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+The Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die kleine Stadt
+ Roman
+
+Author: Heinrich Mann
+
+Release Date: November 13, 2013 [EBook #44174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT ***
+
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
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+
+ Heinrich Mann
+
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+ Die
+ kleine Stadt
+
+
+ Roman
+
+
+
+
+ Erschienen
+ im Insel-Verlag · Leipzig 1909
+
+
+
+
+
+
+
+
+I
+
+
+Der Advokat Belotti trat schwänzelnd an den Tisch vor dem Café »zum
+Fortschritt«, wischte mit dem Taschentuch um seinen kurzen Hals und sagte
+erstickt:
+
+»Die Post hat wieder Verspätung.«
+
+»Jawohl«, machten Apotheker und Gemeindesekretär; und da nichts
+Tatsächliches mehr zu sagen blieb, schwiegen sie. Der Reisende warf hin:
+
+»Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?«
+
+Die andern stießen unwillig den Atem aus. Der Leutnant der Carabinieri
+legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden handelte, die große
+Sicherheit der Straßen dar. Zwei seiner Leute begleiteten stets zu Pferde
+die Post, und nur einmal hatten sie einzugreifen gehabt. Damals wollte ein
+Bauer seinen Platz nicht bezahlen und zog gegen den Kutscher das Messer.
+
+»Solche Leute haben wenig Erziehung«, erklärte der Leutnant.
+
+»Ein langweiliges Handwerk, das eure«, rief der Apotheker Acquistapace mit
+seiner braven Stimme.
+
+»Betrunkene aus dem Graben ziehen und eine entlaufene Kuh zurückscheuchen.
+Als wir dabei waren, gings anders zu. Wie, Gevatter Achille?«
+
+Der Wirt rief von drinnen: »Zugegen.«
+
+Er stampfte heraus, stützte die Last seines Bauches auf eine Stuhllehne und
+wartete mit offenem Munde, worin die Zunge umherrollte.
+
+»Wie, mein Alter?« und der Apotheker klopfte ihn auf den Bauch, »vor
+unseren Füßen ist manche Granate geplatzt. In Bezzecca wars, als gleich bei
+uns beiden der General Garibaldi selber stand. Die Granate platzt, wir
+springen zurück, versteht sich; der General aber rührt sich nicht; er sieht
+in den Dampf, als ob er sinnt. >Keine Furcht, Freunde<, sagt er zu uns,
+und, Achille, wir hatten keine mehr.«
+
+»Das ist die reine Wahrheit«, sagte der Wirt; und mit Wucht: »Der General
+war ein Löwe.«
+
+»Er war ein Löwe«, wiederholte der andere Alte, fuhr mit der Hand durch
+seinen riesenhaften Schnauzbart und sah alle von oben an. Plötzlich machte
+er sich klein und tat eine Gebärde, als streichelte er ein Kind.
+
+»Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, wie ein Engel.
+Manches geschah, wie, Gevatter? was er nie erfahren hat. Alle wußten, daß
+jener Nino ein Weib war, nur der General nicht.«
+
+Der Advokat Belotti fragte: »War er eigentlich ein schönes Weib, jener
+Nino?«
+
+Der Apotheker zischte leise. »Solche Frauen gibt es nicht mehr! Und als ihr
+Geliebter gefallen war, da kams heraus, daß sie eine war. Aber sie verließ
+uns darum nicht. Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie
+mitgezogen war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!«
+
+Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. Der Wirt lachte
+lautlos, daß sein Bauch den Stuhl umherwarf. Sein Sohn, der schöne Alfò,
+war herzugetreten, der junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom
+Barbier her über den Platz gekommen; -- und alle, alle hatten, wie der Alte
+endete, ein neidisches Gesicht.
+
+Gleich darauf erinnerten sie sich, daß die Geschichte sehr alt war und daß
+sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, wie sie die Hühnerlucia kannten.
+Ihre Stunde war da: schon klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem
+Café. Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, mit ihrer
+Nase, die schärfer war als die Hühnerschnäbel, flügelschlagend mit ihren
+langen Armen, scheuchte sie das Federvieh zum Brunnen und ließ es aus der
+Pfütze trinken. Die Kinder kreischten um sie her, stießen sie, zupften an
+ihr und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen wie ein
+großes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. Ringsum gingen
+Fensterläden auf; an der Ecke schräg vor dem Café drängten über den Arkaden
+des Rathauses drei Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke
+Mama Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar streckte
+Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, den Kopf heraus, und dem Advokaten
+Belotti schien es, daß sie ein neues Halstuch trage. Er überlegte nicht
+ohne Unruhe, wer ihr nun das wieder geschenkt haben könne. Inzwischen
+schloß die Kleine ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hühnerlucia und
+all ihr Lärm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der Platz schlief
+weiter in seiner weißen Sonne, winklig beleckt von den Schatten. Der des
+Palazzo Torroni, am Eingang des Corso, lief spitz hinüber zum Dom, und vor
+der buckligen Kirchenfront malten die beiden säulentragenden Löwen ihr
+schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der Schatten des
+Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben dem Turm aber wich das Dunkel
+zurück, tief in den Winkel, worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede
+wußte. Kaum daß die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; -- hinter
+einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer dort stand, die
+Unsichtbare, das Rätsel der Stadt: Evangelina Mancafede, die niemals
+ausging und dennoch alles wußte, was geschah, es früher als alle wußte. In
+der Stadt tat jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch
+alle Häuser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel hervor,
+hindurchsehen zu können: nur eins verdeckte ihr der Turm, den Palazzo
+Torroni. Auch hieß es, daß sie von dort nichts wissen wollte, daß ihr Vater
+und ihre Magd -- denn sonst erblickte niemand sie -- den Namen des Barons
+vor ihr nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere
+geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war damals
+vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreißig. »Eine schöne Frau«,
+wisperte der Advokat dem Reisenden ins Ohr. »Vom Stillsitzen soll sie
+junonische Formen bekommen haben.«
+
+Seine Hände, die diese Formen nachbilden wollten, ließ er rasch wieder
+sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende fragte:
+
+»Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?«
+
+»Was denken Sie!«
+
+Alle bekamen gekränkte Mienen.
+
+»Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann läßt er ihr schöne Kleider
+kommen, sogar von Rom her, denn schließlich ist sie das reichste Mädchen
+hier und hätte hunderttausend Lire mitbekommen; lädt ihre ehemaligen
+Freundinnen ein, bestellt den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da,
+der Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina in ihren
+schönen Kleidern steigt die Treppe hinab. In der Mitte aber hält sie an,
+sagt >Nicht heute, ein anderes Mal< und geht zurück in ihr Zimmer.«
+
+Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinüber nach dem geheimnisvollen Hause.
+Unten, wie in schwarzer Höhle, glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging
+der Kaufmann hin und her: langsam immer hin und her. Die Gäste des Cafés
+»zum Fortschritt« konnten ihm zusehen und bei seiner Bewegung fühlen, daß
+die Zeit vergehe.
+
+Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm eingetreten: der Junge
+des Gastwirtes Malandrini. Was konnte bei Malandrini vorgefallen sein?
+Gewiß handelte es sich um die Frau, die der Tabakhändler erst gestern mit
+dem Baron Torroni in ziemlich verdächtiger Unterhaltung gesehen hatte. Wer
+weiß, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. »Nun --?« und alle Blicke
+sogen an dem alten Acquistapace, der, sein hölzernes Bein schwingend,
+zurückkam.
+
+»Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.«
+
+Alle Köpfe senkten sich.
+
+»Wenig Bewegung ist hier am Ort«, sagte der Leutnant der Carabinieri zu dem
+Reisenden und nickte hinüber, wo sich der Kaufmann Mancafede hin und her
+bewegte. Der Reisende wollte höflich den Ort entschuldigen, aber der
+Advokat Belotti sagte erstickt:
+
+»Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine Stunde Verspätung hat!
+Sonst sähe hier vielleicht alles anders aus. Denn schließlich -- sagen wir
+nur die Wahrheit! -- können doch jeden Tag die größten Dinge geschehen. Die
+Stadt steht vor Ereignissen, die . . .«
+
+»-- nicht eintreten«, schloß der Gemeindesekretär und lehnte sich zurück,
+um seine Taille zu zeigen.
+
+»Wer sagt Ihnen das?«
+
+Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte.
+
+»Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und muß ich nicht als
+erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage ich, geschehen kann?«
+
+»Bevor die Post da ist?«
+
+»Die Post! Die Post, mein Herr, war schon öfter da. Die Post hat zum
+Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, mir dem Vorsitzenden des
+Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla gebracht,
+mit der gütigen Erlaubnis der Frau Fürstin, das Schloßtheater zu benutzen
+für die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, hierher zu
+verschreiben gedächten. Und das war bereits kein geringer Erfolg, wenn Sie
+bedenken --«
+
+Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben Finger, die ihn
+älter machten als sein Gesicht, reckte er hinter sich, wo die Treppengasse
+zum Kastell hinaufbog.
+
+»-- daß das Theater seit fünfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig und
+dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nämlich seit der Vermählung des armen
+Fürsten . . .«
+
+»War die Vorstellung gut, Advokat?« fragte beißend der Gemeindesekretär.
+»Sie haben doch schon damals den Impresario gemacht? Denn wann waren Sie
+untätig? Gewiß nicht einmal in den Windeln.«
+
+Und der Advokat, mit verächtlichem Achselzucken:
+
+»Des armen Fürsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. Darum darf ich auch
+die Bewilligung unseres Gesuchs mir ganz persönlich zuschreiben und dem
+Umstande, daß ich der Sachwalter der Frau Fürstin bin.«
+
+»Aber der Kapellmeister?« fragte sein Gegner. »Sollte nicht auch er einiges
+Verdienst haben? Alfò, sage unserm Freunde, ob du und die andern alle in
+der >Armen Tonietta< eure Instrumente spielen könntet, wenn nicht unser
+Maestro Dorlenghi wäre!«
+
+»Wer leugnet seine Tüchtigkeit? Übrigens zahlt die Gemeinde ihm hundert
+Lire monatlich und die Kirche fünfzig. Aber scheint es den Herren nicht,
+daß wir auf die Künstler, die er uns verschaffen wollte, recht lange warten
+müssen?«
+
+»Ich wette, daß sie heute in der Post sitzen werden!« rief der Apotheker.
+Der Advokat bezweifelte es.
+
+»Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich noch selbst nach
+ihnen umsehen müssen. Wer weiß, wohin ich fahren werde: bis nach Rom
+vielleicht.«
+
+»Aber Advokat,« sagte der Gemeindesekretär, »was verstehen Sie vom
+Theater?«
+
+»Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, daß ich in einer Stadt wie Perugia
+studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine Truppe von Komödianten, und
+wir Studenten verkehrten mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht
+anders, als ich mit Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies
+Wort, die Choristinnen . . . Natürlich hatte auch die Primadonna den ihren,
+aber man mußte reich sein, sehr reich; ich erinnere mich, ein Herr aus der
+Stadt gab ihr dreihundert Lire im Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert
+Lire für eine Frau!«
+
+Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blühte er auf. Er
+öffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine Weste darunter war. Die Arme in
+der Luft gerundet, mit rauhen gelben Manschetten, die bis über die
+Korallenknöpfe herausfielen, und mit einer Flüsterstimme, aus der manchmal
+ein heiseres Bellen brach:
+
+»Aber so ist die große Welt: man muß sie kennen. Die Herren Künstler sind
+die großartigsten von allen. Man hat keinen Begriff von dem Leben, das
+diese Schauspieler und Literaten führen. Jede Nacht Champagner, schöne
+Weiber, soviel sie mögen, und nie vor zwölf aus dem Bett.«
+
+»Als ich in Forlì stand,« sagte der Leutnant der Carabinieri, »zeigte man
+mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. Freilich war er ein
+Deutscher.«
+
+»Wozu auch,« schloß der Advokat, »da sie spielend mehr Geld verdienen, als
+sie brauchen, und keine Sorgen haben. Für uns Bürger ists anders
+eingerichtet auf der Welt. Aber es ist nicht übel, daß es auch Menschen
+gibt, die ein so leichtes Leben haben, nach Herzenslust über die Stränge
+schlagen dürfen und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der Art
+hier bei uns, wird es lustig werden.«
+
+»Das kann nicht schaden!« rief der Apotheker. Gleich darauf hielt er sich
+den Mund zu und schielte nach seinem Hause hinauf. Man lächelte. Er
+entschuldigte sich.
+
+»Immer sind Leute in der Nähe, die es mit den Priestern halten.«
+
+Der Advokat behauptete:
+
+»Wenn wir uns die Komödianten nicht zu unserm Vergnügen kommen ließen,
+sollten wir es tun, um die Priester zu ärgern.« Der Gemeindesekretär hob
+die Schultern, der Wirt aber sagte dröhnend:
+
+»Sind wir denn noch immer unter dem Papst?«
+
+Man schrie: »Bravo, Achille!« -- und dahinten sah man aus der Kathedrale
+über den Corso und in den Palazzo Torroni eine schwarze Gestalt huschen.
+Der Apotheker seufzte.
+
+»Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da kann man sich dann
+nicht rühren, ohne daß es weh tut. Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine
+Frau, die es mit den Priestern hat!«
+
+Der Advokat stellte die Hand an den Mund.
+
+»Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat mir heimlich, Sie
+verstehen: unter einem Decknamen seinen Beitrag geschickt für das Theater.«
+
+Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger auf die Lippen
+und machte eine Pause. Dann:
+
+»Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, daß wir den des alten Nardini
+verschmerzen können.«
+
+»Eine schöne Familie, die Nardini« -- und der Apotheker stieß den Stock
+aufs Pflaster.
+
+»Ihre Mitbürger halten sie ihres Verkehrs nicht würdig, nie wollten sie dem
+Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins Kloster!«
+
+»Noch ist sie nicht darin«, sagte der junge Savezzo, mit plumper Eleganz an
+das Haus gelehnt. »Und als ich im Klub meinen Vortrag über die Freundschaft
+hielt, hat sie ihre Magd hingeschickt und sich darüber berichten lassen.«
+
+»Ah, Totò möchte sie draußen behalten.«
+
+Unter den spöttischen Blicken begann das linke Auge des jungen Menschen auf
+seine pockennarbige Nase zu schielen. Der schöne Alfò, des Wirtes Sohn,
+sagte:
+
+»Ist sie schön, die Alba!«
+
+Dann sah er unbeirrt und eitel umher.
+
+»Ihr beide werdet keinen Erfolg haben« -- und der Gemeindesekretär lachte
+auf. »Hat doch nicht einmal der Severino Salvatori sie bekommen, obwohl er
+mit einem Korbwagen umherfährt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift
+verlangt. Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als
+fromm.«
+
+»Auch fromm ist er«, versicherte Savezzo. »Und wohltätig. Der alte Brabrà
+lebt ganz vom Nardini, seit dreißig Jahren bald. Jeden Sonntag nach der
+Messe wird dort unten in Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba
+selbst tut es.«
+
+»Alba selbst«, wiederholte Alfò.
+
+»Aber als ich ihm die Liste brachte,« sagte der Advokat mit steilem Finger,
+»wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet hat?«
+
+Alle wußten es, ließen sich aber gern zum zehntenmal dadurch aufbringen.
+
+»Er hat mir geantwortet: wenn er dafür zahlen solle, daß die Komödianten
+fortbleiben, dann wolle er zahlen.«
+
+Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der andern war stürmisch.
+Da sagte der schöne Alfò, und das einfältigste Lächeln legte seine weißen
+Zähne frei:
+
+»Dennoch will ich Alba heiraten.«
+
+Niemand würdigte ihn einer Entgegnung.
+
+»Auch seinen Wasserfall«, erinnerte sich der Gevatter Achille, »hat er der
+Stadt ein wenig teuer verpachtet.«
+
+»Unsere Schuld« -- und der Gemeindesekretär hob die Schultern; »ich war
+gegen die Elektrizitätsanlage und bin es noch. Aber man hört nicht auf
+mich«, sagte er mit einem Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft
+warf.
+
+»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« schrie er keuchend.
+
+»Und wem verdanken wir ihn,« antwortete der junge Savezzo, »als einzig dem
+Advokaten?«
+
+»Ist es einer Stadt wie der unsrigen würdig,« fragte der Advokat weiter,
+»die öffentlichen Plätze mit Petroleum zu erleuchten? Und wie sollen wir
+vor den Fremden dastehen, die uns besuchen werden, wenn unsere
+Theatersaison begonnen hat?«
+
+»Versteht sich«, machten die andern; nur der Sekretär schüttelte die
+zusammengelegten Hände.
+
+»Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, müssen wir elektrisches
+Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder Turin das Verfassungsfest
+feiern, mußten wir in einem Feuerwerk fünftausend Lire abbrennen. So zieht
+eine Tat des Größenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich
+voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Bürgermeister, den
+würdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus nicht mehr verläßt, trifft
+keine Schuld: sie trifft nur einen!«
+
+Und er stieß mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich auf dem Stuhl
+umherwarf.
+
+»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?«
+
+ * * * * *
+
+Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr:
+
+»Mir scheint, ich höre sie knarren.«
+
+Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und Alfò stürzten an die
+Hausecke und spähten die Gasse hinab. Plötzlich schrien sie durch die
+gerundeten Hände:
+
+»He! Masetti! Langsamer!«
+
+Und unter wütendem Peitschenknallen hörte man die Post drunten auf der
+Landstraße vorbeirasseln. Indes sie den Bogen zum Tor machte, wurden
+Masettis phantastische Verspätungen aufgezählt; er habe keine Eile, zu
+seiner Frau zu kommen; -- und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu
+pfeifen. Die beiden Carabinieri ließen sich von ihren Pferden herab und
+hoben die Dreimaster, um sich die Köpfe zu trocknen. Die Diligenza fuhr mit
+Krachen beim Postamt vor: da zeigte sich, daß sie ganz gefüllt war. Drinnen
+saßen acht Personen, und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener
+Mann mit einem Cäsarenprofil, den der Handlungsreisende fast für einen
+Berufsgenossen gehalten hätte. Nur hatte er blaurasierte Wangen und
+Bewegungen von unbekannter Spannkraft und Form.
+
+Kaum daß die Pferde stillstanden, stürzten über die Füße der andern hinweg
+zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so daß die Kreuze der Rosenkränze von
+ihren Hüften aufflogen, nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein
+schöner bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah.
+
+»Nello!« rief eine Frauenstimme. »Hilf mir heraus!«
+
+»Laß lieber mich«, sagte ein hagerer Alter, weiß angezogen und rascher als
+ein Jüngling; -- und er streckte eine faltige Hand aus, worauf ein großer
+Brillant blitzte.
+
+Der Advokat bemerkte:
+
+»Aber das sind sie! Das sind die Komödianten. Ich als Vorsitzender des
+Komitees muß sie begrüßen.«
+
+Er erhob sich und schwänzelte über den Platz. Die andern folgten im
+Abstand.
+
+Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber wer sie von
+hinten unter den Armen hielt -- der Advokat mußte auf halbem Wege stehen
+bleiben -- das war, mit dem blonden Schnurrbart über dem roten Gesicht, der
+Baron Torroni! Er wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die
+Vogelschnäbel; und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines
+unansehnliches Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, und die
+Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen und dennoch bestürzten
+Gesicht, kam der Tabakhändler Polli.
+
+»He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen?« rief der Apotheker.
+
+Der Tabakhändler gesellte sich ihnen zu.
+
+»Ach ja, das fragt nur! Die eine hätte mir fast einen Kuß gegeben: jene
+große Schwarze.«
+
+»Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben!« meinte der Advokat.
+
+»Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in dem alten
+Karren erzählt worden! Ich möchte wissen, ob die beiden Nonnen sie schon
+kannten. Immer lauter haben sie gebetet, -- und seht nur, wie sie laufen!«
+
+»Wozu müssen diese heiligen Unterröcke immer unterwegs sein?« fragte der
+Advokat. »Auf allen Straßen sieht man nur sie.«
+
+Polli raunte:
+
+»Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!«
+
+Die Gruppe der Bürger schielte zu den Komödianten hinüber. Der Advokat fand
+es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, mit ihnen anzuknüpfen. Der
+untersetzte Mann vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, ließ
+den Kutscher das Gepäck herabheben. Den übrigen schüttelte der Baron
+Torroni die Hände. Er versprach, ihnen seine Vögel ins Gasthaus zu
+schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen und brach sich
+einen Weg durch die Kinder und Mägde, die herumstanden. Wie er in seinen
+Ledergamaschen auf sein Haus zuging, schlüpfte eine schwarze Gestalt heraus
+und in die Kirche.
+
+Mehrere Geschäftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen zu sehen.
+Der Kaufmann Mancafede bemühte sich längst um die seinen. Trotz aller
+Spätsommerhitze war er in seiner dicken braunen Jacke. Das gewölbte Auge in
+seinem alten Hasenprofil suchte ängstlich und zäh unter den Körben dort
+oben.
+
+»Und das Petroleum?« fragte er gelassen und richtete seinen trockenen
+Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat droben einen erbosten Sprung. Er
+schrie hinab, für so viel Mühe sei er nicht bezahlt; diese Fremden hätten
+Gepäck für einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit Leuten und
+Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch das Petroleum sein. Und
+durch den abfälligen Empfang, der ihm bereitet worden war, noch tiefer
+gefärbt als sonst, schwenkte er die ausgebreiteten Arme tobend über der
+Menge, vor dem blauen Himmel.
+
+Der Kaufmann prüfte ihn blinzelnd und wandte sich an den Tabakhändler.
+
+»Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.«
+
+Der Tabakhändler rötete sich.
+
+»Sagt die Evangelina es?«
+
+»Ja«, erklärte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit.
+
+»Und dann sagt meine Tochter auch, die Komödianten werden kommen . . . Das
+sind sie wohl?« -- und zum erstenmal schien er sich umzusehen.
+
+»Meine Lina weiß, daß der berühmte Tenor Giordano dabei ist.«
+
+Plötzlich drehte der weiß angezogene Alte sich um. Leicht und doch groß
+sagte er: »Das bin ich: der Cavaliere Giordano.«
+
+Ein Augenblick, und der Advokat war über die Hand des alten Sängers
+hergefallen.
+
+»Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch unserer
+Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. Wir verkehrten beide im
+Café »zur alten Treue.« Wir spielten Domino, und ich besiegte Sie immer,
+Sie zahlten all meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja,
+das sind wohl dreißig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! Der
+Ruhm, die Frauen, die großen Reisen! Das nenne ich Leben. Hier in der
+kleinen Stadt: -- nun, Sie werden uns kennen lernen; auch wir können lustig
+sein, auch wir wissen die Kunst zu schätzen. Meine Freunde werden glücklich
+sein, Sie kennen zu lernen.«
+
+Er winkte sie herbei.
+
+»Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem Sie die Reise
+gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anführer unserer bewaffneten
+Macht . . .«
+
+Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretär, vorstellen zu müssen,
+griff er aus den Umstehenden einen andern heraus.
+
+»Herr Chiaralunzi, höchst geschickter Schneider, der im Orchester das
+Tenorhorn blasen wird.«
+
+»Und wie!« meckerte das hämische Stimmchen des Barbiers Nonoggi.
+
+Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich langsam und
+ehrlich die Fremden an, -- und dann verbeugte er sich mit Wucht, daß die
+Spitzen seines hängenden, rostroten Schnurrbartes schaukelten vor dem
+kleinen unansehnlichen Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes
+ihre Kameraden zusammen flüsterten und lachten, ganz allein; durch die
+Taschenwände sah man, daß sie Fäuste machte; und ihre weit voneinander
+entfernten Augen gingen kalt über die wachsende Menge, als prüfte eine
+Macht die andere. Beim Anblick des vor ihr gekrümmten Schneiders bekam sie
+unvermutet ein Kinderlächeln und gab ihm eine kleine graue Hand.
+
+Darauf schüttelte er die Rechte des alten Tenors, der über die andern
+Sänger eine Gebärde beschrieb, ohne daß er dabei hinsah: wie ein Fürst, der
+sein Gefolge vorstellt.
+
+»Herr Virginio Gaddi, Bariton.«
+
+Der untersetzte Mann mit dem Cäsarenprofil mischte sich, eine Hand in der
+Hosentasche, unter die Bürger.
+
+»Fräulein Italia Molesin, Sopran.«
+
+Die derbe Schwarzhaarige lachte mit großen Zähnen allen zu und stieß dabei
+kokett mit den Schultern, um den Schal zurückzuwerfen; denn sie trug einen
+Schal, wie die Masse der Mädchen, und keinen Hut.
+
+»Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.«
+
+Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jüngsten Mannes sich ihnen
+zuwenden. Weil es einfach und stark gemeißelt war, erkannten die am
+weitesten Entfernten es, reckten sich und sagten laut:
+
+»O! Ist er schön!«
+
+Seine Augen dankten ihnen allen, ohne Überraschung und ohne Eifer, mit ein
+wenig schwermütigem Spott.
+
+Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mädchen um, das für
+sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf und sagte mit entzückter
+Stimme:
+
+»Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Fräulein Flora Garlinda, eine
+Künstlerin von unermeßlicher Zukunft, die Hoffnung der lyrischen Bühne
+Italiens.«
+
+Dann sah er erwartungsvoll die Bürger an. Der Advokat, der ihr am nächsten
+stand, fuhr ein wenig zurück; und dann huldigte er der Primadonna um so
+ehrfurchtsvoller, je weniger er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie,
+ob sie schon in der Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krümmte
+den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er einen großen
+Kratzfuß.
+
+»Ein Fräulein wie Sie muß wohl Liebhaber haben, so viele es nur will.«
+
+Sie lachte auf und ließ ihn stehen. Er schielte nach rechts und nach links,
+ob man es gesehen habe; -- aber in diesem Augenblick schwankte die Menge:
+jemand teilte sie, mit den Armen stürmisch über ihren Schultern rudernd.
+
+»Der Maestro!«
+
+Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war unter seinem
+leichten blonden Bart ganz rosig bewölkt, sein verlegen ehrgeiziges Lächeln
+zerging manchmal, und dann sah man, daß er zornig war. Er setzte an:
+
+»Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister . . .
+Die von mir engagierten Künstler sind da, und niemand ruft mich? Herr
+Advokat, ich muß Sie . . .«
+
+Der Advokat klopfte ihn auf den Rücken.
+
+»Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als Vorsitzender des
+Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen gesetzt.«
+
+»Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann führen doch Sie den
+Kapellmeisterstab!«
+
+»Seien Sie gut, Dorlenghi!« sagte der Apotheker, und Polli, der
+Tabakhändler, meinte:
+
+»Das alles ist doch nicht der Mühe wert.«
+
+Der Musiker warf die Arme noch höher.
+
+»Nicht der Mühe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich nicht, Sie sind der
+Cavaliere Giordano, und ich heiße Enrico Dorlenghi und bin Dirigent einer
+Dorfkapelle, nichts weiter. Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten
+in einem Winkel der Stadt, wo man nichts hört noch sieht, und habe an einer
+Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der Kirche aufführen soll.
+Inzwischen ernten diese Herren die Frucht meiner Bemühungen; denn ich bin
+stolz, Sie, Cavaliere, unserer Bühne gewonnen zu haben, Sie und Ihre
+Kollegen. Nicht der Mühe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis für
+einen Verbannten, Geopferten --«
+
+Er ging mit dem alten Sänger um den Postwagen herum; seine keuchende Stimme
+versank manchmal, denn das Volk schrie ihm zu. Viele schrien auf einmal
+»bravo Maestro!« andere: »Seht, er ist verrückt geworden!« Und die meisten
+wußten nicht, wer gemeint war, und riefen »he, Masetti!« nach dem Kutscher,
+der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. Er saß mit ihnen fest;
+Jungen krochen zwischen den Beinen der Menge hervor und kniffen ihn. Er
+schlug aus . . . Inzwischen ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch
+immer fuchtelnd. Plötzlich stand er vor der Primadonna. Wie der Cavaliere
+sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf einmal verstummt, die
+junge Sängerin sah aus, als gölte es: und die Hände, die sie sich hätten
+reichen sollen, noch in der Schwebe, traten beide ein wenig zurück. Dann
+begrüßten sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem
+entschlossenen Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das Volk
+gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte:
+
+»Ich würde mich an die >Arme Tonietta< nicht heranwagen, hätte ich für die
+Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Fräulein Flora Garlinda.«
+
+Sie lächelte gnädig.
+
+»Auch Ihr Name, Maestro, fängt an, sehr bekannt zu werden. Noch neulich in
+Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi . . .«
+
+Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte gingen aus, wie er
+kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt Malandrini bot ihr eins
+seiner beiden Zimmer an. Der große beleibte Mann war lautlos, man wußte
+nicht wie, durch das Gedränge gelangt, lächelte breit und glatt und kannte
+schon jeden beim Namen.
+
+»Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade muß ich den Handlungsreisenden
+haben, der immer herkommt; und zudem ist ein Fremder da, der nichts tut:
+sonst würde ich alle diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber,
+Fräulein Flora Garlinda . . .«
+
+Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus zu gehen.
+
+»Der Direktor Cremonesi«, sagte angstvoll der Maestro, »gilt für
+geschickt.«
+
+Der Perückenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf einem Bein und
+empfahl sich den Künstlern. Er hielt einen Haubenstock und rief zärtlich:
+
+»O! welch schöne Perücke. Wie sollte einen Mißerfolg haben, wer solche
+Perücke trägt!«
+
+»Was höre ich?« sagte der Wirt, »der Herr Cavaliere hat schon bei dem Herrn
+Gemeindesekretär gemietet? Aber das Fräulein Italia Molesin? Verständigen
+wir uns, Fräulein! Sie sind die Schönste von allen . . .«
+
+»Sein Urteil zählt«, sagte der Kapellmeister; »ich glaube, daß er als
+Bühnenleiter heute --«
+
+»Und die Herren«, kreischte der kleine Barbier, »bitte ich, mir nur einmal
+über die Wange zu streichen und dann zu sagen, ob man vermuten würde, daß
+dort je ein Bart gewachsen ist. So rasiere ich!«
+
+»Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das Fräulein Italia und
+der Herr Nello,« rief der Wirt, »das sind die geehrten Gäste der Herberge
+»zum Mond«. Masetti, das Gepäck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!«
+
+Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie betastete, den
+Fächer um den Kopf. Dazu lachte sie mit ihrer dicken Kehlstimme.
+
+»Ei seht, die Lustige!« schrie es. »Ist sie sympathisch!«
+
+»Aber seht das böse Gesicht der andern! Kann man so böse sein! Sie wird die
+Hexen spielen;« -- und die Frauen traten ganz dicht an die Primadonna hinan
+und starrten ihr tierisch feindselig in die Augen.
+
+»Ich werde dich nicht heiraten«, erklärte Alfò, der Sohn des Caféwirts, mit
+seinem törichten Lächeln. Sie betrachtete ihn ohne Spott, die Hände in den
+Manteltaschen.
+
+»Und ich dich nicht, du Schöner!«
+
+»Er ist nicht mehr schön«, sagte eine Frau und schlug sich auf die Brust.
+»Der Schöne ist jetzt euer Tenor.«
+
+»Man würde sagen, ein junger Heiliger!«
+
+»Wäre er mein Sohn! Mein Sohn ist häßlich und schlägt mich.«
+
+»Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich küssen.«
+
+»O du Schamlose!«
+
+Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige.
+
+»Bravo!« sagten Männerstimmen. »Sie sind verrückt, die Weiber.«
+
+»Aber auch ich würde mich verlieben!« rief der biedere Baß des Apothekers
+Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen Seiten und weithin,
+verstört, selig, im Ton des Träumens:
+
+»Ah! seine Augen. Er sieht mich an!«
+
+ * * * * *
+
+Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten wie auf der
+Bühne, wenn der Beifall nur ihm galt; und die Arme verschränkt, die
+Schultern hinaufgezogen, führte er sein leichtes und dennoch beschattetes
+Lächeln über die Gesichter der Menge. Sie antwortete:
+
+»Es lebe der Gennari!«
+
+Die Jungen kreischten:
+
+»Er lebe!« -- und ein Händeklatschen, irgendwo ausgebrochen, griff um sich,
+sprang über den Platz.
+
+Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und wie vom Turm nun
+das Ave stieg, wendeten alle sich ab. Die Menge entfaltete,
+auseinanderrauschend, zwei weite Flügel; zwischen ihnen, am Ende einer
+stummen Gasse von Menschen, lag vor dem jungen Sänger die kahle
+Kirchenmauer. Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen Klänge
+der Höhe; unten das Staunen der Stille: und da ging dorthinten im
+Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in Schwarz entlang. Sie war klein
+und schlank, ging vor Eile ein wenig geneigt; und in dem schwarzen
+Schleier, den die letzte Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein
+weißes, weißes Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie
+langte beim Portal an, stieg zwischen den Löwen hinauf, und schon schwamm
+vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot und besonnt, ihr
+großer Haarknoten, -- da wendete sie sich um, ganz um und sah von oben die
+Menschengasse hinab. Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschränkt,
+und sein wankendes Lächeln suchte in den Schleier einzudringen, zu jenem
+verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . Ein Augenblick, dann endete
+das Läuten, die Menge schloß sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der
+Tenor all die Gesichter zurückgekehrt, die er vergessen hatte.
+
+Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte:
+
+»Ich war im Ort umher, nach Wohnungen für uns. Wer sich begnügt, zahlt
+wenig.«
+
+»Gaddi, wer war jene Frau?«
+
+»Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er verliert seine Zeit
+nicht.«
+
+»Wer war sie?«
+
+»Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: ich bin ein
+Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die Meinen hier sein, vier
+Köpfe, und es heißt ihnen Obdach schaffen. Ich suche einen gewissen
+Savezzo, der Zimmer haben soll.«
+
+»Nichts gesehen! Und du mußt -- nein bleibe! Dies ist wichtig: ganz nahe
+mußt du an ihr vorbeigekommen sein.«
+
+»An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, Nello, wirst
+glücklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. Gehab dich wohl.«
+
+Und der Mann mit dem Cäsarenprofil nahm gesetzten Schrittes seinen Weg
+wieder auf. Der Tenor drang planlos in die Menge ein. »An ihr
+vorbeikommen«, dachte er. »Niemals werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn
+ich sie wiederfinde, werde ich sie lieben: immer, immer.« Da schlug ein
+riesiger Federfächer ihm eine parfümierte Luft ins Gesicht. Mama Paradisi,
+flankiert von ihren beiden Töchtern, versperrte dem jungen Manne den Weg.
+
+»Das ist er!« flüsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend an
+aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, ließen die Fächer ruhen
+und die durchsichtigen Blusen sich heben und quellen. Der junge Mann hatte,
+bevor ers wußte, entgegenkommend gelächelt. Mit Stimmen wie Federkissen
+versicherten sie ihm, daß sie um seinetwillen ins Theater zu gehen
+gedächten.
+
+»Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht laut klatschen,
+uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?«
+
+Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit tiefen Blicken
+in alle drei Augenpaare.
+
+Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. Dahinten, wo
+ein Paar wachsblasser Hände durch die Luft schwangen, brach ein hohes,
+zorniges Jammern an.
+
+»Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr Gesindel, den
+Komödianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch am Schwanze Satans fest,
+um desto sicherer zur Hölle zu fahren.«
+
+»Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt«, sagte jemand, und der Tenor sah
+in ein Gesicht voll künstlich verwirrter Locken, mit einer pockennarbigen
+Nase und einem linken Auge, das nicht stillhielt.
+
+»Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. Übrigens bin
+auch ich ein Künstler, wir werden uns schon verstehen.«
+
+Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. »Was wollten sie von mir, diese
+Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer gehe ich ihnen auf den Leim. Es
+fängt an, mich zu ekeln . . . Aber sie? Wer war sie?«
+
+»Hören Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .«
+
+Aber die schwache wütende Stimme, die Stimme jener in der Luft stehenden,
+rückwärts gekrampften Hände fuhr dazwischen; sie klang, als rennte sie in
+einem hektischen Ansturm alles nieder.
+
+»Fort mit ihnen, ehe es zu spät ist! Sonst frißt die Sünde um sich, ihr
+verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen haben! Und verdammt
+sei, wer sie bei sich aufnimmt!«
+
+Mehrere Frauenstimmen antworteten:
+
+»Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.«
+
+Der junge Savezzo hob die Schultern.
+
+»Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der Herr Gaddi . . .«
+
+»Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, wer war sie?«
+
+»In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .«
+
+»Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.«
+
+»Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser Priester schreit!
+und immer dasselbe, man versteht einander nicht.«
+
+»Sehr schlank, von sehr weißer Haut«, sagte flehend der Tenor. Die Miene
+des andern blieb verschlossen. Plötzlich wendete er sich ab und machte
+zwischen den Zähnen »oho!«
+
+»Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! möchte doch der
+Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, ihr Blinden!«
+
+Und die Hände dort über den Köpfen schienen mit dem Himmel zu ringen in
+letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim Sterben.
+
+»Solch ein Fanatismus wirkt abstoßend«, sagte der Advokat Belotti erstickt.
+»Die Damen zweifeln doch nicht, daß uns trotz diesem traurigen Herrn aus
+der Sakristei sehr wohl bekannt ist, was wir der Kunst schulden. Ich für
+meinen Teil werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Fräulein
+Flora Garlinda, mein Haus zur Verfügung zu stellen.«
+
+Die Primadonna erwiderte:
+
+»Ich danke Ihnen. Aber es würde sich für mich nicht ziemen.«
+
+Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor.
+
+»Wenn das Fräulein denn zu einem Junggesellen nicht gehen will: ich bin
+verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare Familie, und wir wissen wohl, daß
+die Kunst und das Laster zweierlei ist . . .«
+
+»Romolo!« rief es sehr scharf hinter ihm.
+
+»Meine Liebe?« -- und die Stimme des alten Kriegers versuchte tapfer zu
+bleiben.
+
+Plötzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam Risse; einige
+Jungen liefen heulend davon.
+
+»Der Priester hat sie ins Gesäß getreten«, sagte der Advokat. »Er geht zu
+Gewalttaten über. Soll man seine Kinder von diesem Elenden mißhandeln
+lassen?«
+
+Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers Nonoggi
+zurück. Der Apotheker war fort und viele der nächsten hatten sich
+unauffällig in das gelichtete Volk gemischt. Vor den Sängern lag ein freier
+Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi durchmaß ihn allein. Er trat vor die
+Primadonna hin; aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend,
+als wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu sprechen. Er
+rieb seine großen weißen Hände mit den Ballen aneinander, und sein
+Lanzknechtschnurrbart schaukelte.
+
+»Weil nämlich doch das Fräulein, wie es heißt, die einzige unter den
+Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl ich natürlich
+nicht würdig bin, aber was meine Frau kocht, läßt sich essen, denn sie
+kocht auf Genueser Art, denn sie hatte eine Tante in Genua . . .«
+
+»Und ich soll bei Ihnen wohnen?«
+
+»Ja, Fräulein, ja, das wollte ich sagen.«
+
+»Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei mir habe.«
+
+Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, wie auf einen
+Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und schnellen Person her über den
+Platz, von dem das Volk ablief.
+
+»Freilich blase ich das Tenorhorn«, sagte er. »Doch werde ich, um dem
+Fräulein nicht lästig zu fallen, damit auf die Akropolis steigen.«
+
+»Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro übt euch?«
+
+»O! mich braucht er nicht zu üben. Denn ich selbst bin Chef einer kleinen
+Bande und spiele des Sonntags in den Dörfern. Man lebt, wie man kann. Wäre
+nur nicht die schlechte Konkurrenz! Denn das Fräulein hat wohl gehört, was
+der Barbier Nonoggi über mich sagte. Denn er ist mein Feind. Denn auch er
+hat solch eine kleine Bande . . .«
+
+»Aber der Maestro, wie ists mit ihm?«
+
+»Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium
+studiert.«
+
+»Ah, er hat studiert.«
+
+»Er ist ein sehr großer Musiker und ein guter Mann.«
+
+»Vielleicht ist er ein sehr großer Musiker, -- aber ein guter Mann? Er hat
+mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem andern etwas gönnt.
+Ich würde ihm nicht zu sehr trauen.«
+
+Überrascht wandte sich der Schneider um und spähte von seiner Höhe nach dem
+Gesicht, das solche ungeahnte Dinge sprach. Sie nickte ihm so fest und
+streng in die Augen, daß ihm ein Schauer über den Nacken lief.
+
+»Wenn das Fräulein meint«, sagte er gehorsam. »Man kennt die Menschen
+niemals ganz. Einst, beim Militär, hatte ich einen Freund . . .«
+
+ * * * * *
+
+Sie betraten die Gasse der Hühnerlucia. Der Platz blieb fast leer zurück.
+Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von Frauen zerteilt: »Kommt essen!«
+und ringsum in die Dunkelheit getrieben. Ein Alter trippelte nach dem
+Rathaus, zündete zwei Öllampen an und machte sich quer über den Platz an
+die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom gelangte er nicht: der
+Tenor Nello Gennari war plötzlich da und erschreckte den Alten.
+
+»Hört! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr müßt mir sagen, wer jene
+schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave läutete, in den Dom.«
+
+Da der Alte nur grinste:
+
+»Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas Unbegreifliches.
+Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, und niemand hat sie gesehen.
+Gute Nacht, Alter, die ganze Welt ist stumm.«
+
+Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der Domtür, glitt
+hinein.
+
+»Wenn sie noch da wäre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht aber war
+sie ein Gesicht und nur ich hatte es?«
+
+Die schattigen Räume mit dem Blick durchirrend:
+
+»O Alba! Süßes Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe dich. Wenn ich dich
+finde, will ich in dir verbrennen. Soll ich niemals lieben? Ich hasse die
+Weiber, die ich gehabt habe. Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich
+lieben, o Alba, immer, immer.«
+
+Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, ging beim
+Glockenturm, wo es am dunkelsten war, irgend etwas hin und her, langsam
+immer hin und her. Der Tenor machte sich rasch herzu.
+
+»Heda, guter Mann, sagt doch . . .«
+
+»Wie?« fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen.
+
+»Verzeihen Sie, Herr . . .«
+
+Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte er in einer Welt
+von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte und die doch nur ihm galten.
+Diese Stadt und das Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem
+zum andern als einziger Fühlender zwischen verzauberten Steinen und fragte
+nach der wunderbaren Frau.
+
+»Ich wollte nur . . .« stammelte er. »Mein Herr, ich bin fremd hier.«
+
+»Man weiß«, sagte der Kaufmann. »Der Herr ist einer der Komödianten.«
+
+»Sie werden auch begreifen, mein Herr, daß man in meinem Alter nicht immer
+. . . daß man . . . O, mein Herr, sie ging in den Dom.«
+
+»Ah! in den Dom ging sie.«
+
+»Sie kennen sie?«
+
+»Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefällig zu sein, will ich mich bei
+meiner Tochter erkundigen.«
+
+»Sie wollen . . . O!«
+
+Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, wer diese Tochter
+sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. Er ließ geschehen, daß die
+Schleier der Verzauberung wieder heraufstiegen. Mit beiden Händen umfaßte
+er seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz.
+
+»O Alba! Süßes Morgenlicht!«
+
+Der Kaufmann kehrte zurück.
+
+»Meine Tochter weiß wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es Ihnen nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Meine Tochter wird auch das wissen.«
+
+»Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, noch in der Domtür,
+und sah mich an, mich allein.«
+
+»Sie hat Sie also angesehen.«
+
+Der junge Mann stampfte auf.
+
+»Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre Tochter! Aber sie weiß
+gar nichts, Ihre Tochter!«
+
+»Oho!«
+
+Der Kaufmann verlor seine Trockenheit.
+
+»Wenn meine Tochter nichts weiß, dann haben Sie geträumt, junger Mann, und
+es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, das weiß sie auch.«
+
+»Warum sagt sies also nicht?«
+
+»Soll sie jener Unglücklichen einen Menschen schicken, der sie verführt?
+Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen für dergleichen. Aber wissen: o,
+sie weiß alles.«
+
+»Mein Herr« -- und Nellos Stimme schmeichelte. »Hier habe ich einen schönen
+Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden den Wert dieses Rubins zu bestimmen
+verstehen. Wissen Sie, zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Für den Namen,
+mein Herr, für den Namen!«
+
+»Lassen Sie doch sehen!«
+
+Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter die Lampe vor dem
+Dom. Plötzlich sah er auf, mit schwarzen Runzeln über die Hornränder seines
+Klemmers hinweg.
+
+»Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger Mann?«
+
+Nello errötete tief, zog den Finger zurück und machte sich mit einem
+Gemurmel davon.
+
+»Ich bin ihrer unwürdig! Noch trage ich den Ring von der Frau des
+Juweliers!«
+
+Und er suchte Dunkel auf.
+
+Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, über den Platz und zum Tor
+stürmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in Papierdüten. Alle schrien:
+
+»Sie kommen! Es kommen noch mehr!«
+
+Sogleich klappten ringsum Fensterläden an die Mauern, und Licht fiel herab.
+Die Häuser begannen sich wieder zu leeren von Neugierigen, die noch die
+Münder wischten. Alle sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die
+Arme nach dem Tor und lärmten mit. Denn immer lauter ward dorthinten das
+Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln auf Holz, das Singen . . .
+Und mit Rasseln, Knallen und Gebell und umtollt von den Windlichtern der
+Jungen, brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen herein
+-- niemand begriff etwas vor Buntheit -- fuhr mitten auf den Platz und war
+da. Schon standen, rückwärts gebogen, junge Leute darum her und breiteten
+Arme aus, lauter Arme, die sich wiegten; -- und auf allen Seiten des hohen
+Stellwagens blähten bunte Röcke und Blusen sich auf, wie die Mädchen hinab
+in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen darauf los, als sei ringsum
+Wasser. Dann kletterten die Männer herab.
+
+»Die Choristen sind gekommen!« rief man den Häusern hinan; und die noch
+droben waren, stiegen auf den Platz. Im Café ward es ganz hell. Der
+Konditor Serafini im Corso mußte seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn
+der Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedränge. Der Advokat
+Belotti wand sich hindurch, er keuchte.
+
+»Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.«
+
+»Wir sind das Komitee«, heulten die Jungen ihm nach.
+
+Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste über den Köpfen. Der
+Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo riefen ihren Freunden zu, die
+Musikinstrumente zu holen.
+
+»Gott! Hilf noch dies eine Mal!« schrie eine Alte, die erdrückt ward; und
+die Frau des Kirchendieners Pipistrelli:
+
+»Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir Sünder!«
+
+Im Café »zum Fortschritt« stand man Fuß an Fuß.
+
+»Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch!« riefen die vordersten; aber der
+Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt und durfte nicht einmal
+seinen Bauch darüber wegstrecken. Die gefüllten Gläser, die er hinhielt,
+reichte einer dem andern. Er kam ins Feuer und verkündete dröhnend:
+
+»Für drei Konsumationen eine umsonst!«
+
+Draußen ließ sein Sohn, der schöne Alfò, sich vom Gewühl umherwerfen und
+konnte nicht mehr zurück. Er lächelte töricht, sooft ihm eine Frau
+begegnete; aber wie er der kleinen Rina, der Magd des Tabakhändlers Polli,
+einen Kuß zuwarf, ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand
+getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, schon im
+Gäßchen der Hühnerlucia, und im Dunkeln auf seine Lippe biß. Der schöne
+Alfò entschuldigte sich freundlich.
+
+»Das kommt von all den Mädchen, die hier sind, mein Herr. Man hat so viel
+zu tun, wenn man schön ist.«
+
+Der Tenor sah ihn an.
+
+»Es muß ein gutes Leben sein,« sagte er auflachend, »wenn man schön ist.«
+
+»Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, und ich werde
+doch nur die Schönste heiraten: Alba Nardini, die schöne Alba.«
+
+»Wie heißt sie, die Schönste?«
+
+Da brach die Musik los, als börsten alle Hörner.
+
+»Sie heißt Alba? Reden Sie doch!«
+
+Der schöne Alfò nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn weiter. Alles
+stürzte vor. Um die Musik her begann ein Drehen: die Stadt tanzte. Sie
+lärmte in der Nacht, war bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im
+Nacken, mit von sich gestreckten und gerungenen Händen, ganz langsam in die
+Gasse der Hühnerlucia hinein.
+
+»Sie heißt Alba!«
+
+Plötzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte schwarze Mauer
+und weinte über das Wunder.
+
+
+
+
+II
+
+
+Um fünf, bevor es heiß ward, machte der Advokat Belotti, schon im schwarzen
+Rock, der hinten spitz abstand, seinen Morgenspaziergang. Wie gewöhnlich
+wollte er, um auf die Straße zu gelangen, durch den Garten des Palazzo
+Torroni hinabsteigen; hinter einer Säule im Flur kam aber Saverio hervor,
+der Hausmeister, Kammerdiener und Gärtner, und stellte die Hand an den
+Mund.
+
+»Herr Advokat!«
+
+»Was gibt es, Saverio?«
+
+Da der Diener flüsternd sprach, tat auch der Advokat es.
+
+»Der Herr Baron ist die Nacht draußen gewesen. Noch immer ist er draußen.«
+
+»Ah! diese Jäger. Die Jagd, mein Freund, ist eine Leidenschaft, die einen
+Mann ganz hinnimmt. Wenn ich Ihnen von mir selbst sprechen soll . . .«
+
+»Aber es handelt sich nicht um Jagd, Herr Advokat. Er ist ins Gasthaus »zum
+Mond« gegangen und noch nicht wieder herausgekommen.«
+
+Der Advokat öffnete den Mund und erhob den Zeigefinger.
+
+»Schau, schau«, sagte er, -- und er begann zu lachen, zuerst ein lautloses
+Lachen und dann wie ein heiser rasselndes, woraus Husten und Speien ward.
+Als er zur Ruhe kam, mit aufgerissenen Augen:
+
+»Werden wir einen Skandal haben, Saverio?«
+
+Und er bot dem Diener die Zigarettenbüchse.
+
+»Die Frau Baronin schläft. Ich habe im Schlafzimmer des Herrn alles
+umhergeworfen, als sei er früh aufgebrochen, und ich habe die Nacht bei der
+Haustür verbracht.«
+
+»Wenn Sie nicht wären, Saverio! Möchte ers nicht zu weit treiben und
+heimkehren, bevor alle auf der Straße sind. Ich gehe, damit uns niemand
+beisammen sieht. Jetzt ist tiefes Schweigen geboten, Saverio.«
+
+Rückwärts machte der Advokat sich aus dem Hause. Den Morgenspaziergang
+hatte er vergessen; der Schauplatz des Außerordentlichen verlangte seine
+Gegenwart. Hinter ihm, im Corso, war ein eiliger Schritt: Don Taddeo. Der
+Advokat grüßte herzhaft.
+
+»Ein schöner Morgen, wie, Reverendo?«
+
+Der Priester sah ihn an mit ganz roten Augen, zog die Soutane enger um
+seinen mageren Körper, als fürchtete er eine Berührung, und -- klapp, klapp
+-- war er um die Ecke. Der Advokat starrte hinterher.
+
+»Kaum daß er an die Kappe gegriffen hat. Weiß er --? Und er steckt mit der
+Baronin zusammen. Wir werden einen Skandal haben.«
+
+Ungewöhnlich belebt, schwänzelte er den noch stillen Corso hin und drückte
+sich, dem letzten Domfenster gegenüber, plötzlich um die Ecke, wo es
+abwärts zum Gasthaus ging. Nun lag es da, noch halb schlafend, beim Rinnen
+des Brunnens, an seinem kleinen strohbesäten Platz, mit den Ställen links,
+der Weinlaube drüben, -- und im zweiten Stock stand ein Fenster offen.
+»Sieh da,« sagte sich der Advokat, »sie lieben die frische Luft. Aber jetzt
+wäre es Zeit, zu erwachen.« Er bückte sich nach einem Steinchen und warf
+es, heftig keuchend, ins Fenster. »Sie scheinen recht sehr ermüdet und
+werden auch wissen, wovon.« Wie er das zweite Steinchen auflas, erschien
+unter dem Haustor neben dem Wirt Malandrini der Baron Torroni selbst. Er
+war wie immer im braunkarierten Jagdanzug, mit der Flinte über der
+Schulter, und stürzte sich schon ein großes Glas Wein in den Schlund.
+
+»Ah!« rief der Advokat sogleich. »Herr Baron, was für eine schöne und
+gesunde Beschäftigung ist die Ihre! Wäre ich nicht an meine Studierstube
+gefesselt --. Und wohin geht es an diesem glänzenden Morgen? Aufs Feld,
+nach Lerchen? Wohl gar ins Gebirge gegen den Eber?«
+
+»Ich bin gekommen,« erklärte der andere, »um den jungen Mann abzuholen, der
+hier wohnt: diesen Sänger --«
+
+»Den Herrn Gennari«, ergänzte der Wirt. »Ich werde Sorge tragen, daß er den
+Herrn Baron nicht warten läßt. Bemühen Sie sich nicht!«
+
+»Er hat mir versprochen, sogleich fertig zu sein. Inzwischen gehe ich
+voran.«
+
+Er drückte dem Advokaten die weiche Hand und verschwand rasch.
+
+Der Wirt räusperte sich vorsichtig.
+
+»Sehen Sie das offene Fenster?«
+
+Der Advokat zwinkerte.
+
+»Er ist gar nicht zu Hause gewesen«, sagte der Wirt. »Er ist überhaupt
+nicht heimgekommen.«
+
+»Ah! dann ist es also nicht dieses Zimmer?«
+
+Malandrini zwinkerte.
+
+»Das ist das andere, daneben. Das Fräulein schläft jetzt weiter.«
+
+»Es scheint, sie hat es nötig. Ah! dieser Baron.«
+
+»Ein richtiger Edelmann«, bemerkte der Wirt.
+
+Sie sahen sich an, leise funkelnd.
+
+»Und der andere?« begann der Advokat wieder. »Der Komödiant? Auch er ist
+draußen? Da gibt es vielleicht etwas noch Stärkeres? Mein Freund, mir
+beginnt zu ahnen, daß wir Dinge erleben werden in der Stadt --«
+
+Der Wirt seufzte. Dann aber, mit Händereiben:
+
+»Das Gute ist dabei, daß wir ein wenig Bewegung herbekommen . . .
+Entschuldigen Sie mich, ich decke lieber gleich selbst in der Laube die
+Tische. Meine Frau wird erst spät herunterkommen. Sie schläft noch, denn
+ihr ist etwas Außerordentliches zugestoßen. Wie ich die Augen öffne und sie
+vergeblich an meiner Seite suche, tritt sie ins Zimmer, sieht verwacht aus
+und erklärt mir, daß die Seele ihres Vaters sie hinausgerufen habe. Die
+Seele habe verlangt, daß ich nicht geweckt werde. So viel Rücksicht!«
+
+»Das ist der Aberglaube der Frauen«, sagte zornig der Advokat. »Wie lange
+noch werden wir ihre Erziehung den Nonnen überlassen! Sie glauben doch
+nicht an diese alberne Geschichte, Malandrini?«
+
+»Wie werde ich. In den Frauen geht manches vor, was wir nicht kennen. Man
+muß Geduld haben.«
+
+»Aber sagen Sie doch, dieses Mädchen! Gleich die erste Nacht! Hätten Sie
+das etwa geglaubt, Malandrini?«
+
+»Warum nicht?« -- und der Wirt fuhr auf. »Ist das Gasthaus »zum Mond« denn
+ein Kloster? Und übrigens, was weiß man. Nur was Sie erzählen, Advokat.«
+
+»Oh!«
+
+Der Advokat legte die Hand aufs Herz.
+
+»Dieser Priester scheint gewußt zu haben,« sagte er noch und drehte
+nachdenklich von dannen, »warum er die Komödianten nicht zu seinen
+Schäfchen hineinlassen wollte. Man muß zugeben, daß seinesgleichen sich auf
+Menschen versteht.«
+
+»Wollen Sie auf die Straße?« rief Malandrini ihm nach. »Dann benutzen Sie
+doch die Gartenpforte!«
+
+»Sie haben recht« -- und der Advokat kehrte um. »Man muß bei seinen ruhigen
+Gewohnheiten bleiben. Seit siebenundzwanzig Jahren habe ich meinen
+Morgengang nicht sechsmal versäumt, und ich hoffe ihn noch weitere
+siebenundzwanzig Jahre zu machen.«
+
+Hinter dem Hause ging er den Weinhügel hinab, erreichte drunten die Straße
+-- noch übergitterten die Schatten der Platanen sie dicht -- und nahm den
+Hut ab, um sich zu trocknen. »Ah, hier atmet man. Solche Luft haben sie
+nicht in den großen Städten, unsere braven Künstler . . . Der Baron weiß
+diese Weiber zu nehmen, wie es scheint. Man sagt, daß er als Offizier --.
+In Rondone soll er ein Kind haben . . . Aber schließlich, was ist dabei?
+Alles wohl bedacht, könnte es sein, daß auch ich --. Der Junge der
+Andreina, mag sie es mit der Treue auch niemals genau genommen haben, der
+Junge wird mir jedes Jahr ähnlicher . . . soweit ein Bauer mir ähneln kann.
+Damals warf ich die Andreina einfach in das Korn. Mit der Komödiantin muß
+man es ebenso machen.«
+
+Er hielt an, sah angstvoll umher, wie nach einem passenden Platz, und
+trocknete sich nochmals. Unter der Straße stiegen die Ölbäume,
+schwachsilbern, die Erdstufen hinab und setzten über den Fluß, der um ihre
+dunkeln Wurzeln glänzende Schleifen wand. Die letzten dahinten und die
+weißen Gehöfte zwischen ihnen schienen vom Meer bespült: so tief blaute
+schon die heiße Ebene. Über ihm blickte dem Advokaten die Stadt nach, aus
+blinkenden Scheiben, Mauern, die zwischen zwei Zypressen ein wenig
+klafften, und ganz schwarzen Torbogen. »Wo dieser Tenor steckt! Denn sagen
+wir nur die Wahrheit: in einem Winkel der Stadt wird er wohl die Nacht
+verbracht haben. Zu denken, daß er bei der Frau eines meiner Freunde ist,
+-- der einen sehr guten Schlaf haben muß. Sollte es nicht der Polli sein,
+mit seinem Schnarchen? Vergangenen Herbst hat er sogar beim Erdbeben weiter
+geschnarcht! Vielleicht läßt sichs ihm ansehen. Das müßte man einem Manne
+doch ansehen! Eh, eh, es hat sein gutes, als Junggeselle zu leben. In jedem
+der Häuser dort oben kann jetzt der Komödiant seine Dinge treiben: nur in
+meinem treibt er sie sicher nicht . . . Und beim Camuzzi? Wie steht es beim
+Camuzzi?« Das aufgeblühte Gesicht des Advokaten fiel ein, da er an seinen
+Feind, den Gemeindesekretär dachte.
+
+»Er verdient es wie kein zweiter, dieser Ignorant, dieser Unverschämte! Ah!
+setze noch einmal dein höhnisches Lächeln auf, Freund, -- und aus deiner
+Stirne sieht man es indessen keimen!«
+
+Der Advokat tat einen tiefen, glücklichen Atemzug.
+
+»Das ist wirklich ein sehr schöner Morgen.«
+
+»Aber leider«, bemerkte er dann, »scheint diese kleine Frau Camuzzi
+zufrieden. Dem Severino Salvatori, der sie in seinem Korbwagen umherfahren
+wollte, hat sie geantwortet: nicht einmal über den Platz bis vor die
+Domtür! Und doch sollte ihre Mutter dabei sein. Aber die Camuzzi ist
+bescheiden und stolz, sieht niemand an, geht immer nur zur Kirche. Nicht
+viel, und sie gehört zu der Garde des Don Taddeo . . . Nein,« mußte der
+Advokat erkennen, »von ihr läßt sich nur wenig hoffen.«
+
+Er richtete sich sogleich wieder auf.
+
+»Aber auch andere wären nicht zu verachten, und ich meinesteils hätte
+nichts dagegen, wenn die Frau des Doktors --. Ah! die da ist eine
+Lasterhafte: das fühlt man. Denn erstens ist sie zu dick, um tugendhaft zu
+sein. Und hat sichs erst gezeigt, daß sie dem Komödianten Gefälligkeiten
+erweist: -- denn was ist der Komödiant und sind andere etwa weniger gut?
+Wenn ichs recht bedenke, hatte ich in betreff ihrer schon längst meine
+Vorsätze gefaßt. Ihr Gatte soll sehen, daß der Zucker, den er bei mir
+feststellen wollte, so etwas nicht verhindert. Zucker, wenn noch so wenig,
+bei einem Mann wie mir! Und ich soll etwas dagegen tun! Der Doktor wird
+sehen, was ich tue! Ah! Ah!«
+
+Er rieb die Hände, schwenkte sich herum und lachte keuchend nach der Stadt
+hinauf. Dann fiel er in Nachdenken: sie sah ganz anders aus. Noch gestern
+hätte man manches nicht für möglich gehalten. Natürlich gab es in ihr die
+Dinge, die es überall gibt. Abgesehen von dem Hause in der Via Tripoli:
+auch die Wäscherinnen auf dem Bäckerberg kannte jeder; und der Advokat war
+persönlich besonders gut unterrichtet über die Witwe eines städtischen
+Zollbeamten, die vorgeblich Hüte aufputzte. Ferner bestanden die Gerüchte
+bezüglich der Mama Paradisi und des alten Mancafede; neuerdings und
+halblaut auch die über Frau Malandrini und den Baron Torroni, -- die der
+Advokat seit heute früh für unwahrscheinlich hielt. Jetzt aber handelte es
+sich nicht mehr um die oder jene. Kaum eine blieb, nun der Komödiant
+umging, noch unerreichbar; und das Prickelndste wäre vielleicht dennoch
+gewesen, wenn im selben Augenblick, wo der Baron Torroni seine Frau mit
+jenem Mädchen hinterging, die Baronin es ihm mit dem Tenor vergolten hätte!
+Der Advokat ward erfinderisch, sein Geist schweifte aus und verwandelte die
+Stadt in sein freies Jagdgebiet. Dem Komödianten folgte er selbst auf dem
+Fuße, in jedes Schlafzimmer. Vor dem der Baronin hatte er eine alte Scheu
+zu überwinden; aber dann hüpfte er, mit einem Schnippchen, auch über diese
+Schwelle.
+
+ * * * * *
+
+Von seiner Phantasie verjüngt, war er dahingeeilt, ohne zu merken, wie
+seine Arme ruderten und wie es unter seiner Perücke hervortroff. Auf
+einmal, schon hinter dem öffentlichen Waschhause und auf halbem Weg nach
+Villascura, sah er sich dem Komödianten gegenüber: ihm selbst. Jener grüßte
+und wollte langsam vorbei; aber der Advokat fuhr auf, nach Luft schnappend.
+
+»Das ist doch . . . da sind Sie: also, da sind Sie.«
+
+»Da bin ich, zu Ihrer Verfügung«, bestätigte der Tenor.
+
+»Das heißt,« -- und das lederfarbene Gesicht des Advokaten ging in ein
+zynisches Lächeln auseinander, »wer weiß, zu wessen Verfügung Sie hier
+sind.«
+
+»Was wollen Sie sagen?« fragte der junge Mann. Unvermittelt ward er drohend
+aussehend.
+
+»Nichts, o nichts. Sie gehen spazieren, wie ich bemerke, Herr Gennari. Sie
+sind früh auf. Ich habe, müssen Sie wissen, die kleine Eitelkeit, jeden
+Morgen der erste draußen zu sein: aber was tut es einem Manne Ihres Alters,
+auch einmal um fünf das Bett zu verlassen, wo er eine glänzende Nacht
+verbracht hat.«
+
+»Meine Nacht«, sagte der Tenor mit feindseliger Zurückhaltung, »war sehr
+wenig glänzend. Gestern abend empfand ich ein Bedürfnis spazieren zu gehen
+und wich dabei von der Straße ab. Dann bedeckte sich, wie Sie wissen, der
+Himmel, ich fand nicht mehr zurück und habe irgendwo dort unten in den
+Weinfeldern mich schlafen gelegt. Sie sehen die Erde an meinen Kleidern.«
+
+Der Advokat wandte ihn um und musterte alles.
+
+»Das ist erstaunlich.«
+
+Darauf machte er eine gleichgültige Miene.
+
+»Sie haben also ausgeruht. Dann schlage ich Ihnen vor, mich zu begleiten.
+Ich zeige Ihnen unsere Gegend, mein Herr. An Villascura werden Sie
+vorbeigekommen sein, wie?«
+
+»Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie meinen. Ich sagte Ihnen schon, ich war
+dort unten.«
+
+Der Advokat sah ihn vorwurfsvoll an, zog schweigend einen Taschenspiegel
+heraus und hob ihn vor das Gesicht des andern.
+
+»Was soll das?« fragte der Tenor, aber er sah hinein, -- und er fand seine
+Augen darin noch finsterer, als er sie gewollt hätte, denn sie waren
+umrändert und das Gesicht sehr blaß. Aus seiner körnigen Marmorblässe war
+die Wärme gewichen, und die schwarze Haarwelle über der Stirn, die Barren
+der Brauen, der dickrote Mund sprangen gewaltsam hervor aus dem grellen
+Weiß.
+
+»Ich sage nicht,« erklärte der Advokat, »daß es Ihnen schlecht stehe,
+übernächtig auszusehen. Der Schönheit von euch Jungen schlagen die
+Strapazen eurer Nächte gut an. Wehe uns reifen Männern! Aber was ich
+andeuten wollte: ein ruhiger Schlaf auf der weichen Erde des Weinackers, in
+lauer Nachtluft, hätte Sie schwerlich so zugerichtet.«
+
+Er streckte, bevor der andere aufbrausen konnte, beide Handflächen hin.
+
+»Mein Herr, Sie halten mich offenbar für Ihren Feind. Ich bin nicht Ihr
+Feind, mein Herr. Im Gegenteil, ich billige durchaus, daß die jungen Leute,
+noch dazu wenn sie Künstler sind, sich unterhalten. Was tut es übrigens
+mir, der ich Junggeselle bin. Meine verheirateten Freunde freilich werden
+in ihrer Anerkennung nicht so weit gehen« -- und der Advokat wagte wieder
+ein Lächeln.
+
+»Also ich bin Ihr Freund, mein Herr, und wenn Sie mir -- als Gentleman
+werden Sie es natürlich nicht tun -- verraten würden, in welchem Hause
+unserer Stadt Sie diese Nacht verbracht haben: Sie könnten sich verlassen
+auf den Advokaten Belotti.«
+
+Die Miene des Tenors rüstete plötzlich ab, er sah friedlich, sogar
+unbeteiligt aus.
+
+»Ach so«, machte er. »In der Stadt glauben Sie --. Warum auch nicht?«
+
+Und er begann zu lachen, mit leichter, heller Glockenstimme. Der Advokat
+rieb sich die Hände.
+
+»Sehen Sie wohl? Wir fangen an, uns zu verstehen. Wie sollten übrigens zwei
+Männer wie wir sich nicht verstehen, wenn es sich um die Frauen handelt.«
+
+»Sie haben recht!« und der Tenor lachte stärker. Der Advokat stieß ihm
+seinen Zeigefinger vor den Magen.
+
+»Ah! Spaßvogel! Unsere Stadt gefällt Ihnen wohl? Sie ist klein, aber das
+hindert uns keineswegs an eleganten und heiteren Sitten. Unsere Frauen:
+nun, wir sind unter uns jungen Leuten, nicht wahr?«
+
+»Freilich! Sprechen Sie!«
+
+»Wenn ich dürfte! Nur das eine: die, bei der Sie diese Nacht waren, bin ich
+sicher, auch meinerseits zu kennen.«
+
+»Ich bin davon überzeugt!« rief der Tenor und lachte beinahe verzweifelt.
+
+Der Advokat war ganz in Feuer, er schlug die Luft mit beiden Handrücken.
+
+»Sie würden staunen, wollte ich Ihnen die volle Wahrheit sagen über mich
+und über die jüngeren Kinder unserer besten Familien.«
+
+Er war stehengeblieben und zeigte dem jungen Manne seine aufgerissenen
+Augen, die nicht zuckten.
+
+»Sie sind bewundernswert«, versetzte der Tenor mit Nachdruck, und sie
+gingen weiter. Als der Advokat verschnauft hatte:
+
+»Daß ich nicht vergesse, in Villascura Eier zu kaufen.«
+
+»Was haben Sie mit Ihrer Villascura?«
+
+»O! Sie werden schon wieder so düster, wie der Name der Villa. Er gefällt
+Ihnen nicht? Ich bringe von dort, um den Stadtzoll zu sparen, meiner
+Schwester zwei Dutzend Eier mit. Es ist eine Gewohnheit.«
+
+»Aber diese Villascura ist nirgends zu sehen. Wie lange sollen wir denn
+gehen?«
+
+»Warten Sie, bis die Straße sich um den Berg wendet! -- und betrachten Sie
+inzwischen diese schönen Maispflanzungen, die Ölhaine bis weit ins Tal
+hinein: sie gehören zu der Villa, die Sie nicht leiden mögen, mein Herr.
+Der Herr Nardini ist unser größter Ölproduzent: dreihundert Hektoliter
+jährlich. Obwohl er mein politischer Gegner ist, werde ich niemals leugnen,
+daß er seine Geschäfte versteht und dadurch der Gegend nützt. Was seine
+Gesinnungen betrifft, so sind sie beklagenswert. Dieser verstockte Alte
+gibt sich als Stütze der hiesigen Priesterpartei her. Dabei hätte er, fünf
+Jahre sinds, Minister werden können! Die Bedingung war einzig, daß er seine
+Enkelin mit dem Neffen des ehrenwerten Macelli verheiratete, eines großen
+Tieres aus der Deputiertenkammer, -- und daran scheiterte der Plan, denn
+der alte Nardini ist darauf versessen, die Alba ins Kloster zu sperren.
+Warum erschrecken Sie denn?«
+
+»Ich erschrecke nicht. Ein Stein hat mir weh getan; diese Schuhe taugen
+nicht für das Land.«
+
+»Aber unsere Straßen sind gut! Es sind Distriktstraßen, -- und nicht länger
+als sieben Jahre ist es her, daß die Regierung zu ihrer Erneuerung fast
+hunderttausend Lire ausgegeben hat.«
+
+Der Advokat ließ mit der großen Zahl seinen Mund losgehen, wie eine Kanone.
+
+»Dazu kommt, daß die Vizinalwege, auf meinen Antrag und gegen den Rat des
+Gemeindesekretärs, zu gleichen Teilen von der Stadtgemeinde und der Frau
+Fürstin Cipolla --«
+
+»Gibt es denn ein Frauenkloster hier?« fragte der Tenor.
+
+»Warum? Die Frau Fürstin, deren Besitzungen in dieser Gegend ich zu
+verwalten die Ehre habe, lebt in der großen Welt, in Rom, mein Herr, in
+Paris . . . Aber natürlich, auch ein Frauenkloster haben wir, obwohl wir
+besser etwas anderes dafür hätten; und ich werde es Ihnen zeigen. Sie
+denken wohl Ihre Künste an jenen heiligen Unterröcken zu erproben? Ah! er
+schreckt vor nichts zurück. Aber das eine dürfen Sie immerhin verraten: die
+Dame der vergangenen Nacht wird dick gewesen sein, wie?«
+
+»Wer weiß.«
+
+»Denn ich verstehe mich darauf: Sie sind ganz der Typus der Dicken, -- die
+übrigens am wenigsten Widerstand leisten, wie allgemein bekannt. Aber hier
+stehen wir vor der Villa, die Ihnen unauffindbar schien. Und da Sie sich in
+der Gesellschaft des Advokaten Belotti aufhalten, ist es Ihnen erlaubt,
+mein Herr, die Pforte zurückzustoßen und zwischen diesen langen Hecken den
+Duft der Rosen zu atmen.«
+
+Der Advokat faßte Fuß und atmete geräuschvoll.
+
+»Scheint es nicht ein Traum? Am Ende dieses Ganges von Rosen und Zypressen
+das stille Haus, mit seinen zwei weit vorgreifenden Flügeln und dem
+verschwiegenen Trakt in ihrer Mitte, tief dahinten in grünlicher Dämmerung,
+unter der Bergwand! Wenden Sie nicht ein, solche Lage nach Norden sei
+ungesund: ich weiß es zu gut; -- aber wie poetisch ist dieser Schatten,
+feucht duftend, durchrauscht vom Wasserfall, über dem Sie dort oben unser
+neues Elektrizitätswerk erblicken, und erfüllt mit Blumen. Ah! mein Herr:
+Blumen, Musik und Frauen!«
+
+Plötzlich begann er durch die Hände zu keuchen:
+
+»He, Niccolo! die Eier!«
+
+Indes der Bursche näher kam, wickelte der Advokat hinter sich ein langes
+Netz hervor.
+
+»Daß du mir frische gibst, Niccolo! Daß du richtig zählst: zwei Dutzend!«
+
+Er rief hinterher:
+
+»Die Frau Artemisia denkt noch immer an jenes fertige Kücken, das in einem
+deiner Eier auf den Tisch kam.«
+
+Dann faßte er den Tenor unter den Arm.
+
+»Kommen Sie doch, mein Freund! Warum so schüchtern? In meiner Begleitung
+sind Sie hier zu Hause.«
+
+Nello Gennari strengte sich an, sein Zittern zu unterdrücken. Er erschrak
+vor den Farben der Rosen, die in der Nacht, als er hier gekniet hatte,
+erloschen gewesen waren. Das Haus war, dort innen zwischen seinen beiden
+Flügeln, so schwarz gewesen, wie die Luft, und in jenem Winkel hatte, starr
+und weich, das fast erstickte Licht gezögert, zu dem er gebetet hatte.
+
+Der Advokat führte ihn, seitwärts vom Hause, gegen die weiße Balustrade
+hinauf. Die Büsche an der Treppe spritzten Tropfen, da Nello sie streifte,
+und droben ließ der Geruch uralter, nie besonnter Zypressen ihn erschauern,
+wie vor dem Grabe. Die schweren Bäume erstiegen, eine Schar düsterer
+Pilger, in Paaren den Berg, und aufgehalten durch Klüfte, zerstreuten sie
+sich, um, seltener und schwächer, die Kuppe zu erreichen. Ein fast
+fensterloses Gemäuer starrte vom Rande des Felsens, dessen graue
+Ausbuchtung es verlängerte, senkrecht auf die Villa herab: wachend und
+drohend.
+
+»Das Kloster«, erklärte der Advokat. »Die hier können es aus ihren Fenstern
+sehen und sich mit den heiligen Unterröcken guten Tag sagen. Sie tun es
+auch, sie gehören zur Familie, -- und jede Frau dieses Hauses zieht
+schließlich in jenes hinauf.«
+
+Er führte den jungen Mann eine Strecke fort und raunte:
+
+»Schon die Frau des Alten ist dort oben gestorben. O, das sind Geschichten,
+die niemand mehr verbürgen kann. Sie soll ihm entflohen sein, mit einem
+Offizier; und als sie, krank und reuig, zurückkam, hat er sie da oben
+einquartiert . . . Auch seine Tochter ist, als ihr Mann tot war,
+hinaufgestiegen und hat droben schnell geendet. Warum sterben hier alle,
+sind traurig und halten es mit den Priestern? Es wird am Schatten liegen;
+denn kaum, daß den Rand des Gartens zur Mittagsstunde ein wenig Sonne
+berührt; -- und man mag sagen, was man will, das Leben im ewigen Schatten
+verdirbt das Blut und verschlechtert den Charakter. Wollen Sie ein
+Beispiel? Gehen Sie nach Spello hinunter: es liegt in der Sonne. Alle
+Männer haben dort Tenorstimmen, alle Frauen sind dick und schön. Gegenüber,
+am Nordabhang, ist Lacise. Nun wohl, mein Herr: die Frauen von Lacise sind
+gelb und schmutzig und die Männer allesamt Räuber.«
+
+»Jawohl, jawohl. Aber Sie sagten, daß aus diesem Hause jede Frau dort oben
+--«
+
+»Jede kommt ins Kloster,« -- und der Advokat schob mit gespreizter Hand
+alle Hoffnung fort.
+
+»Aber heutzutage --«
+
+Nello mußte hinunterschlucken.
+
+»-- ist man aufgeklärt, nicht wahr?«
+
+Da der Advokat nur die Luft ausstieß:
+
+»Auch wird ein alter, alleingebliebener Mann sich nicht früher als nötig
+von seiner Tochter trennen.«
+
+»Nötig? Sie wissen also nicht, was solch ein Fanatiker nötiger hat: die
+Liebe einer Tochter oder den Segen der Pfaffen? O! mein Herr, es ist nur
+allzu gewiß, daß unserer Gegend ein großer Schade bevorsteht und eine
+unserer reichsten Erbinnen in sträflicher Weise der Welt, der bürgerlichen
+Gesellschaft, dem Familienleben und dem gemeinen Nutzen entzogen werden
+wird!«
+
+Die Miene des Fremden hatte auf einmal etwas Dunkles und Höhnisches.
+
+»Gewiß wartete schon mancher auf sie? Und in der Stadt werden Sie einen
+Zirkel haben, wo Alba als junge Frau getanzt und Gedichte hergesagt hätte?
+Und den Armen hätte sie Suppe gekocht? Hätte auch Liebhaber gehabt?
+Vielleicht Sie selbst, Herr Advokat?«
+
+»Eh! weiß man das jemals?« keuchte Belotti und riß Schultern und Arme
+zurück. Der junge Mann wendete sich umher. Aber auflachend:
+
+»Auch die Klöster wollen leben; und dort oben wird sie wenigstens allein
+und frei sein!«
+
+Ah! tausendmal lieber wollte er sie dort oben verschwunden, begraben
+wissen, als lebend unter Gemeinen, auf gemeinen Plätzen, in gemeinen Armen!
+
+»Sie wird rein sein«, dachte er, indes der Advokat ihn enttäuscht
+betrachtete, -- und wunder und bebender: »Nie werde ich sie wiedersehen.
+Aber auch kein anderer wird sie sehen.«
+
+Da sprang er zurück und griff nach dem Geländer.
+
+»Was ist geschehen?« fragte der Advokat erschreckt. Der Tenor hielt die
+Hand aufs Herz gedrückt und antwortete nicht. Der Advokat folgte seinem
+verstörten Blick, der in die offene Terrassentür ging.
+
+»He! Niccolo! da sind wir«, rief er, und der Bursche kam hervor mit dem
+gefüllten Netz.
+
+»Ah, Sie sind schreckhaft, junger Mann,« -- und Belotti klopfte Nello auf
+die Schulter. »Sie haben Nerven: wie alle Künstler. Man weiß auch, wovon.«
+
+Er zwinkerte und klopfte. Nello entriß ihm die Schulter. Er beugte sich
+über die Balustrade und schloß die Augen. Sie hätte es sein können! Was
+sollte geschehen, wenn er sie wiedersah! Schon diese Nacht, verlebt in
+ihrem Bereich, unter Dingen, die ihre waren, hatte ihn entzückt und
+erschöpft.
+
+Er stieg, unbeachtet von den beiden, die über den Preis der Eier stritten,
+in den Garten hinab. War nicht dies die Bank, auf der er geruht hatte und
+wo gewiß auch sie sich niedersetzte? Im Dunkeln hatte er auf dem Wege nach
+einer Spur ihres Fußes getastet, hatte seine Hand darin gekühlt und seine
+Lippen darauf gedrückt. Wo war nun die Spur?
+
+»Habe ich sie mir denn vorgetäuscht? Ach, ich schmeichelte mir auch, der
+Nachtwind bringe mir den Duft ihres Zimmers: ihren Duft; und bloß das Beet
+hier war es, das ich roch. Ich bin ein Narr, bin lächerlich. Habe ich nicht
+auf diesen Brunnenstufen zu sterben gedacht -- und von ihr gefunden zu
+werden, wenn sie am Morgen die Frische des Quells aufsuchte? Jetzt ist es
+schon heiß, mich dürstet, und ich fühle mich, noch unter ihren Fenstern, so
+fern von ihr und allein.«
+
+Er sah in der Schale, woraus er trank, seine schmerzerfüllten Augen, hörte
+auf den begrünten Quadern, die Zypressenreihe entlang, seinen dumpfen
+Schritten zu und fand die kleine Pforte wieder, die er schon bei tiefer
+Nacht in den Angeln gehoben hatte, damit sie nicht knarrte. Auf der
+Landstraße ging er rasch davon; und im Gehen breitete er die Arme aus, und
+nun wieder, und schüttelte dazu den Kopf.
+
+ * * * * *
+
+Als der Advokat Belotti ihn einholte, sah Nello verwirrt umher: wo war er
+doch?
+
+»Mein armer junger Freund, Sie müssen taub geworden sein; ich schreie und
+schreie: Sie laufen immer rascher . . .«
+
+Da der Tenor sich nicht entschuldigte, tat Belotti es. Er habe warten
+lassen; aber wenn man wüßte, wie genau seine Schwester es mit den Eiern
+nehme; -- und er wog das Netz in der Hand.
+
+»Die schlechten muß ich bezahlen. Ah, die Frauen! Aber beachten Sie das
+städtische Waschhaus! Ich bin es, der seine Errichtung beantragte und,
+wieder einmal dem Ignoranten Camuzzi zum Trotz, durchgesetzt hat. Es hat
+mir Genugtuung bereitet, zum Wohl der Frauen arbeiten zu können, und sie
+sind mir erkenntlich dafür, sie verbreiten meinen Ruf als Volksfreund.
+Guten Tag, Fania, guten Tag, Nanà!«
+
+Der Barbier Nonoggi kam ihnen entgegen. Er ging wippend und ganz auf die
+linke Seite gelegt. Rechts trug er seine abgeschabte Ledertasche und
+schwenkte sie bei jedem Schritt, indes der linke Arm steif blieb. Bis auf
+den Boden zog er schon von weitem den Hut, grimassierte und krähte dazu.
+
+»Guten Morgen den Herren! Welch glänzender Tag. An solchem Tage stirbt man
+nicht!«
+
+»Wir denken nicht daran, Nonoggi«, erwiderte der Advokat. »Ihr geht wohl
+zum Nardini? Grüßt ihn von mir: ich sei heute bereits in Geschäften bei ihm
+gewesen.«
+
+»Sie sehen schlecht rasiert aus«, sagte der Barbier zu Nello Gennari. »Das
+mißfällt den Frauen, mein Herr. Wenn Sie sich mit dem Sitz auf jenem Stein
+begnügen wollen -- er ist im Schatten --, bediene ich Sie sogleich . . .
+Sie wollen nicht? Sie haben unrecht. Wir sehen uns also ein andermal. Euer
+Diener, ihr Herren!«
+
+Der Advokat rief ihn zurück. Er wartete, bis der Barbier nahe herangekommen
+war, sah sich um und sagte halblaut:
+
+»Nonoggi, habt Ihr den Baron gesehen? . . . Ich auch schon. Nonoggi, es ist
+etwas vorgefallen zwischen ihm und jener Fremden im »Mond«, der Komödiantin
+. . .«
+
+»Ah! Ah!«
+
+Der kleine Mann riß seine unsauberen Augen auf und zu. Er zuckte; die roten
+Rinnsale in seiner Gesichtshaut führten blutige Tänze auf.
+
+»Nonoggi,« fuhr der Advokat fort, »wir müssen in dieser Sache sehr
+vorsichtig sein: es ist eine so alte Familie. Ihr erfahrt es doch, daher
+erbitte ich Euer Schweigen.«
+
+Der Barbier hatte schon längst die Hand auf dem Herzen; er hüpfte,
+dienerte, machte den Mund rund und streckte den Arm mit der Tasche von
+sich.
+
+»Wie es bedauerlich ist,« sagte er, »wenn selbst die Herren sich vergessen.
+Andererseits sieht man es gern. Genug, wir werden schweigen. O! der Herr
+Advokat kennt mich, wie ich ihn kenne.«
+
+»Wir haben sonst nicht mehr und nicht weniger als einen Skandal, Nonoggi,
+-- obwohl es eine verzeihliche Verirrung ist. Aber wir müssen mit Leuten
+wie jener Priester rechnen.«
+
+»Ob wir damit rechnen, Herr Advokat! Was würde sonst aus uns selbst? Würde
+unsereiner der Schwäche seines Fleisches immer widerstehen? Denn was
+insbesondere die Perückenmacher angeht, so haben sie alle häßliche Frauen.
+Es ist sonderbar, es ist rätselhaft, aber es ist eine Tatsache.«
+
+Er spreizte die Hand aus.
+
+»Lachen Sie nicht, Herr Künstler! Denn ich sage die reine Wahrheit. Wenn
+wir unsere Frauen heiraten, scheinen sie uns schön, und nachher sind sie
+häßlich. Sehen Sie sich die Familien aller Barbiere der Stadt an: die Frau
+des Bonometti, des Druso, des Macola, oder meine eigene. Nein! die sehen
+Sie lieber nicht an. Ich selbst sehe sie gar nicht mehr an, aus Furcht, sie
+abzunutzen.«
+
+Er riß den Mund bis ans linke Ohr hinauf, schwenkte Hut und Tasche und lief
+weiter.
+
+Mitten im Gelächter gewahrte der Advokat das Stadttor, faßte sich und
+schlug einen seiner Rockflügel über das Netz mit Eiern. Er beeilte sich
+nicht sehr.
+
+»Es ist immerhin besser, die Form zu wahren. Aber man kennt mich, und
+niemand würde wagen --«
+
+Der Beamte des Stadtzolls legte zwei Finger an seinen Federhut; der Advokat
+sagte gnädig:
+
+»Guten Tag, Cigogna.«
+
+Und zu seinem Begleiter ein wenig von oben:
+
+»Sehen Sie?«
+
+Leise pfeifend zog er die Eier wieder hervor.
+
+Aber in der Gasse wandten sich Leute nach ihnen um, und zwischen den
+zusammengelehnten Fensterläden sah der Advokat mehrmals aus weißen
+Gesichtern begierige Augen auf seinen Gefährten herablugen, der nicht den
+Kopf hob. Da nahm der Advokat den Arm des schönen jungen Menschen, sprach
+und lachte über ihn gebeugt und ganz mit ihm verbrüdert. Wie sie, am
+Ausgang nach dem Platz, die halbrunden Rathausarkaden abschritten, trat auf
+den Balkon des zweiten Stockwerkes sanft singend die junge Frau Camuzzi,
+hinter einem großen Fell, das sie ausgebreitet hielt und schüttelte. Sie
+ließ es sogleich sinken.
+
+»O! entschuldigen Sie, Herr Advokat. Ich hatte Sie nicht gesehen.«
+
+»Machen Sie nur! Es ist mir eine Ehre«, rief der Advokat zurück und sprang
+umher, um dem fliegenden Schmutz zu entgehen. Frau Camuzzi blieb über das
+Fell gebeugt, das nun auf dem Gitter lag, war errötet und sah unverwandt
+dem Begleiter des Advokaten in die Augen. Der Tenor zog den Hut. Sie dankte
+langsam und sehr ernst. Der Advokat schnaubte nach dem Staube, durch den er
+gekommen war. Bevor sie das Café erreichten, blieb er nochmals stehen und
+flüsterte, Takt schlagend:
+
+»Überlegen wir ein wenig: wäre es nicht eine wahre Schande, wenn ein
+Ignorant wie der Camuzzi eine solche Frau hätte, ohne auf die Dauer von ihr
+betrogen zu werden? Aber so sind nun die Frauen: gerade diese ist die
+treueste von allen.«
+
+In diesem Augenblick erschien hager, in Weiß wie gestern und mit noch
+dickeren Säcken unter den Augen als gestern, der alte Tenor Giordano im Tor
+des Rathauses und hob langsam, damit der Brillant Zeit zu funkeln habe, die
+Hand an den Hut.
+
+»Ah! Cavaliere.«
+
+Der Advokat stürzte sich auf ihn. Er keuchte am Ohr des Alten:
+
+»Sie haben das Glück, Cavaliere, bei einer unserer hübschesten Frauen zu
+wohnen. Von einem Manne wie Sie erwartet man, daß er solch Glück nicht
+ungenützt vorbeiläßt! Alle Augen sind auf Sie gerichtet!«
+
+Der Alte winkte leichthin, als seien so viele Worte nicht nötig, -- aber
+der Advokat legte, zurückweichend, den Kopf in den Nacken.
+
+»Ist es möglich! Was ist das, was bedeutet das!«
+
+»Wissen Sie das nicht?« fragte der Cavaliere Giordano. »Eine Bogenlampe.«
+
+»Ich sehe es zu gut,« sagte der Advokat dumpf, »eine Bogenlampe. Aber eine
+Bogenlampe, mein Herr, die ohne mein Wissen hier aufgestellt ist. Es muß
+über Nacht geschehen sein, und ich erkenne in diesem Streich die Hand des
+Camuzzi. Er hat den Augenblick benutzt, wo ich mich der Kunst widmete. Ein
+öffentlicher Mann, mein Herr, ein Staatsmann kann nicht wachsam genug
+sein.«
+
+Aus der Gasse der Hühnerlucia kam, festen Schrittes und eine Hand in der
+Hosentasche, der Bariton Gaddi. Untersetzt pflanzte er sich bei den andern
+auf und sagte mit seiner ehernen Stimme:
+
+»Wir sind doch wohl die ersten? Nello natürlich infolge eines Abenteuers,
+ich, weil mir meine Familie keine Ruhe läßt, -- und im Alter des Cavaliere
+schläft man nicht mehr lange.«
+
+Der alte Giordano zog eine Grimasse. Gaddi erhob sein massiges
+Cäsarenprofil zu den Gebäuden ringsum und erklärte die Stadt für
+interessant. Der Advokat Belotti beschwor die Herren, sich von ihm
+umherführen zu lassen: sie würden es nicht bereuen, er sei Spezialist für
+die Geschichte der Stadt, und das Material zu einem ungeheuren Werke liege
+seit zwanzig Jahren in seinem Schreibtisch.
+
+Zuerst las er den drei Komödianten die lateinischen Inschriften vor, die
+auf alten Marmorbrocken in der Fassade des Rathauses staken. Um eine hoch
+angebrachte lesen zu können, mußten sie einem Burschen, den der Advokat
+herbeirief, auf die Schultern klettern. Auch von dem alten Giordano
+verlangte Belotti es und machte eine erstaunte Pause, als der Greis sich
+weigerte. Die Stadt hatte ältere Ursprünge als Rom! Jahrhundertelang hatte
+ein Venustempel ihren Platz eingenommen.
+
+»Ihren ganzen Platz! Denn das unsere war eins der größten Heiligtümer der
+Göttin, aus ganz Italien strömten ihre Verehrer herbei.«
+
+Die drei horchten auf. Der Bariton bemerkte:
+
+»Das muß ein glänzendes Geschäft gewesen sein.«
+
+»Ah!« machte der Advokat entzückt und klagend, als habe er den Verfall der
+Zeiten miterlebt. »Das war etwas anderes als jetzt, wo die Stadt eine
+kleine Einnahme --«
+
+Mit der Hand am Munde:
+
+»-- nur aus dem Hause in der Via Tripoli bezieht.«
+
+Die drei nickten stumm.
+
+»O, eine elende Kleinigkeit! Damals aber: stellen Sie sich, meine Herren,
+in den Gärten, die diese ganzen Hänge bedeckten, das Heer der Priesterinnen
+vor!«
+
+Allen drei war anzusehen, daß sie sich die Priesterinnen vorstellten. Nello
+Gennari hatte erweiterte Augen und einen bitteren Mund.
+
+»Bis nach Villascura dehnten ihre Wohnungen sich aus. Ja, wir haben Beweise
+dafür, daß gerade in Villascura die Häuser der vornehmsten von jenen Damen
+standen.«
+
+Er kicherte heiser, der Cavaliere Giordano meckerte ein wenig, Gaddi lachte
+ehern. Der junge Tenor biß sich auf die Lippe und sah zu Boden.
+
+»Nun sind Sie also darüber unterrichtet,« setzte der Advokat noch hinzu,
+»von welchen talentvollen Müttern unsere Frauen abstammen.«
+
+Darauf führte er seine angeregten Zuhörer in den Hof des Rathauses, zu der
+Madonna des Valvassore.
+
+»Unser großer Cinquecentist hat sie seiner Heimatstadt geschenkt. Beachten
+Sie die Feinheit des Kolorits!«
+
+Aber so viele Wachskerzchen der Advokat entzündete, die Fremden sahen
+hinter dem Drahtgitter nur etwas Schwarzes, Brüchiges. Bevor ihre Stimmung
+sinken konnte, drang er darauf, ihnen den hölzernen Eimer zu zeigen, den
+die Bürger der Stadt vor dreihundert Jahren denen von Adorna geraubt
+hatten. Ein mächtiger Krieg war deswegen zwischen den beiden Städten
+entbrannt. Beide hatten Blut und Wohlstand an diesen Eimer gesetzt. Die
+Götter, hieß es, hatten, unter die Heere der beiden Städte verteilt, um ihn
+mitgekämpft.
+
+»Und wir, denen Pallas Athene half, haben ihn behalten, und er hängt in
+unserem Glockenturm«, schloß der Advokat. »Sie werden sehen, Sie werden
+sehen!«
+
+Er hastete ihnen voran über den Platz. Am Pfahl der Bogenlampe stieß er
+sich heftig und sah voll Zorn hinauf.
+
+»Sie steht an einer falschen Stelle. Ich würde sie nicht dorthin gestellt
+haben!«
+
+Als sie drüben waren, zögerte er, wandte sich halb um und wisperte:
+
+»Im Winkel neben dem Turm das schwarze Haus: sehen Sie nicht hin, ich
+beschwöre Sie, wir werden beobachtet.«
+
+Er zog sie um die Ecke des Turms und sagte jedem einzeln ins Ohr:
+
+»Dort hinten ist eine unserer größten Merkwürdigkeiten, das Geheimnis der
+Stadt, etwas Unerklärliches: ein Wunder, würden die Fanatiker sagen.«
+
+Und er berichtete von Evangelina Mancafede, die seit neun Jahren nicht
+ausgegangen war, aber alles in der Stadt sah und wußte.
+
+»Erstaunlich«, sagte der Bariton.
+
+»Schlimm genug«, sagte Nello hinter geschlossenen Zähnen.
+
+»Noch mehr als das,« setzte der Advokat hinzu, »sie hat vorhergewußt,
+Cavaliere, daß Sie kommen würden!«
+
+Der alte Sänger machte ein bedenkliches Gesicht. Solche Dinge konnten
+Unglück bringen.
+
+»Mir ist prophezeit worden, ich werde in einer Stadt von weniger als
+hunderttausend Einwohnern sterben, umgeben von Geheimnis. Also muß ich
+vorsichtig sein.«
+
+»Sie sehen aus, als könnten Sie gar nicht sterben«, sagte Gaddi, mit einem
+Blick auf die geschminkten Wangen des Alten.
+
+»Der Ruhm macht unsterblich«, rief der Advokat und stieß die Turmtür
+zurück. Sie erstiegen, einer hinter dem anderen, eine schlüpfrige Treppe.
+Vor einer Tür mit eisernem Beschlag hielt der Advokat inne, streckte einen
+Arm über die Nachkommenden aus und prägte ihnen die Feierlichkeit der
+Stunde ein.
+
+»In der Geschichte des Eimers finden Sie, meine Herren, die Sie dem Ruhm
+dienen, ein großes Vorbild. Um diesen Eimer starben viele Brave. Was ist
+ein Leben? Der Eimer dauert! Der Ruhm stirbt nicht!«
+
+»Gut! gut!« sagten alle drei. Der alte Giordano hatte feuchte Augen.
+
+»Aber der Schlüssel fehlt uns noch«, bemerkte der Advokat, und er rief in
+den Turm hinauf:
+
+»He! Ermenegilda!«
+
+Es hallte leer. Der Advokat erstieg noch drei Stufen, und auf jeder schrie
+er. Endlich beugte droben sich ein altes, finsteres Gesicht herüber.
+
+»Was wollt Ihr? Der Schlüssel ist nicht da. Für den Eimer gibt es keine
+Erlaubnis mehr.«
+
+»Was denn? Bist du verrückt geworden, Ermenegilda? Kennst du mich nicht
+mehr? Ich bin der Advokat Belotti.«
+
+»Das weiß ich. Aber den Schlüssel hat Don Taddeo.«
+
+»Was sagst du? Don Taddeo hat --. Aber das ist ein offenbarer Übergriff!
+Das ist erklärter Raub! Meine Herren, Sie sind Zeugen einer Gewalttat. Sie
+werden dabei sein, wenn ich dem Munizipium das Vorgefallene berichte. Ah!
+kaum, daß ich es fasse.«
+
+Der Advokat hatte die Hände über dem Kopf. Er stürzte -- und fast warf er
+die drei Komödianten die Treppe hinab -- mit fliegenden Schößen zum Turm
+hinaus, zwischen den unbewegten Löwen über die Stufen zum Dom und hinein.
+Die andern liefen ihm nach.
+
+»Herr Advokat,« rief der Bariton, »bemühen Sie sich doch nicht! Wir erheben
+keinen --«
+
+Der Advokat war schon in der Sakristei verschwunden, er kam schon wieder
+heraus.
+
+»Glauben Sie, daß dieser Priester sich blicken läßt? Er fürchtet sich und
+tut wohl daran. Wir wollen sehen, wer der Stärkere ist! So werden die Dinge
+nicht verlaufen. Dort innen --«
+
+Er wies auf die Sakristei.
+
+»-- ist also nicht nur ein Herd von Lügen und Ränken, sondern auch eine
+wahre Räuberhöhle.«
+
+»Schließlich haben auch Sie den Eimer einmal geraubt«, wendete der Bariton
+ein. Der alte Tenor vermutete:
+
+»Es wird ein Irrtum sein.«
+
+»Liegt denn überhaupt so viel daran?« fragte Nello Gennari.
+
+Und da der Advokat die Arme hob:
+
+»Vielleicht hat übrigens der Priester recht. Der Eimer befindet sich in
+seinem Turm . . .«
+
+»O! hat man je solchen Sophismus gehört. Der Eimer, das Wahrzeichen der
+Stadt! Von uns erobert! -- und ein Priester sollte wagen dürfen --. Aber
+ich werde ihn zu finden wissen: in der Schule ist er. Freunde, auf, zur
+Schule! Er soll eine Niederlage erleben, die er nie vergessen wird.«
+
+ * * * * *
+
+Sie hielten ihn mit Mühe. Jungen sammelten sich um sie. Am Platz und in den
+Eingängen der Gassen hörte Hämmern und Singen auf, und Leute traten auf die
+Schwellen. Der Apotheker Acquistapace zeigte sich. Er meinte, Don Taddeo
+wolle sich rächen, weil -- und er wies auf die drei Sänger -- in der Stadt
+jetzt die Kunst blühe.
+
+»Mir gilt es, der ich sie hergerufen habe«, behauptete der Advokat. Dennoch
+ließ er sich bewegen, vor Beginn des Kampfes beim Gevatter Achille den
+Vermouth zu nehmen. Auch Polli und Camuzzi erschienen. Der Barbier Nonoggi,
+der sie aus seinem Laden hinausbegleitete, zog sich zurück, sobald er den
+Advokaten gewahrte, und gleichzeitig kam der Leutnant der Carabinieri
+vorüber. Der Advokat forderte den Soldaten auf, sofort auf dem Gewaltwege
+die Stadt in den Besitz des Schlüssels zu bringen. Der Gemeindesekretär
+hielt dies Verfahren für ungesetzlich.
+
+»Also gehen Sie zu den Priestern über! Ich wußte wohl, Camuzzi, daß Sie den
+Fortschritt nicht lieben. Auch die Bogenlampe, an der sich jeder stößt,
+haben Sie, um mich zu verhöhnen, über Nacht an einen falschen Fleck setzen
+lassen. Aber nie hätte ich gedacht, Sie würden so tief sinken.«
+
+Der Sekretär erklärte sich für ganz unbefangen. Hier liege eine
+Kompetenzfrage vor, denn wenn der Eimer der Stadt gehöre, sei der Turm, in
+dem er hänge, doch Eigentum der Kirche.
+
+»Sagte ich es nicht?« bemerkte Nello Gennari. Der Streit dieser Leute, die
+Wichtigkeit, die sie ihren Angelegenheiten beilegten, erbitterten ihn
+eigentümlich. Es schien ihm, um sich und sein Gefühl dürfe er eine weite,
+ehrfurchtsvolle Stille verlangen. Mochten sie sich gegenseitig totschlagen!
+
+»Der Priester hat recht!« rief er mit böser, heller Stimme. »Überhaupt
+müssen wir Religion haben.«
+
+Der Advokat beachtete ihn nicht. Er sah auf einmal siegesgewiß aus.
+
+»Wollt ihr Logik? Ihr sollt sie haben. Ah! ihr sollt sie haben.«
+
+Mit dem Finger an der Nase:
+
+»Der Eimer hängt im Turm: gut, aber er hängt. Den Boden berührt er nicht,
+und das Seil, das ihn mit der Decke verbindet, ist städtisch: ich weiß es,
+denn ich selbst habe es beim Seiler Fierabelli gekauft, weil mir das alte
+nicht mehr sicher genug schien. Nun wohl! Weder oben, noch unten, noch
+ringsherum stößt der Eimer auf kirchliches Gebiet, und wer wollte
+behaupten, die Luft, in der er hängt, gehöre der Kirche?«
+
+»Das bleibt unentschieden«, sagte Camuzzi, und Nello unterstützte ihn.
+
+»Sie werden mich nicht beirren. Die Luft ist frei. Aus der Luft über Ihrem
+Weingarten darf ich so viele Vögel schießen, als ich will, vorausgesetzt,
+daß ich Ihren Acker nicht zerstampfe.«
+
+Der Advokat führte seinen Vermouth an den Mund und betrachtete dabei,
+genußsüchtig blinzelnd, die geschlagene Miene seines Gegners. Sein Sieg
+hatte ihn beruhigt.
+
+»Setzt die Füße auf die Leisten eurer Stühle, ihr Herren!« sagte er jovial.
+»So entgeht ihr unseren Flöhen. Ah! an solch einem schönen Morgen hat man
+einen guten Kopf, und es ist eine wahre Lust, sich unter Männern über dies
+und das zu unterhalten. Die Weiber taugen dafür nicht.«
+
+Indessen verbeugten sich alle vor Mama Paradisi, die eins ihrer Fenster
+ganz ausfüllte mit ihrem Wogen. Am nächsten stießen sich ihre beiden
+schönen Töchter.
+
+»Sie sind schon angezogen,« sagte der Apotheker, »ob das nicht Ihnen gilt,
+Herr Gennari? Ohne die andern Herren beleidigen zu wollen: aber auf mich
+selbst beziehe ich es nicht.«
+
+Der Tenor sah weg.
+
+»Sie sind verwöhnt, junger Mann«, und der alte Krieger legte ihm seine
+breite Hand auf. Nello brach aus:
+
+»Sollte man den Weibern nicht verbieten, über Tag die Läden zu öffnen? Da
+liegen sie rings um den Platz und würden am liebsten gleich die Arme
+öffnen. Eine Frau ohne Zurückhaltung stößt mich ab: ich bin so.«
+
+»Aber Nello!« sagte der Bariton. »Bisher konnte es dir nicht rasch genug
+gehen. Noch gestern, gleich in der ersten halben Stunde, warst du auf eine
+aus, die in den Dom ging.«
+
+»Wer ging in den Dom? Schweige doch! Vielleicht bist du dafür bezahlt, mir
+eine anzubieten?«
+
+»Ich kenne dich nicht wieder, Nello! Dieser Rasende, ihr Herren, war sonst
+ein Cherubim, die Freude der Frauen, aller Frauen in den Städten, wo wir
+sangen. Noch keiner hat er etwas abgeschlagen. Und jetzt, was ist ihm
+begegnet?«
+
+Der alte Giordano verging sich in Handküssen nach allen Seiten.
+
+»Man behält keine Zeit zu sprechen«, sagte er. »Es sind zu viele.«
+
+»Warum bleiben an jenen Häusern die Fensterläden geschlossen?« fragte er
+zwischendurch. Da man ihn ansah, gestand der Apotheker:
+
+»Das hier ist meins. Aber auch die Frau des Perückenmachers Nonoggi
+handelt, wie Sie sehen, Cavaliere, indem sie ihre Läden schließt, im Sinne
+des Don Taddeo, der die Kunst verbieten möchte. O! nicht meine Frau allein:
+eine ganze Partei hält zu ihm. Sie werden sehen.«
+
+»Wir nehmen den Kampf auf!« verhieß der Advokat. »Den Schlüssel wird er
+herausgeben: und sollte ich für die Stadt Prozesse führen, die mich mein
+Leben lang auf den Beinen halten, er wird den Schlüssel herausgeben. Ich
+selbst, der Advokat Belotti, werde eure sämtlichen Choristinnen in den Turm
+führen, werde ihnen den Eimer zeigen, und nicht einmal der heilige Agapitus
+selbst soll mich hindern!«
+
+»Sprechen Sie darüber mit Ihrem Bruder!« riet Camuzzi. »Er hat einen
+gesunden Kopf, und dort kommt er; es ist zehn Uhr.«
+
+Der Pächter ritt auf seinem trippelnden Eselchen zwischen zwei großen
+Körben die Rathausgasse herauf. Beim Rathaus nahm er zuerst den blauen
+Klemmer, dann den glockenförmigen Strohhut ab und schwenkte beide. Vor dem
+Café stieg er ab.
+
+»Guten Tag, die Gesellschaft«, sagte er.
+
+»Der Advokat behauptet . . .« begann Camuzzi.
+
+»Ich behaupte nichts«, sagte der Advokat rasch.
+
+Der Pächter betrachtete ihn mitleidig.
+
+»Ah! der Advokat. Was will er schon wieder. Pappappapp . . .«
+
+Er ahmte in einer gehässigen Tonart die Sprechweise seines bedeutenden
+Bruders nach. Der Advokat lehnte sich vornehm zurück.
+
+»Das sind Dinge, die ein Mann wie du nicht beurteilen kann.«
+
+»Nun gut, man schweigt«, erwiderte Galileo. »Aber wer sind denn die da?« --
+und er rückte den Finger von einem der drei Fremden auf den andern. Bei der
+Vorstellung scharrte er umständlich mit den Füßen, stöhnte zwischen den
+Komplimenten und erleichterte sich, als er wieder auf dem Stuhl saß, durch
+gewaltiges Ausspeien. Er hielt die kurzen fetten Schenkel weit auseinander
+und ließ die kleinen goldbraunen Fäuste dazwischen herabhängen. Unter
+seinen weißen Brauen blinzelte er alle verächtlich prüfend an, verzog stumm
+den Mund zu dem, was sie sagten, und verlangte schließlich, herauspolternd,
+als sei seine Geduld erschöpft, sein Nachbar solle, da er schon ein
+Künstler sei, Zauberkünste zum besten geben oder einen Witz. Der alte Tenor
+stand auf und verwahrte sich. Er sei seit fünfzig Jahren Künstler, aber
+eine solche Zumutung --. Sein ganzes Gesicht, jede Runzel darin, zitterte,
+als sollte er in Tränen ausbrechen, und er hatte beim Bewegen seiner
+faltigen Hände den Brillanten sichtlich ganz vergessen.
+
+»Was will denn der?« fragte Galileo. »Was für ein Dummkopf! Pappappapp!«
+
+Er machte dieselbe alberne Stimme, mit der er den Advokaten nachgeahmt
+hatte. Der Cavaliere Giordano traf Anstalten, sich zu entfernen. Der
+Advokat wendete ihn, mit zärtlichem Respekt, immer wieder zurück.
+
+»Tun Sie uns das nicht an, Cavaliere! In keiner Stadt ist Ihr Ruhm größer
+als in unserer. Mißverstehen Sie meinen Bruder nicht, auch er verehrt Sie.
+Galileo, unsere Schwester hat nach dir gefragt, eine Ziege ist krank.«
+
+»Warum hast dus nicht gleich gesagt? Aber die Advokaten verstehen nichts.«
+
+Er wischte sich den Mund mit der Hand, nahm das Eselchen, das mit der
+Schnauze an seinem Nacken stand, und führte es in die Treppengasse. Der
+Advokat fuhr mit Beschwörungen fort.
+
+»Cavaliere, ein Mann wie Sie ist über solche Miseren erhaben. Ein Bauer hat
+Sie nicht mit der schuldigen Achtung behandelt: was weiter? Denn mein
+Bruder ist nur ein Bauer. Um sieben legt er sich schlafen, um ein Uhr
+nachts reitet er aufs Feld, und um zehn, wenn die Hitze beginnt, kehrt er
+heim. In der Zwischenzeit spielt er Mora mit seinesgleichen. Unter dem
+Papst ging er zur Messe, jetzt freilich nicht mehr. Sein Geist ist trotzdem
+wenig kultiviert, und er läßt sich den Ausfall der Ernte von der
+Hühnerlucia, einer verrückten Alten, vorhersagen. Aber --«
+
+Er ließ den Sänger los.
+
+»-- schweigen wir von diesen Kleinigkeiten. Der Augenblick, Cavaliere, ist
+ernst. Ihr Herren, ich sehe auf dem Corso den Priester erscheinen.«
+
+Er setzte sich, schwach, wie es schien, vor Erregung. Auch der alte
+Giordano nahm seinen Stuhl wieder ein. Das Erlittene überwältigte ihn
+nachträglich auf einmal ganz. Er sank zusammen und murmelte:
+
+»Seit fünfzig Jahren Künstler . . .«
+
+»Er hat bei sich die Baronin Torroni«, sagte Polli.
+
+»Zu seiner Bedeckung«, setzte der Apotheker hinzu.
+
+»Was tut das,« -- und der Advokat sprang auf. »Ich werde der Baronin
+einfach erklären, daß ich mit diesem Priester --« »Er verabschiedet sich,
+sie betritt ihr Haus.«
+
+Der alte Tenor fuhr jäh auf:
+
+»Ich, den seine Exzellenz Cavour zum Ritter der Krone von Italien gemacht
+hat!«
+
+Sie hörten ihn nicht. Der Advokat stand sprungbereit. Wie er ihn erblickte,
+verließ der Priester, zusammenzuckend, seine Linie. Der Advokat schoß los
+und schnitt ihm den Weg ab.
+
+»Gefangen«, bemerkte der Apotheker.
+
+»Und ich habe ein Haus in Florenz!«
+
+Dabei setzte der Cavaliere Giordano wütend sein Glas hin. »Was kümmern mich
+alle diese Armseligkeiten? Mein Haus ist voll der Erinnerungen an eine
+ruhmreiche Laufbahn, der Geschenke von Fürsten und Damen . . .«
+
+»Don Taddeo, Ihr Diener«, hörte man den Advokaten sagen. Er hob den Hut und
+schlug sogar mit dem Fuß aus. Der Priester grüßte ebenso höflich und sah
+ihn aus seinen roten Augen brennend an.
+
+»Ein Wort, Don Taddeo, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist! Ein unliebsamer
+Irrtum Ihrerseits . . .«
+
+»Es ist kein Irrtum, mein Herr . . .« und es war zu merken, daß der
+Priester kaum sprechen konnte. »Der Schlüssel: denn von ihm wollen Sie
+gewiß reden . . .«
+
+»Freilich. Um Sie im Vertrauen auf Ihre Loyalität --«
+
+»Zweifellos. Aber es handelt sich einfach darum, mein Herr, daß der
+Schlüssel von Rost zerfressen und kaum noch brauchbar war. Ich habe ihn dem
+Schlosser Fantapiè gegeben und einen neuen bei ihm bestellt.«
+
+»Ah!«
+
+Der Advokat brachte einen Laut hervor, der nicht heiser klang. Wie leicht
+mußte es ihm sein! Polli, Acquistapace und der Leutnant wiederholten: »Ah!«
+-- und auch der Bariton Gaddi machte: »Ah!« Nello Gennari achtete nur auf
+den Cavaliere Giordano. Der berühmte Sänger war nach seinem verpufften
+Ausbruch ganz in sich zusammengefallen und sah alt aus: endlich unverhohlen
+alt, mit herabhängendem Kiefer, Augen, die greisenhaft stierten, und
+hilflosen Händen. Sein junger Gefährte dachte, und senkte finstere Blicke
+in die arme Gestalt:
+
+»Ja, was tut er hier? Ein reicher, geehrter alter Mann -- und läßt sich
+herbei, in einem schmutzigen Nest die Rüpel lustig zu machen! Aber er hat
+keine Stimme mehr; in den großen Städten wollen sie ihn nicht mehr; und da
+man, scheint es, in unserem Leben das Händeklatschen nie entbehren lernt,
+müssen es nun die Fäuste der Bauern besorgen, -- wie man vielleicht die
+Mägde noch blenden kann, wenn einen die Herrinnen nicht mehr ansehen
+. . . So geht es zu bei uns. Wir treiben es weiter, wie auch ich es so
+lange trieb: immer kindisch weiter, armselig berauscht, ohne Anker, ohne
+den Mut, zu landen; -- und eines Tages vor dem Café einer Landstadt, wo
+einem die Flöhe über die Füße springen, bemerkt man, wie weit man kam
+. . . Ich aber: o! niemals wird es mit mir dorthin kommen. Ich bin jung,
+und mein ganzes Leben soll Alba gehören. Ich werde sie von meiner Anbetung
+überzeugen, werde etwas tun, eine Handlung ein Wagnis, das sie mir gewinnt
+. . . Gefunden: aus dem Kloster; ich befreie sie aus dem Kloster! Wie
+sollte sie mich nicht lieben! Wir fliehen. Dann werfen wir uns dem
+Großvater zu Füßen . . . Ich bin vielleicht töricht und romantisch? Aber
+nichts, wenn ich sie denn nie besitzen soll, nichts doch hindert mich, zu
+ihren Füßen zu leben: als Bauer, ihr unbekannt, unter den Mauern ihrer
+Zelle. Oder ob es hier ein Männerkloster gibt? An den Festtagen in der
+Kirche könnten wir uns sehen: in weißen Tüchern ihr schöner Kopf und ich
+unter der Kutte -- könnten einander in die Augen sehen und singen . . .«
+
+»Junger Mann, Sie träumen«, sagte jemand, und der Cavaliere Giordano, der
+sich erholt hatte, betrachtete Nello mit hoch überlegenem Lächeln.
+
+Der Advokat und Don Taddeo waren jetzt dabei, sich voneinander zu
+verabschieden. Ein Halbkreis von Zuschauern folgte ihren Bewegungen.
+
+»Ich kann also auf Ihr Wort rechnen«, -- und der Advokat trat dienernd
+einen Schritt zurück.
+
+»Aber wie denn. Zu Ihren Diensten«, erwiderte der Priester, vorgeneigt und
+mit der Kappe in der Hand.
+
+»Es ist immer gut, sich zu verständigen«, sagte der Advokat beim nächsten
+Schritt. Und Don Taddeo:
+
+»Wir sollen niemand hassen.«
+
+»So denke auch ich, Reverendo. Ihr Diener.«
+
+Dabei schlug der Advokat ein letztes Mal aus.
+
+Mit feuchter Stirn und Augen, die noch gar nichts sahen, kehrte er zurück.
+Unter den Zuschauern sagte der Barbier Bonometti:
+
+»Er hat es ihm gegeben, der Advokat.«
+
+Die Frau des Kirchendieners Pipistrelli stieß den Krückstock aufs Pflaster.
+
+»Ihm hat es Don Taddeo gegeben, ihm!«
+
+Die Jungen pfiffen auf den Fingern hinter dem Priester her. Als er sich
+umdrehte, spielten sie unschuldig am Boden.
+
+»Dort drückt er sich, der Feigling«, sagte der Apotheker nicht sehr leise.
+»Auf den Schlosser redet er sich hinaus.«
+
+»Wenn man sie anpacken will --«, sagte Polli. »Das kennt man.«
+
+»Indessen, Advokat,« sagte Camuzzi, »Sie waren höflich mit jenem Herrn, er
+kann sich nicht beklagen.«
+
+»Höflich, ich? Ich habe ihm vollauf Bescheid gesagt. Freilich verhandelt
+man in gesitteter Form . . .«
+
+»Du hättest ihn nicht Reverendo betiteln sollen,« sagte der Tabakhändler,
+»wenn er dich nicht wenigstens Exzellenz nannte.«
+
+»Aber was habt ihr? Er seinerseits hat meine Ironie sehr wohl gefühlt,
+dessen bin ich sicher. Er weiß zu dieser Stunde, daß ich ihn für einen
+Schurken halte. Meint ihr, er würde so vor mir gekrochen sein, hätte er
+kein böses Gewissen gehabt? Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wäre er,
+sobald er mich sah, davongelaufen!«
+
+»Das ist wahr«, sagte der Bariton, und die andern gaben es zu.
+
+»Der Sieg ist beim Advokaten«, stellte der Leutnant fest. Der Apotheker
+Acquistapace schlug auf den Tisch.
+
+»Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlüssel herausgibt, zahle ich zwei
+Flaschen A --«
+
+»Asti«, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand vom Tisch
+gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes Tuch über Scheitel und
+Schultern, seine Frau getreten; ihr Blick ließ sich so schwer auf den alten
+Krieger nieder, daß er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo
+zu. Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des Perückenmachers
+Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und während Frau Acquistapace ihm
+beide Hände drückte, erschien auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom
+Tisch der Herren kam sie vorüber, ohne die Lider zu heben, und gesellte
+sich zu den anderen.
+
+»Ah, die Frauen«, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen durch die
+Mißbilligung der hübschen Frau Camuzzi. Ihr Mann sagte:
+
+»Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des Priesters
+stoßen.«
+
+Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen Mienen nach
+dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin zeigte sich dort hinten an der
+Ecke zum Gasthaus Italia Molesin, die Komödiantin.
+
+»Wie sie um ihn her schnattern und Flügel schlagen, die Gänse!« sagte der
+Tabakhändler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit seiner Frau. »Warum sie
+ihm nicht die Fettflecken von der Soutane schlecken!«
+
+Der Gemeindesekretär grub weiter in der Wunde.
+
+»Sie müssen nicht glauben, Advokat, daß Sie mit Don Taddeo und den Seinen
+leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: um so schlimmer. Er versteckt
+sich hinter dem Schlosser Fantapiè, der alle Arbeiten für die Kirche und
+das Kloster macht und den Schlüssel keinen Augenblick früher beendet haben
+wird, als es dem Priester recht ist . . .«
+
+Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, wickelte Italia ein,
+schnellte über sie hinaus und lärmte so sehr, daß nichts mehr zu verstehen
+war. Die Tauben flüchteten vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprüngen am
+Dom. Einige kehrten zurück und ließen sich auf den Rand der Brunnenschale
+nieder. Italia kam näher; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten,
+Hüften und Augen drehte sie hin und her und kaute dabei. Wie sie die Tauben
+sah, machte sie sich heran und hielt ihnen, zärtlich kreischend, die
+Handfläche mit Brot hin. Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt
+dessen sagte Frau Acquistapace:
+
+»Ist es erlaubt, Reverendo, daß eine verlorene Frau die Kirchentauben
+füttert?«
+
+Indes Don Taddeo seufzte, fügte die Nonoggi hinzu:
+
+»Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn man denkt! Und mit
+einem Edelmann!«
+
+Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens drückte sie
+ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie aus, -- was ihr gut stand. An
+ihrem schwarzen Kleid vorbei sah man es silbern niederfallen. Italia
+richtete sich fragend auf. Vor dem Café sagte niemand ein Wort. Endlich
+versuchte der Advokat:
+
+»Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn Nonoggi --«
+
+ * * * * *
+
+Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker:
+
+»Auch ohne Nonoggi kommt schließlich alles heraus.«
+
+»Das ist abscheulich«, rief der Advokat. »Ich wasche meine Hände in
+Unschuld, -- obwohl ich, wie ich hinzusetzen muß, der erste gewesen bin,
+der die Sache erfahren hat.«
+
+Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen war sie
+angelangt, sich mit ihrer trägen Stimme bei dem Priester erkundigte, ob man
+die Komödiantin nicht einsperren könnte, damit sie niemanden mehr verführe,
+empörte sich der Advokat.
+
+»Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, sollte nicht von
+andern Böses reden!«
+
+Italia war da, hatte Tränen in den Augen und fragte:
+
+»Was haben diese Damen?«
+
+Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener.
+
+»Nichts«, brachte er hervor. »Wir sind in einer kleinen Stadt, was wollen
+Sie; man sieht hier nicht gern, daß eine Frau lange schläft.«
+
+»Aber das Fräulein hat sich den Schlaf verdient«, meinte Polli bieder.
+
+»Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco jeden Abend
+gespielt . . .«
+
+»Und vielleicht auch die Liebe?« schlug der Leutnant vor und rückte sich
+zurecht.
+
+»Die Leidenschaft!« rief der Advokat eifersüchtig. »Denn die Künstlerinnen
+lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie auf. Ich kenne es.«
+
+»Wie wahr!« -- und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit den Augen kitzelte.
+Der Advokat schnaufte.
+
+»Diese hier«, erklärte der Bariton Gaddi, »ist nicht leicht aufzureiben,
+sie ißt zu viele Makkaroni.«
+
+»Man sollte sich über die Frauen niemals lustig machen«, erwiderte der alte
+Giordano süß. »Sie sind eine zu ernste Angelegenheit.«
+
+»Danke, Cavaliere,« -- und sie kitzelte auch ihn. »Ich liebe den galanten
+Mann.«
+
+»Man weiß, man weiß!« -- mit einem Schlage zwischen die Gläser; und der
+Tabakhändler sah sich, krebsrot, nach dem Apotheker um. »Der Baron!«
+wisperten sie erstickt und platzten gleichzeitig aus.
+
+»Was haben diese Herren?« fragte Italia. Um sie für sich zu gewinnen,
+kitzelte sie beide mit den Augen und zur Sicherheit auch noch den Leutnant.
+
+Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und inzwischen kam Frau
+Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten Lidern vorüber. Italia sah ihr
+voll Spannung und Unterordnung nach.
+
+»Ist das die Dame, die ausspie?« flüsterte sie. »Und warum spie sie vor mir
+aus?«
+
+»Auch ich bin beleidigt«, sagte der alte Giordano dumpf und grübelte,
+wieder ganz in Falten, vor sich hin.
+
+Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte irgendeinen an.
+
+»Hier ist jemand, der alles weiß. Alles, versteht ihr? Ist das nicht
+schrecklich?«
+
+»Ich hatte es vergessen«, sagte der alte Giordano schaurig. »Mein
+Gedächtnis! Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglück kommt. Dort im
+Winkel hinter dem Turm --«
+
+Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, und wies mit dem
+Daumen rückwärts. Der Advokat machte leise »Sst«. Polli raunte:
+
+»Man sieht nicht hin.«
+
+»Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren auf sich
+zu haben«, wiederholte Nello Gennari, den Blick gesenkt. Der Bariton nahm
+seine Uhrkette in die Hand.
+
+»Ich sage nicht, daß es eine große Annehmlichkeit ist.«
+
+»Was gibts? O was habt ihr?« -- und Italia hatte den Handrücken am Munde.
+
+»Du hast Hornbreloques, Gaddi?« fragte der alte Tenor. »Man sollte sie nie
+ablegen.«
+
+Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger gegen das Haus
+Mancafede.
+
+»Was gibts, mein Gott?« flehte Italia. »Ich will fort.«
+
+»Was denn«, machte der Advokat. »Wir leben doch alle hier, und es tut uns
+nichts. Es ist ein Mädchen, das seit neun Jahren, ohne krank zu sein, das
+Haus nicht verläßt und dennoch alles weiß, was geschehen ist, und zuweilen
+auch, was noch nicht geschehen ist . . .«
+
+»Man muß zugeben,« -- und der Gemeindesekretär lächelte spöttisch, »daß es
+ein wenig unheimlich sein mag, wenn man es noch nicht gewohnt ist.«
+
+»Ich will fort.«
+
+Italia stieß ihren Stuhl zurück. Der Advokat packte sie an und drückte sie
+auf den Sitz.
+
+»Sie, eine Künstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung der
+menschlichen Natur?«
+
+»Nun, einfach --« meinte der Sekretär. Italia sah, umklammert vom
+Advokaten, nach Hilfe umher.
+
+»Darum bin ich beleidigt worden«, begann wieder der alte Giordano. »Ich,
+der seit fünfzig Jahren --«
+
+»Hat darum jene Dame vor mir ausgespien?« fragte Italia erleuchtet.
+
+»Aber die Wissenschaft --« hob der Advokat an.
+
+»Wer ist also noch sicher!« rief Nello Gennari, sprang auf und machte, die
+Arme verschränkt, eine stürmische Runde um den Tisch. »Sie weiß,« dachte er
+in plötzlichem Erkennen, »wo ich die Nacht war und daß ich Alba liebe! Ich
+wollte eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines
+Geheimnisses sehen. Sie aber hat es: schon gestern wußte sie den Namen! --
+und kann mich verraten. Ich lebe von ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!«
+Er setzte sich wieder und nahm die Stirn in die Hände.
+
+»Die Wissenschaft wird --« sagte der Advokat. Der alte Giordano hob
+plötzlich die Arme und riß die Luft in seinen offenen Mund hinein.
+
+»Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als hunderttausend
+Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. Ich werde hier sterben.«
+
+»Ja, man muß vorsichtig sein,« -- und der Bariton drehte unerschüttert an
+seinen kleinen Hörnern. Der Alte schrumpfte zusammen. Der Advokat bekam
+unversehens eine Art Anfall. Er zuckte wild mit den Schultern, seine
+Handrücken taten kleine krampfige Schläge in die Luft, die Adern schwollen
+ihm, und seine Augen waren die eines Erstickenden.
+
+ * * * * *
+
+Plötzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und sagte, rasch
+atmend:
+
+»Wenn es den Herren gefällt, zur Probe!«
+
+Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch die Zähne, der
+alte Giordano sah entrüstet weg. Dann nahm der Advokat das Wort.
+
+»Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!«
+
+»Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat mich lange
+genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker und muß die Kinder
+singen lehren. Kommen Sie!«
+
+Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblaßt:
+
+»Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht --«
+
+Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er die Arme herunter
+und sagte leichthin:
+
+»Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan gefaßt,
+abzureisen.«
+
+»Ach ja, abreisen!« -- und Italia nickte fliegend und verzerrt, als sei sie
+von Schlangen umwickelt.
+
+»Auch ich reise«, sagte der alte Giordano. »Ich will hier nicht sterben.«
+
+Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. Der Advokat
+fing ihn auf und setzte ihn hin.
+
+»Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; aber was wollen
+Sie? Künstler sind Launen unterworfen, das wußten wir. Wer das Genie will,
+muß auch die Launen wollen.«
+
+»Immerhin,« meinte der Bariton, der seine Anhängsel sorgfältig geprüft
+hatte, »es wird vielleicht besser sein, wir reisen.«
+
+Nello Gennari nahm die Stirn aus den Händen; er hatte einen wirren,
+ringenden Blick; -- schüttelte, die Lider eindrückend, langsam und stark
+den Kopf und ließ die Stirn zurückfallen.
+
+»Sie scherzen«, brachte der Kapellmeister hervor und lächelte wie eine
+Puppe. »Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir nicht gehen? Es wird spät
+und zum Theater ists weit.«
+
+»Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi,« -- und der Advokat klopfte ihn.
+»Unsere Künstler fürchten sich vor der Unsichtbaren dort hinten. Sehen Sie
+nicht hin! Und schließlich, wer weiß; Gründe gibt es für alles; und selbst
+ich, Maestro, frage mich --. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwürdigen
+Dinge häufen sich ein wenig. Warum mußte mir Don Taddeo just heute die
+Ungelegenheit mit dem Schlüssel bereiten? Überdies hatte ich vergessen, daß
+der Frau des Wirtes Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht
+der Geist ihres Vaters erschienen ist.«
+
+Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an.
+
+»Ein Geist?« fragte sie.
+
+»Gewiß, ein Geist, Fräulein«, bestätigte der Advokat ernst. »Denn ich
+gehöre nicht zu denen, die die Seele leugnen. Ich bin kein Feind der
+Religion, nur ein Gegner der Priester.«
+
+»Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist --« und Italia schüttelte sich.
+
+»Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht«, bemerkte der Apotheker
+Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie war unvermittelt still und sah
+ihm gesetzt und treu in die Augen.
+
+»Das Fräulein lacht! Sehen Sie, daß sie lacht?« wiederholte der
+Kapellmeister noch immer. Er war auf den Beinen, in seiner zarten Haut sah
+man die Röte bis unter die blonden Kinnhaare fließen, und er sagte mit
+einer Stimme, die aus dem Tiefsten bebte:
+
+»Ich habe es gewußt, Sie würden mich nicht im Stich lassen. Wo bleibt das
+Fräulein Flora Garlinda?«
+
+»O,« machte Gaddi, »auf die können Sie zählen, Maestro, die singt: auch
+allein, ohne uns, und kein Unglück, böser Blick oder Geist hält sie ab,
+denn sie glaubt an nichts.«
+
+»Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben,« -- und er wies nach der
+Treppengasse; »ich habe große Mühe damit gehabt, bis es oben war . . . Wie?
+Meine Herren, ich bitte Sie, ich bitte Sie.«
+
+»Es wäre vielleicht besser, an nichts zu glauben?« vermutete der Advokat.
+
+»Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich«, sagte der Kapellmeister und griff
+sich fliegend an die Stirn.
+
+»An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer«, bemerkte der Cavaliere
+Giordano. »Beim Theater besonders.«
+
+»Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, daß alles umsonst war?«
+
+»Ich habe sie erlebt,« -- und der Bariton schlug sich auf die starke Brust.
+»In Pesaro verschwanden die Schminktöpfe, die man soeben noch in der Hand
+gehalten hatte, und in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich
+mußte die meinen mehrmals von der Primadonna zurückholen.«
+
+»Das soll deine Frau erfahren«, sagte Italia.
+
+»Werde ich denn niemals hier herauskommen?« -- und der Kapellmeister schlug
+hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt seine Hände an, die in dürftigen,
+zu langen Ärmeln staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten.
+
+Man erwiderte ihm mit Entrüstung:
+
+»Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, daß hundertfünfzig --«
+
+Der Cavaliere Giordano bewog die Bürger mit einer Handbewegung zum
+Schweigen.
+
+»In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, die dort
+aufgetreten sind, nicht wissen, -- aber es ist Tatsache, daß das Theater
+einen Geist hat. Ich habe ihn erblickt.«
+
+Er nickte allen nacheinander in die Augen.
+
+»Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes und soll, obwohl
+ein religiöses Gelübde es ihr verbot, einen Tenor geliebt haben. Nun kommt
+sie, sooft ein junger, noch unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem
+Schloß ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die er bei
+Lebzeiten hatte, und wartet, ob der Fremde jenen Ton aushalten wird . . .«
+
+»Jenen Ton?« wiederholte man.
+
+Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat einige Schritte,
+schob wütend einen schreienden Haufen Jungen auseinander, ging dem Brunnen
+zu.
+
+»Und meine Ouvertüre!« sagte er immer wieder, nun dumpf, nun ausbrechend,
+nun knirschend. Er stützte die Hände auf die Brunnenschale und stöhnte
+laut.
+
+»Sie soll im Theater aufgeführt werden! Die Garlinda soll meine Arie
+>Trauriges Geschick< singen! Wozu ist sie da, wozu sind sie alle da! Ah!
+Sie wollen mir nicht ans Licht helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich
+aufhalten?«
+
+Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust.
+
+»Sie mögen sich hüten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde sie damit
+vernichten, ohne Gnade vernichten!«
+
+Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurück, etwas einwärts auf
+seinen gekrümmten Beinen; und da er fühlte, daß beim Näherkommen sein
+Gesicht, er mochte wollen oder nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam,
+zwang er es zu drohen.
+
+»Bei der Unmöglichkeit, dies genau zu wissen,« sagte der Cavaliere
+Giordano, »werden Sie verstehen, meine Herren, wie schwierig meine Lage
+war.«
+
+»Teufel!«
+
+»Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt fröhlich drauf
+los, -- um in der letzten Pause von irgendeinem guten Herzen zufällig zu
+erfahren, daß in der dritten Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die
+darauf wartet, ob man jenen Ton aushält, bei dem vor hundert Jahren ihr
+Liebhaber gestorben ist. Hält man ihn aus, stirbt man auch, das steht fest.
+Man erstickt an ihm.«
+
+»Schönes Vergnügen!«
+
+»Und man weiß nicht, welcher es ist! Die Überlieferungen stimmen nicht
+überein. Es konnte auch das hohe d sein, meine Herren: das hohe d meiner
+großen Arie >O bleiche Sterne< im letzten Akt der >Galathea.< Aber soll ich
+auf mein hohes d verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt
+werde ich dafür vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich um die
+Wahl zwischen Leben und Ruhm . . . Meine Herren, ich war jung, ich nahm den
+Ruhm.«
+
+»Bravo! Bravo!«
+
+Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner Ungebühr bewußt zu
+sein, nur aus Aufregung, weil er unter dem Tisch auf einen Fuß gestoßen
+war, der, wenn nicht alles täuschte, Italia Molesin gehörte. Der Cavaliere
+Giordano sah ihn strafend an, und er riß, ertappt, die Brauen in die Höhe.
+
+»Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, an dem
+jener Charlatan erstickt ist; denn das hält niemand zwei Minuten lang aus,
+als nur ich. Gleichviel: wie ich nun vor dem Souffleurkasten stehe, das
+ganze Haus den Atem zurückdrängt und nur ich ihn hinausschmettere, lange,
+lange, lange: -- o, ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht
+war ich ein wenig feucht, vielleicht verschwamm es mir ein wenig vor den
+Augen. Es kann sogar sein, daß meine Kräfte nachließen. Da aber lenkt Gott
+meinen Blick, und ich sehe in der dritten Loge rechts eine Gestalt sich
+erheben und lautlos Beifall klatschen. Das Blut schießt mir zum Herzen, mit
+Macht breche ich ab, höre das Haus tausend Hände bewegen und fühle, daß ich
+gerettet bin. Ich verbeuge mich vor der dritten Loge rechts in dem
+Augenblick, da die Gestalt zurücktritt und verschwindet. Noch jetzt,
+scheint mir, habe ich sie vor Augen: sehr bleich ist sie und gekleidet wie
+eine Äbtissin.«
+
+»Wie eine --!«
+
+Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand am Herzen und
+verstört und blutlos. Allmählich erlangte er Atem.
+
+»Wie eine Äbtissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! -- und jener Tenor
+starb für sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! Ich glaube an sie!«
+
+Er setzte sich. Noch waren alle erschüttert.
+
+»Cavaliere, ich muß Sie auffordern«, begann der Kapellmeister, schwach und
+atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl einen Stoß und machte sich, die Hände
+ausgestreckt, eilig drehend über den Platz.
+
+»Was hat er?« fragte Italia enttäuscht. Denn unter dem Tisch war inzwischen
+auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. »Mit wem ist er?«
+
+»Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau dort hinter dem Turm:
+nicht hinsehen, sie sieht uns.«
+
+»Er scheint nicht gefährlich.«
+
+»Meine Herren,« begann wieder der Kapellmeister, »Sie haben wohl nicht
+bedacht, welche Folgen es haben würde --«
+
+Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft
+schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob er ihn vor und ließ ihn los.
+Der Kaufmann dienerte und reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein
+altes Hasenprofil mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise.
+
+»Wenn die Herren es erlauben --«
+
+Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man
+betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die
+aussah wie sein Fell, rund und klein machte.
+
+»Sie haben eine Tochter?« fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede
+schmunzelte bescheiden.
+
+»Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.«
+
+»Es wäre nicht nötig gewesen.«
+
+»Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt sie
+gern ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr als wir andern, von der
+Welt weiß und von gewissen Dingen, die« -- mit der Hand auf dem Herzen --
+»uns andern zu groß sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht
+schlafen lassen. Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand
+sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: >Papa, jetzt ist er
+unterwegs hierher!< >Wer, Töchterchen?< >Er, der Cavaliere Giordano.< Und
+tatsächlich, bedenkt man es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht
+recht geben, und ist es nicht ein wahres Wunder, daß ein Mann, den sie in
+Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlägt, um gerade uns zu
+erwählen? Kaum glaubt man es, daß er hier sitzt, mitten unter uns, wie
+einer von uns!«
+
+»Tatsächlich«, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat meinte:
+
+»Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel
+anzubringen.«
+
+Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die
+Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten:
+
+»Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!«
+
+Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, nach allen
+Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann:
+
+»Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer
+Tochter meine bevorstehende Ankunft enthüllt hat? Sie hat diese Kenntnis
+nicht aus sich selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat
+nichts zu bedeuten?«
+
+Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den
+alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die
+Bauern nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komödianten hätte
+loswerden wollen, noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher
+Ehrgeiz siegte, und er hob die Schultern.
+
+»Welch Zufall denn wohl, -- da nur der Maestro darum wußte. Sagen Sie
+selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!«
+
+»Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es
+mir genützt,« -- und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und
+zornig -- »da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!«
+
+Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein Murmeln der Trauer
+ging durch den Kreis der Bürger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer
+Geste von leichter Erhabenheit.
+
+»Fürchten Sie nichts!« sagte er, machte eine Pause und stellte sich die
+Gedenktafel vor, »ich werde bleiben.«
+
+»Ah!«
+
+»Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie
+kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern
+ist, die mir verhängnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen
+als in Parma, wähle ich statt des Lebens den Ruhm;« -- und er senkte die
+Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen
+beiden und schüttelte sie wild.
+
+»Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie für mich tun!«
+
+Er stammelte mit feuchter Stimme:
+
+»Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren --«
+
+»Sie werden bleiben«, ergänzte der Kaufmann. »Das wissen wir, ohne meine
+Tochter zu fragen.«
+
+Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung der Gagen, sobald
+das Theater ausverkauft wäre. Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem
+Fräulein Italia Molesin verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen
+Freund. Sie und der Advokat sahen errötet aneinander vorbei.
+
+»Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,« sagte der Kaufmann, »sind wir
+sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen werden.«
+
+Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello
+brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller Überraschung vor
+dem spöttisch blinzelnden Kaufmann die Lider.
+
+»Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger auf!« verlangte
+der Kapellmeister und trat von einem Fuß auf den andern. »Meine Herren, ich
+mache Sie dafür verantwortlich, wenn wir --«
+
+»Schließlich hat der Maestro recht«, sagte Italia, denn der Advokat trat
+sie zu stark, und sie stand auf. Auch die übrigen machten sich fertig.
+Nello Gennari allein blieb sitzen.
+
+»Ich kann noch nicht singen«, behauptete er hartnäckig. »Ich muß vorher
+allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich muß allein
+sein.«
+
+Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr zu sprechen. Die
+Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie
+durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden
+des Tabakhändlers Polli zu verlängern.
+
+ * * * * *
+
+Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die am Boden mit
+Steinchen warfen. Er riß sie auseinander und verlangte, daß sie den Platz
+räumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die
+gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und sie verzogen
+sich im bunten Getöse des Mittagläutens.
+
+Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen
+Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen
+der Treppengasse um und rief: »Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können
+keinen Fremden bei der Probe gebrauchen.«
+
+»Versteht sich«, rief der Advokat zurück. »Sie werden nicht kommen, ich
+bürge dafür, sie sind bei Polli.«
+
+Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege
+lag. Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg.
+
+»Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen«, sagte der Advokat.
+Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, stiegen sie zwischen den
+schwarzen Häusern fort, aus deren Türen Rauch schwankte.
+
+»Gut, daß wir dableiben,« sagte Italia, und lachte; »ich hätte nicht
+gewußt, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.«
+
+»Wie? Aber hat denn der Baron nicht --?«
+
+Er schlug sich auf den Mund.
+
+»Wer?« fragte sie.
+
+»O, niemand!«
+
+Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schüttelte lachend die
+Schultern und sprang höher. Er keuchte, rechts und links winkend,
+hinterdrein.
+
+»Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und
+Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hält man mich für einen
+mächtigen Mann . . . Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen
+Sie den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist das größte und
+schönste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat
+abgefunden wurde, gehört es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur
+Hälfte. Ich habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern --«
+
+Der Advokat blieb stehen und schmatzte.
+
+»-- und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man
+zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Fräulein: wenn Sie mich
+besuchen wollen, -- o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines
+Ehrenmannes;« -- und er stellte die Hand steil zwischen sie und sich.
+Italia lachte, aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit
+begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen Verhältnisse
+darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag!
+
+»Nach der Probe will ich Sie besuchen«, sagte sie, »und mir Ihre schönen
+Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer«, setzte sie hinzu und
+zögerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte
+sie sich einen bescheiden lockenden Senkblick. Er lächelte galant und
+führte seine welke Hand ans Herz.
+
+»O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.«
+
+Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er hielt immer wieder
+an.
+
+»Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem Anblick --«
+
+»Da ist er! Und die Eier?« rief es aus dem Hause herab; und eine große Frau
+mit einem rot verschnürten Sammetmieder und kurzen Hemdärmeln stand im
+Fenster und drohte mit dem Finger.
+
+»Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er Hungers sterben lassen:
+er aber, immer mit den Frauen.«
+
+»Meine Liebe,« sagte der Advokat hinauf, »es gibt gewisse Dinge, die du
+nicht beurteilen kannst.«
+
+»Immer derselbe, der Advokat!« -- und die Schwester breitete verzweifelt
+die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strähnen fielen,
+lächelte bewundernd.
+
+»Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! geh, Taugenichts,
+unterhalte dich! Laß deine Familie ohne die Eier!«
+
+»Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. Aber merke dir,
+meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit haben werde für deine
+Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschäftigt bin.«
+
+»Man sieht es«, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurückzog.
+Der Advokat bemerkte:
+
+»Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.«
+
+Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert
+hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurück.
+
+»Bei Ihrem Anblick«, fuhr er fort, »fühle ich deutlicher als je, daß große
+Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Künstler bestimmt? Ah!
+haben Sie je über das Schicksal nachgedacht?«
+
+Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti
+ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter
+in abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen
+Greisenaugen schien er über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war,
+bewegte dabei die Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, die Linke
+am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut.
+
+»Es ist nichts«, erklärte der Advokat. »Es ist der Brabrà: so nennen sie
+ihn nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer
+Alter, etwas verrückt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann
+von meinen Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal --. Aber nein: da ich
+Ihnen begegnet bin!«
+
+Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm.
+
+»Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Fürstin
+Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; --
+und dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig
+namens -- Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die einen Liebhaber
+hatte.«
+
+»So streng war er!« -- und Italia sah ehrfürchtig an der wilden schwarzen
+Mauer hinauf.
+
+»Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die
+Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen
+Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu
+werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißig Ortschaften. Welch wollüstiges
+Blau: würde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt?
+Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der
+hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.«
+
+»Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!«
+
+»Für eine Frau würde ich es ausgeben!« rief der Advokat, in Feuer, und
+kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen
+Palast. »Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine
+Frau zu allem fähig.«
+
+Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab.
+
+»Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben
+sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie
+besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .«
+
+Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der
+Kapellmeister.
+
+»Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die >Arme
+Tonietta< niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!«
+
+»Sie haben recht, Dorlenghi«, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der
+Hand. »Wir kommen, gleich sind wir da.«
+
+»Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die
+Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von
+zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!«
+
+Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen
+mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben.
+
+»Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich
+komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir
+seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen,
+was ich dir schenke.«
+
+Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten
+Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter
+Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn
+fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er
+fort . . .
+
+ * * * * *
+
+Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein
+paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese
+Wege, die nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder
+noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles,
+was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den
+leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen
+Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten
+sie sie wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches war Nello
+gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba
+je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter
+ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken,
+daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt.
+Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin
+betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße Gesicht -- hatte es nicht
+genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam.
+
+Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen!
+Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen
+und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder
+Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die
+betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden
+warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich
+nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf
+die Stufe. Ein Geräusch -- er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah
+ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz mit ihrem
+Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das Haus, den Spalt in der
+Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich
+gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig
+die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna klappten
+schon in der Treppengasse.
+
+So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in
+ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus
+Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem
+schmutzigweißen Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und
+davon, um die Ecken, über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, -- und
+sooft durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder
+spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen saß, richtete sie den
+Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen
+beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer
+unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. »Laßt mich
+durch!« -- und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie hin.
+
+ * * * * *
+
+Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles
+schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches.
+
+»Entschuldigen Sie!« sagte jemand.
+
+»Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?«
+
+»Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich
+der Probe bei.«
+
+»Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?«
+
+»Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!«
+
+Da fiel er hin.
+
+»Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.«
+
+Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt
+an.
+
+»Wir sind falsch gegangen«, entschied Flora Garlinda. »Wir wollen umkehren,
+und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden
+. . . Diesen Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht
+mit drinnen?«
+
+»Konnte ich denn? Ließ man mich denn?« -- und der Stimme des Advokaten
+hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. »Dorlenghi ist verrückt
+geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein
+Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er
+selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken können.«
+
+»Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich
+werde Ihnen helfen.«
+
+»Ah! Sie werden --. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß
+Sie eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem
+Tabakhändler --«
+
+»Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.«
+
+»Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde
+es erraten haben, daß ich nicht --, daß dieser Maestro mich --«
+
+»Wir sind da«, sagte Flora Garlinda.
+
+Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der
+Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse
+sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des
+Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft.
+
+»Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie
+sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.«
+
+»Das ist immerhin etwas«, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem
+Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür.
+
+»Was für ein schlecht erzogener Mann!« sagte sie. »Mich hat er bereits
+Idiotin genannt.«
+
+Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph
+kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen.
+
+»Maestro,« -- ganz sanft -- »ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten
+Belotti. Er möchte uns zuhören.«
+
+Der Kapellmeister fuhr auf.
+
+»Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!«
+
+»Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,« -- und der Advokat trat mit
+Würde vor.
+
+»Also nochmals,« schrie der junge Musiker zitternd, »der Herr bin hier ich.
+Wer nicht gehorchen will --«
+
+»Nun?« -- und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen.
+
+»Kann gehen«, ergänzte er viel leiser. Sie nickte.
+
+»Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.«
+
+»Erst gestern«, stieß er hervor, »hat mir die Fusinati geschrieben.«
+
+»Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie
+aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein
+andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden --«
+
+»O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,« -- und der Advokat
+trat von einem Fuß auf den andern. »Sind wir nicht alle Freunde?«
+
+»Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu
+singen, vor wem ich will.«
+
+»Es liegt mir fern --. Wir haben uns mißverstanden --.«
+
+Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf
+Schreckliches gefaßt.
+
+»Überdies«, begann sie wieder, »bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu
+verhandeln.«
+
+»Sehr richtig«, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf
+das Klavier. »Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht
+genüge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei
+singe ich ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß,
+daß meine Partie der Piero wäre!«
+
+»Kurz: was will man von mir?«
+
+Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider.
+
+»Man will einen Regisseur, beim Bacchus«, sagte der Bariton.
+
+»Der bin ich! Der bin ich!«
+
+»Meine Herren,« stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen, »ich
+möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen --«
+
+»Maestro!«
+
+Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter.
+
+»Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht nötig, es zu gestehen:
+diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und
+bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es,
+der die Ausstattung beschafft hat.«
+
+Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den
+Bariton.
+
+»Und ich,« klagte der Kapellmeister, »ich habe den Chor zusammengebracht
+und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger
+für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das
+ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.«
+
+Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum.
+
+»Wer sagt das?« -- und Flora Garlinda folgte ihm. »Aber weil Sie ein Mann
+von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.«
+
+»Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß«, hörte man den Bariton sagen.
+
+»Er verlangt fünfzig Lire«, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten
+Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses:
+
+»Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper
+geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?«
+
+Da er den Atem einzog und anhielt:
+
+»Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in
+Mailand. Wir --«
+
+Sie knixte tief.
+
+»-- sind für Sie nur Staffeln.«
+
+»O!« machte er, aufgeblüht und gütig. »Sie nicht, Flora Garlinda: Sie
+nicht. Sie werden größer werden als ich.«
+
+»Glauben Sie?« fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück.
+
+»Aber solange ich Dirigent bin,« rief er den anderen zu, »darf ich
+vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt
+erkläre?«
+
+Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich.
+
+»Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.«
+
+»Dann also, Cavaliere,« rief der Kapellmeister, »noch einmal von vorn,
+bitte: >Seid fruchtbar, meine Kinder . . .<«
+
+Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne
+von sich zu geben.
+
+»Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch
+meine Enkel sollen es bebauen.«
+
+»Hören Sie ihn etwa?« -- und der Kapellmeister warf sich, die Stirn
+trocknend, auf seinem Sitz umher. »Und dies ist nur ein Klavier! Was wird
+das Orchester von seiner Stimme übriglassen?«
+
+Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es
+weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen.
+
+»Ich habe doch alles verstanden«, versicherte Italia Molesin mitleidig und
+sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte
+fest:
+
+»Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.«
+
+»Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler --« sagte der Advokat mit
+Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den
+Kopf.
+
+»Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts!
+Ich stehe für nichts!«
+
+Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die
+Tasten.
+
+»Fräulein Flora Garlinda!«
+
+»Hier bin ich.«
+
+»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich
+dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine
+solche Gewissenlosigkeit?«
+
+»Nun ja«, meinte Gaddi. »Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen, und
+das wird ihm zu denken geben.«
+
+»Einen Vermouth!« -- und der Kapellmeister stieß die Luft aus.
+
+»Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken!
+Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda, Sie, die
+Sie zuletzt gekommen sind!«
+
+»Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?« -- und sie wandte sich ab.
+
+»Steckt er bei einer Frau?« raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der
+Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm.
+
+»Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!«
+
+Sie fiel ein:
+
+»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .«
+
+Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und
+weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben,
+aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog
+Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen.
+
+»Es ist unnütz«, sagte sie. »Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner
+fehlt.«
+
+»Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was
+Sie wollen!«
+
+»O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben
+mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes.
+Geben Sie mir den Advokaten!«
+
+»Herr Advokat!« -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. »Wir bitten
+Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?«
+
+»Aber wie denn, Maestro!«
+
+Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte
+seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf
+ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf.
+
+»Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie
+starren in das Abendrot!«
+
+Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte
+mit den Füßen.
+
+»Sind wir soweit?« fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der
+Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie
+schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.
+
+»Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier,
+der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis
+Phonographen.«
+
+»Schweigen Sie!« schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht.
+
+»Aber er ist kaput«, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.
+
+Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände
+unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.
+
+»Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!«
+
+»Knien Sie!« befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten,
+aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die
+Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu
+behalten.
+
+»Knien Sie doch hin!« -- und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte.
+
+»Au, au!« machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren
+himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine.
+
+»Und würde sterben für dich!«
+
+»Sie sind zu gütig«, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte
+sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ
+sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen
+los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich
+hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte:
+
+»Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in
+diesem Augenblick, in diesem!«
+
+Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.
+
+»Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.«
+
+»Warum denn«, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn.
+
+»Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den
+Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!«
+
+Und er war fort. Man sah sich an.
+
+»Nun also, gehen wir essen!« meinte der Bariton. »Wollen Sie nicht
+aufstehen, Advokat?«
+
+Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora
+Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat
+verschwunden waren.
+
+»Schon«, sagte der Bariton; und der alte Tenor:
+
+»Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es
+empfehlenswert, jung zu sein.«
+
+»Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?« fragte Flora
+Garlinda.
+
+Die beiden Männer riefen einander noch nach:
+
+»Um fünf im Café!«
+
+ * * * * *
+
+Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò
+bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der
+Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit
+taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres
+Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte
+eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk
+einen kleinen Papierfächer.
+
+In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes,
+Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig
+in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif.
+
+»Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot«, rief Gaddi ihm entgegen. Der
+junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand
+rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.
+
+»Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!«
+
+Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust.
+
+»Nichts«, brachte Nello hervor.
+
+»Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt
+bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die
+Probe versäumt?«
+
+Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick
+verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand
+des andern:
+
+»Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!«
+
+Er preßte, fiebrig bittend, die Hand.
+
+»Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an
+deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.«
+
+»Du bist krank.«
+
+»Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe
+die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.«
+
+Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die
+Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.
+
+Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut:
+der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich
+hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon
+alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die
+Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand,
+halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von
+unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als
+beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte
+er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr,
+was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war.
+
+Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den
+Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er
+seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch
+zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der
+Apotheker aus:
+
+»Und der Advokat?«
+
+Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die
+Hände.
+
+»Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat
+sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien,
+der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.«
+
+»Wir?« fragte Gaddi.
+
+»Ich weiß«, erklärte Mancafede; »meine Tochter hat es mir gesagt.«
+
+Nello machte sich steif.
+
+»So wiederholen Sie es doch!«
+
+Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.
+
+»Wir haben keine Ahnung«, sagte der Cavaliere Giordano.
+
+»Raten Sie nur!« -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase.
+
+»Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .«
+
+»Die«, behauptete der Bariton, »kann es nicht sein. Sie ist äußerst
+anständig.«
+
+»Und doch, und doch --«
+
+Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf
+die Brust.
+
+»Ich habe es aus erster Quelle.«
+
+Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei
+ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte
+sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und
+auf dem Sofa saß die Frau.
+
+»Ah! Ihr Herren, der Advokat!«
+
+Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein.
+
+»Ich kann es nicht glauben«, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere
+Giordano zu; »eine so anständige Person wie unsere Italia.«
+
+»Eure Italia!« rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. »Ah! reden wir
+ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.«
+
+»Hat er sie geschlachtet?«
+
+»Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion
+davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die
+Schwester des Advokaten Belotti.«
+
+Der Sekretär spreizte die Hände.
+
+»Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän
+Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß
+Erfindungen.«
+
+Polli und der Apotheker hoben die Arme.
+
+»Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!«
+
+»Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,« -- und Camuzzi
+strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. »Ah, man stelle sich vor: ein
+Kind vom Advokaten.«
+
+»Schon?« fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. »Bisher steht nur
+fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat.
+Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte
+erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde
+aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.«
+
+»Ah! der Advokat.«
+
+»Orgien: wie ich euch sagte!« -- und der Apotheker schlug zwischen die
+Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er
+erhob die Stimme.
+
+»Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die
+beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.«
+
+Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der
+Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, -- und auf
+einmal entließen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen.
+Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins
+Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker
+brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch
+sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme:
+
+»Da sind sie!«
+
+Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich
+nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten
+der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen;
+zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der
+Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ,
+entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die
+Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; -- und
+dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das
+Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte.
+
+Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das
+Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf
+einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig
+wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei
+jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:
+
+»Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!«
+
+Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie
+mußte zugeben, daß sie ermüdet sei.
+
+»Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten«, erklärte sie.
+
+»Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben --«
+
+»Sst!« machte er.
+
+»Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut
+gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.«
+
+»Darauf hat er sich immer verstanden!« schrie Polli. »Er hat immer das
+zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.«
+
+Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht
+genügend beleuchtet.
+
+»Und der Baron«, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte
+es gehört und flüsterte zurück:
+
+»Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm
+aufgesetzt hat, bist du es.«
+
+»Du bist groß, Advokat!« sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.
+
+Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß
+der Huldigungen.
+
+»Da haben wirs!« -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten
+die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings.
+Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor
+lachen.
+
+»Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.«
+
+»Was meinen Sie denn, Camuzzi?« fragte der Advokat, immerhin betroffen.
+»Ich habe keine Ahnung.«
+
+Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz
+legte.
+
+»Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.«
+
+Der Sekretär nickte ingrimmig.
+
+»Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk
+sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in
+Gefahr!«
+
+»Das ist doch wohl übertrieben«, meinte der Advokat; und da er in den
+Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf.
+
+»Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini
+ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller
+abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr
+Herren, seht hier, seht den Priester!«
+
+Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte,
+sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie
+unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren
+schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen
+Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog,
+besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten
+und schrien. Die Bürger waren empört.
+
+Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:
+
+»Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!«
+
+»Wenn man ihn selbst einmal --« schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann
+Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe.
+
+»Solche Verbündete«, stellte der Advokat fest, »hat der Herr Camuzzi.
+Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.«
+
+»Die moralischen Gesetze«, versuchte der Sekretär einzuwenden, »verlieren
+dadurch nicht an Wert, daß --«
+
+»Ach was!« -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. »Lassen Sie doch
+die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen
+huldigen --«
+
+Er sah auf Italia.
+
+»-- ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere
+Verneinung!«
+
+»Bravo, Advokat!« sagte der Cavaliere Giordano.
+
+»Er hat gut gesprochen«, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu
+und schielte auf seine Nase:
+
+»Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn
+nicht der Advokat es täte!«
+
+Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger
+entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ
+den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der
+Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der
+Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker
+in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann
+seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz
+vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an.
+
+»Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das
+Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der
+Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube;
+weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen
+kann.«
+
+Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:
+
+»Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den
+Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter
+Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.«
+
+Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich:
+
+»Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und
+Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in
+kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.«
+
+»Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?« fragte der Sekretär.
+
+»Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die
+ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und
+Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und
+freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor
+Mittelmäßigkeiten.«
+
+Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen
+die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
+
+»Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen
+Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.«
+
+ * * * * *
+
+Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine,
+einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse.
+
+»Hier ists kühl«, sagte er aufatmend; und über sie geneigt:
+
+»Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.«
+
+»Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.«
+
+Er biß sich auf die Lippe.
+
+»Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist
+gegen mich.«
+
+Da sie Luft durch die Nase stieß:
+
+»Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen
+Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!«
+
+Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.
+
+»Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!«
+
+»Aber auch ich --« und er schluchzte trocken auf, »-- habe nun etwas
+Einziges, etwas Großes --«
+
+Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:
+
+»-- für das ich leben will, -- für das ich sterben will.« Ihre Miene ward
+unruhig.
+
+»Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!«
+
+»Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.«
+
+»Und so paßt es für dich«, sagte sie befriedigt.
+
+Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die
+Rechte aufs Herz und begann zu singen. »Sieh, Geliebter, unser um --.«
+
+Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag.
+
+»Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es
+nicht.«
+
+»Da Sie es singen, Fräulein,« sagte Polli galant, »brauche ich meinen
+Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.«
+
+»Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?« fragte Camuzzi; und gerade
+wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die
+Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die
+Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.
+
+»Es wird niemand darin sein«, sagte der Kaufmann.
+
+»Ich habe beobachtet,« sagte Polli, »wenn der vorige Tag zu gut war, dann
+kommt gar nichts.«
+
+»Da wir das Fräulein schon unter uns haben«, und der Advokat verbeugte sich
+vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat
+sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß.
+
+Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der
+Treppengasse. Der Apotheker fluchte.
+
+»Es ist unbegreiflich,« bemerkte der Advokat, »wo diese Mädchen sich
+umhertreiben. Was mögen sie --«
+
+Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron
+Torroni.
+
+»O,« machte der Leutnant, »man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .«
+
+Der Sekretär lächelte unbekümmert.
+
+»Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.«
+
+»Tatsache ist,« sagte Polli, »daß der Advokat gewisse Rechte des Barons
+nicht ganz --«
+
+Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:
+
+»Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr
+schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!«
+
+Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.
+
+»Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens,
+daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird
+leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.«
+
+»Immerhin muß man wissen,« sagte der Apotheker, »daß heute früh ein Bauer
+aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat.
+Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.«
+
+»Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!« rief Polli; »und da du mit
+dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?«
+
+Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte
+seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf
+seinen Arm.
+
+»Keine Dummheiten, Advokat!«
+
+Und etwas weiterhin:
+
+»Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst
+dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich
+Unglückliche!«
+
+Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser
+kritischen Lage vorbei.
+
+»Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!« sagte er.
+
+Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war
+überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem
+Baron den Anfang gemacht.
+
+»Du lügst!« -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung,
+weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas
+Falsches zuschob. »Was hast du gesehen?«
+
+»Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte,
+warum.«
+
+»Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des
+Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist,
+war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt
+habe.«
+
+Der Advokat murmelte:
+
+»Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz« -- und
+nachdem er überlegt hatte:
+
+»O Weiber! Und das soll ich dir glauben?«
+
+Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten
+alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die
+Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft!
+Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es
+schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, kühn
+gemacht, vor, sie dafür zu verlassen.
+
+»Ich liebe nur dich«, sagte Italia versöhnlich.
+
+»Eh!« machte er und kehrte um.
+
+»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. Er sagte herablassend:
+
+»Du bist ein gutes Mädchen.«
+
+Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:
+
+»Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah
+wohl, daß sie Furcht um dich hatte.«
+
+»Du glaubst?« -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart.
+
+»Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen«, begann der Leutnant wieder,
+»von sehr sonderbaren Fällen . . .«
+
+Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? »Mit ihr kam ich
+gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah
+Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht
+geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!« Und er
+errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge
+gerühmt habe. »Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie
+ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.« Aber hundertmal hatte schon in
+seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine
+Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt!
+»Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist
+abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.«
+
+»Wo bleibt der Maestro?« fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit
+starre Augen gehabt hatte. »Die Chorprobe müßte aus sein.«
+
+»Wohl«, sagte Gaddi. »Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche
+ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine
+Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?«
+
+Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton
+bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht
+sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den
+Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er
+murmelte:
+
+»Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?«
+
+Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in
+schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust
+unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, -- trank nicht,
+rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt,
+anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel
+ab.
+
+Der Advokat streckte die Hand aus.
+
+»Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte
+auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen
+hinaufsteigen sah --«
+
+Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf.
+
+»Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der
+guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd,
+die mannstoll war, eine schöne Person --« Italia unterbrach die Erzählung.
+
+»Advokat,« sagte sie zitternden Tones, »der Blick des Priesters, als er uns
+begegnete!«
+
+»Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam
+die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er
+Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht
+an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen
+Augen an . . .«
+
+Sie schlug die Hände vors Gesicht.
+
+»Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht
+mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu
+beichten.«
+
+Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für
+ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten
+zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:
+
+»Auch ich werde beichten.«
+
+Man stutzte.
+
+»Sie sind fromm?«
+
+»Warum nicht«, erwiderte Gaddi. »Auch beim Theater sind wir anständige
+Leute.«
+
+»Ich komme gern mit mir ins reine«, erklärte sie und bewegte die Augen hell
+vom einen zum andern. »Habe ich dort im Schatten gekniet und alles
+ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir
+bestimmt ist.«
+
+Der Advokat hielt sich nicht mehr.
+
+»Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden
+vergeben kann?«
+
+»Wenn er stark genug wäre?« sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. »Aber
+fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.«
+
+»Sie sind eine sonderbare Person«, bemerkte der Tabakhändler.
+
+»Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch« -- und
+sie erfaßte Italias weißen Arm. »Sie sind schwierig, -- und die Priester
+sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl
+und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die
+Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu
+sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts
+kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es
+verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch
+längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich
+ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die
+Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit
+ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und
+bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das
+Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<«
+
+»Welch guter Witz!« rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora
+Garlinda lächelte in die Runde.
+
+»Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine
+des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.«
+
+ * * * * *
+
+»Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen«, sagte der Cavaliere
+Giordano.
+
+Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle
+die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter
+flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein
+hergewehter Schwarm fremder Insekten.
+
+Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr:
+
+»Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung
+haben!«
+
+»Aber auch unsere Damen«, fügte er hinzu, »sind nicht zu verachten, und
+nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute.
+Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!«
+
+Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen
+Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste.
+Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er
+fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht
+trafen.
+
+»Die kleine Paradisi«, raunte er, »hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber.
+Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.«
+
+»Ich glaube sie schon zu kennen«, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert
+hatte: »Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde
+dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen,
+die ich gestern gesehen habe?«
+
+»Gewiß,« sagte der Advokat, »und sogleich wird auch die Hühnerlucia da
+sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung,
+und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste,
+was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles
+geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile
+Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus
+einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.«
+
+Er sah sich nach Beifall um.
+
+»Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er
+ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß
+diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt
+machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin
+vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht.
+Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei
+anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe
+hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück
+der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino
+Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft
+seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen,
+daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer
+als die Goldstücke des Alten.«
+
+Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:
+
+»Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich
+wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird
+sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende
+einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen
+Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten
+in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr
+weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!«
+
+»Die Hühnerlucia!« rief der Advokat und schüttelte ihn. »Da ist sie!«
+
+Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen
+Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr
+krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da
+durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran,
+über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war.
+Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den
+Händen um sich, man kreischte, man floh . . .
+
+Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich
+der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.
+
+»Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig
+Jahren, und es bleibt immer komisch.«
+
+»Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro«, rief er.
+
+»Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater«, erklärte
+der Advokat seiner Umgebung. »Alles in Ordnung, Maestro?« rief er durch die
+Hände.
+
+Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet
+hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café »zum Fortschritt.«
+
+»Es ist gut gegangen,« sagte er und nahm die Hände, »ich bin zufrieden.«
+
+»Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?« fragte Italia.
+
+»Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste
+in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.«
+
+Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf
+an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die
+heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen.
+Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an
+patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso
+zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte
+eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste
+Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und
+feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es
+sprang zu hoch.
+
+»Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein«, sagte er
+und seufzte.
+
+»Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann«, erwiderte der
+Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den
+Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an
+den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und
+lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch
+von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen
+Ruck an Flora Garlinda.
+
+»Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< so gut wie Livia
+Damanti«, sagte er und schöpfte Atem.
+
+Flora Garlinda lächelte.
+
+»Sie finden?«
+
+»Sie hatte so viel Gefühl.«
+
+Flora Garlinda krümmte die Lippe.
+
+»So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die
+Livia gehört?«
+
+»Letzten Winter«, sagte er rasch und errötete. »In Parma.«
+
+»Sie ist seit einem Jahr in Amerika.«
+
+Und immer mit ihrem reglosen Lächeln:
+
+Ȇbrigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt
+Contralto.«
+
+Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte
+unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute
+bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte.
+Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah
+weg.
+
+»Ich werde mich geirrt haben«, sagte er und schluckte hinunter. »Auch
+zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die
+Wahrheit.«
+
+»Wahrheit oder nicht« -- und sie lachte kameradschaftlich, »wir kennen uns
+schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die
+größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?«
+
+»Über mich? über mich?« -- mit der Hand auf dem Herzen:
+
+»Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --«
+
+Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.
+
+»Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er
+gedrungen.«
+
+»Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat«, sagte der Kaufmann
+Mancafede.
+
+Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase.
+Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten
+um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.
+
+»Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die
+Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun
+einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein
+inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe
+dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines
+Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt
+nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.«
+
+Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung
+benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.
+
+»Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen
+gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fühle eine
+Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten
+des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses
+Volkes zu hören, das wartet.«
+
+»Und Sie, Herr Savezzo?« fragte Flora Garlinda.
+
+»Ganz so!« sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran
+getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren
+die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. »Ganz so! Als ich über die
+Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich
+fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das
+beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium
+die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß
+ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im
+Geist erblickt.«
+
+»Der Ehrgeiz!« sagte der Kapellmeister. »Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang
+zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich,
+Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das
+Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende!
+Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele
+und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!«
+
+»Tausend Geliebte!« -- und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. »Ich
+sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch
+das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine
+gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten
+Damen sich mir --«
+
+Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie
+weiß zu machen.
+
+»Die Herren verstehen sich«, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd,
+gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber
+seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt
+durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte:
+
+»Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für
+diesen Vermouth.«
+
+Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: »Ists möglich, daß sie mich mit
+diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich
+ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer
+kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl
+gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter
+Musik kommen, werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch
+nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.«
+
+Er betrachtete ihr Lächeln.
+
+»Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben!
+Sie ist böse, ich hasse sie! -- und würde doch keinen Menschen so gern an
+mich glauben machen wie sie!«
+
+Aus ratloser Pein sagte er:
+
+»Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?«
+
+Sie hob die Schultern.
+
+»Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem
+Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist
+alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco
+zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf,
+mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --«
+
+Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.
+
+»Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich
+werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und
+meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird
+dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.«
+
+Sie stand auf.
+
+»Ich will meinen Spaziergang machen.«
+
+»Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden«, sagten die Bürger.
+
+Sie lachte und ging.
+
+Der Kapellmeister sah vor sich nieder. »Ihr gehört die Zukunft; darum
+braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.«
+
+Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin:
+
+»Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.«
+
+Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit
+hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen.
+
+ * * * * *
+
+Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß
+rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen
+schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines
+Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch
+die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave.
+
+Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des
+Tenors Nello Gennari, beim Café ein.
+
+»Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!« schrie er erzürnt. »Was
+fällt ihm ein!« -- denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt
+auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.
+
+»Im übrigen,« sagte er, »die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen
+Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.«
+
+»Aber die Personen,« sagte Nello, »die zum Dom gingen, waren nicht
+dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.«
+
+Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig
+gesenkten Stirne hervor.
+
+»Ach ja,« sagte er, »dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen
+kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre
+Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.«
+
+»Was meint dieser Herr?« -- und Nello tat einen raschen Schritt.
+
+»Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.«
+
+Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.
+
+»Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn
+keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr
+meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.«
+
+»Was hat er?« ward gefragt, als er fort war.
+
+»Ich verstehe nicht --« stammelte Nello. Der Advokat bewegte den
+Zeigefinger.
+
+»Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind.
+Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die
+Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon
+wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn
+eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines
+sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und
+daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte.
+Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich
+beneidet und haßt.«
+
+»Er ist ein junger Mann von großem Genie«, wandte Polli ein. Der Advokat
+versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub
+vor. Darauf erwiderte er:
+
+»Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.«
+
+»Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft«, sagte der Perückenmacher
+Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden.
+
+»Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!«
+
+Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen
+Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.
+
+»Eh! eh!« machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.
+
+»Wenn ich gewußt hätte,« versicherte der Barbier und drückte die
+Pickelflöte fester unter seinen Arm, »ich wäre gekommen und hätte den
+Herrschaften ein Ständchen gebracht.«
+
+»Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?« fragte der Bariton Gaddi.
+
+»Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige
+darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.«
+
+»Ihr meint den Chiaralunzi«, sagte der Apotheker. »Aber wir alle wissen,
+daß er ein sehr braver Mann ist.«
+
+Der Barbier hüpfte auf.
+
+»Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt,
+Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock
+dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt
+sich nicht beim Wein.«
+
+»Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.«
+
+»Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit
+seiner Bande zu viel trinkt.«
+
+»Da haben wirs«, bemerkte der Advokat. »Ihr neidet euch gegenseitig die
+Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön,
+Nonoggi.«
+
+Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden.
+
+»Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so
+miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.«
+
+Der Advokat legte den Kopf zurück.
+
+»Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der
+Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch
+beiden einen Vermouth anbieten.«
+
+»Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu
+bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der
+Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!«
+
+»Wie?« fragte der Kapellmeister aufschreckend.
+
+Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf
+seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken,
+und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte
+er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem.
+
+»Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?« fragte er und setzte das
+Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem
+Auge.
+
+»Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen?
+Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der
+Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens
+den Hals zu schützen.«
+
+»Und die Probe?« fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.
+
+»Ja, die Probe.«
+
+»Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora«, sagte der
+Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt
+und streckte die Hand hin.
+
+»Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts.
+Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.«
+
+»Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!«
+
+Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.
+
+»Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein
+Einfall.«
+
+Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der
+Schneider sprang entsetzt zurück.
+
+»Im Café! Was denkt Ihr denn?«
+
+Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen
+Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen,
+zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten,
+baumelnden Schnurrbartes.
+
+»Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute«, entschied er endlich
+und nahm sie herab. »Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus.
+Entschuldigen die Herren!«
+
+Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie
+Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm
+zuckten sie die Achseln.
+
+»Verliebt, der Arme!«
+
+»Die Orchesterpartitur«, sagte der Kapellmeister, »liegt noch in meiner
+Wohnung, ich muß eilen.«
+
+Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.
+
+»Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus
+vorbei?«
+
+Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er:
+
+»Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei
+allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi
+hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der
+Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich
+könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es
+kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll
+Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript
+Ihrer Oper.«
+
+»Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .«
+
+Der Kapellmeister griff sich an den Hals.
+
+»Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .«
+
+Der alte Tenor lächelte mild.
+
+»Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die
+von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, -- die er
+mir geschenkt hat.«
+
+Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:
+
+»Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.«
+
+Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und
+sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam,
+hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und
+blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte
+lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und
+starre, feuchte Augen.
+
+Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus
+»zu den Verlobten« und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten
+Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer
+Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf
+das Dach der Schmiede.
+
+»Dort oben.«
+
+Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer
+geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den
+heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:
+
+»Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es
+hier nicht.«
+
+Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen.
+
+»Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es
+in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist
+mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel
+tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich
+durch den Himmel; -- und aus den Glockentönen, die mir darin
+entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber
+vielleicht ist es schlechte?«
+
+Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die
+Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen.
+Der Kapellmeister hielt nicht stand.
+
+»Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens
+den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!«
+
+Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.
+
+»Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --?
+Aufs Bett? . . .«
+
+Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht.
+Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte:
+
+»Bravo, Maestro!«
+
+Darauf atmete der Kapellmeister wieder.
+
+»Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu
+improvisieren« -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem
+Zeigefinger den ersten Ton an.
+
+»Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber
+hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!«
+
+Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens.
+Endlich sah er, rosig lächelnd, auf.
+
+»Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.«
+
+Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: »Wo habe
+ich heute morgen meine Ohren gehabt?« Nie hatte sie tremoliert. Der
+Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers.
+
+»Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!«
+
+Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit
+immer neuem Entzücken:
+
+»Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!«
+
+Der alte Tenor lächelte klug.
+
+»Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don
+Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.«
+
+»Ihm selbst haben Sie vorgesungen!«
+
+»Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich
+spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.«
+
+»Ein Verdi!«
+
+Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere
+Giordano trat an das Fenster.
+
+»Hier hat man einen weiten Horizont«, bemerkte er. »Die vielen Dächer
+bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie
+haben es gut, Maestro, Sie sind jung.«
+
+»Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen
+Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner
+Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft,
+eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!«
+
+»Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit
+Säcken voll Dollars zurückzukehren.«
+
+»Sie waren drüben, Cavaliere.«
+
+Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den
+geringeren.
+
+»Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu
+hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der
+Krim. Während der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am
+Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein
+Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn
+ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem
+Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in
+Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore
+Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen
+und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie
+beruhigen.«
+
+»Als Sie zwanzig waren«, wiederholte der Kapellmeister.
+
+»Ja«, sagte der Alte; und als sei er allein:
+
+»Es ist nun bald fünfzig Jahre her.«
+
+Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und
+die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal
+unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt,
+und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als
+sonst. »Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein
+Gehör, -- und vielleicht wollte ers bestechen?« Dem Kapellmeister kam der
+Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht
+herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. »Es ist wahr, ich habe ihn auf
+der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich,
+ein Anfänger, -- und seinen Namen kannte eine Welt.« Er war froh der
+Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet
+war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz.
+
+»Ich muß eilen«, murmelte er. »Das Orchester wartet auf mich.«
+
+Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.
+
+»Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.«
+
+Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht
+allein zu sein. Aber er blieb zurück.
+
+ * * * * *
+
+An der Ecke beim Wirtshaus »zu den Verlobten« trat, als der Kapellmeister
+heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon
+vorüber und rief zurück:
+
+»Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.«
+
+Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben
+bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker
+Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an.
+
+»Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.«
+
+Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem
+Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte:
+
+»Dort oben wohnt eine.«
+
+»Auch hier habe ich eine einquartiert«, bemerkte der Advokat ein Stück
+weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen
+der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren
+schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk
+roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und
+den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und
+Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten
+Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters
+wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie
+wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um
+über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo
+Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die
+Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler
+Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei
+der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann:
+
+»Er hat recht.«
+
+»Auch für andere ist noch etwas da«, erklärte der Advokat und klopfte ihn
+auf die Schulter.
+
+»Aber woher kommen sie alle?« setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften
+schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. »Man weiß doch, daß es nur
+dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.«
+
+»Überall riecht es nach Puder«, sagte der Apotheker mit seiner biederen
+Stimme. Die anderen beiden schnupperten.
+
+»Sie verlieren ihn in der Luft,« sagte der Advokat, »wie Insekten ihren
+Flügelstaub« -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein
+Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte
+sich eine: eine große, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber
+verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn
+erkannt.
+
+»He! Olindo! Willst du hervorkommen!« -- und er stieß mit dem Zeigefinger
+nach dem Pflaster.
+
+»Soll ich dich holen, du frecher Bengel?«
+
+Der junge Polli zeigte sich am Gitter.
+
+»Papa,« stotterte er, »das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die
+Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.«
+
+»Augenblicklich kommst du herunter!«
+
+Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das
+verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn,
+laut lachend, an.
+
+»So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!«
+
+Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte:
+
+»Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu
+verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.«
+
+Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der
+Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien
+Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der
+bauchigen Rundung des Hauses hin.
+
+»Ah! er will entwischen.«
+
+Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus
+Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, -- und nun
+schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei.
+
+»Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen
+mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden
+waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame
+bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich
+ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.«
+
+Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli
+den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte
+er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das
+Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward
+angst.
+
+»Seid vernünftig«, bat er, »und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen
+schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie
+wir sind? Kommt fort!«
+
+»Aber es ist geradezu die Schönste«, sagte der Advokat und war nicht vom
+Fleck zu bringen. »Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die
+mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem
+Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit
+uns«, flüsterte er durchdringend hinauf, »wird das Fräulein vielleicht im
+Gasthaus »zum Mond« ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der
+Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.«
+
+»Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren«, erwiderte sie. Man sah sie
+drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend,
+die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand
+sogleich dem Tabakhändler hin.
+
+»Ihr Sohn ist ein Kind«, sagte sie; »Sie aber, mein Herr, sind ein
+wirklicher Mann.«
+
+»Wir wollen es hoffen«, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln,
+das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den
+Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er
+schnaufte.
+
+»Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt« -- und lauter:
+
+»Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste,
+und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.«
+
+Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.
+
+»Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein
+Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
+
+Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich
+wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan
+hatte.
+
+»Welch ein Weib!«
+
+Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er
+schlug heftig gegen die Mauer. »Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten
+für sie begehen könnte.«
+
+Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:
+
+»Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia,
+ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier
+trotz ihren gelben Haaren fehlt.«
+
+»Soll ich dir etwas sagen?«
+
+Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers.
+
+»Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde
+treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich
+schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat
+mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers
+geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.«
+
+Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging,
+und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die
+im Corso verschwinden wollten.
+
+Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem
+strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien.
+Polli schlug auf einen Tisch.
+
+»Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.«
+
+Der Advokat stellte die Hände um den Mund.
+
+»Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein
+kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige
+Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel
+aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .«
+
+»Sie werden zufriedengestellt werden«, sagte der Wirt und dienerte speckig.
+»Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy
+machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.«
+
+»Und Leber in Öl will ich«, erklärte das Mädchen.
+
+»Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!« empfahl der Advokat, als
+der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:
+
+»Sorge für den Zabajone!«
+
+Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof:
+
+»Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt
+dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!«
+
+ * * * * *
+
+»Was schreit er?« sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er
+zuckte die Achseln.
+
+»Sie werden sich betrinken wollen.«
+
+»Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn
+unermüdlich?«
+
+»Unsere Ankunft«, sagte Nello, »hat belebend gewirkt auf die Einwohner
+dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in
+Freiheit zu setzen.«
+
+»Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden
+zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben
+Tage noch --«
+
+Italia hatte eine feuchte Stimme.
+
+»Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.«
+
+»Wem sagst du es«, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen.
+
+»Aber dich hat doch niemand betrogen?« fragte sie. Er murmelte:
+
+»Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich
+mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen
+müssen.«
+
+»Als ob wir dafür engagiert wären!«
+
+»Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.«
+
+
+
+
+III
+
+
+»Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!« verlangte die Frau des
+Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte
+unter ihrem grünen Augenschirm ringsum. »Und er wird droben bleiben und
+ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr
+verdammtes Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel
+eine Messe zu feiern.«
+
+»Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes«, sagte der Schlosser Fantapiè und
+bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten
+in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte
+die Augen.
+
+»Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug
+können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein,
+bevor der Böse dir den Hals bricht!«
+
+»Wie wir Guten wenige sind!« bemerkte Frau Acquistapace. »Sollte man die
+Unglücklichen nicht zurückhalten?«
+
+Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock.
+
+»He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der
+ewigen Verdammnis.«
+
+Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte
+durch den Lärm der Glocken zurück:
+
+»Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn übrigens
+eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.«
+
+Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah
+trostlos um den Platz, der leer lag.
+
+»Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!« sagte der
+Schlosser. »Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die
+Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!«
+
+»Ach was, man muß handeln!« behauptete Frau Acquistapace. »Beachtet Don
+Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.«
+
+Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür
+hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des
+Corso kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die
+Matratze zu. Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu
+jagen, da drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den
+Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner
+Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten
+über die Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte.
+
+»Welche Schande für unseren Beruf!« rief Frau Nonoggi dem jungen Druso
+nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin?
+
+Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus,
+als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er
+sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und
+nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer
+hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff
+doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein
+reines Gewissen hatte.
+
+»He! Nonoggi,« -- und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm
+auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber
+das geschlossene Auge verhinderte es.
+
+»Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus
+dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist
+mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine
+Klarinette fehlte.«
+
+Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange.
+
+»Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,« erklärte er
+den beiden Schlossern, die nachkamen, »aber ein Barbier hat noch andere
+Rücksichten zu nehmen.« »Au!« rief seine Frau, denn sein freundschaftliches
+Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich
+wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der
+Treppengasse.
+
+»Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten« -- und Frau Nonoggi
+machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten
+einander stumm.
+
+»Nun sind wir noch vier«, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies,
+aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke.
+
+»Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge
+dafür, daß er weiter Pillen macht.«
+
+Man nickte einander verbissen zu.
+
+»Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!« sagte die Pipistrelli.
+»Soll man ihm nicht zu trinken bringen?«
+
+Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz
+allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich
+die Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat
+Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er:
+
+»Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des
+Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.«
+
+Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er
+sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete
+sich auf.
+
+»Was wollen Sie von mir?« schien er zu fragen; -- und im Getöse des
+Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen
+ausstoßen, die Fäuste schütteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind
+umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben:
+
+»Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen
+Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.«
+
+»Eine Kapelle!« schrie der Advokat. »Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie
+nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie,
+mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?«
+
+Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme:
+
+»Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!«
+
+Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so
+wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er
+die Rechte auf das steife Hemd:
+
+»Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes --«
+
+»Wer ist das Volk?« fragte der alte Fantapiè und trat breit an den
+Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er
+tief Atem.
+
+»Das Volk bin ich!« sagte er mit Überzeugung. »Und hütet euch, daß ich
+nicht die >Glocke des Volkes< läute!«
+
+»Auch wir haben Zeitungen«, sagte Don Taddeo.
+
+»Auch wir sind das Volk«, behauptete drohend Frau Acquistapace.
+
+»Und mein Mann«, kreischte die Pipistrelli, »wird wohl mit den heiligen
+Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder
+singen.«
+
+Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht
+umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben
+waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn
+Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser.
+
+Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester
+lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen.
+
+»So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr
+Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine
+Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die
+bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.«
+
+Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig.
+
+Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme.
+
+»Soll mans geschehen lassen, Reverendo?«
+
+Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin.
+
+»Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu
+warten.«
+
+Frau Acquistapace begriff ihn.
+
+»Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern
+sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten,
+zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne
+nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?«
+
+»Schien es doch auch mir«, machten die andern.
+
+»Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo,
+kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der
+Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .«
+
+Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse.
+
+»Von allen guten Familien«, schrie die Frau des Kirchendieners, »haben nur
+die Nardini dem Übel widerstanden . . . außer dem Hause Acquistapace,«
+setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah.
+
+»Auch die gute, heilige Frau Camuzzi«, sagte der Schlosser Fantapiè,
+»bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus
+verlassen habe.«
+
+Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er
+hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die
+Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig
+verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen
+hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und
+heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch
+Wahrheit, was die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten
+der Komödianten wissen wollte?
+
+Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn
+weiß und wirr.
+
+»Wir werden alle verderben,« stammelte er, »und jene, die sie Italia
+nennen, ist von allem Unheil das ärgste!«
+
+Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè
+rief aus:
+
+»Sie ist das Weib von Babel.«
+
+»Beim Bacchus,« bemerkte der Schlosser Scarpetta; »nachdem schon der
+Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des
+Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn
+selbst die Reihe kommt.«
+
+Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich
+hin. Alle schwiegen, -- und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie
+durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil
+Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht
+gewußt, daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses
+»zum Mond« sehen ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war
+eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt.
+Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . .
+
+»Don Taddeo«, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her.
+»Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.«
+
+Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und
+machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane
+hörbar um die Beine schlug.
+
+»Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des
+Hirten«, sagte die Pipistrelli.
+
+»Aber der Baron« -- und man spähte ihm nach -- »geht ins Theater, das sieht
+man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch
+einen Kampf sie hinter sich hat!«
+
+»Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!«
+
+»Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?« fragte seine Frau. »Ich
+bin sicher, daß sie ihn bedrohen!«
+
+»Wir sind Männer«, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace
+setzte hinzu:
+
+»Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!«
+
+Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz.
+
+»Don Taddeo hat noch Streiter«, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und
+Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der
+Treppengasse hinauf:
+
+»Wir werden sehen!«
+
+Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat
+Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und
+flüsterte durchdringend:
+
+»Komm! Wir sind befreit.«
+
+Ein rauher Freudenschrei, -- und der alte Acquistapace drang hervor,
+stelzend, daß der Platz davon hallte.
+
+»Sst!« machte der Advokat. »Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich
+geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.«
+
+»Und ich,« jubelte der Apotheker, »der ich unter meinem Arbeitskittel schon
+den schwarzen Rock anhatte!«
+
+Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus.
+
+»Ah! alter Esel, der du bist!«
+
+Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten
+der andern. Der Advokat sah zurück.
+
+»Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein
+Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.«
+
+Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte
+einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine
+unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb.
+
+»Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.«
+
+Acquistapace flehte wie ein Knabe.
+
+»Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du
+--; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden
+hat.«
+
+»Eh! man sagt vieles« -- und der Advokat kicherte fett.
+
+»Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?«
+
+»Wie? du hättest --?«
+
+»Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir!
+Er sieht nun, daß mich das nicht hindert --.«
+
+»Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.«
+
+»Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem
+Priester noch?«
+
+»Nicht lange. Deine Artikel in der >Glocke des Volkes< werden gewirkt
+haben.«
+
+»Also du glaubst. Ich sage dir, ich --«
+
+Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust.
+
+»-- daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist
+durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch
+habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn
+von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens
+unterrichtet.«
+
+»Aber er --«
+
+Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand.
+
+»-- er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die
+Augen bewegt, eure Madonna, -- und fast hätten sie ihn gesteinigt.«
+
+Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen.
+
+»Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die >Arme Tonietta<
+sehen?«
+
+»Das wollen wir: ah! das wollen wir.«
+
+Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen.
+
+»Sst!« machte der Advokat. »Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will
+man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden;
+aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter
+dem Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre
+wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, dorthinten unter
+den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als
+kämen statt des Lärmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben
+keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge
+gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen,
+die bezahlt haben.«
+
+»Wir wollen auch hören«, antwortete das Volk.
+
+Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe.
+
+»Um so besser« -- und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der
+Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; »da die Lampe gerade
+hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast
+unbegreiflich, daß diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des
+Theaters für ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig
+Erziehung haben . . .«
+
+»Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst
+fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; -- und welch stolzer roter
+Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!«
+
+»Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir
+mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu
+hintertreiben. Welch alter Spitzbube!«
+
+Sie betraten den engen Gang um die Logen.
+
+»Guten Abend, Vater Corvi!« -- und da der Schließer die Hand hinhielt: »wir
+haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.«
+
+»Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie
+hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr
+Acquistapace muß ihn bezahlen.«
+
+Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch
+an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang.
+
+»Keine Dummheiten, Corvi«, sagte der Advokat. »Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch
+um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.«
+
+»Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich
+kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen,
+denn ich habe sie nicht.«
+
+»Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,« -- und der Advokat begann
+zu tanzen und die Luft zu klopfen, »dann brauchtet Ihr heute abend die
+Leute nicht um Karten zu belästigen.«
+
+»Gott hat es so gewollt«, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte.
+
+»Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre
+Empfehlung für die öffentliche Wage.«
+
+In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia;
+aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand
+er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der
+Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die
+Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht
+sah, wer dahinter saß.
+
+»Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!« rief es
+ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd
+Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch
+entließ, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht
+entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an,
+indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war
+Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die ärgste Klatschbase!
+
+Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta
+durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles
+wußte; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit
+zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel,
+und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der
+Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran,
+seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und
+er es sich gewiß nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener
+anderen Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete
+die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del
+Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren
+Nello: den schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb,
+konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich hatte sie es
+so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs saß. War es zu glauben,
+daß Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte
+er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände
+anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, waren
+armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhändler
+hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und
+starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade
+diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog!
+
+»Rina! Nicht hinunterfallen!« riefen alle.
+
+»Sie hört nicht; hier ist ein Lärm --!« Der Gevatter Achille schreit aus
+seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: »He! Nonò, bist du
+es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient
+werden?« Keine Möglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. »Dieser Nonoggi
+trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem
+Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie
+wird also wirklich die Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein
+Mädchen es wagen würde. Soll man pfeifen?«
+
+»Die Arme, wie sie hübsch ist!« sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè.
+Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu:
+
+»Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten
+meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina
+blutig sein.«
+
+»Ah, Nina, du Liebe!« riefen die Mädchen. »In ihrem weißen Kleid, wie sanft
+sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den
+langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist
+verliebt in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich
+verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als
+wären alle nur gekommen, um ihn zu hören.«
+
+»Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino
+Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.«
+
+»Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans
+Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.«
+
+»Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie
+werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das
+Fenster hinter dir!«
+
+»Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die
+Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.«
+
+»Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den
+Priester machen. Nieder mit den Priestern!«
+
+»Ruhig dort oben!« rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben
+um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs
+wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der
+kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des
+Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf:
+
+»Hast du mitgeschrien, Klothilde?«
+
+Seine Magd rief zurück:
+
+»Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!«
+
+»Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!«
+
+Die Logen waren belustigt.
+
+»Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik
+abgenommen, und so rächt er sich nun.«
+
+Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend
+zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der des
+Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern:
+zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um
+die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin
+-- und plötzlich quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine
+Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des
+Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her:
+
+»Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein
+häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem
+Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint
+ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den
+Kopf herein, -- und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt
+vor ihr herum: Pappappapp . . .«
+
+Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm
+sprachen.
+
+»Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine
+abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne
+Eifersucht abzugewöhnen.«
+
+Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und
+jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund
+Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen,
+die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre
+auseinander.
+
+»Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.«
+
+Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der
+Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama
+Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und
+man hörte nur Galileo Belotti, der sagte:
+
+»Guten Abend, die Gesellschaft!«
+
+Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen
+auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur
+ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm
+aus Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie
+mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn
+schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich.
+
+»Bravo Serafini!« rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf
+den Fingern.
+
+Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf
+ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der
+Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Fräulein Pernici samt dem
+Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant
+legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte
+hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften
+den Gang, so daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in
+der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem
+Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, -- indes Mama Farinaggi kleine
+Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie
+kniff. Dazu schrie es von der Galerie:
+
+»Lauretta hat den schönsten Hut!«
+
+Und:
+
+»Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!«
+
+Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den
+Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten,
+die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine
+fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und
+ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal!
+Es klapperte von Loge zu Loge: »Skandal!«, sprang über den Rang: »Skandal!
+Skandal!« -- und die Männer im Stehparterre riefen: »Skandal! Skandal!« und
+mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder,
+ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte
+beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein
+Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse
+umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den
+drei Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie
+ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino
+Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherführte, kam und stellte sich
+zwischen sie und die drei.
+
+»Danke, mein Herr,« sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, »danke für
+Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß
+in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein
+würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die
+Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.«
+
+»Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt
+der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.«
+
+»Ah! -- und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er
+wird nicht mehr angestellt werden.«
+
+»Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.«
+
+Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums beklagen.
+Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der numerierten
+Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß
+er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte.
+
+»Wir haben Mühe genug gehabt,« erklärte der junge Salvatori, »den Streich
+abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute
+glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini;
+und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden
+war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde.
+Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu
+erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine
+Loge verzichten müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.« Von
+rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu.
+
+»Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht
+etwas tun, um ein Ende zu machen?«
+
+»Für nichts in der Welt«, sagte Frau Camuzzi. »Ich würde sofort nach Hause
+gehen.«
+
+»Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese
+Glocken.«
+
+»Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen
+Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.«
+
+Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser
+kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott
+welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz
+sicher schien, mit allen Männern kokettierte.
+
+»Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt
+werden sollte, -- und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen
+Intrigantin!«
+
+ * * * * *
+
+Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; -- aber man bemerkte, daß eine halbe
+Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in
+der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr
+Fiorio schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er
+irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der
+Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte
+wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte?
+Welch ein Übergriff! »Wir sind recht sehr zurück in Italien!« Bekam man
+wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder
+in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der
+Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und
+gemessen, hinter dem Advokaten her. »Fontana! Capaci!« rief er halblaut,
+und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des
+Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre
+großen Federn trug, die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten
+klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das
+steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit
+geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen.
+
+»Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!« bemerkte der Kutscher Masetti,
+der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der
+Barbier Bonometti setzte hinzu:
+
+»Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.«
+
+Dabei drängte er mit den andern hinterdrein.
+
+»Was denn«, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. »Was
+wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist?
+Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!«
+
+Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte
+Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches
+Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links
+eine Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete,
+ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr -- und in der
+allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz -- im Falle der
+Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren
+Nachbar, den Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen,
+der den Baß strich.
+
+Acquistapace antwortete:
+
+»Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum
+Schweigen.«
+
+»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, wiederholte die junge
+Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen
+Mullkleid hervor.
+
+In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten
+Literaten Ortensi.
+
+»Beatrice,« sagte er und kicherte, »man bringt den Priester zum Schweigen.
+Das erinnert an die guten Zeiten.«
+
+»Wir sind noch am Leben, Orlando«, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit
+tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen
+weißen Gesicht nur die schwarzen Augen.
+
+»Nicht möglich!« rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die
+Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die
+Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete
+sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß
+ausbrach. Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses
+alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander an.
+
+»Alle wie Papa«, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre
+Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder.
+
+»Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird
+aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.«
+
+»Ich habe es satt, mich zu verheiraten«, sagte die entlobte Rosina. Da ging
+die Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen
+Bauch herein. Die Augen funkelten ihm.
+
+»Alles geht gut«, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen.
+»Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes
+haben, und wollt ihr einen Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit
+gestern habt ihr euren Papa zurück.«
+
+»Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser«, jubelte Cesira
+und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande
+unbeachtet ließ, sah weg und dachte: »Da läßt die Gans sich streicheln und
+schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die
+Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen
+zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen;
+und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach
+dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung
+zurücklegt . . .«
+
+»He, Zecchini, wie steht es?« rief ihr Vater ins Parterre. »Er läutet also
+immer noch?«
+
+»Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht
+in den Turm!« -- und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle
+beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften
+zurück, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm
+umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen,
+deren weiße Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er
+gezwungen, sich zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von
+draußen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge,
+die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom
+Parterre zur Galerie rauschend ein »Ah!«
+
+»Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!«
+
+Jemand rief:
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+»Was denn? Welcher Advokat?« -- und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit
+Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an.
+
+»Da habt ihrs!« schrie der Bruder. »Wenn ich euch doch sage, daß er ein
+Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den
+Kopf --«
+
+Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul,
+Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand.
+Frau Camuzzi bekreuzte sich.
+
+»Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!« -- und der
+Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden
+Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen.
+
+»Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst
+scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt
+sichs um unsere Logenplätze und unser Geld.«
+
+»Mein Gott, wohin nun,« seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom
+Apotheker Acquistapace allein gelassen war; »wir Frauen sind hier
+geopfert.«
+
+Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen:
+
+»Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als
+mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes
+die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber
+namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal
+gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen;
+Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.«
+
+»Was wollen sie nur?« fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht,
+das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über
+die Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie
+klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die
+Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie
+hoch leben ließen, denn nütz? »Weder der Belotti noch Don Taddeo werden
+mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.«
+
+Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte sich.
+Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge;
+sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und
+mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das
+Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein
+Ausspruch.
+
+»Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.«
+
+»Bravo!« -- und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und
+Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte:
+
+»Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu.
+Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum
+Glück hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der
+öffentlichen Wage verschaffen.«
+
+»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, flüsterte die junge
+Amelia, mit ungleich geröteten Wangen.
+
+»Es lebe der Advokat!« schrie die Galerie.
+
+»Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen«, sagte der Gemeindesekretär
+Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an
+Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In
+der Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich
+dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre
+zischte: es war der Bäcker Crepalini.
+
+»Zur Tür!« rief die Galerie.
+
+»Wie?« antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. »Ich habe sechs
+Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine
+Meinung sagen?«
+
+»Er hat recht, der Bäcker«, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum
+Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um.
+
+»Ihr möchtet eine Tracht Prügel?« fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie
+und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der
+Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe.
+
+»Die Hymne!«
+
+»Sieh mal an!« sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. »Wir werden dem da
+nichts mehr zu tun geben.«
+
+»Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel«, jammerte der Kaufmann
+Mancafede, »und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit
+seiner Hymne.«
+
+»Das alles ist nicht gut«, -- und Frau Camuzzi drückte sich in den
+Schatten. »Was wird Don Taddeo sagen?«
+
+Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt
+und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und
+dort hinten das Volk schlug.
+
+»Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!« machte Galileo Belotti immer
+wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich
+hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn.
+
+»Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!«
+
+Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die
+Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten
+gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen
+hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon.
+
+»Der Advokat ist bei der Jole«, sagte man rundum. »Es ist also wahr . . .
+Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.«
+
+»Signora,« sagte der Advokat, »ich bin gekommen, um die Huldigung, die
+dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.«
+
+Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß
+man sie sehe.
+
+»Hätte ich nur ein Pflaster da«, sagte sie girrend, »für Ihren Finger, der
+blutet.«
+
+Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor.
+
+»Mitbürger!« schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen;
+»der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen:
+jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der
+Freiheit begrüßte, sooft er --«
+
+»Was denn! Welche Hymne!« keifte Galileo Belotti.
+
+»Ich brauche keine Hymne!« rief der Bäcker Crepalini. »Ich brauche eine
+Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!«
+
+»Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht«, schrie der Advokat.
+
+»Nichts kennst du, Buffone!«
+
+Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung
+seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl,
+mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat
+sich zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem
+letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß.
+
+»Was ist denn geschehen?« fragte er draußen und wischte sich die Stirn.
+»Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt
+dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses
+Glück!«
+
+Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte
+aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab,
+wäre gern ins Freie geflüchtet, -- aber vor dem Theater wartete wieder nur
+übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den
+linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte
+eben zum Apotheker:
+
+»Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur
+immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist
+er!«
+
+Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen.
+
+»Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer
+schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum
+Verhängnis.«
+
+Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich
+ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder.
+
+»Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen«, sagte es neben ihm verzückt,
+und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in
+schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart
+duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur.
+
+»Die Gunst des Volkes«, sagte er, »ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat
+es erfahren.«
+
+ * * * * *
+
+Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in
+seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als
+Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen
+war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da
+rief die launige Stimme des Herrn Giocondi:
+
+»Und die >Arme Tonietta<?«
+
+»Freilich, die >Arme Tonietta<«, antwortete die Galerie, und im
+Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu:
+
+»Genug mit den Buffonen!«
+
+»Maestro! Maestro!«
+
+Auf der Galerie stampfte es.
+
+»Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde«, stellte der Kaufmann Mancafede
+fest. Drüben sagte Frau Polli:
+
+»Diese Komödianten machen sich über uns lustig.«
+
+Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln.
+
+»Wir wollen die >Arme Tonietta<!«
+
+»Was liegt mir an der >Armen Tonietta<«, dachten der Advokat Belotti und
+die entlobte Rosina Giocondi.
+
+»Maestro! Maestro!«
+
+Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte
+ironisch, man machte »Ah!«
+
+Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war
+äußerst bleich.
+
+»Der arme junge Mensch!« sagten die Damen.
+
+»Die Kanaille!« dachte er. »Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir
+bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, -- indes ich hinter
+einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich
+kommen, indem sie pfeifen . . .«
+
+Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den
+Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern.
+
+»Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri,
+geben Sie Obacht auf ihre Quinten!«
+
+»Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich«, dachte der Kapellmeister. »Alle
+denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den
+Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht --«
+
+Er mußte sich nach ihm umwenden.
+
+»-- für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind
+wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns
+hört . . . Alfò!« flüsterte er wild, »wenn du deine Pauke nicht ruhig
+hältst, weiß ich nicht, was ich tue!«
+
+Ganz sanft fügte er hinzu:
+
+»Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.«
+
+Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der
+Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt
+den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren
+Stille, in die Luft gehoben.
+
+»Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!«
+
+»Die Hymne!« schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. »Wir wollen die
+Hymne!«
+
+»Zur Tür! Zur Tür!«
+
+»Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!« -- und der Kapellmeister fuhr
+so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen
+niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte.
+
+. . . Und endlich konnte der Stab sich senken.
+
+»Was denn, Präludium!« murrte Galileo Belotti. »Wir sind gekommen, um zu
+sehen!«
+
+Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der
+Vorhang auseinander.
+
+Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie.
+
+»Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben
+gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie
+die Mädchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu
+Komödianten? Aber sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre,
+Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu etwas
+anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was für einen
+Lärm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir
+dröhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der
+Kinder übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm plötzlich
+aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto,
+der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du könntest dort stehen und
+das Paar beglückwünschen. Laßt uns klatschen!«
+
+»Bravo!« und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre mit seinen
+Zechbrüdern an. »Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen,
+Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid
+fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!«
+
+Die Pächter vorn erklärten einander:
+
+»Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht,
+aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . Natürlich muß eine
+Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte
+lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes
+Mädchen, schöner als die andere.«
+
+»Das sieht der Italia ähnlich«, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner
+Loge. »Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermählten: die Tonietta
+habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem
+Advokaten und den andern.«
+
+»Schweig!« sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem Halskragen breit
+und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. »Schweig doch! Du weißt nicht,
+was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche --«
+
+Sie biß sich auf die Lippen.
+
+»Was wollte ich denn da sagen?« dachte sie. »Diese Musik macht, daß man den
+Kopf verliert und plaudert.«
+
+Auf der Galerie kicherte es.
+
+»Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der
+Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß die Tonietta getan hat,
+was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine
+Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist
+das eine Sache, die traurig macht?«
+
+Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, und die Witwe
+Pastecaldi schluchzte kindlich.
+
+»Es ist nichts. Es ist die Musik«, erklärte der Advokat.
+
+»Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!«
+
+»So jung!«
+
+Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester Rosina.
+
+»Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, wie du
+von den deinen, -- und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.«
+
+Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander zu; nur die
+große Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pächter
+links hinter ihr. Mama Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken:
+
+»Hast du denn kein Herz?«
+
+Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach
+der Handlung fragte.
+
+»Schweig! du hast kein Herz.«
+
+Und sie kehrte zurück zu dem Tenor.
+
+Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von
+Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den
+Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter
+die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte
+eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er
+war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer,
+niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er
+allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das
+bevorstand.
+
+Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau
+schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel
+der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe;
+-- und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine
+Arie. »Ich bin betrogen,« sang er, »nun soll ich lieben, die mich verriet.
+Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem
+Liebhaber, und das Glück ist aus . . .«
+
+»Aus«, dachte Frau Camuzzi. »Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte
+doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem
+Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu
+ihm kommen. Nie hat er es getan; -- und statt meiner soll er andere lieben:
+die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine
+Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch
+sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich
+versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; --
+und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich
+hindert!«
+
+». . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die
+Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare
+Nacht!«
+
+»Die kostbare Nacht!« wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die
+drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte
+zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran
+ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die
+unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise
+bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden
+tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; -- und
+indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei
+wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei
+stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal
+blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward;
+aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft
+und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen
+Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie.
+
+»Noch einmal! Noch einmal!«
+
+»Willst du still sein!« zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten
+zu.
+
+»Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe«, sagte der Gemeindesekretär.
+»Alle finden es.«
+
+»Ich nicht«, und sie zerbiß sich die Lippe. »Er ist glücklich,« dachte sie;
+»aber ich werde mich rächen.«
+
+Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse.
+
+»Noch einmal! Noch einmal!«
+
+Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten um.
+
+»Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter eine Frau
+machen kann, im öffentlichen Leben solltest du vielleicht rücksichtsloser
+sein. Warum hast du dich gefügt, als der Advokat Belotti diese schlechten
+Komödianten herholen wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest,
+dann mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.«
+
+»Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das Gelingen nicht
+glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde sich blamieren . . . Ist dein
+Fächer zersprungen? Ich hörte ihn krachen.«
+
+»Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don
+Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; -- und warum soll man den Advokaten
+so groß werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker
+Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr
+Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in
+Verbindung, mein Ghino!«
+
+»Welch schöner Gedanke«, sagte der Gemeindesekretär, schob die Hände in die
+Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau,
+seine schlanke Büste zur Geltung. »Auf diese Weise würde man sehen, ob im
+Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube
+nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich
+berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden außer
+Betrieb setzen müssen.«
+
+»Was wirst du also tun?«
+
+»Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, der ein Anhänger
+des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten
+wird.«
+
+»Also geh, mein Freund!« -- und kaum war er hinaus, ließ Frau Camuzzi ihren
+zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. »Das ist ein Mann!« Sie grüßte
+lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen die Herren, die herübergrüßten.
+
+ * * * * *
+
+»Noch einmal!« rief es unablässig.
+
+Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, als galoppierte er, als
+müßte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie
+brachte ihn zum Stehen. Erschöpft ließ er den Stab sinken; das Orchester
+brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der
+Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die
+klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob
+Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte
+nicht, ob gewährend oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der
+Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die
+jungen Leute im Stehparterre, mit den großen Hüten und bunten Halstüchern,
+sahen beruhigt und glücklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der
+Kraft ihrer Hände, die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch
+einmal vollzog.
+
+Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn.
+
+»Bravo! Gut!«
+
+Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der
+Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken
+Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an:
+
+»Noch einmal!«
+
+Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch nach:
+
+»Noch einmal!«
+
+Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre
+klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen entrüsteten sich. Ein Kampf der
+Zungen und der Hände durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor
+und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr
+kleines gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen.
+
+Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei voll
+tiefen Hohnes.
+
+»Wir wollen die Tonietta hören!« rief es von der Galerie; -- und da merkten
+die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause,
+mit einer Schulter nach dem Saal.
+
+»Das ist ja das Gebet!« rief der alte Giocondi. »Still doch.«
+
+Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus Bäumen hervor
+auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glückes
+bat. Der Lärm sank von ihrer Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von
+einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich
+glänzenden Auges ihrem Fluge nach. »O Gott!« seufzte da und dort eine Frau.
+Nachher hängten sie sich über die Galerie und langten mit den klatschenden
+Händen recht tief hinunter, damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das
+sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich
+von den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung und noch
+gleichgültig gegen das Irdische.
+
+»Welche Stimme! Noch einmal!«
+
+»Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie ein goldenes
+Fell. Noch einmal!«
+
+Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und
+grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und
+dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas Ungreifbares; es gehörte allen und
+keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den
+Kapellmeister.
+
+»Noch einmal! Noch einmal!«
+
+Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen!
+Mochten sie lärmen!
+
+»Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hört: ich lasse ihn zu
+Ende spielen.«
+
+Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten
+ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie -- und abgewendet
+stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten -- zum Hause zurück und
+kniete hin.
+
+»Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!«
+
+Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich,
+von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf:
+
+»Noch einmal! Noch einmal!«
+
+»Morgen noch einmal!« rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends
+auf.
+
+Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre
+geöffneten Münder und hörte nichts.
+
+»Von vorn! Die Tonietta!«
+
+Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, senkte ihn
+verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern.
+Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand
+hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult
+auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick schien ihm,
+als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht
+vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt.
+Ermüdeten sie und blieben zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff
+gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte
+er sich die Stirn.
+
+»Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!«
+
+»Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!« rief die joviale Stimme des Herrn
+Giocondi. Von droben kamen die der Mägde:
+
+»Achtung auf die Harfe der Nina!«
+
+Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe
+beugte sich vor, um verklärten Gesichtes durch die Saiten der Harfe zu
+spähen. Dahinter saß, weiß wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle
+schwiegen. »Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme
+sehr weiß.« Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas
+Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war
+gewiß auch von der Bühne droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und
+Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen
+Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge möchten enden.
+
+»Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon
+zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt über seine
+Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!«
+
+»Siehst du,« sagte nebenan Lauretta zu Theo, »ich wußte, daß diese Tonietta
+ein anständiges Mädchen sei und keine --. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es
+scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie
+das rührend ist!«
+
+»Aber sie wollen sterben.«
+
+»Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange
+man noch wenig Erfahrung hat.«
+
+Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, über die Wand der
+Nachbarloge, und sie seufzte.
+
+»Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück lieben.«
+
+Der Kaufmann Mancafede nickte -- in der Hoffnung, seine Kommis würden es
+nicht bemerken.
+
+Rosina Giocondi wandte sich ab. »Wie viele Lügen! Und wenn sie nicht das
+Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh,
+Geliebter, unser umblühtes Haus!« Ein Flüstern ging um.
+
+»Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, Elenuccia,
+etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine Minute, Signora: dies
+Duett ist das berühmteste Stück in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist
+denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume?
+Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!«
+
+Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau
+Mandolini:
+
+»Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. Ich sehe zu
+wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in diesen Klängen erweitert sie
+sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hält sich
+umschlungen und verbrüdert sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als
+sonst Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt ein Engel
+. . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?«
+
+»Aber wir hatten es ja!« erwiderte die Alte. »Noch immer haben wirs,
+Orlando!«
+
+»Kein Vergleich mit unserem Phonographen«, sagte der Tabakhändler Polli zu
+seiner Frau. »Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben
+diese armen jungen Leute?«
+
+Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf:
+
+»So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was muß man tun?«
+
+»O Rina!« flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapiè;
+»wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.«
+
+»Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?« -- und der Doktor Ranucci stellte
+sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. »Ich sehe dir an, du denkst
+an den Tenor. O, wären wir nie hergekommen!«
+
+Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern.
+
+»Bravi! Noch einmal!«
+
+Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein Pernici hinweg, die
+weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, außer sich, zu Mama Farinaggi, der
+Hausfrau aus der Via Tripoli:
+
+»Das ist geradezu göttlich!«
+
+»Wie? Wir haben es gehört!« -- und die jungen Leute hinten, mit den großen
+Hüten und den bunten Halstüchern, schüttelten die Hände der Bauern um
+Galileo Belotti. Er schalt:
+
+»Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!«
+
+Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund
+Acquistapace zur Schwester Artemisia.
+
+»Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und ich bin der erste
+gewesen, der es gehört hat: schon auf der Probe! . . . Signora,« und er
+dienerte über die Scheidewand zur Frau Mandolini, »ich hätte Ihnen den
+Erfolg dieses Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen
+--«
+
+Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig nach seinem
+Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini saß, hatte er
+doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht
+neben sich den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte?
+
+»Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!«
+dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri:
+
+»Das alles tut Nina, meine Ninetta!«
+
+»Heraus! Noch einmal!«
+
+Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem
+Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. »Wie sie wollen! Dann
+verbringen wir hier also die Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch
+mehr machen, es zu hindern.« Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ
+sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher
+vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. »Es war noch
+schöner. Man würde es nicht glauben.«
+
+ * * * * *
+
+Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und
+in der Mitte gaben die Hände, an denen sie sich hielten, einander manchmal
+einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann
+verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht.
+
+»Zur Tür!«
+
+Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte.
+
+»Das einzige Mittel,« erklärte der Unterpräfekt hinter der vorgehaltenen
+Hand dem Steuerpächter, »um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.«
+
+In der Klubloge überlegte der junge Savezzo:
+
+»Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt sie schon
+weniger platonisch, -- und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich
+werde eine Oper schreiben.«
+
+»Sst!« machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester
+schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik zu hören sein mußte. Sie
+brachte hervor:
+
+»Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt hätte, er lebte
+noch!«
+
+Drüben sann Jole Capitani weich:
+
+»Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.«
+
+Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und
+ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan
+denen des Olindo Polli, und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen,
+erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; --
+indes der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mädchen wand, das
+den ihren auf die Galerie stützte, und ihr in das staubige Haar sprach.
+
+»Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?«
+
+Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam durch den
+erhitzten Saal.
+
+Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola
+die Köpfe.
+
+»Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi können nur wenig
+spielen, wie jeder weiß.«
+
+»Was denn! Gar nichts können sie«, behauptete Galileo Belotti.
+
+»Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, wenn wir
+statt ihrer --. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut,
+Nonoggi!«
+
+Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi:
+
+»Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen
+aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, aber dann lärmen auch die
+andern; den meinen dagegen hört man immer heraus, und er schneidet lustige
+Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person
+hier, könnt Ihr mir glauben.«
+
+Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd:
+
+»Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte --«
+
+Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte schon längst die
+Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rückte umher und
+machte sich wieder heran. Endlich wagte sie:
+
+»Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf
+sein, die höchste Person im Stück, und wenn er dazukommt, wird die Handlung
+tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.«
+
+Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin des Sängers
+vollendete:
+
+»Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse
+steht. Ich weiß es.«
+
+Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke.
+
+»Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man
+den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewiß werden seinetwegen die
+armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten
+haben. Das gefällt mir nicht.«
+
+Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine
+eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein
+strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar.
+
+»Bravo Maestro!« riefen die jungen Leute dahinten. »Noch einmal das
+Orchester!«
+
+»Was denn!« antwortete es. »Wir wollen sehen, was kommt.«
+
+»Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.«
+
+»Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein
+Herr.«
+
+»Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! Der arme Piero! Gerade
+kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun.
+Verdammt, der schlägt auf den Tisch, er will Wein.«
+
+»Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der Hauptstadt
+seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!«
+
+»Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte Fossoneri in Calto
+aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni --«
+
+»Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag schreien, wie er
+will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!«
+
+»Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund
+bist du! Pfeift! Pfeift doch!«
+
+»Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen
+merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.«
+
+»Nieder mit ihm!«
+
+»Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er
+ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Männer dumm sind!«
+
+»Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen
+singt man nicht, zum Teufel!«
+
+»Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spät ist?«
+
+»Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von
+Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, er dürfte das nicht tun! Knie nur
+vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine
+Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon
+reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute
+zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. Lauf zu ihm, Tonietta,
+er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, er läßt dich nicht ein? Die Männer
+stecken alle zusammen, das ist es!«
+
+»Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in unserer Jugend,
+Orlando. Ich habe Herzklopfen.«
+
+»Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?«
+
+»O Dante, schon wieder willst du mich quälen!«
+
+»Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen sie, und die dummen
+Mädchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen.
+Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie
+verdient es. Ach! die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt
+nichts, laß ab!«
+
+»Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht es verrückt,
+ich muß schreien!«
+
+»Ruhig dort oben! Zur Tür!«
+
+»Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du
+sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint.
+Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?«
+
+»Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.«
+
+»Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie
+sie weint. Man muß mitweinen.«
+
+»Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlägt sie
+über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloßen Füßen,
+die arme Kleine.«
+
+»Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!«
+
+»Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das muß man doch
+wissen!«
+
+»Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm
+Heuschrecken und geht doch nicht an.«
+
+»Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!«
+
+»Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte
+das Gesicht in den Händen.«
+
+»Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe --«
+
+»Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man ihn bereut.«
+
+»Eh!« machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, »solche Dinge
+kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, merke dir das!«
+
+Der alte Giocondi mischte sich ein.
+
+»Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein Bauer hatte --«
+
+»Bravi! Bravo Maestro!«
+
+»Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!«
+
+»Rauchen wir draußen eine Zigarette?«
+
+»Bravi!«
+
+»Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu
+beglückwünschen«, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein
+Holzbein hervor.
+
+»Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen
+nicht mehr.«
+
+ * * * * *
+
+Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal hinter dem
+Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda riß sogleich ihre Hand aus
+seiner.
+
+»Danke,« -- und sie fauchte ihn an.
+
+»Wofür?« fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer
+mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt hatte.
+
+»Sie fragen?«
+
+Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf die Büste nach
+vorn. Über die entblößte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war
+in die Länge gezogen von Haß und Wut.
+
+»Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die
+Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß Sie überhaupt kein
+Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?«
+
+Er wich erbleicht zurück.
+
+»Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem Beifall wie dem
+meinen die Arie wiederholen läßt!«
+
+»Wir haben das Duett wiederholt«, sagte er und zog an seinen Fingern.
+
+»Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem
+andern teilen muß? Dem Nello werfe ich nichts vor.«
+
+»Wie? Was soll ich?« fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im
+Vorhang loszulassen.
+
+»Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da Sie seine Arie
+wiederholen lassen und meine nicht.«
+
+»Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.«
+
+»Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen
+gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.«
+
+Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der
+Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister
+vorüber.
+
+»Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . Sie
+konnten das voraussehen, Maestro.«
+
+»Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen«, sagte Italia mit großen
+Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die Arme empor.
+
+»Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen zu müssen!«
+
+»Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?«
+
+»Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro« -- und Italia lachte
+verächtlich. Der alte Tenor erklärte:
+
+»Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich,
+in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat --«
+
+»Was ist dahinten für ein Lärm?«
+
+Der Bariton eilte hin.
+
+»Was sehe ich -- Herr Advokat?«
+
+»Ich habe dem Herrn gesagt,« rief der Inspizient, »man betrete die Bühne
+nicht.«
+
+»Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees«, ächzte der Advokat und hob
+sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraußes zusammen.
+
+»Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt haben«, bemerkte
+er.
+
+»Oder sie ist gerade bei schlechter Laune«, meinte Gaddi. Der Apotheker
+nahm dem Freunde die Blumen ab.
+
+»Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein Italia
+bringen.«
+
+»Ah, meine Herren,« -- und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien mit dem
+Steuerpächter, »auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an.
+Kann man unsere Primadonna sehen?«
+
+»Es wird ihr eine hohe Ehre sein«, erwiderte der Advokat mit einem
+Kratzfuß. »Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig --«
+
+Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes Lächeln hervor.
+
+»Herr Präfekt,« -- und sie knixte tief, »Eure Exzellenz möge meine
+Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begrüßen. Herr
+Advokat --«
+
+Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, und er drückte
+eifrig den verlangten Kuß darauf.
+
+»Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung
+einer Anfängerin. Auch werden Sie mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht
+vermissen möchte . . . und auch Ihre Blumen nicht«, setzte sie mit einem
+schelmischen Blick hinzu.
+
+Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung auszudrücken.
+
+»Aber -- sie haben ein wenig gelitten«, stotterte der Advokat. Sie streckte
+die Hand aus.
+
+»Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde«, -- und sie entriß dem
+Apotheker die Blumen.
+
+»Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu nützen, deren
+Anfängen ich beiwohnen durfte --« sagte der Unterpräfekt.
+
+»Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren
+nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.«
+
+Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen
+hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten zwei Arbeiter ihn auf;
+alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die
+hereingeschoben ward, wäre ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora
+Garlinda war plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen
+großen Schreck bekommen.
+
+»Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!«
+
+»Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen,
+daß Sie es sind, der den Bericht für die >Glocke des Volkes< schreibt. Sie
+werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige
+Tat kennzeichnen, die er ist.«
+
+»Mit Vergnügen,« erwiderte er, »das heißt, um Ihnen gefällig zu sein. Aber
+freilich auch die Verdienste des Maestro dürften nicht --«
+
+»Herr Advokat --«
+
+Sie trat einen Schritt zurück.
+
+»-- ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zu schreiben. Wenn Sie
+ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß gegen mich teilen. Wir haben uns in
+diesem Falle nichts mehr zu sagen.«
+
+Da er bestürzt abwehrte:
+
+»Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenüber, der
+nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit ein Opfer bringen kann?
+Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant;
+wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes
+aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; -- und Sie sollten
+wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß Sie einer Frau
+Gerechtigkeit verschafft haben?«
+
+Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände darauf.
+
+»Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben«, sagte die
+Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschämte
+Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines
+Kindes.
+
+»Ich habe nichts als meine Kunst«, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr
+Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach ihrer kleinen Hand.
+
+»Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie einem Manne
+zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, für eine große Sache
+gekämpft hat, um endlich durch unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines
+Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber
+wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke
+machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf mich, Fräulein Flora Garlinda!«
+
+Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre Fingerspitzen
+an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, ließ er sie los,
+und die Sängerin verschwand, den Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch
+bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von
+hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: »Die Frauen! Sie
+geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber,
+wer weiß --«
+
+Und sein Gang ward schwänzelnd.
+
+»Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?«
+
+ * * * * *
+
+»He! Advokat!« rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und Poltern hörte man
+nicht.
+
+»Lassen Sie«, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. »Ich weiß hier
+Bescheid.«
+
+Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund.
+
+»Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.«
+
+Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden andern zu und
+öffnete.
+
+»Wer ist da?« rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf.
+»Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will
+allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von
+mir?«
+
+»O gar nichts, entschuldigen Sie nur«, plapperte Giocondi noch immer, als
+die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte:
+
+»Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie
+eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie zweiundzwanzig Jahre alt
+ist. Sie hat uns getäuscht, indem sie sich anmalte.«
+
+»Das ist eben die Kunst«, sagte der junge Savezzo. »Man sieht, daß die
+Herren keine Künstler sind.«
+
+Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor.
+Er klopfte und wartete dann in gebückter Haltung, mit baumelndem
+Schnurrbart und ehrfürchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß
+streckte er sorgfältig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr
+heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, ohne daß er
+wankte.
+
+»Ach Ihr«, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. »Sogar
+Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr
+mögt mir die Kämme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand
+nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut
+geblasen. Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid.«
+
+»Wer ist denn bei ihr?« fragte Polli. »Mir ist doch --«
+
+»Wer wirds sein«, sagte Giocondi. »Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so
+empfangen. Versteht sich, wir störten.«
+
+»Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?« versetzte der Savezzo mit
+düstrem Neid.
+
+Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben zwischen den
+Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die
+ihre mehlweiß und braun gescheckten Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße
+Augen und schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten.
+»Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht
+ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen muß!«
+
+»Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch
+tapferer Mann!«
+
+»Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß abschlägt«, -- mit
+ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie
+fort und streckte die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende
+Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine
+kleine Puderwolke.
+
+Polli raunte dem Advokaten zu:
+
+»Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne
+sprechen hören. Wer mag es sein?«
+
+Der Advokat wehrte diskret ab.
+
+»Wer weiß es.«
+
+Er holte Atem.
+
+»Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die Bühne gegangen
+und darum ein wenig früher angekommen als Ihr.«
+
+Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte:
+
+»Ah! Advokat!«
+
+»Ich habe nichts gesagt«, -- und der Advokat glänzte groß.
+
+Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, und Acquistapace
+trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von
+hinten kam, Fächer schlagend, Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich
+zuerst.
+
+»Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen ich
+beiwohnen durfte.«
+
+Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten
+in die Seite; er verdrehte die Augen.
+
+»Aber --«
+
+»Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,« sagte Herr Fiorio, »das
+ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! Sie stellen eine Romagnolin
+vor?«
+
+»Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara,
+den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich über
+meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen
+hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne
+macht.«
+
+»Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß Sie in
+Wirklichkeit dazu fähig wären«, bemerkte der Unterpräfekt. Die Bürger
+lachten beifällig, am lautesten der Advokat.
+
+»Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: mir können Sies
+glauben, mein Herr!«
+
+Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den
+Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gespräch ins
+Unpersönliche.
+
+»Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht
+und traurig. Nicht einmal das schöne Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine
+Wirtin in einer großen Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle
+andern. Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?«
+
+»Gewiß nicht«, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und nach kurzem
+Zögern: »Ich komme sogar ausdrücklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie
+vereinigen wahrhaftig Schönheit und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller
+Genugtuungen sein.«
+
+»Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich über
+manches zu beklagen. Würden Sie glauben, daß mir der Maestro noch soeben
+eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber
+habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden
+Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie wiederhaben.
+Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die
+Arie streicht? Der Garlinda läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen,
+wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos
+mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort
+miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .«
+
+»Wie sehen sie sich wieder?« fragte Polli.
+
+»Versteht sich, auf der Straße«, erklärte Giocondi.
+
+»Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte der Unterpräfekt. Italia verzog den
+Mund.
+
+»Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie
+verliebt ist.«
+
+»Er sucht sie,« fuhr Giocondi fort, »weil er sie nicht vergessen kann, der
+Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist
+eine klägliche Geschichte.«
+
+»Was denn!« keuchte der Advokat. »Das ist unmöglich! Der Maestro verliebt
+in die Primadonna?«
+
+»Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder --«
+
+Italia machte ein angewidertes Gesicht.
+
+»-- sie hat unnatürliche Neigungen.«
+
+»O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein«, erwiderte der Advokat mit
+heiterer Stirn.
+
+»Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu nützen, deren
+Anfängen ich beiwohnen durfte --,« und der Unterpräfekt verbeugte sich
+gegen Italia, die vor ihm die Hüften hin und her drehte, »so spreche ich
+also wegen Ihrer Arie, Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause.
+Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hören.«
+
+Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war
+herzugekommen und sagte:
+
+»Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird
+bösartig.«
+
+Man hörte sie noch sagen:
+
+»Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur
+die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstück
+verbunden.«
+
+Herr Fiorio bot ihr den Arm.
+
+»Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.«
+
+»Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!«
+
+»Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der
+Unterpräfektur, liebe Kleine.«
+
+Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die Bürger sahen ihm
+bewundernd nach.
+
+»Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im
+Saal. Welche Geschicklichkeit!«
+
+Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er fluchte laut. Wie
+Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen.
+
+»Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?«
+
+»Aber Romolo!« sagten die Freunde.
+
+»Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der
+Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Fräulein Italia?«
+
+»Aber für mich wird er doch handeln?« sagte Italia, eingeschüchtert durch
+seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe.
+
+»Ich bin ein alter Soldat Garibaldis«, rief er und ging, um zu atmen, ein
+Stück weiter. »Auf das Ränkeschmieden verstehe ich mich nicht!«
+
+Da sie ihm bittend gefolgt war:
+
+»Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.«
+
+»Herr Apotheker,« sagte sie schmeichlerisch, »glauben Sie, auch ich träume
+zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .«
+
+»Kein Glück, der arme Romolo,« -- und der Advokat feixte still und heftig.
+
+Polli fragte:
+
+»Sollte man nicht seine Frau holen?«
+
+Der alte Giocondi bemerkte:
+
+»Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor
+dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch.
+Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn
+wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.«
+
+»He! Herr Nello!« rief der Advokat.
+
+»Lassen Sie ihn«, sagte Gaddi. »Es ist sein gewohnter Zustand am ersten
+Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.«
+
+Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, mit einer
+Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den durchlöcherten Filz von
+seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfärbten
+Mantel gerollt, machte er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von
+der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein großer
+Brillant auf.
+
+»Nun?« fragte er, atemlos vor Anstrengung, »erkennen Sie, Gaddi, wie es
+sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich
+alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren --«
+
+Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem zum andern und
+kleinen bedrängten Handbewegungen.
+
+»-- im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.«
+
+Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte:
+
+»Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist
+ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, daß er eine gefallene
+Majestät ist.«
+
+»Wie? Stellen Sie denn einen König vor?«
+
+»Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich eines
+ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden ihn unter seinem
+Bogen aufstören: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in
+dem die Tragik des Stückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf
+sagen, daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es
+auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es
+ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze
+Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich:
+weinen werden Sie!«
+
+»Teufel.«
+
+»Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.«
+
+Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fuß der Stufen,
+die hinabführten. Unsichtbar rief er:
+
+»Gaddi, das Stichwort!«
+
+»Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?«
+
+Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe:
+
+»Ich bin früher gekommen.«
+
+»So werden wir weiter suchen«, sagte Gaddi ehern.
+
+»Unnötig«, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der
+Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er:
+
+»-- da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte
+ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb
+dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.«
+
+Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß
+schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die
+Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel.
+
+»Hahaha!« machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine
+Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte.
+
+»Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will
+das.«
+
+Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn.
+
+»Wie? Sie lachen? Aber das ist --!«
+
+Er schluckte hinunter und kam näher.
+
+»Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?«
+
+Er ging, den Kopf gesenkt, umher.
+
+»Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!«
+
+ * * * * *
+
+»Daß der Tenor etwas hat,« sagte der junge Savezzo, die Brauen
+zusammengezogen, »das werden Sie uns nicht ausreden.«
+
+»Was soll er haben?« erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem
+Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr
+geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine
+einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im
+Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln.
+
+»Es war ihre Stimme!« dachte Nello. »Sie ist nicht in der Loge, und dennoch
+habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht
+denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es
+ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die
+Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir
+ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.«
+
+Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des
+Freundes.
+
+»Sieben Tage der Angst«, murmelte er. »Wie man hoffen kann! Es ist
+lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie sie sehen, -- und im Herzen
+wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich
+ihr dort hinauf alles, alles --«
+
+»Still, Nello!«
+
+»Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?«
+
+»Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang
+rechts«, rief Gaddi den andern entgegen. »Warum steht sie leer im
+ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich --«
+
+»Das ist ja die Loge der Familie Nardini«, erklärte Polli.
+
+»Aber --« machte der Advokat von fern.
+
+Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu.
+
+»Ist das wahr?« fragte er.
+
+»Eh! Beim Bacchus!«
+
+Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor
+ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er
+sagte:
+
+»Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man
+hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie
+beanspruchte --«
+
+»-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird«, setzte der Herr Giocondi
+hinzu.
+
+»Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?« fragte der
+Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff.
+
+»Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht«, sagte der Savezzo
+noch, -- da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello
+lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen,
+nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: »Was hat er?«
+-- schnellte der Bariton wütend auf.
+
+»Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und
+jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.«
+
+»Ja,« sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, »sie
+sind zarter Natur, die Künstler.«
+
+»Man sollte einen Arzt holen«, verlangte der Cavaliere Giordano.
+
+»Aber es ist nichts«, behauptete der Apotheker.
+
+»Man weiß nicht«, meinte der Advokat. »Auch ich habe einmal --«
+
+»Einen Arzt!« rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften.
+Laufend erschien der Kapellmeister.
+
+»Was ist geschehen?« -- und er war tief erbleicht.
+
+»Gar nichts«, sagte Gaddi und rüttelte Nello. »Bringen Sie Wasser,
+Dorlenghi!«
+
+Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben
+dem Ohnmächtigen auf die Knie.
+
+»Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!«
+
+Er sprang wieder auf.
+
+»Mein Gott, ich bin verloren!«
+
+Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte
+er zu.
+
+»Übrigens, Maestro,« äußerte er, »hat auch die Primadonna sich geweigert,
+weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?«
+
+Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit
+ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel
+nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm
+nicht kannte, zu schreien:
+
+»Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?«
+
+Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. »Werden Sie nicht
+schweigen? Merken Sie nicht, daß man sich über Sie lustig macht? Auch
+dieser hier hat schon die Augen geöffnet!«
+
+»Gleichviel«, machte der Advokat. »Wer, wie ich, außergewöhnlichen
+Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie
+fühlen Sie sich, mein Freund?«
+
+»Einen Arzt«, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch
+gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große
+gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem
+Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den
+Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße
+eingesunken. Dann tat er einen Satz.
+
+»Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen,
+ob ich noch dein Vater bin!«
+
+Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose
+Enttäuschung malte.
+
+»Ich liebe sie so sehr«, stieß er, wirr jammernd, aus. »Ich will sie
+heiraten.«
+
+»Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!«
+
+»Aber warum schlagen Sie ihn?« fragte das Mädchen. »Was ist Schlimmes
+dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!«
+
+»Fort! Beine!« -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen
+zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt
+hatte:
+
+»Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein --«
+
+»Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen«, sagte sie und griff ihm
+unter das Kinn. »Aber ich liebe noch immer nur dich.«
+
+»Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe,
+wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn
+du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.«
+
+»Das wäre schrecklich«, rief sie ihm nach. »Und die Zigarette?«
+
+»Unglücklicher, was tust du noch hier?«
+
+Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte.
+
+»Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert
+dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die
+dir niemals treu sein würde!«
+
+»O ja! das wäre sie!«
+
+»Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!«
+
+»Das ist nicht wahr!« -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden
+Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die
+fette Brust und lächelte breit.
+
+»Dann frage sie also nach mir!«
+
+Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und
+knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter.
+
+»Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!«
+
+ * * * * *
+
+Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer
+war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken
+bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner
+Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem:
+
+»Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.«
+
+Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti
+entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang
+unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte.
+
+»Sie sind ja bucklig«, sagte Galileo mit erhobenen Brauen.
+
+Der Kleine schrak auf.
+
+»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.«
+
+»Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind« -- und Galileo hielt
+unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet.
+
+»Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf«,
+schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die
+Hälfte des Wassers.
+
+»Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,« antwortete
+Galileo, »darum sind Sie aber immer noch bucklig.«
+
+»Wie viel Witz er hat!« sagten die Pächter und drängten herzu.
+
+»Aber ich rufe die Carabinieri herein!« kreischte der Verwachsene.
+
+»Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben
+bucklig« -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und
+seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um
+mitzulachen.
+
+»Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie
+um!«
+
+Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er
+taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich
+krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum.
+
+»Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,« erklärte ihm Galileo, »bucklig
+sind Sie, und bucklig bleiben Sie.«
+
+Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der
+Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht
+zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn
+hinaus.
+
+Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen
+dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten
+umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und
+Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg
+eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der »Tonietta«, mit den
+ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: »Sieh Geliebter, unser
+umblühtes Haus . . .« »Welche Musik!« sagte einer der jungen Leute in
+großen Hüten und bunten Halstüchern. »Es geschieht viel Trauriges in dem
+Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine
+Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.«
+
+»Trotzdem bringen sie dort einen«, sagte ein anderer; und alle zusammen:
+
+»Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber
+des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er
+in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu
+übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.«
+
+Der Wirt »zu den Verlobten« weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem
+solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert.
+
+»So gebe ich eine!« sagte der junge Mann. »Und ich bin ein Arbeiter, der
+zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.«
+
+Er schlug sich auf die Brust und sah umher.
+
+»Auch ich gebe eine.«
+
+»Auch ich.«
+
+Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die
+Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die
+Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein
+Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen:
+
+»Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber
+auch er hat großes Talent.«
+
+Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges
+umher und polterte.
+
+»Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,«
+sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, »du wolltest einen
+Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht
+man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.«
+
+»Doktor!« rief er in die erste Parterreloge rechts, »auf der Bühne stirbt
+jemand. Rasch! Sie müssen hin.«
+
+»Ich kann nicht«, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau.
+»Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!«
+
+»Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!«
+
+Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge
+des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper
+war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen
+diesen Augen zu verdecken.
+
+»Sie sollten gehen,« sagte neben ihm Mama Paradisi, »es scheint ernst.«
+
+Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini
+wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die
+Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es:
+
+»Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.«
+
+Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach
+seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in
+Bewegung.
+
+»Holt mir den schönen Alfò!« verlangte er. »Ich brauche ihn, denn ich
+selbst bin nicht schön genug.«
+
+Und als er ihn hatte:
+
+»Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.«
+
+Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter
+ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine
+kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal
+lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man
+stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi
+in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los:
+
+»O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee:
+ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.«
+
+Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in
+den Arm.
+
+»Du bist ein unbezahlbarer Papa!«
+
+Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob.
+
+»Und die Miete, Ottone?« fragte sie blechern. »Wie soll ich sie bezahlen?«
+
+»Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.«
+
+Aber die Töchter waren auf einmal still.
+
+»Welch gute Erfindung«, rief der Vater fröhlich. »Daß dieser Tenor krank
+werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich
+nicht.«
+
+Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an.
+Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin.
+
+»Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?«
+
+Da sie weiter schwiegen:
+
+»Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch
+nicht Krankheit nennen.«
+
+Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton.
+
+»Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden
+gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette
+gewonnen?«
+
+Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie.
+
+»Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine
+ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was
+meint ihr, wenn ich hinginge?«
+
+»Bleibe lieber da«, sagte Frau Giocondi. »Wer weiß, was der Doktor tut,
+wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.«
+
+Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen:
+
+»Was tun Sie?«
+
+Er griff sich an den Kopf.
+
+»Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder
+auf den Beinen ist, und inzwischen --«
+
+Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der
+schöne Alfò wich -- und sein törichtes Lächeln verging ihm -- bis an die
+Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber
+und sprang in den Saal.
+
+»Bravo, Alfò!« rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht
+trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen
+unverfroren weiterpolterte.
+
+»Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir
+gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .«
+
+Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der
+andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: -- da schwang der
+Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und
+Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden.
+
+»Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?« sagte Frau Giocondi. Ihr
+Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst
+vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren
+im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes
+Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt:
+
+»Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!«
+
+Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es
+unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man:
+
+»Wie er tüchtig ist, der Doktor!«
+
+Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen
+konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der
+Klubloge:
+
+»Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.«
+
+Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle
+Bemitleidungen ab und sagte:
+
+»Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.«
+
+ * * * * *
+
+»Wie man vom Lachen heiß wird!« bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede
+wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln.
+
+Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen.
+
+»Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?«
+
+»Und die Haushälterin des Herrn Ortensi«, flüsterte der Tabakhändler, »hat
+ein gewisses Parfüm an sich --! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat
+er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne
+roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht
+vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist,
+daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht
+aus deiner Ecke rührst!«
+
+»Das Theater ist zu voll«, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute
+unter ihrer Loge. »Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte
+nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem
+Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen
+setzt.«
+
+Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella
+war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um
+ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi
+ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach
+ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette.
+
+»Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen«, sagte Lauretta zu Theo. »Er
+schneidet dir Gesichter.«
+
+Sie antwortete:
+
+»Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem
+den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die
+Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.«
+
+»Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!« wimmerte Mama
+Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren
+dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli.
+
+»Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt«, setzte die
+Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen
+Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte.
+
+Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen.
+
+»Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.«
+
+»Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme,
+aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.«
+
+»Hast dus von deiner Herrin?«
+
+Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit
+dem Finger die Lippen.
+
+»Also er liebt die Primadonna«, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau
+Malandrini. »Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem
+ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und
+behandelt ihn schlecht.«
+
+Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des
+Unterpräfekten.
+
+»Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten
+finden sich nicht auf dem Theater.«
+
+»Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es
+nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.«
+
+Frau Camuzzi erklärte:
+
+»Dieser Tenor: wie heißt er noch --«
+
+Sie sah auf dem Zettel nach.
+
+»Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne
+Empfindung.«
+
+»Aber mir scheint,« wandte der Gemeindesekretär ein, »daß er gerade infolge
+von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.«
+
+»Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren:
+hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt,
+daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig
+nachzuhelfen?«
+
+»Wie viel Geist die gnädige Frau hat!« sagte der junge Salvatori. Der junge
+Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige
+Aufleuchten in den Augen der Dame.
+
+Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer.
+
+»Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der >Celimena< im Pagliano zu
+Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die
+einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als
+sie jung war.«
+
+»Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes
+junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in
+einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.«
+
+»Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint,
+man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser
+getan, sich nicht hören zu lassen.«
+
+»Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst
+nun sind.«
+
+»Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.«
+
+»Aber sie ist nicht schön«, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief:
+
+»Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!«
+
+»Sie sehen sie doch nicht.«
+
+»Aber wie schön muß sie sein!«
+
+»Heraus!« rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli.
+
+»Maestro!«
+
+Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie.
+
+»Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!«
+
+Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der
+Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer
+Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk.
+
+»Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!«
+
+Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker
+Crepalini:
+
+»Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich
+aber, der ich sechs Plätze --«
+
+»Schweig!« -- und droben wurden Fäuste geschüttelt. »Du hungerst uns aus.
+Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er
+uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!«
+
+»Denn«, keuchte der Advokat, »wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist
+die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel
+Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem
+jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .«
+
+»Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben«, riefen die Frauen.
+
+»Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine
+Herren, werden Sie befriedigt werden.«
+
+»Bravo, Advokat!« -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief:
+
+»Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
+
+»Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!« -- und plötzlich lachte alles. Die jungen
+Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten:
+
+»Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und
+machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst
+Musik hören, Brabrà!«
+
+Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn,
+das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen
+über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, -- und
+unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten
+Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn
+feierte.
+
+»Aber der Mittelstand wird gefährlich!« sagte Frau Camuzzi zum Baron
+Torroni.
+
+Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen
+herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich
+abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden
+Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften.
+
+»Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt
+es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt »zum Mond«, Ihr
+seid der Wirt »zu den Verlobten«; eine Loge aber ist nur für ihn da.
+Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der
+Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine
+Großnichte des Bürgermeisters ist!«
+
+»Die Herren halten zusammen«, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem
+Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; »und der einzige,
+der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.«
+
+Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf.
+
+»Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht
+Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat,
+zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen
+Ansprüche . . .«
+
+»Die Herren!« schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte
+vor Zorn auf seinen engen Schultern. »Wenn es noch Herren wären! Aber seht
+nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und
+als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der
+fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine
+Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die
+Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber
+leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.«
+
+»Die Herausforderung gilt mir« -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob
+seinen Bauch in den Haufen. »Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man
+Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.«
+
+»Was denn? Welche Loge?« polterte Galileo Belotti. »Wißt ihr denn nicht,
+daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die
+unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift
+wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.«
+
+Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten.
+
+»Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte«, erklärte er.
+»Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze
+ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben
+mußten, weil keine Loge für sie da war.«
+
+»Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,« sagte der alte Seiler
+Fierabelli, »um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.«
+
+Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein:
+
+»Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er
+ist ein großer Mann.«
+
+»Was, großer Mann!« -- und Galileo hüpfte auf. »Wenn einer den Advokaten
+kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck
+eines großen Mannes ist!«
+
+Frau Malagodi mischte sich ein:
+
+»Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als
+das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer
+Loge.«
+
+»Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?« schrie
+ihr Gatte. »Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!«
+
+»Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo«, wiederholte
+hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor:
+
+»Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.«
+
+Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die
+ganze Herde vor sich her.
+
+»Wohin, Crepalini?«
+
+»Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit,
+Malagodi!«
+
+Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen.
+
+»Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!« rief der dicke Zecchini und
+hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug
+Wogen, die aufbrüllten.
+
+»Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?« rief die Galerie. »Ruhe! Du
+willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro!
+Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!«
+
+Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er
+dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten
+Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester
+allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr
+zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der
+Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und
+droben jubelte eine Jungenstimme:
+
+»Ins Zentrum!«
+
+Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte
+mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein
+unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas
+Drohendes wälzte sich heran! »Was gibt es!« In den Logen sprang man auf.
+Eine Frau rief:
+
+»Himmel! man ermordet mich.«
+
+Und Stimmen auf der Galerie:
+
+»Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.«
+
+»Nicht doch!« schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den
+Advokaten Belotti. »Es ist nichts, lassen Sie mich machen!«
+
+Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter
+mußten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie:
+
+»Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh!
+. . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!«
+
+»Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?« rief der Barbier Bonometti,
+-- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte.
+
+ * * * * *
+
+Da es schon wieder hell war:
+
+»Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.«
+
+»Ruhig! Man spielt!«
+
+»Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.«
+
+»Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!«
+
+»Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser
+Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.«
+
+»So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie
+fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will
+ich blind werden!«
+
+»Noch einmal! Noch einmal!«
+
+»Wie er bleich ist, Dante!«
+
+»Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben,
+was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel,
+und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder,
+wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!«
+
+»Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!«
+
+»Sprich nicht! Was wird geschehen?«
+
+». . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn
+erkannt!«
+
+»Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu
+verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht
+über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist,
+und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir
+ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht
+fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.«
+
+»Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!«
+
+»Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.«
+
+»Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen.
+Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht,
+unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche
+Einbildungen, wenn man liebt.«
+
+»Woher weißt du das?«
+
+»Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<.«
+
+»Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen.
+Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett:
+alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie
+sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so
+aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts,
+Giocondi?«
+
+»Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an,
+Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm
+Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!«
+
+»Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.«
+
+»Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder
+hörst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns
+blühen< . . .«
+
+»O Nina, deine Harfe!«
+
+»Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.«
+
+»Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden,
+wie diese.«
+
+»Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist
+zu.«
+
+»Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis
+die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.«
+
+»Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch
+nichts.«
+
+Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme
+verschränkt, einander in die Augen.
+
+»Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch Leben! So also wird
+es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.«
+
+»Dies aber,« -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme
+aus, »o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen
+Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende
+Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe
+der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?«
+
+Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand.
+
+»Wie schade,« sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi,
+»daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er
+sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen
+wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich
+wieder dem Helden selbst ins Gesicht.«
+
+Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase.
+
+»Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem
+Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal,
+werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und
+berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man
+mir geraubt.«
+
+Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch
+machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem
+Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung
+einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. »Niemals fühlte
+ich, wie sehr ich ihr gehöre!« Seine Augen, die sich verschleierten, irrten
+von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der
+Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie
+wandte sich um, und er sagte:
+
+»Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.«
+
+Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still.
+
+»Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund
+sollte sie haben, zu schluchzen?«
+
+»O! jede Frau findet dazu Grund«, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat
+erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses
+Flehen war.
+
+»Bravo, Maestro!«
+
+Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere
+rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er
+jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und
+bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin.
+
+»Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch«, stellte Rosina Giocondi im
+stillen fest. »Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . .
+Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte
+Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen,
+der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die
+jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie
+verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch
+von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder
+aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; --
+aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen
+Pause der Mama einen Besuch gemacht.«
+
+»Paß doch auf, Piero!« rief jemand auf der Galerie. »Er nimmt sie dir weg!«
+
+»Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen:
+jetzt bekommt sie das ihre.«
+
+»Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine
+Cölestina, verstehe sie zu gut.«
+
+»Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?«
+
+»Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich
+war unschuldig.«
+
+»Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war
+eine Dirne, wie?«
+
+»Hat ers anders gewollt?«
+
+»Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.«
+
+»Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!« rief Cölestina so laut,
+daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten
+mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle
+durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die
+Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort
+vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: »Welche Erlösung, nicht mehr von
+Liebe zu wissen.« Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel:
+ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und
+sie wurden zum Schweigen gebracht. »Die Leute sind neugierig. Sie fühlen
+eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine
+Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist
+aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er
+schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft
+meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie
+fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen:
+ich habe Unglück.«
+
+»Mein Lieber,« sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon
+abgeschminkt war, »was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen
+Sie nur!«
+
+Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken.
+
+»Gaddi ist großartig. >Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die
+Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich.
+Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen.
+Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns
+einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge
+ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich
+fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt
+werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich
+werde vorstürzen, ich werde sie beide --. O Alba!«
+
+Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern,
+heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände.
+
+»Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer
+leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?«
+
+»Da bin ich!« -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen
+Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf
+die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren
+Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte,
+empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da
+jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder.
+
+»Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!«
+
+»Gnade!« rief eine Frau von oben, aber er stach zu.
+
+»Ich habe nur dich geliebt, Piero,« hauchte die sterbende Tonietta; und auf
+der Galerie die Geliebte des Schusters: »Hörst du es, Dante?«
+
+»Bravi! Alle heraus! Maestro!«
+
+Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der
+Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine
+drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie
+sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher
+Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine
+Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt,
+klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich
+niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der
+abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich
+zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal.
+
+»Bravo, Cavaliere!« rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr
+Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des
+berühmten Sängers zu verstärken.
+
+Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der
+Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr.
+
+»Gnädige Frau,« -- und er sah ihr in die Augen, »die Ohnmacht des Tenors
+war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.«
+
+Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine
+Nase. Frau Camuzzi trat zurück.
+
+»Warum sagen Sie mir das?« fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die
+Brust.
+
+»Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der
+erste bin?«
+
+Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den
+jungen Severino Salvatori. »Er wollte die Nardini heiraten,« dachte sie;
+»und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .«
+
+Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich.
+
+»Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell
+unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen
+Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen
+Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!«
+
+Sie klatschte; sie rief:
+
+»Bravi! Bravo der Gennari!«
+
+»Ich brauche einen Menschen,« dachte sie, »der etwas Stärkeres hat als
+seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld
+der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken
+Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.«
+
+Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen
+gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund
+des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück
+zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In
+seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie
+sich.
+
+»Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr
+Savezzo.«
+
+»Es lebe der Advokat!« rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich
+umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten,
+der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau
+Camuzzi lächelte ihm heiter zu.
+
+»Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!«
+
+»Bravo, Advokat!« -- und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch
+über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf.
+
+»O Volk!« murmelte er.
+
+»Weine nicht mehr, Cölestina«, sagte droben der Schuster Dante Marinelli.
+»Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende
+gemacht hat.«
+
+»Aber ist nun etwa sie schuld?«
+
+»Oder er? Es war ihr Schicksal.«
+
+»Und was wird unseres sein, Dante?«
+
+Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander
+gedrängt, verschwanden sie darin.
+
+»Das Theater hat sich geleert«, sagte die alte Frau Mandolini. »Wir können
+aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir
+sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.«
+
+»Der Schluß war wirklich aufregend«, sagte die Haushälterin und erwiderte
+über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi.
+
+»Er war mehr als aufregend«, sagte der Blinde. »Diese Vorgänge, nicht wahr,
+Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf,
+unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?«
+
+»Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist
+noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie
+jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn,
+dem gelbbärtigen Herrn?«
+
+»Ein Zeichen also!« rief der alte Literat. »Ein Zeichen für das, was wir
+getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs
+neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich
+messen müssen mit der Macht.«
+
+»Wir werden zur Stelle sein.«
+
+Der Alte warf den Kopf zurück.
+
+»Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich
+gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem
+Tod?«
+
+»Gleichviel,« erwiderte seine Freundin, »wir werden kämpfen.«
+
+Sie gelangten ins Freie.
+
+»Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach
+Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit
+sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.«
+
+»Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?«
+
+»Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr
+sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.«
+
+»Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen« -- und die
+Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. »Nehmen Sie, Herr
+Ortensi!«
+
+Und streng flüsternd:
+
+»Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich
+nur um sie bekümmert.«
+
+Die alte Frau lächelte barmherzig.
+
+»Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.«
+
+Und sie stiegen langsam ins Dunkel.
+
+Der Tabakhändler rief plötzlich:
+
+»Wo ist Olindo?«
+
+Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der
+Treppengasse.
+
+»Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?«
+
+Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: »Eh!« -- und seine
+Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was
+aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.
+
+»Wehe ihm, wenn er heimkommt!« schloß Polli.
+
+Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte.
+Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen
+wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen
+Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte
+unvermittelt in zwei Teile.
+
+»Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!« riefen die Freunde hinauf aus einem
+Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt
+hinterlassen hatte.
+
+»Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die >Arme Tonietta< ohne uns,
+frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!«
+
+Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür.
+
+»Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?« fragten die Freunde.
+»Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine
+Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren.
+Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und
+Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er
+schneidet! Ihr seid große Künstler!«
+
+Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter
+alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln.
+
+»Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!« sagte der
+Tapezierer.
+
+»Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute« -- und der Kapellmeister streifte die
+Hände nur und sah niemand an.
+
+»Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.«
+
+Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.
+
+»Wie?« sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die
+Faust auf ein Notenpult fallen ließ.
+
+»Er wird verrückt geworden sein«, meinte Blandini. »Den ganzen Abend schien
+er mir seltsam.«
+
+»Hat er nicht auch --?« fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand
+etwas in den Mund zu gießen.
+
+Der Schneider fand Worte.
+
+»Ein böser Mann ist er!« sagte er schwer. »Ich irrte mich, als ich ihn für
+einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.«
+
+»Hört den Schneider!« rief Nonoggi. »Er versteht mehr als der Maestro und
+wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.«
+
+»Ein böser Mann,« wiederholte Chiaralunzi, »mein Tenorhornsolo fand er
+nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er
+ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.«
+
+»Sogar das Fräulein!« höhnte der Barbier. »Ein Fräulein zum Lachen. Es
+heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit,
+Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!«
+
+Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi
+war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er
+tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
+
+»Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht
+möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken
+haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst
+hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!«
+
+Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.
+
+»Gut, mein Lieber«, sagte er und lachte sonderbar. »Alles ist gut gegangen;
+ich bin zufrieden.«
+
+»Aber der Schneider --«
+
+Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er
+den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.
+
+»Er hat also doch getrunken«, bemerkte der Barbier. »Ich dachte es gar
+nicht.«
+
+Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei
+der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem,
+aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. »Ich habe also ein Volk
+gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat.
+Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine
+Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn
+ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es
+erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der
+>Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten,
+sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf
+vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein
+so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll
+Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der
+Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende
+Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner
+als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie
+liebten einander. Und wir -- und wir --«
+
+»Ein Betrunkener?« sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem
+jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.
+
+»Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.«
+
+»Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind
+gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse
+einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba
+allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen
+Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat
+dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn -- wir dürfen nicht hoffen, uns zu
+irren -- er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch
+Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in
+der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein
+fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt
+zurückkehrte.«
+
+Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus:
+
+»Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an,
+die --, genug: eine Nacht.«
+
+»Was tut das mir«, sagte er zwischen den Zähnen.
+
+»Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet
+werden muß und daß Sie sie retten müssen?«
+
+»Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.«
+
+»O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten,
+ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und
+Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie
+handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu
+beseitigen.«
+
+Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte
+rasch:
+
+»O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.«
+
+Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war
+der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner
+zu.
+
+»Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, daß Sie
+unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und
+kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger
+teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro
+Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt
+unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette?
+Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns
+nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der
+Fortschritt?«
+
+Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort.
+Der andere feixte lautlos.
+
+»Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?«
+
+Und der Advokat, nach Luft schnappend:
+
+»Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen
+Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein
+Land groß ward?«
+
+Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister
+schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch:
+
+»Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir
+es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus
+der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<
+--. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein?
+Werden sie mich groß nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir
+schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie
+mir!«
+
+»Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein
+berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo,
+haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten
+Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung
+beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der
+Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem
+rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß
+Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o,
+nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um
+ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu
+nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine
+Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.«
+
+Er lachte hart.
+
+»Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange
+ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.«
+
+Frau Camuzzi seufzte.
+
+»Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie
+haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es
+immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins
+Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie
+für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß
+machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen
+Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von
+Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.«
+
+»Es tut nichts«, schrie der Advokat. »Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir
+haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit
+Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir
+werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein
+dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie
+und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege
+gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr
+wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen
+verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das
+Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend
+etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der
+Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!«
+
+»Aber mein Mann«, sagte droben Frau Camuzzi, »trägt einen besser gemachten
+Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?«
+
+Savezzo erwiderte:
+
+»Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt
+haben,« -- und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen
+-- »dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert,
+was er von den Damen der Stadt weiß.«
+
+Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem
+Fächer spielte.
+
+»Und auch von den Männern?« fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem
+offenen Lächeln den Kopf.
+
+»Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen,
+können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem
+Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen
+Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt --«
+
+Er fiel ein:
+
+»-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen
+und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins
+mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein
+Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen,
+ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem
+fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien
+an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der
+hervorragt.«
+
+»Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man
+heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.«
+
+»Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend
+gegeneinander so offen macht?«
+
+»Oder«, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit
+die Träne nicht hinausrinne, »ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in
+Aufruhr gebracht?«
+
+Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der
+Advokat.
+
+»Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich
+nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen
+schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege
+und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise
+Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt --. Sie verziehen
+das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch
+zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich
+als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich
+mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände;
+denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie?
+Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend
+begeistert!«
+
+Er streckte den Ankommenden die Hände hin.
+
+»Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns
+die Musik des Maestro Viviani!«
+
+»Eine Frau kann nicht handeln,« sagte sie; »und daß ich bei den Komödianten
+war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die
+Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.«
+
+»Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde«, sagte Camuzzi.
+
+»Und der Maestro?« rief der Advokat die Gasse hinauf. »Wir haben ihn
+verloren?«
+
+Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal
+in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge
+schien.
+
+»Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und
+einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein
+Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem
+eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein
+wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? -- und
+dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!«
+
+Er lief die Treppe zu Ende.
+
+»Da wären wir alle beisammen,« bemerkte der Advokat; »und wenn unser
+Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen städtischen
+Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine
+unserer nächsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen
+Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.«
+
+»Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art«, erwiderte Frau Camuzzi.
+
+ * * * * *
+
+Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich.
+Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten
+Versammlung beim Café »zum Fortschritt« stoßen wollte, sah er aus der
+Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte
+ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten
+zuvor.
+
+»Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie
+wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht
+geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?«
+
+Da er stammelte:
+
+»Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß
+Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir
+unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren
+dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was
+Sie schreiben werden!«
+
+Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf
+vorbereiten:
+
+»Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt;
+seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste.
+Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel,
+daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.«
+
+»Dieses Lob erregt nirgends Neugier«, dachte sie und streifte mit einem
+feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte,
+als lernte er ihre Worte auswendig.
+
+»Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum,
+geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht
+einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre
+Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des
+Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --«
+
+»Ich erwähne ihn gar nicht« -- und der Advokat spreizte voll Eifer die
+Hand. Er dachte: »Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben:
+ich wußte es« -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des
+Rathauses.
+
+Die Primadonna sagte:
+
+»Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger
+Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß
+das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der
+Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in
+ihrer Mitte sehen wollten.«
+
+»Aber das ist ja beinahe gerecht!« rief der Advokat. »Ich bewundere Sie
+immer mehr. Und von Ihnen selbst --«
+
+»O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!«
+
+»Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst
+über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über
+denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!«
+
+»Sie haben Talent, Advokat.«
+
+»Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu
+verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.«
+
+Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück.
+
+»Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu
+danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie
+Gunst, wo sie nur gerecht sind.«
+
+»Wie wir uns verstehen!« -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor.
+Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte
+sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres
+Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; --
+aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm:
+
+»So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die
+andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie
+für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und
+die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie,
+Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist,
+auch sich gedemütigt fühlen.«
+
+»Wie wahr!« sagte er erstickt, »das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie
+mich erst richtig kennen.«
+
+»Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand,
+mein Freund!«
+
+Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte.
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf
+behaupten, daß ich sie verdiene.«
+
+Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder
+hinunter.
+
+»Sie tun mir weh, Herr Advokat.«
+
+»O Verzeihung!« -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu
+küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber,
+den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil.
+
+»Eine so große Künstlerin«, murmelte er unter dem Schauer, womit seine
+eigene Ritterlichkeit ihn überzog.
+
+»Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig«, sagte Flora Garlinda und
+gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle.
+
+ * * * * *
+
+»Da sind sie,« sagte Nello Gennari, »ich will sie holen.«
+
+Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um
+mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen,
+verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof.
+
+»Würde man glauben,« -- und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor
+Bewunderung starr, in die Runde, »daß dort eine so große Künstlerin kommt?«
+
+Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:
+
+»Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.«
+
+»Sie hat eine schöne Hand«, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene
+umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch:
+
+»Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.«
+
+Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf
+Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger
+Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem
+Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat
+lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen
+gebe. Polli stellte fest:
+
+»Tatsache ist, daß wir alle -- kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre
+ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat --« und er nickte nach dem
+Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine
+lärmende Unterhaltung führten: »ja doch, er hat eine andere als seine
+Arbeitshose an.«
+
+»Und was die Frauen betrifft«, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat
+unterbrach ihn:
+
+»Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser
+Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr
+neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen;
+daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!«
+
+Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und
+schwatzenden Platz damit umfangen.
+
+»Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!« rief der Apotheker.
+
+»Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,« begann der Leutnant wieder,
+»daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.«
+
+Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten
+angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda
+den Kapellmeister:
+
+»Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes<
+verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen
+wir andern heute abend ganz verschwanden.«
+
+Und er, mit weichem Lächeln:
+
+»Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan
+habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es
+heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora
+Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen
+. . .«
+
+Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie
+musterte ihn kalt.
+
+»Es war ein großer Abend«, stammelte er. »Vielleicht waren wir alle nur
+dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend,
+und ich danke allen dafür --«
+
+Mit einer zitternden Geste:
+
+»Allen.«
+
+Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg.
+
+»Auch noch danken«, murmelte sie. »Ich hasse alle, weil ich sie nicht
+einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht
+möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie
+sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht,
+wie alles böse und gefährlich ist?«
+
+Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken.
+
+»Den schönsten Hut« -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem
+Tisch zur Linken, »ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.«
+
+Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor,
+die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede
+zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische
+zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor
+Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.
+
+»Aber ist es zu glauben,« sagte der Advokat, »daß dort hinten eine Nonne
+umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke
+unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?«
+
+»Er ist so zart, der arme junge Mensch« -- Mama Paradisi wand sich nach
+allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. »Sein
+Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch
+die Nachtluft nicht.«
+
+Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer
+weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und
+wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr
+vorüberlief, hielt Savezzo ihn an.
+
+»Alfò,« raunte er, »man nimmt dir die Alba weg.«
+
+Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich.
+
+»Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.«
+
+»Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?«
+
+»Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und
+mich anzusehen.«
+
+»Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.«
+
+»Sie kommt nicht mehr,« -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor
+Eitelkeit -- »weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich
+versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter
+Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und
+heirate sie, sie mag ruhig sein.«
+
+»Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener
+Tenor, der sie dir verführt.«
+
+Alfò schüttelte glucksend den Kopf.
+
+»Du glaubst mir nicht?« sagte der Savezzo. »Ich habe es gesehen. Der
+Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst
+du, dort draußen verbringt.«
+
+Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die
+Zähne.
+
+»Wo ist der Komödiant?« -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die
+Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.
+
+»Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht,
+daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie
+noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja,
+ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu
+sein.«
+
+Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich.
+
+»Wie sie mich liebt, die Alba!«
+
+Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen
+des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte
+der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken
+und erklärte:
+
+»Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken
+ihn jetzt.«
+
+»Welch glänzendes Leben wir führen!« rief der Advokat. »Wer das alles noch
+vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen
+wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt
+sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere
+alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des
+Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer
+Stadt; und wehe dem --«
+
+Er stieß den Arm nach dem Dom aus.
+
+»-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.«
+
+Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß
+Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte
+Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der
+klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich,
+setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der
+Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna.
+
+»Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich
+nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der
+Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große
+Dinge erleben wir!«
+
+Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti
+und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf,
+auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia
+war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die
+Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie
+folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker,
+der sich rötete.
+
+Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere
+Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos
+hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte.
+
+»Ihre Leistung war schön, Cavaliere,« sagte er warm; »sie war ergreifend:
+ich danke Ihnen.«
+
+Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand.
+
+»Ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er.
+
+»Aber Sie sind ein großer Künstler!« sagte der Kapellmeister erschreckend.
+»Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe
+fühlen --«
+
+Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.
+
+»Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir.
+Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber
+bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte
+nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.«
+
+Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der
+Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem
+Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.
+
+»Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie
+hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und
+ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn
+man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum
+etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch
+heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen,
+Maestro: Sie haben Grund dazu.«
+
+»Was für eine Frechheit!« schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag
+zwischen die Gläser. »Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein
+Italia auf den Hals zu küssen!«
+
+»Was denn, Bauernlümmel!« keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd
+entgegen. »Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir
+haben Fäuste, wir!«
+
+Seine ländlichen Freunde bestätigten dies.
+
+»Wir werden sehen!« rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der
+feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .
+
+Der Cavaliere Giordano kicherte.
+
+»Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen
+Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden,
+daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht
+habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die
+Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --«
+
+Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte
+sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den
+alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn
+einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen!
+Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er
+sei ein Herr.
+
+»Was denn Herr«, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden
+hervor.
+
+»Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!«
+keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft
+und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren
+Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit;
+in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die
+streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu
+verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der
+Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß
+den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen
+fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen,
+Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von
+dannen.
+
+»Lassen Sie doch jene Leute!« -- und der Cavaliere Giordano stieß den
+Kapellmeister an. »Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde
+mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi --«
+
+Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang
+ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.
+
+»-- wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie -- frei ist, daß sie sich ohne
+Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.«
+
+Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht
+aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf,
+drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich
+schnell.
+
+ * * * * *
+
+»Welch häßlicher Zwischenfall,« sagte der Advokat Belotti; »wir werden uns
+hüten, der >Glocke des Volkes< darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen
+wir nur die Wahrheit! -- können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es
+immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner
+eigenen Familie --«
+
+»Ich habe so gut gelacht,« sagte Flora Garlinda; »es war so unterhaltend.«
+
+»Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!«
+
+Sie warf die Lippe auf.
+
+»Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung,
+weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.«
+
+»Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!«
+
+»Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu
+nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen
+sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.«
+
+Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen
+entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht,
+griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen.
+
+»Auf die Gesundheit!« sagten sie kräftig.
+
+Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und plötzlich, wie aus dem
+Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen
+Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen
+Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und
+dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er
+sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen
+Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch
+anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut
+entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen
+schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete
+sich um.
+
+»Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit
+dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie
+erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen,
+Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je
+von sich gibt. Sage Brabrà!«
+
+Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe
+Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem
+Kinde, das schwärmt und singen möchte.
+
+»Was fällt ihm ein«, sagte der Advokat. »So hat er noch nie getan. Was will
+er?«
+
+»Auch ich --« sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete
+sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und
+Hals. »Auch ich --«
+
+Polli vermutete:
+
+»Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.«
+
+»Ah!« machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des
+Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als
+parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an:
+
+»Was tatest du im Theater, Brabrà?«
+
+»Theater!« -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: »Auch ich
+. . . Theater . . .«
+
+Der Cavaliere Giordano erkannte:
+
+»Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie
+hießest du denn damals, mein Freund?« fragte er mit Wohlwollen und großer
+Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und
+alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand,
+sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal
+öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache
+Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen:
+
+»Der Montereali.«
+
+Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück.
+
+»Der Montereali -- es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe.
+Der Montereali«, erklärte er dem Advokaten, »war, als ich anfing, nicht
+mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit
+mehr als dreißig Jahren ist er tot.«
+
+»Der Montereali«, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die
+Brust.
+
+»Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!« bemerkte der Advokat. Der
+Herr Giocondi sagte:
+
+»Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!«
+
+Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte
+die Hand ans Ohr.
+
+»Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe.
+Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --«
+
+Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie
+lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper
+ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man
+versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr
+Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die
+Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne
+trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi.
+
+»Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. »Wo ist denn das
+Fräulein Flora Gar --«
+
+Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände
+schlotterten.
+
+»Ich habe ihre Stimme nicht erkannt«, sagte er. »Wie ist das möglich?«
+
+Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm
+aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er:
+
+»Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.«
+
+Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.
+
+»Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune,
+und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht
+besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn
+man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . .
+Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund
+Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde
+überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es
+ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.«
+
+Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten
+gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und
+Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt:
+
+»Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die
+den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt
+sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an
+ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt
+bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein
+schlechter Bürger zu sein.«
+
+Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat
+die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der
+Hühnerlucia.
+
+ * * * * *
+
+Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am
+vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten,
+wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem
+tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener
+Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber
+dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden
+am Hause Mancafede blieb stehen.
+
+Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte
+etwas Weißes, das fortflatterte:
+
+»Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und --«
+
+Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief
+noch einmal ganz nahe vorüber.
+
+»-- und singen. Man wird Euch hören.«
+
+»Die Äbtissin?« fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog
+schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die
+Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel
+folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne
+klapperten ihm, er dachte wirr: »Alba ist gekommen, sie wartet auf mich.
+Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet
+vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie
+immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!«
+
+Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich
+auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. »Habe ich
+geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir?
+Jemand verhöhnt mich.« Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein.
+
+Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den
+Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von
+Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die
+Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz.
+Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen:
+
+»Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die
+kostbare Nacht!«
+
+Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und
+erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den
+Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden
+schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer
+als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll
+Grauen und voll Entzücken.
+
+Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: »Die kostbare Nacht«; und
+wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie
+würgte ihn, weich und stark. »Die Äbtissin«, dachte er und schloß die
+Augen. »Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?« Als
+er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis
+zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. »Das ist das Glück:
+jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!« -- und Nello sank auf die Knie.
+
+Kniend sang er: »Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!« --
+und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen
+Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner
+Partnerin. »Ihre Stimme! Ihre Stimme!« Da fielen auf seine Hände Blumen.
+Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte
+die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz
+oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher.
+Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte
+er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in
+Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich
+beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf
+sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles
+Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein
+weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß.
+Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht,
+die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb
+stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich
+entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber,
+schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die
+Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß
+ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen
+hinter ihr, in große Tiefe.
+
+Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:
+
+»Du hast geweint.«
+
+»Denn ich mußte dich ängstigen«, sagte Nello. »Aber wenn ich jetzt nicht
+bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?«
+
+»Ich weiß alles.«
+
+»Alba!«
+
+Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie
+rief:
+
+»Rühre mich nicht an!«
+
+Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn,
+seinen Armen entgegen.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Es schlug vier.
+
+»Wir müssen fort«, sagte Alba. »Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht
+mehr ungesehen über den Platz.«
+
+»Zwei Stunden noch«, sagte Nello. »Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so
+lange warten lassen auf diese Stunde.«
+
+Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte:
+
+»Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.«
+
+»Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!«
+
+Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn.
+
+»O Nello, du liebst mich nicht!«
+
+Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete:
+
+»Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns zeigen.«
+
+»Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wären so
+glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.«
+
+»Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen wir durch das
+Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein
+Geliebter!«
+
+Am Tor des Klosters:
+
+»Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es Amica sein? Amica
+ist die Tochter unseres Gärtners, sie war zu Hause meine Dienerin und
+sollte es nun hier sein.«
+
+Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder.
+
+»Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich
+fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. Wird heute die
+Pförtnerin Amica sein?«
+
+Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck:
+
+»Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick sein, das
+unser Glück endet.«
+
+»Rasch durch den Garten!« flüsterte Alba. »Wenn man hier einen Mann sähe --
+und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schützt uns . . . Jetzt hinab. O
+fürchte nicht für mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß
+Stufen, und vielleicht weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die
+Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber
+ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!«
+
+»Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine
+Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Höhle aus großen Steinen.
+Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!«
+
+»Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen?
+. . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tür auf der Terrasse
+steht offen. Jetzt soll es also sein?«
+
+»Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe,
+deine Augen, Alba!«
+
+»Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebüsch
+verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.«
+
+Auf seiner Brust:
+
+»Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor
+den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fühlte
+mich von ihnen verschieden. Wenn sie später vom Heiraten sprachen, dachte
+ich: >Mein Gatte wird also größer sein, als die euren alle< . . . Nun
+gehöre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer,
+als wenn ich Christus gehörte.«
+
+»Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind
+so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich
+bin arm. Glücklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte für
+wenig Geld. Die übrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben
+vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!«
+
+Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches
+Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten
+gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des Auges geschliffen wie einen
+Dolch.
+
+»Wirst du mich immer lieben?« fragte sie und sah ihn an. Er drückte die
+Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schüttelte heftig den
+Kopf.
+
+»Immer.«
+
+»Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!«
+
+»Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner andern Frau, ich
+werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!«
+
+»Nello, wie ich leide!«
+
+»Auch du?«
+
+»Und wie wir glücklich sind!«
+
+Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines jeden
+gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, aus tödlich
+gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Münder.
+
+»Um Vergebung!« wisperte es; und immer durchdringender:
+
+»Um Vergebung!«
+
+Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der
+Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter schwindelnden Grimassen ans
+Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz.
+
+»Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die
+Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die
+redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der
+Advokat Belotti hier sein, und Sie wissen wohl, daß er das böseste
+Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang,
+nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, -- und wenn
+ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer
+. . .«
+
+Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, um den
+Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall
+vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen
+gekrümmt; Steine rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es.
+Sie wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden
+Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her:
+
+»Vorsicht! Wir sind nicht allein.«
+
+Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er rundete die Hände um
+den Mund.
+
+»Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglück
+will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe ist, der die böseste Zunge von
+allen hat. Fliehen Sie!«
+
+Da sie regungslos hinuntersahen:
+
+»Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie gewöhnlich, der
+Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, daß sie heute um zwei
+Soldi teurer sind.«
+
+Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln.
+
+Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward
+von steiniger Erde hinuntergerissen.
+
+»Halten Sie sich an jener Pinie!« rief der Advokat. Aber sie griffen nicht
+um sich: sie faßten nur nach einander. Die Arme einer um des andern
+Schulter, stürzten sie.
+
+Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab;
+dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. Droben über dem
+Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor
+Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig
+hintenüber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem
+Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten
+sie einander ernst, auf den Weg hinab.
+
+»Der Herr Nardini kommt«, zischelte der Advokat, -- und sie flüchteten das
+Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel
+des Zypressenganges. Auf einer begrünten Bank sanken sie einander an die
+Brust.
+
+ * * * * *
+
+»Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schläge?« fragte
+Alba. »Ich hörte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte
+nicht. Nun werde ich gehen müssen.«
+
+». . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der Großvater wird
+mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die große
+Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mädchen auf dem
+Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie
+werden dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der
+Nische stehst.«
+
+»Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den
+Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!«
+
+»Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich meine
+Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.«
+
+Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen.
+
+»Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot wie Kupfer.
+Jetzt ist es ganz schwarz.«
+
+»Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner wäre?«
+
+»Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.«
+
+Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. Sie riß sich los;
+er entwich in den Schatten.
+
+Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er stürmte ihr
+entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lächeln; und um ihn
+aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie
+beim Kommen und beim Sturz einer großen Welle.
+
+»Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und
+frei. Begreifst du es? Begreifst du es?«
+
+»Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.«
+
+»Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte«, sagte Alba.
+
+»Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken«, rief er den beiden
+Figuren auf dem Brunnenbecken zu. »Ihr könnt gehen!«
+
+Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein
+Schrei.
+
+»Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du,
+wir werden Unglück haben.«
+
+»Du, Alba, hast geschrien: du,« -- und er schloß ihre angsterfüllten Augen
+an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, weiß langend, nach seinem Kopf; er
+drückte den Mund in ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden,
+schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Körpers,
+erschrak er, weil er hatte spielen können.
+
+Sie begann zu sprechen.
+
+»Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause
+ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Großvater sein Licht
+noch anzünden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe.
+Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt -- sieh hinauf, ich kann es
+nicht --, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht töten?«
+
+Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und
+zwei böse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Höhe wie ein
+Raubvogel, der den Fang abpaßt.
+
+»Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir
+werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals wußte ich, was es heißt, allein
+zu sein: jetzt ahnt mirs.«
+
+Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte.
+
+»Nie, nie verlaß ich dich!«
+
+Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her,
+und große Tränen stockten auf ihren Wangen.
+
+»Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.«
+
+Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei wankende
+Schritte in den Schatten hinein.
+
+»Wir sollten sterben«, sagte sie. »Schon jetzt.«
+
+»Da sind Blumen,« sagte er, »ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht
+darauf einschliefen?«
+
+»Du willst? Du liebst mich also?«
+
+»Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten«, setzte er
+hinzu und lächelte stolz.
+
+»Wer sind die?«
+
+»Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?«
+
+»Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!« und sie
+hängte sich, zitternd, an seine Schulter. »Nello! das ganze Leben für deine
+Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst
+es!«
+
+»Die Probe!« rief Nello. »Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und
+heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, daß du
+kommen wirst!«
+
+»Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. Vom Kloster
+führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis
+vor die Tür der Loge wagen, deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich
+verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine
+Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?«
+
+»Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich
+jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewußt, als wäre
+ich ein Held.«
+
+»Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, -- und kämen auch Leute;
+was wissen sie? Was können sie gegen uns?«
+
+»Was können sie gegen uns!«
+
+Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; -- da schrie
+sie laut auf: eine große Schlange lag, quer über der Straße, schwarz im
+Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurückhielt:
+
+»O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.«
+
+Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine
+Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im
+selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei.
+
+»Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein
+Geliebter ist ein Held!«
+
+Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte.
+
+»Was hast du, mein Nello?«
+
+»Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht darüber weg,
+Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde
+singen können heute abend, und vielleicht kann ich nur das?«
+
+Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein
+weiter.
+
+»Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als ich
+zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie
+sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wäre nichts . . .«
+
+ * * * * *
+
+Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine Zeitung.
+
+»Auch du kommst umsonst!« rief er ihm entgegen. »Die Probe ist abgesagt.
+Der Maestro hält lieber eine Probe für seine Messe ab. Versteht sich: der
+Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.«
+
+»O Virginio!« -- und Nello preßte die Hand des Freundes, als wollte er sie
+zermalmen: »Wie wir uns lieben!«
+
+»Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen ist, wirst du dich
+nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem
+Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich
+fast hätte engagieren lassen.«
+
+Nello lachte, klar wie Gold.
+
+»Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weißt nicht:
+ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie zu beißen.«
+
+Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles
+Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn.
+
+»Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle
+Tage Schlangen töten; und auch das Singen ist eigentlich keine
+Beschäftigung für das ganze Leben.«
+
+Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein bleiches,
+abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken.
+
+»Was ist fürs ganze Leben«, murmelte er. »Wenn ich umkehrte und
+zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu
+finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verließ? War nicht
+alles ein heftiger Traum?«
+
+Da Gaddi ehern lachte:
+
+»Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt bin!« -- und er
+stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: »Sieh,
+Geliebter, unser umblühtes Haus«; eine ihrer Töchter schrie blechern über
+den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: »Ich habe ein
+Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.«
+
+»Und meine Frau!« sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. »Sie singt
+schon, seit sie aufgewacht ist: >Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu
+wissen<, und doch erinnere ich mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht
+davon gewußt hat.«
+
+Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und
+klopften dringend auf den Tisch.
+
+»Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. Siehst du, wie
+hoch es bei der Konkurrenz hergeht?«
+
+Der Wirt des Cafés »zum Fortschritt« hob seine schweren runden Schultern.
+
+»Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fünfzig Jahre
+in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter dem Vorsprung des Hauses
+Mancafede noch ein Café steckt? Das Café >zum heiligen Agapitus<: ich habe
+erst heute meinen Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.«
+
+Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als sonst und
+hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu stützen.
+
+»Das Café >zum heiligen Agapitus<!« rief Nello hell. »Bekommt man dort
+Weihwasser zu trinken?«
+
+»Wie viel Geist der Herr hat!« sagte der Gevatter Achille und kicherte.
+Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust.
+
+»Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was
+Sie wünschen. Auch Fächer sind da.«
+
+Nello lachte, ohne zu hören.
+
+»Das hindert nicht,« erklärte Polli, »daß sie schon jetzt dort drüben zu
+Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt erst an, seine Tische auf
+den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte
+es nicht glauben, wegen der leeren Loge!«
+
+»Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden«, setzte der Herr
+Giocondi hinzu.
+
+»Für Sie!« kreischte Nonoggi. »Alles für den Herrn Nello! Und wenn Sie
+meinen Laden beehren --«
+
+Er zerrte den jungen Mann am Arm.
+
+»-- werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es für einen Mann
+in Ihrer Lage paßt.«
+
+Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war!
+
+»Ah! dieser Don Taddeo!« -- und Polli verschränkte die Arme. »Es scheint,
+er will den Entscheidungskampf.«
+
+»Ein Demagoge,« rief Giocondi, »der heute früh bei der Predigt das Volk
+aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi?
+Auch ich setze keinen Fuß mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke
+zu predigen, es solle das Theater demolieren?«
+
+Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd hoch.
+
+»Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was
+das heißt? Es heißt, daß Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese
+feinen Waren nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen
+Wunsch?«
+
+»Das Theater demolieren!« rief Nello und warf den Zopf in die Luft.
+
+»Wir werden zuerst das Café >zum heiligen Agapitus< demolieren«, sagte der
+Gevatter Achille. »Es ist längst baufällig.«
+
+»Ich bin ruiniert!« kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit
+dem Zopf davonlief.
+
+Polli nickte ernst.
+
+»In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns
+sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß nicht, wen er mit der großen
+Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .«
+
+»Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben«, schlug Giocondi vor und
+stieß Polli vor den Magen.
+
+»Man muß zugeben,« erklärte der Gevatter Achille, »als ich heute früh
+meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir
+die Nacht verbracht hatte.«
+
+»Auch ich habe eins überrascht«, sagte der Tabakhändler, »auf meiner
+Treppe, wie ich heimkam.«
+
+Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn.
+
+»Fange nicht davon an! In meiner Gasse: -- ich versichere euch, daß man
+darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so
+dunkel ist.«
+
+Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen.
+
+In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlächelnd,
+mit einem dünnen Trällern.
+
+»Brabrà!« schrie der Herr Giocondi. »Auch er war unterwegs heute nacht, und
+ich bürge euch dafür, daß er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer
+amüsiert er sich darüber.« Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog
+den Mund zum Weinen.
+
+»Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernähren, und
+wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur übrig,
+allen Leuten zu sagen, was ich weiß . . .«
+
+Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die
+Frauen sahen aus den Fenstern: Nello stand, die Hände auf den Hüften, und
+lachte, daß es wie Gesang klang. Die andern lachten mit.
+
+»Und der Advokat!« brachte Polli hervor. »Man weiß wohl, warum er an diesem
+wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in
+seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an
+seinem Schreibtisch und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen
+Vorschuß bitten . . .«
+
+»Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?« rief donnernd der Gevatter
+Achille.
+
+»Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht«, sang die Rotte
+von Buben, aber mit veränderten Worten, und marschierte im Eilschritt
+vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des
+Kaufmannes Mancafede riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein
+Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im
+Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene.
+
+»Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge
+behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß auch, wohin ich den letzten
+tun werde. Wohin? Wohin?« -- und er richtete einen leidenschaftlichen Blick
+auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den
+Hals abgewendet, die Hand gespreizt:
+
+»Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: sterben, ohne zu
+wissen . . . Aber sterben?«
+
+Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder
+durchlief ihn heftig.
+
+»Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den Geruch ihrer
+feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, dies weiße Feuer, nie mehr
+brennen fühlen . . . Ich hätte gestern sterben sollen: gestern war es zu
+ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen?
+Nonoggi hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine
+Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List
+in seinen blutigen Augen. Ich muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!«
+
+Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann und lächelte
+bedeutsam. Er wußte alles, -- da seine Tochter alles wußte! Das Schicksal
+beschwichtigen! Sich Frist erkaufen!
+
+»Hätten Sie nicht, mein Herr --« stammelte Nello. »Hätten Sie nicht --«
+
+Mancafede rieb sich die Hände.
+
+»Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische
+Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. Aber überstürzen Sie nicht
+Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse,
+würde ich ihn doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.«
+
+»Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer sein.«
+
+Der Kaufmann fiel ein:
+
+»Ich schicke ihn Ihnen -- und werde mich hüten, einen Kunden von Ihrer
+Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drängen. Ich weiß zu gut, daß
+man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen
+bezaubernd stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich
+weiden muß?«
+
+»Wie Sie wollen«, murmelte Nello.
+
+»Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafür bekommen Sie
+den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,« -- und auf den grauen Wangen des
+Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells.
+
+»Zu welchem Preis also?« fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht;
+er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigte er sich. Sein altes
+Hasenprofil lächelte zahm und schlau.
+
+»Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine Kundin.«
+
+Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die
+Matratze der Domtür hinter Alba zu.
+
+ * * * * *
+
+Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah,
+leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nächsten Bank auf
+die Knie. Sie legte die Stirn in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen
+Nacken wollüstig erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre
+Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer schwerer, die
+schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich
+auf, betrachtete diese Hände, betrachtete den See von Tränen, den ihre
+beiden Augen auf der Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den
+Kopf . . . Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten
+eines Beichtstuhles.
+
+Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des
+heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und
+stockte. Die Hand fuhr zurück, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen
+brechen wollte. Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba
+rückwärts davon in das Dunkel.
+
+Die Nonne war fort. Weite Stille: -- aber der lange gelbe Vorhang des
+letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab;
+und unter der Türöffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er
+beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein
+entzündeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat,
+erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Bei ihrer bittenden Gebärde
+nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus und zog, als sei ihm übel, das Gesicht
+zusammen. Sie legte die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die
+Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf der
+Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen
+ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schloß
+seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; die Rechte stieß er
+unsicher in die Luft; mit großen, flatternden Schritten erreichte er die
+Sakristei.
+
+Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die
+Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier und hob von der Tür
+die Matratze auf, die den Lärm des Platzes erstickt hatte.
+
+Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte draußen
+soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, -- und Italia neigte
+sich, um mit großen, neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden
+dreinzuschauen.
+
+ * * * * *
+
+»Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein«, sagte die Magd Felicetta; denn den
+Dom entlang staute sich quer über den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder
+hinaufhoben und durcheinander riefen.
+
+»Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bäcker
+Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich Ihnen doch einen Rat,
+Fräulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom
+Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So
+werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von
+Männern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor
+dem Café des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er
+hat einen gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti!
+Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben beim Gevatter Achille.«
+
+Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig:
+
+»Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm
+den Eimer nehmen.«
+
+Das Gebell des Bäckers drang durch.
+
+»Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen nicht verkaufen,
+dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.«
+
+Er begann sogleich von vorn:
+
+»Ah! die Herren wollen uns --«
+
+Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer dasselbe, das
+niemand verstand; aber man sah die Herren drüben höhnisch lachen.
+
+»Pappappapp«, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bäckers.
+
+Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace
+und schüttelte die Faust:
+
+»Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an
+einen Amerikaner habe er ihn verkauft.«
+
+Vor dem Café »zum heiligen Agapitus« war sogleich alles auf den Beinen;
+alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten.
+
+»Der Advokat wird recht haben«, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskräften
+der Barbier Bonometti, und er stieß in der Schar von Männern den alten
+kleinen Beamten Dotti an.
+
+»Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthüllt die
+Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
+
+Die Beamten schrien:
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+Der dicke alte Corvi setzte hinzu:
+
+»Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der
+öffentlichen Wage geben.«
+
+»Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?« fragten die Mägde Fania und Nanà
+die Frau des Schusters. »Es lebe der Advokat!«
+
+Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber:
+
+»Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!«
+
+Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um
+ihn:
+
+»Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht
+zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, verbündet mit der
+Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.«
+
+»Immer die großen Worte«, murmelte der Gemeindesekretär. »Wer weiß, auf
+welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie
+Zügellosigkeit.«
+
+»Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?« fragte der
+Advokat. »Dann erfahren Sie, daß ich mich eines Lebens, das frei von
+Heuchelei ist, nicht schäme. Ich weiß mich einer ruhmreichen Tradition
+verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir
+stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden,
+mein Herr.«
+
+»Nun, es ist abgebrochen,« -- und der Sekretär zuckte die Achseln.
+
+»Freuen Sie sich darüber mit Ihrem Don Taddeo, diesem Demagogen im
+Priesterkleid. Hat er nicht heute früh in seiner Predigt dem Volk
+angeraten, wenn die Mächtigen sich der Wollust ergeben, solle es sie
+niederreißen? Ich weiß wohl, welche Mächtigen gemeint sind --«
+
+Der Advokat wies sich auf die Brust.
+
+»-- und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst merken, was Macht
+heißt!«
+
+Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhändler kratzte sich den Kopf.
+
+»Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, -- und der Mittelstand läßt
+ganze Regimenter aufmarschieren. Man muß unsere Freunde holen. Auch werde
+ich meinen Olindo suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fäuste.«
+
+Der Stadtzolleinnehmer erklärte, ebenfalls werben zu wollen und betrat die
+Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; er stieß mit dem Stößel
+seines Mörsers um sich.
+
+»Romolo!« rief es schrill von oben.
+
+»Es gibt keinen Romolo!« brüllte er. »Es gibt nur einen Soldaten
+Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr sieht.«
+
+Und immer tapferer:
+
+»Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, in ihren
+Läden verstecken? Wo ist Mancafede?«
+
+Er machte sich, seinen Stößel schwingend, auf den Platz hinaus, dem
+feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; niemand beim Café »zum
+heiligen Agapitus« wagte, so sehr sie fuchtelten, den alten Krieger
+anzurühren; -- und wie Mancafede gerade den Rolladen herabzog, ward er
+gepackt. Zitternd kam er mit.
+
+»Wucherer!« schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, wie sein
+Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, der erbleicht zurückfuhr.
+Das Volk wiederholte:
+
+»Wucherer!«
+
+»Dieb!« -- und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor plötzlicher Wut;
+»Dieb, der allen Wein aufkauft, so daß niemand ihn bezahlen kann und wir
+verdursten müssen!«
+
+»Wir wollen nicht verdursten!« grölten seine Zechbrüder.
+
+»Und wir hier wollen nicht verhungern«, rief vom Rathaus her ein riesiger
+Fuhrmann. »Nieder mit dem Bäcker!«
+
+»Nieder mit dem Bäcker!« wiederholte das Volk; und Crepalini verschwand
+rasch zwischen den Seinen.
+
+»Und die Kuchen des Serafini!« gellte hinter dem Rücken des Fuhrmanns der
+Konditorlehrling Coletto. »Wollt ihr wissen, was er statt Zimt hineingibt?
+Zerstoßene Wanzen! Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!«
+
+Ein Schrei des Abscheus; -- und über allem jammerte eine Frauenstimme:
+
+»Isidoro! Mein Isidoro!«
+
+Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. »Flieh, mein
+Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!«
+
+Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein Häscher lieferte
+ihn schon beim Café »zum Fortschritt« ein.
+
+Der Herr Giocondi führte den Baron Torroni herbei. Auch die Herren
+Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm.
+
+»Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert«, sagte er zum Salvatori und
+klopfte ihn vor den Bauch; »aber hier handelt es sich um die Freiheit, das
+ist ein anderes Paar Ärmel.«
+
+Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der unter blutigen
+Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. Beim Café des Freundes
+Giovaccone kreischte er, das Kreuz schlagend:
+
+»Don Taddeo ist ein Heiliger.«
+
+Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille näherte:
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den Wirt Malandrini
+und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen waren, um etwas zu sehen. Der
+Kapellmeister Dorlenghi stellte sich von selbst ein; er warf die Arme.
+
+»Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den Dom gekommen!«
+
+Der Lehrer sagte:
+
+»Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Männer des Geistes unsere
+Studien verlassen müssen, um, den größten Ideen zuliebe, auf den Platz
+hinabzusteigen.«
+
+»Aber jene dort vermehren sich«, rief drüben der Mechaniker Blandini. »Es
+wird Zeit, daß auch wir uns sammeln.«
+
+Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem Corso, der Schlosser
+Fantapiè zur Treppengasse, und sie schrien die Häuser hinan:
+
+»Alle auf den Platz!«
+
+Von den Herbergen »zum Mond« und »zu den Verlobten« kam ein Trupp Bauern.
+
+»Hierher!« keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. »Es geht
+gegen die Buffonen!«
+
+Aber als der schöne Alfò, man wußte nicht warum, zähnefletschend gegen ihn
+losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen Beinen ganz schnell in das
+befreundete Lager zurück. Der schöne Alfò trug, eitel lächelnd, den blauen
+Klemmer des Pächters als Beute heim.
+
+Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen Agapitus.
+
+Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des Mittelstandes
+stoßen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in den Weg und versprach ihm
+den Teil der Arbeiten im Rathaus, der sonst Fantapiè zugefallen wäre; und
+darauf blieb Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse
+der Hühnerlucia kam, wollte der Advokat durch Aufträge verlocken. Der
+Schneider antwortete:
+
+»Der Herr Advokat möge mich entschuldigen, denn ich habe die größte Achtung
+vor dem Herrn Advokaten, aber der ist kein guter Mann, der es nicht mit
+seiner Klasse hält.«
+
+Und er ging hinüber.
+
+Polli kehrte zurück. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, den er vor
+sich herstieß. Beide waren gerötet und schienen erschöpft. Der Tabakhändler
+keuchte:
+
+»Da ist mein Sohn Olindo, er soll für die Freiheit kämpfen. Glaubt ihr
+vielleicht, er wäre von selbst gekommen? Ah! mein Sohn ist ein Typus, dem
+an der Freiheit wenig gelegen ist. Statt dessen hat er, indes sein Vater um
+die öffentliche Sache bemüht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen
+Hause jenes Weibsbild, die große gelbe Choristin bei sich und tut mit ihr,
+was ihr euch denken könnt.«
+
+Olindo bekam einen Rippenstoß.
+
+»Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. Was mich betrifft:
+eine solche Verderbnis unserer Kinder macht mir geradezu Lust, jenem
+Priester recht zu geben.«
+
+Auch der Herr Salvatori äußerte Besorgnisse um seinen Neffen. Um nicht
+weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen zu lassen, nahm der Advokat
+den Tabakhändler ernst beiseite.
+
+»Wir sind Freunde, wie, Polli?«
+
+»Freundschaft, soviel man will, aber --«
+
+»Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den menschlichen
+Schwächen sind wir alle unterworfen. Dein Gewissen, Polli, wird dir sagen,
+ob du gegen deinen Sohn nur als Vater eingeschritten bist oder auch als
+Rivale. In jedem Fall, Polli, besinne dich auf deine Bürgerpflicht!«
+
+Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz und
+zuversichtlich seine verstärkte Truppe. Der Gevatter Achille ging mit der
+Vermouthflasche umher, weil man Mut nötig habe.
+
+»Hohoho!« schrien alle gleichzeitig. Vom Café des »heiligen Agapitus«
+antwortete es:
+
+»Huhuhu!«
+
+Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in die Hände und
+pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. Da donnerte der alte
+Acquistapace:
+
+»Ist es möglich! Die da drüben haben bei sich den Savezzo!«
+
+»Er wird sich geirrt haben«, meinte der Herr Giocondi. Der Gevatter Achille
+stieß in seine hohlen Hände:
+
+»Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?«
+
+ * * * * *
+
+Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme verschränkt, auf
+den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter gewulsteten Brauen mit
+düsterer Genußsucht ringsum.
+
+»Was willst du?« rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem
+Augenrollen und großen, gezierten Gesten:
+
+»Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der
+Protektionswirtschaft, mit der Diktatur einer Klasse!«
+
+»Es ist aus!« rief das Volk.
+
+»Ah! Volk --« und Savezzo breitete die Arme aus, wie an einem Kreuz, »du
+wirst künftig das Opfer des Talentes empfangen können, auch wenn es nicht
+aus gewissen Familien kommt. Von den nächsten Listen für die Gemeindewahlen
+werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und Volksausbeutung
+bedeuten. Denn ihre Träger --«
+
+»Der Bäcker!« schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das Volk wiederholte:
+
+»Den Bäcker meint er!«
+
+»Den Konditor!« kreischte Coletto. »Den Wanzenkonditor!«
+
+»-- werden erschrocken sein vor der Größe eurer Rache,« -- und der Savezzo
+arbeitete sich ab.
+
+»Willst du ein Glas Wasser?« rief eine Frau.
+
+»Er braucht es. Er hält seinen Vortrag über die Freundschaft«, sagte der
+Advokat Belotti, verächtlich lächelnd.
+
+»-- eurer Rache,« fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein Profil, »die
+fürchterlich zerstört haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, des Lasters
+und der Tyrannei: das Theater!«
+
+»Huhuhu!« machte es beim Café »zum Fortschritt.«
+
+»Was für eine Sprache spricht er?« fragte die Magd Felicetta ihre Nachbarn,
+die die Achseln zuckten.
+
+»Genug! Wir wollen die >Arme Tonietta<«, rief der Fuhrmann, und er stimmte
+an:
+
+»Sieh, Geliebte --«
+
+Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, schnellte noch
+einmal die gespreizte Hand über das Volk hin, stieß sie geballt gegen das
+Café »zum Fortschritt« aus und zog sich zurück. Der Baron spie hinter ihm
+aus.
+
+»Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.«
+
+»Mich hat er nie getäuscht«, behauptete der Advokat. »Ich habe aus seiner
+Demut wie aus seiner Düsterkeit immer den Neid dessen herausgefühlt, der
+nicht zu den Göttern gehört.«
+
+»Die Komödiantin! Laßt sie nicht entwischen!« heulte vor der Domtreppe die
+Frau des Kirchendieners Pipistrelli; -- und verfolgt von den Weibern,
+rannte Italia mit kleinen behinderten Schritten und kreischend wie ein Pfau
+über den Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl es
+von droben mit entsetzlicher Stimme »Romolo« rief, fing er sie auf. Die
+Weiber wichen nicht, sie blockierten das Café »zum Fortschritt.« Der junge
+Severino Salvatori trat ihnen elegant gegenüber und lispelte
+Anzüglichkeiten.
+
+»Da ist er!« rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. »Der da hat etwas
+Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie hat ihn vor die Tür
+gesetzt.«
+
+»Ah! was für ein schöner junger Mann,« -- und eine entriß ihm sein Monokel.
+Darauf machten alle sich davon, unter schreiendem Gelächter und Gesten, die
+nicht alle anständig waren.
+
+»Habe ich denn verdient, daß man mich totschlägt?« jammerte Italia auf der
+ledernen Bank im Innern des Cafés, wo der Herr Giocondi unter schelmischen
+Seitenblicken auf die Zuschauer ihr die Büste freimachte. Auch der Kaufmann
+Mancafede hatte sich in den Saal gerettet; er rang die dürren Hände.
+
+»Der Bürgerkrieg ist etwas Häßliches; er schadet den Geschäften, und wenn
+Gott will, bekommt man sogar Schläge.«
+
+»Glauben Sie?« stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere Giordano.
+
+Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine Quetschung gefunden
+zu haben, und rief nach Essig. Der Gevatter Achille brachte ihn und sagte:
+
+»Wenn man bedenkt, daß ein einziger Priester so viel Unheil stiftet.«
+
+»Es gibt gute Priester,« -- und der Cavaliere Giordano streckte beschwörend
+die Hand aus. »Es gibt gute Priester, und es gibt schlechte Priester.«
+
+Italia schluchzte.
+
+»Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, daß man sündigt:
+darin hat er recht. Ach, über mich!«
+
+»Nicht weinen«, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hände am Leib, neben
+ihr und weinte selbst.
+
+»Als ich ihm das erstemal beichtete,« sagte Italia feucht, »war er sehr
+streng; er wollte alles wissen, alles, alles.«
+
+»Versteht sich«, bemerkte der Gevatter Achille. »Das ist ihre
+Unterhaltung.«
+
+»Und er stellte so schreckliche Fragen, daß es fast schien, er wisse schon
+alles. Ist er denn ein Heiliger?«
+
+»Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben«, schrie der Baron
+Torroni und lachte dröhnend.
+
+»Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. Ich werde gehen,
+sonst bringt es mir Unglück . . . Aber als ich heute wiederkam --«
+
+»Armes Mädchen, auch sie ist in den Händen der Priester!« seufzte der
+Apotheker.
+
+»-- da wollte er mich nicht anhören.«
+
+Der Herr Giocondi vermutete:
+
+»Er fürchtet, daß Sie ihn zum besten halten.«
+
+»Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie Kohlen.«
+
+»Der Schlaukopf!« rief der Wirt Malandrini. »Uns schickt er den Mittelstand
+auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es nur mit den Heiligen des
+Paradieses zu tun.«
+
+»Man würde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler!« sagte der
+Advokat, der herzukam.
+
+»Ich störte ihn noch einmal; da --« und Italia schüttelte sich, »sprang er
+vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche Furcht! Ich lief, und er mir nach.
+Er rief, ich solle kommen und beichten. Beim ersten Wort sagte er: >Genug<
+und erließ mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er
+aber stöhnte auf eine gewisse Art, daß mir nichts Gutes ahnte, und rasch
+machte ich mich davon.«
+
+Sie sah alle erschüttert an. Der Advokat erklärte:
+
+»Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich unter
+der Bank. Ah! keine Gefahr, daß er das Kommando ergreift über das Café >zum
+heiligen Agapitus<.«
+
+Der Gemeindesekretär war dem Advokaten gefolgt.
+
+»Man mag von Don Taddeo denken, was man will,« sagte er und wiegte den
+Kopf, »so ist er doch ein mutiger Mann. Wie wollen Sie das leugnen? Er hat
+uns nicht gefürchtet, sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein:
+sein Kaplan sammelt Pflanzen.«
+
+»Wollte Gott, er täte dasselbe, mein Herr.«
+
+»Er baut keine Waschhäuser, sondern vertritt das Interesse der Religion.«
+
+»Und er hängt sie als Mantel um den Klassenhaß.«
+
+»Hängen nicht wir ihm den der Freiheit um?«
+
+»Ah!« -- und der Advokat warf sich umher; »ich habe in diesem Augenblick
+nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, Herr Camuzzi: die Stadt erwartet,
+daß ich handle!«
+
+Er trieb alle aus dem Café.
+
+»Halt! Wohin?« -- und er packte Nello Gennari, der durch eine Lücke in der
+Menge entwischen wollte; am Rande des Gäßchens gegenüber dem Rathaus hatte
+er Alba erblickt.
+
+»Eine wichtige Angelegenheit«, sagte er fieberhaft und wand sich in den
+Armen des Advokaten.
+
+Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des Rathauses fiel
+ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fuß zu heben, nahm, den Mut, zu
+atmen. »Nie habe ich in solche Augen gesehen! Nello!« Sie rief den
+Geliebten an, sie nahm ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Haß dort
+oben war ungeheurer als ihre Liebe; die Angst überwältigte sie, in seinem
+Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurück in die Gasse.
+
+»Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten,« sagte der Advokat, »außer dem
+Kampf um die Freiheit; -- und wer, mein junger Freund,« er lächelte
+verständnisvoll, »wäre mehr als wir beide interessiert an der Freiheit
+unter dem Schutze der Venus.«
+
+Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran.
+
+»Du mußt bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und man ruft mir nicht
+ungestraft ins Gesicht, daß die Komödianten die Wäsche stehlen.«
+
+Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Cäsarenprofil erhoben, rüstig auf
+den Platz hinaus. Der Bäcker Crepalini hatte sich vorgewagt und schalt,
+weinrot, mit Nußknackergebiß und Kugelaugen, in den Lärm der Menge.
+Unversehens hing er in der Luft und zappelte mit den Ärmchen. Gaddi warf
+ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurück. Der Schlosser Fantapiè
+wollte, den andern vorauf, über ihn herfallen; von drüben aber holten
+Acquistapace und der Baron Torroni ihren Kameraden ein. Der Gevatter
+Achille rückte nach mit einem geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind
+ankam, war er außer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf die
+Lehne zu stützen. Er rief:
+
+»Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschäfte gehen wohl gut,
+denn das Weihwasser kostet dich wenig!«
+
+Der Lehrling Coletto hüpfte kauernd hinter ihm umher, und plötzlich warf er
+seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein Gebetbuch an den Kopf. Der
+Kaufmann Mancafede, den die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben,
+brach mit einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstöpsel getroffen.
+
+»Hohoho!«
+
+»Huhuhu!«
+
+»Nieder die >Arme Tonietta<!«
+
+»Nieder die Priester!«
+
+»Was will denn euer Don Taddeo?« rief der Wirt Malandrini. »Als er heute
+früh meinen Jungen durchprügelte, hat er selbst die >Arme Tonietta<
+gepfiffen.«
+
+»Schweig!« brüllte der Tapezierer Allebardi. »Und möge dein Bauch verfaulen
+wie deine Beefsteaks!«
+
+Der Schlosser Fantapiè faßte den Schlosser Scarpetta ins Auge und schrie
+durch die Hände:
+
+»Gemeiner Sykophant!«
+
+»Schlüsselfresser!« -- und Scarpetta spie weithin. »Er hat den Schlüssel
+des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen Agapitus, damit er keine
+Leibschmerzen bekommt.«
+
+Der Herr Giocondi hörte:
+
+»Schwindler! Bankerotteur!«
+
+Und er sprang auf:
+
+»Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, du hast mir
+von meinem Stoff zum Mantel die Hälfte gestohlen!«
+
+»Huhuhu!«
+
+»Hohoho!«
+
+Ganz hinten, im breitesten Gedränge der Verteidiger des Cafés »zum
+Fortschritt«, schwang der Kaufmann Mancafede sein Metermaß. Seine grauen
+Falten hatten sich gerötet.
+
+»Wer es wagen will!« heulte er. »Wer es wagen will!«
+
+In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi zerstreut umher;
+da rief es drüben:
+
+»Die >Arme Tonietta< ist keine Musik! Der Maestro weiß nicht, was Musik
+ist!«
+
+»War das der Blandini?« fragte der Kapellmeister und stürzte vor an die
+Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und Torroni den Feinden seinen
+Stößel zeigte.
+
+»Sakristeiflöhe,« donnerte Acquistapace, »die ihr das Werk Garibaldis nicht
+respektiert!«
+
+»Garibaldi war ein häßlicher Typus! Er hat den heiligen Vater umgebracht«,
+keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber die Mägde Fania und Nanà verboten es
+ihr mit geschwungenen Fäusten.
+
+»Fest, Cimabue!« heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die Kehle
+zuhielten. Denn der Schlächter drehte sich mit dem Lehrer Zampieri im
+Gemenge. »Drauf los, Allebardi! Drauf los, unsere Männer!«
+
+Coletto wälzte sich unter dem ältesten Chiaralunzi, den der junge Gaddi von
+hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: »Es lebe Don Taddeo!« und rannte
+davon. Sogleich brach ein ganzer Haufe Buben über ihm zusammen, und die
+dicke Wirtin »zu den Verlobten« ward mit hineingerissen.
+
+Der schöne Alfò schwenkte den blauen Klemmer des Galileo Belotti und der
+Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, das er seiner Frau
+abgenommen hatte. Der Lehrer Zampieri rief noch:
+
+»Wer an die großen Ideen rührt, ist tot!«
+
+Da mußte er unter der Umarmung des Schlächters Cimabue das Pflaster küssen.
+Die beiden Kneipbrüder Zecchini und Corvi holten mit mächtigen Fäusten
+gegeneinander aus, im Augenblick aber, als sie sich berührten, ward ein
+kleiner freundschaftlicher Schlag auf den Bauch daraus.
+
+»Laß es dir gut gehen«, sagten sie.
+
+Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. Hin und her
+gestoßen von den Ringenden, polterte Galileo Belotti unaufhörlich:
+
+»Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?«
+
+Der Advokat eilte mit anfeuernden Armstößen vor dem Rathaus auf und nieder.
+
+»He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht euch . . . Ich
+kenne dich,« -- und er zog dem Fuhrmann die Bluse über der Brust zusammen,
+»du hast mir Holz gebracht und in meiner Küche ein Glas getrunken. Wir sind
+Freunde.«
+
+»Freunde!« brüllte der Fuhrmann und streckte mit einem Faustschlag den
+alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedürfnisses wegen unter die
+Rathausbogen getreten war. Der Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust.
+
+»Sie sind ein großer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlächter Cimabue auch
+noch zehnmal stärker wäre, als er ist, der Advokat wäre dennoch ein großer
+Mann! . . . Das Leben für den Advokaten Belotti!« rief er und durchbrach,
+mit der Mütze wehend, die Reihen, tödlich angezogen von dem Schlächter, der
+ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon verlor Bonometti Mütze und Krawatte
+. . . Der Advokat wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu
+Polli:
+
+»Der Ruhm will, daß man nicht rechts noch links sieht. Aber glaube mir,
+Polli, zuweilen stände man lieber mit den andern allen in Reih und Glied.«
+
+Polli kratzte sich den Kopf.
+
+»Inzwischen scheint es, daß wir Prügel bekommen. Meinem Olindo werden sie
+guttun, aber was mich betrifft --«
+
+Und er zog sich in das Café zurück.
+
+ * * * * *
+
+Den alten Acquistapace dort vorn belästigten zehn Feinde und griffen nach
+seinem Stößel. Er wich ihnen schrittweise. Die vorderen Glieder traten,
+zurückdrängend, auf die Füße der hinteren; man beschimpfte einander in den
+eigenen Reihen; -- und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die
+Pyramide der Freiheitskämpfer von den Scharen des heiligen Agapitus
+eingedrückt. Mühsam deckte der Gevatter Achille mit wildem Schwingen seines
+Stuhles den Rückzug.
+
+»Nun, Advokat,« sagte der Herr Giocondi erbost, »mir haben sie alle Knöpfe
+abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, unsere Suppe zu
+essen?«
+
+Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte er seine
+Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, Giocondi, -- und hinter ihnen
+hielt Jole Capitani die gerungenen Hände vor sich hin. Der Advokat stöhnte
+auf; er legte aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen,
+-- da traf in allem Lärm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine rasche
+Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe war und klirrte,
+wohllautend und unternehmend.
+
+»Wir sind gerettet«, rief der Advokat leise; und aus voller Lunge:
+
+»Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!«
+
+Der Apotheker schwang seinen Stößel schon wieder zum Angriff; die nächsten
+rückten vor; unter der Drohung einer noch unbekannten Gefahr ging der Feind
+zögernd zurück: -- und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen
+und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom
+Elektrizitätswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. Vor dem Café
+»zum Fortschritt« trat der Advokat Belotti ihnen entgegen. Er nahm den Hut
+ab.
+
+»Meine Herren!«
+
+Sie hörten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war es plötzlich
+still.
+
+»Meine Herren, wir schlagen uns hier für Ihre Interessen; denn welches
+höhere Interesse hätten Sie, hätte das Volk, das wahre Volk, als die
+Freiheit.«
+
+»Buffone!« keifte drüben sein Bruder. »Seht ihr nicht, daß er euch zum
+besten hält?«
+
+Die Weiber heulten auf; der Wirt »zu den Verlobten« schrie:
+
+»Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.«
+
+»Hören Sie nicht auf die Verleumder!« rief der Advokat in der Fistel, und
+seine aufgereckten Arme bebten. »Ich bin der Freund des Volkes, der Advokat
+Belotti, der die Anlage des Elektrizitätswerkes bewirkt hat und die
+Aufführung der >Armen Tonietta<, die euch so sehr gefallen hat; denn ich
+kenne euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden --«
+
+Er streckte seine Hände hin.
+
+»-- euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer hochherzigen
+Tat. Jener arme Bucklige, ihr wißt, den Schändliche mißhandelt hatten --:
+ah! Freunde, wir verstehen uns im Namen der Menschlichkeit.«
+
+Der Advokat hatte die Augen voll Tränen. Die beiden jungen Leute mit großen
+Hüten und bunten Halstüchern schlugen in seine Hände. Er schüttelte die
+ihren.
+
+»Sagt euren Genossen, daß ich sie überall verteidigen werde und daß eure
+Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie wollen das Theater schließen,
+wo ihr eure edelsten Genüsse sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald
+sie zur Macht kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester
+ausliefern. Hat darum das Volk für die Freiheit geblutet? Nieder die
+Priester!«
+
+Die Herren hinter ihm wiederholten:
+
+»Nieder die Priester!«
+
+Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an.
+
+»Es lebe die Freiheit!« riefen mehrere auf einmal.
+
+Durch das Café »zum heiligen Agapitus« ging ein langes Gemurmel. Die Weiber
+drehten, nach vorn geworfen und durcheinander schreiend, die Arme in der
+Luft. Das Volk und die Herren klatschten stürmisch. Zwei kleine
+Choristinnen wagten sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie
+riefen hell:
+
+»Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!«
+
+Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen über sie her und zerrten sie
+zurück. Der Advokat glänzte breit; er hatte weite, siegreiche Gesten um
+alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten noch.
+
+»Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an eurer Spitze. Was
+wir heute tun, tun wir für die Geschichte.«
+
+»Legen Sie uns nicht hinein?« fragte einer. »Bei den Wahlen nachher haben
+die Dinge sich wieder geändert.«
+
+Der Advokat drückte die verschränkten Hände gegen die Brust, er hob sich
+auf die Fußspitzen.
+
+»Sehe ich aus wie ein Bürger? Bin ich ein Mensch, der die Soldi
+aufeinanderhäuft? Ich kenne Höheres als den höchsten Geldhaufen: das ist
+das Glück des Volkes; und auch ich will stürzen, was ihm entgegensteht!«
+
+Er schüttelte Hände. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen an die Mauer des
+Cafés »zum Fortschritt.« Zu den Herren, die Meinungen austauschten, sagte
+der Gemeindesekretär:
+
+»Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbündet sich zur
+Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. Aus dem Herrschsüchtigen bricht
+der Anarchist.«
+
+Der Advokat fuhr herum:
+
+»Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genüge verraten. Ihre Zweifelsucht,
+Ihre Kritik an der Tätigkeit des Menschen, Ihr Quietismus: alle diese
+schönen Dinge führen schließlich in den Schoß der Kirche. Begeben Sie sich
+doch dort hinüber! Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen,
+das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber --«
+
+Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der Spitze der
+Arbeiterkolonne in Bewegung.
+
+»-- kämpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer abgewannen, über
+unseren Köpfen schwebend Mars, Venus und Athene.«
+
+Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich an. Die Herren
+Giocondi und Polli sahen sich wild um; ein kriegerischer Wind strich
+schwindelnd um die Stirnen; auf einmal brachen mit mächtigem »Hohoho!« alle
+los.
+
+»Seht ihr, daß jene Furcht haben?« sagte der Advokat zu den Arbeitern
+hinter ihm. »Sie rühren sich nicht. Und sie glauben, sie werden heute abend
+in den Logen sitzen? Ihr werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!«
+rief er und warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die zehn
+Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, die nackten Arme des
+Schlächters Cimabue. Der Gevatter Achille wälzte seinen Bauch über den
+Freund Giovaccone; er brüllte:
+
+»Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, ob du auch in
+den Adern Weihwasser hast!«
+
+Der Fuhrmann war daran, über Galileo Belotti herzufallen, aber Galileo
+machte, und schnappte dabei mit den Zähnen, so furchtbar »Pappappapp« und
+»Buffone«, daß der Fuhrmann bestürzt zurückschwankte.
+
+Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenüber. Inmitten des Kampfgewühles
+verschränkten beide die Arme.
+
+»Jetzt würden Sie vielleicht wünschen,« sagte Savezzo, »meine Fähigkeiten
+früher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.«
+
+Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte:
+
+»Bin ich noch ein Winkel-Advokat?«
+
+»Mehr als je«, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo erhob von
+hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den Arm.
+
+»Ah Sie!« keuchte Savezzo. »Wagen Sie sich noch einmal nach Villascura, und
+ich werde Sorge tragen, daß Sie nie mehr dorther zurückkehren!«
+
+»Ich warte nicht so lange!« rief Nello und packte rascher zu als der
+andere.
+
+»Fest, Cimabue, du, der du ein Löwe bist!« kreischten die Nonoggi und Frau
+Malagodi. Der Schlächter schüttelte von seinen zehn Angreifern einen nach
+dem andern ab, nur die beiden jungen Leute in großen Hüten und bunten
+Halstüchern hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen
+seine Gliedmaßen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über
+dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die kleine Rina entriß ihr,
+bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe und verscheuchte die Alte. Durch
+riesige Übermacht überwältigte der Mittelstand den Verräter Scarpetta.
+Drunten, in dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und entzog
+Freunden und Feinden der Freiheit den Fuß, auf den sie sich stützten.
+
+Der Schlächter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene Augen und
+Schaum vor dem Munde. Alles, was sich schreiend umherdrehte, wich
+auseinander, der Schlächter überrannte Nello Gennari und den Savezzo, die
+weiterrangen, und er stürzte, dumpf brüllend, mit ungeheuren blutigen
+Fäusten auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi war es,
+der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten die beiden jungen Leute den
+Schlächter eingeholt und rissen ihn im Ansturm nieder.
+
+»Wer befreit mich von diesem Schwein?« -- und der Gevatter Achille hieb mit
+seinem Bauch von neuem auf seinen Konkurrenten los. Alles drehte sich
+wieder: da heulte der Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm
+solche Stimme gehört:
+
+»Ich bin ermordet!«
+
+Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und Druso schlugen mit
+ihren Streichriemen blind um sich, aber die Hühner flatterten nur noch
+wilder im Gedränge. Coletto und die Buben scheuchten sie immer wieder
+hinein. Man schrie, bedeckte sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo
+Belotti drehte einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker,
+lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen Armen, die
+Flügel schlugen, die Hühnerlucia über ihn her. Er rettete sich mit den
+andern ins Café »zum heiligen Agapitus.« Statt seiner erwischte sie den
+Advokaten und fuhr ihm mit den Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen
+geschlossen:
+
+»Zu mir! Zu mir!«
+
+Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik ergriffen, warf der
+Advokat sich zu Boden.
+
+Die Hühnerlucia ließ endlich ab von ihm; er hörte sie das Federvieh in ihre
+Gasse zurückscheuchen: -- da berührte ein feuchtes Tuch, wie eine
+Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und er fand das zärtlich gepolsterte
+Gesicht der Frau Jole Capitani über sich geneigt.
+
+»Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat?« sagte sie.
+
+»Ihr Anblick, schöne Dame, heilt alles«, erwiderte er und stand auf. Rasch
+überzeugte er sich, daß der Platz in der Mitte leer und an den Rändern voll
+Verwirrung war. Sie waren unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte:
+
+»Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen geben wollen, um
+das ich Sie so sehnsüchtig bitte?«
+
+Sie schlug nur die Augen nieder.
+
+»Man wird uns sehen«, äußerte sie dann und zog sich zurück. Der Advokat sah
+ihr nach, er vergaß sich abzustauben.
+
+»Ah! die Frauen. Würde man große Dinge tun wollen, wenn nicht sie wären?«
+
+ * * * * *
+
+Und er wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt«. Dort umarmte alles
+einander und rief nach Getränken. Der Gevatter Achille war überall zugleich
+mit seinen gelben, roten und grünen Gläsern.
+
+»Wir haben sie in die Flucht geschlagen!« verkündete er. »Der >heilige
+Agapitus< wird künftig wieder leerstehen, und der Freund Giovaccone wird
+sein Weihwasser nicht sobald mehr los.«
+
+Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; der Apotheker
+raffte mit zitternden Händen einen Strauß zusammen und übergab ihn Italia,
+die sich auf der Schwelle zeigte.
+
+»Ihnen zu Ehren, Fräulein,« stammelte er, »haben wir den Priester besiegt.«
+
+Dann warf er sich, mit überfließenden Augen, dem Advokaten an die Brust.
+
+»O Freund! Welch ein Tag!«
+
+»Wäre nicht Mancafede gewesen,« -- und der Herr Giocondi klopfte dem
+Kaufmann den Bauch, »wer weiß, wie es gekommen wäre. Er aber war der erste,
+der sie mit seinem Huhn in Schrecken setzte.«
+
+»Alle haben ihre Pflicht getan«, hieß es. »Wo aber hat der Cavaliere
+gesteckt?«
+
+Der Cavaliere Giordano kam entrüstet aus dem Café hervor. Er zeigte
+Schultern und Ärmel seines weißen Anzuges umher.
+
+»Die Hühner . . . Ich werde ihn waschen lassen müssen.«
+
+»Auch der Cavaliere ist ein Held«, entschied Polli, und Italia drückte ihm
+und dem Advokaten einen Kranz auf.
+
+Der Barbier Nonoggi stellte sich ein:
+
+»Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich nicht gesehen?
+Aber ich war es doch, der den Schlächter abgehalten hat, den Advokaten zu
+ermorden.«
+
+Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht sagen, was
+in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward bewirtet.
+
+Der Gemeindesekretär rückte den Klemmer zurecht.
+
+»Aber woraus schließen die Herren, daß wir die Sieger sind? Mir scheint,
+daß ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?«
+
+Da der Advokat ihn keiner Antwort würdigte:
+
+»In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht für geschlagen. Daß sie sich
+ins Innere des Cafés >zum heiligen Agapitus< zurückgezogen haben, sollte
+uns nicht zuversichtlich stimmen. Vielleicht schon im nächsten Augenblick
+verlassen sie es, um, durch die Feier vermeintlicher Siege weniger
+erschlafft als wir, das Café >zum Fortschritt< im Sturm zu nehmen.«
+
+Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano setzten, verstummt,
+ihre Gläser hin. Da bog aus dem Corso ein Zug auf den Platz. Der
+Konditorjunge Coletto war der erste; er blies quäkend durch die Hände. Die
+Jungen hinter ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; und
+in der Mitte der Arbeiter, geführt von den beiden jungen Leuten mit großen
+Hüten und bunten Halstüchern, stampfte der Schlächter Cimabue.
+
+»Man sollte es nicht für möglich halten«, bemerkte der Stadtzolleinnehmer.
+»Warum schlägt er sie nicht nieder?«
+
+Sie kamen vorüber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit ihrer flinken
+Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hände fest im Gürtel des
+Schlächters.
+
+»Und der Gürtel ist offen! Sobald er sich rührt, reißen sie ihm die Hose
+herunter!«
+
+Der Advokat erhob sich und entblößte den Kopf. Die Herren klatschten.
+
+Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich hin und her schob
+und Zurufe ausstieß, ging plötzlich auseinander; man sah in seinem Innern
+den Savezzo am Boden liegen; und das Haar zurückstreichend, richtete Nello
+Gennari sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, zögernd
+über den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurückgekehrt waren:
+
+»Es lebe der schöne Komödiant! Auch tapfer ist er!«
+
+Die Herren beim Café kamen ihm schon mit Gläsern entgegen. Der Advokat sah
+sich über die Schulter nach dem Gemeindesekretär um; aber er war hinter den
+andern verschwunden. Der Kaufmann Mancafede beantragte:
+
+»Dieser Savezzo muß aus dem Klub ausgestoßen werden. Wir sind es der Sache
+der Freiheit schuldig, unseren Sieg rücksichtslos auszunützen.«
+
+Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat widersprach.
+
+»Wir müssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen und versöhnen.
+Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, der über den Parteien
+steht.«
+
+Der Gevatter Achille unterstützte ihn.
+
+»Wer wird von dem Streit der Bürger den Vorteil haben? Niemand als dieses
+Schwein von Freund Giovaccone. Der Schlächter Cimabue hat immer zu meinen
+besten Kunden gehört; diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten
+nicht das Recht, ihn so zu behandeln.«
+
+»Was denken die Herren darüber«, sagte der Lehrer Zampieri; er rückte blaß
+auf seinem Sitz umher, »-- wenn man eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?«
+
+Der Tabakhändler klopfte ihn auf die Schulter.
+
+»Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, wird der
+Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.«
+
+»Gleichviel«, sagte der Advokat. »Es wäre ein Akt hoher Diplomatie. Wir
+würden den Priester beschämen und entwaffnen, denn wir würden ihm beweisen,
+daß wir, die wir Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.«
+
+Die Meinungen teilten sich. Italia bat für Don Taddeo.
+
+»Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr kränken.«
+
+Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins Ohr:
+
+»Du selbst wirst ihn gewiß noch heute mit dem Apotheker kränken.«
+
+»Ah!« rief Polli. »Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit der großen Babel
+gemeint hat. Es ist die Hühnerlucia, -- denn sie hat die Frommen in die
+Flucht geschlagen.«
+
+Flora Garlinda traf ein.
+
+»Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden«, sagte sie. »In der
+>Bionda<, die ich studiere, werden so viele erschlagen, man müßte das
+einmal sehen. Statt dessen sind alle unversehrt,« -- und sie lächelte
+verächtlich. »Der Priester riet, sie nicht zu schonen.«
+
+»Er gefällt mir. Er ist ein böser Fanatiker und stärker als ihr alle. Wir
+beide könnten uns verständigen, -- wenn er wollte. Die Prüfungen werden ihm
+guttun. Ah! seht doch, wie er sich quält.«
+
+Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen dem Turm
+und dem Hause Mancafede, krümmte er sich mit dem Rücken schwarz über die
+Mauer hin, schnellte auf, um zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel
+zurück. Der Advokat nickte über die Köpfe der anderen nach ihm hin; er
+murmelte starr:
+
+»Da sieht man, was es heißt, geschlagen zu sein.«
+
+Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen.
+
+»Wir werden ihm vorstellen, daß der Bürgerkrieg nur dem Freund Giovaccone
+nützt«, sagte der Wirt.
+
+»Und daß wir, alles in allem, keine Feinde der Religion sind«, sagte der
+Apotheker. Der Advokat drückte ihnen die Hände.
+
+»Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein Haufe
+auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine Freunde, geht!«
+
+Sie machten sich auf.
+
+Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Plötzlich wandte er
+sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda.
+
+»Er gefällt Ihnen sehr?« fragte er.
+
+»Wer?«
+
+»Don Taddeo.«
+
+Sie hob die Schultern.
+
+»Ich bin ein Narr«, sagte er fast laut.
+
+Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam und
+angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien:
+
+»Ihr haltet euch für Sieger? Wißt ihr nicht, daß Gott manchmal die siegen
+läßt, die er verderben will? Um so sicherer verharren sie bei ihrem Abfall.
+Ah! ihr Sieger. Du, der du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen
+ins Paradies hilfst, um selbst zur Hölle zu fahren! Du, der du jeden Tag
+durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden kannst! . . .«
+
+»Wie er sich abarbeitet!« raunte man einander beim Café zu. »Er gleicht
+einem Dämon. Man kann sagen, daß Achille und Romolo sich opfern für das
+öffentliche Wohl.«
+
+»Friede?« -- und die Stimme des Priesters überschlug sich. »Ich kenne
+keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner heiligen Kirche. Wie? Ich
+soll den Eimer an einen Amerikaner verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich
+Unzucht getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer Madonna,
+die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet es umher, meldet es
+Monsignore, um mich in seinem Geist zu vernichten, -- und ihr kommt und
+sprecht von Frieden? Nähme ich ihn an, Gott schlüge mich selbst. Nun aber
+wird er euch schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder nötig ist --«
+
+Don Taddeo stieß beide Arme weit von sich und breitete die Brust hin. Die
+Abgesandten wichen zurück.
+
+»Tue es!« schrillte der Priester gen Himmel.
+
+Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. Der Schlächter
+Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, den zehn Arbeitern
+voraus über den Platz. Die Herren beim Café »zum Fortschritt« wichen
+seitwärts von ihren Stühlen. Der Schlächter war vorbei; er sprang ins Café
+»zum heiligen Agapitus«, daß die Scheiben der Glastür zu Boden klirrten.
+Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug auf die eisernen
+Tische, schrie Drohungen herüber. Hinter all dem Toben, worin die Stimme
+des Priesters zerging, sah man seine bleichen Hände, zum Dank heftig
+verschlungen, durch den Schatten stürzen.
+
+Die Abgesandten kehrten eilig zurück.
+
+»Nicht für eine Million würde ich noch einmal mit ihm sprechen«, äußerte
+der Gevatter Achille und wischte sich die Stirn.
+
+»Seid ihr feige!« sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der Faust, mit
+funkelnden Augen. »Warum seid ihr nicht über den Priester hergefallen? Jene
+dort würden euch erschlagen haben. Es wäre schön gewesen.«
+
+Auch die Arbeiter hatten sich zurückgezogen.
+
+»Hierher, Freunde!« rief der Advokat, und er ließ ihnen Wein geben.
+
+»Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mögen jene allein weiterschreien! Das
+wird nicht ungeschehen machen, daß wir sie vom Platz vertrieben haben.
+Inzwischen rufen uns andere Aufgaben,« -- und ein Gedanke der Wonne dehnte
+sein Gesicht in die Breite.
+
+»Tatsächlich fängt man an, genug hiervon zu haben«, sagte der Baron
+Torroni.
+
+»Und die Suppe wird kalt«, ergänzte Polli. »Malandrini und Sie, Maestro,
+wir haben denselben Weg.«
+
+Der Advokat hielt den Kapellmeister zurück; er flüsterte ihm dicht ins
+Gesicht:
+
+»Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. Wer mehr
+Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, sieht ohne weiteres, daß das
+Mädchen Sie mit dem Priester eifersüchtig machen wollte.«
+
+»Sie glauben?«
+
+»Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was Deixel: man
+wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genießen!«
+
+Jole Capitani wartete! Der Advokat wünschte allen sein eigenes rosiges
+Geschick und traute es ihnen zu.
+
+Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm wehrte er Polli ab,
+der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhändler samt Malandrini und dem Baron
+Torroni entfernten sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der
+Richtung des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die beiden Herren
+Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen die Rathausgasse. Der
+Cavaliere Giordano wollte hinterher. Flora Garlinda folgte ihm zwei
+Schritte weit.
+
+»Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt,« sagte sie gedämpft; und da
+er sie aufflackernd ansah: »O, ich bin es nicht selbst; es ist die Frau des
+Schneiders Chiaralunzi. Sie schläft nicht mehr, sie ist krank durch Sie.
+Sie spricht nur noch davon, daß sie von Ihnen den Gesang lernen will
+. . . Aber jene laufen Ihnen weg. Eilen Sie!«
+
+Der alte Sänger machte sich davon. Da traf ihn etwas Hartes ans Bein, und
+von drüben rannte jemand mit eingezogenen Armen gegen ihn los.
+
+»Wartet auf mich, um Gottes Liebe!« kreischte der Alte und hastete steif,
+ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer Allebardi warf noch einen
+Gardinenring nach ihm, dann stemmte er die Arme in die Hüften und bog sich.
+Drüben brüllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten.
+Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder:
+
+»Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.«
+
+»Es wird Zeit, daß ich dich nach Haus bringe«, bemerkte Gaddi und nahm sie
+beim Arm. Der Kapellmeister wartete nicht, bis der Gevatter Achille ihm
+herausgegeben hatte; er stürzte ihnen nach in die Gasse der Hühnerlucia.
+
+»Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas so Wichtiges zu
+sagen.«
+
+»Brave junge Leute«, bemerkte der Advokat. »Sie werden glücklich werden.
+Gehen auch wir, Giocondi!« -- und er vertauschte seinen Siegerkranz mit dem
+Strohhut.
+
+ * * * * *
+
+Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie nahmen den
+Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte und geleiteten ihn unter den
+Klängen der Arbeiterhymne zur Treppengasse. Vor dem Café »zum heiligen
+Agapitus« war alles auf den Beinen und schüttelte die Fäuste; aber niemand
+wagte sich heran. Der Advokat sagte:
+
+»Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche große Sache!«
+
+»Besonders für dich, Advokat, der du gewiß unter dem Schutze des Volkes in
+die Arme einer Choristin gehst.«
+
+Der Advokat schmunzelte.
+
+»Ich gehe zum Doktor Capitani, -- da er ja behauptet, daß ich Zucker habe.«
+
+»Verflucht, das ist kein Vergnügen.«
+
+»Und dennoch gehe ich zu meinem Vergnügen hin.«
+
+Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem Blick:
+
+»Was er mir gibt, nehme ich nicht; die Ärzte wollen immer nur die Macht an
+sich reißen.«
+
+Der Herr Giocondi rieb sich die Hände.
+
+»Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig nicht hergeben
+würde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat . . .«
+
+Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der Treppengasse.
+Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace und dem Gevatter Achille:
+
+»Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten denken, was man will,
+er ist ein häßlicher Egoist, daß er sie alle zehn mitgenommen hat. Er hätte
+fünf dalassen sollen, damit auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause
+gehe.«
+
+Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug schwach auf den
+Tisch.
+
+»Wie soll ich nun hinüberkommen? Gleich vor meiner Tür warten jene Mörder
+auf mich.«
+
+Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen.
+
+»Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, denn sie
+hassen mich.«
+
+»Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren«, riet der Gevatter Achille.
+»Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.«
+
+Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich vielleicht
+ungesehen am Dom entlang drücken könne. Er murmelte nur:
+
+»Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.«
+
+Da stand drüben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die Herren ihn stumm
+empfingen, lächelte er düster.
+
+»Man hat sich hier wohl geärgert, weil das Volk seine Rechte zu fordern
+wagte und weil es Führer gefunden hat, die seinen Forderungen Worte gaben?«
+fragte er. Der Gevatter Achille erwiderte:
+
+»Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen wohl nicht mehr,
+Herr Savezzo?«
+
+»Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir einen
+Vermouth!« -- und Savezzo machte es sich bequem.
+
+»Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich habe sie
+veranlaßt, um dem Advokaten zu zeigen, daß es noch andere Leute gibt als
+ihn.«
+
+»Der Advokat ist eine Persönlichkeit,« sagte der Apotheker; »Sie aber, Herr
+Savezzo, sind ein Schurke und ein Verräter.«
+
+Savezzo neigte mitleidig den Kopf.
+
+»Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, wie man
+politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen die Macht, die ich
+hinter mir habe.«
+
+Und er wies hinüber. Der Kaufmann zuckte; die beiden andern verschluckten
+ihren Widerspruch.
+
+»Trotzdem bin ich nicht der Meinung,« fuhr der Savezzo fort, »daß wir
+Feinde sein müssen. Um es Ihnen zu beweisen, werde ich auf den nächsten
+Abend des Klubs gehen.«
+
+»Man wird Sie hinauswerfen«, rief der Apotheker. Der Kaufmann tastete
+zitternd nach seinem Arm.
+
+»Um Gottes Liebe: Vorsicht!« -- und zum Savezzo, mit der Hand auf dem
+Herzen:
+
+»Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse den Zwist der
+Bürger, habe immer die Versöhnung gewollt, und nie wäre ich, angesichts so
+bedauerlicher Ereignisse, auf den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht
+gezwungen hätte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde für Ihre Rechte
+eintreten, sogar gegen den Advokaten.«
+
+Der Kaufmann machte Fäuste.
+
+»Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles für sich nimmt. Keinen der zehn
+Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus gelange.«
+
+»Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drüben trinken, wo er schlecht
+ist«, sagte der Gevatter Achille. »Könnten Sie nicht auch dem Schlächter
+Cimabue raten --?«
+
+»Wir sind also Freunde.«
+
+Savezzo stand auf.
+
+»Herr Mancafede, ich begleite Sie hinüber, verlassen Sie sich auf mich.«
+
+Der Kaufmann umklammerte, mit Tränen in den Augen, seine beiden Hände.
+
+»Man hat Sie aus dem Klub ausstoßen wollen, Herr Savezzo; aber nicht ich
+war es. Wer Ihnen sagt, daß ich es war, der lügt.«
+
+»Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen dürfen,« --
+und der Savezzo begann auf seine Nase zu schielen. »Am nächsten Abend des
+Klubs sollen die Komödianten Musik machen: da muß ich aufgefordert werden,
+auf dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Künstler, den die ganze Stadt kennt,
+sollte zurückstehen hinter jenen schlechten Schreiern? Meine Ehre will, daß
+ich an jenem Abend meine Spezialität vorführe und auf dem Bleistift blase.«
+
+»Sie blasen göttlich auf dem Bleistift!« rief der Kaufmann. Der Gevatter
+Achille sagte:
+
+»Man muß zugeben --«
+
+Der Savezzo schielte immer stärker.
+
+Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten Kopfes,
+seiner Tür zu. Auf der Stufe wandte er sich um.
+
+»Alles geht dahin,« sagte er traurig, »auch die Liebe zur Freiheit. Jetzt
+schließt man Pakte mit ihren Feinden. Alle werden schwach: du sogar bist
+es, Achille. Und ich selbst: -- wer mir gesagt hätte, ich würde mit dem
+Priester verhandeln! Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht
+wieder.«
+
+Er trat über die Schwelle und zog beschwerlich sein hölzernes Bein nach.
+
+ * * * * *
+
+Das Café »zum Fortschritt« stand leer; die Gäste des Cafés »zum heiligen
+Agapitus« wurden einer nach dem andern von ihren Frauen zum Essen geholt.
+Als die letzten fort waren, erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei
+seiner Untergebenen. Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren
+Säbeln und rotgesäumten Fräcken die Runde um den Platz, wobei sie die
+Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter Achille, der ihnen
+etwas zu trinken anbot, ließ der Leutnant sich über den Verlauf berichten.
+
+»Wir haben nicht eingreifen wollen«, erklärte er. »Ein Zwist der Bürger ist
+ohnedies nichts Schönes; durch die Dazwischenkunft der bewaffneten Macht
+wäre er vielleicht grausam geworden, und wir sind nicht grausam . . .
+Fontana, Capaci, beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.«
+
+Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehörten dem Barbier Bonometti.
+
+»Er hat sich schlimme Püffe geholt. Der Apotheker hat ihn einreiben
+müssen.«
+
+»Was für eine häßliche Sache!« sagte der Leutnant. »Fontana, du wirst ihm
+sein Zeug zurückbringen.«
+
+Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung der »Armen
+Tonietta« heute abend stattfinden werde. Der Gevatter Achille äußerte
+Zweifel, aber Cantinelli beruhigte ihn. Der Mittelstand sei noch mehr
+interessiert an den Aufführungen, als die Herren. Die Handwerker spielten
+im Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren wollen,
+noch die halbe Lira für seinen Jungen oder sein Mädchen, die im Chor
+mitsängen.
+
+»Bevor es acht schlägt, werden wir sie kommen sehen.«
+
+Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. Von den
+Herbergen beim Tor und von den Gasthäusern »zum Mond« und »den Verlobten«,
+am Corso, strömten Scharen von Fremden über den Platz. Die Bürger mischten
+sich unter die Bauern; sie verständigten sich mit Achselzucken.
+
+»Eh! man muß doch Musik machen.«
+
+Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die Mägde
+hinterließen den Nachklang ihres gellenden Lachens und einen Geruch von
+Grünzeug und von Rauch; die Buben überrannten alles; -- und um halb neun
+kamen die Herren. Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr;
+erhobenen Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner Frau vorbei.
+
+Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel Flora
+Garlinda über den Platz. Der Kaufmann Mancafede zog rasch den Kopf wieder
+in seine Haustür, und erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch,
+hinterdrein.
+
+Schon um elf war er zurück, vor allen andern.
+
+Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden vorbei war, lief
+Flora Garlinda dem Gäßchen der Hühnerlucia zu. Der Kapellmeister folgte ihr
+hinein, einen halben Schritt hinter ihr.
+
+»Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich habe Sie alles
+wiederholen lassen, was Sie wollten.«
+
+»Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun müde. Gute Nacht, Maestro!«
+
+»Sie müssen mich anhören, Flora,« -- und er legte seine Hand, die zuckte,
+auf ihren Arm. Sie lief weiter.
+
+»Sie halten mich für Ihren Feind: wie wären Sie sonst so böse gegen mich.
+Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe Sie. Seit ich zum erstenmal
+Ihre Stimme gehört habe, o Gott! wie liebe ich Sie seitdem.«
+
+»Ich glaube es nicht«, sagte sie. »Und dann habe ich Ihre Liebe nicht
+nötig.«
+
+»Jeder hat Liebe nötig. Sind Sie kein menschliches Wesen? Ach, daß ich groß
+würde! Sie würden sehen, wozu ich es geworden bin: nur um Sie groß zu
+machen, Flora.«
+
+Sie hielt plötzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen.
+
+»Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschämtheiten? Ich groß durch Sie: es
+ist zu lächerlich, ich will mich nicht ärgern.«
+
+Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er stammelte in ihren
+Nacken:
+
+»Die Liebe macht mich unvernünftig, ich weiß es. Verzeihen Sie mir! Möchte
+man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum weiß ich dennoch: Sie sind größer
+als ich; vielleicht, daß meine Musik berühmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu
+singen.«
+
+Er keuchte. Sie schüttelte sich.
+
+»Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!«
+
+Da waren sie vor ihrer Tür. Flora Garlinda drehte sich um.
+
+»Sie wollen mich also benutzen, um berühmt zu werden. Ich soll im Schatten
+Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe sein: ich erwarte nichts anderes von der
+Liebe. Aber ich sage Ihnen, daß Ihre Liebe mich beleidigt.«
+
+Und sie betrat das Haus. Er stürzte hinterher.
+
+»Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, wie Sie böse
+sind!«
+
+Mit einer Stimme, die flog und sich überschlug:
+
+»Ich wußte es, ich wußte es. Immer haben Sie mich nur demütigen wollen, nur
+zur Verzweiflung treiben, für alle meine Liebe, die Sie doch fühlten, für
+alle meine Liebe. Das ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind
+böse, ich hasse Sie!«
+
+Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fäuste mit heftig
+geröteten Knöcheln hieben nach jedem Wort in die Luft, im verhärteten
+Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie sah sich hastig um, sie wich gegen
+die Mauer zurück. Plötzlich lag er auf den Knien.
+
+»Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, werde ich mir das
+verzeihen.«
+
+Er stöhnte wild auf:
+
+»Nun muß ich freilich gehen.«
+
+Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hände vor den Augen, die Stirn auf
+die Wand senken. Schon war sie oben, riß die Tür ihres Zimmers zu,
+verriegelte sie und brach in Lachen aus. Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes
+Gesicht sah, drückte sie das Tuch vor den Mund. Da hörte sie eine heftige
+Flüsterstimme. »Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen
+anderen.«
+
+Flora Garlinda spähte durch den Fensterladen. Drunten zog der Barbier
+Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite und stellte die Hand an den
+Mund.
+
+»Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrügt seine Frau mit
+ihr, die arme Unglückliche. Wißt Ihr nicht mehr, wie Euch der Schneider
+verleumdet hat? Er hält sich für einen größeren Künstler, als Ihr seid, und
+am Sonntag macht er draußen in den Schenken seine elende Musik, die die
+Bauern nicht hören wollen, weil sie die meine kennen . . .«
+
+Der Kapellmeister riß sich los.
+
+»Ah! Verräterin,« -- und er warf sich ins Haustor. Flora Garlinda sprang
+vom Fenster zurück, sie drehte in allen Türen die Schlüssel um, stand und
+hielt den Atem an.
+
+»Uff! Nein, er wagt nichts.«
+
+Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie der Barbier ihn,
+der schluchzte, durch die mondweiße Hälfte der Gasse von dannen schaffte.
+
+Sie fühlte sich nicht schläfrig; sie löste das Haar auf, um es zu waschen;
+und sie sah über die Schultern zu, wie es im Spiegel ihren mageren Nacken
+in Gold hüllte, durch seinen Fluß ihr Profil weich machte. Dann brachte sie
+das Gesicht dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zähne, die klein, weiß und
+wohlgeordnet in ihrem geräumigen Munde standen. »Meine Schönheiten!« -- und
+sie lächelte sich spöttisch zu. »Es sind die dauerhaftesten und darum für
+mich die besten; denn sie sollen noch in dreißig, vierzig Jahren einer
+Menge Glück vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen?
+Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Käme ich dann aus der großen
+Welt einmal wieder hierher: er -- er zöge vielleicht noch immer mit seiner
+Kapelle von Schneidern und Barbieren zum Fest eines Heiligen.«
+
+Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand draußen.
+
+»Wir wollen nicht stören«, sagte sie und zeigte ihre Zahnlücken.
+
+»Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen«; -- und die Primadonna ging im
+Unterrock in die Küche des Schneiders. Er saß über einer Zeitung, die den
+Tisch bedeckte: plötzlich stand er lang da, mit den Händen an den Nähten.
+Flora Garlinda setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestürzt war, um
+den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, woraus eine Flamme
+züngelte. Die Frau zog den Kessel tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem
+Fräulein eine Tasse Kaffee an.
+
+»Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst du nie wieder sehen.«
+
+Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna.
+
+»Und man fühlt es nicht, so weich ist es. Fühle auch du!«
+
+»Das Fräulein wird vielleicht nicht wollen.«
+
+Er rührte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene Welle über
+seine Hand; und wie das Schwanken der großen, starkknochigen Hand das
+leichte, wehende Haar auf und nieder warf, lächelte sie glücklich. Der da
+vermaß sich nicht, an sie zu rühren. »Er liebt mich so, wie wenn ich fort
+wäre und in allen Hauptstädten berühmt wäre.«
+
+Der Schneider sagte:
+
+»Es ist gut, daß nicht jede Frau solches Haar hat.«
+
+Die Frau stieß ihn an.
+
+»Wenn die Rina, die Magd des Tabakhändlers, solches Haar hätte, würde er
+sie nicht verlassen.«
+
+Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda:
+
+»Wer?«
+
+»Der Maestro«, -- und die Frau setzte sich sogleich zu ihren Füßen auf den
+Herd.
+
+»Wie sie unglücklich ist, die arme Kleine! Man weiß nicht, was er hat; er
+sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er sie nicht mehr. Sie aber:
+er könnte sie schlagen, und sie würde ihm die Hand küssen. Man sieht es
+wohl, denn den Cavaliere Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie
+fortgeschickt.«
+
+»Den Cavaliere?«
+
+»Ja ihn, -- obwohl er verspricht, der arme Alte, alles für ihren Maestro zu
+tun, was sie fordern will. Aber das ist es: was soll sie fordern?«
+
+Der Schneider wendete sich hin und her.
+
+»Das Fräulein will diese Dinge nicht hören«, sagte er.
+
+»Im Gegenteil, sie interessieren mich --«
+
+Flora Garlinda lachte auf.
+
+»-- und ich will Euch sagen, was sie für ihren Maestro fordern soll.«
+
+Die Frau legte die Hände aneinander.
+
+»Sie wollten die Güte haben? Die Rina wagte nicht, Sie selbst zu bitten.«
+
+»Sie soll von dem Cavaliere verlangen, daß er dem Maestro ein Engagement
+verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, die im Herbst nach Venedig
+geht und zum Winter nach Bologna. Das ist ein schöner Posten --«
+
+Ihre Augen begannen zu funkeln.
+
+»-- vielleicht ein wenig zu schön für den Maestro Dorlenghi. Aber wenn er
+hört, daß er ihn bekommen soll, wird er der Rina danken wollen: so wird sie
+befriedigt sein, die arme Kleine; -- und ob er ihn dann wirklich bekommt,
+was kümmert das uns, wie, meine Freunde?«
+
+»Tatsächlich«, machte die Frau betroffen.
+
+»Denn er verdient nicht, daß man ihm hilft: Euer Mann weiß es.«
+
+»Er ist ein böser Mann«, sagte der Schneider. »Ich weiß es jetzt, -- obwohl
+er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gönnt keinem andern etwas.«
+
+»Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele als alle.«
+
+»Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er
+stärker als das ganze Orchester.«
+
+»Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem
+Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hört: wollt
+Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, -- da Ihr doch so gern die
+>Arme Tonietta< singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann
+braucht nicht eifersüchtig zu sein.«
+
+Der Schneider lachte bieder.
+
+»Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die >Arme Tonietta< bald
+besser singen als ich.«
+
+Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie albern. Flora
+Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen.
+
+»Also ich schicke Euch den Cavaliere.«
+
+Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der Schneider und
+blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom langen Starren auf ihr goldenes
+Vlies.
+
+Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen.
+
+»Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere
+diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzücken, Geschlechtern
+groß scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst
+fühlen? Werde ich glücklich sein?«
+
+Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich im Dunkel
+hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte.
+
+»Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn
+wirklich alle meine Feinde? Ach, daß ich böse bin!«
+
+Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen.
+
+Sie besann sich. »Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.« Über den
+kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das Flakon ins Haar. Aber
+sie fühlte sich linkisch dabei.
+
+»Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich,
+es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht
+gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie
+die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.«
+
+Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen.
+
+»Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich
+glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!«
+
+Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst?
+
+»Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!«
+
+Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten,
+nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; -- und in dem
+ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte
+Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: »Es wäre das leichte Geschick
+der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine
+Härte.« Dennoch weinte sie köstlich.
+
+ * * * * *
+
+Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano:
+
+»Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch
+Licht bei sich, und sie weint.«
+
+Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb
+er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück
+auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café »zum Fortschritt« an einen der
+mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr.
+
+»Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des
+Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich
+zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in
+Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im
+>Rigoletto< kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte
+mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte
+mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle,
+die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich
+wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .«
+
+Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos.
+
+»Still: da ist jemand«, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie flüsterte:
+
+»Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.«
+
+Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von der letzten
+Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus.
+
+»Wer ist es?«
+
+»Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.«
+
+»Sollen wirs wagen?« -- und sie schlüpften durch den Mondstreif in den
+nächsten Bogen.
+
+»O Himmel! Er hat sich gerührt.«
+
+»Warum die letzten?« dachte der Alte. »Noch manche Frau hat mir gehört.
+Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehörten und jauchzten
+sie meinem Ruhm? Denn ich bin berühmt . . .«
+
+Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello
+hielten den Atem an.
+
+»Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon
+starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir geträumt und Knaben sich
+an mir begeistert.«
+
+»Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorüberkommen? Das
+Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen früh die
+Pförtnerin.«
+
+»Auch hier, o Alba, lieben wir uns.«
+
+Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des Brunnens zu.
+
+»Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hände
+von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, -- Giulietta aber
+ließ ihre Wäsche liegen und hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so
+rann es, und dies war meine Stimme . . .«
+
+»Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um
+die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.«
+
+»O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine
+Geliebte!«
+
+»Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an
+ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie auf meinen Händen welk
+sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich
+wollen, wenn sie meine Nägel sehen.«
+
+»Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du küßt. Küsse mich,
+Alba!«
+
+
+
+
+V
+
+
+Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café »zum Fortschritt.«
+
+»Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im
+Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich
+vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.«
+
+»Mancafede ist erbleicht«, sagte der Herr Giocondi. »Welchen Schlag werden
+Sie uns versetzen?«
+
+Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, -- da kam
+aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte
+sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte:
+
+»Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.«
+
+»Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren«, sagte der Sekretär.
+
+»Gleichviel,« -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; »die Stadt:
+das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.«
+
+»Ich leugne es nicht«, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich
+an.
+
+»Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?«
+
+»Herr Savezzo --«
+
+Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen
+Mannes.
+
+»Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?«
+
+»Man hat ihn schwer beleidigt«; -- und Savezzo hob unheilvoll die
+Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd.
+
+»Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie,
+Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von
+ihm, wir werden ihn ausliefern.«
+
+Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.
+
+»Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht
+geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.«
+
+»Tatsächlich«, äußerte Polli, »weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt
+gehört, die ihn erobert hat.«
+
+»Noch dazu mit Hilfe der Götter«, setzte der Herr Giocondi hinzu.
+
+Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen.
+
+»Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten
+Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch
+verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das
+ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe
+. . .«
+
+Der Apotheker fiel ein:
+
+»Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.«
+
+»Aber wir können appellieren«, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte:
+
+»Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat
+wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht
+dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere
+Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.«
+
+»Es gibt Leute,« erklärte Polli, »die von den Komödianten genug haben. Es
+scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.«
+
+Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.
+
+»Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den
+Mund ausspüle, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.< Niemand
+will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen
+sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im
+Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro
+Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.«
+
+»Sollen sie sie singen«, sagte Polli. »Aber in den vier Wochen, die sie in
+unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht
+besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits
+immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines
+Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in
+dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .«
+
+Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte
+brutal den Fuß vor.
+
+»Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß
+auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse
+gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt
+losgelassen?«
+
+»Es sind Künstler!« rief der Apotheker. »Sie hinterlassen uns eine
+Erinnerung an die Ideale.«
+
+»Und Schulden,« sagte der Gemeindesekretär, »-- die ich übrigens
+vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des
+Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.«
+
+»Ein Dieb ist der Tenor!« stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den
+Tisch strich. »Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn
+um«; -- und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren
+Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo
+folgte ihm. Im Gehen erklärte er:
+
+»Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, -- da er ja alles zum
+Parfümeur und zum Schneider trägt.«
+
+»Welche Lebensweise!« sagte Mancafede. »Aber alle sind jetzt verrückt. An
+dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient
+der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf
+dem Wege, sich zu ruinieren.«
+
+»Und sein Dämon ist der Advokat«, sagte Camuzzi. »Man würde glauben, daß
+dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die
+Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.«
+
+»Der Advokat!« rief Acquistapace. »Er ist tapfer und hat große Gedanken.
+Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die
+Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir
+auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum
+mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti
+errichten, des größten Bürgers der Stadt!«
+
+Polli kratzte sich den Kopf.
+
+»Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele
+wären.«
+
+»Um Fremde herzuziehen,« bemerkte der Herr Giocondi, »hat der Advokat die
+Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige
+Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.«
+
+Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand.
+
+»Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in
+seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie
+er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt
+hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen
+geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich
+plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die
+Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.«
+
+»Tatsache ist,« bemerkte der Tabakhändler, »daß heute früh in der Messe so
+viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.«
+
+»Der Unterpräfekt soll dagewesen sein«, sagte Giocondi. »Man muß also
+vielleicht wieder hingehen?«
+
+Der Apotheker schnob zornig.
+
+»Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die
+Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt,
+unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem
+Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche
+Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die
+Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten
+Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die
+Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war
+der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.«
+
+»Sie haben recht«; -- Camuzzi feixte -- »unter Garibaldi und der Republik
+gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.«
+
+Der Alte breitete die Arme aus.
+
+»Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube.
+Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die
+Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie
+ließe mir mein Bein wieder wachsen!«
+
+Camuzzi erhob sich vornehm.
+
+»Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.«
+
+Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:
+
+»Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich
+zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit
+führen.«
+
+ * * * * *
+
+»Wohin, Alfò?« rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur,
+ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die
+Rathausgasse.
+
+»Was hat der schöne Alfò?« fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. »Anstatt
+uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an
+Übles.«
+
+Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat
+hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu
+schlottern.
+
+»Ich weiß alles, was du denkst,« -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf
+auf ihm. »Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt
+nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.«
+
+»Aber wenn es wahr ist,« sagte Alfò, scheu geduckt, »wenn er sie verführt
+hat, dann ermorde ich ihn.«
+
+»Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.«
+
+Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.
+
+»Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße«, sagte er, düster lachend;
+und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle:
+
+»Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die
+Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.< Dann schwor er ihr
+Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich
+morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der
+Tasche!« -- und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor.
+Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück.
+
+»Da sind sie«, flüsterte der Savezzo vor Villascura. »Sie verstecken sich
+nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen,
+und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?«
+
+Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.
+
+»Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere« -- und der Savezzo zog
+sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße
+und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche
+Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und
+dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er.
+
+Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen.
+
+»Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur
+Geliebten, eine Dame der großen Welt.«
+
+»Ich?« sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor.
+»Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.«
+
+»Wie deine Hände duften!«
+
+»Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein
+Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.«
+
+»Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?«
+
+Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte
+sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.
+
+»Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.«
+
+»Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist
+schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser
+Busch.«
+
+»Alba, was tust du? Deine armen Hände!«
+
+»Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe
+zu dir.«
+
+»Und ich?« rief Nello. »Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe
+niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern
+gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen
+Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund
+zu.«
+
+Sie sah ihn, einsam grübelnd, an.
+
+»Ich glaube dir nicht.«
+
+»Du glaubst mir nicht?«
+
+»Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt:
+deinetwegen, sagt man.«
+
+Er schnellte auf.
+
+»Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten,
+so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!«
+
+»Ist das wahr?« -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt,
+Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern.
+
+»Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?«
+
+»Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns
+den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen,
+worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde
+zu dir, morgen früh!«
+
+»Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie
+du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien
+die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden,
+ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme,
+sehnte ich mich nach ihr.«
+
+»Meine Alba!«
+
+»Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die
+Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten
+dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen
+kamen sie?«
+
+»Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert
+sind.«
+
+»Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit
+ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben
+wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in
+jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin
+zurückkehren.«
+
+»Alba! Was faßt dich an.«
+
+Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er
+erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil,
+als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf
+in die Luft:
+
+»Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die
+ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst
+suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt
+sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das
+versteinen wird.«
+
+Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in
+die Knie.
+
+»Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!«
+
+Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.
+
+Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht.
+
+»Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du
+nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner,
+glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst?
+Laß dich bewundern!«
+
+Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da
+schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer
+blitzte. Nello lief; er lief und schrie:
+
+»Hilfe! Mörder!«
+
+»Auf die Terrasse!« rief Alba. »Ins Haus!«
+
+Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den
+Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne
+Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn
+verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich,
+schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er
+sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi
+und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er
+erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles
+Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines
+Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß
+einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch
+oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in
+die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer
+entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In
+einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und
+atmete. Er sah umher. Er atmete.
+
+»Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten
+nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.«
+
+Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn.
+
+»Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe
+ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.«
+
+Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den
+Boden.
+
+»Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch
+werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen
+Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß,
+wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich
+her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!«
+
+Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm
+stand das Kloster. Er suchte die Treppe.
+
+»Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!«
+
+Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war
+niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das
+Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er
+hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder
+Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit
+und blau war.
+
+Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant
+Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit
+leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch.
+
+Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog
+hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren
+Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig.
+
+»Ich grüße Sie, Signora«, sagte Nello.
+
+»Guten Abend, mein Herr«, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des
+Blickens und Lächelns:
+
+»Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?«
+
+»Ich singe doch nicht mehr.«
+
+»Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?«
+
+Sie lächelte schärfer.
+
+»Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?«
+
+»Es ist wahr, ich soll singen!«
+
+»Frau Zampieri,« sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war,
+»denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen
+Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.«
+
+»Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern --«
+
+Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem
+raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello
+knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum.
+
+»Sieh doch!« dachte er, und: »Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder
+mehrere!«
+
+Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der
+Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung.
+
+»Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder
+Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.«
+
+Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam
+ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus »zum
+Mond« hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters
+wich aus. »Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!« dachte Nello.
+»Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr,
+daß er die Seelen rettet.«
+
+ * * * * *
+
+Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges
+horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des
+Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein.
+
+Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein
+Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut
+klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er,
+mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken
+spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die
+Hüften.
+
+»Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was
+für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?«
+
+Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen!
+
+»Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.«
+
+Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit
+verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er
+erschrocken ein. »Der elende Kitzel!«
+
+»Schmeckt es Euch nicht?« fragte die Alte. »Ist Euch übel?«
+
+Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins
+Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach
+einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung
+reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück,
+erstarrt. »O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um
+mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet
+der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten
+Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!«
+
+Er schrie auf:
+
+»Ich bin verloren!«
+
+»Ihr habt geklopft?« fragte die Alte. »Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den
+Waschtisch umgeworfen.«
+
+Während sie den Boden trocknete:
+
+»Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch.
+Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es
+schmutzig zu machen. Was tun wir nun?« -- und sie sah ihn plötzlich scharf
+an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen.
+
+»Ich weiß nichts mehr zu tun«, sagte er und hörte seine Stimme metallisch
+und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des
+Sterbeglöckchens.
+
+»Hier ist die Lampe«, sagte die Alte. »Möge das Licht Eure Gedanken
+zerstreuen.«
+
+Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs
+Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig löschte er das
+Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem
+Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die
+vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. »Sie! Ach sie!« -- und Don Taddeo brach
+zusammen.
+
+Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er
+verloren sei.
+
+»Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen
+Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt
+habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr
+Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den
+Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben
+uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester,
+der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott weiß darum,
+und dennoch bin ich nun exkommuniziert.«
+
+Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft.
+
+»Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich
+verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und
+verdammt! Ach, über mich!«
+
+Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus.
+
+»Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es
+kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat?
+Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder
+werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein
+Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen
+. . .«
+
+Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend.
+
+»Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters
+krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger,
+dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn
+die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche
+Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden
+heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was
+sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!«
+
+Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst.
+
+»Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster
+hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde
+richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen.
+Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen
+Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des
+Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich
+erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom
+Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine
+Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o!
+welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der
+ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der
+Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein
+der Hölle Verfallener.«
+
+Er reckte die Arme hinauf.
+
+»Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen:
+sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier
+sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!«
+
+Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie
+Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo
+fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von
+göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie
+brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß
+sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er
+seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom
+Gasthaus »zum Mond«, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein
+Bett.
+
+»Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?«
+
+Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der
+Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die
+Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer
+betreten, sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er
+krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß
+er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den
+Ohren Lärm.
+
+»Sie muß brennen!«
+
+Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über
+die Treppe, und draußen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite
+und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don
+Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte
+Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne
+klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das
+Stroh zusammen . . .
+
+Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?
+
+ * * * * *
+
+»Weiß ichs?« sagte Nello Gennari.
+
+»O nein«, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter.
+
+»Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello,
+daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend
+warst du geradezu erstaunlich.«
+
+»Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.«
+
+»Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit
+heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.«
+
+Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor
+Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor:
+
+»Aber sie klatschten auch heute abend.«
+
+»Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist«, -- und
+Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.
+
+»Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen,
+wenn man --. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre
+ich fast ermordet worden.«
+
+Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs
+betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora
+Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia.
+
+»Fast ermordet: o! was für Abenteuer.«
+
+Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde.
+
+»Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen
+wird . . . Gute Nacht.«
+
+Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:
+
+»Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!«
+
+Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum,
+stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich,
+langsam und zuckend: -- da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog
+sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte:
+
+»Alba!«
+
+Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener
+Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.
+
+. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger
+knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür
+des Cafés »zum Fortschritt« entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück.
+Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er
+warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des
+Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor,
+nach dem Lichtschein um. Er schüttelte lachend den Kopf; er drückte die
+Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach:
+
+»Alba!«
+
+Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.
+
+»Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele
+Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!«
+Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein,
+ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen
+jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. »Ein Verrückter, ja, und
+vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die
+er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe
+dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott!
+Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt,
+als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß
+machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!« Er hatte den Weg nun
+sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten
+hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin
+manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein
+Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. »Ihr Duft! Er kommt
+aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich
+auf meinen Kuß wartet!« Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend
+als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. »Ich werde sterben!« Er schloß
+die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle
+hingebreitet, und mit geöffneten Armen:
+
+»Alba!«
+
+»Da bin ich, Nello!« -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände.
+
+»Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!«
+
+»Du kamst: ich wußte es, mein Nello!«
+
+»Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen,
+mich zu bewaffnen.«
+
+Sie ließ eine Klinge funkeln.
+
+»Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden
+meines Geliebten!«
+
+Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter:
+
+»Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich
+verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir
+teurer als dir.«
+
+Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie
+hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte:
+
+»Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?«
+
+Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer
+Gesichter.
+
+»Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen
+duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere
+Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer
+sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel.
+Laß uns hinaussehen!«
+
+Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen.
+Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.
+
+»Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir
+stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles
+vergessen, was nicht ich bin, o Glück!«
+
+»Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften
+Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?«
+
+»Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die
+Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und
+tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn
+die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott
+dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.«
+
+»Und ich dich, o Alba!«
+
+»Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter,
+und daß wir immer glücklich sein werden.«
+
+»O Glück!«
+
+». . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?«
+
+»Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief;
+nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer
+schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.«
+
+»Sie ist tot!«
+
+»Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist
+durch Liebe gestorben.«
+
+»Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!«
+
+»Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon
+verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten
+über dem Mondlande, die rote Sonne auf.«
+
+»Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften
+Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich
+nicht dahin, meine Geliebte?«
+
+»Aber wenn es ein Brand wäre?«
+
+»Ein Brand? Welcher? Wo?«
+
+»In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom
+Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?«
+
+»Alba! Es ist das Gasthaus!«
+
+»Ich wollte es nicht sagen.«
+
+»Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind
+verloren, was tun!«
+
+»Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.«
+
+»Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!«
+
+»Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.«
+
+»Was denn! Ja was denn!«
+
+Und da sie schwieg:
+
+»Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über
+die Gartenpforte.«
+
+»Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über
+den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht
+beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.«
+
+»Für immer«, rief Nello zurück.
+
+ * * * * *
+
+Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk
+und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine
+Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu
+erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge
+wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der
+alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin.
+Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung,
+riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie:
+
+»Platz! Platz für den Advokaten Belotti!«
+
+»Was denn! Buffone!« keifte die Stimme des Galileo Belotti von der
+Domtreppe herab. »Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als
+wir?«
+
+»Der Advokat ist schon beim Gasthaus«, sagte jemand im Gedränge.
+
+»Ich weiß es!« rief Nello verzweifelt. »Ich habe einen Auftrag vom
+Advokaten und muß zurück zu ihm.«
+
+»Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben«, sagte grollend der
+Schlosser Fantapiè. »Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze
+angeschafft! Jetzt brennen wir auf.«
+
+»Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!«
+
+Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen
+Inhalt ihres Ladens auf den Armen. »Fertig ist der Advokat!« brüllte der
+Schlächter Cimabue. »Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den
+Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf
+werfen.«
+
+Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich
+sanfte Stimme.
+
+»Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten
+hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen
+Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.«
+
+Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die
+Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. »Ich bin verloren!«
+dachte er, ganz starr.
+
+»Glauben Sie denn wirklich,« fragte droben der Cavaliere Giordano, »daß die
+ganze Stadt aufbrennen wird?«
+
+»Sprechen Sie doch nicht davon!« flehte der Kaufmann Mancafede und rieb
+sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen
+anzuziehen. »Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste
+sein, das brennt.«
+
+»Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?« meinte Frau Camuzzi
+mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter
+des Kaufmannes.
+
+»Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen
+in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.«
+
+»Und Ihre Töchter?« fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte,
+fessellos, mit der Hand ab.
+
+»Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies
+Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren,
+ohne uns um die Religion zu kümmern.«
+
+Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände.
+
+»Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus,
+woran ich meine Gedenktafel haben sollte!«
+
+»Ihre Gedenktafel!«
+
+Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf.
+
+»Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute
+abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß
+verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für
+Landstreicher.«
+
+»Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken
+der Fürsten und der --«
+
+Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich
+an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er
+wisperte:
+
+»Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der
+Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt,
+denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --«
+
+Nonoggi rang nach Atem und tanzte.
+
+»Nun?« fragte Savezzo und nickte schwer.
+
+»-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch
+frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich
+nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten
+der größte Mann der Stadt!«
+
+Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster
+hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete
+sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine
+Nase.
+
+»Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,« sagte er mit einer
+großen Gebärde. Und leiser:
+
+»Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen.
+Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind.
+Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!«
+
+»Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?« fragte Frau Camuzzi. »Wird sie, wenn
+Ihr Haus brennt, herauskommen?«
+
+»Was denken Sie?« antwortete er gekränkt. »Neun Jahre sind es, daß sie
+nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!« -- und er hielt sich, wieder ganz
+zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem
+Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters
+Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße
+durchbrach den Schrecken heller Jubel.
+
+»Nun sage, Pomponia,« rief die Magd Felicetta, »ob das nicht schöner ist
+als das Feuerwerk am Verfassungsfest!«
+
+»Ich werde dir ein Feuerwerk machen!« -- und der Bäcker kniff sie, daß sie
+schrie.
+
+»Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir
+mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er
+ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!«
+
+»Nieder der Advokat!« rief man, »er hat den Eimer verloren! Don Taddeo
+gehört der Eimer!«
+
+Der Barbier Bonometti widersprach allein:
+
+»Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann,
+der Advokat!«
+
+Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder
+stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+»Nieder der Advokat!« schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in
+den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im
+Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:
+
+»Nieder der Advokat!«
+
+»Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die
+Komödianten hergerufen habt!« -- und die Pipistrelli schwang ihren
+Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt:
+
+»Don Taddeo hat es vorausgesagt.«
+
+Aber jemand rief:
+
+»Da ist einer von ihnen!«
+
+Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari
+an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm
+mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen.
+
+»Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!«
+
+Schon faßten Hände zu.
+
+»Laßt mich!« rief Nello. »Ich wohne im Gasthaus!«
+
+»So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner
+Kleiner!« -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten
+Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der
+Bariton Gaddi war da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den
+Freund ins Freie.
+
+»Wir brauchen noch einen bei der Spritze«, erklärte er dem Leutnant
+Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von
+der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau
+Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie
+aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um
+den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.
+
+»He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun
+laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es
+angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?«
+
+»Das Vieh ist aus den Ställen gezogen«, antwortete er.
+
+»Aber die Gäste!«
+
+»Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.«
+
+»Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur
+zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen
+den beiden.«
+
+»Man hat sie gesehen«, sagte Frau Nonoggi. »Die Felicetta und die Pomponia
+haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.«
+
+Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz.
+
+»Meine Frau!« rief er. »Findet mir meine Frau wieder!«
+
+»Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?«
+
+»Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie
+ist fort.«
+
+Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:
+
+»Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben.
+Ich begreife das.«
+
+»Die Kinder«, stöhnte der Wirt, »sind da, sie aber --«
+
+»Au, au! O über uns! Rettet euch! --« und die Weiber rannten, die Hände im
+Nacken, zurück, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der
+hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß.
+
+»Der Schuppen!« schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die
+Faust. »He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!«
+
+»Ihr Komödianten,« kommandierte der Apotheker, »und Ihr, Chiaralunzi,
+richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren
+Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen,
+rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und
+die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!«
+
+Aber er selbst riß vergebens.
+
+»Malandrini, den Schlüssel!«
+
+»Gebt mir meine Frau wieder!«
+
+»Das ist aber kein Spaß mehr!« -- und der Tabakhändler Polli brach sich
+Bahn. »Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die
+Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!«
+
+Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr
+Giocondi drang mit ein.
+
+»Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht?
+Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, daß du mir
+abbrennst!«
+
+»Solange es sich nicht um mein Haus handelte,« schrie Polli, »sondern nur
+um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis
+meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen?
+Niemand schläft wie ich . . .!«
+
+»Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft
+für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.«
+
+Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu.
+
+»Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!« schrie Polli.
+»Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es
+fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein!
+Ein Beil!«
+
+Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom
+Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten,
+ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden
+kleinen Alten.
+
+»Kaltes Blut, Ihr Herren«, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu.
+»Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt.
+Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo,
+Acquistapace!« -- und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi
+und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die
+immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. »Die Sachen gehen gut, ich
+verbürge mich dafür«, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die
+Brust. Da brachen sie los:
+
+»Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!«
+
+Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an.
+
+»Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen
+Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?«
+
+»Darum also«, fiel der Herr Giocondi ein, »hat der Advokat die Dampfspritze
+abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So
+sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!«
+
+Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen,
+wackelten sie laut scheltend um den Hof.
+
+»Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.«
+
+»Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!« keifte
+es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote,
+gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es
+schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den
+Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: »Achtung, Advokat!« und spritzte
+ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen,
+als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der
+Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines
+Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt
+ihm den Weg ab.
+
+»Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es
+Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace
+veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch
+glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach
+einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?«
+
+Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer.
+
+»Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von
+Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum
+Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt
+vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!«
+
+Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom
+Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete:
+
+»Nieder der Advokat!« -- und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll.
+
+Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er
+sagte:
+
+»Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr
+Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.«
+
+Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der
+Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein
+Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz.
+
+»Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür«, sagte der Unterpräfekt.
+Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur
+einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern:
+
+»Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren
+nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl
+mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.«
+
+Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er
+strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte:
+
+»Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das
+öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel
+anzuziehen.«
+
+Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme:
+
+»Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen
+letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur
+Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --«
+
+»Nieder der Advokat!«
+
+Eine Sekunde schloß er die Augen; dann:
+
+»-- werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und
+gehen.«
+
+Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick
+brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten
+sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; --
+plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien
+durcheinander:
+
+»Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt
+lebendig!«
+
+Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes.
+
+»Meine Frau, da ist sie!« -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben,
+vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab.
+
+»Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.«
+
+»Ersilia! Komm herab, Ersilia!« schrie er, weinend und winkend.
+
+»Es ist nicht Ersilia!« antwortete dahinten eine Stimme. »Es ist die
+Komödiantin!«
+
+Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf,
+das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es
+auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß
+schon wieder der schwarze Rauch es.
+
+»Das Fräulein Italia!« rief der Apotheker. »Helft mir sie retten!« -- und
+er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife.
+
+»Romolo!«
+
+Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach
+rechts. Chiaralunzi und die Komödianten waren dabei, die Spritze über die
+Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da
+schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte
+nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der
+Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn
+hineingestoßen.
+
+»Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!« -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte
+sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er
+lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah
+einander eine stürmische Stille lang in die Augen.
+
+»Beim Bacchus!« sagten die Männer.
+
+»Er ist verloren, Don Taddeo«, sagten die Frauen; und:
+
+»Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.«
+
+»Man muß beten!« -- und der Chor schwoll an. Plötzlich:
+
+»Da ist er! Wunder! Wunder!«
+
+In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in
+den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der
+Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände
+auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd,
+laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf.
+
+»Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don
+Taddeo: weh dir!«
+
+Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er
+ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine
+Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der
+zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig,
+daß ihre Lippen sie verloren.
+
+»Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?« fragten die Frauen, indes
+die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten.
+
+»Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da
+seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so
+viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst
+war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und
+meine kleine Pina wird gesund werden!«
+
+Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; --
+und erst, als sie ihn fortziehen wollten: »Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt
+ruhen«, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder,
+rieben ihn, baten und schalten ihn.
+
+»Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns
+predigen.«
+
+Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn:
+
+»Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt,
+niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin
+vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.«
+
+Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da
+schrien sie auf und warfen sich hin.
+
+»Er ist tot! Was soll aus uns werden!«
+
+»Nein, er hat die Augen geöffnet,« sagte allein eine Stimme wie ein Engel;
+und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten,
+unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und
+schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte
+denen, die mitwollten: »Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel
+zu beten«, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof.
+
+Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester
+vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark.
+
+»So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben«, sagte an der Spitze eines
+Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin
+eine Träne hing.
+
+»Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch
+wenn ein politischer Gegner sie tut.«
+
+»Ein redlicher Bürger?« wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf
+dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. »Wir alle sind
+redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern,
+die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.«
+
+»Gewisser Witwen,« fuhr der Schuster Malagodi fort, »die die Schwestern
+gewisser Advokaten sind.«
+
+»So daß«, ergänzte der Mechaniker Blandini, »jene Verwandten ihr Terrain
+aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.«
+
+»Man erinnert sich auch«, sagte der Schlosser Fantapiè, »mancher Vorgänge
+bei den letzten Wahlen . . .«
+
+»Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten«, rief in der Nachbarschaft
+ganz laut Frau Malagodi. »Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe,
+-- die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die
+Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um
+ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!«
+
+Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an,
+aus dem Dickicht des Volkes.
+
+»Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das
+Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat
+verteidigt es.«
+
+»Es werden seine Töchter sein«, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten
+der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie
+lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und
+wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der
+Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund.
+
+»Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es,
+weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat
+--«
+
+»Ich kenne Euch, Nonoggi«, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und
+verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim
+Savezzo, der ihm gewinkt hatte.
+
+»Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer --?«
+
+Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh
+brachte er hervor:
+
+»Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!«
+
+»Zurück!« schrie vorn der Apotheker Acquistapace. »Ihr Herren, Ihr Damen,
+zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.«
+
+Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen
+die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen.
+
+»Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!« schrie Acquistapace. »Sind
+wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!«
+
+»Es gibt keinen Advokaten mehr!« antwortete die Menge. Der Apotheker sah
+sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle.
+
+»Steige aufs Dach und spritze von oben!«
+
+»Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr
+verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet
+nun wenigstens die Betten!«
+
+Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem
+Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab.
+Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander.
+
+»Das Ende der Welt!« ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. »Wo ist meine
+Frau? Ich bin ruiniert!«
+
+»Malandrini,« sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, »es heißt
+nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als
+Ihres.«
+
+»Ach, über mich!« -- und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er
+setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. »Auch die Mütze ist mir
+verbrannt! Ich werde betteln gehen!«
+
+Der Advokat zog ihn in die Laube.
+
+»Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und
+schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht
+glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im
+Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.«
+
+Der Wirt schluchzte am Tischrand.
+
+»Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches
+sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.«
+
+»Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --«
+
+Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander.
+
+»Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . .
+Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte
+es schon längst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man
+will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah!
+Das Volk soll belogen werden!«
+
+Malandrini schluchzte.
+
+»Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht.
+Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das
+sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll
+man noch glauben!«
+
+Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen
+der Herr Giocondi:
+
+»Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern
+lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest
+schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!«
+
+Der Wirt richtete sich auf.
+
+»Wie? Er spricht von mir?«
+
+»Lassen wir sie schwatzen«, sagte der Advokat bitter. »Es ist das Volk.«
+
+»Was denn, der Wirt!« sagte jemand. »Ganz andere Leute sind verdächtig.«
+
+Und die Stimme der Pipistrelli:
+
+»Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie
+die Stadt angezündet!«
+
+»Du bist eine böse Alte!«
+
+»Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus
+brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.«
+
+»Wir wissen es längst; alle sagen es.«
+
+»Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge
+. . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat
+denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?«
+
+»Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht
+gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen,
+als seine Herrschaft!«
+
+»Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren
+sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!«
+
+Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf.
+
+»Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um
+den Hals sehen!«
+
+»Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der
+Advokat!«
+
+»Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?«
+
+Der Advokat in der Laube warf die Schultern.
+
+»Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch
+beschuldigen soll.«
+
+Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus
+seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel
+der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern
+erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine
+höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte
+sich über sich selbst und bedeckte die Augen.
+
+Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie
+überrannten.
+
+»Der Komödiant!« schrien sie. »Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch
+unsere Häuser anzünden?«
+
+Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf
+einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus
+dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace
+mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die
+sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich eindringen. Nina
+Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten
+auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und
+sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt
+hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein.
+
+»Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick,
+bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!«
+
+»Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!«
+
+Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti
+entgegen und griff an seine rote Mütze.
+
+»Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!«
+
+Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden
+Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber.
+
+»Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --«
+
+»Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!« -- und dazu pfiff es.
+
+»-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge
+Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und
+ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen
+sagen?« raunte er Nello zu.
+
+»Nein.«
+
+»Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.«
+
+»Um Gottes willen, schweigen Sie!«
+
+»Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter
+sagen, meine Damen,« keuchte er angestrengt, »als daß dieser hier
+unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so
+oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti --«
+
+Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen,
+soweit er konnte.
+
+»-- ich bürge euch für diesen hier!«
+
+Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte
+ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen
+sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem
+Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten
+und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge.
+
+»Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!« rief er ehern. »Hier
+bürgt ein Verdächtiger für den anderen!«
+
+»Du hast recht! So ist es!«
+
+»Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein
+Komödiant!«
+
+»Gut!«
+
+»Zu lange schon betrügt er das Volk!«
+
+»Zu lange!«
+
+Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen
+seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer:
+
+»Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn
+ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!«
+
+»Nenne ihn!«
+
+»Es ist der Advokat Belotti!« -- und damit sprang der Savezzo hinunter in
+das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen
+Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von
+Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und
+er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie
+rein seien. Sie schrie trotzdem:
+
+»Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm!
+Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den
+Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!« -- und dazu
+brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm.
+
+»Welch häßlicher Narr«, schrien Weiberstimmen, »mit seiner roten
+Nachtmütze!«
+
+Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern
+schwollen ihm.
+
+»Ich bin euer Freund«, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen.
+»Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich
+werde zu kämpfen wissen.«
+
+»Reize sie nicht, Advokat!« flüsterte Acquistapace. »Tue es für mich!
+Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem
+Volk!«
+
+»Es sind gute Leute, Herr Advokat«, sagte der Schneider Chiaralunzi.
+»Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.«
+
+Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor.
+
+»Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede!
+Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern
+kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er!
+Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!«
+
+»Auf die Galeere! Auf die Galeere!«
+
+Der Advokat keuchte:
+
+»Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du,
+Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust
+gegen mich zu erheben? . . .«
+
+Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten
+Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde
+mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne
+dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im
+erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und
+Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen
+von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. »Ihr hättet
+eine Schreckensherrschaft nötig!«
+
+In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge:
+
+»Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn
+sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann
+machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.«
+
+Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes
+Jammern.
+
+»Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --«
+
+»Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!« -- und der
+Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, -- indes im
+Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens
+drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob:
+
+»Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer
+gefürchtet.«
+
+»Tröstet Euch«, sagte die Magd Felicetta. »Euer Bruder ist nicht der
+einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt,
+daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.«
+
+»Es ist wahr!« schrien die Frauen. »Denn der Advokat und der Komödiant sind
+aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer
+Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist
+die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts
+herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie
+umgebracht, die Arme.«
+
+»Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene
+Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.«
+
+»Auf die Galeere die beiden!« -- und ein letzter Stoß drängte die
+Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der
+Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie
+fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine
+über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken
+kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel
+des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an
+und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und
+zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich
+widerwillig der Baron Torroni.
+
+ * * * * *
+
+Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man
+anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den
+Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich
+vor Lachen auf das Pflaster: »Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist
+ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich«;
+-- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar
+applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen:
+
+»Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in
+den Schuppen?«
+
+»Meine Frau!« -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren
+Schultern.
+
+»Die Papiere? Du hast sie?« keuchte er.
+
+»Wie denn, wer soll sie sonst haben?«
+
+Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu.
+
+»Wir leben noch«, schluchzte er. »Wir sind noch da.«
+
+»Auch der Baron«, antwortete man ihm.
+
+»Er war zufällig da«, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe
+den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen.
+
+»Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!«
+
+»So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!« schrie die
+Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau
+schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen
+habe.
+
+»Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen
+darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!«
+
+Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und
+klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich:
+
+»Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so
+oft er ins Gasthaus kam!«
+
+»Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.«
+
+»Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr
+geprahlt haben?«
+
+»Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!«
+
+»Wie die Männer uns verleumden!« rief Mama Paradisi.
+
+»Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,« bemerkten Felicetta und
+Pomponia. »Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie
+wir.«
+
+»Wer will noch behaupten,« sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, »daß
+sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?«
+
+»Wer will es behaupten?« wiederholte die Menge drohend.
+
+Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an
+und schwiegen.
+
+»Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!«
+rief Frau Nonoggi.
+
+»Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.«
+
+»Da ist sie!« -- und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo
+der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge
+lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt.
+
+»Sie hat eisige Füße, die Arme!«
+
+Die Frauen rieben sie ihr.
+
+»Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind«, sagte der alte
+Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. »Wer einen Sohn hätte, könnte ihn
+ihr zum Manne geben.«
+
+Der Schneider Coccola rief:
+
+»Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu
+geben!«
+
+»Das ist nicht recht von Euch«, sagten die Männer; und die Frauen:
+
+»Ihr beleidigt uns alle.«
+
+Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn.
+
+»Da sieh, wie sie sich lieben!« -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben
+hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli
+rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er
+zappelte wütend. »Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Aber wenn doch ich selbst sie --«
+
+Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu.
+
+»Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.«
+
+Und von allen Seiten:
+
+»Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!«
+
+»Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen«, riet der Herr Giocondi,
+im Gedanken an die eigenen Töchter. »Sieh nur auf das Herz!«
+
+»Gib ihnen deinen Segen!« rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein
+unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli.
+
+»Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können«, brummte er. »Da die
+Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll --«
+
+Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den
+Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt.
+
+»Welche sympathische Familie!« rief das Volk und klatschte.
+
+»Alle hinaus!« befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten.
+»Der Schornstein wird ins Haus fallen.«
+
+Gaddi aber zog Nello hinter die Tür.
+
+»Nello, du bist in Gefahr.«
+
+»Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich
+daran.«
+
+»Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen
+nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle
+entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes
+Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand
+beim Dom mit Frau Camuzzi.«
+
+Und da Nello aufzuckte:
+
+»Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello:
+flieh! Flieh sogleich!«
+
+»Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.«
+
+»Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie
+etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat,
+beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich
+vernichtet hat?«
+
+Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes:
+
+»Ich sehe dich verloren, Freund.«
+
+Nello senkte die Stirn.
+
+»Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio« -- und er drückte die Hand des
+Freundes, »kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und
+es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht --«
+
+Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes:
+
+»Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für
+immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich
+verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in
+Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der
+Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio!
+wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei
+mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es --«
+
+Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein.
+
+»-- wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!«
+
+Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge.
+
+»So willst du nicht fliehen?« fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf
+und schlug in die Hände.
+
+»Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe.
+Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen
+Alba!«
+
+Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht.
+
+»Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht
+lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die
+Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!«
+
+Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester
+Pastecaldi raunte er zu:
+
+»Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren.
+Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts
+verloren.«
+
+»Der Advokat auf die Galeere?« -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem
+weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte »Schü!
+Schü!« Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand.
+
+»Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?« zischelte er. »Daß du sie
+mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . .
+Gottlob, da ist sie.«
+
+Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze
+abzuziehen.
+
+»Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese
+gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen
+folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,« -- und er kam mit
+der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer
+Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem
+Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam.
+
+»Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!«
+
+»Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie
+werden Sie sich rächen?«
+
+»Indem ich meine Pflicht tue«, antwortete der Advokat und stieß die
+geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln:
+
+»Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber
+wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es
+verachten würde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch
+verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht
+. . . Nicht doch!« rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die
+Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten,
+der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte.
+
+»Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto
+besser ist es!«
+
+»Ihre Sache«, sagte Flora Garlinda. »Ich war nur gekommen, um Ihnen zu
+Ihrer Rache zu verhelfen.«
+
+»Wie?«
+
+»Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der >Glocke
+des Volkes.< Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei
+nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt,
+dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen --«
+
+Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen
+Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände.
+
+»-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?«
+
+Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für
+sich, leicht und klar in die Luft gehen:
+
+»Es ist Don Taddeo, der Heilige.«
+
+Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob
+alles entschieden sei: -- da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den
+Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und
+er stöhnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete
+zischend aus.
+
+»Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst
+es nicht.«
+
+Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten.
+
+»Er ist es, Don Taddeo«, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön
+machte. Der Advokat brauste auf:
+
+»Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?«
+
+»Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof
+voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht
+lag.«
+
+»Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist
+ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde
+ich ihn einen guten Bürger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schluß, er
+habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.«
+
+»Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm
+gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so
+viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem
+Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah,
+kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige
+miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns
+verständigen.«
+
+»Ah! Ah!«
+
+Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen
+aus.
+
+»Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine
+Künstlerin sind.«
+
+Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen.
+
+»Eine große Künstlerin!«
+
+»Wie es Ihnen gefällt«, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern.
+
+ * * * * *
+
+»Haltet ihn!« schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der
+Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine
+langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die
+Ecke.
+
+»Hast du den Salame?« rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der
+zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte
+Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu
+untersuchen.
+
+»Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.«
+
+»Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es
+scheint, die Geschäfte gehen schlecht.«
+
+Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah.
+
+»Welche Furcht wir gehabt haben müssen!«
+
+»Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?«
+
+»Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.«
+
+»Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege
+begegnet, Gina.«
+
+»Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen,
+um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster
+gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen,
+ein Mann sei bei ihr!«
+
+»Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns
+alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum
+jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber
+deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.«
+
+»Sie lag im Schuppen!«
+
+»Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben
+geschwitzt für dich!«
+
+»Mein Mann schwitzt am meisten von allen«, sagte die Frau des Baritons
+Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel.
+
+»Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der
+doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im
+Gefängnis?«
+
+»Redet keinen Unsinn!« sagte der Schneider Chiaralunzi. »Als der Balkon
+herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.«
+
+»Nein, das war Virginio«, sagte Nello.
+
+»Die Post geht ab!« rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er
+die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei?
+Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank
+für die Rettung der Stadt?
+
+»Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern«, setzte der
+Schneider hinzu. »Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz,
+wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und
+jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?«
+
+Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle
+fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte
+sich dunkelrot gefärbt.
+
+»Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind
+wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen
+will.«
+
+Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die
+Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend:
+
+»Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!«
+
+Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi:
+
+»Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus
+der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der
+Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.«
+
+»Was kann ich tun?« sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. »Sollte
+ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen
+und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie
+nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es
+möglich, daß die Stadt abbrannte.«
+
+»Er ist ein böser Mann,« -- und Chiaralunzi schnob, daß sein langer
+Schnurrbart aufflog. »Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut
+genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns
+gefällt.«
+
+Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust
+mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen.
+
+»Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!« rief der Kapellmeister und fuhr sich
+durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. »Sie selbst waren in Sorge um Ihr
+Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem
+Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem
+Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich
+das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem
+ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien,
+gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!«
+
+Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten.
+
+»Immerhin«, äußerte Polli, »zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre
+hundertfünfzig Lire, sondern wir.«
+
+Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den
+Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat:
+
+»Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute
+sich hassen?«
+
+»Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist«, rief der
+Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. »Man hat nicht
+geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen,
+indem ich meinen Kaffee extra stark machte.«
+
+Er stellte sich in die Mitte.
+
+»Alle ins Café >zum Fortschritt<!«
+
+Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er
+ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und
+schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die
+Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt
+fiel über sie her, aber man rief ihm zu:
+
+»Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben
+durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns
+unterhalten.«
+
+»Auch deine Frau hat sich unterhalten!«
+
+Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich:
+
+»Er fällt! Hoho! Rettet euch!«
+
+ * * * * *
+
+Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles
+mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die
+Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da
+und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, ließ er auch den
+Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück.
+
+»Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite
+zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben
+schwierig.«
+
+Gleich darauf zuckte er zusammen.
+
+»Da ist Camuzzi!«
+
+Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er
+sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an:
+
+»Guten Morgen, Herr Advokat!«
+
+Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen
+Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat
+klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen,
+es fand sich aber kein Knopf mehr.
+
+»Sie hier, Herr Camuzzi«, brachte er hervor.
+
+»Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem
+Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen
+ist?«
+
+»Sie haben geschlafen?« fragte der Advokat und behielt den Mund offen.
+
+»Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar
+wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu
+verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?«
+
+Er kehrte wieder um.
+
+»Sie konnten schlafen!« wiederholte der Advokat, ergriffen.
+
+»Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,« erklärte der Sekretär, »wenn ich
+an den Brand geglaubt hätte.«
+
+»Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der
+Himmel war rot!«
+
+»Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es
+bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es
+wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem
+nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es
+meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini
+größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.«
+
+»Eh! Eh!« -- und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern
+und Händen.
+
+»Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie
+sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit
+entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.«
+
+Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
+
+»Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen,
+sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.«
+
+Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach
+dem Gesicht seines Begleiters.
+
+»Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen
+gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die
+Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich
+gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden
+haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres
+Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine
+erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?«
+
+»Die Nacht der Dichter«, sagte der Sekretär.
+
+»Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine
+Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie
+eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als
+reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet
+haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!«
+
+Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen
+traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen.
+
+»Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,« bemerkte er, »der das Feuer
+vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer
+war. Er wird uns alle für verrückt halten.«
+
+»Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!«
+
+Aber der Advokat seufzte plötzlich tief.
+
+»Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu
+entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn
+es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.«
+
+Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte.
+
+»Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen
+Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die
+meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit
+entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch
+bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu
+sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?«
+
+Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden
+ließ, ging er weiter.
+
+»In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches
+Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze
+ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last,
+sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit
+dieses Volkes, das mir vertraute!«
+
+Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den
+Advokaten.
+
+»Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch
+ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht,
+und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit
+dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen
+nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.«
+
+Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen
+hinein:
+
+»Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt
+wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu
+können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet.
+So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der
+Bürgerkrieg.«
+
+»Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!« -- und beim
+Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen. Der Advokat, am
+Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den
+Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen.
+
+»Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue«, stöhnte der
+Advokat.
+
+Dort hinten überschrien sie einander, -- indes beim Café »zum Fortschritt«
+eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte
+Acquistapace hielt den Kopf gesenkt.
+
+»Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und
+hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur
+noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben
+Mut!«
+
+»Pöh!« machte der Sekretär. »Da ich an das öffentliche Leben nicht glaube,
+wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --«
+
+Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer.
+
+»-- wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel
+gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie
+im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?«
+
+Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat
+verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den
+Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick.
+
+»Was bleibt?« antwortete er. »Ich will nicht von den Werken sprechen, die
+vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten,
+werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es
+für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf
+halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne
+Tat.«
+
+Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.
+
+»Sie fliegen auf und setzen sich wieder«, sagte der Sekretär. »Das ist der
+menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die
+Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.«
+
+»Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie
+abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und
+zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .«
+
+»Gleichviel.«
+
+»Gleichviel«, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. »Wir sind
+uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen
+Sie uns Freunde sein!«
+
+Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der
+Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt.« Von der
+anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom
+Tisch der Herren blieb sie stehen.
+
+»Ich grüße die Dame«, rief der Gevatter Achille. »Wünscht Don Taddeo etwas
+Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?«
+
+»Ja, wie geht es ihm?« fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich
+nicht unter der Haube; sie sagte:
+
+»Ist der Herr Giocondi da?«
+
+»Was gibts?« fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still
+durchdringenden Augen an.
+
+»Kommen Sie mit mir, Herr«, sagte sie. »Der Reverendo will Sie sprechen.«
+
+»Wie?« -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. »Irrt
+Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.«
+
+»Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.«
+
+Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen,
+und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er
+sich einen Ruck.
+
+»Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war
+. . .«
+
+»Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie«, sagte ihm der Gevatter Achille
+noch, und die andern riefen ihm nach:
+
+»Auch den meinen, weißt du.«
+
+Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant
+Cantinelli wagte zu sagen:
+
+»Eine sonderbare Geschichte;« -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd:
+
+»Was mag er wollen?«
+
+»Eh!« machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte
+seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:
+
+»Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der
+Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie
+man weiß.«
+
+Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die
+Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber.
+
+»Was gibts?« fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori
+und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.
+
+»Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem
+Giocondi zu tun?«
+
+»Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!«
+
+»Die Sache ist einfach«, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß
+ihn auf das Pflaster. »Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat
+gesehen, wessen der Advokat fähig ist.«
+
+Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der
+Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.
+
+»Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?«
+
+»Der Advokat!« und der Herr Salvatori lachte bitter auf. »Wissen Sie, daß
+er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die
+Freiheit wären?«
+
+»Bezahlen Sie also die Freiheit!« sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede
+wimmerte:
+
+»Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich
+bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.«
+
+»So wenig wie ich«, behauptete der Gevatter Achille. »Der Advokat hat uns
+alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem
+Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.«
+
+Der Leutnant Cantinelli sagte:
+
+»Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben.
+Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in
+Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; -- und ich habe eine
+Frau.«
+
+»Der Advokat wird sie trösten«, sagte der Savezzo.
+
+Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er
+schrie erstickt:
+
+»Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!«
+
+»Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten«, sagte der Savezzo.
+
+»Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie
+wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer
+werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große
+Gelbe selbst zu heiraten!«
+
+Camuzzi bemerkte trocken:
+
+»Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann
+würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die
+Herren ruhig geschlafen hätten wie ich --«
+
+»Was denn!« murrte der Herr Salvatori. »Man kann nicht schlafen, wenn in
+der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als
+heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau,
+ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet
+haben.«
+
+»So ist es!« und alle riefen durcheinander. »Wir sind in den Händen eines
+Räubers.«
+
+»Wer rettet uns!« wimmerte Mancafede.
+
+»Wir sind schon gerettet«, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den
+Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte
+unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund
+sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär
+neben ihm verstand, was er murmelte.
+
+»Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß
+leben . . .«
+
+»Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,« äußerte der Gevatter Achille, »daß
+Sie der einzige sind, der uns retten kann.«
+
+Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die
+Schenkel und ließ sich Zeit.
+
+»Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange
+gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften.
+Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und
+ihn fürchtet.«
+
+Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine
+Arme.
+
+»Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort
+anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch
+Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit
+Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.«
+
+»Wie oft«, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, »haben wir
+untereinander dem Advokaten geflucht!«
+
+»Wäre nicht der Advokat gewesen,« rief der Gevatter Achille, »niemand hätte
+uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.«
+
+Und alle durcheinander:
+
+»Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen
+und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa
+ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich
+vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten
+untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!« -- und der Kaufmann
+Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen.
+»Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er
+solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn
+zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen,
+sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.«
+
+»Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!« rief der Herr Salvatori und
+schwang anfeuernd den Arm.
+
+»Einen Künstler,« setzte der Gevatter Achille hinzu, »der so gut auf dem
+Bleistift bläst!«
+
+»Ah!« machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase
+schielte.
+
+»Was verlangen Sie?« fragte der Herr Salvatori. »Wir sind bereit, den
+Advokaten zu opfern;« -- und Polli bestätigte es.
+
+»Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?«
+
+»Wir liefern ihn aus!« schrie Mancafede in der Fistel. »Ich bin der erste
+gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf
+die Galeere!«
+
+»Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat«,
+meinte der Gevatter Achille. »Nur müssen wir Zeugen haben.«
+
+»Eure Sache, sie zu finden«, ließ der Savezzo vernehmen. »Beseitigt den
+Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.«
+
+»Wir haben Zeugen, so viele wir wollen«, riefen sie; der Kaufmann packte
+sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.
+
+»Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt
+weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.«
+
+Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.
+
+»Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen.
+Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht
+manches vergehen.«
+
+Sogleich fuhren alle gegen ihn los.
+
+»Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?«
+
+»Noch niemand«, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den
+Sekretär, »hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück
+bringen!«
+
+Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.
+
+»Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer
+sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie
+sich, Herr Camuzzi!«
+
+Der Gemeindesekretär wehrte ab.
+
+»Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich
+glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.«
+
+Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:
+
+»Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?«
+
+Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der
+Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:
+
+»Nun, was sagt Don Taddeo?«
+
+»Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?« fragte der Leutnant.
+
+»Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?«
+
+»Nichts«, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah
+weg. »Nichts. Er ist verrückt geworden.«
+
+»Wie? Von wem sprichst du?«
+
+»Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner
+Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.«
+
+Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte
+Polli und zog die Stirn in Falten:
+
+»Versteht sich, er ist ein Heiliger.«
+
+Der Herr Giocondi fuhr fort:
+
+»Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich
+wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don
+Taddeo, und er will zahlen.«
+
+Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf
+seinem Holzbein um den Tisch.
+
+»Er wird nicht zahlen«, meinte zögernd der Herr Salvatori.
+
+»Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte
+Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich
+entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire
+annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.«
+
+Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn
+Giocondi:
+
+»Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!«
+rief er über den Platz, »da ist ein Spion des Advokaten!«
+
+Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café »zum
+heiligen Agapitus« sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot
+vor Entrüstung:
+
+»Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir
+jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was
+ich zu tun habe.«
+
+»Er weiß, was er zu tun hat!« brüllte der Apotheker, »und der Advokat
+bleibt ein großer Mann!«
+
+»Und warum will er zahlen?« fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an
+der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:
+
+»Und warum will er zahlen?«
+
+»Ah das --« und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, »das
+ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und
+kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den
+anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der
+>Gegenseitigen<.«
+
+»Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!«
+
+Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der
+Herr Giocondi schob sie weg.
+
+»Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze
+Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg
+mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch
+sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht
+zum Teufel! . . . Zum Teufel!« schnob er den Männern zu, die ihn
+bedrängten.
+
+»Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!« riefen
+sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.
+
+»Wir sind verraten!« keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens
+griff um sich.
+
+»Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht
+mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der
+Advokat wird uns aus Rache aushungern.«
+
+»Wo ist Don Taddeo?« kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf.
+»Sie halten ihn gefangen!«
+
+»Das ist ein wenig stark,« sagten die Männer, daß es an den Mauern
+hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:
+
+»Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!«
+
+Und drüben beim Rathaus eine andere:
+
+»Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und
+sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.«
+
+»Wir sind verloren!«
+
+»Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!«
+
+»Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!«
+
+Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn
+vorgestreckt, der Savezzo.
+
+»Lügen!« brüllte er rauh und unförmlich. »Alles Lügen! Ich hole euch den
+Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder
+ich selbst auf die Galeere!«
+
+Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon
+umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: »Unser Heiliger! Wer ihn uns
+nehmen will, ist tot!« Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen:
+»Sprich, Don Taddeo!« Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten
+Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich
+tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen
+selbst zu flehen.
+
+»Sprich, Don Taddeo!«
+
+Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf
+arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der
+Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel
+es wieder. Er war fort.
+
+»Er hat etwas gesagt? Was ist es?«
+
+»Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.«
+
+»Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird
+sterben.«
+
+»Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!«
+
+»Alle in den Dom!«
+
+Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel,
+Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel
+Volkes waren hinweg; -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« stand, das
+Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . .
+Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie
+hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus
+seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte
+das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der
+Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit
+einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer
+heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.
+
+Beim Café »zum Fortschritt« sahen sie noch immer versteint einander an. Der
+Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt
+Polli:
+
+»Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was
+man jetzt tut.«
+
+»Deixel, man geht in die Predigt«, meinte der Herr Giocondi. »Vielleicht,
+daß Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.«
+
+Der Herr Salvatori äußerte starr:
+
+»Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er
+nur angezettelt.«
+
+»Wenn man es wüßte!« sagte der Leutnant. »Für die bewaffnete Macht ist es
+schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.«
+
+Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.
+
+»Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt
+verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.«
+
+»Auf jeden Fall scheint es, --« und Polli kratzte sich den Kopf, »daß wir
+uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.«
+
+Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.
+
+»Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt
+schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere
+ist schließlich die Religion.«
+
+»Tatsächlich«, erklärte der Gevatter Achille, »wird es das Klügste sein,
+sich dort aufzuhalten, wo alle sind.«
+
+Polli schlug vor:
+
+»Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn
+Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.«
+
+»Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart«, schloß der Leutnant,
+und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten
+vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.
+
+»Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.«
+
+Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.
+
+»Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!«
+
+ * * * * *
+
+Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im
+Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom
+Hochaltar:
+
+»Feuer! Alles wird brennen!«
+
+Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo
+fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.
+
+»Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle
+Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin
+flüchten!«
+
+Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli
+drehte wirr den Hals umher.
+
+»Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?«
+
+»Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem
+weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon
+stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich,
+Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!«
+
+Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des
+Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter
+überrannte jammernd die Leute.
+
+»Die Sache wird ernst«, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. »Hat
+er nicht auch mich genannt?«
+
+»In den Dom!« rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. »Alle in
+den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott
+ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter
+euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .«
+
+Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze
+aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus
+ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in
+Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben,
+kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer
+durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf
+auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:
+
+»Keiner. Es komme das Feuer.«
+
+Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als
+erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte
+Halbschlaf eines Sterbenden.
+
+»Nur ein Haus bleibt stehen!« befahl Don Taddeo schrill. »Von der ganzen
+Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!«
+
+»Wie?« fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute
+sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der
+Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin
+Ginevra und sagte:
+
+»Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr
+die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.«
+
+Theo und Lauretta widersprachen.
+
+»Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es
+nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.«
+
+Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekümmert
+um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella
+aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch
+verächtlicher und fremder als sie.
+
+Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach
+gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.
+
+»Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände
+nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.«
+
+»Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht«, entgegnete Camuzzi. »Es
+geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit
+etwas geschieht.«
+
+Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und
+er schrie:
+
+»Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!«
+
+»Gute Unterhaltung!« sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer
+fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da
+pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich
+ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:
+
+»Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre
+Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.«
+
+Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die
+Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der
+gepreßten Stille:
+
+»Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen
+alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen
+Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum
+verdarben wir.«
+
+Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: »Denn wir
+lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht
+wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die
+Menschen, dann liebt ihr Gott!«
+
+Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.
+
+»Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du
+nicht jede Woche beichtest.«
+
+Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter
+ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.
+
+»Hasse den Krämer Serafini nicht,« sagte er zu der Frau des kleinen
+Zollbeamten Cigogna vom Tor; »wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er
+sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,« sagte er zu Elena, der
+Arbeiterin des Schusters Malagodi, »obwohl sie dich verklatscht hat.«
+
+Und zu der Pipistrelli:
+
+»Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den
+Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo
+ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer
+herabriefen.«
+
+Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.
+
+»Was sagt er? Was will er?« -- und bei den Männern in dem Raum zwischen den
+Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.
+
+»Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.«
+
+»Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben«, erklärte der Schneider Coccola;
+und der Schlosser Fantapiè:
+
+»Es fehlte nichts weiter.«
+
+»Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim
+Malandrini.«
+
+»Man muß gestehen,« äußerte der Wirt von den >Verlobten<, »daß Malandrini
+bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?«
+
+»Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond<
+abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?«
+
+»Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.«
+
+»Es ist schrecklich.«
+
+»Man hört nichts«, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi.
+»Spricht er von der >Gegenseitigen<?«
+
+»An meinem Platz«, -- und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, »sitzt die
+Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann
+soll er uns wenigstens die Logen lassen.«
+
+»Ihr alle seid mitschuldig«, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar
+zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter
+den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und
+doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und
+fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie
+die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl
+gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt
+war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn
+schauderte, er sagte rasch:
+
+»Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug,
+um zu sündigen.«
+
+Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust
+quoll es, als sollte sie springen.
+
+»Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das
+heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen
+Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn
+an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da
+mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen
+war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das
+Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .«
+
+»Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen«, --
+und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. »Es
+ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.«
+
+»Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und
+nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.«
+
+»Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu
+Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er
+uns alle vergessen.«
+
+Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen
+Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.
+
+»Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der
+Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals
+wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch
+Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein
+gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie
+erlöschen . . .«
+
+»Wie?« fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen
+unbeugsamen Augen. »Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?«
+
+Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut
+aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo
+griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:
+
+»Ja, ich bins, ich habe es getan.«
+
+Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und
+erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.
+
+»Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.«
+
+Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn
+erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel
+zurück.
+
+»Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!«
+
+Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über
+sie hin die Arme.
+
+»Friede!« rief er auf einmal mit läutender Stimme. »Das Opfer ist gebracht,
+wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem
+Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht
+gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst --«
+und Don Taddeo schlug sich, »haben sie begangen! Denn wir hatten nicht
+genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den
+Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen
+mußte. Ich klage mich an --«
+
+Die Hand hinaufgereckt:
+
+»-- des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen
+Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Buße tun. Holt den Advokaten,
+damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger
+--«
+
+Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme
+aus.
+
+»-- den ich ungerecht habe leiden lassen.«
+
+Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:
+
+»Aber! Reverendo!«
+
+»-- den ich ungerecht habe leiden lassen!« rief Don Taddeo noch einmal,
+hoch und zitternd. »Niemand hat mehr für euch getan als er.«
+
+»Ihr! Ihr!« antwortete es ihm.
+
+Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.
+
+»Liebt euch! seid gütig! gütig!«
+
+Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten
+eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am
+Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte
+herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.
+
+Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen
+geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er
+war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug
+er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar
+noch eine Falte von ihm flatterte.
+
+ * * * * *
+
+»Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es
+kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.«
+
+Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don
+Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen
+dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf
+abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit
+ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen
+Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.
+
+»Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den
+Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch
+bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.«
+
+Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und
+stampfte auf.
+
+»Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte
+mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.«
+
+Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:
+
+»Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.«
+
+»Man redet nicht mehr gegen den Advokaten«, sagte Frau Zampieri
+entschlossen. »Don Taddeo will es nicht.«
+
+»Don Taddeo will es nicht«, wiederholten die Frauen.
+
+»Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.«
+
+Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den
+Augen.
+
+»Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!«
+
+»Frieden! Frieden!« rief der Seiler. »Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.«
+
+Die Frauen drängten eilig in die Mitte.
+
+»Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!«
+
+Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die
+Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie
+flüsterten:
+
+»Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.«
+
+Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.
+
+»Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf
+kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will«, -- und er schnitt dem
+Bäcker Crepalini eine Fratze »der wende sich an mich, seinen Freund.«
+
+Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:
+
+»Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.«
+
+»So wird er umsonst warten,« entgegnete der Schneider, »denn ich werde in
+seiner Messe nicht spielen.«
+
+Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.
+
+»Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester
+des Weines.«
+
+Alle redeten dem Schneider zu.
+
+»Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um
+unser aller Erbauung, was Deixel.«
+
+Die Frauen sagten:
+
+»Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?«
+
+Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die
+Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten
+Wache, bis er droben war.
+
+»Immer Ihr!«
+
+Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.
+
+»Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --:
+ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.«
+
+Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des
+Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um.
+Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti
+sagte:
+
+»Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.«
+
+»Und meine Ehre?« fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im
+Chor stießen sich an und kicherten.
+
+Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark
+in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.
+
+»Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er
+welche hätte, der heilige Mann.«
+
+»Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.« »Aber er
+schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.«
+
+»Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe
+mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in
+der Unterpräfektur verschafft hat.«
+
+Der dicke alte Corvi brummte:
+
+»Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle
+bei der öffentlichen Wage gegeben hat?«
+
+Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.
+
+»Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt
+haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es
+nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die
+Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er
+ihn kennt --«
+
+»Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.«
+
+»Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei
+Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.«
+
+»Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die
+Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind,
+dank unsern Sünden.«
+
+Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe
+gegen das Elend der Unwissenheit. »Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da
+ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir
+anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!« . . . Dreimal rief er um
+Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend
+der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton
+irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel
+hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus
+gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu
+klagen an.
+
+»Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch
+nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte
+ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.«
+
+»Ach, ach«, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.
+
+Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen.
+Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:
+
+»Gloria in excelsis!«
+
+Und es antwortete ihm der Chor:
+
+»Gloria in excelsis!«
+
+Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten
+feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.
+
+Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.
+
+»Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.«
+
+»Ich sage nicht nein,« antwortete der Krämer Serafini, »aber wird Crepalini
+wollen?«
+
+Denn der Bäcker wühlte umher.
+
+»Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen
+Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in
+den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir,
+Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert
+er nicht das Monopol.«
+
+»Welch Glück für alle!« riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; --
+und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das
+Volk an, das sich beglückwünschte.
+
+Der Herr Giocondi wagte sich hervor:
+
+»Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel
+kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle
+verhungern; --« und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht
+gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.
+
+»Mut!« sagte er. »Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten.
+Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit
+eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.«
+
+Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:
+
+»Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von
+ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.«
+
+»Nicht antworten!« raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon
+losfuhr. »Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.«
+
+Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand
+sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand
+weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.
+
+»Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don
+Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.«
+
+Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.
+
+»Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat,
+den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.«
+
+Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann,
+flüsternd:
+
+»Knien Sie hin!«
+
+Und als sein Ohr ganz nahe war:
+
+»Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle
+heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem
+Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba
+retten. Lassen Sie mich beten!«
+
+Nach einer Weile, mit Aufseufzen:
+
+»Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er
+schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war,
+rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer
+Frau gefährlich zu werden?«
+
+Da sie den Savezzo schnauben hörte:
+
+»Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den
+Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo
+umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, -- und die Leute verehren
+ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und
+sich an den Advokaten halten.«
+
+»An wen?«
+
+»An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen
+andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er
+Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie
+machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu
+herrschen.«
+
+»Niemals«, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:
+
+»Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie
+den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit
+gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten
+befreit.«
+
+Sie neigte sich tiefer.
+
+»Libera nos a malo!«
+
+»Niemals!« wiederholte er. »Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich
+heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann
+habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem
+Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --«
+
+»Still da!« -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. »Finden
+Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?«
+
+ * * * * *
+
+Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den
+er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von
+der linken Seite des Altars auf die rechte. »Sein Wandel war noch
+schwerer«, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und
+Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: »Aber seine Werke duften. Seine
+duften.«
+
+»Es ist höchste Zeit«, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und
+den Schuster Malagodi am Arm. »Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es
+wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?«
+
+»Eh! auch das kleine Volk ist noch da«, sagte der Schuster.
+
+»Und Don Taddeo«, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden
+Serafini, alle sagten dasselbe.
+
+»Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen
+wir ohne ihn das Volk?«
+
+Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen
+Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der
+Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt
+-- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen!
+
+Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten
+die Achseln.
+
+»Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.«
+
+Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren
+Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis
+auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den
+Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein
+Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war.
+
+»Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!« -- und der Savezzo wollte
+die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie
+ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.
+
+»Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!«
+
+»Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?«
+
+»Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!« -- und er hüpfte auf
+einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. »Meine Schuhe sind
+durchlöchert. Und hier!«
+
+Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie
+antworteten:
+
+»Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns
+nicht.«
+
+Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:
+
+»Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.«
+
+»Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten«, rief eine Frau; und
+eine andere:
+
+»Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.«
+
+Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt,
+um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in
+die Augen.
+
+»Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt
+bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet
+Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil
+gehen.«
+
+Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:
+
+»Der Advokat ist ein großer Mann.«
+
+Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister,
+droben im Chor, hörte es.
+
+»Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist«, -- und er dirigierte ganz
+leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.
+
+»Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden
+habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie
+gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß
+alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des
+geistlichen Lebens< paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich
+hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.«
+
+Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm
+auf einmal heftig. »Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch
+leben!« Und der Stock zitterte.
+
+»Halleluja!« sang Don Taddeo.
+
+Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand
+senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . .
+Da zuckte er auf. »Das Tenorhorn! Ich wußte es.« Er war plötzlich weiß, wie
+der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.
+
+»Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.«
+
+»Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben«, zischelte der
+Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider,
+dunkelrot, das Horn von sich stieß.
+
+»Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also« --
+und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, »nehmt doch Ihr
+den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als
+ich.«
+
+Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die
+Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ
+ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der
+Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem
+Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff
+sich an den Hals. Ganz heiser:
+
+»Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor
+schläft.«
+
+Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge
+Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne
+Alfò hängte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte
+Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die
+Wände. Jemand rief: »Hilfe!«
+
+»Was trampelt ihr dort oben?« fragte man hinauf. »Was gibts?«
+
+Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.
+
+»Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es
+selbst geschrieben.«
+
+»Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen
+anzuzünden.«
+
+Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. »Wie er gebückt
+geht!« bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:
+
+»Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.«
+
+Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen
+übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die
+kleinen schwarzen Hände vor die Brust.
+
+»Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.«
+
+Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis
+ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola
+schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des
+Evangeliums erklang.
+
+Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter.
+Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in
+der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her,
+man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen
+befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.
+
+»Das Kredo! Aber das ist glänzend!«
+
+»Es ist aus der >Armen Tonietta<«, behauptete Polli.
+
+»Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.« Und da das
+Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken:
+
+»Bravo Maestro!« -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in
+seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände
+höher hinauftasteten.
+
+»Komm, heiliger Geist!«
+
+Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf:
+
+»Orate, fratres!«
+
+Ein jähes Aufschwellen des Chores:
+
+»Sanctus! Sanctus! Sanctus!«
+
+Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch
+miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.
+
+In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen.
+Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau
+Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte
+eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende
+Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des
+Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen
+Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters.
+
+»Auch uns Sündern«, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am
+Kreuz, weit offen gegen das Volk: »Pax Domini!« -- und indes alles sich
+räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der
+Chor:
+
+»Sondern erlöse uns von dem Übel.«
+
+ * * * * *
+
+Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben.
+
+»Was hast du? Was gibts denn zu weinen?« fragte Polli ihn. »Ah! wie sie
+schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich
+bin so lange nicht in der Bude gewesen.«
+
+Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr,
+links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still.
+
+»Es handelt sich nicht darum«, sagte Polli. »Es handelt sich um den
+Advokaten. Wir müssen ihn holen.«
+
+Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.
+
+»Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu
+schließen. Er ist besser für die Geschäfte, -- und schließlich sind wir
+Menschen.«
+
+»Eh! ich sage nicht nein«, erwiderten sie. »Denn wegen des Bürgerkrieges
+bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es
+trifft auch uns.«
+
+Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde
+vor dem Dom.
+
+»Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn
+nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.«
+
+»Ich verbürge mich für meinen Freund,« sagte der Apotheker, »daß er Euch
+das Monopol erneuert.«
+
+Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den
+Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte
+die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. »Ich habe sie
+also erbaut«, dachte er. »Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen
+Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für
+Flora Garlinda.«
+
+Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer
+und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender
+Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.
+
+»Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: -- gestern abend schon ist
+sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe
+abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro --«
+
+Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab:
+
+»-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi
+und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.«
+
+Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die
+nächsten zu Zeugen herbei.
+
+»Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi
+ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.«
+
+Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an:
+
+»Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme
+Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er
+uns.«
+
+»Das ist zu natürlich«, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große
+blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die
+Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des
+Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart.
+
+»Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die
+Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen,
+daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft
+Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro,
+Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano
+abgetreten haben.«
+
+Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich
+plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf
+der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit
+ausgestreckten Händen nach.
+
+»Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich
+versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent --.«
+
+»Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven
+nicht widerstehen. Und bei alledem --«
+
+Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er
+stöhnte wund.
+
+»-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen
+Wohltäter!«
+
+Der Cavaliere begann zu schnuppern.
+
+»Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.«
+
+Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend:
+
+»O! O!«
+
+Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:
+
+»Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!« -- und immer wieder das
+Gebrüll des Savezzo:
+
+»Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine
+Rache spüren!«
+
+Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.
+
+»Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.«
+
+»Der Schneider . . .«
+
+Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen
+den Fingern hervor:
+
+»Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern
+. . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.«
+
+Der alte Tenor lachte meckernd.
+
+»Eh! und wenn es wahr wäre.«
+
+»Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.« Die Miene des
+Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.
+
+»Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es
+versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich --«
+
+»Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige,
+Intrigant!«
+
+Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im
+Kreise umeinander her.
+
+»Ah! diese jungen Leute«, jammerte der Alte. »Immer gleich ist der Kopf
+dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!«
+
+»Was habe ich getan!« stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen,
+sein Kopf wackelte vor Zorn.
+
+»Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan
+haben, ist niedrig und gemein!«
+
+Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:
+
+»Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl,
+daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend
+Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare,
+die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!«
+
+Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und
+kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.
+
+»Cavaliere!«
+
+Sie holte ihn ein; sie flüsterte:
+
+»Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.«
+
+Da er stöhnend herumfuhr:
+
+»Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß
+Sie noch heute die Stadt verlassen.«
+
+»Ich werde sie nie mehr verlassen.«
+
+»Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da
+der Schneider Ihre Wohnung kennt --.«
+
+»Retten Sie mich!«
+
+Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten,
+stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin
+und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.
+
+»Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.«
+
+Aber der Savezzo brach hervor:
+
+»Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.«
+
+Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte
+den Finger naß:
+
+»Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.«
+
+Die Menge wich zurück -- und plötzlich stürzte sie vor.
+
+»Laß sehen! Wo!«
+
+»Es ist falsch!« rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt
+das Papier in die Höhe. »Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den
+Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.«
+
+Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein
+und schrie, daß ihm die Adern schwollen:
+
+»Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er
+verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar
+diesem und gibt ihm sein Papier zurück.«
+
+Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase
+schielte. Das Volk klatschte.
+
+»Bravo! Hole den Advokaten!«
+
+»Der Schneider«, sagte Frau Camuzzi, »hat vom Maestro nicht ihren Namen
+gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er.
+Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!«
+
+Da er sie ansah:
+
+»Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders
+entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was
+ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird
+nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren
+. . .«
+
+»Aber das wäre ein Mord«, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen
+Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. »Ich rate Ihnen, weil Sie
+es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei
+der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für
+Augen hat!«
+
+»Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.«
+
+»Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist
+fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.«
+
+ * * * * *
+
+Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein.
+
+»Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger
+des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?«
+
+Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.
+
+»Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don
+Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.«
+
+Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger
+auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.
+
+Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er
+schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte,
+spritzte es.
+
+»Feiglinge! Elende Feiglinge!« heulte er. »Doppelte Verräter, die abfallen
+in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich
+gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.«
+
+Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt.
+
+Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:
+
+»Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht
+niedergeschlagen?«
+
+Nach einer Weile seufzte Polli:
+
+»Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir
+trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß
+ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.«
+
+Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt.
+
+». . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster«, bemerkte
+Mancafede. Der Tabakhändler meinte:
+
+»Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er
+sehen, daß es auch noch Freunde gibt.«
+
+Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte
+sich ins Zimmer zurück.
+
+»Advokat, da kommen drei Herren!«
+
+Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen
+geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.
+
+»Gottlob, es sind Freunde.«
+
+»Was denn, Freunde,« -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die
+Haare hinauf. »Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen
+wollen, daß er auf die Galeere kommt.«
+
+»Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest
+besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde
+er nicht besser tun, Doktor?«
+
+Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte,
+stimmte zu.
+
+»Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der
+Platz langweilig ist ohne den Advokaten.«
+
+Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.
+
+»Galileo!« rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers.
+»Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.«
+
+Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie
+ein kleines Mädchen.
+
+»Was habe ich gesagt«, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der
+Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn.
+
+»Auch das härteste Geschick wird mich stark finden«, sagte der Advokat und
+beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. »Aber ich fühle mich
+nicht verloren; denn --«
+
+Er fand Stimme:
+
+»-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.«
+
+Da flog die Tür auf. Polli rief herein:
+
+»Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?« Aber sogleich
+verstummte er und machte einen Schritt rückwärts.
+
+»Signora Artemisia,« flüsterte der Apotheker, »was gibts? Der Advokat sieht
+uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?«
+
+Da sie nur die gefalteten Hände erhob:
+
+»Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das
+Volk will ihn wieder haben.«
+
+»Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?« fragte Galileo.
+
+»Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?« sagte Polli. »Das
+Volk ruft dich, Advokat.«
+
+»Da bin ich«, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor.
+Er schob den Doktor fort, -- aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem
+Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei.
+
+»Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.«
+
+»Was, Ruhm!« -- und Galileo erklärte den Herren:
+
+»Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man
+essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann,
+versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes
+mehr, als Unterröcke . . .«
+
+Die Schwester jammerte auf.
+
+»Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest,
+könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren.
+Jetzt ist es geschehen.«
+
+»Denn der Advokat«, schloß Galileo, »hat heute morgen in der Badewanne
+einen Schlaganfall gehabt.«
+
+Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem
+Handrücken.
+
+»Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den
+Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!«
+
+»Es war nur ein wenig Schwäche«, entschied der Doktor; »denn, Advokat, es
+sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!«
+
+Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.
+
+»Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden
+verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!«
+
+»Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich.
+Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist
+stärker als Sie, ich bin gesund.«
+
+Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.
+
+»Ihr Gesicht ist schon weniger grau,« sagte der Doktor Capitani, »Ihre
+Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir
+versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.«
+
+»Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!« -- und der Advokat
+tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden
+Backen.
+
+»Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich
+habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an
+die Gerechtigkeit des Volkes.«
+
+»Nicht diese Hose!« rief Polli. »Es ist ein großer Tag; der Advokat muß
+gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.«
+
+»Wo hast du die neue?« fragte die Witwe Pastecaldi. »Sieh doch Galileo: er
+hat sie gefunden.«
+
+Galileo polterte:
+
+»Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.«
+
+Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte:
+
+»Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf
+einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns
+um Gnade gebeten.«
+
+»Es ist nicht wahr«, sagte der Apotheker. »Er hat uns alle zum Frieden
+ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen,
+Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.«
+
+»Und daß auch er einer ist,« sagte der Advokat, »das weiß ich seit heute
+nacht.«
+
+Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.
+
+»Gehen wir! Artemisia, komm!«
+
+Sie betastete ihr ländliches Mieder.
+
+»Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.«
+
+Er antwortete:
+
+»Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als
+es selbst.«
+
+»Der Advokat auf die Galeere?« sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid
+die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben.
+
+Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie
+das Volk auf.
+
+»Beim Bacchus«, sagte Polli. »Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus
+geholt.«
+
+»Wenn sie nur kein Unglück anrichten«, sagte der Advokat. »Ich werde
+nachsehen müssen.«
+
+»Eh!« machte der Apotheker, »glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun?
+Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.«
+
+Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede:
+
+»Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.«
+
+Der Advokat erlangte Worte:
+
+»Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist
+ja ein Dummkopf!«
+
+Sein Lachen brach ab, er ging weiter.
+
+»Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don
+Taddeo eine erlesene Seele hat.«
+
+Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da öffnete drunten sich der
+Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf,
+und Schreie knatterten:
+
+»Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!«
+
+Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige
+Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn
+begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das
+er zurücklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte
+die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte
+alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus.
+
+»Nie hat man den Advokaten so gesehen«, riefen die Frauen. »Er ist schön!«
+
+Die Männer sagten einander:
+
+»Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in
+der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.«
+
+»Meine lieben Freunde«, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände.
+Der Apotheker drang vor: »Platz, Ihr Herren!« und vom Dom her bahnte der
+Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben
+einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die
+päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und
+sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum:
+vom Rathaus flatterte die Trikolore. »Es lebe der Advokat!«
+
+Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er,
+bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich:
+
+»Camuzzi! Ah!«
+
+Mit einem Blick auf die Trikolore:
+
+»Mein lieber Freund Camuzzi!«
+
+»Den Hymnus an Garibaldi!« schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause,
+hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber
+schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.
+
+»Den Hymnus an Garibaldi!« wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr
+Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn
+um den Königsmarsch.
+
+Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk;
+er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit
+beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot;
+seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich
+nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung,
+sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte
+lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern
+. . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen.
+Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich,
+noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von
+sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise
+voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und
+Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen
+aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes
+umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die
+Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der
+Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend
+hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er
+ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie
+ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum
+drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den
+Händen; »Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!« -- und indes jeder sich
+nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal
+einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade
+wie man es in der »Armen Tonietta« an der Primadonna und dem Tenor gesehen
+hatte.
+
+»Es lebe Don Taddeo!«
+
+Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende
+Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und
+einem flüchtenden Lächeln.
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+»Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!« -- und er reckte
+sich hinauf. »Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den
+Eimer zeigen!«
+
+»Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!« rief das Volk. Der Advokat
+drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don
+Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die
+Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.
+
+»Wie, Reverendo?« -- und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut.
+
+»Welch Heiliger!« sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano
+herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.
+
+»Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die
+Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute
+nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo,
+der Sie mehr getan haben als alle --«
+
+»Große Sünden«, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust,
+»verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere
+Verdienste eins sind mit unserer Schuld.«
+
+»Ich bin Ihrer Meinung«, sagte der Advokat. »Wir werden immer nur tun
+können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen
+erlaubt ist --«
+
+Mit einem Bogen des Armes:
+
+»-- das kommt mir vom Volk.«
+
+ * * * * *
+
+Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub beförderte die beiden samt
+ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte
+vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen.
+Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes.
+Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er
+schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich
+ein einziges, dämmerweißes Gesicht.
+
+»Sie hier, Herr Savezzo?« fragte Frau Camuzzi.
+
+»Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.«
+
+»Ich, ein Zeichen?«
+
+Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte:
+
+»Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?«
+
+»Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber
+in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des
+alten Feindes erleiden.«
+
+Gedämpfter Jubel drang in die Stille.
+
+»Hören Sie?« -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.
+
+»Heben Sie ihn auf,« sagte Frau Camuzzi, »wir sind in der Kirche. Da Gott
+selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.«
+
+»Ich werde sie ändern, -- nachdem ich draußen gesiegt habe und groß
+geworden bin.«
+
+»Ich«, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, »habe einen Mann, der
+Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben
+enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.«
+
+»Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und
+Leidenschaften!«
+
+»Glauben Sie?« -- ganz sanft den Kopf geneigt.
+
+»Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer
+Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der
+Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich
+aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien
+zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.«
+
+Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen
+heulte es auf:
+
+»Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!«
+
+Die beiden sahen sich an.
+
+»Es scheint,« sagte langsam Frau Camuzzi, »daß der Turm, der ein wenig eng
+ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe
+abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.«
+
+Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie
+deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile:
+
+»Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?«
+
+Er breitete die Flügel seines Mantels aus.
+
+»Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt,
+und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.«
+
+»Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu
+sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde
+sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders
+Chiaralunzi.«
+
+Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von
+unten:
+
+»Wie haben Sie das gemacht?«
+
+»Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet,
+das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels,
+dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht
+bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?«
+
+»So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?«
+
+Da er einen schwarzen Blick bekam:
+
+»O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus
+entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein
+Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!«
+
+Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere
+Schulter wieder zurückflog.
+
+»Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!«
+
+Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die
+Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern.
+
+Draußen brach Geschrei aus:
+
+»Der Savezzo!«
+
+Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum
+Dom.
+
+»Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den
+Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet
+haben? Ergreift ihn doch!«
+
+Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die
+Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch,
+stampfte von dannen.
+
+»Hohoho!« machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo
+verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte:
+
+»Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er
+geht.«
+
+ * * * * *
+
+»Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat
+zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?«
+
+Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch
+Feuer und Wasser verdorben.
+
+»Wie?« riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, »so werden Sie die Stadt
+ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?«
+
+»Platz für das Fräulein Italia!« -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei
+der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und
+rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es:
+
+»Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo
+. . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist
+droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen
+gefragt.«
+
+Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab.
+
+»Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre
+auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut
+an!«
+
+Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die
+auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet
+wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don
+Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins
+Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte
+einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari
+sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte
+Italia es.
+
+»Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen«, sagte sie.
+
+»Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen«, erwiderte der Advokat
+pünktlich. »Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag,
+lehrt uns dennoch«, -- und der Advokat erhob die Stimme, »den Glauben an
+den menschlichen Fortschritt!«
+
+Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die
+Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten.
+
+»Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer
+Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer
+damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben
+Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur
+noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!«
+
+Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen.
+
+»Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn
+umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.«
+
+»Wo ist Don Taddeo?«
+
+Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand:
+
+»Er ist drunten auf dem Platz!«
+
+Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte
+hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher
+Auflehnung: »Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich
+euch geopfert habe?«
+
+Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes
+hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein
+seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus
+dem Schwall.
+
+»Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!« verlangte das Volk; und man
+suchte nach einer Schnur.
+
+»Das Band, das du im Haar hast, würde passen«, sagte der Doktor Capitani zu
+seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch
+den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat:
+
+»Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der
+Frauen!«
+
+Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im
+Lärm flüsterte er ihr zu:
+
+»Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.«
+
+Und er glaubte es, -- so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn
+verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er
+drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein
+befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich.
+
+»Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht
+mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und
+im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man
+sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame
+Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um
+einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer
+sein.«
+
+Da er an den Apotheker geriet:
+
+»Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir
+uns verdient.«
+
+Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes:
+
+»Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich
+mich niemals mehr, -- da ich es heute früh nicht getan habe.«
+
+Der Advokat drückte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog,
+hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch
+eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle
+kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um
+ihn her.
+
+»Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am
+blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . .
+Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche
+Vorschüsse . . .«
+
+Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. »Seid gut,
+Kinder«, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf
+einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten
+Halstüchern fingen sie ein.
+
+»Alle hierher!« rief es vom Café »zum Fortschritt.« »Die Herren zahlen.«
+
+»Auch hier wird bezahlt!« schrie beim Café »zum heiligen Agapitus« der
+Bäcker. Er setzte hinzu:
+
+»Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.«
+
+Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle
+Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen
+Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte:
+
+»Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.«
+
+»Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!« verkündete der
+Herr Giocondi. »Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn
+erhöht.«
+
+»Ich denke nicht daran!« rief der Herr Salvatori. »Der Herr Giocondi will
+mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.«
+
+Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren
+herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz
+weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab.
+
+»Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals«, sagte Frau Camuzzi,
+sanft zischelnd. »Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende,
+die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.«
+
+Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen
+umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum
+wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke
+da, Frau Acquistapace mit einem Rock: »Möge er Euch Glück bringen, ich habe
+ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;« -- und Mama Paradisi zog
+schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei,
+aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie
+bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen.
+
+»Wie wir alle gut sind!« sagte Frau Camuzzi.
+
+»He! Freund Giovaccone!« -- und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch.
+»Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör
+ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war.
+In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe
+dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.«
+
+»Alle glücklich!« -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange,
+so daß sie müde lächelte. »Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in
+meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch
+welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt
+als nur an euch?«
+
+Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten
+Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden
+blank und weich; sie dachte:
+
+»Sollte es dennoch ein Glück geben?«
+
+»Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich«, sagte
+Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte
+Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und
+es war da. »Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern
+fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als
+habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte
+wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren;
+sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .«
+
+Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich
+früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn
+eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina
+Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres
+Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als
+erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des
+jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung.
+
+Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch
+jeden stolz an und rief:
+
+»Der Advokat ist ein großer Mann!«
+
+Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an.
+
+»Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben,
+fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr
+sie lieber schonen?«
+
+Nello lächelte zärtlich, er dachte: »Welch schöner Gedanke!
+
+Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist
+Alba!« Er setzte noch hinzu:
+
+»Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.«
+
+»Wer recht hat, sind Sie!« -- und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf
+es in die Luft.
+
+»Es lebe der Advokat!«
+
+Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er
+sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange
+Mienen hatten.
+
+»Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß,
+meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie
+nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu
+begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren,
+wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine
+Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es
+war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --«
+
+Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer.
+
+»-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich
+ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren
+Putz.«
+
+Alle Hände rasten, -- und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen
+rostigen Schlüssel, suchte weiter.
+
+»Gaddi!« -- mit weit ausgestreckten Händen. »Sie, der Sie heute nacht an
+Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich
+verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.«
+
+Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen.
+
+»Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär
+sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem
+unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater,
+Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!«
+
+Gaddi sagte:
+
+»Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke
+Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft
+wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? -- und würde
+man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die
+großen Dinge fühlen, die das Leben hat?«
+
+»Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie
+wären wert, einer der Unseren zu sein.«
+
+Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte:
+
+»Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr
+großer Name verläßt nie wieder die Stadt!«
+
+Der alte Tenor geriet in Bewegung.
+
+»Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?«
+
+»Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum
+berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus
+mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen
+Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he,
+Malandrini!«
+
+Er holte den Wirt herbei.
+
+»Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht
+weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran
+zu befestigen.«
+
+»Aber er war nicht mein Gast«, sagte Malandrini.
+
+»Ich war nicht sein Gast«, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat
+fuchtelte.
+
+»Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die
+Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.«
+
+»Ich sage nicht nein«, erklärte der Wirt. »Vielleicht, daß die Engländer
+kommen, um die Inschrift zu lesen.«
+
+»Welch schönes Genie ist das Ihre!« -- und der alte Sänger fiel dem
+Advokaten um den Hals.
+
+ * * * * *
+
+Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke
+stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers
+Masetti.
+
+»Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!« befahl das Volk.
+
+Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der
+Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst,
+es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe --
+
+»Herunter!« schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die
+Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den
+Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte
+sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst
+ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im
+Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte
+Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von
+seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige
+Schwiegertochter mit Zigarren beladen.
+
+»Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und
+ihn zumachen.«
+
+Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl.
+Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli
+nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum,
+blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete.
+
+»Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.«
+
+Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre
+Vorräte unter eine große Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mägde die
+Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen.
+
+»Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!«
+
+Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung.
+
+»Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo.
+Wo ist er?«
+
+»Wie?« rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber
+aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. »Habe ich
+vielleicht nicht recht? Sie sind buck --«
+
+Er verschluckte das Wort.
+
+»Aber darum sind wir doch alle gleich.«
+
+Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch.
+
+»Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!«
+
+Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man
+sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die
+Gesundheit des Heiligen!
+
+Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau
+Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite
+nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen.
+
+»Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!«
+
+Der Advokat griff ein.
+
+»Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies
+bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt,
+Chiaralunzi --«
+
+Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen.
+
+Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er
+sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur
+gesagt, um etwas Witziges zu sagen.
+
+»Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann
+betrügt.«
+
+Der Kapellmeister spreizte die Hand.
+
+»Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber
+glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen
+habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der
+ich jetzt so glücklich bin.«
+
+Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter
+Stimme:
+
+»Könnt Ihr zweifeln?«
+
+Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und plötzlich griff
+er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall.
+
+»So haßt ihr euch denn nicht mehr.«
+
+»Haßten wir uns wirklich?« sagte der Kapellmeister. »Es war wie der Haß
+eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man
+ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil
+man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut
+man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!«
+
+Zum Advokaten:
+
+»Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.«
+
+»Eh! wem sagen Sie das«, erwiderte der Advokat.
+
+Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich
+zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das
+vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . »Welch ärmlicher
+Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte.
+Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns
+gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg
+geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor
+Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl
+schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so
+hartes Leben führe?«
+
+»Hört doch, Fräulein!« riefen Zecchini und die Trinker, »Ihr sollt etwas
+singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!«
+
+»Flora!« sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die
+Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er
+wollte sie küssen. »Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist
+ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine
+Alte.«
+
+Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das
+Gesehene sogleich wieder verloren hatten.
+
+»Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen
+gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz
+tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten
+. . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den
+Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich
+nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein
+Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen
+haben, -- bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.«
+
+Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen
+krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den
+>Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich
+darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi
+hielt ihn zurück.
+
+»Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen.
+Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider
+gehen.«
+
+»Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,« --
+und der Alte hüpfte auf. »Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe
+noch lange nicht!«
+
+»Ich werde für Sie beten«, sagte Frau Camuzzi. »Aber darum trägt dennoch
+der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den
+Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon
+längst.«
+
+Da der Alte zurückwich:
+
+»Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt
+und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man
+den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?«
+
+Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher.
+
+»Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen«, jammerte er. »Wenn
+der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich
+tot. Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!«
+
+Frau Camuzzi packte hart seine Hände.
+
+»Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!« zischelte sie, und ihr Mund stand
+verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still,
+er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug
+die Augen nieder.
+
+»Wie Sie mich quälen«, murmelte sie. »Schon so lange, ach, verrate ich
+Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen
+nichts sehen.«
+
+Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit.
+
+»Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß
+ich nichts sah.«
+
+Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann
+fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini,
+Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum
+geräuschvoll in den Armen.
+
+»Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.«
+
+»Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!«
+
+Da sah sie auf. Der Alte erbebte.
+
+»Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich --.
+Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.«
+
+ * * * * *
+
+In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die
+Stimme des Kaufmannes Mancafede.
+
+»Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts
+kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie
+nicht.«
+
+Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine
+gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf
+den Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen
+Tage betrunken sein werde.
+
+»Eh!« machte der Kaufmann. »Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch
+jetzt noch früh genug.«
+
+»Aber das Unglück?« fragte der Bariton Gaddi. »Ihre Tochter hat doch
+prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien.
+Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?«
+
+»Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich euch
+meinen Wein geben muß?«
+
+Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen und
+ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück.
+
+»Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!«
+
+»Gebt acht! Ich sage euch etwas.«
+
+Und als er genug Luft hatte:
+
+»Meine Tochter ist -- ist eine --«
+
+Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann
+nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase.
+Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brüllten.
+
+»Still da!« rief man. »Der Tenor singt.«
+
+Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und
+sang in den blauen Himmel hinein:
+
+»Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus --«
+
+Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten
+der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen
+Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der
+Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in
+die Stirn.
+
+»Immer die >Arme Tonietta<«, sagte der Herr Giocondi. »Diese jungen Leute
+wissen entschieden nichts weiter.«
+
+»Tut nichts«, -- und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. »Da nun
+einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem
+Phonographen zusammen die >Arme Tonietta< singen, und man lädt die Freunde
+ein.«
+
+»Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig
+unser Glück«, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . .
+Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als
+schnitte durch den Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines
+Marmors, glühend von ungeheurem Leben.
+
+Plötzlich sprang er herab.
+
+»Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.«
+
+Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut
+auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes
+hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post.
+
+»Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr
+warnen . . .«
+
+Da Nello die Hand bewegte:
+
+»Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund,
+weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier
+in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht
+kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen,
+ich bin seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.«
+
+»Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du
+will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.«
+
+»Die Sache ist,« sagte Gaddi, »daß du der späteste Freund meiner Jugend
+bist. Solange ich dich jung sehe --. Als wir Freundschaft schlossen, war
+auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in
+Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den
+Pfählen. Für die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein
+Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.«
+
+Nello lachte hell auf.
+
+»Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.«
+
+»So grüße ich dich denn«, -- und Gaddi umarmte ihn lange. »Adieu, mein
+Bruder!«
+
+ * * * * *
+
+Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer
+aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott
+essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er
+erklärte:
+
+»Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht
+gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank,
+habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!«
+
+»Denn der Advokat«, sagte der Apotheker Acquistapace, »ist, und das findet
+Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.«
+
+Der Bäcker bellte:
+
+»Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst
+lehren müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit
+ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel
+davon nimmt.«
+
+»Bravo Advokat!« riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der
+Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis
+es still wurde.
+
+»Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!« keuchte er, und schon ward
+geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her:
+
+»Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben.
+Durch große Dinge --« und er hob sich auf die Zehen, »durch große Dinge
+sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!«
+
+Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem
+Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn
+nicht durchlasse.
+
+»Auch du, Masetti,« rief der Advokat, den Arm hingestoßen, »hast noch zu
+lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich
+selbst auf Regeln und Gesetze berufen!«
+
+Er kehrte zum Volk zurück.
+
+»Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und
+Gassen erregt, als sonst durch Jahre.«
+
+»Es ist wahr!«
+
+»Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig
+Musik. Und dennoch --«
+
+Der Advokat machte die Arme weit.
+
+»-- wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück
+vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!«
+
+Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit
+einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft:
+
+»Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!«
+
+Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: »Sie leben!« -- indes
+schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr
+retteten, bevor Masetti hineinfuhr.
+
+»Warum weinst du denn?« fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi
+und stieß ihr die Knöchel in die Seite. »Kann etwa eine andere Familie sich
+rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund
+zu weinen.«
+
+Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden.
+
+ * * * * *
+
+Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die
+Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des
+Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um
+Entschuldigung wegen der Störung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna
+Flora Garlinda kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse
+der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei
+ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der
+Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen, er ließ ringsum
+den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen
+Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare
+und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde
+Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser
+entlang schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß
+nicht wohin.
+
+Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte,
+in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; -- und
+inzwischen mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige
+Treue schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine
+kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger
+werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung
+keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren,
+auch sie kämen; und sie holten ihre Räder.
+
+»Wir alle kommen mit!« -- und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen
+wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten:
+der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im
+Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus.
+
+Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd
+gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und
+der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort.
+
+»Und der Advokat?« fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte.
+
+Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster
+nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er
+stürzte vor mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon
+wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber
+Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus
+Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders.
+
+Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man
+verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme
+zu werfen: »Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren?
+Ich, der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?« -- und auf
+einmal brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er
+entkam.
+
+»Abfahrt! Alle hinterher!« -- und als die Diligenza durch das Tor fuhr,
+wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten
+und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die
+flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten
+darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb
+wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen
+lassen, der schöne Herr -- bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen
+Choristinnen. Sie saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um
+den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine
+bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne
+daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der
+Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und,
+versteht sich, hinten lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner
+Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes »zu den Verlobten«
+für betäubte Gesichter machten! -- und dennoch erklärten alle, sie wollten
+bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mußte
+sich wehren, weil der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er
+seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte
+zu seiner Frau:
+
+»Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der
+Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll
+sind ausgezogen.«
+
+Sie antwortete:
+
+»Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.« Und sie liefen
+zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer trugen
+die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und:
+»Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello.
+Welch schöne Sonne!« -- da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten
+eilten nach.
+
+»In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben
+sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre
+Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.«
+
+Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. »Es scheint, daß
+es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim
+Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!«
+
+Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem
+breiten Roß.
+
+»Ists erlaubt?« fragte er das Volk. Es antwortete:
+
+»Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts,
+Advokat, Sie gehören an die Spitze.«
+
+»Der Advokat an die Spitze!« -- und alles wich aus nach beiden Seiten. Den
+Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der
+Advokat hindurch.
+
+»Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!«
+
+»Versteht sich, daß er lebt!« polterte Galileo unter seinem glockenförmigen
+Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im
+eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten.
+
+»Der Advokat ist ein großer Mann«, erklärte er. »Aber auch wir sind nicht
+von Pappe.«
+
+Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine
+Verbeugung.
+
+»Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit
+und Größe!« -- und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und
+Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem
+Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen.
+
+»Aber er ist wieder eingestiegen«, erklärte Frau Camuzzi.
+
+»Sie haben es gesehen?«
+
+»Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?«
+
+Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er
+seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt;
+und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam.
+
+»Aber -- der Gennari?« rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza
+anlangte. »Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für
+unsere Gäste verantwortlich sind?«
+
+»Beruhigen Sie sich, Advokat,« -- und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans
+Fenster, »es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.«
+
+Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte.
+
+»Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis
+zum letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen -- das ist die Rache
+von uns Bürgern -- die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn
+sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .«
+
+Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die
+Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte
+den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf,
+und bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war,
+schwieg man. Dann sagte der Advokat:
+
+»Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben.
+Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt
+Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der
+Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist
+alles.«
+
+Und eine Strecke weiterhin:
+
+»Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im
+Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden,
+die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über
+den Altar der Göttin gossen.«
+
+Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi
+mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des
+Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der »Armen
+Tonietta«; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange
+sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen
+waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat,
+Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das
+Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen
+mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter,
+bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu
+einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem
+Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von
+Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da
+bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor.
+
+ * * * * *
+
+Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den
+Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft.
+Ein Zucken -- sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in
+einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, -- und
+immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten
+des Schleiers.
+
+Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt
+zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge
+irgend etwas Grauenhaftes quer darin, -- und dann taumelte sie, die Hände
+vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein.
+
+Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander
+gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den
+Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten,
+als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als
+er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der
+Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt,
+auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller
+Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt?
+
+Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit
+Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah,
+langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch
+auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, --
+und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände.
+
+Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß
+niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine
+Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die
+Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte
+und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat
+ein.
+
+Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem
+Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie
+lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren
+Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde
+Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der
+Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen.
+
+Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken
+der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr
+nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den
+klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten
+des Schleiers krampfte sich ihre Hand; -- Alba wartete und lauschte.
+
+ * * * * *
+
+In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah
+eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm
+zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig.
+
+Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf
+der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt
+sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor
+etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken
+. . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei
+jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er
+und hätte unter den Hufen die Welt.
+
+Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des
+Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern
+stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; -- und sein
+inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen
+Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes
+war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis,
+Sünde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging
+dahin, dahin. Welche Angst! »Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch
+einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!« . . . Da ward feierlich sein Herz
+berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte
+klangen nach. »Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz!
+Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!«
+
+ * * * * *
+
+Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt:
+der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht
+sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und
+näher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es
+spritzte Blut. Sie riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt
+sich, -- bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte
+Brust.
+
+Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und
+unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr
+kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die
+Seite, wollte sich aufstützen . . .
+
+Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich
+selbst, wendete den Hals umher. »Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich
+allein sein würde.« Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn.
+
+»Nello! Auf!« -- den Atem angehalten.
+
+»Böser, warum rührst du dich nicht?«
+
+Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: »Habe ich es denn
+getan?«
+
+Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . .
+
+Dahinten der Fensterladen zitterte heftig.
+
+Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund
+und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte,
+sprach sie zu ihm:
+
+»Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich
+sehe mich nicht mehr in deinen Augen.«
+
+Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte:
+
+»Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten«; -- und drückte es sich ins
+Herz.
+
+Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande
+des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten
+zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend
+. . . Als aber die zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso
+herauf ein dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein
+Lebender kannte; -- und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz
+hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren
+Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und
+legte, schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen.
+
+Dieses Buch wurde gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig
+
+Folgende Bücher von _Heinrich Mann_ sind früher erschienen:
+
+_Romane_ (bei Alb. Langen, München).
+
+Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten.
+
+Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy.
+
+Die Jagd nach Liebe.
+
+Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen.
+
+Zwischen den Rassen.
+
+_Novellen._
+
+Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, München.)
+
+Flöten und Dolche. (Bei Alb. Langen, München.)
+
+Stürmische Morgen. (Bei Alb Langen, München.)
+
+Schauspielerin. (Wiener Verlag.)
+
+Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.)
+
+Die Bösen. (Inselverlag.)
+
+Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. Essai. (Bei Bonsels,
+München.)
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
+(vorher/nachher):
+
+ [p. 5]:
+ ... hieher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...
+ ... hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...
+
+ [p. 5]:
+ ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mürben ...
+ ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben ...
+
+ [p. 70]:
+ ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ...
+ ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.« ...
+
+ [p. 85]:
+ ... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ...
+ ... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ...
+
+ [p. 100]:
+ ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinket, ...
+ ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, ...
+
+ [p. 135]:
+ ... Advokat Belotti konnten beiide recht haben, denn Kirche wie ...
+ ... Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie ...
+
+ [p. 138]:
+ ... Sie setzte sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...
+ ... Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...
+
+ [p. 141]:
+ ... und welch stolzer rote Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...
+ ... und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...
+
+ [p. 158]:
+ ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ...
+ ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .« ...
+
+ [p. 284]:
+ ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ...
+ ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.« ...
+
+ [p. 296]:
+ ... Tür ihres Zimmes zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...
+ ... Tür ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...
+
+ [p. 306]:
+ ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen nnd die ...
+ ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die ...
+
+ [p. 314]:
+ ... »Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ...
+ ... Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ...
+
+ [p. 320]:
+ ... sie die Kleider lösen, er blickte den Glanz des Fleisches. Er ...
+ ... sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er ...
+
+ [p. 357]:
+ ... »Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...
+ ... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...
+
+ [p. 367]:
+ ... in der Polilik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...
+ ... in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...
+
+ [p. 378]:
+ ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<? ...
+ ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<?« ...
+
+ [p. 397]:
+ ... »Ich werde Sie nie mehr verlassen.« ...
+ ... »Ich werde sie nie mehr verlassen.« ...
+
+ [p. 437]:
+ ... Muais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...
+ ... Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT ***
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+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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