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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44436 ***
+
+ DAS
+ HIMMLISCHE LICHT
+ VON
+ LUDWIG RUBINER
+
+
+ LEIPZIG
+ KURT WOLFF VERLAG
+ 1916
+
+ Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.
+ September 1916 als dreiunddreißigster Band
+ der Bücherei »Der jüngste Tag«
+
+ Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+
+
+
+
+ DAS HIMMLISCHE LICHT
+
+
+
+
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+
+
+ Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter
+ Menschen schweigen Sie still.
+ Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend
+ auf der Welt, zu denen ich reden will.
+
+ Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde
+ ihr bergiges Schmerzensgesicht,
+ In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und
+ Strudel ums Licht.
+
+ Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten
+ die Erde nicht mehr,
+ Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie
+ donnerte Zeichen her.
+
+ O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen
+ sagen werde, sei neu oder interessant.
+ Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber
+ Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.
+ Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern.
+ Ich will Sie aufrufen.
+ Denn Gott rief die Erde für uns alle auf.
+ Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan,
+ der in der Südsee in die Luft flog.
+ Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden
+ Atem Gottes aus der Erde.
+ Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen
+ in dreißig Menschenjahren.
+ Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert
+ war lang zu Ende.
+ Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des
+ Krakatao in unsere Herzen.
+
+
+
+
+GEBURT
+
+
+ Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte
+ die Erde und das Wasser,
+ Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen
+ Blättern in Hütten und versanken keuchend.
+ Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer
+ schlug vom Mond herab.
+ Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche
+ Insekten.
+ Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.
+ Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.
+ Wehe, wer nicht sehen wollte!
+ Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren
+ zu Staub zerplatzt.
+ Die Tage erblichen für die glühenden Abende.
+ Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über
+ Berlin,
+ Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.
+ Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen,
+ quoll das Blau der Vulkane.
+ Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten
+ sich auf,
+ Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge
+ bogen hoch.
+ Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen,
+ heiß, quollen aus den Männern.
+ Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle
+ Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.
+ Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends
+ über unseren Mündern,
+ Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;
+ Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.
+ Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.
+ In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die
+ grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.
+ Wir wußten, daß es andere Länder gibt.
+ In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen
+ über Bombenattentaten.
+ In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen
+ geliebt.
+ Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen
+ und werden alt.
+ Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf
+ den Asphalt.
+ Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.
+ Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie
+ waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.
+
+Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen schoben frisch geschminkt
+weiße Weiber mit dicken Bäuchen.
+
+Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern und verklebten
+Photographien.
+
+Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem Kies, Bänke, selige
+Hotels.
+
+Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen mit den
+frierenden kleinen Hunden.
+
+Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, weihevoll.
+
+ Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im
+ Strahl schwebten auf Nebengassen.
+
+ Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war
+ noch hell.
+ Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren.
+ Niemand sah Sie an.
+ Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand,
+ die Häuser zerfielen unten.
+ Die Menschen gingen schwer.
+ Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht
+ gesehen.
+ Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des
+ Vulkans.
+ Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.
+
+ Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,
+ Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:
+ Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren
+ Kopf.
+ Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,
+ Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener
+ Mob.
+ Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.
+ Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen
+ Hinterhauswände
+ Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben
+ und sogen den Glanz.
+ Berlin, Ihr dachtet an Geld.
+
+ O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben
+ alle Abend, ehe Silber und Blau kam.
+ Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende
+ Felsen über den gepfeilten Brauen.
+ Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.
+ Wir kannten uns nicht.
+
+Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen zum Lärmplatz.
+Gläserne Lichterkränze. Greise Zauberclowns schrien in goldene
+Papp-Trompeten.
+
+Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, in die feuchte
+Ringkämpferbude.
+
+ Damals liebte ich sie so.
+ O wären wir ausgerückt!
+ Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten
+ tranken aus Bierseideln.
+ Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne
+ Karussels.
+ Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich
+ gegossene Glasvasen.
+ Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir
+ warteten.
+ O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer
+ Haut: uns allen!
+
+ O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am
+ Wirtshausstaket
+ (Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge
+ so fett).
+ Es war alles für uns und für die anderen gemacht,
+ Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und
+ dies galt als Pracht.
+ Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und
+ im vierzehnten Jahr
+ Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr
+ Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.
+
+ Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote
+ Dienstmädchen träumen selig und taub,
+ Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier
+ Häuser in steinernem Staub.
+ Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das
+ Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,
+ Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine
+ von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines
+ Wasserfalls strahlendes Rohr.
+ Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um
+ Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.
+
+Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde Erdteile in Himmel und Licht,
+um unsere Glieder floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir wirbelten
+tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis.
+
+O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! O Preis!
+
+
+
+
+DAS LICHT
+
+
+Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen durch Yokohama: heut
+abend sind die bunten Leuchtstraßen matt.
+
+Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter Fabriken auf.
+
+Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. Gelbe Menschen kommen in
+schwarzen Röcken wie aus einem Jungfrauenbad.
+
+Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des Luxembourg aus dem Garten
+der Erde aufsprüht:
+
+Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, die Menschen schaukeln in
+großen Betten, von Afrika wehen weiße Tücher durch Palmenufer her.
+
+O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk liegt die Stadt
+unterm fallenden Licht, Diamanten über den Gitterluken der Bank von
+England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens
+fünf in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in die
+Knie.
+
+Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, Kiew, Nischny, Odessa,
+
+Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch Moskau bebt wie ein roter
+Menschenwald von vielen Glocken, o runde Dächerblüten,
+
+Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, Hoch von Spitzen und Kugeln
+grünes Fliehen über kupfernen Tag.
+
+Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte hin zischt das Licht wie
+Riesenfunken von elektrischen Schnellbahnen,
+
+Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch hinüber, durch Kulistädte,
+Ghettos, Spiegelschein in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling.
+
+Halt!
+
+Still und grell durch die donnernden Eisenschatten der Brücke New York.
+
+ * * * * *
+
+Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde Friedrichstraße.
+
+Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog das rote brennende
+Fenster himmelsoben zu uns her, o unsere Herzen!
+
+Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, häuserleuchtend. Die
+Zeit war neu.
+
+Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen.
+
+Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu bauen Sonnentürme,
+
+Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, schwebend, gläsern hinauf.
+
+Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter zu uns über
+Schornsteinfassaden.
+
+O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut.
+
+Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, (Wir kennen uns nicht!)
+bleich, stehenden Herzschlags, niemand merkt was.
+
+Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu denken?
+
+Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, Ihr werdet essen,
+lesen, Nachrichten hören, Ihr zählt Eure Stunden:
+
+Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht durch das feurige
+Fenster der Erde!
+
+ * * * * *
+
+ Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten
+ auf in Angst und sanken zurück.
+ Die Fenster troffen dunkel trüb,
+ Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.
+ Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende
+ Wasserpflanzen,
+ Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben
+ scheppernd nach Geld,
+ Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug
+ auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem
+ Aug, angesoffen und dick.
+
+
+
+
+DIESER NACHMITTAG
+
+
+An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster offen, das faule Stroh
+wurde hinter den Polizeitritten auf die Straße geschmissen und zersank.
+
+ Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf,
+ Sauseluft um eiligen Ölgestank.
+ Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich
+ Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher,
+ Wunden mit Maden.
+ Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten
+ Büschen krochen Beine hervor auf die
+ feinen Promenaden.
+
+ In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag
+ New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem
+ harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,
+
+ Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen
+ sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil
+ Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der
+ Straßen
+ Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer
+ Riesenpusteln,
+
+Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; brauenlos runde Augen wie
+von ertränktem Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig auf vom
+Geruch,
+
+Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, O unsichrer Marsch der Halbtoten,
+Nächtigen, ewig Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, Unterste,
+Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten saugenden Dreck, tastender Zug in
+spähender Unsicherheit, die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. Sie
+sehen.
+
+ * * * * *
+
+Sie sehen.
+
+ * * * * *
+
+Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau über die Erde hin. Aber in
+der Straße sahen sie den langen aufschießend flammenden Finger des Lichts.
+
+O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute mit harten Stiefeln? Das
+himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter
+Dächern auf.
+
+ Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln
+ verboten, Eßwarenverkauf,
+ Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem
+ Fenster der Wechselbank,
+ Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,
+
+Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch das
+rot klafft,
+
+ Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig.
+ Eine Tabakpfeife pafft.
+ Eine Tür offen zu 'nem menschenleeren Kleiderladen,
+ Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.
+ An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.
+ Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.
+
+Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, wie ein bleiches Rübenfeld
+kraftlos von schlechtem Dung.
+
+ Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der
+ Welt brach göttlicher Glockenschwung.
+ O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel
+ gefesselt und kahl,
+ Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten
+ gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.
+ Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die
+ Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.
+ Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein
+ Kellergesicht.
+ Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen
+ Dunkel gelegen,
+ Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons
+ mit buntem Bonbonregen.
+ Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen
+ zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da
+ dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.
+
+Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen schrien über die Erde: die
+Zeit ist erfüllt!
+
+Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten auf das Wunder und
+waren stinkend verreckt.
+
+ Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den
+ Magen geleckt.
+
+Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. Über Omnibushöhen lief das
+Wunder auf die Köpfe hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden
+Scherbendeich.
+
+ * * * * *
+
+Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab es ewig Musik und warmes Essen
+und das tausendjährige Reich!
+
+
+
+
+DIE FEINDLICHE ERDE
+
+
+ Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter
+ hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.
+
+In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende
+Schenkel über schwere geile Rücken.
+
+ Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle
+ Langhaare geigten.
+ Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles
+ auf Erden immer gleich bleibe.
+ Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel
+ am Weibe.
+ In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen
+ Kenner.
+ In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe
+ berühmter Männer.
+
+Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die
+Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
+
+Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke
+Riesenfinger.
+
+ Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem
+ ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.
+ Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen
+ Birne.
+ Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im
+ schwarzen hohlen Oval.
+ Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel
+ und Telegraphenstrahl.
+ Der Lampenschein strich klein durch die Straßen
+ wie Wurmaugen nachts im Korn.
+ Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand
+ saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen
+ Horn.
+
+Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund
+um die Schimmelgrüne.
+
+Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile
+Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
+
+Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen,
+Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.
+
+ Aber der arme Mob schaute das Wunder und war
+ zur neuen Zeit aufgewacht.
+ Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten
+ Telegraphenstangen,
+
+Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel
+marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.
+
+
+
+
+SIEG DER TRÄGHEIT
+
+
+ Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig
+ zur neuen Zeit und wußten nur dies.
+
+Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür schwoll
+auf, klebrige Barrikaden liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie
+ein gieriger Blutegelfries.
+
+Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige Mauer von
+grauzitterndem Brei,
+
+Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und vergurgelte ihr
+Geschrei.
+
+ Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß
+ hinter ihnen sein triefendes Tor,
+ Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder
+ wie versinkendes Stroh im Moor.
+ Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein
+ schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,
+ Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um
+ ein zahnloses saugendes Maul.
+ Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben
+ erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen
+ Schlauch.
+ O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht
+ im trägen riesigen Bauch!
+
+Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke Polizei auf dicken
+Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen fiel?
+
+Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein schreiender Rohrteich, im
+Londoner Mittagswind.
+
+In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die graugrüne Schloßkuppel
+lag lieblich über dem leeren langen Platz.
+
+Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost drückten sie den Mob tot!
+
+Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit Wärtern und Prügelstrafen
+gebaut wurden?
+
+In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische Galgenbäume.
+
+In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten so lang ins Gesicht,
+Hunger und Heißfolterdurst, bis sie lieber im elektrischen Stuhl von
+Sing-Sing starben.
+
+Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. Man schraubte
+eiserne Wechselstromhelme an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen quetschte
+man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen.
+
+ Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die
+ Erde erreicht.
+ Das himmlische Licht war verschwunden schräg
+ zuckend über die spitzen Dächer hin.
+ Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der
+ geilen Städte.
+ Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren
+ mit Mappen unterm schwitzenden Arm,
+ Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.
+
+ O kleine Erde, was hast du vergessen!
+ Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.
+ Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit
+ strahlendem Dorn,
+ Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische
+ Zorn.
+ Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen
+ Rund,
+ Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat
+ der geistige Bund.
+
+
+
+
+DER MENSCH
+
+
+Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen der rollenden Erde,
+unter hockenden Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen der
+runden Städte
+
+Sprang der Mensch in die Höh.
+
+O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, feste strahlende Säule
+des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes!
+
+ * * * * *
+
+Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die treibende Erde.
+
+Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein. Er schloß die
+gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner Hände
+warf wie eine blitzende Peitschenschnur den Kreis der Sterne.
+
+Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe an Veilchenbünden
+unter der Glasglocke.
+
+ Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.
+
+ Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen
+ durch die Welt,
+ Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn,
+ Mensch, feurig durchscheinender!
+ In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende
+ Kugeln.
+ Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,
+ Das lohende Denken zuckt durch ihn,
+ Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!
+ O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer
+ im hellen Kristall.
+ Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende
+ Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende
+ Spiegel durch ihn,
+
+Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er schluckt und speit die
+blauen, herüberschlagenden Wellen des heißen Himmels.
+
+ Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des
+ Himmels,
+ Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine
+ Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen
+ O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken
+ im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.
+
+Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich wildes Ausschwirren
+von runden Horizonten hell wie die Kreise von Schneeflocken
+
+ Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um
+ die Sterne des Himmels,
+
+Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kurven umher in der
+Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den Bumerang
+schnellt.
+
+ In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend
+ wie Pulsschlag schwebt der Mensch,
+ Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn
+ rinnt,
+ Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung,
+ der wiederkehrt,
+
+Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten, die sinkend
+hinglühenden Linien auf schwarze Nacht:
+
+Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumenblätter, zackige
+Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze
+Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie Sonnenlichter.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine Fackelglieder und
+gießt seine Hände weiß über die Erde aus,
+
+ Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes
+ Metall.
+
+ Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt
+ sich gebäumt),
+ Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut
+ hinauf, beschwert mit Erdraum:
+
+Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auftanzender Blumenstaub,
+Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne Musik.
+
+ O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,
+ Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel
+ und spitz.
+ Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm
+ zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von
+ tausend Geschützen.
+ Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle
+ seines Willens umstrahlt ihn noch.
+
+ Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf
+ wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,
+ Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem
+ Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in
+ seiner Faust.
+ Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte
+ Trümmersturz und qualmender Brand.
+ Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das
+ himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.
+
+
+
+
+DIE STIMME
+
+
+ O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen
+ Stößen über die gewölbten Meere.
+
+ O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in
+ den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne
+ Speere.
+
+O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden
+Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord,
+Epidemien:
+
+ Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste
+ heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die
+ Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen
+ geschrien.
+
+ * * * * *
+
+ Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein
+ harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.
+
+Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße
+der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern,
+unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt.
+
+ Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei
+ Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach
+ neuen Fabriksystemen,
+ Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten
+ Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.
+ Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag
+ und Nacht feine Wäsche waschen,
+ Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose
+ nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.
+
+Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die
+vieltönigen Wasserblasen aufkochen,
+
+Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft
+müden Schleppern über geduckte Knochen.
+
+ Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und
+ Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten
+ aus rissigen Flecken.
+ O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf,
+ bevor alle zu Aas verrecken!
+ Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger
+ Werkstättenzeit,
+ Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und
+ der Haß, der naß bespeit.
+ Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier
+ aus bankrottierten Druckermaschinen,
+ Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den
+ roten Schächten der Coloradominen.
+ Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen;
+ mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf;
+ wenn der geplünderte Bauer sät;
+
+In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo
+Polizei die Türen bespäht.
+
+ * * * * *
+
+ O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!
+
+ O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff
+ umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem
+ Tod Einer bekennt.
+
+ O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen,
+ die Stimme gurgelt im Glücksgesang.
+
+ O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust,
+ Volkschoral, daß der Saal mitschwang.
+
+ O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit
+ klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde
+ zählt.
+
+ O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie
+ Eulenaug geht, und Effekte wählt.
+
+ O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen
+ hastig Propaganda treibt.
+
+ O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen
+ Briefe und Werbelisten schreibt.
+
+ O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal
+ einem Guten die Hand drücken mocht.
+
+ O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in
+ einem Satz sich prasselnd verkocht.
+
+ Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden
+ Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im
+ Australischen Strauch.
+
+ O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt,
+ und sie öffnen sich auch!
+
+ * * * * *
+
+ Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über
+ den Strand und zurück.
+
+Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen
+Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer
+dasselbe Stück.
+
+ Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige
+ schmuggelten verbotene Zeitungen über die
+ Grenzen,
+ Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn
+ der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.
+ Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von
+ Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten
+ Flaschenposten.
+
+In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende
+Abendlicht zu kosten.
+
+
+
+
+DIE FRÜHEN
+
+
+ Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft
+ der Erde in Menschengebein.
+
+Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln
+und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um.
+
+O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das
+Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer
+rußigen Geburt.
+
+Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über
+die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,
+
+Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie Perlengekicher von den
+Fenstern der steinernen Parlamente.
+
+O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige
+Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen:
+
+ O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten
+ Körper rollt,
+
+O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad,
+Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
+
+ Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der
+ ganz Armen.
+ Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein
+ feister schwarzer Ball.
+ O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische
+ Licht.
+
+ O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige
+ Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!
+ Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte
+ Dunkelheit über die Augen schattet!
+ Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die
+ starre gefräßige Mord-Erde,
+ O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten
+ in Brand,
+ Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen
+ Hand in alle Höhlungen des schimmernden
+ Himmels,
+ O Gottes brennender Finger sein, der das Träge
+ winzig zerstäubt,
+
+O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des
+Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden
+Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!
+
+Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen!
+
+Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört Deine
+Finsternisse, und Du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum
+langen gewölbten Himmel?
+
+Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge
+Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt.
+
+Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer
+flohen erschreckt.
+
+ In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden
+ Autos niedergeschossen.
+ Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen
+ das ärmliche Haus der Genossen.
+ (O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung,
+ Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in
+ hundert Pogromen,
+
+Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finsterer Synagogenhimmel,
+der entschwebt; das Licht floß zu Euch.)
+
+ Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert,
+ oder krepierten in den Flammen.
+
+O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie
+assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen
+Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen.
+
+Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand,
+in den Kleidern Läuse und Kot.
+
+Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im
+Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod!
+
+ Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten
+ keinen Hall.
+ Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den
+ neuen Ball.
+ Die Menschenkugel zersprang.
+ O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann
+ dauert der Krieg nicht mehr lang!
+
+
+
+
+DIE ANKUNFT
+
+
+Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in
+ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären,
+
+ Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder
+ zu nähren.
+ Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm
+ stehen müssen,
+ Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und
+ Träumen von Maschinengewehrschüssen,
+ Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt,
+ wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,
+ Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen
+ schwellt, wenn das Wunder durch die
+ Straßen geht,
+
+ Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das
+ Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:
+
+ Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den
+ Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie
+ Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.
+ Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über
+ Dächer in Euer Bleichblut schien.
+ Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das
+ Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.
+ Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch
+ entscheidet hinter Bibliothekstischen,
+
+ Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am
+ Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.
+ Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren,
+ Ihr Soldaten in den Leichenrohren der
+ Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,
+
+ Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern
+ Kameraden;
+ Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,
+ Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende,
+ reiche Frauen ohne Kind,
+
+ Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen
+ den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,
+
+ Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche
+ Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.
+
+ Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf
+ hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes
+ Tier.
+
+ Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch
+ blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.
+
+Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut
+und sternscheinendem Diamant.
+
+Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus
+Eurer Hand.
+
+Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger
+Menschenmund, Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes
+Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
+
+ * * * * *
+
+ Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn
+ Sie wüßten, wie wir geliebt werden!
+
+ Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir
+ sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.
+
+ O wir müssen den Mund auftun und laut reden
+ für alle Leute bis zum Morgen.
+ Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,
+ Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser
+ Bruder!
+ Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!
+
+ O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!
+ O springt aus den violetten Grotten, wo Eure
+ Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend
+ schlürfen!
+
+ Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt,
+ sei Euer runder Mund zum Licht!
+ Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt
+ den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!
+ Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen
+ Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer
+ Mund ihn beschwört!
+ O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel
+ über dem Feuerhauch Eures lächelnden
+ Mundes auf und ab tanzte!
+ O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge
+ wie Wolldocken bläst!
+
+Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den
+Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt!
+
+Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen
+nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!
+
+ * * * * *
+
+Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie,
+wie Frauen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel.
+
+Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das
+Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl,
+
+Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz
+wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen.
+
+Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
+
+Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und
+Feuerbrand.
+
+Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue
+irdische Land.
+
+ Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht
+ zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.
+
+ O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach.
+ Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den
+ ersten göttlichen Gruß.
+
+
+
+
+INHALT:
+
+
+ Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein 5
+ Geburt 7
+ Das Licht 13
+ Dieser Nachmittag 17
+ Die feindliche Erde 21
+ Sieg der Trägheit 23
+ Der Mensch 27
+ Die Stimme 31
+ Die Frühen 37
+ Die Ankunft 41
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44436 ***
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner</title>
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+
+<div class="titlematter">
+
+<h1 class="tit" id="part-1">
+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+<span class="line1">DAS</span><br />
+<span class="line2">HIMMLISCHE LICHT</span><br />
+<span class="line3">VON</span><br />
+<span class="line4">LUDWIG RUBINER</span>
+</h1>
+
+<div class="centerpic">
+<img src="images/logo.jpg" alt="" />
+</div>
+
+<p class="pub">
+LEIPZIG<br />
+KURT WOLFF VERLAG<br />
+1916
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="imp">
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.<br />
+September 1916 als dreiunddreißigster Band<br />
+der Bücherei &bdquo;Der jüngste Tag&ldquo;
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag &bull; Leipzig
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<h1 class="title" id="part-2">
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+</h1>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-1">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.</p>
+ <p class="line">Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schmerzensgesicht,</p>
+ <p class="line">In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten die Erde nicht mehr,</p>
+ <p class="line">Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.</p>
+ <p class="line">Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.</p>
+ <p class="line">Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. Ich will Sie aufrufen.</p>
+ <p class="line">Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.</p>
+ <p class="line">Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden Atem Gottes aus der Erde.</p>
+ <p class="line">Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.</p>
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+ <p class="line">Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.</p>
+ <p class="line">Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-2">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+GEBURT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,</p>
+ <p class="line">Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.</p>
+ <p class="line">Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.</p>
+ <p class="line">Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.</p>
+ <p class="line">Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.</p>
+ <p class="line">Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.</p>
+ <p class="line">Wehe, wer nicht sehen wollte!</p>
+ <p class="line">Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.</p>
+ <p class="line">Die Tage erblichen für die glühenden Abende.</p>
+ <p class="line">Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,</p>
+ <p class="line">Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.</p>
+ <p class="line">Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.</p>
+ <p class="line">Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,</p>
+ <p class="line">Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.</p>
+ <p class="line">Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.</p>
+ <p class="line">Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.</p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+ <p class="line">Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,</p>
+ <p class="line">Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;</p>
+ <p class="line">Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.</p>
+ <p class="line">Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.</p>
+ <p class="line">In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.</p>
+ <p class="line">Wir wußten, daß es andere Länder gibt.</p>
+ <p class="line">In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.</p>
+ <p class="line">In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.</p>
+ <p class="line">Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.</p>
+ <p class="line">Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf den Asphalt.</p>
+ <p class="line">Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.</p>
+ <p class="line">Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.</p>
+</div>
+
+<p>
+Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen
+schoben frisch geschminkt weiße Weiber mit
+dicken Bäuchen.
+</p>
+
+<p>
+Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern
+und verklebten Photographien.
+</p>
+
+<p>
+Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem
+Kies, Bänke, selige Hotels.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen
+mit den frierenden kleinen Hunden.
+</p>
+
+<p>
+Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus,
+weihevoll.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+ <p class="line">Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im Strahl schwebten auf Nebengassen.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.</p>
+ <p class="line">Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. Niemand sah Sie an.</p>
+ <p class="line">Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.</p>
+ <p class="line">Die Menschen gingen schwer.</p>
+ <p class="line">Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.</p>
+ <p class="line">Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.</p>
+ <p class="line">Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,</p>
+ <p class="line">Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:</p>
+ <p class="line">Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.</p>
+ <p class="line">Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,</p>
+ <p class="line">Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.</p>
+ <p class="line">Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.</p>
+ <p class="line">Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände</p>
+ <p class="line">Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.</p>
+ <p class="line">Berlin, Ihr dachtet an Geld.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben alle Abend, ehe Silber und Blau kam.</p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+ <p class="line">Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.</p>
+ <p class="line">Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.</p>
+ <p class="line">Wir kannten uns nicht.</p>
+</div>
+
+<p>
+Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen
+zum Lärmplatz. Gläserne Lichterkränze.
+Greise Zauberclowns schrien in goldene Papp-Trompeten.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel,
+in die feuchte Ringkämpferbude.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Damals liebte ich sie so.</p>
+ <p class="line">O wären wir ausgerückt!</p>
+ <p class="line">Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.</p>
+ <p class="line">Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussels.</p>
+ <p class="line">Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.</p>
+ <p class="line">Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.</p>
+ <p class="line">O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket</p>
+ <p class="line">(Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).</p>
+ <p class="line">Es war alles für uns und für die anderen gemacht,</p>
+ <p class="line">Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.</p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+ <p class="line">Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr</p>
+ <p class="line">Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr</p>
+ <p class="line">Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote Dienstmädchen träumen selig und taub,</p>
+ <p class="line">Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier Häuser in steinernem Staub.</p>
+ <p class="line">Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,</p>
+ <p class="line">Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines Wasserfalls strahlendes Rohr.</p>
+ <p class="line">Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.</p>
+</div>
+
+<p>
+Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde
+Erdteile in Himmel und Licht, um unsere Glieder
+floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir
+wirbelten tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis.
+</p>
+
+<p>
+O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit!
+O Preis!
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-3">
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+DAS LICHT
+</h2>
+
+<p>
+Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen
+durch Yokohama: heut abend sind die bunten
+Leuchtstraßen matt.
+</p>
+
+<p>
+Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter
+Fabriken auf.
+</p>
+
+<p>
+Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond.
+Gelbe Menschen kommen in schwarzen Röcken
+wie aus einem Jungfrauenbad.
+</p>
+
+<p>
+Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des
+Luxembourg aus dem Garten der Erde aufsprüht:
+</p>
+
+<p>
+Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg,
+die Menschen schaukeln in großen Betten, von Afrika
+wehen weiße Tücher durch Palmenufer her.
+</p>
+
+<p>
+O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein
+Bergwerk liegt die Stadt unterm fallenden Licht,
+Diamanten über den Gitterluken der Bank von
+England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß,
+sechstausend Mann morgens fünf in den Docks,
+drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in
+die Knie.
+</p>
+
+<p>
+Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg,
+Kiew, Nischny, Odessa,
+</p>
+
+<p>
+Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch
+Moskau bebt wie ein roter Menschenwald von vielen
+Glocken, o runde Dächerblüten,
+</p>
+
+<p>
+Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen,
+Hoch von Spitzen und Kugeln grünes Fliehen über
+kupfernen Tag.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte
+hin zischt das Licht wie Riesenfunken von
+elektrischen Schnellbahnen,
+</p>
+
+<p>
+Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch
+hinüber, durch Kulistädte, Ghettos, Spiegelschein
+in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling.
+</p>
+
+<p>
+Halt!
+</p>
+
+<p>
+Still und grell durch die donnernden Eisenschatten
+der Brücke New York.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde
+Friedrichstraße.
+</p>
+
+<p>
+Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog
+das rote brennende Fenster himmelsoben zu uns
+her, o unsere Herzen!
+</p>
+
+<p>
+Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber,
+häuserleuchtend. Die Zeit war neu.
+</p>
+
+<p>
+Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen.
+</p>
+
+<p>
+Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu
+bauen Sonnentürme,
+</p>
+
+<p>
+Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt,
+schwebend, gläsern hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter
+zu uns über Schornsteinfassaden.
+</p>
+
+<p>
+O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut.
+</p>
+
+<p>
+Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad,
+(Wir kennen uns nicht!) bleich, stehenden Herzschlags,
+niemand merkt was.
+</p>
+
+<p>
+Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu
+denken?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren,
+Ihr werdet essen, lesen, Nachrichten hören,
+Ihr zählt Eure Stunden:
+</p>
+
+<p>
+Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht
+durch das feurige Fenster der Erde!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten auf in Angst und sanken zurück.</p>
+ <p class="line">Die Fenster troffen dunkel trüb,</p>
+ <p class="line">Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.</p>
+ <p class="line">Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende Wasserpflanzen,</p>
+ <p class="line">Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben scheppernd nach Geld,</p>
+ <p class="line">Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem Aug, angesoffen und dick.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-4">
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+DIESER NACHMITTAG
+</h2>
+
+<p>
+An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster
+offen, das faule Stroh wurde hinter den Polizeitritten
+auf die Straße geschmissen und zersank.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, Sauseluft um eiligen Ölgestank.</p>
+ <p class="line">Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, Wunden mit Maden.</p>
+ <p class="line">Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten Büschen krochen Beine hervor auf die feinen Promenaden.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag</p>
+ <p class="linex">New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem</p>
+ <p class="linex">harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der Straßen</p>
+ <p class="line">Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer Riesenpusteln,</p>
+</div>
+
+<p>
+Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern;
+brauenlos runde Augen wie von ertränktem
+Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig
+auf vom Geruch,
+</p>
+
+<p>
+Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen,
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+O unsichrer Marsch der Halbtoten, Nächtigen, ewig
+Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte,
+Unterste, Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten
+saugenden Dreck, tastender Zug in spähender Unsicherheit,
+die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen.
+Sie sehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Sie sehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau
+über die Erde hin. Aber in der Straße sahen sie den
+langen aufschießend flammenden Finger des Lichts.
+</p>
+
+<p>
+O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute
+mit harten Stiefeln? Das himmlische Licht
+bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb
+hinter Dächern auf.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,</p>
+ <p class="line">Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,</p>
+ <p class="line">Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,</p>
+</div>
+
+<p>
+Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut
+mit &rsquo;nem Band, ein Loch das rot klafft,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. Eine Tabakpfeife pafft.</p>
+ <p class="line">Eine Tür offen zu &rsquo;nem menschenleeren Kleiderladen,</p>
+ <p class="line">Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.</p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+ <p class="line">An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.</p>
+ <p class="line">Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.</p>
+</div>
+
+<p>
+Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl,
+wie ein bleiches Rübenfeld kraftlos von schlechtem
+Dung.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der Welt brach göttlicher Glockenschwung.</p>
+ <p class="line">O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel gefesselt und kahl,</p>
+ <p class="line">Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.</p>
+ <p class="line">Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.</p>
+ <p class="line">Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein Kellergesicht.</p>
+ <p class="line">Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen Dunkel gelegen,</p>
+ <p class="line">Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons mit buntem Bonbonregen.</p>
+ <p class="line">Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen
+schrien über die Erde: die Zeit ist erfüllt!
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten
+auf das Wunder und waren stinkend verreckt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt.</p>
+</div>
+
+<p>
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel.
+Über Omnibushöhen lief das Wunder auf die Köpfe
+hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden
+Scherbendeich.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab
+es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige
+Reich!
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-5">
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+DIE FEINDLICHE ERDE
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.</p>
+</div>
+
+<p>
+In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange
+schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über
+schwere geile Rücken.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.</p>
+ <p class="line">Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleich bleibe.</p>
+ <p class="line">Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.</p>
+ <p class="line">In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.</p>
+ <p class="line">In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer
+fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen
+krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen
+steil wie dicke Riesenfinger.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.</p>
+ <p class="line">Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.</p>
+ <p class="line">Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.</p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+ <p class="line">Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.</p>
+ <p class="line">Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.</p>
+ <p class="line">Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen
+wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
+</p>
+
+<p>
+Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen
+noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen
+voll Ranküne.
+</p>
+
+<p>
+Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute,
+Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich
+auf ihre dampfende Nacht.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.</p>
+ <p class="line">Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,</p>
+</div>
+
+<p>
+Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken
+zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie
+mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-6">
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+SIEG DER TRÄGHEIT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur neuen Zeit und wußten nur dies.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein
+Schlammgeschwür schwoll auf, klebrige Barrikaden
+liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe
+wie ein gieriger Blutegelfries.
+</p>
+
+<p>
+Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an
+die mächtige Mauer von grauzitterndem Brei,
+</p>
+
+<p>
+Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie
+und vergurgelte ihr Geschrei.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß hinter ihnen sein triefendes Tor,</p>
+ <p class="line">Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder wie versinkendes Stroh im Moor.</p>
+ <p class="line">Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,</p>
+ <p class="line">Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um ein zahnloses saugendes Maul.</p>
+ <p class="line">Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen Schlauch.</p>
+ <p class="line">O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht im trägen riesigen Bauch!</p>
+</div>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke
+Polizei auf dicken Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen
+fiel?
+</p>
+
+<p>
+Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein
+schreiender Rohrteich, im Londoner Mittagswind.
+</p>
+
+<p>
+In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die
+graugrüne Schloßkuppel lag lieblich über dem leeren
+langen Platz.
+</p>
+
+<p>
+Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost
+drückten sie den Mob tot!
+</p>
+
+<p>
+Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit
+Wärtern und Prügelstrafen gebaut wurden?
+</p>
+
+<p>
+In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische
+Galgenbäume.
+</p>
+
+<p>
+In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten
+so lang ins Gesicht, Hunger und Heißfolterdurst,
+bis sie lieber im elektrischen Stuhl von
+Sing-Sing starben.
+</p>
+
+<p>
+Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend.
+Man schraubte eiserne Wechselstromhelme
+an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen
+quetschte man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die Erde erreicht.</p>
+ <p class="line">Das himmlische Licht war verschwunden schräg zuckend über die spitzen Dächer hin.</p>
+ <p class="line">Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der geilen Städte.</p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+ <p class="line">Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren mit Mappen unterm schwitzenden Arm,</p>
+ <p class="line">Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+ <p class="line">O kleine Erde, was hast du vergessen!</p>
+ <p class="line">Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.</p>
+ <p class="line">Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit strahlendem Dorn,</p>
+ <p class="line">Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische Zorn.</p>
+ <p class="line">Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen Rund,</p>
+ <p class="line">Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat der geistige Bund.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-7">
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+DER MENSCH
+</h2>
+
+<p>
+Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden
+Drehen der rollenden Erde, unter hockenden
+Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen
+der runden Städte
+</p>
+
+<p>
+Sprang der Mensch in die Höh.
+</p>
+
+<p>
+O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und
+Arme, feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende
+Kugel des Kopfes!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die
+treibende Erde.
+</p>
+
+<p>
+Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus
+und herein. Er schloß die gebogenen Lider, der
+Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner
+Hände warf wie eine blitzende Peitschenschnur
+den Kreis der Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie
+die Nässe an Veilchenbünden unter der Glasglocke.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die Welt,</p>
+ <p class="line">Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, feurig durchscheinender!</p>
+ <p class="line">In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln.</p>
+ <p class="line">Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,</p>
+ <p class="line">Das lohende Denken zuckt durch ihn,</p>
+ <p class="line">Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!</p>
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+ <p class="line">O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen Kristall.</p>
+ <p class="line">Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn,</p>
+</div>
+
+<p>
+Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder,
+er schluckt und speit die blauen, herüberschlagenden
+Wellen des heißen Himmels.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,</p>
+ <p class="line">Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen</p>
+ <p class="line">O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft
+um sich wildes Ausschwirren von runden Horizonten
+hell wie die Kreise von Schneeflocken
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne des Himmels,</p>
+</div>
+
+<p>
+Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen
+Kurven umher in der Welt, sie kehren zu
+ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den
+Bumerang schnellt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag schwebt der Mensch,</p>
+ <p class="line">Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,</p>
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+ <p class="line">Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt,</p>
+</div>
+
+<p>
+Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich
+die abgesandten, die sinkend hinglühenden Linien
+auf schwarze Nacht:
+</p>
+
+<p>
+Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf
+wie Blumenblätter, zackige Ebenen im Feuerschein
+rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze
+Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie
+Sonnenlichter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht
+seine Fackelglieder und gießt seine Hände weiß über
+die Erde aus,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes Metall.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich gebäumt),</p>
+ <p class="line">Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, beschwert mit Erdraum:</p>
+</div>
+
+<p>
+Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt
+auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall.
+Lange Töne Musik.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+ <p class="line">O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,</p>
+ <p class="line">Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel und spitz.</p>
+ <p class="line">Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von tausend Geschützen.</p>
+ <p class="line">Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle seines Willens umstrahlt ihn noch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,</p>
+ <p class="line">Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in seiner Faust.</p>
+ <p class="line">Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte Trümmersturz und qualmender Brand.</p>
+ <p class="line">Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-8">
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+DIE STIMME
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen Stößen über die gewölbten Meere.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne Speere.</p>
+</div>
+
+<p>
+O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest
+gegen Gott mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern,
+Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand,
+Mord, Epidemien:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen geschrien.</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen
+Negern, die demütig das Weiße der Augen drehen;
+unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten
+Bettlern, unter hungernden Juden, die das glitschige
+Ghetto finster zusammenballt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+ <p class="line">Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.</p>
+ <p class="line">Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag und Nacht feine Wäsche waschen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.</p>
+</div>
+
+<p>
+Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende
+Schrei des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen
+aufkochen,
+</p>
+
+<p>
+Sie sprang wie Windsand in stumme Münder
+hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern
+über geduckte Knochen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken.</p>
+ <p class="line">O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken!</p>
+ <p class="line">Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit,</p>
+ <p class="line">Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit.</p>
+ <p class="line">Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen.</p>
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+ <p class="line">Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;</p>
+</div>
+
+<p>
+In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre
+Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+ <p class="line">O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.</p>
+</div>
+
+<p>
+Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten,
+bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen,
+sprachen geläufig wirksam immer dasselbe
+Stück.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen,</p>
+ <p class="line">Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.</p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+ <p class="line">Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.</p>
+</div>
+
+<p>
+In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster,
+um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-9">
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+DIE FRÜHEN
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.</p>
+</div>
+
+<p>
+Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen
+aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten
+runde Augen und schauten sich um.
+</p>
+
+<p>
+O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel
+wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige
+Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer
+rußigen Geburt.
+</p>
+
+<p>
+Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen,
+über die Cafés, über die stumpfen genährten
+Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,
+</p>
+
+<p>
+Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie
+Perlengekicher von den Fenstern der steinernen
+Parlamente.
+</p>
+
+<p>
+O hinauf! Schweben über der satt glucksenden
+Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen
+den gefletschten Zähnen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,</p>
+</div>
+
+<p>
+O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch
+über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse,
+fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+ <p class="line">Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen.</p>
+ <p class="line">Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball.</p>
+ <p class="line">O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!</p>
+ <p class="line">Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet!</p>
+ <p class="line">Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde,</p>
+ <p class="line">O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand,</p>
+ <p class="line">Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels,</p>
+ <p class="line">O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,</p>
+</div>
+
+<p>
+O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit
+mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft,
+zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden
+Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!
+</p>
+
+<p>
+Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor
+dem Bruder des Menschen!
+</p>
+
+<p>
+Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des
+Menschen zerstört Deine Finsternisse, und Du zerplatzest
+in leuchtende stille Trümmerflocken zum
+langen gewölbten Himmel?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts
+Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren
+ein, unentdeckt.
+</p>
+
+<p>
+Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag
+in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen.</p>
+ <p class="line">Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus der Genossen.</p>
+ <p class="line">(O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen,</p>
+</div>
+
+<p>
+Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein
+finsterer Synagogenhimmel, der entschwebt; das
+Licht floß zu Euch.)
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.</p>
+</div>
+
+<p>
+O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer
+stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm
+unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das
+Menschengeschlecht unten zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie
+kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse
+und Kot.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht
+schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der
+kam. O Tod!
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+ <p class="line">Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall.</p>
+ <p class="line">Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball.</p>
+ <p class="line">Die Menschenkugel zersprang.</p>
+ <p class="line">O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-10">
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+DIE ANKUNFT
+</h2>
+
+<p>
+Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige
+Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von
+Soldaten gebären,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.</p>
+ <p class="line">Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen,</p>
+ <p class="line">Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,</p>
+ <p class="line">Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,</p>
+ <p class="line">Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.</p>
+ <p class="line">Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.</p>
+ <p class="line">Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.</p>
+ <p class="line">Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.</p>
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+ <p class="line">Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;</p>
+ <p class="line">Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,</p>
+ <p class="line">Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.</p>
+</div>
+
+<p>
+Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch,
+Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem
+Diamant.
+</p>
+
+<p>
+Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch
+schwillt neu die Erde aus Eurer Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt
+&rsquo;rück Euer riesiger Menschenmund,
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Leute bis zum Morgen.</p>
+ <p class="line">Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,</p>
+ <p class="line">Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!</p>
+ <p class="line">Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!</p>
+ <p class="line">O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!</p>
+ <p class="line">Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!</p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+ <p class="line">Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört!</p>
+ <p class="line">O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!</p>
+ <p class="line">O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!</p>
+</div>
+
+<p>
+Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten
+Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß
+aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd
+quillt!
+</p>
+
+<p>
+Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden
+Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh
+hinaus ihr Menschenmund schrillt!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen
+Schlaf tun. O träumen Sie, wie Frauen Sie betrogen;
+Ihre Freunde verließen Sie scheel.
+</p>
+
+<p>
+Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen
+Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen
+Mordbefehl,
+</p>
+
+<p>
+Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen
+sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben
+an erschreckten Ziergesträuchen.
+</p>
+
+<p>
+Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf
+im eisernen Keuchen!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht
+ums Rund in Kometen und Feuerbrand.
+</p>
+
+<p>
+Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum.
+Und Sie bauen das neue irdische Land.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.</p>
+</div>
+
+
+<div class="toc">
+
+<h2 class="chapter">INHALT:</h2>
+
+
+<table summary="TOC" style="margin-left:auto; margin-right:auto;">
+<tbody>
+ <tr><td class="left">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">5</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Geburt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">7</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Das Licht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">13</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Dieser Nachmittag</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">17</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die feindliche Erde</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">21</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Sieg der Trägheit</td><td class="right"><a href="#chapter-2-6">23</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Der Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">27</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Stimme</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">31</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Frühen</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">37</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Ankunft</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">41</a></td></tr>
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44436 ***</div>
+</body>
+</html>
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+Title: Das himmlische Licht
+ Gedichte
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+Author: Ludwig Rubiner
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+Release Date: December 15, 2013 [EBook #44436]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+ DAS
+ HIMMLISCHE LICHT
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+ KURT WOLFF VERLAG
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+ Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.
+ September 1916 als dreiunddreißigster Band
+ der Bücherei »Der jüngste Tag«
+
+ Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+
+
+
+
+ DAS HIMMLISCHE LICHT
+
+
+
+
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+
+
+ Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter
+ Menschen schweigen Sie still.
+ Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend
+ auf der Welt, zu denen ich reden will.
+
+ Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde
+ ihr bergiges Schmerzensgesicht,
+ In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und
+ Strudel ums Licht.
+
+ Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten
+ die Erde nicht mehr,
+ Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie
+ donnerte Zeichen her.
+
+ O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen
+ sagen werde, sei neu oder interessant.
+ Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber
+ Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.
+ Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern.
+ Ich will Sie aufrufen.
+ Denn Gott rief die Erde für uns alle auf.
+ Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan,
+ der in der Südsee in die Luft flog.
+ Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden
+ Atem Gottes aus der Erde.
+ Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen
+ in dreißig Menschenjahren.
+ Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert
+ war lang zu Ende.
+ Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des
+ Krakatao in unsere Herzen.
+
+
+
+
+GEBURT
+
+
+ Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte
+ die Erde und das Wasser,
+ Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen
+ Blättern in Hütten und versanken keuchend.
+ Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer
+ schlug vom Mond herab.
+ Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche
+ Insekten.
+ Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.
+ Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.
+ Wehe, wer nicht sehen wollte!
+ Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren
+ zu Staub zerplatzt.
+ Die Tage erblichen für die glühenden Abende.
+ Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über
+ Berlin,
+ Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.
+ Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen,
+ quoll das Blau der Vulkane.
+ Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten
+ sich auf,
+ Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge
+ bogen hoch.
+ Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen,
+ heiß, quollen aus den Männern.
+ Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle
+ Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.
+ Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends
+ über unseren Mündern,
+ Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;
+ Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.
+ Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.
+ In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die
+ grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.
+ Wir wußten, daß es andere Länder gibt.
+ In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen
+ über Bombenattentaten.
+ In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen
+ geliebt.
+ Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen
+ und werden alt.
+ Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf
+ den Asphalt.
+ Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.
+ Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie
+ waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.
+
+Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen schoben frisch geschminkt
+weiße Weiber mit dicken Bäuchen.
+
+Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern und verklebten
+Photographien.
+
+Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem Kies, Bänke, selige
+Hotels.
+
+Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen mit den
+frierenden kleinen Hunden.
+
+Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, weihevoll.
+
+ Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im
+ Strahl schwebten auf Nebengassen.
+
+ Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war
+ noch hell.
+ Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren.
+ Niemand sah Sie an.
+ Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand,
+ die Häuser zerfielen unten.
+ Die Menschen gingen schwer.
+ Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht
+ gesehen.
+ Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des
+ Vulkans.
+ Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.
+
+ Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,
+ Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:
+ Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren
+ Kopf.
+ Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,
+ Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener
+ Mob.
+ Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.
+ Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen
+ Hinterhauswände
+ Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben
+ und sogen den Glanz.
+ Berlin, Ihr dachtet an Geld.
+
+ O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben
+ alle Abend, ehe Silber und Blau kam.
+ Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende
+ Felsen über den gepfeilten Brauen.
+ Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.
+ Wir kannten uns nicht.
+
+Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen zum Lärmplatz.
+Gläserne Lichterkränze. Greise Zauberclowns schrien in goldene
+Papp-Trompeten.
+
+Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, in die feuchte
+Ringkämpferbude.
+
+ Damals liebte ich sie so.
+ O wären wir ausgerückt!
+ Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten
+ tranken aus Bierseideln.
+ Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne
+ Karussels.
+ Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich
+ gegossene Glasvasen.
+ Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir
+ warteten.
+ O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer
+ Haut: uns allen!
+
+ O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am
+ Wirtshausstaket
+ (Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge
+ so fett).
+ Es war alles für uns und für die anderen gemacht,
+ Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und
+ dies galt als Pracht.
+ Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und
+ im vierzehnten Jahr
+ Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr
+ Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.
+
+ Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote
+ Dienstmädchen träumen selig und taub,
+ Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier
+ Häuser in steinernem Staub.
+ Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das
+ Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,
+ Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine
+ von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines
+ Wasserfalls strahlendes Rohr.
+ Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um
+ Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.
+
+Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde Erdteile in Himmel und Licht,
+um unsere Glieder floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir wirbelten
+tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis.
+
+O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! O Preis!
+
+
+
+
+DAS LICHT
+
+
+Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen durch Yokohama: heut
+abend sind die bunten Leuchtstraßen matt.
+
+Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter Fabriken auf.
+
+Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. Gelbe Menschen kommen in
+schwarzen Röcken wie aus einem Jungfrauenbad.
+
+Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des Luxembourg aus dem Garten
+der Erde aufsprüht:
+
+Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, die Menschen schaukeln in
+großen Betten, von Afrika wehen weiße Tücher durch Palmenufer her.
+
+O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk liegt die Stadt
+unterm fallenden Licht, Diamanten über den Gitterluken der Bank von
+England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens
+fünf in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in die
+Knie.
+
+Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, Kiew, Nischny, Odessa,
+
+Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch Moskau bebt wie ein roter
+Menschenwald von vielen Glocken, o runde Dächerblüten,
+
+Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, Hoch von Spitzen und Kugeln
+grünes Fliehen über kupfernen Tag.
+
+Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte hin zischt das Licht wie
+Riesenfunken von elektrischen Schnellbahnen,
+
+Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch hinüber, durch Kulistädte,
+Ghettos, Spiegelschein in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling.
+
+Halt!
+
+Still und grell durch die donnernden Eisenschatten der Brücke New York.
+
+ * * * * *
+
+Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde Friedrichstraße.
+
+Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog das rote brennende
+Fenster himmelsoben zu uns her, o unsere Herzen!
+
+Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, häuserleuchtend. Die
+Zeit war neu.
+
+Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen.
+
+Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu bauen Sonnentürme,
+
+Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, schwebend, gläsern hinauf.
+
+Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter zu uns über
+Schornsteinfassaden.
+
+O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut.
+
+Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, (Wir kennen uns nicht!)
+bleich, stehenden Herzschlags, niemand merkt was.
+
+Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu denken?
+
+Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, Ihr werdet essen,
+lesen, Nachrichten hören, Ihr zählt Eure Stunden:
+
+Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht durch das feurige
+Fenster der Erde!
+
+ * * * * *
+
+ Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten
+ auf in Angst und sanken zurück.
+ Die Fenster troffen dunkel trüb,
+ Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.
+ Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende
+ Wasserpflanzen,
+ Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben
+ scheppernd nach Geld,
+ Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug
+ auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem
+ Aug, angesoffen und dick.
+
+
+
+
+DIESER NACHMITTAG
+
+
+An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster offen, das faule Stroh
+wurde hinter den Polizeitritten auf die Straße geschmissen und zersank.
+
+ Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf,
+ Sauseluft um eiligen Ölgestank.
+ Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich
+ Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher,
+ Wunden mit Maden.
+ Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten
+ Büschen krochen Beine hervor auf die
+ feinen Promenaden.
+
+ In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag
+ New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem
+ harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,
+
+ Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen
+ sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil
+ Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der
+ Straßen
+ Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer
+ Riesenpusteln,
+
+Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; brauenlos runde Augen wie
+von ertränktem Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig auf vom
+Geruch,
+
+Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, O unsichrer Marsch der Halbtoten,
+Nächtigen, ewig Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, Unterste,
+Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten saugenden Dreck, tastender Zug in
+spähender Unsicherheit, die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. Sie
+sehen.
+
+ * * * * *
+
+Sie sehen.
+
+ * * * * *
+
+Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau über die Erde hin. Aber in
+der Straße sahen sie den langen aufschießend flammenden Finger des Lichts.
+
+O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute mit harten Stiefeln? Das
+himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter
+Dächern auf.
+
+ Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln
+ verboten, Eßwarenverkauf,
+ Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem
+ Fenster der Wechselbank,
+ Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,
+
+Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch das
+rot klafft,
+
+ Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig.
+ Eine Tabakpfeife pafft.
+ Eine Tür offen zu 'nem menschenleeren Kleiderladen,
+ Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.
+ An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.
+ Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.
+
+Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, wie ein bleiches Rübenfeld
+kraftlos von schlechtem Dung.
+
+ Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der
+ Welt brach göttlicher Glockenschwung.
+ O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel
+ gefesselt und kahl,
+ Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten
+ gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.
+ Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die
+ Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.
+ Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein
+ Kellergesicht.
+ Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen
+ Dunkel gelegen,
+ Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons
+ mit buntem Bonbonregen.
+ Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen
+ zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da
+ dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.
+
+Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen schrien über die Erde: die
+Zeit ist erfüllt!
+
+Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten auf das Wunder und
+waren stinkend verreckt.
+
+ Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den
+ Magen geleckt.
+
+Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. Über Omnibushöhen lief das
+Wunder auf die Köpfe hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden
+Scherbendeich.
+
+ * * * * *
+
+Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab es ewig Musik und warmes Essen
+und das tausendjährige Reich!
+
+
+
+
+DIE FEINDLICHE ERDE
+
+
+ Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter
+ hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.
+
+In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende
+Schenkel über schwere geile Rücken.
+
+ Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle
+ Langhaare geigten.
+ Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles
+ auf Erden immer gleich bleibe.
+ Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel
+ am Weibe.
+ In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen
+ Kenner.
+ In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe
+ berühmter Männer.
+
+Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die
+Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
+
+Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke
+Riesenfinger.
+
+ Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem
+ ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.
+ Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen
+ Birne.
+ Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im
+ schwarzen hohlen Oval.
+ Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel
+ und Telegraphenstrahl.
+ Der Lampenschein strich klein durch die Straßen
+ wie Wurmaugen nachts im Korn.
+ Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand
+ saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen
+ Horn.
+
+Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund
+um die Schimmelgrüne.
+
+Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile
+Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
+
+Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen,
+Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.
+
+ Aber der arme Mob schaute das Wunder und war
+ zur neuen Zeit aufgewacht.
+ Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten
+ Telegraphenstangen,
+
+Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel
+marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.
+
+
+
+
+SIEG DER TRÄGHEIT
+
+
+ Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig
+ zur neuen Zeit und wußten nur dies.
+
+Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür schwoll
+auf, klebrige Barrikaden liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie
+ein gieriger Blutegelfries.
+
+Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige Mauer von
+grauzitterndem Brei,
+
+Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und vergurgelte ihr
+Geschrei.
+
+ Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß
+ hinter ihnen sein triefendes Tor,
+ Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder
+ wie versinkendes Stroh im Moor.
+ Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein
+ schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,
+ Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um
+ ein zahnloses saugendes Maul.
+ Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben
+ erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen
+ Schlauch.
+ O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht
+ im trägen riesigen Bauch!
+
+Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke Polizei auf dicken
+Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen fiel?
+
+Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein schreiender Rohrteich, im
+Londoner Mittagswind.
+
+In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die graugrüne Schloßkuppel
+lag lieblich über dem leeren langen Platz.
+
+Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost drückten sie den Mob tot!
+
+Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit Wärtern und Prügelstrafen
+gebaut wurden?
+
+In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische Galgenbäume.
+
+In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten so lang ins Gesicht,
+Hunger und Heißfolterdurst, bis sie lieber im elektrischen Stuhl von
+Sing-Sing starben.
+
+Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. Man schraubte
+eiserne Wechselstromhelme an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen quetschte
+man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen.
+
+ Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die
+ Erde erreicht.
+ Das himmlische Licht war verschwunden schräg
+ zuckend über die spitzen Dächer hin.
+ Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der
+ geilen Städte.
+ Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren
+ mit Mappen unterm schwitzenden Arm,
+ Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.
+
+ O kleine Erde, was hast du vergessen!
+ Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.
+ Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit
+ strahlendem Dorn,
+ Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische
+ Zorn.
+ Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen
+ Rund,
+ Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat
+ der geistige Bund.
+
+
+
+
+DER MENSCH
+
+
+Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen der rollenden Erde,
+unter hockenden Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen der
+runden Städte
+
+Sprang der Mensch in die Höh.
+
+O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, feste strahlende Säule
+des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes!
+
+ * * * * *
+
+Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die treibende Erde.
+
+Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein. Er schloß die
+gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner Hände
+warf wie eine blitzende Peitschenschnur den Kreis der Sterne.
+
+Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe an Veilchenbünden
+unter der Glasglocke.
+
+ Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.
+
+ Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen
+ durch die Welt,
+ Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn,
+ Mensch, feurig durchscheinender!
+ In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende
+ Kugeln.
+ Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,
+ Das lohende Denken zuckt durch ihn,
+ Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!
+ O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer
+ im hellen Kristall.
+ Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende
+ Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende
+ Spiegel durch ihn,
+
+Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er schluckt und speit die
+blauen, herüberschlagenden Wellen des heißen Himmels.
+
+ Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des
+ Himmels,
+ Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine
+ Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen
+ O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken
+ im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.
+
+Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich wildes Ausschwirren
+von runden Horizonten hell wie die Kreise von Schneeflocken
+
+ Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um
+ die Sterne des Himmels,
+
+Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kurven umher in der
+Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den Bumerang
+schnellt.
+
+ In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend
+ wie Pulsschlag schwebt der Mensch,
+ Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn
+ rinnt,
+ Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung,
+ der wiederkehrt,
+
+Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten, die sinkend
+hinglühenden Linien auf schwarze Nacht:
+
+Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumenblätter, zackige
+Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze
+Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie Sonnenlichter.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine Fackelglieder und
+gießt seine Hände weiß über die Erde aus,
+
+ Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes
+ Metall.
+
+ Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt
+ sich gebäumt),
+ Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut
+ hinauf, beschwert mit Erdraum:
+
+Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auftanzender Blumenstaub,
+Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne Musik.
+
+ O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,
+ Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel
+ und spitz.
+ Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm
+ zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von
+ tausend Geschützen.
+ Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle
+ seines Willens umstrahlt ihn noch.
+
+ Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf
+ wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,
+ Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem
+ Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in
+ seiner Faust.
+ Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte
+ Trümmersturz und qualmender Brand.
+ Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das
+ himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.
+
+
+
+
+DIE STIMME
+
+
+ O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen
+ Stößen über die gewölbten Meere.
+
+ O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in
+ den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne
+ Speere.
+
+O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden
+Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord,
+Epidemien:
+
+ Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste
+ heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die
+ Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen
+ geschrien.
+
+ * * * * *
+
+ Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein
+ harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.
+
+Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße
+der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern,
+unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt.
+
+ Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei
+ Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach
+ neuen Fabriksystemen,
+ Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten
+ Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.
+ Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag
+ und Nacht feine Wäsche waschen,
+ Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose
+ nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.
+
+Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die
+vieltönigen Wasserblasen aufkochen,
+
+Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft
+müden Schleppern über geduckte Knochen.
+
+ Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und
+ Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten
+ aus rissigen Flecken.
+ O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf,
+ bevor alle zu Aas verrecken!
+ Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger
+ Werkstättenzeit,
+ Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und
+ der Haß, der naß bespeit.
+ Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier
+ aus bankrottierten Druckermaschinen,
+ Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den
+ roten Schächten der Coloradominen.
+ Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen;
+ mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf;
+ wenn der geplünderte Bauer sät;
+
+In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo
+Polizei die Türen bespäht.
+
+ * * * * *
+
+ O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!
+
+ O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff
+ umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem
+ Tod Einer bekennt.
+
+ O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen,
+ die Stimme gurgelt im Glücksgesang.
+
+ O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust,
+ Volkschoral, daß der Saal mitschwang.
+
+ O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit
+ klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde
+ zählt.
+
+ O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie
+ Eulenaug geht, und Effekte wählt.
+
+ O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen
+ hastig Propaganda treibt.
+
+ O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen
+ Briefe und Werbelisten schreibt.
+
+ O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal
+ einem Guten die Hand drücken mocht.
+
+ O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in
+ einem Satz sich prasselnd verkocht.
+
+ Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden
+ Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im
+ Australischen Strauch.
+
+ O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt,
+ und sie öffnen sich auch!
+
+ * * * * *
+
+ Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über
+ den Strand und zurück.
+
+Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen
+Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer
+dasselbe Stück.
+
+ Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige
+ schmuggelten verbotene Zeitungen über die
+ Grenzen,
+ Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn
+ der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.
+ Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von
+ Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten
+ Flaschenposten.
+
+In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende
+Abendlicht zu kosten.
+
+
+
+
+DIE FRÜHEN
+
+
+ Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft
+ der Erde in Menschengebein.
+
+Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln
+und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um.
+
+O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das
+Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer
+rußigen Geburt.
+
+Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über
+die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,
+
+Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie Perlengekicher von den
+Fenstern der steinernen Parlamente.
+
+O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige
+Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen:
+
+ O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten
+ Körper rollt,
+
+O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad,
+Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
+
+ Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der
+ ganz Armen.
+ Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein
+ feister schwarzer Ball.
+ O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische
+ Licht.
+
+ O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige
+ Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!
+ Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte
+ Dunkelheit über die Augen schattet!
+ Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die
+ starre gefräßige Mord-Erde,
+ O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten
+ in Brand,
+ Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen
+ Hand in alle Höhlungen des schimmernden
+ Himmels,
+ O Gottes brennender Finger sein, der das Träge
+ winzig zerstäubt,
+
+O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des
+Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden
+Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!
+
+Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen!
+
+Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört Deine
+Finsternisse, und Du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum
+langen gewölbten Himmel?
+
+Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge
+Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt.
+
+Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer
+flohen erschreckt.
+
+ In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden
+ Autos niedergeschossen.
+ Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen
+ das ärmliche Haus der Genossen.
+ (O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung,
+ Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in
+ hundert Pogromen,
+
+Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finsterer Synagogenhimmel,
+der entschwebt; das Licht floß zu Euch.)
+
+ Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert,
+ oder krepierten in den Flammen.
+
+O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie
+assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen
+Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen.
+
+Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand,
+in den Kleidern Läuse und Kot.
+
+Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im
+Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod!
+
+ Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten
+ keinen Hall.
+ Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den
+ neuen Ball.
+ Die Menschenkugel zersprang.
+ O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann
+ dauert der Krieg nicht mehr lang!
+
+
+
+
+DIE ANKUNFT
+
+
+Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in
+ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären,
+
+ Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder
+ zu nähren.
+ Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm
+ stehen müssen,
+ Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und
+ Träumen von Maschinengewehrschüssen,
+ Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt,
+ wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,
+ Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen
+ schwellt, wenn das Wunder durch die
+ Straßen geht,
+
+ Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das
+ Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:
+
+ Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den
+ Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie
+ Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.
+ Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über
+ Dächer in Euer Bleichblut schien.
+ Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das
+ Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.
+ Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch
+ entscheidet hinter Bibliothekstischen,
+
+ Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am
+ Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.
+ Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren,
+ Ihr Soldaten in den Leichenrohren der
+ Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,
+
+ Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern
+ Kameraden;
+ Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,
+ Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende,
+ reiche Frauen ohne Kind,
+
+ Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen
+ den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,
+
+ Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche
+ Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.
+
+ Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf
+ hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes
+ Tier.
+
+ Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch
+ blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.
+
+Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut
+und sternscheinendem Diamant.
+
+Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus
+Eurer Hand.
+
+Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger
+Menschenmund, Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes
+Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
+
+ * * * * *
+
+ Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn
+ Sie wüßten, wie wir geliebt werden!
+
+ Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir
+ sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.
+
+ O wir müssen den Mund auftun und laut reden
+ für alle Leute bis zum Morgen.
+ Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,
+ Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser
+ Bruder!
+ Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!
+
+ O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!
+ O springt aus den violetten Grotten, wo Eure
+ Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend
+ schlürfen!
+
+ Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt,
+ sei Euer runder Mund zum Licht!
+ Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt
+ den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!
+ Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen
+ Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer
+ Mund ihn beschwört!
+ O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel
+ über dem Feuerhauch Eures lächelnden
+ Mundes auf und ab tanzte!
+ O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge
+ wie Wolldocken bläst!
+
+Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den
+Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt!
+
+Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen
+nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!
+
+ * * * * *
+
+Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie,
+wie Frauen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel.
+
+Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das
+Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl,
+
+Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz
+wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen.
+
+Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
+
+Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und
+Feuerbrand.
+
+Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue
+irdische Land.
+
+ Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht
+ zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.
+
+ O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach.
+ Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den
+ ersten göttlichen Gruß.
+
+
+
+
+INHALT:
+
+
+ Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein 5
+ Geburt 7
+ Das Licht 13
+ Dieser Nachmittag 17
+ Die feindliche Erde 21
+ Sieg der Trägheit 23
+ Der Mensch 27
+ Die Stimme 31
+ Die Frühen 37
+ Die Ankunft 41
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Das himmlische Licht
+ Gedichte
+
+Author: Ludwig Rubiner
+
+Release Date: December 15, 2013 [EBook #44436]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+<span class="line1">DAS</span><br />
+<span class="line2">HIMMLISCHE LICHT</span><br />
+<span class="line3">VON</span><br />
+<span class="line4">LUDWIG RUBINER</span>
+</h1>
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+<div class="centerpic">
+<img src="images/logo.jpg" alt="" />
+</div>
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+<p class="pub">
+LEIPZIG<br />
+KURT WOLFF VERLAG<br />
+1916
+</p>
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+</div>
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+<p class="imp">
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.<br />
+September 1916 als dreiunddreißigster Band<br />
+der Bücherei &bdquo;Der jüngste Tag&ldquo;
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag &bull; Leipzig
+</p>
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+<h1 class="title" id="part-2">
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+</h1>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-1">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+DAS HIMMLISCHE LICHT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.</p>
+ <p class="line">Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schmerzensgesicht,</p>
+ <p class="line">In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten die Erde nicht mehr,</p>
+ <p class="line">Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.</p>
+ <p class="line">Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.</p>
+ <p class="line">Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. Ich will Sie aufrufen.</p>
+ <p class="line">Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.</p>
+ <p class="line">Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden Atem Gottes aus der Erde.</p>
+ <p class="line">Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.</p>
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+ <p class="line">Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.</p>
+ <p class="line">Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-2">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+GEBURT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,</p>
+ <p class="line">Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.</p>
+ <p class="line">Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.</p>
+ <p class="line">Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.</p>
+ <p class="line">Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.</p>
+ <p class="line">Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.</p>
+ <p class="line">Wehe, wer nicht sehen wollte!</p>
+ <p class="line">Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.</p>
+ <p class="line">Die Tage erblichen für die glühenden Abende.</p>
+ <p class="line">Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,</p>
+ <p class="line">Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.</p>
+ <p class="line">Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.</p>
+ <p class="line">Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,</p>
+ <p class="line">Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.</p>
+ <p class="line">Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.</p>
+ <p class="line">Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.</p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+ <p class="line">Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,</p>
+ <p class="line">Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;</p>
+ <p class="line">Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.</p>
+ <p class="line">Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.</p>
+ <p class="line">In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.</p>
+ <p class="line">Wir wußten, daß es andere Länder gibt.</p>
+ <p class="line">In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.</p>
+ <p class="line">In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.</p>
+ <p class="line">Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.</p>
+ <p class="line">Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf den Asphalt.</p>
+ <p class="line">Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.</p>
+ <p class="line">Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.</p>
+</div>
+
+<p>
+Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen
+schoben frisch geschminkt weiße Weiber mit
+dicken Bäuchen.
+</p>
+
+<p>
+Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern
+und verklebten Photographien.
+</p>
+
+<p>
+Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem
+Kies, Bänke, selige Hotels.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen
+mit den frierenden kleinen Hunden.
+</p>
+
+<p>
+Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus,
+weihevoll.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+ <p class="line">Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im Strahl schwebten auf Nebengassen.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.</p>
+ <p class="line">Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. Niemand sah Sie an.</p>
+ <p class="line">Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.</p>
+ <p class="line">Die Menschen gingen schwer.</p>
+ <p class="line">Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.</p>
+ <p class="line">Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.</p>
+ <p class="line">Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,</p>
+ <p class="line">Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:</p>
+ <p class="line">Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.</p>
+ <p class="line">Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,</p>
+ <p class="line">Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.</p>
+ <p class="line">Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.</p>
+ <p class="line">Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände</p>
+ <p class="line">Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.</p>
+ <p class="line">Berlin, Ihr dachtet an Geld.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben alle Abend, ehe Silber und Blau kam.</p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+ <p class="line">Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.</p>
+ <p class="line">Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.</p>
+ <p class="line">Wir kannten uns nicht.</p>
+</div>
+
+<p>
+Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen
+zum Lärmplatz. Gläserne Lichterkränze.
+Greise Zauberclowns schrien in goldene Papp-Trompeten.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel,
+in die feuchte Ringkämpferbude.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Damals liebte ich sie so.</p>
+ <p class="line">O wären wir ausgerückt!</p>
+ <p class="line">Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.</p>
+ <p class="line">Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussels.</p>
+ <p class="line">Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.</p>
+ <p class="line">Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.</p>
+ <p class="line">O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket</p>
+ <p class="line">(Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).</p>
+ <p class="line">Es war alles für uns und für die anderen gemacht,</p>
+ <p class="line">Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.</p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+ <p class="line">Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr</p>
+ <p class="line">Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr</p>
+ <p class="line">Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote Dienstmädchen träumen selig und taub,</p>
+ <p class="line">Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier Häuser in steinernem Staub.</p>
+ <p class="line">Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,</p>
+ <p class="line">Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines Wasserfalls strahlendes Rohr.</p>
+ <p class="line">Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.</p>
+</div>
+
+<p>
+Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde
+Erdteile in Himmel und Licht, um unsere Glieder
+floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir
+wirbelten tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis.
+</p>
+
+<p>
+O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit!
+O Preis!
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-3">
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+DAS LICHT
+</h2>
+
+<p>
+Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen
+durch Yokohama: heut abend sind die bunten
+Leuchtstraßen matt.
+</p>
+
+<p>
+Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter
+Fabriken auf.
+</p>
+
+<p>
+Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond.
+Gelbe Menschen kommen in schwarzen Röcken
+wie aus einem Jungfrauenbad.
+</p>
+
+<p>
+Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des
+Luxembourg aus dem Garten der Erde aufsprüht:
+</p>
+
+<p>
+Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg,
+die Menschen schaukeln in großen Betten, von Afrika
+wehen weiße Tücher durch Palmenufer her.
+</p>
+
+<p>
+O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein
+Bergwerk liegt die Stadt unterm fallenden Licht,
+Diamanten über den Gitterluken der Bank von
+England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß,
+sechstausend Mann morgens fünf in den Docks,
+drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in
+die Knie.
+</p>
+
+<p>
+Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg,
+Kiew, Nischny, Odessa,
+</p>
+
+<p>
+Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch
+Moskau bebt wie ein roter Menschenwald von vielen
+Glocken, o runde Dächerblüten,
+</p>
+
+<p>
+Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen,
+Hoch von Spitzen und Kugeln grünes Fliehen über
+kupfernen Tag.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte
+hin zischt das Licht wie Riesenfunken von
+elektrischen Schnellbahnen,
+</p>
+
+<p>
+Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch
+hinüber, durch Kulistädte, Ghettos, Spiegelschein
+in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling.
+</p>
+
+<p>
+Halt!
+</p>
+
+<p>
+Still und grell durch die donnernden Eisenschatten
+der Brücke New York.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde
+Friedrichstraße.
+</p>
+
+<p>
+Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog
+das rote brennende Fenster himmelsoben zu uns
+her, o unsere Herzen!
+</p>
+
+<p>
+Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber,
+häuserleuchtend. Die Zeit war neu.
+</p>
+
+<p>
+Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen.
+</p>
+
+<p>
+Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu
+bauen Sonnentürme,
+</p>
+
+<p>
+Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt,
+schwebend, gläsern hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter
+zu uns über Schornsteinfassaden.
+</p>
+
+<p>
+O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut.
+</p>
+
+<p>
+Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad,
+(Wir kennen uns nicht!) bleich, stehenden Herzschlags,
+niemand merkt was.
+</p>
+
+<p>
+Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu
+denken?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren,
+Ihr werdet essen, lesen, Nachrichten hören,
+Ihr zählt Eure Stunden:
+</p>
+
+<p>
+Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht
+durch das feurige Fenster der Erde!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten auf in Angst und sanken zurück.</p>
+ <p class="line">Die Fenster troffen dunkel trüb,</p>
+ <p class="line">Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.</p>
+ <p class="line">Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende Wasserpflanzen,</p>
+ <p class="line">Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben scheppernd nach Geld,</p>
+ <p class="line">Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem Aug, angesoffen und dick.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-4">
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+DIESER NACHMITTAG
+</h2>
+
+<p>
+An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster
+offen, das faule Stroh wurde hinter den Polizeitritten
+auf die Straße geschmissen und zersank.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, Sauseluft um eiligen Ölgestank.</p>
+ <p class="line">Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, Wunden mit Maden.</p>
+ <p class="line">Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten Büschen krochen Beine hervor auf die feinen Promenaden.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag</p>
+ <p class="linex">New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem</p>
+ <p class="linex">harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der Straßen</p>
+ <p class="line">Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer Riesenpusteln,</p>
+</div>
+
+<p>
+Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern;
+brauenlos runde Augen wie von ertränktem
+Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig
+auf vom Geruch,
+</p>
+
+<p>
+Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen,
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+O unsichrer Marsch der Halbtoten, Nächtigen, ewig
+Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte,
+Unterste, Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten
+saugenden Dreck, tastender Zug in spähender Unsicherheit,
+die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen.
+Sie sehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Sie sehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau
+über die Erde hin. Aber in der Straße sahen sie den
+langen aufschießend flammenden Finger des Lichts.
+</p>
+
+<p>
+O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute
+mit harten Stiefeln? Das himmlische Licht
+bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb
+hinter Dächern auf.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,</p>
+ <p class="line">Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,</p>
+ <p class="line">Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,</p>
+</div>
+
+<p>
+Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut
+mit &rsquo;nem Band, ein Loch das rot klafft,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. Eine Tabakpfeife pafft.</p>
+ <p class="line">Eine Tür offen zu &rsquo;nem menschenleeren Kleiderladen,</p>
+ <p class="line">Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.</p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+ <p class="line">An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.</p>
+ <p class="line">Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.</p>
+</div>
+
+<p>
+Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl,
+wie ein bleiches Rübenfeld kraftlos von schlechtem
+Dung.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der Welt brach göttlicher Glockenschwung.</p>
+ <p class="line">O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel gefesselt und kahl,</p>
+ <p class="line">Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.</p>
+ <p class="line">Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.</p>
+ <p class="line">Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein Kellergesicht.</p>
+ <p class="line">Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen Dunkel gelegen,</p>
+ <p class="line">Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons mit buntem Bonbonregen.</p>
+ <p class="line">Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen
+schrien über die Erde: die Zeit ist erfüllt!
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten
+auf das Wunder und waren stinkend verreckt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt.</p>
+</div>
+
+<p>
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel.
+Über Omnibushöhen lief das Wunder auf die Köpfe
+hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden
+Scherbendeich.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab
+es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige
+Reich!
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-5">
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+DIE FEINDLICHE ERDE
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.</p>
+</div>
+
+<p>
+In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange
+schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über
+schwere geile Rücken.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.</p>
+ <p class="line">Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleich bleibe.</p>
+ <p class="line">Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.</p>
+ <p class="line">In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.</p>
+ <p class="line">In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer
+fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen
+krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen
+steil wie dicke Riesenfinger.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.</p>
+ <p class="line">Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.</p>
+ <p class="line">Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.</p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+ <p class="line">Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.</p>
+ <p class="line">Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.</p>
+ <p class="line">Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen
+wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
+</p>
+
+<p>
+Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen
+noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen
+voll Ranküne.
+</p>
+
+<p>
+Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute,
+Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich
+auf ihre dampfende Nacht.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.</p>
+ <p class="line">Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,</p>
+</div>
+
+<p>
+Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken
+zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie
+mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-6">
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+SIEG DER TRÄGHEIT
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur neuen Zeit und wußten nur dies.</p>
+</div>
+
+<p>
+Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein
+Schlammgeschwür schwoll auf, klebrige Barrikaden
+liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe
+wie ein gieriger Blutegelfries.
+</p>
+
+<p>
+Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an
+die mächtige Mauer von grauzitterndem Brei,
+</p>
+
+<p>
+Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie
+und vergurgelte ihr Geschrei.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß hinter ihnen sein triefendes Tor,</p>
+ <p class="line">Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder wie versinkendes Stroh im Moor.</p>
+ <p class="line">Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,</p>
+ <p class="line">Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um ein zahnloses saugendes Maul.</p>
+ <p class="line">Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen Schlauch.</p>
+ <p class="line">O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht im trägen riesigen Bauch!</p>
+</div>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke
+Polizei auf dicken Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen
+fiel?
+</p>
+
+<p>
+Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein
+schreiender Rohrteich, im Londoner Mittagswind.
+</p>
+
+<p>
+In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die
+graugrüne Schloßkuppel lag lieblich über dem leeren
+langen Platz.
+</p>
+
+<p>
+Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost
+drückten sie den Mob tot!
+</p>
+
+<p>
+Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit
+Wärtern und Prügelstrafen gebaut wurden?
+</p>
+
+<p>
+In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische
+Galgenbäume.
+</p>
+
+<p>
+In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten
+so lang ins Gesicht, Hunger und Heißfolterdurst,
+bis sie lieber im elektrischen Stuhl von
+Sing-Sing starben.
+</p>
+
+<p>
+Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend.
+Man schraubte eiserne Wechselstromhelme
+an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen
+quetschte man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die Erde erreicht.</p>
+ <p class="line">Das himmlische Licht war verschwunden schräg zuckend über die spitzen Dächer hin.</p>
+ <p class="line">Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der geilen Städte.</p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+ <p class="line">Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren mit Mappen unterm schwitzenden Arm,</p>
+ <p class="line">Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+ <p class="line">O kleine Erde, was hast du vergessen!</p>
+ <p class="line">Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.</p>
+ <p class="line">Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit strahlendem Dorn,</p>
+ <p class="line">Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische Zorn.</p>
+ <p class="line">Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen Rund,</p>
+ <p class="line">Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat der geistige Bund.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-7">
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+DER MENSCH
+</h2>
+
+<p>
+Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden
+Drehen der rollenden Erde, unter hockenden
+Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen
+der runden Städte
+</p>
+
+<p>
+Sprang der Mensch in die Höh.
+</p>
+
+<p>
+O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und
+Arme, feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende
+Kugel des Kopfes!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die
+treibende Erde.
+</p>
+
+<p>
+Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus
+und herein. Er schloß die gebogenen Lider, der
+Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner
+Hände warf wie eine blitzende Peitschenschnur
+den Kreis der Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie
+die Nässe an Veilchenbünden unter der Glasglocke.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die Welt,</p>
+ <p class="line">Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, feurig durchscheinender!</p>
+ <p class="line">In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln.</p>
+ <p class="line">Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,</p>
+ <p class="line">Das lohende Denken zuckt durch ihn,</p>
+ <p class="line">Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!</p>
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+ <p class="line">O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen Kristall.</p>
+ <p class="line">Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn,</p>
+</div>
+
+<p>
+Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder,
+er schluckt und speit die blauen, herüberschlagenden
+Wellen des heißen Himmels.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,</p>
+ <p class="line">Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen</p>
+ <p class="line">O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft
+um sich wildes Ausschwirren von runden Horizonten
+hell wie die Kreise von Schneeflocken
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne des Himmels,</p>
+</div>
+
+<p>
+Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen
+Kurven umher in der Welt, sie kehren zu
+ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den
+Bumerang schnellt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag schwebt der Mensch,</p>
+ <p class="line">Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,</p>
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+ <p class="line">Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt,</p>
+</div>
+
+<p>
+Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich
+die abgesandten, die sinkend hinglühenden Linien
+auf schwarze Nacht:
+</p>
+
+<p>
+Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf
+wie Blumenblätter, zackige Ebenen im Feuerschein
+rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze
+Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie
+Sonnenlichter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht
+seine Fackelglieder und gießt seine Hände weiß über
+die Erde aus,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes Metall.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich gebäumt),</p>
+ <p class="line">Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, beschwert mit Erdraum:</p>
+</div>
+
+<p>
+Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt
+auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall.
+Lange Töne Musik.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+ <p class="line">O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,</p>
+ <p class="line">Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel und spitz.</p>
+ <p class="line">Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von tausend Geschützen.</p>
+ <p class="line">Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle seines Willens umstrahlt ihn noch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,</p>
+ <p class="line">Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in seiner Faust.</p>
+ <p class="line">Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte Trümmersturz und qualmender Brand.</p>
+ <p class="line">Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-8">
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+DIE STIMME
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen Stößen über die gewölbten Meere.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne Speere.</p>
+</div>
+
+<p>
+O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest
+gegen Gott mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern,
+Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand,
+Mord, Epidemien:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen geschrien.</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.</p>
+</div>
+
+<p>
+Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen
+Negern, die demütig das Weiße der Augen drehen;
+unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten
+Bettlern, unter hungernden Juden, die das glitschige
+Ghetto finster zusammenballt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+ <p class="line">Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.</p>
+ <p class="line">Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag und Nacht feine Wäsche waschen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.</p>
+</div>
+
+<p>
+Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende
+Schrei des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen
+aufkochen,
+</p>
+
+<p>
+Sie sprang wie Windsand in stumme Münder
+hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern
+über geduckte Knochen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken.</p>
+ <p class="line">O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken!</p>
+ <p class="line">Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit,</p>
+ <p class="line">Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit.</p>
+ <p class="line">Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen,</p>
+ <p class="line">Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen.</p>
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+ <p class="line">Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;</p>
+</div>
+
+<p>
+In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre
+Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+ <p class="line">O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.</p>
+</div>
+
+<p>
+Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten,
+bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen,
+sprachen geläufig wirksam immer dasselbe
+Stück.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen,</p>
+ <p class="line">Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.</p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+ <p class="line">Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.</p>
+</div>
+
+<p>
+In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster,
+um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-9">
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+DIE FRÜHEN
+</h2>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.</p>
+</div>
+
+<p>
+Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen
+aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten
+runde Augen und schauten sich um.
+</p>
+
+<p>
+O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel
+wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige
+Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer
+rußigen Geburt.
+</p>
+
+<p>
+Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen,
+über die Cafés, über die stumpfen genährten
+Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,
+</p>
+
+<p>
+Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie
+Perlengekicher von den Fenstern der steinernen
+Parlamente.
+</p>
+
+<p>
+O hinauf! Schweben über der satt glucksenden
+Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen
+den gefletschten Zähnen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,</p>
+</div>
+
+<p>
+O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch
+über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse,
+fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+ <p class="line">Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen.</p>
+ <p class="line">Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball.</p>
+ <p class="line">O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!</p>
+ <p class="line">Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet!</p>
+ <p class="line">Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde,</p>
+ <p class="line">O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand,</p>
+ <p class="line">Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels,</p>
+ <p class="line">O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,</p>
+</div>
+
+<p>
+O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit
+mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft,
+zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden
+Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!
+</p>
+
+<p>
+Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor
+dem Bruder des Menschen!
+</p>
+
+<p>
+Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des
+Menschen zerstört Deine Finsternisse, und Du zerplatzest
+in leuchtende stille Trümmerflocken zum
+langen gewölbten Himmel?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts
+Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren
+ein, unentdeckt.
+</p>
+
+<p>
+Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag
+in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen.</p>
+ <p class="line">Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus der Genossen.</p>
+ <p class="line">(O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen,</p>
+</div>
+
+<p>
+Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein
+finsterer Synagogenhimmel, der entschwebt; das
+Licht floß zu Euch.)
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.</p>
+</div>
+
+<p>
+O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer
+stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm
+unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das
+Menschengeschlecht unten zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie
+kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse
+und Kot.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht
+schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der
+kam. O Tod!
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+ <p class="line">Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall.</p>
+ <p class="line">Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball.</p>
+ <p class="line">Die Menschenkugel zersprang.</p>
+ <p class="line">O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!</p>
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2-10">
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+DIE ANKUNFT
+</h2>
+
+<p>
+Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige
+Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von
+Soldaten gebären,
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.</p>
+ <p class="line">Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen,</p>
+ <p class="line">Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,</p>
+ <p class="line">Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,</p>
+ <p class="line">Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.</p>
+ <p class="line">Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.</p>
+ <p class="line">Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.</p>
+ <p class="line">Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.</p>
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+ <p class="line">Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;</p>
+ <p class="line">Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,</p>
+ <p class="line">Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.</p>
+</div>
+
+<p>
+Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch,
+Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem
+Diamant.
+</p>
+
+<p>
+Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch
+schwillt neu die Erde aus Eurer Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt
+&rsquo;rück Euer riesiger Menschenmund,
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Leute bis zum Morgen.</p>
+ <p class="line">Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,</p>
+ <p class="line">Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!</p>
+ <p class="line">Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!</p>
+ <p class="line">O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!</p>
+ <p class="line">Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!</p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+ <p class="line">Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört!</p>
+ <p class="line">O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!</p>
+ <p class="line">O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!</p>
+</div>
+
+<p>
+Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten
+Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß
+aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd
+quillt!
+</p>
+
+<p>
+Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden
+Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh
+hinaus ihr Menschenmund schrillt!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p>
+Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen
+Schlaf tun. O träumen Sie, wie Frauen Sie betrogen;
+Ihre Freunde verließen Sie scheel.
+</p>
+
+<p>
+Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen
+Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen
+Mordbefehl,
+</p>
+
+<p>
+Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen
+sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben
+an erschreckten Ziergesträuchen.
+</p>
+
+<p>
+Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf
+im eisernen Keuchen!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht
+ums Rund in Kometen und Feuerbrand.
+</p>
+
+<p>
+Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum.
+Und Sie bauen das neue irdische Land.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.</p>
+</div>
+
+
+<div class="toc">
+
+<h2 class="chapter">INHALT:</h2>
+
+
+<table summary="TOC" style="margin-left:auto; margin-right:auto;">
+<tbody>
+ <tr><td class="left">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">5</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Geburt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">7</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Das Licht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">13</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Dieser Nachmittag</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">17</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die feindliche Erde</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">21</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Sieg der Trägheit</td><td class="right"><a href="#chapter-2-6">23</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Der Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">27</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Stimme</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">31</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Frühen</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">37</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Die Ankunft</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">41</a></td></tr>
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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+Foundation
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+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+</pre>
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