedenken gegen +die Bejahung der Frage zu finden. Nur auf solch fester +Grundlage kann weiter gebaut werden.</p> + +<p>Ich lege demnach auf strenge juristische Behandlung +das größte Gewicht. Gerade deshalb kann den festen Ausgangspunkt +für uns nur das geltende Recht bilden: wieweit<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +ist denn heute — wieder vom Notstande abgesehen — die +Tötung der Menschen <em class="gesperrt">freigegeben</em>, und was muß denn +darunter verstanden werden? Den Gegensatz der »Freigabe« +bildet die Anerkennung von <em class="gesperrt">Tötungsrechten</em>.</p> + +<p>Diese bleiben hier vollständig außer Betracht.</p> + +<p>Die wissenschaftliche Klarstellung des positivrechtlichen +Ausgangspunktes aber ist um so unumgänglicher, als er +sehr häufig ganz falsch oder doch sehr ungenau gefaßt wird.</p> + +<hr class="chap" /> +<h3><a name="I_Die_heutige_rechtliche_Natur_des_Selbstmordes" id="I_Die_heutige_rechtliche_Natur_des_Selbstmordes">I. Die heutige rechtliche Natur des Selbstmordes. +<br />Die sog. Teilnahme daran.</a></h3> + +<p>I. Von einer Macht, der er nicht widerstehen kann, +wird Mensch für Mensch ins Dasein gehoben. Mit diesem +Schicksale sich abzufinden — das ist seines Lebens Beruf. +Wie er dies tut, das kann innerhalb der engen Grenzen seiner +Bewegungsfreiheit er nur selbst bestimmen. <em class="gesperrt">Insoweit ist +er der geborene Souverän über sein Leben.</em></p> + +<p>Das Recht — ohnmächtig dem Einzelnen die Tragkraft nach +der ihm vom Leben auferlegten Traglast zu bestimmen — bringt +diesen Gedanken scharf zum Ausdruck durch Anerkennung +von jedermanns Freiheit, mit seinem Leben ein Ende zu +machen.<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Nach langer höchst unchristlicher Unterbrechung +dieser Anerkennung — von der Kirche gefordert, gestützt +auf die unreine Auffassung, der Gott der Liebe könne wünschen, +daß der Mensch erst nach unendlicher körperlicher oder +seelischer Qual stürbe<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, — dürfte sie heute, von ganz wenigen +zurückgebliebenen Staaten abgesehen, wieder voll zurückgewonnener, +für alle Zukunft unangefochtener Besitz bleiben.<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +Das Naturrecht hätte Grund gehabt, von dieser Freiheit +als dem ersten aller »Menschenrechte« zu sprechen.</p> + +<p>II. Wie diese Freiheit aber gesehen werden muß im +Rahmen unseres positiven Rechtes, dies steht noch keineswegs +fest. Ebenso in falscher Terminologie wie in falschen praktischen +Folgerungen spricht sich diese Unsicherheit aus. +Es ist höchste Zeit, daß größte wissenschaftliche Genauigkeit +die bisherige ungenaue Behandlung der einschlagenden +Fragen ablöse —, daß insbesondere die fundamentale rechtliche +Verschiedenheit zwischen dem schlecht sog. Selbstmord +und der Tötung Einwilligender klar erkannt werde.</p> + +<p>Zwei sich im tiefsten widersprechende Auffassungen +vom Selbstmord gehen heute nebeneinander her — beide +übereinstimmend nur darin, daß sie falsch sind, und daß +sie in die Forderung seiner Straflosigkeit münden.<a name="FNanchor_4" id="FNanchor_4"></a><a href="#Footnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Nach der einen ist der Selbstmord widerrechtliche +Handlung, Delikt, qualitativ dem Mord +und dem Totschlag aufs engste verwandt, weil +Übertretung des Verbotes der Menschentötung.</em><a name="FNanchor_5" id="FNanchor_5"></a><a href="#Footnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p> + +<p>Solche Ausdehnung der Tötungsnorm ist unseren gemeinrechtlichen +Quellen ganz fremd, und alle Beweise für +die deliktischen Eigenschaften des Selbstmordes versagen.</p> + +<p>Alle <em class="gesperrt">religiösen Gründe</em> besitzen für das Recht aus +doppeltem Grunde keine Beweiskraft. Sie beruhen hier auf +ganz unwürdiger Gottesauffassung, und das Recht ist durch +und durch weltlich: auf Regelung des äußeren menschlichen +Gemeinlebens eingestellt. Nebenbei gesagt, berührt das +neue Testament das Problem mit keinem Wort.</p> + +<p>Die gleiche Unkraft, für die Rechtswidrigkeit der Selbsttötung +zu beweisen, eignet der ebenso haltlosen als »pharisäischen« +(<em class="gesperrt">Gaupp</em>) Behauptung, sie sei stets <em class="gesperrt">eine unsittliche +<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +Handlung</em> und so verstehe sich ihre Rechtswidrigkeit +von selbst.<a name="FNanchor_6" id="FNanchor_6"></a><a href="#Footnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p> + +<p>Schon der »harte und lieblose« Name <em class="gesperrt">Selbstmord</em><a name="FNanchor_7" id="FNanchor_7"></a><a href="#Footnote_7" class="fnanchor">[7]</a> +für die eigene Tötung ist tendenziös. Denn dem »Morde« +waren stets feige Heimlichkeit und Niedertracht wesentlich. +Und nun bedenke man zunächst die große Anzahl psychisch +gestörter Personen, die Hand an sich legen!<a name="FNanchor_8" id="FNanchor_8"></a><a href="#Footnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Außerdem gibt +es altruistische Selbsttötungen geistig völlig Gesunder, die +auf der höchsten Stufe der Sittlichkeit stehen, andererseits +Selbsttötungen, die bis auf den tiefsten Grad frivoler Gemeinheit +oder elender Feigheit herabsinken können.<a name="FNanchor_9" id="FNanchor_9"></a><a href="#Footnote_9" class="fnanchor">[9]</a> Ja es gibt +unterlassene Selbsttötungen, die gerade wegen der Unterlassung +schweren sittlichen Tadel verdienen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Außerdem ist die unsittliche Handlung als<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +solche durchaus nicht auch rechtswidrig und die +rechtmäßige durchaus nicht immer sittlich.</em></p> + +<p>Der Beweis der <em class="gesperrt">Widerrechtlichkeit</em> der Selbsttötung +könnte nur aus dem exakten Nachweis der positivrechtlichen +Tötungsnorm geführt werden.<a name="FNanchor_10" id="FNanchor_10"></a><a href="#Footnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Dafür fehlt aber das +Material überall, wo die Selbsttötung nicht unter Strafe +gestellt oder sonst unzweideutig als Delikt gekennzeichnet +ist.<a name="FNanchor_11" id="FNanchor_11"></a><a href="#Footnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Oder sie könnte sich als Folgerung aus rechtlich feststehenden +Prämissen ergeben. Solchen Nachweis versucht +<em class="gesperrt">Feuerbach</em>, aber in der unzulänglichsten Weise. »Wer in +den Staat eintritt — der Neugeborene tritt aber doch nicht +ein! —, verpflichtet dem Staat seine Kräfte und handelt +rechtswidrig, wenn er ihm diese durch Selbstmord eigenmächtig +raubt«.<a name="FNanchor_12" id="FNanchor_12"></a><a href="#Footnote_12" class="fnanchor">[12]</a> Das ist offenbar eine nichtssagende <i>petitio +principii</i>.</p> + +<p>Für die Deliktsnatur der Selbsttötung fehlt also nicht nur +alles Beweismaterial,<a name="FNanchor_13" id="FNanchor_13"></a><a href="#Footnote_13" class="fnanchor">[13]</a> sondern es fällt auch heutzutage<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +keinem Selbstmörder und keinem seiner Beurteiler auch nur +von ferne ein, in der Selbsttötung eine verbotene Handlung +zu erblicken und diese wirklich qualitativ auf eine Linie mit +Mord und Totschlag zu stellen.</p> + +<p>Wer aber die Deliktsauffassung vertritt, der muß unter +allen Umständen die sog. Teilnehmer an der Selbsttötung<a name="FNanchor_14" id="FNanchor_14"></a><a href="#Footnote_14" class="fnanchor">[14]</a> +unter der Voraussetzung verschuldeten Handelns gleichfalls +als Delinquenten betrachten. Und aus der Straflosigkeit des +Selbstmörders ist die der »Teilnehmer« <em class="gesperrt">dogmatisch</em> gar nicht +ohne weiteres zu folgern:<a name="FNanchor_15" id="FNanchor_15"></a><a href="#Footnote_15" class="fnanchor">[15]</a> denn sie handeln widerrechtlich +gegen das Leben eines Dritten, stehen somit auf höherer +Stufe der Strafbarkeit als der, der sich nur an sich selbst +vergreift, wenn dessen Tat als Delikt betrachtet wird.</p> + +<p>In Konsequenz der Auffassung von der Deliktseigenschaft +der Selbsttötung hätten die Staatsorgane, zu deren<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +Aufgabe die Deliktshinderung gehört, ein Zwangsrecht zur +Unterlassung der Tötung gegen den Selbstmörder und seine +sog. Teilnehmer, wogegen diesen Allen natürlich ein Notwehrrecht +nicht zustünde.</p> + +<p>2. Ganz naturrechtlich gedacht, wenn auch durchaus +nicht immer von den durch die kirchliche Auffassung stark +beeinflußten Naturrechtslehrern vertreten, ist die entgegengesetzte +Auffassung: <em class="gesperrt">die Selbsttötung</em> ist <em class="gesperrt">Ausübung +eines Tötungsrechtes</em>. Auch sie findet in den Quellen +nicht die geringste Stütze: denn die Straflosigkeit des Selbstmordes +kann als solche nicht betrachtet werden. Es gibt +straflose Delikte in Fülle.</p> + +<p>So ist sie eine rein theoretische Konstruktion, die sich +einer vollständigen Verkennung des Wesens der subjektiven +Rechte und der üblichen Verwechslung der Reflexwirkungen +von Verboten mit solchen Rechten schuldig macht. Da die +Tötung nur des Nebenmenschen verboten ist, so wird gefolgert, +hat jeder Mensch ein Recht entweder <em class="gesperrt">auf Leben</em> +oder <em class="gesperrt">am Leben</em> oder gar <em class="gesperrt">über das Leben</em> — alle drei +Auffassungen sind gleich verkehrt —, und kraft dieses Besitzrechtes +darf er das Leben ebenso behaupten als von +sich werfen, besitzt er also <em class="gesperrt">ein Tötungsrecht an sich +selbst oder wider sich selbst</em>,<a name="FNanchor_16" id="FNanchor_16"></a><a href="#Footnote_16" class="fnanchor">[16]</a> ja kann dieses vielleicht gar +mit Bezug auf sich selbst auf andere übertragen.<a name="FNanchor_17" id="FNanchor_17"></a><a href="#Footnote_17" class="fnanchor">[17]</a></p> + +<p>Lasse ich das ganz unmögliche Recht <em class="gesperrt">auf</em> oder <em class="gesperrt">am</em> oder +<em class="gesperrt">über</em> das eigene Leben einmal auf sich beruhen — ganz gut +dagegen <em class="gesperrt">E. Rupp</em> S. 15 —, so ist gegen das Selbst-Tötungsrecht +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +einzuwenden, daß Handlungsrechte nur zu Zwecken +verliehen werden, welche der Rechtsordnung <em class="gesperrt">generell</em> +als ihr konform, ihr förderlich erscheinen. <em class="gesperrt">Darin liegt +also eine generelle Billigung der Handlung von +Rechts wegen.</em> Solche verbietet sich jedoch gegenüber der +Selbsttötung unbedingt. Übt diese doch in einer nicht kleinen +Zahl ihrer Vorkommnisse auf dem Rechtsgebiet sehr empfindliche +schädliche Wirkungen aus: etwa die Begründung +weitgehender öffentlicher Unterstützungspflichten. Ja, sie +kann geradezu das Mittel zur Verletzung schwerer Rechtspflichten +bilden: etwa der Pflichten, seine Schulden zu bezahlen, +seine Strafe zu verbüßen, an gefährlicher Stelle +vor dem Feinde Vorpostendienste zu leisten oder an einem +Angriff teilzunehmen.</p> + +<p><a name="Ref_12_13"></a>Stellt man sich aber einmal auf diesen Standpunkt der +Anerkennung von der Rechtmäßigkeit der Selbsttötungshandlung, +<a id="Corr1"></a>so ergibt sich,</p> + +<p>a. <em class="gesperrt">daß niemand ein Recht besitzen kann, den +Selbstmörder an seiner rechtmäßigen Tat zu +hindern;</em></p> + +<p>b. <em class="gesperrt">daß diesem gegen jeden Hinderungsversuch +ein Notwehrrecht zusteht;</em></p> + +<p>c. <em class="gesperrt">daß</em>, wenn man das Recht jedes Menschen, sich selbst +zu töten, gar als ein übertragbares betrachtet, alle sog. +Teilnehmer, <em class="gesperrt">die mit seiner beachtlichen Einwilligung +handeln</em> — aber allerdings nur diese —, gleichfalls +rechtmäßig handeln, also gleichfalls daran von niemandem +gehindert werden dürfen und gegen jeden Hinderungsversuch +die Notwehr besitzen.</p> + +<p>Alle Teilnehmer jedoch, die ohne solche Einwilligung +handeln, begehen Unerlaubtes, dürfen, ja müssen eventuell<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +an der Ausführung ihrer Handlung gehindert werden, und +machen sich im Schuldfall grundsätzlich verantwortlich.<a name="FNanchor_18" id="FNanchor_18"></a><a href="#Footnote_18" class="fnanchor">[18]</a></p> + +<p>Ja, vom Standpunkt dieses übertragbaren Tötungsrechtes +aus muß sogar</p> + +<p>d. die Tötung des beachtlich Einwilligenden gleichfalls +<em class="gesperrt">als rechtmäßige Tötungshandlung</em> betrachtet werden.<a name="FNanchor_19" id="FNanchor_19"></a><a href="#Footnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p> + +<p>III. Läßt sich der Selbstmord weder als eine deliktische +noch als eine rechtmäßige Handlung auffassen, so bleibt +nur übrig, <em class="gesperrt">ihn als eine rechtlich unverbotene Handlung +zu begreifen</em>.<a name="FNanchor_20" id="FNanchor_20"></a><a href="#Footnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Diese Auffassung, die freilich in recht +verschiedener Formulirung mehr und mehr durchdringt, +findet eine verschiedene Begründung, welche Verschiedenheit +hier auf sich beruhen bleiben kann. Ich habe mich früher +darüber so ausgesprochen: dem Rechte als der Ordnung des +menschlichen Gemeinschaftslebens »widerstrebe die Scheidung +von Rechtssubjekt und Rechtsobjekt auf das Individuum zu +übertragen und dieses einem Dualismus untertan zu machen, +wonach es auch für sich selbst Güterqualität, vielleicht gar +Sachenqualität annehmen muß, damit es Rechte an sich +selbst und Rechtspflichten wider sich selbst erlangen könne.«<a name="FNanchor_21" id="FNanchor_21"></a><a href="#Footnote_21" class="fnanchor">[21]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Es bleibt eben dem Rechte nichts übrig, als<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +den lebenden Menschen als Souverän über sein +Dasein und die Art desselben zu betrachten.</em><a name="FNanchor_22" id="FNanchor_22"></a><a href="#Footnote_22" class="fnanchor">[22]</a></p> + +<p>Daraus ergeben sich sehr wichtige Konsequenzen:</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Diese Anerkennung gilt nur dem Lebensträger +selbst.</em> Nur seine Handlung gegen sich selbst ist <em class="gesperrt">unverboten</em>.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Diese Anerkennung stellt keine Ausnahme +vom Tötungsverbot dar</em>; denn das Verbot untersagt nur +<em class="gesperrt">die Tötung des Nebenmenschen</em>, und daraus folgt das +Unverbotensein der Selbsttötung.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Alle sog. Teilnahme am Selbstmord unterfällt +der Tötungsnorm, ist also widerrechtlich</em>,<a name="FNanchor_23" id="FNanchor_23"></a><a href="#Footnote_23" class="fnanchor">[23]</a> kann, +ja muß unter Umständen unter Strafe genommen werden, +falls es nicht, was möglich ist, an der Schuld fehlt. Das +»kann« besagt: <i>de lege ferenda</i>, das »muß« besagt: <i>de lege +lata</i>, falls der sog. Teilnehmer Mittäter oder Urheber ist.<a name="FNanchor_24" id="FNanchor_24"></a><a href="#Footnote_24" class="fnanchor">[24]</a><a name="FNanchor_25" id="FNanchor_25"></a><a href="#Footnote_25" class="fnanchor">[25]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span></p> + +<p>4. <em class="gesperrt">Nur die Handlung des Verstorbenen ist unverboten.</em> +Ganz ohnmächtig ist er, durch seine Zustimmung +auch die Handlungen Dritter zu unverbotenen zu gestalten. +Mit allerbestem Grunde betrachtet unser positives Recht die +Tötung der Einwilligenden als Delikt.<a name="FNanchor_26" id="FNanchor_26"></a><a href="#Footnote_26" class="fnanchor">[26]</a></p> + +<p>5. Ist <em class="gesperrt">ihm</em> die Handlung unverboten, so darf <em class="gesperrt">ihn</em> niemand +daran hindern, wenn er genügend weiß, was er tut; gegen den<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +Hindernden hat er dann das Notwehrrecht; der Zwang gegen +ihn, die Handlung zu unterlassen, ist rechtswidrige Nötigung.<a name="FNanchor_27" id="FNanchor_27"></a><a href="#Footnote_27" class="fnanchor">[27]</a></p> + +<p>Diese Erretter vom Selbstmord handeln meist <i>optima +fide</i> und gehen dann straflos aus. Eine starke Stütze für ihren +Standpunkt bildet die Erfahrung, daß der gerettete Selbstmörder +oft sehr glücklich über seine Rettung ist und den zweiten +Versuch nach dem mißlungenen ersten meist unterläßt.<a name="FNanchor_28" id="FNanchor_28"></a><a href="#Footnote_28" class="fnanchor">[28]</a></p> + +<p>IV. Der rechtlich und sozial schwache Punkt der Freigabe +aller Selbsttötung ist der Verlust einer ganzen Anzahl noch +durchaus lebenskräftiger Leben, deren Träger nur zu bequem +oder zu feig sind, ihre durchaus tragbare Lebenslast weiter +zu schleppen.</p> + +<p>Es fällt dies für die Wertung der Schuld der sog. Teilnehmer +stark in die Wagschale. Die bewußte Beihilfe zum Selbstmord +des Todkranken wiegt erheblich leichter wie die zu dem +der Gesunden, der sich etwa seinen Gläubigern entziehen will.</p> + +<hr class="chap" /> +<h3><a name="Ref_II" id="Ref_II">II. Keiner besonderen Freigabe bedarf die reine +Bewirkung der Euthanasie in richtiger Begrenzung.</a></h3> + +<p>Scheinbar und für eine rein kausale Betrachtung ganz +zweifellos eine <em class="gesperrt">Tötung Dritter</em>, welche bisher nach meiner +Kenntnis strafrechtlich noch nicht verfolgt worden ist, bildet +<em class="gesperrt">die Herbeiführung der sog. Euthanasie</em>.</p> + +<p>I. Der in der neueren Literatur aufgetauchte unschöne +Name der »<em class="gesperrt">Sterbehilfe</em>«<a name="FNanchor_29" id="FNanchor_29"></a><a href="#Footnote_29" class="fnanchor">[29]</a> ist zweideutig. Völlig außer<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +Betracht muß hier das schmerzstillende Mittel bleiben, das +die wirkende Todesursache der Krankheit in ihrer Wirkung +beläßt. Allein bedeutsam wird für unsere Betrachtung + <em class="gesperrt">die Verdrängung der schmerzhaften, vielleicht +auch noch länger dauernden, in der Krankheit +wurzelnden Todesursache durch eine schmerzlosere +andere</em>. Einem am Zungenkrebs furchtbar schwer Leidenden +macht der Arzt oder ein anderer Hilfsreicher eine tödliche +Morphiuminjektion, die schmerzlos, vielleicht auch rascher, +vielleicht aber auch erst in etwas längerer Zeit den Tod +herbeiführt.</p> + +<p>II. Um die rechtliche Natur dieser Handlung, ihre Rechtswidrigkeit +oder ihr Unverbotensein — denn von einem +subjektiven Recht ihrer Vornahme kann unmöglich gesprochen +werden — ist derselbe m. E. ganz unnötige Streit entstanden +wie über die Natur des ärztlichen — richtiger des auf Heilung +abzielenden — scheinbaren Eingriffs in die Gesundheit, +besonders in die Körperintegrität eines anderen.<a name="FNanchor_30" id="FNanchor_30"></a><a href="#Footnote_30" class="fnanchor">[30]</a></p> + +<p>Die Lage, in welcher diese Handlung der Bewirkung +von Euthanasie vorgenommen wird, muß aber genau +präzisirt werden: dem innerlich Kranken oder dem Verwundeten +steht der Tod von der Krankheit oder der Wunde, +die ihn quält, <em class="gesperrt">sicher</em> und zwar <em class="gesperrt">alsbald</em> bevor, <em class="gesperrt">so daß der +Zeitunterschied zwischen dem infolge der Krankheit +vorauszusehenden und dem durch das untergeschobene +Mittel verursachten Tode nicht in Betracht +fällt</em>. Von einer spürbaren Verringerung der +Lebenszeit der Verstorbenen kann dann überhaupt nicht +oder höchstens nur von einem beschränkten Pedanten gesprochen +werden.</p> + +<p>Wer also einem Paralytiker am Anfang von dessen<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +vielleicht auf die Dauer von Jahren zu berechnenden Krankheit +auf dessen Bitte oder vielleicht sogar ohne diese die tödliche +Morphiumeinspritzung macht — bei dem kann von +reiner Bewirkung der Euthanasie keine Rede sein. Hier ist +eine starke, auch für das Recht ins Gewicht fallende <em class="gesperrt">Lebensverkürzung</em> +vorgenommen worden, die ohne rechtliche +Freigabe unzulässig ist.</p> + +<p>III. In demselben Augenblick aber wird klar: die sichere +Ursache qualvollen Todes war definitiv gesetzt, der baldige +Tod stand in sichere Aussicht. An dieser toddrohenden +Lage wird nichts geändert, als die Vertauschung der vorhandenen +Todesursache durch eine andere von der gleichen +Wirkung, welche die Schmerzlosigkeit vor ihr voraus hat. +<em class="gesperrt">Das ist keine »Tötungshandlung im Rechtssinne«</em>, +sondern nur eine Abwandelung der schon unwiderruflich gesetzten +Todesursache, deren Vernichtung nicht mehr gelingen +kann: <em class="gesperrt">es ist in Wahrheit eine reine Heilhandlung</em>. +»Die Beseitigung der Qual ist auch Heilwerk.«<a name="FNanchor_31" id="FNanchor_31"></a><a href="#Footnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p> + +<p>Als verbotene Tötung könnte solch Verhalten nur betrachtet +werden, wenn die Rechtsordnung barbarisch genug +wäre zu verlangen, daß der Todkranke durchaus an seinen +Qualen zugrunde gehen müsse. Davon kann doch zurzeit +keine Rede mehr sein.</p> + +<p>Es ist beschämend, daß man je daran hat denken, je +danach hat handeln können!</p> + +<p>IV. Daraus ergibt sich: es handelt sich hier gar nicht +um eine statuirte Ausnahme von der Tötungsnorm, um<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +eine rechtswidrige Tötung, falls von dieser nicht eine Ausnahme +ausdrücklich anerkannt worden wäre, sondern um +<em class="gesperrt">unverbotenes Heilwerk</em> von segensreichster Wirkung +für schwer gequälte Kranke, um eine Leidverringerung für +noch Lebende, solange sie noch leben, und wahrlich nicht um +ihre Tötung.</p> + +<p><em class="gesperrt">So muß die Handlung als unverboten betrachtet +werden, auch wenn das Gesetz ihrer gar +nicht im Sinne der Anerkennung Erwähnung +tut.</em><a name="FNanchor_32" id="FNanchor_32"></a><a href="#Footnote_32" class="fnanchor">[32]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Und zwar kommt es dabei auf die Einwilligung +des gequälten Kranken gar nicht an.</em> Natürlich +darf die Handlung nicht seinem Verbot zuwider vorgenommen +werden, aber in sehr vielen Fällen werden +momentan Bewußtlose Gegenstand dieses heilenden Eingriffes +sein müssen.<a name="FNanchor_33" id="FNanchor_33"></a><a href="#Footnote_33" class="fnanchor">[33]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></p> + +<p>Aus der Natur dieser Handlung ergibt sich auch, daß +die Beihilfe zu ihr und die Bestimmung dazu seitens eines +Dritten gleichfalls durchaus unverboten sind.<a name="FNanchor_34" id="FNanchor_34"></a><a href="#Footnote_34" class="fnanchor">[34]</a></p> + +<p>Die irrtümliche Annahme der Tödlichkeit der Lage +kann den zur Bewirkung der Euthanasie Verschreitenden +wegen fahrlässiger Tötung verantwortlich machen.<a name="FNanchor_35" id="FNanchor_35"></a><a href="#Footnote_35" class="fnanchor">[35]</a></p> + +<hr class="chap" /> +<h3><a name="III_Ansatze_zu_weiterer_Freigabe" id="III_Ansatze_zu_weiterer_Freigabe">III. Ansätze zu weiterer Freigabe.</a></h3> + +<p>Unsere Anfangsuntersuchung hat ergeben: unverboten +ist heute ganz allein die Selbsttötung in vollstem Umfange. +Von einer Freigabe der sog. Teilnahme daran ist zurzeit +gar keine Rede. Denn in allen Formen ist sie deliktischer +Natur. Auch durch die Einwilligung des Selbstmörders +kann sie davon nicht entkleidet werden. Aber zufolge der +verkehrten akzessorischen Behandlung der sog. Teilnahme +im Gesetzbuch wird bewirkt, daß die Beihilfe zum Selbstmord +straflos bleiben muß, und in der vorsätzlichen Bestimmung +zum Selbstmord keine Anstiftung zu demselben im +Sinne des § 48 des GB. gefunden werden darf — <a id="Corr2"></a>einerlei +ob der Selbstmörder zurechnungsfähig ist oder nicht.</p> + +<p>Eine weitere Freigabe könnte also nur eine <em class="gesperrt">Freigabe +der Tötung des Nebenmenschen sein</em>. Sie würde bewirken, +was die Freigabe des Selbstmordes nicht bewirkt:<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +<em class="gesperrt">eine echte Einschränkung des rechtlichen Tötungsverbotes</em>.</p> + +<p>Für eine solche ist neuerdings verschiedentlich eingetreten +worden, und als Stichwort oder Schlagwort für diese +Bewegung wurde der Ausdruck von dem <em class="gesperrt">Recht auf den +Tod</em> geprägt.<a name="FNanchor_36" id="FNanchor_36"></a><a href="#Footnote_36" class="fnanchor">[36]</a></p> + +<p>Darunter ist nicht sowohl ein echtes Recht auf den Tod +verstanden, sondern es soll damit nur ein rechtlich anzuerkennender +Anspruch gewisser Personen auf Erlösung aus +einem unerträglichen Leben bezeichnet werden.<a name="FNanchor_37" id="FNanchor_37"></a><a href="#Footnote_37" class="fnanchor">[37]</a></p> + +<p>Diese neue Bewegung ist vorbereitet durch zwei Strömungen, +deren eine, die radikalere, sich durchaus in dem Gebiet +der aprioristischen wie der gesetzauslegenden Theorie, die +andere, ängstlichere und zurückhaltendere, sich in dem der +Gesetzgebungen gebildet hat.</p> + +<p>I. Es ist bekannt, daß die Römer die <em class="gesperrt">Tötung des +Einwilligenden</em> straflos gelassen haben. Auf Grund ganz +übertreibender Deutung der <i>l. 1 §5 D de injuriis 47, 10: quia +nulla injuria est, quae in volentem fit</i>, die sich lediglich +<em class="gesperrt">auf das römische Privatdelikt der <i>injuria</i> bezog</em>, +wurde nun wieder die ganz naturrechtliche Lehre ausgebildet<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +von der ungeheuren Macht der Einwilligung des Verletzten +in die Verletzung. Diese schließe durchweg, wenn überhaupt +von einem der Tragweite dieser Einwilligung Bewußten +erteilt, soweit es bei Delikten überhaupt einen Verletzten +gebe, die Rechtswidrigkeit der Verletzung aus: die Handlung +<em class="gesperrt">könne</em> also gar nicht gestraft werden, jede Verletzung des +Einwilligenden, insbesondere seine Tötung, sei unverbotene +Handlung.</p> + +<p>Auf diesen Standpunkt stellten sich im vorigen Jahrhundert +<em class="gesperrt">W. v. Humboldt</em> (Gesamm. W. VII S. 138), +<em class="gesperrt">Henke</em> und <em class="gesperrt">Wächter</em>, später besonders <em class="gesperrt">Ortmann</em>, <em class="gesperrt">Rödenbeck</em>, +<em class="gesperrt">Keßler</em>, <em class="gesperrt">Klee</em>, <em class="gesperrt">E. Rupp</em>.<a name="FNanchor_38" id="FNanchor_38"></a><a href="#Footnote_38" class="fnanchor">[38]</a> Bleiben sie konsequent, +so müssen sie energische Gegner des GB. § 216 werden.<a name="FNanchor_38a" id="FNanchor_38a"></a><a href="#Footnote_38a" class="fnanchor">[38a]</a></p> + +<p>II. Die Bewegung innerhalb der Gesetzgebung knüpft +gleichfalls an die <em class="gesperrt">Einwilligung in die Verletzung</em> an,<a name="FNanchor_39" id="FNanchor_39"></a><a href="#Footnote_39" class="fnanchor">[39]</a> +die im Interesse ihrer klareren Erkennbarkeit und leichteren +Beweisbarkeit zum <em class="gesperrt">Verlangen der Verletzung</em> gesteigert +wurde.<a name="FNanchor_40" id="FNanchor_40"></a><a href="#Footnote_40" class="fnanchor">[40]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Dieses Verlangen der Tötung wird zum Strafmilderungsgrund</em>, +die Tötung auf Verlangen bleibt<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +also echtes Verbrechen — Verbrechen natürlich nicht im Sinn +des RStGB. § 1 genommen.<a name="FNanchor_41" id="FNanchor_41"></a><a href="#Footnote_41" class="fnanchor">[41]</a></p> + +<p>Es hat damit begonnen das <em class="gesperrt">Preußische</em> Landrecht +T. II Tit. 20 § 834.<a name="FNanchor_42" id="FNanchor_42"></a><a href="#Footnote_42" class="fnanchor">[42]</a> Viele deutschen Strafgesetzbücher +sind ihm gefolgt, aber nicht schon das <em class="gesperrt">Bayrische</em> v. 1813, +sondern zuerst das <em class="gesperrt">Sächsische</em> v. 1838.<a name="FNanchor_43" id="FNanchor_43"></a><a href="#Footnote_43" class="fnanchor">[43]</a> Auch das +<em class="gesperrt">Preußische</em> verhielt sich ablehnend, ebenso von seinen +Nachfolgern das <em class="gesperrt">Oldenburgische</em> v. 1858 und das <em class="gesperrt">Bayrische</em> +v. 1861, nicht aber das <em class="gesperrt">Lübische</em> (s. § 145).</p> + +<p>Es zwang diese Abweisung des Verlangens als Strafmilderungsgrundes +zu dem furchtbar harten Schluß, die +Tötung des Einwilligenden der Strafe des Mordes oder +des Totschlages zu unterstellen.</p> + +<p>Diese unerträgliche Notwendigkeit hat denn auch dazu +geführt, in den dritten Entwurf des <em class="gesperrt">Norddeutschen +Strafgesetzbuchs</em> — die beiden ersten hatten wirklich +geschwiegen! — <em class="gesperrt">die Tötung des den Tod ausdrücklich<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +und ernstlich Verlangenden seitens dessen, +an den das Verlangen gerichtet war</em>, als selbständiges +Tötungs-»Vergehen« aufzunehmen und deshalb +unter die im Mindestbetrag noch viel zu hohe Gefängnisstrafe +von nicht unter 3 Jahren zu stellen. Dieser Vorschlag +hat dann unverändert Aufnahme in das Gesetz gefunden.</p> + +<p>Es liegt dem das richtige Verständnis eines notwendig +anzuerkennenden Strafmilderungsgrundes unter.</p> + +<p>Die Tötung des Einwilligenden hat nicht nötig, den +Lebenswillen des Opfers zu brechen, durch welche Vergewaltigung +die regelmäßige Tötung erst ihre furchtbare +Schwere erlangt.</p> + +<p>Darin liegt der Zwang, den Deliktsgehalt der Tötung +des Einwilligenden zunächst als objektiv bedeutend geringer +zu fassen. Damit wird auf der subjektiven Seite eine Abmilderung +der Schuld dann Hand in Hand gehen, wenn +die Handlung <em class="gesperrt">aus Mitleiden</em> verübt wird. Aber notwendig +ist dies zur Strafmilderung gar nicht — weder nach theoretischem +Gesichtspunkte, noch <i>de lege lata</i>. Indessen weiter +als zur Strafmilderung führt die zum Verlangen gesteigerte +Einwilligung in die Tötung <i>de lege lata</i> nicht.</p> + +<p>Der rechtlich schwachen Punkte dieser privilegirten +Art vorsätzlicher Tötung sind drei: 1. die gesetzliche Steigerung +der Einwilligung zum <em class="gesperrt">Verlangen</em> oder gar zum +<em class="gesperrt">ausdrücklichen</em> Verlangen zwingt, die Tötung des nicht +in dieser gesteigerten Form Einwilligenden auch wieder als +Mord oder gewöhnlichen Totschlag zu behandeln;</p> + +<p>2. das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Vernichtung +des lebenswerten und des lebensunwerten Lebens;</p> + +<p>3. das Gesetz erweist seine Wohltat auch dem sehr grausam +Tötenden. — Den zweiten dieser Mängel hat aber eine +Anzahl unserer Strafgesetzbücher klar erkannt.</p> + +<p>Fünf unserer früheren Strafgesetzbücher, zuerst das +<em class="gesperrt">Württembergische</em> v. 1839 (A. 239), kennen ein doppelt +privilegirtes Tötungsverbrechen: nämlich die Tötung auf<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +Verlangen vollführt an » <em class="gesperrt">einem Todkranken oder tödlich +Verwundeten</em>«.<a name="FNanchor_44" id="FNanchor_44"></a><a href="#Footnote_44" class="fnanchor">[44]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Hier bricht klar der Gedanke durch, daß solch +Leben den vollsten Strafschutz nicht mehr verdient</em>, +und daß das Verlangen seiner Vernichtung rechtlich +eine größere Beachtung zu finden hat, als das Verlangen +der Vernichtung robusten Lebens.</p> + +<p><em class="gesperrt">Dieser sehr gute Anfang hat jedoch im Reichsstrafgesetz +keinen Fortgang, dagegen in der Literatur +sehr lebhafte Aufnahme gefunden!</em></p> + +<h3>IV. Steigerung der Privilegirungsgründe des +Tötungsdeliktes zu Gründen für die Freigabe +der Tötung Dritter?</h3> + +<p>Bedenkt man, daß eine ganze Anzahl namhafter Juristen +die Einwilligung in die Tötung deren Rechtswidrigkeit +überhaupt ganz aufheben lassen, somit die Tötung des +Einwilligenden jedenfalls als unverboten behandelt sehen +wollen, daß andererseits in neuerer Zeit von edlem Mitleid +mit unertragbar leidenden Menschen stark bewegte und erfüllte +Stimmen für Freigabe der Tötung solcher laut geworden +sind, so muß man doch wohl behaupten: es stünde zurzeit +<i>de lege ferenda</i> doch zur Frage, ob nicht der eine oder der +andere dieser beiden <em class="gesperrt">Strafmilderungsgründe</em> zu einem +<em class="gesperrt">Strafausschließungsgrund</em> erhoben oder ob nicht mindestens +beim Zusammentreffen der beiden Privilegirungsgründe: +<em class="gesperrt">Einwilligung und unerträglichen Leidens</em> die +Tötung als gerechtfertigt, will sagen als unverboten betrachtet +werden solle?</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span></p> +<p>Es ist nicht uninteressant zu sehen, daß die Verfasser +des Vorentwurfs von 1909<a name="FNanchor_45" id="FNanchor_45"></a><a href="#Footnote_45" class="fnanchor">[45]</a> die Privilegirung dessen +unbedingt ablehnen, »der einen hoffnungslosen Kranken +<em class="gesperrt">ohne dessen Verlangen</em> aus Mitleiden des Lebens +beraube«.</p> + +<p>Wie rückständig sind diese Gesetzgeber der Gegenwart +hinter dem <em class="gesperrt">Preußischen Landrecht</em> geblieben, das Teil II +Tit. XX § 833 für die damalige Zeit so großherzig und zugleich +juristisch so fein bestimmt hat: »Wer tödtlich Verwundeten, +oder sonst Todtkranken, in vermeintlich guter Absicht, +das Leben verkürzt, ist gleich einem fahrlässigen Totschläger +nach § 778.779 zu bestrafen.« Die angedrohte Strafe +ist sehr mild: Gefängnis oder Festung »auf einen Monat bis +zwei Jahre«.</p> + +<p>Über hundert Jahre sind seitdem ins Land gegangen, +und solch köstliche Satzung hat für das deutsche Volk keine +Frucht getragen!</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">Norwegische Strafgesetzbuch</em> v. 22. Mai 1902 +§ 235 hat die Strafbarkeit solcher Tötung der der Tötung +des Einwilligenden gleichgestellt. Die <em class="gesperrt">Motive</em> des deutschen +Entwurfs von 1909 führen aus: solche Vorschrift könne »in +schlimmster Weise mißbraucht und das Leben erkrankter +Personen in erheblichster Weise gefährdet werden«, auch sei +eine befriedigende Fassung dafür kaum zu finden.<a name="FNanchor_46" id="FNanchor_46"></a><a href="#Footnote_46" class="fnanchor">[46]</a></p> + +<p>I. Ich will nun für den Augenblick einmal beide Fäden +abreißen, um sie später wieder anzuknüpfen, vor allem +Weiteren aber die Vorfrage stellen, die gegenwärtig m. E. +unbedingt gestellt werden muß. Die juristische, scheinbar so +geschäftsmäßige Formulirung scheint auf große Herzlosigkeit +zu deuten: in Wahrheit entspringt sie nur dem tiefsten +Mitleiden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span></p> + +<p><em class="gesperrt">Gibt es Menschenleben, die so stark die Eigenschaft +des Rechtsgutes eingebüßt haben, daß ihre +Fortdauer für die Lebensträger wie für die +Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?</em><a name="FNanchor_47" id="FNanchor_47"></a><a href="#Footnote_47" class="fnanchor">[47]</a></p> + +<p>Man braucht sie nur zu stellen und ein beklommenes +Gefühl regt sich in Jedem, der sich gewöhnt hat, den Wert +des einzelnen Lebens für den Lebensträger und für die +Gesamtheit auszuschätzen. Er nimmt mit Schmerzen wahr, +wie verschwenderisch wir mit dem wertvollsten, vom stärksten +Lebenswillen und der größten Lebenskraft erfüllten und +von ihm getragenen Leben umgehen, und welch Maß von +oft ganz nutzlos vergeudeter Arbeitskraft, Geduld, Vermögensaufwendung +wir nur darauf verwenden, um lebensunwerte +Leben so lange zu erhalten, bis die Natur — oft +so mitleidlos spät — sie der letzten Möglichkeit der Fortdauer +beraubt.</p> + +<p>Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld, bedeckt +mit Tausenden toter Jugend, oder ein Bergwerk, worin +schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet +haben, und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit +ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben — und +man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang +zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit +im größten Maßstabe auf der einen und der größten Pflege +nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu wertender +Existenzen auf der anderen Seite.<a name="FNanchor_48" id="FNanchor_48"></a><a href="#Footnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span></p> + +<p>Daß es lebende Menschen gibt, deren Tod für sie eine +Erlösung und zugleich für die Gesellschaft und den Staat insbesondere +eine Befreiung von einer Last ist, deren Tragung +außer dem einen, ein Vorbild größter Selbstlosigkeit zu sein, +nicht den kleinsten Nutzen stiftet, läßt sich in keiner Weise +bezweifeln.</p> + +<p>Ist dem aber so — gibt es in der Tat menschliche Leben, +an deren weiterer Erhaltung jedes vernünftige Interesse +dauernd geschwunden ist, — dann steht die Rechtsordnung +vor der verhängnisvollen Frage, ob sie den Beruf hat, +für deren unsoziale Fortdauer tätig einzutreten — insbesondere +auch durch vollste Verwendung des Strafschutzes — +oder unter bestimmten Voraussetzungen ihre Vernichtung +freizugeben? Man kann die Frage legislatorisch auch dahin +stellen: ob die energische Forterhaltung solcher Leben als +Beleg für die Unangreifbarkeit des Lebens überhaupt +den Vorzug verdiene, oder die Zulassung seiner alle Beteiligten +erlösenden Beendigung als das kleinere Übel erscheine?</p> + +<p>II. Über die notwendig zu gebende Antwort kann nach +kühl rechnender Logik kaum ein Zweifel obwalten. Ich bin +aber der festen Überzeugung, daß die Antwort durch rechnende +Vernunft allein nicht definitiv gegeben werden +darf: ihr Inhalt muß durch das tiefe Gefühl für ihre Richtigkeit +die Billigung erhalten. Jede unverbotene Tötung +eines Dritten muß als Erlösung mindestens für ihn empfunden +werden: sonst verbietet sich ihre Freigabe von selbst.</p> + +<p>Daraus ergibt sich aber eine Folgerung als unbedingt +notwendig: <em class="gesperrt">die volle Achtung des Lebenswillens +aller, auch der kränksten und gequältesten und +nutzlosesten Menschen</em>.</p> + +<p>Nach Art des den Lebenswillen seines Opfers gewaltsam<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +brechenden Mörders und Totschlägers kann die Rechtsordnung +nie vorzugehen gestatten.<a name="FNanchor_49" id="FNanchor_49"></a><a href="#Footnote_49" class="fnanchor">[49]</a></p> + +<p>Selbstverständlich kann auch gegenüber dem Geistesschwachen, +der sich bei seinem Leben glücklich fühlt, von +Freigabe seiner Tötung nie die Rede sein.</p> + +<p><a name="Ref_III_IV_1-3"> </a>III. Die in Betracht kommenden Menschen zerfallen +nun, soweit ich zu sehen vermag, in zwei große Gruppen, +zwischen welche sich eine Mittelgruppe einschiebt. In</p> + +<p><a name="Ref_IV_III_1"></a>1. <em class="gesperrt">die zufolge Krankheit oder Verwundung +unrettbar Verlorenen, die im vollen Verständnis +ihrer Lage den dringenden Wunsch nach Erlösung +besitzen und ihn in irgendeiner Weise zu erkennen +gegeben haben.</em><a name="FNanchor_50" id="FNanchor_50"></a><a href="#Footnote_50" class="fnanchor">[50]</a></p> + +<p>Die beiden oben erwähnten Privilegirungsgründe +treffen hier zusammen. Ich denke besonders an unheilbare +Krebskranke, unrettbare Phthisiker, an irgendwie und -wo +tödlich Verwundete.</p> + +<p>Ganz unnötig scheint mir, daß das Verlangen nach dem +Tode aus unerträglichen Schmerzen entspringt. Die schmerzlose +Hoffnungslosigkeit verdient das gleiche Mitleid.</p> + +<p>Ganz gleichgültig erscheint auch, ob unter anderen Verhältnissen +der Kranke hätte gerettet werden können, falls +diese günstigeren Verhältnisse sich eben nicht beschaffen lassen. +»Unrettbar« ist also nicht in absolutem Sinne, sondern als +unrettbar in der konkreten Lage zu verstehen. Wenn zwei +Freunde zusammen in abgelegenster Gegend eine gefährliche +Bergwanderung machen, der eine schwer abstürzt und beide +Beine bricht, der andere aber ihn nicht fortschaffen, auch +menschliche Hilfe nicht errufen oder sonst erlangen kann, +so ist eben der Zerschmetterte unrettbar verloren. Sieht er +das ein und erfleht er vom Freunde den Tod, so wird dieser<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +kaum widerstehen können und wenn er kein Schwächling +ist, selbst auf die Gefahr hin in Strafe genommen zu werden, +auch nicht widerstehen wollen. Auf dem Schlachtfeld ereignen +sich sicher analoge Fälle zur Genüge. Die Menschen +vom richtigen und würdigen Handeln abzuhalten — dazu +ist die Strafe nicht da und dazu soll ihre Androhung auch nicht +verwendet werden!</p> + +<p>Unbedingt notwendige Voraussetzung ist aber nicht nur +die Ernstlichkeit der Einwilligung oder des Verlangens, +sondern auch für die beiden Beteiligten die richtige Erkenntnis +und nicht nur die hypochondrische Annahme des +unrettbaren Zustandes und die reife Auffassung dessen, was die +Aufgabe des Lebens für den den Tod Verlangenden bedeutet.</p> + +<p>Die Einwilligung des »Geschäftsunfähigen« (BGB. § 104) +genügt regelmäßig nicht. Aber auch eine große Zahl weiterer +»Einwilligungen« wird als unbeachtlich betrachtet werden +müssen. Andererseits gibt es beachtliche Einwilligungen +auch von Minderjährigen noch unter 18 Jahren, ja auch +von Wahnsinnigen.</p> + +<p>Wenn diese Unrettbaren, denen das Leben zur unerträglichen +Last geworden ist, nicht zur Selbsttötung verschreiten, +sondern — was sehr inkonsequent sein kann, aber doch nicht +selten sich ereignen mag — den Tod von dritter Hand erflehen, +so liegt der Grund zu diesem inneren Widerspruch +vielfach in der physischen Unmöglichkeit der Selbsttötung, +etwa in zu großer Körperschwäche der Kranken, in der Unerreichbarkeit +der Mittel zur Tötung, vielleicht auch darin, daß +er überwacht wird oder am Versuche des Selbstmordes gehindert +würde, vielfach aber auch in reiner Willensschwäche.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ich kann nun vom rechtlichen, dem sozialen, +dem sittlichen, dem religiösen Gesichtspunkt aus +schlechterdings keinen Grund finden, die Tötung +solcher den Tod dringend verlangender Unrettbarer +nicht an die, von denen er verlangt wird, freizugeben: +ja ich halte diese Freigabe einfach für eine<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +Pflicht gesetzlichen Mitleids</em>, wie es sich ja doch auch in +anderen Formen vielfach geltend macht. Über die Art des +Vollzugs wird später das Nötige zu sagen sein.</p> + +<p>Wie steht es aber mit der Rücksichtnahme auf die Gefühle, +vielleicht gar auf starke Interessen der Angehörigen an +der Fortdauer dieses Lebens? Die Frau des Kranken, die +ihn schwärmerisch liebt, klammert sich an sein Leben. Vielleicht +erhält er durch Bezug seiner Pension seine Familie, +und diese widerspricht dem Gnadenakt auf das energischste.</p> + +<p>Mir will jedoch scheinen, <em class="gesperrt">das Mitleid mit dem Unrettbaren +muß hier unbedingt überwiegen</em>. Seine +Seelenqual ihm tragen zu helfen vermag auch von seinen +Geliebten keiner. Nichts kann er für sie tun; täglich verstrickt +er sie in neues Leid, fällt ihnen vielleicht schwer zur Last; +<em class="gesperrt">er</em> muß entscheiden, ob er dies verlorene Leben noch tragen +kann. Ein Einspruchsrecht, ein Hinderungsrecht der Verwandten +kann nicht anerkannt werden — immer vorausgesetzt, +daß das Verlangen nach dem Tode ein beachtliches ist.<a name="FNanchor_51" id="FNanchor_51"></a><a href="#Footnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p> + +<p><a name="Ref_III_IV_2"></a>2. <em class="gesperrt">Die zweite Gruppe besteht aus den unheilbar +Blödsinnigen</em> — einerlei ob sie so geboren oder etwa +wie die Paralytiker im letzten Stadium ihres Leidens so +geworden sind.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sie haben weder den Willen zu leben, noch +zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche +Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt +diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen +werden müßte.</em> Ihr Leben ist absolut zwecklos, aber sie +empfinden es nicht als unerträglich. Für ihre Angehörigen +wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere +Belastung. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke — außer +vielleicht im Gefühl der Mutter oder der treuen Pflegerin. +Da sie großer Pflege bedürfen, geben sie Anlaß, <em class="gesperrt">daß ein +Menschenberuf entsteht, der darin aufgeht, absolut<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +lebensunwertes Leben für Jahre und Jahrzehnte +zu fristen</em>.</p> + +<p>Daß darin eine furchtbare Widersinnigkeit, ein Mißbrauch +der Lebenskraft zu ihrer unwürdigen Zwecken, enthalten +ist, läßt sich nicht leugnen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wieder finde ich weder vom rechtlichen, noch +vom sozialen, noch vom sittlichen, noch vom religiösen +Standpunkt aus schlechterdings keinen +Grund, die Tötung dieser Menschen, die das +furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden +und fast in Jedem Entsetzen erwecken, der ihnen +begegnet, freizugeben</em> — natürlich nicht an Jedermann! +In Zeiten höherer Sittlichkeit — der unseren ist aller Heroismus +verloren gegangen — würde man diese armen Menschen +wohl amtlich von sich selbst erlösen. Wer aber schwänge sich +heute in unserer Entnervtheit zum Bekenntnis dieser Notwendigkeit, +also solcher Berechtigung auf?</p> + +<p>Und so wäre heute zu fragen: wem gegenüber darf und +soll diese Tötung freigegeben werden? <em class="gesperrt">Ich würde meinen, +zunächst den Angehörigen, die ihn zu pflegen +haben, und deren Leben durch das Dasein des +Armen dauernd so schwer belastet wird, auch +wenn der Pflegling in eine Idiotenanstalt Aufnahme +gefunden hat, dann auch ihren Vormündern +— falls die einen oder die anderen die Freigabe +beantragen.</em></p> + +<p>Den Vorstehern gerade dieser Anstalten <em class="gesperrt">zur Pflege +der Idioten</em> wird solch Antragsrecht kaum gegeben werden +können. Auch würde ich meinen, der Mutter, die trotz des +Zustandes ihres Kindes sich die Liebe zu ihm nicht hat +nehmen lassen, sei ein Einspruch freizugeben, falls sie die +Pflege selbst übernimmt oder dafür aufkommt. Weitaus +am besten würde der Antrag gestellt, sobald der unheilbare +Blödsinn die Feststellung gefunden hätte.<a name="FNanchor_52" id="FNanchor_52"></a><a href="#Footnote_52" class="fnanchor">[52]</a></p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span></p> +<p>3. Ich habe von einer Mittelgruppe gesprochen und +finde sie <em class="gesperrt">in den geistig gesunden Persönlichkeiten, +die durch irgendein Ereignis, etwa sehr schwere, +zweifellos tödliche Verwundung, bewußtlos geworden +sind, und die, wenn sie aus ihrer Bewußtlosigkeit +noch einmal erwachen sollten, zu einem +namenlosen Elend erwachen würden</em>.</p> + +<p>Soviel ich weiß, können diese Zustände der Bewußtlosigkeit +so lange dauern, daß von den Voraussetzungen +zulässiger Bewirkung der Euthanasie nicht mehr die Rede sein +kann. Aber in den meisten Fällen dieser Gruppe dürften +diese doch vorhanden sein. Dann greift der Grundsatz durch, +der oben s. <a href="#Ref_II">II S. 14-18</a> entwickelt worden ist.</p> + +<p>Bezüglich des wohl kleinen Restes ist aber zu bemerken:</p> + +<p>Auch hier fehlt — wenn auch aus ganz anderem Grunde +wie bei den Idioten — die mögliche Einwilligung des Unrettbaren +in die Tötung. Wird diese doch eigenmächtig vorgenommen +in der Überzeugung, der Getötete würde, +wenn er dazu imstande gewesen wäre, seine Zustimmung +zur Tötung erteilt haben, so läuft der Täter bewußt ein +großes Risiko aus Mitleid mit dem Bewußtlosen, nicht um +ihm das Leben zu rauben, sondern um ihm ein furchtbares +Ende zu ersparen.</p> + +<p>Ich glaube nicht, daß sich für diese Gruppe der Tötungen +eine Regelbehandlung aufstellen läßt. Es werden Fälle auftauchen, +worin die Tötung sachlich als durchaus gerechtfertigt +erscheint; es kann sich aber auch ereignen, daß der Täter +übereilt gehandelt hat in der Annahme, das Richtige zu<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +tun. Dann wird er nie vorsätzlich rechtswidriger, wohl aber +eventuell fahrlässiger Tötung schuldig.</p> + +<p>Für die nachträglich als gerechtfertigt anerkannte +Tötung sollte gesetzlich die Möglichkeit eröffnet werden, sie +straflos zu lassen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Personen also, die für die Freigabe ihrer +Tötung allein in Betracht kommen, sind stets +nur die unrettbar Kranken, und zu der Unrettbarkeit +gesellt sich stets das Verlangen des Todes +oder die Einwilligung, oder sie würde sich dazu +gesellen, wenn der Kranke nicht in dem kritischen +Zeitpunkt der Bewußtlosigkeit verfallen wäre +oder wenn der Kranke je zum Bewußtsein seines +Zustandes hätte gelangen können.</em></p> + +<p>Wie schon oben ausgeführt, <em class="gesperrt">ist jede Freigabe der +Tötung mit Brechung des Lebenswillens des zu +Tötenden oder des Getöteten ausgeschlossen</em>.</p> + +<p>Ebenso ausgeschlossen ist die Freigabe der Tötung an +<em class="gesperrt">Jedermann</em> — ich will einmal den furchtbaren Ausdruck +einer <em class="gesperrt"><i>proscriptio bona mente</i></em> gebrauchen.</p> + +<p>Wie die Selbsttötung nur einer einzigen Person freigegeben +ist, so kann die Tötung Unrettbarer nur solchen +freigegeben werden, die sie nach Lage der Dinge zu retten +berufen wären, deren Mitleidstat deshalb das Verständnis +aller richtig empfindenden Menschen finden wird.</p> + +<p>Den Kreis dieser Personen gesetzlich bestimmt zu umgrenzen, +ist untunlich. Ob der Antragsteller und der Vollstrecker +der Freigabe im einzelnen Falle dazu gehörten, kann +nur für jeden Einzelfall festgestellt werden.</p> + +<p>Die Angehörigen werden vielfach, aber keineswegs +immer dazu gehören. Der Haß kann auch die Maske des +Mitleides annehmen und Kain erschlug seinen Bruder Abel.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span></p> + +<h3><a name="V_Die_Entscheidung_uber_die_Freigabe" id="V_Die_Entscheidung_uber_die_Freigabe">V. Die Entscheidung über die Freigabe.</a></h3> + +<p>Es wäre möglich, daß diese Vorschläge der Erweiterung +des Gebietes unverbotener Tötung seis ganz, seis wenigstens +in ihrem ersten Teile<a name="FNanchor_53" id="FNanchor_53"></a><a href="#Footnote_53" class="fnanchor">[53]</a> theoretische Billigung fänden, daß +aber ihre praktische Undurchführbarkeit gegen sie ins Feld +geführt würde.<a name="FNanchor_54" id="FNanchor_54"></a><a href="#Footnote_54" class="fnanchor">[54]</a></p> + +<p>Mit gutem Grunde könnte gesagt werden: Voraussetzung +der Freigabe bildet immer der pathologische Zustand +dauernder tödlicher Krankheit oder unrettbares Idiotentum. +Dieser Zustand bedarf objektiver sachverständiger Feststellung, +die doch unmöglich in die Hand des Täters gelegt werden +kann. Wäre doch sehr leicht denkbar, daß irgendwer an dem +frühzeitigeren Hinscheiden des Kranken ein großes, vielleicht +gar vermögensrechtliches Interesse hätte, und den +behandelnden Arzt zum tödlichen Eingreifen erfolgreich +zu bestimmen suchte, oder daß dieser von sich aus beschlösse, +auf ungenügende Diagnose hin das Schicksal zu spielen.</p> + +<p>Vergegenwärtigt man sich nun die einschlagenden Fälle +(oben s. <a href="#Ref_III_IV_1-3">III, IV 1-3</a>) in ihrer Verschiedenheit, so zeigt sich +ein großer Unterschied, <em class="gesperrt">je nachdem der tödliche Eingriff +sich akut notwendig macht, oder genügende Zeit +für die Vorprüfung seiner Voraussetzungen gelassen +ist</em>. In der zweiten Gruppe (s. <a href="#Ref_III_IV_2">III, IV 2</a> unheilbarer Blödsinn) +wird diese Zeit stets gegeben sein, in der dritten, +bei länger dauernder Bewußtlosigkeit wohl auch manchesmal, +in der ersten in einer größeren Anzahl der Fälle — ob der +überwiegend größeren, bleibt zweifelhaft. Man wird die +Forderung aufstellen müssen, daß wenn es irgend angängig +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>ist, diese nötige Zeit sorgfältigster Vorprüfung ausgespart, +daß aber auch diese Vorprüfung in möglichst beschleunigtem +Verfahren erledigt, und der Beschluß sofort gefaßt wird.</p> + +<p>Das Verfahren mit obligatorischer Vorprüfung muß, +soweit möglich, als das ausnahmelose betrachtet werden.</p> + +<p>Fragen wir zunächst, wie es zweckmäßig einzurichten +wäre, und dann, was mit den armen Unrettbaren und mit +denen wird, deren Mitleid sie erlösen möchte, wenn die +Möglichkeit amtlicher Vorprüfung nicht gegeben ist?</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Die Freigabe durch eine Staatsbehörde.</em></p> + +<p>Da der Staat von heute nie die Initiative zu solchen +Tötungen ergreifen kann, so wird die Initiative</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">in der Form des Antrags auf Freigabe +bestimmten Antragsberechtigten zu überweisen +sein.</em> Das kann in der ersten Gruppe der tödlich Kranke +selbst sein, oder sein Arzt, oder jeder andere, den er mit der +Antragstellung betraut hat, insbesondere Einer seiner nächsten +Verwandten.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Dieser Antrag geht an eine Staatsbehörde. +Ihre erste Aufgabe besteht ganz allein in der +Feststellung der Voraussetzungen zur Freigabe:</em> +das sind die Feststellung unrettbarer Krankheit oder unheilbaren +Blödsinns und eventuell die der Fähigkeit des Kranken +zu beachtlicher Einwilligung in den Fällen der ersten Gruppe.</p> + +<p>Daraus dürfte sich ihre Besetzung ergeben: <em class="gesperrt">ein Arzt +für körperliche Krankheiten, ein Psychiater oder +ein zweiter Arzt, der mit den Geisteskrankheiten +vertraut ist</em>, und ein <em class="gesperrt">Jurist</em>, der zum Rechten schaut. Diese +hätten allein Stimmrecht. Zweckmäßig wäre, diesen <em class="gesperrt">Freigebungsausschuß</em> +mit einem Vorsitzenden zu versehen, +der die Verhandlungen leitet, aber kein Stimmrecht besitzt. +Denn würde Eine jener drei Persönlichkeiten mit dem Vorsitz +betraut, so würde sie im Kollegium mächtiger als die +beiden anderen, und das wäre nicht wünschenswert. Zur Freigabe<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +dürfte <em class="gesperrt">Einstimmigkeit</em> zu erfordern sein. Der Antragsteller +und der behandelnde Arzt des Kranken dürften +als Mitglieder dem Ausschusse nicht angehören.</p> + +<p>Dieser Behörde müßte das Recht des Augenscheins und +der Zeugenvernehmung erteilt werden.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Der Beschluß selbst dürfte nur aussprechen, +daß nach vorgenommener Prüfung des Zustandes +des Kranken er nach den jetzigen Anschauungen der +Wissenschaft als unheilbar erscheint, eventuell +daß kein Grund zum Zweifel an der Beachtlichkeit +seiner Einwilligung vorliegt, daß demgemäß +der Tötung des Kranken kein hindernder Grund +im Wege steht, und dem Antragsteller anheimgegeben +wird, in sachgemäßester Weise die Erlösung +des Kranken von seinem Übel in die Wege +zu leiten.</em></p> + +<p>Niemandem darf <em class="gesperrt">ein Recht zur Tötung</em>, noch viel +weniger jemandem <em class="gesperrt">eine Pflicht zur Tötung</em> eingeräumt +werden — auch dem Antragsteller nicht. <em class="gesperrt">Die Ausführungstat +muß Ausfluß freien Mitleids mit dem Kranken +sein.</em> Der Kranke, der seine Einwilligung auf das Feierlichste +erklärt hat, kann sie natürlich jeden Augenblick zurücknehmen, +und dadurch die Voraussetzung der Freigabe und +damit sie selbst nachträglich umstürzen.</p> + +<p>Es dürfte sich empfehlen, im Anschluß an den Befund +des Einzelfalles das in diesem Falle geeignetste Mittel +der Euthanasie zu bezeichnen. <em class="gesperrt">Denn unbedingt schmerzlos +muß die Erlösung erfolgen, und nur ein Sachverständiger +wäre zur Anwendung des Mittels +berechtigt.</em></p> + +<p>4. Über den Vollzugsakt wäre dem Freigebungsausschuß +<em class="gesperrt">ein sorgfältiges Protokoll</em> zuzustellen.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p> +<p>2. <em class="gesperrt">Eigenmächtige Tötung eines Unheilbaren +unter Annahme der Voraussetzungen freizugebender +Tötung.</em></p> + +<p>Dieser ordnungsmäßige Weg ist aber nicht immer gangbar. +Vielleicht läßt sich seine Betretung nicht einmal +denken. Vielleicht könnte auch die Zeit, die er selbst bei +größter Beschleunigung kosten würde, den Unheilbaren unerträglichen +Qualen aussetzen.</p> + +<p>Dann steht man vor der Alternative: <em class="gesperrt">entweder mutet +man wegen praktischer Schwierigkeiten dem Unrettbaren +mitleidlos die Fortdauer seiner Qualen +bis zum Ende und seinen Angehörigen oder seinem +Arzte trotz ihres Mitleids volle Passivität zu, +oder man untersagt diesen »Beteiligten« nicht, +das Risiko zu laufen, sich über die Voraussetzungen +unverbotener Tötung selbst zu vergewissern +und auf Befund nach bestem Gewissen zu handeln</em>.</p> + +<p>Ich zögere nicht einen Augenblick, mich für die zweite +Alternative auszusprechen.</p> + +<p>Tötet dann jemand einen Unheilbaren, um ihn zu erlösen +— seis mit seiner Einwilligung, seis in der Annahme, +der Kranke würde sie zweifellos erteilen und sei daran nur +durch seine Bewußtlosigkeit gehindert, — so müßte m. E. für +solchen Täter und seine Gehilfen gesetzlich die Möglichkeit, +sie straflos zu lassen, vorgesehen sein, und sie würden straflos +zu bleiben haben, wenn sich die Voraussetzungen der Freigabe +nachträglich als vorhanden gewesen ergeben würden.</p> + +<p>Dem Täter würde für solche Fälle eine »<em class="gesperrt">Verklarungspflicht</em>« +aufzuerlegen sein, d. h. eine Pflicht, von seiner Tat +sofort nach ihrer Begehung bei dem Freigabeausschuß +Anzeige zu machen.</p> + +<p>Anderenfalls hätte eventuell angemessene Strafe wegen +fahrlässiger Tötung Platz zu greifen, wie sie ja schon das +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span><em class="gesperrt">Preußische Landrecht</em> angeordnet hat: der Täter hat ja die +Voraussetzungen einer unverbotenen Tötung zu Unrecht +als vorhanden angenommen. Von echtem Lebensvernichtungsvorsatz +ist bei ihm nicht zu sprechen.</p> + +<p>So gäbe es nach unseren Vorschlägen zwei neue Arten +unverbotener Tötungen Dritter: <em class="gesperrt">den Vollzug der ausdrücklich +freigegebenen Tötung und die eigenmächtige +Tötung unter richtiger Annahme der +Voraussetzungen der Freigabe im konkreten Fall +durch einen Antragsberechtigten</em>.</p> + +<hr class="chap" /> +<h3><a name="VI_Das_Bedenken_der_moglicherweise_irrtumlichen" id="VI_Das_Bedenken_der_moglicherweise_irrtumlichen">VI. Das Bedenken der möglicherweise irrtümlichen +Freigabe.</a><a name="FNanchor_55" id="FNanchor_55"></a><a href="#Footnote_55" class="fnanchor">[55]</a></h3> + +<p>Bei der zweiten Art trägt der Täter das Risiko des +Irrtums und verfällt bei unverzeihlichem Irrtum sogar der +Strafe.</p> + +<p>Ganz besonders schwer würde aber in weiten Volkskreisen +eine Tötung auf Grund irrtümlicher amtlicher Freigabe +empfunden werden. Gerade deshalb wird unseren Vorschlägen +unausbleiblich der Einwand entgegengehalten +werden, die Diagnose der Unheilbarkeit sei unsicher, und so +könnte die amtliche Freigabe auch erfolgen zuungunsten +eines Menschen, den ein »Wunder« oder die Kunst der Ärzte +doch vielleicht schließlich noch hätte retten können. Solcher +Vorgang sei aber im höchsten Maße anstößig.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Möglichkeit des Irrtums bei der Freigabebehörde +ist trotz der geforderten Einstimmigkeit +unleugbar.</em> Nur bei den dauernden Idioten +dürfte er fast ausgeschlossen sein. Aber Irrtum ist bei allen +menschlichen Handlungen möglich, und niemand wird die +törichte Folgerung ziehen, daß alle nützlichen und heilsamen +Handlungen in Anbetracht dieses möglichen Defekts zu<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +unterbleiben hätten. Auch der Arzt außerhalb der Behörde +unterliegt dem Irrtum, der sehr üble Folgen verursachen +kann, und niemand wird ihn wegen seiner Fähigkeit zu irren +ausschalten wollen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Das Gute und das Vernünftige müssen geschehen +trotz allen Irrtumsrisikos.</em></p> + +<p>Während nun bei Tausenden von Fällen irrigen Handelns +der Beweis des Irrtums nachher bis zur Evidenz zu +erbringen ist, dürfte der Beweis für den angeblichen Irrtum +der Freigabebehörde nur sehr schwer zu beschaffen und kaum +über den Grad einer Möglichkeit der Annahme des Überlebens +zu steigern sein.</p> + +<p>Nimmt man aber auch den Irrtum einmal als bewiesen +an, so zählt die Menschheit jetzt ein Leben weniger. +Dies Leben hätte vielleicht nach glücklicher Überwindung +der Katastrophe noch sehr kostbar werden können: meist aber +wird es kaum über den mittleren Wert besessen haben. +Für die Angehörigen wiegt natürlich der Verlust sehr schwer. +Aber die Menschheit verliert infolge Irrtums so viele Angehörige, +daß einer mehr oder weniger wirklich kaum in +die Wagschale fällt.</p> + +<p>Und wäre denn immer für den aus schwerer Krankheit +Geretteten die Erhaltung ein Segen gewesen? Vielleicht +würde er an den Folgen der schweren Erkrankung doch noch +viel gelitten haben; vielleicht hätte ihn schweres Schicksal +später geschlagen; vielleicht hätte er einen sehr schweren Tod +gehabt: jetzt ist er — allerdings vorzeitig — aber sanft entschlafen.</p> + +<p>Sein erhaltbar gewesener Lebensrest darf als ein nicht +übertriebener Kaufpreis für die Erlösung so vieler Unrettbaren +von ihren Leiden betrachtet werden.</p> + +<p>In seiner so wertvollen Abhandlung über den Selbstmord +berichtet <em class="gesperrt">Gaupp</em> (S. 24) von einem Katatoniker, +der sich elf Kugeln in den Körper geschossen habe, von denen +eine ins Gehirn, vier andere im Schädel geblieben sind.<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +»Nach langem Krankenlager genas er von seinen Verletzungen, +um weiterhin in einen tiefen <i>stupor</i> zu verfallen, +aus dem er blöde erwachte.«</p> + +<p>Ein furchtbares Zeugnis unserer Zeit! Mit Aufwand +unendlicher Zeit und Geduld und Sorge bemühen wir uns +um die Erhaltung von Leben negativen Wertes, auf dessen +Erlöschen jeder Vernünftige hoffen muß. <em class="gesperrt">Unser Mitleiden +steigert sich über sein richtiges Maß hinaus +bis zur Grausamkeit. Dem Unheilbaren, der den +Tod ersehnt, nicht die Erlösung durch sanften Tod +zu gönnen, das ist kein Mitleid mehr, sondern sein +Gegenteil.</em><a name="FNanchor_56" id="FNanchor_56"></a><a href="#Footnote_56" class="fnanchor">[56]</a></p> + +<p>Auch bei allen anderen Handlungen des Mitleids ist +der Irrtum und vielleicht ein übles Ende möglich. Wer +aber möchte die Anwendung dieses schönsten Zuges menschlicher +Natur durch den Hinweis auf solchen Irrtum beschränkt +sehen?</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span></p> + +<h2>II.<br /> +Ärztliche Bemerkungen</h2> + +<p class="center">von</p> + +<p class="center">Professor <i>Dr.</i> <b>A. Hoche</b>, Freiburg i. Br. +</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span></p> + +<p class="p6">Die in den vorausgehenden rechtlichen Ausführungen +besprochenen Punkte bedürfen nicht alle in gleichem Maße +einer Beleuchtung vom <em class="gesperrt">ärztlichen Standpunkte</em> aus. +Die Frage der rechtlichen <em class="gesperrt">Natur des Selbstmordes</em> und +der Rechtslage bei der <em class="gesperrt">Tötung der Einwilligenden</em> soll +uns nicht näher beschäftigen; alles andere aber geht uns +<em class="gesperrt">Ärzte</em> sehr viel an, durch deren Köpfe <em class="gesperrt">berufsmäßig</em> die +ganze Gedankenreihe strafbarer oder strafloser Eingriffe +in fremdes Leben hindurchläuft. Das Verhältnis des Arztes +zum Töten im allgemeinen bedarf daher einer besonderen +Erörterung.</p> + +<p>Jeder Mensch ist bekanntlich unter gesetzlich näher bestimmten +Umständen zu straflosen Eingriffen in fremde +körperliche Existenz berechtigt (Notwehr, Notstand); beim +Arzte wird das Verhältnis zum fremden Leben in negativer +Hinsicht zwar durch das Gesetz bestimmt; tatsächlich ist aber +sein Handeln auf diesem Gebiete ein Ausfluß seiner besonderen +<em class="gesperrt">ärztlichen Sittenlehre</em>. Es kommt der Allgemeinheit +für gewöhnlich kaum zum Bewußtsein, daß diese ärztliche +Sittenlehre nirgends fixiert ist. Es gibt wohl einzelne +Bücher darüber, die aber den meisten Ärzten unbekannt +sind und reine Privatleistungen ihrer Verfasser darstellen, +aber es gibt kein in Paragraphen lebendes ärztliches Sittengesetz, +keine »<em class="gesperrt">moralische Dienstanweisung</em>«.</p> + +<p>Der junge Arzt geht ohne jede gesetzliche Umschreibung +seiner Rechte und Pflichten gerade in bezug auf die eingreifendsten +Punkte in seine Praxis hinaus. Nicht einmal +der Doktoreid der früheren Zeit mit einigen allgemeinen +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>Bindungen ist mehr vorhanden. Was der Novize an Anweisung +mitbringt, ist das Beispiel seiner Lehrer auf der +Universität, die gelegentlichen Erörterungen, die sich an den +Einzelfall anschlossen, das Lernen in seiner Assistentenzeit, +der Einfluß der allgemeinen ärztlichen Anschauungen in +der Literatur und eigene Schlußfolgerungen, die sich für +ihn aus der Eigenart seiner Aufgabe ergeben. In gewissen +Richtungen, aber gerade nicht in den entscheidenden, besteht +eine Festlegung durch Gewerbeordnung, Verträge mit +Krankenkassen u. dgl.; in einiger Entfernung sieht der +Arzt einige Paragraphen des Strafgesetzbuches und die Aufsicht +der Standesgenossen durch das ärztliche Ehrengericht. +In allen diesen Punkten handelt es sich für den Arzt aber +meist um eine negative Bindung in bezug auf das, was er +nicht darf, nicht um positive Anweisungen. Was er darf +und soll, ergibt sich als <em class="gesperrt">Ausfluß der Standesanschauungen</em>, +deren eine Voraussetzung unter allen Umständen +die ist, daß der Arzt verpflichtet ist, nach allgemeinen sittlichen +Normen zu handeln; dazu kommt als Standespflicht +die Aufgabe, Kranke zu heilen, Schmerzen zu beseitigen oder +zu lindern, Leben zu erhalten und soviel wie möglich, zu +verlängern.</p> + +<p>Diese allgemeinste Regel ist nicht ohne Ausnahme. +Der Arzt ist praktisch genötigt, <em class="gesperrt">Leben zu vernichten</em> +(Tötung des lebenden Kindes bei der Geburt im Interesse +der Erhaltung der Mutter, Unterbrechung der Schwangerschaft +aus gleichen Gründen). Diese Eingriffe sind nirgends +ausdrücklich erlaubt; sie bleiben nur straflos von dem Gesichtspunkte +aus, daß sie im Interesse der <em class="gesperrt">Sicherung eines +höheren Rechtsgutes</em> erfolgen und unter den Voraussetzungen, +daß ihnen pflichtmäßige Erwägungen vorausgegangen +sind, daß bei der Ausführung die Kunstregeln beachtet +wurden, und daß die notwendige Verständigung mit +dem Patienten oder seinem gesetzlichen Vertreter oder den +Angehörigen stattgefunden hat.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span></p> +<p>Auch die Akte der <em class="gesperrt">Körperverletzung</em>, wie sie der +Chirurg berufsmäßig und spezialistisch vornimmt, sind +nirgends ausdrücklich erlaubt. Sie bleiben nur straflos, +wenn in bezug auf Prüfung der Notwendigkeit und Sorgfalt +der Ausführung die Kunstregeln beachtet wurden. Dabei +wird bei allen operativen Eingriffen stillschweigend auf einen +<em class="gesperrt">gewissen Prozentsatz von tödlichen Ausgängen gerechnet</em>, +deren Herabdrückung auf das Mindestmaß das +heißeste Bemühen der ärztlichen Kunst ist, die aber niemals +ganz ausbleiben können, wiederum also Fälle, in denen +infolge ärztlicher Einwirkung Menschenleben vernichtet werden. +Unser sittliches Gefühl hat sich hiermit völlig abgefunden. +Das höhere Rechtsgut der Wiederherstellung einer Mehrzahl +macht das Opfer einer Minderzahl notwendig, wobei im +Einzelfalle die Sicherung in der Notwendigkeit der vorausgehenden +Beschaffung der Einwilligung des Kranken oder +seines gesetzlichen Vertreters zum Eingriff gegeben ist, +deren Voraussetzung in der Regel ist, daß ihm der Arzt +nach bestem Wissen den <em class="gesperrt">Grad der Wahrscheinlichkeit</em> +der Wiederherstellung und auch der Lebensgefährdung auseinandergesetzt +hat.</p> + +<p>Auch außerhalb der oben genannten Arten von Fragen +steht der Arzt häufig vor dem Problem eines Eingreifens +in das Leben in sittlich zweifelhafter Situation.</p> + +<p>Von Angehörigen wird in Fällen <em class="gesperrt">unheilbarer +Krankheit</em> oder unheilbarer geistiger Defektzustände nicht +so selten der Wunsch geäußert, »daß es bald zu Ende sein +möchte«.</p> + +<p>Vor kurzem erst haben mich Angehörige einer in schwerer +Bewußtlosigkeit liegenden Selbstmörderin, die das »schwarze +Schaf« der Familie war, ersucht, doch ja nichts zur Wiederbelebung +zu tun. Es kommt auch vor, daß die Familie im +Affekt sich dazu versteigt, dem Arzte Vorwürfe zu machen, +wenn er die aktive Verkürzung eines verlorenen evtl. schmerzensreichen +Lebens ablehnt. Trotzdem ist von diesen gefühlsmäßigen<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +Anwandlungen bis zu dem Entschlusse zur Tötung +oder auch nur zu ausdrücklicher Einwilligung von seiten +der Familie ein großer Schritt; wie die Menschen nun einmal +sind, würde der Arzt, der heute selbst auf dringenden +Wunsch der Angehörigen ein Leben verkürzte, in keiner Weise +später vor den heftigsten Vorwürfen oder auch vor einer +Strafanzeige sicher sein.</p> + +<p>Der Arzt kann gelegentlich auch in die Versuchung +kommen, unter ganz bestimmten Umständen aus <em class="gesperrt">wissenschaftlichem +Interesse</em> in ein Menschenleben einzugreifen. +Ich entsinne mich einer solchen Versuchung, die ich schließlich +siegreich bestanden habe, aus meiner ersten Assistentenzeit. +Ein Kind mit einer seltenen und wissenschaftlich interessanten +Hirnerkrankung lag im Sterben, und der Zustand war so, +daß mit Sicherheit im Laufe der nächsten 24 Stunden das +Ende zu erwarten war. Wenn das Kind <em class="gesperrt">im Krankenhause</em> +starb, waren wir in der Lage, durch die Autopsie den erwünschten +Einblick in den Befund zu erhalten. Nun erschien +der Vater mit dem dringenden Verlangen, das Kind mit +nach Hause zu nehmen; damit ging uns die Möglichkeit der +Sektion verloren, die uns sicher war, wenn der Tod <em class="gesperrt">vor</em> +der Abholung eintrat. Es wäre ein Leichtes gewesen und +hätte in keiner Weise festgestellt werden können, wenn ich +damals durch eine Morphiumeinspritzung den so wie so +mit absoluter Sicherheit nahen Tod um einige Stunden +<em class="gesperrt">verfrüht</em> hätte. Ich habe schließlich doch nichts getan, +weil <em class="gesperrt">mein persönlicher Wunsch</em> nach wissenschaftlicher +Erkenntnis mir kein genügend schwerwiegendes Rechtsgut +sein durfte gegenüber der ärztlichen Pflicht, keine Lebensverkürzung +vorzunehmen.</p> + +<p>Wie man sich in einem solchen Falle zu entscheiden +hätte, wenn etwa bei den geschilderten Umständen der +Gewinn einer einschneidenden Einsicht mit der <em class="gesperrt">Wirkung +späterer Rettung zahlreicher Menschenleben</em> zu +erwarten gewesen wäre, das wäre eine neue Frage, die +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>von einem höheren Standpunkte aus mit Ja zu beantworten +wäre.</p> + +<p>In anderer Form streift das innere Dilemma den Arzt +nicht so selten, wenn er vor der Frage steht, ob er durch +<em class="gesperrt">passives Geschehenlassen</em>, durch Unterlassen der entsprechenden +Eingriffe, dem Tode freie Bahn öffnen soll in +Fällen, in denen Kranke freiwillig das Leben zu verlassen +wünschen und sich selbst in irgendeiner Form, auf dem Wege +des Selbsttötungsversuches, in einen schwer gefährdeten +Zustand versetzt haben.</p> + +<p>Die Versuchung, in solchen Fällen dem Schicksal seinen +Lauf zu lassen, ist dann besonders groß, wenn es sich etwa +um unheilbare Geisteskranke handelt, bei denen der Tod +das <em class="gesperrt">in jedem Falle</em> Vorzuziehende ist.</p> + +<p>(Selbstverständlich kann diese ganze Fragestellung dann +nicht auftauchen, wenn es sich bei dem Kranken, wie etwa +bei einer einfachen heilbaren Depression, um einen <em class="gesperrt">vorübergehenden +Schätzungsirrtum</em> in der Bewertung der +zum Tode drängenden Motive gehandelt hat.)</p> + +<p>Die kurze Aufzählung dieser Fälle, bei denen ich insgesamt +aus eigener Erfahrung sprechen kann, zeigt, wie +ungeheuer kompliziert schon im täglichen Leben sich für den +Arzt die Abwägung zwischen den starren Grundsätzen der +ärztlichen Norm und den Forderungen einer höheren Auffassung +der Lebenswerte gestalten kann. Der Arzt hat +kein absolutes, sondern nur ein relatives, unter neuen +Umständen veränderliches, neu zu prüfendes Verhältnis +zu der <em class="gesperrt">grundsätzlich</em> anzuerkennenden Aufgabe der Erhaltung +fremden Lebens unter allen Umständen. Die ärztliche +Sittenlehre ist nicht als ein ewig gleichbleibendes Gebilde +anzusehen. Die historische Entwicklung zeigt uns in +dieser Hinsicht genügend deutliche Wandlungen. Von dem +Augenblicke an, in dem z. B. die Tötung Unheilbarer oder +die Beseitigung geistig Toter nicht nur als nicht strafbar, +sondern als ein für die allgemeine Wohlfahrt wünschenswertes +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>Ziel erkannt und allgemein anerkannt wäre, würden in der +ärztlichen Sittenlehre jedenfalls keine ausschließenden Gegengründe +zu finden sein.</p> + +<p>Die Ärzte würden es z. B. zweifellos als eine Entlastung +ihres Gewissens empfinden, wenn sie in ihrem +Handeln an <em class="gesperrt">Sterbebetten</em> nicht mehr von dem <em class="gesperrt">kategorischen +Gebote</em> der unbedingten Lebensverlängerung eingeengt +und bedrückt würden, ein Gebot, zu dem ich mich +auch — <i>de lege lata</i> — in meiner oben (<a href="#Footnote_31">S. 35</a>) zitierten +Äußerung bekannt habe; ich würde gern jenen Satz dahin +abändern dürfen: »es <em class="gesperrt">war früher</em> eine unerläßliche Forderung +...« Tatsächlich bedeuten die von Ärzten (oder auf +ihre Anweisung vom Pflegepersonal und von Angehörigen) +vorgenommenen lebensverlängernden Eingriffe an Sterbenden +für denjenigen, dem sie gelten und für den sie ein Gut +darstellen sollen, vielfach ein Übel, eine Belästigung, eine +Quälerei, in gleicher Weise wie für den gesunden, müden +Einschlafenden die Störung durch immer wiederkehrende +Weckreize; es liegt ihnen bei Laien in der weit überwiegenden +Mehrzahl der Fälle eine falsche Vorstellung von dem +<em class="gesperrt">inneren Zustande des Sterbenden</em> zugrunde, dessen +Bewußtsein entweder in heilsamer Weise verdunkelt ist, +oder der nach langer Zermürbung durch Schmerzen und +sonstiges Ungemach seiner Krankheit nur noch den Wunsch +nach Ruhe und Schlafen hat und es sicherlich niemandem +Dank weiß, der sein immer tieferes Versinken in die Bewußtlosigkeit +hindert und aufhält; er ist ja gar nicht mehr imstande, +die gute Absicht hinter den störenden Pflegeeingriffen zu +erkennen.</p> + +<p>Das an sich anzuerkennende Prinzip der ärztlichen +Pflicht zu möglichster Lebensverlängerung wird, auf die +Spitze getrieben, zum Unsinn; »Wohltat wird zur Plage«.</p> + +<hr class="tb" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span></p> +<p>Den Hauptgegenstand meiner ärztlichen Stellungnahme +zu den rechtlichen Ausführungen soll die Beantwortung der +oben <a href="#Page_27">Seite 28</a> formulierten <em class="gesperrt">Frage</em> bilden: »<em class="gesperrt">Gibt es Menschenleben, +die so stark die Eigenschaft des Rechtsguts +eingebüßt haben, daß ihre Fortdauer für +die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd +allen Wert verloren hat?</em>«</p> + +<p>Diese Frage ist im <em class="gesperrt">allgemeinen</em> zunächst mit Bestimmtheit +zu bejahen; im einzelnen ist dazu folgendes zu +sagen. Die im juristischen Teile vollzogene Aufstellung der +<em class="gesperrt">zwei Gruppen</em> von hierhergehörigen Fällen entspricht den +tatsächlichen Verhältnissen; der gemeinsame Gesichtspunkt +des nicht mehr vorhandenen Lebenswertes faßt aber sehr +Verschiedenartiges zusammen; bei der ersten Gruppe der +durch Krankheit oder Verwundung unrettbar Verlorenen +wird nicht immer der subjektive und der objektive Lebenswert +gleichmäßig aufgehoben sein, während bei der zweiten, +auch zahlenmäßig größeren Gruppe der <em class="gesperrt">unheilbar Blödsinnigen</em>, +die Fortdauer des Lebens weder für die Gesellschaft +noch für die Lebensträger selbst irgendwelchen Wert +besitzt.</p> + +<p>Zustände endgültigen unheilbaren Blödsinns oder wie +wir in freundlicherer Formulierung sagen wollen: <em class="gesperrt">Zustände +geistigen Todes</em> sind für den Arzt, insbesondere für den +Irrenarzt und Nervenarzt etwas recht Häufiges.</p> + +<p>Man trennt sie zweckmäßigerweise in <em class="gesperrt">zwei</em> große +Gruppen:</p> + +<p>1. in diejenigen Fälle, bei denen der geistige Tod im + <em class="gesperrt">späteren Verlaufe des Lebens nach vorausgehenden +Zeiten geistiger Vollwertigkeit, oder wenigstens +Durchschnittlichkeit erworben</em> wird;</p> + +<p>2. in diejenigen, die auf Grund <em class="gesperrt">angeborener</em> oder in +<em class="gesperrt">frühester Kindheit</em> einsetzender Gehirnveränderungen +entstehen.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span></p> +<p>Für die nicht ärztlichen Leser sei erwähnt, daß in der +ersten Gruppe Zustände geistigen Todes erreicht werden: +bei den <em class="gesperrt">Greisenveränderungen</em> des Gehirns, dann bei +der sogenannten <em class="gesperrt">Hirnerweichung</em> der Laien, der <i>Dementia +paralytica</i>, weiter auf Grund <em class="gesperrt">arteriosklerotischer Veränderungen</em> +im Gehirn und endlich bei der großen Gruppe +der <em class="gesperrt">jugendlichen Verblödungsprozesse</em> (<i>Dementia +praecox</i>), von denen aber nur ein gewisser Prozentsatz +die höchsten Grade geistiger Verödung erreicht.</p> + +<p>Bei der zweiten Gruppe handelt es sich entweder um +grobe <em class="gesperrt">Mißbildungen</em> des Gehirns, Fehlen einzelner Teile +(in größerem oder geringerem Umfange), um <em class="gesperrt">Hemmungen</em> +der Entwicklung während der Existenz im Mutterleib, die +auch in die ersten Lebensjahre hinein weiter wirken können, +oder um <em class="gesperrt">Krankheitsvorgänge</em> der ersten Lebenszeit, +die bei einem an sich normal angelegten Hirnorgan die Entwicklung +sistieren; (häufig sind damit epileptische Anfälle +oder andere motorische Reizerscheinungen verbunden).</p> + +<p>Bei beiden Gruppen <em class="gesperrt">können</em> gleichhohe Grade der +geistigen Öde vorhanden sein. Für unsere Zwecke aber ist +doch ein Unterschied zu beachten, ein Unterschied in dem +Zustande des geistigen Inventars, der vergleichsweise derselbe +ist, wie zwischen einem regellos herumliegenden Haufen +von Steinen, an die noch keine bildende Hand gerührt hat, +und den Steintrümmern eines zusammengestürzten Gebäudes. +Der Sachverständige vermag in der Regel, auch +ohne Kenntnis der Vorgeschichte eines geistig toten Menschen +und ohne körperliche Untersuchung, aus der Art des geistigen +Defektbildes die Unterscheidung der früh und der spät erworbenen +Zustände zu machen.</p> + +<p>Auch in den Beziehungen der zwei verschiedenen Arten +geistig Toter zur Umwelt ist ein wesentlicher Unterschied +für unsere Betrachtung vorhanden. Bei den ganz früh +erworbenen hat <em class="gesperrt">niemals</em> ein geistiger Rapport mit der +Umgebung bestanden; bei den spät erworbenen ist dies +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>vielleicht im reichsten Maße der Fall gewesen. Die Umgebung, +die Angehörigen und Freunde haben deswegen +zu diesen letzteren subjektiv ein ganz anderes Verhältnis; +geistig Tote dieser Art können einen ganz anderen »<em class="gesperrt">Affektionswert</em>« +erworben haben; ihnen gegenüber bestehen +Gefühle der Pietät, der Dankbarkeit; zahlreiche, vielleicht +stark gefühlsbetonte Erinnerungen verknüpfen sich mit +ihrem Bilde, und alles dieses geschieht auch dann noch, +wenn die Empfindungen der gesunden Umgebung bei dem +Kranken keinerlei Widerhall mehr finden.</p> + +<p>Aus diesem Grunde wird für die Frage der etwaigen +Vernichtung nicht lebenswerter Leben aus der Reihe der +geistig Toten, je nachdem sie der einen oder anderen Kategorie +angehören, ein verschiedener Maßstab anzuwenden sein.</p> + +<p>Auch in bezug auf die <em class="gesperrt">wirtschaftliche</em> und <em class="gesperrt">moralische +Belastung</em> der Umgebung, der Anstalten, des Staates usw. +bedeuten die geistig Toten keineswegs immer das gleiche. +Die geringste Belastung in dieser Richtung wird durch die +Fälle von Hirnerweichung der einen oder anderen Art +gegeben, die von dem Momente an, in welchem von geistigem +völligem Tode gesprochen werden kann, in der Regel nur +noch eine Lebensspanne von <em class="gesperrt">wenigen Jahren</em> (höchstens) +vor sich haben. Einen ein wenig weiteren Spielraum finden +wir bei den Fällen von <em class="gesperrt">Greisenblödsinn</em>. Die durch die +<em class="gesperrt">jugendlichen Prozesse</em> geistig Verödeten können unter +Umständen in diesem Zustande noch 20 oder 30 Jahre leben, +während bei den Fällen von <em class="gesperrt">Vollidiotie</em> auf Grund allerfrühester +Veränderungen eine Lebensdauer und damit die +Notwendigkeit fremder Fürsorge von <em class="gesperrt">zwei Menschenaltern</em> +und darüber erwachsen kann.</p> + +<p>In wirtschaftlicher Beziehung würden also diese <em class="gesperrt">Vollidioten</em>, +ebenso wie sie auch am ehesten alle Voraussetzungen +des vollständigen geistigen Todes erfüllen, gleichzeitig diejenigen +sein, <em class="gesperrt">deren Existenz am schwersten auf der +Allgemeinheit lastet</em>.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span></p> +<p>Diese Belastung ist zum Teil finanzieller Art und berechenbar +an der Hand der Aufstellung der Jahresbilanzen +der Anstalten. Ich habe es mir angelegen sein lassen, durch +eine Rundfrage bei sämtlichen deutschen in Frage kommenden +Anstalten mir hierüber brauchbares Material zu verschaffen. +Es ergibt sich daraus, daß der durchschnittliche +Aufwand pro Kopf und Jahr für die Pflege der Idioten +bisher<a name="FNanchor_57" id="FNanchor_57"></a><a href="#Footnote_57" class="fnanchor">[57]</a> 1300 M. betrug. Wenn wir die Zahl der in Deutschland +zurzeit gleichzeitig vorhandenen, in Anstaltspflege<a name="FNanchor_58" id="FNanchor_58"></a><a href="#Footnote_58" class="fnanchor">[58]</a> +befindlichen Idioten zusammenrechnen, so kommen wir +schätzungsweise etwa auf eine Gesamtzahl von 20-30000. +Nehmen wir für den Einzelfall eine durchschnittliche Lebensdauer +von 50 Jahren an, so ist leicht zu ermessen, welches +<em class="gesperrt">ungeheure Kapital</em> in Form von Nahrungsmitteln, +Kleidung und Heizung, dem Nationalvermögen für einen +unproduktiven Zweck entzogen wird.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span></p> +<p>Dabei ist hiermit noch keineswegs die wirkliche Belastung +ausgedrückt.</p> + +<p>Die Anstalten, die der Idiotenpflege dienen, werden +anderen Zwecken entzogen; soweit es sich um Privatanstalten +handelt, muß die Verzinsung berechnet werden; +ein Pflegepersonal von vielen tausend Köpfen wird für diese +gänzlich unfruchtbare Aufgabe festgelegt und fördernder +Arbeit entzogen; es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze +Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen +dahinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre und +älter werden.</p> + +<p>Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen +notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin +gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes +nicht dringend; jetzt ist es anders geworden, und +wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen. Unsere Lage +ist wie die der Teilnehmer an einer schwierigen Expedition, +bei welcher die größtmögliche Leistungsfähigkeit Aller die +unerläßliche <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> für das Gelingen der Unternehmung +bedeutet, und bei der kein Platz ist für halbe, +Viertels- und Achtels-Kräfte. Unsere deutsche Aufgabe wird +für lange Zeit sein: eine bis zum höchsten gesteigerte Zusammenfassung +aller Möglichkeiten, ein Freimachen jeder +verfügbaren Leistungsfähigkeit für fördernde Zwecke. Der +Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben +entgegen, möglichst auch die Schwächlinge aller Sorten zu +<em class="gesperrt">erhalten</em>, allen, auch den zwar nicht geistig toten, aber doch +ihrer Organisation nach minderwertigen Elementen Pflege +und Schutz angedeihen zu lassen — Bemühungen, die dadurch +ihre besondere Tragweite erhalten, daß es bisher nicht möglich +gewesen, auch nicht im Ernste versucht worden ist, diese +Defektmenschen von der <em class="gesperrt">Fortpflanzung</em> auszuschließen.</p> + +<p>Die ungeheure Schwierigkeit jedes Versuches, <em class="gesperrt">diesen</em> +Dingen irgendwie auf gesetzgeberischem Wege beizukommen, +wird noch lange bestehen, und auch der Gedanke, durch Freigabe<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +der Vernichtung völlig wertloser, geistig Toter eine +Entlastung für unsere nationale Überbürdung herbeizuführen, +wird zunächst und vielleicht noch für weite Zeitstrecken +lebhaftem, vorwiegend gefühlsmäßig vermitteltem +Widerspruch begegnen, der seine Stärke aus sehr verschiedenen +Quellen beziehen wird (Abneigung gegen das +Neue, Ungewohnte, religiöse Bedenken, sentimentale Empfindungen +usw.). In einer auf Erreichung möglichst greifbarer +Ergebnisse gerichteten Untersuchung, wie der vorliegenden, +soll daher dieser Punkt zunächst in der Form der theoretischen +Erörterung der Möglichkeiten und Bedingungen, nicht aber +in der des »Antrags« behandelt werden.</p> + +<p>Bei allen Zuständen der Wertlosigkeit infolge geistigen +Todes findet sich ein Widerspruch zwischen ihrem subjektiven +Rechte auf Existenz und der objektiven Zweckmäßigkeit und +Notwendigkeit.</p> + +<p>Die Art der Lösung dieses Konfliktes war bisher der +Maßstab für den Grad der in den einzelnen Menschheitsperioden +und in den einzelnen Bezirken dieses Erdballs +erreichten Humanität, zu deren heutigem Niveau ein langer +mühsamer Entwicklungsgang über die Jahrtausende hin, +zum Teil unter wesentlicher Mitwirkung christlicher Vorstellungsreihen, +geführt hat.</p> + +<p>Von dem Standpunkte einer <em class="gesperrt">höheren</em> staatlichen +Sittlichkeit aus gesehen kann nicht wohl bezweifelt werden, +daß in dem Streben nach <em class="gesperrt">unbedingter</em> Erhaltung lebensunwerter +Leben Übertreibungen geübt worden sind. Wir +haben es, von fremden Gesichtspunkten aus, verlernt, in +dieser Beziehung den staatlichen Organismus im selben Sinne +wie ein Ganzes mit eigenen Gesetzen und Rechten zu betrachten, +wie ihn etwa ein in sich geschlossener menschlicher +Organismus darstellt, der, wie wir Ärzte wissen, im Interesse +der Wohlfahrt des Ganzen auch einzelne wertlos gewordene +oder schädliche Teile oder Teilchen preisgibt und abstößt.</p> + +<p>Ein Überblick über die oben aufgestellte Reihe der Ballastexistenzen<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +und ein kurzes Nachdenken zeigt, daß die Mehrzahl +davon für die Frage einer bewußten Abstoßung, d. h. <em class="gesperrt">Beseitigung</em> +nicht in Betracht kommt. Wir werden auch in den +Zeiten der Not, denen wir entgegengehen, nie aufhören +wollen, körperlich Defekte und Sieche zu pflegen, solange sie +nicht geistig tot sind; wir werden nie aufhören, körperlich +und geistig Erkrankte bis zum Äußersten zu behandeln, solange +noch irgendeine Aussicht auf Änderung ihres Zustandes +zum Guten vorhanden ist; aber wir werden vielleicht +eines Tages zu der Auffassung heranreifen, daß <em class="gesperrt">die Beseitigung +der geistig völlig Toten kein Verbrechen, +keine unmoralische Handlung, keine gefühlsmäßige +Rohheit, sondern einen erlaubten nützlichen Akt +darstellt</em>.</p> + +<p>Hier interessiert uns nun zunächst die Frage, <em class="gesperrt">welche +Eigenschaften und Wirkungen</em> den Zuständen geistigen +Todes zukommen. In <em class="gesperrt">äußerlicher</em> Beziehung ist ohne +weiteres erkennbar: der <em class="gesperrt">Fremdkörpercharakter</em> der +geistig Toten im Gefüge der menschlichen Gesellschaft, das +<em class="gesperrt">Fehlen irgendwelcher produktiver Leistungen</em>, ein +Zustand <em class="gesperrt">völliger Hilflosigkeit</em> mit der <em class="gesperrt">Notwendigkeit +der Versorgung durch</em> Dritte.</p> + +<p>In bezug auf den <em class="gesperrt">inneren Zustand</em> würde zum Begriff +des geistigen Todes gehören, daß nach der Art der Hirnbeschaffenheit +klare Vorstellungen, Gefühle oder Willensregungen +nicht entstehen können, daß keine Möglichkeit der +Erweckung eines Weltbildes im Bewußtsein besteht, und daß +keine Gefühlsbeziehungen zur Umwelt von den geistig +Toten ausgehen können, (wenn sie auch natürlich Gegenstand +der Zuneigung von seiten Dritter sein mögen).</p> + +<p>Das Wesentlichste aber ist das Fehlen der Möglichkeit, +sich der eigenen Persönlichkeit bewußt zu werden, <em class="gesperrt">das Fehlen +des Selbstbewußtseins</em>. Die geistig Toten stehen auf +einem <em class="gesperrt">intellektuellen</em> Niveau, das wir erst tief unten +in der Tierreihe wieder finden, und auch die Gefühlsregungen +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>erheben sich nicht über die Linie elementarster, an das animalische +Leben gebundener Vorgänge.</p> + +<p>Ein geistig Toter ist somit auch nicht imstande, innerlich +einen <em class="gesperrt">subjektiven Anspruch auf Leben</em> erheben zu +können, ebensowenig wie er irgendwelcher anderer geistiger +Prozesse fähig wäre.</p> + +<p>Dieses letztere Moment ist nur scheinbar unwesentlich; +in Wirklichkeit hat es seine Bedeutung in dem Sinne, daß +die Beseitigung eines geistig Toten einer sonstigen Tötung +<em class="gesperrt">nicht</em> gleichzusetzen ist. Schon rein juristisch bedeutet die +Vernichtung eines Menschenlebens keineswegs immer +dasselbe.</p> + +<p>Die Unterschiede liegen nicht nur in den Motiven des +Tötenden, (je nachdem: Mord, Totschlag, Fahrlässigkeit, +Notwehr, Zweikampf usw.), sondern auch in dem Verhältnis +des Getöteten zu seinem Anspruch auf Leben. Während die +vorsätzliche überlegte Tötung gegen den Willen eines Menschen +die Todesstrafe nach sich zieht, wird die Tötung auf +Verlangen nur mit ein paar Jahren Gefängnis geahndet. +Der Akt des Eingreifens in fremdes Leben ist dabei jedesmal +derselbe. Die Tötung auf Verlangen wird dabei im +Zweifelsfalle eher noch eine kühlere, planmäßigere, reiflicher +überlegte Handlung bedeuten, als der Mord, und doch +wird sie unter anderem darum so viel milder aufgefaßt, +weil der zu Tötende sich seines subjektiven Anspruches auf +das Leben begeben hat, und im Gegenteil sein Recht auf den +Tod geltend macht.</p> + +<p>(An dieser Betrachtung ändert sich dadurch nichts, daß +es auch heilbare Geisteskranke gibt, die keinen subjektiven +Anspruch auf Leben, im Gegenteil sogar energischen Anspruch +auf die Vernichtung machen, die aber, weil es sich um krankhafte +Motive episodischer Art handelt, in ihrem Wollen +überhaupt keine Berücksichtigung verdienen; diese Fälle +sind übrigens von dem Zustande des geistigen Todes weit +entfernt.)</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span></p> +<p>Im Falle der Tötung eines geistig Toten, der nach +Lage der Dinge, vermöge seines Hirnzustandes, nicht imstande +ist, subjektiven Anspruch auf irgend etwas, u. a. also +auch auf das Leben zu erheben, wird somit auch kein subjektiver +Anspruch verletzt.</p> + +<p>Es ergibt sich aus dem, was über den inneren Zustand +der geistig Toten zu sagen war, auch ohne weiteres, daß +es falsch ist, ihnen gegenüber den Gesichtspunkt des <em class="gesperrt">Mitleids</em> +geltend zu machen; es liegt dem Mitleid mit den +lebensunwerten Leben der unausrottbare Denkfehler oder +besser Denkmangel zugrunde, vermöge dessen die Mehrzahl +der Menschen in fremde lebende Gebilde hinein ihr eigenes +Denken und Fühlen projiziert, ein Irrtum, der auch eine der +Quellen der <em class="gesperrt">Auswüchse</em> des Tierkultus beim europäischen +Menschen darstellt. »Mitleid« ist den geistig Toten gegenüber +im Leben und im Sterbensfall die an letzter Stelle angebrachte +Gefühlsregung; wo kein Leiden ist, ist auch kein +mit-Leiden.</p> + +<p>Trotz alledem wird in dieser neuen Frage nur ein ganz +langsam sich entwickelnder Prozeß der Umstellung und +Neueinstellung möglich sein. Das Bewußtsein der Bedeutungslosigkeit +der Einzelexistenz, gemessen an den Interessen +des Ganzen, das Gefühl einer absoluten Verpflichtung zur +Zusammenraffung aller verfügbaren Kräfte unter Abstoßung +aller unnötigen Aufgaben, das Gefühl, höchst verantwortlicher +Teilnehmer einer schweren und leidensvollen Unternehmung +zu sein, wird in viel höherem Maße, als heute, Allgemeinbesitz +werden müssen, ehe die hier ausgesprochenen Anschauungen +volle Anerkennung finden können. Die Menschen sind +im allgemeinen großer und starker Gefühle nur ausnahmsweise +und immer nur für kurze Zeit fähig; deswegen machen +besondere Einzelbetätigungen in dieser Richtung einen so +großen Eindruck. Wir lesen mit tragischem Mitgefühl in +<em class="gesperrt">Greelys</em> Polarbericht, wie er genötigt ist, um die Lebenswahrscheinlichkeit +der Teilnehmer zu erhöhen, einen der Genossen,<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +der sich an die Rationierung nicht hielt und durch +unerlaubtes Essen eine Gefahr für alle wurde, von hinten +erschießen zu lassen, da er ihnen allen an Körperkräften +überlegen geworden war; ein berechtigtes Mitleid überkommt +uns, wenn wir lesen, wie Kapt. Scott und seine Begleiter +auf der Heimkehr vom Südpol im Interesse des Lebens +der Übrigen schweigend das Opfer annahmen, daß ein Teilnehmer +freiwillig das Zelt verließ, um draußen im Schnee +zu erfrieren.</p> + +<p>Ein kleiner Teil solcher heroischen Seelenstimmungen +müßte uns beschieden sein, ehe wir an die Verwirklichung +der hier theoretisch erörterten Möglichkeiten herantreten +können.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Sache der ärztlichen Beurteilung ist schließlich alles, +was sich in dem Zusammenhange unserer Darstellung auf +die Notwendigkeit <em class="gesperrt">technischer Sicherungen</em> gegen irrtümliches +oder mißbräuchliches Vorgehen bezieht.</p> + +<p>Zunächst wird selbstverständlich die Idee auftauchen, +daß die Verwirklichung der hier ausgesprochenen Gedanken +<em class="gesperrt">kriminellen Mißbräuchen</em> die Türe öffnen könnte. +Vermöge des ständig wachen Mißtrauens, das der normale +Staatsbürger vielfach gesetzgeberischen Dingen entgegenbringt, +die irgendwie in seine private Existenz eingreifen, +werden auch hier Möglichkeiten gewittert und ins +Feld geführt werden. Es liegt dem dieselbe Richtung des +Fühlens und Denkens zugrunde, die mühelos dazu kommt, +anzunehmen, daß es für Wohlhabende eine Kleinigkeit sei, +sich vermöge ärztlicher Atteste in Straffällen ihre Unzurechnungsfähigkeit +bekunden zu lassen, die es dem Laien +durchaus glaubhaft und wahrscheinlich macht, daß fortwährend +Internierungen geistig Gesunder und Entmündigungen +aus gewinnsüchtigen Motiven der Angehörigen erfolgen, +Anschauungen, die sich sogar zu der gesetzgeberischen +<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>praktischen Unzweckmäßigkeit verdichtet haben, daß in der +Entmündigungsfrage das Antragsrecht des Staatsanwaltes +seinerzeit eingeschränkt worden ist (bei Trunksucht).</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Sicherung</em> gegen solche Auffassungen würde in +einer sorgfältig zu behandelnden <em class="gesperrt">Technik</em> zu schaffen sein.</p> + +<p>In dieser Beziehung steht zunächst zur Erörterung, ob +die Auswahl der Fälle, die für die Lebensträger selbst und +für die Gesellschaft <em class="gesperrt">endgültig</em> wertlos geworden sind, mit +solcher Sicherheit getroffen werden kann, daß Fehlgriffe +und Irrtümer <em class="gesperrt">ausgeschlossen</em> sind.</p> + +<p>Es kann dies nur eines Laien Sorge sein. Für den +Arzt besteht nicht der geringste Zweifel, daß diese Auswahl +mit hundertprozentiger Sicherheit zu treffen ist, also mit +einem ganz anderen Maße von Sicherheit, als etwa bei hinzurichtenden +Verbrechern die Frage, ob sie geistig gesund, +oder geistig krank sind, entschieden werden kann.</p> + +<p>Für den Arzt bestehen zahlreiche wissenschaftliche, keiner +Diskussion mehr unterworfene Kriterien, aus denen die +<em class="gesperrt">Unmöglichkeit der Besserung</em> eines geistig Toten erkannt +werden kann, um so mehr, als für unsere ganze Fragestellung +in vorderster Linie die von frühester Jugend an +bestehenden Zustände geistigen Todes in Betracht kommen.</p> + +<p>Natürlich wird kein Arzt schon bei einem Kinde im +zweiten oder dritten Lebensjahr die Sicherheit dauernden +geistigen Todes behaupten wollen. Es kommt aber <em class="gesperrt">noch +in der Kindheit</em> der Moment, in dem auch diese Zukunftsbestimmung +zweifelsfrei getroffen werden kann.</p> + +<p>Es ist in dem juristischen Teil dieser Schrift schon die +Art der Zusammensetzung einer zur genauesten Prüfung +der Lage berufenen <em class="gesperrt">Kommission</em> besprochen worden. Auch +ich bin überzeugt, daß trotz des Beiklanges von Fruchtlosigkeit, +den wir bei der Erwähnung des Wortes »Kommission« +innerlich hören, eine derartige Einrichtung notwendig sein +würde. Die Erörterung der Einzelheiten halte ich für weniger +dringend, als das Bekenntnis dazu, daß selbstverständlich +<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>die Voraussetzung für die Verwirklichung dieser Gedankengänge +die <em class="gesperrt">Schaffung aller denkbaren Garantien</em> nach +jeder Richtung sein muß.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Von <em class="gesperrt">Goethe</em> stammt das Bild des Entwicklungsganges +wichtiger Menschheitsfragen, den er sich in Spiralform +versinnlicht. Die Achse dieses Bildes ist die Tatsache, +daß eine etwa an einem Stamme emporlaufende Spirallinie +in gewissen Abständen immer wieder auf <em class="gesperrt">derselben +Seite</em> des Stammes ankommt und vorüberführt, aber +<em class="gesperrt">jedesmal ein Stockwerk höher</em>.</p> + +<p>Dieses Bild wird sich später einmal auch in dieser +unserer Kulturfrage erkennen lassen. Es gab eine Zeit, +die wir jetzt als barbarisch betrachten, in der die Beseitigung +der lebensunfähig Geborenen oder Gewordenen selbstverständlich +war; dann kam die jetzt noch laufende Phase, in +welcher schließlich die Erhaltung <em class="gesperrt">jeder</em> noch so wertlosen +Existenz als höchste sittliche Forderung galt; eine neue Zeit +wird kommen, die von dem Standpunkte einer höheren +Sittlichkeit aus aufhören wird, die Forderungen eines überspannten +Humanitätsbegriffes und einer Überschätzung des +Wertes der Existenz schlechthin mit schweren Opfern dauernd +in die Tat umzusetzen. Ich weiß, daß diese Ausführungen +heute keineswegs überall schon Zustimmung oder auch nur +Verständnis finden werden; dieser Gesichtspunkt darf Denjenigen +nicht zum Schweigen veranlassen, der nach mehr +als einem Menschenalter ärztlichen Menschendienstes das +Recht beanspruchen kann, in allgemeinen Menschheitsfragen +gehört zu werden.</p> +<hr class="tb" /> +<p class="center">G. Pätzsche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. +</p> + +<div class="footnotes"> +<h2>FUSSNOTEN</h2> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> <em class="gesperrt">Jost</em>, Das Recht auf den Tod. Göttingen 1895, S. 1.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> In der Sprache der Stoa sagt <em class="gesperrt">Seneca</em>: <i>Licet eo reverti, unde +venisti. Ep. LXX.</i></p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Montesquieu</em> in seiner wundervollen <i>Lettre LXXVI</i> seiner +<i>Lettres Persanes</i>: <i>Dieu, différent de tous les bienfaiteurs, veut il me +condamner à recevoir de grâces qui m'accablent?</i> Gut auch <em class="gesperrt">Jost</em> a. a. O. +S. 36.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_4" id="Footnote_4"></a><a href="#FNanchor_4"><span class="label">[4]</span></a> <em class="gesperrt">Friedrichs</em> II. Reskript v. 6. Dez. 1751 hat in Deutschland zuerst +die Strafe des Selbstmordes aufgehoben.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_5" id="Footnote_5"></a><a href="#FNanchor_5"><span class="label">[5]</span></a> S. bes. <em class="gesperrt">Feuerbach</em>, Lehrb. § 241; <em class="gesperrt">Heffter</em>, Lehrb. § 227; <em class="gesperrt">Lion</em>, +Goltd. Arch. VI S. 458; <em class="gesperrt">Schütze</em>, Nothwend. Theilnahme, S. 288 ff.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_6" id="Footnote_6"></a><a href="#FNanchor_6"><span class="label">[6]</span></a> So natürlich <em class="gesperrt">Jarcke</em>, Handbuch I S. 108. <em class="gesperrt">Hepp</em>, Versuche, +S. 124 ff., versteigt sich dazu, den Selbstmord als »moralische Schändlichkeit«, +ja vom christlichen Standpunkte aus »als eines der größten und abscheulichsten +Verbrechen« zu bezeichnen. Vgl. <em class="gesperrt">Lion</em>, GA. VI S. 459. — Auch +<em class="gesperrt">Berner</em>, Lehrbuch, S. 93, äußert einen wahren Abscheu »vor dieser gottlosen +Tat«, tritt aber für ihre Straflosigkeit ein. — Ebenso noch in ganz junger +Zeit die Diss. von <em class="gesperrt">Nohr</em>, Die zwangsweise Hinderung am Selbstmord, +Breslau 1916, der außer der Unsittlichkeit im Selbstmord auch noch »eine +Gefährdung des Staates« findet! Vgl. unten S. 14 <a href="#Footnote_27">Note 27</a>.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_7" id="Footnote_7"></a><a href="#FNanchor_7"><span class="label">[7]</span></a> So treffend <em class="gesperrt">Hoche</em>, Vom Sterben, S. 25.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_8" id="Footnote_8"></a><a href="#FNanchor_8"><span class="label">[8]</span></a> Sehr merkwürdig die Mitteilungen <em class="gesperrt">Gaupps</em>, Selbstmord, +2. Aufl. München 1910 S. 22, über 124 von ihm untersuchte Fälle +<em class="gesperrt">versuchten Selbstmordes</em>. Nur eine einzige Person unter den 124 +sei psychisch ganz gesund gewesen.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_9" id="Footnote_9"></a><a href="#FNanchor_9"><span class="label">[9]</span></a> Sehr richtig sagt <em class="gesperrt">Jost</em> a. a. O. S. 50: »Ein <em class="gesperrt">bestimmtes</em> moralisches +Urteil über den Selbstmord überhaupt gibt es nicht. Jeder Fall +muß hier besonders beurteilt werden.« S. auch die schönen Worte von +<em class="gesperrt">Gaupp</em>, Selbstmord, S. 32: »Ist es nicht frevelhafte Anmaßung, wenn +wir den Wert eines Menschen nach dem einschätzen, was wir uns in naiver +Unwissenheit vom Motiv seiner letzten Tat zurecht gelegt haben?« — Wenn +<em class="gesperrt">Hoche</em>, Vom Sterben, S. 27 sagt: »Gewiß ist der Selbstmord in irgendeiner +Form immer ein Waffenstrecken vor dem Leben; aber die Frage, wie sehr +oder wie wenig dieses Leben lebenswert war, darf dabei gewiß nicht außer +acht gelassen werden«, so ist letzteres sicher sehr beachtlich, aber das Urteil +vom Waffenstrecken geht mir zu weit. <em class="gesperrt">Die Selbsttötung kann ein +Sieg über Zumutungen des Lebens sein, die kein Mensch +von Ehre erfüllen darf.</em> Vortrefflich ist <em class="gesperrt">Hoches</em> Bemerkung a. a. O. S. 29: +»Ich glaube nicht, <em class="gesperrt">daß wenn wir darüber ehrliche Angaben erhielten</em>, +unter den geistig hochstehenden, fein organisierten Naturen +viele zu finden wären, die nicht irgendwann einmal in ihrem Leben vor +der Frage des Bleibens oder Gehens gestanden hätten.« Man braucht +ja nur an <em class="gesperrt">Goethe-Faust</em> zu denken.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_10" id="Footnote_10"></a><a href="#FNanchor_10"><span class="label">[10]</span></a> Das »Du sollst nicht töten« des Zehngebotes hat natürlich mit der +Selbsttötung gar nichts zu tun.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_11" id="Footnote_11"></a><a href="#FNanchor_11"><span class="label">[11]</span></a> <em class="gesperrt">Schütze</em>, Nothwendige Teilnahme (1869) S. 278 will den Selbstmord +als strafloses Verbrechen betrachten, um zur Strafbarkeit der sog. +Teilnahme daran gelangen zu können. Das ist ganz unnötig: dies Ziel ist +auch anderweit zu erreichen. S. dazu unten <a href="#Ref_12_13">S. 12, 13</a>.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_12" id="Footnote_12"></a><a href="#FNanchor_12"><span class="label">[12]</span></a> S. etwa Lehrbuch, 9. Aufl., § 241 (S. 205). — Recht interessant, +weil auf der Schwelle zweier Anschauungsweisen stehend, <em class="gesperrt">Pufendorf</em>, +<i>De jure naturae Liber II Cap. IV § XIX</i>, wonach der zurechnungsfähige +Selbstmörder <i>in legem naturae peccasse est censendus.... Multos +quoque, qui in voluntarium exitum ruunt, magnitudo consternationis +apud aequos viros excusat</i>.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_13" id="Footnote_13"></a><a href="#FNanchor_13"><span class="label">[13]</span></a> Es fällt doch sehr auf, daß <em class="gesperrt">v. Liszt</em>, VDBT V S. 10, offenbar den +modernen Rechtsbegriff der Tötung dahin formulirt: »Tötung ist Verursachung +des Todes eines Menschen durch die Willensbetätigung des +Täters« und dazu S. 10 bemerkt: »Auch der Selbstmord fällt unter den +Begriff der Tötung.« Über die rechtliche Natur des Selbstmordes schweigt +sich <em class="gesperrt">v. Liszt</em> aus: nur seine Straflosigkeit wird von ihm als feststehend behandelt +und sie wird auf alle »Teilnehmer« ausgedehnt. S. a. a. O. S. 133/4. +— Auf <em class="gesperrt">v. Liszts</em> Definition gestützt behandelt <em class="gesperrt">Elis. Rupp</em>, Das Recht auf +den Tod, 1913, S. 1, die <em class="gesperrt">Selbsttötung</em> neben <em class="gesperrt">Kindestötung</em> und +<em class="gesperrt">Tötung auf Verlangen</em> als dritten Fall des privilegirten Tötungsdelikts. +— Über die geradezu unglaubliche Begründung für die Rechtswidrigkeit +der Selbsttötung durch <em class="gesperrt">Kohler</em>, GA. <i>XLIX</i> S. 6 (es fehle +nur »die Strafbarkeitsbedingung«, »daß der Täter ein anderer sei, als +derjenige, um dessen Leben es sich handle«), s. meine Normen III S. 227 +N. 17.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_14" id="Footnote_14"></a><a href="#FNanchor_14"><span class="label">[14]</span></a> Der ganz übliche Ausdruck ist ja grundfalsch. Gemeint ist jedoch +die durchaus mögliche Teilnahme an der Tötungshandlung, die für den +Gestorbenen <em class="gesperrt">Selbsttötung</em> oder für den Davongekommenen <em class="gesperrt">Selbsttötungsversuch</em> +war, die aber für den Teilnehmer stets <em class="gesperrt">Tötung eines +Dritten</em> ist.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_15" id="Footnote_15"></a><a href="#FNanchor_15"><span class="label">[15]</span></a> <i>De lege lata</i> allerdings dann, wenn das Gesetz für die Strafbarkeit +des Anstifters und des Gehilfen ganz verkehrterweise Strafbarkeit der +Handlung verlangt, zu der angestiftet und geholfen wurde. So ja unser +GB. §§ 48 u.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_16" id="Footnote_16"></a><a href="#FNanchor_16"><span class="label">[16]</span></a> S. etwa <em class="gesperrt">Montesquieu</em>, <i>Lettres Persanes, lettre LXXVI: +Non sans doute: je ne sais qu'user du droit, qui m'a été donné</i>. — Vgl. +etwa noch <em class="gesperrt">Abegg</em>, Lehrb., § 103 (S. 161), und aus neuerer Zeit die juristisch +sehr schwache Abhandlung von <em class="gesperrt">Hiller</em>, Das Recht über sich selbst, Heidelberg +1908. Ebenso offenbar die Diss. von <em class="gesperrt">Scharnow</em>, Über die strafrechtliche +Behandlung der Selbstverletzung, insbes. des Selbstmordes und der Teilnahme +an demselben. Borna Leipzig 1912. S. bes. S. 41 ff.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_17" id="Footnote_17"></a><a href="#FNanchor_17"><span class="label">[17]</span></a> Die angeblich mögliche Veräußerung des eigenen Lebensrechtes +an einen Dritten ist eine der gloriosesten Erfindungen des reinen Unsinns. +Der Veräußerer lebt dann rechtlos weiter.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_18" id="Footnote_18"></a><a href="#FNanchor_18"><span class="label">[18]</span></a> Die Fälle sog. Teilnahme am Selbstmorde dulden in keiner Weise +eine einheitliche Beurteilung.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_19" id="Footnote_19"></a><a href="#FNanchor_19"><span class="label">[19]</span></a> Aus GB. § 216 ergibt sich klar, daß unser positives Recht der Theorie +eines übertragbaren Tötungsrechts energisch entgegentritt. Es betrachtet +die Tötung des rechtlich Einwilligenden als widerrechtlich und strafbar — +letzteres sogar in zu weitem Umfange.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_20" id="Footnote_20"></a><a href="#FNanchor_20"><span class="label">[20]</span></a> Vgl. dazu schon mein Handbuch I S. 697 und die Anhänger dieser +Auffassung das. S. 698, N. 9. Inzwischen habe ich den Begriff der so +vielfach mißverstandenen <em class="gesperrt">unverbotenen Handlung</em> schärfer heraus +gearbeitet. S. jetzt bes. Normen IV S. 346 ff. Es ist falsch, diese Handlung +als eine »juristisch indifferente«, für das Recht nicht in Betracht kommende +zu bezeichnen. Sie findet ja mitten im Rechtsleben statt. Die Rechtsordnung +nimmt die Handlung trotz ihrer vielleicht empfindlichen Wirkungen auf +sie selbst ruhig hin. Sie glaubt sie dem Täter nicht verbieten zu dürfen.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_21" id="Footnote_21"></a><a href="#FNanchor_21"><span class="label">[21]</span></a> S. mein Handbuch I S. 699.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_22" id="Footnote_22"></a><a href="#FNanchor_22"><span class="label">[22]</span></a> »Sollte die Freyheit zu sterben, die uns die Goetter in allen Umständen +des Lebens gelassen haben, — sollte diese ein Mensch dem andern +verkümmern können?« <em class="gesperrt">Lessing</em>, Philotas.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_23" id="Footnote_23"></a><a href="#FNanchor_23"><span class="label">[23]</span></a> Deshalb ist die theoretische Bemerkung bezüglich des Gehilfen +zum Selbstmord auf S. 701 oben meines Handbuchs unrichtig.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_24" id="Footnote_24"></a><a href="#FNanchor_24"><span class="label">[24]</span></a> Vgl. mein Handbuch I S. 701 u. 702; mein Lehrbuch I S. 26. +Vgl. auch <em class="gesperrt">Kohler</em>, Studien I S. 144 ff.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_25" id="Footnote_25"></a><a href="#FNanchor_25"><span class="label">[25]</span></a> Eine weitverbreitete Neigung geht dahin, die Straflosigkeit sog. +Teilnahme am Selbstmorde als selbstverständlich zu betrachten. (Dagegen +<em class="gesperrt">Stooß</em> und <em class="gesperrt">v. Liszt</em>, VDBT. V S. 134/5, 138.) Sie beweist wiederum +die Abneigung tieferer Durchdenkung und scharfer Beobachtung des Lebens. +Töten <i>A</i> und <i>B</i> als Mittäter den <i>B</i>, so ist <i>A</i> <em class="gesperrt">Täter</em> des Mordes, Totschlags +oder der fahrlässigen Tötung an <i>B</i>: zweifellos hat er rechtswidrig gehandelt + <em class="gesperrt">und muß auch <i>de lege lata</i> zu voller Verantwortung gezogen +werden</em>. Beruht die Mittäterschaft auf Verlangen des Getöteten, so +greift § 216 Platz. +</p> +<p> +Dem Täter vollständig gleich steht der <em class="gesperrt">Urheber</em>, der den Getöteten +zur Selbsttötung bestimmt hat. <em class="gesperrt">Er hat widerrechtlich einen Dritten +getötet.</em> Aber der Urheberbegriff wird ja zurzeit erst von sehr wenigen +verstanden. +</p> +<p> +Die <em class="gesperrt">Beihilfe zum Selbstmord</em> bedarf, um strafbar zu werden, +stets der besonderen Strafbestimmung. Diese fehlt in den meisten Gesetzbüchern, +<em class="gesperrt">dürfte aber nirgends fehlen</em>. Man denke doch an die abscheuliche +Beihilfe zu Selbstmorden von Schülern oder von Selbstmordsüchtigen. + <em class="gesperrt">Das Recht hat doch wahrlich nicht den geringsten Anlaß, +die Begehung des Selbstmordes zu erleichtern.</em> +</p> +<p> +Unsere Gesetzbücher bewegen sich bezüglich der sog. Teilnahme +am Selbstmord in größter Unsicherheit. Die meisten, wie auch das <em class="gesperrt">Reichsstrafgesetzbuch</em>, +schweigen sich darüber aus. Keines stellt — wie es +sich gehört — die Anstiftung oder die Verleitung zum Selbstmord unter +die Strafe der gewöhnlichen Tötung: aber für strafbar erklären die Teilnahme +<em class="gesperrt">Braunschweig</em> § 148; <em class="gesperrt">Baden</em> § 208; <em class="gesperrt">Thüringen</em> A. 121; +<em class="gesperrt">Sachsen</em> 1855 und 1868 A. 158; <em class="gesperrt">Hamburg</em> A. 121. — Die <em class="gesperrt">Motive +des deutschen Vorentwurfs</em> von 1909 (II S. 644) sagen höchst bedenklich: +»Ein Bedürfnis, die Anstiftung und die Beihilfe zum Selbstmord +unter Strafe zu stellen, konnte nicht anerkannt werden. Fälle dieser Art +kommen anscheinend nur sehr selten vor.« Das sog. amerikanische Duell +bedürfe keiner besonderen Berücksichtigung. — Der <em class="gesperrt">Gegenentwurf</em> +von 1911 stellt in § 257 die Anstiftung zum Selbstmord unter Gefängnis +(1 Woche bis 2 Jahre). »Jede andere Beteiligung am Selbstmord bleibt +straflos« (s. dazu <em class="gesperrt">Motive</em> S. 249). Dem Vorschlag fehlt das Verständnis, +daß die sog. Anstiftung volle Urheberschaft an der Tötung eines Dritten ist. +— Vgl. über die »Teilnahme am Selbstmord« noch den <em class="gesperrt">Österreich. +Entwurf</em> von 1912 § 290 (»Bestraf. v. Bestimmung und Beihilfe«: Gef. +oder Haft von 4 Wochen bis zu 3 Jahren. Bestimmung durch Erregung +oder Benutzung eines Irrtums »Kerker oder Gefängnis von 1-10 Jahren«). +— <em class="gesperrt">Der Schweizerische Entwurf</em> von 1916 A. 107 bedroht Verleitung +oder Beihilfe zum Selbstmord »<em class="gesperrt">aus selbstsüchtigen Beweggründen</em>« +mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren oder mit Gefängnis.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_26" id="Footnote_26"></a><a href="#FNanchor_26"><span class="label">[26]</span></a> Falsch behauptet <em class="gesperrt">v. Liszt</em>, Lehrb. S. 160: »Die Selbstverletzung +sollte grundsätzlich ebenso behandelt werden, wie die mit Einwilligung +des Verletzten von einem Dritten begangene Handlung.« Ebenso <em class="gesperrt">Hiller</em> +a. a. O. S. 13. +</p> +<p> +Dazu Binding-Festschrift II S. 291.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_27" id="Footnote_27"></a><a href="#FNanchor_27"><span class="label">[27]</span></a> Vgl. mein Lehrbuch I S. 91. <em class="gesperrt">Olshausen</em> zu § 240 N. 12 Abs. 3. +— Beachte auch RG. III v. 24. Dez. 79 (<i>RSpr. I</i> S. 173). Ganz abwegig +die oben <a href="#Footnote_6">Note 6</a> zitirte Dissertation von <em class="gesperrt">Nohr</em>. — Selbstverständlich ist +das Recht der Hinderung des Jugendlichen oder des Wahnsinnigen am +Selbstmord.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_28" id="Footnote_28"></a><a href="#FNanchor_28"><span class="label">[28]</span></a> S. <em class="gesperrt">Gaupp</em>, Über den Selbstmord.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_29" id="Footnote_29"></a><a href="#FNanchor_29"><span class="label">[29]</span></a> S. <em class="gesperrt">Kaßler</em>, DJZ. XX (1915) Sp. 203/4; <em class="gesperrt">Köhler</em>, Lehrb. des +Strafrechts, Allgem. Teil 1917 S. 400. An beiden Stellen ist sehr zu +Unrecht von einem »<em class="gesperrt">Recht auf oder zur Sterbehilfe</em>« die Rede: +ersteres angeblich ein Recht des Sterbenden, letzteres ein Recht des Hilfreichen.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_30" id="Footnote_30"></a><a href="#FNanchor_30"><span class="label">[30]</span></a> Ohne auf die außerordentlich große Literatur über diese Frage +hier näher einzutreten, darf ich auf meine Ausführung in m. Lehrbuch I +S. 53 ff. verweisen. In meinem Handbuch I S. 801 ff. hatte ich zu Unrecht +von einem <em class="gesperrt">ärztlichen Berufsrecht</em> gesprochen.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_31" id="Footnote_31"></a><a href="#FNanchor_31"><span class="label">[31]</span></a> Mein Handbuch I S. 803. S. auch <em class="gesperrt">Hoche</em>, Vom Sterben, S. 17: +»Die Aufgabe des Arztes ist es, das Sterben derjenigen zu erleichtern, +denen nach der Art ihrer Krankheit ein schweres Sterben beschieden ist. +Es ist <em class="gesperrt">eine unerläßliche Forderung der ärztlichen Ethik, +daß dieser Akt der Erleichterung keine Verkürzung des Lebens +bedeuten darf</em>.«</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_32" id="Footnote_32"></a><a href="#FNanchor_32"><span class="label">[32]</span></a> Ich selbst war 1885 im Handbuch I S. 803 noch viel zu ängstlich +und habe gesagt: »Die Operation und die Anwendung innerer Mittel, +an deren Folgen der dem qualvollen Tod Entgegenharrende sicher, aber +schmerzlos zugrunde gehen würde, ist heute noch als verboten zu betrachten.« +Energisch für die Zulässigkeit dieser Handlung eingetreten scheint zuerst +<em class="gesperrt">Oppenheim</em>, Das ärztliche Recht zu körperlichen Eingriffen, 1892 S. 30. +(Die mir bekannte Schrift ist mir zur Zeit unerreichbar!) Ganz engherzig +dagegen <em class="gesperrt">Kaßler</em>, DJZ. XX 1910 Sp. 203/4. — Mit Sympathie für die +Zulässigkeit, aber mit der Anerkennung, die Handlung sei »rechtlich eine +Tötung« und doch wohl rechtswidrig (denn <em class="gesperrt">Beling</em> fragt, »ob viele Ärzte +auch nur eine Ahnung von der Unerlaubtheit der Euthanasie gehabt +haben« mögen?) <em class="gesperrt">Beling</em>, Unschuld, Schuld und Schuldstufen, +1910 S. 21. Ganz oberflächlich für die Verneinung der Zulässigkeit +<em class="gesperrt">Wachenfeld</em>, Lehrbuch S. 302. — Vgl. die folgenden Noten.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_33" id="Footnote_33"></a><a href="#FNanchor_33"><span class="label">[33]</span></a> Schon deshalb ist die Ausführung von <em class="gesperrt">M. E. Mayer</em>, Allgemeiner +Teil, S. 260 und S. 290/1 nicht richtig. In sehr gewagter Weise führt +<em class="gesperrt">Mayer</em> aus, es sei unrichtig, aus § 216 zu entnehmen, daß die »Tötung +auf Verlangen unter keinen Umständen rechtmäßig (<i>sic!</i>) sein könne«. +Gerade bei der Bewirkung der Euthanasie treffe dies zu: »Ich bin der +Ansicht, daß unsere Kultur solche Eingriffe erlaubt« und da das Gesetz keinen +Widerspruch erhebt, »ist der Handlung des Arztes zuzugestehen, daß sie +eine einwandfreie Wahrung berechtigter Interessen ist«. Letzteres ist ganz +richtig. Aber die Beschaffung der Euthanasie hat mit der Tötung Verlangender +prinzipiell nichts zu tun.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_34" id="Footnote_34"></a><a href="#FNanchor_34"><span class="label">[34]</span></a> <em class="gesperrt">Köhler</em> ist unsicher, aber neigt nach der richtigen Seite. Lehrbuch I +S. 400/401 sagt er: »Es wird die Erlaubtheit der Euthanasie als Gewohnheitsrecht +(?) in engen Grenzen nicht zu leugnen sein«. »Unbedeutende +Lebens<em class="gesperrt">verkürzung</em> um etwa 1-2 Stunden durch Narkotika ist ebenfalls +als erlaubt zu betrachten.« »Ob außerdem die Einholung der Zustimmung +des Sterbenden nötig ist, erscheint fraglich.« — Unnötig ist wirklich die Hervorhebung, +daß die »menschenfreundliche Aufforderung eines Angehörigen +an den Arzt,« Euthanasie herbeizuführen, »keine Aufforderung nach +GB. § 49<sup>a</sup>« sei.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_35" id="Footnote_35"></a><a href="#FNanchor_35"><span class="label">[35]</span></a> Viel zu eng im Ausdruck <em class="gesperrt">Köhler</em>, a. a. O. S. 401.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_36" id="Footnote_36"></a><a href="#FNanchor_36"><span class="label">[36]</span></a> So in der recht verdienstlichen, absichtlich ganz unjuristisch gehaltenen, +aber mit idealem Schwunge geschriebenen kleinen Schrift von <em class="gesperrt">Jost</em>, Das Recht +auf den Tod, Göttingen 1895, die sich in erster Linie »dem Problem der +unheilbar geistig oder körperlich Kranken« widmet (S. 1), und die es sonderbar +findet, daß es zuweilen eine Pflicht zu sterben geben soll, von einem +Recht zu sterben aber nirgends gesprochen werde (S. 8). — Ferner in der +unter dem gleichen Titel erschienenen, juristisch ganz unzulänglichen +»strafrechtlichen Studie« von <i>Dr.</i> <em class="gesperrt">Elisabeth Rupp</em>, Stuttgart 1913.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_37" id="Footnote_37"></a><a href="#FNanchor_37"><span class="label">[37]</span></a> Sehr übel spricht <em class="gesperrt">Hiller</em>, Das Recht über sich selbst, Heidelberg +1908, ernsthaft von einem »Recht der willkürlichen Lebensausgestaltung« +und meint: »Ein Teil jenes Rechts ist das Recht der freien Verfügung über +sich selbst« (S. 7). Der Verfügungsberechtigte kann »sich aber mit einem +zweiten zusammentun, damit dieser über ihn verfüge,« ja zwei Menschen +»können sich zu dem Zweck verbinden, um gegenseitig übereinander zu +verfügen« (S. 8). — So folgt eine juristische Unmöglichkeit der anderen! +Das kleine Buch ist juristisch ungemein schwach.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_38" id="Footnote_38"></a><a href="#FNanchor_38"><span class="label">[38]</span></a> Vgl. meinen Strafrechtsgrundriß S. 185/6. Auch mein Handbuch I +S. 710 N. 11. S. <em class="gesperrt">E. Rupp</em>, Recht auf den Tod, bes. S. 26 ff.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_38a" id="Footnote_38a"></a><a href="#FNanchor_38a"><span +class="label">[38a]</span></a> Seiner Bekämpfung ist die Schrift von <em class="gesperrt">E. Rupp</em> gewidmet.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_39" id="Footnote_39"></a><a href="#FNanchor_39"><span class="label">[39]</span></a> <em class="gesperrt">Baden</em> § 207 und <em class="gesperrt">Hamburg</em> A. 120 sprechen geradezu von der +<em class="gesperrt">Tötung Einwilligender</em>.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_40" id="Footnote_40"></a><a href="#FNanchor_40"><span class="label">[40]</span></a> Alle hier einschlagenden Strafgesetzbücher fordern, wie selbstverständlich, +<em class="gesperrt">ein ernstes Verlangen</em>; außerdem ein <em class="gesperrt">ausdrückliches +Verlangen</em>: <em class="gesperrt">Sachsen</em> 1838 A. 125; <em class="gesperrt">Württ.</em> A. 239; <em class="gesperrt">Braunschweig</em> +§ 147; <em class="gesperrt">Thüringen</em> A. 120; <em class="gesperrt">Sachsen</em> 1855 u. 1868 A. 157; <em class="gesperrt">Lübeck</em> § 145; +<em class="gesperrt">Hamburg</em> A. 120; <em class="gesperrt">Reichsstrafgesetzbuch</em> § 216; oder ein <em class="gesperrt">bestimmtes +Verlangen</em>: <em class="gesperrt">Hessen</em> A. 257 <em class="gesperrt">-Nassau</em> A. 250; <em class="gesperrt">Baden</em> § 207. — Der +<em class="gesperrt">deutsche Entwurf</em> v. 1909 § 215 und der <em class="gesperrt">Gegenentwurf</em> § 255 begnügen +sich mit dem »<em class="gesperrt">dringenden Verlangen</em>«. Der Entwurf von 1913 +§ 281 springt wieder ganz unnötig auf »<em class="gesperrt">ausdrückliches</em> und <em class="gesperrt">ernstliches +Verlangen</em>«. Der arme Mensch, der zu schwach ist, sein Verlangen auch +noch zu stilisiren, kommt dann sehr zu kurz!</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_41" id="Footnote_41"></a><a href="#FNanchor_41"><span class="label">[41]</span></a> Vgl. dazu die Analyse des Tatbestandes in meinem Lehrbuch I +S. 33 ff. und <em class="gesperrt">v. Liszt</em>, VDBT. V S. 127 ff. — S. auch <em class="gesperrt">E. Rupp</em> a. a. O. +S. 23 ff. und die Diss. von <em class="gesperrt">Holdheim</em>, Die Tötung auf Verlangen nach +§ 216 StGB., Greifswald 1918.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_42" id="Footnote_42"></a><a href="#FNanchor_42"><span class="label">[42]</span></a> Worin <em class="gesperrt">derselben Strafe</em> höchst unzweckmäßig unterstellt werden +<em class="gesperrt">Tötung auf Verlangen</em> und <em class="gesperrt">Beihilfe zum Selbstmord, einer +höheren die Tötung bei überwiegendem Verdacht, »den +Wunsch nach dem Tode bei dem Getöteten selbst veranlaßt zu +haben</em>.« — An jene Gleichstellung knüpft die so oft gehörte ganz falsche Behauptung +an, Tötung auf Verlangen und Beihilfe zum Selbstmord gehörten +durchaus zusammen und stünden in naher Verwandtschaft. S. z. B. +<em class="gesperrt">v. Liszt</em> a. a. O. V S. 131. Es ist das nur insofern richtig — und gerade in +diesem Sinne wird die Behauptung regelmäßig nicht genommen —, daß +diese Handlungen alle dem Verbot der Tötung des Nebenmenschen unterfallen. +Insoweit richtig <em class="gesperrt">v. Liszt</em> a. a. O. S. 138: Der Parallelismus +zwischen der Beihilfe zum Selbstmord und der Tötung auf Verlangen +muß unbedingt festgehalten werden. — Aber die sog. »Teilnahme am Selbstmord« +kann auch ganz selbständig wider den Willen des Getöteten erfolgt +sein. Und darin liegt eine tiefe Verschiedenheit!</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_43" id="Footnote_43"></a><a href="#FNanchor_43"><span class="label">[43]</span></a> Vgl. <a href="#Footnote_40">Note 40</a> oben S. 20.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_44" id="Footnote_44"></a><a href="#FNanchor_44"><span class="label">[44]</span></a> <em class="gesperrt">Württemberg</em> sind gefolgt: <em class="gesperrt">Braunschweig</em> § 147; <em class="gesperrt">Baden</em> +§ 207; <em class="gesperrt">Thüringen</em> A. 120; <em class="gesperrt">Hamburg</em> A. 120. <em class="gesperrt">v. Liszt</em> befürwortet +a. a. O. V S. 132 die Privilegirung der Tötung des Verlangenden nur +unter der Voraussetzung, daß sie an <em class="gesperrt">hoffnungslos Erkrankten</em> von +<em class="gesperrt">Personen, die zu ihm in »engen Beziehungen stehen«</em>, begangen +ist.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_45" id="Footnote_45"></a><a href="#FNanchor_45"><span class="label">[45]</span></a> Motive II S. 643/4.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_46" id="Footnote_46"></a><a href="#FNanchor_46"><span class="label">[46]</span></a> Unter Berufung auf <em class="gesperrt">John</em>, Entwurf z. e. Strafgesetzbuch für +den Norddeutschen Bund (1868) S. 432. — Der letzte Grund ist einfach +abgeschmackt.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_47" id="Footnote_47"></a><a href="#FNanchor_47"><span class="label">[47]</span></a> <em class="gesperrt">Jost</em> hat ganz richtig erkannt, daß die Frage so zu stellen ist, +und bemerkt richtig S. 6: Jemand könne in die Lage kommen, »in welcher +das, worin er seinen Mitmenschen noch nützen kann, ein <em class="gesperrt">Minimum</em>, +das aber, was er unter seinem Leben noch zu leiden hat, ein <em class="gesperrt">Maximum</em>« +ist. S. 26: »Der Wert des menschlichen Lebens <em class="gesperrt">kann</em> aber nicht bloß Null, +sondern auch negativ werden.«</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_48" id="Footnote_48"></a><a href="#FNanchor_48"><span class="label">[48]</span></a> »Der Gesamtverlust aller kriegführenden Mächte in diesem Weltkriege +wird auf etwa 12-13 Millionen Tote zu berechnen sein.« <em class="gesperrt">Hoche</em>, +Vom Sterben, Jena 1919, S. 10. Nach einer neuerlichen Mitteilung des +»Vorwärts« hat in diesem Kriege verloren an Toten das <em class="gesperrt">deutsche Heer</em> +1 728 246, die <em class="gesperrt">Flotte</em> 24 112 — Verluste von einem Wert, der alle Berechnung +übersteigt.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_49" id="Footnote_49"></a><a href="#FNanchor_49"><span class="label">[49]</span></a> Natürlich bleiben alle Fälle der Tötungsrechte u. Pflichten wie +auch die Fälle der Tötung im Notstand hier wieder beiseite!</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_50" id="Footnote_50"></a><a href="#FNanchor_50"><span class="label">[50]</span></a> Die gesetzlich so oft geforderte Ausdrücklichkeit ist eine ganz widersinnige +Forderung.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_51" id="Footnote_51"></a><a href="#FNanchor_51"><span class="label">[51]</span></a> Dazu vgl. mein Handbuch I S. 727 ff.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_52" id="Footnote_52"></a><a href="#FNanchor_52"><span class="label">[52]</span></a> Die Frage, ob es nicht <em class="gesperrt">Mißgeburten</em> gibt, denen man in ganz +früher Lebenszeit den gleichen Liebesdienst erweisen sollte, will ich nur +angeregt haben. +</p> +<p> +Seit Jahren beobachte ich mit Entsetzen den empörenden Mangel +an Feinfühligkeit gegenüber diesen armen Menschen, die zur Sehenswürdigkeit +werden, und nicht selten in der unverschämtesten Weise begafft, ja +vielfach unter spöttischen Redensarten verfolgt werden. Das Leben solcher +Armen ist ein ewiges Spießrutenlaufen!</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_53" id="Footnote_53"></a><a href="#FNanchor_53"><span class="label">[53]</span></a> Für die einwilligenden Unrettbaren. S. oben s. <a href="#Ref_IV_III_1">IV, III 1 S. 27</a>.</p></div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_54" id="Footnote_54"></a><a href="#FNanchor_54"><span class="label">[54]</span></a> Mein sehr verehrter Mitarbeiter hat noch bis vor kurzem gemeint, +der von Laien immer wieder vertretene Gedanke, man möge die +Ärzte angesichts aussichtsloser, qualvoller Zustände von Staats wegen +zur Tötung ermächtigen, sei unausführbar. »In welche Hände sollte man +eine solche Entscheidung legen?« S. <em class="gesperrt">Hoche</em>, Vom Sterben, S. 17.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_55" id="Footnote_55"></a><a href="#FNanchor_55"><span class="label">[55]</span></a> Übertreibende Ausführungen gegen diese Bedenken bei <em class="gesperrt">Jost</em> +a. a. O. S. 20 ff. Rechtlich ganz verkehrt wird S. 25 behauptet, Töten und +das Unterlassen möglicher Rettung sei identisch.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_56" id="Footnote_56"></a><a href="#FNanchor_56"><span class="label">[56]</span></a> »Quält seinen Geist nicht! Laßt ihn ziehen! Der haßt ihn, +Der auf die Folter dieser zähen Welt Ihn länger spannen will.« <em class="gesperrt">Kent</em> in +<em class="gesperrt">König Lear</em>, 5. Akt, 3. Szene.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_57" id="Footnote_57"></a><a href="#FNanchor_57"><span class="label">[57]</span></a> Vor der Zeit der Teuerung.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_58" id="Footnote_58"></a><a href="#FNanchor_58"><span class="label">[58]</span></a> Abgesehen von den zahlreichen lokalen Bezirksanstalten und den +149 öffentlichen Anstalten, die sowohl der Pflege Geisteskranker wie der +von Epileptikern und Idioten dienen, finden wir unter 159 im gleichen +Sinne tätigen Privatanstalten eine große Zahl solcher, die Eigentum +von Vereinen, religiösen Genossenschaften oder wohltätigen Stiftungen +sind; davon sind 43 für Idioten und Epileptische bestimmte von konfessionellem +Charakter; 27 davon sind Eigentum religiöser Orden +(<em class="gesperrt">Hans Laehr</em>; die Anstalten für psychisch Kranke, Berlin bei +G. Reimer, 1907). +</p> +<p> +Die oben angegebene geschätzte Gesamtzahl der Idioten deckt sich +nicht mit der Zahl der geistig <em class="gesperrt">völlig</em> Toten; die Abgrenzung des Begriffes +der Idiotie gegen die mittleren Zustände von Geistesschwäche ist keine +ganz scharfe und läßt der persönlichen Anschauung einen gewissen Spielraum; +immerhin werden (auf meine Rundfrage hin) doch 3-4000 Fälle +als solche bezeichnet, bei denen keinerlei geistiges Leben, kein Rapport +zur Umgebung usw. zu finden ist. +</p> +<p> +Der älteste mir gemeldete geistig Tote ist 80 Jahre; zahlreiche +sind zwischen 60 und 70; die Vorstellung, daß der Mangel geistigen Lebens +auf die körperliche Existenz einen großen Einfluß übe, ist also nicht aufrechtzuerhalten; +<em class="gesperrt">ein Teil</em> der Idioten allerdings stirbt an Hirnveränderungen +in früherem Alter.</p></div> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44565 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/44565-h/images/cover_ebook.jpg b/44565-h/images/cover_ebook.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a8c274a --- /dev/null +++ b/44565-h/images/cover_ebook.jpg |
