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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:42:54 -0700 |
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Haberland in Leipzig-R. + September 1916 als dreiunddreißigster Band + der Bücherei »Der jüngste Tag« + + Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig + + + + + DAS HIMMLISCHE LICHT + + + + +DAS HIMMLISCHE LICHT + + + Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter + Menschen schweigen Sie still. + Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend + auf der Welt, zu denen ich reden will. + + Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde + ihr bergiges Schmerzensgesicht, + In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und + Strudel ums Licht. + + Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten + die Erde nicht mehr, + Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie + donnerte Zeichen her. + + O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen + sagen werde, sei neu oder interessant. + Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber + Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt. + Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. + Ich will Sie aufrufen. + Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. + Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, + der in der Südsee in die Luft flog. + Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden + Atem Gottes aus der Erde. + Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen + in dreißig Menschenjahren. + Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert + war lang zu Ende. + Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des + Krakatao in unsere Herzen. + + + + +GEBURT + + + Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte + die Erde und das Wasser, + Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen + Blättern in Hütten und versanken keuchend. + Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer + schlug vom Mond herab. + Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche + Insekten. + Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft. + Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde. + Wehe, wer nicht sehen wollte! + Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren + zu Staub zerplatzt. + Die Tage erblichen für die glühenden Abende. + Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über + Berlin, + Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße. + Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, + quoll das Blau der Vulkane. + Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten + sich auf, + Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge + bogen hoch. + Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, + heiß, quollen aus den Männern. + Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle + Zimmer wankte die Stadt, die Blinde. + Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends + über unseren Mündern, + Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns; + Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf. + Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt. + In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die + grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten. + Wir wußten, daß es andere Länder gibt. + In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen + über Bombenattentaten. + In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen + geliebt. + Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen + und werden alt. + Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf + den Asphalt. + Die hohlen Häuserwände waren lose und grau. + Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie + waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau. + +Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen schoben frisch geschminkt +weiße Weiber mit dicken Bäuchen. + +Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern und verklebten +Photographien. + +Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem Kies, Bänke, selige +Hotels. + +Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen mit den +frierenden kleinen Hunden. + +Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, weihevoll. + + Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im + Strahl schwebten auf Nebengassen. + + Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war + noch hell. + Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. + Niemand sah Sie an. + Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, + die Häuser zerfielen unten. + Die Menschen gingen schwer. + Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht + gesehen. + Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des + Vulkans. + Niemand sah. Berlin schmatzte rollend. + + Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas, + Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier: + Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren + Kopf. + Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld, + Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener + Mob. + Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld. + Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen + Hinterhauswände + Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben + und sogen den Glanz. + Berlin, Ihr dachtet an Geld. + + O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben + alle Abend, ehe Silber und Blau kam. + Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende + Felsen über den gepfeilten Brauen. + Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer. + Wir kannten uns nicht. + +Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen zum Lärmplatz. +Gläserne Lichterkränze. Greise Zauberclowns schrien in goldene +Papp-Trompeten. + +Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, in die feuchte +Ringkämpferbude. + + Damals liebte ich sie so. + O wären wir ausgerückt! + Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten + tranken aus Bierseideln. + Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne + Karussels. + Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich + gegossene Glasvasen. + Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir + warteten. + O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer + Haut: uns allen! + + O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am + Wirtshausstaket + (Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge + so fett). + Es war alles für uns und für die anderen gemacht, + Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und + dies galt als Pracht. + Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und + im vierzehnten Jahr + Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr + Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war. + + Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote + Dienstmädchen träumen selig und taub, + Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier + Häuser in steinernem Staub. + Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das + Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor, + Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine + von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines + Wasserfalls strahlendes Rohr. + Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um + Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis. + +Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde Erdteile in Himmel und Licht, +um unsere Glieder floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir wirbelten +tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis. + +O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! O Preis! + + + + +DAS LICHT + + +Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen durch Yokohama: heut +abend sind die bunten Leuchtstraßen matt. + +Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter Fabriken auf. + +Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. Gelbe Menschen kommen in +schwarzen Röcken wie aus einem Jungfrauenbad. + +Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des Luxembourg aus dem Garten +der Erde aufsprüht: + +Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, die Menschen schaukeln in +großen Betten, von Afrika wehen weiße Tücher durch Palmenufer her. + +O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk liegt die Stadt +unterm fallenden Licht, Diamanten über den Gitterluken der Bank von +England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens +fünf in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in die +Knie. + +Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, Kiew, Nischny, Odessa, + +Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch Moskau bebt wie ein roter +Menschenwald von vielen Glocken, o runde Dächerblüten, + +Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, Hoch von Spitzen und Kugeln +grünes Fliehen über kupfernen Tag. + +Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte hin zischt das Licht wie +Riesenfunken von elektrischen Schnellbahnen, + +Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch hinüber, durch Kulistädte, +Ghettos, Spiegelschein in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling. + +Halt! + +Still und grell durch die donnernden Eisenschatten der Brücke New York. + + * * * * * + +Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde Friedrichstraße. + +Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog das rote brennende +Fenster himmelsoben zu uns her, o unsere Herzen! + +Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, häuserleuchtend. Die +Zeit war neu. + +Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen. + +Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu bauen Sonnentürme, + +Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, schwebend, gläsern hinauf. + +Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter zu uns über +Schornsteinfassaden. + +O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut. + +Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, (Wir kennen uns nicht!) +bleich, stehenden Herzschlags, niemand merkt was. + +Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu denken? + +Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, Ihr werdet essen, +lesen, Nachrichten hören, Ihr zählt Eure Stunden: + +Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht durch das feurige +Fenster der Erde! + + * * * * * + + Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten + auf in Angst und sanken zurück. + Die Fenster troffen dunkel trüb, + Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände. + Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende + Wasserpflanzen, + Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben + scheppernd nach Geld, + Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug + auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem + Aug, angesoffen und dick. + + + + +DIESER NACHMITTAG + + +An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster offen, das faule Stroh +wurde hinter den Polizeitritten auf die Straße geschmissen und zersank. + + Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, + Sauseluft um eiligen Ölgestank. + Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich + Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, + Wunden mit Maden. + Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten + Büschen krochen Beine hervor auf die + feinen Promenaden. + + In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag + New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem + harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben, + + Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen + sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil + Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der + Straßen + Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer + Riesenpusteln, + +Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; brauenlos runde Augen wie +von ertränktem Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig auf vom +Geruch, + +Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, O unsichrer Marsch der Halbtoten, +Nächtigen, ewig Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, Unterste, +Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten saugenden Dreck, tastender Zug in +spähender Unsicherheit, die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. Sie +sehen. + + * * * * * + +Sie sehen. + + * * * * * + +Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau über die Erde hin. Aber in +der Straße sahen sie den langen aufschießend flammenden Finger des Lichts. + +O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute mit harten Stiefeln? Das +himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter +Dächern auf. + + Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln + verboten, Eßwarenverkauf, + Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem + Fenster der Wechselbank, + Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank, + +Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch das +rot klafft, + + Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. + Eine Tabakpfeife pafft. + Eine Tür offen zu 'nem menschenleeren Kleiderladen, + Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden. + An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht. + Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht. + +Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, wie ein bleiches Rübenfeld +kraftlos von schlechtem Dung. + + Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der + Welt brach göttlicher Glockenschwung. + O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel + gefesselt und kahl, + Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten + gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl. + Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die + Winkel wie ein Klingelblitz das Licht. + Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein + Kellergesicht. + Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen + Dunkel gelegen, + Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons + mit buntem Bonbonregen. + Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen + zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da + dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt. + +Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen schrien über die Erde: die +Zeit ist erfüllt! + +Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten auf das Wunder und +waren stinkend verreckt. + + Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den + Magen geleckt. + +Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. Über Omnibushöhen lief das +Wunder auf die Köpfe hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden +Scherbendeich. + + * * * * * + +Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab es ewig Musik und warmes Essen +und das tausendjährige Reich! + + + + +DIE FEINDLICHE ERDE + + + Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter + hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber. + +In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende +Schenkel über schwere geile Rücken. + + Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle + Langhaare geigten. + Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles + auf Erden immer gleich bleibe. + Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel + am Weibe. + In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen + Kenner. + In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe + berühmter Männer. + +Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die +Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne. + +Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke +Riesenfinger. + + Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem + ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer. + Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen + Birne. + Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im + schwarzen hohlen Oval. + Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel + und Telegraphenstrahl. + Der Lampenschein strich klein durch die Straßen + wie Wurmaugen nachts im Korn. + Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand + saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen + Horn. + +Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund +um die Schimmelgrüne. + +Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile +Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne. + +Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen, +Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht. + + Aber der arme Mob schaute das Wunder und war + zur neuen Zeit aufgewacht. + Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten + Telegraphenstangen, + +Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel +marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen. + + + + +SIEG DER TRÄGHEIT + + + Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig + zur neuen Zeit und wußten nur dies. + +Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür schwoll +auf, klebrige Barrikaden liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie +ein gieriger Blutegelfries. + +Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige Mauer von +grauzitterndem Brei, + +Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und vergurgelte ihr +Geschrei. + + Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß + hinter ihnen sein triefendes Tor, + Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder + wie versinkendes Stroh im Moor. + Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein + schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul, + Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um + ein zahnloses saugendes Maul. + Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben + erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen + Schlauch. + O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht + im trägen riesigen Bauch! + +Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke Polizei auf dicken +Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen fiel? + +Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein schreiender Rohrteich, im +Londoner Mittagswind. + +In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die graugrüne Schloßkuppel +lag lieblich über dem leeren langen Platz. + +Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost drückten sie den Mob tot! + +Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit Wärtern und Prügelstrafen +gebaut wurden? + +In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische Galgenbäume. + +In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten so lang ins Gesicht, +Hunger und Heißfolterdurst, bis sie lieber im elektrischen Stuhl von +Sing-Sing starben. + +Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. Man schraubte +eiserne Wechselstromhelme an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen quetschte +man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen. + + Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die + Erde erreicht. + Das himmlische Licht war verschwunden schräg + zuckend über die spitzen Dächer hin. + Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der + geilen Städte. + Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren + mit Mappen unterm schwitzenden Arm, + Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch. + + O kleine Erde, was hast du vergessen! + Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen. + Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit + strahlendem Dorn, + Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische + Zorn. + Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen + Rund, + Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat + der geistige Bund. + + + + +DER MENSCH + + +Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen der rollenden Erde, +unter hockenden Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen der +runden Städte + +Sprang der Mensch in die Höh. + +O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, feste strahlende Säule +des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes! + + * * * * * + +Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die treibende Erde. + +Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein. Er schloß die +gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner Hände +warf wie eine blitzende Peitschenschnur den Kreis der Sterne. + +Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe an Veilchenbünden +unter der Glasglocke. + + Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf. + + Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen + durch die Welt, + Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, + Mensch, feurig durchscheinender! + In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende + Kugeln. + Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn, + Das lohende Denken zuckt durch ihn, + Schimmernder Puls des Himmels, Mensch! + O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer + im hellen Kristall. + Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende + Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende + Spiegel durch ihn, + +Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er schluckt und speit die +blauen, herüberschlagenden Wellen des heißen Himmels. + + Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des + Himmels, + Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine + Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen + O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken + im Blutfunkeln auf und nieder rinnt. + +Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich wildes Ausschwirren +von runden Horizonten hell wie die Kreise von Schneeflocken + + Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um + die Sterne des Himmels, + +Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kurven umher in der +Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den Bumerang +schnellt. + + In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend + wie Pulsschlag schwebt der Mensch, + Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn + rinnt, + Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, + der wiederkehrt, + +Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten, die sinkend +hinglühenden Linien auf schwarze Nacht: + +Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumenblätter, zackige +Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze +Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie Sonnenlichter. + + * * * * * + +Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine Fackelglieder und +gießt seine Hände weiß über die Erde aus, + + Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes + Metall. + + Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt + sich gebäumt), + Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut + hinauf, beschwert mit Erdraum: + +Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auftanzender Blumenstaub, +Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne Musik. + + O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab, + Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel + und spitz. + Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm + zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von + tausend Geschützen. + Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle + seines Willens umstrahlt ihn noch. + + Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf + wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust, + Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem + Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in + seiner Faust. + Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte + Trümmersturz und qualmender Brand. + Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das + himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt. + + + + +DIE STIMME + + + O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen + Stößen über die gewölbten Meere. + + O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in + den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne + Speere. + +O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden +Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord, +Epidemien: + + Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste + heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die + Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen + geschrien. + + * * * * * + + Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein + harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt. + +Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße +der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern, +unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt. + + Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei + Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach + neuen Fabriksystemen, + Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten + Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen. + Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag + und Nacht feine Wäsche waschen, + Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose + nach fortgeworfenen Speiseresten haschen. + +Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die +vieltönigen Wasserblasen aufkochen, + +Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft +müden Schleppern über geduckte Knochen. + + Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und + Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten + aus rissigen Flecken. + O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, + bevor alle zu Aas verrecken! + Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger + Werkstättenzeit, + Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und + der Haß, der naß bespeit. + Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier + aus bankrottierten Druckermaschinen, + Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den + roten Schächten der Coloradominen. + Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; + mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; + wenn der geplünderte Bauer sät; + +In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo +Polizei die Türen bespäht. + + * * * * * + + O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt! + + O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff + umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem + Tod Einer bekennt. + + O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, + die Stimme gurgelt im Glücksgesang. + + O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, + Volkschoral, daß der Saal mitschwang. + + O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit + klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde + zählt. + + O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie + Eulenaug geht, und Effekte wählt. + + O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen + hastig Propaganda treibt. + + O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen + Briefe und Werbelisten schreibt. + + O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal + einem Guten die Hand drücken mocht. + + O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in + einem Satz sich prasselnd verkocht. + + Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden + Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im + Australischen Strauch. + + O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, + und sie öffnen sich auch! + + * * * * * + + Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über + den Strand und zurück. + +Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen +Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer +dasselbe Stück. + + Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige + schmuggelten verbotene Zeitungen über die + Grenzen, + Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn + der Lehrer mit neuem Wissen glänzen. + Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von + Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten + Flaschenposten. + +In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende +Abendlicht zu kosten. + + + + +DIE FRÜHEN + + + Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft + der Erde in Menschengebein. + +Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln +und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um. + +O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das +Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer +rußigen Geburt. + +Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über +die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen, + +Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie Perlengekicher von den +Fenstern der steinernen Parlamente. + +O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige +Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen: + + O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten + Körper rollt, + +O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad, +Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm! + + Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der + ganz Armen. + Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein + feister schwarzer Ball. + O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische + Licht. + + O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige + Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht! + Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte + Dunkelheit über die Augen schattet! + Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die + starre gefräßige Mord-Erde, + O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten + in Brand, + Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen + Hand in alle Höhlungen des schimmernden + Himmels, + O Gottes brennender Finger sein, der das Träge + winzig zerstäubt, + +O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des +Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden +Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum! + +Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen! + +Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört Deine +Finsternisse, und Du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum +langen gewölbten Himmel? + +Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge +Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt. + +Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer +flohen erschreckt. + + In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden + Autos niedergeschossen. + Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen + das ärmliche Haus der Genossen. + (O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, + Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in + hundert Pogromen, + +Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finsterer Synagogenhimmel, +der entschwebt; das Licht floß zu Euch.) + + Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, + oder krepierten in den Flammen. + +O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie +assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen +Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen. + +Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand, +in den Kleidern Läuse und Kot. + +Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im +Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod! + + Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten + keinen Hall. + Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den + neuen Ball. + Die Menschenkugel zersprang. + O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann + dauert der Krieg nicht mehr lang! + + + + +DIE ANKUNFT + + +Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in +ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären, + + Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder + zu nähren. + Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm + stehen müssen, + Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und + Träumen von Maschinengewehrschüssen, + Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, + wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht, + Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen + schwellt, wenn das Wunder durch die + Straßen geht, + + Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das + Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt: + + Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den + Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie + Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt. + Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über + Dächer in Euer Bleichblut schien. + Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das + Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin. + Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch + entscheidet hinter Bibliothekstischen, + + Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am + Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen. + Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, + Ihr Soldaten in den Leichenrohren der + Erde hinter pestigen Aasbarrikaden, + + Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern + Kameraden; + Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind, + Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, + reiche Frauen ohne Kind, + + Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen + den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika, + + Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche + Mensch. Und das himmlische Licht ist nah. + + Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf + hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes + Tier. + + Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch + blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr. + +Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut +und sternscheinendem Diamant. + +Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus +Eurer Hand. + +Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger +Menschenmund, Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes +Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund. + + * * * * * + + Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn + Sie wüßten, wie wir geliebt werden! + + Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir + sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden. + + O wir müssen den Mund auftun und laut reden + für alle Leute bis zum Morgen. + Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder, + Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser + Bruder! + Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder! + + O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit! + O springt aus den violetten Grotten, wo Eure + Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend + schlürfen! + + Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, + sei Euer runder Mund zum Licht! + Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt + den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub! + Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen + Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer + Mund ihn beschwört! + O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel + über dem Feuerhauch Eures lächelnden + Mundes auf und ab tanzte! + O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge + wie Wolldocken bläst! + +Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den +Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt! + +Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen +nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt! + + * * * * * + +Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie, +wie Frauen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel. + +Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das +Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl, + +Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz +wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen. + +Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen! + +Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und +Feuerbrand. + +Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue +irdische Land. + + Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht + zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß. + + O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. + Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den + ersten göttlichen Gruß. + + + + +INHALT: + + + Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein 5 + Geburt 7 + Das Licht 13 + Dieser Nachmittag 17 + Die feindliche Erde 21 + Sieg der Trägheit 23 + Der Mensch 27 + Die Stimme 31 + Die Frühen 37 + Die Ankunft 41 + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44436 *** diff --git a/44436-h/44436-h.htm b/44436-h/44436-h.htm new file mode 100644 index 0000000..db42a2b --- /dev/null +++ b/44436-h/44436-h.htm @@ -0,0 +1,1440 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Das himmlische Licht" --> + <!-- AUTHOR="Ludwig Rubiner" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, Leipzig" --> + <!-- DATE="1916" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; 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Haberland in Leipzig-R.<br /> +September 1916 als dreiunddreißigster Band<br /> +der Bücherei „Der jüngste Tag“ +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag • Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<h1 class="title" id="part-2"> +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +DAS HIMMLISCHE LICHT +</h1> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +DAS HIMMLISCHE LICHT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.</p> + <p class="line">Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schmerzensgesicht,</p> + <p class="line">In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten die Erde nicht mehr,</p> + <p class="line">Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.</p> + <p class="line">Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.</p> + <p class="line">Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. Ich will Sie aufrufen.</p> + <p class="line">Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.</p> + <p class="line">Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden Atem Gottes aus der Erde.</p> + <p class="line">Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.</p> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> + <p class="line">Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.</p> + <p class="line">Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-2"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +GEBURT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,</p> + <p class="line">Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.</p> + <p class="line">Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.</p> + <p class="line">Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.</p> + <p class="line">Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.</p> + <p class="line">Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.</p> + <p class="line">Wehe, wer nicht sehen wollte!</p> + <p class="line">Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.</p> + <p class="line">Die Tage erblichen für die glühenden Abende.</p> + <p class="line">Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,</p> + <p class="line">Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.</p> + <p class="line">Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.</p> + <p class="line">Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,</p> + <p class="line">Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.</p> + <p class="line">Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.</p> + <p class="line">Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.</p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> + <p class="line">Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,</p> + <p class="line">Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;</p> + <p class="line">Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.</p> + <p class="line">Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.</p> + <p class="line">In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.</p> + <p class="line">Wir wußten, daß es andere Länder gibt.</p> + <p class="line">In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.</p> + <p class="line">In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.</p> + <p class="line">Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.</p> + <p class="line">Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf den Asphalt.</p> + <p class="line">Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.</p> + <p class="line">Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.</p> +</div> + +<p> +Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen +schoben frisch geschminkt weiße Weiber mit +dicken Bäuchen. +</p> + +<p> +Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern +und verklebten Photographien. +</p> + +<p> +Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem +Kies, Bänke, selige Hotels. +</p> + +<p> +Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen +mit den frierenden kleinen Hunden. +</p> + +<p> +Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, +weihevoll. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> + <p class="line">Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im Strahl schwebten auf Nebengassen.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.</p> + <p class="line">Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. Niemand sah Sie an.</p> + <p class="line">Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.</p> + <p class="line">Die Menschen gingen schwer.</p> + <p class="line">Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.</p> + <p class="line">Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.</p> + <p class="line">Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,</p> + <p class="line">Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:</p> + <p class="line">Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.</p> + <p class="line">Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,</p> + <p class="line">Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.</p> + <p class="line">Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.</p> + <p class="line">Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände</p> + <p class="line">Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.</p> + <p class="line">Berlin, Ihr dachtet an Geld.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben alle Abend, ehe Silber und Blau kam.</p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> + <p class="line">Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.</p> + <p class="line">Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.</p> + <p class="line">Wir kannten uns nicht.</p> +</div> + +<p> +Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen +zum Lärmplatz. Gläserne Lichterkränze. +Greise Zauberclowns schrien in goldene Papp-Trompeten. +</p> + +<p> +Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, +in die feuchte Ringkämpferbude. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Damals liebte ich sie so.</p> + <p class="line">O wären wir ausgerückt!</p> + <p class="line">Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.</p> + <p class="line">Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussels.</p> + <p class="line">Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.</p> + <p class="line">Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.</p> + <p class="line">O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket</p> + <p class="line">(Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).</p> + <p class="line">Es war alles für uns und für die anderen gemacht,</p> + <p class="line">Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.</p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> + <p class="line">Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr</p> + <p class="line">Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr</p> + <p class="line">Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote Dienstmädchen träumen selig und taub,</p> + <p class="line">Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier Häuser in steinernem Staub.</p> + <p class="line">Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,</p> + <p class="line">Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines Wasserfalls strahlendes Rohr.</p> + <p class="line">Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.</p> +</div> + +<p> +Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde +Erdteile in Himmel und Licht, um unsere Glieder +floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir +wirbelten tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis. +</p> + +<p> +O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! +O Preis! +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-3"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +DAS LICHT +</h2> + +<p> +Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen +durch Yokohama: heut abend sind die bunten +Leuchtstraßen matt. +</p> + +<p> +Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter +Fabriken auf. +</p> + +<p> +Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. +Gelbe Menschen kommen in schwarzen Röcken +wie aus einem Jungfrauenbad. +</p> + +<p> +Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des +Luxembourg aus dem Garten der Erde aufsprüht: +</p> + +<p> +Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, +die Menschen schaukeln in großen Betten, von Afrika +wehen weiße Tücher durch Palmenufer her. +</p> + +<p> +O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein +Bergwerk liegt die Stadt unterm fallenden Licht, +Diamanten über den Gitterluken der Bank von +England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, +sechstausend Mann morgens fünf in den Docks, +drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in +die Knie. +</p> + +<p> +Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, +Kiew, Nischny, Odessa, +</p> + +<p> +Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch +Moskau bebt wie ein roter Menschenwald von vielen +Glocken, o runde Dächerblüten, +</p> + +<p> +Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, +Hoch von Spitzen und Kugeln grünes Fliehen über +kupfernen Tag. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte +hin zischt das Licht wie Riesenfunken von +elektrischen Schnellbahnen, +</p> + +<p> +Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch +hinüber, durch Kulistädte, Ghettos, Spiegelschein +in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling. +</p> + +<p> +Halt! +</p> + +<p> +Still und grell durch die donnernden Eisenschatten +der Brücke New York. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde +Friedrichstraße. +</p> + +<p> +Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog +das rote brennende Fenster himmelsoben zu uns +her, o unsere Herzen! +</p> + +<p> +Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, +häuserleuchtend. Die Zeit war neu. +</p> + +<p> +Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen. +</p> + +<p> +Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu +bauen Sonnentürme, +</p> + +<p> +Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, +schwebend, gläsern hinauf. +</p> + +<p> +Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter +zu uns über Schornsteinfassaden. +</p> + +<p> +O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut. +</p> + +<p> +Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, +(Wir kennen uns nicht!) bleich, stehenden Herzschlags, +niemand merkt was. +</p> + +<p> +Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu +denken? +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, +Ihr werdet essen, lesen, Nachrichten hören, +Ihr zählt Eure Stunden: +</p> + +<p> +Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht +durch das feurige Fenster der Erde! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten auf in Angst und sanken zurück.</p> + <p class="line">Die Fenster troffen dunkel trüb,</p> + <p class="line">Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.</p> + <p class="line">Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende Wasserpflanzen,</p> + <p class="line">Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben scheppernd nach Geld,</p> + <p class="line">Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem Aug, angesoffen und dick.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-4"> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +DIESER NACHMITTAG +</h2> + +<p> +An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster +offen, das faule Stroh wurde hinter den Polizeitritten +auf die Straße geschmissen und zersank. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, Sauseluft um eiligen Ölgestank.</p> + <p class="line">Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, Wunden mit Maden.</p> + <p class="line">Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten Büschen krochen Beine hervor auf die feinen Promenaden.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag</p> + <p class="linex">New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem</p> + <p class="linex">harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der Straßen</p> + <p class="line">Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer Riesenpusteln,</p> +</div> + +<p> +Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; +brauenlos runde Augen wie von ertränktem +Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig +auf vom Geruch, +</p> + +<p> +Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +O unsichrer Marsch der Halbtoten, Nächtigen, ewig +Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, +Unterste, Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten +saugenden Dreck, tastender Zug in spähender Unsicherheit, +die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. +Sie sehen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Sie sehen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau +über die Erde hin. Aber in der Straße sahen sie den +langen aufschießend flammenden Finger des Lichts. +</p> + +<p> +O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute +mit harten Stiefeln? Das himmlische Licht +bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb +hinter Dächern auf. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,</p> + <p class="line">Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,</p> + <p class="line">Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,</p> +</div> + +<p> +Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut +mit ’nem Band, ein Loch das rot klafft, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. Eine Tabakpfeife pafft.</p> + <p class="line">Eine Tür offen zu ’nem menschenleeren Kleiderladen,</p> + <p class="line">Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.</p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> + <p class="line">An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.</p> + <p class="line">Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.</p> +</div> + +<p> +Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, +wie ein bleiches Rübenfeld kraftlos von schlechtem +Dung. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der Welt brach göttlicher Glockenschwung.</p> + <p class="line">O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel gefesselt und kahl,</p> + <p class="line">Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.</p> + <p class="line">Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.</p> + <p class="line">Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein Kellergesicht.</p> + <p class="line">Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen Dunkel gelegen,</p> + <p class="line">Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons mit buntem Bonbonregen.</p> + <p class="line">Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.</p> +</div> + +<p> +Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen +schrien über die Erde: die Zeit ist erfüllt! +</p> + +<p> +Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten +auf das Wunder und waren stinkend verreckt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt.</p> +</div> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. +Über Omnibushöhen lief das Wunder auf die Köpfe +hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden +Scherbendeich. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab +es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige +Reich! +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-5"> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +DIE FEINDLICHE ERDE +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.</p> +</div> + +<p> +In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange +schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über +schwere geile Rücken. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.</p> + <p class="line">Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleich bleibe.</p> + <p class="line">Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.</p> + <p class="line">In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.</p> + <p class="line">In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.</p> +</div> + +<p> +Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer +fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen +krumm strähnig über der breiten flachen Stirne. +</p> + +<p> +Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen +steil wie dicke Riesenfinger. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.</p> + <p class="line">Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.</p> + <p class="line">Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.</p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> + <p class="line">Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.</p> + <p class="line">Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.</p> + <p class="line">Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.</p> +</div> + +<p> +Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen +wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne. +</p> + +<p> +Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen +noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen +voll Ranküne. +</p> + +<p> +Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, +Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich +auf ihre dampfende Nacht. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.</p> + <p class="line">Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,</p> +</div> + +<p> +Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken +zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie +mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-6"> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +SIEG DER TRÄGHEIT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur neuen Zeit und wußten nur dies.</p> +</div> + +<p> +Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein +Schlammgeschwür schwoll auf, klebrige Barrikaden +liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe +wie ein gieriger Blutegelfries. +</p> + +<p> +Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an +die mächtige Mauer von grauzitterndem Brei, +</p> + +<p> +Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie +und vergurgelte ihr Geschrei. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß hinter ihnen sein triefendes Tor,</p> + <p class="line">Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder wie versinkendes Stroh im Moor.</p> + <p class="line">Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,</p> + <p class="line">Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um ein zahnloses saugendes Maul.</p> + <p class="line">Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen Schlauch.</p> + <p class="line">O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht im trägen riesigen Bauch!</p> +</div> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke +Polizei auf dicken Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen +fiel? +</p> + +<p> +Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein +schreiender Rohrteich, im Londoner Mittagswind. +</p> + +<p> +In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die +graugrüne Schloßkuppel lag lieblich über dem leeren +langen Platz. +</p> + +<p> +Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost +drückten sie den Mob tot! +</p> + +<p> +Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit +Wärtern und Prügelstrafen gebaut wurden? +</p> + +<p> +In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische +Galgenbäume. +</p> + +<p> +In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten +so lang ins Gesicht, Hunger und Heißfolterdurst, +bis sie lieber im elektrischen Stuhl von +Sing-Sing starben. +</p> + +<p> +Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. +Man schraubte eiserne Wechselstromhelme +an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen +quetschte man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die Erde erreicht.</p> + <p class="line">Das himmlische Licht war verschwunden schräg zuckend über die spitzen Dächer hin.</p> + <p class="line">Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der geilen Städte.</p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> + <p class="line">Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren mit Mappen unterm schwitzenden Arm,</p> + <p class="line">Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> + <p class="line">O kleine Erde, was hast du vergessen!</p> + <p class="line">Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.</p> + <p class="line">Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit strahlendem Dorn,</p> + <p class="line">Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische Zorn.</p> + <p class="line">Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen Rund,</p> + <p class="line">Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat der geistige Bund.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-7"> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +DER MENSCH +</h2> + +<p> +Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden +Drehen der rollenden Erde, unter hockenden +Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen +der runden Städte +</p> + +<p> +Sprang der Mensch in die Höh. +</p> + +<p> +O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und +Arme, feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende +Kugel des Kopfes! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die +treibende Erde. +</p> + +<p> +Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus +und herein. Er schloß die gebogenen Lider, der +Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner +Hände warf wie eine blitzende Peitschenschnur +den Kreis der Sterne. +</p> + +<p> +Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie +die Nässe an Veilchenbünden unter der Glasglocke. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die Welt,</p> + <p class="line">Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, feurig durchscheinender!</p> + <p class="line">In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln.</p> + <p class="line">Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,</p> + <p class="line">Das lohende Denken zuckt durch ihn,</p> + <p class="line">Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!</p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> + <p class="line">O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen Kristall.</p> + <p class="line">Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn,</p> +</div> + +<p> +Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, +er schluckt und speit die blauen, herüberschlagenden +Wellen des heißen Himmels. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,</p> + <p class="line">Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen</p> + <p class="line">O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.</p> +</div> + +<p> +Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft +um sich wildes Ausschwirren von runden Horizonten +hell wie die Kreise von Schneeflocken +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne des Himmels,</p> +</div> + +<p> +Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen +Kurven umher in der Welt, sie kehren zu +ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den +Bumerang schnellt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag schwebt der Mensch,</p> + <p class="line">Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,</p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> + <p class="line">Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt,</p> +</div> + +<p> +Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich +die abgesandten, die sinkend hinglühenden Linien +auf schwarze Nacht: +</p> + +<p> +Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf +wie Blumenblätter, zackige Ebenen im Feuerschein +rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze +Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie +Sonnenlichter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht +seine Fackelglieder und gießt seine Hände weiß über +die Erde aus, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes Metall.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich gebäumt),</p> + <p class="line">Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, beschwert mit Erdraum:</p> +</div> + +<p> +Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt +auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall. +Lange Töne Musik. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> + <p class="line">O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,</p> + <p class="line">Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel und spitz.</p> + <p class="line">Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von tausend Geschützen.</p> + <p class="line">Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle seines Willens umstrahlt ihn noch.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,</p> + <p class="line">Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in seiner Faust.</p> + <p class="line">Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte Trümmersturz und qualmender Brand.</p> + <p class="line">Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-8"> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +DIE STIMME +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen Stößen über die gewölbten Meere.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne Speere.</p> +</div> + +<p> +O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest +gegen Gott mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern, +Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, +Mord, Epidemien: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen geschrien.</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.</p> +</div> + +<p> +Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen +Negern, die demütig das Weiße der Augen drehen; +unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten +Bettlern, unter hungernden Juden, die das glitschige +Ghetto finster zusammenballt. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> + <p class="line">Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen,</p> + <p class="line">Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.</p> + <p class="line">Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag und Nacht feine Wäsche waschen,</p> + <p class="line">Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.</p> +</div> + +<p> +Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende +Schrei des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen +aufkochen, +</p> + +<p> +Sie sprang wie Windsand in stumme Münder +hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern +über geduckte Knochen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken.</p> + <p class="line">O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken!</p> + <p class="line">Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit,</p> + <p class="line">Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit.</p> + <p class="line">Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen,</p> + <p class="line">Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen.</p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> + <p class="line">Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;</p> +</div> + +<p> +In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre +Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> + <p class="line">O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.</p> +</div> + +<p> +Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, +bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, +sprachen geläufig wirksam immer dasselbe +Stück. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen,</p> + <p class="line">Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.</p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> + <p class="line">Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.</p> +</div> + +<p> +In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, +um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-9"> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +DIE FRÜHEN +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.</p> +</div> + +<p> +Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen +aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten +runde Augen und schauten sich um. +</p> + +<p> +O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel +wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige +Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer +rußigen Geburt. +</p> + +<p> +Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, +über die Cafés, über die stumpfen genährten +Armeen, über die zischelnden Börsenhallen, +</p> + +<p> +Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie +Perlengekicher von den Fenstern der steinernen +Parlamente. +</p> + +<p> +O hinauf! Schweben über der satt glucksenden +Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen +den gefletschten Zähnen: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,</p> +</div> + +<p> +O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch +über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse, +fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm! +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> + <p class="line">Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen.</p> + <p class="line">Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball.</p> + <p class="line">O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!</p> + <p class="line">Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet!</p> + <p class="line">Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde,</p> + <p class="line">O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand,</p> + <p class="line">Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels,</p> + <p class="line">O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,</p> +</div> + +<p> +O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit +mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft, +zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden +Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum! +</p> + +<p> +Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor +dem Bruder des Menschen! +</p> + +<p> +Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des +Menschen zerstört Deine Finsternisse, und Du zerplatzest +in leuchtende stille Trümmerflocken zum +langen gewölbten Himmel? +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts +Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren +ein, unentdeckt. +</p> + +<p> +Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag +in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen.</p> + <p class="line">Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus der Genossen.</p> + <p class="line">(O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen,</p> +</div> + +<p> +Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein +finsterer Synagogenhimmel, der entschwebt; das +Licht floß zu Euch.) +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.</p> +</div> + +<p> +O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer +stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm +unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das +Menschengeschlecht unten zusammen. +</p> + +<p> +Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie +kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse +und Kot. +</p> + +<p> +Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht +schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der +kam. O Tod! +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> + <p class="line">Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall.</p> + <p class="line">Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball.</p> + <p class="line">Die Menschenkugel zersprang.</p> + <p class="line">O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-10"> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +DIE ANKUNFT +</h2> + +<p> +Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige +Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von +Soldaten gebären, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.</p> + <p class="line">Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen,</p> + <p class="line">Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,</p> + <p class="line">Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,</p> + <p class="line">Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.</p> + <p class="line">Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.</p> + <p class="line">Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.</p> + <p class="line">Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.</p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> + <p class="line">Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;</p> + <p class="line">Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,</p> + <p class="line">Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.</p> +</div> + +<p> +Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, +Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem +Diamant. +</p> + +<p> +Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch +schwillt neu die Erde aus Eurer Hand. +</p> + +<p> +Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt +’rück Euer riesiger Menschenmund, +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Leute bis zum Morgen.</p> + <p class="line">Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,</p> + <p class="line">Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!</p> + <p class="line">Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!</p> + <p class="line">O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!</p> + <p class="line">Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!</p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> + <p class="line">Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört!</p> + <p class="line">O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!</p> + <p class="line">O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!</p> +</div> + +<p> +Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten +Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß +aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd +quillt! +</p> + +<p> +Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden +Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh +hinaus ihr Menschenmund schrillt! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen +Schlaf tun. O träumen Sie, wie Frauen Sie betrogen; +Ihre Freunde verließen Sie scheel. +</p> + +<p> +Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen +Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen +Mordbefehl, +</p> + +<p> +Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen +sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben +an erschreckten Ziergesträuchen. +</p> + +<p> +Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf +im eisernen Keuchen! +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht +ums Rund in Kometen und Feuerbrand. +</p> + +<p> +Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. +Und Sie bauen das neue irdische Land. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.</p> +</div> + + +<div class="toc"> + +<h2 class="chapter">INHALT:</h2> + + +<table summary="TOC" style="margin-left:auto; margin-right:auto;"> +<tbody> + <tr><td class="left">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">5</a></td></tr> + <tr><td class="left">Geburt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">7</a></td></tr> + <tr><td class="left">Das Licht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">13</a></td></tr> + <tr><td class="left">Dieser Nachmittag</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">17</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die feindliche Erde</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">21</a></td></tr> + <tr><td class="left">Sieg der Trägheit</td><td class="right"><a href="#chapter-2-6">23</a></td></tr> + <tr><td class="left">Der Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">27</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Stimme</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">31</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Frühen</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">37</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Ankunft</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">41</a></td></tr> +</tbody> +</table> +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44436 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/44436-h/images/cover-page.jpg b/44436-h/images/cover-page.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bc7b57e --- /dev/null +++ b/44436-h/images/cover-page.jpg diff --git a/44436-h/images/logo.jpg b/44436-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ea46aac --- /dev/null +++ b/44436-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das himmlische Licht + Gedichte + +Author: Ludwig Rubiner + +Release Date: December 15, 2013 [EBook #44436] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + + + DAS + HIMMLISCHE LICHT + VON + LUDWIG RUBINER + + + LEIPZIG + KURT WOLFF VERLAG + 1916 + + Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. + September 1916 als dreiunddreißigster Band + der Bücherei »Der jüngste Tag« + + Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig + + + + + DAS HIMMLISCHE LICHT + + + + +DAS HIMMLISCHE LICHT + + + Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter + Menschen schweigen Sie still. + Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend + auf der Welt, zu denen ich reden will. + + Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde + ihr bergiges Schmerzensgesicht, + In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und + Strudel ums Licht. + + Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten + die Erde nicht mehr, + Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie + donnerte Zeichen her. + + O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen + sagen werde, sei neu oder interessant. + Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber + Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt. + Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. + Ich will Sie aufrufen. + Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. + Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, + der in der Südsee in die Luft flog. + Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden + Atem Gottes aus der Erde. + Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen + in dreißig Menschenjahren. + Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert + war lang zu Ende. + Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des + Krakatao in unsere Herzen. + + + + +GEBURT + + + Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte + die Erde und das Wasser, + Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen + Blättern in Hütten und versanken keuchend. + Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer + schlug vom Mond herab. + Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche + Insekten. + Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft. + Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde. + Wehe, wer nicht sehen wollte! + Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren + zu Staub zerplatzt. + Die Tage erblichen für die glühenden Abende. + Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über + Berlin, + Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße. + Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, + quoll das Blau der Vulkane. + Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten + sich auf, + Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge + bogen hoch. + Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, + heiß, quollen aus den Männern. + Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle + Zimmer wankte die Stadt, die Blinde. + Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends + über unseren Mündern, + Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns; + Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf. + Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt. + In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die + grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten. + Wir wußten, daß es andere Länder gibt. + In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen + über Bombenattentaten. + In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen + geliebt. + Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen + und werden alt. + Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf + den Asphalt. + Die hohlen Häuserwände waren lose und grau. + Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie + waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau. + +Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen schoben frisch geschminkt +weiße Weiber mit dicken Bäuchen. + +Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern und verklebten +Photographien. + +Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem Kies, Bänke, selige +Hotels. + +Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen mit den +frierenden kleinen Hunden. + +Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, weihevoll. + + Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im + Strahl schwebten auf Nebengassen. + + Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war + noch hell. + Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. + Niemand sah Sie an. + Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, + die Häuser zerfielen unten. + Die Menschen gingen schwer. + Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht + gesehen. + Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des + Vulkans. + Niemand sah. Berlin schmatzte rollend. + + Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas, + Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier: + Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren + Kopf. + Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld, + Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener + Mob. + Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld. + Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen + Hinterhauswände + Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben + und sogen den Glanz. + Berlin, Ihr dachtet an Geld. + + O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben + alle Abend, ehe Silber und Blau kam. + Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende + Felsen über den gepfeilten Brauen. + Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer. + Wir kannten uns nicht. + +Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen zum Lärmplatz. +Gläserne Lichterkränze. Greise Zauberclowns schrien in goldene +Papp-Trompeten. + +Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, in die feuchte +Ringkämpferbude. + + Damals liebte ich sie so. + O wären wir ausgerückt! + Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten + tranken aus Bierseideln. + Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne + Karussels. + Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich + gegossene Glasvasen. + Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir + warteten. + O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer + Haut: uns allen! + + O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am + Wirtshausstaket + (Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge + so fett). + Es war alles für uns und für die anderen gemacht, + Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und + dies galt als Pracht. + Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und + im vierzehnten Jahr + Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr + Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war. + + Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote + Dienstmädchen träumen selig und taub, + Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier + Häuser in steinernem Staub. + Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das + Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor, + Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine + von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines + Wasserfalls strahlendes Rohr. + Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um + Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis. + +Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde Erdteile in Himmel und Licht, +um unsere Glieder floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir wirbelten +tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis. + +O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! O Preis! + + + + +DAS LICHT + + +Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen durch Yokohama: heut +abend sind die bunten Leuchtstraßen matt. + +Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter Fabriken auf. + +Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. Gelbe Menschen kommen in +schwarzen Röcken wie aus einem Jungfrauenbad. + +Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des Luxembourg aus dem Garten +der Erde aufsprüht: + +Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, die Menschen schaukeln in +großen Betten, von Afrika wehen weiße Tücher durch Palmenufer her. + +O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk liegt die Stadt +unterm fallenden Licht, Diamanten über den Gitterluken der Bank von +England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens +fünf in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in die +Knie. + +Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, Kiew, Nischny, Odessa, + +Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch Moskau bebt wie ein roter +Menschenwald von vielen Glocken, o runde Dächerblüten, + +Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, Hoch von Spitzen und Kugeln +grünes Fliehen über kupfernen Tag. + +Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte hin zischt das Licht wie +Riesenfunken von elektrischen Schnellbahnen, + +Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch hinüber, durch Kulistädte, +Ghettos, Spiegelschein in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling. + +Halt! + +Still und grell durch die donnernden Eisenschatten der Brücke New York. + + * * * * * + +Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde Friedrichstraße. + +Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog das rote brennende +Fenster himmelsoben zu uns her, o unsere Herzen! + +Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, häuserleuchtend. Die +Zeit war neu. + +Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen. + +Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu bauen Sonnentürme, + +Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, schwebend, gläsern hinauf. + +Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter zu uns über +Schornsteinfassaden. + +O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut. + +Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, (Wir kennen uns nicht!) +bleich, stehenden Herzschlags, niemand merkt was. + +Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu denken? + +Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, Ihr werdet essen, +lesen, Nachrichten hören, Ihr zählt Eure Stunden: + +Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht durch das feurige +Fenster der Erde! + + * * * * * + + Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten + auf in Angst und sanken zurück. + Die Fenster troffen dunkel trüb, + Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände. + Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende + Wasserpflanzen, + Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben + scheppernd nach Geld, + Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug + auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem + Aug, angesoffen und dick. + + + + +DIESER NACHMITTAG + + +An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster offen, das faule Stroh +wurde hinter den Polizeitritten auf die Straße geschmissen und zersank. + + Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, + Sauseluft um eiligen Ölgestank. + Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich + Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, + Wunden mit Maden. + Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten + Büschen krochen Beine hervor auf die + feinen Promenaden. + + In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag + New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem + harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben, + + Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen + sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil + Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der + Straßen + Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer + Riesenpusteln, + +Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; brauenlos runde Augen wie +von ertränktem Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig auf vom +Geruch, + +Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, O unsichrer Marsch der Halbtoten, +Nächtigen, ewig Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, Unterste, +Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten saugenden Dreck, tastender Zug in +spähender Unsicherheit, die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. Sie +sehen. + + * * * * * + +Sie sehen. + + * * * * * + +Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau über die Erde hin. Aber in +der Straße sahen sie den langen aufschießend flammenden Finger des Lichts. + +O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute mit harten Stiefeln? Das +himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter +Dächern auf. + + Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln + verboten, Eßwarenverkauf, + Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem + Fenster der Wechselbank, + Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank, + +Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch das +rot klafft, + + Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. + Eine Tabakpfeife pafft. + Eine Tür offen zu 'nem menschenleeren Kleiderladen, + Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden. + An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht. + Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht. + +Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, wie ein bleiches Rübenfeld +kraftlos von schlechtem Dung. + + Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der + Welt brach göttlicher Glockenschwung. + O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel + gefesselt und kahl, + Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten + gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl. + Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die + Winkel wie ein Klingelblitz das Licht. + Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein + Kellergesicht. + Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen + Dunkel gelegen, + Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons + mit buntem Bonbonregen. + Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen + zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da + dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt. + +Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen schrien über die Erde: die +Zeit ist erfüllt! + +Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten auf das Wunder und +waren stinkend verreckt. + + Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den + Magen geleckt. + +Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. Über Omnibushöhen lief das +Wunder auf die Köpfe hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden +Scherbendeich. + + * * * * * + +Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab es ewig Musik und warmes Essen +und das tausendjährige Reich! + + + + +DIE FEINDLICHE ERDE + + + Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter + hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber. + +In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende +Schenkel über schwere geile Rücken. + + Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle + Langhaare geigten. + Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles + auf Erden immer gleich bleibe. + Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel + am Weibe. + In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen + Kenner. + In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe + berühmter Männer. + +Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die +Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne. + +Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke +Riesenfinger. + + Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem + ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer. + Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen + Birne. + Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im + schwarzen hohlen Oval. + Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel + und Telegraphenstrahl. + Der Lampenschein strich klein durch die Straßen + wie Wurmaugen nachts im Korn. + Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand + saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen + Horn. + +Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund +um die Schimmelgrüne. + +Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile +Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne. + +Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen, +Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht. + + Aber der arme Mob schaute das Wunder und war + zur neuen Zeit aufgewacht. + Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten + Telegraphenstangen, + +Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel +marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen. + + + + +SIEG DER TRÄGHEIT + + + Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig + zur neuen Zeit und wußten nur dies. + +Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür schwoll +auf, klebrige Barrikaden liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie +ein gieriger Blutegelfries. + +Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige Mauer von +grauzitterndem Brei, + +Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und vergurgelte ihr +Geschrei. + + Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß + hinter ihnen sein triefendes Tor, + Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder + wie versinkendes Stroh im Moor. + Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein + schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul, + Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um + ein zahnloses saugendes Maul. + Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben + erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen + Schlauch. + O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht + im trägen riesigen Bauch! + +Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke Polizei auf dicken +Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen fiel? + +Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein schreiender Rohrteich, im +Londoner Mittagswind. + +In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die graugrüne Schloßkuppel +lag lieblich über dem leeren langen Platz. + +Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost drückten sie den Mob tot! + +Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit Wärtern und Prügelstrafen +gebaut wurden? + +In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische Galgenbäume. + +In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten so lang ins Gesicht, +Hunger und Heißfolterdurst, bis sie lieber im elektrischen Stuhl von +Sing-Sing starben. + +Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. Man schraubte +eiserne Wechselstromhelme an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen quetschte +man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen. + + Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die + Erde erreicht. + Das himmlische Licht war verschwunden schräg + zuckend über die spitzen Dächer hin. + Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der + geilen Städte. + Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren + mit Mappen unterm schwitzenden Arm, + Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch. + + O kleine Erde, was hast du vergessen! + Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen. + Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit + strahlendem Dorn, + Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische + Zorn. + Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen + Rund, + Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat + der geistige Bund. + + + + +DER MENSCH + + +Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen der rollenden Erde, +unter hockenden Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen der +runden Städte + +Sprang der Mensch in die Höh. + +O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, feste strahlende Säule +des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes! + + * * * * * + +Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die treibende Erde. + +Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein. Er schloß die +gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner Hände +warf wie eine blitzende Peitschenschnur den Kreis der Sterne. + +Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe an Veilchenbünden +unter der Glasglocke. + + Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf. + + Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen + durch die Welt, + Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, + Mensch, feurig durchscheinender! + In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende + Kugeln. + Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn, + Das lohende Denken zuckt durch ihn, + Schimmernder Puls des Himmels, Mensch! + O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer + im hellen Kristall. + Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende + Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende + Spiegel durch ihn, + +Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er schluckt und speit die +blauen, herüberschlagenden Wellen des heißen Himmels. + + Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des + Himmels, + Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine + Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen + O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken + im Blutfunkeln auf und nieder rinnt. + +Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich wildes Ausschwirren +von runden Horizonten hell wie die Kreise von Schneeflocken + + Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um + die Sterne des Himmels, + +Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kurven umher in der +Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den Bumerang +schnellt. + + In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend + wie Pulsschlag schwebt der Mensch, + Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn + rinnt, + Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, + der wiederkehrt, + +Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten, die sinkend +hinglühenden Linien auf schwarze Nacht: + +Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumenblätter, zackige +Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze +Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie Sonnenlichter. + + * * * * * + +Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine Fackelglieder und +gießt seine Hände weiß über die Erde aus, + + Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes + Metall. + + Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt + sich gebäumt), + Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut + hinauf, beschwert mit Erdraum: + +Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auftanzender Blumenstaub, +Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne Musik. + + O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab, + Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel + und spitz. + Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm + zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von + tausend Geschützen. + Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle + seines Willens umstrahlt ihn noch. + + Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf + wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust, + Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem + Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in + seiner Faust. + Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte + Trümmersturz und qualmender Brand. + Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das + himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt. + + + + +DIE STIMME + + + O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen + Stößen über die gewölbten Meere. + + O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in + den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne + Speere. + +O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden +Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord, +Epidemien: + + Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste + heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die + Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen + geschrien. + + * * * * * + + Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein + harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt. + +Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße +der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern, +unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt. + + Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei + Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach + neuen Fabriksystemen, + Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten + Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen. + Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag + und Nacht feine Wäsche waschen, + Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose + nach fortgeworfenen Speiseresten haschen. + +Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die +vieltönigen Wasserblasen aufkochen, + +Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft +müden Schleppern über geduckte Knochen. + + Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und + Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten + aus rissigen Flecken. + O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, + bevor alle zu Aas verrecken! + Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger + Werkstättenzeit, + Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und + der Haß, der naß bespeit. + Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier + aus bankrottierten Druckermaschinen, + Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den + roten Schächten der Coloradominen. + Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; + mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; + wenn der geplünderte Bauer sät; + +In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo +Polizei die Türen bespäht. + + * * * * * + + O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt! + + O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff + umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem + Tod Einer bekennt. + + O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, + die Stimme gurgelt im Glücksgesang. + + O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, + Volkschoral, daß der Saal mitschwang. + + O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit + klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde + zählt. + + O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie + Eulenaug geht, und Effekte wählt. + + O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen + hastig Propaganda treibt. + + O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen + Briefe und Werbelisten schreibt. + + O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal + einem Guten die Hand drücken mocht. + + O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in + einem Satz sich prasselnd verkocht. + + Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden + Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im + Australischen Strauch. + + O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, + und sie öffnen sich auch! + + * * * * * + + Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über + den Strand und zurück. + +Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen +Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer +dasselbe Stück. + + Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige + schmuggelten verbotene Zeitungen über die + Grenzen, + Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn + der Lehrer mit neuem Wissen glänzen. + Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von + Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten + Flaschenposten. + +In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende +Abendlicht zu kosten. + + + + +DIE FRÜHEN + + + Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft + der Erde in Menschengebein. + +Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln +und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um. + +O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das +Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer +rußigen Geburt. + +Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über +die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen, + +Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie Perlengekicher von den +Fenstern der steinernen Parlamente. + +O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige +Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen: + + O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten + Körper rollt, + +O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad, +Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm! + + Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der + ganz Armen. + Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein + feister schwarzer Ball. + O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische + Licht. + + O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige + Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht! + Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte + Dunkelheit über die Augen schattet! + Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die + starre gefräßige Mord-Erde, + O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten + in Brand, + Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen + Hand in alle Höhlungen des schimmernden + Himmels, + O Gottes brennender Finger sein, der das Träge + winzig zerstäubt, + +O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des +Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden +Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum! + +Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen! + +Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört Deine +Finsternisse, und Du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum +langen gewölbten Himmel? + +Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge +Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt. + +Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer +flohen erschreckt. + + In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden + Autos niedergeschossen. + Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen + das ärmliche Haus der Genossen. + (O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, + Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in + hundert Pogromen, + +Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finsterer Synagogenhimmel, +der entschwebt; das Licht floß zu Euch.) + + Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, + oder krepierten in den Flammen. + +O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie +assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen +Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen. + +Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand, +in den Kleidern Läuse und Kot. + +Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im +Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod! + + Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten + keinen Hall. + Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den + neuen Ball. + Die Menschenkugel zersprang. + O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann + dauert der Krieg nicht mehr lang! + + + + +DIE ANKUNFT + + +Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in +ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären, + + Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder + zu nähren. + Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm + stehen müssen, + Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und + Träumen von Maschinengewehrschüssen, + Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, + wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht, + Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen + schwellt, wenn das Wunder durch die + Straßen geht, + + Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das + Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt: + + Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den + Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie + Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt. + Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über + Dächer in Euer Bleichblut schien. + Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das + Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin. + Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch + entscheidet hinter Bibliothekstischen, + + Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am + Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen. + Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, + Ihr Soldaten in den Leichenrohren der + Erde hinter pestigen Aasbarrikaden, + + Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern + Kameraden; + Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind, + Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, + reiche Frauen ohne Kind, + + Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen + den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika, + + Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche + Mensch. Und das himmlische Licht ist nah. + + Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf + hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes + Tier. + + Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch + blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr. + +Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut +und sternscheinendem Diamant. + +Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus +Eurer Hand. + +Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger +Menschenmund, Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes +Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund. + + * * * * * + + Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn + Sie wüßten, wie wir geliebt werden! + + Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir + sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden. + + O wir müssen den Mund auftun und laut reden + für alle Leute bis zum Morgen. + Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder, + Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser + Bruder! + Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder! + + O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit! + O springt aus den violetten Grotten, wo Eure + Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend + schlürfen! + + Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, + sei Euer runder Mund zum Licht! + Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt + den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub! + Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen + Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer + Mund ihn beschwört! + O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel + über dem Feuerhauch Eures lächelnden + Mundes auf und ab tanzte! + O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge + wie Wolldocken bläst! + +Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den +Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt! + +Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen +nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt! + + * * * * * + +Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie, +wie Frauen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel. + +Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das +Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl, + +Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz +wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen. + +Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen! + +Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und +Feuerbrand. + +Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue +irdische Land. + + Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht + zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß. + + O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. + Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den + ersten göttlichen Gruß. + + + + +INHALT: + + + Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein 5 + Geburt 7 + Das Licht 13 + Dieser Nachmittag 17 + Die feindliche Erde 21 + Sieg der Trägheit 23 + Der Mensch 27 + Die Stimme 31 + Die Frühen 37 + Die Ankunft 41 + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT *** + +***** This file should be named 44436-8.txt or 44436-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/3/44436/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License available with this file or online at + www.gutenberg.org/license. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/44436-8.zip b/old/44436-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c97d0bf --- /dev/null +++ b/old/44436-8.zip diff --git a/old/44436-h.zip b/old/44436-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..118c277 --- /dev/null +++ b/old/44436-h.zip diff --git a/old/44436-h/44436-h.htm b/old/44436-h/44436-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ce9733d --- /dev/null +++ b/old/44436-h/44436-h.htm @@ -0,0 +1,1847 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Das himmlische Licht" --> + <!-- AUTHOR="Ludwig Rubiner" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, Leipzig" --> + <!-- DATE="1916" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; 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Haberland in Leipzig-R.<br /> +September 1916 als dreiunddreißigster Band<br /> +der Bücherei „Der jüngste Tag“ +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag • Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<h1 class="title" id="part-2"> +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +DAS HIMMLISCHE LICHT +</h1> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +DAS HIMMLISCHE LICHT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.</p> + <p class="line">Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schmerzensgesicht,</p> + <p class="line">In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten die Erde nicht mehr,</p> + <p class="line">Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.</p> + <p class="line">Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.</p> + <p class="line">Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. Ich will Sie aufrufen.</p> + <p class="line">Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.</p> + <p class="line">Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden Atem Gottes aus der Erde.</p> + <p class="line">Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.</p> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> + <p class="line">Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.</p> + <p class="line">Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-2"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +GEBURT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,</p> + <p class="line">Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.</p> + <p class="line">Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.</p> + <p class="line">Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.</p> + <p class="line">Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.</p> + <p class="line">Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.</p> + <p class="line">Wehe, wer nicht sehen wollte!</p> + <p class="line">Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.</p> + <p class="line">Die Tage erblichen für die glühenden Abende.</p> + <p class="line">Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,</p> + <p class="line">Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.</p> + <p class="line">Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.</p> + <p class="line">Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,</p> + <p class="line">Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.</p> + <p class="line">Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.</p> + <p class="line">Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.</p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> + <p class="line">Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,</p> + <p class="line">Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;</p> + <p class="line">Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.</p> + <p class="line">Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.</p> + <p class="line">In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.</p> + <p class="line">Wir wußten, daß es andere Länder gibt.</p> + <p class="line">In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.</p> + <p class="line">In den Variétés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.</p> + <p class="line">Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.</p> + <p class="line">Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf den Asphalt.</p> + <p class="line">Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.</p> + <p class="line">Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.</p> +</div> + +<p> +Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen +schoben frisch geschminkt weiße Weiber mit +dicken Bäuchen. +</p> + +<p> +Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern +und verklebten Photographien. +</p> + +<p> +Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem +Kies, Bänke, selige Hotels. +</p> + +<p> +Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen +mit den frierenden kleinen Hunden. +</p> + +<p> +Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, +weihevoll. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> + <p class="line">Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im Strahl schwebten auf Nebengassen.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.</p> + <p class="line">Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren. Niemand sah Sie an.</p> + <p class="line">Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.</p> + <p class="line">Die Menschen gingen schwer.</p> + <p class="line">Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.</p> + <p class="line">Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.</p> + <p class="line">Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,</p> + <p class="line">Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:</p> + <p class="line">Flammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.</p> + <p class="line">Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,</p> + <p class="line">Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.</p> + <p class="line">Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.</p> + <p class="line">Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände</p> + <p class="line">Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.</p> + <p class="line">Berlin, Ihr dachtet an Geld.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben alle Abend, ehe Silber und Blau kam.</p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> + <p class="line">Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.</p> + <p class="line">Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.</p> + <p class="line">Wir kannten uns nicht.</p> +</div> + +<p> +Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen +zum Lärmplatz. Gläserne Lichterkränze. +Greise Zauberclowns schrien in goldene Papp-Trompeten. +</p> + +<p> +Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, +in die feuchte Ringkämpferbude. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Damals liebte ich sie so.</p> + <p class="line">O wären wir ausgerückt!</p> + <p class="line">Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.</p> + <p class="line">Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussels.</p> + <p class="line">Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.</p> + <p class="line">Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.</p> + <p class="line">O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket</p> + <p class="line">(Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).</p> + <p class="line">Es war alles für uns und für die anderen gemacht,</p> + <p class="line">Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.</p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> + <p class="line">Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr</p> + <p class="line">Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr</p> + <p class="line">Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote Dienstmädchen träumen selig und taub,</p> + <p class="line">Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier Häuser in steinernem Staub.</p> + <p class="line">Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,</p> + <p class="line">Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines Wasserfalls strahlendes Rohr.</p> + <p class="line">Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.</p> +</div> + +<p> +Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde +Erdteile in Himmel und Licht, um unsere Glieder +floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir +wirbelten tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis. +</p> + +<p> +O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! +O Preis! +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-3"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +DAS LICHT +</h2> + +<p> +Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen +durch Yokohama: heut abend sind die bunten +Leuchtstraßen matt. +</p> + +<p> +Schmale Sterne der hellen Nacht gehn hinter +Fabriken auf. +</p> + +<p> +Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. +Gelbe Menschen kommen in schwarzen Röcken +wie aus einem Jungfrauenbad. +</p> + +<p> +Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des +Luxembourg aus dem Garten der Erde aufsprüht: +</p> + +<p> +Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, +die Menschen schaukeln in großen Betten, von Afrika +wehen weiße Tücher durch Palmenufer her. +</p> + +<p> +O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein +Bergwerk liegt die Stadt unterm fallenden Licht, +Diamanten über den Gitterluken der Bank von +England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, +sechstausend Mann morgens fünf in den Docks, +drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in +die Knie. +</p> + +<p> +Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, +Kiew, Nischny, Odessa, +</p> + +<p> +Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch +Moskau bebt wie ein roter Menschenwald von vielen +Glocken, o runde Dächerblüten, +</p> + +<p> +Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen, +Hoch von Spitzen und Kugeln grünes Fliehen über +kupfernen Tag. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte +hin zischt das Licht wie Riesenfunken von +elektrischen Schnellbahnen, +</p> + +<p> +Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch +hinüber, durch Kulistädte, Ghettos, Spiegelschein +in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling. +</p> + +<p> +Halt! +</p> + +<p> +Still und grell durch die donnernden Eisenschatten +der Brücke New York. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde +Friedrichstraße. +</p> + +<p> +Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog +das rote brennende Fenster himmelsoben zu uns +her, o unsere Herzen! +</p> + +<p> +Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, +häuserleuchtend. Die Zeit war neu. +</p> + +<p> +Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen. +</p> + +<p> +Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu +bauen Sonnentürme, +</p> + +<p> +Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, +schwebend, gläsern hinauf. +</p> + +<p> +Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter +zu uns über Schornsteinfassaden. +</p> + +<p> +O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut. +</p> + +<p> +Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, +(Wir kennen uns nicht!) bleich, stehenden Herzschlags, +niemand merkt was. +</p> + +<p> +Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu +denken? +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, +Ihr werdet essen, lesen, Nachrichten hören, +Ihr zählt Eure Stunden: +</p> + +<p> +Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht +durch das feurige Fenster der Erde! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten auf in Angst und sanken zurück.</p> + <p class="line">Die Fenster troffen dunkel trüb,</p> + <p class="line">Die Häuser blähten grau löckerig Teigwände.</p> + <p class="line">Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende Wasserpflanzen,</p> + <p class="line">Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben scheppernd nach Geld,</p> + <p class="line">Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem Aug, angesoffen und dick.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-4"> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +DIESER NACHMITTAG +</h2> + +<p> +An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster +offen, das faule Stroh wurde hinter den Polizeitritten +auf die Straße geschmissen und zersank. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, Sauseluft um eiligen Ölgestank.</p> + <p class="line">Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, Wunden mit Maden.</p> + <p class="line">Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten Büschen krochen Beine hervor auf die feinen Promenaden.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag</p> + <p class="linex">New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem</p> + <p class="linex">harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil Berlin, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der Straßen</p> + <p class="line">Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer Riesenpusteln,</p> +</div> + +<p> +Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; +brauenlos runde Augen wie von ertränktem +Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig +auf vom Geruch, +</p> + +<p> +Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen, +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +O unsichrer Marsch der Halbtoten, Nächtigen, ewig +Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, +Unterste, Sarglose, ewig Halbeingegraben in kalten +saugenden Dreck, tastender Zug in spähender Unsicherheit, +die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. +Sie sehen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Sie sehen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau +über die Erde hin. Aber in der Straße sahen sie den +langen aufschießend flammenden Finger des Lichts. +</p> + +<p> +O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute +mit harten Stiefeln? Das himmlische Licht +bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb +hinter Dächern auf. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,</p> + <p class="line">Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,</p> + <p class="line">Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,</p> +</div> + +<p> +Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut +mit ’nem Band, ein Loch das rot klafft, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. Eine Tabakpfeife pafft.</p> + <p class="line">Eine Tür offen zu ’nem menschenleeren Kleiderladen,</p> + <p class="line">Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.</p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> + <p class="line">An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.</p> + <p class="line">Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.</p> +</div> + +<p> +Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, +wie ein bleiches Rübenfeld kraftlos von schlechtem +Dung. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der Welt brach göttlicher Glockenschwung.</p> + <p class="line">O seliges Fliegen: Pustblumen im Hauch, die Stengel gefesselt und kahl,</p> + <p class="line">Die zitternden Heere zerlumpten Leibs reckten gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.</p> + <p class="line">Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.</p> + <p class="line">Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein Kellergesicht.</p> + <p class="line">Sie hatten wie sterbende Asseln wimmelnd im fauligen Dunkel gelegen,</p> + <p class="line">Sie stürzten heraus, als gäbs Kinderfest, gelbe Luftballons mit buntem Bonbonregen.</p> + <p class="line">Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.</p> +</div> + +<p> +Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen +schrien über die Erde: die Zeit ist erfüllt! +</p> + +<p> +Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten +auf das Wunder und waren stinkend verreckt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt.</p> +</div> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. +Über Omnibushöhen lief das Wunder auf die Köpfe +hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden +Scherbendeich. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab +es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige +Reich! +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-5"> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +DIE FEINDLICHE ERDE +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.</p> +</div> + +<p> +In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange +schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über +schwere geile Rücken. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.</p> + <p class="line">Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleich bleibe.</p> + <p class="line">Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.</p> + <p class="line">In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.</p> + <p class="line">In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.</p> +</div> + +<p> +Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer +fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen +krumm strähnig über der breiten flachen Stirne. +</p> + +<p> +Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen +steil wie dicke Riesenfinger. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.</p> + <p class="line">Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.</p> + <p class="line">Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.</p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> + <p class="line">Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.</p> + <p class="line">Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.</p> + <p class="line">Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.</p> +</div> + +<p> +Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen +wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne. +</p> + +<p> +Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen +noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen +voll Ranküne. +</p> + +<p> +Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, +Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich +auf ihre dampfende Nacht. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.</p> + <p class="line">Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,</p> +</div> + +<p> +Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken +zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie +mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-6"> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +SIEG DER TRÄGHEIT +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur neuen Zeit und wußten nur dies.</p> +</div> + +<p> +Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein +Schlammgeschwür schwoll auf, klebrige Barrikaden +liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe +wie ein gieriger Blutegelfries. +</p> + +<p> +Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an +die mächtige Mauer von grauzitterndem Brei, +</p> + +<p> +Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie +und vergurgelte ihr Geschrei. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß hinter ihnen sein triefendes Tor,</p> + <p class="line">Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder wie versinkendes Stroh im Moor.</p> + <p class="line">Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,</p> + <p class="line">Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um ein zahnloses saugendes Maul.</p> + <p class="line">Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen Schlauch.</p> + <p class="line">O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht im trägen riesigen Bauch!</p> +</div> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke +Polizei auf dicken Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen +fiel? +</p> + +<p> +Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein +schreiender Rohrteich, im Londoner Mittagswind. +</p> + +<p> +In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die +graugrüne Schloßkuppel lag lieblich über dem leeren +langen Platz. +</p> + +<p> +Wiehern in den Newski Prospekt, im Winterfrost +drückten sie den Mob tot! +</p> + +<p> +Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit +Wärtern und Prügelstrafen gebaut wurden? +</p> + +<p> +In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische +Galgenbäume. +</p> + +<p> +In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten +so lang ins Gesicht, Hunger und Heißfolterdurst, +bis sie lieber im elektrischen Stuhl von +Sing-Sing starben. +</p> + +<p> +Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. +Man schraubte eiserne Wechselstromhelme +an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen +quetschte man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die Erde erreicht.</p> + <p class="line">Das himmlische Licht war verschwunden schräg zuckend über die spitzen Dächer hin.</p> + <p class="line">Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der geilen Städte.</p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> + <p class="line">Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren mit Mappen unterm schwitzenden Arm,</p> + <p class="line">Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> + <p class="line">O kleine Erde, was hast du vergessen!</p> + <p class="line">Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.</p> + <p class="line">Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit strahlendem Dorn,</p> + <p class="line">Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische Zorn.</p> + <p class="line">Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen Rund,</p> + <p class="line">Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat der geistige Bund.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-7"> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +DER MENSCH +</h2> + +<p> +Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden +Drehen der rollenden Erde, unter hockenden +Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen +der runden Städte +</p> + +<p> +Sprang der Mensch in die Höh. +</p> + +<p> +O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und +Arme, feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende +Kugel des Kopfes! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die +treibende Erde. +</p> + +<p> +Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus +und herein. Er schloß die gebogenen Lider, der +Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner +Hände warf wie eine blitzende Peitschenschnur +den Kreis der Sterne. +</p> + +<p> +Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie +die Nässe an Veilchenbünden unter der Glasglocke. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die Welt,</p> + <p class="line">Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, feurig durchscheinender!</p> + <p class="line">In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln.</p> + <p class="line">Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,</p> + <p class="line">Das lohende Denken zuckt durch ihn,</p> + <p class="line">Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!</p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> + <p class="line">O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen Kristall.</p> + <p class="line">Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn,</p> +</div> + +<p> +Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, +er schluckt und speit die blauen, herüberschlagenden +Wellen des heißen Himmels. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,</p> + <p class="line">Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel auf dem schimmernden Springbrunnen</p> + <p class="line">O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.</p> +</div> + +<p> +Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft +um sich wildes Ausschwirren von runden Horizonten +hell wie die Kreise von Schneeflocken +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne des Himmels,</p> +</div> + +<p> +Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen +Kurven umher in der Welt, sie kehren zu +ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den +Bumerang schnellt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag schwebt der Mensch,</p> + <p class="line">Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,</p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> + <p class="line">Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt,</p> +</div> + +<p> +Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich +die abgesandten, die sinkend hinglühenden Linien +auf schwarze Nacht: +</p> + +<p> +Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf +wie Blumenblätter, zackige Ebenen im Feuerschein +rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze +Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie +Sonnenlichter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht +seine Fackelglieder und gießt seine Hände weiß über +die Erde aus, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes Metall.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich gebäumt),</p> + <p class="line">Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, beschwert mit Erdraum:</p> +</div> + +<p> +Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt +auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall. +Lange Töne Musik. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> + <p class="line">O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,</p> + <p class="line">Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel und spitz.</p> + <p class="line">Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von tausend Geschützen.</p> + <p class="line">Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle seines Willens umstrahlt ihn noch.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,</p> + <p class="line">Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in seiner Faust.</p> + <p class="line">Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte Trümmersturz und qualmender Brand.</p> + <p class="line">Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-8"> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +DIE STIMME +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen Stößen über die gewölbten Meere.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne Speere.</p> +</div> + +<p> +O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest +gegen Gott mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern, +Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, +Mord, Epidemien: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen geschrien.</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.</p> +</div> + +<p> +Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen +Negern, die demütig das Weiße der Augen drehen; +unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten +Bettlern, unter hungernden Juden, die das glitschige +Ghetto finster zusammenballt. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> + <p class="line">Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen,</p> + <p class="line">Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.</p> + <p class="line">Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag und Nacht feine Wäsche waschen,</p> + <p class="line">Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.</p> +</div> + +<p> +Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende +Schrei des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen +aufkochen, +</p> + +<p> +Sie sprang wie Windsand in stumme Münder +hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern +über geduckte Knochen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken.</p> + <p class="line">O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken!</p> + <p class="line">Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit,</p> + <p class="line">Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit.</p> + <p class="line">Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen,</p> + <p class="line">Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen.</p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> + <p class="line">Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;</p> +</div> + +<p> +In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre +Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> + <p class="line">O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.</p> +</div> + +<p> +Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, +bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, +sprachen geläufig wirksam immer dasselbe +Stück. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen,</p> + <p class="line">Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.</p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> + <p class="line">Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.</p> +</div> + +<p> +In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, +um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-9"> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +DIE FRÜHEN +</h2> + +<div class="poem"> + <p class="line">Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.</p> +</div> + +<p> +Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen +aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten +runde Augen und schauten sich um. +</p> + +<p> +O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel +wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige +Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer +rußigen Geburt. +</p> + +<p> +Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, +über die Cafés, über die stumpfen genährten +Armeen, über die zischelnden Börsenhallen, +</p> + +<p> +Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie +Perlengekicher von den Fenstern der steinernen +Parlamente. +</p> + +<p> +O hinauf! Schweben über der satt glucksenden +Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen +den gefletschten Zähnen: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,</p> +</div> + +<p> +O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch +über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse, +fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm! +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> + <p class="line">Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen.</p> + <p class="line">Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball.</p> + <p class="line">O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!</p> + <p class="line">Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet!</p> + <p class="line">Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde,</p> + <p class="line">O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand,</p> + <p class="line">Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels,</p> + <p class="line">O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,</p> +</div> + +<p> +O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit +mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft, +zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden +Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum! +</p> + +<p> +Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor +dem Bruder des Menschen! +</p> + +<p> +Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des +Menschen zerstört Deine Finsternisse, und Du zerplatzest +in leuchtende stille Trümmerflocken zum +langen gewölbten Himmel? +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts +Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren +ein, unentdeckt. +</p> + +<p> +Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag +in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen.</p> + <p class="line">Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus der Genossen.</p> + <p class="line">(O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen,</p> +</div> + +<p> +Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein +finsterer Synagogenhimmel, der entschwebt; das +Licht floß zu Euch.) +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.</p> +</div> + +<p> +O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer +stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm +unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das +Menschengeschlecht unten zusammen. +</p> + +<p> +Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie +kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse +und Kot. +</p> + +<p> +Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht +schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der +kam. O Tod! +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> + <p class="line">Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall.</p> + <p class="line">Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball.</p> + <p class="line">Die Menschenkugel zersprang.</p> + <p class="line">O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2-10"> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +DIE ANKUNFT +</h2> + +<p> +Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige +Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von +Soldaten gebären, +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.</p> + <p class="line">Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen,</p> + <p class="line">Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,</p> + <p class="line">Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,</p> + <p class="line">Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.</p> + <p class="line">Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.</p> + <p class="line">Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.</p> + <p class="line">Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.</p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> + <p class="line">Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;</p> + <p class="line">Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,</p> + <p class="line">Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.</p> +</div> + +<p> +Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, +Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem +Diamant. +</p> + +<p> +Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch +schwillt neu die Erde aus Eurer Hand. +</p> + +<p> +Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt +’rück Euer riesiger Menschenmund, +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Leute bis zum Morgen.</p> + <p class="line">Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,</p> + <p class="line">Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!</p> + <p class="line">Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!</p> + <p class="line">O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!</p> + <p class="line">Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!</p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> + <p class="line">Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört!</p> + <p class="line">O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!</p> + <p class="line">O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!</p> +</div> + +<p> +Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten +Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß +aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd +quillt! +</p> + +<p> +Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden +Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh +hinaus ihr Menschenmund schrillt! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p> +Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen +Schlaf tun. O träumen Sie, wie Frauen Sie betrogen; +Ihre Freunde verließen Sie scheel. +</p> + +<p> +Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen +Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen +Mordbefehl, +</p> + +<p> +Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen +sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben +an erschreckten Ziergesträuchen. +</p> + +<p> +Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf +im eisernen Keuchen! +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht +ums Rund in Kometen und Feuerbrand. +</p> + +<p> +Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. +Und Sie bauen das neue irdische Land. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.</p> +</div> + +<div class="poem"> + <p class="line">O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.</p> +</div> + + +<div class="toc"> + +<h2 class="chapter">INHALT:</h2> + + +<table summary="TOC" style="margin-left:auto; margin-right:auto;"> +<tbody> + <tr><td class="left">Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">5</a></td></tr> + <tr><td class="left">Geburt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">7</a></td></tr> + <tr><td class="left">Das Licht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">13</a></td></tr> + <tr><td class="left">Dieser Nachmittag</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">17</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die feindliche Erde</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">21</a></td></tr> + <tr><td class="left">Sieg der Trägheit</td><td class="right"><a href="#chapter-2-6">23</a></td></tr> + <tr><td class="left">Der Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">27</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Stimme</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">31</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Frühen</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">37</a></td></tr> + <tr><td class="left">Die Ankunft</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">41</a></td></tr> +</tbody> +</table> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das himmlische Licht, by Ludwig Rubiner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HIMMLISCHE LICHT *** + +***** This file should be named 44436-h.htm or 44436-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/3/44436/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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