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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die kleine Stadt + Roman + +Author: Heinrich Mann + +Release Date: November 13, 2013 [EBook #44174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + + + Heinrich Mann + + + Die + kleine Stadt + + + Roman + + + + + Erschienen + im Insel-Verlag · Leipzig 1909 + + + + + + + + +I + + +Der Advokat Belotti trat schwänzelnd an den Tisch vor dem Café »zum +Fortschritt«, wischte mit dem Taschentuch um seinen kurzen Hals und sagte +erstickt: + +»Die Post hat wieder Verspätung.« + +»Jawohl«, machten Apotheker und Gemeindesekretär; und da nichts +Tatsächliches mehr zu sagen blieb, schwiegen sie. Der Reisende warf hin: + +»Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?« + +Die andern stießen unwillig den Atem aus. Der Leutnant der Carabinieri +legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden handelte, die große +Sicherheit der Straßen dar. Zwei seiner Leute begleiteten stets zu Pferde +die Post, und nur einmal hatten sie einzugreifen gehabt. Damals wollte ein +Bauer seinen Platz nicht bezahlen und zog gegen den Kutscher das Messer. + +»Solche Leute haben wenig Erziehung«, erklärte der Leutnant. + +»Ein langweiliges Handwerk, das eure«, rief der Apotheker Acquistapace mit +seiner braven Stimme. + +»Betrunkene aus dem Graben ziehen und eine entlaufene Kuh zurückscheuchen. +Als wir dabei waren, gings anders zu. Wie, Gevatter Achille?« + +Der Wirt rief von drinnen: »Zugegen.« + +Er stampfte heraus, stützte die Last seines Bauches auf eine Stuhllehne und +wartete mit offenem Munde, worin die Zunge umherrollte. + +»Wie, mein Alter?« und der Apotheker klopfte ihn auf den Bauch, »vor +unseren Füßen ist manche Granate geplatzt. In Bezzecca wars, als gleich bei +uns beiden der General Garibaldi selber stand. Die Granate platzt, wir +springen zurück, versteht sich; der General aber rührt sich nicht; er sieht +in den Dampf, als ob er sinnt. >Keine Furcht, Freunde<, sagt er zu uns, +und, Achille, wir hatten keine mehr.« + +»Das ist die reine Wahrheit«, sagte der Wirt; und mit Wucht: »Der General +war ein Löwe.« + +»Er war ein Löwe«, wiederholte der andere Alte, fuhr mit der Hand durch +seinen riesenhaften Schnauzbart und sah alle von oben an. Plötzlich machte +er sich klein und tat eine Gebärde, als streichelte er ein Kind. + +»Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, wie ein Engel. +Manches geschah, wie, Gevatter? was er nie erfahren hat. Alle wußten, daß +jener Nino ein Weib war, nur der General nicht.« + +Der Advokat Belotti fragte: »War er eigentlich ein schönes Weib, jener +Nino?« + +Der Apotheker zischte leise. »Solche Frauen gibt es nicht mehr! Und als ihr +Geliebter gefallen war, da kams heraus, daß sie eine war. Aber sie verließ +uns darum nicht. Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie +mitgezogen war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!« + +Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. Der Wirt lachte +lautlos, daß sein Bauch den Stuhl umherwarf. Sein Sohn, der schöne Alfò, +war herzugetreten, der junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom +Barbier her über den Platz gekommen; -- und alle, alle hatten, wie der Alte +endete, ein neidisches Gesicht. + +Gleich darauf erinnerten sie sich, daß die Geschichte sehr alt war und daß +sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, wie sie die Hühnerlucia kannten. +Ihre Stunde war da: schon klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem +Café. Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, mit ihrer +Nase, die schärfer war als die Hühnerschnäbel, flügelschlagend mit ihren +langen Armen, scheuchte sie das Federvieh zum Brunnen und ließ es aus der +Pfütze trinken. Die Kinder kreischten um sie her, stießen sie, zupften an +ihr und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen wie ein +großes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. Ringsum gingen +Fensterläden auf; an der Ecke schräg vor dem Café drängten über den Arkaden +des Rathauses drei Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke +Mama Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar streckte +Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, den Kopf heraus, und dem Advokaten +Belotti schien es, daß sie ein neues Halstuch trage. Er überlegte nicht +ohne Unruhe, wer ihr nun das wieder geschenkt haben könne. Inzwischen +schloß die Kleine ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hühnerlucia und +all ihr Lärm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der Platz schlief +weiter in seiner weißen Sonne, winklig beleckt von den Schatten. Der des +Palazzo Torroni, am Eingang des Corso, lief spitz hinüber zum Dom, und vor +der buckligen Kirchenfront malten die beiden säulentragenden Löwen ihr +schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der Schatten des +Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben dem Turm aber wich das Dunkel +zurück, tief in den Winkel, worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede +wußte. Kaum daß die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; -- hinter +einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer dort stand, die +Unsichtbare, das Rätsel der Stadt: Evangelina Mancafede, die niemals +ausging und dennoch alles wußte, was geschah, es früher als alle wußte. In +der Stadt tat jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch +alle Häuser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel hervor, +hindurchsehen zu können: nur eins verdeckte ihr der Turm, den Palazzo +Torroni. Auch hieß es, daß sie von dort nichts wissen wollte, daß ihr Vater +und ihre Magd -- denn sonst erblickte niemand sie -- den Namen des Barons +vor ihr nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere +geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war damals +vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreißig. »Eine schöne Frau«, +wisperte der Advokat dem Reisenden ins Ohr. »Vom Stillsitzen soll sie +junonische Formen bekommen haben.« + +Seine Hände, die diese Formen nachbilden wollten, ließ er rasch wieder +sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende fragte: + +»Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?« + +»Was denken Sie!« + +Alle bekamen gekränkte Mienen. + +»Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann läßt er ihr schöne Kleider +kommen, sogar von Rom her, denn schließlich ist sie das reichste Mädchen +hier und hätte hunderttausend Lire mitbekommen; lädt ihre ehemaligen +Freundinnen ein, bestellt den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da, +der Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina in ihren +schönen Kleidern steigt die Treppe hinab. In der Mitte aber hält sie an, +sagt >Nicht heute, ein anderes Mal< und geht zurück in ihr Zimmer.« + +Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinüber nach dem geheimnisvollen Hause. +Unten, wie in schwarzer Höhle, glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging +der Kaufmann hin und her: langsam immer hin und her. Die Gäste des Cafés +»zum Fortschritt« konnten ihm zusehen und bei seiner Bewegung fühlen, daß +die Zeit vergehe. + +Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm eingetreten: der Junge +des Gastwirtes Malandrini. Was konnte bei Malandrini vorgefallen sein? +Gewiß handelte es sich um die Frau, die der Tabakhändler erst gestern mit +dem Baron Torroni in ziemlich verdächtiger Unterhaltung gesehen hatte. Wer +weiß, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. »Nun --?« und alle Blicke +sogen an dem alten Acquistapace, der, sein hölzernes Bein schwingend, +zurückkam. + +»Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.« + +Alle Köpfe senkten sich. + +»Wenig Bewegung ist hier am Ort«, sagte der Leutnant der Carabinieri zu dem +Reisenden und nickte hinüber, wo sich der Kaufmann Mancafede hin und her +bewegte. Der Reisende wollte höflich den Ort entschuldigen, aber der +Advokat Belotti sagte erstickt: + +»Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine Stunde Verspätung hat! +Sonst sähe hier vielleicht alles anders aus. Denn schließlich -- sagen wir +nur die Wahrheit! -- können doch jeden Tag die größten Dinge geschehen. Die +Stadt steht vor Ereignissen, die . . .« + +»-- nicht eintreten«, schloß der Gemeindesekretär und lehnte sich zurück, +um seine Taille zu zeigen. + +»Wer sagt Ihnen das?« + +Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte. + +»Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und muß ich nicht als +erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage ich, geschehen kann?« + +»Bevor die Post da ist?« + +»Die Post! Die Post, mein Herr, war schon öfter da. Die Post hat zum +Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, mir dem Vorsitzenden des +Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla gebracht, +mit der gütigen Erlaubnis der Frau Fürstin, das Schloßtheater zu benutzen +für die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, hierher zu +verschreiben gedächten. Und das war bereits kein geringer Erfolg, wenn Sie +bedenken --« + +Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben Finger, die ihn +älter machten als sein Gesicht, reckte er hinter sich, wo die Treppengasse +zum Kastell hinaufbog. + +»-- daß das Theater seit fünfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig und +dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nämlich seit der Vermählung des armen +Fürsten . . .« + +»War die Vorstellung gut, Advokat?« fragte beißend der Gemeindesekretär. +»Sie haben doch schon damals den Impresario gemacht? Denn wann waren Sie +untätig? Gewiß nicht einmal in den Windeln.« + +Und der Advokat, mit verächtlichem Achselzucken: + +»Des armen Fürsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. Darum darf ich auch +die Bewilligung unseres Gesuchs mir ganz persönlich zuschreiben und dem +Umstande, daß ich der Sachwalter der Frau Fürstin bin.« + +»Aber der Kapellmeister?« fragte sein Gegner. »Sollte nicht auch er einiges +Verdienst haben? Alfò, sage unserm Freunde, ob du und die andern alle in +der >Armen Tonietta< eure Instrumente spielen könntet, wenn nicht unser +Maestro Dorlenghi wäre!« + +»Wer leugnet seine Tüchtigkeit? Übrigens zahlt die Gemeinde ihm hundert +Lire monatlich und die Kirche fünfzig. Aber scheint es den Herren nicht, +daß wir auf die Künstler, die er uns verschaffen wollte, recht lange warten +müssen?« + +»Ich wette, daß sie heute in der Post sitzen werden!« rief der Apotheker. +Der Advokat bezweifelte es. + +»Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich noch selbst nach +ihnen umsehen müssen. Wer weiß, wohin ich fahren werde: bis nach Rom +vielleicht.« + +»Aber Advokat,« sagte der Gemeindesekretär, »was verstehen Sie vom +Theater?« + +»Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, daß ich in einer Stadt wie Perugia +studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine Truppe von Komödianten, und +wir Studenten verkehrten mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht +anders, als ich mit Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies +Wort, die Choristinnen . . . Natürlich hatte auch die Primadonna den ihren, +aber man mußte reich sein, sehr reich; ich erinnere mich, ein Herr aus der +Stadt gab ihr dreihundert Lire im Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert +Lire für eine Frau!« + +Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blühte er auf. Er +öffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine Weste darunter war. Die Arme in +der Luft gerundet, mit rauhen gelben Manschetten, die bis über die +Korallenknöpfe herausfielen, und mit einer Flüsterstimme, aus der manchmal +ein heiseres Bellen brach: + +»Aber so ist die große Welt: man muß sie kennen. Die Herren Künstler sind +die großartigsten von allen. Man hat keinen Begriff von dem Leben, das +diese Schauspieler und Literaten führen. Jede Nacht Champagner, schöne +Weiber, soviel sie mögen, und nie vor zwölf aus dem Bett.« + +»Als ich in Forlì stand,« sagte der Leutnant der Carabinieri, »zeigte man +mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. Freilich war er ein +Deutscher.« + +»Wozu auch,« schloß der Advokat, »da sie spielend mehr Geld verdienen, als +sie brauchen, und keine Sorgen haben. Für uns Bürger ists anders +eingerichtet auf der Welt. Aber es ist nicht übel, daß es auch Menschen +gibt, die ein so leichtes Leben haben, nach Herzenslust über die Stränge +schlagen dürfen und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der Art +hier bei uns, wird es lustig werden.« + +»Das kann nicht schaden!« rief der Apotheker. Gleich darauf hielt er sich +den Mund zu und schielte nach seinem Hause hinauf. Man lächelte. Er +entschuldigte sich. + +»Immer sind Leute in der Nähe, die es mit den Priestern halten.« + +Der Advokat behauptete: + +»Wenn wir uns die Komödianten nicht zu unserm Vergnügen kommen ließen, +sollten wir es tun, um die Priester zu ärgern.« Der Gemeindesekretär hob +die Schultern, der Wirt aber sagte dröhnend: + +»Sind wir denn noch immer unter dem Papst?« + +Man schrie: »Bravo, Achille!« -- und dahinten sah man aus der Kathedrale +über den Corso und in den Palazzo Torroni eine schwarze Gestalt huschen. +Der Apotheker seufzte. + +»Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da kann man sich dann +nicht rühren, ohne daß es weh tut. Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine +Frau, die es mit den Priestern hat!« + +Der Advokat stellte die Hand an den Mund. + +»Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat mir heimlich, Sie +verstehen: unter einem Decknamen seinen Beitrag geschickt für das Theater.« + +Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger auf die Lippen +und machte eine Pause. Dann: + +»Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, daß wir den des alten Nardini +verschmerzen können.« + +»Eine schöne Familie, die Nardini« -- und der Apotheker stieß den Stock +aufs Pflaster. + +»Ihre Mitbürger halten sie ihres Verkehrs nicht würdig, nie wollten sie dem +Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins Kloster!« + +»Noch ist sie nicht darin«, sagte der junge Savezzo, mit plumper Eleganz an +das Haus gelehnt. »Und als ich im Klub meinen Vortrag über die Freundschaft +hielt, hat sie ihre Magd hingeschickt und sich darüber berichten lassen.« + +»Ah, Totò möchte sie draußen behalten.« + +Unter den spöttischen Blicken begann das linke Auge des jungen Menschen auf +seine pockennarbige Nase zu schielen. Der schöne Alfò, des Wirtes Sohn, +sagte: + +»Ist sie schön, die Alba!« + +Dann sah er unbeirrt und eitel umher. + +»Ihr beide werdet keinen Erfolg haben« -- und der Gemeindesekretär lachte +auf. »Hat doch nicht einmal der Severino Salvatori sie bekommen, obwohl er +mit einem Korbwagen umherfährt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift +verlangt. Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als +fromm.« + +»Auch fromm ist er«, versicherte Savezzo. »Und wohltätig. Der alte Brabrà +lebt ganz vom Nardini, seit dreißig Jahren bald. Jeden Sonntag nach der +Messe wird dort unten in Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba +selbst tut es.« + +»Alba selbst«, wiederholte Alfò. + +»Aber als ich ihm die Liste brachte,« sagte der Advokat mit steilem Finger, +»wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet hat?« + +Alle wußten es, ließen sich aber gern zum zehntenmal dadurch aufbringen. + +»Er hat mir geantwortet: wenn er dafür zahlen solle, daß die Komödianten +fortbleiben, dann wolle er zahlen.« + +Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der andern war stürmisch. +Da sagte der schöne Alfò, und das einfältigste Lächeln legte seine weißen +Zähne frei: + +»Dennoch will ich Alba heiraten.« + +Niemand würdigte ihn einer Entgegnung. + +»Auch seinen Wasserfall«, erinnerte sich der Gevatter Achille, »hat er der +Stadt ein wenig teuer verpachtet.« + +»Unsere Schuld« -- und der Gemeindesekretär hob die Schultern; »ich war +gegen die Elektrizitätsanlage und bin es noch. Aber man hört nicht auf +mich«, sagte er mit einem Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft +warf. + +»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« schrie er keuchend. + +»Und wem verdanken wir ihn,« antwortete der junge Savezzo, »als einzig dem +Advokaten?« + +»Ist es einer Stadt wie der unsrigen würdig,« fragte der Advokat weiter, +»die öffentlichen Plätze mit Petroleum zu erleuchten? Und wie sollen wir +vor den Fremden dastehen, die uns besuchen werden, wenn unsere +Theatersaison begonnen hat?« + +»Versteht sich«, machten die andern; nur der Sekretär schüttelte die +zusammengelegten Hände. + +»Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, müssen wir elektrisches +Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder Turin das Verfassungsfest +feiern, mußten wir in einem Feuerwerk fünftausend Lire abbrennen. So zieht +eine Tat des Größenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich +voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Bürgermeister, den +würdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus nicht mehr verläßt, trifft +keine Schuld: sie trifft nur einen!« + +Und er stieß mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich auf dem Stuhl +umherwarf. + +»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« + + * * * * * + +Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr: + +»Mir scheint, ich höre sie knarren.« + +Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und Alfò stürzten an die +Hausecke und spähten die Gasse hinab. Plötzlich schrien sie durch die +gerundeten Hände: + +»He! Masetti! Langsamer!« + +Und unter wütendem Peitschenknallen hörte man die Post drunten auf der +Landstraße vorbeirasseln. Indes sie den Bogen zum Tor machte, wurden +Masettis phantastische Verspätungen aufgezählt; er habe keine Eile, zu +seiner Frau zu kommen; -- und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu +pfeifen. Die beiden Carabinieri ließen sich von ihren Pferden herab und +hoben die Dreimaster, um sich die Köpfe zu trocknen. Die Diligenza fuhr mit +Krachen beim Postamt vor: da zeigte sich, daß sie ganz gefüllt war. Drinnen +saßen acht Personen, und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener +Mann mit einem Cäsarenprofil, den der Handlungsreisende fast für einen +Berufsgenossen gehalten hätte. Nur hatte er blaurasierte Wangen und +Bewegungen von unbekannter Spannkraft und Form. + +Kaum daß die Pferde stillstanden, stürzten über die Füße der andern hinweg +zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so daß die Kreuze der Rosenkränze von +ihren Hüften aufflogen, nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein +schöner bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah. + +»Nello!« rief eine Frauenstimme. »Hilf mir heraus!« + +»Laß lieber mich«, sagte ein hagerer Alter, weiß angezogen und rascher als +ein Jüngling; -- und er streckte eine faltige Hand aus, worauf ein großer +Brillant blitzte. + +Der Advokat bemerkte: + +»Aber das sind sie! Das sind die Komödianten. Ich als Vorsitzender des +Komitees muß sie begrüßen.« + +Er erhob sich und schwänzelte über den Platz. Die andern folgten im +Abstand. + +Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber wer sie von +hinten unter den Armen hielt -- der Advokat mußte auf halbem Wege stehen +bleiben -- das war, mit dem blonden Schnurrbart über dem roten Gesicht, der +Baron Torroni! Er wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die +Vogelschnäbel; und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines +unansehnliches Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, und die +Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen und dennoch bestürzten +Gesicht, kam der Tabakhändler Polli. + +»He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen?« rief der Apotheker. + +Der Tabakhändler gesellte sich ihnen zu. + +»Ach ja, das fragt nur! Die eine hätte mir fast einen Kuß gegeben: jene +große Schwarze.« + +»Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben!« meinte der Advokat. + +»Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in dem alten +Karren erzählt worden! Ich möchte wissen, ob die beiden Nonnen sie schon +kannten. Immer lauter haben sie gebetet, -- und seht nur, wie sie laufen!« + +»Wozu müssen diese heiligen Unterröcke immer unterwegs sein?« fragte der +Advokat. »Auf allen Straßen sieht man nur sie.« + +Polli raunte: + +»Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!« + +Die Gruppe der Bürger schielte zu den Komödianten hinüber. Der Advokat fand +es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, mit ihnen anzuknüpfen. Der +untersetzte Mann vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, ließ +den Kutscher das Gepäck herabheben. Den übrigen schüttelte der Baron +Torroni die Hände. Er versprach, ihnen seine Vögel ins Gasthaus zu +schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen und brach sich +einen Weg durch die Kinder und Mägde, die herumstanden. Wie er in seinen +Ledergamaschen auf sein Haus zuging, schlüpfte eine schwarze Gestalt heraus +und in die Kirche. + +Mehrere Geschäftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen zu sehen. +Der Kaufmann Mancafede bemühte sich längst um die seinen. Trotz aller +Spätsommerhitze war er in seiner dicken braunen Jacke. Das gewölbte Auge in +seinem alten Hasenprofil suchte ängstlich und zäh unter den Körben dort +oben. + +»Und das Petroleum?« fragte er gelassen und richtete seinen trockenen +Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat droben einen erbosten Sprung. Er +schrie hinab, für so viel Mühe sei er nicht bezahlt; diese Fremden hätten +Gepäck für einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit Leuten und +Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch das Petroleum sein. Und +durch den abfälligen Empfang, der ihm bereitet worden war, noch tiefer +gefärbt als sonst, schwenkte er die ausgebreiteten Arme tobend über der +Menge, vor dem blauen Himmel. + +Der Kaufmann prüfte ihn blinzelnd und wandte sich an den Tabakhändler. + +»Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.« + +Der Tabakhändler rötete sich. + +»Sagt die Evangelina es?« + +»Ja«, erklärte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit. + +»Und dann sagt meine Tochter auch, die Komödianten werden kommen . . . Das +sind sie wohl?« -- und zum erstenmal schien er sich umzusehen. + +»Meine Lina weiß, daß der berühmte Tenor Giordano dabei ist.« + +Plötzlich drehte der weiß angezogene Alte sich um. Leicht und doch groß +sagte er: »Das bin ich: der Cavaliere Giordano.« + +Ein Augenblick, und der Advokat war über die Hand des alten Sängers +hergefallen. + +»Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch unserer +Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. Wir verkehrten beide im +Café »zur alten Treue.« Wir spielten Domino, und ich besiegte Sie immer, +Sie zahlten all meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja, +das sind wohl dreißig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! Der +Ruhm, die Frauen, die großen Reisen! Das nenne ich Leben. Hier in der +kleinen Stadt: -- nun, Sie werden uns kennen lernen; auch wir können lustig +sein, auch wir wissen die Kunst zu schätzen. Meine Freunde werden glücklich +sein, Sie kennen zu lernen.« + +Er winkte sie herbei. + +»Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem Sie die Reise +gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anführer unserer bewaffneten +Macht . . .« + +Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretär, vorstellen zu müssen, +griff er aus den Umstehenden einen andern heraus. + +»Herr Chiaralunzi, höchst geschickter Schneider, der im Orchester das +Tenorhorn blasen wird.« + +»Und wie!« meckerte das hämische Stimmchen des Barbiers Nonoggi. + +Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich langsam und +ehrlich die Fremden an, -- und dann verbeugte er sich mit Wucht, daß die +Spitzen seines hängenden, rostroten Schnurrbartes schaukelten vor dem +kleinen unansehnlichen Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes +ihre Kameraden zusammen flüsterten und lachten, ganz allein; durch die +Taschenwände sah man, daß sie Fäuste machte; und ihre weit voneinander +entfernten Augen gingen kalt über die wachsende Menge, als prüfte eine +Macht die andere. Beim Anblick des vor ihr gekrümmten Schneiders bekam sie +unvermutet ein Kinderlächeln und gab ihm eine kleine graue Hand. + +Darauf schüttelte er die Rechte des alten Tenors, der über die andern +Sänger eine Gebärde beschrieb, ohne daß er dabei hinsah: wie ein Fürst, der +sein Gefolge vorstellt. + +»Herr Virginio Gaddi, Bariton.« + +Der untersetzte Mann mit dem Cäsarenprofil mischte sich, eine Hand in der +Hosentasche, unter die Bürger. + +»Fräulein Italia Molesin, Sopran.« + +Die derbe Schwarzhaarige lachte mit großen Zähnen allen zu und stieß dabei +kokett mit den Schultern, um den Schal zurückzuwerfen; denn sie trug einen +Schal, wie die Masse der Mädchen, und keinen Hut. + +»Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.« + +Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jüngsten Mannes sich ihnen +zuwenden. Weil es einfach und stark gemeißelt war, erkannten die am +weitesten Entfernten es, reckten sich und sagten laut: + +»O! Ist er schön!« + +Seine Augen dankten ihnen allen, ohne Überraschung und ohne Eifer, mit ein +wenig schwermütigem Spott. + +Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mädchen um, das für +sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf und sagte mit entzückter +Stimme: + +»Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Fräulein Flora Garlinda, eine +Künstlerin von unermeßlicher Zukunft, die Hoffnung der lyrischen Bühne +Italiens.« + +Dann sah er erwartungsvoll die Bürger an. Der Advokat, der ihr am nächsten +stand, fuhr ein wenig zurück; und dann huldigte er der Primadonna um so +ehrfurchtsvoller, je weniger er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie, +ob sie schon in der Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krümmte +den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er einen großen +Kratzfuß. + +»Ein Fräulein wie Sie muß wohl Liebhaber haben, so viele es nur will.« + +Sie lachte auf und ließ ihn stehen. Er schielte nach rechts und nach links, +ob man es gesehen habe; -- aber in diesem Augenblick schwankte die Menge: +jemand teilte sie, mit den Armen stürmisch über ihren Schultern rudernd. + +»Der Maestro!« + +Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war unter seinem +leichten blonden Bart ganz rosig bewölkt, sein verlegen ehrgeiziges Lächeln +zerging manchmal, und dann sah man, daß er zornig war. Er setzte an: + +»Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister . . . +Die von mir engagierten Künstler sind da, und niemand ruft mich? Herr +Advokat, ich muß Sie . . .« + +Der Advokat klopfte ihn auf den Rücken. + +»Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als Vorsitzender des +Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen gesetzt.« + +»Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann führen doch Sie den +Kapellmeisterstab!« + +»Seien Sie gut, Dorlenghi!« sagte der Apotheker, und Polli, der +Tabakhändler, meinte: + +»Das alles ist doch nicht der Mühe wert.« + +Der Musiker warf die Arme noch höher. + +»Nicht der Mühe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich nicht, Sie sind der +Cavaliere Giordano, und ich heiße Enrico Dorlenghi und bin Dirigent einer +Dorfkapelle, nichts weiter. Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten +in einem Winkel der Stadt, wo man nichts hört noch sieht, und habe an einer +Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der Kirche aufführen soll. +Inzwischen ernten diese Herren die Frucht meiner Bemühungen; denn ich bin +stolz, Sie, Cavaliere, unserer Bühne gewonnen zu haben, Sie und Ihre +Kollegen. Nicht der Mühe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis für +einen Verbannten, Geopferten --« + +Er ging mit dem alten Sänger um den Postwagen herum; seine keuchende Stimme +versank manchmal, denn das Volk schrie ihm zu. Viele schrien auf einmal +»bravo Maestro!« andere: »Seht, er ist verrückt geworden!« Und die meisten +wußten nicht, wer gemeint war, und riefen »he, Masetti!« nach dem Kutscher, +der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. Er saß mit ihnen fest; +Jungen krochen zwischen den Beinen der Menge hervor und kniffen ihn. Er +schlug aus . . . Inzwischen ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch +immer fuchtelnd. Plötzlich stand er vor der Primadonna. Wie der Cavaliere +sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf einmal verstummt, die +junge Sängerin sah aus, als gölte es: und die Hände, die sie sich hätten +reichen sollen, noch in der Schwebe, traten beide ein wenig zurück. Dann +begrüßten sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem +entschlossenen Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das Volk +gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte: + +»Ich würde mich an die >Arme Tonietta< nicht heranwagen, hätte ich für die +Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Fräulein Flora Garlinda.« + +Sie lächelte gnädig. + +»Auch Ihr Name, Maestro, fängt an, sehr bekannt zu werden. Noch neulich in +Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi . . .« + +Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte gingen aus, wie er +kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt Malandrini bot ihr eins +seiner beiden Zimmer an. Der große beleibte Mann war lautlos, man wußte +nicht wie, durch das Gedränge gelangt, lächelte breit und glatt und kannte +schon jeden beim Namen. + +»Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade muß ich den Handlungsreisenden +haben, der immer herkommt; und zudem ist ein Fremder da, der nichts tut: +sonst würde ich alle diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber, +Fräulein Flora Garlinda . . .« + +Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus zu gehen. + +»Der Direktor Cremonesi«, sagte angstvoll der Maestro, »gilt für +geschickt.« + +Der Perückenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf einem Bein und +empfahl sich den Künstlern. Er hielt einen Haubenstock und rief zärtlich: + +»O! welch schöne Perücke. Wie sollte einen Mißerfolg haben, wer solche +Perücke trägt!« + +»Was höre ich?« sagte der Wirt, »der Herr Cavaliere hat schon bei dem Herrn +Gemeindesekretär gemietet? Aber das Fräulein Italia Molesin? Verständigen +wir uns, Fräulein! Sie sind die Schönste von allen . . .« + +»Sein Urteil zählt«, sagte der Kapellmeister; »ich glaube, daß er als +Bühnenleiter heute --« + +»Und die Herren«, kreischte der kleine Barbier, »bitte ich, mir nur einmal +über die Wange zu streichen und dann zu sagen, ob man vermuten würde, daß +dort je ein Bart gewachsen ist. So rasiere ich!« + +»Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das Fräulein Italia und +der Herr Nello,« rief der Wirt, »das sind die geehrten Gäste der Herberge +»zum Mond«. Masetti, das Gepäck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!« + +Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie betastete, den +Fächer um den Kopf. Dazu lachte sie mit ihrer dicken Kehlstimme. + +»Ei seht, die Lustige!« schrie es. »Ist sie sympathisch!« + +»Aber seht das böse Gesicht der andern! Kann man so böse sein! Sie wird die +Hexen spielen;« -- und die Frauen traten ganz dicht an die Primadonna hinan +und starrten ihr tierisch feindselig in die Augen. + +»Ich werde dich nicht heiraten«, erklärte Alfò, der Sohn des Caféwirts, mit +seinem törichten Lächeln. Sie betrachtete ihn ohne Spott, die Hände in den +Manteltaschen. + +»Und ich dich nicht, du Schöner!« + +»Er ist nicht mehr schön«, sagte eine Frau und schlug sich auf die Brust. +»Der Schöne ist jetzt euer Tenor.« + +»Man würde sagen, ein junger Heiliger!« + +»Wäre er mein Sohn! Mein Sohn ist häßlich und schlägt mich.« + +»Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich küssen.« + +»O du Schamlose!« + +Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige. + +»Bravo!« sagten Männerstimmen. »Sie sind verrückt, die Weiber.« + +»Aber auch ich würde mich verlieben!« rief der biedere Baß des Apothekers +Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen Seiten und weithin, +verstört, selig, im Ton des Träumens: + +»Ah! seine Augen. Er sieht mich an!« + + * * * * * + +Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten wie auf der +Bühne, wenn der Beifall nur ihm galt; und die Arme verschränkt, die +Schultern hinaufgezogen, führte er sein leichtes und dennoch beschattetes +Lächeln über die Gesichter der Menge. Sie antwortete: + +»Es lebe der Gennari!« + +Die Jungen kreischten: + +»Er lebe!« -- und ein Händeklatschen, irgendwo ausgebrochen, griff um sich, +sprang über den Platz. + +Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und wie vom Turm nun +das Ave stieg, wendeten alle sich ab. Die Menge entfaltete, +auseinanderrauschend, zwei weite Flügel; zwischen ihnen, am Ende einer +stummen Gasse von Menschen, lag vor dem jungen Sänger die kahle +Kirchenmauer. Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen Klänge +der Höhe; unten das Staunen der Stille: und da ging dorthinten im +Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in Schwarz entlang. Sie war klein +und schlank, ging vor Eile ein wenig geneigt; und in dem schwarzen +Schleier, den die letzte Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein +weißes, weißes Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie +langte beim Portal an, stieg zwischen den Löwen hinauf, und schon schwamm +vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot und besonnt, ihr +großer Haarknoten, -- da wendete sie sich um, ganz um und sah von oben die +Menschengasse hinab. Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschränkt, +und sein wankendes Lächeln suchte in den Schleier einzudringen, zu jenem +verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . Ein Augenblick, dann endete +das Läuten, die Menge schloß sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der +Tenor all die Gesichter zurückgekehrt, die er vergessen hatte. + +Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte: + +»Ich war im Ort umher, nach Wohnungen für uns. Wer sich begnügt, zahlt +wenig.« + +»Gaddi, wer war jene Frau?« + +»Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er verliert seine Zeit +nicht.« + +»Wer war sie?« + +»Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: ich bin ein +Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die Meinen hier sein, vier +Köpfe, und es heißt ihnen Obdach schaffen. Ich suche einen gewissen +Savezzo, der Zimmer haben soll.« + +»Nichts gesehen! Und du mußt -- nein bleibe! Dies ist wichtig: ganz nahe +mußt du an ihr vorbeigekommen sein.« + +»An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, Nello, wirst +glücklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. Gehab dich wohl.« + +Und der Mann mit dem Cäsarenprofil nahm gesetzten Schrittes seinen Weg +wieder auf. Der Tenor drang planlos in die Menge ein. »An ihr +vorbeikommen«, dachte er. »Niemals werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn +ich sie wiederfinde, werde ich sie lieben: immer, immer.« Da schlug ein +riesiger Federfächer ihm eine parfümierte Luft ins Gesicht. Mama Paradisi, +flankiert von ihren beiden Töchtern, versperrte dem jungen Manne den Weg. + +»Das ist er!« flüsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend an +aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, ließen die Fächer ruhen +und die durchsichtigen Blusen sich heben und quellen. Der junge Mann hatte, +bevor ers wußte, entgegenkommend gelächelt. Mit Stimmen wie Federkissen +versicherten sie ihm, daß sie um seinetwillen ins Theater zu gehen +gedächten. + +»Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht laut klatschen, +uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?« + +Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit tiefen Blicken +in alle drei Augenpaare. + +Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. Dahinten, wo +ein Paar wachsblasser Hände durch die Luft schwangen, brach ein hohes, +zorniges Jammern an. + +»Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr Gesindel, den +Komödianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch am Schwanze Satans fest, +um desto sicherer zur Hölle zu fahren.« + +»Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt«, sagte jemand, und der Tenor sah +in ein Gesicht voll künstlich verwirrter Locken, mit einer pockennarbigen +Nase und einem linken Auge, das nicht stillhielt. + +»Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. Übrigens bin +auch ich ein Künstler, wir werden uns schon verstehen.« + +Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. »Was wollten sie von mir, diese +Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer gehe ich ihnen auf den Leim. Es +fängt an, mich zu ekeln . . . Aber sie? Wer war sie?« + +»Hören Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .« + +Aber die schwache wütende Stimme, die Stimme jener in der Luft stehenden, +rückwärts gekrampften Hände fuhr dazwischen; sie klang, als rennte sie in +einem hektischen Ansturm alles nieder. + +»Fort mit ihnen, ehe es zu spät ist! Sonst frißt die Sünde um sich, ihr +verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen haben! Und verdammt +sei, wer sie bei sich aufnimmt!« + +Mehrere Frauenstimmen antworteten: + +»Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.« + +Der junge Savezzo hob die Schultern. + +»Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der Herr Gaddi . . .« + +»Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, wer war sie?« + +»In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .« + +»Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.« + +»Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser Priester schreit! +und immer dasselbe, man versteht einander nicht.« + +»Sehr schlank, von sehr weißer Haut«, sagte flehend der Tenor. Die Miene +des andern blieb verschlossen. Plötzlich wendete er sich ab und machte +zwischen den Zähnen »oho!« + +»Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! möchte doch der +Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, ihr Blinden!« + +Und die Hände dort über den Köpfen schienen mit dem Himmel zu ringen in +letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim Sterben. + +»Solch ein Fanatismus wirkt abstoßend«, sagte der Advokat Belotti erstickt. +»Die Damen zweifeln doch nicht, daß uns trotz diesem traurigen Herrn aus +der Sakristei sehr wohl bekannt ist, was wir der Kunst schulden. Ich für +meinen Teil werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Fräulein +Flora Garlinda, mein Haus zur Verfügung zu stellen.« + +Die Primadonna erwiderte: + +»Ich danke Ihnen. Aber es würde sich für mich nicht ziemen.« + +Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor. + +»Wenn das Fräulein denn zu einem Junggesellen nicht gehen will: ich bin +verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare Familie, und wir wissen wohl, daß +die Kunst und das Laster zweierlei ist . . .« + +»Romolo!« rief es sehr scharf hinter ihm. + +»Meine Liebe?« -- und die Stimme des alten Kriegers versuchte tapfer zu +bleiben. + +Plötzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam Risse; einige +Jungen liefen heulend davon. + +»Der Priester hat sie ins Gesäß getreten«, sagte der Advokat. »Er geht zu +Gewalttaten über. Soll man seine Kinder von diesem Elenden mißhandeln +lassen?« + +Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers Nonoggi +zurück. Der Apotheker war fort und viele der nächsten hatten sich +unauffällig in das gelichtete Volk gemischt. Vor den Sängern lag ein freier +Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi durchmaß ihn allein. Er trat vor die +Primadonna hin; aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend, +als wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu sprechen. Er +rieb seine großen weißen Hände mit den Ballen aneinander, und sein +Lanzknechtschnurrbart schaukelte. + +»Weil nämlich doch das Fräulein, wie es heißt, die einzige unter den +Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl ich natürlich +nicht würdig bin, aber was meine Frau kocht, läßt sich essen, denn sie +kocht auf Genueser Art, denn sie hatte eine Tante in Genua . . .« + +»Und ich soll bei Ihnen wohnen?« + +»Ja, Fräulein, ja, das wollte ich sagen.« + +»Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei mir habe.« + +Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, wie auf einen +Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und schnellen Person her über den +Platz, von dem das Volk ablief. + +»Freilich blase ich das Tenorhorn«, sagte er. »Doch werde ich, um dem +Fräulein nicht lästig zu fallen, damit auf die Akropolis steigen.« + +»Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro übt euch?« + +»O! mich braucht er nicht zu üben. Denn ich selbst bin Chef einer kleinen +Bande und spiele des Sonntags in den Dörfern. Man lebt, wie man kann. Wäre +nur nicht die schlechte Konkurrenz! Denn das Fräulein hat wohl gehört, was +der Barbier Nonoggi über mich sagte. Denn er ist mein Feind. Denn auch er +hat solch eine kleine Bande . . .« + +»Aber der Maestro, wie ists mit ihm?« + +»Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium +studiert.« + +»Ah, er hat studiert.« + +»Er ist ein sehr großer Musiker und ein guter Mann.« + +»Vielleicht ist er ein sehr großer Musiker, -- aber ein guter Mann? Er hat +mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem andern etwas gönnt. +Ich würde ihm nicht zu sehr trauen.« + +Überrascht wandte sich der Schneider um und spähte von seiner Höhe nach dem +Gesicht, das solche ungeahnte Dinge sprach. Sie nickte ihm so fest und +streng in die Augen, daß ihm ein Schauer über den Nacken lief. + +»Wenn das Fräulein meint«, sagte er gehorsam. »Man kennt die Menschen +niemals ganz. Einst, beim Militär, hatte ich einen Freund . . .« + + * * * * * + +Sie betraten die Gasse der Hühnerlucia. Der Platz blieb fast leer zurück. +Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von Frauen zerteilt: »Kommt essen!« +und ringsum in die Dunkelheit getrieben. Ein Alter trippelte nach dem +Rathaus, zündete zwei Öllampen an und machte sich quer über den Platz an +die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom gelangte er nicht: der +Tenor Nello Gennari war plötzlich da und erschreckte den Alten. + +»Hört! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr müßt mir sagen, wer jene +schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave läutete, in den Dom.« + +Da der Alte nur grinste: + +»Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas Unbegreifliches. +Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, und niemand hat sie gesehen. +Gute Nacht, Alter, die ganze Welt ist stumm.« + +Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der Domtür, glitt +hinein. + +»Wenn sie noch da wäre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht aber war +sie ein Gesicht und nur ich hatte es?« + +Die schattigen Räume mit dem Blick durchirrend: + +»O Alba! Süßes Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe dich. Wenn ich dich +finde, will ich in dir verbrennen. Soll ich niemals lieben? Ich hasse die +Weiber, die ich gehabt habe. Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich +lieben, o Alba, immer, immer.« + +Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, ging beim +Glockenturm, wo es am dunkelsten war, irgend etwas hin und her, langsam +immer hin und her. Der Tenor machte sich rasch herzu. + +»Heda, guter Mann, sagt doch . . .« + +»Wie?« fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen. + +»Verzeihen Sie, Herr . . .« + +Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte er in einer Welt +von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte und die doch nur ihm galten. +Diese Stadt und das Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem +zum andern als einziger Fühlender zwischen verzauberten Steinen und fragte +nach der wunderbaren Frau. + +»Ich wollte nur . . .« stammelte er. »Mein Herr, ich bin fremd hier.« + +»Man weiß«, sagte der Kaufmann. »Der Herr ist einer der Komödianten.« + +»Sie werden auch begreifen, mein Herr, daß man in meinem Alter nicht immer +. . . daß man . . . O, mein Herr, sie ging in den Dom.« + +»Ah! in den Dom ging sie.« + +»Sie kennen sie?« + +»Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefällig zu sein, will ich mich bei +meiner Tochter erkundigen.« + +»Sie wollen . . . O!« + +Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, wer diese Tochter +sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. Er ließ geschehen, daß die +Schleier der Verzauberung wieder heraufstiegen. Mit beiden Händen umfaßte +er seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz. + +»O Alba! Süßes Morgenlicht!« + +Der Kaufmann kehrte zurück. + +»Meine Tochter weiß wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es Ihnen nicht.« + +»Warum nicht?« + +»Meine Tochter wird auch das wissen.« + +»Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, noch in der Domtür, +und sah mich an, mich allein.« + +»Sie hat Sie also angesehen.« + +Der junge Mann stampfte auf. + +»Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre Tochter! Aber sie weiß +gar nichts, Ihre Tochter!« + +»Oho!« + +Der Kaufmann verlor seine Trockenheit. + +»Wenn meine Tochter nichts weiß, dann haben Sie geträumt, junger Mann, und +es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, das weiß sie auch.« + +»Warum sagt sies also nicht?« + +»Soll sie jener Unglücklichen einen Menschen schicken, der sie verführt? +Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen für dergleichen. Aber wissen: o, +sie weiß alles.« + +»Mein Herr« -- und Nellos Stimme schmeichelte. »Hier habe ich einen schönen +Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden den Wert dieses Rubins zu bestimmen +verstehen. Wissen Sie, zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Für den Namen, +mein Herr, für den Namen!« + +»Lassen Sie doch sehen!« + +Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter die Lampe vor dem +Dom. Plötzlich sah er auf, mit schwarzen Runzeln über die Hornränder seines +Klemmers hinweg. + +»Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger Mann?« + +Nello errötete tief, zog den Finger zurück und machte sich mit einem +Gemurmel davon. + +»Ich bin ihrer unwürdig! Noch trage ich den Ring von der Frau des +Juweliers!« + +Und er suchte Dunkel auf. + +Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, über den Platz und zum Tor +stürmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in Papierdüten. Alle schrien: + +»Sie kommen! Es kommen noch mehr!« + +Sogleich klappten ringsum Fensterläden an die Mauern, und Licht fiel herab. +Die Häuser begannen sich wieder zu leeren von Neugierigen, die noch die +Münder wischten. Alle sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die +Arme nach dem Tor und lärmten mit. Denn immer lauter ward dorthinten das +Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln auf Holz, das Singen . . . +Und mit Rasseln, Knallen und Gebell und umtollt von den Windlichtern der +Jungen, brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen herein +-- niemand begriff etwas vor Buntheit -- fuhr mitten auf den Platz und war +da. Schon standen, rückwärts gebogen, junge Leute darum her und breiteten +Arme aus, lauter Arme, die sich wiegten; -- und auf allen Seiten des hohen +Stellwagens blähten bunte Röcke und Blusen sich auf, wie die Mädchen hinab +in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen darauf los, als sei ringsum +Wasser. Dann kletterten die Männer herab. + +»Die Choristen sind gekommen!« rief man den Häusern hinan; und die noch +droben waren, stiegen auf den Platz. Im Café ward es ganz hell. Der +Konditor Serafini im Corso mußte seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn +der Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedränge. Der Advokat +Belotti wand sich hindurch, er keuchte. + +»Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.« + +»Wir sind das Komitee«, heulten die Jungen ihm nach. + +Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste über den Köpfen. Der +Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo riefen ihren Freunden zu, die +Musikinstrumente zu holen. + +»Gott! Hilf noch dies eine Mal!« schrie eine Alte, die erdrückt ward; und +die Frau des Kirchendieners Pipistrelli: + +»Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir Sünder!« + +Im Café »zum Fortschritt« stand man Fuß an Fuß. + +»Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch!« riefen die vordersten; aber der +Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt und durfte nicht einmal +seinen Bauch darüber wegstrecken. Die gefüllten Gläser, die er hinhielt, +reichte einer dem andern. Er kam ins Feuer und verkündete dröhnend: + +»Für drei Konsumationen eine umsonst!« + +Draußen ließ sein Sohn, der schöne Alfò, sich vom Gewühl umherwerfen und +konnte nicht mehr zurück. Er lächelte töricht, sooft ihm eine Frau +begegnete; aber wie er der kleinen Rina, der Magd des Tabakhändlers Polli, +einen Kuß zuwarf, ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand +getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, schon im +Gäßchen der Hühnerlucia, und im Dunkeln auf seine Lippe biß. Der schöne +Alfò entschuldigte sich freundlich. + +»Das kommt von all den Mädchen, die hier sind, mein Herr. Man hat so viel +zu tun, wenn man schön ist.« + +Der Tenor sah ihn an. + +»Es muß ein gutes Leben sein,« sagte er auflachend, »wenn man schön ist.« + +»Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, und ich werde +doch nur die Schönste heiraten: Alba Nardini, die schöne Alba.« + +»Wie heißt sie, die Schönste?« + +Da brach die Musik los, als börsten alle Hörner. + +»Sie heißt Alba? Reden Sie doch!« + +Der schöne Alfò nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn weiter. Alles +stürzte vor. Um die Musik her begann ein Drehen: die Stadt tanzte. Sie +lärmte in der Nacht, war bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im +Nacken, mit von sich gestreckten und gerungenen Händen, ganz langsam in die +Gasse der Hühnerlucia hinein. + +»Sie heißt Alba!« + +Plötzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte schwarze Mauer +und weinte über das Wunder. + + + + +II + + +Um fünf, bevor es heiß ward, machte der Advokat Belotti, schon im schwarzen +Rock, der hinten spitz abstand, seinen Morgenspaziergang. Wie gewöhnlich +wollte er, um auf die Straße zu gelangen, durch den Garten des Palazzo +Torroni hinabsteigen; hinter einer Säule im Flur kam aber Saverio hervor, +der Hausmeister, Kammerdiener und Gärtner, und stellte die Hand an den +Mund. + +»Herr Advokat!« + +»Was gibt es, Saverio?« + +Da der Diener flüsternd sprach, tat auch der Advokat es. + +»Der Herr Baron ist die Nacht draußen gewesen. Noch immer ist er draußen.« + +»Ah! diese Jäger. Die Jagd, mein Freund, ist eine Leidenschaft, die einen +Mann ganz hinnimmt. Wenn ich Ihnen von mir selbst sprechen soll . . .« + +»Aber es handelt sich nicht um Jagd, Herr Advokat. Er ist ins Gasthaus »zum +Mond« gegangen und noch nicht wieder herausgekommen.« + +Der Advokat öffnete den Mund und erhob den Zeigefinger. + +»Schau, schau«, sagte er, -- und er begann zu lachen, zuerst ein lautloses +Lachen und dann wie ein heiser rasselndes, woraus Husten und Speien ward. +Als er zur Ruhe kam, mit aufgerissenen Augen: + +»Werden wir einen Skandal haben, Saverio?« + +Und er bot dem Diener die Zigarettenbüchse. + +»Die Frau Baronin schläft. Ich habe im Schlafzimmer des Herrn alles +umhergeworfen, als sei er früh aufgebrochen, und ich habe die Nacht bei der +Haustür verbracht.« + +»Wenn Sie nicht wären, Saverio! Möchte ers nicht zu weit treiben und +heimkehren, bevor alle auf der Straße sind. Ich gehe, damit uns niemand +beisammen sieht. Jetzt ist tiefes Schweigen geboten, Saverio.« + +Rückwärts machte der Advokat sich aus dem Hause. Den Morgenspaziergang +hatte er vergessen; der Schauplatz des Außerordentlichen verlangte seine +Gegenwart. Hinter ihm, im Corso, war ein eiliger Schritt: Don Taddeo. Der +Advokat grüßte herzhaft. + +»Ein schöner Morgen, wie, Reverendo?« + +Der Priester sah ihn an mit ganz roten Augen, zog die Soutane enger um +seinen mageren Körper, als fürchtete er eine Berührung, und -- klapp, klapp +-- war er um die Ecke. Der Advokat starrte hinterher. + +»Kaum daß er an die Kappe gegriffen hat. Weiß er --? Und er steckt mit der +Baronin zusammen. Wir werden einen Skandal haben.« + +Ungewöhnlich belebt, schwänzelte er den noch stillen Corso hin und drückte +sich, dem letzten Domfenster gegenüber, plötzlich um die Ecke, wo es +abwärts zum Gasthaus ging. Nun lag es da, noch halb schlafend, beim Rinnen +des Brunnens, an seinem kleinen strohbesäten Platz, mit den Ställen links, +der Weinlaube drüben, -- und im zweiten Stock stand ein Fenster offen. +»Sieh da,« sagte sich der Advokat, »sie lieben die frische Luft. Aber jetzt +wäre es Zeit, zu erwachen.« Er bückte sich nach einem Steinchen und warf +es, heftig keuchend, ins Fenster. »Sie scheinen recht sehr ermüdet und +werden auch wissen, wovon.« Wie er das zweite Steinchen auflas, erschien +unter dem Haustor neben dem Wirt Malandrini der Baron Torroni selbst. Er +war wie immer im braunkarierten Jagdanzug, mit der Flinte über der +Schulter, und stürzte sich schon ein großes Glas Wein in den Schlund. + +»Ah!« rief der Advokat sogleich. »Herr Baron, was für eine schöne und +gesunde Beschäftigung ist die Ihre! Wäre ich nicht an meine Studierstube +gefesselt --. Und wohin geht es an diesem glänzenden Morgen? Aufs Feld, +nach Lerchen? Wohl gar ins Gebirge gegen den Eber?« + +»Ich bin gekommen,« erklärte der andere, »um den jungen Mann abzuholen, der +hier wohnt: diesen Sänger --« + +»Den Herrn Gennari«, ergänzte der Wirt. »Ich werde Sorge tragen, daß er den +Herrn Baron nicht warten läßt. Bemühen Sie sich nicht!« + +»Er hat mir versprochen, sogleich fertig zu sein. Inzwischen gehe ich +voran.« + +Er drückte dem Advokaten die weiche Hand und verschwand rasch. + +Der Wirt räusperte sich vorsichtig. + +»Sehen Sie das offene Fenster?« + +Der Advokat zwinkerte. + +»Er ist gar nicht zu Hause gewesen«, sagte der Wirt. »Er ist überhaupt +nicht heimgekommen.« + +»Ah! dann ist es also nicht dieses Zimmer?« + +Malandrini zwinkerte. + +»Das ist das andere, daneben. Das Fräulein schläft jetzt weiter.« + +»Es scheint, sie hat es nötig. Ah! dieser Baron.« + +»Ein richtiger Edelmann«, bemerkte der Wirt. + +Sie sahen sich an, leise funkelnd. + +»Und der andere?« begann der Advokat wieder. »Der Komödiant? Auch er ist +draußen? Da gibt es vielleicht etwas noch Stärkeres? Mein Freund, mir +beginnt zu ahnen, daß wir Dinge erleben werden in der Stadt --« + +Der Wirt seufzte. Dann aber, mit Händereiben: + +»Das Gute ist dabei, daß wir ein wenig Bewegung herbekommen . . . +Entschuldigen Sie mich, ich decke lieber gleich selbst in der Laube die +Tische. Meine Frau wird erst spät herunterkommen. Sie schläft noch, denn +ihr ist etwas Außerordentliches zugestoßen. Wie ich die Augen öffne und sie +vergeblich an meiner Seite suche, tritt sie ins Zimmer, sieht verwacht aus +und erklärt mir, daß die Seele ihres Vaters sie hinausgerufen habe. Die +Seele habe verlangt, daß ich nicht geweckt werde. So viel Rücksicht!« + +»Das ist der Aberglaube der Frauen«, sagte zornig der Advokat. »Wie lange +noch werden wir ihre Erziehung den Nonnen überlassen! Sie glauben doch +nicht an diese alberne Geschichte, Malandrini?« + +»Wie werde ich. In den Frauen geht manches vor, was wir nicht kennen. Man +muß Geduld haben.« + +»Aber sagen Sie doch, dieses Mädchen! Gleich die erste Nacht! Hätten Sie +das etwa geglaubt, Malandrini?« + +»Warum nicht?« -- und der Wirt fuhr auf. »Ist das Gasthaus »zum Mond« denn +ein Kloster? Und übrigens, was weiß man. Nur was Sie erzählen, Advokat.« + +»Oh!« + +Der Advokat legte die Hand aufs Herz. + +»Dieser Priester scheint gewußt zu haben,« sagte er noch und drehte +nachdenklich von dannen, »warum er die Komödianten nicht zu seinen +Schäfchen hineinlassen wollte. Man muß zugeben, daß seinesgleichen sich auf +Menschen versteht.« + +»Wollen Sie auf die Straße?« rief Malandrini ihm nach. »Dann benutzen Sie +doch die Gartenpforte!« + +»Sie haben recht« -- und der Advokat kehrte um. »Man muß bei seinen ruhigen +Gewohnheiten bleiben. Seit siebenundzwanzig Jahren habe ich meinen +Morgengang nicht sechsmal versäumt, und ich hoffe ihn noch weitere +siebenundzwanzig Jahre zu machen.« + +Hinter dem Hause ging er den Weinhügel hinab, erreichte drunten die Straße +-- noch übergitterten die Schatten der Platanen sie dicht -- und nahm den +Hut ab, um sich zu trocknen. »Ah, hier atmet man. Solche Luft haben sie +nicht in den großen Städten, unsere braven Künstler . . . Der Baron weiß +diese Weiber zu nehmen, wie es scheint. Man sagt, daß er als Offizier --. +In Rondone soll er ein Kind haben . . . Aber schließlich, was ist dabei? +Alles wohl bedacht, könnte es sein, daß auch ich --. Der Junge der +Andreina, mag sie es mit der Treue auch niemals genau genommen haben, der +Junge wird mir jedes Jahr ähnlicher . . . soweit ein Bauer mir ähneln kann. +Damals warf ich die Andreina einfach in das Korn. Mit der Komödiantin muß +man es ebenso machen.« + +Er hielt an, sah angstvoll umher, wie nach einem passenden Platz, und +trocknete sich nochmals. Unter der Straße stiegen die Ölbäume, +schwachsilbern, die Erdstufen hinab und setzten über den Fluß, der um ihre +dunkeln Wurzeln glänzende Schleifen wand. Die letzten dahinten und die +weißen Gehöfte zwischen ihnen schienen vom Meer bespült: so tief blaute +schon die heiße Ebene. Über ihm blickte dem Advokaten die Stadt nach, aus +blinkenden Scheiben, Mauern, die zwischen zwei Zypressen ein wenig +klafften, und ganz schwarzen Torbogen. »Wo dieser Tenor steckt! Denn sagen +wir nur die Wahrheit: in einem Winkel der Stadt wird er wohl die Nacht +verbracht haben. Zu denken, daß er bei der Frau eines meiner Freunde ist, +-- der einen sehr guten Schlaf haben muß. Sollte es nicht der Polli sein, +mit seinem Schnarchen? Vergangenen Herbst hat er sogar beim Erdbeben weiter +geschnarcht! Vielleicht läßt sichs ihm ansehen. Das müßte man einem Manne +doch ansehen! Eh, eh, es hat sein gutes, als Junggeselle zu leben. In jedem +der Häuser dort oben kann jetzt der Komödiant seine Dinge treiben: nur in +meinem treibt er sie sicher nicht . . . Und beim Camuzzi? Wie steht es beim +Camuzzi?« Das aufgeblühte Gesicht des Advokaten fiel ein, da er an seinen +Feind, den Gemeindesekretär dachte. + +»Er verdient es wie kein zweiter, dieser Ignorant, dieser Unverschämte! Ah! +setze noch einmal dein höhnisches Lächeln auf, Freund, -- und aus deiner +Stirne sieht man es indessen keimen!« + +Der Advokat tat einen tiefen, glücklichen Atemzug. + +»Das ist wirklich ein sehr schöner Morgen.« + +»Aber leider«, bemerkte er dann, »scheint diese kleine Frau Camuzzi +zufrieden. Dem Severino Salvatori, der sie in seinem Korbwagen umherfahren +wollte, hat sie geantwortet: nicht einmal über den Platz bis vor die +Domtür! Und doch sollte ihre Mutter dabei sein. Aber die Camuzzi ist +bescheiden und stolz, sieht niemand an, geht immer nur zur Kirche. Nicht +viel, und sie gehört zu der Garde des Don Taddeo . . . Nein,« mußte der +Advokat erkennen, »von ihr läßt sich nur wenig hoffen.« + +Er richtete sich sogleich wieder auf. + +»Aber auch andere wären nicht zu verachten, und ich meinesteils hätte +nichts dagegen, wenn die Frau des Doktors --. Ah! die da ist eine +Lasterhafte: das fühlt man. Denn erstens ist sie zu dick, um tugendhaft zu +sein. Und hat sichs erst gezeigt, daß sie dem Komödianten Gefälligkeiten +erweist: -- denn was ist der Komödiant und sind andere etwa weniger gut? +Wenn ichs recht bedenke, hatte ich in betreff ihrer schon längst meine +Vorsätze gefaßt. Ihr Gatte soll sehen, daß der Zucker, den er bei mir +feststellen wollte, so etwas nicht verhindert. Zucker, wenn noch so wenig, +bei einem Mann wie mir! Und ich soll etwas dagegen tun! Der Doktor wird +sehen, was ich tue! Ah! Ah!« + +Er rieb die Hände, schwenkte sich herum und lachte keuchend nach der Stadt +hinauf. Dann fiel er in Nachdenken: sie sah ganz anders aus. Noch gestern +hätte man manches nicht für möglich gehalten. Natürlich gab es in ihr die +Dinge, die es überall gibt. Abgesehen von dem Hause in der Via Tripoli: +auch die Wäscherinnen auf dem Bäckerberg kannte jeder; und der Advokat war +persönlich besonders gut unterrichtet über die Witwe eines städtischen +Zollbeamten, die vorgeblich Hüte aufputzte. Ferner bestanden die Gerüchte +bezüglich der Mama Paradisi und des alten Mancafede; neuerdings und +halblaut auch die über Frau Malandrini und den Baron Torroni, -- die der +Advokat seit heute früh für unwahrscheinlich hielt. Jetzt aber handelte es +sich nicht mehr um die oder jene. Kaum eine blieb, nun der Komödiant +umging, noch unerreichbar; und das Prickelndste wäre vielleicht dennoch +gewesen, wenn im selben Augenblick, wo der Baron Torroni seine Frau mit +jenem Mädchen hinterging, die Baronin es ihm mit dem Tenor vergolten hätte! +Der Advokat ward erfinderisch, sein Geist schweifte aus und verwandelte die +Stadt in sein freies Jagdgebiet. Dem Komödianten folgte er selbst auf dem +Fuße, in jedes Schlafzimmer. Vor dem der Baronin hatte er eine alte Scheu +zu überwinden; aber dann hüpfte er, mit einem Schnippchen, auch über diese +Schwelle. + + * * * * * + +Von seiner Phantasie verjüngt, war er dahingeeilt, ohne zu merken, wie +seine Arme ruderten und wie es unter seiner Perücke hervortroff. Auf +einmal, schon hinter dem öffentlichen Waschhause und auf halbem Weg nach +Villascura, sah er sich dem Komödianten gegenüber: ihm selbst. Jener grüßte +und wollte langsam vorbei; aber der Advokat fuhr auf, nach Luft schnappend. + +»Das ist doch . . . da sind Sie: also, da sind Sie.« + +»Da bin ich, zu Ihrer Verfügung«, bestätigte der Tenor. + +»Das heißt,« -- und das lederfarbene Gesicht des Advokaten ging in ein +zynisches Lächeln auseinander, »wer weiß, zu wessen Verfügung Sie hier +sind.« + +»Was wollen Sie sagen?« fragte der junge Mann. Unvermittelt ward er drohend +aussehend. + +»Nichts, o nichts. Sie gehen spazieren, wie ich bemerke, Herr Gennari. Sie +sind früh auf. Ich habe, müssen Sie wissen, die kleine Eitelkeit, jeden +Morgen der erste draußen zu sein: aber was tut es einem Manne Ihres Alters, +auch einmal um fünf das Bett zu verlassen, wo er eine glänzende Nacht +verbracht hat.« + +»Meine Nacht«, sagte der Tenor mit feindseliger Zurückhaltung, »war sehr +wenig glänzend. Gestern abend empfand ich ein Bedürfnis spazieren zu gehen +und wich dabei von der Straße ab. Dann bedeckte sich, wie Sie wissen, der +Himmel, ich fand nicht mehr zurück und habe irgendwo dort unten in den +Weinfeldern mich schlafen gelegt. Sie sehen die Erde an meinen Kleidern.« + +Der Advokat wandte ihn um und musterte alles. + +»Das ist erstaunlich.« + +Darauf machte er eine gleichgültige Miene. + +»Sie haben also ausgeruht. Dann schlage ich Ihnen vor, mich zu begleiten. +Ich zeige Ihnen unsere Gegend, mein Herr. An Villascura werden Sie +vorbeigekommen sein, wie?« + +»Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie meinen. Ich sagte Ihnen schon, ich war +dort unten.« + +Der Advokat sah ihn vorwurfsvoll an, zog schweigend einen Taschenspiegel +heraus und hob ihn vor das Gesicht des andern. + +»Was soll das?« fragte der Tenor, aber er sah hinein, -- und er fand seine +Augen darin noch finsterer, als er sie gewollt hätte, denn sie waren +umrändert und das Gesicht sehr blaß. Aus seiner körnigen Marmorblässe war +die Wärme gewichen, und die schwarze Haarwelle über der Stirn, die Barren +der Brauen, der dickrote Mund sprangen gewaltsam hervor aus dem grellen +Weiß. + +»Ich sage nicht,« erklärte der Advokat, »daß es Ihnen schlecht stehe, +übernächtig auszusehen. Der Schönheit von euch Jungen schlagen die +Strapazen eurer Nächte gut an. Wehe uns reifen Männern! Aber was ich +andeuten wollte: ein ruhiger Schlaf auf der weichen Erde des Weinackers, in +lauer Nachtluft, hätte Sie schwerlich so zugerichtet.« + +Er streckte, bevor der andere aufbrausen konnte, beide Handflächen hin. + +»Mein Herr, Sie halten mich offenbar für Ihren Feind. Ich bin nicht Ihr +Feind, mein Herr. Im Gegenteil, ich billige durchaus, daß die jungen Leute, +noch dazu wenn sie Künstler sind, sich unterhalten. Was tut es übrigens +mir, der ich Junggeselle bin. Meine verheirateten Freunde freilich werden +in ihrer Anerkennung nicht so weit gehen« -- und der Advokat wagte wieder +ein Lächeln. + +»Also ich bin Ihr Freund, mein Herr, und wenn Sie mir -- als Gentleman +werden Sie es natürlich nicht tun -- verraten würden, in welchem Hause +unserer Stadt Sie diese Nacht verbracht haben: Sie könnten sich verlassen +auf den Advokaten Belotti.« + +Die Miene des Tenors rüstete plötzlich ab, er sah friedlich, sogar +unbeteiligt aus. + +»Ach so«, machte er. »In der Stadt glauben Sie --. Warum auch nicht?« + +Und er begann zu lachen, mit leichter, heller Glockenstimme. Der Advokat +rieb sich die Hände. + +»Sehen Sie wohl? Wir fangen an, uns zu verstehen. Wie sollten übrigens zwei +Männer wie wir sich nicht verstehen, wenn es sich um die Frauen handelt.« + +»Sie haben recht!« und der Tenor lachte stärker. Der Advokat stieß ihm +seinen Zeigefinger vor den Magen. + +»Ah! Spaßvogel! Unsere Stadt gefällt Ihnen wohl? Sie ist klein, aber das +hindert uns keineswegs an eleganten und heiteren Sitten. Unsere Frauen: +nun, wir sind unter uns jungen Leuten, nicht wahr?« + +»Freilich! Sprechen Sie!« + +»Wenn ich dürfte! Nur das eine: die, bei der Sie diese Nacht waren, bin ich +sicher, auch meinerseits zu kennen.« + +»Ich bin davon überzeugt!« rief der Tenor und lachte beinahe verzweifelt. + +Der Advokat war ganz in Feuer, er schlug die Luft mit beiden Handrücken. + +»Sie würden staunen, wollte ich Ihnen die volle Wahrheit sagen über mich +und über die jüngeren Kinder unserer besten Familien.« + +Er war stehengeblieben und zeigte dem jungen Manne seine aufgerissenen +Augen, die nicht zuckten. + +»Sie sind bewundernswert«, versetzte der Tenor mit Nachdruck, und sie +gingen weiter. Als der Advokat verschnauft hatte: + +»Daß ich nicht vergesse, in Villascura Eier zu kaufen.« + +»Was haben Sie mit Ihrer Villascura?« + +»O! Sie werden schon wieder so düster, wie der Name der Villa. Er gefällt +Ihnen nicht? Ich bringe von dort, um den Stadtzoll zu sparen, meiner +Schwester zwei Dutzend Eier mit. Es ist eine Gewohnheit.« + +»Aber diese Villascura ist nirgends zu sehen. Wie lange sollen wir denn +gehen?« + +»Warten Sie, bis die Straße sich um den Berg wendet! -- und betrachten Sie +inzwischen diese schönen Maispflanzungen, die Ölhaine bis weit ins Tal +hinein: sie gehören zu der Villa, die Sie nicht leiden mögen, mein Herr. +Der Herr Nardini ist unser größter Ölproduzent: dreihundert Hektoliter +jährlich. Obwohl er mein politischer Gegner ist, werde ich niemals leugnen, +daß er seine Geschäfte versteht und dadurch der Gegend nützt. Was seine +Gesinnungen betrifft, so sind sie beklagenswert. Dieser verstockte Alte +gibt sich als Stütze der hiesigen Priesterpartei her. Dabei hätte er, fünf +Jahre sinds, Minister werden können! Die Bedingung war einzig, daß er seine +Enkelin mit dem Neffen des ehrenwerten Macelli verheiratete, eines großen +Tieres aus der Deputiertenkammer, -- und daran scheiterte der Plan, denn +der alte Nardini ist darauf versessen, die Alba ins Kloster zu sperren. +Warum erschrecken Sie denn?« + +»Ich erschrecke nicht. Ein Stein hat mir weh getan; diese Schuhe taugen +nicht für das Land.« + +»Aber unsere Straßen sind gut! Es sind Distriktstraßen, -- und nicht länger +als sieben Jahre ist es her, daß die Regierung zu ihrer Erneuerung fast +hunderttausend Lire ausgegeben hat.« + +Der Advokat ließ mit der großen Zahl seinen Mund losgehen, wie eine Kanone. + +»Dazu kommt, daß die Vizinalwege, auf meinen Antrag und gegen den Rat des +Gemeindesekretärs, zu gleichen Teilen von der Stadtgemeinde und der Frau +Fürstin Cipolla --« + +»Gibt es denn ein Frauenkloster hier?« fragte der Tenor. + +»Warum? Die Frau Fürstin, deren Besitzungen in dieser Gegend ich zu +verwalten die Ehre habe, lebt in der großen Welt, in Rom, mein Herr, in +Paris . . . Aber natürlich, auch ein Frauenkloster haben wir, obwohl wir +besser etwas anderes dafür hätten; und ich werde es Ihnen zeigen. Sie +denken wohl Ihre Künste an jenen heiligen Unterröcken zu erproben? Ah! er +schreckt vor nichts zurück. Aber das eine dürfen Sie immerhin verraten: die +Dame der vergangenen Nacht wird dick gewesen sein, wie?« + +»Wer weiß.« + +»Denn ich verstehe mich darauf: Sie sind ganz der Typus der Dicken, -- die +übrigens am wenigsten Widerstand leisten, wie allgemein bekannt. Aber hier +stehen wir vor der Villa, die Ihnen unauffindbar schien. Und da Sie sich in +der Gesellschaft des Advokaten Belotti aufhalten, ist es Ihnen erlaubt, +mein Herr, die Pforte zurückzustoßen und zwischen diesen langen Hecken den +Duft der Rosen zu atmen.« + +Der Advokat faßte Fuß und atmete geräuschvoll. + +»Scheint es nicht ein Traum? Am Ende dieses Ganges von Rosen und Zypressen +das stille Haus, mit seinen zwei weit vorgreifenden Flügeln und dem +verschwiegenen Trakt in ihrer Mitte, tief dahinten in grünlicher Dämmerung, +unter der Bergwand! Wenden Sie nicht ein, solche Lage nach Norden sei +ungesund: ich weiß es zu gut; -- aber wie poetisch ist dieser Schatten, +feucht duftend, durchrauscht vom Wasserfall, über dem Sie dort oben unser +neues Elektrizitätswerk erblicken, und erfüllt mit Blumen. Ah! mein Herr: +Blumen, Musik und Frauen!« + +Plötzlich begann er durch die Hände zu keuchen: + +»He, Niccolo! die Eier!« + +Indes der Bursche näher kam, wickelte der Advokat hinter sich ein langes +Netz hervor. + +»Daß du mir frische gibst, Niccolo! Daß du richtig zählst: zwei Dutzend!« + +Er rief hinterher: + +»Die Frau Artemisia denkt noch immer an jenes fertige Kücken, das in einem +deiner Eier auf den Tisch kam.« + +Dann faßte er den Tenor unter den Arm. + +»Kommen Sie doch, mein Freund! Warum so schüchtern? In meiner Begleitung +sind Sie hier zu Hause.« + +Nello Gennari strengte sich an, sein Zittern zu unterdrücken. Er erschrak +vor den Farben der Rosen, die in der Nacht, als er hier gekniet hatte, +erloschen gewesen waren. Das Haus war, dort innen zwischen seinen beiden +Flügeln, so schwarz gewesen, wie die Luft, und in jenem Winkel hatte, starr +und weich, das fast erstickte Licht gezögert, zu dem er gebetet hatte. + +Der Advokat führte ihn, seitwärts vom Hause, gegen die weiße Balustrade +hinauf. Die Büsche an der Treppe spritzten Tropfen, da Nello sie streifte, +und droben ließ der Geruch uralter, nie besonnter Zypressen ihn erschauern, +wie vor dem Grabe. Die schweren Bäume erstiegen, eine Schar düsterer +Pilger, in Paaren den Berg, und aufgehalten durch Klüfte, zerstreuten sie +sich, um, seltener und schwächer, die Kuppe zu erreichen. Ein fast +fensterloses Gemäuer starrte vom Rande des Felsens, dessen graue +Ausbuchtung es verlängerte, senkrecht auf die Villa herab: wachend und +drohend. + +»Das Kloster«, erklärte der Advokat. »Die hier können es aus ihren Fenstern +sehen und sich mit den heiligen Unterröcken guten Tag sagen. Sie tun es +auch, sie gehören zur Familie, -- und jede Frau dieses Hauses zieht +schließlich in jenes hinauf.« + +Er führte den jungen Mann eine Strecke fort und raunte: + +»Schon die Frau des Alten ist dort oben gestorben. O, das sind Geschichten, +die niemand mehr verbürgen kann. Sie soll ihm entflohen sein, mit einem +Offizier; und als sie, krank und reuig, zurückkam, hat er sie da oben +einquartiert . . . Auch seine Tochter ist, als ihr Mann tot war, +hinaufgestiegen und hat droben schnell geendet. Warum sterben hier alle, +sind traurig und halten es mit den Priestern? Es wird am Schatten liegen; +denn kaum, daß den Rand des Gartens zur Mittagsstunde ein wenig Sonne +berührt; -- und man mag sagen, was man will, das Leben im ewigen Schatten +verdirbt das Blut und verschlechtert den Charakter. Wollen Sie ein +Beispiel? Gehen Sie nach Spello hinunter: es liegt in der Sonne. Alle +Männer haben dort Tenorstimmen, alle Frauen sind dick und schön. Gegenüber, +am Nordabhang, ist Lacise. Nun wohl, mein Herr: die Frauen von Lacise sind +gelb und schmutzig und die Männer allesamt Räuber.« + +»Jawohl, jawohl. Aber Sie sagten, daß aus diesem Hause jede Frau dort oben +--« + +»Jede kommt ins Kloster,« -- und der Advokat schob mit gespreizter Hand +alle Hoffnung fort. + +»Aber heutzutage --« + +Nello mußte hinunterschlucken. + +»-- ist man aufgeklärt, nicht wahr?« + +Da der Advokat nur die Luft ausstieß: + +»Auch wird ein alter, alleingebliebener Mann sich nicht früher als nötig +von seiner Tochter trennen.« + +»Nötig? Sie wissen also nicht, was solch ein Fanatiker nötiger hat: die +Liebe einer Tochter oder den Segen der Pfaffen? O! mein Herr, es ist nur +allzu gewiß, daß unserer Gegend ein großer Schade bevorsteht und eine +unserer reichsten Erbinnen in sträflicher Weise der Welt, der bürgerlichen +Gesellschaft, dem Familienleben und dem gemeinen Nutzen entzogen werden +wird!« + +Die Miene des Fremden hatte auf einmal etwas Dunkles und Höhnisches. + +»Gewiß wartete schon mancher auf sie? Und in der Stadt werden Sie einen +Zirkel haben, wo Alba als junge Frau getanzt und Gedichte hergesagt hätte? +Und den Armen hätte sie Suppe gekocht? Hätte auch Liebhaber gehabt? +Vielleicht Sie selbst, Herr Advokat?« + +»Eh! weiß man das jemals?« keuchte Belotti und riß Schultern und Arme +zurück. Der junge Mann wendete sich umher. Aber auflachend: + +»Auch die Klöster wollen leben; und dort oben wird sie wenigstens allein +und frei sein!« + +Ah! tausendmal lieber wollte er sie dort oben verschwunden, begraben +wissen, als lebend unter Gemeinen, auf gemeinen Plätzen, in gemeinen Armen! + +»Sie wird rein sein«, dachte er, indes der Advokat ihn enttäuscht +betrachtete, -- und wunder und bebender: »Nie werde ich sie wiedersehen. +Aber auch kein anderer wird sie sehen.« + +Da sprang er zurück und griff nach dem Geländer. + +»Was ist geschehen?« fragte der Advokat erschreckt. Der Tenor hielt die +Hand aufs Herz gedrückt und antwortete nicht. Der Advokat folgte seinem +verstörten Blick, der in die offene Terrassentür ging. + +»He! Niccolo! da sind wir«, rief er, und der Bursche kam hervor mit dem +gefüllten Netz. + +»Ah, Sie sind schreckhaft, junger Mann,« -- und Belotti klopfte Nello auf +die Schulter. »Sie haben Nerven: wie alle Künstler. Man weiß auch, wovon.« + +Er zwinkerte und klopfte. Nello entriß ihm die Schulter. Er beugte sich +über die Balustrade und schloß die Augen. Sie hätte es sein können! Was +sollte geschehen, wenn er sie wiedersah! Schon diese Nacht, verlebt in +ihrem Bereich, unter Dingen, die ihre waren, hatte ihn entzückt und +erschöpft. + +Er stieg, unbeachtet von den beiden, die über den Preis der Eier stritten, +in den Garten hinab. War nicht dies die Bank, auf der er geruht hatte und +wo gewiß auch sie sich niedersetzte? Im Dunkeln hatte er auf dem Wege nach +einer Spur ihres Fußes getastet, hatte seine Hand darin gekühlt und seine +Lippen darauf gedrückt. Wo war nun die Spur? + +»Habe ich sie mir denn vorgetäuscht? Ach, ich schmeichelte mir auch, der +Nachtwind bringe mir den Duft ihres Zimmers: ihren Duft; und bloß das Beet +hier war es, das ich roch. Ich bin ein Narr, bin lächerlich. Habe ich nicht +auf diesen Brunnenstufen zu sterben gedacht -- und von ihr gefunden zu +werden, wenn sie am Morgen die Frische des Quells aufsuchte? Jetzt ist es +schon heiß, mich dürstet, und ich fühle mich, noch unter ihren Fenstern, so +fern von ihr und allein.« + +Er sah in der Schale, woraus er trank, seine schmerzerfüllten Augen, hörte +auf den begrünten Quadern, die Zypressenreihe entlang, seinen dumpfen +Schritten zu und fand die kleine Pforte wieder, die er schon bei tiefer +Nacht in den Angeln gehoben hatte, damit sie nicht knarrte. Auf der +Landstraße ging er rasch davon; und im Gehen breitete er die Arme aus, und +nun wieder, und schüttelte dazu den Kopf. + + * * * * * + +Als der Advokat Belotti ihn einholte, sah Nello verwirrt umher: wo war er +doch? + +»Mein armer junger Freund, Sie müssen taub geworden sein; ich schreie und +schreie: Sie laufen immer rascher . . .« + +Da der Tenor sich nicht entschuldigte, tat Belotti es. Er habe warten +lassen; aber wenn man wüßte, wie genau seine Schwester es mit den Eiern +nehme; -- und er wog das Netz in der Hand. + +»Die schlechten muß ich bezahlen. Ah, die Frauen! Aber beachten Sie das +städtische Waschhaus! Ich bin es, der seine Errichtung beantragte und, +wieder einmal dem Ignoranten Camuzzi zum Trotz, durchgesetzt hat. Es hat +mir Genugtuung bereitet, zum Wohl der Frauen arbeiten zu können, und sie +sind mir erkenntlich dafür, sie verbreiten meinen Ruf als Volksfreund. +Guten Tag, Fania, guten Tag, Nanà!« + +Der Barbier Nonoggi kam ihnen entgegen. Er ging wippend und ganz auf die +linke Seite gelegt. Rechts trug er seine abgeschabte Ledertasche und +schwenkte sie bei jedem Schritt, indes der linke Arm steif blieb. Bis auf +den Boden zog er schon von weitem den Hut, grimassierte und krähte dazu. + +»Guten Morgen den Herren! Welch glänzender Tag. An solchem Tage stirbt man +nicht!« + +»Wir denken nicht daran, Nonoggi«, erwiderte der Advokat. »Ihr geht wohl +zum Nardini? Grüßt ihn von mir: ich sei heute bereits in Geschäften bei ihm +gewesen.« + +»Sie sehen schlecht rasiert aus«, sagte der Barbier zu Nello Gennari. »Das +mißfällt den Frauen, mein Herr. Wenn Sie sich mit dem Sitz auf jenem Stein +begnügen wollen -- er ist im Schatten --, bediene ich Sie sogleich . . . +Sie wollen nicht? Sie haben unrecht. Wir sehen uns also ein andermal. Euer +Diener, ihr Herren!« + +Der Advokat rief ihn zurück. Er wartete, bis der Barbier nahe herangekommen +war, sah sich um und sagte halblaut: + +»Nonoggi, habt Ihr den Baron gesehen? . . . Ich auch schon. Nonoggi, es ist +etwas vorgefallen zwischen ihm und jener Fremden im »Mond«, der Komödiantin +. . .« + +»Ah! Ah!« + +Der kleine Mann riß seine unsauberen Augen auf und zu. Er zuckte; die roten +Rinnsale in seiner Gesichtshaut führten blutige Tänze auf. + +»Nonoggi,« fuhr der Advokat fort, »wir müssen in dieser Sache sehr +vorsichtig sein: es ist eine so alte Familie. Ihr erfahrt es doch, daher +erbitte ich Euer Schweigen.« + +Der Barbier hatte schon längst die Hand auf dem Herzen; er hüpfte, +dienerte, machte den Mund rund und streckte den Arm mit der Tasche von +sich. + +»Wie es bedauerlich ist,« sagte er, »wenn selbst die Herren sich vergessen. +Andererseits sieht man es gern. Genug, wir werden schweigen. O! der Herr +Advokat kennt mich, wie ich ihn kenne.« + +»Wir haben sonst nicht mehr und nicht weniger als einen Skandal, Nonoggi, +-- obwohl es eine verzeihliche Verirrung ist. Aber wir müssen mit Leuten +wie jener Priester rechnen.« + +»Ob wir damit rechnen, Herr Advokat! Was würde sonst aus uns selbst? Würde +unsereiner der Schwäche seines Fleisches immer widerstehen? Denn was +insbesondere die Perückenmacher angeht, so haben sie alle häßliche Frauen. +Es ist sonderbar, es ist rätselhaft, aber es ist eine Tatsache.« + +Er spreizte die Hand aus. + +»Lachen Sie nicht, Herr Künstler! Denn ich sage die reine Wahrheit. Wenn +wir unsere Frauen heiraten, scheinen sie uns schön, und nachher sind sie +häßlich. Sehen Sie sich die Familien aller Barbiere der Stadt an: die Frau +des Bonometti, des Druso, des Macola, oder meine eigene. Nein! die sehen +Sie lieber nicht an. Ich selbst sehe sie gar nicht mehr an, aus Furcht, sie +abzunutzen.« + +Er riß den Mund bis ans linke Ohr hinauf, schwenkte Hut und Tasche und lief +weiter. + +Mitten im Gelächter gewahrte der Advokat das Stadttor, faßte sich und +schlug einen seiner Rockflügel über das Netz mit Eiern. Er beeilte sich +nicht sehr. + +»Es ist immerhin besser, die Form zu wahren. Aber man kennt mich, und +niemand würde wagen --« + +Der Beamte des Stadtzolls legte zwei Finger an seinen Federhut; der Advokat +sagte gnädig: + +»Guten Tag, Cigogna.« + +Und zu seinem Begleiter ein wenig von oben: + +»Sehen Sie?« + +Leise pfeifend zog er die Eier wieder hervor. + +Aber in der Gasse wandten sich Leute nach ihnen um, und zwischen den +zusammengelehnten Fensterläden sah der Advokat mehrmals aus weißen +Gesichtern begierige Augen auf seinen Gefährten herablugen, der nicht den +Kopf hob. Da nahm der Advokat den Arm des schönen jungen Menschen, sprach +und lachte über ihn gebeugt und ganz mit ihm verbrüdert. Wie sie, am +Ausgang nach dem Platz, die halbrunden Rathausarkaden abschritten, trat auf +den Balkon des zweiten Stockwerkes sanft singend die junge Frau Camuzzi, +hinter einem großen Fell, das sie ausgebreitet hielt und schüttelte. Sie +ließ es sogleich sinken. + +»O! entschuldigen Sie, Herr Advokat. Ich hatte Sie nicht gesehen.« + +»Machen Sie nur! Es ist mir eine Ehre«, rief der Advokat zurück und sprang +umher, um dem fliegenden Schmutz zu entgehen. Frau Camuzzi blieb über das +Fell gebeugt, das nun auf dem Gitter lag, war errötet und sah unverwandt +dem Begleiter des Advokaten in die Augen. Der Tenor zog den Hut. Sie dankte +langsam und sehr ernst. Der Advokat schnaubte nach dem Staube, durch den er +gekommen war. Bevor sie das Café erreichten, blieb er nochmals stehen und +flüsterte, Takt schlagend: + +»Überlegen wir ein wenig: wäre es nicht eine wahre Schande, wenn ein +Ignorant wie der Camuzzi eine solche Frau hätte, ohne auf die Dauer von ihr +betrogen zu werden? Aber so sind nun die Frauen: gerade diese ist die +treueste von allen.« + +In diesem Augenblick erschien hager, in Weiß wie gestern und mit noch +dickeren Säcken unter den Augen als gestern, der alte Tenor Giordano im Tor +des Rathauses und hob langsam, damit der Brillant Zeit zu funkeln habe, die +Hand an den Hut. + +»Ah! Cavaliere.« + +Der Advokat stürzte sich auf ihn. Er keuchte am Ohr des Alten: + +»Sie haben das Glück, Cavaliere, bei einer unserer hübschesten Frauen zu +wohnen. Von einem Manne wie Sie erwartet man, daß er solch Glück nicht +ungenützt vorbeiläßt! Alle Augen sind auf Sie gerichtet!« + +Der Alte winkte leichthin, als seien so viele Worte nicht nötig, -- aber +der Advokat legte, zurückweichend, den Kopf in den Nacken. + +»Ist es möglich! Was ist das, was bedeutet das!« + +»Wissen Sie das nicht?« fragte der Cavaliere Giordano. »Eine Bogenlampe.« + +»Ich sehe es zu gut,« sagte der Advokat dumpf, »eine Bogenlampe. Aber eine +Bogenlampe, mein Herr, die ohne mein Wissen hier aufgestellt ist. Es muß +über Nacht geschehen sein, und ich erkenne in diesem Streich die Hand des +Camuzzi. Er hat den Augenblick benutzt, wo ich mich der Kunst widmete. Ein +öffentlicher Mann, mein Herr, ein Staatsmann kann nicht wachsam genug +sein.« + +Aus der Gasse der Hühnerlucia kam, festen Schrittes und eine Hand in der +Hosentasche, der Bariton Gaddi. Untersetzt pflanzte er sich bei den andern +auf und sagte mit seiner ehernen Stimme: + +»Wir sind doch wohl die ersten? Nello natürlich infolge eines Abenteuers, +ich, weil mir meine Familie keine Ruhe läßt, -- und im Alter des Cavaliere +schläft man nicht mehr lange.« + +Der alte Giordano zog eine Grimasse. Gaddi erhob sein massiges +Cäsarenprofil zu den Gebäuden ringsum und erklärte die Stadt für +interessant. Der Advokat Belotti beschwor die Herren, sich von ihm +umherführen zu lassen: sie würden es nicht bereuen, er sei Spezialist für +die Geschichte der Stadt, und das Material zu einem ungeheuren Werke liege +seit zwanzig Jahren in seinem Schreibtisch. + +Zuerst las er den drei Komödianten die lateinischen Inschriften vor, die +auf alten Marmorbrocken in der Fassade des Rathauses staken. Um eine hoch +angebrachte lesen zu können, mußten sie einem Burschen, den der Advokat +herbeirief, auf die Schultern klettern. Auch von dem alten Giordano +verlangte Belotti es und machte eine erstaunte Pause, als der Greis sich +weigerte. Die Stadt hatte ältere Ursprünge als Rom! Jahrhundertelang hatte +ein Venustempel ihren Platz eingenommen. + +»Ihren ganzen Platz! Denn das unsere war eins der größten Heiligtümer der +Göttin, aus ganz Italien strömten ihre Verehrer herbei.« + +Die drei horchten auf. Der Bariton bemerkte: + +»Das muß ein glänzendes Geschäft gewesen sein.« + +»Ah!« machte der Advokat entzückt und klagend, als habe er den Verfall der +Zeiten miterlebt. »Das war etwas anderes als jetzt, wo die Stadt eine +kleine Einnahme --« + +Mit der Hand am Munde: + +»-- nur aus dem Hause in der Via Tripoli bezieht.« + +Die drei nickten stumm. + +»O, eine elende Kleinigkeit! Damals aber: stellen Sie sich, meine Herren, +in den Gärten, die diese ganzen Hänge bedeckten, das Heer der Priesterinnen +vor!« + +Allen drei war anzusehen, daß sie sich die Priesterinnen vorstellten. Nello +Gennari hatte erweiterte Augen und einen bitteren Mund. + +»Bis nach Villascura dehnten ihre Wohnungen sich aus. Ja, wir haben Beweise +dafür, daß gerade in Villascura die Häuser der vornehmsten von jenen Damen +standen.« + +Er kicherte heiser, der Cavaliere Giordano meckerte ein wenig, Gaddi lachte +ehern. Der junge Tenor biß sich auf die Lippe und sah zu Boden. + +»Nun sind Sie also darüber unterrichtet,« setzte der Advokat noch hinzu, +»von welchen talentvollen Müttern unsere Frauen abstammen.« + +Darauf führte er seine angeregten Zuhörer in den Hof des Rathauses, zu der +Madonna des Valvassore. + +»Unser großer Cinquecentist hat sie seiner Heimatstadt geschenkt. Beachten +Sie die Feinheit des Kolorits!« + +Aber so viele Wachskerzchen der Advokat entzündete, die Fremden sahen +hinter dem Drahtgitter nur etwas Schwarzes, Brüchiges. Bevor ihre Stimmung +sinken konnte, drang er darauf, ihnen den hölzernen Eimer zu zeigen, den +die Bürger der Stadt vor dreihundert Jahren denen von Adorna geraubt +hatten. Ein mächtiger Krieg war deswegen zwischen den beiden Städten +entbrannt. Beide hatten Blut und Wohlstand an diesen Eimer gesetzt. Die +Götter, hieß es, hatten, unter die Heere der beiden Städte verteilt, um ihn +mitgekämpft. + +»Und wir, denen Pallas Athene half, haben ihn behalten, und er hängt in +unserem Glockenturm«, schloß der Advokat. »Sie werden sehen, Sie werden +sehen!« + +Er hastete ihnen voran über den Platz. Am Pfahl der Bogenlampe stieß er +sich heftig und sah voll Zorn hinauf. + +»Sie steht an einer falschen Stelle. Ich würde sie nicht dorthin gestellt +haben!« + +Als sie drüben waren, zögerte er, wandte sich halb um und wisperte: + +»Im Winkel neben dem Turm das schwarze Haus: sehen Sie nicht hin, ich +beschwöre Sie, wir werden beobachtet.« + +Er zog sie um die Ecke des Turms und sagte jedem einzeln ins Ohr: + +»Dort hinten ist eine unserer größten Merkwürdigkeiten, das Geheimnis der +Stadt, etwas Unerklärliches: ein Wunder, würden die Fanatiker sagen.« + +Und er berichtete von Evangelina Mancafede, die seit neun Jahren nicht +ausgegangen war, aber alles in der Stadt sah und wußte. + +»Erstaunlich«, sagte der Bariton. + +»Schlimm genug«, sagte Nello hinter geschlossenen Zähnen. + +»Noch mehr als das,« setzte der Advokat hinzu, »sie hat vorhergewußt, +Cavaliere, daß Sie kommen würden!« + +Der alte Sänger machte ein bedenkliches Gesicht. Solche Dinge konnten +Unglück bringen. + +»Mir ist prophezeit worden, ich werde in einer Stadt von weniger als +hunderttausend Einwohnern sterben, umgeben von Geheimnis. Also muß ich +vorsichtig sein.« + +»Sie sehen aus, als könnten Sie gar nicht sterben«, sagte Gaddi, mit einem +Blick auf die geschminkten Wangen des Alten. + +»Der Ruhm macht unsterblich«, rief der Advokat und stieß die Turmtür +zurück. Sie erstiegen, einer hinter dem anderen, eine schlüpfrige Treppe. +Vor einer Tür mit eisernem Beschlag hielt der Advokat inne, streckte einen +Arm über die Nachkommenden aus und prägte ihnen die Feierlichkeit der +Stunde ein. + +»In der Geschichte des Eimers finden Sie, meine Herren, die Sie dem Ruhm +dienen, ein großes Vorbild. Um diesen Eimer starben viele Brave. Was ist +ein Leben? Der Eimer dauert! Der Ruhm stirbt nicht!« + +»Gut! gut!« sagten alle drei. Der alte Giordano hatte feuchte Augen. + +»Aber der Schlüssel fehlt uns noch«, bemerkte der Advokat, und er rief in +den Turm hinauf: + +»He! Ermenegilda!« + +Es hallte leer. Der Advokat erstieg noch drei Stufen, und auf jeder schrie +er. Endlich beugte droben sich ein altes, finsteres Gesicht herüber. + +»Was wollt Ihr? Der Schlüssel ist nicht da. Für den Eimer gibt es keine +Erlaubnis mehr.« + +»Was denn? Bist du verrückt geworden, Ermenegilda? Kennst du mich nicht +mehr? Ich bin der Advokat Belotti.« + +»Das weiß ich. Aber den Schlüssel hat Don Taddeo.« + +»Was sagst du? Don Taddeo hat --. Aber das ist ein offenbarer Übergriff! +Das ist erklärter Raub! Meine Herren, Sie sind Zeugen einer Gewalttat. Sie +werden dabei sein, wenn ich dem Munizipium das Vorgefallene berichte. Ah! +kaum, daß ich es fasse.« + +Der Advokat hatte die Hände über dem Kopf. Er stürzte -- und fast warf er +die drei Komödianten die Treppe hinab -- mit fliegenden Schößen zum Turm +hinaus, zwischen den unbewegten Löwen über die Stufen zum Dom und hinein. +Die andern liefen ihm nach. + +»Herr Advokat,« rief der Bariton, »bemühen Sie sich doch nicht! Wir erheben +keinen --« + +Der Advokat war schon in der Sakristei verschwunden, er kam schon wieder +heraus. + +»Glauben Sie, daß dieser Priester sich blicken läßt? Er fürchtet sich und +tut wohl daran. Wir wollen sehen, wer der Stärkere ist! So werden die Dinge +nicht verlaufen. Dort innen --« + +Er wies auf die Sakristei. + +»-- ist also nicht nur ein Herd von Lügen und Ränken, sondern auch eine +wahre Räuberhöhle.« + +»Schließlich haben auch Sie den Eimer einmal geraubt«, wendete der Bariton +ein. Der alte Tenor vermutete: + +»Es wird ein Irrtum sein.« + +»Liegt denn überhaupt so viel daran?« fragte Nello Gennari. + +Und da der Advokat die Arme hob: + +»Vielleicht hat übrigens der Priester recht. Der Eimer befindet sich in +seinem Turm . . .« + +»O! hat man je solchen Sophismus gehört. Der Eimer, das Wahrzeichen der +Stadt! Von uns erobert! -- und ein Priester sollte wagen dürfen --. Aber +ich werde ihn zu finden wissen: in der Schule ist er. Freunde, auf, zur +Schule! Er soll eine Niederlage erleben, die er nie vergessen wird.« + + * * * * * + +Sie hielten ihn mit Mühe. Jungen sammelten sich um sie. Am Platz und in den +Eingängen der Gassen hörte Hämmern und Singen auf, und Leute traten auf die +Schwellen. Der Apotheker Acquistapace zeigte sich. Er meinte, Don Taddeo +wolle sich rächen, weil -- und er wies auf die drei Sänger -- in der Stadt +jetzt die Kunst blühe. + +»Mir gilt es, der ich sie hergerufen habe«, behauptete der Advokat. Dennoch +ließ er sich bewegen, vor Beginn des Kampfes beim Gevatter Achille den +Vermouth zu nehmen. Auch Polli und Camuzzi erschienen. Der Barbier Nonoggi, +der sie aus seinem Laden hinausbegleitete, zog sich zurück, sobald er den +Advokaten gewahrte, und gleichzeitig kam der Leutnant der Carabinieri +vorüber. Der Advokat forderte den Soldaten auf, sofort auf dem Gewaltwege +die Stadt in den Besitz des Schlüssels zu bringen. Der Gemeindesekretär +hielt dies Verfahren für ungesetzlich. + +»Also gehen Sie zu den Priestern über! Ich wußte wohl, Camuzzi, daß Sie den +Fortschritt nicht lieben. Auch die Bogenlampe, an der sich jeder stößt, +haben Sie, um mich zu verhöhnen, über Nacht an einen falschen Fleck setzen +lassen. Aber nie hätte ich gedacht, Sie würden so tief sinken.« + +Der Sekretär erklärte sich für ganz unbefangen. Hier liege eine +Kompetenzfrage vor, denn wenn der Eimer der Stadt gehöre, sei der Turm, in +dem er hänge, doch Eigentum der Kirche. + +»Sagte ich es nicht?« bemerkte Nello Gennari. Der Streit dieser Leute, die +Wichtigkeit, die sie ihren Angelegenheiten beilegten, erbitterten ihn +eigentümlich. Es schien ihm, um sich und sein Gefühl dürfe er eine weite, +ehrfurchtsvolle Stille verlangen. Mochten sie sich gegenseitig totschlagen! + +»Der Priester hat recht!« rief er mit böser, heller Stimme. »Überhaupt +müssen wir Religion haben.« + +Der Advokat beachtete ihn nicht. Er sah auf einmal siegesgewiß aus. + +»Wollt ihr Logik? Ihr sollt sie haben. Ah! ihr sollt sie haben.« + +Mit dem Finger an der Nase: + +»Der Eimer hängt im Turm: gut, aber er hängt. Den Boden berührt er nicht, +und das Seil, das ihn mit der Decke verbindet, ist städtisch: ich weiß es, +denn ich selbst habe es beim Seiler Fierabelli gekauft, weil mir das alte +nicht mehr sicher genug schien. Nun wohl! Weder oben, noch unten, noch +ringsherum stößt der Eimer auf kirchliches Gebiet, und wer wollte +behaupten, die Luft, in der er hängt, gehöre der Kirche?« + +»Das bleibt unentschieden«, sagte Camuzzi, und Nello unterstützte ihn. + +»Sie werden mich nicht beirren. Die Luft ist frei. Aus der Luft über Ihrem +Weingarten darf ich so viele Vögel schießen, als ich will, vorausgesetzt, +daß ich Ihren Acker nicht zerstampfe.« + +Der Advokat führte seinen Vermouth an den Mund und betrachtete dabei, +genußsüchtig blinzelnd, die geschlagene Miene seines Gegners. Sein Sieg +hatte ihn beruhigt. + +»Setzt die Füße auf die Leisten eurer Stühle, ihr Herren!« sagte er jovial. +»So entgeht ihr unseren Flöhen. Ah! an solch einem schönen Morgen hat man +einen guten Kopf, und es ist eine wahre Lust, sich unter Männern über dies +und das zu unterhalten. Die Weiber taugen dafür nicht.« + +Indessen verbeugten sich alle vor Mama Paradisi, die eins ihrer Fenster +ganz ausfüllte mit ihrem Wogen. Am nächsten stießen sich ihre beiden +schönen Töchter. + +»Sie sind schon angezogen,« sagte der Apotheker, »ob das nicht Ihnen gilt, +Herr Gennari? Ohne die andern Herren beleidigen zu wollen: aber auf mich +selbst beziehe ich es nicht.« + +Der Tenor sah weg. + +»Sie sind verwöhnt, junger Mann«, und der alte Krieger legte ihm seine +breite Hand auf. Nello brach aus: + +»Sollte man den Weibern nicht verbieten, über Tag die Läden zu öffnen? Da +liegen sie rings um den Platz und würden am liebsten gleich die Arme +öffnen. Eine Frau ohne Zurückhaltung stößt mich ab: ich bin so.« + +»Aber Nello!« sagte der Bariton. »Bisher konnte es dir nicht rasch genug +gehen. Noch gestern, gleich in der ersten halben Stunde, warst du auf eine +aus, die in den Dom ging.« + +»Wer ging in den Dom? Schweige doch! Vielleicht bist du dafür bezahlt, mir +eine anzubieten?« + +»Ich kenne dich nicht wieder, Nello! Dieser Rasende, ihr Herren, war sonst +ein Cherubim, die Freude der Frauen, aller Frauen in den Städten, wo wir +sangen. Noch keiner hat er etwas abgeschlagen. Und jetzt, was ist ihm +begegnet?« + +Der alte Giordano verging sich in Handküssen nach allen Seiten. + +»Man behält keine Zeit zu sprechen«, sagte er. »Es sind zu viele.« + +»Warum bleiben an jenen Häusern die Fensterläden geschlossen?« fragte er +zwischendurch. Da man ihn ansah, gestand der Apotheker: + +»Das hier ist meins. Aber auch die Frau des Perückenmachers Nonoggi +handelt, wie Sie sehen, Cavaliere, indem sie ihre Läden schließt, im Sinne +des Don Taddeo, der die Kunst verbieten möchte. O! nicht meine Frau allein: +eine ganze Partei hält zu ihm. Sie werden sehen.« + +»Wir nehmen den Kampf auf!« verhieß der Advokat. »Den Schlüssel wird er +herausgeben: und sollte ich für die Stadt Prozesse führen, die mich mein +Leben lang auf den Beinen halten, er wird den Schlüssel herausgeben. Ich +selbst, der Advokat Belotti, werde eure sämtlichen Choristinnen in den Turm +führen, werde ihnen den Eimer zeigen, und nicht einmal der heilige Agapitus +selbst soll mich hindern!« + +»Sprechen Sie darüber mit Ihrem Bruder!« riet Camuzzi. »Er hat einen +gesunden Kopf, und dort kommt er; es ist zehn Uhr.« + +Der Pächter ritt auf seinem trippelnden Eselchen zwischen zwei großen +Körben die Rathausgasse herauf. Beim Rathaus nahm er zuerst den blauen +Klemmer, dann den glockenförmigen Strohhut ab und schwenkte beide. Vor dem +Café stieg er ab. + +»Guten Tag, die Gesellschaft«, sagte er. + +»Der Advokat behauptet . . .« begann Camuzzi. + +»Ich behaupte nichts«, sagte der Advokat rasch. + +Der Pächter betrachtete ihn mitleidig. + +»Ah! der Advokat. Was will er schon wieder. Pappappapp . . .« + +Er ahmte in einer gehässigen Tonart die Sprechweise seines bedeutenden +Bruders nach. Der Advokat lehnte sich vornehm zurück. + +»Das sind Dinge, die ein Mann wie du nicht beurteilen kann.« + +»Nun gut, man schweigt«, erwiderte Galileo. »Aber wer sind denn die da?« -- +und er rückte den Finger von einem der drei Fremden auf den andern. Bei der +Vorstellung scharrte er umständlich mit den Füßen, stöhnte zwischen den +Komplimenten und erleichterte sich, als er wieder auf dem Stuhl saß, durch +gewaltiges Ausspeien. Er hielt die kurzen fetten Schenkel weit auseinander +und ließ die kleinen goldbraunen Fäuste dazwischen herabhängen. Unter +seinen weißen Brauen blinzelte er alle verächtlich prüfend an, verzog stumm +den Mund zu dem, was sie sagten, und verlangte schließlich, herauspolternd, +als sei seine Geduld erschöpft, sein Nachbar solle, da er schon ein +Künstler sei, Zauberkünste zum besten geben oder einen Witz. Der alte Tenor +stand auf und verwahrte sich. Er sei seit fünfzig Jahren Künstler, aber +eine solche Zumutung --. Sein ganzes Gesicht, jede Runzel darin, zitterte, +als sollte er in Tränen ausbrechen, und er hatte beim Bewegen seiner +faltigen Hände den Brillanten sichtlich ganz vergessen. + +»Was will denn der?« fragte Galileo. »Was für ein Dummkopf! Pappappapp!« + +Er machte dieselbe alberne Stimme, mit der er den Advokaten nachgeahmt +hatte. Der Cavaliere Giordano traf Anstalten, sich zu entfernen. Der +Advokat wendete ihn, mit zärtlichem Respekt, immer wieder zurück. + +»Tun Sie uns das nicht an, Cavaliere! In keiner Stadt ist Ihr Ruhm größer +als in unserer. Mißverstehen Sie meinen Bruder nicht, auch er verehrt Sie. +Galileo, unsere Schwester hat nach dir gefragt, eine Ziege ist krank.« + +»Warum hast dus nicht gleich gesagt? Aber die Advokaten verstehen nichts.« + +Er wischte sich den Mund mit der Hand, nahm das Eselchen, das mit der +Schnauze an seinem Nacken stand, und führte es in die Treppengasse. Der +Advokat fuhr mit Beschwörungen fort. + +»Cavaliere, ein Mann wie Sie ist über solche Miseren erhaben. Ein Bauer hat +Sie nicht mit der schuldigen Achtung behandelt: was weiter? Denn mein +Bruder ist nur ein Bauer. Um sieben legt er sich schlafen, um ein Uhr +nachts reitet er aufs Feld, und um zehn, wenn die Hitze beginnt, kehrt er +heim. In der Zwischenzeit spielt er Mora mit seinesgleichen. Unter dem +Papst ging er zur Messe, jetzt freilich nicht mehr. Sein Geist ist trotzdem +wenig kultiviert, und er läßt sich den Ausfall der Ernte von der +Hühnerlucia, einer verrückten Alten, vorhersagen. Aber --« + +Er ließ den Sänger los. + +»-- schweigen wir von diesen Kleinigkeiten. Der Augenblick, Cavaliere, ist +ernst. Ihr Herren, ich sehe auf dem Corso den Priester erscheinen.« + +Er setzte sich, schwach, wie es schien, vor Erregung. Auch der alte +Giordano nahm seinen Stuhl wieder ein. Das Erlittene überwältigte ihn +nachträglich auf einmal ganz. Er sank zusammen und murmelte: + +»Seit fünfzig Jahren Künstler . . .« + +»Er hat bei sich die Baronin Torroni«, sagte Polli. + +»Zu seiner Bedeckung«, setzte der Apotheker hinzu. + +»Was tut das,« -- und der Advokat sprang auf. »Ich werde der Baronin +einfach erklären, daß ich mit diesem Priester --« »Er verabschiedet sich, +sie betritt ihr Haus.« + +Der alte Tenor fuhr jäh auf: + +»Ich, den seine Exzellenz Cavour zum Ritter der Krone von Italien gemacht +hat!« + +Sie hörten ihn nicht. Der Advokat stand sprungbereit. Wie er ihn erblickte, +verließ der Priester, zusammenzuckend, seine Linie. Der Advokat schoß los +und schnitt ihm den Weg ab. + +»Gefangen«, bemerkte der Apotheker. + +»Und ich habe ein Haus in Florenz!« + +Dabei setzte der Cavaliere Giordano wütend sein Glas hin. »Was kümmern mich +alle diese Armseligkeiten? Mein Haus ist voll der Erinnerungen an eine +ruhmreiche Laufbahn, der Geschenke von Fürsten und Damen . . .« + +»Don Taddeo, Ihr Diener«, hörte man den Advokaten sagen. Er hob den Hut und +schlug sogar mit dem Fuß aus. Der Priester grüßte ebenso höflich und sah +ihn aus seinen roten Augen brennend an. + +»Ein Wort, Don Taddeo, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist! Ein unliebsamer +Irrtum Ihrerseits . . .« + +»Es ist kein Irrtum, mein Herr . . .« und es war zu merken, daß der +Priester kaum sprechen konnte. »Der Schlüssel: denn von ihm wollen Sie +gewiß reden . . .« + +»Freilich. Um Sie im Vertrauen auf Ihre Loyalität --« + +»Zweifellos. Aber es handelt sich einfach darum, mein Herr, daß der +Schlüssel von Rost zerfressen und kaum noch brauchbar war. Ich habe ihn dem +Schlosser Fantapiè gegeben und einen neuen bei ihm bestellt.« + +»Ah!« + +Der Advokat brachte einen Laut hervor, der nicht heiser klang. Wie leicht +mußte es ihm sein! Polli, Acquistapace und der Leutnant wiederholten: »Ah!« +-- und auch der Bariton Gaddi machte: »Ah!« Nello Gennari achtete nur auf +den Cavaliere Giordano. Der berühmte Sänger war nach seinem verpufften +Ausbruch ganz in sich zusammengefallen und sah alt aus: endlich unverhohlen +alt, mit herabhängendem Kiefer, Augen, die greisenhaft stierten, und +hilflosen Händen. Sein junger Gefährte dachte, und senkte finstere Blicke +in die arme Gestalt: + +»Ja, was tut er hier? Ein reicher, geehrter alter Mann -- und läßt sich +herbei, in einem schmutzigen Nest die Rüpel lustig zu machen! Aber er hat +keine Stimme mehr; in den großen Städten wollen sie ihn nicht mehr; und da +man, scheint es, in unserem Leben das Händeklatschen nie entbehren lernt, +müssen es nun die Fäuste der Bauern besorgen, -- wie man vielleicht die +Mägde noch blenden kann, wenn einen die Herrinnen nicht mehr ansehen +. . . So geht es zu bei uns. Wir treiben es weiter, wie auch ich es so +lange trieb: immer kindisch weiter, armselig berauscht, ohne Anker, ohne +den Mut, zu landen; -- und eines Tages vor dem Café einer Landstadt, wo +einem die Flöhe über die Füße springen, bemerkt man, wie weit man kam +. . . Ich aber: o! niemals wird es mit mir dorthin kommen. Ich bin jung, +und mein ganzes Leben soll Alba gehören. Ich werde sie von meiner Anbetung +überzeugen, werde etwas tun, eine Handlung ein Wagnis, das sie mir gewinnt +. . . Gefunden: aus dem Kloster; ich befreie sie aus dem Kloster! Wie +sollte sie mich nicht lieben! Wir fliehen. Dann werfen wir uns dem +Großvater zu Füßen . . . Ich bin vielleicht töricht und romantisch? Aber +nichts, wenn ich sie denn nie besitzen soll, nichts doch hindert mich, zu +ihren Füßen zu leben: als Bauer, ihr unbekannt, unter den Mauern ihrer +Zelle. Oder ob es hier ein Männerkloster gibt? An den Festtagen in der +Kirche könnten wir uns sehen: in weißen Tüchern ihr schöner Kopf und ich +unter der Kutte -- könnten einander in die Augen sehen und singen . . .« + +»Junger Mann, Sie träumen«, sagte jemand, und der Cavaliere Giordano, der +sich erholt hatte, betrachtete Nello mit hoch überlegenem Lächeln. + +Der Advokat und Don Taddeo waren jetzt dabei, sich voneinander zu +verabschieden. Ein Halbkreis von Zuschauern folgte ihren Bewegungen. + +»Ich kann also auf Ihr Wort rechnen«, -- und der Advokat trat dienernd +einen Schritt zurück. + +»Aber wie denn. Zu Ihren Diensten«, erwiderte der Priester, vorgeneigt und +mit der Kappe in der Hand. + +»Es ist immer gut, sich zu verständigen«, sagte der Advokat beim nächsten +Schritt. Und Don Taddeo: + +»Wir sollen niemand hassen.« + +»So denke auch ich, Reverendo. Ihr Diener.« + +Dabei schlug der Advokat ein letztes Mal aus. + +Mit feuchter Stirn und Augen, die noch gar nichts sahen, kehrte er zurück. +Unter den Zuschauern sagte der Barbier Bonometti: + +»Er hat es ihm gegeben, der Advokat.« + +Die Frau des Kirchendieners Pipistrelli stieß den Krückstock aufs Pflaster. + +»Ihm hat es Don Taddeo gegeben, ihm!« + +Die Jungen pfiffen auf den Fingern hinter dem Priester her. Als er sich +umdrehte, spielten sie unschuldig am Boden. + +»Dort drückt er sich, der Feigling«, sagte der Apotheker nicht sehr leise. +»Auf den Schlosser redet er sich hinaus.« + +»Wenn man sie anpacken will --«, sagte Polli. »Das kennt man.« + +»Indessen, Advokat,« sagte Camuzzi, »Sie waren höflich mit jenem Herrn, er +kann sich nicht beklagen.« + +»Höflich, ich? Ich habe ihm vollauf Bescheid gesagt. Freilich verhandelt +man in gesitteter Form . . .« + +»Du hättest ihn nicht Reverendo betiteln sollen,« sagte der Tabakhändler, +»wenn er dich nicht wenigstens Exzellenz nannte.« + +»Aber was habt ihr? Er seinerseits hat meine Ironie sehr wohl gefühlt, +dessen bin ich sicher. Er weiß zu dieser Stunde, daß ich ihn für einen +Schurken halte. Meint ihr, er würde so vor mir gekrochen sein, hätte er +kein böses Gewissen gehabt? Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wäre er, +sobald er mich sah, davongelaufen!« + +»Das ist wahr«, sagte der Bariton, und die andern gaben es zu. + +»Der Sieg ist beim Advokaten«, stellte der Leutnant fest. Der Apotheker +Acquistapace schlug auf den Tisch. + +»Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlüssel herausgibt, zahle ich zwei +Flaschen A --« + +»Asti«, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand vom Tisch +gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes Tuch über Scheitel und +Schultern, seine Frau getreten; ihr Blick ließ sich so schwer auf den alten +Krieger nieder, daß er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo +zu. Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des Perückenmachers +Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und während Frau Acquistapace ihm +beide Hände drückte, erschien auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom +Tisch der Herren kam sie vorüber, ohne die Lider zu heben, und gesellte +sich zu den anderen. + +»Ah, die Frauen«, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen durch die +Mißbilligung der hübschen Frau Camuzzi. Ihr Mann sagte: + +»Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des Priesters +stoßen.« + +Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen Mienen nach +dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin zeigte sich dort hinten an der +Ecke zum Gasthaus Italia Molesin, die Komödiantin. + +»Wie sie um ihn her schnattern und Flügel schlagen, die Gänse!« sagte der +Tabakhändler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit seiner Frau. »Warum sie +ihm nicht die Fettflecken von der Soutane schlecken!« + +Der Gemeindesekretär grub weiter in der Wunde. + +»Sie müssen nicht glauben, Advokat, daß Sie mit Don Taddeo und den Seinen +leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: um so schlimmer. Er versteckt +sich hinter dem Schlosser Fantapiè, der alle Arbeiten für die Kirche und +das Kloster macht und den Schlüssel keinen Augenblick früher beendet haben +wird, als es dem Priester recht ist . . .« + +Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, wickelte Italia ein, +schnellte über sie hinaus und lärmte so sehr, daß nichts mehr zu verstehen +war. Die Tauben flüchteten vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprüngen am +Dom. Einige kehrten zurück und ließen sich auf den Rand der Brunnenschale +nieder. Italia kam näher; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten, +Hüften und Augen drehte sie hin und her und kaute dabei. Wie sie die Tauben +sah, machte sie sich heran und hielt ihnen, zärtlich kreischend, die +Handfläche mit Brot hin. Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt +dessen sagte Frau Acquistapace: + +»Ist es erlaubt, Reverendo, daß eine verlorene Frau die Kirchentauben +füttert?« + +Indes Don Taddeo seufzte, fügte die Nonoggi hinzu: + +»Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn man denkt! Und mit +einem Edelmann!« + +Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens drückte sie +ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie aus, -- was ihr gut stand. An +ihrem schwarzen Kleid vorbei sah man es silbern niederfallen. Italia +richtete sich fragend auf. Vor dem Café sagte niemand ein Wort. Endlich +versuchte der Advokat: + +»Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn Nonoggi --« + + * * * * * + +Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker: + +»Auch ohne Nonoggi kommt schließlich alles heraus.« + +»Das ist abscheulich«, rief der Advokat. »Ich wasche meine Hände in +Unschuld, -- obwohl ich, wie ich hinzusetzen muß, der erste gewesen bin, +der die Sache erfahren hat.« + +Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen war sie +angelangt, sich mit ihrer trägen Stimme bei dem Priester erkundigte, ob man +die Komödiantin nicht einsperren könnte, damit sie niemanden mehr verführe, +empörte sich der Advokat. + +»Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, sollte nicht von +andern Böses reden!« + +Italia war da, hatte Tränen in den Augen und fragte: + +»Was haben diese Damen?« + +Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener. + +»Nichts«, brachte er hervor. »Wir sind in einer kleinen Stadt, was wollen +Sie; man sieht hier nicht gern, daß eine Frau lange schläft.« + +»Aber das Fräulein hat sich den Schlaf verdient«, meinte Polli bieder. + +»Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco jeden Abend +gespielt . . .« + +»Und vielleicht auch die Liebe?« schlug der Leutnant vor und rückte sich +zurecht. + +»Die Leidenschaft!« rief der Advokat eifersüchtig. »Denn die Künstlerinnen +lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie auf. Ich kenne es.« + +»Wie wahr!« -- und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit den Augen kitzelte. +Der Advokat schnaufte. + +»Diese hier«, erklärte der Bariton Gaddi, »ist nicht leicht aufzureiben, +sie ißt zu viele Makkaroni.« + +»Man sollte sich über die Frauen niemals lustig machen«, erwiderte der alte +Giordano süß. »Sie sind eine zu ernste Angelegenheit.« + +»Danke, Cavaliere,« -- und sie kitzelte auch ihn. »Ich liebe den galanten +Mann.« + +»Man weiß, man weiß!« -- mit einem Schlage zwischen die Gläser; und der +Tabakhändler sah sich, krebsrot, nach dem Apotheker um. »Der Baron!« +wisperten sie erstickt und platzten gleichzeitig aus. + +»Was haben diese Herren?« fragte Italia. Um sie für sich zu gewinnen, +kitzelte sie beide mit den Augen und zur Sicherheit auch noch den Leutnant. + +Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und inzwischen kam Frau +Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten Lidern vorüber. Italia sah ihr +voll Spannung und Unterordnung nach. + +»Ist das die Dame, die ausspie?« flüsterte sie. »Und warum spie sie vor mir +aus?« + +»Auch ich bin beleidigt«, sagte der alte Giordano dumpf und grübelte, +wieder ganz in Falten, vor sich hin. + +Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte irgendeinen an. + +»Hier ist jemand, der alles weiß. Alles, versteht ihr? Ist das nicht +schrecklich?« + +»Ich hatte es vergessen«, sagte der alte Giordano schaurig. »Mein +Gedächtnis! Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglück kommt. Dort im +Winkel hinter dem Turm --« + +Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, und wies mit dem +Daumen rückwärts. Der Advokat machte leise »Sst«. Polli raunte: + +»Man sieht nicht hin.« + +»Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren auf sich +zu haben«, wiederholte Nello Gennari, den Blick gesenkt. Der Bariton nahm +seine Uhrkette in die Hand. + +»Ich sage nicht, daß es eine große Annehmlichkeit ist.« + +»Was gibts? O was habt ihr?« -- und Italia hatte den Handrücken am Munde. + +»Du hast Hornbreloques, Gaddi?« fragte der alte Tenor. »Man sollte sie nie +ablegen.« + +Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger gegen das Haus +Mancafede. + +»Was gibts, mein Gott?« flehte Italia. »Ich will fort.« + +»Was denn«, machte der Advokat. »Wir leben doch alle hier, und es tut uns +nichts. Es ist ein Mädchen, das seit neun Jahren, ohne krank zu sein, das +Haus nicht verläßt und dennoch alles weiß, was geschehen ist, und zuweilen +auch, was noch nicht geschehen ist . . .« + +»Man muß zugeben,« -- und der Gemeindesekretär lächelte spöttisch, »daß es +ein wenig unheimlich sein mag, wenn man es noch nicht gewohnt ist.« + +»Ich will fort.« + +Italia stieß ihren Stuhl zurück. Der Advokat packte sie an und drückte sie +auf den Sitz. + +»Sie, eine Künstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung der +menschlichen Natur?« + +»Nun, einfach --« meinte der Sekretär. Italia sah, umklammert vom +Advokaten, nach Hilfe umher. + +»Darum bin ich beleidigt worden«, begann wieder der alte Giordano. »Ich, +der seit fünfzig Jahren --« + +»Hat darum jene Dame vor mir ausgespien?« fragte Italia erleuchtet. + +»Aber die Wissenschaft --« hob der Advokat an. + +»Wer ist also noch sicher!« rief Nello Gennari, sprang auf und machte, die +Arme verschränkt, eine stürmische Runde um den Tisch. »Sie weiß,« dachte er +in plötzlichem Erkennen, »wo ich die Nacht war und daß ich Alba liebe! Ich +wollte eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines +Geheimnisses sehen. Sie aber hat es: schon gestern wußte sie den Namen! -- +und kann mich verraten. Ich lebe von ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!« +Er setzte sich wieder und nahm die Stirn in die Hände. + +»Die Wissenschaft wird --« sagte der Advokat. Der alte Giordano hob +plötzlich die Arme und riß die Luft in seinen offenen Mund hinein. + +»Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als hunderttausend +Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. Ich werde hier sterben.« + +»Ja, man muß vorsichtig sein,« -- und der Bariton drehte unerschüttert an +seinen kleinen Hörnern. Der Alte schrumpfte zusammen. Der Advokat bekam +unversehens eine Art Anfall. Er zuckte wild mit den Schultern, seine +Handrücken taten kleine krampfige Schläge in die Luft, die Adern schwollen +ihm, und seine Augen waren die eines Erstickenden. + + * * * * * + +Plötzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und sagte, rasch +atmend: + +»Wenn es den Herren gefällt, zur Probe!« + +Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch die Zähne, der +alte Giordano sah entrüstet weg. Dann nahm der Advokat das Wort. + +»Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!« + +»Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat mich lange +genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker und muß die Kinder +singen lehren. Kommen Sie!« + +Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblaßt: + +»Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht --« + +Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er die Arme herunter +und sagte leichthin: + +»Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan gefaßt, +abzureisen.« + +»Ach ja, abreisen!« -- und Italia nickte fliegend und verzerrt, als sei sie +von Schlangen umwickelt. + +»Auch ich reise«, sagte der alte Giordano. »Ich will hier nicht sterben.« + +Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. Der Advokat +fing ihn auf und setzte ihn hin. + +»Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; aber was wollen +Sie? Künstler sind Launen unterworfen, das wußten wir. Wer das Genie will, +muß auch die Launen wollen.« + +»Immerhin,« meinte der Bariton, der seine Anhängsel sorgfältig geprüft +hatte, »es wird vielleicht besser sein, wir reisen.« + +Nello Gennari nahm die Stirn aus den Händen; er hatte einen wirren, +ringenden Blick; -- schüttelte, die Lider eindrückend, langsam und stark +den Kopf und ließ die Stirn zurückfallen. + +»Sie scherzen«, brachte der Kapellmeister hervor und lächelte wie eine +Puppe. »Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir nicht gehen? Es wird spät +und zum Theater ists weit.« + +»Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi,« -- und der Advokat klopfte ihn. +»Unsere Künstler fürchten sich vor der Unsichtbaren dort hinten. Sehen Sie +nicht hin! Und schließlich, wer weiß; Gründe gibt es für alles; und selbst +ich, Maestro, frage mich --. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwürdigen +Dinge häufen sich ein wenig. Warum mußte mir Don Taddeo just heute die +Ungelegenheit mit dem Schlüssel bereiten? Überdies hatte ich vergessen, daß +der Frau des Wirtes Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht +der Geist ihres Vaters erschienen ist.« + +Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an. + +»Ein Geist?« fragte sie. + +»Gewiß, ein Geist, Fräulein«, bestätigte der Advokat ernst. »Denn ich +gehöre nicht zu denen, die die Seele leugnen. Ich bin kein Feind der +Religion, nur ein Gegner der Priester.« + +»Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist --« und Italia schüttelte sich. + +»Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht«, bemerkte der Apotheker +Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie war unvermittelt still und sah +ihm gesetzt und treu in die Augen. + +»Das Fräulein lacht! Sehen Sie, daß sie lacht?« wiederholte der +Kapellmeister noch immer. Er war auf den Beinen, in seiner zarten Haut sah +man die Röte bis unter die blonden Kinnhaare fließen, und er sagte mit +einer Stimme, die aus dem Tiefsten bebte: + +»Ich habe es gewußt, Sie würden mich nicht im Stich lassen. Wo bleibt das +Fräulein Flora Garlinda?« + +»O,« machte Gaddi, »auf die können Sie zählen, Maestro, die singt: auch +allein, ohne uns, und kein Unglück, böser Blick oder Geist hält sie ab, +denn sie glaubt an nichts.« + +»Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben,« -- und er wies nach der +Treppengasse; »ich habe große Mühe damit gehabt, bis es oben war . . . Wie? +Meine Herren, ich bitte Sie, ich bitte Sie.« + +»Es wäre vielleicht besser, an nichts zu glauben?« vermutete der Advokat. + +»Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich«, sagte der Kapellmeister und griff +sich fliegend an die Stirn. + +»An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer«, bemerkte der Cavaliere +Giordano. »Beim Theater besonders.« + +»Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, daß alles umsonst war?« + +»Ich habe sie erlebt,« -- und der Bariton schlug sich auf die starke Brust. +»In Pesaro verschwanden die Schminktöpfe, die man soeben noch in der Hand +gehalten hatte, und in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich +mußte die meinen mehrmals von der Primadonna zurückholen.« + +»Das soll deine Frau erfahren«, sagte Italia. + +»Werde ich denn niemals hier herauskommen?« -- und der Kapellmeister schlug +hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt seine Hände an, die in dürftigen, +zu langen Ärmeln staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten. + +Man erwiderte ihm mit Entrüstung: + +»Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, daß hundertfünfzig --« + +Der Cavaliere Giordano bewog die Bürger mit einer Handbewegung zum +Schweigen. + +»In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, die dort +aufgetreten sind, nicht wissen, -- aber es ist Tatsache, daß das Theater +einen Geist hat. Ich habe ihn erblickt.« + +Er nickte allen nacheinander in die Augen. + +»Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes und soll, obwohl +ein religiöses Gelübde es ihr verbot, einen Tenor geliebt haben. Nun kommt +sie, sooft ein junger, noch unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem +Schloß ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die er bei +Lebzeiten hatte, und wartet, ob der Fremde jenen Ton aushalten wird . . .« + +»Jenen Ton?« wiederholte man. + +Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat einige Schritte, +schob wütend einen schreienden Haufen Jungen auseinander, ging dem Brunnen +zu. + +»Und meine Ouvertüre!« sagte er immer wieder, nun dumpf, nun ausbrechend, +nun knirschend. Er stützte die Hände auf die Brunnenschale und stöhnte +laut. + +»Sie soll im Theater aufgeführt werden! Die Garlinda soll meine Arie +>Trauriges Geschick< singen! Wozu ist sie da, wozu sind sie alle da! Ah! +Sie wollen mir nicht ans Licht helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich +aufhalten?« + +Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust. + +»Sie mögen sich hüten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde sie damit +vernichten, ohne Gnade vernichten!« + +Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurück, etwas einwärts auf +seinen gekrümmten Beinen; und da er fühlte, daß beim Näherkommen sein +Gesicht, er mochte wollen oder nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam, +zwang er es zu drohen. + +»Bei der Unmöglichkeit, dies genau zu wissen,« sagte der Cavaliere +Giordano, »werden Sie verstehen, meine Herren, wie schwierig meine Lage +war.« + +»Teufel!« + +»Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt fröhlich drauf +los, -- um in der letzten Pause von irgendeinem guten Herzen zufällig zu +erfahren, daß in der dritten Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die +darauf wartet, ob man jenen Ton aushält, bei dem vor hundert Jahren ihr +Liebhaber gestorben ist. Hält man ihn aus, stirbt man auch, das steht fest. +Man erstickt an ihm.« + +»Schönes Vergnügen!« + +»Und man weiß nicht, welcher es ist! Die Überlieferungen stimmen nicht +überein. Es konnte auch das hohe d sein, meine Herren: das hohe d meiner +großen Arie >O bleiche Sterne< im letzten Akt der >Galathea.< Aber soll ich +auf mein hohes d verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt +werde ich dafür vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich um die +Wahl zwischen Leben und Ruhm . . . Meine Herren, ich war jung, ich nahm den +Ruhm.« + +»Bravo! Bravo!« + +Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner Ungebühr bewußt zu +sein, nur aus Aufregung, weil er unter dem Tisch auf einen Fuß gestoßen +war, der, wenn nicht alles täuschte, Italia Molesin gehörte. Der Cavaliere +Giordano sah ihn strafend an, und er riß, ertappt, die Brauen in die Höhe. + +»Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, an dem +jener Charlatan erstickt ist; denn das hält niemand zwei Minuten lang aus, +als nur ich. Gleichviel: wie ich nun vor dem Souffleurkasten stehe, das +ganze Haus den Atem zurückdrängt und nur ich ihn hinausschmettere, lange, +lange, lange: -- o, ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht +war ich ein wenig feucht, vielleicht verschwamm es mir ein wenig vor den +Augen. Es kann sogar sein, daß meine Kräfte nachließen. Da aber lenkt Gott +meinen Blick, und ich sehe in der dritten Loge rechts eine Gestalt sich +erheben und lautlos Beifall klatschen. Das Blut schießt mir zum Herzen, mit +Macht breche ich ab, höre das Haus tausend Hände bewegen und fühle, daß ich +gerettet bin. Ich verbeuge mich vor der dritten Loge rechts in dem +Augenblick, da die Gestalt zurücktritt und verschwindet. Noch jetzt, +scheint mir, habe ich sie vor Augen: sehr bleich ist sie und gekleidet wie +eine Äbtissin.« + +»Wie eine --!« + +Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand am Herzen und +verstört und blutlos. Allmählich erlangte er Atem. + +»Wie eine Äbtissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! -- und jener Tenor +starb für sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! Ich glaube an sie!« + +Er setzte sich. Noch waren alle erschüttert. + +»Cavaliere, ich muß Sie auffordern«, begann der Kapellmeister, schwach und +atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl einen Stoß und machte sich, die Hände +ausgestreckt, eilig drehend über den Platz. + +»Was hat er?« fragte Italia enttäuscht. Denn unter dem Tisch war inzwischen +auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. »Mit wem ist er?« + +»Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau dort hinter dem Turm: +nicht hinsehen, sie sieht uns.« + +»Er scheint nicht gefährlich.« + +»Meine Herren,« begann wieder der Kapellmeister, »Sie haben wohl nicht +bedacht, welche Folgen es haben würde --« + +Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft +schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob er ihn vor und ließ ihn los. +Der Kaufmann dienerte und reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein +altes Hasenprofil mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise. + +»Wenn die Herren es erlauben --« + +Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man +betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die +aussah wie sein Fell, rund und klein machte. + +»Sie haben eine Tochter?« fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede +schmunzelte bescheiden. + +»Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.« + +»Es wäre nicht nötig gewesen.« + +»Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt sie +gern ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr als wir andern, von der +Welt weiß und von gewissen Dingen, die« -- mit der Hand auf dem Herzen -- +»uns andern zu groß sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht +schlafen lassen. Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand +sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: >Papa, jetzt ist er +unterwegs hierher!< >Wer, Töchterchen?< >Er, der Cavaliere Giordano.< Und +tatsächlich, bedenkt man es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht +recht geben, und ist es nicht ein wahres Wunder, daß ein Mann, den sie in +Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlägt, um gerade uns zu +erwählen? Kaum glaubt man es, daß er hier sitzt, mitten unter uns, wie +einer von uns!« + +»Tatsächlich«, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat meinte: + +»Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel +anzubringen.« + +Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die +Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten: + +»Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!« + +Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, nach allen +Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann: + +»Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer +Tochter meine bevorstehende Ankunft enthüllt hat? Sie hat diese Kenntnis +nicht aus sich selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat +nichts zu bedeuten?« + +Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den +alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die +Bauern nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komödianten hätte +loswerden wollen, noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher +Ehrgeiz siegte, und er hob die Schultern. + +»Welch Zufall denn wohl, -- da nur der Maestro darum wußte. Sagen Sie +selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!« + +»Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es +mir genützt,« -- und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und +zornig -- »da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!« + +Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein Murmeln der Trauer +ging durch den Kreis der Bürger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer +Geste von leichter Erhabenheit. + +»Fürchten Sie nichts!« sagte er, machte eine Pause und stellte sich die +Gedenktafel vor, »ich werde bleiben.« + +»Ah!« + +»Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie +kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern +ist, die mir verhängnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen +als in Parma, wähle ich statt des Lebens den Ruhm;« -- und er senkte die +Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen +beiden und schüttelte sie wild. + +»Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie für mich tun!« + +Er stammelte mit feuchter Stimme: + +»Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren --« + +»Sie werden bleiben«, ergänzte der Kaufmann. »Das wissen wir, ohne meine +Tochter zu fragen.« + +Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung der Gagen, sobald +das Theater ausverkauft wäre. Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem +Fräulein Italia Molesin verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen +Freund. Sie und der Advokat sahen errötet aneinander vorbei. + +»Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,« sagte der Kaufmann, »sind wir +sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen werden.« + +Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello +brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller Überraschung vor +dem spöttisch blinzelnden Kaufmann die Lider. + +»Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger auf!« verlangte +der Kapellmeister und trat von einem Fuß auf den andern. »Meine Herren, ich +mache Sie dafür verantwortlich, wenn wir --« + +»Schließlich hat der Maestro recht«, sagte Italia, denn der Advokat trat +sie zu stark, und sie stand auf. Auch die übrigen machten sich fertig. +Nello Gennari allein blieb sitzen. + +»Ich kann noch nicht singen«, behauptete er hartnäckig. »Ich muß vorher +allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich muß allein +sein.« + +Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr zu sprechen. Die +Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie +durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden +des Tabakhändlers Polli zu verlängern. + + * * * * * + +Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die am Boden mit +Steinchen warfen. Er riß sie auseinander und verlangte, daß sie den Platz +räumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die +gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und sie verzogen +sich im bunten Getöse des Mittagläutens. + +Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen +Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen +der Treppengasse um und rief: »Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können +keinen Fremden bei der Probe gebrauchen.« + +»Versteht sich«, rief der Advokat zurück. »Sie werden nicht kommen, ich +bürge dafür, sie sind bei Polli.« + +Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege +lag. Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg. + +»Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen«, sagte der Advokat. +Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, stiegen sie zwischen den +schwarzen Häusern fort, aus deren Türen Rauch schwankte. + +»Gut, daß wir dableiben,« sagte Italia, und lachte; »ich hätte nicht +gewußt, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.« + +»Wie? Aber hat denn der Baron nicht --?« + +Er schlug sich auf den Mund. + +»Wer?« fragte sie. + +»O, niemand!« + +Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schüttelte lachend die +Schultern und sprang höher. Er keuchte, rechts und links winkend, +hinterdrein. + +»Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und +Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hält man mich für einen +mächtigen Mann . . . Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen +Sie den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist das größte und +schönste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat +abgefunden wurde, gehört es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur +Hälfte. Ich habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern --« + +Der Advokat blieb stehen und schmatzte. + +»-- und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man +zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Fräulein: wenn Sie mich +besuchen wollen, -- o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines +Ehrenmannes;« -- und er stellte die Hand steil zwischen sie und sich. +Italia lachte, aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit +begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen Verhältnisse +darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag! + +»Nach der Probe will ich Sie besuchen«, sagte sie, »und mir Ihre schönen +Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer«, setzte sie hinzu und +zögerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte +sie sich einen bescheiden lockenden Senkblick. Er lächelte galant und +führte seine welke Hand ans Herz. + +»O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.« + +Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er hielt immer wieder +an. + +»Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem Anblick --« + +»Da ist er! Und die Eier?« rief es aus dem Hause herab; und eine große Frau +mit einem rot verschnürten Sammetmieder und kurzen Hemdärmeln stand im +Fenster und drohte mit dem Finger. + +»Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er Hungers sterben lassen: +er aber, immer mit den Frauen.« + +»Meine Liebe,« sagte der Advokat hinauf, »es gibt gewisse Dinge, die du +nicht beurteilen kannst.« + +»Immer derselbe, der Advokat!« -- und die Schwester breitete verzweifelt +die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strähnen fielen, +lächelte bewundernd. + +»Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! geh, Taugenichts, +unterhalte dich! Laß deine Familie ohne die Eier!« + +»Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. Aber merke dir, +meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit haben werde für deine +Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschäftigt bin.« + +»Man sieht es«, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurückzog. +Der Advokat bemerkte: + +»Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.« + +Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert +hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurück. + +»Bei Ihrem Anblick«, fuhr er fort, »fühle ich deutlicher als je, daß große +Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Künstler bestimmt? Ah! +haben Sie je über das Schicksal nachgedacht?« + +Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti +ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter +in abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen +Greisenaugen schien er über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war, +bewegte dabei die Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, die Linke +am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut. + +»Es ist nichts«, erklärte der Advokat. »Es ist der Brabrà: so nennen sie +ihn nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer +Alter, etwas verrückt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann +von meinen Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal --. Aber nein: da ich +Ihnen begegnet bin!« + +Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm. + +»Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Fürstin +Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; -- +und dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig +namens -- Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die einen Liebhaber +hatte.« + +»So streng war er!« -- und Italia sah ehrfürchtig an der wilden schwarzen +Mauer hinauf. + +»Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die +Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen +Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu +werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißig Ortschaften. Welch wollüstiges +Blau: würde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt? +Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der +hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.« + +»Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!« + +»Für eine Frau würde ich es ausgeben!« rief der Advokat, in Feuer, und +kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen +Palast. »Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine +Frau zu allem fähig.« + +Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab. + +»Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben +sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie +besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .« + +Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der +Kapellmeister. + +»Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die >Arme +Tonietta< niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!« + +»Sie haben recht, Dorlenghi«, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der +Hand. »Wir kommen, gleich sind wir da.« + +»Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die +Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von +zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!« + +Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen +mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben. + +»Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich +komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir +seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen, +was ich dir schenke.« + +Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten +Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter +Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn +fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er +fort . . . + + * * * * * + +Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein +paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese +Wege, die nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder +noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles, +was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den +leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen +Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten +sie sie wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches war Nello +gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba +je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter +ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken, +daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt. +Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin +betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße Gesicht -- hatte es nicht +genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam. + +Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen! +Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen +und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder +Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die +betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden +warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich +nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf +die Stufe. Ein Geräusch -- er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah +ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz mit ihrem +Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das Haus, den Spalt in der +Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich +gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig +die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna klappten +schon in der Treppengasse. + +So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in +ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus +Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem +schmutzigweißen Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und +davon, um die Ecken, über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, -- und +sooft durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder +spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen saß, richtete sie den +Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen +beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer +unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. »Laßt mich +durch!« -- und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie hin. + + * * * * * + +Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles +schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches. + +»Entschuldigen Sie!« sagte jemand. + +»Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?« + +»Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich +der Probe bei.« + +»Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?« + +»Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!« + +Da fiel er hin. + +»Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.« + +Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt +an. + +»Wir sind falsch gegangen«, entschied Flora Garlinda. »Wir wollen umkehren, +und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden +. . . Diesen Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht +mit drinnen?« + +»Konnte ich denn? Ließ man mich denn?« -- und der Stimme des Advokaten +hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. »Dorlenghi ist verrückt +geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein +Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er +selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken können.« + +»Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich +werde Ihnen helfen.« + +»Ah! Sie werden --. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß +Sie eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem +Tabakhändler --« + +»Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.« + +»Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde +es erraten haben, daß ich nicht --, daß dieser Maestro mich --« + +»Wir sind da«, sagte Flora Garlinda. + +Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der +Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse +sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des +Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft. + +»Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie +sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.« + +»Das ist immerhin etwas«, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem +Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür. + +»Was für ein schlecht erzogener Mann!« sagte sie. »Mich hat er bereits +Idiotin genannt.« + +Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph +kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen. + +»Maestro,« -- ganz sanft -- »ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten +Belotti. Er möchte uns zuhören.« + +Der Kapellmeister fuhr auf. + +»Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!« + +»Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,« -- und der Advokat trat mit +Würde vor. + +»Also nochmals,« schrie der junge Musiker zitternd, »der Herr bin hier ich. +Wer nicht gehorchen will --« + +»Nun?« -- und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen. + +»Kann gehen«, ergänzte er viel leiser. Sie nickte. + +»Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.« + +»Erst gestern«, stieß er hervor, »hat mir die Fusinati geschrieben.« + +»Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie +aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein +andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden --« + +»O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,« -- und der Advokat +trat von einem Fuß auf den andern. »Sind wir nicht alle Freunde?« + +»Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu +singen, vor wem ich will.« + +»Es liegt mir fern --. Wir haben uns mißverstanden --.« + +Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf +Schreckliches gefaßt. + +»Überdies«, begann sie wieder, »bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu +verhandeln.« + +»Sehr richtig«, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf +das Klavier. »Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht +genüge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei +singe ich ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß, +daß meine Partie der Piero wäre!« + +»Kurz: was will man von mir?« + +Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider. + +»Man will einen Regisseur, beim Bacchus«, sagte der Bariton. + +»Der bin ich! Der bin ich!« + +»Meine Herren,« stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen, »ich +möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen --« + +»Maestro!« + +Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter. + +»Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht nötig, es zu gestehen: +diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und +bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es, +der die Ausstattung beschafft hat.« + +Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den +Bariton. + +»Und ich,« klagte der Kapellmeister, »ich habe den Chor zusammengebracht +und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger +für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das +ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.« + +Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum. + +»Wer sagt das?« -- und Flora Garlinda folgte ihm. »Aber weil Sie ein Mann +von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.« + +»Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß«, hörte man den Bariton sagen. + +»Er verlangt fünfzig Lire«, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten +Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses: + +»Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper +geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?« + +Da er den Atem einzog und anhielt: + +»Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in +Mailand. Wir --« + +Sie knixte tief. + +»-- sind für Sie nur Staffeln.« + +»O!« machte er, aufgeblüht und gütig. »Sie nicht, Flora Garlinda: Sie +nicht. Sie werden größer werden als ich.« + +»Glauben Sie?« fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück. + +»Aber solange ich Dirigent bin,« rief er den anderen zu, »darf ich +vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt +erkläre?« + +Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich. + +»Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.« + +»Dann also, Cavaliere,« rief der Kapellmeister, »noch einmal von vorn, +bitte: >Seid fruchtbar, meine Kinder . . .<« + +Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne +von sich zu geben. + +»Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch +meine Enkel sollen es bebauen.« + +»Hören Sie ihn etwa?« -- und der Kapellmeister warf sich, die Stirn +trocknend, auf seinem Sitz umher. »Und dies ist nur ein Klavier! Was wird +das Orchester von seiner Stimme übriglassen?« + +Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es +weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen. + +»Ich habe doch alles verstanden«, versicherte Italia Molesin mitleidig und +sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte +fest: + +»Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.« + +»Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler --« sagte der Advokat mit +Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den +Kopf. + +»Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts! +Ich stehe für nichts!« + +Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die +Tasten. + +»Fräulein Flora Garlinda!« + +»Hier bin ich.« + +»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich +dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine +solche Gewissenlosigkeit?« + +»Nun ja«, meinte Gaddi. »Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen, und +das wird ihm zu denken geben.« + +»Einen Vermouth!« -- und der Kapellmeister stieß die Luft aus. + +»Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken! +Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda, Sie, die +Sie zuletzt gekommen sind!« + +»Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?« -- und sie wandte sich ab. + +»Steckt er bei einer Frau?« raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der +Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm. + +»Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!« + +Sie fiel ein: + +»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .« + +Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und +weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben, +aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog +Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen. + +»Es ist unnütz«, sagte sie. »Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner +fehlt.« + +»Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was +Sie wollen!« + +»O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben +mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes. +Geben Sie mir den Advokaten!« + +»Herr Advokat!« -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. »Wir bitten +Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?« + +»Aber wie denn, Maestro!« + +Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte +seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf +ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf. + +»Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie +starren in das Abendrot!« + +Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte +mit den Füßen. + +»Sind wir soweit?« fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der +Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie +schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen. + +»Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier, +der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis +Phonographen.« + +»Schweigen Sie!« schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht. + +»Aber er ist kaput«, sagte der Advokat noch und erschrak dabei. + +Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände +unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt. + +»Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!« + +»Knien Sie!« befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten, +aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die +Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu +behalten. + +»Knien Sie doch hin!« -- und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte. + +»Au, au!« machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren +himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine. + +»Und würde sterben für dich!« + +»Sie sind zu gütig«, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte +sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ +sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen +los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich +hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte: + +»Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in +diesem Augenblick, in diesem!« + +Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna. + +»Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.« + +»Warum denn«, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn. + +»Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den +Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!« + +Und er war fort. Man sah sich an. + +»Nun also, gehen wir essen!« meinte der Bariton. »Wollen Sie nicht +aufstehen, Advokat?« + +Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora +Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat +verschwunden waren. + +»Schon«, sagte der Bariton; und der alte Tenor: + +»Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es +empfehlenswert, jung zu sein.« + +»Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?« fragte Flora +Garlinda. + +Die beiden Männer riefen einander noch nach: + +»Um fünf im Café!« + + * * * * * + +Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò +bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der +Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit +taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres +Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte +eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk +einen kleinen Papierfächer. + +In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes, +Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig +in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif. + +»Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot«, rief Gaddi ihm entgegen. Der +junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand +rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke. + +»Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!« + +Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust. + +»Nichts«, brachte Nello hervor. + +»Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt +bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die +Probe versäumt?« + +Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick +verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand +des andern: + +»Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!« + +Er preßte, fiebrig bittend, die Hand. + +»Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an +deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.« + +»Du bist krank.« + +»Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe +die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.« + +Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die +Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar. + +Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut: +der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich +hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon +alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die +Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand, +halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von +unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als +beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte +er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr, +was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war. + +Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den +Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er +seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch +zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der +Apotheker aus: + +»Und der Advokat?« + +Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die +Hände. + +»Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat +sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, +der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.« + +»Wir?« fragte Gaddi. + +»Ich weiß«, erklärte Mancafede; »meine Tochter hat es mir gesagt.« + +Nello machte sich steif. + +»So wiederholen Sie es doch!« + +Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen. + +»Wir haben keine Ahnung«, sagte der Cavaliere Giordano. + +»Raten Sie nur!« -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase. + +»Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .« + +»Die«, behauptete der Bariton, »kann es nicht sein. Sie ist äußerst +anständig.« + +»Und doch, und doch --« + +Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf +die Brust. + +»Ich habe es aus erster Quelle.« + +Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei +ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte +sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und +auf dem Sofa saß die Frau. + +»Ah! Ihr Herren, der Advokat!« + +Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein. + +»Ich kann es nicht glauben«, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere +Giordano zu; »eine so anständige Person wie unsere Italia.« + +»Eure Italia!« rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. »Ah! reden wir +ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.« + +»Hat er sie geschlachtet?« + +»Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion +davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die +Schwester des Advokaten Belotti.« + +Der Sekretär spreizte die Hände. + +»Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän +Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß +Erfindungen.« + +Polli und der Apotheker hoben die Arme. + +»Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!« + +»Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,« -- und Camuzzi +strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. »Ah, man stelle sich vor: ein +Kind vom Advokaten.« + +»Schon?« fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. »Bisher steht nur +fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat. +Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte +erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde +aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.« + +»Ah! der Advokat.« + +»Orgien: wie ich euch sagte!« -- und der Apotheker schlug zwischen die +Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er +erhob die Stimme. + +»Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die +beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.« + +Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der +Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, -- und auf +einmal entließen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen. +Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins +Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker +brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch +sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme: + +»Da sind sie!« + +Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich +nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten +der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen; +zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der +Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ, +entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die +Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; -- und +dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das +Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte. + +Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das +Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf +einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig +wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei +jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete: + +»Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!« + +Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie +mußte zugeben, daß sie ermüdet sei. + +»Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten«, erklärte sie. + +»Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben --« + +»Sst!« machte er. + +»Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut +gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.« + +»Darauf hat er sich immer verstanden!« schrie Polli. »Er hat immer das +zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.« + +Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht +genügend beleuchtet. + +»Und der Baron«, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte +es gehört und flüsterte zurück: + +»Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm +aufgesetzt hat, bist du es.« + +»Du bist groß, Advokat!« sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung. + +Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß +der Huldigungen. + +»Da haben wirs!« -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten +die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings. +Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor +lachen. + +»Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.« + +»Was meinen Sie denn, Camuzzi?« fragte der Advokat, immerhin betroffen. +»Ich habe keine Ahnung.« + +Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz +legte. + +»Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.« + +Der Sekretär nickte ingrimmig. + +»Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk +sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in +Gefahr!« + +»Das ist doch wohl übertrieben«, meinte der Advokat; und da er in den +Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf. + +»Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini +ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller +abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr +Herren, seht hier, seht den Priester!« + +Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte, +sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie +unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren +schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen +Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog, +besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten +und schrien. Die Bürger waren empört. + +Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte: + +»Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!« + +»Wenn man ihn selbst einmal --« schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann +Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe. + +»Solche Verbündete«, stellte der Advokat fest, »hat der Herr Camuzzi. +Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.« + +»Die moralischen Gesetze«, versuchte der Sekretär einzuwenden, »verlieren +dadurch nicht an Wert, daß --« + +»Ach was!« -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. »Lassen Sie doch +die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen +huldigen --« + +Er sah auf Italia. + +»-- ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere +Verneinung!« + +»Bravo, Advokat!« sagte der Cavaliere Giordano. + +»Er hat gut gesprochen«, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu +und schielte auf seine Nase: + +»Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn +nicht der Advokat es täte!« + +Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger +entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ +den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der +Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der +Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker +in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann +seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz +vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an. + +»Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das +Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der +Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube; +weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen +kann.« + +Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb: + +»Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den +Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter +Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.« + +Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich: + +»Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und +Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in +kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.« + +»Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?« fragte der Sekretär. + +»Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die +ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und +Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und +freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor +Mittelmäßigkeiten.« + +Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen +die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern. + +»Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen +Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.« + + * * * * * + +Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine, +einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse. + +»Hier ists kühl«, sagte er aufatmend; und über sie geneigt: + +»Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.« + +»Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.« + +Er biß sich auf die Lippe. + +»Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist +gegen mich.« + +Da sie Luft durch die Nase stieß: + +»Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen +Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!« + +Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen. + +»Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!« + +»Aber auch ich --« und er schluchzte trocken auf, »-- habe nun etwas +Einziges, etwas Großes --« + +Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz: + +»-- für das ich leben will, -- für das ich sterben will.« Ihre Miene ward +unruhig. + +»Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!« + +»Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.« + +»Und so paßt es für dich«, sagte sie befriedigt. + +Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die +Rechte aufs Herz und begann zu singen. »Sieh, Geliebter, unser um --.« + +Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag. + +»Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es +nicht.« + +»Da Sie es singen, Fräulein,« sagte Polli galant, »brauche ich meinen +Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.« + +»Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?« fragte Camuzzi; und gerade +wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die +Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die +Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock. + +»Es wird niemand darin sein«, sagte der Kaufmann. + +»Ich habe beobachtet,« sagte Polli, »wenn der vorige Tag zu gut war, dann +kommt gar nichts.« + +»Da wir das Fräulein schon unter uns haben«, und der Advokat verbeugte sich +vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat +sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß. + +Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der +Treppengasse. Der Apotheker fluchte. + +»Es ist unbegreiflich,« bemerkte der Advokat, »wo diese Mädchen sich +umhertreiben. Was mögen sie --« + +Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron +Torroni. + +»O,« machte der Leutnant, »man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .« + +Der Sekretär lächelte unbekümmert. + +»Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.« + +»Tatsache ist,« sagte Polli, »daß der Advokat gewisse Rechte des Barons +nicht ganz --« + +Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf: + +»Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr +schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!« + +Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich. + +»Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens, +daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird +leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.« + +»Immerhin muß man wissen,« sagte der Apotheker, »daß heute früh ein Bauer +aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat. +Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.« + +»Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!« rief Polli; »und da du mit +dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?« + +Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte +seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf +seinen Arm. + +»Keine Dummheiten, Advokat!« + +Und etwas weiterhin: + +»Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst +dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich +Unglückliche!« + +Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser +kritischen Lage vorbei. + +»Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!« sagte er. + +Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war +überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem +Baron den Anfang gemacht. + +»Du lügst!« -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung, +weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas +Falsches zuschob. »Was hast du gesehen?« + +»Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte, +warum.« + +»Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des +Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist, +war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt +habe.« + +Der Advokat murmelte: + +»Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz« -- und +nachdem er überlegt hatte: + +»O Weiber! Und das soll ich dir glauben?« + +Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten +alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die +Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft! +Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es +schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, kühn +gemacht, vor, sie dafür zu verlassen. + +»Ich liebe nur dich«, sagte Italia versöhnlich. + +»Eh!« machte er und kehrte um. + +»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. Er sagte herablassend: + +»Du bist ein gutes Mädchen.« + +Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu: + +»Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah +wohl, daß sie Furcht um dich hatte.« + +»Du glaubst?« -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart. + +»Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen«, begann der Leutnant wieder, +»von sehr sonderbaren Fällen . . .« + +Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? »Mit ihr kam ich +gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah +Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht +geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!« Und er +errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge +gerühmt habe. »Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie +ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.« Aber hundertmal hatte schon in +seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine +Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt! +»Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist +abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.« + +»Wo bleibt der Maestro?« fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit +starre Augen gehabt hatte. »Die Chorprobe müßte aus sein.« + +»Wohl«, sagte Gaddi. »Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche +ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine +Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?« + +Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton +bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht +sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den +Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er +murmelte: + +»Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?« + +Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in +schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust +unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, -- trank nicht, +rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, +anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel +ab. + +Der Advokat streckte die Hand aus. + +»Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte +auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen +hinaufsteigen sah --« + +Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf. + +»Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der +guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd, +die mannstoll war, eine schöne Person --« Italia unterbrach die Erzählung. + +»Advokat,« sagte sie zitternden Tones, »der Blick des Priesters, als er uns +begegnete!« + +»Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam +die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er +Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht +an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen +Augen an . . .« + +Sie schlug die Hände vors Gesicht. + +»Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht +mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu +beichten.« + +Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für +ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten +zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet: + +»Auch ich werde beichten.« + +Man stutzte. + +»Sie sind fromm?« + +»Warum nicht«, erwiderte Gaddi. »Auch beim Theater sind wir anständige +Leute.« + +»Ich komme gern mit mir ins reine«, erklärte sie und bewegte die Augen hell +vom einen zum andern. »Habe ich dort im Schatten gekniet und alles +ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir +bestimmt ist.« + +Der Advokat hielt sich nicht mehr. + +»Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden +vergeben kann?« + +»Wenn er stark genug wäre?« sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. »Aber +fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.« + +»Sie sind eine sonderbare Person«, bemerkte der Tabakhändler. + +»Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch« -- und +sie erfaßte Italias weißen Arm. »Sie sind schwierig, -- und die Priester +sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl +und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die +Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu +sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts +kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es +verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch +längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich +ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die +Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit +ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und +bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das +Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<« + +»Welch guter Witz!« rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora +Garlinda lächelte in die Runde. + +»Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine +des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.« + + * * * * * + +»Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen«, sagte der Cavaliere +Giordano. + +Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle +die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter +flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein +hergewehter Schwarm fremder Insekten. + +Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr: + +»Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung +haben!« + +»Aber auch unsere Damen«, fügte er hinzu, »sind nicht zu verachten, und +nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute. +Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!« + +Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen +Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste. +Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er +fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht +trafen. + +»Die kleine Paradisi«, raunte er, »hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber. +Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.« + +»Ich glaube sie schon zu kennen«, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert +hatte: »Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde +dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, +die ich gestern gesehen habe?« + +»Gewiß,« sagte der Advokat, »und sogleich wird auch die Hühnerlucia da +sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung, +und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, +was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles +geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile +Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus +einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.« + +Er sah sich nach Beifall um. + +»Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er +ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß +diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt +machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin +vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. +Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei +anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe +hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück +der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino +Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft +seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen, +daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer +als die Goldstücke des Alten.« + +Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte: + +»Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich +wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird +sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende +einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen +Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten +in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr +weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!« + +»Die Hühnerlucia!« rief der Advokat und schüttelte ihn. »Da ist sie!« + +Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen +Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr +krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da +durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, +über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. +Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den +Händen um sich, man kreischte, man floh . . . + +Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich +der Advokat noch immer erstickt vor Lachen. + +»Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig +Jahren, und es bleibt immer komisch.« + +»Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro«, rief er. + +»Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater«, erklärte +der Advokat seiner Umgebung. »Alles in Ordnung, Maestro?« rief er durch die +Hände. + +Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet +hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café »zum Fortschritt.« + +»Es ist gut gegangen,« sagte er und nahm die Hände, »ich bin zufrieden.« + +»Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?« fragte Italia. + +»Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste +in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.« + +Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf +an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die +heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. +Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an +patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso +zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte +eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste +Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und +feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es +sprang zu hoch. + +»Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein«, sagte er +und seufzte. + +»Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann«, erwiderte der +Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den +Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an +den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und +lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch +von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen +Ruck an Flora Garlinda. + +»Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< so gut wie Livia +Damanti«, sagte er und schöpfte Atem. + +Flora Garlinda lächelte. + +»Sie finden?« + +»Sie hatte so viel Gefühl.« + +Flora Garlinda krümmte die Lippe. + +»So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die +Livia gehört?« + +»Letzten Winter«, sagte er rasch und errötete. »In Parma.« + +»Sie ist seit einem Jahr in Amerika.« + +Und immer mit ihrem reglosen Lächeln: + +»Übrigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt +Contralto.« + +Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte +unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute +bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte. +Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah +weg. + +»Ich werde mich geirrt haben«, sagte er und schluckte hinunter. »Auch +zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die +Wahrheit.« + +»Wahrheit oder nicht« -- und sie lachte kameradschaftlich, »wir kennen uns +schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die +größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?« + +»Über mich? über mich?« -- mit der Hand auf dem Herzen: + +»Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --« + +Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen. + +»Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er +gedrungen.« + +»Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat«, sagte der Kaufmann +Mancafede. + +Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase. +Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten +um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand. + +»Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die +Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun +einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein +inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe +dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines +Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt +nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.« + +Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung +benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen. + +»Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen +gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fühle eine +Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten +des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses +Volkes zu hören, das wartet.« + +»Und Sie, Herr Savezzo?« fragte Flora Garlinda. + +»Ganz so!« sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran +getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren +die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. »Ganz so! Als ich über die +Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich +fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das +beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium +die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß +ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im +Geist erblickt.« + +»Der Ehrgeiz!« sagte der Kapellmeister. »Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang +zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich, +Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das +Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende! +Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele +und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!« + +»Tausend Geliebte!« -- und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. »Ich +sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch +das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine +gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten +Damen sich mir --« + +Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie +weiß zu machen. + +»Die Herren verstehen sich«, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd, +gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber +seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt +durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte: + +»Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für +diesen Vermouth.« + +Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: »Ists möglich, daß sie mich mit +diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich +ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer +kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl +gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter +Musik kommen, werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch +nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.« + +Er betrachtete ihr Lächeln. + +»Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben! +Sie ist böse, ich hasse sie! -- und würde doch keinen Menschen so gern an +mich glauben machen wie sie!« + +Aus ratloser Pein sagte er: + +»Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?« + +Sie hob die Schultern. + +»Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem +Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist +alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco +zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, +mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --« + +Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie. + +»Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich +werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und +meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird +dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.« + +Sie stand auf. + +»Ich will meinen Spaziergang machen.« + +»Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden«, sagten die Bürger. + +Sie lachte und ging. + +Der Kapellmeister sah vor sich nieder. »Ihr gehört die Zukunft; darum +braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.« + +Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin: + +»Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.« + +Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit +hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen. + + * * * * * + +Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß +rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen +schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines +Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch +die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave. + +Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des +Tenors Nello Gennari, beim Café ein. + +»Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!« schrie er erzürnt. »Was +fällt ihm ein!« -- denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt +auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen. + +»Im übrigen,« sagte er, »die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen +Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.« + +»Aber die Personen,« sagte Nello, »die zum Dom gingen, waren nicht +dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.« + +Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig +gesenkten Stirne hervor. + +»Ach ja,« sagte er, »dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen +kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre +Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.« + +»Was meint dieser Herr?« -- und Nello tat einen raschen Schritt. + +»Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.« + +Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an. + +»Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn +keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr +meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.« + +»Was hat er?« ward gefragt, als er fort war. + +»Ich verstehe nicht --« stammelte Nello. Der Advokat bewegte den +Zeigefinger. + +»Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind. +Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die +Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon +wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn +eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines +sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und +daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte. +Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich +beneidet und haßt.« + +»Er ist ein junger Mann von großem Genie«, wandte Polli ein. Der Advokat +versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub +vor. Darauf erwiderte er: + +»Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.« + +»Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft«, sagte der Perückenmacher +Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden. + +»Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!« + +Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen +Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen. + +»Eh! eh!« machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich. + +»Wenn ich gewußt hätte,« versicherte der Barbier und drückte die +Pickelflöte fester unter seinen Arm, »ich wäre gekommen und hätte den +Herrschaften ein Ständchen gebracht.« + +»Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?« fragte der Bariton Gaddi. + +»Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige +darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.« + +»Ihr meint den Chiaralunzi«, sagte der Apotheker. »Aber wir alle wissen, +daß er ein sehr braver Mann ist.« + +Der Barbier hüpfte auf. + +»Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt, +Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock +dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt +sich nicht beim Wein.« + +»Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.« + +»Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit +seiner Bande zu viel trinkt.« + +»Da haben wirs«, bemerkte der Advokat. »Ihr neidet euch gegenseitig die +Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön, +Nonoggi.« + +Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden. + +»Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so +miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.« + +Der Advokat legte den Kopf zurück. + +»Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der +Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch +beiden einen Vermouth anbieten.« + +»Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu +bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der +Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!« + +»Wie?« fragte der Kapellmeister aufschreckend. + +Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf +seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken, +und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte +er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem. + +»Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?« fragte er und setzte das +Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem +Auge. + +»Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen? +Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der +Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens +den Hals zu schützen.« + +»Und die Probe?« fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an. + +»Ja, die Probe.« + +»Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora«, sagte der +Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt +und streckte die Hand hin. + +»Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts. +Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.« + +»Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!« + +Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder. + +»Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein +Einfall.« + +Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der +Schneider sprang entsetzt zurück. + +»Im Café! Was denkt Ihr denn?« + +Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen +Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen, +zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten, +baumelnden Schnurrbartes. + +»Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute«, entschied er endlich +und nahm sie herab. »Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus. +Entschuldigen die Herren!« + +Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie +Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm +zuckten sie die Achseln. + +»Verliebt, der Arme!« + +»Die Orchesterpartitur«, sagte der Kapellmeister, »liegt noch in meiner +Wohnung, ich muß eilen.« + +Der Cavaliere Giordano stand rasch auf. + +»Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus +vorbei?« + +Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er: + +»Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei +allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi +hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der +Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich +könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es +kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll +Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript +Ihrer Oper.« + +»Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .« + +Der Kapellmeister griff sich an den Hals. + +»Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .« + +Der alte Tenor lächelte mild. + +»Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die +von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, -- die er +mir geschenkt hat.« + +Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister: + +»Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.« + +Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und +sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam, +hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und +blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte +lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und +starre, feuchte Augen. + +Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus +»zu den Verlobten« und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten +Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer +Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf +das Dach der Schmiede. + +»Dort oben.« + +Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer +geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den +heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten: + +»Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es +hier nicht.« + +Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen. + +»Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es +in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist +mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel +tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich +durch den Himmel; -- und aus den Glockentönen, die mir darin +entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber +vielleicht ist es schlechte?« + +Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die +Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen. +Der Kapellmeister hielt nicht stand. + +»Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens +den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!« + +Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf. + +»Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --? +Aufs Bett? . . .« + +Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht. +Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte: + +»Bravo, Maestro!« + +Darauf atmete der Kapellmeister wieder. + +»Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu +improvisieren« -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem +Zeigefinger den ersten Ton an. + +»Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber +hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!« + +Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens. +Endlich sah er, rosig lächelnd, auf. + +»Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.« + +Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: »Wo habe +ich heute morgen meine Ohren gehabt?« Nie hatte sie tremoliert. Der +Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers. + +»Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!« + +Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit +immer neuem Entzücken: + +»Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!« + +Der alte Tenor lächelte klug. + +»Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don +Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.« + +»Ihm selbst haben Sie vorgesungen!« + +»Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich +spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.« + +»Ein Verdi!« + +Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere +Giordano trat an das Fenster. + +»Hier hat man einen weiten Horizont«, bemerkte er. »Die vielen Dächer +bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie +haben es gut, Maestro, Sie sind jung.« + +»Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen +Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner +Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, +eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!« + +»Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit +Säcken voll Dollars zurückzukehren.« + +»Sie waren drüben, Cavaliere.« + +Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den +geringeren. + +»Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu +hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der +Krim. Während der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am +Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein +Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn +ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem +Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in +Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore +Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen +und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie +beruhigen.« + +»Als Sie zwanzig waren«, wiederholte der Kapellmeister. + +»Ja«, sagte der Alte; und als sei er allein: + +»Es ist nun bald fünfzig Jahre her.« + +Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und +die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal +unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, +und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als +sonst. »Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein +Gehör, -- und vielleicht wollte ers bestechen?« Dem Kapellmeister kam der +Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht +herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. »Es ist wahr, ich habe ihn auf +der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich, +ein Anfänger, -- und seinen Namen kannte eine Welt.« Er war froh der +Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet +war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz. + +»Ich muß eilen«, murmelte er. »Das Orchester wartet auf mich.« + +Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe. + +»Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.« + +Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht +allein zu sein. Aber er blieb zurück. + + * * * * * + +An der Ecke beim Wirtshaus »zu den Verlobten« trat, als der Kapellmeister +heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon +vorüber und rief zurück: + +»Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.« + +Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben +bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker +Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an. + +»Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.« + +Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem +Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte: + +»Dort oben wohnt eine.« + +»Auch hier habe ich eine einquartiert«, bemerkte der Advokat ein Stück +weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen +der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren +schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk +roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und +den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und +Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten +Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters +wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie +wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um +über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo +Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die +Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler +Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei +der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann: + +»Er hat recht.« + +»Auch für andere ist noch etwas da«, erklärte der Advokat und klopfte ihn +auf die Schulter. + +»Aber woher kommen sie alle?« setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften +schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. »Man weiß doch, daß es nur +dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.« + +»Überall riecht es nach Puder«, sagte der Apotheker mit seiner biederen +Stimme. Die anderen beiden schnupperten. + +»Sie verlieren ihn in der Luft,« sagte der Advokat, »wie Insekten ihren +Flügelstaub« -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein +Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte +sich eine: eine große, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber +verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn +erkannt. + +»He! Olindo! Willst du hervorkommen!« -- und er stieß mit dem Zeigefinger +nach dem Pflaster. + +»Soll ich dich holen, du frecher Bengel?« + +Der junge Polli zeigte sich am Gitter. + +»Papa,« stotterte er, »das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die +Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.« + +»Augenblicklich kommst du herunter!« + +Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das +verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn, +laut lachend, an. + +»So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!« + +Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte: + +»Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu +verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.« + +Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der +Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien +Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der +bauchigen Rundung des Hauses hin. + +»Ah! er will entwischen.« + +Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus +Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, -- und nun +schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei. + +»Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen +mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden +waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame +bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich +ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.« + +Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli +den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte +er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das +Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward +angst. + +»Seid vernünftig«, bat er, »und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen +schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie +wir sind? Kommt fort!« + +»Aber es ist geradezu die Schönste«, sagte der Advokat und war nicht vom +Fleck zu bringen. »Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die +mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem +Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit +uns«, flüsterte er durchdringend hinauf, »wird das Fräulein vielleicht im +Gasthaus »zum Mond« ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der +Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.« + +»Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren«, erwiderte sie. Man sah sie +drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend, +die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand +sogleich dem Tabakhändler hin. + +»Ihr Sohn ist ein Kind«, sagte sie; »Sie aber, mein Herr, sind ein +wirklicher Mann.« + +»Wir wollen es hoffen«, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln, +das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den +Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er +schnaufte. + +»Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt« -- und lauter: + +»Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste, +und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.« + +Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um. + +»Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein +Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.« + +Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich +wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan +hatte. + +»Welch ein Weib!« + +Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er +schlug heftig gegen die Mauer. »Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten +für sie begehen könnte.« + +Der Apotheker sagte vorwurfsvoll: + +»Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia, +ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier +trotz ihren gelben Haaren fehlt.« + +»Soll ich dir etwas sagen?« + +Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers. + +»Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde +treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich +schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat +mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers +geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.« + +Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging, +und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die +im Corso verschwinden wollten. + +Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem +strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien. +Polli schlug auf einen Tisch. + +»Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.« + +Der Advokat stellte die Hände um den Mund. + +»Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein +kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige +Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel +aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .« + +»Sie werden zufriedengestellt werden«, sagte der Wirt und dienerte speckig. +»Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy +machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.« + +»Und Leber in Öl will ich«, erklärte das Mädchen. + +»Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!« empfahl der Advokat, als +der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher: + +»Sorge für den Zabajone!« + +Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof: + +»Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt +dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!« + + * * * * * + +»Was schreit er?« sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er +zuckte die Achseln. + +»Sie werden sich betrinken wollen.« + +»Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn +unermüdlich?« + +»Unsere Ankunft«, sagte Nello, »hat belebend gewirkt auf die Einwohner +dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in +Freiheit zu setzen.« + +»Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden +zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben +Tage noch --« + +Italia hatte eine feuchte Stimme. + +»Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.« + +»Wem sagst du es«, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen. + +»Aber dich hat doch niemand betrogen?« fragte sie. Er murmelte: + +»Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich +mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.« + +»Ich verstehe dich nicht.« + +»Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen +müssen.« + +»Als ob wir dafür engagiert wären!« + +»Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.« + + + + +III + + +»Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!« verlangte die Frau des +Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte +unter ihrem grünen Augenschirm ringsum. »Und er wird droben bleiben und +ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr +verdammtes Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel +eine Messe zu feiern.« + +»Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes«, sagte der Schlosser Fantapiè und +bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten +in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte +die Augen. + +»Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug +können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein, +bevor der Böse dir den Hals bricht!« + +»Wie wir Guten wenige sind!« bemerkte Frau Acquistapace. »Sollte man die +Unglücklichen nicht zurückhalten?« + +Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock. + +»He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der +ewigen Verdammnis.« + +Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte +durch den Lärm der Glocken zurück: + +»Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn übrigens +eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.« + +Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah +trostlos um den Platz, der leer lag. + +»Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!« sagte der +Schlosser. »Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die +Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!« + +»Ach was, man muß handeln!« behauptete Frau Acquistapace. »Beachtet Don +Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.« + +Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür +hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des +Corso kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die +Matratze zu. Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu +jagen, da drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den +Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner +Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten +über die Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte. + +»Welche Schande für unseren Beruf!« rief Frau Nonoggi dem jungen Druso +nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin? + +Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus, +als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er +sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und +nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer +hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff +doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein +reines Gewissen hatte. + +»He! Nonoggi,« -- und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm +auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber +das geschlossene Auge verhinderte es. + +»Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus +dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist +mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine +Klarinette fehlte.« + +Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange. + +»Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,« erklärte er +den beiden Schlossern, die nachkamen, »aber ein Barbier hat noch andere +Rücksichten zu nehmen.« »Au!« rief seine Frau, denn sein freundschaftliches +Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich +wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der +Treppengasse. + +»Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten« -- und Frau Nonoggi +machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten +einander stumm. + +»Nun sind wir noch vier«, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies, +aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke. + +»Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge +dafür, daß er weiter Pillen macht.« + +Man nickte einander verbissen zu. + +»Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!« sagte die Pipistrelli. +»Soll man ihm nicht zu trinken bringen?« + +Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz +allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich +die Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat +Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er: + +»Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des +Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.« + +Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er +sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete +sich auf. + +»Was wollen Sie von mir?« schien er zu fragen; -- und im Getöse des +Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen +ausstoßen, die Fäuste schütteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind +umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben: + +»Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen +Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.« + +»Eine Kapelle!« schrie der Advokat. »Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie +nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie, +mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?« + +Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme: + +»Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!« + +Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so +wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er +die Rechte auf das steife Hemd: + +»Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes --« + +»Wer ist das Volk?« fragte der alte Fantapiè und trat breit an den +Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er +tief Atem. + +»Das Volk bin ich!« sagte er mit Überzeugung. »Und hütet euch, daß ich +nicht die >Glocke des Volkes< läute!« + +»Auch wir haben Zeitungen«, sagte Don Taddeo. + +»Auch wir sind das Volk«, behauptete drohend Frau Acquistapace. + +»Und mein Mann«, kreischte die Pipistrelli, »wird wohl mit den heiligen +Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder +singen.« + +Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht +umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben +waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn +Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser. + +Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester +lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen. + +»So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr +Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine +Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die +bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.« + +Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig. + +Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme. + +»Soll mans geschehen lassen, Reverendo?« + +Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin. + +»Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu +warten.« + +Frau Acquistapace begriff ihn. + +»Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern +sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten, +zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne +nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?« + +»Schien es doch auch mir«, machten die andern. + +»Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo, +kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der +Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .« + +Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse. + +»Von allen guten Familien«, schrie die Frau des Kirchendieners, »haben nur +die Nardini dem Übel widerstanden . . . außer dem Hause Acquistapace,« +setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah. + +»Auch die gute, heilige Frau Camuzzi«, sagte der Schlosser Fantapiè, +»bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus +verlassen habe.« + +Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er +hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die +Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig +verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen +hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und +heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch +Wahrheit, was die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten +der Komödianten wissen wollte? + +Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn +weiß und wirr. + +»Wir werden alle verderben,« stammelte er, »und jene, die sie Italia +nennen, ist von allem Unheil das ärgste!« + +Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè +rief aus: + +»Sie ist das Weib von Babel.« + +»Beim Bacchus,« bemerkte der Schlosser Scarpetta; »nachdem schon der +Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des +Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn +selbst die Reihe kommt.« + +Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich +hin. Alle schwiegen, -- und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie +durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil +Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht +gewußt, daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses +»zum Mond« sehen ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war +eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. +Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . . + +»Don Taddeo«, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her. +»Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.« + +Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und +machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane +hörbar um die Beine schlug. + +»Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des +Hirten«, sagte die Pipistrelli. + +»Aber der Baron« -- und man spähte ihm nach -- »geht ins Theater, das sieht +man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch +einen Kampf sie hinter sich hat!« + +»Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!« + +»Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?« fragte seine Frau. »Ich +bin sicher, daß sie ihn bedrohen!« + +»Wir sind Männer«, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace +setzte hinzu: + +»Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!« + +Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz. + +»Don Taddeo hat noch Streiter«, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und +Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der +Treppengasse hinauf: + +»Wir werden sehen!« + +Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat +Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und +flüsterte durchdringend: + +»Komm! Wir sind befreit.« + +Ein rauher Freudenschrei, -- und der alte Acquistapace drang hervor, +stelzend, daß der Platz davon hallte. + +»Sst!« machte der Advokat. »Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich +geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.« + +»Und ich,« jubelte der Apotheker, »der ich unter meinem Arbeitskittel schon +den schwarzen Rock anhatte!« + +Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus. + +»Ah! alter Esel, der du bist!« + +Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten +der andern. Der Advokat sah zurück. + +»Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein +Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.« + +Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte +einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine +unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb. + +»Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.« + +Acquistapace flehte wie ein Knabe. + +»Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du +--; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden +hat.« + +»Eh! man sagt vieles« -- und der Advokat kicherte fett. + +»Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?« + +»Wie? du hättest --?« + +»Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir! +Er sieht nun, daß mich das nicht hindert --.« + +»Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.« + +»Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem +Priester noch?« + +»Nicht lange. Deine Artikel in der >Glocke des Volkes< werden gewirkt +haben.« + +»Also du glaubst. Ich sage dir, ich --« + +Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust. + +»-- daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist +durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch +habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn +von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens +unterrichtet.« + +»Aber er --« + +Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand. + +»-- er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die +Augen bewegt, eure Madonna, -- und fast hätten sie ihn gesteinigt.« + +Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen. + +»Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die >Arme Tonietta< +sehen?« + +»Das wollen wir: ah! das wollen wir.« + +Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen. + +»Sst!« machte der Advokat. »Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will +man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden; +aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter +dem Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre +wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, dorthinten unter +den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als +kämen statt des Lärmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben +keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge +gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen, +die bezahlt haben.« + +»Wir wollen auch hören«, antwortete das Volk. + +Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe. + +»Um so besser« -- und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der +Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; »da die Lampe gerade +hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast +unbegreiflich, daß diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des +Theaters für ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig +Erziehung haben . . .« + +»Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst +fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; -- und welch stolzer roter +Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!« + +»Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir +mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu +hintertreiben. Welch alter Spitzbube!« + +Sie betraten den engen Gang um die Logen. + +»Guten Abend, Vater Corvi!« -- und da der Schließer die Hand hinhielt: »wir +haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.« + +»Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie +hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr +Acquistapace muß ihn bezahlen.« + +Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch +an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang. + +»Keine Dummheiten, Corvi«, sagte der Advokat. »Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch +um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.« + +»Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich +kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen, +denn ich habe sie nicht.« + +»Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,« -- und der Advokat begann +zu tanzen und die Luft zu klopfen, »dann brauchtet Ihr heute abend die +Leute nicht um Karten zu belästigen.« + +»Gott hat es so gewollt«, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte. + +»Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre +Empfehlung für die öffentliche Wage.« + +In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia; +aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand +er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der +Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die +Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht +sah, wer dahinter saß. + +»Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!« rief es +ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd +Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch +entließ, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht +entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an, +indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war +Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die ärgste Klatschbase! + +Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta +durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles +wußte; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit +zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, +und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der +Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran, +seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und +er es sich gewiß nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener +anderen Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete +die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del +Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren +Nello: den schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb, +konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich hatte sie es +so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs saß. War es zu glauben, +daß Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte +er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände +anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, waren +armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhändler +hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und +starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade +diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog! + +»Rina! Nicht hinunterfallen!« riefen alle. + +»Sie hört nicht; hier ist ein Lärm --!« Der Gevatter Achille schreit aus +seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: »He! Nonò, bist du +es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient +werden?« Keine Möglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. »Dieser Nonoggi +trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem +Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie +wird also wirklich die Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein +Mädchen es wagen würde. Soll man pfeifen?« + +»Die Arme, wie sie hübsch ist!« sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè. +Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu: + +»Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten +meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina +blutig sein.« + +»Ah, Nina, du Liebe!« riefen die Mädchen. »In ihrem weißen Kleid, wie sanft +sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den +langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist +verliebt in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich +verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als +wären alle nur gekommen, um ihn zu hören.« + +»Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino +Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.« + +»Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans +Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.« + +»Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie +werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das +Fenster hinter dir!« + +»Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die +Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.« + +»Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den +Priester machen. Nieder mit den Priestern!« + +»Ruhig dort oben!« rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben +um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs +wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der +kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des +Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf: + +»Hast du mitgeschrien, Klothilde?« + +Seine Magd rief zurück: + +»Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!« + +»Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!« + +Die Logen waren belustigt. + +»Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik +abgenommen, und so rächt er sich nun.« + +Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend +zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der des +Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: +zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um +die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin +-- und plötzlich quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine +Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des +Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her: + +»Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein +häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem +Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint +ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den +Kopf herein, -- und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt +vor ihr herum: Pappappapp . . .« + +Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm +sprachen. + +»Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine +abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne +Eifersucht abzugewöhnen.« + +Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und +jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund +Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen, +die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre +auseinander. + +»Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.« + +Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der +Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama +Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und +man hörte nur Galileo Belotti, der sagte: + +»Guten Abend, die Gesellschaft!« + +Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen +auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur +ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm +aus Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie +mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn +schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich. + +»Bravo Serafini!« rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf +den Fingern. + +Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf +ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der +Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Fräulein Pernici samt dem +Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant +legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte +hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften +den Gang, so daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in +der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem +Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, -- indes Mama Farinaggi kleine +Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie +kniff. Dazu schrie es von der Galerie: + +»Lauretta hat den schönsten Hut!« + +Und: + +»Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!« + +Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den +Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten, +die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine +fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und +ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! +Es klapperte von Loge zu Loge: »Skandal!«, sprang über den Rang: »Skandal! +Skandal!« -- und die Männer im Stehparterre riefen: »Skandal! Skandal!« und +mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder, +ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte +beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein +Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse +umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den +drei Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie +ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino +Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherführte, kam und stellte sich +zwischen sie und die drei. + +»Danke, mein Herr,« sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, »danke für +Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß +in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein +würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die +Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.« + +»Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt +der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.« + +»Ah! -- und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er +wird nicht mehr angestellt werden.« + +»Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.« + +Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums beklagen. +Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der numerierten +Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß +er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte. + +»Wir haben Mühe genug gehabt,« erklärte der junge Salvatori, »den Streich +abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute +glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini; +und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden +war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde. +Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu +erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine +Loge verzichten müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.« Von +rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu. + +»Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht +etwas tun, um ein Ende zu machen?« + +»Für nichts in der Welt«, sagte Frau Camuzzi. »Ich würde sofort nach Hause +gehen.« + +»Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese +Glocken.« + +»Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen +Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.« + +Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser +kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott +welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz +sicher schien, mit allen Männern kokettierte. + +»Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt +werden sollte, -- und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen +Intrigantin!« + + * * * * * + +Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; -- aber man bemerkte, daß eine halbe +Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in +der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr +Fiorio schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er +irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der +Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte +wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? +Welch ein Übergriff! »Wir sind recht sehr zurück in Italien!« Bekam man +wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder +in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der +Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und +gemessen, hinter dem Advokaten her. »Fontana! Capaci!« rief er halblaut, +und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des +Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre +großen Federn trug, die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten +klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das +steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit +geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen. + +»Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!« bemerkte der Kutscher Masetti, +der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der +Barbier Bonometti setzte hinzu: + +»Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.« + +Dabei drängte er mit den andern hinterdrein. + +»Was denn«, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. »Was +wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist? +Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!« + +Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte +Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches +Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links +eine Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, +ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr -- und in der +allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz -- im Falle der +Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren +Nachbar, den Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, +der den Baß strich. + +Acquistapace antwortete: + +»Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum +Schweigen.« + +»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, wiederholte die junge +Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen +Mullkleid hervor. + +In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten +Literaten Ortensi. + +»Beatrice,« sagte er und kicherte, »man bringt den Priester zum Schweigen. +Das erinnert an die guten Zeiten.« + +»Wir sind noch am Leben, Orlando«, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit +tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen +weißen Gesicht nur die schwarzen Augen. + +»Nicht möglich!« rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die +Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die +Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete +sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß +ausbrach. Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses +alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander an. + +»Alle wie Papa«, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre +Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder. + +»Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird +aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.« + +»Ich habe es satt, mich zu verheiraten«, sagte die entlobte Rosina. Da ging +die Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen +Bauch herein. Die Augen funkelten ihm. + +»Alles geht gut«, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen. +»Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes +haben, und wollt ihr einen Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit +gestern habt ihr euren Papa zurück.« + +»Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser«, jubelte Cesira +und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande +unbeachtet ließ, sah weg und dachte: »Da läßt die Gans sich streicheln und +schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die +Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen +zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen; +und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach +dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung +zurücklegt . . .« + +»He, Zecchini, wie steht es?« rief ihr Vater ins Parterre. »Er läutet also +immer noch?« + +»Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht +in den Turm!« -- und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle +beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften +zurück, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm +umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen, +deren weiße Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er +gezwungen, sich zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von +draußen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge, +die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom +Parterre zur Galerie rauschend ein »Ah!« + +»Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!« + +Jemand rief: + +»Es lebe der Advokat!« + +»Was denn? Welcher Advokat?« -- und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit +Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an. + +»Da habt ihrs!« schrie der Bruder. »Wenn ich euch doch sage, daß er ein +Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den +Kopf --« + +Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul, +Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand. +Frau Camuzzi bekreuzte sich. + +»Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!« -- und der +Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden +Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen. + +»Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst +scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt +sichs um unsere Logenplätze und unser Geld.« + +»Mein Gott, wohin nun,« seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom +Apotheker Acquistapace allein gelassen war; »wir Frauen sind hier +geopfert.« + +Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen: + +»Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als +mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes +die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber +namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal +gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen; +Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.« + +»Was wollen sie nur?« fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht, +das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über +die Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie +klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die +Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie +hoch leben ließen, denn nütz? »Weder der Belotti noch Don Taddeo werden +mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.« + +Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte sich. +Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge; +sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und +mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das +Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein +Ausspruch. + +»Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.« + +»Bravo!« -- und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und +Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte: + +»Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu. +Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum +Glück hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der +öffentlichen Wage verschaffen.« + +»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, flüsterte die junge +Amelia, mit ungleich geröteten Wangen. + +»Es lebe der Advokat!« schrie die Galerie. + +»Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen«, sagte der Gemeindesekretär +Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an +Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In +der Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich +dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre +zischte: es war der Bäcker Crepalini. + +»Zur Tür!« rief die Galerie. + +»Wie?« antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. »Ich habe sechs +Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine +Meinung sagen?« + +»Er hat recht, der Bäcker«, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum +Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um. + +»Ihr möchtet eine Tracht Prügel?« fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie +und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der +Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe. + +»Die Hymne!« + +»Sieh mal an!« sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. »Wir werden dem da +nichts mehr zu tun geben.« + +»Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel«, jammerte der Kaufmann +Mancafede, »und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit +seiner Hymne.« + +»Das alles ist nicht gut«, -- und Frau Camuzzi drückte sich in den +Schatten. »Was wird Don Taddeo sagen?« + +Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt +und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und +dort hinten das Volk schlug. + +»Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!« machte Galileo Belotti immer +wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich +hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn. + +»Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!« + +Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die +Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten +gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen +hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon. + +»Der Advokat ist bei der Jole«, sagte man rundum. »Es ist also wahr . . . +Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.« + +»Signora,« sagte der Advokat, »ich bin gekommen, um die Huldigung, die +dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.« + +Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß +man sie sehe. + +»Hätte ich nur ein Pflaster da«, sagte sie girrend, »für Ihren Finger, der +blutet.« + +Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor. + +»Mitbürger!« schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen; +»der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen: +jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der +Freiheit begrüßte, sooft er --« + +»Was denn! Welche Hymne!« keifte Galileo Belotti. + +»Ich brauche keine Hymne!« rief der Bäcker Crepalini. »Ich brauche eine +Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!« + +»Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht«, schrie der Advokat. + +»Nichts kennst du, Buffone!« + +Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung +seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, +mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat +sich zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem +letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß. + +»Was ist denn geschehen?« fragte er draußen und wischte sich die Stirn. +»Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt +dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses +Glück!« + +Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte +aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab, +wäre gern ins Freie geflüchtet, -- aber vor dem Theater wartete wieder nur +übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den +linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte +eben zum Apotheker: + +»Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur +immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist +er!« + +Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen. + +»Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer +schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum +Verhängnis.« + +Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich +ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder. + +»Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen«, sagte es neben ihm verzückt, +und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in +schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart +duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur. + +»Die Gunst des Volkes«, sagte er, »ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat +es erfahren.« + + * * * * * + +Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in +seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als +Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen +war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da +rief die launige Stimme des Herrn Giocondi: + +»Und die >Arme Tonietta<?« + +»Freilich, die >Arme Tonietta<«, antwortete die Galerie, und im +Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu: + +»Genug mit den Buffonen!« + +»Maestro! Maestro!« + +Auf der Galerie stampfte es. + +»Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde«, stellte der Kaufmann Mancafede +fest. Drüben sagte Frau Polli: + +»Diese Komödianten machen sich über uns lustig.« + +Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln. + +»Wir wollen die >Arme Tonietta<!« + +»Was liegt mir an der >Armen Tonietta<«, dachten der Advokat Belotti und +die entlobte Rosina Giocondi. + +»Maestro! Maestro!« + +Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte +ironisch, man machte »Ah!« + +Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war +äußerst bleich. + +»Der arme junge Mensch!« sagten die Damen. + +»Die Kanaille!« dachte er. »Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir +bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, -- indes ich hinter +einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich +kommen, indem sie pfeifen . . .« + +Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den +Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern. + +»Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri, +geben Sie Obacht auf ihre Quinten!« + +»Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich«, dachte der Kapellmeister. »Alle +denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den +Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht --« + +Er mußte sich nach ihm umwenden. + +»-- für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind +wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns +hört . . . Alfò!« flüsterte er wild, »wenn du deine Pauke nicht ruhig +hältst, weiß ich nicht, was ich tue!« + +Ganz sanft fügte er hinzu: + +»Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.« + +Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der +Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt +den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren +Stille, in die Luft gehoben. + +»Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!« + +»Die Hymne!« schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. »Wir wollen die +Hymne!« + +»Zur Tür! Zur Tür!« + +»Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!« -- und der Kapellmeister fuhr +so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen +niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte. + +. . . Und endlich konnte der Stab sich senken. + +»Was denn, Präludium!« murrte Galileo Belotti. »Wir sind gekommen, um zu +sehen!« + +Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der +Vorhang auseinander. + +Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie. + +»Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben +gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie +die Mädchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu +Komödianten? Aber sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre, +Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu etwas +anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was für einen +Lärm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir +dröhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der +Kinder übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm plötzlich +aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto, +der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du könntest dort stehen und +das Paar beglückwünschen. Laßt uns klatschen!« + +»Bravo!« und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre mit seinen +Zechbrüdern an. »Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen, +Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid +fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!« + +Die Pächter vorn erklärten einander: + +»Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht, +aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . Natürlich muß eine +Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte +lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes +Mädchen, schöner als die andere.« + +»Das sieht der Italia ähnlich«, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner +Loge. »Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermählten: die Tonietta +habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem +Advokaten und den andern.« + +»Schweig!« sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem Halskragen breit +und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. »Schweig doch! Du weißt nicht, +was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche --« + +Sie biß sich auf die Lippen. + +»Was wollte ich denn da sagen?« dachte sie. »Diese Musik macht, daß man den +Kopf verliert und plaudert.« + +Auf der Galerie kicherte es. + +»Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der +Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß die Tonietta getan hat, +was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine +Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist +das eine Sache, die traurig macht?« + +Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, und die Witwe +Pastecaldi schluchzte kindlich. + +»Es ist nichts. Es ist die Musik«, erklärte der Advokat. + +»Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!« + +»So jung!« + +Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester Rosina. + +»Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, wie du +von den deinen, -- und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.« + +Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander zu; nur die +große Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pächter +links hinter ihr. Mama Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken: + +»Hast du denn kein Herz?« + +Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach +der Handlung fragte. + +»Schweig! du hast kein Herz.« + +Und sie kehrte zurück zu dem Tenor. + +Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von +Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den +Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter +die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte +eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er +war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer, +niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er +allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das +bevorstand. + +Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau +schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel +der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe; +-- und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine +Arie. »Ich bin betrogen,« sang er, »nun soll ich lieben, die mich verriet. +Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem +Liebhaber, und das Glück ist aus . . .« + +»Aus«, dachte Frau Camuzzi. »Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte +doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem +Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu +ihm kommen. Nie hat er es getan; -- und statt meiner soll er andere lieben: +die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine +Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch +sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich +versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; -- +und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich +hindert!« + +». . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die +Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare +Nacht!« + +»Die kostbare Nacht!« wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die +drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte +zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran +ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die +unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise +bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden +tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; -- und +indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei +wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei +stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal +blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward; +aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft +und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen +Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Willst du still sein!« zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten +zu. + +»Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe«, sagte der Gemeindesekretär. +»Alle finden es.« + +»Ich nicht«, und sie zerbiß sich die Lippe. »Er ist glücklich,« dachte sie; +»aber ich werde mich rächen.« + +Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten um. + +»Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter eine Frau +machen kann, im öffentlichen Leben solltest du vielleicht rücksichtsloser +sein. Warum hast du dich gefügt, als der Advokat Belotti diese schlechten +Komödianten herholen wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest, +dann mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.« + +»Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das Gelingen nicht +glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde sich blamieren . . . Ist dein +Fächer zersprungen? Ich hörte ihn krachen.« + +»Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don +Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; -- und warum soll man den Advokaten +so groß werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker +Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr +Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in +Verbindung, mein Ghino!« + +»Welch schöner Gedanke«, sagte der Gemeindesekretär, schob die Hände in die +Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau, +seine schlanke Büste zur Geltung. »Auf diese Weise würde man sehen, ob im +Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube +nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich +berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden außer +Betrieb setzen müssen.« + +»Was wirst du also tun?« + +»Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, der ein Anhänger +des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten +wird.« + +»Also geh, mein Freund!« -- und kaum war er hinaus, ließ Frau Camuzzi ihren +zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. »Das ist ein Mann!« Sie grüßte +lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen die Herren, die herübergrüßten. + + * * * * * + +»Noch einmal!« rief es unablässig. + +Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, als galoppierte er, als +müßte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie +brachte ihn zum Stehen. Erschöpft ließ er den Stab sinken; das Orchester +brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der +Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die +klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob +Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte +nicht, ob gewährend oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der +Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die +jungen Leute im Stehparterre, mit den großen Hüten und bunten Halstüchern, +sahen beruhigt und glücklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der +Kraft ihrer Hände, die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch +einmal vollzog. + +Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn. + +»Bravo! Gut!« + +Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der +Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken +Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an: + +»Noch einmal!« + +Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch nach: + +»Noch einmal!« + +Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre +klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen entrüsteten sich. Ein Kampf der +Zungen und der Hände durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor +und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr +kleines gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen. + +Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei voll +tiefen Hohnes. + +»Wir wollen die Tonietta hören!« rief es von der Galerie; -- und da merkten +die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause, +mit einer Schulter nach dem Saal. + +»Das ist ja das Gebet!« rief der alte Giocondi. »Still doch.« + +Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus Bäumen hervor +auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glückes +bat. Der Lärm sank von ihrer Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von +einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich +glänzenden Auges ihrem Fluge nach. »O Gott!« seufzte da und dort eine Frau. +Nachher hängten sie sich über die Galerie und langten mit den klatschenden +Händen recht tief hinunter, damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das +sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich +von den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung und noch +gleichgültig gegen das Irdische. + +»Welche Stimme! Noch einmal!« + +»Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie ein goldenes +Fell. Noch einmal!« + +Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und +grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und +dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas Ungreifbares; es gehörte allen und +keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den +Kapellmeister. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen! +Mochten sie lärmen! + +»Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hört: ich lasse ihn zu +Ende spielen.« + +Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten +ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie -- und abgewendet +stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten -- zum Hause zurück und +kniete hin. + +»Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!« + +Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich, +von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf: + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Morgen noch einmal!« rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends +auf. + +Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre +geöffneten Münder und hörte nichts. + +»Von vorn! Die Tonietta!« + +Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, senkte ihn +verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern. +Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand +hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult +auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick schien ihm, +als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht +vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt. +Ermüdeten sie und blieben zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff +gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte +er sich die Stirn. + +»Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!« + +»Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!« rief die joviale Stimme des Herrn +Giocondi. Von droben kamen die der Mägde: + +»Achtung auf die Harfe der Nina!« + +Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe +beugte sich vor, um verklärten Gesichtes durch die Saiten der Harfe zu +spähen. Dahinter saß, weiß wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle +schwiegen. »Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme +sehr weiß.« Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas +Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war +gewiß auch von der Bühne droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und +Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen +Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge möchten enden. + +»Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon +zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt über seine +Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!« + +»Siehst du,« sagte nebenan Lauretta zu Theo, »ich wußte, daß diese Tonietta +ein anständiges Mädchen sei und keine --. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es +scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie +das rührend ist!« + +»Aber sie wollen sterben.« + +»Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange +man noch wenig Erfahrung hat.« + +Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, über die Wand der +Nachbarloge, und sie seufzte. + +»Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück lieben.« + +Der Kaufmann Mancafede nickte -- in der Hoffnung, seine Kommis würden es +nicht bemerken. + +Rosina Giocondi wandte sich ab. »Wie viele Lügen! Und wenn sie nicht das +Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh, +Geliebter, unser umblühtes Haus!« Ein Flüstern ging um. + +»Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, Elenuccia, +etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine Minute, Signora: dies +Duett ist das berühmteste Stück in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist +denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume? +Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!« + +Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau +Mandolini: + +»Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. Ich sehe zu +wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in diesen Klängen erweitert sie +sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hält sich +umschlungen und verbrüdert sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als +sonst Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt ein Engel +. . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?« + +»Aber wir hatten es ja!« erwiderte die Alte. »Noch immer haben wirs, +Orlando!« + +»Kein Vergleich mit unserem Phonographen«, sagte der Tabakhändler Polli zu +seiner Frau. »Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben +diese armen jungen Leute?« + +Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf: + +»So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was muß man tun?« + +»O Rina!« flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapiè; +»wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.« + +»Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?« -- und der Doktor Ranucci stellte +sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. »Ich sehe dir an, du denkst +an den Tenor. O, wären wir nie hergekommen!« + +Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern. + +»Bravi! Noch einmal!« + +Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein Pernici hinweg, die +weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, außer sich, zu Mama Farinaggi, der +Hausfrau aus der Via Tripoli: + +»Das ist geradezu göttlich!« + +»Wie? Wir haben es gehört!« -- und die jungen Leute hinten, mit den großen +Hüten und den bunten Halstüchern, schüttelten die Hände der Bauern um +Galileo Belotti. Er schalt: + +»Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!« + +Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund +Acquistapace zur Schwester Artemisia. + +»Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und ich bin der erste +gewesen, der es gehört hat: schon auf der Probe! . . . Signora,« und er +dienerte über die Scheidewand zur Frau Mandolini, »ich hätte Ihnen den +Erfolg dieses Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen +--« + +Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig nach seinem +Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini saß, hatte er +doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht +neben sich den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte? + +»Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!« +dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri: + +»Das alles tut Nina, meine Ninetta!« + +»Heraus! Noch einmal!« + +Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem +Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. »Wie sie wollen! Dann +verbringen wir hier also die Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch +mehr machen, es zu hindern.« Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ +sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher +vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. »Es war noch +schöner. Man würde es nicht glauben.« + + * * * * * + +Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und +in der Mitte gaben die Hände, an denen sie sich hielten, einander manchmal +einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann +verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht. + +»Zur Tür!« + +Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte. + +»Das einzige Mittel,« erklärte der Unterpräfekt hinter der vorgehaltenen +Hand dem Steuerpächter, »um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.« + +In der Klubloge überlegte der junge Savezzo: + +»Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt sie schon +weniger platonisch, -- und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich +werde eine Oper schreiben.« + +»Sst!« machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester +schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik zu hören sein mußte. Sie +brachte hervor: + +»Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt hätte, er lebte +noch!« + +Drüben sann Jole Capitani weich: + +»Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.« + +Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und +ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan +denen des Olindo Polli, und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen, +erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; -- +indes der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mädchen wand, das +den ihren auf die Galerie stützte, und ihr in das staubige Haar sprach. + +»Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?« + +Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam durch den +erhitzten Saal. + +Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola +die Köpfe. + +»Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi können nur wenig +spielen, wie jeder weiß.« + +»Was denn! Gar nichts können sie«, behauptete Galileo Belotti. + +»Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, wenn wir +statt ihrer --. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut, +Nonoggi!« + +Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi: + +»Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen +aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, aber dann lärmen auch die +andern; den meinen dagegen hört man immer heraus, und er schneidet lustige +Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person +hier, könnt Ihr mir glauben.« + +Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd: + +»Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte --« + +Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte schon längst die +Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rückte umher und +machte sich wieder heran. Endlich wagte sie: + +»Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf +sein, die höchste Person im Stück, und wenn er dazukommt, wird die Handlung +tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.« + +Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin des Sängers +vollendete: + +»Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse +steht. Ich weiß es.« + +Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke. + +»Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man +den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewiß werden seinetwegen die +armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten +haben. Das gefällt mir nicht.« + +Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine +eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein +strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar. + +»Bravo Maestro!« riefen die jungen Leute dahinten. »Noch einmal das +Orchester!« + +»Was denn!« antwortete es. »Wir wollen sehen, was kommt.« + +»Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.« + +»Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein +Herr.« + +»Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! Der arme Piero! Gerade +kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun. +Verdammt, der schlägt auf den Tisch, er will Wein.« + +»Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der Hauptstadt +seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!« + +»Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte Fossoneri in Calto +aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni --« + +»Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag schreien, wie er +will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!« + +»Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund +bist du! Pfeift! Pfeift doch!« + +»Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen +merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.« + +»Nieder mit ihm!« + +»Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er +ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Männer dumm sind!« + +»Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen +singt man nicht, zum Teufel!« + +»Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spät ist?« + +»Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von +Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, er dürfte das nicht tun! Knie nur +vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine +Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon +reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute +zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. Lauf zu ihm, Tonietta, +er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, er läßt dich nicht ein? Die Männer +stecken alle zusammen, das ist es!« + +»Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in unserer Jugend, +Orlando. Ich habe Herzklopfen.« + +»Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?« + +»O Dante, schon wieder willst du mich quälen!« + +»Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen sie, und die dummen +Mädchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen. +Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie +verdient es. Ach! die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt +nichts, laß ab!« + +»Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht es verrückt, +ich muß schreien!« + +»Ruhig dort oben! Zur Tür!« + +»Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du +sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint. +Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?« + +»Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.« + +»Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie +sie weint. Man muß mitweinen.« + +»Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlägt sie +über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloßen Füßen, +die arme Kleine.« + +»Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!« + +»Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das muß man doch +wissen!« + +»Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm +Heuschrecken und geht doch nicht an.« + +»Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!« + +»Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte +das Gesicht in den Händen.« + +»Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe --« + +»Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man ihn bereut.« + +»Eh!« machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, »solche Dinge +kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, merke dir das!« + +Der alte Giocondi mischte sich ein. + +»Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein Bauer hatte --« + +»Bravi! Bravo Maestro!« + +»Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!« + +»Rauchen wir draußen eine Zigarette?« + +»Bravi!« + +»Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu +beglückwünschen«, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein +Holzbein hervor. + +»Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen +nicht mehr.« + + * * * * * + +Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal hinter dem +Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda riß sogleich ihre Hand aus +seiner. + +»Danke,« -- und sie fauchte ihn an. + +»Wofür?« fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer +mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt hatte. + +»Sie fragen?« + +Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf die Büste nach +vorn. Über die entblößte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war +in die Länge gezogen von Haß und Wut. + +»Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die +Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß Sie überhaupt kein +Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?« + +Er wich erbleicht zurück. + +»Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem Beifall wie dem +meinen die Arie wiederholen läßt!« + +»Wir haben das Duett wiederholt«, sagte er und zog an seinen Fingern. + +»Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem +andern teilen muß? Dem Nello werfe ich nichts vor.« + +»Wie? Was soll ich?« fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im +Vorhang loszulassen. + +»Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da Sie seine Arie +wiederholen lassen und meine nicht.« + +»Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.« + +»Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen +gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.« + +Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der +Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister +vorüber. + +»Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . Sie +konnten das voraussehen, Maestro.« + +»Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen«, sagte Italia mit großen +Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die Arme empor. + +»Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen zu müssen!« + +»Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?« + +»Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro« -- und Italia lachte +verächtlich. Der alte Tenor erklärte: + +»Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich, +in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat --« + +»Was ist dahinten für ein Lärm?« + +Der Bariton eilte hin. + +»Was sehe ich -- Herr Advokat?« + +»Ich habe dem Herrn gesagt,« rief der Inspizient, »man betrete die Bühne +nicht.« + +»Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees«, ächzte der Advokat und hob +sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraußes zusammen. + +»Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt haben«, bemerkte +er. + +»Oder sie ist gerade bei schlechter Laune«, meinte Gaddi. Der Apotheker +nahm dem Freunde die Blumen ab. + +»Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein Italia +bringen.« + +»Ah, meine Herren,« -- und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien mit dem +Steuerpächter, »auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an. +Kann man unsere Primadonna sehen?« + +»Es wird ihr eine hohe Ehre sein«, erwiderte der Advokat mit einem +Kratzfuß. »Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig --« + +Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes Lächeln hervor. + +»Herr Präfekt,« -- und sie knixte tief, »Eure Exzellenz möge meine +Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begrüßen. Herr +Advokat --« + +Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, und er drückte +eifrig den verlangten Kuß darauf. + +»Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung +einer Anfängerin. Auch werden Sie mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht +vermissen möchte . . . und auch Ihre Blumen nicht«, setzte sie mit einem +schelmischen Blick hinzu. + +Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung auszudrücken. + +»Aber -- sie haben ein wenig gelitten«, stotterte der Advokat. Sie streckte +die Hand aus. + +»Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde«, -- und sie entriß dem +Apotheker die Blumen. + +»Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu nützen, deren +Anfängen ich beiwohnen durfte --« sagte der Unterpräfekt. + +»Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren +nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.« + +Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen +hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten zwei Arbeiter ihn auf; +alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die +hereingeschoben ward, wäre ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora +Garlinda war plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen +großen Schreck bekommen. + +»Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!« + +»Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen, +daß Sie es sind, der den Bericht für die >Glocke des Volkes< schreibt. Sie +werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige +Tat kennzeichnen, die er ist.« + +»Mit Vergnügen,« erwiderte er, »das heißt, um Ihnen gefällig zu sein. Aber +freilich auch die Verdienste des Maestro dürften nicht --« + +»Herr Advokat --« + +Sie trat einen Schritt zurück. + +»-- ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zu schreiben. Wenn Sie +ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß gegen mich teilen. Wir haben uns in +diesem Falle nichts mehr zu sagen.« + +Da er bestürzt abwehrte: + +»Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenüber, der +nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit ein Opfer bringen kann? +Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant; +wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes +aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; -- und Sie sollten +wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß Sie einer Frau +Gerechtigkeit verschafft haben?« + +Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände darauf. + +»Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben«, sagte die +Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschämte +Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines +Kindes. + +»Ich habe nichts als meine Kunst«, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr +Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach ihrer kleinen Hand. + +»Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie einem Manne +zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, für eine große Sache +gekämpft hat, um endlich durch unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines +Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber +wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke +machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf mich, Fräulein Flora Garlinda!« + +Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre Fingerspitzen +an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, ließ er sie los, +und die Sängerin verschwand, den Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch +bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von +hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: »Die Frauen! Sie +geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber, +wer weiß --« + +Und sein Gang ward schwänzelnd. + +»Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?« + + * * * * * + +»He! Advokat!« rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und Poltern hörte man +nicht. + +»Lassen Sie«, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. »Ich weiß hier +Bescheid.« + +Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund. + +»Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.« + +Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden andern zu und +öffnete. + +»Wer ist da?« rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf. +»Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will +allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von +mir?« + +»O gar nichts, entschuldigen Sie nur«, plapperte Giocondi noch immer, als +die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte: + +»Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie +eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie zweiundzwanzig Jahre alt +ist. Sie hat uns getäuscht, indem sie sich anmalte.« + +»Das ist eben die Kunst«, sagte der junge Savezzo. »Man sieht, daß die +Herren keine Künstler sind.« + +Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor. +Er klopfte und wartete dann in gebückter Haltung, mit baumelndem +Schnurrbart und ehrfürchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß +streckte er sorgfältig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr +heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, ohne daß er +wankte. + +»Ach Ihr«, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. »Sogar +Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr +mögt mir die Kämme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand +nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut +geblasen. Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid.« + +»Wer ist denn bei ihr?« fragte Polli. »Mir ist doch --« + +»Wer wirds sein«, sagte Giocondi. »Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so +empfangen. Versteht sich, wir störten.« + +»Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?« versetzte der Savezzo mit +düstrem Neid. + +Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben zwischen den +Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die +ihre mehlweiß und braun gescheckten Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße +Augen und schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten. +»Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht +ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen muß!« + +»Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch +tapferer Mann!« + +»Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß abschlägt«, -- mit +ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie +fort und streckte die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende +Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine +kleine Puderwolke. + +Polli raunte dem Advokaten zu: + +»Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne +sprechen hören. Wer mag es sein?« + +Der Advokat wehrte diskret ab. + +»Wer weiß es.« + +Er holte Atem. + +»Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die Bühne gegangen +und darum ein wenig früher angekommen als Ihr.« + +Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte: + +»Ah! Advokat!« + +»Ich habe nichts gesagt«, -- und der Advokat glänzte groß. + +Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, und Acquistapace +trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von +hinten kam, Fächer schlagend, Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich +zuerst. + +»Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen ich +beiwohnen durfte.« + +Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten +in die Seite; er verdrehte die Augen. + +»Aber --« + +»Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,« sagte Herr Fiorio, »das +ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! Sie stellen eine Romagnolin +vor?« + +»Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara, +den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich über +meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen +hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne +macht.« + +»Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß Sie in +Wirklichkeit dazu fähig wären«, bemerkte der Unterpräfekt. Die Bürger +lachten beifällig, am lautesten der Advokat. + +»Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: mir können Sies +glauben, mein Herr!« + +Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den +Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gespräch ins +Unpersönliche. + +»Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht +und traurig. Nicht einmal das schöne Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine +Wirtin in einer großen Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle +andern. Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?« + +»Gewiß nicht«, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und nach kurzem +Zögern: »Ich komme sogar ausdrücklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie +vereinigen wahrhaftig Schönheit und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller +Genugtuungen sein.« + +»Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich über +manches zu beklagen. Würden Sie glauben, daß mir der Maestro noch soeben +eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber +habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden +Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie wiederhaben. +Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die +Arie streicht? Der Garlinda läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen, +wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos +mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort +miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .« + +»Wie sehen sie sich wieder?« fragte Polli. + +»Versteht sich, auf der Straße«, erklärte Giocondi. + +»Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte der Unterpräfekt. Italia verzog den +Mund. + +»Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie +verliebt ist.« + +»Er sucht sie,« fuhr Giocondi fort, »weil er sie nicht vergessen kann, der +Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist +eine klägliche Geschichte.« + +»Was denn!« keuchte der Advokat. »Das ist unmöglich! Der Maestro verliebt +in die Primadonna?« + +»Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder --« + +Italia machte ein angewidertes Gesicht. + +»-- sie hat unnatürliche Neigungen.« + +»O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein«, erwiderte der Advokat mit +heiterer Stirn. + +»Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu nützen, deren +Anfängen ich beiwohnen durfte --,« und der Unterpräfekt verbeugte sich +gegen Italia, die vor ihm die Hüften hin und her drehte, »so spreche ich +also wegen Ihrer Arie, Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause. +Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hören.« + +Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war +herzugekommen und sagte: + +»Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird +bösartig.« + +Man hörte sie noch sagen: + +»Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur +die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstück +verbunden.« + +Herr Fiorio bot ihr den Arm. + +»Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.« + +»Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!« + +»Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der +Unterpräfektur, liebe Kleine.« + +Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die Bürger sahen ihm +bewundernd nach. + +»Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im +Saal. Welche Geschicklichkeit!« + +Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er fluchte laut. Wie +Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen. + +»Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?« + +»Aber Romolo!« sagten die Freunde. + +»Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der +Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Fräulein Italia?« + +»Aber für mich wird er doch handeln?« sagte Italia, eingeschüchtert durch +seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe. + +»Ich bin ein alter Soldat Garibaldis«, rief er und ging, um zu atmen, ein +Stück weiter. »Auf das Ränkeschmieden verstehe ich mich nicht!« + +Da sie ihm bittend gefolgt war: + +»Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.« + +»Herr Apotheker,« sagte sie schmeichlerisch, »glauben Sie, auch ich träume +zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .« + +»Kein Glück, der arme Romolo,« -- und der Advokat feixte still und heftig. + +Polli fragte: + +»Sollte man nicht seine Frau holen?« + +Der alte Giocondi bemerkte: + +»Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor +dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch. +Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn +wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.« + +»He! Herr Nello!« rief der Advokat. + +»Lassen Sie ihn«, sagte Gaddi. »Es ist sein gewohnter Zustand am ersten +Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.« + +Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, mit einer +Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den durchlöcherten Filz von +seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfärbten +Mantel gerollt, machte er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von +der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein großer +Brillant auf. + +»Nun?« fragte er, atemlos vor Anstrengung, »erkennen Sie, Gaddi, wie es +sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich +alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren --« + +Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem zum andern und +kleinen bedrängten Handbewegungen. + +»-- im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.« + +Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte: + +»Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist +ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, daß er eine gefallene +Majestät ist.« + +»Wie? Stellen Sie denn einen König vor?« + +»Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich eines +ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden ihn unter seinem +Bogen aufstören: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in +dem die Tragik des Stückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf +sagen, daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es +auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es +ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze +Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich: +weinen werden Sie!« + +»Teufel.« + +»Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.« + +Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fuß der Stufen, +die hinabführten. Unsichtbar rief er: + +»Gaddi, das Stichwort!« + +»Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?« + +Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe: + +»Ich bin früher gekommen.« + +»So werden wir weiter suchen«, sagte Gaddi ehern. + +»Unnötig«, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der +Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er: + +»-- da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte +ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb +dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.« + +Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß +schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die +Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel. + +»Hahaha!« machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine +Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte. + +»Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will +das.« + +Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn. + +»Wie? Sie lachen? Aber das ist --!« + +Er schluckte hinunter und kam näher. + +»Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?« + +Er ging, den Kopf gesenkt, umher. + +»Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!« + + * * * * * + +»Daß der Tenor etwas hat,« sagte der junge Savezzo, die Brauen +zusammengezogen, »das werden Sie uns nicht ausreden.« + +»Was soll er haben?« erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem +Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr +geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine +einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im +Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln. + +»Es war ihre Stimme!« dachte Nello. »Sie ist nicht in der Loge, und dennoch +habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht +denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es +ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die +Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir +ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.« + +Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des +Freundes. + +»Sieben Tage der Angst«, murmelte er. »Wie man hoffen kann! Es ist +lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie sie sehen, -- und im Herzen +wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich +ihr dort hinauf alles, alles --« + +»Still, Nello!« + +»Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?« + +»Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang +rechts«, rief Gaddi den andern entgegen. »Warum steht sie leer im +ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich --« + +»Das ist ja die Loge der Familie Nardini«, erklärte Polli. + +»Aber --« machte der Advokat von fern. + +Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu. + +»Ist das wahr?« fragte er. + +»Eh! Beim Bacchus!« + +Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor +ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er +sagte: + +»Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man +hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie +beanspruchte --« + +»-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird«, setzte der Herr Giocondi +hinzu. + +»Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?« fragte der +Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff. + +»Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht«, sagte der Savezzo +noch, -- da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello +lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen, +nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: »Was hat er?« +-- schnellte der Bariton wütend auf. + +»Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und +jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.« + +»Ja,« sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, »sie +sind zarter Natur, die Künstler.« + +»Man sollte einen Arzt holen«, verlangte der Cavaliere Giordano. + +»Aber es ist nichts«, behauptete der Apotheker. + +»Man weiß nicht«, meinte der Advokat. »Auch ich habe einmal --« + +»Einen Arzt!« rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften. +Laufend erschien der Kapellmeister. + +»Was ist geschehen?« -- und er war tief erbleicht. + +»Gar nichts«, sagte Gaddi und rüttelte Nello. »Bringen Sie Wasser, +Dorlenghi!« + +Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben +dem Ohnmächtigen auf die Knie. + +»Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!« + +Er sprang wieder auf. + +»Mein Gott, ich bin verloren!« + +Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte +er zu. + +»Übrigens, Maestro,« äußerte er, »hat auch die Primadonna sich geweigert, +weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?« + +Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit +ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel +nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm +nicht kannte, zu schreien: + +»Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?« + +Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. »Werden Sie nicht +schweigen? Merken Sie nicht, daß man sich über Sie lustig macht? Auch +dieser hier hat schon die Augen geöffnet!« + +»Gleichviel«, machte der Advokat. »Wer, wie ich, außergewöhnlichen +Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie +fühlen Sie sich, mein Freund?« + +»Einen Arzt«, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch +gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große +gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem +Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den +Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße +eingesunken. Dann tat er einen Satz. + +»Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen, +ob ich noch dein Vater bin!« + +Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose +Enttäuschung malte. + +»Ich liebe sie so sehr«, stieß er, wirr jammernd, aus. »Ich will sie +heiraten.« + +»Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!« + +»Aber warum schlagen Sie ihn?« fragte das Mädchen. »Was ist Schlimmes +dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!« + +»Fort! Beine!« -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen +zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt +hatte: + +»Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein --« + +»Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen«, sagte sie und griff ihm +unter das Kinn. »Aber ich liebe noch immer nur dich.« + +»Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe, +wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn +du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.« + +»Das wäre schrecklich«, rief sie ihm nach. »Und die Zigarette?« + +»Unglücklicher, was tust du noch hier?« + +Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte. + +»Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert +dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die +dir niemals treu sein würde!« + +»O ja! das wäre sie!« + +»Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!« + +»Das ist nicht wahr!« -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden +Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die +fette Brust und lächelte breit. + +»Dann frage sie also nach mir!« + +Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und +knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter. + +»Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!« + + * * * * * + +Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer +war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken +bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner +Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem: + +»Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.« + +Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti +entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang +unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte. + +»Sie sind ja bucklig«, sagte Galileo mit erhobenen Brauen. + +Der Kleine schrak auf. + +»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.« + +»Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind« -- und Galileo hielt +unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet. + +»Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf«, +schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die +Hälfte des Wassers. + +»Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,« antwortete +Galileo, »darum sind Sie aber immer noch bucklig.« + +»Wie viel Witz er hat!« sagten die Pächter und drängten herzu. + +»Aber ich rufe die Carabinieri herein!« kreischte der Verwachsene. + +»Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben +bucklig« -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und +seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um +mitzulachen. + +»Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie +um!« + +Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er +taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich +krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum. + +»Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,« erklärte ihm Galileo, »bucklig +sind Sie, und bucklig bleiben Sie.« + +Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der +Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht +zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn +hinaus. + +Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen +dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten +umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und +Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg +eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der »Tonietta«, mit den +ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: »Sieh Geliebter, unser +umblühtes Haus . . .« »Welche Musik!« sagte einer der jungen Leute in +großen Hüten und bunten Halstüchern. »Es geschieht viel Trauriges in dem +Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine +Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.« + +»Trotzdem bringen sie dort einen«, sagte ein anderer; und alle zusammen: + +»Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber +des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er +in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu +übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.« + +Der Wirt »zu den Verlobten« weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem +solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert. + +»So gebe ich eine!« sagte der junge Mann. »Und ich bin ein Arbeiter, der +zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.« + +Er schlug sich auf die Brust und sah umher. + +»Auch ich gebe eine.« + +»Auch ich.« + +Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die +Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die +Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein +Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen: + +»Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber +auch er hat großes Talent.« + +Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges +umher und polterte. + +»Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,« +sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, »du wolltest einen +Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht +man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.« + +»Doktor!« rief er in die erste Parterreloge rechts, »auf der Bühne stirbt +jemand. Rasch! Sie müssen hin.« + +»Ich kann nicht«, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau. +»Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!« + +»Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!« + +Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge +des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper +war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen +diesen Augen zu verdecken. + +»Sie sollten gehen,« sagte neben ihm Mama Paradisi, »es scheint ernst.« + +Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini +wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die +Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es: + +»Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.« + +Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach +seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in +Bewegung. + +»Holt mir den schönen Alfò!« verlangte er. »Ich brauche ihn, denn ich +selbst bin nicht schön genug.« + +Und als er ihn hatte: + +»Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.« + +Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter +ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine +kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal +lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man +stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi +in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los: + +»O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee: +ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.« + +Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in +den Arm. + +»Du bist ein unbezahlbarer Papa!« + +Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob. + +»Und die Miete, Ottone?« fragte sie blechern. »Wie soll ich sie bezahlen?« + +»Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.« + +Aber die Töchter waren auf einmal still. + +»Welch gute Erfindung«, rief der Vater fröhlich. »Daß dieser Tenor krank +werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich +nicht.« + +Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an. +Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin. + +»Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?« + +Da sie weiter schwiegen: + +»Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch +nicht Krankheit nennen.« + +Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton. + +»Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden +gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette +gewonnen?« + +Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie. + +»Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine +ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was +meint ihr, wenn ich hinginge?« + +»Bleibe lieber da«, sagte Frau Giocondi. »Wer weiß, was der Doktor tut, +wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.« + +Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen: + +»Was tun Sie?« + +Er griff sich an den Kopf. + +»Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder +auf den Beinen ist, und inzwischen --« + +Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der +schöne Alfò wich -- und sein törichtes Lächeln verging ihm -- bis an die +Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber +und sprang in den Saal. + +»Bravo, Alfò!« rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht +trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen +unverfroren weiterpolterte. + +»Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir +gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .« + +Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der +andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: -- da schwang der +Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und +Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden. + +»Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?« sagte Frau Giocondi. Ihr +Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst +vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren +im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes +Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt: + +»Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!« + +Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es +unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man: + +»Wie er tüchtig ist, der Doktor!« + +Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen +konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der +Klubloge: + +»Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.« + +Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle +Bemitleidungen ab und sagte: + +»Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.« + + * * * * * + +»Wie man vom Lachen heiß wird!« bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede +wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln. + +Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen. + +»Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?« + +»Und die Haushälterin des Herrn Ortensi«, flüsterte der Tabakhändler, »hat +ein gewisses Parfüm an sich --! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat +er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne +roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht +vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist, +daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht +aus deiner Ecke rührst!« + +»Das Theater ist zu voll«, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute +unter ihrer Loge. »Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte +nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem +Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen +setzt.« + +Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella +war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um +ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi +ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach +ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette. + +»Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen«, sagte Lauretta zu Theo. »Er +schneidet dir Gesichter.« + +Sie antwortete: + +»Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem +den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die +Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.« + +»Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!« wimmerte Mama +Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren +dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli. + +»Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt«, setzte die +Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen +Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte. + +Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen. + +»Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.« + +»Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme, +aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.« + +»Hast dus von deiner Herrin?« + +Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit +dem Finger die Lippen. + +»Also er liebt die Primadonna«, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau +Malandrini. »Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem +ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und +behandelt ihn schlecht.« + +Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des +Unterpräfekten. + +»Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten +finden sich nicht auf dem Theater.« + +»Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es +nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.« + +Frau Camuzzi erklärte: + +»Dieser Tenor: wie heißt er noch --« + +Sie sah auf dem Zettel nach. + +»Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne +Empfindung.« + +»Aber mir scheint,« wandte der Gemeindesekretär ein, »daß er gerade infolge +von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.« + +»Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren: +hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt, +daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig +nachzuhelfen?« + +»Wie viel Geist die gnädige Frau hat!« sagte der junge Salvatori. Der junge +Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige +Aufleuchten in den Augen der Dame. + +Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer. + +»Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der >Celimena< im Pagliano zu +Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die +einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als +sie jung war.« + +»Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes +junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in +einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.« + +»Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint, +man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser +getan, sich nicht hören zu lassen.« + +»Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst +nun sind.« + +»Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.« + +»Aber sie ist nicht schön«, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief: + +»Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!« + +»Sie sehen sie doch nicht.« + +»Aber wie schön muß sie sein!« + +»Heraus!« rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli. + +»Maestro!« + +Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie. + +»Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!« + +Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der +Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer +Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk. + +»Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!« + +Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker +Crepalini: + +»Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich +aber, der ich sechs Plätze --« + +»Schweig!« -- und droben wurden Fäuste geschüttelt. »Du hungerst uns aus. +Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er +uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!« + +»Denn«, keuchte der Advokat, »wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist +die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel +Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem +jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .« + +»Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben«, riefen die Frauen. + +»Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine +Herren, werden Sie befriedigt werden.« + +»Bravo, Advokat!« -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief: + +»Er ist ein großer Mann, der Advokat!« + +»Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!« -- und plötzlich lachte alles. Die jungen +Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten: + +»Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und +machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst +Musik hören, Brabrà!« + +Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn, +das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen +über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, -- und +unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten +Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn +feierte. + +»Aber der Mittelstand wird gefährlich!« sagte Frau Camuzzi zum Baron +Torroni. + +Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen +herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich +abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden +Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften. + +»Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt +es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt »zum Mond«, Ihr +seid der Wirt »zu den Verlobten«; eine Loge aber ist nur für ihn da. +Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der +Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine +Großnichte des Bürgermeisters ist!« + +»Die Herren halten zusammen«, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem +Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; »und der einzige, +der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.« + +Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf. + +»Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht +Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat, +zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen +Ansprüche . . .« + +»Die Herren!« schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte +vor Zorn auf seinen engen Schultern. »Wenn es noch Herren wären! Aber seht +nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und +als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der +fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine +Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die +Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber +leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.« + +»Die Herausforderung gilt mir« -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob +seinen Bauch in den Haufen. »Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man +Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.« + +»Was denn? Welche Loge?« polterte Galileo Belotti. »Wißt ihr denn nicht, +daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die +unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift +wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.« + +Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten. + +»Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte«, erklärte er. +»Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze +ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben +mußten, weil keine Loge für sie da war.« + +»Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,« sagte der alte Seiler +Fierabelli, »um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.« + +Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein: + +»Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er +ist ein großer Mann.« + +»Was, großer Mann!« -- und Galileo hüpfte auf. »Wenn einer den Advokaten +kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck +eines großen Mannes ist!« + +Frau Malagodi mischte sich ein: + +»Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als +das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer +Loge.« + +»Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?« schrie +ihr Gatte. »Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!« + +»Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo«, wiederholte +hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor: + +»Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.« + +Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die +ganze Herde vor sich her. + +»Wohin, Crepalini?« + +»Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit, +Malagodi!« + +Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen. + +»Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!« rief der dicke Zecchini und +hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug +Wogen, die aufbrüllten. + +»Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?« rief die Galerie. »Ruhe! Du +willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro! +Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!« + +Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er +dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten +Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester +allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr +zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der +Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und +droben jubelte eine Jungenstimme: + +»Ins Zentrum!« + +Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte +mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein +unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas +Drohendes wälzte sich heran! »Was gibt es!« In den Logen sprang man auf. +Eine Frau rief: + +»Himmel! man ermordet mich.« + +Und Stimmen auf der Galerie: + +»Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.« + +»Nicht doch!« schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den +Advokaten Belotti. »Es ist nichts, lassen Sie mich machen!« + +Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter +mußten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie: + +»Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh! +. . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!« + +»Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?« rief der Barbier Bonometti, +-- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte. + + * * * * * + +Da es schon wieder hell war: + +»Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.« + +»Ruhig! Man spielt!« + +»Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.« + +»Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!« + +»Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser +Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.« + +»So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie +fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will +ich blind werden!« + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Wie er bleich ist, Dante!« + +»Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben, +was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel, +und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder, +wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!« + +»Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!« + +»Sprich nicht! Was wird geschehen?« + +». . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn +erkannt!« + +»Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu +verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht +über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist, +und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir +ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht +fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.« + +»Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!« + +»Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.« + +»Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen. +Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht, +unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche +Einbildungen, wenn man liebt.« + +»Woher weißt du das?« + +»Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<.« + +»Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen. +Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett: +alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie +sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so +aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts, +Giocondi?« + +»Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an, +Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm +Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!« + +»Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.« + +»Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder +hörst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns +blühen< . . .« + +»O Nina, deine Harfe!« + +»Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.« + +»Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden, +wie diese.« + +»Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist +zu.« + +»Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis +die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.« + +»Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch +nichts.« + +Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme +verschränkt, einander in die Augen. + +»Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch Leben! So also wird +es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.« + +»Dies aber,« -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme +aus, »o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen +Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende +Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe +der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?« + +Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand. + +»Wie schade,« sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi, +»daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er +sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen +wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich +wieder dem Helden selbst ins Gesicht.« + +Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase. + +»Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem +Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal, +werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und +berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man +mir geraubt.« + +Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch +machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem +Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung +einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. »Niemals fühlte +ich, wie sehr ich ihr gehöre!« Seine Augen, die sich verschleierten, irrten +von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der +Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie +wandte sich um, und er sagte: + +»Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.« + +Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still. + +»Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund +sollte sie haben, zu schluchzen?« + +»O! jede Frau findet dazu Grund«, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat +erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses +Flehen war. + +»Bravo, Maestro!« + +Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere +rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er +jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und +bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin. + +»Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch«, stellte Rosina Giocondi im +stillen fest. »Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . . +Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte +Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen, +der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die +jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie +verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch +von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder +aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; -- +aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen +Pause der Mama einen Besuch gemacht.« + +»Paß doch auf, Piero!« rief jemand auf der Galerie. »Er nimmt sie dir weg!« + +»Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen: +jetzt bekommt sie das ihre.« + +»Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine +Cölestina, verstehe sie zu gut.« + +»Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?« + +»Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich +war unschuldig.« + +»Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war +eine Dirne, wie?« + +»Hat ers anders gewollt?« + +»Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.« + +»Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!« rief Cölestina so laut, +daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten +mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle +durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die +Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort +vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: »Welche Erlösung, nicht mehr von +Liebe zu wissen.« Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel: +ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und +sie wurden zum Schweigen gebracht. »Die Leute sind neugierig. Sie fühlen +eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine +Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist +aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er +schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft +meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie +fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen: +ich habe Unglück.« + +»Mein Lieber,« sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon +abgeschminkt war, »was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen +Sie nur!« + +Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken. + +»Gaddi ist großartig. >Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die +Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich. +Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen. +Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns +einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge +ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich +fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt +werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich +werde vorstürzen, ich werde sie beide --. O Alba!« + +Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern, +heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände. + +»Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer +leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?« + +»Da bin ich!« -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen +Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf +die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren +Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte, +empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da +jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder. + +»Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!« + +»Gnade!« rief eine Frau von oben, aber er stach zu. + +»Ich habe nur dich geliebt, Piero,« hauchte die sterbende Tonietta; und auf +der Galerie die Geliebte des Schusters: »Hörst du es, Dante?« + +»Bravi! Alle heraus! Maestro!« + +Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der +Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine +drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie +sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher +Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine +Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt, +klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich +niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der +abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich +zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal. + +»Bravo, Cavaliere!« rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr +Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des +berühmten Sängers zu verstärken. + +Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der +Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr. + +»Gnädige Frau,« -- und er sah ihr in die Augen, »die Ohnmacht des Tenors +war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.« + +Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine +Nase. Frau Camuzzi trat zurück. + +»Warum sagen Sie mir das?« fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die +Brust. + +»Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der +erste bin?« + +Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den +jungen Severino Salvatori. »Er wollte die Nardini heiraten,« dachte sie; +»und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .« + +Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich. + +»Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell +unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen +Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen +Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!« + +Sie klatschte; sie rief: + +»Bravi! Bravo der Gennari!« + +»Ich brauche einen Menschen,« dachte sie, »der etwas Stärkeres hat als +seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld +der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken +Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.« + +Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen +gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund +des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück +zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In +seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie +sich. + +»Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr +Savezzo.« + +»Es lebe der Advokat!« rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich +umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten, +der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau +Camuzzi lächelte ihm heiter zu. + +»Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!« + +»Bravo, Advokat!« -- und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch +über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf. + +»O Volk!« murmelte er. + +»Weine nicht mehr, Cölestina«, sagte droben der Schuster Dante Marinelli. +»Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende +gemacht hat.« + +»Aber ist nun etwa sie schuld?« + +»Oder er? Es war ihr Schicksal.« + +»Und was wird unseres sein, Dante?« + +Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander +gedrängt, verschwanden sie darin. + +»Das Theater hat sich geleert«, sagte die alte Frau Mandolini. »Wir können +aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir +sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.« + +»Der Schluß war wirklich aufregend«, sagte die Haushälterin und erwiderte +über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi. + +»Er war mehr als aufregend«, sagte der Blinde. »Diese Vorgänge, nicht wahr, +Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf, +unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?« + +»Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist +noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie +jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn, +dem gelbbärtigen Herrn?« + +»Ein Zeichen also!« rief der alte Literat. »Ein Zeichen für das, was wir +getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs +neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich +messen müssen mit der Macht.« + +»Wir werden zur Stelle sein.« + +Der Alte warf den Kopf zurück. + +»Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich +gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem +Tod?« + +»Gleichviel,« erwiderte seine Freundin, »wir werden kämpfen.« + +Sie gelangten ins Freie. + +»Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach +Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit +sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.« + +»Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?« + +»Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr +sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.« + +»Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen« -- und die +Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. »Nehmen Sie, Herr +Ortensi!« + +Und streng flüsternd: + +»Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich +nur um sie bekümmert.« + +Die alte Frau lächelte barmherzig. + +»Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.« + +Und sie stiegen langsam ins Dunkel. + +Der Tabakhändler rief plötzlich: + +»Wo ist Olindo?« + +Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der +Treppengasse. + +»Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?« + +Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: »Eh!« -- und seine +Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was +aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam. + +»Wehe ihm, wenn er heimkommt!« schloß Polli. + +Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte. +Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen +wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen +Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte +unvermittelt in zwei Teile. + +»Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!« riefen die Freunde hinauf aus einem +Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt +hinterlassen hatte. + +»Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die >Arme Tonietta< ohne uns, +frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!« + +Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür. + +»Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?« fragten die Freunde. +»Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine +Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. +Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und +Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er +schneidet! Ihr seid große Künstler!« + +Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter +alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln. + +»Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!« sagte der +Tapezierer. + +»Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute« -- und der Kapellmeister streifte die +Hände nur und sah niemand an. + +»Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.« + +Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus. + +»Wie?« sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die +Faust auf ein Notenpult fallen ließ. + +»Er wird verrückt geworden sein«, meinte Blandini. »Den ganzen Abend schien +er mir seltsam.« + +»Hat er nicht auch --?« fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand +etwas in den Mund zu gießen. + +Der Schneider fand Worte. + +»Ein böser Mann ist er!« sagte er schwer. »Ich irrte mich, als ich ihn für +einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.« + +»Hört den Schneider!« rief Nonoggi. »Er versteht mehr als der Maestro und +wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.« + +»Ein böser Mann,« wiederholte Chiaralunzi, »mein Tenorhornsolo fand er +nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er +ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.« + +»Sogar das Fräulein!« höhnte der Barbier. »Ein Fräulein zum Lachen. Es +heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit, +Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!« + +Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi +war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er +tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. + +»Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht +möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken +haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst +hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!« + +Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum. + +»Gut, mein Lieber«, sagte er und lachte sonderbar. »Alles ist gut gegangen; +ich bin zufrieden.« + +»Aber der Schneider --« + +Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er +den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich. + +»Er hat also doch getrunken«, bemerkte der Barbier. »Ich dachte es gar +nicht.« + +Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei +der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine. + + * * * * * + +Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem, +aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. »Ich habe also ein Volk +gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. +Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine +Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn +ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es +erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der +>Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, +sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf +vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein +so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll +Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der +Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende +Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner +als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie +liebten einander. Und wir -- und wir --« + +»Ein Betrunkener?« sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem +jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln. + +»Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.« + +»Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind +gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse +einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba +allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen +Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat +dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn -- wir dürfen nicht hoffen, uns zu +irren -- er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch +Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in +der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein +fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt +zurückkehrte.« + +Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus: + +»Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an, +die --, genug: eine Nacht.« + +»Was tut das mir«, sagte er zwischen den Zähnen. + +»Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet +werden muß und daß Sie sie retten müssen?« + +»Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.« + +»O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, +ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und +Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie +handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu +beseitigen.« + +Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte +rasch: + +»O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.« + +Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war +der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner +zu. + +»Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, daß Sie +unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und +kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger +teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro +Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt +unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette? +Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns +nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der +Fortschritt?« + +Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort. +Der andere feixte lautlos. + +»Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?« + +Und der Advokat, nach Luft schnappend: + +»Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen +Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein +Land groß ward?« + +Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister +schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch: + +»Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir +es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus +der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< +--. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein? +Werden sie mich groß nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir +schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie +mir!« + +»Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein +berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo, +haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten +Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung +beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der +Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem +rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß +Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o, +nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um +ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu +nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine +Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.« + +Er lachte hart. + +»Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange +ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.« + +Frau Camuzzi seufzte. + +»Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie +haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es +immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins +Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie +für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß +machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen +Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von +Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.« + +»Es tut nichts«, schrie der Advokat. »Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir +haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit +Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir +werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein +dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie +und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege +gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr +wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen +verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das +Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend +etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der +Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!« + +»Aber mein Mann«, sagte droben Frau Camuzzi, »trägt einen besser gemachten +Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?« + +Savezzo erwiderte: + +»Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt +haben,« -- und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen +-- »dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert, +was er von den Damen der Stadt weiß.« + +Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem +Fächer spielte. + +»Und auch von den Männern?« fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem +offenen Lächeln den Kopf. + +»Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen, +können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem +Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen +Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt --« + +Er fiel ein: + +»-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen +und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins +mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein +Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen, +ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem +fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien +an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der +hervorragt.« + +»Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man +heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.« + +»Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend +gegeneinander so offen macht?« + +»Oder«, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit +die Träne nicht hinausrinne, »ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in +Aufruhr gebracht?« + +Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der +Advokat. + +»Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich +nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen +schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege +und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise +Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt --. Sie verziehen +das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch +zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich +als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich +mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; +denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie? +Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend +begeistert!« + +Er streckte den Ankommenden die Hände hin. + +»Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns +die Musik des Maestro Viviani!« + +»Eine Frau kann nicht handeln,« sagte sie; »und daß ich bei den Komödianten +war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die +Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.« + +»Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde«, sagte Camuzzi. + +»Und der Maestro?« rief der Advokat die Gasse hinauf. »Wir haben ihn +verloren?« + +Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal +in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge +schien. + +»Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und +einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein +Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem +eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein +wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? -- und +dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!« + +Er lief die Treppe zu Ende. + +»Da wären wir alle beisammen,« bemerkte der Advokat; »und wenn unser +Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen städtischen +Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine +unserer nächsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen +Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.« + +»Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art«, erwiderte Frau Camuzzi. + + * * * * * + +Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich. +Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten +Versammlung beim Café »zum Fortschritt« stoßen wollte, sah er aus der +Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte +ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten +zuvor. + +»Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie +wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht +geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?« + +Da er stammelte: + +»Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß +Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir +unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren +dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was +Sie schreiben werden!« + +Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf +vorbereiten: + +»Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt; +seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste. +Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, +daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.« + +»Dieses Lob erregt nirgends Neugier«, dachte sie und streifte mit einem +feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte, +als lernte er ihre Worte auswendig. + +»Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum, +geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht +einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre +Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des +Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --« + +»Ich erwähne ihn gar nicht« -- und der Advokat spreizte voll Eifer die +Hand. Er dachte: »Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben: +ich wußte es« -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des +Rathauses. + +Die Primadonna sagte: + +»Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger +Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß +das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der +Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in +ihrer Mitte sehen wollten.« + +»Aber das ist ja beinahe gerecht!« rief der Advokat. »Ich bewundere Sie +immer mehr. Und von Ihnen selbst --« + +»O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!« + +»Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst +über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über +denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!« + +»Sie haben Talent, Advokat.« + +»Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu +verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.« + +Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück. + +»Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu +danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie +Gunst, wo sie nur gerecht sind.« + +»Wie wir uns verstehen!« -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor. +Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte +sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres +Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; -- +aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm: + +»So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die +andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie +für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und +die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, +Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist, +auch sich gedemütigt fühlen.« + +»Wie wahr!« sagte er erstickt, »das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie +mich erst richtig kennen.« + +»Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand, +mein Freund!« + +Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte. + +»Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf +behaupten, daß ich sie verdiene.« + +Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder +hinunter. + +»Sie tun mir weh, Herr Advokat.« + +»O Verzeihung!« -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu +küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, +den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil. + +»Eine so große Künstlerin«, murmelte er unter dem Schauer, womit seine +eigene Ritterlichkeit ihn überzog. + +»Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig«, sagte Flora Garlinda und +gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle. + + * * * * * + +»Da sind sie,« sagte Nello Gennari, »ich will sie holen.« + +Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um +mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen, +verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof. + +»Würde man glauben,« -- und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor +Bewunderung starr, in die Runde, »daß dort eine so große Künstlerin kommt?« + +Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe: + +»Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.« + +»Sie hat eine schöne Hand«, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene +umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch: + +»Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.« + +Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf +Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger +Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem +Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat +lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen +gebe. Polli stellte fest: + +»Tatsache ist, daß wir alle -- kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre +ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat --« und er nickte nach dem +Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine +lärmende Unterhaltung führten: »ja doch, er hat eine andere als seine +Arbeitshose an.« + +»Und was die Frauen betrifft«, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat +unterbrach ihn: + +»Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser +Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr +neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen; +daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!« + +Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und +schwatzenden Platz damit umfangen. + +»Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!« rief der Apotheker. + +»Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,« begann der Leutnant wieder, +»daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.« + +Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten +angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda +den Kapellmeister: + +»Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes< +verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen +wir andern heute abend ganz verschwanden.« + +Und er, mit weichem Lächeln: + +»Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan +habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es +heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora +Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen +. . .« + +Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie +musterte ihn kalt. + +»Es war ein großer Abend«, stammelte er. »Vielleicht waren wir alle nur +dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend, +und ich danke allen dafür --« + +Mit einer zitternden Geste: + +»Allen.« + +Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg. + +»Auch noch danken«, murmelte sie. »Ich hasse alle, weil ich sie nicht +einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht +möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie +sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, +wie alles böse und gefährlich ist?« + +Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken. + +»Den schönsten Hut« -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem +Tisch zur Linken, »ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.« + +Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor, +die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede +zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische +zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor +Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich. + +»Aber ist es zu glauben,« sagte der Advokat, »daß dort hinten eine Nonne +umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke +unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?« + +»Er ist so zart, der arme junge Mensch« -- Mama Paradisi wand sich nach +allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. »Sein +Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch +die Nachtluft nicht.« + +Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer +weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und +wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr +vorüberlief, hielt Savezzo ihn an. + +»Alfò,« raunte er, »man nimmt dir die Alba weg.« + +Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich. + +»Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.« + +»Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?« + +»Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und +mich anzusehen.« + +»Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.« + +»Sie kommt nicht mehr,« -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor +Eitelkeit -- »weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich +versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter +Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und +heirate sie, sie mag ruhig sein.« + +»Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener +Tenor, der sie dir verführt.« + +Alfò schüttelte glucksend den Kopf. + +»Du glaubst mir nicht?« sagte der Savezzo. »Ich habe es gesehen. Der +Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst +du, dort draußen verbringt.« + +Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die +Zähne. + +»Wo ist der Komödiant?« -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die +Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus. + +»Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht, +daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie +noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, +ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu +sein.« + +Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich. + +»Wie sie mich liebt, die Alba!« + +Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen +des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte +der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken +und erklärte: + +»Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken +ihn jetzt.« + +»Welch glänzendes Leben wir führen!« rief der Advokat. »Wer das alles noch +vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen +wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt +sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere +alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des +Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer +Stadt; und wehe dem --« + +Er stieß den Arm nach dem Dom aus. + +»-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.« + +Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß +Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte +Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der +klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, +setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der +Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna. + +»Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich +nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der +Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große +Dinge erleben wir!« + +Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti +und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf, +auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia +war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die +Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie +folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker, +der sich rötete. + +Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere +Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos +hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte. + +»Ihre Leistung war schön, Cavaliere,« sagte er warm; »sie war ergreifend: +ich danke Ihnen.« + +Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand. + +»Ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er. + +»Aber Sie sind ein großer Künstler!« sagte der Kapellmeister erschreckend. +»Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe +fühlen --« + +Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm. + +»Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir. +Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber +bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte +nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.« + +Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der +Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem +Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam. + +»Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie +hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und +ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn +man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum +etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch +heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen, +Maestro: Sie haben Grund dazu.« + +»Was für eine Frechheit!« schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag +zwischen die Gläser. »Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein +Italia auf den Hals zu küssen!« + +»Was denn, Bauernlümmel!« keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd +entgegen. »Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir +haben Fäuste, wir!« + +Seine ländlichen Freunde bestätigten dies. + +»Wir werden sehen!« rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der +feindlichen Schlachtreihe entgegen . . . + +Der Cavaliere Giordano kicherte. + +»Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen +Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden, +daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht +habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die +Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --« + +Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte +sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den +alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn +einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! +Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er +sei ein Herr. + +»Was denn Herr«, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden +hervor. + +»Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!« +keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft +und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren +Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; +in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die +streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu +verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der +Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß +den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen +fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen, +Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von +dannen. + +»Lassen Sie doch jene Leute!« -- und der Cavaliere Giordano stieß den +Kapellmeister an. »Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde +mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi --« + +Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang +ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt. + +»-- wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie -- frei ist, daß sie sich ohne +Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.« + +Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht +aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf, +drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich +schnell. + + * * * * * + +»Welch häßlicher Zwischenfall,« sagte der Advokat Belotti; »wir werden uns +hüten, der >Glocke des Volkes< darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen +wir nur die Wahrheit! -- können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es +immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner +eigenen Familie --« + +»Ich habe so gut gelacht,« sagte Flora Garlinda; »es war so unterhaltend.« + +»Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!« + +Sie warf die Lippe auf. + +»Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung, +weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.« + +»Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!« + +»Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu +nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen +sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.« + +Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen +entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht, +griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen. + +»Auf die Gesundheit!« sagten sie kräftig. + +Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und plötzlich, wie aus dem +Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen +Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen +Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und +dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er +sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen +Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch +anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut +entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen +schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete +sich um. + +»Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit +dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie +erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, +Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je +von sich gibt. Sage Brabrà!« + +Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe +Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem +Kinde, das schwärmt und singen möchte. + +»Was fällt ihm ein«, sagte der Advokat. »So hat er noch nie getan. Was will +er?« + +»Auch ich --« sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete +sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und +Hals. »Auch ich --« + +Polli vermutete: + +»Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.« + +»Ah!« machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des +Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als +parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an: + +»Was tatest du im Theater, Brabrà?« + +»Theater!« -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: »Auch ich +. . . Theater . . .« + +Der Cavaliere Giordano erkannte: + +»Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie +hießest du denn damals, mein Freund?« fragte er mit Wohlwollen und großer +Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und +alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, +sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal +öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache +Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen: + +»Der Montereali.« + +Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück. + +»Der Montereali -- es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe. +Der Montereali«, erklärte er dem Advokaten, »war, als ich anfing, nicht +mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit +mehr als dreißig Jahren ist er tot.« + +»Der Montereali«, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die +Brust. + +»Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!« bemerkte der Advokat. Der +Herr Giocondi sagte: + +»Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!« + +Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte +die Hand ans Ohr. + +»Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe. +Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --« + +Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie +lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper +ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man +versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr +Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die +Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne +trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi. + +»Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. »Wo ist denn das +Fräulein Flora Gar --« + +Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände +schlotterten. + +»Ich habe ihre Stimme nicht erkannt«, sagte er. »Wie ist das möglich?« + +Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm +aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er: + +»Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.« + +Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an. + +»Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune, +und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht +besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn +man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . . +Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund +Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde +überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es +ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.« + +Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten +gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und +Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt: + +»Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die +den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt +sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an +ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt +bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein +schlechter Bürger zu sein.« + +Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat +die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der +Hühnerlucia. + + * * * * * + +Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am +vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten, +wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem +tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener +Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber +dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden +am Hause Mancafede blieb stehen. + +Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte +etwas Weißes, das fortflatterte: + +»Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und --« + +Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief +noch einmal ganz nahe vorüber. + +»-- und singen. Man wird Euch hören.« + +»Die Äbtissin?« fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog +schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die +Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel +folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne +klapperten ihm, er dachte wirr: »Alba ist gekommen, sie wartet auf mich. +Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet +vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie +immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!« + +Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich +auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. »Habe ich +geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? +Jemand verhöhnt mich.« Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein. + +Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den +Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von +Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die +Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz. +Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen: + +»Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die +kostbare Nacht!« + +Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und +erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den +Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden +schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer +als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll +Grauen und voll Entzücken. + +Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: »Die kostbare Nacht«; und +wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie +würgte ihn, weich und stark. »Die Äbtissin«, dachte er und schloß die +Augen. »Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?« Als +er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis +zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. »Das ist das Glück: +jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!« -- und Nello sank auf die Knie. + +Kniend sang er: »Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!« -- +und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen +Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner +Partnerin. »Ihre Stimme! Ihre Stimme!« Da fielen auf seine Hände Blumen. +Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte +die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz +oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher. +Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte +er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in +Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich +beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf +sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles +Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein +weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß. +Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht, +die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb +stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich +entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber, +schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die +Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß +ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen +hinter ihr, in große Tiefe. + +Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba: + +»Du hast geweint.« + +»Denn ich mußte dich ängstigen«, sagte Nello. »Aber wenn ich jetzt nicht +bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?« + +»Ich weiß alles.« + +»Alba!« + +Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie +rief: + +»Rühre mich nicht an!« + +Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn, +seinen Armen entgegen. + + + + +IV + + +Es schlug vier. + +»Wir müssen fort«, sagte Alba. »Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht +mehr ungesehen über den Platz.« + +»Zwei Stunden noch«, sagte Nello. »Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so +lange warten lassen auf diese Stunde.« + +Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte: + +»Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.« + +»Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!« + +Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn. + +»O Nello, du liebst mich nicht!« + +Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete: + +»Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns zeigen.« + +»Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wären so +glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.« + +»Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen wir durch das +Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein +Geliebter!« + +Am Tor des Klosters: + +»Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es Amica sein? Amica +ist die Tochter unseres Gärtners, sie war zu Hause meine Dienerin und +sollte es nun hier sein.« + +Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder. + +»Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich +fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. Wird heute die +Pförtnerin Amica sein?« + +Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck: + +»Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick sein, das +unser Glück endet.« + +»Rasch durch den Garten!« flüsterte Alba. »Wenn man hier einen Mann sähe -- +und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schützt uns . . . Jetzt hinab. O +fürchte nicht für mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß +Stufen, und vielleicht weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die +Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber +ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!« + +»Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine +Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Höhle aus großen Steinen. +Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!« + +»Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen? +. . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tür auf der Terrasse +steht offen. Jetzt soll es also sein?« + +»Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe, +deine Augen, Alba!« + +»Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebüsch +verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.« + +Auf seiner Brust: + +»Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor +den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fühlte +mich von ihnen verschieden. Wenn sie später vom Heiraten sprachen, dachte +ich: >Mein Gatte wird also größer sein, als die euren alle< . . . Nun +gehöre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer, +als wenn ich Christus gehörte.« + +»Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind +so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich +bin arm. Glücklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte für +wenig Geld. Die übrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben +vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!« + +Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches +Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten +gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des Auges geschliffen wie einen +Dolch. + +»Wirst du mich immer lieben?« fragte sie und sah ihn an. Er drückte die +Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schüttelte heftig den +Kopf. + +»Immer.« + +»Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!« + +»Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner andern Frau, ich +werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!« + +»Nello, wie ich leide!« + +»Auch du?« + +»Und wie wir glücklich sind!« + +Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines jeden +gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, aus tödlich +gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Münder. + +»Um Vergebung!« wisperte es; und immer durchdringender: + +»Um Vergebung!« + +Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der +Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter schwindelnden Grimassen ans +Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz. + +»Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die +Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die +redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der +Advokat Belotti hier sein, und Sie wissen wohl, daß er das böseste +Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang, +nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, -- und wenn +ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer +. . .« + +Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, um den +Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall +vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen +gekrümmt; Steine rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es. +Sie wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden +Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her: + +»Vorsicht! Wir sind nicht allein.« + +Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er rundete die Hände um +den Mund. + +»Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglück +will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe ist, der die böseste Zunge von +allen hat. Fliehen Sie!« + +Da sie regungslos hinuntersahen: + +»Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie gewöhnlich, der +Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, daß sie heute um zwei +Soldi teurer sind.« + +Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln. + +Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward +von steiniger Erde hinuntergerissen. + +»Halten Sie sich an jener Pinie!« rief der Advokat. Aber sie griffen nicht +um sich: sie faßten nur nach einander. Die Arme einer um des andern +Schulter, stürzten sie. + +Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab; +dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. Droben über dem +Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor +Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig +hintenüber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem +Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten +sie einander ernst, auf den Weg hinab. + +»Der Herr Nardini kommt«, zischelte der Advokat, -- und sie flüchteten das +Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel +des Zypressenganges. Auf einer begrünten Bank sanken sie einander an die +Brust. + + * * * * * + +»Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schläge?« fragte +Alba. »Ich hörte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte +nicht. Nun werde ich gehen müssen.« + +». . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der Großvater wird +mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die große +Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mädchen auf dem +Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie +werden dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der +Nische stehst.« + +»Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den +Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!« + +»Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich meine +Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.« + +Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen. + +»Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot wie Kupfer. +Jetzt ist es ganz schwarz.« + +»Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner wäre?« + +»Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.« + +Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. Sie riß sich los; +er entwich in den Schatten. + +Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er stürmte ihr +entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lächeln; und um ihn +aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie +beim Kommen und beim Sturz einer großen Welle. + +»Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und +frei. Begreifst du es? Begreifst du es?« + +»Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.« + +»Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte«, sagte Alba. + +»Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken«, rief er den beiden +Figuren auf dem Brunnenbecken zu. »Ihr könnt gehen!« + +Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein +Schrei. + +»Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du, +wir werden Unglück haben.« + +»Du, Alba, hast geschrien: du,« -- und er schloß ihre angsterfüllten Augen +an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, weiß langend, nach seinem Kopf; er +drückte den Mund in ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden, +schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Körpers, +erschrak er, weil er hatte spielen können. + +Sie begann zu sprechen. + +»Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause +ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Großvater sein Licht +noch anzünden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe. +Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt -- sieh hinauf, ich kann es +nicht --, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht töten?« + +Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und +zwei böse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Höhe wie ein +Raubvogel, der den Fang abpaßt. + +»Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir +werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals wußte ich, was es heißt, allein +zu sein: jetzt ahnt mirs.« + +Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte. + +»Nie, nie verlaß ich dich!« + +Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her, +und große Tränen stockten auf ihren Wangen. + +»Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.« + +Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei wankende +Schritte in den Schatten hinein. + +»Wir sollten sterben«, sagte sie. »Schon jetzt.« + +»Da sind Blumen,« sagte er, »ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht +darauf einschliefen?« + +»Du willst? Du liebst mich also?« + +»Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten«, setzte er +hinzu und lächelte stolz. + +»Wer sind die?« + +»Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?« + +»Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!« und sie +hängte sich, zitternd, an seine Schulter. »Nello! das ganze Leben für deine +Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst +es!« + +»Die Probe!« rief Nello. »Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und +heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, daß du +kommen wirst!« + +»Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. Vom Kloster +führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis +vor die Tür der Loge wagen, deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich +verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine +Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?« + +»Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich +jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewußt, als wäre +ich ein Held.« + +»Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, -- und kämen auch Leute; +was wissen sie? Was können sie gegen uns?« + +»Was können sie gegen uns!« + +Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; -- da schrie +sie laut auf: eine große Schlange lag, quer über der Straße, schwarz im +Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurückhielt: + +»O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.« + +Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine +Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im +selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei. + +»Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein +Geliebter ist ein Held!« + +Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte. + +»Was hast du, mein Nello?« + +»Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht darüber weg, +Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde +singen können heute abend, und vielleicht kann ich nur das?« + +Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein +weiter. + +»Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als ich +zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie +sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wäre nichts . . .« + + * * * * * + +Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine Zeitung. + +»Auch du kommst umsonst!« rief er ihm entgegen. »Die Probe ist abgesagt. +Der Maestro hält lieber eine Probe für seine Messe ab. Versteht sich: der +Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.« + +»O Virginio!« -- und Nello preßte die Hand des Freundes, als wollte er sie +zermalmen: »Wie wir uns lieben!« + +»Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen ist, wirst du dich +nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem +Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich +fast hätte engagieren lassen.« + +Nello lachte, klar wie Gold. + +»Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weißt nicht: +ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie zu beißen.« + +Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles +Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn. + +»Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle +Tage Schlangen töten; und auch das Singen ist eigentlich keine +Beschäftigung für das ganze Leben.« + +Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein bleiches, +abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken. + +»Was ist fürs ganze Leben«, murmelte er. »Wenn ich umkehrte und +zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu +finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verließ? War nicht +alles ein heftiger Traum?« + +Da Gaddi ehern lachte: + +»Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt bin!« -- und er +stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: »Sieh, +Geliebter, unser umblühtes Haus«; eine ihrer Töchter schrie blechern über +den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: »Ich habe ein +Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.« + +»Und meine Frau!« sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. »Sie singt +schon, seit sie aufgewacht ist: >Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu +wissen<, und doch erinnere ich mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht +davon gewußt hat.« + +Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und +klopften dringend auf den Tisch. + +»Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. Siehst du, wie +hoch es bei der Konkurrenz hergeht?« + +Der Wirt des Cafés »zum Fortschritt« hob seine schweren runden Schultern. + +»Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fünfzig Jahre +in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter dem Vorsprung des Hauses +Mancafede noch ein Café steckt? Das Café >zum heiligen Agapitus<: ich habe +erst heute meinen Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.« + +Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als sonst und +hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu stützen. + +»Das Café >zum heiligen Agapitus<!« rief Nello hell. »Bekommt man dort +Weihwasser zu trinken?« + +»Wie viel Geist der Herr hat!« sagte der Gevatter Achille und kicherte. +Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust. + +»Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was +Sie wünschen. Auch Fächer sind da.« + +Nello lachte, ohne zu hören. + +»Das hindert nicht,« erklärte Polli, »daß sie schon jetzt dort drüben zu +Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt erst an, seine Tische auf +den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte +es nicht glauben, wegen der leeren Loge!« + +»Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden«, setzte der Herr +Giocondi hinzu. + +»Für Sie!« kreischte Nonoggi. »Alles für den Herrn Nello! Und wenn Sie +meinen Laden beehren --« + +Er zerrte den jungen Mann am Arm. + +»-- werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es für einen Mann +in Ihrer Lage paßt.« + +Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war! + +»Ah! dieser Don Taddeo!« -- und Polli verschränkte die Arme. »Es scheint, +er will den Entscheidungskampf.« + +»Ein Demagoge,« rief Giocondi, »der heute früh bei der Predigt das Volk +aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi? +Auch ich setze keinen Fuß mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke +zu predigen, es solle das Theater demolieren?« + +Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd hoch. + +»Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was +das heißt? Es heißt, daß Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese +feinen Waren nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen +Wunsch?« + +»Das Theater demolieren!« rief Nello und warf den Zopf in die Luft. + +»Wir werden zuerst das Café >zum heiligen Agapitus< demolieren«, sagte der +Gevatter Achille. »Es ist längst baufällig.« + +»Ich bin ruiniert!« kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit +dem Zopf davonlief. + +Polli nickte ernst. + +»In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns +sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß nicht, wen er mit der großen +Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .« + +»Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben«, schlug Giocondi vor und +stieß Polli vor den Magen. + +»Man muß zugeben,« erklärte der Gevatter Achille, »als ich heute früh +meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir +die Nacht verbracht hatte.« + +»Auch ich habe eins überrascht«, sagte der Tabakhändler, »auf meiner +Treppe, wie ich heimkam.« + +Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn. + +»Fange nicht davon an! In meiner Gasse: -- ich versichere euch, daß man +darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so +dunkel ist.« + +Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen. + +In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlächelnd, +mit einem dünnen Trällern. + +»Brabrà!« schrie der Herr Giocondi. »Auch er war unterwegs heute nacht, und +ich bürge euch dafür, daß er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer +amüsiert er sich darüber.« Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog +den Mund zum Weinen. + +»Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernähren, und +wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur übrig, +allen Leuten zu sagen, was ich weiß . . .« + +Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die +Frauen sahen aus den Fenstern: Nello stand, die Hände auf den Hüften, und +lachte, daß es wie Gesang klang. Die andern lachten mit. + +»Und der Advokat!« brachte Polli hervor. »Man weiß wohl, warum er an diesem +wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in +seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an +seinem Schreibtisch und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen +Vorschuß bitten . . .« + +»Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?« rief donnernd der Gevatter +Achille. + +»Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht«, sang die Rotte +von Buben, aber mit veränderten Worten, und marschierte im Eilschritt +vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des +Kaufmannes Mancafede riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein +Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im +Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene. + +»Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge +behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß auch, wohin ich den letzten +tun werde. Wohin? Wohin?« -- und er richtete einen leidenschaftlichen Blick +auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den +Hals abgewendet, die Hand gespreizt: + +»Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: sterben, ohne zu +wissen . . . Aber sterben?« + +Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder +durchlief ihn heftig. + +»Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den Geruch ihrer +feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, dies weiße Feuer, nie mehr +brennen fühlen . . . Ich hätte gestern sterben sollen: gestern war es zu +ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen? +Nonoggi hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine +Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List +in seinen blutigen Augen. Ich muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!« + +Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann und lächelte +bedeutsam. Er wußte alles, -- da seine Tochter alles wußte! Das Schicksal +beschwichtigen! Sich Frist erkaufen! + +»Hätten Sie nicht, mein Herr --« stammelte Nello. »Hätten Sie nicht --« + +Mancafede rieb sich die Hände. + +»Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische +Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. Aber überstürzen Sie nicht +Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse, +würde ich ihn doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.« + +»Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer sein.« + +Der Kaufmann fiel ein: + +»Ich schicke ihn Ihnen -- und werde mich hüten, einen Kunden von Ihrer +Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drängen. Ich weiß zu gut, daß +man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen +bezaubernd stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich +weiden muß?« + +»Wie Sie wollen«, murmelte Nello. + +»Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafür bekommen Sie +den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,« -- und auf den grauen Wangen des +Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells. + +»Zu welchem Preis also?« fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht; +er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigte er sich. Sein altes +Hasenprofil lächelte zahm und schlau. + +»Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine Kundin.« + +Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die +Matratze der Domtür hinter Alba zu. + + * * * * * + +Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah, +leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nächsten Bank auf +die Knie. Sie legte die Stirn in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen +Nacken wollüstig erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre +Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer schwerer, die +schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich +auf, betrachtete diese Hände, betrachtete den See von Tränen, den ihre +beiden Augen auf der Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den +Kopf . . . Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten +eines Beichtstuhles. + +Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des +heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und +stockte. Die Hand fuhr zurück, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen +brechen wollte. Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba +rückwärts davon in das Dunkel. + +Die Nonne war fort. Weite Stille: -- aber der lange gelbe Vorhang des +letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab; +und unter der Türöffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er +beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein +entzündeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat, +erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Bei ihrer bittenden Gebärde +nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus und zog, als sei ihm übel, das Gesicht +zusammen. Sie legte die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die +Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf der +Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen +ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schloß +seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; die Rechte stieß er +unsicher in die Luft; mit großen, flatternden Schritten erreichte er die +Sakristei. + +Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die +Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier und hob von der Tür +die Matratze auf, die den Lärm des Platzes erstickt hatte. + +Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte draußen +soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, -- und Italia neigte +sich, um mit großen, neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden +dreinzuschauen. + + * * * * * + +»Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein«, sagte die Magd Felicetta; denn den +Dom entlang staute sich quer über den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder +hinaufhoben und durcheinander riefen. + +»Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bäcker +Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich Ihnen doch einen Rat, +Fräulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom +Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So +werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von +Männern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor +dem Café des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er +hat einen gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti! +Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben beim Gevatter Achille.« + +Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig: + +»Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm +den Eimer nehmen.« + +Das Gebell des Bäckers drang durch. + +»Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen nicht verkaufen, +dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.« + +Er begann sogleich von vorn: + +»Ah! die Herren wollen uns --« + +Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer dasselbe, das +niemand verstand; aber man sah die Herren drüben höhnisch lachen. + +»Pappappapp«, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bäckers. + +Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace +und schüttelte die Faust: + +»Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an +einen Amerikaner habe er ihn verkauft.« + +Vor dem Café »zum heiligen Agapitus« war sogleich alles auf den Beinen; +alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten. + +»Der Advokat wird recht haben«, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskräften +der Barbier Bonometti, und er stieß in der Schar von Männern den alten +kleinen Beamten Dotti an. + +»Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthüllt die +Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer Mann, der Advokat!« + +Die Beamten schrien: + +»Es lebe der Advokat!« + +Der dicke alte Corvi setzte hinzu: + +»Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der +öffentlichen Wage geben.« + +»Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?« fragten die Mägde Fania und Nanà +die Frau des Schusters. »Es lebe der Advokat!« + +Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber: + +»Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!« + +Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um +ihn: + +»Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht +zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, verbündet mit der +Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.« + +»Immer die großen Worte«, murmelte der Gemeindesekretär. »Wer weiß, auf +welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie +Zügellosigkeit.« + +»Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?« fragte der +Advokat. »Dann erfahren Sie, daß ich mich eines Lebens, das frei von +Heuchelei ist, nicht schäme. Ich weiß mich einer ruhmreichen Tradition +verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir +stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden, +mein Herr.« + +»Nun, es ist abgebrochen,« -- und der Sekretär zuckte die Achseln. + +»Freuen Sie sich darüber mit Ihrem Don Taddeo, diesem Demagogen im +Priesterkleid. Hat er nicht heute früh in seiner Predigt dem Volk +angeraten, wenn die Mächtigen sich der Wollust ergeben, solle es sie +niederreißen? Ich weiß wohl, welche Mächtigen gemeint sind --« + +Der Advokat wies sich auf die Brust. + +»-- und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst merken, was Macht +heißt!« + +Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhändler kratzte sich den Kopf. + +»Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, -- und der Mittelstand läßt +ganze Regimenter aufmarschieren. Man muß unsere Freunde holen. Auch werde +ich meinen Olindo suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fäuste.« + +Der Stadtzolleinnehmer erklärte, ebenfalls werben zu wollen und betrat die +Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; er stieß mit dem Stößel +seines Mörsers um sich. + +»Romolo!« rief es schrill von oben. + +»Es gibt keinen Romolo!« brüllte er. »Es gibt nur einen Soldaten +Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr sieht.« + +Und immer tapferer: + +»Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, in ihren +Läden verstecken? Wo ist Mancafede?« + +Er machte sich, seinen Stößel schwingend, auf den Platz hinaus, dem +feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; niemand beim Café »zum +heiligen Agapitus« wagte, so sehr sie fuchtelten, den alten Krieger +anzurühren; -- und wie Mancafede gerade den Rolladen herabzog, ward er +gepackt. Zitternd kam er mit. + +»Wucherer!« schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, wie sein +Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, der erbleicht zurückfuhr. +Das Volk wiederholte: + +»Wucherer!« + +»Dieb!« -- und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor plötzlicher Wut; +»Dieb, der allen Wein aufkauft, so daß niemand ihn bezahlen kann und wir +verdursten müssen!« + +»Wir wollen nicht verdursten!« grölten seine Zechbrüder. + +»Und wir hier wollen nicht verhungern«, rief vom Rathaus her ein riesiger +Fuhrmann. »Nieder mit dem Bäcker!« + +»Nieder mit dem Bäcker!« wiederholte das Volk; und Crepalini verschwand +rasch zwischen den Seinen. + +»Und die Kuchen des Serafini!« gellte hinter dem Rücken des Fuhrmanns der +Konditorlehrling Coletto. »Wollt ihr wissen, was er statt Zimt hineingibt? +Zerstoßene Wanzen! Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!« + +Ein Schrei des Abscheus; -- und über allem jammerte eine Frauenstimme: + +»Isidoro! Mein Isidoro!« + +Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. »Flieh, mein +Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!« + +Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein Häscher lieferte +ihn schon beim Café »zum Fortschritt« ein. + +Der Herr Giocondi führte den Baron Torroni herbei. Auch die Herren +Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm. + +»Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert«, sagte er zum Salvatori und +klopfte ihn vor den Bauch; »aber hier handelt es sich um die Freiheit, das +ist ein anderes Paar Ärmel.« + +Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der unter blutigen +Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. Beim Café des Freundes +Giovaccone kreischte er, das Kreuz schlagend: + +»Don Taddeo ist ein Heiliger.« + +Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille näherte: + +»Es lebe der Advokat!« + +Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den Wirt Malandrini +und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen waren, um etwas zu sehen. Der +Kapellmeister Dorlenghi stellte sich von selbst ein; er warf die Arme. + +»Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den Dom gekommen!« + +Der Lehrer sagte: + +»Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Männer des Geistes unsere +Studien verlassen müssen, um, den größten Ideen zuliebe, auf den Platz +hinabzusteigen.« + +»Aber jene dort vermehren sich«, rief drüben der Mechaniker Blandini. »Es +wird Zeit, daß auch wir uns sammeln.« + +Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem Corso, der Schlosser +Fantapiè zur Treppengasse, und sie schrien die Häuser hinan: + +»Alle auf den Platz!« + +Von den Herbergen »zum Mond« und »zu den Verlobten« kam ein Trupp Bauern. + +»Hierher!« keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. »Es geht +gegen die Buffonen!« + +Aber als der schöne Alfò, man wußte nicht warum, zähnefletschend gegen ihn +losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen Beinen ganz schnell in das +befreundete Lager zurück. Der schöne Alfò trug, eitel lächelnd, den blauen +Klemmer des Pächters als Beute heim. + +Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen Agapitus. + +Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des Mittelstandes +stoßen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in den Weg und versprach ihm +den Teil der Arbeiten im Rathaus, der sonst Fantapiè zugefallen wäre; und +darauf blieb Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse +der Hühnerlucia kam, wollte der Advokat durch Aufträge verlocken. Der +Schneider antwortete: + +»Der Herr Advokat möge mich entschuldigen, denn ich habe die größte Achtung +vor dem Herrn Advokaten, aber der ist kein guter Mann, der es nicht mit +seiner Klasse hält.« + +Und er ging hinüber. + +Polli kehrte zurück. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, den er vor +sich herstieß. Beide waren gerötet und schienen erschöpft. Der Tabakhändler +keuchte: + +»Da ist mein Sohn Olindo, er soll für die Freiheit kämpfen. Glaubt ihr +vielleicht, er wäre von selbst gekommen? Ah! mein Sohn ist ein Typus, dem +an der Freiheit wenig gelegen ist. Statt dessen hat er, indes sein Vater um +die öffentliche Sache bemüht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen +Hause jenes Weibsbild, die große gelbe Choristin bei sich und tut mit ihr, +was ihr euch denken könnt.« + +Olindo bekam einen Rippenstoß. + +»Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. Was mich betrifft: +eine solche Verderbnis unserer Kinder macht mir geradezu Lust, jenem +Priester recht zu geben.« + +Auch der Herr Salvatori äußerte Besorgnisse um seinen Neffen. Um nicht +weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen zu lassen, nahm der Advokat +den Tabakhändler ernst beiseite. + +»Wir sind Freunde, wie, Polli?« + +»Freundschaft, soviel man will, aber --« + +»Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den menschlichen +Schwächen sind wir alle unterworfen. Dein Gewissen, Polli, wird dir sagen, +ob du gegen deinen Sohn nur als Vater eingeschritten bist oder auch als +Rivale. In jedem Fall, Polli, besinne dich auf deine Bürgerpflicht!« + +Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz und +zuversichtlich seine verstärkte Truppe. Der Gevatter Achille ging mit der +Vermouthflasche umher, weil man Mut nötig habe. + +»Hohoho!« schrien alle gleichzeitig. Vom Café des »heiligen Agapitus« +antwortete es: + +»Huhuhu!« + +Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in die Hände und +pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. Da donnerte der alte +Acquistapace: + +»Ist es möglich! Die da drüben haben bei sich den Savezzo!« + +»Er wird sich geirrt haben«, meinte der Herr Giocondi. Der Gevatter Achille +stieß in seine hohlen Hände: + +»Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?« + + * * * * * + +Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme verschränkt, auf +den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter gewulsteten Brauen mit +düsterer Genußsucht ringsum. + +»Was willst du?« rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem +Augenrollen und großen, gezierten Gesten: + +»Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der +Protektionswirtschaft, mit der Diktatur einer Klasse!« + +»Es ist aus!« rief das Volk. + +»Ah! Volk --« und Savezzo breitete die Arme aus, wie an einem Kreuz, »du +wirst künftig das Opfer des Talentes empfangen können, auch wenn es nicht +aus gewissen Familien kommt. Von den nächsten Listen für die Gemeindewahlen +werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und Volksausbeutung +bedeuten. Denn ihre Träger --« + +»Der Bäcker!« schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das Volk wiederholte: + +»Den Bäcker meint er!« + +»Den Konditor!« kreischte Coletto. »Den Wanzenkonditor!« + +»-- werden erschrocken sein vor der Größe eurer Rache,« -- und der Savezzo +arbeitete sich ab. + +»Willst du ein Glas Wasser?« rief eine Frau. + +»Er braucht es. Er hält seinen Vortrag über die Freundschaft«, sagte der +Advokat Belotti, verächtlich lächelnd. + +»-- eurer Rache,« fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein Profil, »die +fürchterlich zerstört haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, des Lasters +und der Tyrannei: das Theater!« + +»Huhuhu!« machte es beim Café »zum Fortschritt.« + +»Was für eine Sprache spricht er?« fragte die Magd Felicetta ihre Nachbarn, +die die Achseln zuckten. + +»Genug! Wir wollen die >Arme Tonietta<«, rief der Fuhrmann, und er stimmte +an: + +»Sieh, Geliebte --« + +Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, schnellte noch +einmal die gespreizte Hand über das Volk hin, stieß sie geballt gegen das +Café »zum Fortschritt« aus und zog sich zurück. Der Baron spie hinter ihm +aus. + +»Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.« + +»Mich hat er nie getäuscht«, behauptete der Advokat. »Ich habe aus seiner +Demut wie aus seiner Düsterkeit immer den Neid dessen herausgefühlt, der +nicht zu den Göttern gehört.« + +»Die Komödiantin! Laßt sie nicht entwischen!« heulte vor der Domtreppe die +Frau des Kirchendieners Pipistrelli; -- und verfolgt von den Weibern, +rannte Italia mit kleinen behinderten Schritten und kreischend wie ein Pfau +über den Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl es +von droben mit entsetzlicher Stimme »Romolo« rief, fing er sie auf. Die +Weiber wichen nicht, sie blockierten das Café »zum Fortschritt.« Der junge +Severino Salvatori trat ihnen elegant gegenüber und lispelte +Anzüglichkeiten. + +»Da ist er!« rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. »Der da hat etwas +Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie hat ihn vor die Tür +gesetzt.« + +»Ah! was für ein schöner junger Mann,« -- und eine entriß ihm sein Monokel. +Darauf machten alle sich davon, unter schreiendem Gelächter und Gesten, die +nicht alle anständig waren. + +»Habe ich denn verdient, daß man mich totschlägt?« jammerte Italia auf der +ledernen Bank im Innern des Cafés, wo der Herr Giocondi unter schelmischen +Seitenblicken auf die Zuschauer ihr die Büste freimachte. Auch der Kaufmann +Mancafede hatte sich in den Saal gerettet; er rang die dürren Hände. + +»Der Bürgerkrieg ist etwas Häßliches; er schadet den Geschäften, und wenn +Gott will, bekommt man sogar Schläge.« + +»Glauben Sie?« stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere Giordano. + +Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine Quetschung gefunden +zu haben, und rief nach Essig. Der Gevatter Achille brachte ihn und sagte: + +»Wenn man bedenkt, daß ein einziger Priester so viel Unheil stiftet.« + +»Es gibt gute Priester,« -- und der Cavaliere Giordano streckte beschwörend +die Hand aus. »Es gibt gute Priester, und es gibt schlechte Priester.« + +Italia schluchzte. + +»Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, daß man sündigt: +darin hat er recht. Ach, über mich!« + +»Nicht weinen«, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hände am Leib, neben +ihr und weinte selbst. + +»Als ich ihm das erstemal beichtete,« sagte Italia feucht, »war er sehr +streng; er wollte alles wissen, alles, alles.« + +»Versteht sich«, bemerkte der Gevatter Achille. »Das ist ihre +Unterhaltung.« + +»Und er stellte so schreckliche Fragen, daß es fast schien, er wisse schon +alles. Ist er denn ein Heiliger?« + +»Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben«, schrie der Baron +Torroni und lachte dröhnend. + +»Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. Ich werde gehen, +sonst bringt es mir Unglück . . . Aber als ich heute wiederkam --« + +»Armes Mädchen, auch sie ist in den Händen der Priester!« seufzte der +Apotheker. + +»-- da wollte er mich nicht anhören.« + +Der Herr Giocondi vermutete: + +»Er fürchtet, daß Sie ihn zum besten halten.« + +»Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie Kohlen.« + +»Der Schlaukopf!« rief der Wirt Malandrini. »Uns schickt er den Mittelstand +auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es nur mit den Heiligen des +Paradieses zu tun.« + +»Man würde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler!« sagte der +Advokat, der herzukam. + +»Ich störte ihn noch einmal; da --« und Italia schüttelte sich, »sprang er +vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche Furcht! Ich lief, und er mir nach. +Er rief, ich solle kommen und beichten. Beim ersten Wort sagte er: >Genug< +und erließ mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er +aber stöhnte auf eine gewisse Art, daß mir nichts Gutes ahnte, und rasch +machte ich mich davon.« + +Sie sah alle erschüttert an. Der Advokat erklärte: + +»Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich unter +der Bank. Ah! keine Gefahr, daß er das Kommando ergreift über das Café >zum +heiligen Agapitus<.« + +Der Gemeindesekretär war dem Advokaten gefolgt. + +»Man mag von Don Taddeo denken, was man will,« sagte er und wiegte den +Kopf, »so ist er doch ein mutiger Mann. Wie wollen Sie das leugnen? Er hat +uns nicht gefürchtet, sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein: +sein Kaplan sammelt Pflanzen.« + +»Wollte Gott, er täte dasselbe, mein Herr.« + +»Er baut keine Waschhäuser, sondern vertritt das Interesse der Religion.« + +»Und er hängt sie als Mantel um den Klassenhaß.« + +»Hängen nicht wir ihm den der Freiheit um?« + +»Ah!« -- und der Advokat warf sich umher; »ich habe in diesem Augenblick +nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, Herr Camuzzi: die Stadt erwartet, +daß ich handle!« + +Er trieb alle aus dem Café. + +»Halt! Wohin?« -- und er packte Nello Gennari, der durch eine Lücke in der +Menge entwischen wollte; am Rande des Gäßchens gegenüber dem Rathaus hatte +er Alba erblickt. + +»Eine wichtige Angelegenheit«, sagte er fieberhaft und wand sich in den +Armen des Advokaten. + +Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des Rathauses fiel +ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fuß zu heben, nahm, den Mut, zu +atmen. »Nie habe ich in solche Augen gesehen! Nello!« Sie rief den +Geliebten an, sie nahm ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Haß dort +oben war ungeheurer als ihre Liebe; die Angst überwältigte sie, in seinem +Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurück in die Gasse. + +»Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten,« sagte der Advokat, »außer dem +Kampf um die Freiheit; -- und wer, mein junger Freund,« er lächelte +verständnisvoll, »wäre mehr als wir beide interessiert an der Freiheit +unter dem Schutze der Venus.« + +Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran. + +»Du mußt bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und man ruft mir nicht +ungestraft ins Gesicht, daß die Komödianten die Wäsche stehlen.« + +Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Cäsarenprofil erhoben, rüstig auf +den Platz hinaus. Der Bäcker Crepalini hatte sich vorgewagt und schalt, +weinrot, mit Nußknackergebiß und Kugelaugen, in den Lärm der Menge. +Unversehens hing er in der Luft und zappelte mit den Ärmchen. Gaddi warf +ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurück. Der Schlosser Fantapiè +wollte, den andern vorauf, über ihn herfallen; von drüben aber holten +Acquistapace und der Baron Torroni ihren Kameraden ein. Der Gevatter +Achille rückte nach mit einem geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind +ankam, war er außer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf die +Lehne zu stützen. Er rief: + +»Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschäfte gehen wohl gut, +denn das Weihwasser kostet dich wenig!« + +Der Lehrling Coletto hüpfte kauernd hinter ihm umher, und plötzlich warf er +seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein Gebetbuch an den Kopf. Der +Kaufmann Mancafede, den die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben, +brach mit einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstöpsel getroffen. + +»Hohoho!« + +»Huhuhu!« + +»Nieder die >Arme Tonietta<!« + +»Nieder die Priester!« + +»Was will denn euer Don Taddeo?« rief der Wirt Malandrini. »Als er heute +früh meinen Jungen durchprügelte, hat er selbst die >Arme Tonietta< +gepfiffen.« + +»Schweig!« brüllte der Tapezierer Allebardi. »Und möge dein Bauch verfaulen +wie deine Beefsteaks!« + +Der Schlosser Fantapiè faßte den Schlosser Scarpetta ins Auge und schrie +durch die Hände: + +»Gemeiner Sykophant!« + +»Schlüsselfresser!« -- und Scarpetta spie weithin. »Er hat den Schlüssel +des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen Agapitus, damit er keine +Leibschmerzen bekommt.« + +Der Herr Giocondi hörte: + +»Schwindler! Bankerotteur!« + +Und er sprang auf: + +»Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, du hast mir +von meinem Stoff zum Mantel die Hälfte gestohlen!« + +»Huhuhu!« + +»Hohoho!« + +Ganz hinten, im breitesten Gedränge der Verteidiger des Cafés »zum +Fortschritt«, schwang der Kaufmann Mancafede sein Metermaß. Seine grauen +Falten hatten sich gerötet. + +»Wer es wagen will!« heulte er. »Wer es wagen will!« + +In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi zerstreut umher; +da rief es drüben: + +»Die >Arme Tonietta< ist keine Musik! Der Maestro weiß nicht, was Musik +ist!« + +»War das der Blandini?« fragte der Kapellmeister und stürzte vor an die +Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und Torroni den Feinden seinen +Stößel zeigte. + +»Sakristeiflöhe,« donnerte Acquistapace, »die ihr das Werk Garibaldis nicht +respektiert!« + +»Garibaldi war ein häßlicher Typus! Er hat den heiligen Vater umgebracht«, +keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber die Mägde Fania und Nanà verboten es +ihr mit geschwungenen Fäusten. + +»Fest, Cimabue!« heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die Kehle +zuhielten. Denn der Schlächter drehte sich mit dem Lehrer Zampieri im +Gemenge. »Drauf los, Allebardi! Drauf los, unsere Männer!« + +Coletto wälzte sich unter dem ältesten Chiaralunzi, den der junge Gaddi von +hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: »Es lebe Don Taddeo!« und rannte +davon. Sogleich brach ein ganzer Haufe Buben über ihm zusammen, und die +dicke Wirtin »zu den Verlobten« ward mit hineingerissen. + +Der schöne Alfò schwenkte den blauen Klemmer des Galileo Belotti und der +Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, das er seiner Frau +abgenommen hatte. Der Lehrer Zampieri rief noch: + +»Wer an die großen Ideen rührt, ist tot!« + +Da mußte er unter der Umarmung des Schlächters Cimabue das Pflaster küssen. +Die beiden Kneipbrüder Zecchini und Corvi holten mit mächtigen Fäusten +gegeneinander aus, im Augenblick aber, als sie sich berührten, ward ein +kleiner freundschaftlicher Schlag auf den Bauch daraus. + +»Laß es dir gut gehen«, sagten sie. + +Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. Hin und her +gestoßen von den Ringenden, polterte Galileo Belotti unaufhörlich: + +»Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?« + +Der Advokat eilte mit anfeuernden Armstößen vor dem Rathaus auf und nieder. + +»He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht euch . . . Ich +kenne dich,« -- und er zog dem Fuhrmann die Bluse über der Brust zusammen, +»du hast mir Holz gebracht und in meiner Küche ein Glas getrunken. Wir sind +Freunde.« + +»Freunde!« brüllte der Fuhrmann und streckte mit einem Faustschlag den +alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedürfnisses wegen unter die +Rathausbogen getreten war. Der Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust. + +»Sie sind ein großer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlächter Cimabue auch +noch zehnmal stärker wäre, als er ist, der Advokat wäre dennoch ein großer +Mann! . . . Das Leben für den Advokaten Belotti!« rief er und durchbrach, +mit der Mütze wehend, die Reihen, tödlich angezogen von dem Schlächter, der +ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon verlor Bonometti Mütze und Krawatte +. . . Der Advokat wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu +Polli: + +»Der Ruhm will, daß man nicht rechts noch links sieht. Aber glaube mir, +Polli, zuweilen stände man lieber mit den andern allen in Reih und Glied.« + +Polli kratzte sich den Kopf. + +»Inzwischen scheint es, daß wir Prügel bekommen. Meinem Olindo werden sie +guttun, aber was mich betrifft --« + +Und er zog sich in das Café zurück. + + * * * * * + +Den alten Acquistapace dort vorn belästigten zehn Feinde und griffen nach +seinem Stößel. Er wich ihnen schrittweise. Die vorderen Glieder traten, +zurückdrängend, auf die Füße der hinteren; man beschimpfte einander in den +eigenen Reihen; -- und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die +Pyramide der Freiheitskämpfer von den Scharen des heiligen Agapitus +eingedrückt. Mühsam deckte der Gevatter Achille mit wildem Schwingen seines +Stuhles den Rückzug. + +»Nun, Advokat,« sagte der Herr Giocondi erbost, »mir haben sie alle Knöpfe +abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, unsere Suppe zu +essen?« + +Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte er seine +Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, Giocondi, -- und hinter ihnen +hielt Jole Capitani die gerungenen Hände vor sich hin. Der Advokat stöhnte +auf; er legte aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen, +-- da traf in allem Lärm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine rasche +Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe war und klirrte, +wohllautend und unternehmend. + +»Wir sind gerettet«, rief der Advokat leise; und aus voller Lunge: + +»Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!« + +Der Apotheker schwang seinen Stößel schon wieder zum Angriff; die nächsten +rückten vor; unter der Drohung einer noch unbekannten Gefahr ging der Feind +zögernd zurück: -- und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen +und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom +Elektrizitätswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. Vor dem Café +»zum Fortschritt« trat der Advokat Belotti ihnen entgegen. Er nahm den Hut +ab. + +»Meine Herren!« + +Sie hörten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war es plötzlich +still. + +»Meine Herren, wir schlagen uns hier für Ihre Interessen; denn welches +höhere Interesse hätten Sie, hätte das Volk, das wahre Volk, als die +Freiheit.« + +»Buffone!« keifte drüben sein Bruder. »Seht ihr nicht, daß er euch zum +besten hält?« + +Die Weiber heulten auf; der Wirt »zu den Verlobten« schrie: + +»Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.« + +»Hören Sie nicht auf die Verleumder!« rief der Advokat in der Fistel, und +seine aufgereckten Arme bebten. »Ich bin der Freund des Volkes, der Advokat +Belotti, der die Anlage des Elektrizitätswerkes bewirkt hat und die +Aufführung der >Armen Tonietta<, die euch so sehr gefallen hat; denn ich +kenne euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden --« + +Er streckte seine Hände hin. + +»-- euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer hochherzigen +Tat. Jener arme Bucklige, ihr wißt, den Schändliche mißhandelt hatten --: +ah! Freunde, wir verstehen uns im Namen der Menschlichkeit.« + +Der Advokat hatte die Augen voll Tränen. Die beiden jungen Leute mit großen +Hüten und bunten Halstüchern schlugen in seine Hände. Er schüttelte die +ihren. + +»Sagt euren Genossen, daß ich sie überall verteidigen werde und daß eure +Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie wollen das Theater schließen, +wo ihr eure edelsten Genüsse sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald +sie zur Macht kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester +ausliefern. Hat darum das Volk für die Freiheit geblutet? Nieder die +Priester!« + +Die Herren hinter ihm wiederholten: + +»Nieder die Priester!« + +Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an. + +»Es lebe die Freiheit!« riefen mehrere auf einmal. + +Durch das Café »zum heiligen Agapitus« ging ein langes Gemurmel. Die Weiber +drehten, nach vorn geworfen und durcheinander schreiend, die Arme in der +Luft. Das Volk und die Herren klatschten stürmisch. Zwei kleine +Choristinnen wagten sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie +riefen hell: + +»Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!« + +Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen über sie her und zerrten sie +zurück. Der Advokat glänzte breit; er hatte weite, siegreiche Gesten um +alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten noch. + +»Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an eurer Spitze. Was +wir heute tun, tun wir für die Geschichte.« + +»Legen Sie uns nicht hinein?« fragte einer. »Bei den Wahlen nachher haben +die Dinge sich wieder geändert.« + +Der Advokat drückte die verschränkten Hände gegen die Brust, er hob sich +auf die Fußspitzen. + +»Sehe ich aus wie ein Bürger? Bin ich ein Mensch, der die Soldi +aufeinanderhäuft? Ich kenne Höheres als den höchsten Geldhaufen: das ist +das Glück des Volkes; und auch ich will stürzen, was ihm entgegensteht!« + +Er schüttelte Hände. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen an die Mauer des +Cafés »zum Fortschritt.« Zu den Herren, die Meinungen austauschten, sagte +der Gemeindesekretär: + +»Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbündet sich zur +Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. Aus dem Herrschsüchtigen bricht +der Anarchist.« + +Der Advokat fuhr herum: + +»Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genüge verraten. Ihre Zweifelsucht, +Ihre Kritik an der Tätigkeit des Menschen, Ihr Quietismus: alle diese +schönen Dinge führen schließlich in den Schoß der Kirche. Begeben Sie sich +doch dort hinüber! Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen, +das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber --« + +Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der Spitze der +Arbeiterkolonne in Bewegung. + +»-- kämpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer abgewannen, über +unseren Köpfen schwebend Mars, Venus und Athene.« + +Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich an. Die Herren +Giocondi und Polli sahen sich wild um; ein kriegerischer Wind strich +schwindelnd um die Stirnen; auf einmal brachen mit mächtigem »Hohoho!« alle +los. + +»Seht ihr, daß jene Furcht haben?« sagte der Advokat zu den Arbeitern +hinter ihm. »Sie rühren sich nicht. Und sie glauben, sie werden heute abend +in den Logen sitzen? Ihr werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!« +rief er und warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die zehn +Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, die nackten Arme des +Schlächters Cimabue. Der Gevatter Achille wälzte seinen Bauch über den +Freund Giovaccone; er brüllte: + +»Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, ob du auch in +den Adern Weihwasser hast!« + +Der Fuhrmann war daran, über Galileo Belotti herzufallen, aber Galileo +machte, und schnappte dabei mit den Zähnen, so furchtbar »Pappappapp« und +»Buffone«, daß der Fuhrmann bestürzt zurückschwankte. + +Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenüber. Inmitten des Kampfgewühles +verschränkten beide die Arme. + +»Jetzt würden Sie vielleicht wünschen,« sagte Savezzo, »meine Fähigkeiten +früher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.« + +Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte: + +»Bin ich noch ein Winkel-Advokat?« + +»Mehr als je«, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo erhob von +hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den Arm. + +»Ah Sie!« keuchte Savezzo. »Wagen Sie sich noch einmal nach Villascura, und +ich werde Sorge tragen, daß Sie nie mehr dorther zurückkehren!« + +»Ich warte nicht so lange!« rief Nello und packte rascher zu als der +andere. + +»Fest, Cimabue, du, der du ein Löwe bist!« kreischten die Nonoggi und Frau +Malagodi. Der Schlächter schüttelte von seinen zehn Angreifern einen nach +dem andern ab, nur die beiden jungen Leute in großen Hüten und bunten +Halstüchern hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen +seine Gliedmaßen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über +dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die kleine Rina entriß ihr, +bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe und verscheuchte die Alte. Durch +riesige Übermacht überwältigte der Mittelstand den Verräter Scarpetta. +Drunten, in dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und entzog +Freunden und Feinden der Freiheit den Fuß, auf den sie sich stützten. + +Der Schlächter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene Augen und +Schaum vor dem Munde. Alles, was sich schreiend umherdrehte, wich +auseinander, der Schlächter überrannte Nello Gennari und den Savezzo, die +weiterrangen, und er stürzte, dumpf brüllend, mit ungeheuren blutigen +Fäusten auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi war es, +der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten die beiden jungen Leute den +Schlächter eingeholt und rissen ihn im Ansturm nieder. + +»Wer befreit mich von diesem Schwein?« -- und der Gevatter Achille hieb mit +seinem Bauch von neuem auf seinen Konkurrenten los. Alles drehte sich +wieder: da heulte der Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm +solche Stimme gehört: + +»Ich bin ermordet!« + +Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und Druso schlugen mit +ihren Streichriemen blind um sich, aber die Hühner flatterten nur noch +wilder im Gedränge. Coletto und die Buben scheuchten sie immer wieder +hinein. Man schrie, bedeckte sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo +Belotti drehte einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker, +lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen Armen, die +Flügel schlugen, die Hühnerlucia über ihn her. Er rettete sich mit den +andern ins Café »zum heiligen Agapitus.« Statt seiner erwischte sie den +Advokaten und fuhr ihm mit den Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen +geschlossen: + +»Zu mir! Zu mir!« + +Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik ergriffen, warf der +Advokat sich zu Boden. + +Die Hühnerlucia ließ endlich ab von ihm; er hörte sie das Federvieh in ihre +Gasse zurückscheuchen: -- da berührte ein feuchtes Tuch, wie eine +Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und er fand das zärtlich gepolsterte +Gesicht der Frau Jole Capitani über sich geneigt. + +»Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat?« sagte sie. + +»Ihr Anblick, schöne Dame, heilt alles«, erwiderte er und stand auf. Rasch +überzeugte er sich, daß der Platz in der Mitte leer und an den Rändern voll +Verwirrung war. Sie waren unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte: + +»Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen geben wollen, um +das ich Sie so sehnsüchtig bitte?« + +Sie schlug nur die Augen nieder. + +»Man wird uns sehen«, äußerte sie dann und zog sich zurück. Der Advokat sah +ihr nach, er vergaß sich abzustauben. + +»Ah! die Frauen. Würde man große Dinge tun wollen, wenn nicht sie wären?« + + * * * * * + +Und er wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt«. Dort umarmte alles +einander und rief nach Getränken. Der Gevatter Achille war überall zugleich +mit seinen gelben, roten und grünen Gläsern. + +»Wir haben sie in die Flucht geschlagen!« verkündete er. »Der >heilige +Agapitus< wird künftig wieder leerstehen, und der Freund Giovaccone wird +sein Weihwasser nicht sobald mehr los.« + +Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; der Apotheker +raffte mit zitternden Händen einen Strauß zusammen und übergab ihn Italia, +die sich auf der Schwelle zeigte. + +»Ihnen zu Ehren, Fräulein,« stammelte er, »haben wir den Priester besiegt.« + +Dann warf er sich, mit überfließenden Augen, dem Advokaten an die Brust. + +»O Freund! Welch ein Tag!« + +»Wäre nicht Mancafede gewesen,« -- und der Herr Giocondi klopfte dem +Kaufmann den Bauch, »wer weiß, wie es gekommen wäre. Er aber war der erste, +der sie mit seinem Huhn in Schrecken setzte.« + +»Alle haben ihre Pflicht getan«, hieß es. »Wo aber hat der Cavaliere +gesteckt?« + +Der Cavaliere Giordano kam entrüstet aus dem Café hervor. Er zeigte +Schultern und Ärmel seines weißen Anzuges umher. + +»Die Hühner . . . Ich werde ihn waschen lassen müssen.« + +»Auch der Cavaliere ist ein Held«, entschied Polli, und Italia drückte ihm +und dem Advokaten einen Kranz auf. + +Der Barbier Nonoggi stellte sich ein: + +»Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich nicht gesehen? +Aber ich war es doch, der den Schlächter abgehalten hat, den Advokaten zu +ermorden.« + +Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht sagen, was +in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward bewirtet. + +Der Gemeindesekretär rückte den Klemmer zurecht. + +»Aber woraus schließen die Herren, daß wir die Sieger sind? Mir scheint, +daß ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?« + +Da der Advokat ihn keiner Antwort würdigte: + +»In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht für geschlagen. Daß sie sich +ins Innere des Cafés >zum heiligen Agapitus< zurückgezogen haben, sollte +uns nicht zuversichtlich stimmen. Vielleicht schon im nächsten Augenblick +verlassen sie es, um, durch die Feier vermeintlicher Siege weniger +erschlafft als wir, das Café >zum Fortschritt< im Sturm zu nehmen.« + +Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano setzten, verstummt, +ihre Gläser hin. Da bog aus dem Corso ein Zug auf den Platz. Der +Konditorjunge Coletto war der erste; er blies quäkend durch die Hände. Die +Jungen hinter ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; und +in der Mitte der Arbeiter, geführt von den beiden jungen Leuten mit großen +Hüten und bunten Halstüchern, stampfte der Schlächter Cimabue. + +»Man sollte es nicht für möglich halten«, bemerkte der Stadtzolleinnehmer. +»Warum schlägt er sie nicht nieder?« + +Sie kamen vorüber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit ihrer flinken +Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hände fest im Gürtel des +Schlächters. + +»Und der Gürtel ist offen! Sobald er sich rührt, reißen sie ihm die Hose +herunter!« + +Der Advokat erhob sich und entblößte den Kopf. Die Herren klatschten. + +Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich hin und her schob +und Zurufe ausstieß, ging plötzlich auseinander; man sah in seinem Innern +den Savezzo am Boden liegen; und das Haar zurückstreichend, richtete Nello +Gennari sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, zögernd +über den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurückgekehrt waren: + +»Es lebe der schöne Komödiant! Auch tapfer ist er!« + +Die Herren beim Café kamen ihm schon mit Gläsern entgegen. Der Advokat sah +sich über die Schulter nach dem Gemeindesekretär um; aber er war hinter den +andern verschwunden. Der Kaufmann Mancafede beantragte: + +»Dieser Savezzo muß aus dem Klub ausgestoßen werden. Wir sind es der Sache +der Freiheit schuldig, unseren Sieg rücksichtslos auszunützen.« + +Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat widersprach. + +»Wir müssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen und versöhnen. +Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, der über den Parteien +steht.« + +Der Gevatter Achille unterstützte ihn. + +»Wer wird von dem Streit der Bürger den Vorteil haben? Niemand als dieses +Schwein von Freund Giovaccone. Der Schlächter Cimabue hat immer zu meinen +besten Kunden gehört; diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten +nicht das Recht, ihn so zu behandeln.« + +»Was denken die Herren darüber«, sagte der Lehrer Zampieri; er rückte blaß +auf seinem Sitz umher, »-- wenn man eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?« + +Der Tabakhändler klopfte ihn auf die Schulter. + +»Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, wird der +Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.« + +»Gleichviel«, sagte der Advokat. »Es wäre ein Akt hoher Diplomatie. Wir +würden den Priester beschämen und entwaffnen, denn wir würden ihm beweisen, +daß wir, die wir Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.« + +Die Meinungen teilten sich. Italia bat für Don Taddeo. + +»Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr kränken.« + +Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins Ohr: + +»Du selbst wirst ihn gewiß noch heute mit dem Apotheker kränken.« + +»Ah!« rief Polli. »Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit der großen Babel +gemeint hat. Es ist die Hühnerlucia, -- denn sie hat die Frommen in die +Flucht geschlagen.« + +Flora Garlinda traf ein. + +»Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden«, sagte sie. »In der +>Bionda<, die ich studiere, werden so viele erschlagen, man müßte das +einmal sehen. Statt dessen sind alle unversehrt,« -- und sie lächelte +verächtlich. »Der Priester riet, sie nicht zu schonen.« + +»Er gefällt mir. Er ist ein böser Fanatiker und stärker als ihr alle. Wir +beide könnten uns verständigen, -- wenn er wollte. Die Prüfungen werden ihm +guttun. Ah! seht doch, wie er sich quält.« + +Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen dem Turm +und dem Hause Mancafede, krümmte er sich mit dem Rücken schwarz über die +Mauer hin, schnellte auf, um zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel +zurück. Der Advokat nickte über die Köpfe der anderen nach ihm hin; er +murmelte starr: + +»Da sieht man, was es heißt, geschlagen zu sein.« + +Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen. + +»Wir werden ihm vorstellen, daß der Bürgerkrieg nur dem Freund Giovaccone +nützt«, sagte der Wirt. + +»Und daß wir, alles in allem, keine Feinde der Religion sind«, sagte der +Apotheker. Der Advokat drückte ihnen die Hände. + +»Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein Haufe +auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine Freunde, geht!« + +Sie machten sich auf. + +Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Plötzlich wandte er +sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda. + +»Er gefällt Ihnen sehr?« fragte er. + +»Wer?« + +»Don Taddeo.« + +Sie hob die Schultern. + +»Ich bin ein Narr«, sagte er fast laut. + +Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam und +angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien: + +»Ihr haltet euch für Sieger? Wißt ihr nicht, daß Gott manchmal die siegen +läßt, die er verderben will? Um so sicherer verharren sie bei ihrem Abfall. +Ah! ihr Sieger. Du, der du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen +ins Paradies hilfst, um selbst zur Hölle zu fahren! Du, der du jeden Tag +durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden kannst! . . .« + +»Wie er sich abarbeitet!« raunte man einander beim Café zu. »Er gleicht +einem Dämon. Man kann sagen, daß Achille und Romolo sich opfern für das +öffentliche Wohl.« + +»Friede?« -- und die Stimme des Priesters überschlug sich. »Ich kenne +keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner heiligen Kirche. Wie? Ich +soll den Eimer an einen Amerikaner verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich +Unzucht getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer Madonna, +die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet es umher, meldet es +Monsignore, um mich in seinem Geist zu vernichten, -- und ihr kommt und +sprecht von Frieden? Nähme ich ihn an, Gott schlüge mich selbst. Nun aber +wird er euch schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder nötig ist --« + +Don Taddeo stieß beide Arme weit von sich und breitete die Brust hin. Die +Abgesandten wichen zurück. + +»Tue es!« schrillte der Priester gen Himmel. + +Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. Der Schlächter +Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, den zehn Arbeitern +voraus über den Platz. Die Herren beim Café »zum Fortschritt« wichen +seitwärts von ihren Stühlen. Der Schlächter war vorbei; er sprang ins Café +»zum heiligen Agapitus«, daß die Scheiben der Glastür zu Boden klirrten. +Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug auf die eisernen +Tische, schrie Drohungen herüber. Hinter all dem Toben, worin die Stimme +des Priesters zerging, sah man seine bleichen Hände, zum Dank heftig +verschlungen, durch den Schatten stürzen. + +Die Abgesandten kehrten eilig zurück. + +»Nicht für eine Million würde ich noch einmal mit ihm sprechen«, äußerte +der Gevatter Achille und wischte sich die Stirn. + +»Seid ihr feige!« sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der Faust, mit +funkelnden Augen. »Warum seid ihr nicht über den Priester hergefallen? Jene +dort würden euch erschlagen haben. Es wäre schön gewesen.« + +Auch die Arbeiter hatten sich zurückgezogen. + +»Hierher, Freunde!« rief der Advokat, und er ließ ihnen Wein geben. + +»Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mögen jene allein weiterschreien! Das +wird nicht ungeschehen machen, daß wir sie vom Platz vertrieben haben. +Inzwischen rufen uns andere Aufgaben,« -- und ein Gedanke der Wonne dehnte +sein Gesicht in die Breite. + +»Tatsächlich fängt man an, genug hiervon zu haben«, sagte der Baron +Torroni. + +»Und die Suppe wird kalt«, ergänzte Polli. »Malandrini und Sie, Maestro, +wir haben denselben Weg.« + +Der Advokat hielt den Kapellmeister zurück; er flüsterte ihm dicht ins +Gesicht: + +»Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. Wer mehr +Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, sieht ohne weiteres, daß das +Mädchen Sie mit dem Priester eifersüchtig machen wollte.« + +»Sie glauben?« + +»Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was Deixel: man +wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genießen!« + +Jole Capitani wartete! Der Advokat wünschte allen sein eigenes rosiges +Geschick und traute es ihnen zu. + +Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm wehrte er Polli ab, +der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhändler samt Malandrini und dem Baron +Torroni entfernten sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der +Richtung des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die beiden Herren +Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen die Rathausgasse. Der +Cavaliere Giordano wollte hinterher. Flora Garlinda folgte ihm zwei +Schritte weit. + +»Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt,« sagte sie gedämpft; und da +er sie aufflackernd ansah: »O, ich bin es nicht selbst; es ist die Frau des +Schneiders Chiaralunzi. Sie schläft nicht mehr, sie ist krank durch Sie. +Sie spricht nur noch davon, daß sie von Ihnen den Gesang lernen will +. . . Aber jene laufen Ihnen weg. Eilen Sie!« + +Der alte Sänger machte sich davon. Da traf ihn etwas Hartes ans Bein, und +von drüben rannte jemand mit eingezogenen Armen gegen ihn los. + +»Wartet auf mich, um Gottes Liebe!« kreischte der Alte und hastete steif, +ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer Allebardi warf noch einen +Gardinenring nach ihm, dann stemmte er die Arme in die Hüften und bog sich. +Drüben brüllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten. +Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder: + +»Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.« + +»Es wird Zeit, daß ich dich nach Haus bringe«, bemerkte Gaddi und nahm sie +beim Arm. Der Kapellmeister wartete nicht, bis der Gevatter Achille ihm +herausgegeben hatte; er stürzte ihnen nach in die Gasse der Hühnerlucia. + +»Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas so Wichtiges zu +sagen.« + +»Brave junge Leute«, bemerkte der Advokat. »Sie werden glücklich werden. +Gehen auch wir, Giocondi!« -- und er vertauschte seinen Siegerkranz mit dem +Strohhut. + + * * * * * + +Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie nahmen den +Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte und geleiteten ihn unter den +Klängen der Arbeiterhymne zur Treppengasse. Vor dem Café »zum heiligen +Agapitus« war alles auf den Beinen und schüttelte die Fäuste; aber niemand +wagte sich heran. Der Advokat sagte: + +»Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche große Sache!« + +»Besonders für dich, Advokat, der du gewiß unter dem Schutze des Volkes in +die Arme einer Choristin gehst.« + +Der Advokat schmunzelte. + +»Ich gehe zum Doktor Capitani, -- da er ja behauptet, daß ich Zucker habe.« + +»Verflucht, das ist kein Vergnügen.« + +»Und dennoch gehe ich zu meinem Vergnügen hin.« + +Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem Blick: + +»Was er mir gibt, nehme ich nicht; die Ärzte wollen immer nur die Macht an +sich reißen.« + +Der Herr Giocondi rieb sich die Hände. + +»Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig nicht hergeben +würde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat . . .« + +Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der Treppengasse. +Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace und dem Gevatter Achille: + +»Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten denken, was man will, +er ist ein häßlicher Egoist, daß er sie alle zehn mitgenommen hat. Er hätte +fünf dalassen sollen, damit auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause +gehe.« + +Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug schwach auf den +Tisch. + +»Wie soll ich nun hinüberkommen? Gleich vor meiner Tür warten jene Mörder +auf mich.« + +Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen. + +»Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, denn sie +hassen mich.« + +»Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren«, riet der Gevatter Achille. +»Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.« + +Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich vielleicht +ungesehen am Dom entlang drücken könne. Er murmelte nur: + +»Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.« + +Da stand drüben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die Herren ihn stumm +empfingen, lächelte er düster. + +»Man hat sich hier wohl geärgert, weil das Volk seine Rechte zu fordern +wagte und weil es Führer gefunden hat, die seinen Forderungen Worte gaben?« +fragte er. Der Gevatter Achille erwiderte: + +»Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen wohl nicht mehr, +Herr Savezzo?« + +»Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir einen +Vermouth!« -- und Savezzo machte es sich bequem. + +»Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich habe sie +veranlaßt, um dem Advokaten zu zeigen, daß es noch andere Leute gibt als +ihn.« + +»Der Advokat ist eine Persönlichkeit,« sagte der Apotheker; »Sie aber, Herr +Savezzo, sind ein Schurke und ein Verräter.« + +Savezzo neigte mitleidig den Kopf. + +»Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, wie man +politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen die Macht, die ich +hinter mir habe.« + +Und er wies hinüber. Der Kaufmann zuckte; die beiden andern verschluckten +ihren Widerspruch. + +»Trotzdem bin ich nicht der Meinung,« fuhr der Savezzo fort, »daß wir +Feinde sein müssen. Um es Ihnen zu beweisen, werde ich auf den nächsten +Abend des Klubs gehen.« + +»Man wird Sie hinauswerfen«, rief der Apotheker. Der Kaufmann tastete +zitternd nach seinem Arm. + +»Um Gottes Liebe: Vorsicht!« -- und zum Savezzo, mit der Hand auf dem +Herzen: + +»Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse den Zwist der +Bürger, habe immer die Versöhnung gewollt, und nie wäre ich, angesichts so +bedauerlicher Ereignisse, auf den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht +gezwungen hätte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde für Ihre Rechte +eintreten, sogar gegen den Advokaten.« + +Der Kaufmann machte Fäuste. + +»Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles für sich nimmt. Keinen der zehn +Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus gelange.« + +»Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drüben trinken, wo er schlecht +ist«, sagte der Gevatter Achille. »Könnten Sie nicht auch dem Schlächter +Cimabue raten --?« + +»Wir sind also Freunde.« + +Savezzo stand auf. + +»Herr Mancafede, ich begleite Sie hinüber, verlassen Sie sich auf mich.« + +Der Kaufmann umklammerte, mit Tränen in den Augen, seine beiden Hände. + +»Man hat Sie aus dem Klub ausstoßen wollen, Herr Savezzo; aber nicht ich +war es. Wer Ihnen sagt, daß ich es war, der lügt.« + +»Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen dürfen,« -- +und der Savezzo begann auf seine Nase zu schielen. »Am nächsten Abend des +Klubs sollen die Komödianten Musik machen: da muß ich aufgefordert werden, +auf dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Künstler, den die ganze Stadt kennt, +sollte zurückstehen hinter jenen schlechten Schreiern? Meine Ehre will, daß +ich an jenem Abend meine Spezialität vorführe und auf dem Bleistift blase.« + +»Sie blasen göttlich auf dem Bleistift!« rief der Kaufmann. Der Gevatter +Achille sagte: + +»Man muß zugeben --« + +Der Savezzo schielte immer stärker. + +Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten Kopfes, +seiner Tür zu. Auf der Stufe wandte er sich um. + +»Alles geht dahin,« sagte er traurig, »auch die Liebe zur Freiheit. Jetzt +schließt man Pakte mit ihren Feinden. Alle werden schwach: du sogar bist +es, Achille. Und ich selbst: -- wer mir gesagt hätte, ich würde mit dem +Priester verhandeln! Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht +wieder.« + +Er trat über die Schwelle und zog beschwerlich sein hölzernes Bein nach. + + * * * * * + +Das Café »zum Fortschritt« stand leer; die Gäste des Cafés »zum heiligen +Agapitus« wurden einer nach dem andern von ihren Frauen zum Essen geholt. +Als die letzten fort waren, erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei +seiner Untergebenen. Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren +Säbeln und rotgesäumten Fräcken die Runde um den Platz, wobei sie die +Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter Achille, der ihnen +etwas zu trinken anbot, ließ der Leutnant sich über den Verlauf berichten. + +»Wir haben nicht eingreifen wollen«, erklärte er. »Ein Zwist der Bürger ist +ohnedies nichts Schönes; durch die Dazwischenkunft der bewaffneten Macht +wäre er vielleicht grausam geworden, und wir sind nicht grausam . . . +Fontana, Capaci, beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.« + +Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehörten dem Barbier Bonometti. + +»Er hat sich schlimme Püffe geholt. Der Apotheker hat ihn einreiben +müssen.« + +»Was für eine häßliche Sache!« sagte der Leutnant. »Fontana, du wirst ihm +sein Zeug zurückbringen.« + +Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung der »Armen +Tonietta« heute abend stattfinden werde. Der Gevatter Achille äußerte +Zweifel, aber Cantinelli beruhigte ihn. Der Mittelstand sei noch mehr +interessiert an den Aufführungen, als die Herren. Die Handwerker spielten +im Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren wollen, +noch die halbe Lira für seinen Jungen oder sein Mädchen, die im Chor +mitsängen. + +»Bevor es acht schlägt, werden wir sie kommen sehen.« + +Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. Von den +Herbergen beim Tor und von den Gasthäusern »zum Mond« und »den Verlobten«, +am Corso, strömten Scharen von Fremden über den Platz. Die Bürger mischten +sich unter die Bauern; sie verständigten sich mit Achselzucken. + +»Eh! man muß doch Musik machen.« + +Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die Mägde +hinterließen den Nachklang ihres gellenden Lachens und einen Geruch von +Grünzeug und von Rauch; die Buben überrannten alles; -- und um halb neun +kamen die Herren. Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr; +erhobenen Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner Frau vorbei. + +Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel Flora +Garlinda über den Platz. Der Kaufmann Mancafede zog rasch den Kopf wieder +in seine Haustür, und erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch, +hinterdrein. + +Schon um elf war er zurück, vor allen andern. + +Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden vorbei war, lief +Flora Garlinda dem Gäßchen der Hühnerlucia zu. Der Kapellmeister folgte ihr +hinein, einen halben Schritt hinter ihr. + +»Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich habe Sie alles +wiederholen lassen, was Sie wollten.« + +»Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun müde. Gute Nacht, Maestro!« + +»Sie müssen mich anhören, Flora,« -- und er legte seine Hand, die zuckte, +auf ihren Arm. Sie lief weiter. + +»Sie halten mich für Ihren Feind: wie wären Sie sonst so böse gegen mich. +Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe Sie. Seit ich zum erstenmal +Ihre Stimme gehört habe, o Gott! wie liebe ich Sie seitdem.« + +»Ich glaube es nicht«, sagte sie. »Und dann habe ich Ihre Liebe nicht +nötig.« + +»Jeder hat Liebe nötig. Sind Sie kein menschliches Wesen? Ach, daß ich groß +würde! Sie würden sehen, wozu ich es geworden bin: nur um Sie groß zu +machen, Flora.« + +Sie hielt plötzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen. + +»Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschämtheiten? Ich groß durch Sie: es +ist zu lächerlich, ich will mich nicht ärgern.« + +Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er stammelte in ihren +Nacken: + +»Die Liebe macht mich unvernünftig, ich weiß es. Verzeihen Sie mir! Möchte +man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum weiß ich dennoch: Sie sind größer +als ich; vielleicht, daß meine Musik berühmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu +singen.« + +Er keuchte. Sie schüttelte sich. + +»Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!« + +Da waren sie vor ihrer Tür. Flora Garlinda drehte sich um. + +»Sie wollen mich also benutzen, um berühmt zu werden. Ich soll im Schatten +Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe sein: ich erwarte nichts anderes von der +Liebe. Aber ich sage Ihnen, daß Ihre Liebe mich beleidigt.« + +Und sie betrat das Haus. Er stürzte hinterher. + +»Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, wie Sie böse +sind!« + +Mit einer Stimme, die flog und sich überschlug: + +»Ich wußte es, ich wußte es. Immer haben Sie mich nur demütigen wollen, nur +zur Verzweiflung treiben, für alle meine Liebe, die Sie doch fühlten, für +alle meine Liebe. Das ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind +böse, ich hasse Sie!« + +Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fäuste mit heftig +geröteten Knöcheln hieben nach jedem Wort in die Luft, im verhärteten +Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie sah sich hastig um, sie wich gegen +die Mauer zurück. Plötzlich lag er auf den Knien. + +»Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, werde ich mir das +verzeihen.« + +Er stöhnte wild auf: + +»Nun muß ich freilich gehen.« + +Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hände vor den Augen, die Stirn auf +die Wand senken. Schon war sie oben, riß die Tür ihres Zimmers zu, +verriegelte sie und brach in Lachen aus. Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes +Gesicht sah, drückte sie das Tuch vor den Mund. Da hörte sie eine heftige +Flüsterstimme. »Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen +anderen.« + +Flora Garlinda spähte durch den Fensterladen. Drunten zog der Barbier +Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite und stellte die Hand an den +Mund. + +»Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrügt seine Frau mit +ihr, die arme Unglückliche. Wißt Ihr nicht mehr, wie Euch der Schneider +verleumdet hat? Er hält sich für einen größeren Künstler, als Ihr seid, und +am Sonntag macht er draußen in den Schenken seine elende Musik, die die +Bauern nicht hören wollen, weil sie die meine kennen . . .« + +Der Kapellmeister riß sich los. + +»Ah! Verräterin,« -- und er warf sich ins Haustor. Flora Garlinda sprang +vom Fenster zurück, sie drehte in allen Türen die Schlüssel um, stand und +hielt den Atem an. + +»Uff! Nein, er wagt nichts.« + +Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie der Barbier ihn, +der schluchzte, durch die mondweiße Hälfte der Gasse von dannen schaffte. + +Sie fühlte sich nicht schläfrig; sie löste das Haar auf, um es zu waschen; +und sie sah über die Schultern zu, wie es im Spiegel ihren mageren Nacken +in Gold hüllte, durch seinen Fluß ihr Profil weich machte. Dann brachte sie +das Gesicht dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zähne, die klein, weiß und +wohlgeordnet in ihrem geräumigen Munde standen. »Meine Schönheiten!« -- und +sie lächelte sich spöttisch zu. »Es sind die dauerhaftesten und darum für +mich die besten; denn sie sollen noch in dreißig, vierzig Jahren einer +Menge Glück vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen? +Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Käme ich dann aus der großen +Welt einmal wieder hierher: er -- er zöge vielleicht noch immer mit seiner +Kapelle von Schneidern und Barbieren zum Fest eines Heiligen.« + +Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand draußen. + +»Wir wollen nicht stören«, sagte sie und zeigte ihre Zahnlücken. + +»Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen«; -- und die Primadonna ging im +Unterrock in die Küche des Schneiders. Er saß über einer Zeitung, die den +Tisch bedeckte: plötzlich stand er lang da, mit den Händen an den Nähten. +Flora Garlinda setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestürzt war, um +den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, woraus eine Flamme +züngelte. Die Frau zog den Kessel tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem +Fräulein eine Tasse Kaffee an. + +»Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst du nie wieder sehen.« + +Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna. + +»Und man fühlt es nicht, so weich ist es. Fühle auch du!« + +»Das Fräulein wird vielleicht nicht wollen.« + +Er rührte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene Welle über +seine Hand; und wie das Schwanken der großen, starkknochigen Hand das +leichte, wehende Haar auf und nieder warf, lächelte sie glücklich. Der da +vermaß sich nicht, an sie zu rühren. »Er liebt mich so, wie wenn ich fort +wäre und in allen Hauptstädten berühmt wäre.« + +Der Schneider sagte: + +»Es ist gut, daß nicht jede Frau solches Haar hat.« + +Die Frau stieß ihn an. + +»Wenn die Rina, die Magd des Tabakhändlers, solches Haar hätte, würde er +sie nicht verlassen.« + +Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda: + +»Wer?« + +»Der Maestro«, -- und die Frau setzte sich sogleich zu ihren Füßen auf den +Herd. + +»Wie sie unglücklich ist, die arme Kleine! Man weiß nicht, was er hat; er +sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er sie nicht mehr. Sie aber: +er könnte sie schlagen, und sie würde ihm die Hand küssen. Man sieht es +wohl, denn den Cavaliere Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie +fortgeschickt.« + +»Den Cavaliere?« + +»Ja ihn, -- obwohl er verspricht, der arme Alte, alles für ihren Maestro zu +tun, was sie fordern will. Aber das ist es: was soll sie fordern?« + +Der Schneider wendete sich hin und her. + +»Das Fräulein will diese Dinge nicht hören«, sagte er. + +»Im Gegenteil, sie interessieren mich --« + +Flora Garlinda lachte auf. + +»-- und ich will Euch sagen, was sie für ihren Maestro fordern soll.« + +Die Frau legte die Hände aneinander. + +»Sie wollten die Güte haben? Die Rina wagte nicht, Sie selbst zu bitten.« + +»Sie soll von dem Cavaliere verlangen, daß er dem Maestro ein Engagement +verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, die im Herbst nach Venedig +geht und zum Winter nach Bologna. Das ist ein schöner Posten --« + +Ihre Augen begannen zu funkeln. + +»-- vielleicht ein wenig zu schön für den Maestro Dorlenghi. Aber wenn er +hört, daß er ihn bekommen soll, wird er der Rina danken wollen: so wird sie +befriedigt sein, die arme Kleine; -- und ob er ihn dann wirklich bekommt, +was kümmert das uns, wie, meine Freunde?« + +»Tatsächlich«, machte die Frau betroffen. + +»Denn er verdient nicht, daß man ihm hilft: Euer Mann weiß es.« + +»Er ist ein böser Mann«, sagte der Schneider. »Ich weiß es jetzt, -- obwohl +er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gönnt keinem andern etwas.« + +»Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele als alle.« + +»Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er +stärker als das ganze Orchester.« + +»Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem +Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hört: wollt +Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, -- da Ihr doch so gern die +>Arme Tonietta< singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann +braucht nicht eifersüchtig zu sein.« + +Der Schneider lachte bieder. + +»Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die >Arme Tonietta< bald +besser singen als ich.« + +Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie albern. Flora +Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen. + +»Also ich schicke Euch den Cavaliere.« + +Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der Schneider und +blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom langen Starren auf ihr goldenes +Vlies. + +Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen. + +»Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere +diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzücken, Geschlechtern +groß scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst +fühlen? Werde ich glücklich sein?« + +Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich im Dunkel +hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte. + +»Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn +wirklich alle meine Feinde? Ach, daß ich böse bin!« + +Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen. + +Sie besann sich. »Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.« Über den +kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das Flakon ins Haar. Aber +sie fühlte sich linkisch dabei. + +»Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich, +es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht +gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie +die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.« + +Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen. + +»Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich +glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!« + +Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst? + +»Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!« + +Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten, +nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; -- und in dem +ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte +Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: »Es wäre das leichte Geschick +der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine +Härte.« Dennoch weinte sie köstlich. + + * * * * * + +Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano: + +»Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch +Licht bei sich, und sie weint.« + +Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb +er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück +auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café »zum Fortschritt« an einen der +mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr. + +»Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des +Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich +zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in +Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im +>Rigoletto< kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte +mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte +mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle, +die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich +wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .« + +Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos. + +»Still: da ist jemand«, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie flüsterte: + +»Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.« + +Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von der letzten +Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus. + +»Wer ist es?« + +»Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.« + +»Sollen wirs wagen?« -- und sie schlüpften durch den Mondstreif in den +nächsten Bogen. + +»O Himmel! Er hat sich gerührt.« + +»Warum die letzten?« dachte der Alte. »Noch manche Frau hat mir gehört. +Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehörten und jauchzten +sie meinem Ruhm? Denn ich bin berühmt . . .« + +Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello +hielten den Atem an. + +»Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon +starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir geträumt und Knaben sich +an mir begeistert.« + +»Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorüberkommen? Das +Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen früh die +Pförtnerin.« + +»Auch hier, o Alba, lieben wir uns.« + +Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des Brunnens zu. + +»Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hände +von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, -- Giulietta aber +ließ ihre Wäsche liegen und hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so +rann es, und dies war meine Stimme . . .« + +»Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um +die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.« + +»O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine +Geliebte!« + +»Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an +ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie auf meinen Händen welk +sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich +wollen, wenn sie meine Nägel sehen.« + +»Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du küßt. Küsse mich, +Alba!« + + + + +V + + +Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café »zum Fortschritt.« + +»Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im +Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich +vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.« + +»Mancafede ist erbleicht«, sagte der Herr Giocondi. »Welchen Schlag werden +Sie uns versetzen?« + +Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, -- da kam +aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte +sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte: + +»Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.« + +»Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren«, sagte der Sekretär. + +»Gleichviel,« -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; »die Stadt: +das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.« + +»Ich leugne es nicht«, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich +an. + +»Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?« + +»Herr Savezzo --« + +Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen +Mannes. + +»Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?« + +»Man hat ihn schwer beleidigt«; -- und Savezzo hob unheilvoll die +Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd. + +»Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie, +Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von +ihm, wir werden ihn ausliefern.« + +Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch. + +»Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht +geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.« + +»Tatsächlich«, äußerte Polli, »weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt +gehört, die ihn erobert hat.« + +»Noch dazu mit Hilfe der Götter«, setzte der Herr Giocondi hinzu. + +Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen. + +»Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten +Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch +verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das +ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe +. . .« + +Der Apotheker fiel ein: + +»Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.« + +»Aber wir können appellieren«, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte: + +»Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat +wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht +dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere +Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.« + +»Es gibt Leute,« erklärte Polli, »die von den Komödianten genug haben. Es +scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.« + +Auch der Herr Giocondi winkte Abschied. + +»Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den +Mund ausspüle, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.< Niemand +will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen +sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im +Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro +Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.« + +»Sollen sie sie singen«, sagte Polli. »Aber in den vier Wochen, die sie in +unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht +besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits +immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines +Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in +dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .« + +Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte +brutal den Fuß vor. + +»Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß +auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse +gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt +losgelassen?« + +»Es sind Künstler!« rief der Apotheker. »Sie hinterlassen uns eine +Erinnerung an die Ideale.« + +»Und Schulden,« sagte der Gemeindesekretär, »-- die ich übrigens +vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des +Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.« + +»Ein Dieb ist der Tenor!« stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den +Tisch strich. »Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn +um«; -- und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren +Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo +folgte ihm. Im Gehen erklärte er: + +»Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, -- da er ja alles zum +Parfümeur und zum Schneider trägt.« + +»Welche Lebensweise!« sagte Mancafede. »Aber alle sind jetzt verrückt. An +dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient +der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf +dem Wege, sich zu ruinieren.« + +»Und sein Dämon ist der Advokat«, sagte Camuzzi. »Man würde glauben, daß +dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die +Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.« + +»Der Advokat!« rief Acquistapace. »Er ist tapfer und hat große Gedanken. +Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die +Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir +auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum +mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti +errichten, des größten Bürgers der Stadt!« + +Polli kratzte sich den Kopf. + +»Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele +wären.« + +»Um Fremde herzuziehen,« bemerkte der Herr Giocondi, »hat der Advokat die +Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige +Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.« + +Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand. + +»Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in +seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie +er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt +hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen +geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich +plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die +Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.« + +»Tatsache ist,« bemerkte der Tabakhändler, »daß heute früh in der Messe so +viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.« + +»Der Unterpräfekt soll dagewesen sein«, sagte Giocondi. »Man muß also +vielleicht wieder hingehen?« + +Der Apotheker schnob zornig. + +»Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die +Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt, +unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem +Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche +Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die +Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten +Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die +Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war +der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.« + +»Sie haben recht«; -- Camuzzi feixte -- »unter Garibaldi und der Republik +gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.« + +Der Alte breitete die Arme aus. + +»Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube. +Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die +Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie +ließe mir mein Bein wieder wachsen!« + +Camuzzi erhob sich vornehm. + +»Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.« + +Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er: + +»Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich +zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit +führen.« + + * * * * * + +»Wohin, Alfò?« rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur, +ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die +Rathausgasse. + +»Was hat der schöne Alfò?« fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. »Anstatt +uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an +Übles.« + +Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat +hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu +schlottern. + +»Ich weiß alles, was du denkst,« -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf +auf ihm. »Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt +nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.« + +»Aber wenn es wahr ist,« sagte Alfò, scheu geduckt, »wenn er sie verführt +hat, dann ermorde ich ihn.« + +»Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.« + +Der Savezzo zog ihn in den Feldweg. + +»Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße«, sagte er, düster lachend; +und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle: + +»Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die +Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.< Dann schwor er ihr +Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich +morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der +Tasche!« -- und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. +Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück. + +»Da sind sie«, flüsterte der Savezzo vor Villascura. »Sie verstecken sich +nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen, +und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?« + +Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub. + +»Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere« -- und der Savezzo zog +sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße +und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche +Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und +dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er. + +Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen. + +»Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur +Geliebten, eine Dame der großen Welt.« + +»Ich?« sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor. +»Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.« + +»Wie deine Hände duften!« + +»Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein +Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.« + +»Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?« + +Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte +sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten. + +»Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.« + +»Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist +schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser +Busch.« + +»Alba, was tust du? Deine armen Hände!« + +»Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe +zu dir.« + +»Und ich?« rief Nello. »Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe +niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern +gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen +Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund +zu.« + +Sie sah ihn, einsam grübelnd, an. + +»Ich glaube dir nicht.« + +»Du glaubst mir nicht?« + +»Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt: +deinetwegen, sagt man.« + +Er schnellte auf. + +»Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten, +so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!« + +»Ist das wahr?« -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, +Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern. + +»Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?« + +»Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns +den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen, +worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde +zu dir, morgen früh!« + +»Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie +du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien +die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, +ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, +sehnte ich mich nach ihr.« + +»Meine Alba!« + +»Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die +Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten +dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen +kamen sie?« + +»Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert +sind.« + +»Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit +ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben +wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in +jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin +zurückkehren.« + +»Alba! Was faßt dich an.« + +Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er +erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil, +als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf +in die Luft: + +»Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die +ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst +suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt +sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das +versteinen wird.« + +Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in +die Knie. + +»Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!« + +Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten. + +Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht. + +»Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du +nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner, +glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? +Laß dich bewundern!« + +Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da +schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer +blitzte. Nello lief; er lief und schrie: + +»Hilfe! Mörder!« + +»Auf die Terrasse!« rief Alba. »Ins Haus!« + +Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den +Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne +Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn +verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, +schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er +sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi +und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er +erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles +Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines +Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß +einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch +oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in +die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer +entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In +einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und +atmete. Er sah umher. Er atmete. + +»Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten +nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.« + +Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn. + +»Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe +ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.« + +Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den +Boden. + +»Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch +werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen +Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, +wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich +her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!« + +Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm +stand das Kloster. Er suchte die Treppe. + +»Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!« + +Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war +niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das +Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er +hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder +Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit +und blau war. + +Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant +Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit +leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch. + +Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog +hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren +Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig. + +»Ich grüße Sie, Signora«, sagte Nello. + +»Guten Abend, mein Herr«, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des +Blickens und Lächelns: + +»Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?« + +»Ich singe doch nicht mehr.« + +»Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?« + +Sie lächelte schärfer. + +»Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?« + +»Es ist wahr, ich soll singen!« + +»Frau Zampieri,« sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war, +»denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen +Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.« + +»Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern --« + +Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem +raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello +knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum. + +»Sieh doch!« dachte er, und: »Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder +mehrere!« + +Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der +Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung. + +»Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder +Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.« + +Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam +ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus »zum +Mond« hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters +wich aus. »Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!« dachte Nello. +»Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr, +daß er die Seelen rettet.« + + * * * * * + +Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges +horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des +Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein. + +Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein +Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut +klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er, +mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken +spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die +Hüften. + +»Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was +für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?« + +Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen! + +»Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.« + +Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit +verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er +erschrocken ein. »Der elende Kitzel!« + +»Schmeckt es Euch nicht?« fragte die Alte. »Ist Euch übel?« + +Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins +Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach +einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung +reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, +erstarrt. »O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um +mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet +der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten +Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!« + +Er schrie auf: + +»Ich bin verloren!« + +»Ihr habt geklopft?« fragte die Alte. »Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den +Waschtisch umgeworfen.« + +Während sie den Boden trocknete: + +»Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch. +Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es +schmutzig zu machen. Was tun wir nun?« -- und sie sah ihn plötzlich scharf +an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen. + +»Ich weiß nichts mehr zu tun«, sagte er und hörte seine Stimme metallisch +und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des +Sterbeglöckchens. + +»Hier ist die Lampe«, sagte die Alte. »Möge das Licht Eure Gedanken +zerstreuen.« + +Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs +Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig löschte er das +Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem +Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die +vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. »Sie! Ach sie!« -- und Don Taddeo brach +zusammen. + +Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er +verloren sei. + +»Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen +Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt +habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr +Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den +Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben +uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester, +der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott weiß darum, +und dennoch bin ich nun exkommuniziert.« + +Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft. + +»Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich +verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und +verdammt! Ach, über mich!« + +Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus. + +»Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es +kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat? +Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder +werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein +Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen +. . .« + +Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend. + +»Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters +krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger, +dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn +die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche +Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden +heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was +sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!« + +Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst. + +»Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster +hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde +richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. +Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen +Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des +Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich +erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom +Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine +Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o! +welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der +ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der +Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein +der Hölle Verfallener.« + +Er reckte die Arme hinauf. + +»Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen: +sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier +sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!« + +Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie +Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo +fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von +göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie +brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß +sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er +seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom +Gasthaus »zum Mond«, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein +Bett. + +»Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?« + +Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der +Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die +Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer +betreten, sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er +krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß +er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den +Ohren Lärm. + +»Sie muß brennen!« + +Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über +die Treppe, und draußen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite +und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don +Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte +Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne +klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das +Stroh zusammen . . . + +Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er? + + * * * * * + +»Weiß ichs?« sagte Nello Gennari. + +»O nein«, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter. + +»Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello, +daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend +warst du geradezu erstaunlich.« + +»Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.« + +»Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit +heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.« + +Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor +Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor: + +»Aber sie klatschten auch heute abend.« + +»Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist«, -- und +Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte. + +»Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen, +wenn man --. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre +ich fast ermordet worden.« + +Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs +betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora +Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia. + +»Fast ermordet: o! was für Abenteuer.« + +Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde. + +»Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen +wird . . . Gute Nacht.« + +Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach: + +»Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!« + +Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum, +stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich, +langsam und zuckend: -- da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog +sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte: + +»Alba!« + +Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener +Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig. + +. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger +knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür +des Cafés »zum Fortschritt« entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück. +Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er +warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des +Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor, +nach dem Lichtschein um. Er schüttelte lachend den Kopf; er drückte die +Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach: + +»Alba!« + +Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um. + +»Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele +Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!« +Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein, +ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen +jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. »Ein Verrückter, ja, und +vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die +er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe +dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott! +Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt, +als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß +machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!« Er hatte den Weg nun +sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten +hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin +manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein +Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. »Ihr Duft! Er kommt +aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich +auf meinen Kuß wartet!« Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend +als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. »Ich werde sterben!« Er schloß +die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle +hingebreitet, und mit geöffneten Armen: + +»Alba!« + +»Da bin ich, Nello!« -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände. + +»Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!« + +»Du kamst: ich wußte es, mein Nello!« + +»Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen, +mich zu bewaffnen.« + +Sie ließ eine Klinge funkeln. + +»Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden +meines Geliebten!« + +Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter: + +»Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich +verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir +teurer als dir.« + +Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie +hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte: + +»Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?« + +Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer +Gesichter. + +»Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen +duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere +Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer +sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. +Laß uns hinaussehen!« + +Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen. +Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin. + +»Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir +stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles +vergessen, was nicht ich bin, o Glück!« + +»Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften +Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?« + +»Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die +Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und +tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn +die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott +dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.« + +»Und ich dich, o Alba!« + +»Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter, +und daß wir immer glücklich sein werden.« + +»O Glück!« + +». . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?« + +»Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief; +nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer +schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.« + +»Sie ist tot!« + +»Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist +durch Liebe gestorben.« + +»Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!« + +»Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon +verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten +über dem Mondlande, die rote Sonne auf.« + +»Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften +Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich +nicht dahin, meine Geliebte?« + +»Aber wenn es ein Brand wäre?« + +»Ein Brand? Welcher? Wo?« + +»In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom +Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?« + +»Alba! Es ist das Gasthaus!« + +»Ich wollte es nicht sagen.« + +»Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind +verloren, was tun!« + +»Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.« + +»Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!« + +»Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.« + +»Was denn! Ja was denn!« + +Und da sie schwieg: + +»Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über +die Gartenpforte.« + +»Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über +den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht +beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.« + +»Für immer«, rief Nello zurück. + + * * * * * + +Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk +und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine +Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu +erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge +wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der +alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin. +Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, +riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie: + +»Platz! Platz für den Advokaten Belotti!« + +»Was denn! Buffone!« keifte die Stimme des Galileo Belotti von der +Domtreppe herab. »Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als +wir?« + +»Der Advokat ist schon beim Gasthaus«, sagte jemand im Gedränge. + +»Ich weiß es!« rief Nello verzweifelt. »Ich habe einen Auftrag vom +Advokaten und muß zurück zu ihm.« + +»Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben«, sagte grollend der +Schlosser Fantapiè. »Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze +angeschafft! Jetzt brennen wir auf.« + +»Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!« + +Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen +Inhalt ihres Ladens auf den Armen. »Fertig ist der Advokat!« brüllte der +Schlächter Cimabue. »Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den +Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf +werfen.« + +Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich +sanfte Stimme. + +»Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten +hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen +Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.« + +Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die +Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. »Ich bin verloren!« +dachte er, ganz starr. + +»Glauben Sie denn wirklich,« fragte droben der Cavaliere Giordano, »daß die +ganze Stadt aufbrennen wird?« + +»Sprechen Sie doch nicht davon!« flehte der Kaufmann Mancafede und rieb +sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen +anzuziehen. »Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste +sein, das brennt.« + +»Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?« meinte Frau Camuzzi +mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter +des Kaufmannes. + +»Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen +in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.« + +»Und Ihre Töchter?« fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte, +fessellos, mit der Hand ab. + +»Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies +Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren, +ohne uns um die Religion zu kümmern.« + +Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände. + +»Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus, +woran ich meine Gedenktafel haben sollte!« + +»Ihre Gedenktafel!« + +Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf. + +»Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute +abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß +verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für +Landstreicher.« + +»Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken +der Fürsten und der --« + +Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich +an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er +wisperte: + +»Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der +Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt, +denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --« + +Nonoggi rang nach Atem und tanzte. + +»Nun?« fragte Savezzo und nickte schwer. + +»-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch +frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich +nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten +der größte Mann der Stadt!« + +Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster +hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete +sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine +Nase. + +»Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,« sagte er mit einer +großen Gebärde. Und leiser: + +»Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen. +Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind. +Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!« + +»Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?« fragte Frau Camuzzi. »Wird sie, wenn +Ihr Haus brennt, herauskommen?« + +»Was denken Sie?« antwortete er gekränkt. »Neun Jahre sind es, daß sie +nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!« -- und er hielt sich, wieder ganz +zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem +Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters +Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße +durchbrach den Schrecken heller Jubel. + +»Nun sage, Pomponia,« rief die Magd Felicetta, »ob das nicht schöner ist +als das Feuerwerk am Verfassungsfest!« + +»Ich werde dir ein Feuerwerk machen!« -- und der Bäcker kniff sie, daß sie +schrie. + +»Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir +mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er +ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!« + +»Nieder der Advokat!« rief man, »er hat den Eimer verloren! Don Taddeo +gehört der Eimer!« + +Der Barbier Bonometti widersprach allein: + +»Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann, +der Advokat!« + +Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder +stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt: + +»Es lebe der Advokat!« + +»Nieder der Advokat!« schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in +den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im +Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace: + +»Nieder der Advokat!« + +»Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die +Komödianten hergerufen habt!« -- und die Pipistrelli schwang ihren +Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt: + +»Don Taddeo hat es vorausgesagt.« + +Aber jemand rief: + +»Da ist einer von ihnen!« + +Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari +an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm +mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen. + +»Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!« + +Schon faßten Hände zu. + +»Laßt mich!« rief Nello. »Ich wohne im Gasthaus!« + +»So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner +Kleiner!« -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten +Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der +Bariton Gaddi war da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den +Freund ins Freie. + +»Wir brauchen noch einen bei der Spritze«, erklärte er dem Leutnant +Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von +der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau +Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie +aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um +den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte. + +»He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun +laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es +angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?« + +»Das Vieh ist aus den Ställen gezogen«, antwortete er. + +»Aber die Gäste!« + +»Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.« + +»Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur +zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen +den beiden.« + +»Man hat sie gesehen«, sagte Frau Nonoggi. »Die Felicetta und die Pomponia +haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.« + +Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz. + +»Meine Frau!« rief er. »Findet mir meine Frau wieder!« + +»Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?« + +»Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie +ist fort.« + +Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte: + +»Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben. +Ich begreife das.« + +»Die Kinder«, stöhnte der Wirt, »sind da, sie aber --« + +»Au, au! O über uns! Rettet euch! --« und die Weiber rannten, die Hände im +Nacken, zurück, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der +hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß. + +»Der Schuppen!« schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die +Faust. »He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!« + +»Ihr Komödianten,« kommandierte der Apotheker, »und Ihr, Chiaralunzi, +richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren +Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen, +rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und +die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!« + +Aber er selbst riß vergebens. + +»Malandrini, den Schlüssel!« + +»Gebt mir meine Frau wieder!« + +»Das ist aber kein Spaß mehr!« -- und der Tabakhändler Polli brach sich +Bahn. »Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die +Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!« + +Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr +Giocondi drang mit ein. + +»Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht? +Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, daß du mir +abbrennst!« + +»Solange es sich nicht um mein Haus handelte,« schrie Polli, »sondern nur +um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis +meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? +Niemand schläft wie ich . . .!« + +»Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft +für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.« + +Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu. + +»Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!« schrie Polli. +»Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es +fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! +Ein Beil!« + +Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom +Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten, +ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden +kleinen Alten. + +»Kaltes Blut, Ihr Herren«, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu. +»Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt. +Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, +Acquistapace!« -- und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi +und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die +immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. »Die Sachen gehen gut, ich +verbürge mich dafür«, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die +Brust. Da brachen sie los: + +»Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!« + +Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an. + +»Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen +Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?« + +»Darum also«, fiel der Herr Giocondi ein, »hat der Advokat die Dampfspritze +abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So +sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!« + +Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen, +wackelten sie laut scheltend um den Hof. + +»Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.« + +»Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!« keifte +es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote, +gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es +schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den +Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: »Achtung, Advokat!« und spritzte +ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen, +als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der +Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines +Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt +ihm den Weg ab. + +»Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es +Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace +veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch +glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach +einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?« + +Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer. + +»Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von +Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum +Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt +vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!« + +Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom +Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete: + +»Nieder der Advokat!« -- und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll. + +Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er +sagte: + +»Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr +Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.« + +Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der +Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein +Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz. + +»Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür«, sagte der Unterpräfekt. +Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur +einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern: + +»Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren +nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl +mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.« + +Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er +strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte: + +»Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das +öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel +anzuziehen.« + +Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme: + +»Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen +letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur +Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --« + +»Nieder der Advokat!« + +Eine Sekunde schloß er die Augen; dann: + +»-- werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und +gehen.« + +Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick +brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten +sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; -- +plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien +durcheinander: + +»Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt +lebendig!« + +Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes. + +»Meine Frau, da ist sie!« -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben, +vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab. + +»Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.« + +»Ersilia! Komm herab, Ersilia!« schrie er, weinend und winkend. + +»Es ist nicht Ersilia!« antwortete dahinten eine Stimme. »Es ist die +Komödiantin!« + +Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf, +das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es +auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß +schon wieder der schwarze Rauch es. + +»Das Fräulein Italia!« rief der Apotheker. »Helft mir sie retten!« -- und +er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife. + +»Romolo!« + +Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach +rechts. Chiaralunzi und die Komödianten waren dabei, die Spritze über die +Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da +schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte +nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der +Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn +hineingestoßen. + +»Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!« -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte +sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er +lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah +einander eine stürmische Stille lang in die Augen. + +»Beim Bacchus!« sagten die Männer. + +»Er ist verloren, Don Taddeo«, sagten die Frauen; und: + +»Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.« + +»Man muß beten!« -- und der Chor schwoll an. Plötzlich: + +»Da ist er! Wunder! Wunder!« + +In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in +den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der +Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände +auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd, +laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf. + +»Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don +Taddeo: weh dir!« + +Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er +ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine +Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der +zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig, +daß ihre Lippen sie verloren. + +»Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?« fragten die Frauen, indes +die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten. + +»Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da +seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so +viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst +war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und +meine kleine Pina wird gesund werden!« + +Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; -- +und erst, als sie ihn fortziehen wollten: »Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt +ruhen«, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder, +rieben ihn, baten und schalten ihn. + +»Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns +predigen.« + +Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn: + +»Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt, +niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin +vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.« + +Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da +schrien sie auf und warfen sich hin. + +»Er ist tot! Was soll aus uns werden!« + +»Nein, er hat die Augen geöffnet,« sagte allein eine Stimme wie ein Engel; +und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten, +unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und +schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte +denen, die mitwollten: »Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel +zu beten«, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof. + +Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester +vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark. + +»So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben«, sagte an der Spitze eines +Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin +eine Träne hing. + +»Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch +wenn ein politischer Gegner sie tut.« + +»Ein redlicher Bürger?« wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf +dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. »Wir alle sind +redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern, +die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.« + +»Gewisser Witwen,« fuhr der Schuster Malagodi fort, »die die Schwestern +gewisser Advokaten sind.« + +»So daß«, ergänzte der Mechaniker Blandini, »jene Verwandten ihr Terrain +aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.« + +»Man erinnert sich auch«, sagte der Schlosser Fantapiè, »mancher Vorgänge +bei den letzten Wahlen . . .« + +»Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten«, rief in der Nachbarschaft +ganz laut Frau Malagodi. »Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe, +-- die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die +Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um +ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!« + +Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an, +aus dem Dickicht des Volkes. + +»Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das +Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat +verteidigt es.« + +»Es werden seine Töchter sein«, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten +der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie +lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und +wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der +Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund. + +»Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es, +weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat +--« + +»Ich kenne Euch, Nonoggi«, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und +verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim +Savezzo, der ihm gewinkt hatte. + +»Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer --?« + +Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh +brachte er hervor: + +»Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!« + +»Zurück!« schrie vorn der Apotheker Acquistapace. »Ihr Herren, Ihr Damen, +zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.« + +Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen +die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen. + +»Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!« schrie Acquistapace. »Sind +wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!« + +»Es gibt keinen Advokaten mehr!« antwortete die Menge. Der Apotheker sah +sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle. + +»Steige aufs Dach und spritze von oben!« + +»Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr +verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet +nun wenigstens die Betten!« + +Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem +Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab. +Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander. + +»Das Ende der Welt!« ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. »Wo ist meine +Frau? Ich bin ruiniert!« + +»Malandrini,« sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, »es heißt +nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als +Ihres.« + +»Ach, über mich!« -- und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er +setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. »Auch die Mütze ist mir +verbrannt! Ich werde betteln gehen!« + +Der Advokat zog ihn in die Laube. + +»Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und +schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht +glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im +Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.« + +Der Wirt schluchzte am Tischrand. + +»Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches +sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.« + +»Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --« + +Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander. + +»Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . . +Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte +es schon längst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man +will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah! +Das Volk soll belogen werden!« + +Malandrini schluchzte. + +»Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht. +Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das +sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll +man noch glauben!« + +Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen +der Herr Giocondi: + +»Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern +lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest +schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!« + +Der Wirt richtete sich auf. + +»Wie? Er spricht von mir?« + +»Lassen wir sie schwatzen«, sagte der Advokat bitter. »Es ist das Volk.« + +»Was denn, der Wirt!« sagte jemand. »Ganz andere Leute sind verdächtig.« + +Und die Stimme der Pipistrelli: + +»Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie +die Stadt angezündet!« + +»Du bist eine böse Alte!« + +»Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus +brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.« + +»Wir wissen es längst; alle sagen es.« + +»Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge +. . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat +denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?« + +»Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht +gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen, +als seine Herrschaft!« + +»Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren +sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!« + +Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf. + +»Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um +den Hals sehen!« + +»Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der +Advokat!« + +»Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?« + +Der Advokat in der Laube warf die Schultern. + +»Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch +beschuldigen soll.« + +Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus +seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel +der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern +erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine +höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte +sich über sich selbst und bedeckte die Augen. + +Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie +überrannten. + +»Der Komödiant!« schrien sie. »Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch +unsere Häuser anzünden?« + +Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf +einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus +dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace +mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die +sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich eindringen. Nina +Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten +auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und +sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt +hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein. + +»Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick, +bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!« + +»Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!« + +Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti +entgegen und griff an seine rote Mütze. + +»Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!« + +Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden +Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber. + +»Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --« + +»Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!« -- und dazu pfiff es. + +»-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge +Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und +ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen +sagen?« raunte er Nello zu. + +»Nein.« + +»Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.« + +»Um Gottes willen, schweigen Sie!« + +»Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter +sagen, meine Damen,« keuchte er angestrengt, »als daß dieser hier +unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so +oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti --« + +Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen, +soweit er konnte. + +»-- ich bürge euch für diesen hier!« + +Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte +ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen +sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem +Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten +und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge. + +»Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!« rief er ehern. »Hier +bürgt ein Verdächtiger für den anderen!« + +»Du hast recht! So ist es!« + +»Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein +Komödiant!« + +»Gut!« + +»Zu lange schon betrügt er das Volk!« + +»Zu lange!« + +Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen +seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer: + +»Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn +ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!« + +»Nenne ihn!« + +»Es ist der Advokat Belotti!« -- und damit sprang der Savezzo hinunter in +das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen +Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von +Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und +er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie +rein seien. Sie schrie trotzdem: + +»Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm! +Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den +Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!« -- und dazu +brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm. + +»Welch häßlicher Narr«, schrien Weiberstimmen, »mit seiner roten +Nachtmütze!« + +Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern +schwollen ihm. + +»Ich bin euer Freund«, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen. +»Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich +werde zu kämpfen wissen.« + +»Reize sie nicht, Advokat!« flüsterte Acquistapace. »Tue es für mich! +Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem +Volk!« + +»Es sind gute Leute, Herr Advokat«, sagte der Schneider Chiaralunzi. +»Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.« + +Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor. + +»Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede! +Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern +kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er! +Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!« + +»Auf die Galeere! Auf die Galeere!« + +Der Advokat keuchte: + +»Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du, +Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust +gegen mich zu erheben? . . .« + +Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten +Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde +mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne +dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im +erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und +Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen +von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. »Ihr hättet +eine Schreckensherrschaft nötig!« + +In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge: + +»Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn +sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann +machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.« + +Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes +Jammern. + +»Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --« + +»Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!« -- und der +Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, -- indes im +Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens +drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob: + +»Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer +gefürchtet.« + +»Tröstet Euch«, sagte die Magd Felicetta. »Euer Bruder ist nicht der +einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt, +daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.« + +»Es ist wahr!« schrien die Frauen. »Denn der Advokat und der Komödiant sind +aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer +Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist +die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts +herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie +umgebracht, die Arme.« + +»Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene +Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.« + +»Auf die Galeere die beiden!« -- und ein letzter Stoß drängte die +Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der +Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie +fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine +über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken +kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel +des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an +und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und +zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich +widerwillig der Baron Torroni. + + * * * * * + +Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man +anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den +Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich +vor Lachen auf das Pflaster: »Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist +ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich«; +-- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar +applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen: + +»Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in +den Schuppen?« + +»Meine Frau!« -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren +Schultern. + +»Die Papiere? Du hast sie?« keuchte er. + +»Wie denn, wer soll sie sonst haben?« + +Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu. + +»Wir leben noch«, schluchzte er. »Wir sind noch da.« + +»Auch der Baron«, antwortete man ihm. + +»Er war zufällig da«, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe +den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen. + +»Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!« + +»So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!« schrie die +Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau +schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen +habe. + +»Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen +darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!« + +Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und +klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich: + +»Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so +oft er ins Gasthaus kam!« + +»Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.« + +»Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr +geprahlt haben?« + +»Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!« + +»Wie die Männer uns verleumden!« rief Mama Paradisi. + +»Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,« bemerkten Felicetta und +Pomponia. »Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie +wir.« + +»Wer will noch behaupten,« sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, »daß +sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?« + +»Wer will es behaupten?« wiederholte die Menge drohend. + +Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an +und schwiegen. + +»Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!« +rief Frau Nonoggi. + +»Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.« + +»Da ist sie!« -- und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo +der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge +lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt. + +»Sie hat eisige Füße, die Arme!« + +Die Frauen rieben sie ihr. + +»Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind«, sagte der alte +Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. »Wer einen Sohn hätte, könnte ihn +ihr zum Manne geben.« + +Der Schneider Coccola rief: + +»Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu +geben!« + +»Das ist nicht recht von Euch«, sagten die Männer; und die Frauen: + +»Ihr beleidigt uns alle.« + +Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn. + +»Da sieh, wie sie sich lieben!« -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben +hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli +rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er +zappelte wütend. »Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?« + +»Warum nicht?« + +»Aber wenn doch ich selbst sie --« + +Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu. + +»Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.« + +Und von allen Seiten: + +»Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!« + +»Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen«, riet der Herr Giocondi, +im Gedanken an die eigenen Töchter. »Sieh nur auf das Herz!« + +»Gib ihnen deinen Segen!« rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein +unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli. + +»Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können«, brummte er. »Da die +Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll --« + +Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den +Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt. + +»Welche sympathische Familie!« rief das Volk und klatschte. + +»Alle hinaus!« befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten. +»Der Schornstein wird ins Haus fallen.« + +Gaddi aber zog Nello hinter die Tür. + +»Nello, du bist in Gefahr.« + +»Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich +daran.« + +»Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen +nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle +entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes +Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand +beim Dom mit Frau Camuzzi.« + +Und da Nello aufzuckte: + +»Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello: +flieh! Flieh sogleich!« + +»Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.« + +»Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie +etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat, +beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich +vernichtet hat?« + +Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes: + +»Ich sehe dich verloren, Freund.« + +Nello senkte die Stirn. + +»Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio« -- und er drückte die Hand des +Freundes, »kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und +es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht --« + +Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes: + +»Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für +immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich +verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in +Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der +Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio! +wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei +mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es --« + +Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein. + +»-- wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!« + +Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge. + +»So willst du nicht fliehen?« fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf +und schlug in die Hände. + +»Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe. +Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen +Alba!« + +Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht. + +»Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht +lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die +Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!« + +Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester +Pastecaldi raunte er zu: + +»Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren. +Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts +verloren.« + +»Der Advokat auf die Galeere?« -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem +weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte »Schü! +Schü!« Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand. + +»Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?« zischelte er. »Daß du sie +mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . . +Gottlob, da ist sie.« + +Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze +abzuziehen. + +»Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese +gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen +folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,« -- und er kam mit +der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer +Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem +Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam. + +»Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!« + +»Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie +werden Sie sich rächen?« + +»Indem ich meine Pflicht tue«, antwortete der Advokat und stieß die +geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln: + +»Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber +wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es +verachten würde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch +verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht +. . . Nicht doch!« rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die +Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten, +der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte. + +»Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto +besser ist es!« + +»Ihre Sache«, sagte Flora Garlinda. »Ich war nur gekommen, um Ihnen zu +Ihrer Rache zu verhelfen.« + +»Wie?« + +»Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der >Glocke +des Volkes.< Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei +nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt, +dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen --« + +Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen +Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände. + +»-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?« + +Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für +sich, leicht und klar in die Luft gehen: + +»Es ist Don Taddeo, der Heilige.« + +Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob +alles entschieden sei: -- da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den +Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und +er stöhnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete +zischend aus. + +»Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst +es nicht.« + +Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten. + +»Er ist es, Don Taddeo«, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön +machte. Der Advokat brauste auf: + +»Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?« + +»Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof +voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht +lag.« + +»Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist +ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde +ich ihn einen guten Bürger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schluß, er +habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.« + +»Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm +gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so +viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem +Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah, +kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige +miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns +verständigen.« + +»Ah! Ah!« + +Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen +aus. + +»Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine +Künstlerin sind.« + +Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen. + +»Eine große Künstlerin!« + +»Wie es Ihnen gefällt«, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern. + + * * * * * + +»Haltet ihn!« schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der +Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine +langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die +Ecke. + +»Hast du den Salame?« rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der +zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte +Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu +untersuchen. + +»Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.« + +»Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es +scheint, die Geschäfte gehen schlecht.« + +Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah. + +»Welche Furcht wir gehabt haben müssen!« + +»Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?« + +»Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.« + +»Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege +begegnet, Gina.« + +»Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen, +um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster +gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen, +ein Mann sei bei ihr!« + +»Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns +alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum +jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber +deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.« + +»Sie lag im Schuppen!« + +»Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben +geschwitzt für dich!« + +»Mein Mann schwitzt am meisten von allen«, sagte die Frau des Baritons +Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel. + +»Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der +doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im +Gefängnis?« + +»Redet keinen Unsinn!« sagte der Schneider Chiaralunzi. »Als der Balkon +herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.« + +»Nein, das war Virginio«, sagte Nello. + +»Die Post geht ab!« rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er +die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei? +Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank +für die Rettung der Stadt? + +»Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern«, setzte der +Schneider hinzu. »Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz, +wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und +jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?« + +Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle +fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte +sich dunkelrot gefärbt. + +»Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind +wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen +will.« + +Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die +Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend: + +»Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!« + +Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: + +»Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus +der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der +Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.« + +»Was kann ich tun?« sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. »Sollte +ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen +und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie +nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es +möglich, daß die Stadt abbrannte.« + +»Er ist ein böser Mann,« -- und Chiaralunzi schnob, daß sein langer +Schnurrbart aufflog. »Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut +genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns +gefällt.« + +Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust +mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen. + +»Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!« rief der Kapellmeister und fuhr sich +durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. »Sie selbst waren in Sorge um Ihr +Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem +Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem +Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich +das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem +ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien, +gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!« + +Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten. + +»Immerhin«, äußerte Polli, »zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre +hundertfünfzig Lire, sondern wir.« + +Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den +Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat: + +»Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute +sich hassen?« + +»Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist«, rief der +Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. »Man hat nicht +geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen, +indem ich meinen Kaffee extra stark machte.« + +Er stellte sich in die Mitte. + +»Alle ins Café >zum Fortschritt<!« + +Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er +ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und +schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die +Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt +fiel über sie her, aber man rief ihm zu: + +»Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben +durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns +unterhalten.« + +»Auch deine Frau hat sich unterhalten!« + +Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich: + +»Er fällt! Hoho! Rettet euch!« + + * * * * * + +Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles +mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die +Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da +und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, ließ er auch den +Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück. + +»Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite +zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben +schwierig.« + +Gleich darauf zuckte er zusammen. + +»Da ist Camuzzi!« + +Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er +sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an: + +»Guten Morgen, Herr Advokat!« + +Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen +Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat +klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen, +es fand sich aber kein Knopf mehr. + +»Sie hier, Herr Camuzzi«, brachte er hervor. + +»Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem +Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen +ist?« + +»Sie haben geschlafen?« fragte der Advokat und behielt den Mund offen. + +»Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar +wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu +verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?« + +Er kehrte wieder um. + +»Sie konnten schlafen!« wiederholte der Advokat, ergriffen. + +»Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,« erklärte der Sekretär, »wenn ich +an den Brand geglaubt hätte.« + +»Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der +Himmel war rot!« + +»Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es +bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es +wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem +nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es +meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini +größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.« + +»Eh! Eh!« -- und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern +und Händen. + +»Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie +sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit +entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.« + +Der Gemeindesekretär hob die Schultern. + +»Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen, +sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.« + +Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach +dem Gesicht seines Begleiters. + +»Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen +gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die +Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich +gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden +haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres +Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine +erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?« + +»Die Nacht der Dichter«, sagte der Sekretär. + +»Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine +Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie +eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als +reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet +haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!« + +Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen +traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen. + +»Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,« bemerkte er, »der das Feuer +vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer +war. Er wird uns alle für verrückt halten.« + +»Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!« + +Aber der Advokat seufzte plötzlich tief. + +»Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu +entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn +es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.« + +Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte. + +»Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen +Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die +meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit +entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch +bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu +sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?« + +Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden +ließ, ging er weiter. + +»In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches +Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze +ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last, +sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit +dieses Volkes, das mir vertraute!« + +Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den +Advokaten. + +»Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch +ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht, +und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit +dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen +nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.« + +Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen +hinein: + +»Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt +wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu +können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet. +So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der +Bürgerkrieg.« + +»Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!« -- und beim +Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen. Der Advokat, am +Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den +Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen. + +»Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue«, stöhnte der +Advokat. + +Dort hinten überschrien sie einander, -- indes beim Café »zum Fortschritt« +eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte +Acquistapace hielt den Kopf gesenkt. + +»Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und +hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur +noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben +Mut!« + +»Pöh!« machte der Sekretär. »Da ich an das öffentliche Leben nicht glaube, +wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --« + +Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer. + +»-- wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel +gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie +im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?« + +Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat +verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den +Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick. + +»Was bleibt?« antwortete er. »Ich will nicht von den Werken sprechen, die +vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten, +werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es +für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf +halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne +Tat.« + +Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf. + +»Sie fliegen auf und setzen sich wieder«, sagte der Sekretär. »Das ist der +menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die +Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.« + +»Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie +abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und +zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .« + +»Gleichviel.« + +»Gleichviel«, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. »Wir sind +uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen +Sie uns Freunde sein!« + +Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der +Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt.« Von der +anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom +Tisch der Herren blieb sie stehen. + +»Ich grüße die Dame«, rief der Gevatter Achille. »Wünscht Don Taddeo etwas +Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?« + +»Ja, wie geht es ihm?« fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich +nicht unter der Haube; sie sagte: + +»Ist der Herr Giocondi da?« + +»Was gibts?« fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still +durchdringenden Augen an. + +»Kommen Sie mit mir, Herr«, sagte sie. »Der Reverendo will Sie sprechen.« + +»Wie?« -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. »Irrt +Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.« + +»Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.« + +Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen, +und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er +sich einen Ruck. + +»Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war +. . .« + +»Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie«, sagte ihm der Gevatter Achille +noch, und die andern riefen ihm nach: + +»Auch den meinen, weißt du.« + +Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant +Cantinelli wagte zu sagen: + +»Eine sonderbare Geschichte;« -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd: + +»Was mag er wollen?« + +»Eh!« machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte +seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen: + +»Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der +Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie +man weiß.« + +Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die +Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber. + +»Was gibts?« fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori +und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich. + +»Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem +Giocondi zu tun?« + +»Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!« + +»Die Sache ist einfach«, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß +ihn auf das Pflaster. »Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat +gesehen, wessen der Advokat fähig ist.« + +Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der +Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde. + +»Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?« + +»Der Advokat!« und der Herr Salvatori lachte bitter auf. »Wissen Sie, daß +er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die +Freiheit wären?« + +»Bezahlen Sie also die Freiheit!« sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede +wimmerte: + +»Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich +bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.« + +»So wenig wie ich«, behauptete der Gevatter Achille. »Der Advokat hat uns +alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem +Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.« + +Der Leutnant Cantinelli sagte: + +»Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben. +Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in +Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; -- und ich habe eine +Frau.« + +»Der Advokat wird sie trösten«, sagte der Savezzo. + +Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er +schrie erstickt: + +»Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!« + +»Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten«, sagte der Savezzo. + +»Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie +wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer +werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große +Gelbe selbst zu heiraten!« + +Camuzzi bemerkte trocken: + +»Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann +würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die +Herren ruhig geschlafen hätten wie ich --« + +»Was denn!« murrte der Herr Salvatori. »Man kann nicht schlafen, wenn in +der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als +heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau, +ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet +haben.« + +»So ist es!« und alle riefen durcheinander. »Wir sind in den Händen eines +Räubers.« + +»Wer rettet uns!« wimmerte Mancafede. + +»Wir sind schon gerettet«, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den +Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte +unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund +sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär +neben ihm verstand, was er murmelte. + +»Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß +leben . . .« + +»Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,« äußerte der Gevatter Achille, »daß +Sie der einzige sind, der uns retten kann.« + +Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die +Schenkel und ließ sich Zeit. + +»Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange +gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften. +Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und +ihn fürchtet.« + +Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine +Arme. + +»Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort +anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch +Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit +Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.« + +»Wie oft«, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, »haben wir +untereinander dem Advokaten geflucht!« + +»Wäre nicht der Advokat gewesen,« rief der Gevatter Achille, »niemand hätte +uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.« + +Und alle durcheinander: + +»Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen +und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa +ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich +vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten +untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!« -- und der Kaufmann +Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. +»Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er +solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn +zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen, +sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.« + +»Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!« rief der Herr Salvatori und +schwang anfeuernd den Arm. + +»Einen Künstler,« setzte der Gevatter Achille hinzu, »der so gut auf dem +Bleistift bläst!« + +»Ah!« machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase +schielte. + +»Was verlangen Sie?« fragte der Herr Salvatori. »Wir sind bereit, den +Advokaten zu opfern;« -- und Polli bestätigte es. + +»Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?« + +»Wir liefern ihn aus!« schrie Mancafede in der Fistel. »Ich bin der erste +gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf +die Galeere!« + +»Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat«, +meinte der Gevatter Achille. »Nur müssen wir Zeugen haben.« + +»Eure Sache, sie zu finden«, ließ der Savezzo vernehmen. »Beseitigt den +Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.« + +»Wir haben Zeugen, so viele wir wollen«, riefen sie; der Kaufmann packte +sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich. + +»Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt +weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.« + +Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl. + +»Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. +Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht +manches vergehen.« + +Sogleich fuhren alle gegen ihn los. + +»Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?« + +»Noch niemand«, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den +Sekretär, »hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück +bringen!« + +Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es. + +»Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer +sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie +sich, Herr Camuzzi!« + +Der Gemeindesekretär wehrte ab. + +»Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich +glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.« + +Da rief in den Lärm der Gevatter Achille: + +»Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?« + +Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der +Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm: + +»Nun, was sagt Don Taddeo?« + +»Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?« fragte der Leutnant. + +»Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?« + +»Nichts«, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah +weg. »Nichts. Er ist verrückt geworden.« + +»Wie? Von wem sprichst du?« + +»Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner +Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.« + +Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte +Polli und zog die Stirn in Falten: + +»Versteht sich, er ist ein Heiliger.« + +Der Herr Giocondi fuhr fort: + +»Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich +wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don +Taddeo, und er will zahlen.« + +Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf +seinem Holzbein um den Tisch. + +»Er wird nicht zahlen«, meinte zögernd der Herr Salvatori. + +»Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte +Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich +entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire +annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.« + +Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn +Giocondi: + +»Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!« +rief er über den Platz, »da ist ein Spion des Advokaten!« + +Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café »zum +heiligen Agapitus« sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot +vor Entrüstung: + +»Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir +jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was +ich zu tun habe.« + +»Er weiß, was er zu tun hat!« brüllte der Apotheker, »und der Advokat +bleibt ein großer Mann!« + +»Und warum will er zahlen?« fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an +der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch: + +»Und warum will er zahlen?« + +»Ah das --« und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, »das +ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und +kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den +anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der +>Gegenseitigen<.« + +»Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!« + +Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der +Herr Giocondi schob sie weg. + +»Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze +Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg +mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch +sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht +zum Teufel! . . . Zum Teufel!« schnob er den Männern zu, die ihn +bedrängten. + +»Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!« riefen +sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte. + +»Wir sind verraten!« keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens +griff um sich. + +»Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht +mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der +Advokat wird uns aus Rache aushungern.« + +»Wo ist Don Taddeo?« kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf. +»Sie halten ihn gefangen!« + +»Das ist ein wenig stark,« sagten die Männer, daß es an den Mauern +hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf: + +»Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!« + +Und drüben beim Rathaus eine andere: + +»Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und +sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.« + +»Wir sind verloren!« + +»Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!« + +»Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!« + +Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn +vorgestreckt, der Savezzo. + +»Lügen!« brüllte er rauh und unförmlich. »Alles Lügen! Ich hole euch den +Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder +ich selbst auf die Galeere!« + +Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon +umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: »Unser Heiliger! Wer ihn uns +nehmen will, ist tot!« Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: +»Sprich, Don Taddeo!« Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten +Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich +tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen +selbst zu flehen. + +»Sprich, Don Taddeo!« + +Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf +arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der +Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel +es wieder. Er war fort. + +»Er hat etwas gesagt? Was ist es?« + +»Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.« + +»Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird +sterben.« + +»Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!« + +»Alle in den Dom!« + +Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel, +Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel +Volkes waren hinweg; -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« stand, das +Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . +Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie +hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus +seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte +das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der +Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit +einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer +heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom. + +Beim Café »zum Fortschritt« sahen sie noch immer versteint einander an. Der +Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt +Polli: + +»Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was +man jetzt tut.« + +»Deixel, man geht in die Predigt«, meinte der Herr Giocondi. »Vielleicht, +daß Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.« + +Der Herr Salvatori äußerte starr: + +»Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er +nur angezettelt.« + +»Wenn man es wüßte!« sagte der Leutnant. »Für die bewaffnete Macht ist es +schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.« + +Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein. + +»Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt +verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.« + +»Auf jeden Fall scheint es, --« und Polli kratzte sich den Kopf, »daß wir +uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.« + +Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel. + +»Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt +schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere +ist schließlich die Religion.« + +»Tatsächlich«, erklärte der Gevatter Achille, »wird es das Klügste sein, +sich dort aufzuhalten, wo alle sind.« + +Polli schlug vor: + +»Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn +Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.« + +»Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart«, schloß der Leutnant, +und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten +vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten. + +»Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.« + +Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre. + +»Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!« + + * * * * * + +Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im +Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom +Hochaltar: + +»Feuer! Alles wird brennen!« + +Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo +fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge. + +»Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle +Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin +flüchten!« + +Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli +drehte wirr den Hals umher. + +»Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?« + +»Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem +weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon +stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, +Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!« + +Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des +Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter +überrannte jammernd die Leute. + +»Die Sache wird ernst«, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. »Hat +er nicht auch mich genannt?« + +»In den Dom!« rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. »Alle in +den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott +ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter +euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .« + +Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze +aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus +ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in +Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben, +kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer +durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf +auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen: + +»Keiner. Es komme das Feuer.« + +Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als +erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte +Halbschlaf eines Sterbenden. + +»Nur ein Haus bleibt stehen!« befahl Don Taddeo schrill. »Von der ganzen +Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!« + +»Wie?« fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute +sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der +Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin +Ginevra und sagte: + +»Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr +die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.« + +Theo und Lauretta widersprachen. + +»Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es +nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.« + +Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekümmert +um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella +aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch +verächtlicher und fremder als sie. + +Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach +gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung. + +»Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände +nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.« + +»Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht«, entgegnete Camuzzi. »Es +geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit +etwas geschieht.« + +Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und +er schrie: + +»Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!« + +»Gute Unterhaltung!« sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer +fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da +pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich +ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft: + +»Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre +Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.« + +Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die +Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der +gepreßten Stille: + +»Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen +alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen +Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum +verdarben wir.« + +Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: »Denn wir +lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht +wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die +Menschen, dann liebt ihr Gott!« + +Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank. + +»Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du +nicht jede Woche beichtest.« + +Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter +ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen. + +»Hasse den Krämer Serafini nicht,« sagte er zu der Frau des kleinen +Zollbeamten Cigogna vom Tor; »wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er +sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,« sagte er zu Elena, der +Arbeiterin des Schusters Malagodi, »obwohl sie dich verklatscht hat.« + +Und zu der Pipistrelli: + +»Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den +Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo +ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer +herabriefen.« + +Don Taddeo seufzte und schloß die Lider. + +»Was sagt er? Was will er?« -- und bei den Männern in dem Raum zwischen den +Bänken und den Pfeilern ward es unruhig. + +»Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.« + +»Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben«, erklärte der Schneider Coccola; +und der Schlosser Fantapiè: + +»Es fehlte nichts weiter.« + +»Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim +Malandrini.« + +»Man muß gestehen,« äußerte der Wirt von den >Verlobten<, »daß Malandrini +bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?« + +»Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond< +abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?« + +»Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.« + +»Es ist schrecklich.« + +»Man hört nichts«, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. +»Spricht er von der >Gegenseitigen<?« + +»An meinem Platz«, -- und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, »sitzt die +Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann +soll er uns wenigstens die Logen lassen.« + +»Ihr alle seid mitschuldig«, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar +zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter +den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und +doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und +fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie +die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl +gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt +war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn +schauderte, er sagte rasch: + +»Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug, +um zu sündigen.« + +Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust +quoll es, als sollte sie springen. + +»Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das +heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen +Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn +an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da +mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen +war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das +Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .« + +»Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen«, -- +und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. »Es +ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.« + +»Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und +nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.« + +»Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu +Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er +uns alle vergessen.« + +Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen +Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut. + +»Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der +Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals +wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch +Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein +gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie +erlöschen . . .« + +»Wie?« fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen +unbeugsamen Augen. »Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?« + +Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut +aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo +griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus: + +»Ja, ich bins, ich habe es getan.« + +Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und +erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich. + +»Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.« + +Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn +erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel +zurück. + +»Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!« + +Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über +sie hin die Arme. + +»Friede!« rief er auf einmal mit läutender Stimme. »Das Opfer ist gebracht, +wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem +Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht +gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst --« +und Don Taddeo schlug sich, »haben sie begangen! Denn wir hatten nicht +genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den +Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen +mußte. Ich klage mich an --« + +Die Hand hinaufgereckt: + +»-- des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen +Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, +damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger +--« + +Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme +aus. + +»-- den ich ungerecht habe leiden lassen.« + +Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an: + +»Aber! Reverendo!« + +»-- den ich ungerecht habe leiden lassen!« rief Don Taddeo noch einmal, +hoch und zitternd. »Niemand hat mehr für euch getan als er.« + +»Ihr! Ihr!« antwortete es ihm. + +Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten. + +»Liebt euch! seid gütig! gütig!« + +Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten +eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am +Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte +herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau. + +Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen +geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er +war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug +er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar +noch eine Falte von ihm flatterte. + + * * * * * + +»Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es +kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.« + +Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don +Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen +dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf +abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit +ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen +Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche. + +»Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den +Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch +bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.« + +Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und +stampfte auf. + +»Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte +mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.« + +Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd: + +»Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.« + +»Man redet nicht mehr gegen den Advokaten«, sagte Frau Zampieri +entschlossen. »Don Taddeo will es nicht.« + +»Don Taddeo will es nicht«, wiederholten die Frauen. + +»Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.« + +Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den +Augen. + +»Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!« + +»Frieden! Frieden!« rief der Seiler. »Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.« + +Die Frauen drängten eilig in die Mitte. + +»Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!« + +Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die +Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie +flüsterten: + +»Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.« + +Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge. + +»Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf +kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will«, -- und er schnitt dem +Bäcker Crepalini eine Fratze »der wende sich an mich, seinen Freund.« + +Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward: + +»Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.« + +»So wird er umsonst warten,« entgegnete der Schneider, »denn ich werde in +seiner Messe nicht spielen.« + +Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein. + +»Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester +des Weines.« + +Alle redeten dem Schneider zu. + +»Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um +unser aller Erbauung, was Deixel.« + +Die Frauen sagten: + +»Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?« + +Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die +Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten +Wache, bis er droben war. + +»Immer Ihr!« + +Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz. + +»Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --: +ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.« + +Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des +Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. +Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti +sagte: + +»Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.« + +»Und meine Ehre?« fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im +Chor stießen sich an und kicherten. + +Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark +in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte. + +»Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er +welche hätte, der heilige Mann.« + +»Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.« »Aber er +schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.« + +»Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe +mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in +der Unterpräfektur verschafft hat.« + +Der dicke alte Corvi brummte: + +»Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle +bei der öffentlichen Wage gegeben hat?« + +Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf. + +»Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt +haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es +nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die +Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er +ihn kennt --« + +»Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.« + +»Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei +Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.« + +»Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die +Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind, +dank unsern Sünden.« + +Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe +gegen das Elend der Unwissenheit. »Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da +ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir +anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!« . . . Dreimal rief er um +Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend +der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton +irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel +hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus +gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu +klagen an. + +»Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch +nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte +ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.« + +»Ach, ach«, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte. + +Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen. +Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit: + +»Gloria in excelsis!« + +Und es antwortete ihm der Chor: + +»Gloria in excelsis!« + +Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten +feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf. + +Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè. + +»Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.« + +»Ich sage nicht nein,« antwortete der Krämer Serafini, »aber wird Crepalini +wollen?« + +Denn der Bäcker wühlte umher. + +»Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen +Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in +den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, +Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert +er nicht das Monopol.« + +»Welch Glück für alle!« riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; -- +und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das +Volk an, das sich beglückwünschte. + +Der Herr Giocondi wagte sich hervor: + +»Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel +kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle +verhungern; --« und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht +gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück. + +»Mut!« sagte er. »Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. +Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit +eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.« + +Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen: + +»Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von +ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.« + +»Nicht antworten!« raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon +losfuhr. »Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.« + +Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand +sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand +weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen. + +»Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don +Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.« + +Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte. + +»Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat, +den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.« + +Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann, +flüsternd: + +»Knien Sie hin!« + +Und als sein Ohr ganz nahe war: + +»Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle +heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem +Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba +retten. Lassen Sie mich beten!« + +Nach einer Weile, mit Aufseufzen: + +»Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er +schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, +rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer +Frau gefährlich zu werden?« + +Da sie den Savezzo schnauben hörte: + +»Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den +Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo +umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, -- und die Leute verehren +ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und +sich an den Advokaten halten.« + +»An wen?« + +»An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen +andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er +Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie +machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu +herrschen.« + +»Niemals«, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann: + +»Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie +den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit +gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten +befreit.« + +Sie neigte sich tiefer. + +»Libera nos a malo!« + +»Niemals!« wiederholte er. »Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich +heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann +habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem +Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --« + +»Still da!« -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. »Finden +Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?« + + * * * * * + +Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den +er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von +der linken Seite des Altars auf die rechte. »Sein Wandel war noch +schwerer«, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und +Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: »Aber seine Werke duften. Seine +duften.« + +»Es ist höchste Zeit«, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und +den Schuster Malagodi am Arm. »Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es +wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?« + +»Eh! auch das kleine Volk ist noch da«, sagte der Schuster. + +»Und Don Taddeo«, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden +Serafini, alle sagten dasselbe. + +»Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen +wir ohne ihn das Volk?« + +Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen +Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der +Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt +-- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen! + +Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten +die Achseln. + +»Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.« + +Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren +Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis +auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den +Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein +Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war. + +»Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!« -- und der Savezzo wollte +die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie +ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen. + +»Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!« + +»Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?« + +»Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!« -- und er hüpfte auf +einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. »Meine Schuhe sind +durchlöchert. Und hier!« + +Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie +antworteten: + +»Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns +nicht.« + +Der Mann, der das Mädchen trug, sagte: + +»Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.« + +»Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten«, rief eine Frau; und +eine andere: + +»Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.« + +Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt, +um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in +die Augen. + +»Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt +bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet +Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil +gehen.« + +Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand: + +»Der Advokat ist ein großer Mann.« + +Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, +droben im Chor, hörte es. + +»Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist«, -- und er dirigierte ganz +leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln. + +»Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden +habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie +gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß +alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des +geistlichen Lebens< paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich +hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.« + +Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm +auf einmal heftig. »Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch +leben!« Und der Stock zitterte. + +»Halleluja!« sang Don Taddeo. + +Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand +senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . +Da zuckte er auf. »Das Tenorhorn! Ich wußte es.« Er war plötzlich weiß, wie +der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus. + +»Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.« + +»Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben«, zischelte der +Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider, +dunkelrot, das Horn von sich stieß. + +»Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also« -- +und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, »nehmt doch Ihr +den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als +ich.« + +Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die +Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ +ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der +Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem +Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff +sich an den Hals. Ganz heiser: + +»Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor +schläft.« + +Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge +Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne +Alfò hängte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte +Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die +Wände. Jemand rief: »Hilfe!« + +»Was trampelt ihr dort oben?« fragte man hinauf. »Was gibts?« + +Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber. + +»Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es +selbst geschrieben.« + +»Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen +anzuzünden.« + +Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. »Wie er gebückt +geht!« bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu: + +»Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.« + +Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen +übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die +kleinen schwarzen Hände vor die Brust. + +»Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.« + +Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis +ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola +schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des +Evangeliums erklang. + +Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter. +Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in +der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, +man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen +befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht. + +»Das Kredo! Aber das ist glänzend!« + +»Es ist aus der >Armen Tonietta<«, behauptete Polli. + +»Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.« Und da das +Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken: + +»Bravo Maestro!« -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in +seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände +höher hinauftasteten. + +»Komm, heiliger Geist!« + +Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf: + +»Orate, fratres!« + +Ein jähes Aufschwellen des Chores: + +»Sanctus! Sanctus! Sanctus!« + +Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch +miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln. + +In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen. +Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau +Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte +eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende +Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des +Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen +Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters. + +»Auch uns Sündern«, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am +Kreuz, weit offen gegen das Volk: »Pax Domini!« -- und indes alles sich +räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der +Chor: + +»Sondern erlöse uns von dem Übel.« + + * * * * * + +Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben. + +»Was hast du? Was gibts denn zu weinen?« fragte Polli ihn. »Ah! wie sie +schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich +bin so lange nicht in der Bude gewesen.« + +Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr, +links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still. + +»Es handelt sich nicht darum«, sagte Polli. »Es handelt sich um den +Advokaten. Wir müssen ihn holen.« + +Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan. + +»Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu +schließen. Er ist besser für die Geschäfte, -- und schließlich sind wir +Menschen.« + +»Eh! ich sage nicht nein«, erwiderten sie. »Denn wegen des Bürgerkrieges +bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es +trifft auch uns.« + +Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde +vor dem Dom. + +»Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn +nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.« + +»Ich verbürge mich für meinen Freund,« sagte der Apotheker, »daß er Euch +das Monopol erneuert.« + +Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den +Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte +die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. »Ich habe sie +also erbaut«, dachte er. »Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen +Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für +Flora Garlinda.« + +Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer +und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender +Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin. + +»Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: -- gestern abend schon ist +sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe +abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro --« + +Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab: + +»-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi +und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.« + +Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die +nächsten zu Zeugen herbei. + +»Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi +ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.« + +Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an: + +»Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme +Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er +uns.« + +»Das ist zu natürlich«, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große +blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die +Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des +Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart. + +»Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die +Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen, +daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft +Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, +Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano +abgetreten haben.« + +Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich +plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf +der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit +ausgestreckten Händen nach. + +»Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich +versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent --.« + +»Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven +nicht widerstehen. Und bei alledem --« + +Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er +stöhnte wund. + +»-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen +Wohltäter!« + +Der Cavaliere begann zu schnuppern. + +»Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.« + +Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend: + +»O! O!« + +Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen: + +»Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!« -- und immer wieder das +Gebrüll des Savezzo: + +»Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine +Rache spüren!« + +Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um. + +»Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.« + +»Der Schneider . . .« + +Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen +den Fingern hervor: + +»Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern +. . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.« + +Der alte Tenor lachte meckernd. + +»Eh! und wenn es wahr wäre.« + +»Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.« Die Miene des +Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand. + +»Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es +versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich --« + +»Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige, +Intrigant!« + +Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im +Kreise umeinander her. + +»Ah! diese jungen Leute«, jammerte der Alte. »Immer gleich ist der Kopf +dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!« + +»Was habe ich getan!« stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen, +sein Kopf wackelte vor Zorn. + +»Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan +haben, ist niedrig und gemein!« + +Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen: + +»Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl, +daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend +Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, +die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!« + +Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und +kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke. + +»Cavaliere!« + +Sie holte ihn ein; sie flüsterte: + +»Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.« + +Da er stöhnend herumfuhr: + +»Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß +Sie noch heute die Stadt verlassen.« + +»Ich werde sie nie mehr verlassen.« + +»Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da +der Schneider Ihre Wohnung kennt --.« + +»Retten Sie mich!« + +Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten, +stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin +und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace. + +»Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.« + +Aber der Savezzo brach hervor: + +»Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.« + +Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte +den Finger naß: + +»Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.« + +Die Menge wich zurück -- und plötzlich stürzte sie vor. + +»Laß sehen! Wo!« + +»Es ist falsch!« rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt +das Papier in die Höhe. »Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den +Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.« + +Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein +und schrie, daß ihm die Adern schwollen: + +»Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er +verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar +diesem und gibt ihm sein Papier zurück.« + +Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase +schielte. Das Volk klatschte. + +»Bravo! Hole den Advokaten!« + +»Der Schneider«, sagte Frau Camuzzi, »hat vom Maestro nicht ihren Namen +gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. +Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!« + +Da er sie ansah: + +»Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders +entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was +ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird +nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren +. . .« + +»Aber das wäre ein Mord«, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen +Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. »Ich rate Ihnen, weil Sie +es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei +der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für +Augen hat!« + +»Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.« + +»Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist +fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.« + + * * * * * + +Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein. + +»Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger +des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?« + +Auch der Herr Giocondi wackelte herbei. + +»Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don +Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.« + +Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger +auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten. + +Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er +schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte, +spritzte es. + +»Feiglinge! Elende Feiglinge!« heulte er. »Doppelte Verräter, die abfallen +in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich +gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.« + +Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt. + +Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker: + +»Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht +niedergeschlagen?« + +Nach einer Weile seufzte Polli: + +»Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir +trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß +ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.« + +Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt. + +». . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster«, bemerkte +Mancafede. Der Tabakhändler meinte: + +»Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er +sehen, daß es auch noch Freunde gibt.« + +Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte +sich ins Zimmer zurück. + +»Advokat, da kommen drei Herren!« + +Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen +geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus. + +»Gottlob, es sind Freunde.« + +»Was denn, Freunde,« -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die +Haare hinauf. »Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen +wollen, daß er auf die Galeere kommt.« + +»Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest +besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde +er nicht besser tun, Doktor?« + +Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte, +stimmte zu. + +»Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der +Platz langweilig ist ohne den Advokaten.« + +Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer. + +»Galileo!« rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. +»Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.« + +Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie +ein kleines Mädchen. + +»Was habe ich gesagt«, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der +Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn. + +»Auch das härteste Geschick wird mich stark finden«, sagte der Advokat und +beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. »Aber ich fühle mich +nicht verloren; denn --« + +Er fand Stimme: + +»-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.« + +Da flog die Tür auf. Polli rief herein: + +»Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?« Aber sogleich +verstummte er und machte einen Schritt rückwärts. + +»Signora Artemisia,« flüsterte der Apotheker, »was gibts? Der Advokat sieht +uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?« + +Da sie nur die gefalteten Hände erhob: + +»Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das +Volk will ihn wieder haben.« + +»Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?« fragte Galileo. + +»Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?« sagte Polli. »Das +Volk ruft dich, Advokat.« + +»Da bin ich«, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor. +Er schob den Doktor fort, -- aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem +Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei. + +»Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.« + +»Was, Ruhm!« -- und Galileo erklärte den Herren: + +»Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man +essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann, +versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes +mehr, als Unterröcke . . .« + +Die Schwester jammerte auf. + +»Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest, +könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren. +Jetzt ist es geschehen.« + +»Denn der Advokat«, schloß Galileo, »hat heute morgen in der Badewanne +einen Schlaganfall gehabt.« + +Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem +Handrücken. + +»Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den +Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!« + +»Es war nur ein wenig Schwäche«, entschied der Doktor; »denn, Advokat, es +sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!« + +Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten. + +»Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden +verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!« + +»Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich. +Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist +stärker als Sie, ich bin gesund.« + +Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt. + +»Ihr Gesicht ist schon weniger grau,« sagte der Doktor Capitani, »Ihre +Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir +versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.« + +»Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!« -- und der Advokat +tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden +Backen. + +»Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich +habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an +die Gerechtigkeit des Volkes.« + +»Nicht diese Hose!« rief Polli. »Es ist ein großer Tag; der Advokat muß +gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.« + +»Wo hast du die neue?« fragte die Witwe Pastecaldi. »Sieh doch Galileo: er +hat sie gefunden.« + +Galileo polterte: + +»Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.« + +Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte: + +»Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf +einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns +um Gnade gebeten.« + +»Es ist nicht wahr«, sagte der Apotheker. »Er hat uns alle zum Frieden +ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen, +Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.« + +»Und daß auch er einer ist,« sagte der Advokat, »das weiß ich seit heute +nacht.« + +Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut. + +»Gehen wir! Artemisia, komm!« + +Sie betastete ihr ländliches Mieder. + +»Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.« + +Er antwortete: + +»Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als +es selbst.« + +»Der Advokat auf die Galeere?« sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid +die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben. + +Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie +das Volk auf. + +»Beim Bacchus«, sagte Polli. »Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus +geholt.« + +»Wenn sie nur kein Unglück anrichten«, sagte der Advokat. »Ich werde +nachsehen müssen.« + +»Eh!« machte der Apotheker, »glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun? +Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.« + +Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede: + +»Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.« + +Der Advokat erlangte Worte: + +»Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist +ja ein Dummkopf!« + +Sein Lachen brach ab, er ging weiter. + +»Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don +Taddeo eine erlesene Seele hat.« + +Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da öffnete drunten sich der +Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf, +und Schreie knatterten: + +»Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!« + +Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige +Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn +begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das +er zurücklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte +die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte +alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus. + +»Nie hat man den Advokaten so gesehen«, riefen die Frauen. »Er ist schön!« + +Die Männer sagten einander: + +»Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in +der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.« + +»Meine lieben Freunde«, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände. +Der Apotheker drang vor: »Platz, Ihr Herren!« und vom Dom her bahnte der +Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben +einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die +päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und +sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum: +vom Rathaus flatterte die Trikolore. »Es lebe der Advokat!« + +Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er, +bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich: + +»Camuzzi! Ah!« + +Mit einem Blick auf die Trikolore: + +»Mein lieber Freund Camuzzi!« + +»Den Hymnus an Garibaldi!« schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause, +hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber +schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne. + +»Den Hymnus an Garibaldi!« wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr +Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn +um den Königsmarsch. + +Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk; +er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit +beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot; +seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich +nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung, +sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte +lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern +. . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. +Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, +noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von +sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise +voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und +Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen +aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes +umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die +Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der +Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend +hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er +ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie +ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum +drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den +Händen; »Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!« -- und indes jeder sich +nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal +einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade +wie man es in der »Armen Tonietta« an der Primadonna und dem Tenor gesehen +hatte. + +»Es lebe Don Taddeo!« + +Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende +Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und +einem flüchtenden Lächeln. + +»Es lebe der Advokat!« + +»Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!« -- und er reckte +sich hinauf. »Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den +Eimer zeigen!« + +»Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!« rief das Volk. Der Advokat +drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don +Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die +Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen. + +»Wie, Reverendo?« -- und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut. + +»Welch Heiliger!« sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano +herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor. + +»Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die +Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute +nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo, +der Sie mehr getan haben als alle --« + +»Große Sünden«, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust, +»verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere +Verdienste eins sind mit unserer Schuld.« + +»Ich bin Ihrer Meinung«, sagte der Advokat. »Wir werden immer nur tun +können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen +erlaubt ist --« + +Mit einem Bogen des Armes: + +»-- das kommt mir vom Volk.« + + * * * * * + +Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub beförderte die beiden samt +ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte +vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen. +Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes. +Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er +schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich +ein einziges, dämmerweißes Gesicht. + +»Sie hier, Herr Savezzo?« fragte Frau Camuzzi. + +»Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.« + +»Ich, ein Zeichen?« + +Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte: + +»Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?« + +»Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber +in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des +alten Feindes erleiden.« + +Gedämpfter Jubel drang in die Stille. + +»Hören Sie?« -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden. + +»Heben Sie ihn auf,« sagte Frau Camuzzi, »wir sind in der Kirche. Da Gott +selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.« + +»Ich werde sie ändern, -- nachdem ich draußen gesiegt habe und groß +geworden bin.« + +»Ich«, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, »habe einen Mann, der +Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben +enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.« + +»Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und +Leidenschaften!« + +»Glauben Sie?« -- ganz sanft den Kopf geneigt. + +»Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer +Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der +Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich +aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien +zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.« + +Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen +heulte es auf: + +»Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!« + +Die beiden sahen sich an. + +»Es scheint,« sagte langsam Frau Camuzzi, »daß der Turm, der ein wenig eng +ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe +abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.« + +Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie +deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile: + +»Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?« + +Er breitete die Flügel seines Mantels aus. + +»Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt, +und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.« + +»Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu +sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde +sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders +Chiaralunzi.« + +Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von +unten: + +»Wie haben Sie das gemacht?« + +»Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet, +das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels, +dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht +bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?« + +»So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?« + +Da er einen schwarzen Blick bekam: + +»O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus +entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein +Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!« + +Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere +Schulter wieder zurückflog. + +»Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!« + +Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die +Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern. + +Draußen brach Geschrei aus: + +»Der Savezzo!« + +Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum +Dom. + +»Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den +Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet +haben? Ergreift ihn doch!« + +Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die +Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch, +stampfte von dannen. + +»Hohoho!« machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo +verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte: + +»Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er +geht.« + + * * * * * + +»Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat +zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?« + +Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch +Feuer und Wasser verdorben. + +»Wie?« riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, »so werden Sie die Stadt +ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?« + +»Platz für das Fräulein Italia!« -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei +der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und +rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es: + +»Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo +. . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist +droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen +gefragt.« + +Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab. + +»Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre +auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut +an!« + +Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die +auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet +wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don +Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins +Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte +einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari +sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte +Italia es. + +»Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen«, sagte sie. + +»Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen«, erwiderte der Advokat +pünktlich. »Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag, +lehrt uns dennoch«, -- und der Advokat erhob die Stimme, »den Glauben an +den menschlichen Fortschritt!« + +Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die +Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten. + +»Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer +Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer +damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben +Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur +noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!« + +Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen. + +»Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn +umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.« + +»Wo ist Don Taddeo?« + +Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand: + +»Er ist drunten auf dem Platz!« + +Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte +hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher +Auflehnung: »Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich +euch geopfert habe?« + +Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes +hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein +seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus +dem Schwall. + +»Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!« verlangte das Volk; und man +suchte nach einer Schnur. + +»Das Band, das du im Haar hast, würde passen«, sagte der Doktor Capitani zu +seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch +den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat: + +»Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der +Frauen!« + +Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im +Lärm flüsterte er ihr zu: + +»Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.« + +Und er glaubte es, -- so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn +verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er +drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein +befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich. + +»Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht +mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und +im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man +sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame +Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um +einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer +sein.« + +Da er an den Apotheker geriet: + +»Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir +uns verdient.« + +Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes: + +»Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich +mich niemals mehr, -- da ich es heute früh nicht getan habe.« + +Der Advokat drückte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog, +hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch +eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle +kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um +ihn her. + +»Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am +blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . . +Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche +Vorschüsse . . .« + +Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. »Seid gut, +Kinder«, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf +einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten +Halstüchern fingen sie ein. + +»Alle hierher!« rief es vom Café »zum Fortschritt.« »Die Herren zahlen.« + +»Auch hier wird bezahlt!« schrie beim Café »zum heiligen Agapitus« der +Bäcker. Er setzte hinzu: + +»Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.« + +Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle +Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen +Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte: + +»Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.« + +»Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!« verkündete der +Herr Giocondi. »Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn +erhöht.« + +»Ich denke nicht daran!« rief der Herr Salvatori. »Der Herr Giocondi will +mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.« + +Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren +herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz +weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab. + +»Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals«, sagte Frau Camuzzi, +sanft zischelnd. »Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende, +die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.« + +Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen +umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum +wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke +da, Frau Acquistapace mit einem Rock: »Möge er Euch Glück bringen, ich habe +ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;« -- und Mama Paradisi zog +schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei, +aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie +bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen. + +»Wie wir alle gut sind!« sagte Frau Camuzzi. + +»He! Freund Giovaccone!« -- und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch. +»Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör +ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war. +In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe +dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.« + +»Alle glücklich!« -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange, +so daß sie müde lächelte. »Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in +meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch +welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt +als nur an euch?« + +Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten +Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden +blank und weich; sie dachte: + +»Sollte es dennoch ein Glück geben?« + +»Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich«, sagte +Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte +Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und +es war da. »Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern +fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als +habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte +wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren; +sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .« + +Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich +früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn +eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina +Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres +Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als +erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des +jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung. + +Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch +jeden stolz an und rief: + +»Der Advokat ist ein großer Mann!« + +Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an. + +»Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben, +fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr +sie lieber schonen?« + +Nello lächelte zärtlich, er dachte: »Welch schöner Gedanke! + +Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist +Alba!« Er setzte noch hinzu: + +»Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.« + +»Wer recht hat, sind Sie!« -- und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf +es in die Luft. + +»Es lebe der Advokat!« + +Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er +sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange +Mienen hatten. + +»Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß, +meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie +nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu +begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren, +wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine +Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es +war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --« + +Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer. + +»-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich +ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren +Putz.« + +Alle Hände rasten, -- und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen +rostigen Schlüssel, suchte weiter. + +»Gaddi!« -- mit weit ausgestreckten Händen. »Sie, der Sie heute nacht an +Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich +verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.« + +Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen. + +»Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär +sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem +unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater, +Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!« + +Gaddi sagte: + +»Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke +Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft +wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? -- und würde +man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die +großen Dinge fühlen, die das Leben hat?« + +»Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie +wären wert, einer der Unseren zu sein.« + +Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte: + +»Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr +großer Name verläßt nie wieder die Stadt!« + +Der alte Tenor geriet in Bewegung. + +»Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?« + +»Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum +berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus +mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen +Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he, +Malandrini!« + +Er holte den Wirt herbei. + +»Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht +weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran +zu befestigen.« + +»Aber er war nicht mein Gast«, sagte Malandrini. + +»Ich war nicht sein Gast«, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat +fuchtelte. + +»Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die +Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.« + +»Ich sage nicht nein«, erklärte der Wirt. »Vielleicht, daß die Engländer +kommen, um die Inschrift zu lesen.« + +»Welch schönes Genie ist das Ihre!« -- und der alte Sänger fiel dem +Advokaten um den Hals. + + * * * * * + +Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke +stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers +Masetti. + +»Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!« befahl das Volk. + +Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der +Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst, +es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe -- + +»Herunter!« schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die +Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den +Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte +sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst +ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im +Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte +Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von +seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige +Schwiegertochter mit Zigarren beladen. + +»Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und +ihn zumachen.« + +Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl. +Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli +nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum, +blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete. + +»Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.« + +Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre +Vorräte unter eine große Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mägde die +Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen. + +»Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!« + +Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung. + +»Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo. +Wo ist er?« + +»Wie?« rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber +aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. »Habe ich +vielleicht nicht recht? Sie sind buck --« + +Er verschluckte das Wort. + +»Aber darum sind wir doch alle gleich.« + +Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch. + +»Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!« + +Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man +sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die +Gesundheit des Heiligen! + +Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau +Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite +nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen. + +»Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!« + +Der Advokat griff ein. + +»Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies +bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt, +Chiaralunzi --« + +Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen. + +Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er +sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur +gesagt, um etwas Witziges zu sagen. + +»Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann +betrügt.« + +Der Kapellmeister spreizte die Hand. + +»Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber +glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen +habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der +ich jetzt so glücklich bin.« + +Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter +Stimme: + +»Könnt Ihr zweifeln?« + +Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und plötzlich griff +er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall. + +»So haßt ihr euch denn nicht mehr.« + +»Haßten wir uns wirklich?« sagte der Kapellmeister. »Es war wie der Haß +eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man +ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil +man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut +man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!« + +Zum Advokaten: + +»Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.« + +»Eh! wem sagen Sie das«, erwiderte der Advokat. + +Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich +zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das +vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . »Welch ärmlicher +Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte. +Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns +gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg +geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor +Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl +schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so +hartes Leben führe?« + +»Hört doch, Fräulein!« riefen Zecchini und die Trinker, »Ihr sollt etwas +singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!« + +»Flora!« sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die +Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er +wollte sie küssen. »Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist +ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine +Alte.« + +Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das +Gesehene sogleich wieder verloren hatten. + +»Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen +gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz +tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten +. . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den +Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich +nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein +Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen +haben, -- bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.« + +Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen +krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den +>Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich +darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi +hielt ihn zurück. + +»Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen. +Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider +gehen.« + +»Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,« -- +und der Alte hüpfte auf. »Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe +noch lange nicht!« + +»Ich werde für Sie beten«, sagte Frau Camuzzi. »Aber darum trägt dennoch +der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den +Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon +längst.« + +Da der Alte zurückwich: + +»Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt +und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man +den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?« + +Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher. + +»Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen«, jammerte er. »Wenn +der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich +tot. Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!« + +Frau Camuzzi packte hart seine Hände. + +»Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!« zischelte sie, und ihr Mund stand +verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still, +er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug +die Augen nieder. + +»Wie Sie mich quälen«, murmelte sie. »Schon so lange, ach, verrate ich +Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen +nichts sehen.« + +Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit. + +»Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß +ich nichts sah.« + +Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann +fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini, +Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum +geräuschvoll in den Armen. + +»Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.« + +»Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!« + +Da sah sie auf. Der Alte erbebte. + +»Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich --. +Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.« + + * * * * * + +In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die +Stimme des Kaufmannes Mancafede. + +»Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts +kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie +nicht.« + +Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine +gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf +den Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen +Tage betrunken sein werde. + +»Eh!« machte der Kaufmann. »Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch +jetzt noch früh genug.« + +»Aber das Unglück?« fragte der Bariton Gaddi. »Ihre Tochter hat doch +prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien. +Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?« + +»Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich euch +meinen Wein geben muß?« + +Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen und +ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück. + +»Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!« + +»Gebt acht! Ich sage euch etwas.« + +Und als er genug Luft hatte: + +»Meine Tochter ist -- ist eine --« + +Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann +nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase. +Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brüllten. + +»Still da!« rief man. »Der Tenor singt.« + +Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und +sang in den blauen Himmel hinein: + +»Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus --« + +Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten +der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen +Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der +Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in +die Stirn. + +»Immer die >Arme Tonietta<«, sagte der Herr Giocondi. »Diese jungen Leute +wissen entschieden nichts weiter.« + +»Tut nichts«, -- und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. »Da nun +einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem +Phonographen zusammen die >Arme Tonietta< singen, und man lädt die Freunde +ein.« + +»Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig +unser Glück«, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . . +Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als +schnitte durch den Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines +Marmors, glühend von ungeheurem Leben. + +Plötzlich sprang er herab. + +»Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.« + +Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut +auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes +hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post. + +»Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr +warnen . . .« + +Da Nello die Hand bewegte: + +»Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund, +weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier +in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht +kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen, +ich bin seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.« + +»Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du +will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.« + +»Die Sache ist,« sagte Gaddi, »daß du der späteste Freund meiner Jugend +bist. Solange ich dich jung sehe --. Als wir Freundschaft schlossen, war +auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in +Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den +Pfählen. Für die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein +Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.« + +Nello lachte hell auf. + +»Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.« + +»So grüße ich dich denn«, -- und Gaddi umarmte ihn lange. »Adieu, mein +Bruder!« + + * * * * * + +Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer +aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott +essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er +erklärte: + +»Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht +gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank, +habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!« + +»Denn der Advokat«, sagte der Apotheker Acquistapace, »ist, und das findet +Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.« + +Der Bäcker bellte: + +»Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst +lehren müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit +ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel +davon nimmt.« + +»Bravo Advokat!« riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der +Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis +es still wurde. + +»Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!« keuchte er, und schon ward +geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her: + +»Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben. +Durch große Dinge --« und er hob sich auf die Zehen, »durch große Dinge +sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!« + +Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem +Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn +nicht durchlasse. + +»Auch du, Masetti,« rief der Advokat, den Arm hingestoßen, »hast noch zu +lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich +selbst auf Regeln und Gesetze berufen!« + +Er kehrte zum Volk zurück. + +»Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und +Gassen erregt, als sonst durch Jahre.« + +»Es ist wahr!« + +»Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig +Musik. Und dennoch --« + +Der Advokat machte die Arme weit. + +»-- wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück +vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!« + +Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit +einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft: + +»Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!« + +Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: »Sie leben!« -- indes +schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr +retteten, bevor Masetti hineinfuhr. + +»Warum weinst du denn?« fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi +und stieß ihr die Knöchel in die Seite. »Kann etwa eine andere Familie sich +rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund +zu weinen.« + +Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden. + + * * * * * + +Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die +Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des +Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um +Entschuldigung wegen der Störung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna +Flora Garlinda kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse +der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei +ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der +Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen, er ließ ringsum +den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen +Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare +und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde +Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser +entlang schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß +nicht wohin. + +Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte, +in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; -- und +inzwischen mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige +Treue schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine +kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger +werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung +keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren, +auch sie kämen; und sie holten ihre Räder. + +»Wir alle kommen mit!« -- und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen +wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten: +der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im +Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus. + +Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd +gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und +der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort. + +»Und der Advokat?« fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte. + +Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster +nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er +stürzte vor mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon +wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber +Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus +Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders. + +Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man +verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme +zu werfen: »Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren? +Ich, der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?« -- und auf +einmal brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er +entkam. + +»Abfahrt! Alle hinterher!« -- und als die Diligenza durch das Tor fuhr, +wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten +und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die +flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten +darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb +wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen +lassen, der schöne Herr -- bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen +Choristinnen. Sie saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um +den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine +bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne +daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der +Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und, +versteht sich, hinten lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner +Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes »zu den Verlobten« +für betäubte Gesichter machten! -- und dennoch erklärten alle, sie wollten +bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mußte +sich wehren, weil der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er +seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte +zu seiner Frau: + +»Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der +Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll +sind ausgezogen.« + +Sie antwortete: + +»Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.« Und sie liefen +zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer trugen +die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und: +»Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello. +Welch schöne Sonne!« -- da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten +eilten nach. + +»In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben +sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre +Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.« + +Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. »Es scheint, daß +es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim +Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!« + +Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem +breiten Roß. + +»Ists erlaubt?« fragte er das Volk. Es antwortete: + +»Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts, +Advokat, Sie gehören an die Spitze.« + +»Der Advokat an die Spitze!« -- und alles wich aus nach beiden Seiten. Den +Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der +Advokat hindurch. + +»Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!« + +»Versteht sich, daß er lebt!« polterte Galileo unter seinem glockenförmigen +Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im +eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten. + +»Der Advokat ist ein großer Mann«, erklärte er. »Aber auch wir sind nicht +von Pappe.« + +Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine +Verbeugung. + +»Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit +und Größe!« -- und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und +Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem +Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen. + +»Aber er ist wieder eingestiegen«, erklärte Frau Camuzzi. + +»Sie haben es gesehen?« + +»Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?« + +Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er +seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt; +und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam. + +»Aber -- der Gennari?« rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza +anlangte. »Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für +unsere Gäste verantwortlich sind?« + +»Beruhigen Sie sich, Advokat,« -- und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans +Fenster, »es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.« + +Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte. + +»Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis +zum letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen -- das ist die Rache +von uns Bürgern -- die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn +sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .« + +Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die +Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte +den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf, +und bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war, +schwieg man. Dann sagte der Advokat: + +»Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben. +Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt +Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der +Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist +alles.« + +Und eine Strecke weiterhin: + +»Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im +Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden, +die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über +den Altar der Göttin gossen.« + +Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi +mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des +Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der »Armen +Tonietta«; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange +sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen +waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, +Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das +Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen +mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, +bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu +einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem +Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von +Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da +bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor. + + * * * * * + +Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den +Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft. +Ein Zucken -- sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in +einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, -- und +immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten +des Schleiers. + +Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt +zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge +irgend etwas Grauenhaftes quer darin, -- und dann taumelte sie, die Hände +vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein. + +Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander +gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den +Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten, +als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als +er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der +Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt, +auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller +Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt? + +Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit +Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah, +langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch +auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, -- +und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände. + +Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß +niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine +Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die +Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte +und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat +ein. + +Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem +Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie +lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren +Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde +Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der +Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen. + +Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken +der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr +nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den +klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten +des Schleiers krampfte sich ihre Hand; -- Alba wartete und lauschte. + + * * * * * + +In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah +eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm +zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig. + +Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf +der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt +sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor +etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken +. . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei +jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er +und hätte unter den Hufen die Welt. + +Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des +Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern +stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; -- und sein +inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen +Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes +war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis, +Sünde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging +dahin, dahin. Welche Angst! »Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch +einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!« . . . Da ward feierlich sein Herz +berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte +klangen nach. »Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz! +Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!« + + * * * * * + +Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt: +der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht +sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und +näher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es +spritzte Blut. Sie riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt +sich, -- bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte +Brust. + +Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und +unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr +kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die +Seite, wollte sich aufstützen . . . + +Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich +selbst, wendete den Hals umher. »Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich +allein sein würde.« Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn. + +»Nello! Auf!« -- den Atem angehalten. + +»Böser, warum rührst du dich nicht?« + +Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: »Habe ich es denn +getan?« + +Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . . + +Dahinten der Fensterladen zitterte heftig. + +Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund +und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte, +sprach sie zu ihm: + +»Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich +sehe mich nicht mehr in deinen Augen.« + +Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte: + +»Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten«; -- und drückte es sich ins +Herz. + +Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande +des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten +zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend +. . . Als aber die zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso +herauf ein dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein +Lebender kannte; -- und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz +hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren +Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und +legte, schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen. + +Dieses Buch wurde gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig + +Folgende Bücher von _Heinrich Mann_ sind früher erschienen: + +_Romane_ (bei Alb. Langen, München). + +Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten. + +Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy. + +Die Jagd nach Liebe. + +Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. + +Zwischen den Rassen. + +_Novellen._ + +Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, München.) + +Flöten und Dolche. (Bei Alb. Langen, München.) + +Stürmische Morgen. (Bei Alb Langen, München.) + +Schauspielerin. (Wiener Verlag.) + +Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) + +Die Bösen. (Inselverlag.) + +Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. Essai. (Bei Bonsels, +München.) + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [p. 5]: + ... hieher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ... + ... hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ... + + [p. 5]: + ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mürben ... + ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben ... + + [p. 70]: + ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ... + ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.« ... + + [p. 85]: + ... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ... + ... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ... + + [p. 100]: + ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinket, ... + ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, ... + + [p. 135]: + ... Advokat Belotti konnten beiide recht haben, denn Kirche wie ... + ... Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie ... + + [p. 138]: + ... Sie setzte sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ... + ... Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ... + + [p. 141]: + ... und welch stolzer rote Vorhang das Parterre verdeckt! Die ... + ... und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die ... + + [p. 158]: + ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ... + ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .« ... + + [p. 284]: + ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ... + ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.« ... + + [p. 296]: + ... Tür ihres Zimmes zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ... + ... Tür ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ... + + [p. 306]: + ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen nnd die ... + ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die ... + + [p. 314]: + ... »Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ... + ... Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ... + + [p. 320]: + ... sie die Kleider lösen, er blickte den Glanz des Fleisches. Er ... + ... sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er ... + + [p. 357]: + ... »Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ... + ... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ... + + [p. 367]: + ... in der Polilik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ... + ... in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ... + + [p. 378]: + ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<? ... + ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<?« ... + + [p. 397]: + ... »Ich werde Sie nie mehr verlassen.« ... + ... »Ich werde sie nie mehr verlassen.« ... + + [p. 437]: + ... Muais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ... + ... Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + +***** This file should be named 44174-8.txt or 44174-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/1/7/44174/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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