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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die kleine Stadt + Roman + +Author: Heinrich Mann + +Release Date: November 13, 2013 [EBook #44174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + + + Heinrich Mann + + + Die + kleine Stadt + + + Roman + + + + + Erschienen + im Insel-Verlag · Leipzig 1909 + + + + + + + + +I + + +Der Advokat Belotti trat schwänzelnd an den Tisch vor dem Café »zum +Fortschritt«, wischte mit dem Taschentuch um seinen kurzen Hals und sagte +erstickt: + +»Die Post hat wieder Verspätung.« + +»Jawohl«, machten Apotheker und Gemeindesekretär; und da nichts +Tatsächliches mehr zu sagen blieb, schwiegen sie. Der Reisende warf hin: + +»Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?« + +Die andern stießen unwillig den Atem aus. Der Leutnant der Carabinieri +legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden handelte, die große +Sicherheit der Straßen dar. Zwei seiner Leute begleiteten stets zu Pferde +die Post, und nur einmal hatten sie einzugreifen gehabt. Damals wollte ein +Bauer seinen Platz nicht bezahlen und zog gegen den Kutscher das Messer. + +»Solche Leute haben wenig Erziehung«, erklärte der Leutnant. + +»Ein langweiliges Handwerk, das eure«, rief der Apotheker Acquistapace mit +seiner braven Stimme. + +»Betrunkene aus dem Graben ziehen und eine entlaufene Kuh zurückscheuchen. +Als wir dabei waren, gings anders zu. Wie, Gevatter Achille?« + +Der Wirt rief von drinnen: »Zugegen.« + +Er stampfte heraus, stützte die Last seines Bauches auf eine Stuhllehne und +wartete mit offenem Munde, worin die Zunge umherrollte. + +»Wie, mein Alter?« und der Apotheker klopfte ihn auf den Bauch, »vor +unseren Füßen ist manche Granate geplatzt. In Bezzecca wars, als gleich bei +uns beiden der General Garibaldi selber stand. Die Granate platzt, wir +springen zurück, versteht sich; der General aber rührt sich nicht; er sieht +in den Dampf, als ob er sinnt. >Keine Furcht, Freunde<, sagt er zu uns, +und, Achille, wir hatten keine mehr.« + +»Das ist die reine Wahrheit«, sagte der Wirt; und mit Wucht: »Der General +war ein Löwe.« + +»Er war ein Löwe«, wiederholte der andere Alte, fuhr mit der Hand durch +seinen riesenhaften Schnauzbart und sah alle von oben an. Plötzlich machte +er sich klein und tat eine Gebärde, als streichelte er ein Kind. + +»Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, wie ein Engel. +Manches geschah, wie, Gevatter? was er nie erfahren hat. Alle wußten, daß +jener Nino ein Weib war, nur der General nicht.« + +Der Advokat Belotti fragte: »War er eigentlich ein schönes Weib, jener +Nino?« + +Der Apotheker zischte leise. »Solche Frauen gibt es nicht mehr! Und als ihr +Geliebter gefallen war, da kams heraus, daß sie eine war. Aber sie verließ +uns darum nicht. Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie +mitgezogen war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!« + +Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. Der Wirt lachte +lautlos, daß sein Bauch den Stuhl umherwarf. Sein Sohn, der schöne Alfò, +war herzugetreten, der junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom +Barbier her über den Platz gekommen; -- und alle, alle hatten, wie der Alte +endete, ein neidisches Gesicht. + +Gleich darauf erinnerten sie sich, daß die Geschichte sehr alt war und daß +sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, wie sie die Hühnerlucia kannten. +Ihre Stunde war da: schon klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem +Café. Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, mit ihrer +Nase, die schärfer war als die Hühnerschnäbel, flügelschlagend mit ihren +langen Armen, scheuchte sie das Federvieh zum Brunnen und ließ es aus der +Pfütze trinken. Die Kinder kreischten um sie her, stießen sie, zupften an +ihr und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen wie ein +großes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. Ringsum gingen +Fensterläden auf; an der Ecke schräg vor dem Café drängten über den Arkaden +des Rathauses drei Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke +Mama Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar streckte +Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, den Kopf heraus, und dem Advokaten +Belotti schien es, daß sie ein neues Halstuch trage. Er überlegte nicht +ohne Unruhe, wer ihr nun das wieder geschenkt haben könne. Inzwischen +schloß die Kleine ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hühnerlucia und +all ihr Lärm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der Platz schlief +weiter in seiner weißen Sonne, winklig beleckt von den Schatten. Der des +Palazzo Torroni, am Eingang des Corso, lief spitz hinüber zum Dom, und vor +der buckligen Kirchenfront malten die beiden säulentragenden Löwen ihr +schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der Schatten des +Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben dem Turm aber wich das Dunkel +zurück, tief in den Winkel, worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede +wußte. Kaum daß die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; -- hinter +einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer dort stand, die +Unsichtbare, das Rätsel der Stadt: Evangelina Mancafede, die niemals +ausging und dennoch alles wußte, was geschah, es früher als alle wußte. In +der Stadt tat jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch +alle Häuser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel hervor, +hindurchsehen zu können: nur eins verdeckte ihr der Turm, den Palazzo +Torroni. Auch hieß es, daß sie von dort nichts wissen wollte, daß ihr Vater +und ihre Magd -- denn sonst erblickte niemand sie -- den Namen des Barons +vor ihr nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere +geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war damals +vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreißig. »Eine schöne Frau«, +wisperte der Advokat dem Reisenden ins Ohr. »Vom Stillsitzen soll sie +junonische Formen bekommen haben.« + +Seine Hände, die diese Formen nachbilden wollten, ließ er rasch wieder +sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende fragte: + +»Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?« + +»Was denken Sie!« + +Alle bekamen gekränkte Mienen. + +»Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann läßt er ihr schöne Kleider +kommen, sogar von Rom her, denn schließlich ist sie das reichste Mädchen +hier und hätte hunderttausend Lire mitbekommen; lädt ihre ehemaligen +Freundinnen ein, bestellt den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da, +der Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina in ihren +schönen Kleidern steigt die Treppe hinab. In der Mitte aber hält sie an, +sagt >Nicht heute, ein anderes Mal< und geht zurück in ihr Zimmer.« + +Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinüber nach dem geheimnisvollen Hause. +Unten, wie in schwarzer Höhle, glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging +der Kaufmann hin und her: langsam immer hin und her. Die Gäste des Cafés +»zum Fortschritt« konnten ihm zusehen und bei seiner Bewegung fühlen, daß +die Zeit vergehe. + +Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm eingetreten: der Junge +des Gastwirtes Malandrini. Was konnte bei Malandrini vorgefallen sein? +Gewiß handelte es sich um die Frau, die der Tabakhändler erst gestern mit +dem Baron Torroni in ziemlich verdächtiger Unterhaltung gesehen hatte. Wer +weiß, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. »Nun --?« und alle Blicke +sogen an dem alten Acquistapace, der, sein hölzernes Bein schwingend, +zurückkam. + +»Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.« + +Alle Köpfe senkten sich. + +»Wenig Bewegung ist hier am Ort«, sagte der Leutnant der Carabinieri zu dem +Reisenden und nickte hinüber, wo sich der Kaufmann Mancafede hin und her +bewegte. Der Reisende wollte höflich den Ort entschuldigen, aber der +Advokat Belotti sagte erstickt: + +»Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine Stunde Verspätung hat! +Sonst sähe hier vielleicht alles anders aus. Denn schließlich -- sagen wir +nur die Wahrheit! -- können doch jeden Tag die größten Dinge geschehen. Die +Stadt steht vor Ereignissen, die . . .« + +»-- nicht eintreten«, schloß der Gemeindesekretär und lehnte sich zurück, +um seine Taille zu zeigen. + +»Wer sagt Ihnen das?« + +Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte. + +»Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und muß ich nicht als +erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage ich, geschehen kann?« + +»Bevor die Post da ist?« + +»Die Post! Die Post, mein Herr, war schon öfter da. Die Post hat zum +Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, mir dem Vorsitzenden des +Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla gebracht, +mit der gütigen Erlaubnis der Frau Fürstin, das Schloßtheater zu benutzen +für die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, hierher zu +verschreiben gedächten. Und das war bereits kein geringer Erfolg, wenn Sie +bedenken --« + +Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben Finger, die ihn +älter machten als sein Gesicht, reckte er hinter sich, wo die Treppengasse +zum Kastell hinaufbog. + +»-- daß das Theater seit fünfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig und +dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nämlich seit der Vermählung des armen +Fürsten . . .« + +»War die Vorstellung gut, Advokat?« fragte beißend der Gemeindesekretär. +»Sie haben doch schon damals den Impresario gemacht? Denn wann waren Sie +untätig? Gewiß nicht einmal in den Windeln.« + +Und der Advokat, mit verächtlichem Achselzucken: + +»Des armen Fürsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. Darum darf ich auch +die Bewilligung unseres Gesuchs mir ganz persönlich zuschreiben und dem +Umstande, daß ich der Sachwalter der Frau Fürstin bin.« + +»Aber der Kapellmeister?« fragte sein Gegner. »Sollte nicht auch er einiges +Verdienst haben? Alfò, sage unserm Freunde, ob du und die andern alle in +der >Armen Tonietta< eure Instrumente spielen könntet, wenn nicht unser +Maestro Dorlenghi wäre!« + +»Wer leugnet seine Tüchtigkeit? Übrigens zahlt die Gemeinde ihm hundert +Lire monatlich und die Kirche fünfzig. Aber scheint es den Herren nicht, +daß wir auf die Künstler, die er uns verschaffen wollte, recht lange warten +müssen?« + +»Ich wette, daß sie heute in der Post sitzen werden!« rief der Apotheker. +Der Advokat bezweifelte es. + +»Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich noch selbst nach +ihnen umsehen müssen. Wer weiß, wohin ich fahren werde: bis nach Rom +vielleicht.« + +»Aber Advokat,« sagte der Gemeindesekretär, »was verstehen Sie vom +Theater?« + +»Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, daß ich in einer Stadt wie Perugia +studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine Truppe von Komödianten, und +wir Studenten verkehrten mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht +anders, als ich mit Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies +Wort, die Choristinnen . . . Natürlich hatte auch die Primadonna den ihren, +aber man mußte reich sein, sehr reich; ich erinnere mich, ein Herr aus der +Stadt gab ihr dreihundert Lire im Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert +Lire für eine Frau!« + +Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blühte er auf. Er +öffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine Weste darunter war. Die Arme in +der Luft gerundet, mit rauhen gelben Manschetten, die bis über die +Korallenknöpfe herausfielen, und mit einer Flüsterstimme, aus der manchmal +ein heiseres Bellen brach: + +»Aber so ist die große Welt: man muß sie kennen. Die Herren Künstler sind +die großartigsten von allen. Man hat keinen Begriff von dem Leben, das +diese Schauspieler und Literaten führen. Jede Nacht Champagner, schöne +Weiber, soviel sie mögen, und nie vor zwölf aus dem Bett.« + +»Als ich in Forlì stand,« sagte der Leutnant der Carabinieri, »zeigte man +mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. Freilich war er ein +Deutscher.« + +»Wozu auch,« schloß der Advokat, »da sie spielend mehr Geld verdienen, als +sie brauchen, und keine Sorgen haben. Für uns Bürger ists anders +eingerichtet auf der Welt. Aber es ist nicht übel, daß es auch Menschen +gibt, die ein so leichtes Leben haben, nach Herzenslust über die Stränge +schlagen dürfen und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der Art +hier bei uns, wird es lustig werden.« + +»Das kann nicht schaden!« rief der Apotheker. Gleich darauf hielt er sich +den Mund zu und schielte nach seinem Hause hinauf. Man lächelte. Er +entschuldigte sich. + +»Immer sind Leute in der Nähe, die es mit den Priestern halten.« + +Der Advokat behauptete: + +»Wenn wir uns die Komödianten nicht zu unserm Vergnügen kommen ließen, +sollten wir es tun, um die Priester zu ärgern.« Der Gemeindesekretär hob +die Schultern, der Wirt aber sagte dröhnend: + +»Sind wir denn noch immer unter dem Papst?« + +Man schrie: »Bravo, Achille!« -- und dahinten sah man aus der Kathedrale +über den Corso und in den Palazzo Torroni eine schwarze Gestalt huschen. +Der Apotheker seufzte. + +»Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da kann man sich dann +nicht rühren, ohne daß es weh tut. Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine +Frau, die es mit den Priestern hat!« + +Der Advokat stellte die Hand an den Mund. + +»Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat mir heimlich, Sie +verstehen: unter einem Decknamen seinen Beitrag geschickt für das Theater.« + +Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger auf die Lippen +und machte eine Pause. Dann: + +»Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, daß wir den des alten Nardini +verschmerzen können.« + +»Eine schöne Familie, die Nardini« -- und der Apotheker stieß den Stock +aufs Pflaster. + +»Ihre Mitbürger halten sie ihres Verkehrs nicht würdig, nie wollten sie dem +Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins Kloster!« + +»Noch ist sie nicht darin«, sagte der junge Savezzo, mit plumper Eleganz an +das Haus gelehnt. »Und als ich im Klub meinen Vortrag über die Freundschaft +hielt, hat sie ihre Magd hingeschickt und sich darüber berichten lassen.« + +»Ah, Totò möchte sie draußen behalten.« + +Unter den spöttischen Blicken begann das linke Auge des jungen Menschen auf +seine pockennarbige Nase zu schielen. Der schöne Alfò, des Wirtes Sohn, +sagte: + +»Ist sie schön, die Alba!« + +Dann sah er unbeirrt und eitel umher. + +»Ihr beide werdet keinen Erfolg haben« -- und der Gemeindesekretär lachte +auf. »Hat doch nicht einmal der Severino Salvatori sie bekommen, obwohl er +mit einem Korbwagen umherfährt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift +verlangt. Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als +fromm.« + +»Auch fromm ist er«, versicherte Savezzo. »Und wohltätig. Der alte Brabrà +lebt ganz vom Nardini, seit dreißig Jahren bald. Jeden Sonntag nach der +Messe wird dort unten in Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba +selbst tut es.« + +»Alba selbst«, wiederholte Alfò. + +»Aber als ich ihm die Liste brachte,« sagte der Advokat mit steilem Finger, +»wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet hat?« + +Alle wußten es, ließen sich aber gern zum zehntenmal dadurch aufbringen. + +»Er hat mir geantwortet: wenn er dafür zahlen solle, daß die Komödianten +fortbleiben, dann wolle er zahlen.« + +Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der andern war stürmisch. +Da sagte der schöne Alfò, und das einfältigste Lächeln legte seine weißen +Zähne frei: + +»Dennoch will ich Alba heiraten.« + +Niemand würdigte ihn einer Entgegnung. + +»Auch seinen Wasserfall«, erinnerte sich der Gevatter Achille, »hat er der +Stadt ein wenig teuer verpachtet.« + +»Unsere Schuld« -- und der Gemeindesekretär hob die Schultern; »ich war +gegen die Elektrizitätsanlage und bin es noch. Aber man hört nicht auf +mich«, sagte er mit einem Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft +warf. + +»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« schrie er keuchend. + +»Und wem verdanken wir ihn,« antwortete der junge Savezzo, »als einzig dem +Advokaten?« + +»Ist es einer Stadt wie der unsrigen würdig,« fragte der Advokat weiter, +»die öffentlichen Plätze mit Petroleum zu erleuchten? Und wie sollen wir +vor den Fremden dastehen, die uns besuchen werden, wenn unsere +Theatersaison begonnen hat?« + +»Versteht sich«, machten die andern; nur der Sekretär schüttelte die +zusammengelegten Hände. + +»Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, müssen wir elektrisches +Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder Turin das Verfassungsfest +feiern, mußten wir in einem Feuerwerk fünftausend Lire abbrennen. So zieht +eine Tat des Größenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich +voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Bürgermeister, den +würdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus nicht mehr verläßt, trifft +keine Schuld: sie trifft nur einen!« + +Und er stieß mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich auf dem Stuhl +umherwarf. + +»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« + + * * * * * + +Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr: + +»Mir scheint, ich höre sie knarren.« + +Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und Alfò stürzten an die +Hausecke und spähten die Gasse hinab. Plötzlich schrien sie durch die +gerundeten Hände: + +»He! Masetti! Langsamer!« + +Und unter wütendem Peitschenknallen hörte man die Post drunten auf der +Landstraße vorbeirasseln. Indes sie den Bogen zum Tor machte, wurden +Masettis phantastische Verspätungen aufgezählt; er habe keine Eile, zu +seiner Frau zu kommen; -- und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu +pfeifen. Die beiden Carabinieri ließen sich von ihren Pferden herab und +hoben die Dreimaster, um sich die Köpfe zu trocknen. Die Diligenza fuhr mit +Krachen beim Postamt vor: da zeigte sich, daß sie ganz gefüllt war. Drinnen +saßen acht Personen, und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener +Mann mit einem Cäsarenprofil, den der Handlungsreisende fast für einen +Berufsgenossen gehalten hätte. Nur hatte er blaurasierte Wangen und +Bewegungen von unbekannter Spannkraft und Form. + +Kaum daß die Pferde stillstanden, stürzten über die Füße der andern hinweg +zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so daß die Kreuze der Rosenkränze von +ihren Hüften aufflogen, nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein +schöner bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah. + +»Nello!« rief eine Frauenstimme. »Hilf mir heraus!« + +»Laß lieber mich«, sagte ein hagerer Alter, weiß angezogen und rascher als +ein Jüngling; -- und er streckte eine faltige Hand aus, worauf ein großer +Brillant blitzte. + +Der Advokat bemerkte: + +»Aber das sind sie! Das sind die Komödianten. Ich als Vorsitzender des +Komitees muß sie begrüßen.« + +Er erhob sich und schwänzelte über den Platz. Die andern folgten im +Abstand. + +Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber wer sie von +hinten unter den Armen hielt -- der Advokat mußte auf halbem Wege stehen +bleiben -- das war, mit dem blonden Schnurrbart über dem roten Gesicht, der +Baron Torroni! Er wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die +Vogelschnäbel; und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines +unansehnliches Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, und die +Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen und dennoch bestürzten +Gesicht, kam der Tabakhändler Polli. + +»He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen?« rief der Apotheker. + +Der Tabakhändler gesellte sich ihnen zu. + +»Ach ja, das fragt nur! Die eine hätte mir fast einen Kuß gegeben: jene +große Schwarze.« + +»Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben!« meinte der Advokat. + +»Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in dem alten +Karren erzählt worden! Ich möchte wissen, ob die beiden Nonnen sie schon +kannten. Immer lauter haben sie gebetet, -- und seht nur, wie sie laufen!« + +»Wozu müssen diese heiligen Unterröcke immer unterwegs sein?« fragte der +Advokat. »Auf allen Straßen sieht man nur sie.« + +Polli raunte: + +»Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!« + +Die Gruppe der Bürger schielte zu den Komödianten hinüber. Der Advokat fand +es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, mit ihnen anzuknüpfen. Der +untersetzte Mann vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, ließ +den Kutscher das Gepäck herabheben. Den übrigen schüttelte der Baron +Torroni die Hände. Er versprach, ihnen seine Vögel ins Gasthaus zu +schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen und brach sich +einen Weg durch die Kinder und Mägde, die herumstanden. Wie er in seinen +Ledergamaschen auf sein Haus zuging, schlüpfte eine schwarze Gestalt heraus +und in die Kirche. + +Mehrere Geschäftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen zu sehen. +Der Kaufmann Mancafede bemühte sich längst um die seinen. Trotz aller +Spätsommerhitze war er in seiner dicken braunen Jacke. Das gewölbte Auge in +seinem alten Hasenprofil suchte ängstlich und zäh unter den Körben dort +oben. + +»Und das Petroleum?« fragte er gelassen und richtete seinen trockenen +Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat droben einen erbosten Sprung. Er +schrie hinab, für so viel Mühe sei er nicht bezahlt; diese Fremden hätten +Gepäck für einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit Leuten und +Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch das Petroleum sein. Und +durch den abfälligen Empfang, der ihm bereitet worden war, noch tiefer +gefärbt als sonst, schwenkte er die ausgebreiteten Arme tobend über der +Menge, vor dem blauen Himmel. + +Der Kaufmann prüfte ihn blinzelnd und wandte sich an den Tabakhändler. + +»Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.« + +Der Tabakhändler rötete sich. + +»Sagt die Evangelina es?« + +»Ja«, erklärte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit. + +»Und dann sagt meine Tochter auch, die Komödianten werden kommen . . . Das +sind sie wohl?« -- und zum erstenmal schien er sich umzusehen. + +»Meine Lina weiß, daß der berühmte Tenor Giordano dabei ist.« + +Plötzlich drehte der weiß angezogene Alte sich um. Leicht und doch groß +sagte er: »Das bin ich: der Cavaliere Giordano.« + +Ein Augenblick, und der Advokat war über die Hand des alten Sängers +hergefallen. + +»Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch unserer +Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. Wir verkehrten beide im +Café »zur alten Treue.« Wir spielten Domino, und ich besiegte Sie immer, +Sie zahlten all meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja, +das sind wohl dreißig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! Der +Ruhm, die Frauen, die großen Reisen! Das nenne ich Leben. Hier in der +kleinen Stadt: -- nun, Sie werden uns kennen lernen; auch wir können lustig +sein, auch wir wissen die Kunst zu schätzen. Meine Freunde werden glücklich +sein, Sie kennen zu lernen.« + +Er winkte sie herbei. + +»Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem Sie die Reise +gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anführer unserer bewaffneten +Macht . . .« + +Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretär, vorstellen zu müssen, +griff er aus den Umstehenden einen andern heraus. + +»Herr Chiaralunzi, höchst geschickter Schneider, der im Orchester das +Tenorhorn blasen wird.« + +»Und wie!« meckerte das hämische Stimmchen des Barbiers Nonoggi. + +Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich langsam und +ehrlich die Fremden an, -- und dann verbeugte er sich mit Wucht, daß die +Spitzen seines hängenden, rostroten Schnurrbartes schaukelten vor dem +kleinen unansehnlichen Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes +ihre Kameraden zusammen flüsterten und lachten, ganz allein; durch die +Taschenwände sah man, daß sie Fäuste machte; und ihre weit voneinander +entfernten Augen gingen kalt über die wachsende Menge, als prüfte eine +Macht die andere. Beim Anblick des vor ihr gekrümmten Schneiders bekam sie +unvermutet ein Kinderlächeln und gab ihm eine kleine graue Hand. + +Darauf schüttelte er die Rechte des alten Tenors, der über die andern +Sänger eine Gebärde beschrieb, ohne daß er dabei hinsah: wie ein Fürst, der +sein Gefolge vorstellt. + +»Herr Virginio Gaddi, Bariton.« + +Der untersetzte Mann mit dem Cäsarenprofil mischte sich, eine Hand in der +Hosentasche, unter die Bürger. + +»Fräulein Italia Molesin, Sopran.« + +Die derbe Schwarzhaarige lachte mit großen Zähnen allen zu und stieß dabei +kokett mit den Schultern, um den Schal zurückzuwerfen; denn sie trug einen +Schal, wie die Masse der Mädchen, und keinen Hut. + +»Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.« + +Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jüngsten Mannes sich ihnen +zuwenden. Weil es einfach und stark gemeißelt war, erkannten die am +weitesten Entfernten es, reckten sich und sagten laut: + +»O! Ist er schön!« + +Seine Augen dankten ihnen allen, ohne Überraschung und ohne Eifer, mit ein +wenig schwermütigem Spott. + +Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mädchen um, das für +sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf und sagte mit entzückter +Stimme: + +»Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Fräulein Flora Garlinda, eine +Künstlerin von unermeßlicher Zukunft, die Hoffnung der lyrischen Bühne +Italiens.« + +Dann sah er erwartungsvoll die Bürger an. Der Advokat, der ihr am nächsten +stand, fuhr ein wenig zurück; und dann huldigte er der Primadonna um so +ehrfurchtsvoller, je weniger er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie, +ob sie schon in der Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krümmte +den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er einen großen +Kratzfuß. + +»Ein Fräulein wie Sie muß wohl Liebhaber haben, so viele es nur will.« + +Sie lachte auf und ließ ihn stehen. Er schielte nach rechts und nach links, +ob man es gesehen habe; -- aber in diesem Augenblick schwankte die Menge: +jemand teilte sie, mit den Armen stürmisch über ihren Schultern rudernd. + +»Der Maestro!« + +Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war unter seinem +leichten blonden Bart ganz rosig bewölkt, sein verlegen ehrgeiziges Lächeln +zerging manchmal, und dann sah man, daß er zornig war. Er setzte an: + +»Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister . . . +Die von mir engagierten Künstler sind da, und niemand ruft mich? Herr +Advokat, ich muß Sie . . .« + +Der Advokat klopfte ihn auf den Rücken. + +»Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als Vorsitzender des +Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen gesetzt.« + +»Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann führen doch Sie den +Kapellmeisterstab!« + +»Seien Sie gut, Dorlenghi!« sagte der Apotheker, und Polli, der +Tabakhändler, meinte: + +»Das alles ist doch nicht der Mühe wert.« + +Der Musiker warf die Arme noch höher. + +»Nicht der Mühe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich nicht, Sie sind der +Cavaliere Giordano, und ich heiße Enrico Dorlenghi und bin Dirigent einer +Dorfkapelle, nichts weiter. Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten +in einem Winkel der Stadt, wo man nichts hört noch sieht, und habe an einer +Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der Kirche aufführen soll. +Inzwischen ernten diese Herren die Frucht meiner Bemühungen; denn ich bin +stolz, Sie, Cavaliere, unserer Bühne gewonnen zu haben, Sie und Ihre +Kollegen. Nicht der Mühe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis für +einen Verbannten, Geopferten --« + +Er ging mit dem alten Sänger um den Postwagen herum; seine keuchende Stimme +versank manchmal, denn das Volk schrie ihm zu. Viele schrien auf einmal +»bravo Maestro!« andere: »Seht, er ist verrückt geworden!« Und die meisten +wußten nicht, wer gemeint war, und riefen »he, Masetti!« nach dem Kutscher, +der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. Er saß mit ihnen fest; +Jungen krochen zwischen den Beinen der Menge hervor und kniffen ihn. Er +schlug aus . . . Inzwischen ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch +immer fuchtelnd. Plötzlich stand er vor der Primadonna. Wie der Cavaliere +sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf einmal verstummt, die +junge Sängerin sah aus, als gölte es: und die Hände, die sie sich hätten +reichen sollen, noch in der Schwebe, traten beide ein wenig zurück. Dann +begrüßten sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem +entschlossenen Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das Volk +gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte: + +»Ich würde mich an die >Arme Tonietta< nicht heranwagen, hätte ich für die +Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Fräulein Flora Garlinda.« + +Sie lächelte gnädig. + +»Auch Ihr Name, Maestro, fängt an, sehr bekannt zu werden. Noch neulich in +Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi . . .« + +Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte gingen aus, wie er +kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt Malandrini bot ihr eins +seiner beiden Zimmer an. Der große beleibte Mann war lautlos, man wußte +nicht wie, durch das Gedränge gelangt, lächelte breit und glatt und kannte +schon jeden beim Namen. + +»Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade muß ich den Handlungsreisenden +haben, der immer herkommt; und zudem ist ein Fremder da, der nichts tut: +sonst würde ich alle diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber, +Fräulein Flora Garlinda . . .« + +Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus zu gehen. + +»Der Direktor Cremonesi«, sagte angstvoll der Maestro, »gilt für +geschickt.« + +Der Perückenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf einem Bein und +empfahl sich den Künstlern. Er hielt einen Haubenstock und rief zärtlich: + +»O! welch schöne Perücke. Wie sollte einen Mißerfolg haben, wer solche +Perücke trägt!« + +»Was höre ich?« sagte der Wirt, »der Herr Cavaliere hat schon bei dem Herrn +Gemeindesekretär gemietet? Aber das Fräulein Italia Molesin? Verständigen +wir uns, Fräulein! Sie sind die Schönste von allen . . .« + +»Sein Urteil zählt«, sagte der Kapellmeister; »ich glaube, daß er als +Bühnenleiter heute --« + +»Und die Herren«, kreischte der kleine Barbier, »bitte ich, mir nur einmal +über die Wange zu streichen und dann zu sagen, ob man vermuten würde, daß +dort je ein Bart gewachsen ist. So rasiere ich!« + +»Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das Fräulein Italia und +der Herr Nello,« rief der Wirt, »das sind die geehrten Gäste der Herberge +»zum Mond«. Masetti, das Gepäck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!« + +Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie betastete, den +Fächer um den Kopf. Dazu lachte sie mit ihrer dicken Kehlstimme. + +»Ei seht, die Lustige!« schrie es. »Ist sie sympathisch!« + +»Aber seht das böse Gesicht der andern! Kann man so böse sein! Sie wird die +Hexen spielen;« -- und die Frauen traten ganz dicht an die Primadonna hinan +und starrten ihr tierisch feindselig in die Augen. + +»Ich werde dich nicht heiraten«, erklärte Alfò, der Sohn des Caféwirts, mit +seinem törichten Lächeln. Sie betrachtete ihn ohne Spott, die Hände in den +Manteltaschen. + +»Und ich dich nicht, du Schöner!« + +»Er ist nicht mehr schön«, sagte eine Frau und schlug sich auf die Brust. +»Der Schöne ist jetzt euer Tenor.« + +»Man würde sagen, ein junger Heiliger!« + +»Wäre er mein Sohn! Mein Sohn ist häßlich und schlägt mich.« + +»Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich küssen.« + +»O du Schamlose!« + +Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige. + +»Bravo!« sagten Männerstimmen. »Sie sind verrückt, die Weiber.« + +»Aber auch ich würde mich verlieben!« rief der biedere Baß des Apothekers +Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen Seiten und weithin, +verstört, selig, im Ton des Träumens: + +»Ah! seine Augen. Er sieht mich an!« + + * * * * * + +Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten wie auf der +Bühne, wenn der Beifall nur ihm galt; und die Arme verschränkt, die +Schultern hinaufgezogen, führte er sein leichtes und dennoch beschattetes +Lächeln über die Gesichter der Menge. Sie antwortete: + +»Es lebe der Gennari!« + +Die Jungen kreischten: + +»Er lebe!« -- und ein Händeklatschen, irgendwo ausgebrochen, griff um sich, +sprang über den Platz. + +Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und wie vom Turm nun +das Ave stieg, wendeten alle sich ab. Die Menge entfaltete, +auseinanderrauschend, zwei weite Flügel; zwischen ihnen, am Ende einer +stummen Gasse von Menschen, lag vor dem jungen Sänger die kahle +Kirchenmauer. Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen Klänge +der Höhe; unten das Staunen der Stille: und da ging dorthinten im +Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in Schwarz entlang. Sie war klein +und schlank, ging vor Eile ein wenig geneigt; und in dem schwarzen +Schleier, den die letzte Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein +weißes, weißes Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie +langte beim Portal an, stieg zwischen den Löwen hinauf, und schon schwamm +vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot und besonnt, ihr +großer Haarknoten, -- da wendete sie sich um, ganz um und sah von oben die +Menschengasse hinab. Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschränkt, +und sein wankendes Lächeln suchte in den Schleier einzudringen, zu jenem +verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . Ein Augenblick, dann endete +das Läuten, die Menge schloß sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der +Tenor all die Gesichter zurückgekehrt, die er vergessen hatte. + +Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte: + +»Ich war im Ort umher, nach Wohnungen für uns. Wer sich begnügt, zahlt +wenig.« + +»Gaddi, wer war jene Frau?« + +»Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er verliert seine Zeit +nicht.« + +»Wer war sie?« + +»Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: ich bin ein +Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die Meinen hier sein, vier +Köpfe, und es heißt ihnen Obdach schaffen. Ich suche einen gewissen +Savezzo, der Zimmer haben soll.« + +»Nichts gesehen! Und du mußt -- nein bleibe! Dies ist wichtig: ganz nahe +mußt du an ihr vorbeigekommen sein.« + +»An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, Nello, wirst +glücklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. Gehab dich wohl.« + +Und der Mann mit dem Cäsarenprofil nahm gesetzten Schrittes seinen Weg +wieder auf. Der Tenor drang planlos in die Menge ein. »An ihr +vorbeikommen«, dachte er. »Niemals werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn +ich sie wiederfinde, werde ich sie lieben: immer, immer.« Da schlug ein +riesiger Federfächer ihm eine parfümierte Luft ins Gesicht. Mama Paradisi, +flankiert von ihren beiden Töchtern, versperrte dem jungen Manne den Weg. + +»Das ist er!« flüsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend an +aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, ließen die Fächer ruhen +und die durchsichtigen Blusen sich heben und quellen. Der junge Mann hatte, +bevor ers wußte, entgegenkommend gelächelt. Mit Stimmen wie Federkissen +versicherten sie ihm, daß sie um seinetwillen ins Theater zu gehen +gedächten. + +»Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht laut klatschen, +uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?« + +Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit tiefen Blicken +in alle drei Augenpaare. + +Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. Dahinten, wo +ein Paar wachsblasser Hände durch die Luft schwangen, brach ein hohes, +zorniges Jammern an. + +»Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr Gesindel, den +Komödianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch am Schwanze Satans fest, +um desto sicherer zur Hölle zu fahren.« + +»Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt«, sagte jemand, und der Tenor sah +in ein Gesicht voll künstlich verwirrter Locken, mit einer pockennarbigen +Nase und einem linken Auge, das nicht stillhielt. + +»Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. Übrigens bin +auch ich ein Künstler, wir werden uns schon verstehen.« + +Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. »Was wollten sie von mir, diese +Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer gehe ich ihnen auf den Leim. Es +fängt an, mich zu ekeln . . . Aber sie? Wer war sie?« + +»Hören Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .« + +Aber die schwache wütende Stimme, die Stimme jener in der Luft stehenden, +rückwärts gekrampften Hände fuhr dazwischen; sie klang, als rennte sie in +einem hektischen Ansturm alles nieder. + +»Fort mit ihnen, ehe es zu spät ist! Sonst frißt die Sünde um sich, ihr +verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen haben! Und verdammt +sei, wer sie bei sich aufnimmt!« + +Mehrere Frauenstimmen antworteten: + +»Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.« + +Der junge Savezzo hob die Schultern. + +»Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der Herr Gaddi . . .« + +»Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, wer war sie?« + +»In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .« + +»Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.« + +»Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser Priester schreit! +und immer dasselbe, man versteht einander nicht.« + +»Sehr schlank, von sehr weißer Haut«, sagte flehend der Tenor. Die Miene +des andern blieb verschlossen. Plötzlich wendete er sich ab und machte +zwischen den Zähnen »oho!« + +»Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! möchte doch der +Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, ihr Blinden!« + +Und die Hände dort über den Köpfen schienen mit dem Himmel zu ringen in +letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim Sterben. + +»Solch ein Fanatismus wirkt abstoßend«, sagte der Advokat Belotti erstickt. +»Die Damen zweifeln doch nicht, daß uns trotz diesem traurigen Herrn aus +der Sakristei sehr wohl bekannt ist, was wir der Kunst schulden. Ich für +meinen Teil werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Fräulein +Flora Garlinda, mein Haus zur Verfügung zu stellen.« + +Die Primadonna erwiderte: + +»Ich danke Ihnen. Aber es würde sich für mich nicht ziemen.« + +Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor. + +»Wenn das Fräulein denn zu einem Junggesellen nicht gehen will: ich bin +verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare Familie, und wir wissen wohl, daß +die Kunst und das Laster zweierlei ist . . .« + +»Romolo!« rief es sehr scharf hinter ihm. + +»Meine Liebe?« -- und die Stimme des alten Kriegers versuchte tapfer zu +bleiben. + +Plötzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam Risse; einige +Jungen liefen heulend davon. + +»Der Priester hat sie ins Gesäß getreten«, sagte der Advokat. »Er geht zu +Gewalttaten über. Soll man seine Kinder von diesem Elenden mißhandeln +lassen?« + +Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers Nonoggi +zurück. Der Apotheker war fort und viele der nächsten hatten sich +unauffällig in das gelichtete Volk gemischt. Vor den Sängern lag ein freier +Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi durchmaß ihn allein. Er trat vor die +Primadonna hin; aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend, +als wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu sprechen. Er +rieb seine großen weißen Hände mit den Ballen aneinander, und sein +Lanzknechtschnurrbart schaukelte. + +»Weil nämlich doch das Fräulein, wie es heißt, die einzige unter den +Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl ich natürlich +nicht würdig bin, aber was meine Frau kocht, läßt sich essen, denn sie +kocht auf Genueser Art, denn sie hatte eine Tante in Genua . . .« + +»Und ich soll bei Ihnen wohnen?« + +»Ja, Fräulein, ja, das wollte ich sagen.« + +»Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei mir habe.« + +Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, wie auf einen +Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und schnellen Person her über den +Platz, von dem das Volk ablief. + +»Freilich blase ich das Tenorhorn«, sagte er. »Doch werde ich, um dem +Fräulein nicht lästig zu fallen, damit auf die Akropolis steigen.« + +»Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro übt euch?« + +»O! mich braucht er nicht zu üben. Denn ich selbst bin Chef einer kleinen +Bande und spiele des Sonntags in den Dörfern. Man lebt, wie man kann. Wäre +nur nicht die schlechte Konkurrenz! Denn das Fräulein hat wohl gehört, was +der Barbier Nonoggi über mich sagte. Denn er ist mein Feind. Denn auch er +hat solch eine kleine Bande . . .« + +»Aber der Maestro, wie ists mit ihm?« + +»Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium +studiert.« + +»Ah, er hat studiert.« + +»Er ist ein sehr großer Musiker und ein guter Mann.« + +»Vielleicht ist er ein sehr großer Musiker, -- aber ein guter Mann? Er hat +mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem andern etwas gönnt. +Ich würde ihm nicht zu sehr trauen.« + +Überrascht wandte sich der Schneider um und spähte von seiner Höhe nach dem +Gesicht, das solche ungeahnte Dinge sprach. Sie nickte ihm so fest und +streng in die Augen, daß ihm ein Schauer über den Nacken lief. + +»Wenn das Fräulein meint«, sagte er gehorsam. »Man kennt die Menschen +niemals ganz. Einst, beim Militär, hatte ich einen Freund . . .« + + * * * * * + +Sie betraten die Gasse der Hühnerlucia. Der Platz blieb fast leer zurück. +Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von Frauen zerteilt: »Kommt essen!« +und ringsum in die Dunkelheit getrieben. Ein Alter trippelte nach dem +Rathaus, zündete zwei Öllampen an und machte sich quer über den Platz an +die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom gelangte er nicht: der +Tenor Nello Gennari war plötzlich da und erschreckte den Alten. + +»Hört! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr müßt mir sagen, wer jene +schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave läutete, in den Dom.« + +Da der Alte nur grinste: + +»Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas Unbegreifliches. +Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, und niemand hat sie gesehen. +Gute Nacht, Alter, die ganze Welt ist stumm.« + +Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der Domtür, glitt +hinein. + +»Wenn sie noch da wäre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht aber war +sie ein Gesicht und nur ich hatte es?« + +Die schattigen Räume mit dem Blick durchirrend: + +»O Alba! Süßes Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe dich. Wenn ich dich +finde, will ich in dir verbrennen. Soll ich niemals lieben? Ich hasse die +Weiber, die ich gehabt habe. Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich +lieben, o Alba, immer, immer.« + +Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, ging beim +Glockenturm, wo es am dunkelsten war, irgend etwas hin und her, langsam +immer hin und her. Der Tenor machte sich rasch herzu. + +»Heda, guter Mann, sagt doch . . .« + +»Wie?« fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen. + +»Verzeihen Sie, Herr . . .« + +Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte er in einer Welt +von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte und die doch nur ihm galten. +Diese Stadt und das Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem +zum andern als einziger Fühlender zwischen verzauberten Steinen und fragte +nach der wunderbaren Frau. + +»Ich wollte nur . . .« stammelte er. »Mein Herr, ich bin fremd hier.« + +»Man weiß«, sagte der Kaufmann. »Der Herr ist einer der Komödianten.« + +»Sie werden auch begreifen, mein Herr, daß man in meinem Alter nicht immer +. . . daß man . . . O, mein Herr, sie ging in den Dom.« + +»Ah! in den Dom ging sie.« + +»Sie kennen sie?« + +»Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefällig zu sein, will ich mich bei +meiner Tochter erkundigen.« + +»Sie wollen . . . O!« + +Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, wer diese Tochter +sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. Er ließ geschehen, daß die +Schleier der Verzauberung wieder heraufstiegen. Mit beiden Händen umfaßte +er seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz. + +»O Alba! Süßes Morgenlicht!« + +Der Kaufmann kehrte zurück. + +»Meine Tochter weiß wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es Ihnen nicht.« + +»Warum nicht?« + +»Meine Tochter wird auch das wissen.« + +»Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, noch in der Domtür, +und sah mich an, mich allein.« + +»Sie hat Sie also angesehen.« + +Der junge Mann stampfte auf. + +»Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre Tochter! Aber sie weiß +gar nichts, Ihre Tochter!« + +»Oho!« + +Der Kaufmann verlor seine Trockenheit. + +»Wenn meine Tochter nichts weiß, dann haben Sie geträumt, junger Mann, und +es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, das weiß sie auch.« + +»Warum sagt sies also nicht?« + +»Soll sie jener Unglücklichen einen Menschen schicken, der sie verführt? +Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen für dergleichen. Aber wissen: o, +sie weiß alles.« + +»Mein Herr« -- und Nellos Stimme schmeichelte. »Hier habe ich einen schönen +Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden den Wert dieses Rubins zu bestimmen +verstehen. Wissen Sie, zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Für den Namen, +mein Herr, für den Namen!« + +»Lassen Sie doch sehen!« + +Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter die Lampe vor dem +Dom. Plötzlich sah er auf, mit schwarzen Runzeln über die Hornränder seines +Klemmers hinweg. + +»Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger Mann?« + +Nello errötete tief, zog den Finger zurück und machte sich mit einem +Gemurmel davon. + +»Ich bin ihrer unwürdig! Noch trage ich den Ring von der Frau des +Juweliers!« + +Und er suchte Dunkel auf. + +Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, über den Platz und zum Tor +stürmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in Papierdüten. Alle schrien: + +»Sie kommen! Es kommen noch mehr!« + +Sogleich klappten ringsum Fensterläden an die Mauern, und Licht fiel herab. +Die Häuser begannen sich wieder zu leeren von Neugierigen, die noch die +Münder wischten. Alle sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die +Arme nach dem Tor und lärmten mit. Denn immer lauter ward dorthinten das +Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln auf Holz, das Singen . . . +Und mit Rasseln, Knallen und Gebell und umtollt von den Windlichtern der +Jungen, brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen herein +-- niemand begriff etwas vor Buntheit -- fuhr mitten auf den Platz und war +da. Schon standen, rückwärts gebogen, junge Leute darum her und breiteten +Arme aus, lauter Arme, die sich wiegten; -- und auf allen Seiten des hohen +Stellwagens blähten bunte Röcke und Blusen sich auf, wie die Mädchen hinab +in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen darauf los, als sei ringsum +Wasser. Dann kletterten die Männer herab. + +»Die Choristen sind gekommen!« rief man den Häusern hinan; und die noch +droben waren, stiegen auf den Platz. Im Café ward es ganz hell. Der +Konditor Serafini im Corso mußte seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn +der Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedränge. Der Advokat +Belotti wand sich hindurch, er keuchte. + +»Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.« + +»Wir sind das Komitee«, heulten die Jungen ihm nach. + +Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste über den Köpfen. Der +Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo riefen ihren Freunden zu, die +Musikinstrumente zu holen. + +»Gott! Hilf noch dies eine Mal!« schrie eine Alte, die erdrückt ward; und +die Frau des Kirchendieners Pipistrelli: + +»Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir Sünder!« + +Im Café »zum Fortschritt« stand man Fuß an Fuß. + +»Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch!« riefen die vordersten; aber der +Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt und durfte nicht einmal +seinen Bauch darüber wegstrecken. Die gefüllten Gläser, die er hinhielt, +reichte einer dem andern. Er kam ins Feuer und verkündete dröhnend: + +»Für drei Konsumationen eine umsonst!« + +Draußen ließ sein Sohn, der schöne Alfò, sich vom Gewühl umherwerfen und +konnte nicht mehr zurück. Er lächelte töricht, sooft ihm eine Frau +begegnete; aber wie er der kleinen Rina, der Magd des Tabakhändlers Polli, +einen Kuß zuwarf, ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand +getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, schon im +Gäßchen der Hühnerlucia, und im Dunkeln auf seine Lippe biß. Der schöne +Alfò entschuldigte sich freundlich. + +»Das kommt von all den Mädchen, die hier sind, mein Herr. Man hat so viel +zu tun, wenn man schön ist.« + +Der Tenor sah ihn an. + +»Es muß ein gutes Leben sein,« sagte er auflachend, »wenn man schön ist.« + +»Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, und ich werde +doch nur die Schönste heiraten: Alba Nardini, die schöne Alba.« + +»Wie heißt sie, die Schönste?« + +Da brach die Musik los, als börsten alle Hörner. + +»Sie heißt Alba? Reden Sie doch!« + +Der schöne Alfò nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn weiter. Alles +stürzte vor. Um die Musik her begann ein Drehen: die Stadt tanzte. Sie +lärmte in der Nacht, war bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im +Nacken, mit von sich gestreckten und gerungenen Händen, ganz langsam in die +Gasse der Hühnerlucia hinein. + +»Sie heißt Alba!« + +Plötzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte schwarze Mauer +und weinte über das Wunder. + + + + +II + + +Um fünf, bevor es heiß ward, machte der Advokat Belotti, schon im schwarzen +Rock, der hinten spitz abstand, seinen Morgenspaziergang. Wie gewöhnlich +wollte er, um auf die Straße zu gelangen, durch den Garten des Palazzo +Torroni hinabsteigen; hinter einer Säule im Flur kam aber Saverio hervor, +der Hausmeister, Kammerdiener und Gärtner, und stellte die Hand an den +Mund. + +»Herr Advokat!« + +»Was gibt es, Saverio?« + +Da der Diener flüsternd sprach, tat auch der Advokat es. + +»Der Herr Baron ist die Nacht draußen gewesen. Noch immer ist er draußen.« + +»Ah! diese Jäger. Die Jagd, mein Freund, ist eine Leidenschaft, die einen +Mann ganz hinnimmt. Wenn ich Ihnen von mir selbst sprechen soll . . .« + +»Aber es handelt sich nicht um Jagd, Herr Advokat. Er ist ins Gasthaus »zum +Mond« gegangen und noch nicht wieder herausgekommen.« + +Der Advokat öffnete den Mund und erhob den Zeigefinger. + +»Schau, schau«, sagte er, -- und er begann zu lachen, zuerst ein lautloses +Lachen und dann wie ein heiser rasselndes, woraus Husten und Speien ward. +Als er zur Ruhe kam, mit aufgerissenen Augen: + +»Werden wir einen Skandal haben, Saverio?« + +Und er bot dem Diener die Zigarettenbüchse. + +»Die Frau Baronin schläft. Ich habe im Schlafzimmer des Herrn alles +umhergeworfen, als sei er früh aufgebrochen, und ich habe die Nacht bei der +Haustür verbracht.« + +»Wenn Sie nicht wären, Saverio! Möchte ers nicht zu weit treiben und +heimkehren, bevor alle auf der Straße sind. Ich gehe, damit uns niemand +beisammen sieht. Jetzt ist tiefes Schweigen geboten, Saverio.« + +Rückwärts machte der Advokat sich aus dem Hause. Den Morgenspaziergang +hatte er vergessen; der Schauplatz des Außerordentlichen verlangte seine +Gegenwart. Hinter ihm, im Corso, war ein eiliger Schritt: Don Taddeo. Der +Advokat grüßte herzhaft. + +»Ein schöner Morgen, wie, Reverendo?« + +Der Priester sah ihn an mit ganz roten Augen, zog die Soutane enger um +seinen mageren Körper, als fürchtete er eine Berührung, und -- klapp, klapp +-- war er um die Ecke. Der Advokat starrte hinterher. + +»Kaum daß er an die Kappe gegriffen hat. Weiß er --? Und er steckt mit der +Baronin zusammen. Wir werden einen Skandal haben.« + +Ungewöhnlich belebt, schwänzelte er den noch stillen Corso hin und drückte +sich, dem letzten Domfenster gegenüber, plötzlich um die Ecke, wo es +abwärts zum Gasthaus ging. Nun lag es da, noch halb schlafend, beim Rinnen +des Brunnens, an seinem kleinen strohbesäten Platz, mit den Ställen links, +der Weinlaube drüben, -- und im zweiten Stock stand ein Fenster offen. +»Sieh da,« sagte sich der Advokat, »sie lieben die frische Luft. Aber jetzt +wäre es Zeit, zu erwachen.« Er bückte sich nach einem Steinchen und warf +es, heftig keuchend, ins Fenster. »Sie scheinen recht sehr ermüdet und +werden auch wissen, wovon.« Wie er das zweite Steinchen auflas, erschien +unter dem Haustor neben dem Wirt Malandrini der Baron Torroni selbst. Er +war wie immer im braunkarierten Jagdanzug, mit der Flinte über der +Schulter, und stürzte sich schon ein großes Glas Wein in den Schlund. + +»Ah!« rief der Advokat sogleich. »Herr Baron, was für eine schöne und +gesunde Beschäftigung ist die Ihre! Wäre ich nicht an meine Studierstube +gefesselt --. Und wohin geht es an diesem glänzenden Morgen? Aufs Feld, +nach Lerchen? Wohl gar ins Gebirge gegen den Eber?« + +»Ich bin gekommen,« erklärte der andere, »um den jungen Mann abzuholen, der +hier wohnt: diesen Sänger --« + +»Den Herrn Gennari«, ergänzte der Wirt. »Ich werde Sorge tragen, daß er den +Herrn Baron nicht warten läßt. Bemühen Sie sich nicht!« + +»Er hat mir versprochen, sogleich fertig zu sein. Inzwischen gehe ich +voran.« + +Er drückte dem Advokaten die weiche Hand und verschwand rasch. + +Der Wirt räusperte sich vorsichtig. + +»Sehen Sie das offene Fenster?« + +Der Advokat zwinkerte. + +»Er ist gar nicht zu Hause gewesen«, sagte der Wirt. »Er ist überhaupt +nicht heimgekommen.« + +»Ah! dann ist es also nicht dieses Zimmer?« + +Malandrini zwinkerte. + +»Das ist das andere, daneben. Das Fräulein schläft jetzt weiter.« + +»Es scheint, sie hat es nötig. Ah! dieser Baron.« + +»Ein richtiger Edelmann«, bemerkte der Wirt. + +Sie sahen sich an, leise funkelnd. + +»Und der andere?« begann der Advokat wieder. »Der Komödiant? Auch er ist +draußen? Da gibt es vielleicht etwas noch Stärkeres? Mein Freund, mir +beginnt zu ahnen, daß wir Dinge erleben werden in der Stadt --« + +Der Wirt seufzte. Dann aber, mit Händereiben: + +»Das Gute ist dabei, daß wir ein wenig Bewegung herbekommen . . . +Entschuldigen Sie mich, ich decke lieber gleich selbst in der Laube die +Tische. Meine Frau wird erst spät herunterkommen. Sie schläft noch, denn +ihr ist etwas Außerordentliches zugestoßen. Wie ich die Augen öffne und sie +vergeblich an meiner Seite suche, tritt sie ins Zimmer, sieht verwacht aus +und erklärt mir, daß die Seele ihres Vaters sie hinausgerufen habe. Die +Seele habe verlangt, daß ich nicht geweckt werde. So viel Rücksicht!« + +»Das ist der Aberglaube der Frauen«, sagte zornig der Advokat. »Wie lange +noch werden wir ihre Erziehung den Nonnen überlassen! Sie glauben doch +nicht an diese alberne Geschichte, Malandrini?« + +»Wie werde ich. In den Frauen geht manches vor, was wir nicht kennen. Man +muß Geduld haben.« + +»Aber sagen Sie doch, dieses Mädchen! Gleich die erste Nacht! Hätten Sie +das etwa geglaubt, Malandrini?« + +»Warum nicht?« -- und der Wirt fuhr auf. »Ist das Gasthaus »zum Mond« denn +ein Kloster? Und übrigens, was weiß man. Nur was Sie erzählen, Advokat.« + +»Oh!« + +Der Advokat legte die Hand aufs Herz. + +»Dieser Priester scheint gewußt zu haben,« sagte er noch und drehte +nachdenklich von dannen, »warum er die Komödianten nicht zu seinen +Schäfchen hineinlassen wollte. Man muß zugeben, daß seinesgleichen sich auf +Menschen versteht.« + +»Wollen Sie auf die Straße?« rief Malandrini ihm nach. »Dann benutzen Sie +doch die Gartenpforte!« + +»Sie haben recht« -- und der Advokat kehrte um. »Man muß bei seinen ruhigen +Gewohnheiten bleiben. Seit siebenundzwanzig Jahren habe ich meinen +Morgengang nicht sechsmal versäumt, und ich hoffe ihn noch weitere +siebenundzwanzig Jahre zu machen.« + +Hinter dem Hause ging er den Weinhügel hinab, erreichte drunten die Straße +-- noch übergitterten die Schatten der Platanen sie dicht -- und nahm den +Hut ab, um sich zu trocknen. »Ah, hier atmet man. Solche Luft haben sie +nicht in den großen Städten, unsere braven Künstler . . . Der Baron weiß +diese Weiber zu nehmen, wie es scheint. Man sagt, daß er als Offizier --. +In Rondone soll er ein Kind haben . . . Aber schließlich, was ist dabei? +Alles wohl bedacht, könnte es sein, daß auch ich --. Der Junge der +Andreina, mag sie es mit der Treue auch niemals genau genommen haben, der +Junge wird mir jedes Jahr ähnlicher . . . soweit ein Bauer mir ähneln kann. +Damals warf ich die Andreina einfach in das Korn. Mit der Komödiantin muß +man es ebenso machen.« + +Er hielt an, sah angstvoll umher, wie nach einem passenden Platz, und +trocknete sich nochmals. Unter der Straße stiegen die Ölbäume, +schwachsilbern, die Erdstufen hinab und setzten über den Fluß, der um ihre +dunkeln Wurzeln glänzende Schleifen wand. Die letzten dahinten und die +weißen Gehöfte zwischen ihnen schienen vom Meer bespült: so tief blaute +schon die heiße Ebene. Über ihm blickte dem Advokaten die Stadt nach, aus +blinkenden Scheiben, Mauern, die zwischen zwei Zypressen ein wenig +klafften, und ganz schwarzen Torbogen. »Wo dieser Tenor steckt! Denn sagen +wir nur die Wahrheit: in einem Winkel der Stadt wird er wohl die Nacht +verbracht haben. Zu denken, daß er bei der Frau eines meiner Freunde ist, +-- der einen sehr guten Schlaf haben muß. Sollte es nicht der Polli sein, +mit seinem Schnarchen? Vergangenen Herbst hat er sogar beim Erdbeben weiter +geschnarcht! Vielleicht läßt sichs ihm ansehen. Das müßte man einem Manne +doch ansehen! Eh, eh, es hat sein gutes, als Junggeselle zu leben. In jedem +der Häuser dort oben kann jetzt der Komödiant seine Dinge treiben: nur in +meinem treibt er sie sicher nicht . . . Und beim Camuzzi? Wie steht es beim +Camuzzi?« Das aufgeblühte Gesicht des Advokaten fiel ein, da er an seinen +Feind, den Gemeindesekretär dachte. + +»Er verdient es wie kein zweiter, dieser Ignorant, dieser Unverschämte! Ah! +setze noch einmal dein höhnisches Lächeln auf, Freund, -- und aus deiner +Stirne sieht man es indessen keimen!« + +Der Advokat tat einen tiefen, glücklichen Atemzug. + +»Das ist wirklich ein sehr schöner Morgen.« + +»Aber leider«, bemerkte er dann, »scheint diese kleine Frau Camuzzi +zufrieden. Dem Severino Salvatori, der sie in seinem Korbwagen umherfahren +wollte, hat sie geantwortet: nicht einmal über den Platz bis vor die +Domtür! Und doch sollte ihre Mutter dabei sein. Aber die Camuzzi ist +bescheiden und stolz, sieht niemand an, geht immer nur zur Kirche. Nicht +viel, und sie gehört zu der Garde des Don Taddeo . . . Nein,« mußte der +Advokat erkennen, »von ihr läßt sich nur wenig hoffen.« + +Er richtete sich sogleich wieder auf. + +»Aber auch andere wären nicht zu verachten, und ich meinesteils hätte +nichts dagegen, wenn die Frau des Doktors --. Ah! die da ist eine +Lasterhafte: das fühlt man. Denn erstens ist sie zu dick, um tugendhaft zu +sein. Und hat sichs erst gezeigt, daß sie dem Komödianten Gefälligkeiten +erweist: -- denn was ist der Komödiant und sind andere etwa weniger gut? +Wenn ichs recht bedenke, hatte ich in betreff ihrer schon längst meine +Vorsätze gefaßt. Ihr Gatte soll sehen, daß der Zucker, den er bei mir +feststellen wollte, so etwas nicht verhindert. Zucker, wenn noch so wenig, +bei einem Mann wie mir! Und ich soll etwas dagegen tun! Der Doktor wird +sehen, was ich tue! Ah! Ah!« + +Er rieb die Hände, schwenkte sich herum und lachte keuchend nach der Stadt +hinauf. Dann fiel er in Nachdenken: sie sah ganz anders aus. Noch gestern +hätte man manches nicht für möglich gehalten. Natürlich gab es in ihr die +Dinge, die es überall gibt. Abgesehen von dem Hause in der Via Tripoli: +auch die Wäscherinnen auf dem Bäckerberg kannte jeder; und der Advokat war +persönlich besonders gut unterrichtet über die Witwe eines städtischen +Zollbeamten, die vorgeblich Hüte aufputzte. Ferner bestanden die Gerüchte +bezüglich der Mama Paradisi und des alten Mancafede; neuerdings und +halblaut auch die über Frau Malandrini und den Baron Torroni, -- die der +Advokat seit heute früh für unwahrscheinlich hielt. Jetzt aber handelte es +sich nicht mehr um die oder jene. Kaum eine blieb, nun der Komödiant +umging, noch unerreichbar; und das Prickelndste wäre vielleicht dennoch +gewesen, wenn im selben Augenblick, wo der Baron Torroni seine Frau mit +jenem Mädchen hinterging, die Baronin es ihm mit dem Tenor vergolten hätte! +Der Advokat ward erfinderisch, sein Geist schweifte aus und verwandelte die +Stadt in sein freies Jagdgebiet. Dem Komödianten folgte er selbst auf dem +Fuße, in jedes Schlafzimmer. Vor dem der Baronin hatte er eine alte Scheu +zu überwinden; aber dann hüpfte er, mit einem Schnippchen, auch über diese +Schwelle. + + * * * * * + +Von seiner Phantasie verjüngt, war er dahingeeilt, ohne zu merken, wie +seine Arme ruderten und wie es unter seiner Perücke hervortroff. Auf +einmal, schon hinter dem öffentlichen Waschhause und auf halbem Weg nach +Villascura, sah er sich dem Komödianten gegenüber: ihm selbst. Jener grüßte +und wollte langsam vorbei; aber der Advokat fuhr auf, nach Luft schnappend. + +»Das ist doch . . . da sind Sie: also, da sind Sie.« + +»Da bin ich, zu Ihrer Verfügung«, bestätigte der Tenor. + +»Das heißt,« -- und das lederfarbene Gesicht des Advokaten ging in ein +zynisches Lächeln auseinander, »wer weiß, zu wessen Verfügung Sie hier +sind.« + +»Was wollen Sie sagen?« fragte der junge Mann. Unvermittelt ward er drohend +aussehend. + +»Nichts, o nichts. Sie gehen spazieren, wie ich bemerke, Herr Gennari. Sie +sind früh auf. Ich habe, müssen Sie wissen, die kleine Eitelkeit, jeden +Morgen der erste draußen zu sein: aber was tut es einem Manne Ihres Alters, +auch einmal um fünf das Bett zu verlassen, wo er eine glänzende Nacht +verbracht hat.« + +»Meine Nacht«, sagte der Tenor mit feindseliger Zurückhaltung, »war sehr +wenig glänzend. Gestern abend empfand ich ein Bedürfnis spazieren zu gehen +und wich dabei von der Straße ab. Dann bedeckte sich, wie Sie wissen, der +Himmel, ich fand nicht mehr zurück und habe irgendwo dort unten in den +Weinfeldern mich schlafen gelegt. Sie sehen die Erde an meinen Kleidern.« + +Der Advokat wandte ihn um und musterte alles. + +»Das ist erstaunlich.« + +Darauf machte er eine gleichgültige Miene. + +»Sie haben also ausgeruht. Dann schlage ich Ihnen vor, mich zu begleiten. +Ich zeige Ihnen unsere Gegend, mein Herr. An Villascura werden Sie +vorbeigekommen sein, wie?« + +»Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie meinen. Ich sagte Ihnen schon, ich war +dort unten.« + +Der Advokat sah ihn vorwurfsvoll an, zog schweigend einen Taschenspiegel +heraus und hob ihn vor das Gesicht des andern. + +»Was soll das?« fragte der Tenor, aber er sah hinein, -- und er fand seine +Augen darin noch finsterer, als er sie gewollt hätte, denn sie waren +umrändert und das Gesicht sehr blaß. Aus seiner körnigen Marmorblässe war +die Wärme gewichen, und die schwarze Haarwelle über der Stirn, die Barren +der Brauen, der dickrote Mund sprangen gewaltsam hervor aus dem grellen +Weiß. + +»Ich sage nicht,« erklärte der Advokat, »daß es Ihnen schlecht stehe, +übernächtig auszusehen. Der Schönheit von euch Jungen schlagen die +Strapazen eurer Nächte gut an. Wehe uns reifen Männern! Aber was ich +andeuten wollte: ein ruhiger Schlaf auf der weichen Erde des Weinackers, in +lauer Nachtluft, hätte Sie schwerlich so zugerichtet.« + +Er streckte, bevor der andere aufbrausen konnte, beide Handflächen hin. + +»Mein Herr, Sie halten mich offenbar für Ihren Feind. Ich bin nicht Ihr +Feind, mein Herr. Im Gegenteil, ich billige durchaus, daß die jungen Leute, +noch dazu wenn sie Künstler sind, sich unterhalten. Was tut es übrigens +mir, der ich Junggeselle bin. Meine verheirateten Freunde freilich werden +in ihrer Anerkennung nicht so weit gehen« -- und der Advokat wagte wieder +ein Lächeln. + +»Also ich bin Ihr Freund, mein Herr, und wenn Sie mir -- als Gentleman +werden Sie es natürlich nicht tun -- verraten würden, in welchem Hause +unserer Stadt Sie diese Nacht verbracht haben: Sie könnten sich verlassen +auf den Advokaten Belotti.« + +Die Miene des Tenors rüstete plötzlich ab, er sah friedlich, sogar +unbeteiligt aus. + +»Ach so«, machte er. »In der Stadt glauben Sie --. Warum auch nicht?« + +Und er begann zu lachen, mit leichter, heller Glockenstimme. Der Advokat +rieb sich die Hände. + +»Sehen Sie wohl? Wir fangen an, uns zu verstehen. Wie sollten übrigens zwei +Männer wie wir sich nicht verstehen, wenn es sich um die Frauen handelt.« + +»Sie haben recht!« und der Tenor lachte stärker. Der Advokat stieß ihm +seinen Zeigefinger vor den Magen. + +»Ah! Spaßvogel! Unsere Stadt gefällt Ihnen wohl? Sie ist klein, aber das +hindert uns keineswegs an eleganten und heiteren Sitten. Unsere Frauen: +nun, wir sind unter uns jungen Leuten, nicht wahr?« + +»Freilich! Sprechen Sie!« + +»Wenn ich dürfte! Nur das eine: die, bei der Sie diese Nacht waren, bin ich +sicher, auch meinerseits zu kennen.« + +»Ich bin davon überzeugt!« rief der Tenor und lachte beinahe verzweifelt. + +Der Advokat war ganz in Feuer, er schlug die Luft mit beiden Handrücken. + +»Sie würden staunen, wollte ich Ihnen die volle Wahrheit sagen über mich +und über die jüngeren Kinder unserer besten Familien.« + +Er war stehengeblieben und zeigte dem jungen Manne seine aufgerissenen +Augen, die nicht zuckten. + +»Sie sind bewundernswert«, versetzte der Tenor mit Nachdruck, und sie +gingen weiter. Als der Advokat verschnauft hatte: + +»Daß ich nicht vergesse, in Villascura Eier zu kaufen.« + +»Was haben Sie mit Ihrer Villascura?« + +»O! Sie werden schon wieder so düster, wie der Name der Villa. Er gefällt +Ihnen nicht? Ich bringe von dort, um den Stadtzoll zu sparen, meiner +Schwester zwei Dutzend Eier mit. Es ist eine Gewohnheit.« + +»Aber diese Villascura ist nirgends zu sehen. Wie lange sollen wir denn +gehen?« + +»Warten Sie, bis die Straße sich um den Berg wendet! -- und betrachten Sie +inzwischen diese schönen Maispflanzungen, die Ölhaine bis weit ins Tal +hinein: sie gehören zu der Villa, die Sie nicht leiden mögen, mein Herr. +Der Herr Nardini ist unser größter Ölproduzent: dreihundert Hektoliter +jährlich. Obwohl er mein politischer Gegner ist, werde ich niemals leugnen, +daß er seine Geschäfte versteht und dadurch der Gegend nützt. Was seine +Gesinnungen betrifft, so sind sie beklagenswert. Dieser verstockte Alte +gibt sich als Stütze der hiesigen Priesterpartei her. Dabei hätte er, fünf +Jahre sinds, Minister werden können! Die Bedingung war einzig, daß er seine +Enkelin mit dem Neffen des ehrenwerten Macelli verheiratete, eines großen +Tieres aus der Deputiertenkammer, -- und daran scheiterte der Plan, denn +der alte Nardini ist darauf versessen, die Alba ins Kloster zu sperren. +Warum erschrecken Sie denn?« + +»Ich erschrecke nicht. Ein Stein hat mir weh getan; diese Schuhe taugen +nicht für das Land.« + +»Aber unsere Straßen sind gut! Es sind Distriktstraßen, -- und nicht länger +als sieben Jahre ist es her, daß die Regierung zu ihrer Erneuerung fast +hunderttausend Lire ausgegeben hat.« + +Der Advokat ließ mit der großen Zahl seinen Mund losgehen, wie eine Kanone. + +»Dazu kommt, daß die Vizinalwege, auf meinen Antrag und gegen den Rat des +Gemeindesekretärs, zu gleichen Teilen von der Stadtgemeinde und der Frau +Fürstin Cipolla --« + +»Gibt es denn ein Frauenkloster hier?« fragte der Tenor. + +»Warum? Die Frau Fürstin, deren Besitzungen in dieser Gegend ich zu +verwalten die Ehre habe, lebt in der großen Welt, in Rom, mein Herr, in +Paris . . . Aber natürlich, auch ein Frauenkloster haben wir, obwohl wir +besser etwas anderes dafür hätten; und ich werde es Ihnen zeigen. Sie +denken wohl Ihre Künste an jenen heiligen Unterröcken zu erproben? Ah! er +schreckt vor nichts zurück. Aber das eine dürfen Sie immerhin verraten: die +Dame der vergangenen Nacht wird dick gewesen sein, wie?« + +»Wer weiß.« + +»Denn ich verstehe mich darauf: Sie sind ganz der Typus der Dicken, -- die +übrigens am wenigsten Widerstand leisten, wie allgemein bekannt. Aber hier +stehen wir vor der Villa, die Ihnen unauffindbar schien. Und da Sie sich in +der Gesellschaft des Advokaten Belotti aufhalten, ist es Ihnen erlaubt, +mein Herr, die Pforte zurückzustoßen und zwischen diesen langen Hecken den +Duft der Rosen zu atmen.« + +Der Advokat faßte Fuß und atmete geräuschvoll. + +»Scheint es nicht ein Traum? Am Ende dieses Ganges von Rosen und Zypressen +das stille Haus, mit seinen zwei weit vorgreifenden Flügeln und dem +verschwiegenen Trakt in ihrer Mitte, tief dahinten in grünlicher Dämmerung, +unter der Bergwand! Wenden Sie nicht ein, solche Lage nach Norden sei +ungesund: ich weiß es zu gut; -- aber wie poetisch ist dieser Schatten, +feucht duftend, durchrauscht vom Wasserfall, über dem Sie dort oben unser +neues Elektrizitätswerk erblicken, und erfüllt mit Blumen. Ah! mein Herr: +Blumen, Musik und Frauen!« + +Plötzlich begann er durch die Hände zu keuchen: + +»He, Niccolo! die Eier!« + +Indes der Bursche näher kam, wickelte der Advokat hinter sich ein langes +Netz hervor. + +»Daß du mir frische gibst, Niccolo! Daß du richtig zählst: zwei Dutzend!« + +Er rief hinterher: + +»Die Frau Artemisia denkt noch immer an jenes fertige Kücken, das in einem +deiner Eier auf den Tisch kam.« + +Dann faßte er den Tenor unter den Arm. + +»Kommen Sie doch, mein Freund! Warum so schüchtern? In meiner Begleitung +sind Sie hier zu Hause.« + +Nello Gennari strengte sich an, sein Zittern zu unterdrücken. Er erschrak +vor den Farben der Rosen, die in der Nacht, als er hier gekniet hatte, +erloschen gewesen waren. Das Haus war, dort innen zwischen seinen beiden +Flügeln, so schwarz gewesen, wie die Luft, und in jenem Winkel hatte, starr +und weich, das fast erstickte Licht gezögert, zu dem er gebetet hatte. + +Der Advokat führte ihn, seitwärts vom Hause, gegen die weiße Balustrade +hinauf. Die Büsche an der Treppe spritzten Tropfen, da Nello sie streifte, +und droben ließ der Geruch uralter, nie besonnter Zypressen ihn erschauern, +wie vor dem Grabe. Die schweren Bäume erstiegen, eine Schar düsterer +Pilger, in Paaren den Berg, und aufgehalten durch Klüfte, zerstreuten sie +sich, um, seltener und schwächer, die Kuppe zu erreichen. Ein fast +fensterloses Gemäuer starrte vom Rande des Felsens, dessen graue +Ausbuchtung es verlängerte, senkrecht auf die Villa herab: wachend und +drohend. + +»Das Kloster«, erklärte der Advokat. »Die hier können es aus ihren Fenstern +sehen und sich mit den heiligen Unterröcken guten Tag sagen. Sie tun es +auch, sie gehören zur Familie, -- und jede Frau dieses Hauses zieht +schließlich in jenes hinauf.« + +Er führte den jungen Mann eine Strecke fort und raunte: + +»Schon die Frau des Alten ist dort oben gestorben. O, das sind Geschichten, +die niemand mehr verbürgen kann. Sie soll ihm entflohen sein, mit einem +Offizier; und als sie, krank und reuig, zurückkam, hat er sie da oben +einquartiert . . . Auch seine Tochter ist, als ihr Mann tot war, +hinaufgestiegen und hat droben schnell geendet. Warum sterben hier alle, +sind traurig und halten es mit den Priestern? Es wird am Schatten liegen; +denn kaum, daß den Rand des Gartens zur Mittagsstunde ein wenig Sonne +berührt; -- und man mag sagen, was man will, das Leben im ewigen Schatten +verdirbt das Blut und verschlechtert den Charakter. Wollen Sie ein +Beispiel? Gehen Sie nach Spello hinunter: es liegt in der Sonne. Alle +Männer haben dort Tenorstimmen, alle Frauen sind dick und schön. Gegenüber, +am Nordabhang, ist Lacise. Nun wohl, mein Herr: die Frauen von Lacise sind +gelb und schmutzig und die Männer allesamt Räuber.« + +»Jawohl, jawohl. Aber Sie sagten, daß aus diesem Hause jede Frau dort oben +--« + +»Jede kommt ins Kloster,« -- und der Advokat schob mit gespreizter Hand +alle Hoffnung fort. + +»Aber heutzutage --« + +Nello mußte hinunterschlucken. + +»-- ist man aufgeklärt, nicht wahr?« + +Da der Advokat nur die Luft ausstieß: + +»Auch wird ein alter, alleingebliebener Mann sich nicht früher als nötig +von seiner Tochter trennen.« + +»Nötig? Sie wissen also nicht, was solch ein Fanatiker nötiger hat: die +Liebe einer Tochter oder den Segen der Pfaffen? O! mein Herr, es ist nur +allzu gewiß, daß unserer Gegend ein großer Schade bevorsteht und eine +unserer reichsten Erbinnen in sträflicher Weise der Welt, der bürgerlichen +Gesellschaft, dem Familienleben und dem gemeinen Nutzen entzogen werden +wird!« + +Die Miene des Fremden hatte auf einmal etwas Dunkles und Höhnisches. + +»Gewiß wartete schon mancher auf sie? Und in der Stadt werden Sie einen +Zirkel haben, wo Alba als junge Frau getanzt und Gedichte hergesagt hätte? +Und den Armen hätte sie Suppe gekocht? Hätte auch Liebhaber gehabt? +Vielleicht Sie selbst, Herr Advokat?« + +»Eh! weiß man das jemals?« keuchte Belotti und riß Schultern und Arme +zurück. Der junge Mann wendete sich umher. Aber auflachend: + +»Auch die Klöster wollen leben; und dort oben wird sie wenigstens allein +und frei sein!« + +Ah! tausendmal lieber wollte er sie dort oben verschwunden, begraben +wissen, als lebend unter Gemeinen, auf gemeinen Plätzen, in gemeinen Armen! + +»Sie wird rein sein«, dachte er, indes der Advokat ihn enttäuscht +betrachtete, -- und wunder und bebender: »Nie werde ich sie wiedersehen. +Aber auch kein anderer wird sie sehen.« + +Da sprang er zurück und griff nach dem Geländer. + +»Was ist geschehen?« fragte der Advokat erschreckt. Der Tenor hielt die +Hand aufs Herz gedrückt und antwortete nicht. Der Advokat folgte seinem +verstörten Blick, der in die offene Terrassentür ging. + +»He! Niccolo! da sind wir«, rief er, und der Bursche kam hervor mit dem +gefüllten Netz. + +»Ah, Sie sind schreckhaft, junger Mann,« -- und Belotti klopfte Nello auf +die Schulter. »Sie haben Nerven: wie alle Künstler. Man weiß auch, wovon.« + +Er zwinkerte und klopfte. Nello entriß ihm die Schulter. Er beugte sich +über die Balustrade und schloß die Augen. Sie hätte es sein können! Was +sollte geschehen, wenn er sie wiedersah! Schon diese Nacht, verlebt in +ihrem Bereich, unter Dingen, die ihre waren, hatte ihn entzückt und +erschöpft. + +Er stieg, unbeachtet von den beiden, die über den Preis der Eier stritten, +in den Garten hinab. War nicht dies die Bank, auf der er geruht hatte und +wo gewiß auch sie sich niedersetzte? Im Dunkeln hatte er auf dem Wege nach +einer Spur ihres Fußes getastet, hatte seine Hand darin gekühlt und seine +Lippen darauf gedrückt. Wo war nun die Spur? + +»Habe ich sie mir denn vorgetäuscht? Ach, ich schmeichelte mir auch, der +Nachtwind bringe mir den Duft ihres Zimmers: ihren Duft; und bloß das Beet +hier war es, das ich roch. Ich bin ein Narr, bin lächerlich. Habe ich nicht +auf diesen Brunnenstufen zu sterben gedacht -- und von ihr gefunden zu +werden, wenn sie am Morgen die Frische des Quells aufsuchte? Jetzt ist es +schon heiß, mich dürstet, und ich fühle mich, noch unter ihren Fenstern, so +fern von ihr und allein.« + +Er sah in der Schale, woraus er trank, seine schmerzerfüllten Augen, hörte +auf den begrünten Quadern, die Zypressenreihe entlang, seinen dumpfen +Schritten zu und fand die kleine Pforte wieder, die er schon bei tiefer +Nacht in den Angeln gehoben hatte, damit sie nicht knarrte. Auf der +Landstraße ging er rasch davon; und im Gehen breitete er die Arme aus, und +nun wieder, und schüttelte dazu den Kopf. + + * * * * * + +Als der Advokat Belotti ihn einholte, sah Nello verwirrt umher: wo war er +doch? + +»Mein armer junger Freund, Sie müssen taub geworden sein; ich schreie und +schreie: Sie laufen immer rascher . . .« + +Da der Tenor sich nicht entschuldigte, tat Belotti es. Er habe warten +lassen; aber wenn man wüßte, wie genau seine Schwester es mit den Eiern +nehme; -- und er wog das Netz in der Hand. + +»Die schlechten muß ich bezahlen. Ah, die Frauen! Aber beachten Sie das +städtische Waschhaus! Ich bin es, der seine Errichtung beantragte und, +wieder einmal dem Ignoranten Camuzzi zum Trotz, durchgesetzt hat. Es hat +mir Genugtuung bereitet, zum Wohl der Frauen arbeiten zu können, und sie +sind mir erkenntlich dafür, sie verbreiten meinen Ruf als Volksfreund. +Guten Tag, Fania, guten Tag, Nanà!« + +Der Barbier Nonoggi kam ihnen entgegen. Er ging wippend und ganz auf die +linke Seite gelegt. Rechts trug er seine abgeschabte Ledertasche und +schwenkte sie bei jedem Schritt, indes der linke Arm steif blieb. Bis auf +den Boden zog er schon von weitem den Hut, grimassierte und krähte dazu. + +»Guten Morgen den Herren! Welch glänzender Tag. An solchem Tage stirbt man +nicht!« + +»Wir denken nicht daran, Nonoggi«, erwiderte der Advokat. »Ihr geht wohl +zum Nardini? Grüßt ihn von mir: ich sei heute bereits in Geschäften bei ihm +gewesen.« + +»Sie sehen schlecht rasiert aus«, sagte der Barbier zu Nello Gennari. »Das +mißfällt den Frauen, mein Herr. Wenn Sie sich mit dem Sitz auf jenem Stein +begnügen wollen -- er ist im Schatten --, bediene ich Sie sogleich . . . +Sie wollen nicht? Sie haben unrecht. Wir sehen uns also ein andermal. Euer +Diener, ihr Herren!« + +Der Advokat rief ihn zurück. Er wartete, bis der Barbier nahe herangekommen +war, sah sich um und sagte halblaut: + +»Nonoggi, habt Ihr den Baron gesehen? . . . Ich auch schon. Nonoggi, es ist +etwas vorgefallen zwischen ihm und jener Fremden im »Mond«, der Komödiantin +. . .« + +»Ah! Ah!« + +Der kleine Mann riß seine unsauberen Augen auf und zu. Er zuckte; die roten +Rinnsale in seiner Gesichtshaut führten blutige Tänze auf. + +»Nonoggi,« fuhr der Advokat fort, »wir müssen in dieser Sache sehr +vorsichtig sein: es ist eine so alte Familie. Ihr erfahrt es doch, daher +erbitte ich Euer Schweigen.« + +Der Barbier hatte schon längst die Hand auf dem Herzen; er hüpfte, +dienerte, machte den Mund rund und streckte den Arm mit der Tasche von +sich. + +»Wie es bedauerlich ist,« sagte er, »wenn selbst die Herren sich vergessen. +Andererseits sieht man es gern. Genug, wir werden schweigen. O! der Herr +Advokat kennt mich, wie ich ihn kenne.« + +»Wir haben sonst nicht mehr und nicht weniger als einen Skandal, Nonoggi, +-- obwohl es eine verzeihliche Verirrung ist. Aber wir müssen mit Leuten +wie jener Priester rechnen.« + +»Ob wir damit rechnen, Herr Advokat! Was würde sonst aus uns selbst? Würde +unsereiner der Schwäche seines Fleisches immer widerstehen? Denn was +insbesondere die Perückenmacher angeht, so haben sie alle häßliche Frauen. +Es ist sonderbar, es ist rätselhaft, aber es ist eine Tatsache.« + +Er spreizte die Hand aus. + +»Lachen Sie nicht, Herr Künstler! Denn ich sage die reine Wahrheit. Wenn +wir unsere Frauen heiraten, scheinen sie uns schön, und nachher sind sie +häßlich. Sehen Sie sich die Familien aller Barbiere der Stadt an: die Frau +des Bonometti, des Druso, des Macola, oder meine eigene. Nein! die sehen +Sie lieber nicht an. Ich selbst sehe sie gar nicht mehr an, aus Furcht, sie +abzunutzen.« + +Er riß den Mund bis ans linke Ohr hinauf, schwenkte Hut und Tasche und lief +weiter. + +Mitten im Gelächter gewahrte der Advokat das Stadttor, faßte sich und +schlug einen seiner Rockflügel über das Netz mit Eiern. Er beeilte sich +nicht sehr. + +»Es ist immerhin besser, die Form zu wahren. Aber man kennt mich, und +niemand würde wagen --« + +Der Beamte des Stadtzolls legte zwei Finger an seinen Federhut; der Advokat +sagte gnädig: + +»Guten Tag, Cigogna.« + +Und zu seinem Begleiter ein wenig von oben: + +»Sehen Sie?« + +Leise pfeifend zog er die Eier wieder hervor. + +Aber in der Gasse wandten sich Leute nach ihnen um, und zwischen den +zusammengelehnten Fensterläden sah der Advokat mehrmals aus weißen +Gesichtern begierige Augen auf seinen Gefährten herablugen, der nicht den +Kopf hob. Da nahm der Advokat den Arm des schönen jungen Menschen, sprach +und lachte über ihn gebeugt und ganz mit ihm verbrüdert. Wie sie, am +Ausgang nach dem Platz, die halbrunden Rathausarkaden abschritten, trat auf +den Balkon des zweiten Stockwerkes sanft singend die junge Frau Camuzzi, +hinter einem großen Fell, das sie ausgebreitet hielt und schüttelte. Sie +ließ es sogleich sinken. + +»O! entschuldigen Sie, Herr Advokat. Ich hatte Sie nicht gesehen.« + +»Machen Sie nur! Es ist mir eine Ehre«, rief der Advokat zurück und sprang +umher, um dem fliegenden Schmutz zu entgehen. Frau Camuzzi blieb über das +Fell gebeugt, das nun auf dem Gitter lag, war errötet und sah unverwandt +dem Begleiter des Advokaten in die Augen. Der Tenor zog den Hut. Sie dankte +langsam und sehr ernst. Der Advokat schnaubte nach dem Staube, durch den er +gekommen war. Bevor sie das Café erreichten, blieb er nochmals stehen und +flüsterte, Takt schlagend: + +»Überlegen wir ein wenig: wäre es nicht eine wahre Schande, wenn ein +Ignorant wie der Camuzzi eine solche Frau hätte, ohne auf die Dauer von ihr +betrogen zu werden? Aber so sind nun die Frauen: gerade diese ist die +treueste von allen.« + +In diesem Augenblick erschien hager, in Weiß wie gestern und mit noch +dickeren Säcken unter den Augen als gestern, der alte Tenor Giordano im Tor +des Rathauses und hob langsam, damit der Brillant Zeit zu funkeln habe, die +Hand an den Hut. + +»Ah! Cavaliere.« + +Der Advokat stürzte sich auf ihn. Er keuchte am Ohr des Alten: + +»Sie haben das Glück, Cavaliere, bei einer unserer hübschesten Frauen zu +wohnen. Von einem Manne wie Sie erwartet man, daß er solch Glück nicht +ungenützt vorbeiläßt! Alle Augen sind auf Sie gerichtet!« + +Der Alte winkte leichthin, als seien so viele Worte nicht nötig, -- aber +der Advokat legte, zurückweichend, den Kopf in den Nacken. + +»Ist es möglich! Was ist das, was bedeutet das!« + +»Wissen Sie das nicht?« fragte der Cavaliere Giordano. »Eine Bogenlampe.« + +»Ich sehe es zu gut,« sagte der Advokat dumpf, »eine Bogenlampe. Aber eine +Bogenlampe, mein Herr, die ohne mein Wissen hier aufgestellt ist. Es muß +über Nacht geschehen sein, und ich erkenne in diesem Streich die Hand des +Camuzzi. Er hat den Augenblick benutzt, wo ich mich der Kunst widmete. Ein +öffentlicher Mann, mein Herr, ein Staatsmann kann nicht wachsam genug +sein.« + +Aus der Gasse der Hühnerlucia kam, festen Schrittes und eine Hand in der +Hosentasche, der Bariton Gaddi. Untersetzt pflanzte er sich bei den andern +auf und sagte mit seiner ehernen Stimme: + +»Wir sind doch wohl die ersten? Nello natürlich infolge eines Abenteuers, +ich, weil mir meine Familie keine Ruhe läßt, -- und im Alter des Cavaliere +schläft man nicht mehr lange.« + +Der alte Giordano zog eine Grimasse. Gaddi erhob sein massiges +Cäsarenprofil zu den Gebäuden ringsum und erklärte die Stadt für +interessant. Der Advokat Belotti beschwor die Herren, sich von ihm +umherführen zu lassen: sie würden es nicht bereuen, er sei Spezialist für +die Geschichte der Stadt, und das Material zu einem ungeheuren Werke liege +seit zwanzig Jahren in seinem Schreibtisch. + +Zuerst las er den drei Komödianten die lateinischen Inschriften vor, die +auf alten Marmorbrocken in der Fassade des Rathauses staken. Um eine hoch +angebrachte lesen zu können, mußten sie einem Burschen, den der Advokat +herbeirief, auf die Schultern klettern. Auch von dem alten Giordano +verlangte Belotti es und machte eine erstaunte Pause, als der Greis sich +weigerte. Die Stadt hatte ältere Ursprünge als Rom! Jahrhundertelang hatte +ein Venustempel ihren Platz eingenommen. + +»Ihren ganzen Platz! Denn das unsere war eins der größten Heiligtümer der +Göttin, aus ganz Italien strömten ihre Verehrer herbei.« + +Die drei horchten auf. Der Bariton bemerkte: + +»Das muß ein glänzendes Geschäft gewesen sein.« + +»Ah!« machte der Advokat entzückt und klagend, als habe er den Verfall der +Zeiten miterlebt. »Das war etwas anderes als jetzt, wo die Stadt eine +kleine Einnahme --« + +Mit der Hand am Munde: + +»-- nur aus dem Hause in der Via Tripoli bezieht.« + +Die drei nickten stumm. + +»O, eine elende Kleinigkeit! Damals aber: stellen Sie sich, meine Herren, +in den Gärten, die diese ganzen Hänge bedeckten, das Heer der Priesterinnen +vor!« + +Allen drei war anzusehen, daß sie sich die Priesterinnen vorstellten. Nello +Gennari hatte erweiterte Augen und einen bitteren Mund. + +»Bis nach Villascura dehnten ihre Wohnungen sich aus. Ja, wir haben Beweise +dafür, daß gerade in Villascura die Häuser der vornehmsten von jenen Damen +standen.« + +Er kicherte heiser, der Cavaliere Giordano meckerte ein wenig, Gaddi lachte +ehern. Der junge Tenor biß sich auf die Lippe und sah zu Boden. + +»Nun sind Sie also darüber unterrichtet,« setzte der Advokat noch hinzu, +»von welchen talentvollen Müttern unsere Frauen abstammen.« + +Darauf führte er seine angeregten Zuhörer in den Hof des Rathauses, zu der +Madonna des Valvassore. + +»Unser großer Cinquecentist hat sie seiner Heimatstadt geschenkt. Beachten +Sie die Feinheit des Kolorits!« + +Aber so viele Wachskerzchen der Advokat entzündete, die Fremden sahen +hinter dem Drahtgitter nur etwas Schwarzes, Brüchiges. Bevor ihre Stimmung +sinken konnte, drang er darauf, ihnen den hölzernen Eimer zu zeigen, den +die Bürger der Stadt vor dreihundert Jahren denen von Adorna geraubt +hatten. Ein mächtiger Krieg war deswegen zwischen den beiden Städten +entbrannt. Beide hatten Blut und Wohlstand an diesen Eimer gesetzt. Die +Götter, hieß es, hatten, unter die Heere der beiden Städte verteilt, um ihn +mitgekämpft. + +»Und wir, denen Pallas Athene half, haben ihn behalten, und er hängt in +unserem Glockenturm«, schloß der Advokat. »Sie werden sehen, Sie werden +sehen!« + +Er hastete ihnen voran über den Platz. Am Pfahl der Bogenlampe stieß er +sich heftig und sah voll Zorn hinauf. + +»Sie steht an einer falschen Stelle. Ich würde sie nicht dorthin gestellt +haben!« + +Als sie drüben waren, zögerte er, wandte sich halb um und wisperte: + +»Im Winkel neben dem Turm das schwarze Haus: sehen Sie nicht hin, ich +beschwöre Sie, wir werden beobachtet.« + +Er zog sie um die Ecke des Turms und sagte jedem einzeln ins Ohr: + +»Dort hinten ist eine unserer größten Merkwürdigkeiten, das Geheimnis der +Stadt, etwas Unerklärliches: ein Wunder, würden die Fanatiker sagen.« + +Und er berichtete von Evangelina Mancafede, die seit neun Jahren nicht +ausgegangen war, aber alles in der Stadt sah und wußte. + +»Erstaunlich«, sagte der Bariton. + +»Schlimm genug«, sagte Nello hinter geschlossenen Zähnen. + +»Noch mehr als das,« setzte der Advokat hinzu, »sie hat vorhergewußt, +Cavaliere, daß Sie kommen würden!« + +Der alte Sänger machte ein bedenkliches Gesicht. Solche Dinge konnten +Unglück bringen. + +»Mir ist prophezeit worden, ich werde in einer Stadt von weniger als +hunderttausend Einwohnern sterben, umgeben von Geheimnis. Also muß ich +vorsichtig sein.« + +»Sie sehen aus, als könnten Sie gar nicht sterben«, sagte Gaddi, mit einem +Blick auf die geschminkten Wangen des Alten. + +»Der Ruhm macht unsterblich«, rief der Advokat und stieß die Turmtür +zurück. Sie erstiegen, einer hinter dem anderen, eine schlüpfrige Treppe. +Vor einer Tür mit eisernem Beschlag hielt der Advokat inne, streckte einen +Arm über die Nachkommenden aus und prägte ihnen die Feierlichkeit der +Stunde ein. + +»In der Geschichte des Eimers finden Sie, meine Herren, die Sie dem Ruhm +dienen, ein großes Vorbild. Um diesen Eimer starben viele Brave. Was ist +ein Leben? Der Eimer dauert! Der Ruhm stirbt nicht!« + +»Gut! gut!« sagten alle drei. Der alte Giordano hatte feuchte Augen. + +»Aber der Schlüssel fehlt uns noch«, bemerkte der Advokat, und er rief in +den Turm hinauf: + +»He! Ermenegilda!« + +Es hallte leer. Der Advokat erstieg noch drei Stufen, und auf jeder schrie +er. Endlich beugte droben sich ein altes, finsteres Gesicht herüber. + +»Was wollt Ihr? Der Schlüssel ist nicht da. Für den Eimer gibt es keine +Erlaubnis mehr.« + +»Was denn? Bist du verrückt geworden, Ermenegilda? Kennst du mich nicht +mehr? Ich bin der Advokat Belotti.« + +»Das weiß ich. Aber den Schlüssel hat Don Taddeo.« + +»Was sagst du? Don Taddeo hat --. Aber das ist ein offenbarer Übergriff! +Das ist erklärter Raub! Meine Herren, Sie sind Zeugen einer Gewalttat. Sie +werden dabei sein, wenn ich dem Munizipium das Vorgefallene berichte. Ah! +kaum, daß ich es fasse.« + +Der Advokat hatte die Hände über dem Kopf. Er stürzte -- und fast warf er +die drei Komödianten die Treppe hinab -- mit fliegenden Schößen zum Turm +hinaus, zwischen den unbewegten Löwen über die Stufen zum Dom und hinein. +Die andern liefen ihm nach. + +»Herr Advokat,« rief der Bariton, »bemühen Sie sich doch nicht! Wir erheben +keinen --« + +Der Advokat war schon in der Sakristei verschwunden, er kam schon wieder +heraus. + +»Glauben Sie, daß dieser Priester sich blicken läßt? Er fürchtet sich und +tut wohl daran. Wir wollen sehen, wer der Stärkere ist! So werden die Dinge +nicht verlaufen. Dort innen --« + +Er wies auf die Sakristei. + +»-- ist also nicht nur ein Herd von Lügen und Ränken, sondern auch eine +wahre Räuberhöhle.« + +»Schließlich haben auch Sie den Eimer einmal geraubt«, wendete der Bariton +ein. Der alte Tenor vermutete: + +»Es wird ein Irrtum sein.« + +»Liegt denn überhaupt so viel daran?« fragte Nello Gennari. + +Und da der Advokat die Arme hob: + +»Vielleicht hat übrigens der Priester recht. Der Eimer befindet sich in +seinem Turm . . .« + +»O! hat man je solchen Sophismus gehört. Der Eimer, das Wahrzeichen der +Stadt! Von uns erobert! -- und ein Priester sollte wagen dürfen --. Aber +ich werde ihn zu finden wissen: in der Schule ist er. Freunde, auf, zur +Schule! Er soll eine Niederlage erleben, die er nie vergessen wird.« + + * * * * * + +Sie hielten ihn mit Mühe. Jungen sammelten sich um sie. Am Platz und in den +Eingängen der Gassen hörte Hämmern und Singen auf, und Leute traten auf die +Schwellen. Der Apotheker Acquistapace zeigte sich. Er meinte, Don Taddeo +wolle sich rächen, weil -- und er wies auf die drei Sänger -- in der Stadt +jetzt die Kunst blühe. + +»Mir gilt es, der ich sie hergerufen habe«, behauptete der Advokat. Dennoch +ließ er sich bewegen, vor Beginn des Kampfes beim Gevatter Achille den +Vermouth zu nehmen. Auch Polli und Camuzzi erschienen. Der Barbier Nonoggi, +der sie aus seinem Laden hinausbegleitete, zog sich zurück, sobald er den +Advokaten gewahrte, und gleichzeitig kam der Leutnant der Carabinieri +vorüber. Der Advokat forderte den Soldaten auf, sofort auf dem Gewaltwege +die Stadt in den Besitz des Schlüssels zu bringen. Der Gemeindesekretär +hielt dies Verfahren für ungesetzlich. + +»Also gehen Sie zu den Priestern über! Ich wußte wohl, Camuzzi, daß Sie den +Fortschritt nicht lieben. Auch die Bogenlampe, an der sich jeder stößt, +haben Sie, um mich zu verhöhnen, über Nacht an einen falschen Fleck setzen +lassen. Aber nie hätte ich gedacht, Sie würden so tief sinken.« + +Der Sekretär erklärte sich für ganz unbefangen. Hier liege eine +Kompetenzfrage vor, denn wenn der Eimer der Stadt gehöre, sei der Turm, in +dem er hänge, doch Eigentum der Kirche. + +»Sagte ich es nicht?« bemerkte Nello Gennari. Der Streit dieser Leute, die +Wichtigkeit, die sie ihren Angelegenheiten beilegten, erbitterten ihn +eigentümlich. Es schien ihm, um sich und sein Gefühl dürfe er eine weite, +ehrfurchtsvolle Stille verlangen. Mochten sie sich gegenseitig totschlagen! + +»Der Priester hat recht!« rief er mit böser, heller Stimme. »Überhaupt +müssen wir Religion haben.« + +Der Advokat beachtete ihn nicht. Er sah auf einmal siegesgewiß aus. + +»Wollt ihr Logik? Ihr sollt sie haben. Ah! ihr sollt sie haben.« + +Mit dem Finger an der Nase: + +»Der Eimer hängt im Turm: gut, aber er hängt. Den Boden berührt er nicht, +und das Seil, das ihn mit der Decke verbindet, ist städtisch: ich weiß es, +denn ich selbst habe es beim Seiler Fierabelli gekauft, weil mir das alte +nicht mehr sicher genug schien. Nun wohl! Weder oben, noch unten, noch +ringsherum stößt der Eimer auf kirchliches Gebiet, und wer wollte +behaupten, die Luft, in der er hängt, gehöre der Kirche?« + +»Das bleibt unentschieden«, sagte Camuzzi, und Nello unterstützte ihn. + +»Sie werden mich nicht beirren. Die Luft ist frei. Aus der Luft über Ihrem +Weingarten darf ich so viele Vögel schießen, als ich will, vorausgesetzt, +daß ich Ihren Acker nicht zerstampfe.« + +Der Advokat führte seinen Vermouth an den Mund und betrachtete dabei, +genußsüchtig blinzelnd, die geschlagene Miene seines Gegners. Sein Sieg +hatte ihn beruhigt. + +»Setzt die Füße auf die Leisten eurer Stühle, ihr Herren!« sagte er jovial. +»So entgeht ihr unseren Flöhen. Ah! an solch einem schönen Morgen hat man +einen guten Kopf, und es ist eine wahre Lust, sich unter Männern über dies +und das zu unterhalten. Die Weiber taugen dafür nicht.« + +Indessen verbeugten sich alle vor Mama Paradisi, die eins ihrer Fenster +ganz ausfüllte mit ihrem Wogen. Am nächsten stießen sich ihre beiden +schönen Töchter. + +»Sie sind schon angezogen,« sagte der Apotheker, »ob das nicht Ihnen gilt, +Herr Gennari? Ohne die andern Herren beleidigen zu wollen: aber auf mich +selbst beziehe ich es nicht.« + +Der Tenor sah weg. + +»Sie sind verwöhnt, junger Mann«, und der alte Krieger legte ihm seine +breite Hand auf. Nello brach aus: + +»Sollte man den Weibern nicht verbieten, über Tag die Läden zu öffnen? Da +liegen sie rings um den Platz und würden am liebsten gleich die Arme +öffnen. Eine Frau ohne Zurückhaltung stößt mich ab: ich bin so.« + +»Aber Nello!« sagte der Bariton. »Bisher konnte es dir nicht rasch genug +gehen. Noch gestern, gleich in der ersten halben Stunde, warst du auf eine +aus, die in den Dom ging.« + +»Wer ging in den Dom? Schweige doch! Vielleicht bist du dafür bezahlt, mir +eine anzubieten?« + +»Ich kenne dich nicht wieder, Nello! Dieser Rasende, ihr Herren, war sonst +ein Cherubim, die Freude der Frauen, aller Frauen in den Städten, wo wir +sangen. Noch keiner hat er etwas abgeschlagen. Und jetzt, was ist ihm +begegnet?« + +Der alte Giordano verging sich in Handküssen nach allen Seiten. + +»Man behält keine Zeit zu sprechen«, sagte er. »Es sind zu viele.« + +»Warum bleiben an jenen Häusern die Fensterläden geschlossen?« fragte er +zwischendurch. Da man ihn ansah, gestand der Apotheker: + +»Das hier ist meins. Aber auch die Frau des Perückenmachers Nonoggi +handelt, wie Sie sehen, Cavaliere, indem sie ihre Läden schließt, im Sinne +des Don Taddeo, der die Kunst verbieten möchte. O! nicht meine Frau allein: +eine ganze Partei hält zu ihm. Sie werden sehen.« + +»Wir nehmen den Kampf auf!« verhieß der Advokat. »Den Schlüssel wird er +herausgeben: und sollte ich für die Stadt Prozesse führen, die mich mein +Leben lang auf den Beinen halten, er wird den Schlüssel herausgeben. Ich +selbst, der Advokat Belotti, werde eure sämtlichen Choristinnen in den Turm +führen, werde ihnen den Eimer zeigen, und nicht einmal der heilige Agapitus +selbst soll mich hindern!« + +»Sprechen Sie darüber mit Ihrem Bruder!« riet Camuzzi. »Er hat einen +gesunden Kopf, und dort kommt er; es ist zehn Uhr.« + +Der Pächter ritt auf seinem trippelnden Eselchen zwischen zwei großen +Körben die Rathausgasse herauf. Beim Rathaus nahm er zuerst den blauen +Klemmer, dann den glockenförmigen Strohhut ab und schwenkte beide. Vor dem +Café stieg er ab. + +»Guten Tag, die Gesellschaft«, sagte er. + +»Der Advokat behauptet . . .« begann Camuzzi. + +»Ich behaupte nichts«, sagte der Advokat rasch. + +Der Pächter betrachtete ihn mitleidig. + +»Ah! der Advokat. Was will er schon wieder. Pappappapp . . .« + +Er ahmte in einer gehässigen Tonart die Sprechweise seines bedeutenden +Bruders nach. Der Advokat lehnte sich vornehm zurück. + +»Das sind Dinge, die ein Mann wie du nicht beurteilen kann.« + +»Nun gut, man schweigt«, erwiderte Galileo. »Aber wer sind denn die da?« -- +und er rückte den Finger von einem der drei Fremden auf den andern. Bei der +Vorstellung scharrte er umständlich mit den Füßen, stöhnte zwischen den +Komplimenten und erleichterte sich, als er wieder auf dem Stuhl saß, durch +gewaltiges Ausspeien. Er hielt die kurzen fetten Schenkel weit auseinander +und ließ die kleinen goldbraunen Fäuste dazwischen herabhängen. Unter +seinen weißen Brauen blinzelte er alle verächtlich prüfend an, verzog stumm +den Mund zu dem, was sie sagten, und verlangte schließlich, herauspolternd, +als sei seine Geduld erschöpft, sein Nachbar solle, da er schon ein +Künstler sei, Zauberkünste zum besten geben oder einen Witz. Der alte Tenor +stand auf und verwahrte sich. Er sei seit fünfzig Jahren Künstler, aber +eine solche Zumutung --. Sein ganzes Gesicht, jede Runzel darin, zitterte, +als sollte er in Tränen ausbrechen, und er hatte beim Bewegen seiner +faltigen Hände den Brillanten sichtlich ganz vergessen. + +»Was will denn der?« fragte Galileo. »Was für ein Dummkopf! Pappappapp!« + +Er machte dieselbe alberne Stimme, mit der er den Advokaten nachgeahmt +hatte. Der Cavaliere Giordano traf Anstalten, sich zu entfernen. Der +Advokat wendete ihn, mit zärtlichem Respekt, immer wieder zurück. + +»Tun Sie uns das nicht an, Cavaliere! In keiner Stadt ist Ihr Ruhm größer +als in unserer. Mißverstehen Sie meinen Bruder nicht, auch er verehrt Sie. +Galileo, unsere Schwester hat nach dir gefragt, eine Ziege ist krank.« + +»Warum hast dus nicht gleich gesagt? Aber die Advokaten verstehen nichts.« + +Er wischte sich den Mund mit der Hand, nahm das Eselchen, das mit der +Schnauze an seinem Nacken stand, und führte es in die Treppengasse. Der +Advokat fuhr mit Beschwörungen fort. + +»Cavaliere, ein Mann wie Sie ist über solche Miseren erhaben. Ein Bauer hat +Sie nicht mit der schuldigen Achtung behandelt: was weiter? Denn mein +Bruder ist nur ein Bauer. Um sieben legt er sich schlafen, um ein Uhr +nachts reitet er aufs Feld, und um zehn, wenn die Hitze beginnt, kehrt er +heim. In der Zwischenzeit spielt er Mora mit seinesgleichen. Unter dem +Papst ging er zur Messe, jetzt freilich nicht mehr. Sein Geist ist trotzdem +wenig kultiviert, und er läßt sich den Ausfall der Ernte von der +Hühnerlucia, einer verrückten Alten, vorhersagen. Aber --« + +Er ließ den Sänger los. + +»-- schweigen wir von diesen Kleinigkeiten. Der Augenblick, Cavaliere, ist +ernst. Ihr Herren, ich sehe auf dem Corso den Priester erscheinen.« + +Er setzte sich, schwach, wie es schien, vor Erregung. Auch der alte +Giordano nahm seinen Stuhl wieder ein. Das Erlittene überwältigte ihn +nachträglich auf einmal ganz. Er sank zusammen und murmelte: + +»Seit fünfzig Jahren Künstler . . .« + +»Er hat bei sich die Baronin Torroni«, sagte Polli. + +»Zu seiner Bedeckung«, setzte der Apotheker hinzu. + +»Was tut das,« -- und der Advokat sprang auf. »Ich werde der Baronin +einfach erklären, daß ich mit diesem Priester --« »Er verabschiedet sich, +sie betritt ihr Haus.« + +Der alte Tenor fuhr jäh auf: + +»Ich, den seine Exzellenz Cavour zum Ritter der Krone von Italien gemacht +hat!« + +Sie hörten ihn nicht. Der Advokat stand sprungbereit. Wie er ihn erblickte, +verließ der Priester, zusammenzuckend, seine Linie. Der Advokat schoß los +und schnitt ihm den Weg ab. + +»Gefangen«, bemerkte der Apotheker. + +»Und ich habe ein Haus in Florenz!« + +Dabei setzte der Cavaliere Giordano wütend sein Glas hin. »Was kümmern mich +alle diese Armseligkeiten? Mein Haus ist voll der Erinnerungen an eine +ruhmreiche Laufbahn, der Geschenke von Fürsten und Damen . . .« + +»Don Taddeo, Ihr Diener«, hörte man den Advokaten sagen. Er hob den Hut und +schlug sogar mit dem Fuß aus. Der Priester grüßte ebenso höflich und sah +ihn aus seinen roten Augen brennend an. + +»Ein Wort, Don Taddeo, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist! Ein unliebsamer +Irrtum Ihrerseits . . .« + +»Es ist kein Irrtum, mein Herr . . .« und es war zu merken, daß der +Priester kaum sprechen konnte. »Der Schlüssel: denn von ihm wollen Sie +gewiß reden . . .« + +»Freilich. Um Sie im Vertrauen auf Ihre Loyalität --« + +»Zweifellos. Aber es handelt sich einfach darum, mein Herr, daß der +Schlüssel von Rost zerfressen und kaum noch brauchbar war. Ich habe ihn dem +Schlosser Fantapiè gegeben und einen neuen bei ihm bestellt.« + +»Ah!« + +Der Advokat brachte einen Laut hervor, der nicht heiser klang. Wie leicht +mußte es ihm sein! Polli, Acquistapace und der Leutnant wiederholten: »Ah!« +-- und auch der Bariton Gaddi machte: »Ah!« Nello Gennari achtete nur auf +den Cavaliere Giordano. Der berühmte Sänger war nach seinem verpufften +Ausbruch ganz in sich zusammengefallen und sah alt aus: endlich unverhohlen +alt, mit herabhängendem Kiefer, Augen, die greisenhaft stierten, und +hilflosen Händen. Sein junger Gefährte dachte, und senkte finstere Blicke +in die arme Gestalt: + +»Ja, was tut er hier? Ein reicher, geehrter alter Mann -- und läßt sich +herbei, in einem schmutzigen Nest die Rüpel lustig zu machen! Aber er hat +keine Stimme mehr; in den großen Städten wollen sie ihn nicht mehr; und da +man, scheint es, in unserem Leben das Händeklatschen nie entbehren lernt, +müssen es nun die Fäuste der Bauern besorgen, -- wie man vielleicht die +Mägde noch blenden kann, wenn einen die Herrinnen nicht mehr ansehen +. . . So geht es zu bei uns. Wir treiben es weiter, wie auch ich es so +lange trieb: immer kindisch weiter, armselig berauscht, ohne Anker, ohne +den Mut, zu landen; -- und eines Tages vor dem Café einer Landstadt, wo +einem die Flöhe über die Füße springen, bemerkt man, wie weit man kam +. . . Ich aber: o! niemals wird es mit mir dorthin kommen. Ich bin jung, +und mein ganzes Leben soll Alba gehören. Ich werde sie von meiner Anbetung +überzeugen, werde etwas tun, eine Handlung ein Wagnis, das sie mir gewinnt +. . . Gefunden: aus dem Kloster; ich befreie sie aus dem Kloster! Wie +sollte sie mich nicht lieben! Wir fliehen. Dann werfen wir uns dem +Großvater zu Füßen . . . Ich bin vielleicht töricht und romantisch? Aber +nichts, wenn ich sie denn nie besitzen soll, nichts doch hindert mich, zu +ihren Füßen zu leben: als Bauer, ihr unbekannt, unter den Mauern ihrer +Zelle. Oder ob es hier ein Männerkloster gibt? An den Festtagen in der +Kirche könnten wir uns sehen: in weißen Tüchern ihr schöner Kopf und ich +unter der Kutte -- könnten einander in die Augen sehen und singen . . .« + +»Junger Mann, Sie träumen«, sagte jemand, und der Cavaliere Giordano, der +sich erholt hatte, betrachtete Nello mit hoch überlegenem Lächeln. + +Der Advokat und Don Taddeo waren jetzt dabei, sich voneinander zu +verabschieden. Ein Halbkreis von Zuschauern folgte ihren Bewegungen. + +»Ich kann also auf Ihr Wort rechnen«, -- und der Advokat trat dienernd +einen Schritt zurück. + +»Aber wie denn. Zu Ihren Diensten«, erwiderte der Priester, vorgeneigt und +mit der Kappe in der Hand. + +»Es ist immer gut, sich zu verständigen«, sagte der Advokat beim nächsten +Schritt. Und Don Taddeo: + +»Wir sollen niemand hassen.« + +»So denke auch ich, Reverendo. Ihr Diener.« + +Dabei schlug der Advokat ein letztes Mal aus. + +Mit feuchter Stirn und Augen, die noch gar nichts sahen, kehrte er zurück. +Unter den Zuschauern sagte der Barbier Bonometti: + +»Er hat es ihm gegeben, der Advokat.« + +Die Frau des Kirchendieners Pipistrelli stieß den Krückstock aufs Pflaster. + +»Ihm hat es Don Taddeo gegeben, ihm!« + +Die Jungen pfiffen auf den Fingern hinter dem Priester her. Als er sich +umdrehte, spielten sie unschuldig am Boden. + +»Dort drückt er sich, der Feigling«, sagte der Apotheker nicht sehr leise. +»Auf den Schlosser redet er sich hinaus.« + +»Wenn man sie anpacken will --«, sagte Polli. »Das kennt man.« + +»Indessen, Advokat,« sagte Camuzzi, »Sie waren höflich mit jenem Herrn, er +kann sich nicht beklagen.« + +»Höflich, ich? Ich habe ihm vollauf Bescheid gesagt. Freilich verhandelt +man in gesitteter Form . . .« + +»Du hättest ihn nicht Reverendo betiteln sollen,« sagte der Tabakhändler, +»wenn er dich nicht wenigstens Exzellenz nannte.« + +»Aber was habt ihr? Er seinerseits hat meine Ironie sehr wohl gefühlt, +dessen bin ich sicher. Er weiß zu dieser Stunde, daß ich ihn für einen +Schurken halte. Meint ihr, er würde so vor mir gekrochen sein, hätte er +kein böses Gewissen gehabt? Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wäre er, +sobald er mich sah, davongelaufen!« + +»Das ist wahr«, sagte der Bariton, und die andern gaben es zu. + +»Der Sieg ist beim Advokaten«, stellte der Leutnant fest. Der Apotheker +Acquistapace schlug auf den Tisch. + +»Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlüssel herausgibt, zahle ich zwei +Flaschen A --« + +»Asti«, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand vom Tisch +gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes Tuch über Scheitel und +Schultern, seine Frau getreten; ihr Blick ließ sich so schwer auf den alten +Krieger nieder, daß er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo +zu. Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des Perückenmachers +Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und während Frau Acquistapace ihm +beide Hände drückte, erschien auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom +Tisch der Herren kam sie vorüber, ohne die Lider zu heben, und gesellte +sich zu den anderen. + +»Ah, die Frauen«, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen durch die +Mißbilligung der hübschen Frau Camuzzi. Ihr Mann sagte: + +»Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des Priesters +stoßen.« + +Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen Mienen nach +dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin zeigte sich dort hinten an der +Ecke zum Gasthaus Italia Molesin, die Komödiantin. + +»Wie sie um ihn her schnattern und Flügel schlagen, die Gänse!« sagte der +Tabakhändler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit seiner Frau. »Warum sie +ihm nicht die Fettflecken von der Soutane schlecken!« + +Der Gemeindesekretär grub weiter in der Wunde. + +»Sie müssen nicht glauben, Advokat, daß Sie mit Don Taddeo und den Seinen +leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: um so schlimmer. Er versteckt +sich hinter dem Schlosser Fantapiè, der alle Arbeiten für die Kirche und +das Kloster macht und den Schlüssel keinen Augenblick früher beendet haben +wird, als es dem Priester recht ist . . .« + +Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, wickelte Italia ein, +schnellte über sie hinaus und lärmte so sehr, daß nichts mehr zu verstehen +war. Die Tauben flüchteten vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprüngen am +Dom. Einige kehrten zurück und ließen sich auf den Rand der Brunnenschale +nieder. Italia kam näher; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten, +Hüften und Augen drehte sie hin und her und kaute dabei. Wie sie die Tauben +sah, machte sie sich heran und hielt ihnen, zärtlich kreischend, die +Handfläche mit Brot hin. Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt +dessen sagte Frau Acquistapace: + +»Ist es erlaubt, Reverendo, daß eine verlorene Frau die Kirchentauben +füttert?« + +Indes Don Taddeo seufzte, fügte die Nonoggi hinzu: + +»Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn man denkt! Und mit +einem Edelmann!« + +Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens drückte sie +ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie aus, -- was ihr gut stand. An +ihrem schwarzen Kleid vorbei sah man es silbern niederfallen. Italia +richtete sich fragend auf. Vor dem Café sagte niemand ein Wort. Endlich +versuchte der Advokat: + +»Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn Nonoggi --« + + * * * * * + +Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker: + +»Auch ohne Nonoggi kommt schließlich alles heraus.« + +»Das ist abscheulich«, rief der Advokat. »Ich wasche meine Hände in +Unschuld, -- obwohl ich, wie ich hinzusetzen muß, der erste gewesen bin, +der die Sache erfahren hat.« + +Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen war sie +angelangt, sich mit ihrer trägen Stimme bei dem Priester erkundigte, ob man +die Komödiantin nicht einsperren könnte, damit sie niemanden mehr verführe, +empörte sich der Advokat. + +»Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, sollte nicht von +andern Böses reden!« + +Italia war da, hatte Tränen in den Augen und fragte: + +»Was haben diese Damen?« + +Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener. + +»Nichts«, brachte er hervor. »Wir sind in einer kleinen Stadt, was wollen +Sie; man sieht hier nicht gern, daß eine Frau lange schläft.« + +»Aber das Fräulein hat sich den Schlaf verdient«, meinte Polli bieder. + +»Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco jeden Abend +gespielt . . .« + +»Und vielleicht auch die Liebe?« schlug der Leutnant vor und rückte sich +zurecht. + +»Die Leidenschaft!« rief der Advokat eifersüchtig. »Denn die Künstlerinnen +lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie auf. Ich kenne es.« + +»Wie wahr!« -- und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit den Augen kitzelte. +Der Advokat schnaufte. + +»Diese hier«, erklärte der Bariton Gaddi, »ist nicht leicht aufzureiben, +sie ißt zu viele Makkaroni.« + +»Man sollte sich über die Frauen niemals lustig machen«, erwiderte der alte +Giordano süß. »Sie sind eine zu ernste Angelegenheit.« + +»Danke, Cavaliere,« -- und sie kitzelte auch ihn. »Ich liebe den galanten +Mann.« + +»Man weiß, man weiß!« -- mit einem Schlage zwischen die Gläser; und der +Tabakhändler sah sich, krebsrot, nach dem Apotheker um. »Der Baron!« +wisperten sie erstickt und platzten gleichzeitig aus. + +»Was haben diese Herren?« fragte Italia. Um sie für sich zu gewinnen, +kitzelte sie beide mit den Augen und zur Sicherheit auch noch den Leutnant. + +Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und inzwischen kam Frau +Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten Lidern vorüber. Italia sah ihr +voll Spannung und Unterordnung nach. + +»Ist das die Dame, die ausspie?« flüsterte sie. »Und warum spie sie vor mir +aus?« + +»Auch ich bin beleidigt«, sagte der alte Giordano dumpf und grübelte, +wieder ganz in Falten, vor sich hin. + +Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte irgendeinen an. + +»Hier ist jemand, der alles weiß. Alles, versteht ihr? Ist das nicht +schrecklich?« + +»Ich hatte es vergessen«, sagte der alte Giordano schaurig. »Mein +Gedächtnis! Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglück kommt. Dort im +Winkel hinter dem Turm --« + +Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, und wies mit dem +Daumen rückwärts. Der Advokat machte leise »Sst«. Polli raunte: + +»Man sieht nicht hin.« + +»Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren auf sich +zu haben«, wiederholte Nello Gennari, den Blick gesenkt. Der Bariton nahm +seine Uhrkette in die Hand. + +»Ich sage nicht, daß es eine große Annehmlichkeit ist.« + +»Was gibts? O was habt ihr?« -- und Italia hatte den Handrücken am Munde. + +»Du hast Hornbreloques, Gaddi?« fragte der alte Tenor. »Man sollte sie nie +ablegen.« + +Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger gegen das Haus +Mancafede. + +»Was gibts, mein Gott?« flehte Italia. »Ich will fort.« + +»Was denn«, machte der Advokat. »Wir leben doch alle hier, und es tut uns +nichts. Es ist ein Mädchen, das seit neun Jahren, ohne krank zu sein, das +Haus nicht verläßt und dennoch alles weiß, was geschehen ist, und zuweilen +auch, was noch nicht geschehen ist . . .« + +»Man muß zugeben,« -- und der Gemeindesekretär lächelte spöttisch, »daß es +ein wenig unheimlich sein mag, wenn man es noch nicht gewohnt ist.« + +»Ich will fort.« + +Italia stieß ihren Stuhl zurück. Der Advokat packte sie an und drückte sie +auf den Sitz. + +»Sie, eine Künstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung der +menschlichen Natur?« + +»Nun, einfach --« meinte der Sekretär. Italia sah, umklammert vom +Advokaten, nach Hilfe umher. + +»Darum bin ich beleidigt worden«, begann wieder der alte Giordano. »Ich, +der seit fünfzig Jahren --« + +»Hat darum jene Dame vor mir ausgespien?« fragte Italia erleuchtet. + +»Aber die Wissenschaft --« hob der Advokat an. + +»Wer ist also noch sicher!« rief Nello Gennari, sprang auf und machte, die +Arme verschränkt, eine stürmische Runde um den Tisch. »Sie weiß,« dachte er +in plötzlichem Erkennen, »wo ich die Nacht war und daß ich Alba liebe! Ich +wollte eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines +Geheimnisses sehen. Sie aber hat es: schon gestern wußte sie den Namen! -- +und kann mich verraten. Ich lebe von ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!« +Er setzte sich wieder und nahm die Stirn in die Hände. + +»Die Wissenschaft wird --« sagte der Advokat. Der alte Giordano hob +plötzlich die Arme und riß die Luft in seinen offenen Mund hinein. + +»Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als hunderttausend +Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. Ich werde hier sterben.« + +»Ja, man muß vorsichtig sein,« -- und der Bariton drehte unerschüttert an +seinen kleinen Hörnern. Der Alte schrumpfte zusammen. Der Advokat bekam +unversehens eine Art Anfall. Er zuckte wild mit den Schultern, seine +Handrücken taten kleine krampfige Schläge in die Luft, die Adern schwollen +ihm, und seine Augen waren die eines Erstickenden. + + * * * * * + +Plötzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und sagte, rasch +atmend: + +»Wenn es den Herren gefällt, zur Probe!« + +Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch die Zähne, der +alte Giordano sah entrüstet weg. Dann nahm der Advokat das Wort. + +»Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!« + +»Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat mich lange +genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker und muß die Kinder +singen lehren. Kommen Sie!« + +Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblaßt: + +»Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht --« + +Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er die Arme herunter +und sagte leichthin: + +»Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan gefaßt, +abzureisen.« + +»Ach ja, abreisen!« -- und Italia nickte fliegend und verzerrt, als sei sie +von Schlangen umwickelt. + +»Auch ich reise«, sagte der alte Giordano. »Ich will hier nicht sterben.« + +Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. Der Advokat +fing ihn auf und setzte ihn hin. + +»Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; aber was wollen +Sie? Künstler sind Launen unterworfen, das wußten wir. Wer das Genie will, +muß auch die Launen wollen.« + +»Immerhin,« meinte der Bariton, der seine Anhängsel sorgfältig geprüft +hatte, »es wird vielleicht besser sein, wir reisen.« + +Nello Gennari nahm die Stirn aus den Händen; er hatte einen wirren, +ringenden Blick; -- schüttelte, die Lider eindrückend, langsam und stark +den Kopf und ließ die Stirn zurückfallen. + +»Sie scherzen«, brachte der Kapellmeister hervor und lächelte wie eine +Puppe. »Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir nicht gehen? Es wird spät +und zum Theater ists weit.« + +»Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi,« -- und der Advokat klopfte ihn. +»Unsere Künstler fürchten sich vor der Unsichtbaren dort hinten. Sehen Sie +nicht hin! Und schließlich, wer weiß; Gründe gibt es für alles; und selbst +ich, Maestro, frage mich --. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwürdigen +Dinge häufen sich ein wenig. Warum mußte mir Don Taddeo just heute die +Ungelegenheit mit dem Schlüssel bereiten? Überdies hatte ich vergessen, daß +der Frau des Wirtes Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht +der Geist ihres Vaters erschienen ist.« + +Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an. + +»Ein Geist?« fragte sie. + +»Gewiß, ein Geist, Fräulein«, bestätigte der Advokat ernst. »Denn ich +gehöre nicht zu denen, die die Seele leugnen. Ich bin kein Feind der +Religion, nur ein Gegner der Priester.« + +»Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist --« und Italia schüttelte sich. + +»Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht«, bemerkte der Apotheker +Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie war unvermittelt still und sah +ihm gesetzt und treu in die Augen. + +»Das Fräulein lacht! Sehen Sie, daß sie lacht?« wiederholte der +Kapellmeister noch immer. Er war auf den Beinen, in seiner zarten Haut sah +man die Röte bis unter die blonden Kinnhaare fließen, und er sagte mit +einer Stimme, die aus dem Tiefsten bebte: + +»Ich habe es gewußt, Sie würden mich nicht im Stich lassen. Wo bleibt das +Fräulein Flora Garlinda?« + +»O,« machte Gaddi, »auf die können Sie zählen, Maestro, die singt: auch +allein, ohne uns, und kein Unglück, böser Blick oder Geist hält sie ab, +denn sie glaubt an nichts.« + +»Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben,« -- und er wies nach der +Treppengasse; »ich habe große Mühe damit gehabt, bis es oben war . . . Wie? +Meine Herren, ich bitte Sie, ich bitte Sie.« + +»Es wäre vielleicht besser, an nichts zu glauben?« vermutete der Advokat. + +»Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich«, sagte der Kapellmeister und griff +sich fliegend an die Stirn. + +»An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer«, bemerkte der Cavaliere +Giordano. »Beim Theater besonders.« + +»Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, daß alles umsonst war?« + +»Ich habe sie erlebt,« -- und der Bariton schlug sich auf die starke Brust. +»In Pesaro verschwanden die Schminktöpfe, die man soeben noch in der Hand +gehalten hatte, und in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich +mußte die meinen mehrmals von der Primadonna zurückholen.« + +»Das soll deine Frau erfahren«, sagte Italia. + +»Werde ich denn niemals hier herauskommen?« -- und der Kapellmeister schlug +hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt seine Hände an, die in dürftigen, +zu langen Ärmeln staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten. + +Man erwiderte ihm mit Entrüstung: + +»Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, daß hundertfünfzig --« + +Der Cavaliere Giordano bewog die Bürger mit einer Handbewegung zum +Schweigen. + +»In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, die dort +aufgetreten sind, nicht wissen, -- aber es ist Tatsache, daß das Theater +einen Geist hat. Ich habe ihn erblickt.« + +Er nickte allen nacheinander in die Augen. + +»Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes und soll, obwohl +ein religiöses Gelübde es ihr verbot, einen Tenor geliebt haben. Nun kommt +sie, sooft ein junger, noch unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem +Schloß ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die er bei +Lebzeiten hatte, und wartet, ob der Fremde jenen Ton aushalten wird . . .« + +»Jenen Ton?« wiederholte man. + +Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat einige Schritte, +schob wütend einen schreienden Haufen Jungen auseinander, ging dem Brunnen +zu. + +»Und meine Ouvertüre!« sagte er immer wieder, nun dumpf, nun ausbrechend, +nun knirschend. Er stützte die Hände auf die Brunnenschale und stöhnte +laut. + +»Sie soll im Theater aufgeführt werden! Die Garlinda soll meine Arie +>Trauriges Geschick< singen! Wozu ist sie da, wozu sind sie alle da! Ah! +Sie wollen mir nicht ans Licht helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich +aufhalten?« + +Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust. + +»Sie mögen sich hüten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde sie damit +vernichten, ohne Gnade vernichten!« + +Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurück, etwas einwärts auf +seinen gekrümmten Beinen; und da er fühlte, daß beim Näherkommen sein +Gesicht, er mochte wollen oder nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam, +zwang er es zu drohen. + +»Bei der Unmöglichkeit, dies genau zu wissen,« sagte der Cavaliere +Giordano, »werden Sie verstehen, meine Herren, wie schwierig meine Lage +war.« + +»Teufel!« + +»Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt fröhlich drauf +los, -- um in der letzten Pause von irgendeinem guten Herzen zufällig zu +erfahren, daß in der dritten Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die +darauf wartet, ob man jenen Ton aushält, bei dem vor hundert Jahren ihr +Liebhaber gestorben ist. Hält man ihn aus, stirbt man auch, das steht fest. +Man erstickt an ihm.« + +»Schönes Vergnügen!« + +»Und man weiß nicht, welcher es ist! Die Überlieferungen stimmen nicht +überein. Es konnte auch das hohe d sein, meine Herren: das hohe d meiner +großen Arie >O bleiche Sterne< im letzten Akt der >Galathea.< Aber soll ich +auf mein hohes d verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt +werde ich dafür vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich um die +Wahl zwischen Leben und Ruhm . . . Meine Herren, ich war jung, ich nahm den +Ruhm.« + +»Bravo! Bravo!« + +Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner Ungebühr bewußt zu +sein, nur aus Aufregung, weil er unter dem Tisch auf einen Fuß gestoßen +war, der, wenn nicht alles täuschte, Italia Molesin gehörte. Der Cavaliere +Giordano sah ihn strafend an, und er riß, ertappt, die Brauen in die Höhe. + +»Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, an dem +jener Charlatan erstickt ist; denn das hält niemand zwei Minuten lang aus, +als nur ich. Gleichviel: wie ich nun vor dem Souffleurkasten stehe, das +ganze Haus den Atem zurückdrängt und nur ich ihn hinausschmettere, lange, +lange, lange: -- o, ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht +war ich ein wenig feucht, vielleicht verschwamm es mir ein wenig vor den +Augen. Es kann sogar sein, daß meine Kräfte nachließen. Da aber lenkt Gott +meinen Blick, und ich sehe in der dritten Loge rechts eine Gestalt sich +erheben und lautlos Beifall klatschen. Das Blut schießt mir zum Herzen, mit +Macht breche ich ab, höre das Haus tausend Hände bewegen und fühle, daß ich +gerettet bin. Ich verbeuge mich vor der dritten Loge rechts in dem +Augenblick, da die Gestalt zurücktritt und verschwindet. Noch jetzt, +scheint mir, habe ich sie vor Augen: sehr bleich ist sie und gekleidet wie +eine Äbtissin.« + +»Wie eine --!« + +Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand am Herzen und +verstört und blutlos. Allmählich erlangte er Atem. + +»Wie eine Äbtissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! -- und jener Tenor +starb für sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! Ich glaube an sie!« + +Er setzte sich. Noch waren alle erschüttert. + +»Cavaliere, ich muß Sie auffordern«, begann der Kapellmeister, schwach und +atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl einen Stoß und machte sich, die Hände +ausgestreckt, eilig drehend über den Platz. + +»Was hat er?« fragte Italia enttäuscht. Denn unter dem Tisch war inzwischen +auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. »Mit wem ist er?« + +»Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau dort hinter dem Turm: +nicht hinsehen, sie sieht uns.« + +»Er scheint nicht gefährlich.« + +»Meine Herren,« begann wieder der Kapellmeister, »Sie haben wohl nicht +bedacht, welche Folgen es haben würde --« + +Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft +schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob er ihn vor und ließ ihn los. +Der Kaufmann dienerte und reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein +altes Hasenprofil mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise. + +»Wenn die Herren es erlauben --« + +Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man +betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die +aussah wie sein Fell, rund und klein machte. + +»Sie haben eine Tochter?« fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede +schmunzelte bescheiden. + +»Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.« + +»Es wäre nicht nötig gewesen.« + +»Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt sie +gern ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr als wir andern, von der +Welt weiß und von gewissen Dingen, die« -- mit der Hand auf dem Herzen -- +»uns andern zu groß sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht +schlafen lassen. Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand +sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: >Papa, jetzt ist er +unterwegs hierher!< >Wer, Töchterchen?< >Er, der Cavaliere Giordano.< Und +tatsächlich, bedenkt man es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht +recht geben, und ist es nicht ein wahres Wunder, daß ein Mann, den sie in +Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlägt, um gerade uns zu +erwählen? Kaum glaubt man es, daß er hier sitzt, mitten unter uns, wie +einer von uns!« + +»Tatsächlich«, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat meinte: + +»Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel +anzubringen.« + +Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die +Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten: + +»Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!« + +Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, nach allen +Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann: + +»Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer +Tochter meine bevorstehende Ankunft enthüllt hat? Sie hat diese Kenntnis +nicht aus sich selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat +nichts zu bedeuten?« + +Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den +alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die +Bauern nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komödianten hätte +loswerden wollen, noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher +Ehrgeiz siegte, und er hob die Schultern. + +»Welch Zufall denn wohl, -- da nur der Maestro darum wußte. Sagen Sie +selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!« + +»Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es +mir genützt,« -- und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und +zornig -- »da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!« + +Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein Murmeln der Trauer +ging durch den Kreis der Bürger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer +Geste von leichter Erhabenheit. + +»Fürchten Sie nichts!« sagte er, machte eine Pause und stellte sich die +Gedenktafel vor, »ich werde bleiben.« + +»Ah!« + +»Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie +kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern +ist, die mir verhängnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen +als in Parma, wähle ich statt des Lebens den Ruhm;« -- und er senkte die +Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen +beiden und schüttelte sie wild. + +»Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie für mich tun!« + +Er stammelte mit feuchter Stimme: + +»Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren --« + +»Sie werden bleiben«, ergänzte der Kaufmann. »Das wissen wir, ohne meine +Tochter zu fragen.« + +Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung der Gagen, sobald +das Theater ausverkauft wäre. Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem +Fräulein Italia Molesin verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen +Freund. Sie und der Advokat sahen errötet aneinander vorbei. + +»Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,« sagte der Kaufmann, »sind wir +sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen werden.« + +Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello +brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller Überraschung vor +dem spöttisch blinzelnden Kaufmann die Lider. + +»Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger auf!« verlangte +der Kapellmeister und trat von einem Fuß auf den andern. »Meine Herren, ich +mache Sie dafür verantwortlich, wenn wir --« + +»Schließlich hat der Maestro recht«, sagte Italia, denn der Advokat trat +sie zu stark, und sie stand auf. Auch die übrigen machten sich fertig. +Nello Gennari allein blieb sitzen. + +»Ich kann noch nicht singen«, behauptete er hartnäckig. »Ich muß vorher +allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich muß allein +sein.« + +Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr zu sprechen. Die +Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie +durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden +des Tabakhändlers Polli zu verlängern. + + * * * * * + +Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die am Boden mit +Steinchen warfen. Er riß sie auseinander und verlangte, daß sie den Platz +räumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die +gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und sie verzogen +sich im bunten Getöse des Mittagläutens. + +Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen +Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen +der Treppengasse um und rief: »Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können +keinen Fremden bei der Probe gebrauchen.« + +»Versteht sich«, rief der Advokat zurück. »Sie werden nicht kommen, ich +bürge dafür, sie sind bei Polli.« + +Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege +lag. Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg. + +»Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen«, sagte der Advokat. +Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, stiegen sie zwischen den +schwarzen Häusern fort, aus deren Türen Rauch schwankte. + +»Gut, daß wir dableiben,« sagte Italia, und lachte; »ich hätte nicht +gewußt, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.« + +»Wie? Aber hat denn der Baron nicht --?« + +Er schlug sich auf den Mund. + +»Wer?« fragte sie. + +»O, niemand!« + +Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schüttelte lachend die +Schultern und sprang höher. Er keuchte, rechts und links winkend, +hinterdrein. + +»Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und +Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hält man mich für einen +mächtigen Mann . . . Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen +Sie den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist das größte und +schönste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat +abgefunden wurde, gehört es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur +Hälfte. Ich habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern --« + +Der Advokat blieb stehen und schmatzte. + +»-- und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man +zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Fräulein: wenn Sie mich +besuchen wollen, -- o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines +Ehrenmannes;« -- und er stellte die Hand steil zwischen sie und sich. +Italia lachte, aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit +begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen Verhältnisse +darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag! + +»Nach der Probe will ich Sie besuchen«, sagte sie, »und mir Ihre schönen +Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer«, setzte sie hinzu und +zögerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte +sie sich einen bescheiden lockenden Senkblick. Er lächelte galant und +führte seine welke Hand ans Herz. + +»O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.« + +Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er hielt immer wieder +an. + +»Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem Anblick --« + +»Da ist er! Und die Eier?« rief es aus dem Hause herab; und eine große Frau +mit einem rot verschnürten Sammetmieder und kurzen Hemdärmeln stand im +Fenster und drohte mit dem Finger. + +»Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er Hungers sterben lassen: +er aber, immer mit den Frauen.« + +»Meine Liebe,« sagte der Advokat hinauf, »es gibt gewisse Dinge, die du +nicht beurteilen kannst.« + +»Immer derselbe, der Advokat!« -- und die Schwester breitete verzweifelt +die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strähnen fielen, +lächelte bewundernd. + +»Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! geh, Taugenichts, +unterhalte dich! Laß deine Familie ohne die Eier!« + +»Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. Aber merke dir, +meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit haben werde für deine +Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschäftigt bin.« + +»Man sieht es«, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurückzog. +Der Advokat bemerkte: + +»Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.« + +Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert +hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurück. + +»Bei Ihrem Anblick«, fuhr er fort, »fühle ich deutlicher als je, daß große +Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Künstler bestimmt? Ah! +haben Sie je über das Schicksal nachgedacht?« + +Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti +ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter +in abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen +Greisenaugen schien er über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war, +bewegte dabei die Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, die Linke +am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut. + +»Es ist nichts«, erklärte der Advokat. »Es ist der Brabrà: so nennen sie +ihn nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer +Alter, etwas verrückt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann +von meinen Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal --. Aber nein: da ich +Ihnen begegnet bin!« + +Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm. + +»Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Fürstin +Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; -- +und dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig +namens -- Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die einen Liebhaber +hatte.« + +»So streng war er!« -- und Italia sah ehrfürchtig an der wilden schwarzen +Mauer hinauf. + +»Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die +Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen +Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu +werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißig Ortschaften. Welch wollüstiges +Blau: würde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt? +Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der +hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.« + +»Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!« + +»Für eine Frau würde ich es ausgeben!« rief der Advokat, in Feuer, und +kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen +Palast. »Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine +Frau zu allem fähig.« + +Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab. + +»Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben +sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie +besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .« + +Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der +Kapellmeister. + +»Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die >Arme +Tonietta< niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!« + +»Sie haben recht, Dorlenghi«, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der +Hand. »Wir kommen, gleich sind wir da.« + +»Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die +Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von +zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!« + +Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen +mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben. + +»Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich +komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir +seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen, +was ich dir schenke.« + +Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten +Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter +Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn +fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er +fort . . . + + * * * * * + +Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein +paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese +Wege, die nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder +noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles, +was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den +leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen +Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten +sie sie wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches war Nello +gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba +je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter +ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken, +daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt. +Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin +betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße Gesicht -- hatte es nicht +genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam. + +Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen! +Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen +und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder +Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die +betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden +warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich +nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf +die Stufe. Ein Geräusch -- er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah +ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz mit ihrem +Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das Haus, den Spalt in der +Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich +gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig +die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna klappten +schon in der Treppengasse. + +So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in +ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus +Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem +schmutzigweißen Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und +davon, um die Ecken, über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, -- und +sooft durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder +spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen saß, richtete sie den +Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen +beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer +unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. »Laßt mich +durch!« -- und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie hin. + + * * * * * + +Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles +schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches. + +»Entschuldigen Sie!« sagte jemand. + +»Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?« + +»Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich +der Probe bei.« + +»Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?« + +»Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!« + +Da fiel er hin. + +»Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.« + +Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt +an. + +»Wir sind falsch gegangen«, entschied Flora Garlinda. »Wir wollen umkehren, +und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden +. . . Diesen Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht +mit drinnen?« + +»Konnte ich denn? Ließ man mich denn?« -- und der Stimme des Advokaten +hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. »Dorlenghi ist verrückt +geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein +Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er +selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken können.« + +»Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich +werde Ihnen helfen.« + +»Ah! Sie werden --. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß +Sie eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem +Tabakhändler --« + +»Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.« + +»Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde +es erraten haben, daß ich nicht --, daß dieser Maestro mich --« + +»Wir sind da«, sagte Flora Garlinda. + +Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der +Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse +sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des +Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft. + +»Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie +sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.« + +»Das ist immerhin etwas«, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem +Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür. + +»Was für ein schlecht erzogener Mann!« sagte sie. »Mich hat er bereits +Idiotin genannt.« + +Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph +kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen. + +»Maestro,« -- ganz sanft -- »ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten +Belotti. Er möchte uns zuhören.« + +Der Kapellmeister fuhr auf. + +»Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!« + +»Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,« -- und der Advokat trat mit +Würde vor. + +»Also nochmals,« schrie der junge Musiker zitternd, »der Herr bin hier ich. +Wer nicht gehorchen will --« + +»Nun?« -- und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen. + +»Kann gehen«, ergänzte er viel leiser. Sie nickte. + +»Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.« + +»Erst gestern«, stieß er hervor, »hat mir die Fusinati geschrieben.« + +»Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie +aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein +andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden --« + +»O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,« -- und der Advokat +trat von einem Fuß auf den andern. »Sind wir nicht alle Freunde?« + +»Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu +singen, vor wem ich will.« + +»Es liegt mir fern --. Wir haben uns mißverstanden --.« + +Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf +Schreckliches gefaßt. + +»Überdies«, begann sie wieder, »bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu +verhandeln.« + +»Sehr richtig«, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf +das Klavier. »Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht +genüge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei +singe ich ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß, +daß meine Partie der Piero wäre!« + +»Kurz: was will man von mir?« + +Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider. + +»Man will einen Regisseur, beim Bacchus«, sagte der Bariton. + +»Der bin ich! Der bin ich!« + +»Meine Herren,« stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen, »ich +möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen --« + +»Maestro!« + +Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter. + +»Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht nötig, es zu gestehen: +diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und +bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es, +der die Ausstattung beschafft hat.« + +Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den +Bariton. + +»Und ich,« klagte der Kapellmeister, »ich habe den Chor zusammengebracht +und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger +für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das +ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.« + +Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum. + +»Wer sagt das?« -- und Flora Garlinda folgte ihm. »Aber weil Sie ein Mann +von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.« + +»Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß«, hörte man den Bariton sagen. + +»Er verlangt fünfzig Lire«, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten +Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses: + +»Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper +geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?« + +Da er den Atem einzog und anhielt: + +»Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in +Mailand. Wir --« + +Sie knixte tief. + +»-- sind für Sie nur Staffeln.« + +»O!« machte er, aufgeblüht und gütig. »Sie nicht, Flora Garlinda: Sie +nicht. Sie werden größer werden als ich.« + +»Glauben Sie?« fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück. + +»Aber solange ich Dirigent bin,« rief er den anderen zu, »darf ich +vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt +erkläre?« + +Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich. + +»Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.« + +»Dann also, Cavaliere,« rief der Kapellmeister, »noch einmal von vorn, +bitte: >Seid fruchtbar, meine Kinder . . .<« + +Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne +von sich zu geben. + +»Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch +meine Enkel sollen es bebauen.« + +»Hören Sie ihn etwa?« -- und der Kapellmeister warf sich, die Stirn +trocknend, auf seinem Sitz umher. »Und dies ist nur ein Klavier! Was wird +das Orchester von seiner Stimme übriglassen?« + +Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es +weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen. + +»Ich habe doch alles verstanden«, versicherte Italia Molesin mitleidig und +sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte +fest: + +»Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.« + +»Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler --« sagte der Advokat mit +Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den +Kopf. + +»Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts! +Ich stehe für nichts!« + +Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die +Tasten. + +»Fräulein Flora Garlinda!« + +»Hier bin ich.« + +»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich +dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine +solche Gewissenlosigkeit?« + +»Nun ja«, meinte Gaddi. »Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen, und +das wird ihm zu denken geben.« + +»Einen Vermouth!« -- und der Kapellmeister stieß die Luft aus. + +»Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken! +Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda, Sie, die +Sie zuletzt gekommen sind!« + +»Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?« -- und sie wandte sich ab. + +»Steckt er bei einer Frau?« raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der +Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm. + +»Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!« + +Sie fiel ein: + +»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .« + +Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und +weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben, +aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog +Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen. + +»Es ist unnütz«, sagte sie. »Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner +fehlt.« + +»Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was +Sie wollen!« + +»O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben +mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes. +Geben Sie mir den Advokaten!« + +»Herr Advokat!« -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. »Wir bitten +Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?« + +»Aber wie denn, Maestro!« + +Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte +seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf +ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf. + +»Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie +starren in das Abendrot!« + +Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte +mit den Füßen. + +»Sind wir soweit?« fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der +Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie +schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen. + +»Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier, +der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis +Phonographen.« + +»Schweigen Sie!« schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht. + +»Aber er ist kaput«, sagte der Advokat noch und erschrak dabei. + +Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände +unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt. + +»Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!« + +»Knien Sie!« befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten, +aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die +Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu +behalten. + +»Knien Sie doch hin!« -- und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte. + +»Au, au!« machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren +himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine. + +»Und würde sterben für dich!« + +»Sie sind zu gütig«, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte +sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ +sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen +los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich +hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte: + +»Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in +diesem Augenblick, in diesem!« + +Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna. + +»Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.« + +»Warum denn«, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn. + +»Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den +Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!« + +Und er war fort. Man sah sich an. + +»Nun also, gehen wir essen!« meinte der Bariton. »Wollen Sie nicht +aufstehen, Advokat?« + +Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora +Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat +verschwunden waren. + +»Schon«, sagte der Bariton; und der alte Tenor: + +»Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es +empfehlenswert, jung zu sein.« + +»Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?« fragte Flora +Garlinda. + +Die beiden Männer riefen einander noch nach: + +»Um fünf im Café!« + + * * * * * + +Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò +bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der +Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit +taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres +Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte +eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk +einen kleinen Papierfächer. + +In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes, +Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig +in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif. + +»Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot«, rief Gaddi ihm entgegen. Der +junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand +rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke. + +»Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!« + +Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust. + +»Nichts«, brachte Nello hervor. + +»Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt +bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die +Probe versäumt?« + +Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick +verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand +des andern: + +»Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!« + +Er preßte, fiebrig bittend, die Hand. + +»Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an +deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.« + +»Du bist krank.« + +»Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe +die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.« + +Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die +Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar. + +Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut: +der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich +hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon +alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die +Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand, +halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von +unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als +beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte +er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr, +was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war. + +Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den +Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er +seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch +zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der +Apotheker aus: + +»Und der Advokat?« + +Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die +Hände. + +»Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat +sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, +der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.« + +»Wir?« fragte Gaddi. + +»Ich weiß«, erklärte Mancafede; »meine Tochter hat es mir gesagt.« + +Nello machte sich steif. + +»So wiederholen Sie es doch!« + +Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen. + +»Wir haben keine Ahnung«, sagte der Cavaliere Giordano. + +»Raten Sie nur!« -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase. + +»Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .« + +»Die«, behauptete der Bariton, »kann es nicht sein. Sie ist äußerst +anständig.« + +»Und doch, und doch --« + +Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf +die Brust. + +»Ich habe es aus erster Quelle.« + +Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei +ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte +sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und +auf dem Sofa saß die Frau. + +»Ah! Ihr Herren, der Advokat!« + +Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein. + +»Ich kann es nicht glauben«, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere +Giordano zu; »eine so anständige Person wie unsere Italia.« + +»Eure Italia!« rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. »Ah! reden wir +ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.« + +»Hat er sie geschlachtet?« + +»Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion +davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die +Schwester des Advokaten Belotti.« + +Der Sekretär spreizte die Hände. + +»Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän +Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß +Erfindungen.« + +Polli und der Apotheker hoben die Arme. + +»Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!« + +»Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,« -- und Camuzzi +strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. »Ah, man stelle sich vor: ein +Kind vom Advokaten.« + +»Schon?« fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. »Bisher steht nur +fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat. +Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte +erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde +aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.« + +»Ah! der Advokat.« + +»Orgien: wie ich euch sagte!« -- und der Apotheker schlug zwischen die +Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er +erhob die Stimme. + +»Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die +beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.« + +Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der +Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, -- und auf +einmal entließen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen. +Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins +Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker +brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch +sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme: + +»Da sind sie!« + +Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich +nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten +der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen; +zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der +Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ, +entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die +Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; -- und +dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das +Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte. + +Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das +Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf +einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig +wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei +jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete: + +»Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!« + +Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie +mußte zugeben, daß sie ermüdet sei. + +»Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten«, erklärte sie. + +»Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben --« + +»Sst!« machte er. + +»Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut +gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.« + +»Darauf hat er sich immer verstanden!« schrie Polli. »Er hat immer das +zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.« + +Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht +genügend beleuchtet. + +»Und der Baron«, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte +es gehört und flüsterte zurück: + +»Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm +aufgesetzt hat, bist du es.« + +»Du bist groß, Advokat!« sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung. + +Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß +der Huldigungen. + +»Da haben wirs!« -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten +die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings. +Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor +lachen. + +»Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.« + +»Was meinen Sie denn, Camuzzi?« fragte der Advokat, immerhin betroffen. +»Ich habe keine Ahnung.« + +Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz +legte. + +»Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.« + +Der Sekretär nickte ingrimmig. + +»Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk +sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in +Gefahr!« + +»Das ist doch wohl übertrieben«, meinte der Advokat; und da er in den +Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf. + +»Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini +ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller +abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr +Herren, seht hier, seht den Priester!« + +Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte, +sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie +unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren +schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen +Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog, +besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten +und schrien. Die Bürger waren empört. + +Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte: + +»Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!« + +»Wenn man ihn selbst einmal --« schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann +Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe. + +»Solche Verbündete«, stellte der Advokat fest, »hat der Herr Camuzzi. +Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.« + +»Die moralischen Gesetze«, versuchte der Sekretär einzuwenden, »verlieren +dadurch nicht an Wert, daß --« + +»Ach was!« -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. »Lassen Sie doch +die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen +huldigen --« + +Er sah auf Italia. + +»-- ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere +Verneinung!« + +»Bravo, Advokat!« sagte der Cavaliere Giordano. + +»Er hat gut gesprochen«, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu +und schielte auf seine Nase: + +»Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn +nicht der Advokat es täte!« + +Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger +entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ +den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der +Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der +Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker +in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann +seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz +vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an. + +»Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das +Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der +Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube; +weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen +kann.« + +Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb: + +»Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den +Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter +Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.« + +Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich: + +»Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und +Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in +kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.« + +»Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?« fragte der Sekretär. + +»Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die +ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und +Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und +freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor +Mittelmäßigkeiten.« + +Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen +die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern. + +»Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen +Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.« + + * * * * * + +Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine, +einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse. + +»Hier ists kühl«, sagte er aufatmend; und über sie geneigt: + +»Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.« + +»Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.« + +Er biß sich auf die Lippe. + +»Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist +gegen mich.« + +Da sie Luft durch die Nase stieß: + +»Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen +Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!« + +Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen. + +»Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!« + +»Aber auch ich --« und er schluchzte trocken auf, »-- habe nun etwas +Einziges, etwas Großes --« + +Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz: + +»-- für das ich leben will, -- für das ich sterben will.« Ihre Miene ward +unruhig. + +»Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!« + +»Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.« + +»Und so paßt es für dich«, sagte sie befriedigt. + +Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die +Rechte aufs Herz und begann zu singen. »Sieh, Geliebter, unser um --.« + +Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag. + +»Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es +nicht.« + +»Da Sie es singen, Fräulein,« sagte Polli galant, »brauche ich meinen +Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.« + +»Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?« fragte Camuzzi; und gerade +wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die +Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die +Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock. + +»Es wird niemand darin sein«, sagte der Kaufmann. + +»Ich habe beobachtet,« sagte Polli, »wenn der vorige Tag zu gut war, dann +kommt gar nichts.« + +»Da wir das Fräulein schon unter uns haben«, und der Advokat verbeugte sich +vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat +sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß. + +Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der +Treppengasse. Der Apotheker fluchte. + +»Es ist unbegreiflich,« bemerkte der Advokat, »wo diese Mädchen sich +umhertreiben. Was mögen sie --« + +Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron +Torroni. + +»O,« machte der Leutnant, »man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .« + +Der Sekretär lächelte unbekümmert. + +»Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.« + +»Tatsache ist,« sagte Polli, »daß der Advokat gewisse Rechte des Barons +nicht ganz --« + +Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf: + +»Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr +schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!« + +Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich. + +»Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens, +daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird +leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.« + +»Immerhin muß man wissen,« sagte der Apotheker, »daß heute früh ein Bauer +aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat. +Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.« + +»Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!« rief Polli; »und da du mit +dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?« + +Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte +seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf +seinen Arm. + +»Keine Dummheiten, Advokat!« + +Und etwas weiterhin: + +»Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst +dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich +Unglückliche!« + +Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser +kritischen Lage vorbei. + +»Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!« sagte er. + +Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war +überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem +Baron den Anfang gemacht. + +»Du lügst!« -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung, +weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas +Falsches zuschob. »Was hast du gesehen?« + +»Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte, +warum.« + +»Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des +Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist, +war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt +habe.« + +Der Advokat murmelte: + +»Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz« -- und +nachdem er überlegt hatte: + +»O Weiber! Und das soll ich dir glauben?« + +Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten +alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die +Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft! +Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es +schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, kühn +gemacht, vor, sie dafür zu verlassen. + +»Ich liebe nur dich«, sagte Italia versöhnlich. + +»Eh!« machte er und kehrte um. + +»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. Er sagte herablassend: + +»Du bist ein gutes Mädchen.« + +Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu: + +»Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah +wohl, daß sie Furcht um dich hatte.« + +»Du glaubst?« -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart. + +»Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen«, begann der Leutnant wieder, +»von sehr sonderbaren Fällen . . .« + +Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? »Mit ihr kam ich +gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah +Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht +geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!« Und er +errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge +gerühmt habe. »Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie +ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.« Aber hundertmal hatte schon in +seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine +Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt! +»Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist +abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.« + +»Wo bleibt der Maestro?« fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit +starre Augen gehabt hatte. »Die Chorprobe müßte aus sein.« + +»Wohl«, sagte Gaddi. »Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche +ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine +Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?« + +Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton +bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht +sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den +Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er +murmelte: + +»Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?« + +Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in +schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust +unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, -- trank nicht, +rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, +anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel +ab. + +Der Advokat streckte die Hand aus. + +»Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte +auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen +hinaufsteigen sah --« + +Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf. + +»Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der +guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd, +die mannstoll war, eine schöne Person --« Italia unterbrach die Erzählung. + +»Advokat,« sagte sie zitternden Tones, »der Blick des Priesters, als er uns +begegnete!« + +»Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam +die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er +Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht +an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen +Augen an . . .« + +Sie schlug die Hände vors Gesicht. + +»Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht +mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu +beichten.« + +Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für +ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten +zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet: + +»Auch ich werde beichten.« + +Man stutzte. + +»Sie sind fromm?« + +»Warum nicht«, erwiderte Gaddi. »Auch beim Theater sind wir anständige +Leute.« + +»Ich komme gern mit mir ins reine«, erklärte sie und bewegte die Augen hell +vom einen zum andern. »Habe ich dort im Schatten gekniet und alles +ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir +bestimmt ist.« + +Der Advokat hielt sich nicht mehr. + +»Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden +vergeben kann?« + +»Wenn er stark genug wäre?« sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. »Aber +fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.« + +»Sie sind eine sonderbare Person«, bemerkte der Tabakhändler. + +»Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch« -- und +sie erfaßte Italias weißen Arm. »Sie sind schwierig, -- und die Priester +sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl +und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die +Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu +sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts +kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es +verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch +längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich +ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die +Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit +ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und +bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das +Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<« + +»Welch guter Witz!« rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora +Garlinda lächelte in die Runde. + +»Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine +des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.« + + * * * * * + +»Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen«, sagte der Cavaliere +Giordano. + +Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle +die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter +flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein +hergewehter Schwarm fremder Insekten. + +Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr: + +»Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung +haben!« + +»Aber auch unsere Damen«, fügte er hinzu, »sind nicht zu verachten, und +nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute. +Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!« + +Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen +Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste. +Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er +fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht +trafen. + +»Die kleine Paradisi«, raunte er, »hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber. +Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.« + +»Ich glaube sie schon zu kennen«, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert +hatte: »Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde +dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, +die ich gestern gesehen habe?« + +»Gewiß,« sagte der Advokat, »und sogleich wird auch die Hühnerlucia da +sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung, +und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, +was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles +geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile +Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus +einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.« + +Er sah sich nach Beifall um. + +»Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er +ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß +diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt +machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin +vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. +Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei +anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe +hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück +der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino +Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft +seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen, +daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer +als die Goldstücke des Alten.« + +Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte: + +»Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich +wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird +sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende +einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen +Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten +in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr +weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!« + +»Die Hühnerlucia!« rief der Advokat und schüttelte ihn. »Da ist sie!« + +Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen +Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr +krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da +durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, +über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. +Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den +Händen um sich, man kreischte, man floh . . . + +Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich +der Advokat noch immer erstickt vor Lachen. + +»Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig +Jahren, und es bleibt immer komisch.« + +»Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro«, rief er. + +»Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater«, erklärte +der Advokat seiner Umgebung. »Alles in Ordnung, Maestro?« rief er durch die +Hände. + +Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet +hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café »zum Fortschritt.« + +»Es ist gut gegangen,« sagte er und nahm die Hände, »ich bin zufrieden.« + +»Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?« fragte Italia. + +»Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste +in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.« + +Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf +an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die +heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. +Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an +patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso +zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte +eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste +Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und +feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es +sprang zu hoch. + +»Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein«, sagte er +und seufzte. + +»Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann«, erwiderte der +Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den +Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an +den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und +lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch +von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen +Ruck an Flora Garlinda. + +»Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< so gut wie Livia +Damanti«, sagte er und schöpfte Atem. + +Flora Garlinda lächelte. + +»Sie finden?« + +»Sie hatte so viel Gefühl.« + +Flora Garlinda krümmte die Lippe. + +»So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die +Livia gehört?« + +»Letzten Winter«, sagte er rasch und errötete. »In Parma.« + +»Sie ist seit einem Jahr in Amerika.« + +Und immer mit ihrem reglosen Lächeln: + +»Übrigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt +Contralto.« + +Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte +unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute +bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte. +Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah +weg. + +»Ich werde mich geirrt haben«, sagte er und schluckte hinunter. »Auch +zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die +Wahrheit.« + +»Wahrheit oder nicht« -- und sie lachte kameradschaftlich, »wir kennen uns +schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die +größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?« + +»Über mich? über mich?« -- mit der Hand auf dem Herzen: + +»Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --« + +Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen. + +»Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er +gedrungen.« + +»Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat«, sagte der Kaufmann +Mancafede. + +Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase. +Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten +um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand. + +»Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die +Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun +einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein +inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe +dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines +Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt +nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.« + +Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung +benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen. + +»Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen +gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fühle eine +Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten +des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses +Volkes zu hören, das wartet.« + +»Und Sie, Herr Savezzo?« fragte Flora Garlinda. + +»Ganz so!« sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran +getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren +die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. »Ganz so! Als ich über die +Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich +fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das +beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium +die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß +ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im +Geist erblickt.« + +»Der Ehrgeiz!« sagte der Kapellmeister. »Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang +zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich, +Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das +Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende! +Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele +und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!« + +»Tausend Geliebte!« -- und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. »Ich +sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch +das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine +gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten +Damen sich mir --« + +Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie +weiß zu machen. + +»Die Herren verstehen sich«, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd, +gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber +seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt +durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte: + +»Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für +diesen Vermouth.« + +Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: »Ists möglich, daß sie mich mit +diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich +ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer +kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl +gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter +Musik kommen, werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch +nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.« + +Er betrachtete ihr Lächeln. + +»Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben! +Sie ist böse, ich hasse sie! -- und würde doch keinen Menschen so gern an +mich glauben machen wie sie!« + +Aus ratloser Pein sagte er: + +»Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?« + +Sie hob die Schultern. + +»Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem +Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist +alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco +zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, +mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --« + +Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie. + +»Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich +werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und +meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird +dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.« + +Sie stand auf. + +»Ich will meinen Spaziergang machen.« + +»Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden«, sagten die Bürger. + +Sie lachte und ging. + +Der Kapellmeister sah vor sich nieder. »Ihr gehört die Zukunft; darum +braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.« + +Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin: + +»Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.« + +Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit +hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen. + + * * * * * + +Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß +rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen +schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines +Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch +die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave. + +Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des +Tenors Nello Gennari, beim Café ein. + +»Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!« schrie er erzürnt. »Was +fällt ihm ein!« -- denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt +auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen. + +»Im übrigen,« sagte er, »die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen +Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.« + +»Aber die Personen,« sagte Nello, »die zum Dom gingen, waren nicht +dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.« + +Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig +gesenkten Stirne hervor. + +»Ach ja,« sagte er, »dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen +kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre +Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.« + +»Was meint dieser Herr?« -- und Nello tat einen raschen Schritt. + +»Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.« + +Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an. + +»Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn +keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr +meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.« + +»Was hat er?« ward gefragt, als er fort war. + +»Ich verstehe nicht --« stammelte Nello. Der Advokat bewegte den +Zeigefinger. + +»Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind. +Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die +Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon +wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn +eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines +sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und +daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte. +Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich +beneidet und haßt.« + +»Er ist ein junger Mann von großem Genie«, wandte Polli ein. Der Advokat +versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub +vor. Darauf erwiderte er: + +»Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.« + +»Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft«, sagte der Perückenmacher +Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden. + +»Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!« + +Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen +Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen. + +»Eh! eh!« machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich. + +»Wenn ich gewußt hätte,« versicherte der Barbier und drückte die +Pickelflöte fester unter seinen Arm, »ich wäre gekommen und hätte den +Herrschaften ein Ständchen gebracht.« + +»Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?« fragte der Bariton Gaddi. + +»Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige +darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.« + +»Ihr meint den Chiaralunzi«, sagte der Apotheker. »Aber wir alle wissen, +daß er ein sehr braver Mann ist.« + +Der Barbier hüpfte auf. + +»Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt, +Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock +dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt +sich nicht beim Wein.« + +»Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.« + +»Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit +seiner Bande zu viel trinkt.« + +»Da haben wirs«, bemerkte der Advokat. »Ihr neidet euch gegenseitig die +Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön, +Nonoggi.« + +Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden. + +»Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so +miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.« + +Der Advokat legte den Kopf zurück. + +»Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der +Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch +beiden einen Vermouth anbieten.« + +»Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu +bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der +Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!« + +»Wie?« fragte der Kapellmeister aufschreckend. + +Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf +seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken, +und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte +er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem. + +»Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?« fragte er und setzte das +Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem +Auge. + +»Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen? +Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der +Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens +den Hals zu schützen.« + +»Und die Probe?« fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an. + +»Ja, die Probe.« + +»Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora«, sagte der +Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt +und streckte die Hand hin. + +»Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts. +Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.« + +»Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!« + +Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder. + +»Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein +Einfall.« + +Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der +Schneider sprang entsetzt zurück. + +»Im Café! Was denkt Ihr denn?« + +Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen +Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen, +zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten, +baumelnden Schnurrbartes. + +»Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute«, entschied er endlich +und nahm sie herab. »Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus. +Entschuldigen die Herren!« + +Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie +Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm +zuckten sie die Achseln. + +»Verliebt, der Arme!« + +»Die Orchesterpartitur«, sagte der Kapellmeister, »liegt noch in meiner +Wohnung, ich muß eilen.« + +Der Cavaliere Giordano stand rasch auf. + +»Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus +vorbei?« + +Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er: + +»Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei +allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi +hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der +Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich +könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es +kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll +Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript +Ihrer Oper.« + +»Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .« + +Der Kapellmeister griff sich an den Hals. + +»Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .« + +Der alte Tenor lächelte mild. + +»Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die +von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, -- die er +mir geschenkt hat.« + +Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister: + +»Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.« + +Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und +sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam, +hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und +blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte +lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und +starre, feuchte Augen. + +Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus +»zu den Verlobten« und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten +Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer +Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf +das Dach der Schmiede. + +»Dort oben.« + +Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer +geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den +heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten: + +»Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es +hier nicht.« + +Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen. + +»Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es +in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist +mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel +tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich +durch den Himmel; -- und aus den Glockentönen, die mir darin +entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber +vielleicht ist es schlechte?« + +Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die +Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen. +Der Kapellmeister hielt nicht stand. + +»Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens +den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!« + +Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf. + +»Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --? +Aufs Bett? . . .« + +Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht. +Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte: + +»Bravo, Maestro!« + +Darauf atmete der Kapellmeister wieder. + +»Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu +improvisieren« -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem +Zeigefinger den ersten Ton an. + +»Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber +hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!« + +Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens. +Endlich sah er, rosig lächelnd, auf. + +»Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.« + +Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: »Wo habe +ich heute morgen meine Ohren gehabt?« Nie hatte sie tremoliert. Der +Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers. + +»Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!« + +Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit +immer neuem Entzücken: + +»Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!« + +Der alte Tenor lächelte klug. + +»Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don +Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.« + +»Ihm selbst haben Sie vorgesungen!« + +»Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich +spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.« + +»Ein Verdi!« + +Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere +Giordano trat an das Fenster. + +»Hier hat man einen weiten Horizont«, bemerkte er. »Die vielen Dächer +bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie +haben es gut, Maestro, Sie sind jung.« + +»Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen +Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner +Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, +eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!« + +»Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit +Säcken voll Dollars zurückzukehren.« + +»Sie waren drüben, Cavaliere.« + +Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den +geringeren. + +»Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu +hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der +Krim. Während der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am +Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein +Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn +ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem +Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in +Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore +Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen +und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie +beruhigen.« + +»Als Sie zwanzig waren«, wiederholte der Kapellmeister. + +»Ja«, sagte der Alte; und als sei er allein: + +»Es ist nun bald fünfzig Jahre her.« + +Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und +die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal +unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, +und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als +sonst. »Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein +Gehör, -- und vielleicht wollte ers bestechen?« Dem Kapellmeister kam der +Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht +herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. »Es ist wahr, ich habe ihn auf +der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich, +ein Anfänger, -- und seinen Namen kannte eine Welt.« Er war froh der +Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet +war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz. + +»Ich muß eilen«, murmelte er. »Das Orchester wartet auf mich.« + +Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe. + +»Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.« + +Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht +allein zu sein. Aber er blieb zurück. + + * * * * * + +An der Ecke beim Wirtshaus »zu den Verlobten« trat, als der Kapellmeister +heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon +vorüber und rief zurück: + +»Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.« + +Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben +bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker +Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an. + +»Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.« + +Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem +Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte: + +»Dort oben wohnt eine.« + +»Auch hier habe ich eine einquartiert«, bemerkte der Advokat ein Stück +weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen +der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren +schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk +roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und +den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und +Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten +Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters +wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie +wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um +über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo +Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die +Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler +Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei +der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann: + +»Er hat recht.« + +»Auch für andere ist noch etwas da«, erklärte der Advokat und klopfte ihn +auf die Schulter. + +»Aber woher kommen sie alle?« setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften +schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. »Man weiß doch, daß es nur +dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.« + +»Überall riecht es nach Puder«, sagte der Apotheker mit seiner biederen +Stimme. Die anderen beiden schnupperten. + +»Sie verlieren ihn in der Luft,« sagte der Advokat, »wie Insekten ihren +Flügelstaub« -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein +Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte +sich eine: eine große, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber +verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn +erkannt. + +»He! Olindo! Willst du hervorkommen!« -- und er stieß mit dem Zeigefinger +nach dem Pflaster. + +»Soll ich dich holen, du frecher Bengel?« + +Der junge Polli zeigte sich am Gitter. + +»Papa,« stotterte er, »das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die +Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.« + +»Augenblicklich kommst du herunter!« + +Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das +verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn, +laut lachend, an. + +»So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!« + +Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte: + +»Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu +verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.« + +Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der +Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien +Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der +bauchigen Rundung des Hauses hin. + +»Ah! er will entwischen.« + +Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus +Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, -- und nun +schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei. + +»Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen +mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden +waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame +bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich +ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.« + +Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli +den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte +er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das +Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward +angst. + +»Seid vernünftig«, bat er, »und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen +schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie +wir sind? Kommt fort!« + +»Aber es ist geradezu die Schönste«, sagte der Advokat und war nicht vom +Fleck zu bringen. »Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die +mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem +Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit +uns«, flüsterte er durchdringend hinauf, »wird das Fräulein vielleicht im +Gasthaus »zum Mond« ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der +Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.« + +»Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren«, erwiderte sie. Man sah sie +drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend, +die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand +sogleich dem Tabakhändler hin. + +»Ihr Sohn ist ein Kind«, sagte sie; »Sie aber, mein Herr, sind ein +wirklicher Mann.« + +»Wir wollen es hoffen«, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln, +das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den +Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er +schnaufte. + +»Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt« -- und lauter: + +»Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste, +und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.« + +Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um. + +»Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein +Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.« + +Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich +wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan +hatte. + +»Welch ein Weib!« + +Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er +schlug heftig gegen die Mauer. »Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten +für sie begehen könnte.« + +Der Apotheker sagte vorwurfsvoll: + +»Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia, +ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier +trotz ihren gelben Haaren fehlt.« + +»Soll ich dir etwas sagen?« + +Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers. + +»Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde +treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich +schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat +mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers +geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.« + +Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging, +und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die +im Corso verschwinden wollten. + +Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem +strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien. +Polli schlug auf einen Tisch. + +»Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.« + +Der Advokat stellte die Hände um den Mund. + +»Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein +kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige +Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel +aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .« + +»Sie werden zufriedengestellt werden«, sagte der Wirt und dienerte speckig. +»Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy +machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.« + +»Und Leber in Öl will ich«, erklärte das Mädchen. + +»Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!« empfahl der Advokat, als +der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher: + +»Sorge für den Zabajone!« + +Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof: + +»Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt +dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!« + + * * * * * + +»Was schreit er?« sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er +zuckte die Achseln. + +»Sie werden sich betrinken wollen.« + +»Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn +unermüdlich?« + +»Unsere Ankunft«, sagte Nello, »hat belebend gewirkt auf die Einwohner +dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in +Freiheit zu setzen.« + +»Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden +zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben +Tage noch --« + +Italia hatte eine feuchte Stimme. + +»Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.« + +»Wem sagst du es«, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen. + +»Aber dich hat doch niemand betrogen?« fragte sie. Er murmelte: + +»Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich +mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.« + +»Ich verstehe dich nicht.« + +»Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen +müssen.« + +»Als ob wir dafür engagiert wären!« + +»Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.« + + + + +III + + +»Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!« verlangte die Frau des +Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte +unter ihrem grünen Augenschirm ringsum. »Und er wird droben bleiben und +ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr +verdammtes Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel +eine Messe zu feiern.« + +»Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes«, sagte der Schlosser Fantapiè und +bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten +in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte +die Augen. + +»Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug +können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein, +bevor der Böse dir den Hals bricht!« + +»Wie wir Guten wenige sind!« bemerkte Frau Acquistapace. »Sollte man die +Unglücklichen nicht zurückhalten?« + +Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock. + +»He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der +ewigen Verdammnis.« + +Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte +durch den Lärm der Glocken zurück: + +»Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn übrigens +eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.« + +Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah +trostlos um den Platz, der leer lag. + +»Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!« sagte der +Schlosser. »Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die +Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!« + +»Ach was, man muß handeln!« behauptete Frau Acquistapace. »Beachtet Don +Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.« + +Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür +hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des +Corso kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die +Matratze zu. Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu +jagen, da drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den +Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner +Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten +über die Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte. + +»Welche Schande für unseren Beruf!« rief Frau Nonoggi dem jungen Druso +nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin? + +Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus, +als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er +sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und +nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer +hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff +doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein +reines Gewissen hatte. + +»He! Nonoggi,« -- und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm +auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber +das geschlossene Auge verhinderte es. + +»Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus +dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist +mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine +Klarinette fehlte.« + +Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange. + +»Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,« erklärte er +den beiden Schlossern, die nachkamen, »aber ein Barbier hat noch andere +Rücksichten zu nehmen.« »Au!« rief seine Frau, denn sein freundschaftliches +Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich +wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der +Treppengasse. + +»Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten« -- und Frau Nonoggi +machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten +einander stumm. + +»Nun sind wir noch vier«, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies, +aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke. + +»Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge +dafür, daß er weiter Pillen macht.« + +Man nickte einander verbissen zu. + +»Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!« sagte die Pipistrelli. +»Soll man ihm nicht zu trinken bringen?« + +Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz +allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich +die Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat +Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er: + +»Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des +Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.« + +Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er +sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete +sich auf. + +»Was wollen Sie von mir?« schien er zu fragen; -- und im Getöse des +Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen +ausstoßen, die Fäuste schütteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind +umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben: + +»Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen +Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.« + +»Eine Kapelle!« schrie der Advokat. »Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie +nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie, +mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?« + +Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme: + +»Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!« + +Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so +wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er +die Rechte auf das steife Hemd: + +»Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes --« + +»Wer ist das Volk?« fragte der alte Fantapiè und trat breit an den +Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er +tief Atem. + +»Das Volk bin ich!« sagte er mit Überzeugung. »Und hütet euch, daß ich +nicht die >Glocke des Volkes< läute!« + +»Auch wir haben Zeitungen«, sagte Don Taddeo. + +»Auch wir sind das Volk«, behauptete drohend Frau Acquistapace. + +»Und mein Mann«, kreischte die Pipistrelli, »wird wohl mit den heiligen +Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder +singen.« + +Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht +umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben +waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn +Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser. + +Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester +lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen. + +»So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr +Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine +Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die +bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.« + +Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig. + +Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme. + +»Soll mans geschehen lassen, Reverendo?« + +Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin. + +»Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu +warten.« + +Frau Acquistapace begriff ihn. + +»Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern +sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten, +zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne +nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?« + +»Schien es doch auch mir«, machten die andern. + +»Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo, +kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der +Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .« + +Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse. + +»Von allen guten Familien«, schrie die Frau des Kirchendieners, »haben nur +die Nardini dem Übel widerstanden . . . außer dem Hause Acquistapace,« +setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah. + +»Auch die gute, heilige Frau Camuzzi«, sagte der Schlosser Fantapiè, +»bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus +verlassen habe.« + +Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er +hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die +Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig +verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen +hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und +heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch +Wahrheit, was die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten +der Komödianten wissen wollte? + +Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn +weiß und wirr. + +»Wir werden alle verderben,« stammelte er, »und jene, die sie Italia +nennen, ist von allem Unheil das ärgste!« + +Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè +rief aus: + +»Sie ist das Weib von Babel.« + +»Beim Bacchus,« bemerkte der Schlosser Scarpetta; »nachdem schon der +Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des +Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn +selbst die Reihe kommt.« + +Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich +hin. Alle schwiegen, -- und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie +durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil +Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht +gewußt, daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses +»zum Mond« sehen ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war +eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. +Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . . + +»Don Taddeo«, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her. +»Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.« + +Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und +machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane +hörbar um die Beine schlug. + +»Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des +Hirten«, sagte die Pipistrelli. + +»Aber der Baron« -- und man spähte ihm nach -- »geht ins Theater, das sieht +man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch +einen Kampf sie hinter sich hat!« + +»Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!« + +»Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?« fragte seine Frau. »Ich +bin sicher, daß sie ihn bedrohen!« + +»Wir sind Männer«, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace +setzte hinzu: + +»Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!« + +Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz. + +»Don Taddeo hat noch Streiter«, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und +Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der +Treppengasse hinauf: + +»Wir werden sehen!« + +Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat +Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und +flüsterte durchdringend: + +»Komm! Wir sind befreit.« + +Ein rauher Freudenschrei, -- und der alte Acquistapace drang hervor, +stelzend, daß der Platz davon hallte. + +»Sst!« machte der Advokat. »Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich +geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.« + +»Und ich,« jubelte der Apotheker, »der ich unter meinem Arbeitskittel schon +den schwarzen Rock anhatte!« + +Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus. + +»Ah! alter Esel, der du bist!« + +Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten +der andern. Der Advokat sah zurück. + +»Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein +Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.« + +Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte +einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine +unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb. + +»Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.« + +Acquistapace flehte wie ein Knabe. + +»Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du +--; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden +hat.« + +»Eh! man sagt vieles« -- und der Advokat kicherte fett. + +»Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?« + +»Wie? du hättest --?« + +»Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir! +Er sieht nun, daß mich das nicht hindert --.« + +»Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.« + +»Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem +Priester noch?« + +»Nicht lange. Deine Artikel in der >Glocke des Volkes< werden gewirkt +haben.« + +»Also du glaubst. Ich sage dir, ich --« + +Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust. + +»-- daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist +durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch +habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn +von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens +unterrichtet.« + +»Aber er --« + +Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand. + +»-- er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die +Augen bewegt, eure Madonna, -- und fast hätten sie ihn gesteinigt.« + +Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen. + +»Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die >Arme Tonietta< +sehen?« + +»Das wollen wir: ah! das wollen wir.« + +Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen. + +»Sst!« machte der Advokat. »Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will +man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden; +aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter +dem Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre +wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, dorthinten unter +den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als +kämen statt des Lärmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben +keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge +gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen, +die bezahlt haben.« + +»Wir wollen auch hören«, antwortete das Volk. + +Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe. + +»Um so besser« -- und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der +Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; »da die Lampe gerade +hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast +unbegreiflich, daß diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des +Theaters für ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig +Erziehung haben . . .« + +»Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst +fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; -- und welch stolzer roter +Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!« + +»Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir +mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu +hintertreiben. Welch alter Spitzbube!« + +Sie betraten den engen Gang um die Logen. + +»Guten Abend, Vater Corvi!« -- und da der Schließer die Hand hinhielt: »wir +haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.« + +»Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie +hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr +Acquistapace muß ihn bezahlen.« + +Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch +an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang. + +»Keine Dummheiten, Corvi«, sagte der Advokat. »Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch +um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.« + +»Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich +kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen, +denn ich habe sie nicht.« + +»Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,« -- und der Advokat begann +zu tanzen und die Luft zu klopfen, »dann brauchtet Ihr heute abend die +Leute nicht um Karten zu belästigen.« + +»Gott hat es so gewollt«, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte. + +»Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre +Empfehlung für die öffentliche Wage.« + +In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia; +aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand +er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der +Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die +Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht +sah, wer dahinter saß. + +»Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!« rief es +ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd +Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch +entließ, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht +entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an, +indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war +Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die ärgste Klatschbase! + +Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta +durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles +wußte; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit +zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, +und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der +Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran, +seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und +er es sich gewiß nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener +anderen Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete +die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del +Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren +Nello: den schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb, +konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich hatte sie es +so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs saß. War es zu glauben, +daß Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte +er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände +anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, waren +armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhändler +hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und +starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade +diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog! + +»Rina! Nicht hinunterfallen!« riefen alle. + +»Sie hört nicht; hier ist ein Lärm --!« Der Gevatter Achille schreit aus +seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: »He! Nonò, bist du +es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient +werden?« Keine Möglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. »Dieser Nonoggi +trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem +Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie +wird also wirklich die Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein +Mädchen es wagen würde. Soll man pfeifen?« + +»Die Arme, wie sie hübsch ist!« sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè. +Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu: + +»Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten +meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina +blutig sein.« + +»Ah, Nina, du Liebe!« riefen die Mädchen. »In ihrem weißen Kleid, wie sanft +sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den +langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist +verliebt in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich +verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als +wären alle nur gekommen, um ihn zu hören.« + +»Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino +Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.« + +»Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans +Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.« + +»Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie +werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das +Fenster hinter dir!« + +»Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die +Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.« + +»Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den +Priester machen. Nieder mit den Priestern!« + +»Ruhig dort oben!« rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben +um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs +wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der +kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des +Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf: + +»Hast du mitgeschrien, Klothilde?« + +Seine Magd rief zurück: + +»Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!« + +»Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!« + +Die Logen waren belustigt. + +»Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik +abgenommen, und so rächt er sich nun.« + +Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend +zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der des +Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: +zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um +die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin +-- und plötzlich quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine +Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des +Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her: + +»Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein +häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem +Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint +ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den +Kopf herein, -- und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt +vor ihr herum: Pappappapp . . .« + +Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm +sprachen. + +»Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine +abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne +Eifersucht abzugewöhnen.« + +Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und +jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund +Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen, +die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre +auseinander. + +»Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.« + +Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der +Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama +Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und +man hörte nur Galileo Belotti, der sagte: + +»Guten Abend, die Gesellschaft!« + +Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen +auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur +ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm +aus Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie +mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn +schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich. + +»Bravo Serafini!« rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf +den Fingern. + +Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf +ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der +Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Fräulein Pernici samt dem +Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant +legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte +hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften +den Gang, so daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in +der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem +Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, -- indes Mama Farinaggi kleine +Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie +kniff. Dazu schrie es von der Galerie: + +»Lauretta hat den schönsten Hut!« + +Und: + +»Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!« + +Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den +Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten, +die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine +fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und +ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! +Es klapperte von Loge zu Loge: »Skandal!«, sprang über den Rang: »Skandal! +Skandal!« -- und die Männer im Stehparterre riefen: »Skandal! Skandal!« und +mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder, +ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte +beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein +Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse +umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den +drei Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie +ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino +Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherführte, kam und stellte sich +zwischen sie und die drei. + +»Danke, mein Herr,« sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, »danke für +Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß +in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein +würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die +Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.« + +»Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt +der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.« + +»Ah! -- und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er +wird nicht mehr angestellt werden.« + +»Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.« + +Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums beklagen. +Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der numerierten +Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß +er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte. + +»Wir haben Mühe genug gehabt,« erklärte der junge Salvatori, »den Streich +abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute +glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini; +und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden +war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde. +Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu +erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine +Loge verzichten müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.« Von +rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu. + +»Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht +etwas tun, um ein Ende zu machen?« + +»Für nichts in der Welt«, sagte Frau Camuzzi. »Ich würde sofort nach Hause +gehen.« + +»Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese +Glocken.« + +»Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen +Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.« + +Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser +kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott +welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz +sicher schien, mit allen Männern kokettierte. + +»Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt +werden sollte, -- und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen +Intrigantin!« + + * * * * * + +Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; -- aber man bemerkte, daß eine halbe +Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in +der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr +Fiorio schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er +irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der +Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte +wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? +Welch ein Übergriff! »Wir sind recht sehr zurück in Italien!« Bekam man +wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder +in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der +Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und +gemessen, hinter dem Advokaten her. »Fontana! Capaci!« rief er halblaut, +und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des +Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre +großen Federn trug, die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten +klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das +steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit +geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen. + +»Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!« bemerkte der Kutscher Masetti, +der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der +Barbier Bonometti setzte hinzu: + +»Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.« + +Dabei drängte er mit den andern hinterdrein. + +»Was denn«, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. »Was +wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist? +Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!« + +Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte +Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches +Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links +eine Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, +ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr -- und in der +allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz -- im Falle der +Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren +Nachbar, den Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, +der den Baß strich. + +Acquistapace antwortete: + +»Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum +Schweigen.« + +»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, wiederholte die junge +Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen +Mullkleid hervor. + +In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten +Literaten Ortensi. + +»Beatrice,« sagte er und kicherte, »man bringt den Priester zum Schweigen. +Das erinnert an die guten Zeiten.« + +»Wir sind noch am Leben, Orlando«, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit +tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen +weißen Gesicht nur die schwarzen Augen. + +»Nicht möglich!« rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die +Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die +Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete +sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß +ausbrach. Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses +alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander an. + +»Alle wie Papa«, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre +Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder. + +»Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird +aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.« + +»Ich habe es satt, mich zu verheiraten«, sagte die entlobte Rosina. Da ging +die Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen +Bauch herein. Die Augen funkelten ihm. + +»Alles geht gut«, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen. +»Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes +haben, und wollt ihr einen Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit +gestern habt ihr euren Papa zurück.« + +»Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser«, jubelte Cesira +und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande +unbeachtet ließ, sah weg und dachte: »Da läßt die Gans sich streicheln und +schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die +Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen +zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen; +und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach +dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung +zurücklegt . . .« + +»He, Zecchini, wie steht es?« rief ihr Vater ins Parterre. »Er läutet also +immer noch?« + +»Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht +in den Turm!« -- und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle +beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften +zurück, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm +umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen, +deren weiße Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er +gezwungen, sich zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von +draußen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge, +die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom +Parterre zur Galerie rauschend ein »Ah!« + +»Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!« + +Jemand rief: + +»Es lebe der Advokat!« + +»Was denn? Welcher Advokat?« -- und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit +Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an. + +»Da habt ihrs!« schrie der Bruder. »Wenn ich euch doch sage, daß er ein +Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den +Kopf --« + +Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul, +Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand. +Frau Camuzzi bekreuzte sich. + +»Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!« -- und der +Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden +Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen. + +»Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst +scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt +sichs um unsere Logenplätze und unser Geld.« + +»Mein Gott, wohin nun,« seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom +Apotheker Acquistapace allein gelassen war; »wir Frauen sind hier +geopfert.« + +Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen: + +»Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als +mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes +die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber +namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal +gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen; +Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.« + +»Was wollen sie nur?« fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht, +das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über +die Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie +klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die +Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie +hoch leben ließen, denn nütz? »Weder der Belotti noch Don Taddeo werden +mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.« + +Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte sich. +Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge; +sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und +mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das +Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein +Ausspruch. + +»Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.« + +»Bravo!« -- und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und +Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte: + +»Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu. +Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum +Glück hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der +öffentlichen Wage verschaffen.« + +»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, flüsterte die junge +Amelia, mit ungleich geröteten Wangen. + +»Es lebe der Advokat!« schrie die Galerie. + +»Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen«, sagte der Gemeindesekretär +Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an +Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In +der Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich +dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre +zischte: es war der Bäcker Crepalini. + +»Zur Tür!« rief die Galerie. + +»Wie?« antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. »Ich habe sechs +Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine +Meinung sagen?« + +»Er hat recht, der Bäcker«, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum +Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um. + +»Ihr möchtet eine Tracht Prügel?« fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie +und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der +Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe. + +»Die Hymne!« + +»Sieh mal an!« sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. »Wir werden dem da +nichts mehr zu tun geben.« + +»Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel«, jammerte der Kaufmann +Mancafede, »und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit +seiner Hymne.« + +»Das alles ist nicht gut«, -- und Frau Camuzzi drückte sich in den +Schatten. »Was wird Don Taddeo sagen?« + +Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt +und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und +dort hinten das Volk schlug. + +»Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!« machte Galileo Belotti immer +wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich +hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn. + +»Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!« + +Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die +Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten +gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen +hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon. + +»Der Advokat ist bei der Jole«, sagte man rundum. »Es ist also wahr . . . +Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.« + +»Signora,« sagte der Advokat, »ich bin gekommen, um die Huldigung, die +dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.« + +Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß +man sie sehe. + +»Hätte ich nur ein Pflaster da«, sagte sie girrend, »für Ihren Finger, der +blutet.« + +Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor. + +»Mitbürger!« schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen; +»der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen: +jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der +Freiheit begrüßte, sooft er --« + +»Was denn! Welche Hymne!« keifte Galileo Belotti. + +»Ich brauche keine Hymne!« rief der Bäcker Crepalini. »Ich brauche eine +Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!« + +»Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht«, schrie der Advokat. + +»Nichts kennst du, Buffone!« + +Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung +seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, +mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat +sich zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem +letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß. + +»Was ist denn geschehen?« fragte er draußen und wischte sich die Stirn. +»Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt +dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses +Glück!« + +Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte +aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab, +wäre gern ins Freie geflüchtet, -- aber vor dem Theater wartete wieder nur +übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den +linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte +eben zum Apotheker: + +»Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur +immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist +er!« + +Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen. + +»Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer +schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum +Verhängnis.« + +Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich +ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder. + +»Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen«, sagte es neben ihm verzückt, +und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in +schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart +duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur. + +»Die Gunst des Volkes«, sagte er, »ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat +es erfahren.« + + * * * * * + +Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in +seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als +Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen +war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da +rief die launige Stimme des Herrn Giocondi: + +»Und die >Arme Tonietta<?« + +»Freilich, die >Arme Tonietta<«, antwortete die Galerie, und im +Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu: + +»Genug mit den Buffonen!« + +»Maestro! Maestro!« + +Auf der Galerie stampfte es. + +»Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde«, stellte der Kaufmann Mancafede +fest. Drüben sagte Frau Polli: + +»Diese Komödianten machen sich über uns lustig.« + +Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln. + +»Wir wollen die >Arme Tonietta<!« + +»Was liegt mir an der >Armen Tonietta<«, dachten der Advokat Belotti und +die entlobte Rosina Giocondi. + +»Maestro! Maestro!« + +Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte +ironisch, man machte »Ah!« + +Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war +äußerst bleich. + +»Der arme junge Mensch!« sagten die Damen. + +»Die Kanaille!« dachte er. »Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir +bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, -- indes ich hinter +einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich +kommen, indem sie pfeifen . . .« + +Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den +Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern. + +»Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri, +geben Sie Obacht auf ihre Quinten!« + +»Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich«, dachte der Kapellmeister. »Alle +denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den +Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht --« + +Er mußte sich nach ihm umwenden. + +»-- für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind +wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns +hört . . . Alfò!« flüsterte er wild, »wenn du deine Pauke nicht ruhig +hältst, weiß ich nicht, was ich tue!« + +Ganz sanft fügte er hinzu: + +»Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.« + +Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der +Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt +den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren +Stille, in die Luft gehoben. + +»Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!« + +»Die Hymne!« schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. »Wir wollen die +Hymne!« + +»Zur Tür! Zur Tür!« + +»Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!« -- und der Kapellmeister fuhr +so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen +niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte. + +. . . Und endlich konnte der Stab sich senken. + +»Was denn, Präludium!« murrte Galileo Belotti. »Wir sind gekommen, um zu +sehen!« + +Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der +Vorhang auseinander. + +Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie. + +»Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben +gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie +die Mädchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu +Komödianten? Aber sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre, +Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu etwas +anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was für einen +Lärm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir +dröhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der +Kinder übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm plötzlich +aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto, +der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du könntest dort stehen und +das Paar beglückwünschen. Laßt uns klatschen!« + +»Bravo!« und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre mit seinen +Zechbrüdern an. »Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen, +Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid +fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!« + +Die Pächter vorn erklärten einander: + +»Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht, +aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . Natürlich muß eine +Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte +lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes +Mädchen, schöner als die andere.« + +»Das sieht der Italia ähnlich«, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner +Loge. »Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermählten: die Tonietta +habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem +Advokaten und den andern.« + +»Schweig!« sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem Halskragen breit +und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. »Schweig doch! Du weißt nicht, +was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche --« + +Sie biß sich auf die Lippen. + +»Was wollte ich denn da sagen?« dachte sie. »Diese Musik macht, daß man den +Kopf verliert und plaudert.« + +Auf der Galerie kicherte es. + +»Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der +Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß die Tonietta getan hat, +was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine +Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist +das eine Sache, die traurig macht?« + +Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, und die Witwe +Pastecaldi schluchzte kindlich. + +»Es ist nichts. Es ist die Musik«, erklärte der Advokat. + +»Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!« + +»So jung!« + +Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester Rosina. + +»Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, wie du +von den deinen, -- und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.« + +Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander zu; nur die +große Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pächter +links hinter ihr. Mama Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken: + +»Hast du denn kein Herz?« + +Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach +der Handlung fragte. + +»Schweig! du hast kein Herz.« + +Und sie kehrte zurück zu dem Tenor. + +Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von +Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den +Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter +die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte +eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er +war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer, +niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er +allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das +bevorstand. + +Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau +schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel +der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe; +-- und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine +Arie. »Ich bin betrogen,« sang er, »nun soll ich lieben, die mich verriet. +Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem +Liebhaber, und das Glück ist aus . . .« + +»Aus«, dachte Frau Camuzzi. »Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte +doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem +Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu +ihm kommen. Nie hat er es getan; -- und statt meiner soll er andere lieben: +die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine +Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch +sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich +versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; -- +und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich +hindert!« + +». . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die +Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare +Nacht!« + +»Die kostbare Nacht!« wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die +drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte +zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran +ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die +unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise +bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden +tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; -- und +indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei +wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei +stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal +blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward; +aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft +und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen +Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Willst du still sein!« zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten +zu. + +»Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe«, sagte der Gemeindesekretär. +»Alle finden es.« + +»Ich nicht«, und sie zerbiß sich die Lippe. »Er ist glücklich,« dachte sie; +»aber ich werde mich rächen.« + +Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten um. + +»Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter eine Frau +machen kann, im öffentlichen Leben solltest du vielleicht rücksichtsloser +sein. Warum hast du dich gefügt, als der Advokat Belotti diese schlechten +Komödianten herholen wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest, +dann mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.« + +»Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das Gelingen nicht +glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde sich blamieren . . . Ist dein +Fächer zersprungen? Ich hörte ihn krachen.« + +»Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don +Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; -- und warum soll man den Advokaten +so groß werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker +Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr +Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in +Verbindung, mein Ghino!« + +»Welch schöner Gedanke«, sagte der Gemeindesekretär, schob die Hände in die +Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau, +seine schlanke Büste zur Geltung. »Auf diese Weise würde man sehen, ob im +Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube +nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich +berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden außer +Betrieb setzen müssen.« + +»Was wirst du also tun?« + +»Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, der ein Anhänger +des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten +wird.« + +»Also geh, mein Freund!« -- und kaum war er hinaus, ließ Frau Camuzzi ihren +zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. »Das ist ein Mann!« Sie grüßte +lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen die Herren, die herübergrüßten. + + * * * * * + +»Noch einmal!« rief es unablässig. + +Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, als galoppierte er, als +müßte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie +brachte ihn zum Stehen. Erschöpft ließ er den Stab sinken; das Orchester +brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der +Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die +klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob +Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte +nicht, ob gewährend oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der +Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die +jungen Leute im Stehparterre, mit den großen Hüten und bunten Halstüchern, +sahen beruhigt und glücklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der +Kraft ihrer Hände, die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch +einmal vollzog. + +Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn. + +»Bravo! Gut!« + +Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der +Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken +Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an: + +»Noch einmal!« + +Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch nach: + +»Noch einmal!« + +Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre +klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen entrüsteten sich. Ein Kampf der +Zungen und der Hände durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor +und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr +kleines gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen. + +Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei voll +tiefen Hohnes. + +»Wir wollen die Tonietta hören!« rief es von der Galerie; -- und da merkten +die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause, +mit einer Schulter nach dem Saal. + +»Das ist ja das Gebet!« rief der alte Giocondi. »Still doch.« + +Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus Bäumen hervor +auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glückes +bat. Der Lärm sank von ihrer Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von +einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich +glänzenden Auges ihrem Fluge nach. »O Gott!« seufzte da und dort eine Frau. +Nachher hängten sie sich über die Galerie und langten mit den klatschenden +Händen recht tief hinunter, damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das +sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich +von den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung und noch +gleichgültig gegen das Irdische. + +»Welche Stimme! Noch einmal!« + +»Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie ein goldenes +Fell. Noch einmal!« + +Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und +grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und +dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas Ungreifbares; es gehörte allen und +keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den +Kapellmeister. + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen! +Mochten sie lärmen! + +»Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hört: ich lasse ihn zu +Ende spielen.« + +Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten +ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie -- und abgewendet +stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten -- zum Hause zurück und +kniete hin. + +»Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!« + +Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich, +von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf: + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Morgen noch einmal!« rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends +auf. + +Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre +geöffneten Münder und hörte nichts. + +»Von vorn! Die Tonietta!« + +Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, senkte ihn +verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern. +Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand +hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult +auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick schien ihm, +als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht +vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt. +Ermüdeten sie und blieben zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff +gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte +er sich die Stirn. + +»Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!« + +»Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!« rief die joviale Stimme des Herrn +Giocondi. Von droben kamen die der Mägde: + +»Achtung auf die Harfe der Nina!« + +Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe +beugte sich vor, um verklärten Gesichtes durch die Saiten der Harfe zu +spähen. Dahinter saß, weiß wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle +schwiegen. »Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme +sehr weiß.« Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas +Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war +gewiß auch von der Bühne droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und +Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen +Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge möchten enden. + +»Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon +zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt über seine +Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!« + +»Siehst du,« sagte nebenan Lauretta zu Theo, »ich wußte, daß diese Tonietta +ein anständiges Mädchen sei und keine --. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es +scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie +das rührend ist!« + +»Aber sie wollen sterben.« + +»Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange +man noch wenig Erfahrung hat.« + +Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, über die Wand der +Nachbarloge, und sie seufzte. + +»Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück lieben.« + +Der Kaufmann Mancafede nickte -- in der Hoffnung, seine Kommis würden es +nicht bemerken. + +Rosina Giocondi wandte sich ab. »Wie viele Lügen! Und wenn sie nicht das +Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh, +Geliebter, unser umblühtes Haus!« Ein Flüstern ging um. + +»Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, Elenuccia, +etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine Minute, Signora: dies +Duett ist das berühmteste Stück in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist +denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume? +Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!« + +Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau +Mandolini: + +»Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. Ich sehe zu +wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in diesen Klängen erweitert sie +sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hält sich +umschlungen und verbrüdert sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als +sonst Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt ein Engel +. . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?« + +»Aber wir hatten es ja!« erwiderte die Alte. »Noch immer haben wirs, +Orlando!« + +»Kein Vergleich mit unserem Phonographen«, sagte der Tabakhändler Polli zu +seiner Frau. »Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben +diese armen jungen Leute?« + +Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf: + +»So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was muß man tun?« + +»O Rina!« flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapiè; +»wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.« + +»Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?« -- und der Doktor Ranucci stellte +sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. »Ich sehe dir an, du denkst +an den Tenor. O, wären wir nie hergekommen!« + +Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern. + +»Bravi! Noch einmal!« + +Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein Pernici hinweg, die +weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, außer sich, zu Mama Farinaggi, der +Hausfrau aus der Via Tripoli: + +»Das ist geradezu göttlich!« + +»Wie? Wir haben es gehört!« -- und die jungen Leute hinten, mit den großen +Hüten und den bunten Halstüchern, schüttelten die Hände der Bauern um +Galileo Belotti. Er schalt: + +»Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!« + +Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund +Acquistapace zur Schwester Artemisia. + +»Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und ich bin der erste +gewesen, der es gehört hat: schon auf der Probe! . . . Signora,« und er +dienerte über die Scheidewand zur Frau Mandolini, »ich hätte Ihnen den +Erfolg dieses Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen +--« + +Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig nach seinem +Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini saß, hatte er +doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht +neben sich den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte? + +»Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!« +dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri: + +»Das alles tut Nina, meine Ninetta!« + +»Heraus! Noch einmal!« + +Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem +Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. »Wie sie wollen! Dann +verbringen wir hier also die Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch +mehr machen, es zu hindern.« Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ +sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher +vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. »Es war noch +schöner. Man würde es nicht glauben.« + + * * * * * + +Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und +in der Mitte gaben die Hände, an denen sie sich hielten, einander manchmal +einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann +verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht. + +»Zur Tür!« + +Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte. + +»Das einzige Mittel,« erklärte der Unterpräfekt hinter der vorgehaltenen +Hand dem Steuerpächter, »um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.« + +In der Klubloge überlegte der junge Savezzo: + +»Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt sie schon +weniger platonisch, -- und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich +werde eine Oper schreiben.« + +»Sst!« machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester +schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik zu hören sein mußte. Sie +brachte hervor: + +»Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt hätte, er lebte +noch!« + +Drüben sann Jole Capitani weich: + +»Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.« + +Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und +ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan +denen des Olindo Polli, und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen, +erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; -- +indes der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mädchen wand, das +den ihren auf die Galerie stützte, und ihr in das staubige Haar sprach. + +»Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?« + +Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam durch den +erhitzten Saal. + +Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola +die Köpfe. + +»Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi können nur wenig +spielen, wie jeder weiß.« + +»Was denn! Gar nichts können sie«, behauptete Galileo Belotti. + +»Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, wenn wir +statt ihrer --. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut, +Nonoggi!« + +Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi: + +»Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen +aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, aber dann lärmen auch die +andern; den meinen dagegen hört man immer heraus, und er schneidet lustige +Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person +hier, könnt Ihr mir glauben.« + +Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd: + +»Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte --« + +Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte schon längst die +Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rückte umher und +machte sich wieder heran. Endlich wagte sie: + +»Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf +sein, die höchste Person im Stück, und wenn er dazukommt, wird die Handlung +tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.« + +Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin des Sängers +vollendete: + +»Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse +steht. Ich weiß es.« + +Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke. + +»Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man +den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewiß werden seinetwegen die +armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten +haben. Das gefällt mir nicht.« + +Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine +eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein +strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar. + +»Bravo Maestro!« riefen die jungen Leute dahinten. »Noch einmal das +Orchester!« + +»Was denn!« antwortete es. »Wir wollen sehen, was kommt.« + +»Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.« + +»Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein +Herr.« + +»Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! Der arme Piero! Gerade +kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun. +Verdammt, der schlägt auf den Tisch, er will Wein.« + +»Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der Hauptstadt +seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!« + +»Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte Fossoneri in Calto +aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni --« + +»Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag schreien, wie er +will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!« + +»Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund +bist du! Pfeift! Pfeift doch!« + +»Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen +merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.« + +»Nieder mit ihm!« + +»Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er +ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Männer dumm sind!« + +»Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen +singt man nicht, zum Teufel!« + +»Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spät ist?« + +»Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von +Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, er dürfte das nicht tun! Knie nur +vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine +Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon +reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute +zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. Lauf zu ihm, Tonietta, +er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, er läßt dich nicht ein? Die Männer +stecken alle zusammen, das ist es!« + +»Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in unserer Jugend, +Orlando. Ich habe Herzklopfen.« + +»Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?« + +»O Dante, schon wieder willst du mich quälen!« + +»Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen sie, und die dummen +Mädchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen. +Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie +verdient es. Ach! die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt +nichts, laß ab!« + +»Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht es verrückt, +ich muß schreien!« + +»Ruhig dort oben! Zur Tür!« + +»Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du +sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint. +Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?« + +»Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.« + +»Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie +sie weint. Man muß mitweinen.« + +»Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlägt sie +über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloßen Füßen, +die arme Kleine.« + +»Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!« + +»Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das muß man doch +wissen!« + +»Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm +Heuschrecken und geht doch nicht an.« + +»Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!« + +»Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte +das Gesicht in den Händen.« + +»Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe --« + +»Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man ihn bereut.« + +»Eh!« machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, »solche Dinge +kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, merke dir das!« + +Der alte Giocondi mischte sich ein. + +»Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein Bauer hatte --« + +»Bravi! Bravo Maestro!« + +»Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!« + +»Rauchen wir draußen eine Zigarette?« + +»Bravi!« + +»Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu +beglückwünschen«, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein +Holzbein hervor. + +»Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen +nicht mehr.« + + * * * * * + +Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal hinter dem +Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda riß sogleich ihre Hand aus +seiner. + +»Danke,« -- und sie fauchte ihn an. + +»Wofür?« fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer +mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt hatte. + +»Sie fragen?« + +Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf die Büste nach +vorn. Über die entblößte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war +in die Länge gezogen von Haß und Wut. + +»Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die +Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß Sie überhaupt kein +Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?« + +Er wich erbleicht zurück. + +»Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem Beifall wie dem +meinen die Arie wiederholen läßt!« + +»Wir haben das Duett wiederholt«, sagte er und zog an seinen Fingern. + +»Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem +andern teilen muß? Dem Nello werfe ich nichts vor.« + +»Wie? Was soll ich?« fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im +Vorhang loszulassen. + +»Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da Sie seine Arie +wiederholen lassen und meine nicht.« + +»Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.« + +»Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen +gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.« + +Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der +Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister +vorüber. + +»Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . Sie +konnten das voraussehen, Maestro.« + +»Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen«, sagte Italia mit großen +Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die Arme empor. + +»Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen zu müssen!« + +»Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?« + +»Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro« -- und Italia lachte +verächtlich. Der alte Tenor erklärte: + +»Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich, +in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat --« + +»Was ist dahinten für ein Lärm?« + +Der Bariton eilte hin. + +»Was sehe ich -- Herr Advokat?« + +»Ich habe dem Herrn gesagt,« rief der Inspizient, »man betrete die Bühne +nicht.« + +»Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees«, ächzte der Advokat und hob +sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraußes zusammen. + +»Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt haben«, bemerkte +er. + +»Oder sie ist gerade bei schlechter Laune«, meinte Gaddi. Der Apotheker +nahm dem Freunde die Blumen ab. + +»Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein Italia +bringen.« + +»Ah, meine Herren,« -- und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien mit dem +Steuerpächter, »auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an. +Kann man unsere Primadonna sehen?« + +»Es wird ihr eine hohe Ehre sein«, erwiderte der Advokat mit einem +Kratzfuß. »Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig --« + +Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes Lächeln hervor. + +»Herr Präfekt,« -- und sie knixte tief, »Eure Exzellenz möge meine +Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begrüßen. Herr +Advokat --« + +Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, und er drückte +eifrig den verlangten Kuß darauf. + +»Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung +einer Anfängerin. Auch werden Sie mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht +vermissen möchte . . . und auch Ihre Blumen nicht«, setzte sie mit einem +schelmischen Blick hinzu. + +Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung auszudrücken. + +»Aber -- sie haben ein wenig gelitten«, stotterte der Advokat. Sie streckte +die Hand aus. + +»Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde«, -- und sie entriß dem +Apotheker die Blumen. + +»Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu nützen, deren +Anfängen ich beiwohnen durfte --« sagte der Unterpräfekt. + +»Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren +nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.« + +Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen +hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten zwei Arbeiter ihn auf; +alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die +hereingeschoben ward, wäre ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora +Garlinda war plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen +großen Schreck bekommen. + +»Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!« + +»Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen, +daß Sie es sind, der den Bericht für die >Glocke des Volkes< schreibt. Sie +werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige +Tat kennzeichnen, die er ist.« + +»Mit Vergnügen,« erwiderte er, »das heißt, um Ihnen gefällig zu sein. Aber +freilich auch die Verdienste des Maestro dürften nicht --« + +»Herr Advokat --« + +Sie trat einen Schritt zurück. + +»-- ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zu schreiben. Wenn Sie +ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß gegen mich teilen. Wir haben uns in +diesem Falle nichts mehr zu sagen.« + +Da er bestürzt abwehrte: + +»Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenüber, der +nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit ein Opfer bringen kann? +Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant; +wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes +aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; -- und Sie sollten +wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß Sie einer Frau +Gerechtigkeit verschafft haben?« + +Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände darauf. + +»Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben«, sagte die +Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschämte +Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines +Kindes. + +»Ich habe nichts als meine Kunst«, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr +Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach ihrer kleinen Hand. + +»Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie einem Manne +zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, für eine große Sache +gekämpft hat, um endlich durch unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines +Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber +wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke +machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf mich, Fräulein Flora Garlinda!« + +Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre Fingerspitzen +an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, ließ er sie los, +und die Sängerin verschwand, den Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch +bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von +hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: »Die Frauen! Sie +geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber, +wer weiß --« + +Und sein Gang ward schwänzelnd. + +»Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?« + + * * * * * + +»He! Advokat!« rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und Poltern hörte man +nicht. + +»Lassen Sie«, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. »Ich weiß hier +Bescheid.« + +Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund. + +»Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.« + +Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden andern zu und +öffnete. + +»Wer ist da?« rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf. +»Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will +allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von +mir?« + +»O gar nichts, entschuldigen Sie nur«, plapperte Giocondi noch immer, als +die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte: + +»Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie +eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie zweiundzwanzig Jahre alt +ist. Sie hat uns getäuscht, indem sie sich anmalte.« + +»Das ist eben die Kunst«, sagte der junge Savezzo. »Man sieht, daß die +Herren keine Künstler sind.« + +Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor. +Er klopfte und wartete dann in gebückter Haltung, mit baumelndem +Schnurrbart und ehrfürchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß +streckte er sorgfältig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr +heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, ohne daß er +wankte. + +»Ach Ihr«, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. »Sogar +Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr +mögt mir die Kämme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand +nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut +geblasen. Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid.« + +»Wer ist denn bei ihr?« fragte Polli. »Mir ist doch --« + +»Wer wirds sein«, sagte Giocondi. »Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so +empfangen. Versteht sich, wir störten.« + +»Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?« versetzte der Savezzo mit +düstrem Neid. + +Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben zwischen den +Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die +ihre mehlweiß und braun gescheckten Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße +Augen und schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten. +»Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht +ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen muß!« + +»Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch +tapferer Mann!« + +»Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß abschlägt«, -- mit +ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie +fort und streckte die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende +Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine +kleine Puderwolke. + +Polli raunte dem Advokaten zu: + +»Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne +sprechen hören. Wer mag es sein?« + +Der Advokat wehrte diskret ab. + +»Wer weiß es.« + +Er holte Atem. + +»Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die Bühne gegangen +und darum ein wenig früher angekommen als Ihr.« + +Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte: + +»Ah! Advokat!« + +»Ich habe nichts gesagt«, -- und der Advokat glänzte groß. + +Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, und Acquistapace +trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von +hinten kam, Fächer schlagend, Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich +zuerst. + +»Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen ich +beiwohnen durfte.« + +Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten +in die Seite; er verdrehte die Augen. + +»Aber --« + +»Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,« sagte Herr Fiorio, »das +ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! Sie stellen eine Romagnolin +vor?« + +»Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara, +den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich über +meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen +hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne +macht.« + +»Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß Sie in +Wirklichkeit dazu fähig wären«, bemerkte der Unterpräfekt. Die Bürger +lachten beifällig, am lautesten der Advokat. + +»Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: mir können Sies +glauben, mein Herr!« + +Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den +Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gespräch ins +Unpersönliche. + +»Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht +und traurig. Nicht einmal das schöne Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine +Wirtin in einer großen Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle +andern. Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?« + +»Gewiß nicht«, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und nach kurzem +Zögern: »Ich komme sogar ausdrücklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie +vereinigen wahrhaftig Schönheit und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller +Genugtuungen sein.« + +»Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich über +manches zu beklagen. Würden Sie glauben, daß mir der Maestro noch soeben +eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber +habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden +Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie wiederhaben. +Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die +Arie streicht? Der Garlinda läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen, +wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos +mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort +miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .« + +»Wie sehen sie sich wieder?« fragte Polli. + +»Versteht sich, auf der Straße«, erklärte Giocondi. + +»Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte der Unterpräfekt. Italia verzog den +Mund. + +»Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie +verliebt ist.« + +»Er sucht sie,« fuhr Giocondi fort, »weil er sie nicht vergessen kann, der +Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist +eine klägliche Geschichte.« + +»Was denn!« keuchte der Advokat. »Das ist unmöglich! Der Maestro verliebt +in die Primadonna?« + +»Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder --« + +Italia machte ein angewidertes Gesicht. + +»-- sie hat unnatürliche Neigungen.« + +»O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein«, erwiderte der Advokat mit +heiterer Stirn. + +»Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu nützen, deren +Anfängen ich beiwohnen durfte --,« und der Unterpräfekt verbeugte sich +gegen Italia, die vor ihm die Hüften hin und her drehte, »so spreche ich +also wegen Ihrer Arie, Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause. +Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hören.« + +Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war +herzugekommen und sagte: + +»Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird +bösartig.« + +Man hörte sie noch sagen: + +»Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur +die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstück +verbunden.« + +Herr Fiorio bot ihr den Arm. + +»Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.« + +»Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!« + +»Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der +Unterpräfektur, liebe Kleine.« + +Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die Bürger sahen ihm +bewundernd nach. + +»Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im +Saal. Welche Geschicklichkeit!« + +Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er fluchte laut. Wie +Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen. + +»Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?« + +»Aber Romolo!« sagten die Freunde. + +»Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der +Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Fräulein Italia?« + +»Aber für mich wird er doch handeln?« sagte Italia, eingeschüchtert durch +seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe. + +»Ich bin ein alter Soldat Garibaldis«, rief er und ging, um zu atmen, ein +Stück weiter. »Auf das Ränkeschmieden verstehe ich mich nicht!« + +Da sie ihm bittend gefolgt war: + +»Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.« + +»Herr Apotheker,« sagte sie schmeichlerisch, »glauben Sie, auch ich träume +zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .« + +»Kein Glück, der arme Romolo,« -- und der Advokat feixte still und heftig. + +Polli fragte: + +»Sollte man nicht seine Frau holen?« + +Der alte Giocondi bemerkte: + +»Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor +dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch. +Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn +wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.« + +»He! Herr Nello!« rief der Advokat. + +»Lassen Sie ihn«, sagte Gaddi. »Es ist sein gewohnter Zustand am ersten +Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.« + +Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, mit einer +Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den durchlöcherten Filz von +seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfärbten +Mantel gerollt, machte er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von +der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein großer +Brillant auf. + +»Nun?« fragte er, atemlos vor Anstrengung, »erkennen Sie, Gaddi, wie es +sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich +alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren --« + +Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem zum andern und +kleinen bedrängten Handbewegungen. + +»-- im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.« + +Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte: + +»Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist +ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, daß er eine gefallene +Majestät ist.« + +»Wie? Stellen Sie denn einen König vor?« + +»Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich eines +ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden ihn unter seinem +Bogen aufstören: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in +dem die Tragik des Stückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf +sagen, daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es +auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es +ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze +Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich: +weinen werden Sie!« + +»Teufel.« + +»Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.« + +Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fuß der Stufen, +die hinabführten. Unsichtbar rief er: + +»Gaddi, das Stichwort!« + +»Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?« + +Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe: + +»Ich bin früher gekommen.« + +»So werden wir weiter suchen«, sagte Gaddi ehern. + +»Unnötig«, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der +Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er: + +»-- da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte +ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb +dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.« + +Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß +schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die +Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel. + +»Hahaha!« machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine +Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte. + +»Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will +das.« + +Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn. + +»Wie? Sie lachen? Aber das ist --!« + +Er schluckte hinunter und kam näher. + +»Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?« + +Er ging, den Kopf gesenkt, umher. + +»Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!« + + * * * * * + +»Daß der Tenor etwas hat,« sagte der junge Savezzo, die Brauen +zusammengezogen, »das werden Sie uns nicht ausreden.« + +»Was soll er haben?« erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem +Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr +geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine +einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im +Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln. + +»Es war ihre Stimme!« dachte Nello. »Sie ist nicht in der Loge, und dennoch +habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht +denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es +ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die +Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir +ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.« + +Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des +Freundes. + +»Sieben Tage der Angst«, murmelte er. »Wie man hoffen kann! Es ist +lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie sie sehen, -- und im Herzen +wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich +ihr dort hinauf alles, alles --« + +»Still, Nello!« + +»Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?« + +»Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang +rechts«, rief Gaddi den andern entgegen. »Warum steht sie leer im +ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich --« + +»Das ist ja die Loge der Familie Nardini«, erklärte Polli. + +»Aber --« machte der Advokat von fern. + +Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu. + +»Ist das wahr?« fragte er. + +»Eh! Beim Bacchus!« + +Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor +ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er +sagte: + +»Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man +hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie +beanspruchte --« + +»-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird«, setzte der Herr Giocondi +hinzu. + +»Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?« fragte der +Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff. + +»Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht«, sagte der Savezzo +noch, -- da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello +lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen, +nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: »Was hat er?« +-- schnellte der Bariton wütend auf. + +»Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und +jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.« + +»Ja,« sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, »sie +sind zarter Natur, die Künstler.« + +»Man sollte einen Arzt holen«, verlangte der Cavaliere Giordano. + +»Aber es ist nichts«, behauptete der Apotheker. + +»Man weiß nicht«, meinte der Advokat. »Auch ich habe einmal --« + +»Einen Arzt!« rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften. +Laufend erschien der Kapellmeister. + +»Was ist geschehen?« -- und er war tief erbleicht. + +»Gar nichts«, sagte Gaddi und rüttelte Nello. »Bringen Sie Wasser, +Dorlenghi!« + +Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben +dem Ohnmächtigen auf die Knie. + +»Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!« + +Er sprang wieder auf. + +»Mein Gott, ich bin verloren!« + +Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte +er zu. + +»Übrigens, Maestro,« äußerte er, »hat auch die Primadonna sich geweigert, +weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?« + +Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit +ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel +nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm +nicht kannte, zu schreien: + +»Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?« + +Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. »Werden Sie nicht +schweigen? Merken Sie nicht, daß man sich über Sie lustig macht? Auch +dieser hier hat schon die Augen geöffnet!« + +»Gleichviel«, machte der Advokat. »Wer, wie ich, außergewöhnlichen +Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie +fühlen Sie sich, mein Freund?« + +»Einen Arzt«, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch +gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große +gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem +Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den +Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße +eingesunken. Dann tat er einen Satz. + +»Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen, +ob ich noch dein Vater bin!« + +Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose +Enttäuschung malte. + +»Ich liebe sie so sehr«, stieß er, wirr jammernd, aus. »Ich will sie +heiraten.« + +»Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!« + +»Aber warum schlagen Sie ihn?« fragte das Mädchen. »Was ist Schlimmes +dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!« + +»Fort! Beine!« -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen +zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt +hatte: + +»Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein --« + +»Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen«, sagte sie und griff ihm +unter das Kinn. »Aber ich liebe noch immer nur dich.« + +»Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe, +wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn +du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.« + +»Das wäre schrecklich«, rief sie ihm nach. »Und die Zigarette?« + +»Unglücklicher, was tust du noch hier?« + +Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte. + +»Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert +dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die +dir niemals treu sein würde!« + +»O ja! das wäre sie!« + +»Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!« + +»Das ist nicht wahr!« -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden +Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die +fette Brust und lächelte breit. + +»Dann frage sie also nach mir!« + +Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und +knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter. + +»Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!« + + * * * * * + +Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer +war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken +bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner +Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem: + +»Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.« + +Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti +entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang +unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte. + +»Sie sind ja bucklig«, sagte Galileo mit erhobenen Brauen. + +Der Kleine schrak auf. + +»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.« + +»Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind« -- und Galileo hielt +unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet. + +»Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf«, +schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die +Hälfte des Wassers. + +»Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,« antwortete +Galileo, »darum sind Sie aber immer noch bucklig.« + +»Wie viel Witz er hat!« sagten die Pächter und drängten herzu. + +»Aber ich rufe die Carabinieri herein!« kreischte der Verwachsene. + +»Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben +bucklig« -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und +seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um +mitzulachen. + +»Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie +um!« + +Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er +taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich +krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum. + +»Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,« erklärte ihm Galileo, »bucklig +sind Sie, und bucklig bleiben Sie.« + +Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der +Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht +zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn +hinaus. + +Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen +dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten +umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und +Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg +eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der »Tonietta«, mit den +ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: »Sieh Geliebter, unser +umblühtes Haus . . .« »Welche Musik!« sagte einer der jungen Leute in +großen Hüten und bunten Halstüchern. »Es geschieht viel Trauriges in dem +Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine +Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.« + +»Trotzdem bringen sie dort einen«, sagte ein anderer; und alle zusammen: + +»Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber +des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er +in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu +übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.« + +Der Wirt »zu den Verlobten« weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem +solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert. + +»So gebe ich eine!« sagte der junge Mann. »Und ich bin ein Arbeiter, der +zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.« + +Er schlug sich auf die Brust und sah umher. + +»Auch ich gebe eine.« + +»Auch ich.« + +Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die +Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die +Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein +Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen: + +»Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber +auch er hat großes Talent.« + +Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges +umher und polterte. + +»Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,« +sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, »du wolltest einen +Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht +man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.« + +»Doktor!« rief er in die erste Parterreloge rechts, »auf der Bühne stirbt +jemand. Rasch! Sie müssen hin.« + +»Ich kann nicht«, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau. +»Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!« + +»Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!« + +Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge +des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper +war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen +diesen Augen zu verdecken. + +»Sie sollten gehen,« sagte neben ihm Mama Paradisi, »es scheint ernst.« + +Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini +wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die +Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es: + +»Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.« + +Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach +seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in +Bewegung. + +»Holt mir den schönen Alfò!« verlangte er. »Ich brauche ihn, denn ich +selbst bin nicht schön genug.« + +Und als er ihn hatte: + +»Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.« + +Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter +ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine +kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal +lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man +stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi +in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los: + +»O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee: +ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.« + +Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in +den Arm. + +»Du bist ein unbezahlbarer Papa!« + +Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob. + +»Und die Miete, Ottone?« fragte sie blechern. »Wie soll ich sie bezahlen?« + +»Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.« + +Aber die Töchter waren auf einmal still. + +»Welch gute Erfindung«, rief der Vater fröhlich. »Daß dieser Tenor krank +werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich +nicht.« + +Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an. +Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin. + +»Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?« + +Da sie weiter schwiegen: + +»Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch +nicht Krankheit nennen.« + +Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton. + +»Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden +gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette +gewonnen?« + +Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie. + +»Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine +ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was +meint ihr, wenn ich hinginge?« + +»Bleibe lieber da«, sagte Frau Giocondi. »Wer weiß, was der Doktor tut, +wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.« + +Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen: + +»Was tun Sie?« + +Er griff sich an den Kopf. + +»Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder +auf den Beinen ist, und inzwischen --« + +Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der +schöne Alfò wich -- und sein törichtes Lächeln verging ihm -- bis an die +Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber +und sprang in den Saal. + +»Bravo, Alfò!« rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht +trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen +unverfroren weiterpolterte. + +»Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir +gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .« + +Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der +andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: -- da schwang der +Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und +Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden. + +»Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?« sagte Frau Giocondi. Ihr +Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst +vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren +im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes +Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt: + +»Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!« + +Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es +unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man: + +»Wie er tüchtig ist, der Doktor!« + +Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen +konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der +Klubloge: + +»Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.« + +Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle +Bemitleidungen ab und sagte: + +»Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.« + + * * * * * + +»Wie man vom Lachen heiß wird!« bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede +wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln. + +Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen. + +»Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?« + +»Und die Haushälterin des Herrn Ortensi«, flüsterte der Tabakhändler, »hat +ein gewisses Parfüm an sich --! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat +er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne +roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht +vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist, +daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht +aus deiner Ecke rührst!« + +»Das Theater ist zu voll«, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute +unter ihrer Loge. »Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte +nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem +Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen +setzt.« + +Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella +war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um +ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi +ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach +ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette. + +»Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen«, sagte Lauretta zu Theo. »Er +schneidet dir Gesichter.« + +Sie antwortete: + +»Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem +den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die +Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.« + +»Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!« wimmerte Mama +Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren +dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli. + +»Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt«, setzte die +Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen +Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte. + +Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen. + +»Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.« + +»Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme, +aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.« + +»Hast dus von deiner Herrin?« + +Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit +dem Finger die Lippen. + +»Also er liebt die Primadonna«, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau +Malandrini. »Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem +ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und +behandelt ihn schlecht.« + +Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des +Unterpräfekten. + +»Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten +finden sich nicht auf dem Theater.« + +»Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es +nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.« + +Frau Camuzzi erklärte: + +»Dieser Tenor: wie heißt er noch --« + +Sie sah auf dem Zettel nach. + +»Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne +Empfindung.« + +»Aber mir scheint,« wandte der Gemeindesekretär ein, »daß er gerade infolge +von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.« + +»Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren: +hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt, +daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig +nachzuhelfen?« + +»Wie viel Geist die gnädige Frau hat!« sagte der junge Salvatori. Der junge +Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige +Aufleuchten in den Augen der Dame. + +Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer. + +»Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der >Celimena< im Pagliano zu +Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die +einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als +sie jung war.« + +»Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes +junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in +einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.« + +»Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint, +man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser +getan, sich nicht hören zu lassen.« + +»Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst +nun sind.« + +»Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.« + +»Aber sie ist nicht schön«, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief: + +»Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!« + +»Sie sehen sie doch nicht.« + +»Aber wie schön muß sie sein!« + +»Heraus!« rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli. + +»Maestro!« + +Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie. + +»Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!« + +Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der +Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer +Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk. + +»Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!« + +Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker +Crepalini: + +»Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich +aber, der ich sechs Plätze --« + +»Schweig!« -- und droben wurden Fäuste geschüttelt. »Du hungerst uns aus. +Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er +uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!« + +»Denn«, keuchte der Advokat, »wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist +die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel +Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem +jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .« + +»Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben«, riefen die Frauen. + +»Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine +Herren, werden Sie befriedigt werden.« + +»Bravo, Advokat!« -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief: + +»Er ist ein großer Mann, der Advokat!« + +»Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!« -- und plötzlich lachte alles. Die jungen +Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten: + +»Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und +machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst +Musik hören, Brabrà!« + +Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn, +das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen +über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, -- und +unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten +Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn +feierte. + +»Aber der Mittelstand wird gefährlich!« sagte Frau Camuzzi zum Baron +Torroni. + +Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen +herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich +abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden +Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften. + +»Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt +es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt »zum Mond«, Ihr +seid der Wirt »zu den Verlobten«; eine Loge aber ist nur für ihn da. +Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der +Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine +Großnichte des Bürgermeisters ist!« + +»Die Herren halten zusammen«, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem +Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; »und der einzige, +der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.« + +Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf. + +»Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht +Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat, +zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen +Ansprüche . . .« + +»Die Herren!« schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte +vor Zorn auf seinen engen Schultern. »Wenn es noch Herren wären! Aber seht +nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und +als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der +fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine +Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die +Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber +leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.« + +»Die Herausforderung gilt mir« -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob +seinen Bauch in den Haufen. »Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man +Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.« + +»Was denn? Welche Loge?« polterte Galileo Belotti. »Wißt ihr denn nicht, +daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die +unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift +wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.« + +Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten. + +»Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte«, erklärte er. +»Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze +ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben +mußten, weil keine Loge für sie da war.« + +»Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,« sagte der alte Seiler +Fierabelli, »um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.« + +Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein: + +»Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er +ist ein großer Mann.« + +»Was, großer Mann!« -- und Galileo hüpfte auf. »Wenn einer den Advokaten +kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck +eines großen Mannes ist!« + +Frau Malagodi mischte sich ein: + +»Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als +das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer +Loge.« + +»Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?« schrie +ihr Gatte. »Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!« + +»Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo«, wiederholte +hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor: + +»Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.« + +Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die +ganze Herde vor sich her. + +»Wohin, Crepalini?« + +»Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit, +Malagodi!« + +Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen. + +»Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!« rief der dicke Zecchini und +hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug +Wogen, die aufbrüllten. + +»Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?« rief die Galerie. »Ruhe! Du +willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro! +Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!« + +Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er +dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten +Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester +allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr +zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der +Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und +droben jubelte eine Jungenstimme: + +»Ins Zentrum!« + +Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte +mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein +unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas +Drohendes wälzte sich heran! »Was gibt es!« In den Logen sprang man auf. +Eine Frau rief: + +»Himmel! man ermordet mich.« + +Und Stimmen auf der Galerie: + +»Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.« + +»Nicht doch!« schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den +Advokaten Belotti. »Es ist nichts, lassen Sie mich machen!« + +Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter +mußten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie: + +»Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh! +. . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!« + +»Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?« rief der Barbier Bonometti, +-- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte. + + * * * * * + +Da es schon wieder hell war: + +»Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.« + +»Ruhig! Man spielt!« + +»Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.« + +»Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!« + +»Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser +Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.« + +»So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie +fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will +ich blind werden!« + +»Noch einmal! Noch einmal!« + +»Wie er bleich ist, Dante!« + +»Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben, +was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel, +und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder, +wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!« + +»Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!« + +»Sprich nicht! Was wird geschehen?« + +». . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn +erkannt!« + +»Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu +verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht +über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist, +und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir +ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht +fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.« + +»Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!« + +»Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.« + +»Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen. +Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht, +unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche +Einbildungen, wenn man liebt.« + +»Woher weißt du das?« + +»Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<.« + +»Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen. +Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett: +alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie +sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so +aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts, +Giocondi?« + +»Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an, +Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm +Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!« + +»Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.« + +»Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder +hörst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns +blühen< . . .« + +»O Nina, deine Harfe!« + +»Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.« + +»Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden, +wie diese.« + +»Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist +zu.« + +»Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis +die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.« + +»Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch +nichts.« + +Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme +verschränkt, einander in die Augen. + +»Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch Leben! So also wird +es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.« + +»Dies aber,« -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme +aus, »o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen +Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende +Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe +der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?« + +Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand. + +»Wie schade,« sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi, +»daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er +sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen +wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich +wieder dem Helden selbst ins Gesicht.« + +Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase. + +»Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem +Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal, +werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und +berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man +mir geraubt.« + +Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch +machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem +Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung +einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. »Niemals fühlte +ich, wie sehr ich ihr gehöre!« Seine Augen, die sich verschleierten, irrten +von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der +Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie +wandte sich um, und er sagte: + +»Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.« + +Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still. + +»Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund +sollte sie haben, zu schluchzen?« + +»O! jede Frau findet dazu Grund«, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat +erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses +Flehen war. + +»Bravo, Maestro!« + +Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere +rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er +jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und +bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin. + +»Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch«, stellte Rosina Giocondi im +stillen fest. »Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . . +Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte +Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen, +der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die +jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie +verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch +von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder +aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; -- +aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen +Pause der Mama einen Besuch gemacht.« + +»Paß doch auf, Piero!« rief jemand auf der Galerie. »Er nimmt sie dir weg!« + +»Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen: +jetzt bekommt sie das ihre.« + +»Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine +Cölestina, verstehe sie zu gut.« + +»Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?« + +»Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich +war unschuldig.« + +»Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war +eine Dirne, wie?« + +»Hat ers anders gewollt?« + +»Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.« + +»Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!« rief Cölestina so laut, +daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten +mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle +durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die +Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort +vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: »Welche Erlösung, nicht mehr von +Liebe zu wissen.« Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel: +ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und +sie wurden zum Schweigen gebracht. »Die Leute sind neugierig. Sie fühlen +eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine +Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist +aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er +schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft +meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie +fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen: +ich habe Unglück.« + +»Mein Lieber,« sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon +abgeschminkt war, »was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen +Sie nur!« + +Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken. + +»Gaddi ist großartig. >Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die +Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich. +Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen. +Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns +einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge +ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich +fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt +werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich +werde vorstürzen, ich werde sie beide --. O Alba!« + +Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern, +heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände. + +»Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer +leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?« + +»Da bin ich!« -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen +Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf +die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren +Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte, +empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da +jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder. + +»Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!« + +»Gnade!« rief eine Frau von oben, aber er stach zu. + +»Ich habe nur dich geliebt, Piero,« hauchte die sterbende Tonietta; und auf +der Galerie die Geliebte des Schusters: »Hörst du es, Dante?« + +»Bravi! Alle heraus! Maestro!« + +Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der +Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine +drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie +sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher +Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine +Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt, +klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich +niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der +abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich +zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal. + +»Bravo, Cavaliere!« rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr +Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des +berühmten Sängers zu verstärken. + +Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der +Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr. + +»Gnädige Frau,« -- und er sah ihr in die Augen, »die Ohnmacht des Tenors +war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.« + +Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine +Nase. Frau Camuzzi trat zurück. + +»Warum sagen Sie mir das?« fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die +Brust. + +»Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der +erste bin?« + +Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den +jungen Severino Salvatori. »Er wollte die Nardini heiraten,« dachte sie; +»und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .« + +Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich. + +»Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell +unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen +Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen +Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!« + +Sie klatschte; sie rief: + +»Bravi! Bravo der Gennari!« + +»Ich brauche einen Menschen,« dachte sie, »der etwas Stärkeres hat als +seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld +der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken +Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.« + +Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen +gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund +des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück +zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In +seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie +sich. + +»Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr +Savezzo.« + +»Es lebe der Advokat!« rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich +umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten, +der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau +Camuzzi lächelte ihm heiter zu. + +»Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!« + +»Bravo, Advokat!« -- und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch +über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf. + +»O Volk!« murmelte er. + +»Weine nicht mehr, Cölestina«, sagte droben der Schuster Dante Marinelli. +»Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende +gemacht hat.« + +»Aber ist nun etwa sie schuld?« + +»Oder er? Es war ihr Schicksal.« + +»Und was wird unseres sein, Dante?« + +Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander +gedrängt, verschwanden sie darin. + +»Das Theater hat sich geleert«, sagte die alte Frau Mandolini. »Wir können +aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir +sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.« + +»Der Schluß war wirklich aufregend«, sagte die Haushälterin und erwiderte +über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi. + +»Er war mehr als aufregend«, sagte der Blinde. »Diese Vorgänge, nicht wahr, +Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf, +unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?« + +»Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist +noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie +jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn, +dem gelbbärtigen Herrn?« + +»Ein Zeichen also!« rief der alte Literat. »Ein Zeichen für das, was wir +getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs +neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich +messen müssen mit der Macht.« + +»Wir werden zur Stelle sein.« + +Der Alte warf den Kopf zurück. + +»Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich +gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem +Tod?« + +»Gleichviel,« erwiderte seine Freundin, »wir werden kämpfen.« + +Sie gelangten ins Freie. + +»Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach +Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit +sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.« + +»Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?« + +»Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr +sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.« + +»Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen« -- und die +Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. »Nehmen Sie, Herr +Ortensi!« + +Und streng flüsternd: + +»Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich +nur um sie bekümmert.« + +Die alte Frau lächelte barmherzig. + +»Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.« + +Und sie stiegen langsam ins Dunkel. + +Der Tabakhändler rief plötzlich: + +»Wo ist Olindo?« + +Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der +Treppengasse. + +»Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?« + +Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: »Eh!« -- und seine +Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was +aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam. + +»Wehe ihm, wenn er heimkommt!« schloß Polli. + +Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte. +Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen +wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen +Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte +unvermittelt in zwei Teile. + +»Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!« riefen die Freunde hinauf aus einem +Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt +hinterlassen hatte. + +»Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die >Arme Tonietta< ohne uns, +frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!« + +Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür. + +»Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?« fragten die Freunde. +»Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine +Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. +Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und +Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er +schneidet! Ihr seid große Künstler!« + +Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter +alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln. + +»Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!« sagte der +Tapezierer. + +»Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute« -- und der Kapellmeister streifte die +Hände nur und sah niemand an. + +»Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.« + +Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus. + +»Wie?« sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die +Faust auf ein Notenpult fallen ließ. + +»Er wird verrückt geworden sein«, meinte Blandini. »Den ganzen Abend schien +er mir seltsam.« + +»Hat er nicht auch --?« fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand +etwas in den Mund zu gießen. + +Der Schneider fand Worte. + +»Ein böser Mann ist er!« sagte er schwer. »Ich irrte mich, als ich ihn für +einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.« + +»Hört den Schneider!« rief Nonoggi. »Er versteht mehr als der Maestro und +wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.« + +»Ein böser Mann,« wiederholte Chiaralunzi, »mein Tenorhornsolo fand er +nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er +ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.« + +»Sogar das Fräulein!« höhnte der Barbier. »Ein Fräulein zum Lachen. Es +heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit, +Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!« + +Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi +war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er +tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. + +»Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht +möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken +haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst +hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!« + +Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum. + +»Gut, mein Lieber«, sagte er und lachte sonderbar. »Alles ist gut gegangen; +ich bin zufrieden.« + +»Aber der Schneider --« + +Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er +den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich. + +»Er hat also doch getrunken«, bemerkte der Barbier. »Ich dachte es gar +nicht.« + +Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei +der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine. + + * * * * * + +Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem, +aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. »Ich habe also ein Volk +gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. +Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine +Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn +ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es +erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der +>Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, +sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf +vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein +so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll +Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der +Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende +Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner +als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie +liebten einander. Und wir -- und wir --« + +»Ein Betrunkener?« sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem +jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln. + +»Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.« + +»Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind +gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse +einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba +allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen +Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat +dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn -- wir dürfen nicht hoffen, uns zu +irren -- er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch +Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in +der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein +fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt +zurückkehrte.« + +Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus: + +»Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an, +die --, genug: eine Nacht.« + +»Was tut das mir«, sagte er zwischen den Zähnen. + +»Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet +werden muß und daß Sie sie retten müssen?« + +»Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.« + +»O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, +ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und +Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie +handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu +beseitigen.« + +Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte +rasch: + +»O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.« + +Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war +der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner +zu. + +»Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, daß Sie +unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und +kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger +teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro +Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt +unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette? +Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns +nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der +Fortschritt?« + +Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort. +Der andere feixte lautlos. + +»Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?« + +Und der Advokat, nach Luft schnappend: + +»Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen +Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein +Land groß ward?« + +Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister +schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch: + +»Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir +es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus +der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< +--. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein? +Werden sie mich groß nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir +schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie +mir!« + +»Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein +berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo, +haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten +Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung +beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der +Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem +rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß +Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o, +nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um +ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu +nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine +Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.« + +Er lachte hart. + +»Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange +ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.« + +Frau Camuzzi seufzte. + +»Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie +haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es +immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins +Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie +für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß +machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen +Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von +Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.« + +»Es tut nichts«, schrie der Advokat. »Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir +haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit +Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir +werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein +dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie +und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege +gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr +wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen +verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das +Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend +etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der +Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!« + +»Aber mein Mann«, sagte droben Frau Camuzzi, »trägt einen besser gemachten +Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?« + +Savezzo erwiderte: + +»Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt +haben,« -- und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen +-- »dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert, +was er von den Damen der Stadt weiß.« + +Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem +Fächer spielte. + +»Und auch von den Männern?« fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem +offenen Lächeln den Kopf. + +»Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen, +können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem +Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen +Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt --« + +Er fiel ein: + +»-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen +und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins +mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein +Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen, +ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem +fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien +an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der +hervorragt.« + +»Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man +heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.« + +»Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend +gegeneinander so offen macht?« + +»Oder«, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit +die Träne nicht hinausrinne, »ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in +Aufruhr gebracht?« + +Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der +Advokat. + +»Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich +nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen +schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege +und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise +Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt --. Sie verziehen +das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch +zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich +als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich +mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; +denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie? +Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend +begeistert!« + +Er streckte den Ankommenden die Hände hin. + +»Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns +die Musik des Maestro Viviani!« + +»Eine Frau kann nicht handeln,« sagte sie; »und daß ich bei den Komödianten +war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die +Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.« + +»Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde«, sagte Camuzzi. + +»Und der Maestro?« rief der Advokat die Gasse hinauf. »Wir haben ihn +verloren?« + +Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal +in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge +schien. + +»Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und +einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein +Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem +eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein +wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? -- und +dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!« + +Er lief die Treppe zu Ende. + +»Da wären wir alle beisammen,« bemerkte der Advokat; »und wenn unser +Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen städtischen +Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine +unserer nächsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen +Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.« + +»Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art«, erwiderte Frau Camuzzi. + + * * * * * + +Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich. +Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten +Versammlung beim Café »zum Fortschritt« stoßen wollte, sah er aus der +Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte +ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten +zuvor. + +»Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie +wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht +geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?« + +Da er stammelte: + +»Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß +Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir +unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren +dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was +Sie schreiben werden!« + +Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf +vorbereiten: + +»Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt; +seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste. +Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, +daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.« + +»Dieses Lob erregt nirgends Neugier«, dachte sie und streifte mit einem +feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte, +als lernte er ihre Worte auswendig. + +»Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum, +geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht +einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre +Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des +Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --« + +»Ich erwähne ihn gar nicht« -- und der Advokat spreizte voll Eifer die +Hand. Er dachte: »Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben: +ich wußte es« -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des +Rathauses. + +Die Primadonna sagte: + +»Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger +Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß +das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der +Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in +ihrer Mitte sehen wollten.« + +»Aber das ist ja beinahe gerecht!« rief der Advokat. »Ich bewundere Sie +immer mehr. Und von Ihnen selbst --« + +»O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!« + +»Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst +über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über +denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!« + +»Sie haben Talent, Advokat.« + +»Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu +verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.« + +Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück. + +»Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu +danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie +Gunst, wo sie nur gerecht sind.« + +»Wie wir uns verstehen!« -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor. +Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte +sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres +Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; -- +aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm: + +»So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die +andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie +für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und +die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, +Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist, +auch sich gedemütigt fühlen.« + +»Wie wahr!« sagte er erstickt, »das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie +mich erst richtig kennen.« + +»Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand, +mein Freund!« + +Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte. + +»Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf +behaupten, daß ich sie verdiene.« + +Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder +hinunter. + +»Sie tun mir weh, Herr Advokat.« + +»O Verzeihung!« -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu +küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, +den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil. + +»Eine so große Künstlerin«, murmelte er unter dem Schauer, womit seine +eigene Ritterlichkeit ihn überzog. + +»Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig«, sagte Flora Garlinda und +gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle. + + * * * * * + +»Da sind sie,« sagte Nello Gennari, »ich will sie holen.« + +Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um +mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen, +verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof. + +»Würde man glauben,« -- und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor +Bewunderung starr, in die Runde, »daß dort eine so große Künstlerin kommt?« + +Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe: + +»Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.« + +»Sie hat eine schöne Hand«, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene +umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch: + +»Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.« + +Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf +Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger +Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem +Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat +lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen +gebe. Polli stellte fest: + +»Tatsache ist, daß wir alle -- kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre +ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat --« und er nickte nach dem +Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine +lärmende Unterhaltung führten: »ja doch, er hat eine andere als seine +Arbeitshose an.« + +»Und was die Frauen betrifft«, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat +unterbrach ihn: + +»Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser +Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr +neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen; +daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!« + +Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und +schwatzenden Platz damit umfangen. + +»Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!« rief der Apotheker. + +»Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,« begann der Leutnant wieder, +»daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.« + +Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten +angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda +den Kapellmeister: + +»Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes< +verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen +wir andern heute abend ganz verschwanden.« + +Und er, mit weichem Lächeln: + +»Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan +habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es +heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora +Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen +. . .« + +Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie +musterte ihn kalt. + +»Es war ein großer Abend«, stammelte er. »Vielleicht waren wir alle nur +dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend, +und ich danke allen dafür --« + +Mit einer zitternden Geste: + +»Allen.« + +Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg. + +»Auch noch danken«, murmelte sie. »Ich hasse alle, weil ich sie nicht +einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht +möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie +sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, +wie alles böse und gefährlich ist?« + +Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken. + +»Den schönsten Hut« -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem +Tisch zur Linken, »ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.« + +Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor, +die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede +zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische +zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor +Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich. + +»Aber ist es zu glauben,« sagte der Advokat, »daß dort hinten eine Nonne +umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke +unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?« + +»Er ist so zart, der arme junge Mensch« -- Mama Paradisi wand sich nach +allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. »Sein +Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch +die Nachtluft nicht.« + +Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer +weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und +wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr +vorüberlief, hielt Savezzo ihn an. + +»Alfò,« raunte er, »man nimmt dir die Alba weg.« + +Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich. + +»Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.« + +»Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?« + +»Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und +mich anzusehen.« + +»Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.« + +»Sie kommt nicht mehr,« -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor +Eitelkeit -- »weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich +versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter +Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und +heirate sie, sie mag ruhig sein.« + +»Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener +Tenor, der sie dir verführt.« + +Alfò schüttelte glucksend den Kopf. + +»Du glaubst mir nicht?« sagte der Savezzo. »Ich habe es gesehen. Der +Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst +du, dort draußen verbringt.« + +Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die +Zähne. + +»Wo ist der Komödiant?« -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die +Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus. + +»Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht, +daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie +noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, +ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu +sein.« + +Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich. + +»Wie sie mich liebt, die Alba!« + +Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen +des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte +der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken +und erklärte: + +»Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken +ihn jetzt.« + +»Welch glänzendes Leben wir führen!« rief der Advokat. »Wer das alles noch +vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen +wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt +sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere +alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des +Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer +Stadt; und wehe dem --« + +Er stieß den Arm nach dem Dom aus. + +»-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.« + +Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß +Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte +Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der +klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, +setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der +Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna. + +»Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich +nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der +Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große +Dinge erleben wir!« + +Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti +und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf, +auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia +war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die +Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie +folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker, +der sich rötete. + +Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere +Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos +hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte. + +»Ihre Leistung war schön, Cavaliere,« sagte er warm; »sie war ergreifend: +ich danke Ihnen.« + +Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand. + +»Ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er. + +»Aber Sie sind ein großer Künstler!« sagte der Kapellmeister erschreckend. +»Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe +fühlen --« + +Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm. + +»Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir. +Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber +bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte +nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.« + +Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der +Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem +Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam. + +»Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie +hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und +ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn +man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum +etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch +heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen, +Maestro: Sie haben Grund dazu.« + +»Was für eine Frechheit!« schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag +zwischen die Gläser. »Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein +Italia auf den Hals zu küssen!« + +»Was denn, Bauernlümmel!« keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd +entgegen. »Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir +haben Fäuste, wir!« + +Seine ländlichen Freunde bestätigten dies. + +»Wir werden sehen!« rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der +feindlichen Schlachtreihe entgegen . . . + +Der Cavaliere Giordano kicherte. + +»Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen +Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden, +daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht +habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die +Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --« + +Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte +sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den +alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn +einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! +Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er +sei ein Herr. + +»Was denn Herr«, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden +hervor. + +»Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!« +keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft +und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren +Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; +in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die +streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu +verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der +Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß +den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen +fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen, +Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von +dannen. + +»Lassen Sie doch jene Leute!« -- und der Cavaliere Giordano stieß den +Kapellmeister an. »Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde +mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi --« + +Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang +ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt. + +»-- wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie -- frei ist, daß sie sich ohne +Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.« + +Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht +aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf, +drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich +schnell. + + * * * * * + +»Welch häßlicher Zwischenfall,« sagte der Advokat Belotti; »wir werden uns +hüten, der >Glocke des Volkes< darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen +wir nur die Wahrheit! -- können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es +immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner +eigenen Familie --« + +»Ich habe so gut gelacht,« sagte Flora Garlinda; »es war so unterhaltend.« + +»Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!« + +Sie warf die Lippe auf. + +»Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung, +weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.« + +»Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!« + +»Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu +nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen +sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.« + +Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen +entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht, +griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen. + +»Auf die Gesundheit!« sagten sie kräftig. + +Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und plötzlich, wie aus dem +Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen +Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen +Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und +dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er +sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen +Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch +anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut +entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen +schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete +sich um. + +»Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit +dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie +erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, +Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je +von sich gibt. Sage Brabrà!« + +Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe +Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem +Kinde, das schwärmt und singen möchte. + +»Was fällt ihm ein«, sagte der Advokat. »So hat er noch nie getan. Was will +er?« + +»Auch ich --« sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete +sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und +Hals. »Auch ich --« + +Polli vermutete: + +»Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.« + +»Ah!« machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des +Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als +parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an: + +»Was tatest du im Theater, Brabrà?« + +»Theater!« -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: »Auch ich +. . . Theater . . .« + +Der Cavaliere Giordano erkannte: + +»Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie +hießest du denn damals, mein Freund?« fragte er mit Wohlwollen und großer +Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und +alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, +sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal +öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache +Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen: + +»Der Montereali.« + +Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück. + +»Der Montereali -- es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe. +Der Montereali«, erklärte er dem Advokaten, »war, als ich anfing, nicht +mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit +mehr als dreißig Jahren ist er tot.« + +»Der Montereali«, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die +Brust. + +»Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!« bemerkte der Advokat. Der +Herr Giocondi sagte: + +»Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!« + +Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte +die Hand ans Ohr. + +»Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe. +Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --« + +Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie +lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper +ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man +versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr +Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die +Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne +trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi. + +»Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. »Wo ist denn das +Fräulein Flora Gar --« + +Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände +schlotterten. + +»Ich habe ihre Stimme nicht erkannt«, sagte er. »Wie ist das möglich?« + +Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm +aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er: + +»Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.« + +Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an. + +»Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune, +und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht +besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn +man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . . +Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund +Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde +überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es +ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.« + +Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten +gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und +Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt: + +»Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die +den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt +sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an +ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt +bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein +schlechter Bürger zu sein.« + +Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat +die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der +Hühnerlucia. + + * * * * * + +Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am +vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten, +wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem +tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener +Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber +dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden +am Hause Mancafede blieb stehen. + +Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte +etwas Weißes, das fortflatterte: + +»Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und --« + +Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief +noch einmal ganz nahe vorüber. + +»-- und singen. Man wird Euch hören.« + +»Die Äbtissin?« fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog +schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die +Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel +folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne +klapperten ihm, er dachte wirr: »Alba ist gekommen, sie wartet auf mich. +Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet +vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie +immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!« + +Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich +auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. »Habe ich +geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? +Jemand verhöhnt mich.« Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein. + +Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den +Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von +Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die +Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz. +Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen: + +»Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die +kostbare Nacht!« + +Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und +erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den +Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden +schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer +als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll +Grauen und voll Entzücken. + +Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: »Die kostbare Nacht«; und +wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie +würgte ihn, weich und stark. »Die Äbtissin«, dachte er und schloß die +Augen. »Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?« Als +er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis +zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. »Das ist das Glück: +jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!« -- und Nello sank auf die Knie. + +Kniend sang er: »Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!« -- +und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen +Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner +Partnerin. »Ihre Stimme! Ihre Stimme!« Da fielen auf seine Hände Blumen. +Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte +die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz +oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher. +Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte +er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in +Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich +beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf +sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles +Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein +weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß. +Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht, +die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb +stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich +entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber, +schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die +Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß +ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen +hinter ihr, in große Tiefe. + +Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba: + +»Du hast geweint.« + +»Denn ich mußte dich ängstigen«, sagte Nello. »Aber wenn ich jetzt nicht +bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?« + +»Ich weiß alles.« + +»Alba!« + +Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie +rief: + +»Rühre mich nicht an!« + +Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn, +seinen Armen entgegen. + + + + +IV + + +Es schlug vier. + +»Wir müssen fort«, sagte Alba. »Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht +mehr ungesehen über den Platz.« + +»Zwei Stunden noch«, sagte Nello. »Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so +lange warten lassen auf diese Stunde.« + +Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte: + +»Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.« + +»Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!« + +Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn. + +»O Nello, du liebst mich nicht!« + +Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete: + +»Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns zeigen.« + +»Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wären so +glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.« + +»Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen wir durch das +Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein +Geliebter!« + +Am Tor des Klosters: + +»Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es Amica sein? Amica +ist die Tochter unseres Gärtners, sie war zu Hause meine Dienerin und +sollte es nun hier sein.« + +Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder. + +»Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich +fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. Wird heute die +Pförtnerin Amica sein?« + +Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck: + +»Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick sein, das +unser Glück endet.« + +»Rasch durch den Garten!« flüsterte Alba. »Wenn man hier einen Mann sähe -- +und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schützt uns . . . Jetzt hinab. O +fürchte nicht für mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß +Stufen, und vielleicht weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die +Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber +ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!« + +»Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine +Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Höhle aus großen Steinen. +Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!« + +»Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen? +. . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tür auf der Terrasse +steht offen. Jetzt soll es also sein?« + +»Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe, +deine Augen, Alba!« + +»Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebüsch +verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.« + +Auf seiner Brust: + +»Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor +den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fühlte +mich von ihnen verschieden. Wenn sie später vom Heiraten sprachen, dachte +ich: >Mein Gatte wird also größer sein, als die euren alle< . . . Nun +gehöre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer, +als wenn ich Christus gehörte.« + +»Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind +so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich +bin arm. Glücklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte für +wenig Geld. Die übrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben +vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!« + +Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches +Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten +gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des Auges geschliffen wie einen +Dolch. + +»Wirst du mich immer lieben?« fragte sie und sah ihn an. Er drückte die +Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schüttelte heftig den +Kopf. + +»Immer.« + +»Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!« + +»Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner andern Frau, ich +werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!« + +»Nello, wie ich leide!« + +»Auch du?« + +»Und wie wir glücklich sind!« + +Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines jeden +gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, aus tödlich +gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Münder. + +»Um Vergebung!« wisperte es; und immer durchdringender: + +»Um Vergebung!« + +Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der +Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter schwindelnden Grimassen ans +Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz. + +»Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die +Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die +redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der +Advokat Belotti hier sein, und Sie wissen wohl, daß er das böseste +Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang, +nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, -- und wenn +ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer +. . .« + +Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, um den +Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall +vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen +gekrümmt; Steine rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es. +Sie wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden +Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her: + +»Vorsicht! Wir sind nicht allein.« + +Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er rundete die Hände um +den Mund. + +»Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglück +will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe ist, der die böseste Zunge von +allen hat. Fliehen Sie!« + +Da sie regungslos hinuntersahen: + +»Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie gewöhnlich, der +Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, daß sie heute um zwei +Soldi teurer sind.« + +Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln. + +Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward +von steiniger Erde hinuntergerissen. + +»Halten Sie sich an jener Pinie!« rief der Advokat. Aber sie griffen nicht +um sich: sie faßten nur nach einander. Die Arme einer um des andern +Schulter, stürzten sie. + +Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab; +dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. Droben über dem +Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor +Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig +hintenüber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem +Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten +sie einander ernst, auf den Weg hinab. + +»Der Herr Nardini kommt«, zischelte der Advokat, -- und sie flüchteten das +Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel +des Zypressenganges. Auf einer begrünten Bank sanken sie einander an die +Brust. + + * * * * * + +»Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schläge?« fragte +Alba. »Ich hörte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte +nicht. Nun werde ich gehen müssen.« + +». . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der Großvater wird +mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die große +Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mädchen auf dem +Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie +werden dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der +Nische stehst.« + +»Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den +Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!« + +»Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich meine +Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.« + +Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen. + +»Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot wie Kupfer. +Jetzt ist es ganz schwarz.« + +»Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner wäre?« + +»Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.« + +Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. Sie riß sich los; +er entwich in den Schatten. + +Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er stürmte ihr +entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lächeln; und um ihn +aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie +beim Kommen und beim Sturz einer großen Welle. + +»Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und +frei. Begreifst du es? Begreifst du es?« + +»Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.« + +»Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte«, sagte Alba. + +»Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken«, rief er den beiden +Figuren auf dem Brunnenbecken zu. »Ihr könnt gehen!« + +Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein +Schrei. + +»Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du, +wir werden Unglück haben.« + +»Du, Alba, hast geschrien: du,« -- und er schloß ihre angsterfüllten Augen +an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, weiß langend, nach seinem Kopf; er +drückte den Mund in ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden, +schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Körpers, +erschrak er, weil er hatte spielen können. + +Sie begann zu sprechen. + +»Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause +ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Großvater sein Licht +noch anzünden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe. +Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt -- sieh hinauf, ich kann es +nicht --, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht töten?« + +Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und +zwei böse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Höhe wie ein +Raubvogel, der den Fang abpaßt. + +»Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir +werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals wußte ich, was es heißt, allein +zu sein: jetzt ahnt mirs.« + +Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte. + +»Nie, nie verlaß ich dich!« + +Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her, +und große Tränen stockten auf ihren Wangen. + +»Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.« + +Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei wankende +Schritte in den Schatten hinein. + +»Wir sollten sterben«, sagte sie. »Schon jetzt.« + +»Da sind Blumen,« sagte er, »ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht +darauf einschliefen?« + +»Du willst? Du liebst mich also?« + +»Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten«, setzte er +hinzu und lächelte stolz. + +»Wer sind die?« + +»Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?« + +»Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!« und sie +hängte sich, zitternd, an seine Schulter. »Nello! das ganze Leben für deine +Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst +es!« + +»Die Probe!« rief Nello. »Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und +heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, daß du +kommen wirst!« + +»Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. Vom Kloster +führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis +vor die Tür der Loge wagen, deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich +verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine +Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?« + +»Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich +jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewußt, als wäre +ich ein Held.« + +»Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, -- und kämen auch Leute; +was wissen sie? Was können sie gegen uns?« + +»Was können sie gegen uns!« + +Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; -- da schrie +sie laut auf: eine große Schlange lag, quer über der Straße, schwarz im +Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurückhielt: + +»O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.« + +Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine +Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im +selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei. + +»Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein +Geliebter ist ein Held!« + +Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte. + +»Was hast du, mein Nello?« + +»Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht darüber weg, +Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde +singen können heute abend, und vielleicht kann ich nur das?« + +Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein +weiter. + +»Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als ich +zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie +sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wäre nichts . . .« + + * * * * * + +Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine Zeitung. + +»Auch du kommst umsonst!« rief er ihm entgegen. »Die Probe ist abgesagt. +Der Maestro hält lieber eine Probe für seine Messe ab. Versteht sich: der +Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.« + +»O Virginio!« -- und Nello preßte die Hand des Freundes, als wollte er sie +zermalmen: »Wie wir uns lieben!« + +»Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen ist, wirst du dich +nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem +Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich +fast hätte engagieren lassen.« + +Nello lachte, klar wie Gold. + +»Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weißt nicht: +ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie zu beißen.« + +Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles +Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn. + +»Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle +Tage Schlangen töten; und auch das Singen ist eigentlich keine +Beschäftigung für das ganze Leben.« + +Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein bleiches, +abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken. + +»Was ist fürs ganze Leben«, murmelte er. »Wenn ich umkehrte und +zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu +finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verließ? War nicht +alles ein heftiger Traum?« + +Da Gaddi ehern lachte: + +»Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt bin!« -- und er +stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: »Sieh, +Geliebter, unser umblühtes Haus«; eine ihrer Töchter schrie blechern über +den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: »Ich habe ein +Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.« + +»Und meine Frau!« sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. »Sie singt +schon, seit sie aufgewacht ist: >Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu +wissen<, und doch erinnere ich mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht +davon gewußt hat.« + +Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und +klopften dringend auf den Tisch. + +»Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. Siehst du, wie +hoch es bei der Konkurrenz hergeht?« + +Der Wirt des Cafés »zum Fortschritt« hob seine schweren runden Schultern. + +»Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fünfzig Jahre +in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter dem Vorsprung des Hauses +Mancafede noch ein Café steckt? Das Café >zum heiligen Agapitus<: ich habe +erst heute meinen Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.« + +Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als sonst und +hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu stützen. + +»Das Café >zum heiligen Agapitus<!« rief Nello hell. »Bekommt man dort +Weihwasser zu trinken?« + +»Wie viel Geist der Herr hat!« sagte der Gevatter Achille und kicherte. +Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust. + +»Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was +Sie wünschen. Auch Fächer sind da.« + +Nello lachte, ohne zu hören. + +»Das hindert nicht,« erklärte Polli, »daß sie schon jetzt dort drüben zu +Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt erst an, seine Tische auf +den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte +es nicht glauben, wegen der leeren Loge!« + +»Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden«, setzte der Herr +Giocondi hinzu. + +»Für Sie!« kreischte Nonoggi. »Alles für den Herrn Nello! Und wenn Sie +meinen Laden beehren --« + +Er zerrte den jungen Mann am Arm. + +»-- werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es für einen Mann +in Ihrer Lage paßt.« + +Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war! + +»Ah! dieser Don Taddeo!« -- und Polli verschränkte die Arme. »Es scheint, +er will den Entscheidungskampf.« + +»Ein Demagoge,« rief Giocondi, »der heute früh bei der Predigt das Volk +aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi? +Auch ich setze keinen Fuß mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke +zu predigen, es solle das Theater demolieren?« + +Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd hoch. + +»Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was +das heißt? Es heißt, daß Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese +feinen Waren nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen +Wunsch?« + +»Das Theater demolieren!« rief Nello und warf den Zopf in die Luft. + +»Wir werden zuerst das Café >zum heiligen Agapitus< demolieren«, sagte der +Gevatter Achille. »Es ist längst baufällig.« + +»Ich bin ruiniert!« kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit +dem Zopf davonlief. + +Polli nickte ernst. + +»In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns +sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß nicht, wen er mit der großen +Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .« + +»Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben«, schlug Giocondi vor und +stieß Polli vor den Magen. + +»Man muß zugeben,« erklärte der Gevatter Achille, »als ich heute früh +meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir +die Nacht verbracht hatte.« + +»Auch ich habe eins überrascht«, sagte der Tabakhändler, »auf meiner +Treppe, wie ich heimkam.« + +Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn. + +»Fange nicht davon an! In meiner Gasse: -- ich versichere euch, daß man +darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so +dunkel ist.« + +Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen. + +In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlächelnd, +mit einem dünnen Trällern. + +»Brabrà!« schrie der Herr Giocondi. »Auch er war unterwegs heute nacht, und +ich bürge euch dafür, daß er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer +amüsiert er sich darüber.« Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog +den Mund zum Weinen. + +»Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernähren, und +wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur übrig, +allen Leuten zu sagen, was ich weiß . . .« + +Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die +Frauen sahen aus den Fenstern: Nello stand, die Hände auf den Hüften, und +lachte, daß es wie Gesang klang. Die andern lachten mit. + +»Und der Advokat!« brachte Polli hervor. »Man weiß wohl, warum er an diesem +wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in +seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an +seinem Schreibtisch und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen +Vorschuß bitten . . .« + +»Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?« rief donnernd der Gevatter +Achille. + +»Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht«, sang die Rotte +von Buben, aber mit veränderten Worten, und marschierte im Eilschritt +vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des +Kaufmannes Mancafede riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein +Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im +Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene. + +»Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge +behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß auch, wohin ich den letzten +tun werde. Wohin? Wohin?« -- und er richtete einen leidenschaftlichen Blick +auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den +Hals abgewendet, die Hand gespreizt: + +»Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: sterben, ohne zu +wissen . . . Aber sterben?« + +Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder +durchlief ihn heftig. + +»Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den Geruch ihrer +feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, dies weiße Feuer, nie mehr +brennen fühlen . . . Ich hätte gestern sterben sollen: gestern war es zu +ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen? +Nonoggi hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine +Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List +in seinen blutigen Augen. Ich muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!« + +Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann und lächelte +bedeutsam. Er wußte alles, -- da seine Tochter alles wußte! Das Schicksal +beschwichtigen! Sich Frist erkaufen! + +»Hätten Sie nicht, mein Herr --« stammelte Nello. »Hätten Sie nicht --« + +Mancafede rieb sich die Hände. + +»Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische +Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. Aber überstürzen Sie nicht +Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse, +würde ich ihn doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.« + +»Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer sein.« + +Der Kaufmann fiel ein: + +»Ich schicke ihn Ihnen -- und werde mich hüten, einen Kunden von Ihrer +Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drängen. Ich weiß zu gut, daß +man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen +bezaubernd stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich +weiden muß?« + +»Wie Sie wollen«, murmelte Nello. + +»Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafür bekommen Sie +den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,« -- und auf den grauen Wangen des +Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells. + +»Zu welchem Preis also?« fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht; +er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigte er sich. Sein altes +Hasenprofil lächelte zahm und schlau. + +»Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine Kundin.« + +Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die +Matratze der Domtür hinter Alba zu. + + * * * * * + +Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah, +leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nächsten Bank auf +die Knie. Sie legte die Stirn in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen +Nacken wollüstig erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre +Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer schwerer, die +schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich +auf, betrachtete diese Hände, betrachtete den See von Tränen, den ihre +beiden Augen auf der Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den +Kopf . . . Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten +eines Beichtstuhles. + +Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des +heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und +stockte. Die Hand fuhr zurück, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen +brechen wollte. Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba +rückwärts davon in das Dunkel. + +Die Nonne war fort. Weite Stille: -- aber der lange gelbe Vorhang des +letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab; +und unter der Türöffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er +beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein +entzündeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat, +erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Bei ihrer bittenden Gebärde +nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus und zog, als sei ihm übel, das Gesicht +zusammen. Sie legte die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die +Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf der +Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen +ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schloß +seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; die Rechte stieß er +unsicher in die Luft; mit großen, flatternden Schritten erreichte er die +Sakristei. + +Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die +Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier und hob von der Tür +die Matratze auf, die den Lärm des Platzes erstickt hatte. + +Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte draußen +soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, -- und Italia neigte +sich, um mit großen, neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden +dreinzuschauen. + + * * * * * + +»Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein«, sagte die Magd Felicetta; denn den +Dom entlang staute sich quer über den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder +hinaufhoben und durcheinander riefen. + +»Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bäcker +Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich Ihnen doch einen Rat, +Fräulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom +Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So +werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von +Männern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor +dem Café des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er +hat einen gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti! +Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben beim Gevatter Achille.« + +Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig: + +»Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm +den Eimer nehmen.« + +Das Gebell des Bäckers drang durch. + +»Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen nicht verkaufen, +dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.« + +Er begann sogleich von vorn: + +»Ah! die Herren wollen uns --« + +Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer dasselbe, das +niemand verstand; aber man sah die Herren drüben höhnisch lachen. + +»Pappappapp«, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bäckers. + +Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace +und schüttelte die Faust: + +»Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an +einen Amerikaner habe er ihn verkauft.« + +Vor dem Café »zum heiligen Agapitus« war sogleich alles auf den Beinen; +alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten. + +»Der Advokat wird recht haben«, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskräften +der Barbier Bonometti, und er stieß in der Schar von Männern den alten +kleinen Beamten Dotti an. + +»Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthüllt die +Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer Mann, der Advokat!« + +Die Beamten schrien: + +»Es lebe der Advokat!« + +Der dicke alte Corvi setzte hinzu: + +»Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der +öffentlichen Wage geben.« + +»Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?« fragten die Mägde Fania und Nanà +die Frau des Schusters. »Es lebe der Advokat!« + +Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber: + +»Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!« + +Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um +ihn: + +»Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht +zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, verbündet mit der +Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.« + +»Immer die großen Worte«, murmelte der Gemeindesekretär. »Wer weiß, auf +welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie +Zügellosigkeit.« + +»Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?« fragte der +Advokat. »Dann erfahren Sie, daß ich mich eines Lebens, das frei von +Heuchelei ist, nicht schäme. Ich weiß mich einer ruhmreichen Tradition +verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir +stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden, +mein Herr.« + +»Nun, es ist abgebrochen,« -- und der Sekretär zuckte die Achseln. + +»Freuen Sie sich darüber mit Ihrem Don Taddeo, diesem Demagogen im +Priesterkleid. Hat er nicht heute früh in seiner Predigt dem Volk +angeraten, wenn die Mächtigen sich der Wollust ergeben, solle es sie +niederreißen? Ich weiß wohl, welche Mächtigen gemeint sind --« + +Der Advokat wies sich auf die Brust. + +»-- und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst merken, was Macht +heißt!« + +Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhändler kratzte sich den Kopf. + +»Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, -- und der Mittelstand läßt +ganze Regimenter aufmarschieren. Man muß unsere Freunde holen. Auch werde +ich meinen Olindo suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fäuste.« + +Der Stadtzolleinnehmer erklärte, ebenfalls werben zu wollen und betrat die +Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; er stieß mit dem Stößel +seines Mörsers um sich. + +»Romolo!« rief es schrill von oben. + +»Es gibt keinen Romolo!« brüllte er. »Es gibt nur einen Soldaten +Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr sieht.« + +Und immer tapferer: + +»Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, in ihren +Läden verstecken? Wo ist Mancafede?« + +Er machte sich, seinen Stößel schwingend, auf den Platz hinaus, dem +feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; niemand beim Café »zum +heiligen Agapitus« wagte, so sehr sie fuchtelten, den alten Krieger +anzurühren; -- und wie Mancafede gerade den Rolladen herabzog, ward er +gepackt. Zitternd kam er mit. + +»Wucherer!« schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, wie sein +Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, der erbleicht zurückfuhr. +Das Volk wiederholte: + +»Wucherer!« + +»Dieb!« -- und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor plötzlicher Wut; +»Dieb, der allen Wein aufkauft, so daß niemand ihn bezahlen kann und wir +verdursten müssen!« + +»Wir wollen nicht verdursten!« grölten seine Zechbrüder. + +»Und wir hier wollen nicht verhungern«, rief vom Rathaus her ein riesiger +Fuhrmann. »Nieder mit dem Bäcker!« + +»Nieder mit dem Bäcker!« wiederholte das Volk; und Crepalini verschwand +rasch zwischen den Seinen. + +»Und die Kuchen des Serafini!« gellte hinter dem Rücken des Fuhrmanns der +Konditorlehrling Coletto. »Wollt ihr wissen, was er statt Zimt hineingibt? +Zerstoßene Wanzen! Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!« + +Ein Schrei des Abscheus; -- und über allem jammerte eine Frauenstimme: + +»Isidoro! Mein Isidoro!« + +Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. »Flieh, mein +Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!« + +Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein Häscher lieferte +ihn schon beim Café »zum Fortschritt« ein. + +Der Herr Giocondi führte den Baron Torroni herbei. Auch die Herren +Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm. + +»Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert«, sagte er zum Salvatori und +klopfte ihn vor den Bauch; »aber hier handelt es sich um die Freiheit, das +ist ein anderes Paar Ärmel.« + +Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der unter blutigen +Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. Beim Café des Freundes +Giovaccone kreischte er, das Kreuz schlagend: + +»Don Taddeo ist ein Heiliger.« + +Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille näherte: + +»Es lebe der Advokat!« + +Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den Wirt Malandrini +und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen waren, um etwas zu sehen. Der +Kapellmeister Dorlenghi stellte sich von selbst ein; er warf die Arme. + +»Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den Dom gekommen!« + +Der Lehrer sagte: + +»Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Männer des Geistes unsere +Studien verlassen müssen, um, den größten Ideen zuliebe, auf den Platz +hinabzusteigen.« + +»Aber jene dort vermehren sich«, rief drüben der Mechaniker Blandini. »Es +wird Zeit, daß auch wir uns sammeln.« + +Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem Corso, der Schlosser +Fantapiè zur Treppengasse, und sie schrien die Häuser hinan: + +»Alle auf den Platz!« + +Von den Herbergen »zum Mond« und »zu den Verlobten« kam ein Trupp Bauern. + +»Hierher!« keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. »Es geht +gegen die Buffonen!« + +Aber als der schöne Alfò, man wußte nicht warum, zähnefletschend gegen ihn +losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen Beinen ganz schnell in das +befreundete Lager zurück. Der schöne Alfò trug, eitel lächelnd, den blauen +Klemmer des Pächters als Beute heim. + +Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen Agapitus. + +Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des Mittelstandes +stoßen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in den Weg und versprach ihm +den Teil der Arbeiten im Rathaus, der sonst Fantapiè zugefallen wäre; und +darauf blieb Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse +der Hühnerlucia kam, wollte der Advokat durch Aufträge verlocken. Der +Schneider antwortete: + +»Der Herr Advokat möge mich entschuldigen, denn ich habe die größte Achtung +vor dem Herrn Advokaten, aber der ist kein guter Mann, der es nicht mit +seiner Klasse hält.« + +Und er ging hinüber. + +Polli kehrte zurück. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, den er vor +sich herstieß. Beide waren gerötet und schienen erschöpft. Der Tabakhändler +keuchte: + +»Da ist mein Sohn Olindo, er soll für die Freiheit kämpfen. Glaubt ihr +vielleicht, er wäre von selbst gekommen? Ah! mein Sohn ist ein Typus, dem +an der Freiheit wenig gelegen ist. Statt dessen hat er, indes sein Vater um +die öffentliche Sache bemüht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen +Hause jenes Weibsbild, die große gelbe Choristin bei sich und tut mit ihr, +was ihr euch denken könnt.« + +Olindo bekam einen Rippenstoß. + +»Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. Was mich betrifft: +eine solche Verderbnis unserer Kinder macht mir geradezu Lust, jenem +Priester recht zu geben.« + +Auch der Herr Salvatori äußerte Besorgnisse um seinen Neffen. Um nicht +weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen zu lassen, nahm der Advokat +den Tabakhändler ernst beiseite. + +»Wir sind Freunde, wie, Polli?« + +»Freundschaft, soviel man will, aber --« + +»Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den menschlichen +Schwächen sind wir alle unterworfen. Dein Gewissen, Polli, wird dir sagen, +ob du gegen deinen Sohn nur als Vater eingeschritten bist oder auch als +Rivale. In jedem Fall, Polli, besinne dich auf deine Bürgerpflicht!« + +Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz und +zuversichtlich seine verstärkte Truppe. Der Gevatter Achille ging mit der +Vermouthflasche umher, weil man Mut nötig habe. + +»Hohoho!« schrien alle gleichzeitig. Vom Café des »heiligen Agapitus« +antwortete es: + +»Huhuhu!« + +Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in die Hände und +pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. Da donnerte der alte +Acquistapace: + +»Ist es möglich! Die da drüben haben bei sich den Savezzo!« + +»Er wird sich geirrt haben«, meinte der Herr Giocondi. Der Gevatter Achille +stieß in seine hohlen Hände: + +»Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?« + + * * * * * + +Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme verschränkt, auf +den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter gewulsteten Brauen mit +düsterer Genußsucht ringsum. + +»Was willst du?« rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem +Augenrollen und großen, gezierten Gesten: + +»Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der +Protektionswirtschaft, mit der Diktatur einer Klasse!« + +»Es ist aus!« rief das Volk. + +»Ah! Volk --« und Savezzo breitete die Arme aus, wie an einem Kreuz, »du +wirst künftig das Opfer des Talentes empfangen können, auch wenn es nicht +aus gewissen Familien kommt. Von den nächsten Listen für die Gemeindewahlen +werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und Volksausbeutung +bedeuten. Denn ihre Träger --« + +»Der Bäcker!« schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das Volk wiederholte: + +»Den Bäcker meint er!« + +»Den Konditor!« kreischte Coletto. »Den Wanzenkonditor!« + +»-- werden erschrocken sein vor der Größe eurer Rache,« -- und der Savezzo +arbeitete sich ab. + +»Willst du ein Glas Wasser?« rief eine Frau. + +»Er braucht es. Er hält seinen Vortrag über die Freundschaft«, sagte der +Advokat Belotti, verächtlich lächelnd. + +»-- eurer Rache,« fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein Profil, »die +fürchterlich zerstört haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, des Lasters +und der Tyrannei: das Theater!« + +»Huhuhu!« machte es beim Café »zum Fortschritt.« + +»Was für eine Sprache spricht er?« fragte die Magd Felicetta ihre Nachbarn, +die die Achseln zuckten. + +»Genug! Wir wollen die >Arme Tonietta<«, rief der Fuhrmann, und er stimmte +an: + +»Sieh, Geliebte --« + +Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, schnellte noch +einmal die gespreizte Hand über das Volk hin, stieß sie geballt gegen das +Café »zum Fortschritt« aus und zog sich zurück. Der Baron spie hinter ihm +aus. + +»Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.« + +»Mich hat er nie getäuscht«, behauptete der Advokat. »Ich habe aus seiner +Demut wie aus seiner Düsterkeit immer den Neid dessen herausgefühlt, der +nicht zu den Göttern gehört.« + +»Die Komödiantin! Laßt sie nicht entwischen!« heulte vor der Domtreppe die +Frau des Kirchendieners Pipistrelli; -- und verfolgt von den Weibern, +rannte Italia mit kleinen behinderten Schritten und kreischend wie ein Pfau +über den Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl es +von droben mit entsetzlicher Stimme »Romolo« rief, fing er sie auf. Die +Weiber wichen nicht, sie blockierten das Café »zum Fortschritt.« Der junge +Severino Salvatori trat ihnen elegant gegenüber und lispelte +Anzüglichkeiten. + +»Da ist er!« rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. »Der da hat etwas +Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie hat ihn vor die Tür +gesetzt.« + +»Ah! was für ein schöner junger Mann,« -- und eine entriß ihm sein Monokel. +Darauf machten alle sich davon, unter schreiendem Gelächter und Gesten, die +nicht alle anständig waren. + +»Habe ich denn verdient, daß man mich totschlägt?« jammerte Italia auf der +ledernen Bank im Innern des Cafés, wo der Herr Giocondi unter schelmischen +Seitenblicken auf die Zuschauer ihr die Büste freimachte. Auch der Kaufmann +Mancafede hatte sich in den Saal gerettet; er rang die dürren Hände. + +»Der Bürgerkrieg ist etwas Häßliches; er schadet den Geschäften, und wenn +Gott will, bekommt man sogar Schläge.« + +»Glauben Sie?« stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere Giordano. + +Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine Quetschung gefunden +zu haben, und rief nach Essig. Der Gevatter Achille brachte ihn und sagte: + +»Wenn man bedenkt, daß ein einziger Priester so viel Unheil stiftet.« + +»Es gibt gute Priester,« -- und der Cavaliere Giordano streckte beschwörend +die Hand aus. »Es gibt gute Priester, und es gibt schlechte Priester.« + +Italia schluchzte. + +»Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, daß man sündigt: +darin hat er recht. Ach, über mich!« + +»Nicht weinen«, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hände am Leib, neben +ihr und weinte selbst. + +»Als ich ihm das erstemal beichtete,« sagte Italia feucht, »war er sehr +streng; er wollte alles wissen, alles, alles.« + +»Versteht sich«, bemerkte der Gevatter Achille. »Das ist ihre +Unterhaltung.« + +»Und er stellte so schreckliche Fragen, daß es fast schien, er wisse schon +alles. Ist er denn ein Heiliger?« + +»Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben«, schrie der Baron +Torroni und lachte dröhnend. + +»Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. Ich werde gehen, +sonst bringt es mir Unglück . . . Aber als ich heute wiederkam --« + +»Armes Mädchen, auch sie ist in den Händen der Priester!« seufzte der +Apotheker. + +»-- da wollte er mich nicht anhören.« + +Der Herr Giocondi vermutete: + +»Er fürchtet, daß Sie ihn zum besten halten.« + +»Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie Kohlen.« + +»Der Schlaukopf!« rief der Wirt Malandrini. »Uns schickt er den Mittelstand +auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es nur mit den Heiligen des +Paradieses zu tun.« + +»Man würde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler!« sagte der +Advokat, der herzukam. + +»Ich störte ihn noch einmal; da --« und Italia schüttelte sich, »sprang er +vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche Furcht! Ich lief, und er mir nach. +Er rief, ich solle kommen und beichten. Beim ersten Wort sagte er: >Genug< +und erließ mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er +aber stöhnte auf eine gewisse Art, daß mir nichts Gutes ahnte, und rasch +machte ich mich davon.« + +Sie sah alle erschüttert an. Der Advokat erklärte: + +»Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich unter +der Bank. Ah! keine Gefahr, daß er das Kommando ergreift über das Café >zum +heiligen Agapitus<.« + +Der Gemeindesekretär war dem Advokaten gefolgt. + +»Man mag von Don Taddeo denken, was man will,« sagte er und wiegte den +Kopf, »so ist er doch ein mutiger Mann. Wie wollen Sie das leugnen? Er hat +uns nicht gefürchtet, sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein: +sein Kaplan sammelt Pflanzen.« + +»Wollte Gott, er täte dasselbe, mein Herr.« + +»Er baut keine Waschhäuser, sondern vertritt das Interesse der Religion.« + +»Und er hängt sie als Mantel um den Klassenhaß.« + +»Hängen nicht wir ihm den der Freiheit um?« + +»Ah!« -- und der Advokat warf sich umher; »ich habe in diesem Augenblick +nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, Herr Camuzzi: die Stadt erwartet, +daß ich handle!« + +Er trieb alle aus dem Café. + +»Halt! Wohin?« -- und er packte Nello Gennari, der durch eine Lücke in der +Menge entwischen wollte; am Rande des Gäßchens gegenüber dem Rathaus hatte +er Alba erblickt. + +»Eine wichtige Angelegenheit«, sagte er fieberhaft und wand sich in den +Armen des Advokaten. + +Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des Rathauses fiel +ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fuß zu heben, nahm, den Mut, zu +atmen. »Nie habe ich in solche Augen gesehen! Nello!« Sie rief den +Geliebten an, sie nahm ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Haß dort +oben war ungeheurer als ihre Liebe; die Angst überwältigte sie, in seinem +Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurück in die Gasse. + +»Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten,« sagte der Advokat, »außer dem +Kampf um die Freiheit; -- und wer, mein junger Freund,« er lächelte +verständnisvoll, »wäre mehr als wir beide interessiert an der Freiheit +unter dem Schutze der Venus.« + +Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran. + +»Du mußt bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und man ruft mir nicht +ungestraft ins Gesicht, daß die Komödianten die Wäsche stehlen.« + +Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Cäsarenprofil erhoben, rüstig auf +den Platz hinaus. Der Bäcker Crepalini hatte sich vorgewagt und schalt, +weinrot, mit Nußknackergebiß und Kugelaugen, in den Lärm der Menge. +Unversehens hing er in der Luft und zappelte mit den Ärmchen. Gaddi warf +ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurück. Der Schlosser Fantapiè +wollte, den andern vorauf, über ihn herfallen; von drüben aber holten +Acquistapace und der Baron Torroni ihren Kameraden ein. Der Gevatter +Achille rückte nach mit einem geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind +ankam, war er außer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf die +Lehne zu stützen. Er rief: + +»Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschäfte gehen wohl gut, +denn das Weihwasser kostet dich wenig!« + +Der Lehrling Coletto hüpfte kauernd hinter ihm umher, und plötzlich warf er +seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein Gebetbuch an den Kopf. Der +Kaufmann Mancafede, den die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben, +brach mit einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstöpsel getroffen. + +»Hohoho!« + +»Huhuhu!« + +»Nieder die >Arme Tonietta<!« + +»Nieder die Priester!« + +»Was will denn euer Don Taddeo?« rief der Wirt Malandrini. »Als er heute +früh meinen Jungen durchprügelte, hat er selbst die >Arme Tonietta< +gepfiffen.« + +»Schweig!« brüllte der Tapezierer Allebardi. »Und möge dein Bauch verfaulen +wie deine Beefsteaks!« + +Der Schlosser Fantapiè faßte den Schlosser Scarpetta ins Auge und schrie +durch die Hände: + +»Gemeiner Sykophant!« + +»Schlüsselfresser!« -- und Scarpetta spie weithin. »Er hat den Schlüssel +des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen Agapitus, damit er keine +Leibschmerzen bekommt.« + +Der Herr Giocondi hörte: + +»Schwindler! Bankerotteur!« + +Und er sprang auf: + +»Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, du hast mir +von meinem Stoff zum Mantel die Hälfte gestohlen!« + +»Huhuhu!« + +»Hohoho!« + +Ganz hinten, im breitesten Gedränge der Verteidiger des Cafés »zum +Fortschritt«, schwang der Kaufmann Mancafede sein Metermaß. Seine grauen +Falten hatten sich gerötet. + +»Wer es wagen will!« heulte er. »Wer es wagen will!« + +In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi zerstreut umher; +da rief es drüben: + +»Die >Arme Tonietta< ist keine Musik! Der Maestro weiß nicht, was Musik +ist!« + +»War das der Blandini?« fragte der Kapellmeister und stürzte vor an die +Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und Torroni den Feinden seinen +Stößel zeigte. + +»Sakristeiflöhe,« donnerte Acquistapace, »die ihr das Werk Garibaldis nicht +respektiert!« + +»Garibaldi war ein häßlicher Typus! Er hat den heiligen Vater umgebracht«, +keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber die Mägde Fania und Nanà verboten es +ihr mit geschwungenen Fäusten. + +»Fest, Cimabue!« heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die Kehle +zuhielten. Denn der Schlächter drehte sich mit dem Lehrer Zampieri im +Gemenge. »Drauf los, Allebardi! Drauf los, unsere Männer!« + +Coletto wälzte sich unter dem ältesten Chiaralunzi, den der junge Gaddi von +hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: »Es lebe Don Taddeo!« und rannte +davon. Sogleich brach ein ganzer Haufe Buben über ihm zusammen, und die +dicke Wirtin »zu den Verlobten« ward mit hineingerissen. + +Der schöne Alfò schwenkte den blauen Klemmer des Galileo Belotti und der +Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, das er seiner Frau +abgenommen hatte. Der Lehrer Zampieri rief noch: + +»Wer an die großen Ideen rührt, ist tot!« + +Da mußte er unter der Umarmung des Schlächters Cimabue das Pflaster küssen. +Die beiden Kneipbrüder Zecchini und Corvi holten mit mächtigen Fäusten +gegeneinander aus, im Augenblick aber, als sie sich berührten, ward ein +kleiner freundschaftlicher Schlag auf den Bauch daraus. + +»Laß es dir gut gehen«, sagten sie. + +Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. Hin und her +gestoßen von den Ringenden, polterte Galileo Belotti unaufhörlich: + +»Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?« + +Der Advokat eilte mit anfeuernden Armstößen vor dem Rathaus auf und nieder. + +»He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht euch . . . Ich +kenne dich,« -- und er zog dem Fuhrmann die Bluse über der Brust zusammen, +»du hast mir Holz gebracht und in meiner Küche ein Glas getrunken. Wir sind +Freunde.« + +»Freunde!« brüllte der Fuhrmann und streckte mit einem Faustschlag den +alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedürfnisses wegen unter die +Rathausbogen getreten war. Der Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust. + +»Sie sind ein großer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlächter Cimabue auch +noch zehnmal stärker wäre, als er ist, der Advokat wäre dennoch ein großer +Mann! . . . Das Leben für den Advokaten Belotti!« rief er und durchbrach, +mit der Mütze wehend, die Reihen, tödlich angezogen von dem Schlächter, der +ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon verlor Bonometti Mütze und Krawatte +. . . Der Advokat wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu +Polli: + +»Der Ruhm will, daß man nicht rechts noch links sieht. Aber glaube mir, +Polli, zuweilen stände man lieber mit den andern allen in Reih und Glied.« + +Polli kratzte sich den Kopf. + +»Inzwischen scheint es, daß wir Prügel bekommen. Meinem Olindo werden sie +guttun, aber was mich betrifft --« + +Und er zog sich in das Café zurück. + + * * * * * + +Den alten Acquistapace dort vorn belästigten zehn Feinde und griffen nach +seinem Stößel. Er wich ihnen schrittweise. Die vorderen Glieder traten, +zurückdrängend, auf die Füße der hinteren; man beschimpfte einander in den +eigenen Reihen; -- und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die +Pyramide der Freiheitskämpfer von den Scharen des heiligen Agapitus +eingedrückt. Mühsam deckte der Gevatter Achille mit wildem Schwingen seines +Stuhles den Rückzug. + +»Nun, Advokat,« sagte der Herr Giocondi erbost, »mir haben sie alle Knöpfe +abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, unsere Suppe zu +essen?« + +Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte er seine +Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, Giocondi, -- und hinter ihnen +hielt Jole Capitani die gerungenen Hände vor sich hin. Der Advokat stöhnte +auf; er legte aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen, +-- da traf in allem Lärm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine rasche +Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe war und klirrte, +wohllautend und unternehmend. + +»Wir sind gerettet«, rief der Advokat leise; und aus voller Lunge: + +»Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!« + +Der Apotheker schwang seinen Stößel schon wieder zum Angriff; die nächsten +rückten vor; unter der Drohung einer noch unbekannten Gefahr ging der Feind +zögernd zurück: -- und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen +und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom +Elektrizitätswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. Vor dem Café +»zum Fortschritt« trat der Advokat Belotti ihnen entgegen. Er nahm den Hut +ab. + +»Meine Herren!« + +Sie hörten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war es plötzlich +still. + +»Meine Herren, wir schlagen uns hier für Ihre Interessen; denn welches +höhere Interesse hätten Sie, hätte das Volk, das wahre Volk, als die +Freiheit.« + +»Buffone!« keifte drüben sein Bruder. »Seht ihr nicht, daß er euch zum +besten hält?« + +Die Weiber heulten auf; der Wirt »zu den Verlobten« schrie: + +»Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.« + +»Hören Sie nicht auf die Verleumder!« rief der Advokat in der Fistel, und +seine aufgereckten Arme bebten. »Ich bin der Freund des Volkes, der Advokat +Belotti, der die Anlage des Elektrizitätswerkes bewirkt hat und die +Aufführung der >Armen Tonietta<, die euch so sehr gefallen hat; denn ich +kenne euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden --« + +Er streckte seine Hände hin. + +»-- euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer hochherzigen +Tat. Jener arme Bucklige, ihr wißt, den Schändliche mißhandelt hatten --: +ah! Freunde, wir verstehen uns im Namen der Menschlichkeit.« + +Der Advokat hatte die Augen voll Tränen. Die beiden jungen Leute mit großen +Hüten und bunten Halstüchern schlugen in seine Hände. Er schüttelte die +ihren. + +»Sagt euren Genossen, daß ich sie überall verteidigen werde und daß eure +Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie wollen das Theater schließen, +wo ihr eure edelsten Genüsse sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald +sie zur Macht kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester +ausliefern. Hat darum das Volk für die Freiheit geblutet? Nieder die +Priester!« + +Die Herren hinter ihm wiederholten: + +»Nieder die Priester!« + +Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an. + +»Es lebe die Freiheit!« riefen mehrere auf einmal. + +Durch das Café »zum heiligen Agapitus« ging ein langes Gemurmel. Die Weiber +drehten, nach vorn geworfen und durcheinander schreiend, die Arme in der +Luft. Das Volk und die Herren klatschten stürmisch. Zwei kleine +Choristinnen wagten sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie +riefen hell: + +»Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!« + +Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen über sie her und zerrten sie +zurück. Der Advokat glänzte breit; er hatte weite, siegreiche Gesten um +alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten noch. + +»Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an eurer Spitze. Was +wir heute tun, tun wir für die Geschichte.« + +»Legen Sie uns nicht hinein?« fragte einer. »Bei den Wahlen nachher haben +die Dinge sich wieder geändert.« + +Der Advokat drückte die verschränkten Hände gegen die Brust, er hob sich +auf die Fußspitzen. + +»Sehe ich aus wie ein Bürger? Bin ich ein Mensch, der die Soldi +aufeinanderhäuft? Ich kenne Höheres als den höchsten Geldhaufen: das ist +das Glück des Volkes; und auch ich will stürzen, was ihm entgegensteht!« + +Er schüttelte Hände. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen an die Mauer des +Cafés »zum Fortschritt.« Zu den Herren, die Meinungen austauschten, sagte +der Gemeindesekretär: + +»Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbündet sich zur +Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. Aus dem Herrschsüchtigen bricht +der Anarchist.« + +Der Advokat fuhr herum: + +»Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genüge verraten. Ihre Zweifelsucht, +Ihre Kritik an der Tätigkeit des Menschen, Ihr Quietismus: alle diese +schönen Dinge führen schließlich in den Schoß der Kirche. Begeben Sie sich +doch dort hinüber! Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen, +das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber --« + +Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der Spitze der +Arbeiterkolonne in Bewegung. + +»-- kämpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer abgewannen, über +unseren Köpfen schwebend Mars, Venus und Athene.« + +Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich an. Die Herren +Giocondi und Polli sahen sich wild um; ein kriegerischer Wind strich +schwindelnd um die Stirnen; auf einmal brachen mit mächtigem »Hohoho!« alle +los. + +»Seht ihr, daß jene Furcht haben?« sagte der Advokat zu den Arbeitern +hinter ihm. »Sie rühren sich nicht. Und sie glauben, sie werden heute abend +in den Logen sitzen? Ihr werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!« +rief er und warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die zehn +Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, die nackten Arme des +Schlächters Cimabue. Der Gevatter Achille wälzte seinen Bauch über den +Freund Giovaccone; er brüllte: + +»Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, ob du auch in +den Adern Weihwasser hast!« + +Der Fuhrmann war daran, über Galileo Belotti herzufallen, aber Galileo +machte, und schnappte dabei mit den Zähnen, so furchtbar »Pappappapp« und +»Buffone«, daß der Fuhrmann bestürzt zurückschwankte. + +Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenüber. Inmitten des Kampfgewühles +verschränkten beide die Arme. + +»Jetzt würden Sie vielleicht wünschen,« sagte Savezzo, »meine Fähigkeiten +früher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.« + +Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte: + +»Bin ich noch ein Winkel-Advokat?« + +»Mehr als je«, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo erhob von +hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den Arm. + +»Ah Sie!« keuchte Savezzo. »Wagen Sie sich noch einmal nach Villascura, und +ich werde Sorge tragen, daß Sie nie mehr dorther zurückkehren!« + +»Ich warte nicht so lange!« rief Nello und packte rascher zu als der +andere. + +»Fest, Cimabue, du, der du ein Löwe bist!« kreischten die Nonoggi und Frau +Malagodi. Der Schlächter schüttelte von seinen zehn Angreifern einen nach +dem andern ab, nur die beiden jungen Leute in großen Hüten und bunten +Halstüchern hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen +seine Gliedmaßen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über +dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die kleine Rina entriß ihr, +bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe und verscheuchte die Alte. Durch +riesige Übermacht überwältigte der Mittelstand den Verräter Scarpetta. +Drunten, in dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und entzog +Freunden und Feinden der Freiheit den Fuß, auf den sie sich stützten. + +Der Schlächter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene Augen und +Schaum vor dem Munde. Alles, was sich schreiend umherdrehte, wich +auseinander, der Schlächter überrannte Nello Gennari und den Savezzo, die +weiterrangen, und er stürzte, dumpf brüllend, mit ungeheuren blutigen +Fäusten auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi war es, +der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten die beiden jungen Leute den +Schlächter eingeholt und rissen ihn im Ansturm nieder. + +»Wer befreit mich von diesem Schwein?« -- und der Gevatter Achille hieb mit +seinem Bauch von neuem auf seinen Konkurrenten los. Alles drehte sich +wieder: da heulte der Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm +solche Stimme gehört: + +»Ich bin ermordet!« + +Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und Druso schlugen mit +ihren Streichriemen blind um sich, aber die Hühner flatterten nur noch +wilder im Gedränge. Coletto und die Buben scheuchten sie immer wieder +hinein. Man schrie, bedeckte sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo +Belotti drehte einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker, +lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen Armen, die +Flügel schlugen, die Hühnerlucia über ihn her. Er rettete sich mit den +andern ins Café »zum heiligen Agapitus.« Statt seiner erwischte sie den +Advokaten und fuhr ihm mit den Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen +geschlossen: + +»Zu mir! Zu mir!« + +Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik ergriffen, warf der +Advokat sich zu Boden. + +Die Hühnerlucia ließ endlich ab von ihm; er hörte sie das Federvieh in ihre +Gasse zurückscheuchen: -- da berührte ein feuchtes Tuch, wie eine +Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und er fand das zärtlich gepolsterte +Gesicht der Frau Jole Capitani über sich geneigt. + +»Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat?« sagte sie. + +»Ihr Anblick, schöne Dame, heilt alles«, erwiderte er und stand auf. Rasch +überzeugte er sich, daß der Platz in der Mitte leer und an den Rändern voll +Verwirrung war. Sie waren unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte: + +»Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen geben wollen, um +das ich Sie so sehnsüchtig bitte?« + +Sie schlug nur die Augen nieder. + +»Man wird uns sehen«, äußerte sie dann und zog sich zurück. Der Advokat sah +ihr nach, er vergaß sich abzustauben. + +»Ah! die Frauen. Würde man große Dinge tun wollen, wenn nicht sie wären?« + + * * * * * + +Und er wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt«. Dort umarmte alles +einander und rief nach Getränken. Der Gevatter Achille war überall zugleich +mit seinen gelben, roten und grünen Gläsern. + +»Wir haben sie in die Flucht geschlagen!« verkündete er. »Der >heilige +Agapitus< wird künftig wieder leerstehen, und der Freund Giovaccone wird +sein Weihwasser nicht sobald mehr los.« + +Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; der Apotheker +raffte mit zitternden Händen einen Strauß zusammen und übergab ihn Italia, +die sich auf der Schwelle zeigte. + +»Ihnen zu Ehren, Fräulein,« stammelte er, »haben wir den Priester besiegt.« + +Dann warf er sich, mit überfließenden Augen, dem Advokaten an die Brust. + +»O Freund! Welch ein Tag!« + +»Wäre nicht Mancafede gewesen,« -- und der Herr Giocondi klopfte dem +Kaufmann den Bauch, »wer weiß, wie es gekommen wäre. Er aber war der erste, +der sie mit seinem Huhn in Schrecken setzte.« + +»Alle haben ihre Pflicht getan«, hieß es. »Wo aber hat der Cavaliere +gesteckt?« + +Der Cavaliere Giordano kam entrüstet aus dem Café hervor. Er zeigte +Schultern und Ärmel seines weißen Anzuges umher. + +»Die Hühner . . . Ich werde ihn waschen lassen müssen.« + +»Auch der Cavaliere ist ein Held«, entschied Polli, und Italia drückte ihm +und dem Advokaten einen Kranz auf. + +Der Barbier Nonoggi stellte sich ein: + +»Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich nicht gesehen? +Aber ich war es doch, der den Schlächter abgehalten hat, den Advokaten zu +ermorden.« + +Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht sagen, was +in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward bewirtet. + +Der Gemeindesekretär rückte den Klemmer zurecht. + +»Aber woraus schließen die Herren, daß wir die Sieger sind? Mir scheint, +daß ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?« + +Da der Advokat ihn keiner Antwort würdigte: + +»In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht für geschlagen. Daß sie sich +ins Innere des Cafés >zum heiligen Agapitus< zurückgezogen haben, sollte +uns nicht zuversichtlich stimmen. Vielleicht schon im nächsten Augenblick +verlassen sie es, um, durch die Feier vermeintlicher Siege weniger +erschlafft als wir, das Café >zum Fortschritt< im Sturm zu nehmen.« + +Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano setzten, verstummt, +ihre Gläser hin. Da bog aus dem Corso ein Zug auf den Platz. Der +Konditorjunge Coletto war der erste; er blies quäkend durch die Hände. Die +Jungen hinter ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; und +in der Mitte der Arbeiter, geführt von den beiden jungen Leuten mit großen +Hüten und bunten Halstüchern, stampfte der Schlächter Cimabue. + +»Man sollte es nicht für möglich halten«, bemerkte der Stadtzolleinnehmer. +»Warum schlägt er sie nicht nieder?« + +Sie kamen vorüber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit ihrer flinken +Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hände fest im Gürtel des +Schlächters. + +»Und der Gürtel ist offen! Sobald er sich rührt, reißen sie ihm die Hose +herunter!« + +Der Advokat erhob sich und entblößte den Kopf. Die Herren klatschten. + +Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich hin und her schob +und Zurufe ausstieß, ging plötzlich auseinander; man sah in seinem Innern +den Savezzo am Boden liegen; und das Haar zurückstreichend, richtete Nello +Gennari sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, zögernd +über den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurückgekehrt waren: + +»Es lebe der schöne Komödiant! Auch tapfer ist er!« + +Die Herren beim Café kamen ihm schon mit Gläsern entgegen. Der Advokat sah +sich über die Schulter nach dem Gemeindesekretär um; aber er war hinter den +andern verschwunden. Der Kaufmann Mancafede beantragte: + +»Dieser Savezzo muß aus dem Klub ausgestoßen werden. Wir sind es der Sache +der Freiheit schuldig, unseren Sieg rücksichtslos auszunützen.« + +Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat widersprach. + +»Wir müssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen und versöhnen. +Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, der über den Parteien +steht.« + +Der Gevatter Achille unterstützte ihn. + +»Wer wird von dem Streit der Bürger den Vorteil haben? Niemand als dieses +Schwein von Freund Giovaccone. Der Schlächter Cimabue hat immer zu meinen +besten Kunden gehört; diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten +nicht das Recht, ihn so zu behandeln.« + +»Was denken die Herren darüber«, sagte der Lehrer Zampieri; er rückte blaß +auf seinem Sitz umher, »-- wenn man eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?« + +Der Tabakhändler klopfte ihn auf die Schulter. + +»Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, wird der +Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.« + +»Gleichviel«, sagte der Advokat. »Es wäre ein Akt hoher Diplomatie. Wir +würden den Priester beschämen und entwaffnen, denn wir würden ihm beweisen, +daß wir, die wir Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.« + +Die Meinungen teilten sich. Italia bat für Don Taddeo. + +»Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr kränken.« + +Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins Ohr: + +»Du selbst wirst ihn gewiß noch heute mit dem Apotheker kränken.« + +»Ah!« rief Polli. »Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit der großen Babel +gemeint hat. Es ist die Hühnerlucia, -- denn sie hat die Frommen in die +Flucht geschlagen.« + +Flora Garlinda traf ein. + +»Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden«, sagte sie. »In der +>Bionda<, die ich studiere, werden so viele erschlagen, man müßte das +einmal sehen. Statt dessen sind alle unversehrt,« -- und sie lächelte +verächtlich. »Der Priester riet, sie nicht zu schonen.« + +»Er gefällt mir. Er ist ein böser Fanatiker und stärker als ihr alle. Wir +beide könnten uns verständigen, -- wenn er wollte. Die Prüfungen werden ihm +guttun. Ah! seht doch, wie er sich quält.« + +Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen dem Turm +und dem Hause Mancafede, krümmte er sich mit dem Rücken schwarz über die +Mauer hin, schnellte auf, um zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel +zurück. Der Advokat nickte über die Köpfe der anderen nach ihm hin; er +murmelte starr: + +»Da sieht man, was es heißt, geschlagen zu sein.« + +Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen. + +»Wir werden ihm vorstellen, daß der Bürgerkrieg nur dem Freund Giovaccone +nützt«, sagte der Wirt. + +»Und daß wir, alles in allem, keine Feinde der Religion sind«, sagte der +Apotheker. Der Advokat drückte ihnen die Hände. + +»Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein Haufe +auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine Freunde, geht!« + +Sie machten sich auf. + +Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Plötzlich wandte er +sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda. + +»Er gefällt Ihnen sehr?« fragte er. + +»Wer?« + +»Don Taddeo.« + +Sie hob die Schultern. + +»Ich bin ein Narr«, sagte er fast laut. + +Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam und +angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien: + +»Ihr haltet euch für Sieger? Wißt ihr nicht, daß Gott manchmal die siegen +läßt, die er verderben will? Um so sicherer verharren sie bei ihrem Abfall. +Ah! ihr Sieger. Du, der du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen +ins Paradies hilfst, um selbst zur Hölle zu fahren! Du, der du jeden Tag +durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden kannst! . . .« + +»Wie er sich abarbeitet!« raunte man einander beim Café zu. »Er gleicht +einem Dämon. Man kann sagen, daß Achille und Romolo sich opfern für das +öffentliche Wohl.« + +»Friede?« -- und die Stimme des Priesters überschlug sich. »Ich kenne +keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner heiligen Kirche. Wie? Ich +soll den Eimer an einen Amerikaner verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich +Unzucht getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer Madonna, +die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet es umher, meldet es +Monsignore, um mich in seinem Geist zu vernichten, -- und ihr kommt und +sprecht von Frieden? Nähme ich ihn an, Gott schlüge mich selbst. Nun aber +wird er euch schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder nötig ist --« + +Don Taddeo stieß beide Arme weit von sich und breitete die Brust hin. Die +Abgesandten wichen zurück. + +»Tue es!« schrillte der Priester gen Himmel. + +Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. Der Schlächter +Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, den zehn Arbeitern +voraus über den Platz. Die Herren beim Café »zum Fortschritt« wichen +seitwärts von ihren Stühlen. Der Schlächter war vorbei; er sprang ins Café +»zum heiligen Agapitus«, daß die Scheiben der Glastür zu Boden klirrten. +Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug auf die eisernen +Tische, schrie Drohungen herüber. Hinter all dem Toben, worin die Stimme +des Priesters zerging, sah man seine bleichen Hände, zum Dank heftig +verschlungen, durch den Schatten stürzen. + +Die Abgesandten kehrten eilig zurück. + +»Nicht für eine Million würde ich noch einmal mit ihm sprechen«, äußerte +der Gevatter Achille und wischte sich die Stirn. + +»Seid ihr feige!« sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der Faust, mit +funkelnden Augen. »Warum seid ihr nicht über den Priester hergefallen? Jene +dort würden euch erschlagen haben. Es wäre schön gewesen.« + +Auch die Arbeiter hatten sich zurückgezogen. + +»Hierher, Freunde!« rief der Advokat, und er ließ ihnen Wein geben. + +»Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mögen jene allein weiterschreien! Das +wird nicht ungeschehen machen, daß wir sie vom Platz vertrieben haben. +Inzwischen rufen uns andere Aufgaben,« -- und ein Gedanke der Wonne dehnte +sein Gesicht in die Breite. + +»Tatsächlich fängt man an, genug hiervon zu haben«, sagte der Baron +Torroni. + +»Und die Suppe wird kalt«, ergänzte Polli. »Malandrini und Sie, Maestro, +wir haben denselben Weg.« + +Der Advokat hielt den Kapellmeister zurück; er flüsterte ihm dicht ins +Gesicht: + +»Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. Wer mehr +Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, sieht ohne weiteres, daß das +Mädchen Sie mit dem Priester eifersüchtig machen wollte.« + +»Sie glauben?« + +»Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was Deixel: man +wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genießen!« + +Jole Capitani wartete! Der Advokat wünschte allen sein eigenes rosiges +Geschick und traute es ihnen zu. + +Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm wehrte er Polli ab, +der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhändler samt Malandrini und dem Baron +Torroni entfernten sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der +Richtung des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die beiden Herren +Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen die Rathausgasse. Der +Cavaliere Giordano wollte hinterher. Flora Garlinda folgte ihm zwei +Schritte weit. + +»Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt,« sagte sie gedämpft; und da +er sie aufflackernd ansah: »O, ich bin es nicht selbst; es ist die Frau des +Schneiders Chiaralunzi. Sie schläft nicht mehr, sie ist krank durch Sie. +Sie spricht nur noch davon, daß sie von Ihnen den Gesang lernen will +. . . Aber jene laufen Ihnen weg. Eilen Sie!« + +Der alte Sänger machte sich davon. Da traf ihn etwas Hartes ans Bein, und +von drüben rannte jemand mit eingezogenen Armen gegen ihn los. + +»Wartet auf mich, um Gottes Liebe!« kreischte der Alte und hastete steif, +ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer Allebardi warf noch einen +Gardinenring nach ihm, dann stemmte er die Arme in die Hüften und bog sich. +Drüben brüllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten. +Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder: + +»Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.« + +»Es wird Zeit, daß ich dich nach Haus bringe«, bemerkte Gaddi und nahm sie +beim Arm. Der Kapellmeister wartete nicht, bis der Gevatter Achille ihm +herausgegeben hatte; er stürzte ihnen nach in die Gasse der Hühnerlucia. + +»Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas so Wichtiges zu +sagen.« + +»Brave junge Leute«, bemerkte der Advokat. »Sie werden glücklich werden. +Gehen auch wir, Giocondi!« -- und er vertauschte seinen Siegerkranz mit dem +Strohhut. + + * * * * * + +Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie nahmen den +Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte und geleiteten ihn unter den +Klängen der Arbeiterhymne zur Treppengasse. Vor dem Café »zum heiligen +Agapitus« war alles auf den Beinen und schüttelte die Fäuste; aber niemand +wagte sich heran. Der Advokat sagte: + +»Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche große Sache!« + +»Besonders für dich, Advokat, der du gewiß unter dem Schutze des Volkes in +die Arme einer Choristin gehst.« + +Der Advokat schmunzelte. + +»Ich gehe zum Doktor Capitani, -- da er ja behauptet, daß ich Zucker habe.« + +»Verflucht, das ist kein Vergnügen.« + +»Und dennoch gehe ich zu meinem Vergnügen hin.« + +Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem Blick: + +»Was er mir gibt, nehme ich nicht; die Ärzte wollen immer nur die Macht an +sich reißen.« + +Der Herr Giocondi rieb sich die Hände. + +»Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig nicht hergeben +würde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat . . .« + +Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der Treppengasse. +Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace und dem Gevatter Achille: + +»Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten denken, was man will, +er ist ein häßlicher Egoist, daß er sie alle zehn mitgenommen hat. Er hätte +fünf dalassen sollen, damit auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause +gehe.« + +Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug schwach auf den +Tisch. + +»Wie soll ich nun hinüberkommen? Gleich vor meiner Tür warten jene Mörder +auf mich.« + +Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen. + +»Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, denn sie +hassen mich.« + +»Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren«, riet der Gevatter Achille. +»Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.« + +Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich vielleicht +ungesehen am Dom entlang drücken könne. Er murmelte nur: + +»Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.« + +Da stand drüben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die Herren ihn stumm +empfingen, lächelte er düster. + +»Man hat sich hier wohl geärgert, weil das Volk seine Rechte zu fordern +wagte und weil es Führer gefunden hat, die seinen Forderungen Worte gaben?« +fragte er. Der Gevatter Achille erwiderte: + +»Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen wohl nicht mehr, +Herr Savezzo?« + +»Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir einen +Vermouth!« -- und Savezzo machte es sich bequem. + +»Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich habe sie +veranlaßt, um dem Advokaten zu zeigen, daß es noch andere Leute gibt als +ihn.« + +»Der Advokat ist eine Persönlichkeit,« sagte der Apotheker; »Sie aber, Herr +Savezzo, sind ein Schurke und ein Verräter.« + +Savezzo neigte mitleidig den Kopf. + +»Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, wie man +politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen die Macht, die ich +hinter mir habe.« + +Und er wies hinüber. Der Kaufmann zuckte; die beiden andern verschluckten +ihren Widerspruch. + +»Trotzdem bin ich nicht der Meinung,« fuhr der Savezzo fort, »daß wir +Feinde sein müssen. Um es Ihnen zu beweisen, werde ich auf den nächsten +Abend des Klubs gehen.« + +»Man wird Sie hinauswerfen«, rief der Apotheker. Der Kaufmann tastete +zitternd nach seinem Arm. + +»Um Gottes Liebe: Vorsicht!« -- und zum Savezzo, mit der Hand auf dem +Herzen: + +»Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse den Zwist der +Bürger, habe immer die Versöhnung gewollt, und nie wäre ich, angesichts so +bedauerlicher Ereignisse, auf den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht +gezwungen hätte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde für Ihre Rechte +eintreten, sogar gegen den Advokaten.« + +Der Kaufmann machte Fäuste. + +»Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles für sich nimmt. Keinen der zehn +Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus gelange.« + +»Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drüben trinken, wo er schlecht +ist«, sagte der Gevatter Achille. »Könnten Sie nicht auch dem Schlächter +Cimabue raten --?« + +»Wir sind also Freunde.« + +Savezzo stand auf. + +»Herr Mancafede, ich begleite Sie hinüber, verlassen Sie sich auf mich.« + +Der Kaufmann umklammerte, mit Tränen in den Augen, seine beiden Hände. + +»Man hat Sie aus dem Klub ausstoßen wollen, Herr Savezzo; aber nicht ich +war es. Wer Ihnen sagt, daß ich es war, der lügt.« + +»Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen dürfen,« -- +und der Savezzo begann auf seine Nase zu schielen. »Am nächsten Abend des +Klubs sollen die Komödianten Musik machen: da muß ich aufgefordert werden, +auf dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Künstler, den die ganze Stadt kennt, +sollte zurückstehen hinter jenen schlechten Schreiern? Meine Ehre will, daß +ich an jenem Abend meine Spezialität vorführe und auf dem Bleistift blase.« + +»Sie blasen göttlich auf dem Bleistift!« rief der Kaufmann. Der Gevatter +Achille sagte: + +»Man muß zugeben --« + +Der Savezzo schielte immer stärker. + +Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten Kopfes, +seiner Tür zu. Auf der Stufe wandte er sich um. + +»Alles geht dahin,« sagte er traurig, »auch die Liebe zur Freiheit. Jetzt +schließt man Pakte mit ihren Feinden. Alle werden schwach: du sogar bist +es, Achille. Und ich selbst: -- wer mir gesagt hätte, ich würde mit dem +Priester verhandeln! Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht +wieder.« + +Er trat über die Schwelle und zog beschwerlich sein hölzernes Bein nach. + + * * * * * + +Das Café »zum Fortschritt« stand leer; die Gäste des Cafés »zum heiligen +Agapitus« wurden einer nach dem andern von ihren Frauen zum Essen geholt. +Als die letzten fort waren, erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei +seiner Untergebenen. Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren +Säbeln und rotgesäumten Fräcken die Runde um den Platz, wobei sie die +Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter Achille, der ihnen +etwas zu trinken anbot, ließ der Leutnant sich über den Verlauf berichten. + +»Wir haben nicht eingreifen wollen«, erklärte er. »Ein Zwist der Bürger ist +ohnedies nichts Schönes; durch die Dazwischenkunft der bewaffneten Macht +wäre er vielleicht grausam geworden, und wir sind nicht grausam . . . +Fontana, Capaci, beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.« + +Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehörten dem Barbier Bonometti. + +»Er hat sich schlimme Püffe geholt. Der Apotheker hat ihn einreiben +müssen.« + +»Was für eine häßliche Sache!« sagte der Leutnant. »Fontana, du wirst ihm +sein Zeug zurückbringen.« + +Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung der »Armen +Tonietta« heute abend stattfinden werde. Der Gevatter Achille äußerte +Zweifel, aber Cantinelli beruhigte ihn. Der Mittelstand sei noch mehr +interessiert an den Aufführungen, als die Herren. Die Handwerker spielten +im Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren wollen, +noch die halbe Lira für seinen Jungen oder sein Mädchen, die im Chor +mitsängen. + +»Bevor es acht schlägt, werden wir sie kommen sehen.« + +Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. Von den +Herbergen beim Tor und von den Gasthäusern »zum Mond« und »den Verlobten«, +am Corso, strömten Scharen von Fremden über den Platz. Die Bürger mischten +sich unter die Bauern; sie verständigten sich mit Achselzucken. + +»Eh! man muß doch Musik machen.« + +Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die Mägde +hinterließen den Nachklang ihres gellenden Lachens und einen Geruch von +Grünzeug und von Rauch; die Buben überrannten alles; -- und um halb neun +kamen die Herren. Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr; +erhobenen Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner Frau vorbei. + +Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel Flora +Garlinda über den Platz. Der Kaufmann Mancafede zog rasch den Kopf wieder +in seine Haustür, und erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch, +hinterdrein. + +Schon um elf war er zurück, vor allen andern. + +Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden vorbei war, lief +Flora Garlinda dem Gäßchen der Hühnerlucia zu. Der Kapellmeister folgte ihr +hinein, einen halben Schritt hinter ihr. + +»Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich habe Sie alles +wiederholen lassen, was Sie wollten.« + +»Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun müde. Gute Nacht, Maestro!« + +»Sie müssen mich anhören, Flora,« -- und er legte seine Hand, die zuckte, +auf ihren Arm. Sie lief weiter. + +»Sie halten mich für Ihren Feind: wie wären Sie sonst so böse gegen mich. +Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe Sie. Seit ich zum erstenmal +Ihre Stimme gehört habe, o Gott! wie liebe ich Sie seitdem.« + +»Ich glaube es nicht«, sagte sie. »Und dann habe ich Ihre Liebe nicht +nötig.« + +»Jeder hat Liebe nötig. Sind Sie kein menschliches Wesen? Ach, daß ich groß +würde! Sie würden sehen, wozu ich es geworden bin: nur um Sie groß zu +machen, Flora.« + +Sie hielt plötzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen. + +»Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschämtheiten? Ich groß durch Sie: es +ist zu lächerlich, ich will mich nicht ärgern.« + +Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er stammelte in ihren +Nacken: + +»Die Liebe macht mich unvernünftig, ich weiß es. Verzeihen Sie mir! Möchte +man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum weiß ich dennoch: Sie sind größer +als ich; vielleicht, daß meine Musik berühmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu +singen.« + +Er keuchte. Sie schüttelte sich. + +»Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!« + +Da waren sie vor ihrer Tür. Flora Garlinda drehte sich um. + +»Sie wollen mich also benutzen, um berühmt zu werden. Ich soll im Schatten +Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe sein: ich erwarte nichts anderes von der +Liebe. Aber ich sage Ihnen, daß Ihre Liebe mich beleidigt.« + +Und sie betrat das Haus. Er stürzte hinterher. + +»Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, wie Sie böse +sind!« + +Mit einer Stimme, die flog und sich überschlug: + +»Ich wußte es, ich wußte es. Immer haben Sie mich nur demütigen wollen, nur +zur Verzweiflung treiben, für alle meine Liebe, die Sie doch fühlten, für +alle meine Liebe. Das ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind +böse, ich hasse Sie!« + +Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fäuste mit heftig +geröteten Knöcheln hieben nach jedem Wort in die Luft, im verhärteten +Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie sah sich hastig um, sie wich gegen +die Mauer zurück. Plötzlich lag er auf den Knien. + +»Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, werde ich mir das +verzeihen.« + +Er stöhnte wild auf: + +»Nun muß ich freilich gehen.« + +Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hände vor den Augen, die Stirn auf +die Wand senken. Schon war sie oben, riß die Tür ihres Zimmers zu, +verriegelte sie und brach in Lachen aus. Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes +Gesicht sah, drückte sie das Tuch vor den Mund. Da hörte sie eine heftige +Flüsterstimme. »Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen +anderen.« + +Flora Garlinda spähte durch den Fensterladen. Drunten zog der Barbier +Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite und stellte die Hand an den +Mund. + +»Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrügt seine Frau mit +ihr, die arme Unglückliche. Wißt Ihr nicht mehr, wie Euch der Schneider +verleumdet hat? Er hält sich für einen größeren Künstler, als Ihr seid, und +am Sonntag macht er draußen in den Schenken seine elende Musik, die die +Bauern nicht hören wollen, weil sie die meine kennen . . .« + +Der Kapellmeister riß sich los. + +»Ah! Verräterin,« -- und er warf sich ins Haustor. Flora Garlinda sprang +vom Fenster zurück, sie drehte in allen Türen die Schlüssel um, stand und +hielt den Atem an. + +»Uff! Nein, er wagt nichts.« + +Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie der Barbier ihn, +der schluchzte, durch die mondweiße Hälfte der Gasse von dannen schaffte. + +Sie fühlte sich nicht schläfrig; sie löste das Haar auf, um es zu waschen; +und sie sah über die Schultern zu, wie es im Spiegel ihren mageren Nacken +in Gold hüllte, durch seinen Fluß ihr Profil weich machte. Dann brachte sie +das Gesicht dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zähne, die klein, weiß und +wohlgeordnet in ihrem geräumigen Munde standen. »Meine Schönheiten!« -- und +sie lächelte sich spöttisch zu. »Es sind die dauerhaftesten und darum für +mich die besten; denn sie sollen noch in dreißig, vierzig Jahren einer +Menge Glück vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen? +Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Käme ich dann aus der großen +Welt einmal wieder hierher: er -- er zöge vielleicht noch immer mit seiner +Kapelle von Schneidern und Barbieren zum Fest eines Heiligen.« + +Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand draußen. + +»Wir wollen nicht stören«, sagte sie und zeigte ihre Zahnlücken. + +»Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen«; -- und die Primadonna ging im +Unterrock in die Küche des Schneiders. Er saß über einer Zeitung, die den +Tisch bedeckte: plötzlich stand er lang da, mit den Händen an den Nähten. +Flora Garlinda setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestürzt war, um +den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, woraus eine Flamme +züngelte. Die Frau zog den Kessel tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem +Fräulein eine Tasse Kaffee an. + +»Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst du nie wieder sehen.« + +Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna. + +»Und man fühlt es nicht, so weich ist es. Fühle auch du!« + +»Das Fräulein wird vielleicht nicht wollen.« + +Er rührte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene Welle über +seine Hand; und wie das Schwanken der großen, starkknochigen Hand das +leichte, wehende Haar auf und nieder warf, lächelte sie glücklich. Der da +vermaß sich nicht, an sie zu rühren. »Er liebt mich so, wie wenn ich fort +wäre und in allen Hauptstädten berühmt wäre.« + +Der Schneider sagte: + +»Es ist gut, daß nicht jede Frau solches Haar hat.« + +Die Frau stieß ihn an. + +»Wenn die Rina, die Magd des Tabakhändlers, solches Haar hätte, würde er +sie nicht verlassen.« + +Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda: + +»Wer?« + +»Der Maestro«, -- und die Frau setzte sich sogleich zu ihren Füßen auf den +Herd. + +»Wie sie unglücklich ist, die arme Kleine! Man weiß nicht, was er hat; er +sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er sie nicht mehr. Sie aber: +er könnte sie schlagen, und sie würde ihm die Hand küssen. Man sieht es +wohl, denn den Cavaliere Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie +fortgeschickt.« + +»Den Cavaliere?« + +»Ja ihn, -- obwohl er verspricht, der arme Alte, alles für ihren Maestro zu +tun, was sie fordern will. Aber das ist es: was soll sie fordern?« + +Der Schneider wendete sich hin und her. + +»Das Fräulein will diese Dinge nicht hören«, sagte er. + +»Im Gegenteil, sie interessieren mich --« + +Flora Garlinda lachte auf. + +»-- und ich will Euch sagen, was sie für ihren Maestro fordern soll.« + +Die Frau legte die Hände aneinander. + +»Sie wollten die Güte haben? Die Rina wagte nicht, Sie selbst zu bitten.« + +»Sie soll von dem Cavaliere verlangen, daß er dem Maestro ein Engagement +verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, die im Herbst nach Venedig +geht und zum Winter nach Bologna. Das ist ein schöner Posten --« + +Ihre Augen begannen zu funkeln. + +»-- vielleicht ein wenig zu schön für den Maestro Dorlenghi. Aber wenn er +hört, daß er ihn bekommen soll, wird er der Rina danken wollen: so wird sie +befriedigt sein, die arme Kleine; -- und ob er ihn dann wirklich bekommt, +was kümmert das uns, wie, meine Freunde?« + +»Tatsächlich«, machte die Frau betroffen. + +»Denn er verdient nicht, daß man ihm hilft: Euer Mann weiß es.« + +»Er ist ein böser Mann«, sagte der Schneider. »Ich weiß es jetzt, -- obwohl +er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gönnt keinem andern etwas.« + +»Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele als alle.« + +»Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er +stärker als das ganze Orchester.« + +»Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem +Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hört: wollt +Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, -- da Ihr doch so gern die +>Arme Tonietta< singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann +braucht nicht eifersüchtig zu sein.« + +Der Schneider lachte bieder. + +»Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die >Arme Tonietta< bald +besser singen als ich.« + +Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie albern. Flora +Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen. + +»Also ich schicke Euch den Cavaliere.« + +Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der Schneider und +blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom langen Starren auf ihr goldenes +Vlies. + +Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen. + +»Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere +diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzücken, Geschlechtern +groß scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst +fühlen? Werde ich glücklich sein?« + +Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich im Dunkel +hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte. + +»Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn +wirklich alle meine Feinde? Ach, daß ich böse bin!« + +Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen. + +Sie besann sich. »Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.« Über den +kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das Flakon ins Haar. Aber +sie fühlte sich linkisch dabei. + +»Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich, +es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht +gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie +die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.« + +Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen. + +»Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich +glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!« + +Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst? + +»Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!« + +Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten, +nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; -- und in dem +ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte +Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: »Es wäre das leichte Geschick +der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine +Härte.« Dennoch weinte sie köstlich. + + * * * * * + +Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano: + +»Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch +Licht bei sich, und sie weint.« + +Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb +er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück +auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café »zum Fortschritt« an einen der +mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr. + +»Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des +Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich +zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in +Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im +>Rigoletto< kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte +mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte +mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle, +die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich +wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .« + +Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos. + +»Still: da ist jemand«, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie flüsterte: + +»Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.« + +Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von der letzten +Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus. + +»Wer ist es?« + +»Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.« + +»Sollen wirs wagen?« -- und sie schlüpften durch den Mondstreif in den +nächsten Bogen. + +»O Himmel! Er hat sich gerührt.« + +»Warum die letzten?« dachte der Alte. »Noch manche Frau hat mir gehört. +Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehörten und jauchzten +sie meinem Ruhm? Denn ich bin berühmt . . .« + +Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello +hielten den Atem an. + +»Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon +starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir geträumt und Knaben sich +an mir begeistert.« + +»Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorüberkommen? Das +Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen früh die +Pförtnerin.« + +»Auch hier, o Alba, lieben wir uns.« + +Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des Brunnens zu. + +»Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hände +von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, -- Giulietta aber +ließ ihre Wäsche liegen und hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so +rann es, und dies war meine Stimme . . .« + +»Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um +die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.« + +»O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine +Geliebte!« + +»Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an +ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie auf meinen Händen welk +sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich +wollen, wenn sie meine Nägel sehen.« + +»Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du küßt. Küsse mich, +Alba!« + + + + +V + + +Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café »zum Fortschritt.« + +»Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im +Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich +vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.« + +»Mancafede ist erbleicht«, sagte der Herr Giocondi. »Welchen Schlag werden +Sie uns versetzen?« + +Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, -- da kam +aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte +sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte: + +»Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.« + +»Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren«, sagte der Sekretär. + +»Gleichviel,« -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; »die Stadt: +das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.« + +»Ich leugne es nicht«, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich +an. + +»Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?« + +»Herr Savezzo --« + +Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen +Mannes. + +»Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?« + +»Man hat ihn schwer beleidigt«; -- und Savezzo hob unheilvoll die +Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd. + +»Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie, +Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von +ihm, wir werden ihn ausliefern.« + +Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch. + +»Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht +geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.« + +»Tatsächlich«, äußerte Polli, »weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt +gehört, die ihn erobert hat.« + +»Noch dazu mit Hilfe der Götter«, setzte der Herr Giocondi hinzu. + +Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen. + +»Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten +Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch +verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das +ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe +. . .« + +Der Apotheker fiel ein: + +»Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.« + +»Aber wir können appellieren«, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte: + +»Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat +wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht +dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere +Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.« + +»Es gibt Leute,« erklärte Polli, »die von den Komödianten genug haben. Es +scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.« + +Auch der Herr Giocondi winkte Abschied. + +»Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den +Mund ausspüle, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.< Niemand +will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen +sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im +Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro +Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.« + +»Sollen sie sie singen«, sagte Polli. »Aber in den vier Wochen, die sie in +unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht +besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits +immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines +Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in +dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .« + +Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte +brutal den Fuß vor. + +»Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß +auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse +gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt +losgelassen?« + +»Es sind Künstler!« rief der Apotheker. »Sie hinterlassen uns eine +Erinnerung an die Ideale.« + +»Und Schulden,« sagte der Gemeindesekretär, »-- die ich übrigens +vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des +Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.« + +»Ein Dieb ist der Tenor!« stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den +Tisch strich. »Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn +um«; -- und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren +Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo +folgte ihm. Im Gehen erklärte er: + +»Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, -- da er ja alles zum +Parfümeur und zum Schneider trägt.« + +»Welche Lebensweise!« sagte Mancafede. »Aber alle sind jetzt verrückt. An +dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient +der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf +dem Wege, sich zu ruinieren.« + +»Und sein Dämon ist der Advokat«, sagte Camuzzi. »Man würde glauben, daß +dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die +Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.« + +»Der Advokat!« rief Acquistapace. »Er ist tapfer und hat große Gedanken. +Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die +Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir +auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum +mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti +errichten, des größten Bürgers der Stadt!« + +Polli kratzte sich den Kopf. + +»Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele +wären.« + +»Um Fremde herzuziehen,« bemerkte der Herr Giocondi, »hat der Advokat die +Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige +Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.« + +Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand. + +»Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in +seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie +er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt +hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen +geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich +plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die +Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.« + +»Tatsache ist,« bemerkte der Tabakhändler, »daß heute früh in der Messe so +viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.« + +»Der Unterpräfekt soll dagewesen sein«, sagte Giocondi. »Man muß also +vielleicht wieder hingehen?« + +Der Apotheker schnob zornig. + +»Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die +Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt, +unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem +Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche +Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die +Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten +Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die +Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war +der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.« + +»Sie haben recht«; -- Camuzzi feixte -- »unter Garibaldi und der Republik +gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.« + +Der Alte breitete die Arme aus. + +»Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube. +Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die +Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie +ließe mir mein Bein wieder wachsen!« + +Camuzzi erhob sich vornehm. + +»Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.« + +Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er: + +»Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich +zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit +führen.« + + * * * * * + +»Wohin, Alfò?« rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur, +ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die +Rathausgasse. + +»Was hat der schöne Alfò?« fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. »Anstatt +uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an +Übles.« + +Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat +hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu +schlottern. + +»Ich weiß alles, was du denkst,« -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf +auf ihm. »Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt +nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.« + +»Aber wenn es wahr ist,« sagte Alfò, scheu geduckt, »wenn er sie verführt +hat, dann ermorde ich ihn.« + +»Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.« + +Der Savezzo zog ihn in den Feldweg. + +»Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße«, sagte er, düster lachend; +und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle: + +»Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die +Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.< Dann schwor er ihr +Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich +morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der +Tasche!« -- und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. +Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück. + +»Da sind sie«, flüsterte der Savezzo vor Villascura. »Sie verstecken sich +nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen, +und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?« + +Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub. + +»Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere« -- und der Savezzo zog +sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße +und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche +Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und +dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er. + +Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen. + +»Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur +Geliebten, eine Dame der großen Welt.« + +»Ich?« sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor. +»Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.« + +»Wie deine Hände duften!« + +»Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein +Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.« + +»Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?« + +Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte +sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten. + +»Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.« + +»Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist +schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser +Busch.« + +»Alba, was tust du? Deine armen Hände!« + +»Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe +zu dir.« + +»Und ich?« rief Nello. »Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe +niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern +gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen +Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund +zu.« + +Sie sah ihn, einsam grübelnd, an. + +»Ich glaube dir nicht.« + +»Du glaubst mir nicht?« + +»Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt: +deinetwegen, sagt man.« + +Er schnellte auf. + +»Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten, +so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!« + +»Ist das wahr?« -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, +Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern. + +»Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?« + +»Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns +den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen, +worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde +zu dir, morgen früh!« + +»Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie +du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien +die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, +ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, +sehnte ich mich nach ihr.« + +»Meine Alba!« + +»Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die +Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten +dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen +kamen sie?« + +»Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert +sind.« + +»Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit +ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben +wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in +jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin +zurückkehren.« + +»Alba! Was faßt dich an.« + +Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er +erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil, +als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf +in die Luft: + +»Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die +ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst +suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt +sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das +versteinen wird.« + +Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in +die Knie. + +»Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!« + +Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten. + +Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht. + +»Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du +nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner, +glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? +Laß dich bewundern!« + +Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da +schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer +blitzte. Nello lief; er lief und schrie: + +»Hilfe! Mörder!« + +»Auf die Terrasse!« rief Alba. »Ins Haus!« + +Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den +Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne +Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn +verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, +schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er +sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi +und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er +erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles +Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines +Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß +einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch +oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in +die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer +entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In +einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und +atmete. Er sah umher. Er atmete. + +»Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten +nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.« + +Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn. + +»Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe +ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.« + +Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den +Boden. + +»Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch +werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen +Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, +wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich +her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!« + +Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm +stand das Kloster. Er suchte die Treppe. + +»Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!« + +Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war +niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das +Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er +hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder +Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit +und blau war. + +Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant +Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit +leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch. + +Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog +hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren +Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig. + +»Ich grüße Sie, Signora«, sagte Nello. + +»Guten Abend, mein Herr«, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des +Blickens und Lächelns: + +»Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?« + +»Ich singe doch nicht mehr.« + +»Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?« + +Sie lächelte schärfer. + +»Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?« + +»Es ist wahr, ich soll singen!« + +»Frau Zampieri,« sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war, +»denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen +Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.« + +»Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern --« + +Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem +raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello +knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum. + +»Sieh doch!« dachte er, und: »Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder +mehrere!« + +Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der +Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung. + +»Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder +Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.« + +Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam +ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus »zum +Mond« hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters +wich aus. »Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!« dachte Nello. +»Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr, +daß er die Seelen rettet.« + + * * * * * + +Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges +horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des +Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein. + +Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein +Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut +klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er, +mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken +spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die +Hüften. + +»Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was +für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?« + +Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen! + +»Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.« + +Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit +verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er +erschrocken ein. »Der elende Kitzel!« + +»Schmeckt es Euch nicht?« fragte die Alte. »Ist Euch übel?« + +Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins +Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach +einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung +reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, +erstarrt. »O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um +mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet +der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten +Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!« + +Er schrie auf: + +»Ich bin verloren!« + +»Ihr habt geklopft?« fragte die Alte. »Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den +Waschtisch umgeworfen.« + +Während sie den Boden trocknete: + +»Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch. +Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es +schmutzig zu machen. Was tun wir nun?« -- und sie sah ihn plötzlich scharf +an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen. + +»Ich weiß nichts mehr zu tun«, sagte er und hörte seine Stimme metallisch +und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des +Sterbeglöckchens. + +»Hier ist die Lampe«, sagte die Alte. »Möge das Licht Eure Gedanken +zerstreuen.« + +Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs +Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig löschte er das +Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem +Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die +vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. »Sie! Ach sie!« -- und Don Taddeo brach +zusammen. + +Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er +verloren sei. + +»Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen +Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt +habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr +Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den +Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben +uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester, +der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott weiß darum, +und dennoch bin ich nun exkommuniziert.« + +Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft. + +»Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich +verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und +verdammt! Ach, über mich!« + +Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus. + +»Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es +kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat? +Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder +werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein +Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen +. . .« + +Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend. + +»Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters +krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger, +dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn +die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche +Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden +heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was +sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!« + +Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst. + +»Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster +hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde +richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. +Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen +Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des +Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich +erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom +Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine +Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o! +welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der +ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der +Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein +der Hölle Verfallener.« + +Er reckte die Arme hinauf. + +»Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen: +sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier +sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!« + +Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie +Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo +fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von +göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie +brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß +sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er +seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom +Gasthaus »zum Mond«, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein +Bett. + +»Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?« + +Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der +Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die +Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer +betreten, sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er +krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß +er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den +Ohren Lärm. + +»Sie muß brennen!« + +Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über +die Treppe, und draußen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite +und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don +Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte +Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne +klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das +Stroh zusammen . . . + +Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er? + + * * * * * + +»Weiß ichs?« sagte Nello Gennari. + +»O nein«, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter. + +»Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello, +daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend +warst du geradezu erstaunlich.« + +»Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.« + +»Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit +heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.« + +Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor +Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor: + +»Aber sie klatschten auch heute abend.« + +»Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist«, -- und +Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte. + +»Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen, +wenn man --. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre +ich fast ermordet worden.« + +Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs +betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora +Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia. + +»Fast ermordet: o! was für Abenteuer.« + +Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde. + +»Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen +wird . . . Gute Nacht.« + +Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach: + +»Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!« + +Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum, +stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich, +langsam und zuckend: -- da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog +sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte: + +»Alba!« + +Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener +Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig. + +. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger +knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür +des Cafés »zum Fortschritt« entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück. +Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er +warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des +Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor, +nach dem Lichtschein um. Er schüttelte lachend den Kopf; er drückte die +Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach: + +»Alba!« + +Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um. + +»Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele +Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!« +Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein, +ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen +jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. »Ein Verrückter, ja, und +vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die +er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe +dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott! +Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt, +als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß +machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!« Er hatte den Weg nun +sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten +hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin +manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein +Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. »Ihr Duft! Er kommt +aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich +auf meinen Kuß wartet!« Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend +als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. »Ich werde sterben!« Er schloß +die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle +hingebreitet, und mit geöffneten Armen: + +»Alba!« + +»Da bin ich, Nello!« -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände. + +»Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!« + +»Du kamst: ich wußte es, mein Nello!« + +»Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen, +mich zu bewaffnen.« + +Sie ließ eine Klinge funkeln. + +»Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden +meines Geliebten!« + +Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter: + +»Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich +verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir +teurer als dir.« + +Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie +hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte: + +»Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?« + +Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer +Gesichter. + +»Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen +duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere +Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer +sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. +Laß uns hinaussehen!« + +Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen. +Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin. + +»Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir +stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles +vergessen, was nicht ich bin, o Glück!« + +»Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften +Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?« + +»Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die +Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und +tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn +die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott +dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.« + +»Und ich dich, o Alba!« + +»Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter, +und daß wir immer glücklich sein werden.« + +»O Glück!« + +». . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?« + +»Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief; +nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer +schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.« + +»Sie ist tot!« + +»Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist +durch Liebe gestorben.« + +»Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!« + +»Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon +verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten +über dem Mondlande, die rote Sonne auf.« + +»Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften +Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich +nicht dahin, meine Geliebte?« + +»Aber wenn es ein Brand wäre?« + +»Ein Brand? Welcher? Wo?« + +»In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom +Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?« + +»Alba! Es ist das Gasthaus!« + +»Ich wollte es nicht sagen.« + +»Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind +verloren, was tun!« + +»Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.« + +»Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!« + +»Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.« + +»Was denn! Ja was denn!« + +Und da sie schwieg: + +»Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über +die Gartenpforte.« + +»Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über +den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht +beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.« + +»Für immer«, rief Nello zurück. + + * * * * * + +Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk +und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine +Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu +erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge +wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der +alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin. +Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, +riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie: + +»Platz! Platz für den Advokaten Belotti!« + +»Was denn! Buffone!« keifte die Stimme des Galileo Belotti von der +Domtreppe herab. »Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als +wir?« + +»Der Advokat ist schon beim Gasthaus«, sagte jemand im Gedränge. + +»Ich weiß es!« rief Nello verzweifelt. »Ich habe einen Auftrag vom +Advokaten und muß zurück zu ihm.« + +»Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben«, sagte grollend der +Schlosser Fantapiè. »Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze +angeschafft! Jetzt brennen wir auf.« + +»Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!« + +Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen +Inhalt ihres Ladens auf den Armen. »Fertig ist der Advokat!« brüllte der +Schlächter Cimabue. »Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den +Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf +werfen.« + +Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich +sanfte Stimme. + +»Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten +hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen +Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.« + +Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die +Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. »Ich bin verloren!« +dachte er, ganz starr. + +»Glauben Sie denn wirklich,« fragte droben der Cavaliere Giordano, »daß die +ganze Stadt aufbrennen wird?« + +»Sprechen Sie doch nicht davon!« flehte der Kaufmann Mancafede und rieb +sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen +anzuziehen. »Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste +sein, das brennt.« + +»Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?« meinte Frau Camuzzi +mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter +des Kaufmannes. + +»Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen +in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.« + +»Und Ihre Töchter?« fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte, +fessellos, mit der Hand ab. + +»Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies +Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren, +ohne uns um die Religion zu kümmern.« + +Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände. + +»Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus, +woran ich meine Gedenktafel haben sollte!« + +»Ihre Gedenktafel!« + +Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf. + +»Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute +abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß +verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für +Landstreicher.« + +»Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken +der Fürsten und der --« + +Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich +an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er +wisperte: + +»Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der +Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt, +denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --« + +Nonoggi rang nach Atem und tanzte. + +»Nun?« fragte Savezzo und nickte schwer. + +»-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch +frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich +nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten +der größte Mann der Stadt!« + +Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster +hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete +sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine +Nase. + +»Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,« sagte er mit einer +großen Gebärde. Und leiser: + +»Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen. +Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind. +Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!« + +»Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?« fragte Frau Camuzzi. »Wird sie, wenn +Ihr Haus brennt, herauskommen?« + +»Was denken Sie?« antwortete er gekränkt. »Neun Jahre sind es, daß sie +nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!« -- und er hielt sich, wieder ganz +zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem +Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters +Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße +durchbrach den Schrecken heller Jubel. + +»Nun sage, Pomponia,« rief die Magd Felicetta, »ob das nicht schöner ist +als das Feuerwerk am Verfassungsfest!« + +»Ich werde dir ein Feuerwerk machen!« -- und der Bäcker kniff sie, daß sie +schrie. + +»Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir +mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er +ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!« + +»Nieder der Advokat!« rief man, »er hat den Eimer verloren! Don Taddeo +gehört der Eimer!« + +Der Barbier Bonometti widersprach allein: + +»Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann, +der Advokat!« + +Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder +stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt: + +»Es lebe der Advokat!« + +»Nieder der Advokat!« schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in +den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im +Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace: + +»Nieder der Advokat!« + +»Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die +Komödianten hergerufen habt!« -- und die Pipistrelli schwang ihren +Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt: + +»Don Taddeo hat es vorausgesagt.« + +Aber jemand rief: + +»Da ist einer von ihnen!« + +Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari +an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm +mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen. + +»Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!« + +Schon faßten Hände zu. + +»Laßt mich!« rief Nello. »Ich wohne im Gasthaus!« + +»So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner +Kleiner!« -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten +Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der +Bariton Gaddi war da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den +Freund ins Freie. + +»Wir brauchen noch einen bei der Spritze«, erklärte er dem Leutnant +Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von +der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau +Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie +aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um +den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte. + +»He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun +laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es +angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?« + +»Das Vieh ist aus den Ställen gezogen«, antwortete er. + +»Aber die Gäste!« + +»Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.« + +»Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur +zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen +den beiden.« + +»Man hat sie gesehen«, sagte Frau Nonoggi. »Die Felicetta und die Pomponia +haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.« + +Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz. + +»Meine Frau!« rief er. »Findet mir meine Frau wieder!« + +»Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?« + +»Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie +ist fort.« + +Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte: + +»Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben. +Ich begreife das.« + +»Die Kinder«, stöhnte der Wirt, »sind da, sie aber --« + +»Au, au! O über uns! Rettet euch! --« und die Weiber rannten, die Hände im +Nacken, zurück, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der +hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß. + +»Der Schuppen!« schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die +Faust. »He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!« + +»Ihr Komödianten,« kommandierte der Apotheker, »und Ihr, Chiaralunzi, +richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren +Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen, +rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und +die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!« + +Aber er selbst riß vergebens. + +»Malandrini, den Schlüssel!« + +»Gebt mir meine Frau wieder!« + +»Das ist aber kein Spaß mehr!« -- und der Tabakhändler Polli brach sich +Bahn. »Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die +Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!« + +Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr +Giocondi drang mit ein. + +»Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht? +Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, daß du mir +abbrennst!« + +»Solange es sich nicht um mein Haus handelte,« schrie Polli, »sondern nur +um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis +meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? +Niemand schläft wie ich . . .!« + +»Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft +für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.« + +Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu. + +»Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!« schrie Polli. +»Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es +fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! +Ein Beil!« + +Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom +Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten, +ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden +kleinen Alten. + +»Kaltes Blut, Ihr Herren«, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu. +»Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt. +Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, +Acquistapace!« -- und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi +und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die +immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. »Die Sachen gehen gut, ich +verbürge mich dafür«, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die +Brust. Da brachen sie los: + +»Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!« + +Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an. + +»Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen +Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?« + +»Darum also«, fiel der Herr Giocondi ein, »hat der Advokat die Dampfspritze +abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So +sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!« + +Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen, +wackelten sie laut scheltend um den Hof. + +»Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.« + +»Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!« keifte +es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote, +gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es +schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den +Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: »Achtung, Advokat!« und spritzte +ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen, +als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der +Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines +Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt +ihm den Weg ab. + +»Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es +Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace +veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch +glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach +einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?« + +Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer. + +»Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von +Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum +Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt +vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!« + +Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom +Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete: + +»Nieder der Advokat!« -- und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll. + +Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er +sagte: + +»Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr +Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.« + +Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der +Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein +Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz. + +»Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür«, sagte der Unterpräfekt. +Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur +einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern: + +»Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren +nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl +mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.« + +Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er +strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte: + +»Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das +öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel +anzuziehen.« + +Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme: + +»Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen +letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur +Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --« + +»Nieder der Advokat!« + +Eine Sekunde schloß er die Augen; dann: + +»-- werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und +gehen.« + +Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick +brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten +sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; -- +plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien +durcheinander: + +»Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt +lebendig!« + +Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes. + +»Meine Frau, da ist sie!« -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben, +vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab. + +»Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.« + +»Ersilia! Komm herab, Ersilia!« schrie er, weinend und winkend. + +»Es ist nicht Ersilia!« antwortete dahinten eine Stimme. »Es ist die +Komödiantin!« + +Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf, +das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es +auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß +schon wieder der schwarze Rauch es. + +»Das Fräulein Italia!« rief der Apotheker. »Helft mir sie retten!« -- und +er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife. + +»Romolo!« + +Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach +rechts. Chiaralunzi und die Komödianten waren dabei, die Spritze über die +Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da +schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte +nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der +Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn +hineingestoßen. + +»Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!« -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte +sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er +lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah +einander eine stürmische Stille lang in die Augen. + +»Beim Bacchus!« sagten die Männer. + +»Er ist verloren, Don Taddeo«, sagten die Frauen; und: + +»Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.« + +»Man muß beten!« -- und der Chor schwoll an. Plötzlich: + +»Da ist er! Wunder! Wunder!« + +In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in +den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der +Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände +auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd, +laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf. + +»Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don +Taddeo: weh dir!« + +Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er +ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine +Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der +zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig, +daß ihre Lippen sie verloren. + +»Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?« fragten die Frauen, indes +die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten. + +»Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da +seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so +viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst +war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und +meine kleine Pina wird gesund werden!« + +Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; -- +und erst, als sie ihn fortziehen wollten: »Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt +ruhen«, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder, +rieben ihn, baten und schalten ihn. + +»Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns +predigen.« + +Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn: + +»Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt, +niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin +vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.« + +Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da +schrien sie auf und warfen sich hin. + +»Er ist tot! Was soll aus uns werden!« + +»Nein, er hat die Augen geöffnet,« sagte allein eine Stimme wie ein Engel; +und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten, +unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und +schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte +denen, die mitwollten: »Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel +zu beten«, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof. + +Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester +vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark. + +»So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben«, sagte an der Spitze eines +Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin +eine Träne hing. + +»Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch +wenn ein politischer Gegner sie tut.« + +»Ein redlicher Bürger?« wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf +dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. »Wir alle sind +redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern, +die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.« + +»Gewisser Witwen,« fuhr der Schuster Malagodi fort, »die die Schwestern +gewisser Advokaten sind.« + +»So daß«, ergänzte der Mechaniker Blandini, »jene Verwandten ihr Terrain +aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.« + +»Man erinnert sich auch«, sagte der Schlosser Fantapiè, »mancher Vorgänge +bei den letzten Wahlen . . .« + +»Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten«, rief in der Nachbarschaft +ganz laut Frau Malagodi. »Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe, +-- die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die +Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um +ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!« + +Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an, +aus dem Dickicht des Volkes. + +»Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das +Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat +verteidigt es.« + +»Es werden seine Töchter sein«, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten +der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie +lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und +wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der +Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund. + +»Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es, +weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat +--« + +»Ich kenne Euch, Nonoggi«, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und +verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim +Savezzo, der ihm gewinkt hatte. + +»Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer --?« + +Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh +brachte er hervor: + +»Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!« + +»Zurück!« schrie vorn der Apotheker Acquistapace. »Ihr Herren, Ihr Damen, +zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.« + +Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen +die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen. + +»Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!« schrie Acquistapace. »Sind +wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!« + +»Es gibt keinen Advokaten mehr!« antwortete die Menge. Der Apotheker sah +sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle. + +»Steige aufs Dach und spritze von oben!« + +»Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr +verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet +nun wenigstens die Betten!« + +Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem +Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab. +Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander. + +»Das Ende der Welt!« ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. »Wo ist meine +Frau? Ich bin ruiniert!« + +»Malandrini,« sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, »es heißt +nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als +Ihres.« + +»Ach, über mich!« -- und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er +setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. »Auch die Mütze ist mir +verbrannt! Ich werde betteln gehen!« + +Der Advokat zog ihn in die Laube. + +»Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und +schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht +glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im +Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.« + +Der Wirt schluchzte am Tischrand. + +»Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches +sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.« + +»Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --« + +Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander. + +»Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . . +Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte +es schon längst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man +will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah! +Das Volk soll belogen werden!« + +Malandrini schluchzte. + +»Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht. +Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das +sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll +man noch glauben!« + +Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen +der Herr Giocondi: + +»Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern +lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest +schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!« + +Der Wirt richtete sich auf. + +»Wie? Er spricht von mir?« + +»Lassen wir sie schwatzen«, sagte der Advokat bitter. »Es ist das Volk.« + +»Was denn, der Wirt!« sagte jemand. »Ganz andere Leute sind verdächtig.« + +Und die Stimme der Pipistrelli: + +»Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie +die Stadt angezündet!« + +»Du bist eine böse Alte!« + +»Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus +brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.« + +»Wir wissen es längst; alle sagen es.« + +»Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge +. . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat +denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?« + +»Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht +gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen, +als seine Herrschaft!« + +»Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren +sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!« + +Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf. + +»Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um +den Hals sehen!« + +»Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der +Advokat!« + +»Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?« + +Der Advokat in der Laube warf die Schultern. + +»Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch +beschuldigen soll.« + +Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus +seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel +der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern +erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine +höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte +sich über sich selbst und bedeckte die Augen. + +Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie +überrannten. + +»Der Komödiant!« schrien sie. »Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch +unsere Häuser anzünden?« + +Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf +einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus +dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace +mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die +sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich eindringen. Nina +Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten +auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und +sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt +hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein. + +»Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick, +bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!« + +»Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!« + +Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti +entgegen und griff an seine rote Mütze. + +»Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!« + +Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden +Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber. + +»Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --« + +»Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!« -- und dazu pfiff es. + +»-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge +Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und +ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen +sagen?« raunte er Nello zu. + +»Nein.« + +»Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.« + +»Um Gottes willen, schweigen Sie!« + +»Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter +sagen, meine Damen,« keuchte er angestrengt, »als daß dieser hier +unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so +oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti --« + +Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen, +soweit er konnte. + +»-- ich bürge euch für diesen hier!« + +Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte +ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen +sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem +Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten +und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge. + +»Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!« rief er ehern. »Hier +bürgt ein Verdächtiger für den anderen!« + +»Du hast recht! So ist es!« + +»Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein +Komödiant!« + +»Gut!« + +»Zu lange schon betrügt er das Volk!« + +»Zu lange!« + +Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen +seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer: + +»Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn +ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!« + +»Nenne ihn!« + +»Es ist der Advokat Belotti!« -- und damit sprang der Savezzo hinunter in +das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen +Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von +Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und +er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie +rein seien. Sie schrie trotzdem: + +»Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm! +Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den +Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!« -- und dazu +brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm. + +»Welch häßlicher Narr«, schrien Weiberstimmen, »mit seiner roten +Nachtmütze!« + +Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern +schwollen ihm. + +»Ich bin euer Freund«, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen. +»Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich +werde zu kämpfen wissen.« + +»Reize sie nicht, Advokat!« flüsterte Acquistapace. »Tue es für mich! +Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem +Volk!« + +»Es sind gute Leute, Herr Advokat«, sagte der Schneider Chiaralunzi. +»Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.« + +Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor. + +»Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede! +Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern +kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er! +Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!« + +»Auf die Galeere! Auf die Galeere!« + +Der Advokat keuchte: + +»Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du, +Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust +gegen mich zu erheben? . . .« + +Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten +Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde +mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne +dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im +erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und +Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen +von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. »Ihr hättet +eine Schreckensherrschaft nötig!« + +In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge: + +»Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn +sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann +machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.« + +Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes +Jammern. + +»Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --« + +»Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!« -- und der +Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, -- indes im +Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens +drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob: + +»Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer +gefürchtet.« + +»Tröstet Euch«, sagte die Magd Felicetta. »Euer Bruder ist nicht der +einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt, +daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.« + +»Es ist wahr!« schrien die Frauen. »Denn der Advokat und der Komödiant sind +aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer +Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist +die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts +herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie +umgebracht, die Arme.« + +»Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene +Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.« + +»Auf die Galeere die beiden!« -- und ein letzter Stoß drängte die +Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der +Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie +fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine +über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken +kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel +des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an +und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und +zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich +widerwillig der Baron Torroni. + + * * * * * + +Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man +anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den +Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich +vor Lachen auf das Pflaster: »Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist +ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich«; +-- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar +applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen: + +»Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in +den Schuppen?« + +»Meine Frau!« -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren +Schultern. + +»Die Papiere? Du hast sie?« keuchte er. + +»Wie denn, wer soll sie sonst haben?« + +Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu. + +»Wir leben noch«, schluchzte er. »Wir sind noch da.« + +»Auch der Baron«, antwortete man ihm. + +»Er war zufällig da«, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe +den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen. + +»Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!« + +»So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!« schrie die +Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau +schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen +habe. + +»Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen +darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!« + +Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und +klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich: + +»Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so +oft er ins Gasthaus kam!« + +»Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.« + +»Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr +geprahlt haben?« + +»Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!« + +»Wie die Männer uns verleumden!« rief Mama Paradisi. + +»Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,« bemerkten Felicetta und +Pomponia. »Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie +wir.« + +»Wer will noch behaupten,« sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, »daß +sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?« + +»Wer will es behaupten?« wiederholte die Menge drohend. + +Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an +und schwiegen. + +»Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!« +rief Frau Nonoggi. + +»Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.« + +»Da ist sie!« -- und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo +der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge +lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt. + +»Sie hat eisige Füße, die Arme!« + +Die Frauen rieben sie ihr. + +»Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind«, sagte der alte +Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. »Wer einen Sohn hätte, könnte ihn +ihr zum Manne geben.« + +Der Schneider Coccola rief: + +»Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu +geben!« + +»Das ist nicht recht von Euch«, sagten die Männer; und die Frauen: + +»Ihr beleidigt uns alle.« + +Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn. + +»Da sieh, wie sie sich lieben!« -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben +hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli +rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er +zappelte wütend. »Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?« + +»Warum nicht?« + +»Aber wenn doch ich selbst sie --« + +Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu. + +»Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.« + +Und von allen Seiten: + +»Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!« + +»Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen«, riet der Herr Giocondi, +im Gedanken an die eigenen Töchter. »Sieh nur auf das Herz!« + +»Gib ihnen deinen Segen!« rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein +unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli. + +»Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können«, brummte er. »Da die +Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll --« + +Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den +Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt. + +»Welche sympathische Familie!« rief das Volk und klatschte. + +»Alle hinaus!« befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten. +»Der Schornstein wird ins Haus fallen.« + +Gaddi aber zog Nello hinter die Tür. + +»Nello, du bist in Gefahr.« + +»Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich +daran.« + +»Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen +nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle +entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes +Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand +beim Dom mit Frau Camuzzi.« + +Und da Nello aufzuckte: + +»Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello: +flieh! Flieh sogleich!« + +»Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.« + +»Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie +etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat, +beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich +vernichtet hat?« + +Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes: + +»Ich sehe dich verloren, Freund.« + +Nello senkte die Stirn. + +»Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio« -- und er drückte die Hand des +Freundes, »kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und +es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht --« + +Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes: + +»Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für +immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich +verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in +Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der +Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio! +wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei +mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es --« + +Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein. + +»-- wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!« + +Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge. + +»So willst du nicht fliehen?« fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf +und schlug in die Hände. + +»Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe. +Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen +Alba!« + +Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht. + +»Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht +lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die +Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!« + +Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester +Pastecaldi raunte er zu: + +»Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren. +Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts +verloren.« + +»Der Advokat auf die Galeere?« -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem +weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte »Schü! +Schü!« Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand. + +»Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?« zischelte er. »Daß du sie +mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . . +Gottlob, da ist sie.« + +Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze +abzuziehen. + +»Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese +gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen +folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,« -- und er kam mit +der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer +Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem +Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam. + +»Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!« + +»Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie +werden Sie sich rächen?« + +»Indem ich meine Pflicht tue«, antwortete der Advokat und stieß die +geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln: + +»Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber +wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es +verachten würde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch +verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht +. . . Nicht doch!« rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die +Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten, +der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte. + +»Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto +besser ist es!« + +»Ihre Sache«, sagte Flora Garlinda. »Ich war nur gekommen, um Ihnen zu +Ihrer Rache zu verhelfen.« + +»Wie?« + +»Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der >Glocke +des Volkes.< Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei +nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt, +dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen --« + +Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen +Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände. + +»-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?« + +Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für +sich, leicht und klar in die Luft gehen: + +»Es ist Don Taddeo, der Heilige.« + +Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob +alles entschieden sei: -- da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den +Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und +er stöhnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete +zischend aus. + +»Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst +es nicht.« + +Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten. + +»Er ist es, Don Taddeo«, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön +machte. Der Advokat brauste auf: + +»Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?« + +»Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof +voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht +lag.« + +»Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist +ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde +ich ihn einen guten Bürger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schluß, er +habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.« + +»Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm +gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so +viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem +Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah, +kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige +miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns +verständigen.« + +»Ah! Ah!« + +Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen +aus. + +»Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine +Künstlerin sind.« + +Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen. + +»Eine große Künstlerin!« + +»Wie es Ihnen gefällt«, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern. + + * * * * * + +»Haltet ihn!« schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der +Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine +langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die +Ecke. + +»Hast du den Salame?« rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der +zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte +Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu +untersuchen. + +»Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.« + +»Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es +scheint, die Geschäfte gehen schlecht.« + +Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah. + +»Welche Furcht wir gehabt haben müssen!« + +»Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?« + +»Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.« + +»Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege +begegnet, Gina.« + +»Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen, +um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster +gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen, +ein Mann sei bei ihr!« + +»Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns +alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum +jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber +deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.« + +»Sie lag im Schuppen!« + +»Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben +geschwitzt für dich!« + +»Mein Mann schwitzt am meisten von allen«, sagte die Frau des Baritons +Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel. + +»Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der +doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im +Gefängnis?« + +»Redet keinen Unsinn!« sagte der Schneider Chiaralunzi. »Als der Balkon +herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.« + +»Nein, das war Virginio«, sagte Nello. + +»Die Post geht ab!« rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er +die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei? +Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank +für die Rettung der Stadt? + +»Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern«, setzte der +Schneider hinzu. »Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz, +wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und +jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?« + +Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle +fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte +sich dunkelrot gefärbt. + +»Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind +wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen +will.« + +Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die +Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend: + +»Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!« + +Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: + +»Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus +der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der +Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.« + +»Was kann ich tun?« sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. »Sollte +ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen +und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie +nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es +möglich, daß die Stadt abbrannte.« + +»Er ist ein böser Mann,« -- und Chiaralunzi schnob, daß sein langer +Schnurrbart aufflog. »Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut +genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns +gefällt.« + +Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust +mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen. + +»Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!« rief der Kapellmeister und fuhr sich +durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. »Sie selbst waren in Sorge um Ihr +Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem +Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem +Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich +das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem +ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien, +gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!« + +Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten. + +»Immerhin«, äußerte Polli, »zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre +hundertfünfzig Lire, sondern wir.« + +Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den +Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat: + +»Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute +sich hassen?« + +»Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist«, rief der +Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. »Man hat nicht +geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen, +indem ich meinen Kaffee extra stark machte.« + +Er stellte sich in die Mitte. + +»Alle ins Café >zum Fortschritt<!« + +Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er +ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und +schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die +Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt +fiel über sie her, aber man rief ihm zu: + +»Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben +durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns +unterhalten.« + +»Auch deine Frau hat sich unterhalten!« + +Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich: + +»Er fällt! Hoho! Rettet euch!« + + * * * * * + +Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles +mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die +Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da +und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, ließ er auch den +Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück. + +»Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite +zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben +schwierig.« + +Gleich darauf zuckte er zusammen. + +»Da ist Camuzzi!« + +Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er +sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an: + +»Guten Morgen, Herr Advokat!« + +Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen +Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat +klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen, +es fand sich aber kein Knopf mehr. + +»Sie hier, Herr Camuzzi«, brachte er hervor. + +»Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem +Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen +ist?« + +»Sie haben geschlafen?« fragte der Advokat und behielt den Mund offen. + +»Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar +wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu +verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?« + +Er kehrte wieder um. + +»Sie konnten schlafen!« wiederholte der Advokat, ergriffen. + +»Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,« erklärte der Sekretär, »wenn ich +an den Brand geglaubt hätte.« + +»Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der +Himmel war rot!« + +»Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es +bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es +wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem +nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es +meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini +größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.« + +»Eh! Eh!« -- und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern +und Händen. + +»Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie +sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit +entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.« + +Der Gemeindesekretär hob die Schultern. + +»Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen, +sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.« + +Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach +dem Gesicht seines Begleiters. + +»Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen +gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die +Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich +gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden +haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres +Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine +erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?« + +»Die Nacht der Dichter«, sagte der Sekretär. + +»Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine +Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie +eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als +reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet +haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!« + +Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen +traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen. + +»Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,« bemerkte er, »der das Feuer +vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer +war. Er wird uns alle für verrückt halten.« + +»Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!« + +Aber der Advokat seufzte plötzlich tief. + +»Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu +entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn +es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.« + +Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte. + +»Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen +Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die +meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit +entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch +bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu +sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?« + +Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden +ließ, ging er weiter. + +»In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches +Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze +ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last, +sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit +dieses Volkes, das mir vertraute!« + +Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den +Advokaten. + +»Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch +ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht, +und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit +dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen +nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.« + +Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen +hinein: + +»Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt +wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu +können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet. +So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der +Bürgerkrieg.« + +»Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!« -- und beim +Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen. Der Advokat, am +Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den +Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen. + +»Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue«, stöhnte der +Advokat. + +Dort hinten überschrien sie einander, -- indes beim Café »zum Fortschritt« +eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte +Acquistapace hielt den Kopf gesenkt. + +»Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und +hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur +noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben +Mut!« + +»Pöh!« machte der Sekretär. »Da ich an das öffentliche Leben nicht glaube, +wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --« + +Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer. + +»-- wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel +gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie +im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?« + +Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat +verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den +Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick. + +»Was bleibt?« antwortete er. »Ich will nicht von den Werken sprechen, die +vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten, +werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es +für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf +halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne +Tat.« + +Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf. + +»Sie fliegen auf und setzen sich wieder«, sagte der Sekretär. »Das ist der +menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die +Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.« + +»Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie +abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und +zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .« + +»Gleichviel.« + +»Gleichviel«, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. »Wir sind +uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen +Sie uns Freunde sein!« + +Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der +Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt.« Von der +anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom +Tisch der Herren blieb sie stehen. + +»Ich grüße die Dame«, rief der Gevatter Achille. »Wünscht Don Taddeo etwas +Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?« + +»Ja, wie geht es ihm?« fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich +nicht unter der Haube; sie sagte: + +»Ist der Herr Giocondi da?« + +»Was gibts?« fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still +durchdringenden Augen an. + +»Kommen Sie mit mir, Herr«, sagte sie. »Der Reverendo will Sie sprechen.« + +»Wie?« -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. »Irrt +Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.« + +»Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.« + +Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen, +und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er +sich einen Ruck. + +»Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war +. . .« + +»Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie«, sagte ihm der Gevatter Achille +noch, und die andern riefen ihm nach: + +»Auch den meinen, weißt du.« + +Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant +Cantinelli wagte zu sagen: + +»Eine sonderbare Geschichte;« -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd: + +»Was mag er wollen?« + +»Eh!« machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte +seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen: + +»Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der +Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie +man weiß.« + +Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die +Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber. + +»Was gibts?« fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori +und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich. + +»Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem +Giocondi zu tun?« + +»Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!« + +»Die Sache ist einfach«, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß +ihn auf das Pflaster. »Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat +gesehen, wessen der Advokat fähig ist.« + +Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der +Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde. + +»Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?« + +»Der Advokat!« und der Herr Salvatori lachte bitter auf. »Wissen Sie, daß +er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die +Freiheit wären?« + +»Bezahlen Sie also die Freiheit!« sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede +wimmerte: + +»Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich +bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.« + +»So wenig wie ich«, behauptete der Gevatter Achille. »Der Advokat hat uns +alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem +Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.« + +Der Leutnant Cantinelli sagte: + +»Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben. +Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in +Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; -- und ich habe eine +Frau.« + +»Der Advokat wird sie trösten«, sagte der Savezzo. + +Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er +schrie erstickt: + +»Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!« + +»Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten«, sagte der Savezzo. + +»Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie +wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer +werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große +Gelbe selbst zu heiraten!« + +Camuzzi bemerkte trocken: + +»Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann +würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die +Herren ruhig geschlafen hätten wie ich --« + +»Was denn!« murrte der Herr Salvatori. »Man kann nicht schlafen, wenn in +der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als +heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau, +ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet +haben.« + +»So ist es!« und alle riefen durcheinander. »Wir sind in den Händen eines +Räubers.« + +»Wer rettet uns!« wimmerte Mancafede. + +»Wir sind schon gerettet«, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den +Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte +unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund +sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär +neben ihm verstand, was er murmelte. + +»Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß +leben . . .« + +»Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,« äußerte der Gevatter Achille, »daß +Sie der einzige sind, der uns retten kann.« + +Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die +Schenkel und ließ sich Zeit. + +»Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange +gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften. +Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und +ihn fürchtet.« + +Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine +Arme. + +»Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort +anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch +Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit +Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.« + +»Wie oft«, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, »haben wir +untereinander dem Advokaten geflucht!« + +»Wäre nicht der Advokat gewesen,« rief der Gevatter Achille, »niemand hätte +uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.« + +Und alle durcheinander: + +»Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen +und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa +ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich +vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten +untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!« -- und der Kaufmann +Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. +»Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er +solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn +zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen, +sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.« + +»Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!« rief der Herr Salvatori und +schwang anfeuernd den Arm. + +»Einen Künstler,« setzte der Gevatter Achille hinzu, »der so gut auf dem +Bleistift bläst!« + +»Ah!« machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase +schielte. + +»Was verlangen Sie?« fragte der Herr Salvatori. »Wir sind bereit, den +Advokaten zu opfern;« -- und Polli bestätigte es. + +»Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?« + +»Wir liefern ihn aus!« schrie Mancafede in der Fistel. »Ich bin der erste +gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf +die Galeere!« + +»Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat«, +meinte der Gevatter Achille. »Nur müssen wir Zeugen haben.« + +»Eure Sache, sie zu finden«, ließ der Savezzo vernehmen. »Beseitigt den +Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.« + +»Wir haben Zeugen, so viele wir wollen«, riefen sie; der Kaufmann packte +sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich. + +»Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt +weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.« + +Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl. + +»Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. +Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht +manches vergehen.« + +Sogleich fuhren alle gegen ihn los. + +»Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?« + +»Noch niemand«, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den +Sekretär, »hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück +bringen!« + +Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es. + +»Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer +sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie +sich, Herr Camuzzi!« + +Der Gemeindesekretär wehrte ab. + +»Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich +glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.« + +Da rief in den Lärm der Gevatter Achille: + +»Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?« + +Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der +Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm: + +»Nun, was sagt Don Taddeo?« + +»Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?« fragte der Leutnant. + +»Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?« + +»Nichts«, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah +weg. »Nichts. Er ist verrückt geworden.« + +»Wie? Von wem sprichst du?« + +»Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner +Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.« + +Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte +Polli und zog die Stirn in Falten: + +»Versteht sich, er ist ein Heiliger.« + +Der Herr Giocondi fuhr fort: + +»Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich +wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don +Taddeo, und er will zahlen.« + +Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf +seinem Holzbein um den Tisch. + +»Er wird nicht zahlen«, meinte zögernd der Herr Salvatori. + +»Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte +Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich +entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire +annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.« + +Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn +Giocondi: + +»Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!« +rief er über den Platz, »da ist ein Spion des Advokaten!« + +Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café »zum +heiligen Agapitus« sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot +vor Entrüstung: + +»Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir +jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was +ich zu tun habe.« + +»Er weiß, was er zu tun hat!« brüllte der Apotheker, »und der Advokat +bleibt ein großer Mann!« + +»Und warum will er zahlen?« fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an +der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch: + +»Und warum will er zahlen?« + +»Ah das --« und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, »das +ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und +kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den +anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der +>Gegenseitigen<.« + +»Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!« + +Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der +Herr Giocondi schob sie weg. + +»Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze +Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg +mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch +sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht +zum Teufel! . . . Zum Teufel!« schnob er den Männern zu, die ihn +bedrängten. + +»Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!« riefen +sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte. + +»Wir sind verraten!« keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens +griff um sich. + +»Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht +mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der +Advokat wird uns aus Rache aushungern.« + +»Wo ist Don Taddeo?« kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf. +»Sie halten ihn gefangen!« + +»Das ist ein wenig stark,« sagten die Männer, daß es an den Mauern +hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf: + +»Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!« + +Und drüben beim Rathaus eine andere: + +»Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und +sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.« + +»Wir sind verloren!« + +»Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!« + +»Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!« + +Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn +vorgestreckt, der Savezzo. + +»Lügen!« brüllte er rauh und unförmlich. »Alles Lügen! Ich hole euch den +Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder +ich selbst auf die Galeere!« + +Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon +umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: »Unser Heiliger! Wer ihn uns +nehmen will, ist tot!« Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: +»Sprich, Don Taddeo!« Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten +Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich +tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen +selbst zu flehen. + +»Sprich, Don Taddeo!« + +Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf +arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der +Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel +es wieder. Er war fort. + +»Er hat etwas gesagt? Was ist es?« + +»Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.« + +»Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird +sterben.« + +»Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!« + +»Alle in den Dom!« + +Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel, +Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel +Volkes waren hinweg; -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« stand, das +Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . +Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie +hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus +seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte +das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der +Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit +einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer +heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom. + +Beim Café »zum Fortschritt« sahen sie noch immer versteint einander an. Der +Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt +Polli: + +»Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was +man jetzt tut.« + +»Deixel, man geht in die Predigt«, meinte der Herr Giocondi. »Vielleicht, +daß Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.« + +Der Herr Salvatori äußerte starr: + +»Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er +nur angezettelt.« + +»Wenn man es wüßte!« sagte der Leutnant. »Für die bewaffnete Macht ist es +schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.« + +Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein. + +»Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt +verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.« + +»Auf jeden Fall scheint es, --« und Polli kratzte sich den Kopf, »daß wir +uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.« + +Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel. + +»Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt +schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere +ist schließlich die Religion.« + +»Tatsächlich«, erklärte der Gevatter Achille, »wird es das Klügste sein, +sich dort aufzuhalten, wo alle sind.« + +Polli schlug vor: + +»Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn +Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.« + +»Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart«, schloß der Leutnant, +und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten +vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten. + +»Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.« + +Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre. + +»Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!« + + * * * * * + +Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im +Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom +Hochaltar: + +»Feuer! Alles wird brennen!« + +Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo +fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge. + +»Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle +Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin +flüchten!« + +Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli +drehte wirr den Hals umher. + +»Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?« + +»Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem +weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon +stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, +Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!« + +Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des +Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter +überrannte jammernd die Leute. + +»Die Sache wird ernst«, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. »Hat +er nicht auch mich genannt?« + +»In den Dom!« rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. »Alle in +den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott +ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter +euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .« + +Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze +aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus +ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in +Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben, +kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer +durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf +auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen: + +»Keiner. Es komme das Feuer.« + +Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als +erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte +Halbschlaf eines Sterbenden. + +»Nur ein Haus bleibt stehen!« befahl Don Taddeo schrill. »Von der ganzen +Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!« + +»Wie?« fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute +sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der +Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin +Ginevra und sagte: + +»Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr +die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.« + +Theo und Lauretta widersprachen. + +»Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es +nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.« + +Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekümmert +um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella +aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch +verächtlicher und fremder als sie. + +Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach +gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung. + +»Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände +nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.« + +»Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht«, entgegnete Camuzzi. »Es +geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit +etwas geschieht.« + +Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und +er schrie: + +»Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!« + +»Gute Unterhaltung!« sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer +fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da +pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich +ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft: + +»Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre +Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.« + +Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die +Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der +gepreßten Stille: + +»Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen +alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen +Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum +verdarben wir.« + +Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: »Denn wir +lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht +wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die +Menschen, dann liebt ihr Gott!« + +Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank. + +»Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du +nicht jede Woche beichtest.« + +Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter +ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen. + +»Hasse den Krämer Serafini nicht,« sagte er zu der Frau des kleinen +Zollbeamten Cigogna vom Tor; »wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er +sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,« sagte er zu Elena, der +Arbeiterin des Schusters Malagodi, »obwohl sie dich verklatscht hat.« + +Und zu der Pipistrelli: + +»Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den +Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo +ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer +herabriefen.« + +Don Taddeo seufzte und schloß die Lider. + +»Was sagt er? Was will er?« -- und bei den Männern in dem Raum zwischen den +Bänken und den Pfeilern ward es unruhig. + +»Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.« + +»Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben«, erklärte der Schneider Coccola; +und der Schlosser Fantapiè: + +»Es fehlte nichts weiter.« + +»Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim +Malandrini.« + +»Man muß gestehen,« äußerte der Wirt von den >Verlobten<, »daß Malandrini +bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?« + +»Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond< +abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?« + +»Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.« + +»Es ist schrecklich.« + +»Man hört nichts«, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. +»Spricht er von der >Gegenseitigen<?« + +»An meinem Platz«, -- und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, »sitzt die +Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann +soll er uns wenigstens die Logen lassen.« + +»Ihr alle seid mitschuldig«, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar +zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter +den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und +doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und +fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie +die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl +gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt +war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn +schauderte, er sagte rasch: + +»Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug, +um zu sündigen.« + +Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust +quoll es, als sollte sie springen. + +»Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das +heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen +Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn +an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da +mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen +war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das +Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .« + +»Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen«, -- +und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. »Es +ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.« + +»Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und +nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.« + +»Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu +Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er +uns alle vergessen.« + +Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen +Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut. + +»Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der +Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals +wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch +Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein +gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie +erlöschen . . .« + +»Wie?« fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen +unbeugsamen Augen. »Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?« + +Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut +aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo +griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus: + +»Ja, ich bins, ich habe es getan.« + +Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und +erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich. + +»Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.« + +Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn +erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel +zurück. + +»Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!« + +Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über +sie hin die Arme. + +»Friede!« rief er auf einmal mit läutender Stimme. »Das Opfer ist gebracht, +wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem +Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht +gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst --« +und Don Taddeo schlug sich, »haben sie begangen! Denn wir hatten nicht +genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den +Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen +mußte. Ich klage mich an --« + +Die Hand hinaufgereckt: + +»-- des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen +Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, +damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger +--« + +Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme +aus. + +»-- den ich ungerecht habe leiden lassen.« + +Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an: + +»Aber! Reverendo!« + +»-- den ich ungerecht habe leiden lassen!« rief Don Taddeo noch einmal, +hoch und zitternd. »Niemand hat mehr für euch getan als er.« + +»Ihr! Ihr!« antwortete es ihm. + +Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten. + +»Liebt euch! seid gütig! gütig!« + +Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten +eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am +Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte +herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau. + +Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen +geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er +war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug +er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar +noch eine Falte von ihm flatterte. + + * * * * * + +»Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es +kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.« + +Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don +Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen +dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf +abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit +ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen +Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche. + +»Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den +Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch +bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.« + +Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und +stampfte auf. + +»Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte +mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.« + +Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd: + +»Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.« + +»Man redet nicht mehr gegen den Advokaten«, sagte Frau Zampieri +entschlossen. »Don Taddeo will es nicht.« + +»Don Taddeo will es nicht«, wiederholten die Frauen. + +»Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.« + +Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den +Augen. + +»Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!« + +»Frieden! Frieden!« rief der Seiler. »Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.« + +Die Frauen drängten eilig in die Mitte. + +»Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!« + +Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die +Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie +flüsterten: + +»Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.« + +Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge. + +»Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf +kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will«, -- und er schnitt dem +Bäcker Crepalini eine Fratze »der wende sich an mich, seinen Freund.« + +Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward: + +»Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.« + +»So wird er umsonst warten,« entgegnete der Schneider, »denn ich werde in +seiner Messe nicht spielen.« + +Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein. + +»Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester +des Weines.« + +Alle redeten dem Schneider zu. + +»Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um +unser aller Erbauung, was Deixel.« + +Die Frauen sagten: + +»Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?« + +Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die +Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten +Wache, bis er droben war. + +»Immer Ihr!« + +Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz. + +»Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --: +ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.« + +Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des +Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. +Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti +sagte: + +»Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.« + +»Und meine Ehre?« fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im +Chor stießen sich an und kicherten. + +Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark +in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte. + +»Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er +welche hätte, der heilige Mann.« + +»Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.« »Aber er +schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.« + +»Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe +mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in +der Unterpräfektur verschafft hat.« + +Der dicke alte Corvi brummte: + +»Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle +bei der öffentlichen Wage gegeben hat?« + +Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf. + +»Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt +haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es +nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die +Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er +ihn kennt --« + +»Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.« + +»Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei +Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.« + +»Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die +Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind, +dank unsern Sünden.« + +Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe +gegen das Elend der Unwissenheit. »Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da +ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir +anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!« . . . Dreimal rief er um +Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend +der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton +irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel +hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus +gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu +klagen an. + +»Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch +nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte +ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.« + +»Ach, ach«, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte. + +Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen. +Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit: + +»Gloria in excelsis!« + +Und es antwortete ihm der Chor: + +»Gloria in excelsis!« + +Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten +feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf. + +Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè. + +»Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.« + +»Ich sage nicht nein,« antwortete der Krämer Serafini, »aber wird Crepalini +wollen?« + +Denn der Bäcker wühlte umher. + +»Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen +Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in +den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, +Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert +er nicht das Monopol.« + +»Welch Glück für alle!« riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; -- +und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das +Volk an, das sich beglückwünschte. + +Der Herr Giocondi wagte sich hervor: + +»Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel +kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle +verhungern; --« und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht +gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück. + +»Mut!« sagte er. »Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. +Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit +eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.« + +Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen: + +»Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von +ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.« + +»Nicht antworten!« raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon +losfuhr. »Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.« + +Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand +sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand +weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen. + +»Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don +Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.« + +Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte. + +»Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat, +den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.« + +Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann, +flüsternd: + +»Knien Sie hin!« + +Und als sein Ohr ganz nahe war: + +»Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle +heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem +Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba +retten. Lassen Sie mich beten!« + +Nach einer Weile, mit Aufseufzen: + +»Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er +schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, +rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer +Frau gefährlich zu werden?« + +Da sie den Savezzo schnauben hörte: + +»Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den +Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo +umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, -- und die Leute verehren +ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und +sich an den Advokaten halten.« + +»An wen?« + +»An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen +andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er +Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie +machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu +herrschen.« + +»Niemals«, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann: + +»Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie +den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit +gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten +befreit.« + +Sie neigte sich tiefer. + +»Libera nos a malo!« + +»Niemals!« wiederholte er. »Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich +heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann +habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem +Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --« + +»Still da!« -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. »Finden +Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?« + + * * * * * + +Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den +er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von +der linken Seite des Altars auf die rechte. »Sein Wandel war noch +schwerer«, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und +Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: »Aber seine Werke duften. Seine +duften.« + +»Es ist höchste Zeit«, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und +den Schuster Malagodi am Arm. »Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es +wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?« + +»Eh! auch das kleine Volk ist noch da«, sagte der Schuster. + +»Und Don Taddeo«, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden +Serafini, alle sagten dasselbe. + +»Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen +wir ohne ihn das Volk?« + +Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen +Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der +Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt +-- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen! + +Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten +die Achseln. + +»Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.« + +Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren +Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis +auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den +Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein +Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war. + +»Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!« -- und der Savezzo wollte +die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie +ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen. + +»Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!« + +»Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?« + +»Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!« -- und er hüpfte auf +einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. »Meine Schuhe sind +durchlöchert. Und hier!« + +Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie +antworteten: + +»Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns +nicht.« + +Der Mann, der das Mädchen trug, sagte: + +»Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.« + +»Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten«, rief eine Frau; und +eine andere: + +»Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.« + +Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt, +um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in +die Augen. + +»Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt +bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet +Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil +gehen.« + +Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand: + +»Der Advokat ist ein großer Mann.« + +Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, +droben im Chor, hörte es. + +»Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist«, -- und er dirigierte ganz +leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln. + +»Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden +habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie +gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß +alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des +geistlichen Lebens< paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich +hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.« + +Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm +auf einmal heftig. »Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch +leben!« Und der Stock zitterte. + +»Halleluja!« sang Don Taddeo. + +Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand +senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . +Da zuckte er auf. »Das Tenorhorn! Ich wußte es.« Er war plötzlich weiß, wie +der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus. + +»Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.« + +»Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben«, zischelte der +Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider, +dunkelrot, das Horn von sich stieß. + +»Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also« -- +und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, »nehmt doch Ihr +den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als +ich.« + +Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die +Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ +ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der +Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem +Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff +sich an den Hals. Ganz heiser: + +»Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor +schläft.« + +Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge +Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne +Alfò hängte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte +Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die +Wände. Jemand rief: »Hilfe!« + +»Was trampelt ihr dort oben?« fragte man hinauf. »Was gibts?« + +Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber. + +»Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es +selbst geschrieben.« + +»Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen +anzuzünden.« + +Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. »Wie er gebückt +geht!« bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu: + +»Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.« + +Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen +übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die +kleinen schwarzen Hände vor die Brust. + +»Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.« + +Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis +ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola +schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des +Evangeliums erklang. + +Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter. +Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in +der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, +man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen +befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht. + +»Das Kredo! Aber das ist glänzend!« + +»Es ist aus der >Armen Tonietta<«, behauptete Polli. + +»Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.« Und da das +Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken: + +»Bravo Maestro!« -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in +seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände +höher hinauftasteten. + +»Komm, heiliger Geist!« + +Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf: + +»Orate, fratres!« + +Ein jähes Aufschwellen des Chores: + +»Sanctus! Sanctus! Sanctus!« + +Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch +miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln. + +In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen. +Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau +Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte +eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende +Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des +Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen +Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters. + +»Auch uns Sündern«, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am +Kreuz, weit offen gegen das Volk: »Pax Domini!« -- und indes alles sich +räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der +Chor: + +»Sondern erlöse uns von dem Übel.« + + * * * * * + +Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben. + +»Was hast du? Was gibts denn zu weinen?« fragte Polli ihn. »Ah! wie sie +schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich +bin so lange nicht in der Bude gewesen.« + +Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr, +links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still. + +»Es handelt sich nicht darum«, sagte Polli. »Es handelt sich um den +Advokaten. Wir müssen ihn holen.« + +Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan. + +»Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu +schließen. Er ist besser für die Geschäfte, -- und schließlich sind wir +Menschen.« + +»Eh! ich sage nicht nein«, erwiderten sie. »Denn wegen des Bürgerkrieges +bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es +trifft auch uns.« + +Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde +vor dem Dom. + +»Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn +nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.« + +»Ich verbürge mich für meinen Freund,« sagte der Apotheker, »daß er Euch +das Monopol erneuert.« + +Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den +Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte +die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. »Ich habe sie +also erbaut«, dachte er. »Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen +Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für +Flora Garlinda.« + +Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer +und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender +Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin. + +»Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: -- gestern abend schon ist +sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe +abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro --« + +Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab: + +»-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi +und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.« + +Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die +nächsten zu Zeugen herbei. + +»Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi +ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.« + +Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an: + +»Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme +Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er +uns.« + +»Das ist zu natürlich«, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große +blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die +Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des +Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart. + +»Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die +Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen, +daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft +Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, +Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano +abgetreten haben.« + +Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich +plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf +der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit +ausgestreckten Händen nach. + +»Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich +versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent --.« + +»Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven +nicht widerstehen. Und bei alledem --« + +Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er +stöhnte wund. + +»-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen +Wohltäter!« + +Der Cavaliere begann zu schnuppern. + +»Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.« + +Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend: + +»O! O!« + +Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen: + +»Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!« -- und immer wieder das +Gebrüll des Savezzo: + +»Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine +Rache spüren!« + +Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um. + +»Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.« + +»Der Schneider . . .« + +Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen +den Fingern hervor: + +»Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern +. . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.« + +Der alte Tenor lachte meckernd. + +»Eh! und wenn es wahr wäre.« + +»Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.« Die Miene des +Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand. + +»Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es +versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich --« + +»Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige, +Intrigant!« + +Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im +Kreise umeinander her. + +»Ah! diese jungen Leute«, jammerte der Alte. »Immer gleich ist der Kopf +dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!« + +»Was habe ich getan!« stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen, +sein Kopf wackelte vor Zorn. + +»Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan +haben, ist niedrig und gemein!« + +Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen: + +»Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl, +daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend +Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, +die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!« + +Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und +kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke. + +»Cavaliere!« + +Sie holte ihn ein; sie flüsterte: + +»Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.« + +Da er stöhnend herumfuhr: + +»Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß +Sie noch heute die Stadt verlassen.« + +»Ich werde sie nie mehr verlassen.« + +»Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da +der Schneider Ihre Wohnung kennt --.« + +»Retten Sie mich!« + +Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten, +stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin +und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace. + +»Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.« + +Aber der Savezzo brach hervor: + +»Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.« + +Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte +den Finger naß: + +»Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.« + +Die Menge wich zurück -- und plötzlich stürzte sie vor. + +»Laß sehen! Wo!« + +»Es ist falsch!« rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt +das Papier in die Höhe. »Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den +Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.« + +Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein +und schrie, daß ihm die Adern schwollen: + +»Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er +verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar +diesem und gibt ihm sein Papier zurück.« + +Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase +schielte. Das Volk klatschte. + +»Bravo! Hole den Advokaten!« + +»Der Schneider«, sagte Frau Camuzzi, »hat vom Maestro nicht ihren Namen +gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. +Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!« + +Da er sie ansah: + +»Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders +entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was +ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird +nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren +. . .« + +»Aber das wäre ein Mord«, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen +Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. »Ich rate Ihnen, weil Sie +es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei +der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für +Augen hat!« + +»Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.« + +»Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist +fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.« + + * * * * * + +Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein. + +»Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger +des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?« + +Auch der Herr Giocondi wackelte herbei. + +»Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don +Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.« + +Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger +auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten. + +Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er +schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte, +spritzte es. + +»Feiglinge! Elende Feiglinge!« heulte er. »Doppelte Verräter, die abfallen +in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich +gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.« + +Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt. + +Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker: + +»Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht +niedergeschlagen?« + +Nach einer Weile seufzte Polli: + +»Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir +trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß +ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.« + +Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt. + +». . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster«, bemerkte +Mancafede. Der Tabakhändler meinte: + +»Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er +sehen, daß es auch noch Freunde gibt.« + +Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte +sich ins Zimmer zurück. + +»Advokat, da kommen drei Herren!« + +Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen +geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus. + +»Gottlob, es sind Freunde.« + +»Was denn, Freunde,« -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die +Haare hinauf. »Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen +wollen, daß er auf die Galeere kommt.« + +»Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest +besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde +er nicht besser tun, Doktor?« + +Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte, +stimmte zu. + +»Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der +Platz langweilig ist ohne den Advokaten.« + +Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer. + +»Galileo!« rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. +»Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.« + +Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie +ein kleines Mädchen. + +»Was habe ich gesagt«, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der +Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn. + +»Auch das härteste Geschick wird mich stark finden«, sagte der Advokat und +beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. »Aber ich fühle mich +nicht verloren; denn --« + +Er fand Stimme: + +»-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.« + +Da flog die Tür auf. Polli rief herein: + +»Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?« Aber sogleich +verstummte er und machte einen Schritt rückwärts. + +»Signora Artemisia,« flüsterte der Apotheker, »was gibts? Der Advokat sieht +uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?« + +Da sie nur die gefalteten Hände erhob: + +»Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das +Volk will ihn wieder haben.« + +»Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?« fragte Galileo. + +»Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?« sagte Polli. »Das +Volk ruft dich, Advokat.« + +»Da bin ich«, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor. +Er schob den Doktor fort, -- aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem +Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei. + +»Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.« + +»Was, Ruhm!« -- und Galileo erklärte den Herren: + +»Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man +essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann, +versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes +mehr, als Unterröcke . . .« + +Die Schwester jammerte auf. + +»Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest, +könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren. +Jetzt ist es geschehen.« + +»Denn der Advokat«, schloß Galileo, »hat heute morgen in der Badewanne +einen Schlaganfall gehabt.« + +Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem +Handrücken. + +»Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den +Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!« + +»Es war nur ein wenig Schwäche«, entschied der Doktor; »denn, Advokat, es +sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!« + +Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten. + +»Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden +verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!« + +»Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich. +Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist +stärker als Sie, ich bin gesund.« + +Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt. + +»Ihr Gesicht ist schon weniger grau,« sagte der Doktor Capitani, »Ihre +Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir +versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.« + +»Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!« -- und der Advokat +tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden +Backen. + +»Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich +habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an +die Gerechtigkeit des Volkes.« + +»Nicht diese Hose!« rief Polli. »Es ist ein großer Tag; der Advokat muß +gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.« + +»Wo hast du die neue?« fragte die Witwe Pastecaldi. »Sieh doch Galileo: er +hat sie gefunden.« + +Galileo polterte: + +»Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.« + +Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte: + +»Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf +einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns +um Gnade gebeten.« + +»Es ist nicht wahr«, sagte der Apotheker. »Er hat uns alle zum Frieden +ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen, +Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.« + +»Und daß auch er einer ist,« sagte der Advokat, »das weiß ich seit heute +nacht.« + +Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut. + +»Gehen wir! Artemisia, komm!« + +Sie betastete ihr ländliches Mieder. + +»Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.« + +Er antwortete: + +»Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als +es selbst.« + +»Der Advokat auf die Galeere?« sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid +die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben. + +Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie +das Volk auf. + +»Beim Bacchus«, sagte Polli. »Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus +geholt.« + +»Wenn sie nur kein Unglück anrichten«, sagte der Advokat. »Ich werde +nachsehen müssen.« + +»Eh!« machte der Apotheker, »glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun? +Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.« + +Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede: + +»Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.« + +Der Advokat erlangte Worte: + +»Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist +ja ein Dummkopf!« + +Sein Lachen brach ab, er ging weiter. + +»Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don +Taddeo eine erlesene Seele hat.« + +Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da öffnete drunten sich der +Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf, +und Schreie knatterten: + +»Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!« + +Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige +Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn +begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das +er zurücklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte +die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte +alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus. + +»Nie hat man den Advokaten so gesehen«, riefen die Frauen. »Er ist schön!« + +Die Männer sagten einander: + +»Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in +der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.« + +»Meine lieben Freunde«, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände. +Der Apotheker drang vor: »Platz, Ihr Herren!« und vom Dom her bahnte der +Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben +einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die +päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und +sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum: +vom Rathaus flatterte die Trikolore. »Es lebe der Advokat!« + +Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er, +bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich: + +»Camuzzi! Ah!« + +Mit einem Blick auf die Trikolore: + +»Mein lieber Freund Camuzzi!« + +»Den Hymnus an Garibaldi!« schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause, +hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber +schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne. + +»Den Hymnus an Garibaldi!« wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr +Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn +um den Königsmarsch. + +Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk; +er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit +beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot; +seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich +nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung, +sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte +lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern +. . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. +Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, +noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von +sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise +voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und +Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen +aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes +umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die +Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der +Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend +hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er +ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie +ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum +drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den +Händen; »Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!« -- und indes jeder sich +nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal +einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade +wie man es in der »Armen Tonietta« an der Primadonna und dem Tenor gesehen +hatte. + +»Es lebe Don Taddeo!« + +Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende +Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und +einem flüchtenden Lächeln. + +»Es lebe der Advokat!« + +»Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!« -- und er reckte +sich hinauf. »Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den +Eimer zeigen!« + +»Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!« rief das Volk. Der Advokat +drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don +Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die +Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen. + +»Wie, Reverendo?« -- und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut. + +»Welch Heiliger!« sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano +herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor. + +»Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die +Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute +nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo, +der Sie mehr getan haben als alle --« + +»Große Sünden«, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust, +»verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere +Verdienste eins sind mit unserer Schuld.« + +»Ich bin Ihrer Meinung«, sagte der Advokat. »Wir werden immer nur tun +können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen +erlaubt ist --« + +Mit einem Bogen des Armes: + +»-- das kommt mir vom Volk.« + + * * * * * + +Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub beförderte die beiden samt +ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte +vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen. +Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes. +Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er +schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich +ein einziges, dämmerweißes Gesicht. + +»Sie hier, Herr Savezzo?« fragte Frau Camuzzi. + +»Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.« + +»Ich, ein Zeichen?« + +Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte: + +»Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?« + +»Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber +in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des +alten Feindes erleiden.« + +Gedämpfter Jubel drang in die Stille. + +»Hören Sie?« -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden. + +»Heben Sie ihn auf,« sagte Frau Camuzzi, »wir sind in der Kirche. Da Gott +selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.« + +»Ich werde sie ändern, -- nachdem ich draußen gesiegt habe und groß +geworden bin.« + +»Ich«, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, »habe einen Mann, der +Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben +enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.« + +»Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und +Leidenschaften!« + +»Glauben Sie?« -- ganz sanft den Kopf geneigt. + +»Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer +Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der +Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich +aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien +zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.« + +Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen +heulte es auf: + +»Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!« + +Die beiden sahen sich an. + +»Es scheint,« sagte langsam Frau Camuzzi, »daß der Turm, der ein wenig eng +ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe +abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.« + +Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie +deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile: + +»Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?« + +Er breitete die Flügel seines Mantels aus. + +»Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt, +und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.« + +»Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu +sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde +sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders +Chiaralunzi.« + +Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von +unten: + +»Wie haben Sie das gemacht?« + +»Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet, +das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels, +dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht +bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?« + +»So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?« + +Da er einen schwarzen Blick bekam: + +»O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus +entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein +Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!« + +Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere +Schulter wieder zurückflog. + +»Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!« + +Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die +Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern. + +Draußen brach Geschrei aus: + +»Der Savezzo!« + +Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum +Dom. + +»Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den +Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet +haben? Ergreift ihn doch!« + +Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die +Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch, +stampfte von dannen. + +»Hohoho!« machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo +verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte: + +»Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er +geht.« + + * * * * * + +»Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat +zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?« + +Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch +Feuer und Wasser verdorben. + +»Wie?« riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, »so werden Sie die Stadt +ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?« + +»Platz für das Fräulein Italia!« -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei +der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und +rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es: + +»Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo +. . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist +droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen +gefragt.« + +Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab. + +»Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre +auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut +an!« + +Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die +auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet +wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don +Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins +Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte +einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari +sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte +Italia es. + +»Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen«, sagte sie. + +»Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen«, erwiderte der Advokat +pünktlich. »Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag, +lehrt uns dennoch«, -- und der Advokat erhob die Stimme, »den Glauben an +den menschlichen Fortschritt!« + +Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die +Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten. + +»Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer +Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer +damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben +Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur +noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!« + +Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen. + +»Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn +umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.« + +»Wo ist Don Taddeo?« + +Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand: + +»Er ist drunten auf dem Platz!« + +Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte +hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher +Auflehnung: »Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich +euch geopfert habe?« + +Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes +hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein +seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus +dem Schwall. + +»Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!« verlangte das Volk; und man +suchte nach einer Schnur. + +»Das Band, das du im Haar hast, würde passen«, sagte der Doktor Capitani zu +seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch +den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat: + +»Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der +Frauen!« + +Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im +Lärm flüsterte er ihr zu: + +»Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.« + +Und er glaubte es, -- so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn +verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er +drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein +befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich. + +»Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht +mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und +im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man +sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame +Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um +einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer +sein.« + +Da er an den Apotheker geriet: + +»Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir +uns verdient.« + +Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes: + +»Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich +mich niemals mehr, -- da ich es heute früh nicht getan habe.« + +Der Advokat drückte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog, +hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch +eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle +kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um +ihn her. + +»Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am +blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . . +Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche +Vorschüsse . . .« + +Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. »Seid gut, +Kinder«, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf +einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten +Halstüchern fingen sie ein. + +»Alle hierher!« rief es vom Café »zum Fortschritt.« »Die Herren zahlen.« + +»Auch hier wird bezahlt!« schrie beim Café »zum heiligen Agapitus« der +Bäcker. Er setzte hinzu: + +»Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.« + +Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle +Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen +Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte: + +»Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.« + +»Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!« verkündete der +Herr Giocondi. »Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn +erhöht.« + +»Ich denke nicht daran!« rief der Herr Salvatori. »Der Herr Giocondi will +mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.« + +Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren +herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz +weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab. + +»Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals«, sagte Frau Camuzzi, +sanft zischelnd. »Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende, +die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.« + +Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen +umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum +wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke +da, Frau Acquistapace mit einem Rock: »Möge er Euch Glück bringen, ich habe +ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;« -- und Mama Paradisi zog +schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei, +aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie +bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen. + +»Wie wir alle gut sind!« sagte Frau Camuzzi. + +»He! Freund Giovaccone!« -- und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch. +»Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör +ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war. +In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe +dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.« + +»Alle glücklich!« -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange, +so daß sie müde lächelte. »Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in +meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch +welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt +als nur an euch?« + +Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten +Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden +blank und weich; sie dachte: + +»Sollte es dennoch ein Glück geben?« + +»Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich«, sagte +Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte +Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und +es war da. »Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern +fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als +habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte +wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren; +sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .« + +Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich +früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn +eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina +Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres +Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als +erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des +jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung. + +Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch +jeden stolz an und rief: + +»Der Advokat ist ein großer Mann!« + +Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an. + +»Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben, +fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr +sie lieber schonen?« + +Nello lächelte zärtlich, er dachte: »Welch schöner Gedanke! + +Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist +Alba!« Er setzte noch hinzu: + +»Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.« + +»Wer recht hat, sind Sie!« -- und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf +es in die Luft. + +»Es lebe der Advokat!« + +Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er +sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange +Mienen hatten. + +»Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß, +meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie +nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu +begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren, +wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine +Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es +war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --« + +Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer. + +»-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich +ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren +Putz.« + +Alle Hände rasten, -- und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen +rostigen Schlüssel, suchte weiter. + +»Gaddi!« -- mit weit ausgestreckten Händen. »Sie, der Sie heute nacht an +Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich +verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.« + +Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen. + +»Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär +sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem +unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater, +Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!« + +Gaddi sagte: + +»Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke +Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft +wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? -- und würde +man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die +großen Dinge fühlen, die das Leben hat?« + +»Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie +wären wert, einer der Unseren zu sein.« + +Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte: + +»Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr +großer Name verläßt nie wieder die Stadt!« + +Der alte Tenor geriet in Bewegung. + +»Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?« + +»Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum +berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus +mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen +Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he, +Malandrini!« + +Er holte den Wirt herbei. + +»Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht +weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran +zu befestigen.« + +»Aber er war nicht mein Gast«, sagte Malandrini. + +»Ich war nicht sein Gast«, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat +fuchtelte. + +»Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die +Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.« + +»Ich sage nicht nein«, erklärte der Wirt. »Vielleicht, daß die Engländer +kommen, um die Inschrift zu lesen.« + +»Welch schönes Genie ist das Ihre!« -- und der alte Sänger fiel dem +Advokaten um den Hals. + + * * * * * + +Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke +stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers +Masetti. + +»Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!« befahl das Volk. + +Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der +Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst, +es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe -- + +»Herunter!« schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die +Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den +Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte +sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst +ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im +Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte +Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von +seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige +Schwiegertochter mit Zigarren beladen. + +»Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und +ihn zumachen.« + +Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl. +Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli +nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum, +blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete. + +»Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.« + +Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre +Vorräte unter eine große Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mägde die +Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen. + +»Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!« + +Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung. + +»Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo. +Wo ist er?« + +»Wie?« rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber +aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. »Habe ich +vielleicht nicht recht? Sie sind buck --« + +Er verschluckte das Wort. + +»Aber darum sind wir doch alle gleich.« + +Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch. + +»Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!« + +Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man +sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die +Gesundheit des Heiligen! + +Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau +Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite +nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen. + +»Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!« + +Der Advokat griff ein. + +»Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies +bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt, +Chiaralunzi --« + +Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen. + +Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er +sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur +gesagt, um etwas Witziges zu sagen. + +»Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann +betrügt.« + +Der Kapellmeister spreizte die Hand. + +»Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber +glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen +habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der +ich jetzt so glücklich bin.« + +Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter +Stimme: + +»Könnt Ihr zweifeln?« + +Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und plötzlich griff +er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall. + +»So haßt ihr euch denn nicht mehr.« + +»Haßten wir uns wirklich?« sagte der Kapellmeister. »Es war wie der Haß +eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man +ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil +man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut +man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!« + +Zum Advokaten: + +»Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.« + +»Eh! wem sagen Sie das«, erwiderte der Advokat. + +Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich +zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das +vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . »Welch ärmlicher +Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte. +Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns +gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg +geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor +Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl +schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so +hartes Leben führe?« + +»Hört doch, Fräulein!« riefen Zecchini und die Trinker, »Ihr sollt etwas +singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!« + +»Flora!« sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die +Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er +wollte sie küssen. »Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist +ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine +Alte.« + +Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das +Gesehene sogleich wieder verloren hatten. + +»Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen +gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz +tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten +. . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den +Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich +nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein +Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen +haben, -- bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.« + +Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen +krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den +>Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich +darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi +hielt ihn zurück. + +»Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen. +Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider +gehen.« + +»Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,« -- +und der Alte hüpfte auf. »Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe +noch lange nicht!« + +»Ich werde für Sie beten«, sagte Frau Camuzzi. »Aber darum trägt dennoch +der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den +Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon +längst.« + +Da der Alte zurückwich: + +»Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt +und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man +den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?« + +Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher. + +»Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen«, jammerte er. »Wenn +der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich +tot. Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!« + +Frau Camuzzi packte hart seine Hände. + +»Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!« zischelte sie, und ihr Mund stand +verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still, +er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug +die Augen nieder. + +»Wie Sie mich quälen«, murmelte sie. »Schon so lange, ach, verrate ich +Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen +nichts sehen.« + +Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit. + +»Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß +ich nichts sah.« + +Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann +fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini, +Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum +geräuschvoll in den Armen. + +»Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.« + +»Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!« + +Da sah sie auf. Der Alte erbebte. + +»Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich --. +Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.« + + * * * * * + +In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die +Stimme des Kaufmannes Mancafede. + +»Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts +kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie +nicht.« + +Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine +gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf +den Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen +Tage betrunken sein werde. + +»Eh!« machte der Kaufmann. »Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch +jetzt noch früh genug.« + +»Aber das Unglück?« fragte der Bariton Gaddi. »Ihre Tochter hat doch +prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien. +Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?« + +»Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich euch +meinen Wein geben muß?« + +Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen und +ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück. + +»Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!« + +»Gebt acht! Ich sage euch etwas.« + +Und als er genug Luft hatte: + +»Meine Tochter ist -- ist eine --« + +Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann +nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase. +Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brüllten. + +»Still da!« rief man. »Der Tenor singt.« + +Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und +sang in den blauen Himmel hinein: + +»Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus --« + +Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten +der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen +Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der +Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in +die Stirn. + +»Immer die >Arme Tonietta<«, sagte der Herr Giocondi. »Diese jungen Leute +wissen entschieden nichts weiter.« + +»Tut nichts«, -- und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. »Da nun +einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem +Phonographen zusammen die >Arme Tonietta< singen, und man lädt die Freunde +ein.« + +»Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig +unser Glück«, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . . +Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als +schnitte durch den Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines +Marmors, glühend von ungeheurem Leben. + +Plötzlich sprang er herab. + +»Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.« + +Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut +auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes +hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post. + +»Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr +warnen . . .« + +Da Nello die Hand bewegte: + +»Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund, +weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier +in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht +kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen, +ich bin seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.« + +»Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du +will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.« + +»Die Sache ist,« sagte Gaddi, »daß du der späteste Freund meiner Jugend +bist. Solange ich dich jung sehe --. Als wir Freundschaft schlossen, war +auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in +Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den +Pfählen. Für die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein +Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.« + +Nello lachte hell auf. + +»Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.« + +»So grüße ich dich denn«, -- und Gaddi umarmte ihn lange. »Adieu, mein +Bruder!« + + * * * * * + +Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer +aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott +essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er +erklärte: + +»Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht +gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank, +habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!« + +»Denn der Advokat«, sagte der Apotheker Acquistapace, »ist, und das findet +Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.« + +Der Bäcker bellte: + +»Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst +lehren müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit +ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel +davon nimmt.« + +»Bravo Advokat!« riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der +Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis +es still wurde. + +»Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!« keuchte er, und schon ward +geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her: + +»Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben. +Durch große Dinge --« und er hob sich auf die Zehen, »durch große Dinge +sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!« + +Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem +Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn +nicht durchlasse. + +»Auch du, Masetti,« rief der Advokat, den Arm hingestoßen, »hast noch zu +lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich +selbst auf Regeln und Gesetze berufen!« + +Er kehrte zum Volk zurück. + +»Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und +Gassen erregt, als sonst durch Jahre.« + +»Es ist wahr!« + +»Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig +Musik. Und dennoch --« + +Der Advokat machte die Arme weit. + +»-- wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück +vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!« + +Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit +einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft: + +»Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!« + +Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: »Sie leben!« -- indes +schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr +retteten, bevor Masetti hineinfuhr. + +»Warum weinst du denn?« fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi +und stieß ihr die Knöchel in die Seite. »Kann etwa eine andere Familie sich +rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund +zu weinen.« + +Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden. + + * * * * * + +Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die +Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des +Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um +Entschuldigung wegen der Störung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna +Flora Garlinda kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse +der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei +ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der +Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen, er ließ ringsum +den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen +Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare +und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde +Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser +entlang schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß +nicht wohin. + +Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte, +in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; -- und +inzwischen mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige +Treue schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine +kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger +werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung +keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren, +auch sie kämen; und sie holten ihre Räder. + +»Wir alle kommen mit!« -- und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen +wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten: +der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im +Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus. + +Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd +gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und +der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort. + +»Und der Advokat?« fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte. + +Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster +nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er +stürzte vor mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon +wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber +Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus +Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders. + +Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man +verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme +zu werfen: »Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren? +Ich, der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?« -- und auf +einmal brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er +entkam. + +»Abfahrt! Alle hinterher!« -- und als die Diligenza durch das Tor fuhr, +wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten +und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die +flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten +darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb +wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen +lassen, der schöne Herr -- bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen +Choristinnen. Sie saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um +den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine +bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne +daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der +Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und, +versteht sich, hinten lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner +Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes »zu den Verlobten« +für betäubte Gesichter machten! -- und dennoch erklärten alle, sie wollten +bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mußte +sich wehren, weil der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er +seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte +zu seiner Frau: + +»Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der +Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll +sind ausgezogen.« + +Sie antwortete: + +»Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.« Und sie liefen +zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer trugen +die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und: +»Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello. +Welch schöne Sonne!« -- da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten +eilten nach. + +»In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben +sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre +Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.« + +Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. »Es scheint, daß +es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim +Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!« + +Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem +breiten Roß. + +»Ists erlaubt?« fragte er das Volk. Es antwortete: + +»Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts, +Advokat, Sie gehören an die Spitze.« + +»Der Advokat an die Spitze!« -- und alles wich aus nach beiden Seiten. Den +Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der +Advokat hindurch. + +»Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!« + +»Versteht sich, daß er lebt!« polterte Galileo unter seinem glockenförmigen +Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im +eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten. + +»Der Advokat ist ein großer Mann«, erklärte er. »Aber auch wir sind nicht +von Pappe.« + +Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine +Verbeugung. + +»Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit +und Größe!« -- und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und +Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem +Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen. + +»Aber er ist wieder eingestiegen«, erklärte Frau Camuzzi. + +»Sie haben es gesehen?« + +»Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?« + +Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er +seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt; +und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam. + +»Aber -- der Gennari?« rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza +anlangte. »Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für +unsere Gäste verantwortlich sind?« + +»Beruhigen Sie sich, Advokat,« -- und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans +Fenster, »es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.« + +Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte. + +»Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis +zum letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen -- das ist die Rache +von uns Bürgern -- die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn +sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .« + +Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die +Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte +den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf, +und bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war, +schwieg man. Dann sagte der Advokat: + +»Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben. +Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt +Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der +Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist +alles.« + +Und eine Strecke weiterhin: + +»Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im +Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden, +die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über +den Altar der Göttin gossen.« + +Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi +mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des +Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der »Armen +Tonietta«; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange +sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen +waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, +Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das +Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen +mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, +bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu +einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem +Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von +Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da +bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor. + + * * * * * + +Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den +Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft. +Ein Zucken -- sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in +einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, -- und +immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten +des Schleiers. + +Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt +zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge +irgend etwas Grauenhaftes quer darin, -- und dann taumelte sie, die Hände +vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein. + +Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander +gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den +Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten, +als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als +er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der +Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt, +auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller +Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt? + +Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit +Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah, +langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch +auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, -- +und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände. + +Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß +niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine +Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die +Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte +und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat +ein. + +Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem +Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie +lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren +Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde +Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der +Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen. + +Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken +der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr +nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den +klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten +des Schleiers krampfte sich ihre Hand; -- Alba wartete und lauschte. + + * * * * * + +In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah +eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm +zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig. + +Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf +der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt +sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor +etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken +. . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei +jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er +und hätte unter den Hufen die Welt. + +Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des +Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern +stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; -- und sein +inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen +Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes +war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis, +Sünde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging +dahin, dahin. Welche Angst! »Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch +einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!« . . . Da ward feierlich sein Herz +berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte +klangen nach. »Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz! +Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!« + + * * * * * + +Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt: +der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht +sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und +näher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es +spritzte Blut. Sie riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt +sich, -- bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte +Brust. + +Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und +unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr +kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die +Seite, wollte sich aufstützen . . . + +Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich +selbst, wendete den Hals umher. »Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich +allein sein würde.« Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn. + +»Nello! Auf!« -- den Atem angehalten. + +»Böser, warum rührst du dich nicht?« + +Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: »Habe ich es denn +getan?« + +Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . . + +Dahinten der Fensterladen zitterte heftig. + +Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund +und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte, +sprach sie zu ihm: + +»Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich +sehe mich nicht mehr in deinen Augen.« + +Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte: + +»Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten«; -- und drückte es sich ins +Herz. + +Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande +des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten +zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend +. . . Als aber die zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso +herauf ein dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein +Lebender kannte; -- und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz +hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren +Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und +legte, schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen. + +Dieses Buch wurde gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig + +Folgende Bücher von _Heinrich Mann_ sind früher erschienen: + +_Romane_ (bei Alb. Langen, München). + +Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten. + +Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy. + +Die Jagd nach Liebe. + +Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. + +Zwischen den Rassen. + +_Novellen._ + +Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, München.) + +Flöten und Dolche. (Bei Alb. Langen, München.) + +Stürmische Morgen. (Bei Alb Langen, München.) + +Schauspielerin. (Wiener Verlag.) + +Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) + +Die Bösen. (Inselverlag.) + +Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. Essai. (Bei Bonsels, +München.) + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [p. 5]: + ... hieher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ... + ... hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ... + + [p. 5]: + ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mürben ... + ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben ... + + [p. 70]: + ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ... + ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.« ... + + [p. 85]: + ... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ... + ... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ... + + [p. 100]: + ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinket, ... + ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, ... + + [p. 135]: + ... Advokat Belotti konnten beiide recht haben, denn Kirche wie ... + ... Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie ... + + [p. 138]: + ... Sie setzte sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ... + ... Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ... + + [p. 141]: + ... und welch stolzer rote Vorhang das Parterre verdeckt! Die ... + ... und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die ... + + [p. 158]: + ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ... + ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .« ... + + [p. 284]: + ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ... + ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.« ... + + [p. 296]: + ... Tür ihres Zimmes zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ... + ... Tür ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ... + + [p. 306]: + ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen nnd die ... + ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die ... + + [p. 314]: + ... »Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ... + ... Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ... + + [p. 320]: + ... sie die Kleider lösen, er blickte den Glanz des Fleisches. Er ... + ... sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er ... + + [p. 357]: + ... »Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ... + ... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ... + + [p. 367]: + ... in der Polilik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ... + ... in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ... + + [p. 378]: + ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<? ... + ... Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<?« ... + + [p. 397]: + ... »Ich werde Sie nie mehr verlassen.« ... + ... »Ich werde sie nie mehr verlassen.« ... + + [p. 437]: + ... Muais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ... + ... Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + +***** This file should be named 44174-8.txt or 44174-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/1/7/44174/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die kleine Stadt + Roman + +Author: Heinrich Mann + +Release Date: November 13, 2013 [EBook #44174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<div class="centerpic"> +<img id="cover" src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> +</div> + +<h1 style="margin-top:1em; margin-bottom:4em; letter-spacing:0.1em;"> +<span style="font-size:1em;">Heinrich Mann</span><br /> +<span style="font-size:0.9em;">Die</span><br /> +<span style="font-size:0.9em;">kleine Stadt</span><br /> +<span style="font-size:0.7em;">Roman</span> +</h1> + +<p class="center" style="line-height:1.5em"> +Erschienen<br /> +im Insel-Verlag • Leipzig 1909 +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> +<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> +I +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>er Advokat Belotti trat schwänzelnd an den Tisch vor +dem Café „zum Fortschritt“, wischte mit dem Taschentuch +um seinen kurzen Hals und sagte erstickt: +</p> + +<p> +„Die Post hat wieder Verspätung.“ +</p> + +<p> +„Jawohl“, machten Apotheker und Gemeindesekretär; und +da nichts Tatsächliches mehr zu sagen blieb, schwiegen sie. +Der Reisende warf hin: +</p> + +<p> +„Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?“ +</p> + +<p> +Die andern stießen unwillig den Atem aus. Der Leutnant der +Carabinieri legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden +handelte, die große Sicherheit der Straßen dar. Zwei seiner +Leute begleiteten stets zu Pferde die Post, und nur einmal +hatten sie einzugreifen gehabt. Damals wollte ein Bauer seinen +Platz nicht bezahlen und zog gegen den Kutscher das Messer. +</p> + +<p> +„Solche Leute haben wenig Erziehung“, erklärte der Leutnant. +</p> + +<p> +„Ein langweiliges Handwerk, das eure“, rief der Apotheker +Acquistapace mit seiner braven Stimme. +</p> + +<p> +„Betrunkene aus dem Graben ziehen und eine entlaufene +Kuh zurückscheuchen. Als wir dabei waren, gings anders zu. +Wie, Gevatter Achille?“ +</p> + +<p> +Der Wirt rief von drinnen: „Zugegen.“ +</p> + +<p> +Er stampfte heraus, stützte die Last seines Bauches auf eine +Stuhllehne und wartete mit offenem Munde, worin die +Zunge umherrollte. +</p> + +<p> +„Wie, mein Alter?“ und der Apotheker klopfte ihn auf den +Bauch, „vor unseren Füßen ist manche Granate geplatzt. In +Bezzecca wars, als gleich bei uns beiden der General Garibaldi +selber stand. Die Granate platzt, wir springen zurück, +versteht sich; der General aber rührt sich nicht; er sieht in den +Dampf, als ob er sinnt. ‚Keine Furcht, Freunde‘, sagt er zu +uns, und, Achille, wir hatten keine mehr.“ +</p> + +<p> +<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> +„Das ist die reine Wahrheit“, sagte der Wirt; und mit +Wucht: „Der General war ein Löwe.“ +</p> + +<p> +„Er war ein Löwe“, wiederholte der andere Alte, fuhr +mit der Hand durch seinen riesenhaften Schnauzbart und +sah alle von oben an. Plötzlich machte er sich klein und tat +eine Gebärde, als streichelte er ein Kind. +</p> + +<p> +„Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, +wie ein Engel. Manches geschah, wie, Gevatter? was er +nie erfahren hat. Alle wußten, daß jener Nino ein Weib +war, nur der General nicht.“ +</p> + +<p> +Der Advokat Belotti fragte: „War er eigentlich ein schönes +Weib, jener Nino?“ +</p> + +<p> +Der Apotheker zischte leise. „Solche Frauen gibt es nicht +mehr! Und als ihr Geliebter gefallen war, da kams heraus, +daß sie eine war. Aber sie verließ uns darum nicht. +Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie mitgezogen +war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!“ +</p> + +<p> +Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. +Der Wirt lachte lautlos, daß sein Bauch den Stuhl umherwarf. +Sein Sohn, der schöne Alfò, war herzugetreten, der +junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom Barbier her +über den Platz gekommen; — und alle, alle hatten, wie der +Alte endete, ein neidisches Gesicht. +</p> + +<p> +Gleich darauf erinnerten sie sich, daß die Geschichte sehr +alt war und daß sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, +wie sie die Hühnerlucia kannten. Ihre Stunde war da: schon +klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem Café. +Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, +mit ihrer Nase, die schärfer war als die Hühnerschnäbel, +flügelschlagend mit ihren langen Armen, scheuchte sie das +Federvieh zum Brunnen und ließ es aus der Pfütze trinken. +Die Kinder kreischten um sie her, stießen sie, zupften an ihr +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen +wie ein großes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. +Ringsum gingen Fensterläden auf; an der Ecke schräg vor +dem Café drängten über den Arkaden des Rathauses drei +Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke Mama +Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar +streckte Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, den Kopf +heraus, und dem Advokaten Belotti schien es, daß sie ein neues +Halstuch trage. Er überlegte nicht ohne Unruhe, wer ihr nun +das wieder geschenkt haben könne. Inzwischen schloß die Kleine +ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hühnerlucia und +all ihr Lärm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der +Platz schlief weiter in seiner weißen Sonne, winklig beleckt +von den Schatten. Der des Palazzo Torroni, am Eingang +des Corso, lief spitz hinüber zum Dom, und vor der buckligen +Kirchenfront malten die beiden säulentragenden Löwen ihr +schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der +Schatten des Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben +dem Turm aber wich das Dunkel zurück, tief in den Winkel, +worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede wußte. +Kaum daß die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; +— hinter einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer +dort stand, die Unsichtbare, das Rätsel der Stadt: Evangelina +Mancafede, die niemals ausging und dennoch alles wußte, +was geschah, es früher als alle wußte. In der Stadt tat +jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch +alle Häuser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel +hervor, hindurchsehen zu können: nur eins verdeckte ihr der +Turm, den Palazzo Torroni. Auch hieß es, daß sie von dort +nichts wissen wollte, daß ihr Vater und ihre Magd — denn +sonst erblickte niemand sie — den Namen des Barons vor ihr +nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere +<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> +geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war +damals vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreißig. +„Eine schöne Frau“, wisperte der Advokat dem Reisenden +ins Ohr. „Vom Stillsitzen soll sie junonische Formen bekommen +haben.“ +</p> + +<p> +Seine Hände, die diese Formen nachbilden wollten, ließ er +rasch wieder sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende +fragte: +</p> + +<p> +„Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?“ +</p> + +<p> +„Was denken Sie!“ +</p> + +<p> +Alle bekamen gekränkte Mienen. +</p> + +<p> +„Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann läßt er ihr +schöne Kleider kommen, sogar von Rom her, denn schließlich +ist sie das reichste Mädchen hier und hätte hunderttausend Lire +mitbekommen; lädt ihre ehemaligen Freundinnen ein, bestellt +den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da, der +Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina +in ihren schönen Kleidern steigt die Treppe hinab. In +der Mitte aber hält sie an, sagt ‚Nicht heute, ein anderes Mal‘ +und geht zurück in ihr Zimmer.“ +</p> + +<p> +Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinüber nach dem +geheimnisvollen Hause. Unten, wie in schwarzer Höhle, +glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging der Kaufmann +hin und her: langsam immer hin und her. Die Gäste des +Cafés „zum Fortschritt“ konnten ihm zusehen und bei seiner +Bewegung fühlen, daß die Zeit vergehe. +</p> + +<p> +Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm +eingetreten: der Junge des Gastwirtes Malandrini. Was +konnte bei Malandrini vorgefallen sein? Gewiß handelte es +sich um die Frau, die der Tabakhändler erst gestern mit dem +Baron Torroni in ziemlich verdächtiger Unterhaltung gesehen +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +hatte. Wer weiß, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. +„Nun —?“ und alle Blicke sogen an dem alten Acquistapace, +der, sein hölzernes Bein schwingend, zurückkam. +</p> + +<p> +„Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.“ +</p> + +<p> +Alle Köpfe senkten sich. +</p> + +<p> +„Wenig Bewegung ist hier am Ort“, sagte der Leutnant +der Carabinieri zu dem Reisenden und nickte hinüber, wo sich +der Kaufmann Mancafede hin und her bewegte. Der Reisende +wollte höflich den Ort entschuldigen, aber der Advokat +Belotti sagte erstickt: +</p> + +<p> +„Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine +Stunde Verspätung hat! Sonst sähe hier vielleicht alles anders +aus. Denn schließlich — sagen wir nur die Wahrheit! +— können doch jeden Tag die größten Dinge geschehen. Die +Stadt steht vor Ereignissen, die . . .“ +</p> + +<p> +„— nicht eintreten“, schloß der Gemeindesekretär und lehnte +sich zurück, um seine Taille zu zeigen. +</p> + +<p> +„Wer sagt Ihnen das?“ +</p> + +<p> +Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte. +</p> + +<p> +„Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und muß +ich nicht als erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage +ich, geschehen kann?“ +</p> + +<p> +„Bevor die Post da ist?“ +</p> + +<p> +„Die Post! Die Post, mein Herr, war schon öfter da. Die +Post hat zum Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, +mir dem Vorsitzenden des Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz +der Frau Fürstin Cipolla gebracht, mit der gütigen +Erlaubnis der Frau Fürstin, das Schloßtheater zu benutzen +für die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, +<a id="corr-0"></a>hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein +geringer Erfolg, wenn Sie bedenken —“ +</p> + +<p> +Der Advokat wendete sich zum Reisenden; <a id="corr-1"></a>einen seiner mürben +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Finger, die ihn älter machten als sein Gesicht, reckte er +hinter sich, wo die Treppengasse zum Kastell hinaufbog. +</p> + +<p> +„— daß das Theater seit fünfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig +und dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nämlich seit der +Vermählung des armen Fürsten . . .“ +</p> + +<p> +„War die Vorstellung gut, Advokat?“ fragte beißend der +Gemeindesekretär. „Sie haben doch schon damals den Impresario +gemacht? Denn wann waren Sie untätig? Gewiß +nicht einmal in den Windeln.“ +</p> + +<p> +Und der Advokat, mit verächtlichem Achselzucken: +</p> + +<p> +„Des armen Fürsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. +Darum darf ich auch die Bewilligung unseres Gesuchs mir +ganz persönlich zuschreiben und dem Umstande, daß ich der +Sachwalter der Frau Fürstin bin.“ +</p> + +<p> +„Aber der Kapellmeister?“ fragte sein Gegner. „Sollte nicht +auch er einiges Verdienst haben? Alfò, sage unserm Freunde, +ob du und die andern alle in der ‚Armen Tonietta‘ eure Instrumente +spielen könntet, wenn nicht unser Maestro Dorlenghi +wäre!“ +</p> + +<p> +„Wer leugnet seine Tüchtigkeit? Übrigens zahlt die Gemeinde +ihm hundert Lire monatlich und die Kirche fünfzig. Aber +scheint es den Herren nicht, daß wir auf die Künstler, die +er uns verschaffen wollte, recht lange warten müssen?“ +</p> + +<p> +„Ich wette, daß sie heute in der Post sitzen werden!“ rief der +Apotheker. Der Advokat bezweifelte es. +</p> + +<p> +„Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich +noch selbst nach ihnen umsehen müssen. Wer weiß, wohin ich +fahren werde: bis nach Rom vielleicht.“ +</p> + +<p> +„Aber Advokat,“ sagte der Gemeindesekretär, „was verstehen +Sie vom Theater?“ +</p> + +<p> +„Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, daß ich in einer Stadt +wie Perugia studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Truppe von Komödianten, und wir Studenten verkehrten +mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht anders, als ich mit +Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies Wort, +die Choristinnen . . . Natürlich hatte auch die Primadonna +den ihren, aber man mußte reich sein, sehr reich; ich erinnere +mich, ein Herr aus der Stadt gab ihr dreihundert Lire im +Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert Lire für eine +Frau!“ +</p> + +<p> +Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blühte +er auf. Er öffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine +Weste darunter war. Die Arme in der Luft gerundet, mit +rauhen gelben Manschetten, die bis über die Korallenknöpfe +herausfielen, und mit einer Flüsterstimme, aus der manchmal +ein heiseres Bellen brach: +</p> + +<p> +„Aber so ist die große Welt: man muß sie kennen. Die +Herren Künstler sind die großartigsten von allen. Man hat +keinen Begriff von dem Leben, das diese Schauspieler und +Literaten führen. Jede Nacht Champagner, schöne Weiber, +soviel sie mögen, und nie vor zwölf aus dem Bett.“ +</p> + +<p> +„Als ich in Forlì stand,“ sagte der Leutnant der Carabinieri, +„zeigte man mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. +Freilich war er ein Deutscher.“ +</p> + +<p> +„Wozu auch,“ schloß der Advokat, „da sie spielend mehr +Geld verdienen, als sie brauchen, und keine Sorgen haben. +Für uns Bürger ists anders eingerichtet auf der Welt. Aber +es ist nicht übel, daß es auch Menschen gibt, die ein so leichtes +Leben haben, nach Herzenslust über die Stränge schlagen dürfen +und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der +Art hier bei uns, wird es lustig werden.“ +</p> + +<p> +„Das kann nicht schaden!“ rief der Apotheker. Gleich darauf +hielt er sich den Mund zu und schielte nach seinem Hause +hinauf. Man lächelte. Er entschuldigte sich. +</p> + +<p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +„Immer sind Leute in der Nähe, die es mit den Priestern +halten.“ +</p> + +<p> +Der Advokat behauptete: +</p> + +<p> +„Wenn wir uns die Komödianten nicht zu unserm Vergnügen +kommen ließen, sollten wir es tun, um die Priester zu ärgern.“ +Der Gemeindesekretär hob die Schultern, der Wirt aber sagte +dröhnend: +</p> + +<p> +„Sind wir denn noch immer unter dem Papst?“ +</p> + +<p> +Man schrie: „Bravo, Achille!“ — und dahinten sah man aus +der Kathedrale über den Corso und in den Palazzo Torroni +eine schwarze Gestalt huschen. Der Apotheker seufzte. +</p> + +<p> +„Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da +kann man sich dann nicht rühren, ohne daß es weh tut. +Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine Frau, die es mit den +Priestern hat!“ +</p> + +<p> +Der Advokat stellte die Hand an den Mund. +</p> + +<p> +„Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat +mir heimlich, Sie verstehen: unter einem Decknamen seinen +Beitrag geschickt für das Theater.“ +</p> + +<p> +Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger +auf die Lippen und machte eine Pause. Dann: +</p> + +<p> +„Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, daß wir den des +alten Nardini verschmerzen können.“ +</p> + +<p> +„Eine schöne Familie, die Nardini“ — und der Apotheker +stieß den Stock aufs Pflaster. +</p> + +<p> +„Ihre Mitbürger halten sie ihres Verkehrs nicht würdig, nie +wollten sie dem Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins +Kloster!“ +</p> + +<p> +„Noch ist sie nicht darin“, sagte der junge Savezzo, mit +plumper Eleganz an das Haus gelehnt. „Und als ich im Klub +meinen Vortrag über die Freundschaft hielt, hat sie ihre Magd +hingeschickt und sich darüber berichten lassen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +„Ah, Totò möchte sie draußen behalten.“ +</p> + +<p> +Unter den spöttischen Blicken begann das linke Auge des +jungen Menschen auf seine pockennarbige Nase zu schielen. +Der schöne Alfò, des Wirtes Sohn, sagte: +</p> + +<p> +„Ist sie schön, die Alba!“ +</p> + +<p> +Dann sah er unbeirrt und eitel umher. +</p> + +<p> +„Ihr beide werdet keinen Erfolg haben“ — und der Gemeindesekretär +lachte auf. „Hat doch nicht einmal der Severino +Salvatori sie bekommen, obwohl er mit einem Korbwagen +umherfährt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift verlangt. +Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als +fromm.“ +</p> + +<p> +„Auch fromm ist er“, versicherte Savezzo. „Und wohltätig. +Der alte Brabrà lebt ganz vom Nardini, seit dreißig Jahren +bald. Jeden Sonntag nach der Messe wird dort unten in +Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba selbst tut +es.“ +</p> + +<p> +„Alba selbst“, wiederholte Alfò. +</p> + +<p> +„Aber als ich ihm die Liste brachte,“ sagte der Advokat mit +steilem Finger, „wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet +hat?“ +</p> + +<p> +Alle wußten es, ließen sich aber gern zum zehntenmal dadurch +aufbringen. +</p> + +<p> +„Er hat mir geantwortet: wenn er dafür zahlen solle, daß +die Komödianten fortbleiben, dann wolle er zahlen.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der +andern war stürmisch. Da sagte der schöne Alfò, und das einfältigste +Lächeln legte seine weißen Zähne frei: +</p> + +<p> +„Dennoch will ich Alba heiraten.“ +</p> + +<p> +Niemand würdigte ihn einer Entgegnung. +</p> + +<p> +„Auch seinen Wasserfall“, erinnerte sich der Gevatter Achille, +„hat er der Stadt ein wenig teuer verpachtet.“ +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +„Unsere Schuld“ — und der Gemeindesekretär hob die +Schultern; „ich war gegen die Elektrizitätsanlage und bin es +noch. Aber man hört nicht auf mich“, sagte er mit einem +Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft warf. +</p> + +<p> +„Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?“ schrie er keuchend. +</p> + +<p> +„Und wem verdanken wir ihn,“ antwortete der junge Savezzo, +„als einzig dem Advokaten?“ +</p> + +<p> +„Ist es einer Stadt wie der unsrigen würdig,“ fragte der Advokat +weiter, „die öffentlichen Plätze mit Petroleum zu erleuchten? +Und wie sollen wir vor den Fremden dastehen, die uns besuchen +werden, wenn unsere Theatersaison begonnen hat?“ +</p> + +<p> +„Versteht sich“, machten die andern; nur der Sekretär schüttelte +die zusammengelegten Hände. +</p> + +<p> +„Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, müssen +wir elektrisches Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder +Turin das Verfassungsfest feiern, mußten wir in einem Feuerwerk +fünftausend Lire abbrennen. So zieht eine Tat des +Größenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich +voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Bürgermeister, +den würdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus +nicht mehr verläßt, trifft keine Schuld: sie trifft nur einen!“ +</p> + +<p> +Und er stieß mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich +auf dem Stuhl umherwarf. +</p> + +<p> +„Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr: +</p> + +<p> +„Mir scheint, ich höre sie knarren.“ +</p> + +<p> +Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und +Alfò stürzten an die Hausecke und spähten die Gasse hinab. +Plötzlich schrien sie durch die gerundeten Hände: +</p> + +<p> +„He! Masetti! Langsamer!“ +</p> + +<p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Und unter wütendem Peitschenknallen hörte man die Post +drunten auf der Landstraße vorbeirasseln. Indes sie den +Bogen zum Tor machte, wurden Masettis phantastische Verspätungen +aufgezählt; er habe keine Eile, zu seiner Frau zu +kommen; — und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu +pfeifen. Die beiden Carabinieri ließen sich von ihren Pferden +herab und hoben die Dreimaster, um sich die Köpfe zu trocknen. +Die Diligenza fuhr mit Krachen beim Postamt vor: da zeigte +sich, daß sie ganz gefüllt war. Drinnen saßen acht Personen, +und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener Mann +mit einem Cäsarenprofil, den der Handlungsreisende fast für +einen Berufsgenossen gehalten hätte. Nur hatte er blaurasierte +Wangen und Bewegungen von unbekannter Spannkraft +und Form. +</p> + +<p> +Kaum daß die Pferde stillstanden, stürzten über die Füße der +andern hinweg zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so +daß die Kreuze der Rosenkränze von ihren Hüften aufflogen, +nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein schöner +bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah. +</p> + +<p> +„Nello!“ rief eine Frauenstimme. „Hilf mir heraus!“ +</p> + +<p> +„Laß lieber mich“, sagte ein hagerer Alter, weiß angezogen +und rascher als ein Jüngling; — und er streckte eine faltige +Hand aus, worauf ein großer Brillant blitzte. +</p> + +<p> +Der Advokat bemerkte: +</p> + +<p> +„Aber das sind sie! Das sind die Komödianten. Ich als +Vorsitzender des Komitees muß sie begrüßen.“ +</p> + +<p> +Er erhob sich und schwänzelte über den Platz. Die andern +folgten im Abstand. +</p> + +<p> +Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber +wer sie von hinten unter den Armen hielt — der Advokat mußte +auf halbem Wege stehen bleiben — das war, mit dem blonden +Schnurrbart über dem roten Gesicht, der Baron Torroni! Er +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die Vogelschnäbel; +und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines unansehnliches +Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, +und die Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen +und dennoch bestürzten Gesicht, kam der Tabakhändler Polli. +</p> + +<p> +„He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen?“ rief der Apotheker. +</p> + +<p> +Der Tabakhändler gesellte sich ihnen zu. +</p> + +<p> +„Ach ja, das fragt nur! Die eine hätte mir fast einen Kuß +gegeben: jene große Schwarze.“ +</p> + +<p> +„Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben!“ +meinte der Advokat. +</p> + +<p> +„Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in +dem alten Karren erzählt worden! Ich möchte wissen, ob die +beiden Nonnen sie schon kannten. Immer lauter haben sie +gebetet, — und seht nur, wie sie laufen!“ +</p> + +<p> +„Wozu müssen diese heiligen Unterröcke immer unterwegs +sein?“ fragte der Advokat. „Auf allen Straßen sieht man +nur sie.“ +</p> + +<p> +Polli raunte: +</p> + +<p> +„Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!“ +</p> + +<p> +Die Gruppe der Bürger schielte zu den Komödianten hinüber. +Der Advokat fand es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, +mit ihnen anzuknüpfen. Der untersetzte Mann +vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, ließ +den Kutscher das Gepäck herabheben. Den übrigen schüttelte +der Baron Torroni die Hände. Er versprach, ihnen seine +Vögel ins Gasthaus zu schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen +und brach sich einen Weg durch die Kinder +und Mägde, die herumstanden. Wie er in seinen Ledergamaschen +auf sein Haus zuging, schlüpfte eine schwarze Gestalt +heraus und in die Kirche. +</p> + +<p> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Mehrere Geschäftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen +zu sehen. Der Kaufmann Mancafede bemühte sich längst +um die seinen. Trotz aller Spätsommerhitze war er in seiner +dicken braunen Jacke. Das gewölbte Auge in seinem alten +Hasenprofil suchte ängstlich und zäh unter den Körben dort +oben. +</p> + +<p> +„Und das Petroleum?“ fragte er gelassen und richtete +seinen trockenen Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat +droben einen erbosten Sprung. Er schrie hinab, für so viel +Mühe sei er nicht bezahlt; diese Fremden hätten Gepäck für +einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit +Leuten und Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch +das Petroleum sein. Und durch den abfälligen Empfang, der +ihm bereitet worden war, noch tiefer gefärbt als sonst, schwenkte +er die ausgebreiteten Arme tobend über der Menge, vor dem +blauen Himmel. +</p> + +<p> +Der Kaufmann prüfte ihn blinzelnd und wandte sich an den +Tabakhändler. +</p> + +<p> +„Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.“ +</p> + +<p> +Der Tabakhändler rötete sich. +</p> + +<p> +„Sagt die Evangelina es?“ +</p> + +<p> +„Ja“, erklärte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit. +</p> + +<p> +„Und dann sagt meine Tochter auch, die Komödianten werden +kommen . . . Das sind sie wohl?“ — und zum erstenmal +schien er sich umzusehen. +</p> + +<p> +„Meine Lina weiß, daß der berühmte Tenor Giordano dabei +ist.“ +</p> + +<p> +Plötzlich drehte der weiß angezogene Alte sich um. Leicht und +doch groß sagte er: „Das bin ich: der Cavaliere Giordano.“ +</p> + +<p> +Ein Augenblick, und der Advokat war über die Hand des +alten Sängers hergefallen. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +„Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch +unserer Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. +Wir verkehrten beide im Café „zur alten Treue.“ Wir +spielten Domino, und ich besiegte Sie immer, Sie zahlten all +meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja, das +sind wohl dreißig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! +Der Ruhm, die Frauen, die großen Reisen! Das nenne ich +Leben. Hier in der kleinen Stadt: — nun, Sie werden uns +kennen lernen; auch wir können lustig sein, auch wir wissen +die Kunst zu schätzen. Meine Freunde werden glücklich sein, +Sie kennen zu lernen.“ +</p> + +<p> +Er winkte sie herbei. +</p> + +<p> +„Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem +Sie die Reise gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anführer +unserer bewaffneten Macht . . .“ +</p> + +<p> +Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretär, vorstellen +zu müssen, griff er aus den Umstehenden einen andern +heraus. +</p> + +<p> +„Herr Chiaralunzi, höchst geschickter Schneider, der im Orchester +das Tenorhorn blasen wird.“ +</p> + +<p> +„Und wie!“ meckerte das hämische Stimmchen des Barbiers +Nonoggi. +</p> + +<p> +Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich +langsam und ehrlich die Fremden an, — und dann verbeugte +er sich mit Wucht, daß die Spitzen seines hängenden, rostroten +Schnurrbartes schaukelten vor dem kleinen unansehnlichen +Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes ihre +Kameraden zusammen flüsterten und lachten, ganz allein; +durch die Taschenwände sah man, daß sie Fäuste machte; und +ihre weit voneinander entfernten Augen gingen kalt über +die wachsende Menge, als prüfte eine Macht die andere. Beim +Anblick des vor ihr gekrümmten Schneiders bekam sie unvermutet +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +ein Kinderlächeln und gab ihm eine kleine graue +Hand. +</p> + +<p> +Darauf schüttelte er die Rechte des alten Tenors, der über +die andern Sänger eine Gebärde beschrieb, ohne daß er dabei +hinsah: wie ein Fürst, der sein Gefolge vorstellt. +</p> + +<p> +„Herr Virginio Gaddi, Bariton.“ +</p> + +<p> +Der untersetzte Mann mit dem Cäsarenprofil mischte sich, eine +Hand in der Hosentasche, unter die Bürger. +</p> + +<p> +„Fräulein Italia Molesin, Sopran.“ +</p> + +<p> +Die derbe Schwarzhaarige lachte mit großen Zähnen allen +zu und stieß dabei kokett mit den Schultern, um den Schal +zurückzuwerfen; denn sie trug einen Schal, wie die Masse der +Mädchen, und keinen Hut. +</p> + +<p> +„Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.“ +</p> + +<p> +Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jüngsten +Mannes sich ihnen zuwenden. Weil es einfach und stark gemeißelt +war, erkannten die am weitesten Entfernten es, reckten +sich und sagten laut: +</p> + +<p> +„O! Ist er schön!“ +</p> + +<p> +Seine Augen dankten ihnen allen, ohne Überraschung und +ohne Eifer, mit ein wenig schwermütigem Spott. +</p> + +<p> +Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mädchen +um, das für sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf +und sagte mit entzückter Stimme: +</p> + +<p> +„Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Fräulein +Flora Garlinda, eine Künstlerin von unermeßlicher Zukunft, +die Hoffnung der lyrischen Bühne Italiens.“ +</p> + +<p> +Dann sah er erwartungsvoll die Bürger an. Der Advokat, +der ihr am nächsten stand, fuhr ein wenig zurück; und dann +huldigte er der Primadonna um so ehrfurchtsvoller, je weniger +er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie, ob sie schon in der +Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krümmte +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er +einen großen Kratzfuß. +</p> + +<p> +„Ein Fräulein wie Sie muß wohl Liebhaber haben, so viele +es nur will.“ +</p> + +<p> +Sie lachte auf und ließ ihn stehen. Er schielte nach rechts +und nach links, ob man es gesehen habe; — aber in diesem +Augenblick schwankte die Menge: jemand teilte sie, mit den +Armen stürmisch über ihren Schultern rudernd. +</p> + +<p> +„Der Maestro!“ +</p> + +<p> +Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war +unter seinem leichten blonden Bart ganz rosig bewölkt, sein +verlegen ehrgeiziges Lächeln zerging manchmal, und dann sah +man, daß er zornig war. Er setzte an: +</p> + +<p> +„Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister +. . . Die von mir engagierten Künstler sind da, und +niemand ruft mich? Herr Advokat, ich muß Sie . . .“ +</p> + +<p> +Der Advokat klopfte ihn auf den Rücken. +</p> + +<p> +„Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als +Vorsitzender des Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen +gesetzt.“ +</p> + +<p> +„Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann führen +doch Sie den Kapellmeisterstab!“ +</p> + +<p> +„Seien Sie gut, Dorlenghi!“ sagte der Apotheker, und Polli, +der Tabakhändler, meinte: +</p> + +<p> +„Das alles ist doch nicht der Mühe wert.“ +</p> + +<p> +Der Musiker warf die Arme noch höher. +</p> + +<p> +„Nicht der Mühe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich +nicht, Sie sind der Cavaliere Giordano, und ich heiße Enrico +Dorlenghi und bin Dirigent einer Dorfkapelle, nichts weiter. +Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten in einem +Winkel der Stadt, wo man nichts hört noch sieht, und habe +an einer Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Kirche aufführen soll. Inzwischen ernten diese Herren die +Frucht meiner Bemühungen; denn ich bin stolz, Sie, Cavaliere, +unserer Bühne gewonnen zu haben, Sie und Ihre Kollegen. +Nicht der Mühe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis +für einen Verbannten, Geopferten —“ +</p> + +<p> +Er ging mit dem alten Sänger um den Postwagen herum; seine +keuchende Stimme versank manchmal, denn das Volk schrie +ihm zu. Viele schrien auf einmal „bravo Maestro!“ andere: +„Seht, er ist verrückt geworden!“ Und die meisten wußten +nicht, wer gemeint war, und riefen „he, Masetti!“ nach dem +Kutscher, der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. +Er saß mit ihnen fest; Jungen krochen zwischen den Beinen +der Menge hervor und kniffen ihn. Er schlug aus . . . Inzwischen +ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch immer +fuchtelnd. Plötzlich stand er vor der Primadonna. Wie der +Cavaliere sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf +einmal verstummt, die junge Sängerin sah aus, als gölte es: +und die Hände, die sie sich hätten reichen sollen, noch in der +Schwebe, traten beide ein wenig zurück. Dann begrüßten +sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem entschlossenen +Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das +Volk gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte: +</p> + +<p> +„Ich würde mich an die ‚Arme Tonietta‘ nicht heranwagen, +hätte ich für die Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Fräulein +Flora Garlinda.“ +</p> + +<p> +Sie lächelte gnädig. +</p> + +<p> +„Auch Ihr Name, Maestro, fängt an, sehr bekannt zu +werden. Noch neulich in Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi +. . .“ +</p> + +<p> +Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte +gingen aus, wie er kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt +Malandrini bot ihr eins seiner beiden Zimmer an. Der +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +große beleibte Mann war lautlos, man wußte nicht wie, durch +das Gedränge gelangt, lächelte breit und glatt und kannte schon +jeden beim Namen. +</p> + +<p> +„Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade muß ich +den Handlungsreisenden haben, der immer herkommt; und +zudem ist ein Fremder da, der nichts tut: sonst würde ich alle +diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber, Fräulein +Flora Garlinda . . .“ +</p> + +<p> +Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus +zu gehen. +</p> + +<p> +„Der Direktor Cremonesi“, sagte angstvoll der Maestro, „gilt +für geschickt.“ +</p> + +<p> +Der Perückenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf +einem Bein und empfahl sich den Künstlern. Er hielt einen +Haubenstock und rief zärtlich: +</p> + +<p> +„O! welch schöne Perücke. Wie sollte einen Mißerfolg haben, +wer solche Perücke trägt!“ +</p> + +<p> +„Was höre ich?“ sagte der Wirt, „der Herr Cavaliere hat +schon bei dem Herrn Gemeindesekretär gemietet? Aber das +Fräulein Italia Molesin? Verständigen wir uns, Fräulein! +Sie sind die Schönste von allen . . .“ +</p> + +<p> +„Sein Urteil zählt“, sagte der Kapellmeister; „ich glaube, +daß er als Bühnenleiter heute —“ +</p> + +<p> +„Und die Herren“, kreischte der kleine Barbier, „bitte ich, +mir nur einmal über die Wange zu streichen und dann zu +sagen, ob man vermuten würde, daß dort je ein Bart gewachsen +ist. So rasiere ich!“ +</p> + +<p> +„Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das +Fräulein Italia und der Herr Nello,“ rief der Wirt, „das sind +die geehrten Gäste der Herberge „zum Mond“. Masetti, das +Gepäck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!“ +</p> + +<p> +Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +betastete, den Fächer um den Kopf. Dazu lachte sie mit +ihrer dicken Kehlstimme. +</p> + +<p> +„Ei seht, die Lustige!“ schrie es. „Ist sie sympathisch!“ +</p> + +<p> +„Aber seht das böse Gesicht der andern! Kann man so böse +sein! Sie wird die Hexen spielen;“ — und die Frauen traten +ganz dicht an die Primadonna hinan und starrten ihr tierisch +feindselig in die Augen. +</p> + +<p> +„Ich werde dich nicht heiraten“, erklärte Alfò, der Sohn des +Caféwirts, mit seinem törichten Lächeln. Sie betrachtete ihn +ohne Spott, die Hände in den Manteltaschen. +</p> + +<p> +„Und ich dich nicht, du Schöner!“ +</p> + +<p> +„Er ist nicht mehr schön“, sagte eine Frau und schlug sich auf +die Brust. „Der Schöne ist jetzt euer Tenor.“ +</p> + +<p> +„Man würde sagen, ein junger Heiliger!“ +</p> + +<p> +„Wäre er mein Sohn! Mein Sohn ist häßlich und schlägt +mich.“ +</p> + +<p> +„Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich küssen.“ +</p> + +<p> +„O du Schamlose!“ +</p> + +<p> +Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige. +</p> + +<p> +„Bravo!“ sagten Männerstimmen. „Sie sind verrückt, die +Weiber.“ +</p> + +<p> +„Aber auch ich würde mich verlieben!“ rief der biedere Baß des +Apothekers Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen +Seiten und weithin, verstört, selig, im Ton des Träumens: +</p> + +<p> +„Ah! seine Augen. Er sieht mich an!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten +wie auf der Bühne, wenn der Beifall nur ihm galt; +und die Arme verschränkt, die Schultern hinaufgezogen, führte +er sein leichtes und dennoch beschattetes Lächeln über die Gesichter +der Menge. Sie antwortete: +</p> + +<p> +„Es lebe der Gennari!“ +</p> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +Die Jungen kreischten: +</p> + +<p> +„Er lebe!“ — und ein Händeklatschen, irgendwo ausgebrochen, +griff um sich, sprang über den Platz. +</p> + +<p> +Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und +wie vom Turm nun das Ave stieg, wendeten alle sich ab. +Die Menge entfaltete, auseinanderrauschend, zwei weite Flügel; +zwischen ihnen, am Ende einer stummen Gasse von Menschen, +lag vor dem jungen Sänger die kahle Kirchenmauer. +Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen +Klänge der Höhe; unten das Staunen der Stille: und da ging +dorthinten im Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in +Schwarz entlang. Sie war klein und schlank, ging vor Eile +ein wenig geneigt; und in dem schwarzen Schleier, den die letzte +Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein weißes, weißes +Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie langte +beim Portal an, stieg zwischen den Löwen hinauf, und schon +schwamm vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot +und besonnt, ihr großer Haarknoten, — da wendete sie +sich um, ganz um und sah von oben die Menschengasse hinab. +Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschränkt, und +sein wankendes Lächeln suchte in den Schleier einzudringen, +zu jenem verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . +Ein Augenblick, dann endete das Läuten, die Menge schloß +sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der Tenor all die Gesichter +zurückgekehrt, die er vergessen hatte. +</p> + +<p> +Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte: +</p> + +<p> +„Ich war im Ort umher, nach Wohnungen für uns. Wer sich +begnügt, zahlt wenig.“ +</p> + +<p> +„Gaddi, wer war jene Frau?“ +</p> + +<p> +„Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er +verliert seine Zeit nicht.“ +</p> + +<p> +„Wer war sie?“ +</p> + +<p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +„Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: +ich bin ein Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die +Meinen hier sein, vier Köpfe, und es heißt ihnen Obdach schaffen. +Ich suche einen gewissen Savezzo, der Zimmer haben soll.“ +</p> + +<p> +„Nichts gesehen! Und du mußt — nein bleibe! Dies ist +wichtig: ganz nahe mußt du an ihr vorbeigekommen sein.“ +</p> + +<p> +„An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, +Nello, wirst glücklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. +Gehab dich wohl.“ +</p> + +<p> +Und der Mann mit dem Cäsarenprofil nahm gesetzten Schrittes +seinen Weg wieder auf. Der Tenor drang planlos in die +Menge ein. „An ihr vorbeikommen“, dachte er. „Niemals +werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn ich sie wiederfinde, +werde ich sie lieben: immer, immer.“ Da schlug ein riesiger +Federfächer ihm eine parfümierte Luft ins Gesicht. Mama +Paradisi, flankiert von ihren beiden Töchtern, versperrte dem +jungen Manne den Weg. +</p> + +<p> +„Das ist er!“ flüsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend +an aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, ließen +die Fächer ruhen und die durchsichtigen Blusen sich heben +und quellen. Der junge Mann hatte, bevor ers wußte, entgegenkommend +gelächelt. Mit Stimmen wie Federkissen versicherten +sie ihm, daß sie um seinetwillen ins Theater zu gehen +gedächten. +</p> + +<p> +„Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht +laut klatschen, uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?“ +</p> + +<p> +Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit +tiefen Blicken in alle drei Augenpaare. +</p> + +<p> +Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. +Dahinten, wo ein Paar wachsblasser Hände durch die +Luft schwangen, brach ein hohes, zorniges Jammern an. +</p> + +<p> +„Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Gesindel, den Komödianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch +am Schwanze Satans fest, um desto sicherer zur Hölle zu +fahren.“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt“, sagte jemand, und +der Tenor sah in ein Gesicht voll künstlich verwirrter Locken, +mit einer pockennarbigen Nase und einem linken Auge, das +nicht stillhielt. +</p> + +<p> +„Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. +Übrigens bin auch ich ein Künstler, wir werden uns +schon verstehen.“ +</p> + +<p> +Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. „Was wollten sie +von mir, diese Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer +gehe ich ihnen auf den Leim. Es fängt an, mich zu ekeln . . . +Aber sie? Wer war sie?“ +</p> + +<p> +„Hören Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .“ +</p> + +<p> +Aber die schwache wütende Stimme, die Stimme jener in +der Luft stehenden, rückwärts gekrampften Hände fuhr dazwischen; +sie klang, als rennte sie in einem hektischen Ansturm +alles nieder. +</p> + +<p> +„Fort mit ihnen, ehe es zu spät ist! Sonst frißt die Sünde um +sich, ihr verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen +haben! Und verdammt sei, wer sie bei sich aufnimmt!“ +</p> + +<p> +Mehrere Frauenstimmen antworteten: +</p> + +<p> +„Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der +Herr Gaddi . . .“ +</p> + +<p> +„Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, +wer war sie?“ +</p> + +<p> +„In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .“ +</p> + +<p> +„Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.“ +</p> + +<p> +„Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Priester schreit! und immer dasselbe, man versteht einander +nicht.“ +</p> + +<p> +„Sehr schlank, von sehr weißer Haut“, sagte flehend der Tenor. +Die Miene des andern blieb verschlossen. Plötzlich wendete +er sich ab und machte zwischen den Zähnen „oho!“ +</p> + +<p> +„Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! +möchte doch der Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, +ihr Blinden!“ +</p> + +<p> +Und die Hände dort über den Köpfen schienen mit dem Himmel +zu ringen in letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim +Sterben. +</p> + +<p> +„Solch ein Fanatismus wirkt abstoßend“, sagte der Advokat +Belotti erstickt. „Die Damen zweifeln doch nicht, daß uns +trotz diesem traurigen Herrn aus der Sakristei sehr wohl bekannt +ist, was wir der Kunst schulden. Ich für meinen Teil +werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Fräulein +Flora Garlinda, mein Haus zur Verfügung zu stellen.“ +</p> + +<p> +Die Primadonna erwiderte: +</p> + +<p> +„Ich danke Ihnen. Aber es würde sich für mich nicht ziemen.“ +</p> + +<p> +Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor. +</p> + +<p> +„Wenn das Fräulein denn zu einem Junggesellen nicht +gehen will: ich bin verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare +Familie, und wir wissen wohl, daß die Kunst und das Laster +zweierlei ist . . .“ +</p> + +<p> +„Romolo!“ rief es sehr scharf hinter ihm. +</p> + +<p> +„Meine Liebe?“ — und die Stimme des alten Kriegers versuchte +tapfer zu bleiben. +</p> + +<p> +Plötzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam +Risse; einige Jungen liefen heulend davon. +</p> + +<p> +„Der Priester hat sie ins Gesäß getreten“, sagte der Advokat. +„Er geht zu Gewalttaten über. Soll man seine Kinder von +diesem Elenden mißhandeln lassen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers +Nonoggi zurück. Der Apotheker war fort und viele der +nächsten hatten sich unauffällig in das gelichtete Volk gemischt. +Vor den Sängern lag ein freier Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi +durchmaß ihn allein. Er trat vor die Primadonna hin; +aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend, als +wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu +sprechen. Er rieb seine großen weißen Hände mit den Ballen +aneinander, und sein Lanzknechtschnurrbart schaukelte. +</p> + +<p> +„Weil nämlich doch das Fräulein, wie es heißt, die einzige +unter den Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl +ich natürlich nicht würdig bin, aber was meine Frau +kocht, läßt sich essen, denn sie kocht auf Genueser Art, denn sie +hatte eine Tante in Genua . . .“ +</p> + +<p> +„Und ich soll bei Ihnen wohnen?“ +</p> + +<p> +„Ja, Fräulein, ja, das wollte ich sagen.“ +</p> + +<p> +„Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei +mir habe.“ +</p> + +<p> +Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, +wie auf einen Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und +schnellen Person her über den Platz, von dem das Volk ablief. +</p> + +<p> +„Freilich blase ich das Tenorhorn“, sagte er. „Doch werde ich, +um dem Fräulein nicht lästig zu fallen, damit auf die Akropolis +steigen.“ +</p> + +<p> +„Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro +übt euch?“ +</p> + +<p> +„O! mich braucht er nicht zu üben. Denn ich selbst bin Chef +einer kleinen Bande und spiele des Sonntags in den Dörfern. +Man lebt, wie man kann. Wäre nur nicht die schlechte +Konkurrenz! Denn das Fräulein hat wohl gehört, was der +Barbier Nonoggi über mich sagte. Denn er ist mein Feind. +Denn auch er hat solch eine kleine Bande . . .“ +</p> + +<p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +„Aber der Maestro, wie ists mit ihm?“ +</p> + +<p> +„Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium +studiert.“ +</p> + +<p> +„Ah, er hat studiert.“ +</p> + +<p> +„Er ist ein sehr großer Musiker und ein guter Mann.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht ist er ein sehr großer Musiker, — aber ein guter Mann? +Er hat mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem +andern etwas gönnt. Ich würde ihm nicht zu sehr trauen.“ +</p> + +<p> +Überrascht wandte sich der Schneider um und spähte von +seiner Höhe nach dem Gesicht, das solche ungeahnte Dinge +sprach. Sie nickte ihm so fest und streng in die Augen, daß ihm +ein Schauer über den Nacken lief. +</p> + +<p> +„Wenn das Fräulein meint“, sagte er gehorsam. „Man kennt +die Menschen niemals ganz. Einst, beim Militär, hatte ich +einen Freund . . .“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Sie betraten die Gasse der Hühnerlucia. Der Platz blieb +fast leer zurück. Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von +Frauen zerteilt: „Kommt essen!“ und ringsum in die Dunkelheit +getrieben. Ein Alter trippelte nach dem Rathaus, zündete +zwei Öllampen an und machte sich quer über den Platz +an die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom +gelangte er nicht: der Tenor Nello Gennari war plötzlich da +und erschreckte den Alten. +</p> + +<p> +„Hört! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr müßt mir sagen, +wer jene schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave +läutete, in den Dom.“ +</p> + +<p> +Da der Alte nur grinste: +</p> + +<p> +„Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas +Unbegreifliches. Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, +und niemand hat sie gesehen. Gute Nacht, Alter, die ganze +Welt ist stumm.“ +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der +Domtür, glitt hinein. +</p> + +<p> +„Wenn sie noch da wäre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht +aber war sie ein Gesicht und nur ich hatte es?“ +</p> + +<p> +Die schattigen Räume mit dem Blick durchirrend: +</p> + +<p> +„O Alba! Süßes Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe +dich. Wenn ich dich finde, will ich in dir verbrennen. Soll +ich niemals lieben? Ich hasse die Weiber, die ich gehabt habe. +Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich lieben, o Alba, immer, +immer.“ +</p> + +<p> +Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, +ging beim Glockenturm, wo es am dunkelsten war, +irgend etwas hin und her, langsam immer hin und her. Der +Tenor machte sich rasch herzu. +</p> + +<p> +„Heda, guter Mann, sagt doch . . .“ +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen. +</p> + +<p> +„Verzeihen Sie, Herr . . .“ +</p> + +<p> +Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte +er in einer Welt von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte +und die doch nur ihm galten. Diese Stadt und das +Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem zum +andern als einziger Fühlender zwischen verzauberten Steinen +und fragte nach der wunderbaren Frau. +</p> + +<p> +„Ich wollte nur . . .“ stammelte er. „Mein Herr, ich bin +fremd hier.“ +</p> + +<p> +„Man weiß“, sagte der Kaufmann. „Der Herr ist einer der +Komödianten.“ +</p> + +<p> +„Sie werden auch begreifen, mein Herr, daß man in meinem +Alter nicht immer . . . daß man . . . O, mein Herr, sie ging +in den Dom.“ +</p> + +<p> +„Ah! in den Dom ging sie.“ +</p> + +<p> +„Sie kennen sie?“ +</p> + +<p> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +„Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefällig zu sein, will +ich mich bei meiner Tochter erkundigen.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen . . . O!“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, +wer diese Tochter sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. +Er ließ geschehen, daß die Schleier der Verzauberung wieder +heraufstiegen. Mit beiden Händen umfaßte er seine Schläfen, +tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz. +</p> + +<p> +„O Alba! Süßes Morgenlicht!“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann kehrte zurück. +</p> + +<p> +„Meine Tochter weiß wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es +Ihnen nicht.“ +</p> + +<p> +„Warum nicht?“ +</p> + +<p> +„Meine Tochter wird auch das wissen.“ +</p> + +<p> +„Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, +noch in der Domtür, und sah mich an, mich allein.“ +</p> + +<p> +„Sie hat Sie also angesehen.“ +</p> + +<p> +Der junge Mann stampfte auf. +</p> + +<p> +„Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre +Tochter! Aber sie weiß gar nichts, Ihre Tochter!“ +</p> + +<p> +„Oho!“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann verlor seine Trockenheit. +</p> + +<p> +„Wenn meine Tochter nichts weiß, dann haben Sie geträumt, +junger Mann, und es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, +das weiß sie auch.“ +</p> + +<p> +„Warum sagt sies also nicht?“ +</p> + +<p> +„Soll sie jener Unglücklichen einen Menschen schicken, der sie +verführt? Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen für +dergleichen. Aber wissen: o, sie weiß alles.“ +</p> + +<p> +„Mein Herr“ — und Nellos Stimme schmeichelte. „Hier habe +ich einen schönen Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden +den Wert dieses Rubins zu bestimmen verstehen. Wissen Sie, +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Für den Namen, mein +Herr, für den Namen!“ +</p> + +<p> +„Lassen Sie doch sehen!“ +</p> + +<p> +Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter +die Lampe vor dem Dom. Plötzlich sah er auf, mit schwarzen +Runzeln über die Hornränder seines Klemmers hinweg. +</p> + +<p> +„Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger +Mann?“ +</p> + +<p> +Nello errötete tief, zog den Finger zurück und machte sich mit +einem Gemurmel davon. +</p> + +<p> +„Ich bin ihrer unwürdig! Noch trage ich den Ring von der +Frau des Juweliers!“ +</p> + +<p> +Und er suchte Dunkel auf. +</p> + +<p> +Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, über den Platz +und zum Tor stürmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in +Papierdüten. Alle schrien: +</p> + +<p> +„Sie kommen! Es kommen noch mehr!“ +</p> + +<p> +Sogleich klappten ringsum Fensterläden an die Mauern, und +Licht fiel herab. Die Häuser begannen sich wieder zu leeren +von Neugierigen, die noch die Münder wischten. Alle +sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die Arme +nach dem Tor und lärmten mit. Denn immer lauter ward +dorthinten das Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln +auf Holz, das Singen . . . Und mit Rasseln, Knallen +und Gebell und umtollt von den Windlichtern der Jungen, +brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen +herein — niemand begriff etwas vor Buntheit — fuhr mitten +auf den Platz und war da. Schon standen, rückwärts gebogen, +junge Leute darum her und breiteten Arme aus, lauter Arme, +die sich wiegten; — und auf allen Seiten des hohen Stellwagens +blähten bunte Röcke und Blusen sich auf, wie die Mädchen +hinab in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +darauf los, als sei ringsum Wasser. Dann kletterten die +Männer herab. +</p> + +<p> +„Die Choristen sind gekommen!“ rief man den Häusern hinan; +und die noch droben waren, stiegen auf den Platz. Im +Café ward es ganz hell. Der Konditor Serafini im Corso +mußte seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn der +Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedränge. Der +Advokat Belotti wand sich hindurch, er keuchte. +</p> + +<p> +„Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.“ +</p> + +<p> +„Wir sind das Komitee“, heulten die Jungen ihm nach. +</p> + +<p> +Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste über +den Köpfen. Der Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo +riefen ihren Freunden zu, die Musikinstrumente zu +holen. +</p> + +<p> +„Gott! Hilf noch dies eine Mal!“ schrie eine Alte, die erdrückt +ward; und die Frau des Kirchendieners Pipistrelli: +</p> + +<p> +„Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir +Sünder!“ +</p> + +<p> +Im Café „zum Fortschritt“ stand man Fuß an Fuß. +</p> + +<p> +„Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch!“ riefen die vordersten; +aber der Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt +und durfte nicht einmal seinen Bauch darüber wegstrecken. +Die gefüllten Gläser, die er hinhielt, reichte einer dem andern. +Er kam ins Feuer und verkündete dröhnend: +</p> + +<p> +„Für drei Konsumationen eine umsonst!“ +</p> + +<p> +Draußen ließ sein Sohn, der schöne Alfò, sich vom Gewühl +umherwerfen und konnte nicht mehr zurück. Er lächelte +töricht, sooft ihm eine Frau begegnete; aber wie er der kleinen +Rina, der Magd des Tabakhändlers Polli, einen Kuß zuwarf, +ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand +getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +schon im Gäßchen der Hühnerlucia, und im Dunkeln auf seine +Lippe biß. Der schöne Alfò entschuldigte sich freundlich. +</p> + +<p> +„Das kommt von all den Mädchen, die hier sind, mein Herr. +Man hat so viel zu tun, wenn man schön ist.“ +</p> + +<p> +Der Tenor sah ihn an. +</p> + +<p> +„Es muß ein gutes Leben sein,“ sagte er auflachend, „wenn +man schön ist.“ +</p> + +<p> +„Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, +und ich werde doch nur die Schönste heiraten: Alba Nardini, +die schöne Alba.“ +</p> + +<p> +„Wie heißt sie, die Schönste?“ +</p> + +<p> +Da brach die Musik los, als börsten alle Hörner. +</p> + +<p> +„Sie heißt Alba? Reden Sie doch!“ +</p> + +<p> +Der schöne Alfò nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn +weiter. Alles stürzte vor. Um die Musik her begann ein +Drehen: die Stadt tanzte. Sie lärmte in der Nacht, war +bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im Nacken, +mit von sich gestreckten und gerungenen Händen, ganz langsam +in die Gasse der Hühnerlucia hinein. +</p> + +<p> +„Sie heißt Alba!“ +</p> + +<p> +Plötzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte +schwarze Mauer und weinte über das Wunder. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +II +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span>m fünf, bevor es heiß ward, machte der Advokat Belotti, +schon im schwarzen Rock, der hinten spitz abstand, seinen +Morgenspaziergang. Wie gewöhnlich wollte er, um auf die +Straße zu gelangen, durch den Garten des Palazzo Torroni +hinabsteigen; hinter einer Säule im Flur kam aber Saverio +hervor, der Hausmeister, Kammerdiener und Gärtner, und +stellte die Hand an den Mund. +</p> + +<p> +„Herr Advokat!“ +</p> + +<p> +„Was gibt es, Saverio?“ +</p> + +<p> +Da der Diener flüsternd sprach, tat auch der Advokat es. +</p> + +<p> +„Der Herr Baron ist die Nacht draußen gewesen. Noch immer +ist er draußen.“ +</p> + +<p> +„Ah! diese Jäger. Die Jagd, mein Freund, ist eine Leidenschaft, +die einen Mann ganz hinnimmt. Wenn ich Ihnen von +mir selbst sprechen soll . . .“ +</p> + +<p> +„Aber es handelt sich nicht um Jagd, Herr Advokat. Er ist +ins Gasthaus „zum Mond“ gegangen und noch nicht wieder +herausgekommen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat öffnete den Mund und erhob den Zeigefinger. +</p> + +<p> +„Schau, schau“, sagte er, — und er begann zu lachen, zuerst +ein lautloses Lachen und dann wie ein heiser rasselndes, woraus +Husten und Speien ward. Als er zur Ruhe kam, mit +aufgerissenen Augen: +</p> + +<p> +„Werden wir einen Skandal haben, Saverio?“ +</p> + +<p> +Und er bot dem Diener die Zigarettenbüchse. +</p> + +<p> +„Die Frau Baronin schläft. Ich habe im Schlafzimmer des +Herrn alles umhergeworfen, als sei er früh aufgebrochen, +und ich habe die Nacht bei der Haustür verbracht.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie nicht wären, Saverio! Möchte ers nicht zu weit +treiben und heimkehren, bevor alle auf der Straße sind. +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Ich gehe, damit uns niemand beisammen sieht. Jetzt ist +tiefes Schweigen geboten, Saverio.“ +</p> + +<p> +Rückwärts machte der Advokat sich aus dem Hause. Den Morgenspaziergang +hatte er vergessen; der Schauplatz des Außerordentlichen +verlangte seine Gegenwart. Hinter ihm, im Corso, war ein +eiliger Schritt: Don Taddeo. Der Advokat grüßte herzhaft. +</p> + +<p> +„Ein schöner Morgen, wie, Reverendo?“ +</p> + +<p> +Der Priester sah ihn an mit ganz roten Augen, zog die +Soutane enger um seinen mageren Körper, als fürchtete er +eine Berührung, und — klapp, klapp — war er um die Ecke. +Der Advokat starrte hinterher. +</p> + +<p> +„Kaum daß er an die Kappe gegriffen hat. Weiß er —? +Und er steckt mit der Baronin zusammen. Wir werden einen +Skandal haben.“ +</p> + +<p> +Ungewöhnlich belebt, schwänzelte er den noch stillen Corso +hin und drückte sich, dem letzten Domfenster gegenüber, +plötzlich um die Ecke, wo es abwärts zum Gasthaus ging. +Nun lag es da, noch halb schlafend, beim Rinnen des +Brunnens, an seinem kleinen strohbesäten Platz, mit den +Ställen links, der Weinlaube drüben, — und im zweiten +Stock stand ein Fenster offen. „Sieh da,“ sagte sich der +Advokat, „sie lieben die frische Luft. Aber jetzt wäre es Zeit, zu +erwachen.“ Er bückte sich nach einem Steinchen und warf es, +heftig keuchend, ins Fenster. „Sie scheinen recht sehr ermüdet +und werden auch wissen, wovon.“ Wie er das zweite Steinchen +auflas, erschien unter dem Haustor neben dem Wirt Malandrini +der Baron Torroni selbst. Er war wie immer im +braunkarierten Jagdanzug, mit der Flinte über der Schulter, +und stürzte sich schon ein großes Glas Wein in den Schlund. +</p> + +<p> +„Ah!“ rief der Advokat sogleich. „Herr Baron, was für +eine schöne und gesunde Beschäftigung ist die Ihre! Wäre +ich nicht an meine Studierstube gefesselt —. Und wohin geht +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +es an diesem glänzenden Morgen? Aufs Feld, nach Lerchen? +Wohl gar ins Gebirge gegen den Eber?“ +</p> + +<p> +„Ich bin gekommen,“ erklärte der andere, „um den jungen +Mann abzuholen, der hier wohnt: diesen Sänger —“ +</p> + +<p> +„Den Herrn Gennari“, ergänzte der Wirt. „Ich werde Sorge +tragen, daß er den Herrn Baron nicht warten läßt. Bemühen +Sie sich nicht!“ +</p> + +<p> +„Er hat mir versprochen, sogleich fertig zu sein. Inzwischen +gehe ich voran.“ +</p> + +<p> +Er drückte dem Advokaten die weiche Hand und verschwand +rasch. +</p> + +<p> +Der Wirt räusperte sich vorsichtig. +</p> + +<p> +„Sehen Sie das offene Fenster?“ +</p> + +<p> +Der Advokat zwinkerte. +</p> + +<p> +„Er ist gar nicht zu Hause gewesen“, sagte der Wirt. „Er ist +überhaupt nicht heimgekommen.“ +</p> + +<p> +„Ah! dann ist es also nicht dieses Zimmer?“ +</p> + +<p> +Malandrini zwinkerte. +</p> + +<p> +„Das ist das andere, daneben. Das Fräulein schläft jetzt +weiter.“ +</p> + +<p> +„Es scheint, sie hat es nötig. Ah! dieser Baron.“ +</p> + +<p> +„Ein richtiger Edelmann“, bemerkte der Wirt. +</p> + +<p> +Sie sahen sich an, leise funkelnd. +</p> + +<p> +„Und der andere?“ begann der Advokat wieder. „Der Komödiant? +Auch er ist draußen? Da gibt es vielleicht etwas noch +Stärkeres? Mein Freund, mir beginnt zu ahnen, daß wir +Dinge erleben werden in der Stadt —“ +</p> + +<p> +Der Wirt seufzte. Dann aber, mit Händereiben: +</p> + +<p> +„Das Gute ist dabei, daß wir ein wenig Bewegung herbekommen . . . +Entschuldigen Sie mich, ich decke lieber gleich +selbst in der Laube die Tische. Meine Frau wird erst spät +herunterkommen. Sie schläft noch, denn ihr ist etwas Außerordentliches +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +zugestoßen. Wie ich die Augen öffne und sie +vergeblich an meiner Seite suche, tritt sie ins Zimmer, sieht +verwacht aus und erklärt mir, daß die Seele ihres Vaters sie +hinausgerufen habe. Die Seele habe verlangt, daß ich nicht +geweckt werde. So viel Rücksicht!“ +</p> + +<p> +„Das ist der Aberglaube der Frauen“, sagte zornig der Advokat. +„Wie lange noch werden wir ihre Erziehung den Nonnen +überlassen! Sie glauben doch nicht an diese alberne Geschichte, +Malandrini?“ +</p> + +<p> +„Wie werde ich. In den Frauen geht manches vor, was wir +nicht kennen. Man muß Geduld haben.“ +</p> + +<p> +„Aber sagen Sie doch, dieses Mädchen! Gleich die erste Nacht! +Hätten Sie das etwa geglaubt, Malandrini?“ +</p> + +<p> +„Warum nicht?“ — und der Wirt fuhr auf. „Ist das Gasthaus +„zum Mond“ denn ein Kloster? Und übrigens, was +weiß man. Nur was Sie erzählen, Advokat.“ +</p> + +<p> +„Oh!“ +</p> + +<p> +Der Advokat legte die Hand aufs Herz. +</p> + +<p> +„Dieser Priester scheint gewußt zu haben,“ sagte er noch und +drehte nachdenklich von dannen, „warum er die Komödianten +nicht zu seinen Schäfchen hineinlassen wollte. Man muß zugeben, +daß seinesgleichen sich auf Menschen versteht.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie auf die Straße?“ rief Malandrini ihm nach. +„Dann benutzen Sie doch die Gartenpforte!“ +</p> + +<p> +„Sie haben recht“ — und der Advokat kehrte um. „Man +muß bei seinen ruhigen Gewohnheiten bleiben. Seit siebenundzwanzig +Jahren habe ich meinen Morgengang nicht sechsmal +versäumt, und ich hoffe ihn noch weitere siebenundzwanzig +Jahre zu machen.“ +</p> + +<p> +Hinter dem Hause ging er den Weinhügel hinab, erreichte +drunten die Straße — noch übergitterten die Schatten der +Platanen sie dicht — und nahm den Hut ab, um sich zu +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +trocknen. „Ah, hier atmet man. Solche Luft haben sie nicht +in den großen Städten, unsere braven Künstler . . . Der +Baron weiß diese Weiber zu nehmen, wie es scheint. Man +sagt, daß er als Offizier —. In Rondone soll er ein Kind +haben . . . Aber schließlich, was ist dabei? Alles wohl bedacht, +könnte es sein, daß auch ich —. Der Junge der Andreina, +mag sie es mit der Treue auch niemals genau genommen haben, +der Junge wird mir jedes Jahr ähnlicher . . . soweit ein Bauer +mir ähneln kann. Damals warf ich die Andreina einfach in das +Korn. Mit der Komödiantin muß man es ebenso machen.“ +</p> + +<p> +Er hielt an, sah angstvoll umher, wie nach einem passenden +Platz, und trocknete sich nochmals. Unter der Straße stiegen +die Ölbäume, schwachsilbern, die Erdstufen hinab und setzten +über den Fluß, der um ihre dunkeln Wurzeln glänzende Schleifen +wand. Die letzten dahinten und die weißen Gehöfte zwischen +ihnen schienen vom Meer bespült: so tief blaute schon +die heiße Ebene. Über ihm blickte dem Advokaten die Stadt +nach, aus blinkenden Scheiben, Mauern, die zwischen zwei +Zypressen ein wenig klafften, und ganz schwarzen Torbogen. +„Wo dieser Tenor steckt! Denn sagen wir nur die Wahrheit: +in einem Winkel der Stadt wird er wohl die Nacht verbracht +haben. Zu denken, daß er bei der Frau eines meiner Freunde +ist, — der einen sehr guten Schlaf haben muß. Sollte es +nicht der Polli sein, mit seinem Schnarchen? Vergangenen +Herbst hat er sogar beim Erdbeben weiter geschnarcht! Vielleicht +läßt sichs ihm ansehen. Das müßte man einem Manne +doch ansehen! Eh, eh, es hat sein gutes, als Junggeselle zu +leben. In jedem der Häuser dort oben kann jetzt der Komödiant +seine Dinge treiben: nur in meinem treibt er sie sicher +nicht . . . Und beim Camuzzi? Wie steht es beim Camuzzi?“ +Das aufgeblühte Gesicht des Advokaten fiel ein, da er an +seinen Feind, den Gemeindesekretär dachte. +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +„Er verdient es wie kein zweiter, dieser Ignorant, dieser Unverschämte! +Ah! setze noch einmal dein höhnisches Lächeln +auf, Freund, — und aus deiner Stirne sieht man es indessen +keimen!“ +</p> + +<p> +Der Advokat tat einen tiefen, glücklichen Atemzug. +</p> + +<p> +„Das ist wirklich ein sehr schöner Morgen.“ +</p> + +<p> +„Aber leider“, bemerkte er dann, „scheint diese kleine Frau +Camuzzi zufrieden. Dem Severino Salvatori, der sie in +seinem Korbwagen umherfahren wollte, hat sie geantwortet: +nicht einmal über den Platz bis vor die Domtür! Und doch +sollte ihre Mutter dabei sein. Aber die Camuzzi ist bescheiden +und stolz, sieht niemand an, geht immer nur zur Kirche. Nicht +viel, und sie gehört zu der Garde des Don Taddeo . . . Nein,“ +mußte der Advokat erkennen, „von ihr läßt sich nur wenig +hoffen.“ +</p> + +<p> +Er richtete sich sogleich wieder auf. +</p> + +<p> +„Aber auch andere wären nicht zu verachten, und ich meinesteils +hätte nichts dagegen, wenn die Frau des Doktors —. +Ah! die da ist eine Lasterhafte: das fühlt man. Denn erstens +ist sie zu dick, um tugendhaft zu sein. Und hat sichs erst gezeigt, +daß sie dem Komödianten Gefälligkeiten erweist: — +denn was ist der Komödiant und sind andere etwa weniger +gut? Wenn ichs recht bedenke, hatte ich in betreff ihrer schon +längst meine Vorsätze gefaßt. Ihr Gatte soll sehen, daß der +Zucker, den er bei mir feststellen wollte, so etwas nicht verhindert. +Zucker, wenn noch so wenig, bei einem Mann wie +mir! Und ich soll etwas dagegen tun! Der Doktor wird +sehen, was ich tue! Ah! Ah!“ +</p> + +<p> +Er rieb die Hände, schwenkte sich herum und lachte keuchend +nach der Stadt hinauf. Dann fiel er in Nachdenken: sie +sah ganz anders aus. Noch gestern hätte man manches nicht +für möglich gehalten. Natürlich gab es in ihr die Dinge, +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +die es überall gibt. Abgesehen von dem Hause in der Via +Tripoli: auch die Wäscherinnen auf dem Bäckerberg kannte +jeder; und der Advokat war persönlich besonders gut unterrichtet +über die Witwe eines städtischen Zollbeamten, die vorgeblich +Hüte aufputzte. Ferner bestanden die Gerüchte bezüglich +der Mama Paradisi und des alten Mancafede; neuerdings +und halblaut auch die über Frau Malandrini und den +Baron Torroni, — die der Advokat seit heute früh für unwahrscheinlich +hielt. Jetzt aber handelte es sich nicht mehr +um die oder jene. Kaum eine blieb, nun der Komödiant umging, +noch unerreichbar; und das Prickelndste wäre vielleicht +dennoch gewesen, wenn im selben Augenblick, wo der Baron +Torroni seine Frau mit jenem Mädchen hinterging, die Baronin +es ihm mit dem Tenor vergolten hätte! Der Advokat ward +erfinderisch, sein Geist schweifte aus und verwandelte die Stadt +in sein freies Jagdgebiet. Dem Komödianten folgte er selbst +auf dem Fuße, in jedes Schlafzimmer. Vor dem der Baronin +hatte er eine alte Scheu zu überwinden; aber dann hüpfte +er, mit einem Schnippchen, auch über diese Schwelle. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Von seiner Phantasie verjüngt, war er dahingeeilt, ohne zu +merken, wie seine Arme ruderten und wie es unter seiner +Perücke hervortroff. Auf einmal, schon hinter dem öffentlichen +Waschhause und auf halbem Weg nach Villascura, sah +er sich dem Komödianten gegenüber: ihm selbst. Jener grüßte +und wollte langsam vorbei; aber der Advokat fuhr auf, nach +Luft schnappend. +</p> + +<p> +„Das ist doch . . . da sind Sie: also, da sind Sie.“ +</p> + +<p> +„Da bin ich, zu Ihrer Verfügung“, bestätigte der Tenor. +</p> + +<p> +„Das heißt,“ — und das lederfarbene Gesicht des Advokaten +ging in ein zynisches Lächeln auseinander, „wer weiß, zu +wessen Verfügung Sie hier sind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +„Was wollen Sie sagen?“ fragte der junge Mann. Unvermittelt +ward er drohend aussehend. +</p> + +<p> +„Nichts, o nichts. Sie gehen spazieren, wie ich bemerke, +Herr Gennari. Sie sind früh auf. Ich habe, müssen Sie +wissen, die kleine Eitelkeit, jeden Morgen der erste draußen +zu sein: aber was tut es einem Manne Ihres Alters, auch +einmal um fünf das Bett zu verlassen, wo er eine glänzende +Nacht verbracht hat.“ +</p> + +<p> +„Meine Nacht“, sagte der Tenor mit feindseliger Zurückhaltung, +„war sehr wenig glänzend. Gestern abend empfand +ich ein Bedürfnis spazieren zu gehen und wich dabei von der +Straße ab. Dann bedeckte sich, wie Sie wissen, der Himmel, +ich fand nicht mehr zurück und habe irgendwo dort unten in +den Weinfeldern mich schlafen gelegt. Sie sehen die Erde an +meinen Kleidern.“ +</p> + +<p> +Der Advokat wandte ihn um und musterte alles. +</p> + +<p> +„Das ist erstaunlich.“ +</p> + +<p> +Darauf machte er eine gleichgültige Miene. +</p> + +<p> +„Sie haben also ausgeruht. Dann schlage ich Ihnen vor, mich +zu begleiten. Ich zeige Ihnen unsere Gegend, mein Herr. +An Villascura werden Sie vorbeigekommen sein, wie?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, mein Herr, was Sie meinen. Ich sagte +Ihnen schon, ich war dort unten.“ +</p> + +<p> +Der Advokat sah ihn vorwurfsvoll an, zog schweigend einen Taschenspiegel +heraus und hob ihn vor das Gesicht des andern. +</p> + +<p> +„Was soll das?“ fragte der Tenor, aber er sah hinein, — und +er fand seine Augen darin noch finsterer, als er sie gewollt +hätte, denn sie waren umrändert und das Gesicht sehr blaß. +Aus seiner körnigen Marmorblässe war die Wärme gewichen, +und die schwarze Haarwelle über der Stirn, die Barren der +Brauen, der dickrote Mund sprangen gewaltsam hervor aus +dem grellen Weiß. +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +„Ich sage nicht,“ erklärte der Advokat, „daß es Ihnen schlecht +stehe, übernächtig auszusehen. Der Schönheit von euch +Jungen schlagen die Strapazen eurer Nächte gut an. Wehe +uns reifen Männern! Aber was ich andeuten wollte: ein +ruhiger Schlaf auf der weichen Erde des Weinackers, in lauer +Nachtluft, hätte Sie schwerlich so zugerichtet.“ +</p> + +<p> +Er streckte, bevor der andere aufbrausen konnte, beide Handflächen +hin. +</p> + +<p> +„Mein Herr, Sie halten mich offenbar für Ihren Feind. Ich +bin nicht Ihr Feind, mein Herr. Im Gegenteil, ich billige +durchaus, daß die jungen Leute, noch dazu wenn sie Künstler +sind, sich unterhalten. Was tut es übrigens mir, der ich Junggeselle +bin. Meine verheirateten Freunde freilich werden in +ihrer Anerkennung nicht so weit gehen“ — und der Advokat +wagte wieder ein Lächeln. +</p> + +<p> +„Also ich bin Ihr Freund, mein Herr, und wenn Sie mir +— als Gentleman werden Sie es natürlich nicht tun — verraten +würden, in welchem Hause unserer Stadt Sie diese +Nacht verbracht haben: Sie könnten sich verlassen auf den +Advokaten Belotti.“ +</p> + +<p> +Die Miene des Tenors rüstete plötzlich ab, er sah friedlich, +sogar unbeteiligt aus. +</p> + +<p> +„Ach so“, machte er. „In der Stadt glauben Sie —. Warum +auch nicht?“ +</p> + +<p> +Und er begann zu lachen, mit leichter, heller Glockenstimme. +Der Advokat rieb sich die Hände. +</p> + +<p> +„Sehen Sie wohl? Wir fangen an, uns zu verstehen. Wie +sollten übrigens zwei Männer wie wir sich nicht verstehen, +wenn es sich um die Frauen handelt.“ +</p> + +<p> +„Sie haben recht!“ und der Tenor lachte stärker. Der Advokat +stieß ihm seinen Zeigefinger vor den Magen. +</p> + +<p> +„Ah! Spaßvogel! Unsere Stadt gefällt Ihnen wohl? Sie +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +ist klein, aber das hindert uns keineswegs an eleganten und +heiteren Sitten. Unsere Frauen: nun, wir sind unter uns +jungen Leuten, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Freilich! Sprechen Sie!“ +</p> + +<p> +„Wenn ich dürfte! Nur das eine: die, bei der Sie diese Nacht +waren, bin ich sicher, auch meinerseits zu kennen.“ +</p> + +<p> +„Ich bin davon überzeugt!“ rief der Tenor und lachte beinahe +verzweifelt. +</p> + +<p> +Der Advokat war ganz in Feuer, er schlug die Luft mit beiden +Handrücken. +</p> + +<p> +„Sie würden staunen, wollte ich Ihnen die volle Wahrheit +sagen über mich und über die jüngeren Kinder unserer besten +Familien.“ +</p> + +<p> +Er war stehengeblieben und zeigte dem jungen Manne seine +aufgerissenen Augen, die nicht zuckten. +</p> + +<p> +„Sie sind bewundernswert“, versetzte der Tenor mit Nachdruck, +und sie gingen weiter. Als der Advokat verschnauft +hatte: +</p> + +<p> +„Daß ich nicht vergesse, in Villascura Eier zu kaufen.“ +</p> + +<p> +„Was haben Sie mit Ihrer Villascura?“ +</p> + +<p> +„O! Sie werden schon wieder so düster, wie der Name der +Villa. Er gefällt Ihnen nicht? Ich bringe von dort, um den +Stadtzoll zu sparen, meiner Schwester zwei Dutzend Eier mit. +Es ist eine Gewohnheit.“ +</p> + +<p> +„Aber diese Villascura ist nirgends zu sehen. Wie lange sollen +wir denn gehen?“ +</p> + +<p> +„Warten Sie, bis die Straße sich um den Berg wendet! — +und betrachten Sie inzwischen diese schönen Maispflanzungen, +die Ölhaine bis weit ins Tal hinein: sie gehören zu der Villa, +die Sie nicht leiden mögen, mein Herr. Der Herr Nardini +ist unser größter Ölproduzent: dreihundert Hektoliter jährlich. +Obwohl er mein politischer Gegner ist, werde ich niemals +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +leugnen, daß er seine Geschäfte versteht und dadurch der Gegend +nützt. Was seine Gesinnungen betrifft, so sind sie beklagenswert. +Dieser verstockte Alte gibt sich als Stütze der +hiesigen Priesterpartei her. Dabei hätte er, fünf Jahre sinds, +Minister werden können! Die Bedingung war einzig, daß +er seine Enkelin mit dem Neffen des ehrenwerten Macelli +verheiratete, eines großen Tieres aus der Deputiertenkammer, +— und daran scheiterte der Plan, denn der alte Nardini +ist darauf versessen, die Alba ins Kloster zu sperren. Warum +erschrecken Sie denn?“ +</p> + +<p> +„Ich erschrecke nicht. Ein Stein hat mir weh getan; diese +Schuhe taugen nicht für das Land.“ +</p> + +<p> +„Aber unsere Straßen sind gut! Es sind Distriktstraßen, — +und nicht länger als sieben Jahre ist es her, daß die Regierung +zu ihrer Erneuerung fast hunderttausend Lire ausgegeben +hat.“ +</p> + +<p> +Der Advokat ließ mit der großen Zahl seinen Mund losgehen, +wie eine Kanone. +</p> + +<p> +„Dazu kommt, daß die Vizinalwege, auf meinen Antrag und +gegen den Rat des Gemeindesekretärs, zu gleichen Teilen von +der Stadtgemeinde und der Frau Fürstin Cipolla —“ +</p> + +<p> +„Gibt es denn ein Frauenkloster hier?“ fragte der Tenor. +</p> + +<p> +„Warum? Die Frau Fürstin, deren Besitzungen in dieser +Gegend ich zu verwalten die Ehre habe, lebt in der großen +Welt, in Rom, mein Herr, in Paris . . . Aber natürlich, auch +ein Frauenkloster haben wir, obwohl wir besser etwas anderes +dafür hätten; und ich werde es Ihnen zeigen. Sie denken +wohl Ihre Künste an jenen heiligen Unterröcken zu erproben? +Ah! er schreckt vor nichts zurück. Aber das eine dürfen Sie +immerhin verraten: die Dame der vergangenen Nacht wird +dick gewesen sein, wie?“ +</p> + +<p> +„Wer weiß.“ +</p> + +<p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +„Denn ich verstehe mich darauf: Sie sind ganz der Typus +der Dicken, — die übrigens am wenigsten Widerstand leisten, +wie allgemein bekannt. Aber hier stehen wir vor der Villa, +die Ihnen unauffindbar schien. Und da Sie sich in der Gesellschaft +des Advokaten Belotti aufhalten, ist es Ihnen erlaubt, +mein Herr, die Pforte zurückzustoßen und zwischen diesen +langen Hecken den Duft der Rosen zu atmen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat faßte Fuß und atmete geräuschvoll. +</p> + +<p> +„Scheint es nicht ein Traum? Am Ende dieses Ganges von +Rosen und Zypressen das stille Haus, mit seinen zwei weit +vorgreifenden Flügeln und dem verschwiegenen Trakt in ihrer +Mitte, tief dahinten in grünlicher Dämmerung, unter der +Bergwand! Wenden Sie nicht ein, solche Lage nach Norden +sei ungesund: ich weiß es zu gut; — aber wie poetisch ist +dieser Schatten, feucht duftend, durchrauscht vom Wasserfall, +über dem Sie dort oben unser neues Elektrizitätswerk erblicken, +und erfüllt mit Blumen. Ah! mein Herr: Blumen, Musik +und Frauen!“ +</p> + +<p> +Plötzlich begann er durch die Hände zu keuchen: +</p> + +<p> +„He, Niccolo! die Eier!“ +</p> + +<p> +Indes der Bursche näher kam, wickelte der Advokat hinter +sich ein langes Netz hervor. +</p> + +<p> +„Daß du mir frische gibst, Niccolo! Daß du richtig zählst: +zwei Dutzend!“ +</p> + +<p> +Er rief hinterher: +</p> + +<p> +„Die Frau Artemisia denkt noch immer an jenes fertige Kücken, +das in einem deiner Eier auf den Tisch kam.“ +</p> + +<p> +Dann faßte er den Tenor unter den Arm. +</p> + +<p> +„Kommen Sie doch, mein Freund! Warum so schüchtern? +In meiner Begleitung sind Sie hier zu Hause.“ +</p> + +<p> +Nello Gennari strengte sich an, sein Zittern zu unterdrücken. +Er erschrak vor den Farben der Rosen, die in der Nacht, als +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +er hier gekniet hatte, erloschen gewesen waren. Das Haus +war, dort innen zwischen seinen beiden Flügeln, so schwarz +gewesen, wie die Luft, und in jenem Winkel hatte, starr +und weich, das fast erstickte Licht gezögert, zu dem er gebetet +hatte. +</p> + +<p> +Der Advokat führte ihn, seitwärts vom Hause, gegen die +weiße Balustrade hinauf. Die Büsche an der Treppe spritzten +Tropfen, da Nello sie streifte, und droben ließ der Geruch uralter, +nie besonnter Zypressen ihn erschauern, wie vor dem +Grabe. Die schweren Bäume erstiegen, eine Schar düsterer +Pilger, in Paaren den Berg, und aufgehalten durch Klüfte, +zerstreuten sie sich, um, seltener und schwächer, die Kuppe +zu erreichen. Ein fast fensterloses Gemäuer starrte vom +Rande des Felsens, dessen graue Ausbuchtung es verlängerte, +senkrecht auf die Villa herab: wachend und drohend. +</p> + +<p> +„Das Kloster“, erklärte der Advokat. „Die hier können es +aus ihren Fenstern sehen und sich mit den heiligen Unterröcken +guten Tag sagen. Sie tun es auch, sie gehören zur Familie, +— und jede Frau dieses Hauses zieht schließlich in jenes +hinauf.“ +</p> + +<p> +Er führte den jungen Mann eine Strecke fort und raunte: +</p> + +<p> +„Schon die Frau des Alten ist dort oben gestorben. O, das +sind Geschichten, die niemand mehr verbürgen kann. Sie +soll ihm entflohen sein, mit einem Offizier; und als sie, krank +und reuig, zurückkam, hat er sie da oben einquartiert . . . +Auch seine Tochter ist, als ihr Mann tot war, hinaufgestiegen +und hat droben schnell geendet. Warum sterben hier alle, +sind traurig und halten es mit den Priestern? Es wird am +Schatten liegen; denn kaum, daß den Rand des Gartens zur +Mittagsstunde ein wenig Sonne berührt; — und man mag +sagen, was man will, das Leben im ewigen Schatten verdirbt +das Blut und verschlechtert den Charakter. Wollen Sie ein +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +Beispiel? Gehen Sie nach Spello hinunter: es liegt in der +Sonne. Alle Männer haben dort Tenorstimmen, alle Frauen +sind dick und schön. Gegenüber, am Nordabhang, ist Lacise. +Nun wohl, mein Herr: die Frauen von Lacise sind gelb und +schmutzig und die Männer allesamt Räuber.“ +</p> + +<p> +„Jawohl, jawohl. Aber Sie sagten, daß aus diesem Hause +jede Frau dort oben —“ +</p> + +<p> +„Jede kommt ins Kloster,“ — und der Advokat schob mit gespreizter +Hand alle Hoffnung fort. +</p> + +<p> +„Aber heutzutage —“ +</p> + +<p> +Nello mußte hinunterschlucken. +</p> + +<p> +„— ist man aufgeklärt, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +Da der Advokat nur die Luft ausstieß: +</p> + +<p> +„Auch wird ein alter, alleingebliebener Mann sich nicht früher +als nötig von seiner Tochter trennen.“ +</p> + +<p> +„Nötig? Sie wissen also nicht, was solch ein Fanatiker nötiger +hat: die Liebe einer Tochter oder den Segen der Pfaffen? +O! mein Herr, es ist nur allzu gewiß, daß unserer Gegend +ein großer Schade bevorsteht und eine unserer reichsten Erbinnen +in sträflicher Weise der Welt, der bürgerlichen Gesellschaft, +dem Familienleben und dem gemeinen Nutzen entzogen +werden wird!“ +</p> + +<p> +Die Miene des Fremden hatte auf einmal etwas Dunkles +und Höhnisches. +</p> + +<p> +„Gewiß wartete schon mancher auf sie? Und in der Stadt +werden Sie einen Zirkel haben, wo Alba als junge Frau getanzt +und Gedichte hergesagt hätte? Und den Armen hätte +sie Suppe gekocht? Hätte auch Liebhaber gehabt? Vielleicht +Sie selbst, Herr Advokat?“ +</p> + +<p> +„Eh! weiß man das jemals?“ keuchte Belotti und riß Schultern +und Arme zurück. Der junge Mann wendete sich umher. +Aber auflachend: +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +„Auch die Klöster wollen leben; und dort oben wird sie wenigstens +allein und frei sein!“ +</p> + +<p> +Ah! tausendmal lieber wollte er sie dort oben verschwunden, +begraben wissen, als lebend unter Gemeinen, auf gemeinen +Plätzen, in gemeinen Armen! +</p> + +<p> +„Sie wird rein sein“, dachte er, indes der Advokat ihn enttäuscht +betrachtete, — und wunder und bebender: „Nie werde +ich sie wiedersehen. Aber auch kein anderer wird sie sehen.“ +</p> + +<p> +Da sprang er zurück und griff nach dem Geländer. +</p> + +<p> +„Was ist geschehen?“ fragte der Advokat erschreckt. Der Tenor +hielt die Hand aufs Herz gedrückt und antwortete nicht. Der +Advokat folgte seinem verstörten Blick, der in die offene Terrassentür +ging. +</p> + +<p> +„He! Niccolo! da sind wir“, rief er, und der Bursche kam hervor +mit dem gefüllten Netz. +</p> + +<p> +„Ah, Sie sind schreckhaft, junger Mann,“ — und Belotti klopfte +Nello auf die Schulter. „Sie haben Nerven: wie alle Künstler. +Man weiß auch, wovon.“ +</p> + +<p> +Er zwinkerte und klopfte. Nello entriß ihm die Schulter. +Er beugte sich über die Balustrade und schloß die Augen. Sie +hätte es sein können! Was sollte geschehen, wenn er sie +wiedersah! Schon diese Nacht, verlebt in ihrem Bereich, +unter Dingen, die ihre waren, hatte ihn entzückt und erschöpft. +</p> + +<p> +Er stieg, unbeachtet von den beiden, die über den Preis der +Eier stritten, in den Garten hinab. War nicht dies die Bank, +auf der er geruht hatte und wo gewiß auch sie sich niedersetzte? +Im Dunkeln hatte er auf dem Wege nach einer Spur +ihres Fußes getastet, hatte seine Hand darin gekühlt und +seine Lippen darauf gedrückt. Wo war nun die Spur? +</p> + +<p> +„Habe ich sie mir denn vorgetäuscht? Ach, ich schmeichelte +mir auch, der Nachtwind bringe mir den Duft ihres Zimmers: +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +ihren Duft; und bloß das Beet hier war es, das ich roch. +Ich bin ein Narr, bin lächerlich. Habe ich nicht auf diesen +Brunnenstufen zu sterben gedacht — und von ihr gefunden +zu werden, wenn sie am Morgen die Frische des Quells aufsuchte? +Jetzt ist es schon heiß, mich dürstet, und ich fühle mich, +noch unter ihren Fenstern, so fern von ihr und allein.“ +</p> + +<p> +Er sah in der Schale, woraus er trank, seine schmerzerfüllten +Augen, hörte auf den begrünten Quadern, die Zypressenreihe +entlang, seinen dumpfen Schritten zu und fand die +kleine Pforte wieder, die er schon bei tiefer Nacht in den +Angeln gehoben hatte, damit sie nicht knarrte. Auf der Landstraße +ging er rasch davon; und im Gehen breitete er die Arme +aus, und nun wieder, und schüttelte dazu den Kopf. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Als der Advokat Belotti ihn einholte, sah Nello verwirrt umher: +wo war er doch? +</p> + +<p> +„Mein armer junger Freund, Sie müssen taub geworden sein; +ich schreie und schreie: Sie laufen immer rascher . . .“ +</p> + +<p> +Da der Tenor sich nicht entschuldigte, tat Belotti es. Er +habe warten lassen; aber wenn man wüßte, wie genau seine +Schwester es mit den Eiern nehme; — und er wog das Netz +in der Hand. +</p> + +<p> +„Die schlechten muß ich bezahlen. Ah, die Frauen! Aber +beachten Sie das städtische Waschhaus! Ich bin es, der seine +Errichtung beantragte und, wieder einmal dem Ignoranten +Camuzzi zum Trotz, durchgesetzt hat. Es hat mir Genugtuung +bereitet, zum Wohl der Frauen arbeiten zu können, +und sie sind mir erkenntlich dafür, sie verbreiten meinen Ruf +als Volksfreund. Guten Tag, Fania, guten Tag, Nanà!“ +</p> + +<p> +Der Barbier Nonoggi kam ihnen entgegen. Er ging wippend +und ganz auf die linke Seite gelegt. Rechts trug er seine +abgeschabte Ledertasche und schwenkte sie bei jedem Schritt, +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +indes der linke Arm steif blieb. Bis auf den Boden zog er +schon von weitem den Hut, grimassierte und krähte dazu. +</p> + +<p> +„Guten Morgen den Herren! Welch glänzender Tag. An +solchem Tage stirbt man nicht!“ +</p> + +<p> +„Wir denken nicht daran, Nonoggi“, erwiderte der Advokat. +„Ihr geht wohl zum Nardini? Grüßt ihn von mir: ich sei +heute bereits in Geschäften bei ihm gewesen.“ +</p> + +<p> +„Sie sehen schlecht rasiert aus“, sagte der Barbier zu Nello +Gennari. „Das mißfällt den Frauen, mein Herr. Wenn +Sie sich mit dem Sitz auf jenem Stein begnügen wollen — +er ist im Schatten —, bediene ich Sie sogleich . . . Sie wollen +nicht? Sie haben unrecht. Wir sehen uns also ein andermal. +Euer Diener, ihr Herren!“ +</p> + +<p> +Der Advokat rief ihn zurück. Er wartete, bis der Barbier +nahe herangekommen war, sah sich um und sagte halblaut: +</p> + +<p> +„Nonoggi, habt Ihr den Baron gesehen? . . . Ich auch schon. +Nonoggi, es ist etwas vorgefallen zwischen ihm und jener +Fremden im „Mond“, der Komödiantin . . .“ +</p> + +<p> +„Ah! Ah!“ +</p> + +<p> +Der kleine Mann riß seine unsauberen Augen auf und zu. +Er zuckte; die roten Rinnsale in seiner Gesichtshaut führten +blutige Tänze auf. +</p> + +<p> +„Nonoggi,“ fuhr der Advokat fort, „wir müssen in dieser Sache +sehr vorsichtig sein: es ist eine so alte Familie. Ihr erfahrt +es doch, daher erbitte ich Euer Schweigen.“ +</p> + +<p> +Der Barbier hatte schon längst die Hand auf dem Herzen; +er hüpfte, dienerte, machte den Mund rund und streckte den +Arm mit der Tasche von sich. +</p> + +<p> +„Wie es bedauerlich ist,“ sagte er, „wenn selbst die Herren +sich vergessen. Andererseits sieht man es gern. Genug, wir +werden schweigen. O! der Herr Advokat kennt mich, wie ich +ihn kenne.“ +</p> + +<p> +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +„Wir haben sonst nicht mehr und nicht weniger als einen Skandal, +Nonoggi, — obwohl es eine verzeihliche Verirrung ist. +Aber wir müssen mit Leuten wie jener Priester rechnen.“ +</p> + +<p> +„Ob wir damit rechnen, Herr Advokat! Was würde sonst aus +uns selbst? Würde unsereiner der Schwäche seines Fleisches +immer widerstehen? Denn was insbesondere die Perückenmacher +angeht, so haben sie alle häßliche Frauen. Es ist +sonderbar, es ist rätselhaft, aber es ist eine Tatsache.“ +</p> + +<p> +Er spreizte die Hand aus. +</p> + +<p> +„Lachen Sie nicht, Herr Künstler! Denn ich sage die reine +Wahrheit. Wenn wir unsere Frauen heiraten, scheinen sie +uns schön, und nachher sind sie häßlich. Sehen Sie sich die +Familien aller Barbiere der Stadt an: die Frau des Bonometti, +des Druso, des Macola, oder meine eigene. Nein! die +sehen Sie lieber nicht an. Ich selbst sehe sie gar nicht mehr +an, aus Furcht, sie abzunutzen.“ +</p> + +<p> +Er riß den Mund bis ans linke Ohr hinauf, schwenkte Hut +und Tasche und lief weiter. +</p> + +<p> +Mitten im Gelächter gewahrte der Advokat das Stadttor, +faßte sich und schlug einen seiner Rockflügel über das Netz +mit Eiern. Er beeilte sich nicht sehr. +</p> + +<p> +„Es ist immerhin besser, die Form zu wahren. Aber man +kennt mich, und niemand würde wagen —“ +</p> + +<p> +Der Beamte des Stadtzolls legte zwei Finger an seinen +Federhut; der Advokat sagte gnädig: +</p> + +<p> +„Guten Tag, Cigogna.“ +</p> + +<p> +Und zu seinem Begleiter ein wenig von oben: +</p> + +<p> +„Sehen Sie?“ +</p> + +<p> +Leise pfeifend zog er die Eier wieder hervor. +</p> + +<p> +Aber in der Gasse wandten sich Leute nach ihnen um, und +zwischen den zusammengelehnten Fensterläden sah der Advokat +mehrmals aus weißen Gesichtern begierige Augen auf +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +seinen Gefährten herablugen, der nicht den Kopf hob. Da +nahm der Advokat den Arm des schönen jungen Menschen, sprach +und lachte über ihn gebeugt und ganz mit ihm verbrüdert. +Wie sie, am Ausgang nach dem Platz, die halbrunden Rathausarkaden +abschritten, trat auf den Balkon des zweiten +Stockwerkes sanft singend die junge Frau Camuzzi, hinter +einem großen Fell, das sie ausgebreitet hielt und schüttelte. +Sie ließ es sogleich sinken. +</p> + +<p> +„O! entschuldigen Sie, Herr Advokat. Ich hatte Sie nicht +gesehen.“ +</p> + +<p> +„Machen Sie nur! Es ist mir eine Ehre“, rief der Advokat +zurück und sprang umher, um dem fliegenden Schmutz zu entgehen. +Frau Camuzzi blieb über das Fell gebeugt, das nun +auf dem Gitter lag, war errötet und sah unverwandt dem +Begleiter des Advokaten in die Augen. Der Tenor zog den +Hut. Sie dankte langsam und sehr ernst. Der Advokat +schnaubte nach dem Staube, durch den er gekommen war. +Bevor sie das Café erreichten, blieb er nochmals stehen +und flüsterte, Takt schlagend: +</p> + +<p> +„Überlegen wir ein wenig: wäre es nicht eine wahre Schande, +wenn ein Ignorant wie der Camuzzi eine solche Frau hätte, +ohne auf die Dauer von ihr betrogen zu werden? Aber so sind +nun die Frauen: gerade diese ist die treueste von allen.“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick erschien hager, in Weiß wie gestern und +mit noch dickeren Säcken unter den Augen als gestern, der alte +Tenor Giordano im Tor des Rathauses und hob langsam, damit +der Brillant Zeit zu funkeln habe, die Hand an den Hut. +</p> + +<p> +„Ah! Cavaliere.“ +</p> + +<p> +Der Advokat stürzte sich auf ihn. Er keuchte am Ohr des +Alten: +</p> + +<p> +„Sie haben das Glück, Cavaliere, bei einer unserer hübschesten +Frauen zu wohnen. Von einem Manne wie Sie erwartet +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +man, daß er solch Glück nicht ungenützt vorbeiläßt! +Alle Augen sind auf Sie gerichtet!“ +</p> + +<p> +Der Alte winkte leichthin, als seien so viele Worte nicht nötig, +— aber der Advokat legte, zurückweichend, den Kopf in den +Nacken. +</p> + +<p> +„Ist es möglich! Was ist das, was bedeutet das!“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie das nicht?“ fragte der Cavaliere Giordano. „Eine +Bogenlampe.“ +</p> + +<p> +„Ich sehe es zu gut,“ sagte der Advokat dumpf, „eine Bogenlampe. +Aber eine Bogenlampe, mein Herr, die ohne mein +Wissen hier aufgestellt ist. Es muß über Nacht geschehen sein, +und ich erkenne in diesem Streich die Hand des Camuzzi. +Er hat den Augenblick benutzt, wo ich mich der Kunst widmete. +Ein öffentlicher Mann, mein Herr, ein Staatsmann kann +nicht wachsam genug sein.“ +</p> + +<p> +Aus der Gasse der Hühnerlucia kam, festen Schrittes und +eine Hand in der Hosentasche, der Bariton Gaddi. Untersetzt +pflanzte er sich bei den andern auf und sagte mit seiner +ehernen Stimme: +</p> + +<p> +„Wir sind doch wohl die ersten? Nello natürlich infolge eines +Abenteuers, ich, weil mir meine Familie keine Ruhe läßt, — +und im Alter des Cavaliere schläft man nicht mehr lange.“ +</p> + +<p> +Der alte Giordano zog eine Grimasse. Gaddi erhob sein +massiges Cäsarenprofil zu den Gebäuden ringsum und erklärte +die Stadt für interessant. Der Advokat Belotti beschwor +die Herren, sich von ihm umherführen zu lassen: sie +würden es nicht bereuen, er sei Spezialist für die Geschichte +der Stadt, und das Material zu einem ungeheuren Werke +liege seit zwanzig Jahren in seinem Schreibtisch. +</p> + +<p> +Zuerst las er den drei Komödianten die lateinischen Inschriften +vor, die auf alten Marmorbrocken in der Fassade des Rathauses +staken. Um eine hoch angebrachte lesen zu können, +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +mußten sie einem Burschen, den der Advokat herbeirief, auf +die Schultern klettern. Auch von dem alten Giordano verlangte +Belotti es und machte eine erstaunte Pause, als der +Greis sich weigerte. Die Stadt hatte ältere Ursprünge als +Rom! Jahrhundertelang hatte ein Venustempel ihren Platz +eingenommen. +</p> + +<p> +„Ihren ganzen Platz! Denn das unsere war eins der größten +Heiligtümer der Göttin, aus ganz Italien strömten ihre +Verehrer herbei.“ +</p> + +<p> +Die drei horchten auf. Der Bariton bemerkte: +</p> + +<p> +„Das muß ein glänzendes Geschäft gewesen sein.“ +</p> + +<p> +„Ah!“ machte der Advokat entzückt und klagend, als habe er +den Verfall der Zeiten miterlebt. „Das war etwas anderes +als jetzt, wo die Stadt eine kleine Einnahme —“ +</p> + +<p> +Mit der Hand am Munde: +</p> + +<p> +„— nur aus dem Hause in der Via Tripoli bezieht.“ +</p> + +<p> +Die drei nickten stumm. +</p> + +<p> +„O, eine elende Kleinigkeit! Damals aber: stellen Sie sich, +meine Herren, in den Gärten, die diese ganzen Hänge bedeckten, +das Heer der Priesterinnen vor!“ +</p> + +<p> +Allen drei war anzusehen, daß sie sich die Priesterinnen vorstellten. +Nello Gennari hatte erweiterte Augen und einen +bitteren Mund. +</p> + +<p> +„Bis nach Villascura dehnten ihre Wohnungen sich aus. Ja, +wir haben Beweise dafür, daß gerade in Villascura die Häuser +der vornehmsten von jenen Damen standen.“ +</p> + +<p> +Er kicherte heiser, der Cavaliere Giordano meckerte ein wenig, +Gaddi lachte ehern. Der junge Tenor biß sich auf die Lippe +und sah zu Boden. +</p> + +<p> +„Nun sind Sie also darüber unterrichtet,“ setzte der Advokat +noch hinzu, „von welchen talentvollen Müttern unsere Frauen +abstammen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Darauf führte er seine angeregten Zuhörer in den Hof des +Rathauses, zu der Madonna des Valvassore. +</p> + +<p> +„Unser großer Cinquecentist hat sie seiner Heimatstadt geschenkt. +Beachten Sie die Feinheit des Kolorits!“ +</p> + +<p> +Aber so viele Wachskerzchen der Advokat entzündete, die +Fremden sahen hinter dem Drahtgitter nur etwas Schwarzes, +Brüchiges. Bevor ihre Stimmung sinken konnte, drang er +darauf, ihnen den hölzernen Eimer zu zeigen, den die Bürger +der Stadt vor dreihundert Jahren denen von Adorna geraubt +hatten. Ein mächtiger Krieg war deswegen zwischen den +beiden Städten entbrannt. Beide hatten Blut und Wohlstand +an diesen Eimer gesetzt. Die Götter, hieß es, hatten, unter +die Heere der beiden Städte verteilt, um ihn mitgekämpft. +</p> + +<p> +„Und wir, denen Pallas Athene half, haben ihn behalten, und +er hängt in unserem Glockenturm“, schloß der Advokat. „Sie +werden sehen, Sie werden sehen!“ +</p> + +<p> +Er hastete ihnen voran über den Platz. Am Pfahl der Bogenlampe +stieß er sich heftig und sah voll Zorn hinauf. +</p> + +<p> +„Sie steht an einer falschen Stelle. Ich würde sie nicht dorthin +gestellt haben!“ +</p> + +<p> +Als sie drüben waren, zögerte er, wandte sich halb um und +wisperte: +</p> + +<p> +„Im Winkel neben dem Turm das schwarze Haus: sehen Sie +nicht hin, ich beschwöre Sie, wir werden beobachtet.“ +</p> + +<p> +Er zog sie um die Ecke des Turms und sagte jedem einzeln +ins Ohr: +</p> + +<p> +„Dort hinten ist eine unserer größten Merkwürdigkeiten, das +Geheimnis der Stadt, etwas Unerklärliches: ein Wunder, würden +die Fanatiker sagen.“ +</p> + +<p> +Und er berichtete von Evangelina Mancafede, die seit neun +Jahren nicht ausgegangen war, aber alles in der Stadt sah +und wußte. +</p> + +<p> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +„Erstaunlich“, sagte der Bariton. +</p> + +<p> +„Schlimm genug“, sagte Nello hinter geschlossenen Zähnen. +</p> + +<p> +„Noch mehr als das,“ setzte der Advokat hinzu, „sie hat vorhergewußt, +Cavaliere, daß Sie kommen würden!“ +</p> + +<p> +Der alte Sänger machte ein bedenkliches Gesicht. Solche +Dinge konnten Unglück bringen. +</p> + +<p> +„Mir ist prophezeit worden, ich werde in einer Stadt von +weniger als hunderttausend Einwohnern sterben, umgeben +von Geheimnis. Also muß ich vorsichtig sein.“ +</p> + +<p> +„Sie sehen aus, als könnten Sie gar nicht sterben“, sagte Gaddi, +mit einem Blick auf die geschminkten Wangen des Alten. +</p> + +<p> +„Der Ruhm macht unsterblich“, rief der Advokat und stieß die +Turmtür zurück. Sie erstiegen, einer hinter dem anderen, eine +schlüpfrige Treppe. Vor einer Tür mit eisernem Beschlag hielt +der Advokat inne, streckte einen Arm über die Nachkommenden +aus und prägte ihnen die Feierlichkeit der Stunde ein. +</p> + +<p> +„In der Geschichte des Eimers finden Sie, meine Herren, +die Sie dem Ruhm dienen, ein großes Vorbild. Um diesen +Eimer starben viele Brave. Was ist ein Leben? Der Eimer +dauert! Der Ruhm stirbt nicht!“ +</p> + +<p> +„Gut! gut!“ sagten alle drei. Der alte Giordano hatte feuchte +Augen. +</p> + +<p> +„Aber der Schlüssel fehlt uns noch“, bemerkte der Advokat, +und er rief in den Turm hinauf: +</p> + +<p> +„He! Ermenegilda!“ +</p> + +<p> +Es hallte leer. Der Advokat erstieg noch drei Stufen, und +auf jeder schrie er. Endlich beugte droben sich ein altes, finsteres +Gesicht herüber. +</p> + +<p> +„Was wollt Ihr? Der Schlüssel ist nicht da. Für den Eimer +gibt es keine Erlaubnis mehr.“ +</p> + +<p> +„Was denn? Bist du verrückt geworden, Ermenegilda? Kennst +du mich nicht mehr? Ich bin der Advokat Belotti.“ +</p> + +<p> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +„Das weiß ich. Aber den Schlüssel hat Don Taddeo.“ +</p> + +<p> +„Was sagst du? Don Taddeo hat —. Aber das ist ein offenbarer +Übergriff! Das ist erklärter Raub! Meine Herren, Sie +sind Zeugen einer Gewalttat. Sie werden dabei sein, wenn +ich dem Munizipium das Vorgefallene berichte. Ah! kaum, +daß ich es fasse.“ +</p> + +<p> +Der Advokat hatte die Hände über dem Kopf. Er stürzte — +und fast warf er die drei Komödianten die Treppe hinab — mit +fliegenden Schößen zum Turm hinaus, zwischen den unbewegten +Löwen über die Stufen zum Dom und hinein. Die +andern liefen ihm nach. +</p> + +<p> +„Herr Advokat,“ rief der Bariton, „bemühen Sie sich doch +nicht! Wir erheben keinen —“ +</p> + +<p> +Der Advokat war schon in der Sakristei verschwunden, er kam +schon wieder heraus. +</p> + +<p> +„Glauben Sie, daß dieser Priester sich blicken läßt? Er fürchtet +sich und tut wohl daran. Wir wollen sehen, wer der +Stärkere ist! So werden die Dinge nicht verlaufen. Dort +innen —“ +</p> + +<p> +Er wies auf die Sakristei. +</p> + +<p> +„— ist also nicht nur ein Herd von Lügen und Ränken, sondern +auch eine wahre Räuberhöhle.“ +</p> + +<p> +„Schließlich haben auch Sie den Eimer einmal geraubt“, +wendete der Bariton ein. Der alte Tenor vermutete: +</p> + +<p> +„Es wird ein Irrtum sein.“ +</p> + +<p> +„Liegt denn überhaupt so viel daran?“ fragte Nello Gennari. +</p> + +<p> +Und da der Advokat die Arme hob: +</p> + +<p> +„Vielleicht hat übrigens der Priester recht. Der Eimer befindet +sich in seinem Turm . . .“ +</p> + +<p> +„O! hat man je solchen Sophismus gehört. Der Eimer, das +Wahrzeichen der Stadt! Von uns erobert! — und ein Priester +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +sollte wagen dürfen —. Aber ich werde ihn zu finden wissen: +in der Schule ist er. Freunde, auf, zur Schule! Er soll +eine Niederlage erleben, die er nie vergessen wird.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Sie hielten ihn mit Mühe. Jungen sammelten sich um sie. +Am Platz und in den Eingängen der Gassen hörte Hämmern +und Singen auf, und Leute traten auf die Schwellen. Der +Apotheker Acquistapace zeigte sich. Er meinte, Don Taddeo +wolle sich rächen, weil — und er wies auf die drei Sänger +— in der Stadt jetzt die Kunst blühe. +</p> + +<p> +„Mir gilt es, der ich sie hergerufen habe“, behauptete der +Advokat. Dennoch ließ er sich bewegen, vor Beginn des +Kampfes beim Gevatter Achille den Vermouth zu nehmen. +Auch Polli und Camuzzi erschienen. Der Barbier Nonoggi, +der sie aus seinem Laden hinausbegleitete, zog sich zurück, +sobald er den Advokaten gewahrte, und gleichzeitig kam der +Leutnant der Carabinieri vorüber. Der Advokat forderte +den Soldaten auf, sofort auf dem Gewaltwege die Stadt +in den Besitz des Schlüssels zu bringen. Der Gemeindesekretär +hielt dies Verfahren für ungesetzlich. +</p> + +<p> +„Also gehen Sie zu den Priestern über! Ich wußte wohl, +Camuzzi, daß Sie den Fortschritt nicht lieben. Auch die +Bogenlampe, an der sich jeder stößt, haben Sie, um mich zu +verhöhnen, über Nacht an einen falschen Fleck setzen lassen. +Aber nie hätte ich gedacht, Sie würden so tief sinken.“ +</p> + +<p> +Der Sekretär erklärte sich für ganz unbefangen. Hier liege +eine Kompetenzfrage vor, denn wenn der Eimer der Stadt +gehöre, sei der Turm, in dem er hänge, doch Eigentum der +Kirche. +</p> + +<p> +„Sagte ich es nicht?“ bemerkte Nello Gennari. Der Streit +dieser Leute, die Wichtigkeit, die sie ihren Angelegenheiten +beilegten, erbitterten ihn eigentümlich. Es schien ihm, um +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +sich und sein Gefühl dürfe er eine weite, ehrfurchtsvolle Stille +verlangen. Mochten sie sich gegenseitig totschlagen! +</p> + +<p> +„Der Priester hat recht!“ rief er mit böser, heller Stimme. +„Überhaupt müssen wir Religion haben.“ +</p> + +<p> +Der Advokat beachtete ihn nicht. Er sah auf einmal siegesgewiß +aus. +</p> + +<p> +„Wollt ihr Logik? Ihr sollt sie haben. Ah! ihr sollt sie +haben.“ +</p> + +<p> +Mit dem Finger an der Nase: +</p> + +<p> +„Der Eimer hängt im Turm: gut, aber er hängt. Den Boden +berührt er nicht, und das Seil, das ihn mit der Decke verbindet, +ist städtisch: ich weiß es, denn ich selbst habe es beim +Seiler Fierabelli gekauft, weil mir das alte nicht mehr sicher +genug schien. Nun wohl! Weder oben, noch unten, noch +ringsherum stößt der Eimer auf kirchliches Gebiet, und wer +wollte behaupten, die Luft, in der er hängt, gehöre der +Kirche?“ +</p> + +<p> +„Das bleibt unentschieden“, sagte Camuzzi, und Nello unterstützte +ihn. +</p> + +<p> +„Sie werden mich nicht beirren. Die Luft ist frei. Aus der +Luft über Ihrem Weingarten darf ich so viele Vögel schießen, +als ich will, vorausgesetzt, daß ich Ihren Acker nicht zerstampfe.“ +</p> + +<p> +Der Advokat führte seinen Vermouth an den Mund und betrachtete +dabei, genußsüchtig blinzelnd, die geschlagene Miene +seines Gegners. Sein Sieg hatte ihn beruhigt. +</p> + +<p> +„Setzt die Füße auf die Leisten eurer Stühle, ihr Herren!“ +sagte er jovial. „So entgeht ihr unseren Flöhen. Ah! an +solch einem schönen Morgen hat man einen guten Kopf, und +es ist eine wahre Lust, sich unter Männern über dies und das +zu unterhalten. Die Weiber taugen dafür nicht.“ +</p> + +<p> +Indessen verbeugten sich alle vor Mama Paradisi, die eins +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +ihrer Fenster ganz ausfüllte mit ihrem Wogen. Am nächsten +stießen sich ihre beiden schönen Töchter. +</p> + +<p> +„Sie sind schon angezogen,“ sagte der Apotheker, „ob das nicht +Ihnen gilt, Herr Gennari? Ohne die andern Herren beleidigen +zu wollen: aber auf mich selbst beziehe ich es nicht.“ +</p> + +<p> +Der Tenor sah weg. +</p> + +<p> +„Sie sind verwöhnt, junger Mann“, und der alte Krieger +legte ihm seine breite Hand auf. Nello brach aus: +</p> + +<p> +„Sollte man den Weibern nicht verbieten, über Tag die Läden +zu öffnen? Da liegen sie rings um den Platz und würden +am liebsten gleich die Arme öffnen. Eine Frau ohne Zurückhaltung +stößt mich ab: ich bin so.“ +</p> + +<p> +„Aber Nello!“ sagte der Bariton. „Bisher konnte es dir nicht +rasch genug gehen. Noch gestern, gleich in der ersten halben +Stunde, warst du auf eine aus, die in den Dom ging.“ +</p> + +<p> +„Wer ging in den Dom? Schweige doch! Vielleicht bist du +dafür bezahlt, mir eine anzubieten?“ +</p> + +<p> +„Ich kenne dich nicht wieder, Nello! Dieser Rasende, ihr +Herren, war sonst ein Cherubim, die Freude der Frauen, aller +Frauen in den Städten, wo wir sangen. Noch keiner hat er +etwas abgeschlagen. Und jetzt, was ist ihm begegnet?“ +</p> + +<p> +Der alte Giordano verging sich in Handküssen nach allen Seiten. +</p> + +<p> +„Man behält keine Zeit zu sprechen“, sagte er. „Es sind zu +viele.“ +</p> + +<p> +„Warum bleiben an jenen Häusern die Fensterläden geschlossen?“ +fragte er zwischendurch. Da man ihn ansah, gestand +der Apotheker: +</p> + +<p> +„Das hier ist meins. Aber auch die Frau des Perückenmachers +Nonoggi handelt, wie Sie sehen, Cavaliere, indem +sie ihre Läden schließt, im Sinne des Don Taddeo, der die +Kunst verbieten möchte. O! nicht meine Frau allein: eine +ganze Partei hält zu ihm. Sie werden sehen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +„Wir nehmen den Kampf auf!“ verhieß der Advokat. „Den +Schlüssel wird er herausgeben: und sollte ich für die Stadt +Prozesse führen, die mich mein Leben lang auf den Beinen +halten, er wird den Schlüssel herausgeben. Ich selbst, der +Advokat Belotti, werde eure sämtlichen Choristinnen in den +Turm führen, werde ihnen den Eimer zeigen, und nicht einmal +der heilige Agapitus selbst soll mich hindern!“ +</p> + +<p> +„Sprechen Sie darüber mit Ihrem Bruder!“ riet Camuzzi. +„Er hat einen gesunden Kopf, und dort kommt er; es ist zehn +Uhr.“ +</p> + +<p> +Der Pächter ritt auf seinem trippelnden Eselchen zwischen zwei +großen Körben die Rathausgasse herauf. Beim Rathaus nahm +er zuerst den blauen Klemmer, dann den glockenförmigen Strohhut +ab und schwenkte beide. Vor dem Café stieg er ab. +</p> + +<p> +„Guten Tag, die Gesellschaft“, sagte er. +</p> + +<p> +„Der Advokat behauptet . . .“ begann Camuzzi. +</p> + +<p> +„Ich behaupte nichts“, sagte der Advokat rasch. +</p> + +<p> +Der Pächter betrachtete ihn mitleidig. +</p> + +<p> +„Ah! der Advokat. Was will er schon wieder. Pappappapp +. . .“ +</p> + +<p> +Er ahmte in einer gehässigen Tonart die Sprechweise seines +bedeutenden Bruders nach. Der Advokat lehnte sich vornehm +zurück. +</p> + +<p> +„Das sind Dinge, die ein Mann wie du nicht beurteilen +kann.“ +</p> + +<p> +„Nun gut, man schweigt“, erwiderte Galileo. „Aber wer +sind denn die da?“ — und er rückte den Finger von einem +der drei Fremden auf den andern. Bei der Vorstellung +scharrte er umständlich mit den Füßen, stöhnte zwischen den +Komplimenten und erleichterte sich, als er wieder auf dem +Stuhl saß, durch gewaltiges Ausspeien. Er hielt die kurzen +fetten Schenkel weit auseinander und ließ die kleinen goldbraunen +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +Fäuste dazwischen herabhängen. Unter seinen weißen +Brauen blinzelte er alle verächtlich prüfend an, verzog stumm +den Mund zu dem, was sie sagten, und verlangte schließlich, +herauspolternd, als sei seine Geduld erschöpft, sein Nachbar +solle, da er schon ein Künstler sei, Zauberkünste zum besten +geben oder einen Witz. Der alte Tenor stand auf und verwahrte +sich. Er sei seit fünfzig Jahren Künstler, aber eine +solche Zumutung —. Sein ganzes Gesicht, jede Runzel darin, +zitterte, als sollte er in Tränen ausbrechen, und er hatte +beim Bewegen seiner faltigen Hände den Brillanten sichtlich +ganz vergessen. +</p> + +<p> +„Was will denn der?“ fragte Galileo. „Was für ein Dummkopf! +Pappappapp!“ +</p> + +<p> +Er machte dieselbe alberne Stimme, mit der er den Advokaten +nachgeahmt hatte. Der Cavaliere Giordano traf Anstalten, +sich zu entfernen. Der Advokat wendete ihn, mit zärtlichem +Respekt, immer wieder zurück. +</p> + +<p> +„Tun Sie uns das nicht an, Cavaliere! In keiner Stadt ist +Ihr Ruhm größer als in unserer. Mißverstehen Sie meinen +Bruder nicht, auch er verehrt Sie. Galileo, unsere Schwester +hat nach dir gefragt, eine Ziege ist krank.“ +</p> + +<p> +„Warum hast dus nicht gleich gesagt? Aber die Advokaten +verstehen nichts.“ +</p> + +<p> +Er wischte sich den Mund mit der Hand, nahm das Eselchen, +das mit der Schnauze an seinem Nacken stand, und führte es +in die Treppengasse. Der Advokat fuhr mit Beschwörungen +fort. +</p> + +<p> +„Cavaliere, ein Mann wie Sie ist über solche Miseren erhaben. +Ein Bauer hat Sie nicht mit der schuldigen Achtung +behandelt: was weiter? Denn mein Bruder ist nur ein Bauer. +Um sieben legt er sich schlafen, um ein Uhr nachts reitet er +aufs Feld, und um zehn, wenn die Hitze beginnt, kehrt er +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +heim. In der Zwischenzeit spielt er Mora mit seinesgleichen. +Unter dem Papst ging er zur Messe, jetzt freilich nicht mehr. +Sein Geist ist trotzdem wenig kultiviert, und er läßt sich den +Ausfall der Ernte von der Hühnerlucia, einer verrückten Alten, +vorhersagen. Aber —“ +</p> + +<p> +Er ließ den Sänger los. +</p> + +<p> +„— schweigen wir von diesen Kleinigkeiten. Der Augenblick, +Cavaliere, ist ernst. Ihr Herren, ich sehe auf dem Corso den +Priester erscheinen.“ +</p> + +<p> +Er setzte sich, schwach, wie es schien, vor Erregung. Auch +der alte Giordano nahm seinen Stuhl wieder ein. Das Erlittene +überwältigte ihn nachträglich auf einmal ganz. Er +sank zusammen und murmelte: +</p> + +<p> +„Seit fünfzig Jahren Künstler . . .“ +</p> + +<p> +„Er hat bei sich die Baronin Torroni“, sagte Polli. +</p> + +<p> +„Zu seiner Bedeckung“, setzte der Apotheker hinzu. +</p> + +<p> +„Was tut das,“ — und der Advokat sprang auf. „Ich werde der +Baronin einfach erklären, daß ich mit diesem Priester —“ +„Er verabschiedet sich, sie betritt ihr Haus.“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor fuhr jäh auf: +</p> + +<p> +„Ich, den seine Exzellenz Cavour zum Ritter der Krone von +Italien gemacht hat!“ +</p> + +<p> +Sie hörten ihn nicht. Der Advokat stand sprungbereit. Wie er +ihn erblickte, verließ der Priester, zusammenzuckend, seine Linie. +Der Advokat schoß los und schnitt ihm den Weg ab. +</p> + +<p> +„Gefangen“, bemerkte der Apotheker. +</p> + +<p> +„Und ich habe ein Haus in Florenz!“ +</p> + +<p> +Dabei setzte der Cavaliere Giordano wütend sein Glas hin. +„Was kümmern mich alle diese Armseligkeiten? Mein Haus +ist voll der Erinnerungen an eine ruhmreiche Laufbahn, der +Geschenke von Fürsten und Damen . . .“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo, Ihr Diener“, hörte man den Advokaten sagen. +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Er hob den Hut und schlug sogar mit dem Fuß aus. Der +Priester grüßte ebenso höflich und sah ihn aus seinen roten +Augen brennend an. +</p> + +<p> +„Ein Wort, Don Taddeo, wenn es Ihnen nicht unangenehm +ist! Ein unliebsamer Irrtum Ihrerseits . . .“ +</p> + +<p> +„Es ist kein Irrtum, mein Herr . . .“ und es war zu merken, +daß der Priester kaum sprechen konnte. „Der Schlüssel: denn +von ihm wollen Sie gewiß reden . . .“ +</p> + +<p> +„Freilich. Um Sie im Vertrauen auf Ihre Loyalität —“ +</p> + +<p> +„Zweifellos. Aber es handelt sich einfach darum, mein Herr, +daß der Schlüssel von Rost zerfressen und kaum noch brauchbar +war. Ich habe ihn dem Schlosser Fantapiè gegeben und +einen neuen bei ihm bestellt.“ +</p> + +<p> +„Ah!“ +</p> + +<p> +Der Advokat brachte einen Laut hervor, der nicht heiser klang. +Wie leicht mußte es ihm sein! Polli, Acquistapace und der +Leutnant wiederholten: „Ah!“ — und auch der Bariton Gaddi +machte: „Ah!“ Nello Gennari achtete nur auf den Cavaliere +Giordano. Der berühmte Sänger war nach seinem verpufften +Ausbruch ganz in sich zusammengefallen und sah alt aus: endlich +unverhohlen alt, mit herabhängendem Kiefer, Augen, die +greisenhaft stierten, und hilflosen Händen. Sein junger Gefährte +dachte, und senkte finstere Blicke in die arme Gestalt: +</p> + +<p> +„Ja, was tut er hier? Ein reicher, geehrter alter Mann — +und läßt sich herbei, in einem schmutzigen Nest die Rüpel +lustig zu machen! Aber er hat keine Stimme mehr; in den +großen Städten wollen sie ihn nicht mehr; und da man, +scheint es, in unserem Leben das Händeklatschen nie entbehren +lernt, müssen es nun die Fäuste der Bauern besorgen, — wie +man vielleicht die Mägde noch blenden kann, wenn einen die +Herrinnen nicht mehr ansehen . . . So geht es zu bei uns. +Wir treiben es weiter, wie auch ich es so lange trieb: immer +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +kindisch weiter, armselig berauscht, ohne Anker, ohne den +Mut, zu landen; — und eines Tages vor dem Café einer +Landstadt, wo einem die Flöhe über die Füße springen, bemerkt +man, wie weit man kam . . . Ich aber: o! niemals +wird es mit mir dorthin kommen. Ich bin jung, und mein +ganzes Leben soll Alba gehören. Ich werde sie von meiner +Anbetung überzeugen, werde etwas tun, eine Handlung ein +Wagnis, das sie mir gewinnt . . . Gefunden: aus dem Kloster; +ich befreie sie aus dem Kloster! Wie sollte sie mich nicht lieben! +Wir fliehen. Dann werfen wir uns dem Großvater zu Füßen . . . +Ich bin vielleicht töricht und romantisch? Aber nichts, wenn +ich sie denn nie besitzen soll, nichts doch hindert mich, zu ihren +Füßen zu leben: als Bauer, ihr unbekannt, unter den Mauern +ihrer Zelle. Oder ob es hier ein Männerkloster gibt? An +den Festtagen in der Kirche könnten wir uns sehen: in weißen +Tüchern ihr schöner Kopf und ich unter der Kutte — könnten +einander in die Augen sehen und singen . . .“ +</p> + +<p> +„Junger Mann, Sie träumen“, sagte jemand, und der Cavaliere +Giordano, der sich erholt hatte, betrachtete Nello mit +hoch überlegenem Lächeln. +</p> + +<p> +Der Advokat und Don Taddeo waren jetzt dabei, sich voneinander +zu verabschieden. Ein Halbkreis von Zuschauern +folgte ihren Bewegungen. +</p> + +<p> +„Ich kann also auf Ihr Wort rechnen“, — und der Advokat +trat dienernd einen Schritt zurück. +</p> + +<p> +„Aber wie denn. Zu Ihren Diensten“, erwiderte der Priester, +vorgeneigt und mit der Kappe in der Hand. +</p> + +<p> +„Es ist immer gut, sich zu verständigen“, sagte der Advokat +beim nächsten Schritt. Und Don Taddeo: +</p> + +<p> +„Wir sollen niemand hassen.“ +</p> + +<p> +„So denke auch ich, Reverendo. Ihr Diener.“ +</p> + +<p> +Dabei schlug der Advokat ein letztes Mal aus. +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Mit feuchter Stirn und Augen, die noch gar nichts sahen, +kehrte er zurück. Unter den Zuschauern sagte der Barbier +Bonometti: +</p> + +<p> +„Er hat es ihm gegeben, der Advokat.“ +</p> + +<p> +Die Frau des Kirchendieners Pipistrelli stieß den Krückstock +aufs Pflaster. +</p> + +<p> +„Ihm hat es Don Taddeo gegeben, ihm!“ +</p> + +<p> +Die Jungen pfiffen auf den Fingern hinter dem Priester her. +Als er sich umdrehte, spielten sie unschuldig am Boden. +</p> + +<p> +„Dort drückt er sich, der Feigling“, sagte der Apotheker nicht +sehr leise. „Auf den Schlosser redet er sich hinaus.“ +</p> + +<p> +„Wenn man sie anpacken will —“, sagte Polli. „Das kennt +man.“ +</p> + +<p> +„Indessen, Advokat,“ sagte Camuzzi, „Sie waren höflich mit +jenem Herrn, er kann sich nicht beklagen.“ +</p> + +<p> +„Höflich, ich? Ich habe ihm vollauf Bescheid gesagt. Freilich +verhandelt man in gesitteter Form . . .“ +</p> + +<p> +„Du hättest ihn nicht Reverendo betiteln sollen,“ sagte +der Tabakhändler, „wenn er dich nicht wenigstens Exzellenz +nannte.“ +</p> + +<p> +„Aber was habt ihr? Er seinerseits hat meine Ironie sehr +wohl gefühlt, dessen bin ich sicher. Er weiß zu dieser Stunde, +daß ich ihn für einen Schurken halte. Meint ihr, er würde so +vor mir gekrochen sein, hätte er kein böses Gewissen gehabt? +Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wäre er, sobald er mich +sah, davongelaufen!“ +</p> + +<p> +„Das ist wahr“, sagte der Bariton, und die andern gaben +es zu. +</p> + +<p> +„Der Sieg ist beim Advokaten“, stellte der Leutnant fest. +Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlüssel herausgibt, +zahle ich zwei Flaschen A —“ +</p> + +<p> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +„Asti“, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand +vom Tisch gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes +Tuch über Scheitel und Schultern, seine Frau getreten; ihr +Blick ließ sich so schwer auf den alten Krieger nieder, daß +er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo zu. +Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des +Perückenmachers Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und +während Frau Acquistapace ihm beide Hände drückte, erschien +auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom Tisch der +Herren kam sie vorüber, ohne die Lider zu heben, und gesellte +sich zu den anderen. +</p> + +<p> +„Ah, die Frauen“, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen +durch die Mißbilligung der hübschen Frau Camuzzi. Ihr +Mann sagte: +</p> + +<p> +„Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des +Priesters stoßen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen +Mienen nach dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin +zeigte sich dort hinten an der Ecke zum Gasthaus Italia +Molesin, die Komödiantin. +</p> + +<p> +„Wie sie um ihn her schnattern und Flügel schlagen, die +Gänse!“ sagte der Tabakhändler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit +seiner Frau. „Warum sie ihm nicht die Fettflecken +von der Soutane schlecken!“ +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär grub weiter in der Wunde. +</p> + +<p> +„Sie müssen nicht glauben, Advokat, daß Sie mit Don Taddeo +und den Seinen leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: +um so schlimmer. Er versteckt sich hinter dem Schlosser +Fantapiè, der alle Arbeiten für die Kirche und das Kloster +macht und den Schlüssel keinen Augenblick früher beendet +haben wird, als es dem Priester recht ist . . .“ +</p> + +<p> +Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +wickelte Italia ein, schnellte über sie hinaus und lärmte so +sehr, daß nichts mehr zu verstehen war. Die Tauben flüchteten +vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprüngen am Dom. +Einige kehrten zurück und ließen sich auf den Rand der Brunnenschale +nieder. Italia kam näher; das Tuch war ihr von +den Schultern geglitten, Hüften und Augen drehte sie hin und +her und kaute dabei. Wie sie die Tauben sah, machte sie sich +heran und hielt ihnen, zärtlich kreischend, die Handfläche mit +Brot hin. Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt +dessen sagte Frau Acquistapace: +</p> + +<p> +„Ist es erlaubt, Reverendo, daß eine verlorene Frau die +Kirchentauben füttert?“ +</p> + +<p> +Indes Don Taddeo seufzte, fügte die Nonoggi hinzu: +</p> + +<p> +„Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn +man denkt! Und mit einem Edelmann!“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens +drückte sie ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie +aus, — was ihr gut stand. An ihrem schwarzen Kleid vorbei +sah man es silbern niederfallen. Italia richtete sich fragend +auf. Vor dem Café sagte niemand ein Wort. Endlich versuchte +der Advokat: +</p> + +<p> +„Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn +Nonoggi —“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker: +</p> + +<p> +„Auch ohne Nonoggi kommt schließlich alles heraus.“ +</p> + +<p> +„Das ist abscheulich“, rief der Advokat. „Ich wasche meine +Hände in Unschuld, — obwohl ich, wie ich hinzusetzen muß, +der erste gewesen bin, der die Sache erfahren hat.“ +</p> + +<p> +Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen +war sie angelangt, sich mit ihrer trägen Stimme bei dem Priester +erkundigte, ob man die Komödiantin nicht einsperren könnte, +damit sie niemanden mehr verführe, empörte sich der Advokat. +</p> + +<p> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +„Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, +sollte nicht von andern Böses reden!“ +</p> + +<p> +Italia war da, hatte Tränen in den Augen und fragte: +</p> + +<p> +„Was haben diese Damen?“ +</p> + +<p> +Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener. +</p> + +<p> +„Nichts“, brachte er hervor. „Wir sind in einer kleinen +Stadt, was wollen Sie; man sieht hier nicht gern, daß eine +Frau lange schläft.“ +</p> + +<p> +„Aber das Fräulein hat sich den Schlaf verdient“, meinte +Polli bieder. +</p> + +<p> +„Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco +jeden Abend gespielt . . .“ +</p> + +<p> +„Und vielleicht auch die Liebe?“ schlug der Leutnant vor +und rückte sich zurecht. +</p> + +<p> +„Die Leidenschaft!“ rief der Advokat eifersüchtig. „Denn +die Künstlerinnen lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie +auf. Ich kenne es.“ +</p> + +<p> +„Wie wahr!“ — und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit +den Augen kitzelte. Der Advokat schnaufte. +</p> + +<p> +„Diese hier“, erklärte der Bariton Gaddi, „ist nicht leicht +aufzureiben, sie ißt zu viele Makkaroni.“ +</p> + +<p> +„Man sollte sich über die Frauen niemals lustig machen“, +erwiderte der alte Giordano süß. „Sie sind eine zu ernste +Angelegenheit.“ +</p> + +<p> +„Danke, Cavaliere,“ — und sie kitzelte auch ihn. „Ich liebe +den galanten Mann.“ +</p> + +<p> +„Man weiß, man weiß!“ — mit einem Schlage zwischen die +Gläser; und der Tabakhändler sah sich, krebsrot, nach dem +Apotheker um. „Der Baron!“ wisperten sie erstickt und +platzten gleichzeitig aus. +</p> + +<p> +„Was haben diese Herren?“ fragte Italia. Um sie für +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +sich zu gewinnen, kitzelte sie beide mit den Augen und zur +Sicherheit auch noch den Leutnant. +</p> + +<p> +Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und +inzwischen kam Frau Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten +Lidern vorüber. Italia sah ihr voll Spannung und +Unterordnung nach. +</p> + +<p> +„Ist das die Dame, die ausspie?“ flüsterte sie. „Und warum +spie sie vor mir aus?“ +</p> + +<p> +„Auch ich bin beleidigt“, sagte der alte Giordano dumpf +und grübelte, wieder ganz in Falten, vor sich hin. +</p> + +<p> +Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte +irgendeinen an. +</p> + +<p> +„Hier ist jemand, der alles weiß. Alles, versteht ihr? Ist +das nicht schrecklich?“ +</p> + +<p> +„Ich hatte es vergessen“, sagte der alte Giordano schaurig. +„Mein Gedächtnis! Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglück +kommt. Dort im Winkel hinter dem Turm —“ +</p> + +<p> +Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, +und wies mit dem Daumen rückwärts. Der Advokat machte +leise „Sst“. Polli raunte: +</p> + +<p> +„Man sieht nicht hin.“ +</p> + +<p> +„Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren +auf sich zu haben“, wiederholte Nello Gennari, den Blick +gesenkt. Der Bariton nahm seine Uhrkette in die Hand. +</p> + +<p> +„Ich sage nicht, daß es eine große Annehmlichkeit ist.“ +</p> + +<p> +„Was gibts? O was habt ihr?“ — und Italia hatte den +Handrücken am Munde. +</p> + +<p> +„Du hast Hornbreloques, Gaddi?“ fragte der alte Tenor. +„Man sollte sie nie ablegen.“ +</p> + +<p> +Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger +gegen das Haus Mancafede. +</p> + +<p> +„Was gibts, mein Gott?“ flehte Italia. „Ich will fort.“ +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +„Was denn“, machte der Advokat. „Wir leben doch alle +hier, und es tut uns nichts. Es ist ein Mädchen, das seit neun +Jahren, ohne krank zu sein, das Haus nicht verläßt und dennoch +alles weiß, was geschehen ist, und zuweilen auch, was +noch nicht geschehen ist . . .“ +</p> + +<p> +„Man muß zugeben,“ — und der Gemeindesekretär lächelte +spöttisch, „daß es ein wenig unheimlich sein mag, wenn man +es noch nicht gewohnt ist.“ +</p> + +<p> +„Ich will fort.“ +</p> + +<p> +Italia stieß ihren Stuhl zurück. Der Advokat packte sie an +und drückte sie auf den Sitz. +</p> + +<p> +„Sie, eine Künstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung +der menschlichen Natur?“ +</p> + +<p> +„Nun, einfach —“ meinte der Sekretär. Italia sah, umklammert +vom Advokaten, nach Hilfe umher. +</p> + +<p> +„Darum bin ich beleidigt worden“, begann wieder der alte +Giordano. „Ich, der seit fünfzig Jahren —“ +</p> + +<p> +„Hat darum jene Dame vor mir ausgespien?“ fragte Italia +erleuchtet. +</p> + +<p> +„Aber die Wissenschaft —“ hob der Advokat an. +</p> + +<p> +„Wer ist also noch sicher!“ rief Nello Gennari, sprang auf +und machte, die Arme verschränkt, eine stürmische Runde um +den Tisch. „Sie weiß,“ dachte er in plötzlichem Erkennen, +„wo ich die Nacht war und daß ich Alba liebe! Ich wollte +eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines +Geheimnisses sehen. Sie aber hat es: schon gestern wußte +sie den Namen! — und kann mich verraten. Ich lebe von +ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!“ Er setzte sich wieder +und nahm die Stirn in die Hände. +</p> + +<p> +„Die Wissenschaft wird —“ sagte der Advokat. Der alte +Giordano hob plötzlich die Arme und riß die Luft in seinen +offenen Mund hinein. +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +„Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als +hunderttausend Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. +Ich werde hier sterben.“ +</p> + +<p> +„Ja, man muß vorsichtig sein,“ — und der Bariton drehte +unerschüttert an seinen kleinen Hörnern. Der Alte schrumpfte +zusammen. Der Advokat bekam unversehens eine Art Anfall. +Er zuckte wild mit den Schultern, seine Handrücken taten kleine +krampfige Schläge in die Luft, die Adern schwollen ihm, und +seine Augen waren die eines Erstickenden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Plötzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und +sagte, rasch atmend: +</p> + +<p> +„Wenn es den Herren gefällt, zur Probe!“ +</p> + +<p> +Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch +die Zähne, der alte Giordano sah entrüstet weg. Dann +nahm der Advokat das Wort. +</p> + +<p> +„Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!“ +</p> + +<p> +„Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat +mich lange genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker +und muß die Kinder singen lehren. Kommen Sie!“ +</p> + +<p> +Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblaßt: +</p> + +<p> +„Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht —“ +</p> + +<p> +Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er +die Arme herunter und sagte leichthin: +</p> + +<p> +„Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan +gefaßt, abzureisen.“ +</p> + +<p> +„Ach ja, abreisen!“ — und Italia nickte fliegend und verzerrt, +als sei sie von Schlangen umwickelt. +</p> + +<p> +„Auch ich reise“, sagte der alte Giordano. „Ich will hier nicht +sterben.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. +Der Advokat fing ihn auf und setzte ihn hin. +</p> + +<p> +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +„Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; +aber was wollen Sie? Künstler sind Launen unterworfen, +das wußten wir. Wer das Genie will, muß auch die Launen +wollen.“ +</p> + +<p> +„Immerhin,“ meinte der Bariton, der seine Anhängsel sorgfältig +geprüft hatte, „es wird vielleicht besser sein, wir +reisen.“ +</p> + +<p> +Nello Gennari nahm die Stirn aus den Händen; er hatte +einen wirren, ringenden Blick; — schüttelte, die Lider eindrückend, +langsam und stark den Kopf und ließ die Stirn zurückfallen. +</p> + +<p> +„Sie scherzen“, brachte der Kapellmeister hervor und lächelte +wie eine Puppe. „Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir +nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.<a id="corr-2"></a>“ +</p> + +<p> +„Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi,“ — und der Advokat +klopfte ihn. „Unsere Künstler fürchten sich vor der Unsichtbaren +dort hinten. Sehen Sie nicht hin! Und schließlich, +wer weiß; Gründe gibt es für alles; und selbst ich, Maestro, +frage mich —. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwürdigen +Dinge häufen sich ein wenig. Warum mußte mir Don +Taddeo just heute die Ungelegenheit mit dem Schlüssel bereiten? +Überdies hatte ich vergessen, daß der Frau des Wirtes +Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht der Geist +ihres Vaters erschienen ist.“ +</p> + +<p> +Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an. +</p> + +<p> +„Ein Geist?“ fragte sie. +</p> + +<p> +„Gewiß, ein Geist, Fräulein“, bestätigte der Advokat ernst. +„Denn ich gehöre nicht zu denen, die die Seele leugnen. +Ich bin kein Feind der Religion, nur ein Gegner der +Priester.“ +</p> + +<p> +„Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist —“ und Italia +schüttelte sich. +</p> + +<p> +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +„Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht“, bemerkte der +Apotheker Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie +war unvermittelt still und sah ihm gesetzt und treu in die +Augen. +</p> + +<p> +„Das Fräulein lacht! Sehen Sie, daß sie lacht?“ wiederholte +der Kapellmeister noch immer. Er war auf den Beinen, +in seiner zarten Haut sah man die Röte bis unter die blonden +Kinnhaare fließen, und er sagte mit einer Stimme, die aus +dem Tiefsten bebte: +</p> + +<p> +„Ich habe es gewußt, Sie würden mich nicht im Stich +lassen. Wo bleibt das Fräulein Flora Garlinda?“ +</p> + +<p> +„O,“ machte Gaddi, „auf die können Sie zählen, Maestro, +die singt: auch allein, ohne uns, und kein Unglück, böser Blick +oder Geist hält sie ab, denn sie glaubt an nichts.“ +</p> + +<p> +„Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben,“ — und er +wies nach der Treppengasse; „ich habe große Mühe damit +gehabt, bis es oben war . . . Wie? Meine Herren, ich bitte +Sie, ich bitte Sie.“ +</p> + +<p> +„Es wäre vielleicht besser, an nichts zu glauben?“ vermutete +der Advokat. +</p> + +<p> +„Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich“, sagte der Kapellmeister +und griff sich fliegend an die Stirn. +</p> + +<p> +„An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer“, bemerkte +der Cavaliere Giordano. „Beim Theater besonders.“ +</p> + +<p> +„Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, daß alles umsonst +war?“ +</p> + +<p> +„Ich habe sie erlebt,“ — und der Bariton schlug sich auf +die starke Brust. „In Pesaro verschwanden die Schminktöpfe, +die man soeben noch in der Hand gehalten hatte, und +in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich mußte +die meinen mehrmals von der Primadonna zurückholen.“ +</p> + +<p> +„Das soll deine Frau erfahren“, sagte Italia. +</p> + +<p> +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +„Werde ich denn niemals hier herauskommen?“ — und der +Kapellmeister schlug hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt +seine Hände an, die in dürftigen, zu langen Ärmeln +staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten. +</p> + +<p> +Man erwiderte ihm mit Entrüstung: +</p> + +<p> +„Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, daß +hundertfünfzig —“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano bewog die Bürger mit einer Handbewegung +zum Schweigen. +</p> + +<p> +„In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, +die dort aufgetreten sind, nicht wissen, — aber es ist Tatsache, +daß das Theater einen Geist hat. Ich habe ihn erblickt.“ +</p> + +<p> +Er nickte allen nacheinander in die Augen. +</p> + +<p> +„Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes +und soll, obwohl ein religiöses Gelübde es ihr verbot, einen +Tenor geliebt haben. Nun kommt sie, sooft ein junger, noch +unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem Schloß +ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die +er bei Lebzeiten hatte, und wartet, ob der Fremde jenen Ton +aushalten wird . . .“ +</p> + +<p> +„Jenen Ton?“ wiederholte man. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat +einige Schritte, schob wütend einen schreienden Haufen Jungen +auseinander, ging dem Brunnen zu. +</p> + +<p> +„Und meine Ouvertüre!“ sagte er immer wieder, nun dumpf, +nun ausbrechend, nun knirschend. Er stützte die Hände auf +die Brunnenschale und stöhnte laut. +</p> + +<p> +„Sie soll im Theater aufgeführt werden! Die Garlinda soll +meine Arie ‚Trauriges Geschick‘ singen! Wozu ist sie da, wozu +sind sie alle da! Ah! Sie wollen mir nicht ans Licht +helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich aufhalten?“ +</p> + +<p> +Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust. +</p> + +<p> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +„Sie mögen sich hüten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde +sie damit vernichten, ohne Gnade vernichten!“ +</p> + +<p> +Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurück, etwas +einwärts auf seinen gekrümmten Beinen; und da er fühlte, +daß beim Näherkommen sein Gesicht, er mochte wollen oder +nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam, zwang er es zu +drohen. +</p> + +<p> +„Bei der Unmöglichkeit, dies genau zu wissen,“ sagte der +Cavaliere Giordano, „werden Sie verstehen, meine Herren, +wie schwierig meine Lage war.“ +</p> + +<p> +„Teufel!“ +</p> + +<p> +„Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt +fröhlich drauf los, — um in der letzten Pause von irgendeinem +guten Herzen zufällig zu erfahren, daß in der dritten +Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die darauf wartet, ob +man jenen Ton aushält, bei dem vor hundert Jahren ihr +Liebhaber gestorben ist. Hält man ihn aus, stirbt man auch, +das steht fest. Man erstickt an ihm.“ +</p> + +<p> +„Schönes Vergnügen!“ +</p> + +<p> +„Und man weiß nicht, welcher es ist! Die Überlieferungen +stimmen nicht überein. Es konnte auch das hohe d sein, meine +Herren: das hohe d meiner großen Arie ‚O bleiche Sterne‘ +im letzten Akt der ‚Galathea.‘ Aber soll ich auf mein hohes d +verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt werde +ich dafür vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich +um die Wahl zwischen Leben und Ruhm . . . Meine Herren, +ich war jung, ich nahm den Ruhm.“ +</p> + +<p> +„Bravo! Bravo!“ +</p> + +<p> +Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner +Ungebühr bewußt zu sein, nur aus Aufregung, weil er unter +dem Tisch auf einen Fuß gestoßen war, der, wenn nicht alles +täuschte, Italia Molesin gehörte. Der Cavaliere Giordano +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +sah ihn strafend an, und er riß, ertappt, die Brauen in die +Höhe. +</p> + +<p> +„Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, +an dem jener Charlatan erstickt ist; denn das hält niemand +zwei Minuten lang aus, als nur ich. Gleichviel: wie ich nun +vor dem Souffleurkasten stehe, das ganze Haus den Atem +zurückdrängt und nur ich ihn hinausschmettere, lange, lange, +lange: — o, ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht +war ich ein wenig feucht, vielleicht verschwamm es mir +ein wenig vor den Augen. Es kann sogar sein, daß meine +Kräfte nachließen. Da aber lenkt Gott meinen Blick, und ich +sehe in der dritten Loge rechts eine Gestalt sich erheben und +lautlos Beifall klatschen. Das Blut schießt mir zum Herzen, +mit Macht breche ich ab, höre das Haus tausend Hände bewegen +und fühle, daß ich gerettet bin. Ich verbeuge mich +vor der dritten Loge rechts in dem Augenblick, da die Gestalt +zurücktritt und verschwindet. Noch jetzt, scheint mir, habe ich +sie vor Augen: sehr bleich ist sie und gekleidet wie eine +Äbtissin.“ +</p> + +<p> +„Wie eine —!“ +</p> + +<p> +Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand +am Herzen und verstört und blutlos. Allmählich erlangte er +Atem. +</p> + +<p> +„Wie eine Äbtissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! — +und jener Tenor starb für sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! +Ich glaube an sie!“ +</p> + +<p> +Er setzte sich. Noch waren alle erschüttert. +</p> + +<p> +„Cavaliere, ich muß Sie auffordern“, begann der Kapellmeister, +schwach und atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl +einen Stoß und machte sich, die Hände ausgestreckt, eilig +drehend über den Platz. +</p> + +<p> +„Was hat er?“ fragte Italia enttäuscht. Denn unter dem +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +Tisch war inzwischen auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. +„Mit wem ist er?“ +</p> + +<p> +„Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau +dort hinter dem Turm: nicht hinsehen, sie sieht uns.“ +</p> + +<p> +„Er scheint nicht gefährlich.“ +</p> + +<p> +„Meine Herren,“ begann wieder der Kapellmeister, „Sie haben +wohl nicht bedacht, welche Folgen es haben würde —“ +</p> + +<p> +Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend +und die Luft schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob +er ihn vor und ließ ihn los. Der Kaufmann dienerte und +reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein altes Hasenprofil +mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise. +</p> + +<p> +„Wenn die Herren es erlauben —“ +</p> + +<p> +Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich +setzte. Man betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken +braunen Jacke, die aussah wie sein Fell, rund und klein +machte. +</p> + +<p> +„Sie haben eine Tochter?“ fragte der Cavaliere herablassend. +Mancafede schmunzelte bescheiden. +</p> + +<p> +„Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.“ +</p> + +<p> +„Es wäre nicht nötig gewesen.“ +</p> + +<p> +„Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt +sie gern ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr +als wir andern, von der Welt weiß und von gewissen Dingen, +die“ — mit der Hand auf dem Herzen — „uns andern zu groß +sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht +schlafen lassen. Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern +aber stand sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: +‚Papa, jetzt ist er unterwegs hierher!‘ ‚Wer, Töchterchen?‘ +‚Er, der Cavaliere Giordano.‘ Und tatsächlich, bedenkt man +es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht recht geben, +und ist es nicht ein wahres Wunder, daß ein Mann, den sie +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +in Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlägt, +um gerade uns zu erwählen? Kaum glaubt man es, daß er +hier sitzt, mitten unter uns, wie einer von uns!“ +</p> + +<p> +„Tatsächlich“, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat +meinte: +</p> + +<p> +„Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine +Gedenktafel anzubringen.“ +</p> + +<p> +Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er +hatte die Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten: +</p> + +<p> +„Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt +schuldet es sich!“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, +nach allen Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den +Kaufmann: +</p> + +<p> +„Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es +sein, der Ihrer Tochter meine bevorstehende Ankunft enthüllt +hat? Sie hat diese Kenntnis nicht aus sich selbst und +nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat nichts zu bedeuten?“ +</p> + +<p> +Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. +Wenn er sich den alten Tenor zum Feind machte, drohte ein +Ballen roten Flanells, den die Bauern nicht gekauft hatten +und den er jetzt an die Komödianten hätte loswerden wollen, +noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher Ehrgeiz +siegte, und er hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Welch Zufall denn wohl, — da nur der Maestro darum +wußte. Sagen Sie selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden +Seele einen Wink erteilt haben!“ +</p> + +<p> +„Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. +Aber was hat es mir genützt,“ — und die blauen Augen des +Kapellmeisters waren feucht und zornig — „da er nun fort will, +ohne gesungen zu haben!“ +</p> + +<p> +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein +Murmeln der Trauer ging durch den Kreis der Bürger. Der +Cavaliere beschwichtigte sie mit einer Geste von leichter Erhabenheit. +</p> + +<p> +„Fürchten Sie nichts!“ sagte er, machte eine Pause und +stellte sich die Gedenktafel vor, „ich werde bleiben.“ +</p> + +<p> +„Ah!“ +</p> + +<p> +„Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der +Gefahr, die Sie kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit +nicht hunderttausend Einwohnern ist, die mir verhängnisvoll +werden soll: aber, nicht weniger entschlossen als in Parma, +wähle ich statt des Lebens den Ruhm;“ — und er senkte die +Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff +sie mit seinen beiden und schüttelte sie wild. +</p> + +<p> +„Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie +für mich tun!“ +</p> + +<p> +Er stammelte mit feuchter Stimme: +</p> + +<p> +„Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren —“ +</p> + +<p> +„Sie werden bleiben“, ergänzte der Kaufmann. „Das wissen +wir, ohne meine Tochter zu fragen.“ +</p> + +<p> +Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung +der Gagen, sobald das Theater ausverkauft wäre. +Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem Fräulein Italia Molesin +verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen Freund. +Sie und der Advokat sahen errötet aneinander vorbei. +</p> + +<p> +„Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,“ sagte der +Kaufmann, „sind wir sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen +werden.“ +</p> + +<p> +Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu +halten, aber Nello brach nicht los; er schluckte hinunter und +senkte zu aller Überraschung vor dem spöttisch blinzelnden +Kaufmann die Lider. +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +„Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger +auf!“ verlangte der Kapellmeister und trat von einem Fuß +auf den andern. „Meine Herren, ich mache Sie dafür verantwortlich, +wenn wir —“ +</p> + +<p> +„Schließlich hat der Maestro recht“, sagte Italia, denn der +Advokat trat sie zu stark, und sie stand auf. Auch die übrigen +machten sich fertig. Nello Gennari allein blieb sitzen. +</p> + +<p> +„Ich kann noch nicht singen“, behauptete er hartnäckig. „Ich +muß vorher allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn +Minuten! Ich muß allein sein.“ +</p> + +<p> +Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr +zu sprechen. Die Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. +Da der Kapellmeister sie durchaus nicht mitnehmen +wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden des Tabakhändlers +Polli zu verlängern. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die +am Boden mit Steinchen warfen. Er riß sie auseinander +und verlangte, daß sie den Platz räumten. Er hielt sich +nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die gaffenden +Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und +sie verzogen sich im bunten Getöse des Mittagläutens. +</p> + +<p> +Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, +der zwischen Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte +sich auf den ersten Stufen der Treppengasse um und rief: +„Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können keinen Fremden +bei der Probe gebrauchen.“ +</p> + +<p> +„Versteht sich“, rief der Advokat zurück. „Sie werden nicht +kommen, ich bürge dafür, sie sind bei Polli.“ +</p> + +<p> +Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame +im Wege lag. Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg. +</p> + +<p> +„Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen“, sagte +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +der Advokat. Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, +stiegen sie zwischen den schwarzen Häusern fort, aus +deren Türen Rauch schwankte. +</p> + +<p> +„Gut, daß wir dableiben,“ sagte Italia, und lachte; „ich +hätte nicht gewußt, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder +auch nur den Wirt.“ +</p> + +<p> +„Wie? Aber hat denn der Baron nicht —?“ +</p> + +<p> +Er schlug sich auf den Mund. +</p> + +<p> +„Wer?“ fragte sie. +</p> + +<p> +„O, niemand!“ +</p> + +<p> +Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, +schüttelte lachend die Schultern und sprang höher. Er keuchte, +rechts und links winkend, hinterdrein. +</p> + +<p> +„Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder +hat schon Rat und Beistand von mir verlangt. Mit Recht +oder Unrecht hält man mich für einen mächtigen Mann . . . +Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen Sie +den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist +das größte und schönste; und da meine Schwester, die Witwe +Pastecaldi, bei ihrer Heirat abgefunden wurde, gehört es +meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur Hälfte. Ich +habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern —“ +</p> + +<p> +Der Advokat blieb stehen und schmatzte. +</p> + +<p> +„— und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen +Bildern . . . Man zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen +aber, Fräulein: wenn Sie mich besuchen wollen, — o! keine +Furcht, Sie betreten das Haus eines Ehrenmannes;“ — und +er stellte die Hand steil zwischen sie und sich. Italia lachte, +aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit +begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen +Verhältnisse darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag! +</p> + +<p> +„Nach der Probe will ich Sie besuchen“, sagte sie, „und mir +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Ihre schönen Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer“, +setzte sie hinzu und zögerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen +sollte. Statt dessen machte sie sich einen bescheiden +lockenden Senkblick. Er lächelte galant und führte +seine welke Hand ans Herz. +</p> + +<p> +„O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.“ +</p> + +<p> +Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er +hielt immer wieder an. +</p> + +<p> +„Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem +Anblick —“ +</p> + +<p> +„Da ist er! Und die Eier?“ rief es aus dem Hause herab; +und eine große Frau mit einem rot verschnürten Sammetmieder +und kurzen Hemdärmeln stand im Fenster und drohte +mit dem Finger. +</p> + +<p> +„Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er +Hungers sterben lassen: er aber, immer mit den Frauen.“ +</p> + +<p> +„Meine Liebe,“ sagte der Advokat hinauf, „es gibt gewisse +Dinge, die du nicht beurteilen kannst.“ +</p> + +<p> +„Immer derselbe, der Advokat!“ — und die Schwester +breitete verzweifelt die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in +das zwei graue Strähnen fielen, lächelte bewundernd. +</p> + +<p> +„Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! +geh, Taugenichts, unterhalte dich! Laß deine Familie ohne +die Eier!“ +</p> + +<p> +„Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. +Aber merke dir, meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit +haben werde für deine Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem +sehr beschäftigt bin.“ +</p> + +<p> +„Man sieht es“, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich +zurückzog. Der Advokat bemerkte: +</p> + +<p> +„Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen +Stadt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die +gekichert hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurück. +</p> + +<p> +„Bei Ihrem Anblick“, fuhr er fort, „fühle ich deutlicher als +je, daß große Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch +ich zum Künstler bestimmt? Ah! haben Sie je über das +Schicksal nachgedacht?“ +</p> + +<p> +Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo +Belotti ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. +Es war ein kleiner Uralter in abgetragener Herrenkleidung. +Mit seinen trockenen Falten, seinen Greisenaugen schien er +über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war, bewegte +dabei die Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, +die Linke am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut. +</p> + +<p> +„Es ist nichts“, erklärte der Advokat. „Es ist der Brabrà: so +nennen sie ihn nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn +er sprechen will. Ein armer Alter, etwas verrückt, aber wenig +interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann von meinen +Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal —. Aber +nein: da ich Ihnen begegnet bin!“ +</p> + +<p> +Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm. +</p> + +<p> +„Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz +der Frau Fürstin Cipolla; ich bin in der Lage, ihn +Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; — und dort rechts +das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig +namens — Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die +einen Liebhaber hatte.“ +</p> + +<p> +„So streng war er!“ — und Italia sah ehrfürchtig an der +wilden schwarzen Mauer hinauf. +</p> + +<p> +„Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, +aber die Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht +los, die heiligen Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen +Blick auf die Landschaft zu werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißig +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Ortschaften. Welch wollüstiges Blau: würde man +nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt? +Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei +Augen fassen, der hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen +zu verzehren.“ +</p> + +<p> +„Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!“ +</p> + +<p> +„Für eine Frau würde ich es ausgeben!“ rief der Advokat, +in Feuer, und kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten +Bogen neben dem fürstlichen Palast. „Meine Schwester +hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine Frau zu +allem fähig.“ +</p> + +<p> +Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen +ab. +</p> + +<p> +„Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade +diesen Ort haben sich die Leute aus den nächsten Gassen +seit langen Jahren ausersehen. Sie besitzen nämlich noch +keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .“ +</p> + +<p> +Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben +stampfte und winkte der Kapellmeister. +</p> + +<p> +„Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir +die ‚Arme Tonietta‘ niemals herausbringen! Ein Jahr +meines Lebens kostet ihr mich!“ +</p> + +<p> +„Sie haben recht, Dorlenghi“, sagte der Advokat und beschwichtigte +mit der Hand. „Wir kommen, gleich sind wir +da.“ +</p> + +<p> +„Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. +Aber die Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der +Gennari? Er sprach von zehn Minuten, und das ist eine +halbe Stunde her!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf +den Schutt setzen mußte, und erwischte hinter dem Torbogen +einen Buben. +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +„Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er +nicht sogleich komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider +Chiaralunzi! Er soll mir seine Mieterin schicken. Bist +du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen, was ich dir +schenke.“ +</p> + +<p> +Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß +er mit dem alten Brabrà zusammen, schlug hin und lief +zerschunden weiter. Beim Gevatter Achille saß der Herr, +aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn fort. Sogar +den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er +fort . . . +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, +tat ein paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse +und bog wieder ab. Diese Wege, die nicht zu ihr führten, +diese Menschen, die sie nicht kannten oder noch bei ihrem +Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. +Alles, was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung +blinzelte er über den leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen +Sonne und seinen alltäglichen Schatten. Jetzt hatten sie +alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten sie sie +wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches +war Nello gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, +ließ ihn nicht ein. Würde Alba je von ihm erfahren? Sie +war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter ihren Fenstern +lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken, +daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas +sich geregt. Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte +einen Spalt bekommen, darin betrachteten ihn ein paar +Augen, und das weiße Gesicht — hatte es nicht genickt? Er +trat hinan: es senkte sich langsam. +</p> + +<p> +Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +ihm ein Zeichen! Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, +was ihm gehört: Vergnügen machen und lügen! Warum +nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder Reinheit, +wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die +betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen +zu Boden warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht +droben neigte sich nochmals und verschwand. Nello betrat +die Arkaden, er setzte den Fuß auf die Stufe. Ein Geräusch — +er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah ihn an. Sie +kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz +mit ihrem Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das +Haus, den Spalt in der Balkontür und den jungen Mann +auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich gelächelt und war +fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig die +Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna +klappten schon in der Treppengasse. +</p> + +<p> +So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, +lief sie in ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, +weil sie aus Sparsamkeit nur den Unterrock darunter +anhatte, und in ihrem schmutzigweißen Filzhut, den sie um +des Haares willen trug: lief hinauf und davon, um die Ecken, +über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, — und sooft +durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo +Kinder spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen +saß, richtete sie den Kopf noch höher. Droben sah sie nicht +links noch rechts: unter dem Bogen beim Schloß war ein +kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer unentdeckbaren +Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. „Laßt +mich durch!“ — und auch über den Kot unter dem Bogen sah +sie hin. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +noch blind, alles schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre +Hand auf etwas Menschliches. +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie!“ sagte jemand. +</p> + +<p> +„Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. +Wer sind Sie?“ +</p> + +<p> +„Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres +Komitees wohne ich der Probe bei.“ +</p> + +<p> +„Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie +den Weg nicht?“ +</p> + +<p> +„Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!“ +</p> + +<p> +Da fiel er hin. +</p> + +<p> +„Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht +daran.“ +</p> + +<p> +Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich +weiter entfernt an. +</p> + +<p> +„Wir sind falsch gegangen“, entschied Flora Garlinda. „Wir +wollen umkehren, und ich will führen. Da es ein Theater +ist, werde ich schon hinfinden . . . Diesen Korridor hatten +wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht mit drinnen?“ +</p> + +<p> +„Konnte ich denn? Ließ man mich denn?“ — und der +Stimme des Advokaten hörte man an, daß er im Dunkeln +die Arme schwenkte. „Dorlenghi ist verrückt geworden; er +behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein +Fremder! Der Vorsitzende <a id="corr-3"></a>des Komitees ein Fremder! Er +vergißt, daß er selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken +können.“ +</p> + +<p> +„Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern +nehmen? Aber ich werde Ihnen helfen.“ +</p> + +<p> +„Ah! Sie werden —. Fräulein Flora Garlinda, ich habe +sofort erkannt, daß Sie eine große Künstlerin sein müssen. +Ich sagte noch zu Polli, dem Tabakhändler —“ +</p> + +<p> +„Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +„Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. +Vielleicht würde es erraten haben, daß ich nicht —, daß dieser +Maestro mich —“ +</p> + +<p> +„Wir sind da“, sagte Flora Garlinda. +</p> + +<p> +Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; +der Schein der Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, +die vier menschlichen Schattenrisse sahen weithin verstreut +aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des Lichtkreises +und stieß die Faust in die Luft. +</p> + +<p> +„Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, +Cavaliere. Sie sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der +Maestro.“ +</p> + +<p> +„Das ist immerhin etwas“, bemerkte der Bariton Gaddi, +rittlings auf einem Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür. +</p> + +<p> +„Was für ein schlecht erzogener Mann!“ sagte sie. „Mich +hat er bereits Idiotin genannt.“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr +höhnischer Triumph kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen. +</p> + +<p> +„Maestro,“ — ganz sanft — „ich bitte Sie für meinen Freund, +den Advokaten Belotti. Er möchte uns zuhören.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister fuhr auf. +</p> + +<p> +„Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!“ +</p> + +<p> +„Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,“ — und +der Advokat trat mit Würde vor. +</p> + +<p> +„Also nochmals,“ schrie der junge Musiker zitternd, „der +Herr bin hier ich. Wer nicht gehorchen will —“ +</p> + +<p> +„Nun?“ — und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in +die Augen. +</p> + +<p> +„Kann gehen“, ergänzte er viel leiser. Sie nickte. +</p> + +<p> +„Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.“ +</p> + +<p> +„Erst gestern“, stieß er hervor, „hat mir die Fusinati geschrieben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +„Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt +man schwer unter. Sie aber, Maestro, der Sie kein Kind +erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein andres Engagement, +wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden +—“ +</p> + +<p> +„O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,“ — +und der Advokat trat von einem Fuß auf den andern. „Sind +wir nicht alle Freunde?“ +</p> + +<p> +„Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß +es erlaubt sein, zu singen, vor wem ich will.“ +</p> + +<p> +„Es liegt mir fern —. Wir haben uns mißverstanden —.“ +</p> + +<p> +Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen +und auf Schreckliches gefaßt. +</p> + +<p> +„Überdies“, begann sie wieder, „bin ich gewohnt, nur mit +dem Regisseur zu verhandeln.“ +</p> + +<p> +„Sehr richtig“, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte +ein Heft auf das Klavier. „Von wem lasse ich mir hier +sagen, daß meine Stimme nicht genüge? Dieser junge Mann +hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei singe ich +ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen +weiß, daß meine Partie der Piero wäre!“ +</p> + +<p> +„Kurz: was will man von mir?“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote +Lider. +</p> + +<p> +„Man will einen Regisseur, beim Bacchus“, sagte der Bariton. +</p> + +<p> +„Der bin ich! Der bin ich!“ +</p> + +<p> +„Meine Herren,“ stammelte der Advokat und beschwor sie +mit den Händen, „ich möchte um nichts in der Welt, daß +meinetwegen —“ +</p> + +<p> +„Maestro!“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +nötig, es zu gestehen: diese ganze Szene beweist es. Tun +Sie uns und sich einen Dienst und bescheiden sich! Wir machen +unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es, der die +Ausstattung beschafft hat.“ +</p> + +<p> +Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten +schon den Bariton. +</p> + +<p> +„Und ich,“ klagte der Kapellmeister, „ich habe den Chor zusammengebracht +und Sie selbst. Ich habe den Gedanken +der Aufführung gehabt und die Bürger für ihn gewonnen, +habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das ist +nichts, das ist augenscheinlich nichts.“ +</p> + +<p> +Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier +herum. +</p> + +<p> +„Wer sagt das?“ — und Flora Garlinda folgte ihm. „Aber +weil Sie ein Mann von Verdienst sind, sollten Sie das +Nebensächliche fahren lassen.“ +</p> + +<p> +„Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß“, hörte man den +Bariton sagen. +</p> + +<p> +„Er verlangt fünfzig Lire“, wiederholte Flora Garlinda mit +gesenkten Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des +Einverständnisses: +</p> + +<p> +„Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben +eine Oper geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?“ +</p> + +<p> +Da er den Atem einzog und anhielt: +</p> + +<p> +„Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste +Jahr Sie in Mailand. Wir —“ +</p> + +<p> +Sie knixte tief. +</p> + +<p> +„— sind für Sie nur Staffeln.“ +</p> + +<p> +„O!“ machte er, aufgeblüht und gütig. „Sie nicht, Flora +Garlinda: Sie nicht. Sie werden größer werden als ich.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie?“ fragte sie mit herabgelassenen Lidern und +zog sich zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +„Aber solange ich Dirigent bin,“ rief er den anderen zu, +„darf ich vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich +mich für befriedigt erkläre?“ +</p> + +<p> +Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte +sich. +</p> + +<p> +„Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.“ +</p> + +<p> +„Dann also, Cavaliere,“ rief der Kapellmeister, „noch einmal +von vorn, bitte: ‚Seid fruchtbar, meine Kinder . . .‘“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, +zitternde Töne von sich zu geben. +</p> + +<p> +„Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter +bebaut haben, auch meine Enkel sollen es bebauen.“ +</p> + +<p> +„Hören Sie ihn etwa?“ — und der Kapellmeister warf sich, +die Stirn trocknend, auf seinem Sitz umher. „Und dies ist +nur ein Klavier! Was wird das Orchester von seiner Stimme +übriglassen?“ +</p> + +<p> +Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, +als sollte es weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die +nicht kamen. +</p> + +<p> +„Ich habe doch alles verstanden“, versicherte Italia Molesin +mitleidig und sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. +Der Bariton stellte fest: +</p> + +<p> +„Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten +Höhe.“ +</p> + +<p> +„Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler —“ sagte der +Advokat mit Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich +mit beiden Händen den Kopf. +</p> + +<p> +„Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, +stehe ich für nichts! Ich stehe für nichts!“ +</p> + +<p> +Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände +wieder auf die Tasten. +</p> + +<p> +„Fräulein Flora Garlinda!“ +</p> + +<p> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +„Hier bin ich.“ +</p> + +<p> +„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! +O Gott! ich dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht +kommt. Begreift man eine solche Gewissenlosigkeit?“ +</p> + +<p> +„Nun ja“, meinte Gaddi. „Nello wird jedem einen Vermouth +zahlen müssen, und das wird ihm zu denken geben.“ +</p> + +<p> +„Einen Vermouth!“ — und der Kapellmeister stieß die Luft +aus. +</p> + +<p> +„Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie +hinschicken! Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? +Fräulein Flora Garlinda, Sie, die Sie zuletzt gekommen +sind!“ +</p> + +<p> +„Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?“ — und sie +wandte sich ab. +</p> + +<p> +„Steckt er bei einer Frau?“ raunte Gaddi. Sie regte sich +nicht. Der Kapellmeister präludierte wütend und überschrie +seinen Lärm. +</p> + +<p> +„Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!“ +</p> + +<p> +Sie fiel ein: +</p> + +<p> +„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns +blühen . . .“ +</p> + +<p> +Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters +behutsam und weich, und er neigte das Ohr. Seine +Miene versuchte, streng zu bleiben, aber ein kindliches Entzücken +drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog Schmerz +sie. Die Sängerin hatte abgebrochen. +</p> + +<p> +„Es ist unnütz“, sagte sie. „Ich höre mich nicht, wenn mir +der Partner fehlt.“ +</p> + +<p> +„Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe +sie mit! Alles, was Sie wollen!“ +</p> + +<p> +„O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +ich ihn nicht neben mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme +ich mir den Buben meines Wirtes. Geben Sie mir den +Advokaten!“ +</p> + +<p> +„Herr Advokat!“ — und der Kapellmeister streckte die Hand +hin. „Wir bitten Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?“ +</p> + +<p> +„Aber wie denn, Maestro!“ +</p> + +<p> +Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, +legte seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, +seine Fingerspitzen auf ihre Schulter, und richtete +ihm den Kopf. +</p> + +<p> +„Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem +Fächer. Advokat, Sie starren in das Abendrot!“ +</p> + +<p> +Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe +kommen und scharrte mit den Füßen. +</p> + +<p> +„Sind wir soweit?“ fragte der Kapellmeister scharf; — und +er nickte der Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf +das Klavier überging und sie schwieg, glaubte der Advokat +seine Partnerin unterhalten zu sollen. +</p> + +<p> +„Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der +erste hier, der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir +sie nur auf Pollis Phonographen.“ +</p> + +<p> +„Schweigen Sie!“ schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht. +</p> + +<p> +„Aber er ist kaput“, sagte der Advokat noch und erschrak dabei. +</p> + +<p> +Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten +Hände unter dem Kinn und das Gesicht nach oben +gelegt. +</p> + +<p> +„Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!“ +</p> + +<p> +„Knien Sie!“ befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme +dem Advokaten, aber der Advokat war nur darauf bedacht, +mit den Fingerspitzen nicht die Schulter der Primadonna zu +verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu behalten. +</p> + +<p> +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +„Knien Sie doch hin!“ — und Gaddi drückte ihn zu Boden, +daß es krachte. +</p> + +<p> +„Au, au!“ machte der Advokat. Die Sängerin beendete +gerade ihren himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn +auf seine. +</p> + +<p> +„Und würde sterben für dich!“ +</p> + +<p> +„Sie sind zu gütig“, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. +Gaddi wandte sich um und drückte die Hände in die Seiten. +Der Cavaliere Giordano ließ sich auf einen Stuhl fallen. +Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen los. Der +Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er +endlich hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln +konnte: +</p> + +<p> +„Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die +Worte nicht. Und das in diesem Augenblick, in diesem!“ +</p> + +<p> +Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna. +</p> + +<p> +„Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für +diese Herren.“ +</p> + +<p> +„Warum denn“, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich +an die Stirn. +</p> + +<p> +„Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags +habe ich den Chor und am Abend das Orchester. +Auf morgen!“ +</p> + +<p> +Und er war fort. Man sah sich an. +</p> + +<p> +„Nun also, gehen wir essen!“ meinte der Bariton. „Wollen +Sie nicht aufstehen, Advokat?“ +</p> + +<p> +Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem +Platz sich von Flora Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, +daß Italia und der Advokat verschwunden waren. +</p> + +<p> +„Schon“, sagte der Bariton; und der alte Tenor: +</p> + +<p> +„Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In +unserem Beruf ist es empfehlenswert, jung zu sein.“ +</p> + +<p> +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +„Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?“ +fragte Flora Garlinda. +</p> + +<p> +Die beiden Männer riefen einander noch nach: +</p> + +<p> +„Um fünf im Café!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der +schöne Alfò bediente sie, mit seinem von sich entzückten +Lächeln. Drinnen ließ der Gevatter Achille die Arme über +das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit taten sie +nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres +Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia +entströmte eine übelriechende Frische. Der Cavaliere +Giordano zog aus dem Handgelenk einen kleinen Papierfächer. +</p> + +<p> +In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten +Kopfes, Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit +die Schultern ein wenig in die Höhe gezogen und hielt +die Arme steif. +</p> + +<p> +„Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot“, rief Gaddi ihm +entgegen. Der junge Mensch hob langsam einen wehrlos +klagenden Blick. Der andere stand rasch auf, faßte seinen +Arm, zog ihn um die Hausecke. +</p> + +<p> +„Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!“ +</p> + +<p> +Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust. +</p> + +<p> +„Nichts“, brachte Nello hervor. +</p> + +<p> +„Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, +und gereizt bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher +Spieler. Warum hast du die Probe versäumt?“ +</p> + +<p> +Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, +sein Blick verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit +einem Griff nach der Hand des andern: +</p> + +<p> +„Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +Er preßte, fiebrig bittend, die Hand. +</p> + +<p> +„Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich +ekelts, wenn ich an deiner Hand die Wärme meiner eigenen +fühle.“ +</p> + +<p> +„Du bist krank.“ +</p> + +<p> +„Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. +Ich habe die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.“ +</p> + +<p> +Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem +Gesicht die Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar. +</p> + +<p> +Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt +ward laut: der Kaufmann Mancafede kam über den Platz +und sah sie. Nun galt es, sich hervorzuwagen und in sein +schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon alles! +Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es +die Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. +Nello gab die Hand, halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen +werden, und mit einem Blick von unten, der nicht +standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als beteuerte +er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, +sagte er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man +wisse gar nicht mehr, was vorgehe. Und Nello senkte die +Stirn, errötet, weil er begnadigt war. +</p> + +<p> +Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle +und hob den Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr +ein neuer Schreck. Aber nun er seinen Kaffee mit Rum bestellt, +umständlich sein Holzbein unter dem Tisch zurecht gelegt +und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der +Apotheker aus: +</p> + +<p> +„Und der Advokat?“ +</p> + +<p> +Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich +stürmisch die Hände. +</p> + +<p> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +„Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich +habe Beweise. Er hat sich aus der Apotheke Kirschen in +Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, der Advokat: Orgien, +meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.“ +</p> + +<p> +„Wir?“ fragte Gaddi. +</p> + +<p> +„Ich weiß“, erklärte Mancafede; „meine Tochter hat es mir +gesagt.“ +</p> + +<p> +Nello machte sich steif. +</p> + +<p> +„So wiederholen Sie es doch!“ +</p> + +<p> +Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen. +</p> + +<p> +„Wir haben keine Ahnung“, sagte der Cavaliere Giordano. +</p> + +<p> +„Raten Sie nur!“ — und der Apotheker legte den Finger +an die Nase. +</p> + +<p> +„Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .“ +</p> + +<p> +„Die“, behauptete der Bariton, „kann es nicht sein. Sie ist +äußerst anständig.“ +</p> + +<p> +„Und doch, und doch —“ +</p> + +<p> +Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich +den Finger auf die Brust. +</p> + +<p> +„Ich habe es aus erster Quelle.“ +</p> + +<p> +Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia +selbst, hatte bei ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. +Zwischen Tür und Angel hatte sie im Zimmer ihres Bruders +einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und auf dem +Sofa saß die Frau. +</p> + +<p> +„Ah! Ihr Herren, der Advokat!“ +</p> + +<p> +Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein. +</p> + +<p> +„Ich kann es nicht glauben“, versicherte Gaddi und zwinkerte +dem Cavaliere Giordano zu; „eine so anständige Person +wie unsere Italia.“ +</p> + +<p> +„Eure Italia!“ rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +„Ah! reden wir ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue +weiß manches von ihr.“ +</p> + +<p> +„Hat er sie geschlachtet?“ +</p> + +<p> +„Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion +davon haben wird, — und wer hat es geholt? Niemand +anders als die Schwester des Advokaten Belotti.“ +</p> + +<p> +Der Sekretär spreizte die Hände. +</p> + +<p> +„Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, +ein Kapitän Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu +verführen: alles bloß Erfindungen.“ +</p> + +<p> +Polli und der Apotheker hoben die Arme. +</p> + +<p> +„Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!“ +</p> + +<p> +„Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,“ +— und Camuzzi strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. +„Ah, man stelle sich vor: ein Kind vom Advokaten.“ +</p> + +<p> +„Schon?“ fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. „Bisher +steht nur fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen +Gefrorenes hingetragen hat. Der Advokat hat ihm selbst die +Schüssel abgenommen, und der Junge konnte erkennen, daß er +unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde aber +schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger +an.“ +</p> + +<p> +„Ah! der Advokat.“ +</p> + +<p> +„Orgien: wie ich euch sagte!“ — und der Apotheker schlug +zwischen die Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf +seinem Stuhl immer unruhiger. Er erhob die Stimme. +</p> + +<p> +„Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, +wie oft die beiden —; wie oft der Advokat sie —: ihr +versteht mich.“ +</p> + +<p> +Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli +aber, der Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter +und röter, — und auf einmal entließen sie mit Geknatter die +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +Luft aus ihren aufgeblasenen Backen. Polli war auf den +Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins Gesäß. +Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der +Apotheker brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, +das die Leute um den Tisch sammelte. Plötzlich rief eine +schrille Stimme: +</p> + +<p> +„Da sind sie!“ +</p> + +<p> +Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen +voran, stürzte sich nach der Treppengasse. Die am Brunnen +schwatzten, kamen nach; schon traten der Perückenmacher +Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen; zwei +Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti +mit der Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er +die letzte verließ, entsandte er, in die Brust geworfen, ein +Lächeln des Triumphes über die Menge, die ihm huldigte, +nach dem Café, wo alle verstummt waren; — und dann bot +er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie +durch das Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da +und applaudierte. +</p> + +<p> +Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, +empfingen das Paar stehend und alle Hände hingestreckt. +Italia, mit frischem Puder auf einer Wange, gab die ihre hin, +indem sie sich in den Schultern ein wenig wand. Auch blinzelte +sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei +jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete: +</p> + +<p> +„Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!“ +</p> + +<p> +Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, +und sie mußte zugeben, daß sie ermüdet sei. +</p> + +<p> +„Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten“, erklärte sie. +</p> + +<p> +„Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben —“ +</p> + +<p> +„Sst!“ machte er. +</p> + +<p> +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +„Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause +des Advokaten gut gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster +Qualität.“ +</p> + +<p> +„Darauf hat er sich immer verstanden!“ schrie Polli. „Er +hat immer das zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.“ +</p> + +<p> +Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung +nicht genügend beleuchtet. +</p> + +<p> +„Und der Baron“, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch +der Apotheker hatte es gehört und flüsterte zurück: +</p> + +<p> +„Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals +einer sie ihm aufgesetzt hat, bist du es.“ +</p> + +<p> +„Du bist groß, Advokat!“ sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung. +</p> + +<p> +Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den +Advokaten im Genuß der Huldigungen. +</p> + +<p> +„Da haben wirs!“ — und Camuzzi wies nach dem Dom. +Auf der Treppe drängten die Jungen sich und folgten gierig +den Vorführungen des Konditorlehrlings. Seine Hände sah +man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor +lachen. +</p> + +<p> +„Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.“ +</p> + +<p> +„Was meinen Sie denn, Camuzzi?“ fragte der Advokat, +immerhin betroffen. „Ich habe keine Ahnung.“ +</p> + +<p> +Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die +Hand ans Herz legte. +</p> + +<p> +„Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen +hat.“ +</p> + +<p> +Der Sekretär nickte ingrimmig. +</p> + +<p> +„Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da +er sein Werk sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die +Jugend, ihr Herren, ist in Gefahr!“ +</p> + +<p> +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +„Das ist doch wohl übertrieben“, meinte der Advokat; und +da er in den Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich +kühner auf. +</p> + +<p> +„Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom +Konditor Serafini ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die +beim Malandrini die Teller abspült. Ich rufe den Leutnant +als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr Herren, seht hier, +seht den Priester!“ +</p> + +<p> +Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben +und belauschte, sprungbereit, die Buben. Unversehens +war er über ihnen und zersprengte sie unter einem +Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren +schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des +kleinen Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und +seine Soutane flog, besinnungslos auf die Ungewandtesten +und Schwächsten ein, die sich duckten und schrien. Die Bürger +waren empört. +</p> + +<p> +Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte: +</p> + +<p> +„Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!“ +</p> + +<p> +„Wenn man ihn selbst einmal —“ schlug Polli vor, und sogar +der Kaufmann Mancafede gestand, daß der Priester es +stark treibe. +</p> + +<p> +„Solche Verbündete“, stellte der Advokat fest, „hat der Herr +Camuzzi. Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.“ +</p> + +<p> +„Die moralischen Gesetze“, versuchte der Sekretär einzuwenden, +„verlieren dadurch nicht an Wert, daß —“ +</p> + +<p> +„Ach was!“ — und der Advokat schob seine Tasse weit fort. +„Lassen Sie doch die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie +Menschlichkeit, der wir anderen huldigen —“ +</p> + +<p> +Er sah auf Italia. +</p> + +<p> +„— ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere +Verneinung!“ +</p> + +<p> +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +„Bravo, Advokat!“ sagte der Cavaliere Giordano. +</p> + +<p> +„Er hat gut gesprochen“, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo +setzte hinzu und schielte auf seine Nase: +</p> + +<p> +„Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns +herbeiführen, wenn nicht der Advokat es täte!“ +</p> + +<p> +Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche +der Bürger entgegennehmen. Auch Italia hatte +ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ den Blick, Anerkennung +fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der +Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbei<a id="corr-4"></a>hinkte, +holte der Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn +entrüstet, Italia steckte ihm Zucker in den Mund. Der Gemeindesekretär +betastete seine elegante Krawatte, begann +seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. +Um nicht ganz vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den +Komödianten an. +</p> + +<p> +„Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber +ich liebe das Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, +glaube ich nicht, daß der Advokat eine Frau erobert hat, weil +ich an keinen seiner Erfolge glaube; weil ich nicht glaube, +daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen kann.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb: +</p> + +<p> +„Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte +nicht auf den Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, +daß gewisse Familien, unter Ausschluß aller übrigen, das +Genie hervorbringen.“ +</p> + +<p> +Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich: +</p> + +<p> +„Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen +schmeicheln; und Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar +wären, gehen verloren in kleinen Geschäftskabinetten, +in irgendeinem Hinterhaus.“ +</p> + +<p> +„Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?“ fragte der Sekretär. +</p> + +<p> +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +„Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den +politischen Plänen, die ich im Kopfe wälze? Andere, bei +Gott, als die Anlage von Waschhäusern und Vizinalwegen. +Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und +freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich +ducken vor Mittelmäßigkeiten.“ +</p> + +<p> +Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten +Armen stiegen die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär +hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend +jemand einen großen Mann zu sehen: sei es auch nur in sich +selbst.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia +die kleine, einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte +sich in die Gasse. +</p> + +<p> +„Hier ists kühl“, sagte er aufatmend; und über sie geneigt: +</p> + +<p> +„Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht +verraten hast.“ +</p> + +<p> +„Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.“ +</p> + +<p> +Er biß sich auf die Lippe. +</p> + +<p> +„Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: +der Schein ist gegen mich.“ +</p> + +<p> +Da sie Luft durch die Nase stieß: +</p> + +<p> +„Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! +Einen einzigen Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!“ +</p> + +<p> +Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen. +</p> + +<p> +„Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du +bist!“ +</p> + +<p> +„Aber auch ich —“ und er schluchzte trocken auf, „— habe +nun etwas Einziges, etwas Großes —“ +</p> + +<p> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz: +</p> + +<p> +„— für das ich leben will, — für das ich sterben will.“ +Ihre Miene ward unruhig. +</p> + +<p> +„Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!“ +</p> + +<p> +„Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich +von Natur kann.“ +</p> + +<p> +„Und so paßt es für dich“, sagte sie befriedigt. +</p> + +<p> +Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der +Advokat legte die Rechte aufs Herz und begann zu singen. +„Sieh, Geliebter, unser um —.“ +</p> + +<p> +Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag. +</p> + +<p> +„Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört +hat, vergißt es nicht.“ +</p> + +<p> +„Da Sie es singen, Fräulein,“ sagte Polli galant, „brauche +ich meinen Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist +immerhin eine Ersparnis.“ +</p> + +<p> +„Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?“ fragte +Camuzzi; und gerade wollte auch der Leutnant für die seine +bitten, da führte der Apotheker die Hand ans Ohr. Man hörte +es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die Rathausgasse +hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock. +</p> + +<p> +„Es wird niemand darin sein“, sagte der Kaufmann. +</p> + +<p> +„Ich habe beobachtet,“ sagte Polli, „wenn der vorige Tag +zu gut war, dann kommt gar nichts.“ +</p> + +<p> +„Da wir das Fräulein schon unter uns haben“, und der +Advokat verbeugte sich vor der Primadonna. Italia stieß +ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat sie, um seinen +Fehler gutzumachen, auf den Fuß. +</p> + +<p> +Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden +sofort in der Treppengasse. Der Apotheker fluchte. +</p> + +<p> +„Es ist unbegreiflich,“ bemerkte der Advokat, „wo diese +Mädchen sich umhertreiben. Was mögen sie —“ +</p> + +<p> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, +der Baron Torroni. +</p> + +<p> +„O,“ machte der Leutnant, „man weiß von sehr sonderbaren +Fällen . . .“ +</p> + +<p> +Der Sekretär lächelte unbekümmert. +</p> + +<p> +„Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.“ +</p> + +<p> +„Tatsache ist,“ sagte Polli, „daß der Advokat gewisse Rechte +des Barons nicht ganz —“ +</p> + +<p> +Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie +fuhr auf: +</p> + +<p> +„Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben —. +O! seid ihr schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!“ +</p> + +<p> +Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich. +</p> + +<p> +„Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi +hofft vergebens, daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don +Taddeo gezittert? Und niemand wird leugnen wollen, daß +die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.“ +</p> + +<p> +„Immerhin muß man wissen,“ sagte der Apotheker, „daß +heute früh ein Bauer aus Borgo bei mir war, dem der Baron +ein Loch in den Kopf geschlagen hat. Denn er läßt sich auf +Prügeleien ein, wie ein Bauer.“ +</p> + +<p> +„Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!“ rief +Polli; „und da du mit dem Fräulein Italia bist: was willst +du noch von ihm?“ +</p> + +<p> +Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, +und das machte seinen Schritt noch tapferer. Italia holte +ihn ein, sie legte die Hand auf seinen Arm. +</p> + +<p> +„Keine Dummheiten, Advokat!“ +</p> + +<p> +Und etwas weiterhin: +</p> + +<p> +„Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron —? +Trotz allem glaubst dus, was ich dir gesagt und was ich für +dich getan habe? O ich Unglückliche!“ +</p> + +<p> +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten +in dieser kritischen Lage vorbei. +</p> + +<p> +„Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!“ sagte er. +</p> + +<p> +Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben +hatte. Er war überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben +würde, hätte sie nicht mit dem Baron den Anfang gemacht. +</p> + +<p> +„Du lügst!“ — und sie ward bleich, mit einer Art zorniger +Begeisterung, weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen +war, endlich einmal etwas Falsches zuschob. „Was hast du +gesehen?“ +</p> + +<p> +„Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, +und der Wirt wußte, warum.“ +</p> + +<p> +„Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. +Von der Frau des Wirtes kam der Baron! Denn der Geist +ihres Vaters, der ihr erschienen ist, war der Baron Torroni: +ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt habe.“ +</p> + +<p> +Der Advokat murmelte: +</p> + +<p> +„Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem +Platz“ — und nachdem er überlegt hatte: +</p> + +<p> +„O Weiber! Und das soll ich dir glauben?“ +</p> + +<p> +Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, +als sollten alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. +Freilich, wenn sie die Wahrheit sprach, war der Konflikt mit +dem Baron aus der Welt geschafft! Aber wo blieb der Stolz, +ihn betrogen zu haben? Andererseits war es schmeichelhaft, +der erste zu sein, — und sofort nahm er sich, kühn gemacht, +vor, sie dafür zu verlassen. +</p> + +<p> +„Ich liebe nur dich“, sagte Italia versöhnlich. +</p> + +<p> +„Eh!“ machte er und kehrte um. +</p> + +<p> +„Liebst du mich nicht mehr?“ fragte sie. Er sagte herablassend: +</p> + +<p> +„Du bist ein gutes Mädchen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem +Advokaten zu: +</p> + +<p> +„Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den +Baron. Man sah wohl, daß sie Furcht um dich hatte.“ +</p> + +<p> +„Du glaubst?“ — und der Advokat strich sich den Schnurrbart. +</p> + +<p> +„Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen“, begann +der Leutnant wieder, „von sehr sonderbaren Fällen . . .“ +</p> + +<p> +Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? +„Mit ihr kam ich gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann +stand ich dort drüben und sah Alba in den Dom gehen . . . +kann das geschehen sein? Habe ich nicht geträumt? O! nie +wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!“ Und er +errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda +sich großer Dinge gerühmt habe. „Ich bin klein, klein und +komme nur vorüber und verwehe, wie ein wenig Staub, +den ihr Fuß aufhebt.“ Aber hundertmal hatte schon in seinem +Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und +keine Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon +war er verzweifelt! „Ich begreife mich nicht. Mein Geist +hat das Fieber, und was ich denke, ist abwechselnd wie Feuer +und wie der Tod.“ +</p> + +<p> +„Wo bleibt der Maestro?“ fragte der Cavaliere Giordano, +der die ganze Zeit starre Augen gehabt hatte. „Die Chorprobe +müßte aus sein.“ +</p> + +<p> +„Wohl“, sagte Gaddi. „Aber diese Anfänger haben einen +solchen Eifer. Welche ungesunde Aufregung heute morgen! +Ich möchte wissen: wenn einer seine Pflicht tut und seine +Familie erhält, ist das nicht genug?“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott +auf. Der Bariton bemerkte es nicht, weil er einen seiner +Söhne von anderen Jungen bedroht sah und hineilte, um +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den Blick +des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und +er murmelte: +</p> + +<p> +„Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie +saß in schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf +dem Tisch und die Faust unter dem alten weißen Filzhut, so +daß er hinüberrutschte, — trank nicht, rauchte nicht und riß +manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, anzusehen +wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer +Semmel ab. +</p> + +<p> +Der Advokat streckte die Hand aus. +</p> + +<p> +„Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, +das könnte auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon +oft, wenn ich ihn zu den Nonnen hinaufsteigen sah —“ +</p> + +<p> +Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf. +</p> + +<p> +„Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in +betreff der guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten +sogar eine Magd, die mannstoll war, eine schöne Person —“ +Italia unterbrach die Erzählung. +</p> + +<p> +„Advokat,“ sagte sie zitternden Tones, „der Blick des Priesters, +als er uns begegnete!“ +</p> + +<p> +„Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr +Herren: er kam die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause +traten. Vielleicht hatte er Unglück bei den Nonnen gehabt, +denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht an seine Sittenstrenge; +und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen +Augen an . . .“ +</p> + +<p> +Sie schlug die Hände vors Gesicht. +</p> + +<p> +„Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, +und er sieht mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, +am Anfang einer Saison zu beichten.“ +</p> + +<p> +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi +lobte Italia für ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, +und die anderen schwankten zwischen den beiden Auffassungen. +Flora Garlinda sagte unvermutet: +</p> + +<p> +„Auch ich werde beichten.“ +</p> + +<p> +Man stutzte. +</p> + +<p> +„Sie sind fromm?“ +</p> + +<p> +„Warum nicht“, erwiderte Gaddi. „Auch beim Theater sind +wir anständige Leute.“ +</p> + +<p> +„Ich komme gern mit mir ins reine“, erklärte sie und bewegte +die Augen hell vom einen zum andern. „Habe ich +dort im Schatten gekniet und alles ausgesprochen, dann weiß +ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir bestimmt ist.“ +</p> + +<p> +Der Advokat hielt sich nicht mehr. +</p> + +<p> +„Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester +ihr die Sünden vergeben kann?“ +</p> + +<p> +„Wenn er stark genug wäre?“ sagte sie und sah über die Köpfe +hinweg. „Aber fast immer muß ich selbst sie mir vergeben +können: er versteht mich nicht.“ +</p> + +<p> +„Sie sind eine sonderbare Person“, bemerkte der Tabakhändler. +</p> + +<p> +„Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück +Fleisch“ — und sie erfaßte Italias weißen Arm. „Sie sind +schwierig, — und die Priester sind grob. Da war in Sogliaco +ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl und sagte: +‚Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist +die Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, +ehrgeizig zu sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi +ist, wäre sie, die nichts kann, dennoch fast als Primadonna +nach Parma gekommen. Ich habe es verhindert, mein Vater, +indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch längst nicht +gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +ich ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ +sie sich die Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein +Vater! Auf lange ists aus mit ihr. Und die Arme: am +Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und bittet +mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für +das Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie +wegnahm!‘“ +</p> + +<p> +„Welch guter Witz!“ rief der Apotheker, und alle schüttelten +sich. Flora Garlinda lächelte in die Runde. +</p> + +<p> +„Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. +Die Gardine des Beichtstuhls flog auf von seinem +Schnauben.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen“, +sagte der Cavaliere Giordano. +</p> + +<p> +Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, +— und alle die Farben der leichten Blusen, der gefärbten +Haare und bemalten Gesichter flatterten über den +Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein hergewehter +Schwarm fremder Insekten. +</p> + +<p> +Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr: +</p> + +<p> +„Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele +zur Verfügung haben!“ +</p> + +<p> +„Aber auch unsere Damen“, fügte er hinzu, „sind nicht zu +verachten, und nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem +Platz beisammen wie heute. Kommen Sie doch, ich werde +sie Ihnen zeigen!“ +</p> + +<p> +Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den +Arm des schönen Tenors und steckte den Daumen der andern +in das Ärmelloch seiner Weste. Lauter bewundernde Blicke +fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er fühlte, wie sie +seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht trafen. +</p> + +<p> +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +„Die kleine Paradisi“, raunte er, „hat es auf Sie abgesehen, +mein Lieber. Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, +daß wir begehrt sind.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube sie schon zu kennen“, erwiderte Nello, und nachdem +er gezögert hatte: „Gehen in einer Stadt wie dieser +nicht täglich zur selben Stunde dieselben Personen über den +Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, die ich gestern +gesehen habe?“ +</p> + +<p> +„Gewiß,“ sagte der Advokat, „und sogleich wird auch die +Hühnerlucia da sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern +kam die Post mit Verspätung, und die Hühnerlucia verspätet +sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, was wir haben. Das +heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles geändert. Da +steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile +Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß +nie, was alles aus einem Postwagen steigt mit den Personen, +die daraus hervorkommen.“ +</p> + +<p> +Er sah sich nach Beifall um. +</p> + +<p> +„Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten +Arztes. Er ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, +Sie verstehen? Ich glaube, daß diese Frau sich in einer Krise +befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt machen, unter der +Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin vorstellen, +der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. +Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino +Salvatori mit zwei anderen Komödiantinnen auf seinem +Korbwagen. Er will auch die große Gelbe hineinheben: +umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch +Glück der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, +daß der Severino Salvatori unser elegantester junger Mann +ist. Er bringt die Erbschaft seines Vaters durch. Immer +hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen, daß er das +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist +größer als die Goldstücke des Alten.“ +</p> + +<p> +Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello +dachte: +</p> + +<p> +„Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge +drängte sich wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens +teilte sie sich. O! wird sie sich auch heute mit solcher Kunst +zerteilen? Wird auch heute am Ende einer Gasse von Menschen +Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen Klängen +der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, +dort hinten in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? +Ich sehe sie! Ihr weißes Profil! Ihr Haarknoten, +kupferrot und besonnt!“ +</p> + +<p> +„Die Hühnerlucia!“ rief der Advokat und schüttelte ihn. „Da +ist sie!“ +</p> + +<p> +Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. +Von allen Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte +verrenkte umsonst ihr krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, +um lauter zu gackern als alle. Da durchdrang ein Schrei von ihr +den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, über den Brunnen +nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. +Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte +es mit den Händen um sich, man kreischte, man floh . . . +</p> + +<p> +Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden +war, wand sich der Advokat noch immer erstickt vor Lachen. +</p> + +<p> +„Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun +seit dreißig Jahren, und es bleibt immer komisch.“ +</p> + +<p> +„Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro“, +rief er. +</p> + +<p> +„Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater“, +erklärte der Advokat seiner Umgebung. „Alles in Ordnung, +Maestro?“ rief er durch die Hände. +</p> + +<p> +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, +die ihn begleitet hatten, und ging rasch durch die Menge nach +dem Café „zum Fortschritt.“ +</p> + +<p> +„Es ist gut gegangen,“ sagte er und nahm die Hände, „ich +bin zufrieden.“ +</p> + +<p> +„Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?“ fragte +Italia. +</p> + +<p> +„Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk +ist immer das Beste in diesem Lande; ich halte es mit dem +Volk.“ +</p> + +<p> +Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, — +lehnte den Kopf an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ +sich, rosig durch die heimlichen Wallungen seines besonnten +Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. Sie kannten ihn nur +als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an patriotischen +Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch +den Corso zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und +berühmten Künstlern, hatte eine Unzahl Menschen zu befehligen, +eilte umher als die beschäftigteste Person der Stadt, +und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und feenhafte +Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans +Herz: es sprang zu hoch. +</p> + +<p> +„Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen +sein“, sagte er und seufzte. +</p> + +<p> +„Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann“, +erwiderte der Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab +dagegen dem reiferen Alter den Vorzug, wenn man vom +Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an den +Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein +und lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter +Austausch von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister +sich mit einem kleinen Ruck an Flora Garlinda. +</p> + +<p> +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +„Niemand sang doch ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ +so gut wie Livia Damanti“, sagte er und schöpfte Atem. +</p> + +<p> +Flora Garlinda lächelte. +</p> + +<p> +„Sie finden?“ +</p> + +<p> +„Sie hatte so viel Gefühl.“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda krümmte die Lippe. +</p> + +<p> +„So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann +haben Sie die Livia gehört?“ +</p> + +<p> +„Letzten Winter“, sagte er rasch und errötete. „In Parma.“ +</p> + +<p> +„Sie ist seit einem Jahr in Amerika.“ +</p> + +<p> +Und immer mit ihrem reglosen Lächeln: +</p> + +<p> +„Übrigens ist das ‚Sieh, Geliebter‘ nicht ihr Fach, denn sie +singt Contralto.“ +</p> + +<p> +Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. +Sie zuckte unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, +daß er sich heute bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, +als er sie so fassungslos lobte. Daher diese Erfindung. Er +war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah weg. +</p> + +<p> +„Ich werde mich geirrt haben“, sagte er und schluckte hinunter. +„Auch zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. +Das ist die Wahrheit.“ +</p> + +<p> +„Wahrheit oder nicht“ — und sie lachte kameradschaftlich, +„wir kennen uns schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen +wohl, wem jeder von uns die größte Zukunft voraussagt. +Denn was denken Sie über sich, Maestro?“ +</p> + +<p> +„Über mich? über mich?“ — mit der Hand auf dem Herzen: +</p> + +<p> +„Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der —“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen. +</p> + +<p> +„Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer +ist er gedrungen.“ +</p> + +<p> +„Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat“, sagte +der Kaufmann Mancafede. +</p> + +<p> +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige +Nase. Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem +wirklichen Advokaten um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, +den Kopf im Nacken, anmutig die Hand. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht +sich, soviel die Geschäfte es nur erlauben, um das +geistige Leben der Stadt, in der man nun einmal wohnt. +Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es +ein inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über +mich. Ich verschließe dann den Landleuten, die meinen Rat +suchen, die Tür meines Geschäftskabinetts; und dort ganz +hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt nicht dringt, +blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.“ +</p> + +<p> +Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine +lauschende Haltung benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen. +</p> + +<p> +„Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie +viele mögen gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! +— und doch, ich fühle eine Musik in mir, nach der es ein ganzes +Volk verlangt, und manchmal, inmitten des Fiebers der Arbeit, +meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses +Volkes zu hören, das wartet.“ +</p> + +<p> +„Und Sie, Herr Savezzo?“ fragte Flora Garlinda. +</p> + +<p> +„Ganz so!“ sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß +er wohl daran getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen +fortzulegen, denn nun waren die gestern gebrannten Locken +noch unzerstört. „Ganz so! Als ich über die Freundschaft +meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, +sah ich fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir +sitzen und vernahm das beifällige Gemurmel. Vorne saßen +die Damen und gerade unter meinem Podium die schöne Alba +Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +bloß ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade +hatte ich schon im Geist erblickt.“ +</p> + +<p> +„Der Ehrgeiz!“ sagte der Kapellmeister. „Der Ehrgeiz ist +eins mit dem Drang zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind +das gleiche. Sie verstehen mich, Flora Garlinda! In die +Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das Meer; +mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich +spende! Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch +die Taten meiner Seele und, nun ich erscheine, tausend Geliebte +vorfinden, die mir danken!“ +</p> + +<p> +„Tausend Geliebte!“ — und der Savezzo stieß ein Freudengelächter +aus. „Ich sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung +manches zutraue. Aber auch das ist schon etwas, +wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine gewisse +Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine +unserer ersten Damen sich mir —“ +</p> + +<p> +Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, +um sie weiß zu machen. +</p> + +<p> +„Die Herren verstehen sich“, sagte Flora Garlinda und sah, +reglos lächelnd, gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die +Hand gespreizt, vom Sitz; aber seine empörten Worte schienen +ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt durch dies Lächeln; +schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte: +</p> + +<p> +„Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter +für diesen Vermouth.“ +</p> + +<p> +Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: „Ists möglich, +daß sie mich mit diesem verwechselt? Aber sie hat recht; +denn wem will ich beweisen, daß ich ihm nicht gleiche? Die +sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer kleinen Stadt +sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins +wohl gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, +die von schlechter Musik kommen, werden mir immer +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch nach gefälschtem +Wein. Ich will nicht mehr schreiben.“ +</p> + +<p> +Er betrachtete ihr Lächeln. +</p> + +<p> +„Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung +treiben! Sie ist böse, ich hasse sie! — und würde +doch keinen Menschen so gern an mich glauben machen wie +sie!“ +</p> + +<p> +Aus ratloser Pein sagte er: +</p> + +<p> +„Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?“ +</p> + +<p> +Sie hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt +von meinem Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich +werde sehr viel arbeiten: das ist alles, was ich weiß. Vielleicht +werde ich wieder nach Sogliaco zurückkehren, vielleicht +verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, mag sein +sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann +aber —“ +</p> + +<p> +Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie. +</p> + +<p> +„Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder +vergessen. Ich werde nicht vom Glück abhängen und +werde nicht sinken. Ich bin jung, — und meine Stimme, +mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird +dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.“ +</p> + +<p> +Sie stand auf. +</p> + +<p> +„Ich will meinen Spaziergang machen.“ +</p> + +<p> +„Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden“, sagten die +Bürger. +</p> + +<p> +Sie lachte und ging. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister sah vor sich nieder. „Ihr gehört die Zukunft; +darum braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte +wie vorhin: +</p> + +<p> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +„Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger +Mann.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige +Berühmtheit hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die +Menge floß rascher in den Corso hinein und zurück auf den +Platz. Um den Brunnen schwenkten sich lange Reihen von +jungen Mädchen, wie Strahlen eines Feuerrades. Plötzlich +stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch die Schleier +der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave. +</p> + +<p> +Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, +am Arm des Tenors Nello Gennari, beim Café ein. +</p> + +<p> +„Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!“ schrie er +erzürnt. „Was fällt ihm ein!“ — denn der Advokat vermißte +seinen Feind ungern und hielt auf die Gewohnheiten des +andern wie auf seine eigenen. +</p> + +<p> +„Im übrigen,“ sagte er, „die Hühnerlucia, Don Taddeo mit +seinem heiligen Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein +regelmäßiges Leben.“ +</p> + +<p> +„Aber die Personen,“ sagte Nello, „die zum Dom gingen, +waren nicht dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter +seiner wulstig gesenkten Stirne hervor. +</p> + +<p> +„Ach ja,“ sagte er, „dieser Herr wünschte schon gestern eine +der Personen kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er +möge sich merken, daß ihre Bekanntschaft nicht leicht zu +machen ist und daß andere davorstehen.“ +</p> + +<p> +„Was meint dieser Herr?“ — und Nello tat einen raschen +Schritt. +</p> + +<p> +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +„Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.“ +</p> + +<p> +Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an. +</p> + +<p> +„Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. +Sind wir denn keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und +sie unterhalten, indem ich ihr meinen Vortrag über die +Freundschaft hersage.“ +</p> + +<p> +„Was hat er?“ ward gefragt, als er fort war. +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht —“ stammelte Nello. Der Advokat bewegte +den Zeigefinger. +</p> + +<p> +„Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund +Sie sind. Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er +sich in gewissen, an die Bauern gerichteten Zirkularen, die +mir zu Gesicht gekommen sind, schon wieder des Advokatentitels +bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn +eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf +der Tür seines sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen +Advokat gegeben hatte, und daß ich ihm mit einer Anzeige +drohen mußte, bevor er das Schild entfernte. Drum können +mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich +beneidet und haßt.“ +</p> + +<p> +„Er ist ein junger Mann von großem Genie“, wandte Polli +ein. Der Advokat versuchte es zu leugnen, aber man hielt +ihm die Erfolge Savezzos im Klub vor. Darauf erwiderte +er: +</p> + +<p> +„Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt +werden.“ +</p> + +<p> +„Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft“, sagte der Perückenmacher +Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den +Hut über den Boden. +</p> + +<p> +„Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!“ +</p> + +<p> +Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, +daß die blutigen Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen. +</p> + +<p> +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +„Eh! eh!“ machte der Advokat, und alles an ihm dehnte +sich. +</p> + +<p> +„Wenn ich gewußt hätte,“ versicherte der Barbier und drückte +die Pickelflöte fester unter seinen Arm, „ich wäre gekommen +und hätte den Herrschaften ein Ständchen gebracht.“ +</p> + +<p> +„Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?“ fragte der Bariton +Gaddi. +</p> + +<p> +„Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären +nur nicht Unwürdige darunter! Ich weiß wohl, wen ich +meine.“ +</p> + +<p> +„Ihr meint den Chiaralunzi“, sagte der Apotheker. „Aber +wir alle wissen, daß er ein sehr braver Mann ist.“ +</p> + +<p> +Der Barbier hüpfte auf. +</p> + +<p> +„Der Schneider — ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich +darum handelt, Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn +es gilt, einen verschnittenen Rock dem Besteller anzuprobieren, +ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt sich nicht beim +Wein.“ +</p> + +<p> +„Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.“ +</p> + +<p> +„Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, +weil er mit seiner Bande zu viel trinkt.“ +</p> + +<p> +„Da haben wirs“, bemerkte der Advokat. „Ihr neidet euch +gegenseitig die Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid +ihr Feinde. Das ist nicht schön, Nonoggi.“ +</p> + +<p> +Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu +Boden. +</p> + +<p> +„Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir +stehen so miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn +Gemeindesekretär.“ +</p> + +<p> +Der Advokat legte den Kopf zurück. +</p> + +<p> +„Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die +Verschiedenheit der Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Um euch zu versöhnen, werden wir euch beiden einen Vermouth +anbieten.“ +</p> + +<p> +„Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth +wäre mir zu bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! +An der Ecke erwarten mich der Tapezierer und mein +Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!“ +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte der Kapellmeister aufschreckend. +</p> + +<p> +Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer +Federboa. Auf seiner großen Hand, die er offen hielt, um +das zarte Ding nicht zu drücken, und weit von sich streckte, +damit es ihn nicht einmal streife, balancierte er sie Schritt +für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem. +</p> + +<p> +„Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?“ fragte er +und setzte das Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. +Die Boa ließ er nicht aus dem Auge. +</p> + +<p> +„Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein +gegangen? Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch +gestern tat sie es, und in der Nachtluft wird sie sich erkälten. +Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens den Hals zu +schützen.“ +</p> + +<p> +„Und die Probe?“ fragten sie ihn. Er bedachte und sah die +Boa an. +</p> + +<p> +„Ja, die Probe.“ +</p> + +<p> +„Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre +Flora“, sagte der Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister +auf. Er war rosig bewölkt und streckte die Hand +hin. +</p> + +<p> +„Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht +nichts. Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.“ +</p> + +<p> +„Aber — die Probe? Sie sind der Maestro!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich +wieder. +</p> + +<p> +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +„Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war +nur ein Einfall.“ +</p> + +<p> +Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal +aufzubewahren. Der Schneider sprang entsetzt zurück. +</p> + +<p> +„Im Café! Was denkt Ihr denn?“ +</p> + +<p> +Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, +hängte seinen Schatz an das Kleidergestell, trat davor von +einem Fuß auf den anderen, zerrte abwechselnd am linken +und am rechten Ende seines rostroten, baumelnden Schnurrbartes. +</p> + +<p> +„Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute“, entschied +er endlich und nahm sie herab. „Das beste wird sein, +ich trage sie wieder nach Haus. Entschuldigen die Herren!“ +</p> + +<p> +Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände +und trug sie Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen +war. Hinter ihm zuckten sie die Achseln. +</p> + +<p> +„Verliebt, der Arme!“ +</p> + +<p> +„Die Orchesterpartitur“, sagte der Kapellmeister, „liegt noch +in meiner Wohnung, ich muß eilen.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano stand rasch auf. +</p> + +<p> +„Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen +wohl am Gasthaus vorbei?“ +</p> + +<p> +Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er: +</p> + +<p> +„Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich +werde dabei allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem +Advokaten zusammen, Gaddi hat seine Familie, Flora Garlinda +begnügt sich mit dem Diner der Schneidersfrau, und +Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich könnte +zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, +Maestro, es kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo +die Nähe junger Frauen voll Bitternis ist. Wenn Sie wollen, +werfe ich einen Blick in das Manuskript Ihrer Oper.“ +</p> + +<p> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +„Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister griff sich an den Hals. +</p> + +<p> +„Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor lächelte mild. +</p> + +<p> +„Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange +her, sogar die von ihm selbst geschriebenen Noten des großen +Maestro Rossini, — die er mir geschenkt hat.“ +</p> + +<p> +Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister: +</p> + +<p> +„Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.“ +</p> + +<p> +Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des +Tabakhändlers, und sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister +entgegen. Da er vorbeikam, hob ihre kleine rote +Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und blieb, +von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano +wandte lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne +in die Lippe gedrückt und starre, feuchte Augen. +</p> + +<p> +Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, +mit dem Wirtshaus „zu den Verlobten“ und der Schmiede. +Über dem Bruchstück der alten Stadtmauer, die zwischen den +letzten Häusern stand wie ein großer Efeustock, sah rauh der +braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf das Dach +der Schmiede. +</p> + +<p> +„Dort oben.“ +</p> + +<p> +Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz +mit einer geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß +wie die Wände, und den heitersten Arabesken aus Gips. Als +sie das dunkle Haus erklommen hatten: +</p> + +<p> +„Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. +An Luft fehlt es hier nicht.“ +</p> + +<p> +Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen. +</p> + +<p> +„Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im +Winter werde ich es in meinem Bett ein wenig kalt haben. +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +Aber das macht nichts. Tagsüber ist mir oft fast zu warm +von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel +tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir +ist, als laufe ich durch den Himmel; — und aus den Glockentönen, +die mir darin entgegenschweben, aus dem Gehämmer +der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber vielleicht ist es +schlechte?“ +</p> + +<p> +Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, +rosig bis unter die Barthaare, lieferte er es aus. Der andere +blätterte und bewegte die Lippen. Der Kapellmeister hielt +nicht stand. +</p> + +<p> +„Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten +Akt vor, wenigstens den Schluß, wenigstens das Duett. Sie +müssen es anhören!“ +</p> + +<p> +Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf. +</p> + +<p> +„Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie +wollen wirklich —? Aufs Bett? . . .“ +</p> + +<p> +Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und +regte sich nicht. Der berühmte Sänger klatschte leicht in die +Hände und sagte: +</p> + +<p> +„Bravo, Maestro!“ +</p> + +<p> +Darauf atmete der Kapellmeister wieder. +</p> + +<p> +„Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors +zu improvisieren“ — und der Cavaliere stand schon da und +schlug mit dem Zeigefinger den ersten Ton an. +</p> + +<p> +„Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. +Es wird dunkel, aber hier oben sieht man noch genug. +Beginnen wir!“ +</p> + +<p> +Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des +Lauschens. Endlich sah er, rosig lächelnd, auf. +</p> + +<p> +„Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich +gemacht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie +war stark: „Wo habe ich heute morgen meine Ohren gehabt?“ +Nie hatte sie tremoliert. Der Kapellmeister schüttelte noch +immer die Hand seines Sängers. +</p> + +<p> +„Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!“ +</p> + +<p> +Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen +hatte. Mit immer neuem Entzücken: +</p> + +<p> +„Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste +Wirkung!“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor lächelte klug. +</p> + +<p> +„Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im +‚Don Carlos‘ das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.“ +</p> + +<p> +„Ihm selbst haben Sie vorgesungen!“ +</p> + +<p> +„Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein +Werk für mich spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.“ +</p> + +<p> +„Ein Verdi!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. +Der Cavaliere Giordano trat an das Fenster. +</p> + +<p> +„Hier hat man einen weiten Horizont“, bemerkte er. „Die +vielen Dächer bergab, und in der Dämmerung drunten, +weithin verstreut, die Lichter. Sie haben es gut, Maestro, +Sie sind jung.“ +</p> + +<p> +„Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen +jenen blauen Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. +Ich habe es bei meiner Arbeit immer vor mir, als das +Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, eines weitreichenden +Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!“ +</p> + +<p> +„Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu +fahren und mit Säcken voll Dollars zurückzukehren.“ +</p> + +<p> +„Sie waren drüben, Cavaliere.“ +</p> + +<p> +Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses +Erlebnis zu den geringeren. +</p> + +<p> +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +„Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in +Petersburg singen zu hören, bestellten die Leute telegraphisch +Plätze von Moskau aus und von der Krim. Während der +‚Gioconda‘ kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am +Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle +vor mein Haus und eine an den Eingang des Theaters. +Das alles aber ist nichts, wenn ich mich erinnere, wie es war, +als ich zwanzig war. Zusammen mit dem Mustafà und dem +Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in Vallicella +den Sant’ Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore +Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen +wütend zu klatschen und ‚bis‘ zu schreien. Die bewaffnete +Macht mußte eingreifen und sie beruhigen.“ +</p> + +<p> +„Als Sie zwanzig waren“, wiederholte der Kapellmeister. +</p> + +<p> +„Ja“, sagte der Alte; und als sei er allein: +</p> + +<p> +„Es ist nun bald fünfzig Jahre her.“ +</p> + +<p> +Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so +lange das Meer und die große Ferne gewußt hatte. War +es noch dort? Ihm schien auf einmal unnütz, es zu suchen. +Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, und was +blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders +als sonst. „Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu +hören, bestach mein Gehör, — und vielleicht wollte ers bestechen?“ +Dem Kapellmeister kam der Verdacht, der Cavaliere +Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht herbeigeführt, +ihn sich milder zu stimmen. „Es ist wahr, ich habe +ihn auf der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches +Elend! Ich durfte das: ich, ein Anfänger, — und seinen +Namen kannte eine Welt.“ Er war froh der Dunkelheit, die +diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet war: +über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz. +</p> + +<p> +„Ich muß eilen“, murmelte er. „Das Orchester wartet auf mich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe. +</p> + +<p> +„Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie +mich.“ +</p> + +<p> +Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige +Minuten lang nicht allein zu sein. Aber er blieb zurück. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An der Ecke beim Wirtshaus „zu den Verlobten“ trat, als +der Kapellmeister heranstürmte, die kleine Rina aus dem +Schatten und rief etwas. Er war schon vorüber und rief +zurück: +</p> + +<p> +„Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.“ +</p> + +<p> +Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn +in die Gasse drüben bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler +Polli und der Apotheker Acquistapace ein. Sie drohten +ihm mit dem Finger und stießen sich an. +</p> + +<p> +„Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er +kommt.“ +</p> + +<p> +Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie +unter einem Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte: +</p> + +<p> +„Dort oben wohnt eine.“ +</p> + +<p> +„Auch hier habe ich eine einquartiert“, bemerkte der Advokat +ein Stück weiter; und alle drei gaben ein angeregtes +Glucksen von sich. Die Reihen der alten, schwarzen, von +seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren schweren und +verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk +roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten +Fenstern und den weit vorstehenden Dächern, +worunter in offenen Speichern Maiskolben und Reisig trockneten: +diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten +Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den +Schäden des Pflasters wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen +verwandelt. Das alles machte sie wieder neugierig, wie als +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um über die rote +Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo Choristinnen +mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, +ob die Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet +seien. Als der Tischler Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz +kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei der nächsten Laterne +betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann: +</p> + +<p> +„Er hat recht.“ +</p> + +<p> +„Auch für andere ist noch etwas da“, erklärte der Advokat +und klopfte ihn auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Aber woher kommen sie alle?“ setzte er hinzu, denn dort +hinten schlüpften schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. +„Man weiß doch, daß es nur dreizehn sind, und die ganze +Stadt scheint voll von ihnen.“ +</p> + +<p> +„Überall riecht es nach Puder“, sagte der Apotheker mit seiner +biederen Stimme. Die anderen beiden schnupperten. +</p> + +<p> +„Sie verlieren ihn in der Luft,“ sagte der Advokat, „wie Insekten +ihren Flügelstaub“ — und er sah sich um, denn ihm +war, als schlüge über ihm ein Flügel. Ja, wirklich, auf dem +niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte sich eine: eine +große, — und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber verschwand +ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler +hatte ihn erkannt. +</p> + +<p> +„He! Olindo! Willst du hervorkommen!“ — und er stieß mit +dem Zeigefinger nach dem Pflaster. +</p> + +<p> +„Soll ich dich holen, du frecher Bengel?“ +</p> + +<p> +Der junge Polli zeigte sich am Gitter. +</p> + +<p> +„Papa,“ stotterte er, „das Fräulein wünschte Räucherkerzen +gegen die Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie +ihr gebracht.“ +</p> + +<p> +„Augenblicklich kommst du herunter!“ +</p> + +<p> +Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +Haare und das verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. +Die Choristin stieß ihn, laut lachend, an. +</p> + +<p> +„So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!“ +</p> + +<p> +Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte: +</p> + +<p> +„Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, +uns die Söhne zu verführen, dann mag die Kunst zum Teufel +gehen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte +der Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube +sperre. Da erschien Olindo, vorsichtig abgewendet, +unter der Tür und schlich dicht an der bauchigen Rundung +des Hauses hin. +</p> + +<p> +„Ah! er will entwischen.“ +</p> + +<p> +Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern +zu packen. Aus Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, +indem er sich bückte, — und nun schleppte Polli den Besiegten +am Rockschoß herbei. +</p> + +<p> +„Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! +Jetzt kommen mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute +die zehn Trabukos verschwunden waren. Sie sind also doch +verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame bestimmt. +Da hast du, da hast du! — und sage zu Hause deiner Mutter, +ich ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.“ +</p> + +<p> +Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte +Polli den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen +Schweißes bemerkte er das Gelächter, das ihn umgab. +In das Gebrüll des Apothekers und das Keuchen des +Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler +ward angst. +</p> + +<p> +„Seid vernünftig“, bat er, „und weckt nicht alle Weiber auf. +Sie liegen schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche +Szene sich für Leute, wie wir sind? Kommt fort!“ +</p> + +<p> +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +„Aber es ist geradezu die Schönste“, sagte der Advokat und +war nicht vom Fleck zu bringen. „Dein Sohn hat sich geradezu +die Schönste ausgesucht: die mit den gelben Haaren. +Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem Platz. Du +hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit +uns“, flüsterte er durchdringend hinauf, „wird das Fräulein +vielleicht im Gasthaus „zum Mond“ ein kleines gutes +Souper einnehmen wollen. Ich bin der Vorsitzende des +Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.“ +</p> + +<p> +„Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren“, erwiderte +sie. Man sah sie drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast +schwingen. Die Röcke raffend, die raschelten, erschien +sie auf der Schwelle und streckte die Hand sogleich dem Tabakhändler +hin. +</p> + +<p> +„Ihr Sohn ist ein Kind“, sagte sie; „Sie aber, mein Herr, +sind ein wirklicher Mann.“ +</p> + +<p> +„Wir wollen es hoffen“, erwiderte er mit grober Stimme +und einem Lächeln, das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann +besann er sich darauf, ihr den Arm zu bieten. Der Advokat +mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er schnaufte. +</p> + +<p> +„Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt“ — und +lauter: +</p> + +<p> +„Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind +die Schönste, und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.“ +</p> + +<p> +Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm +um. +</p> + +<p> +„Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin +glücklich, mein Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ +</p> + +<p> +Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, — und rasch machte +sie sich wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, +wie Olindo getan hatte. +</p> + +<p> +„Welch ein Weib!“ +</p> + +<p> +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein +Raum war; er schlug heftig gegen die Mauer. „Au au! . . . +Ich fühle, daß ich Tollheiten für sie begehen könnte.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker sagte vorwurfsvoll: +</p> + +<p> +„Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! +Denn die Italia, ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas +Göttliches, das dieser hier trotz ihren gelben Haaren fehlt.“ +</p> + +<p> +„Soll ich dir etwas sagen?“ +</p> + +<p> +Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers. +</p> + +<p> +„Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich +nicht werde treu sein können, weder ihr noch einer andern. +Mich verlocken sie alle, ich schrecke vor dem Wort nicht zurück: +alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat mich im Grunde +immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers +geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.“ +</p> + +<p> +Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, +wie es ging, und eilte dem gelben Schopf nach und den +breiten schaukelnden Hüften, die im Corso verschwinden +wollten. +</p> + +<p> +Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf +dem strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen +beide zu schreien. Polli schlug auf einen Tisch. +</p> + +<p> +„Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken +wollen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat stellte die Hände um den Mund. +</p> + +<p> +„Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn +wir brauchen ein kleines feines Souper. Zuerst Salami und +Schinken, dann eine gehörige Schüssel voll Makkaroni, eine +von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel aufträgst; +dann Escaloppes in Madeira . . .“ +</p> + +<p> +„Sie werden zufriedengestellt werden“, sagte der Wirt und +dienerte speckig. „Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +sogar Hühner à la Villeroy machen, was eine schwierige, +aber glänzende Sache ist.“ +</p> + +<p> +„Und Leber in Öl will ich“, erklärte das Mädchen. +</p> + +<p> +„Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!“ empfahl +der Advokat, als der Wirt schon ins Haus lief, und Polli +schrie hinterher: +</p> + +<p> +„Sorge für den Zabajone!“ +</p> + +<p> +Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof: +</p> + +<p> +„Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. +Niemand gibt dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Was schreit er?“ sagte hinten im Corso Italia Molesin zu +Nello Gennari. Er zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +„Sie werden sich betrinken wollen.“ +</p> + +<p> +„Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist +dieser Mann denn unermüdlich?“ +</p> + +<p> +„Unsere Ankunft“, sagte Nello, „hat belebend gewirkt auf die +Einwohner dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, +ihre Laster in Freiheit zu setzen.“ +</p> + +<p> +„Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen +Ruhe gefunden zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu +bleiben; und nun, am selben Tage noch —“ +</p> + +<p> +Italia hatte eine feuchte Stimme. +</p> + +<p> +„Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu +führen.“ +</p> + +<p> +„Wem sagst du es“, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen +Zähnen. +</p> + +<p> +„Aber dich hat doch niemand betrogen?“ fragte sie. Er murmelte: +</p> + +<p> +„Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu +Großes mutete ich mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als +ich bin.“ +</p> + +<p> +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +„Ich verstehe dich nicht.“ +</p> + +<p> +„Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen +nachkommen müssen.“ +</p> + +<p> +„Als ob wir dafür engagiert wären!“ +</p> + +<p> +„Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk +für Hunde.“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +III +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>O</span>b mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!“ verlangte +die Frau des Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe +Schulter noch höher und lugte unter ihrem grünen Augenschirm +ringsum. „Und er wird droben bleiben und ihnen vor der +Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr verdammtes +Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, +dem Teufel eine Messe zu feiern.“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes“, sagte der Schlosser +Fantapiè und bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der +wie Fantapiè an die Arbeiten in der Sakristei dachte, bekreuzte +sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte die Augen. +</p> + +<p> +„Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht +rasch genug können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe +und brich dir das Bein, bevor der Böse dir den Hals bricht!“ +</p> + +<p> +„Wie wir Guten wenige sind!“ bemerkte Frau Acquistapace. +„Sollte man die Unglücklichen nicht zurückhalten?“ +</p> + +<p> +Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock. +</p> + +<p> +„He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu +holen, außer der ewigen Verdammnis.“ +</p> + +<p> +Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café +kam, brüllte durch den Lärm der Glocken zurück: +</p> + +<p> +„Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. +Wenn übrigens eine Vogelscheuche wie du davor steht, +wird niemand in den Himmel wollen.“ +</p> + +<p> +Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine +fromme Schar sah trostlos um den Platz, der leer lag. +</p> + +<p> +„Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe +ging!“ sagte der Schlosser. „Aber wie Monsignore bei seiner +letzten Anwesenheit äußerte: die Hoffnung der Kirche wird +täglich kleiner!“ +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +„Ach was, man muß handeln!“ behauptete Frau Acquistapace. +„Beachtet Don Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.“ +</p> + +<p> +Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der +Domtür hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, +die um die Ecke des Corso kamen. Wild riß er sie fort und +klappte hinter ihnen und sich die Matratze zu. Kaum aber +verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu jagen, da +drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er +den Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, +kamen ein kleiner Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier +Druso wie Hasen daher und rannten über die Pipistrelli +hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte. +</p> + +<p> +„Welche Schande für unseren Beruf!“ rief Frau Nonoggi +dem jungen Druso nach, und der Schlosser Scarpetta holte +aus. Aber wo waren sie hin? +</p> + +<p> +Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn +sah es nicht aus, als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? +Soeben noch hatte er sich einen Stuhl vor den Laden +gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und nun strich er, die +Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer hin, +schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, +und kniff doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge +zu, wie immer, wenn er kein reines Gewissen hatte. +</p> + +<p> +„He! Nonoggi,“ — und als die Frau ihre Stimme wieder +hatte, war sie ihm auch schon nach. Er murmelte und versuchte +das Gesicht zu verrenken, aber das geschlossene Auge +verhinderte es. +</p> + +<p> +„Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was +wird sonst aus dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, +Nonoggi, der Abend ist mißglückt, denn das Orchester war +schlecht, und das kommt, weil deine Klarinette fehlte.“ +</p> + +<p> +Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange. +</p> + +<p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +„Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester +wollen,“ erklärte er den beiden Schlossern, die nachkamen, +„aber ein Barbier hat noch andere Rücksichten zu nehmen.“ +„Au!“ rief seine Frau, denn sein freundschaftliches Klopfen +ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er +sich wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen +Satz und war in der Treppengasse. +</p> + +<p> +„Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten“ — +und Frau Nonoggi machte sich, die Hände gerungen, hinterher. +Die Zurückgebliebenen zählten einander stumm. +</p> + +<p> +„Nun sind wir noch vier“, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace +wies, aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll +nach der Apotheke. +</p> + +<p> +„Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, +und ich bürge dafür, daß er weiter Pillen macht.“ +</p> + +<p> +Man nickte einander verbissen zu. +</p> + +<p> +„Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!“ sagte die +Pipistrelli. „Soll man ihm nicht zu trinken bringen?“ +</p> + +<p> +Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung +dort hinten ganz allein, am Rücken eines der Löwen des +Doms, und mit der Hand hielt er sich die Stirn. Da näherten +sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat Belotti erschien +im Frack; und schon von weitem keuchte er: +</p> + +<p> +„Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen +im Namen des Komitees und der Stadtgemeinde, daß der +Lärm aufhören muß.“ +</p> + +<p> +Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, +als übte er sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte +Don Taddeo ihn und richtete sich auf. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie von mir?“ schien er zu fragen; — und im +Getöse des Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man +die beiden mit den Armen ausstoßen, die Fäuste schütteln und +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +die Gesichter wie nach Zeugen blind umherrücken. Als die +Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben: +</p> + +<p> +„Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des +heiligen Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle +gehört.“ +</p> + +<p> +„Eine Kapelle!“ schrie der Advokat. „Das ist etwas Rechtes! +Und wenn Sie nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern +Heiligen weihen würden, wie, mein Herr, dann hätten wir +den Lärm alle Tage?“ +</p> + +<p> +Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme: +</p> + +<p> +„Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig +zu machen!“ +</p> + +<p> +Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten +in der Luft so wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich +zurückzog. Dennoch schlug er die Rechte auf das steife Hemd: +</p> + +<p> +„Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes —“ +</p> + +<p> +„Wer ist das Volk?“ fragte der alte Fantapiè und trat breit +an den Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig +aber holte er tief Atem. +</p> + +<p> +„Das Volk bin ich!“ sagte er mit Überzeugung. „Und hütet +euch, daß ich nicht die ‚Glocke des Volkes‘ läute!“ +</p> + +<p> +„Auch wir haben Zeitungen“, sagte Don Taddeo. +</p> + +<p> +„Auch wir sind das Volk“, behauptete drohend Frau Acquistapace. +</p> + +<p> +„Und mein Mann“, kreischte die Pipistrelli, „wird wohl mit +den heiligen Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten +dem Teufel Lieder singen.“ +</p> + +<p> +Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz +still; nicht umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, +die im Rathaus zu vergeben waren. Don Taddeo und der +Advokat Belotti konnten <a id="corr-5"></a>beide recht haben, denn Kirche wie +Rathaus brauchten einen Schlosser. +</p> + +<p> +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm +und dem Priester lag, an seinen braunen Strohhut und zog +ihn im Bogen. +</p> + +<p> +„So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! +Falls Ihr Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen +Veranstaltung, wie eine Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, +sind wir entschlossen, die bewaffnete Macht gegen ihn +zu Hilfe zu nehmen.“ +</p> + +<p> +Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig. +</p> + +<p> +Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur +eine Stimme. +</p> + +<p> +„Soll mans geschehen lassen, Reverendo?“ +</p> + +<p> +Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor +sich hin. +</p> + +<p> +„Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir +brauchen nur zu warten.“ +</p> + +<p> +Frau Acquistapace begriff ihn. +</p> + +<p> +„Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt +haben wir hinaufpilgern sehen. Welche Schande! Viele +waren dabei, die versprochen hatten, zurückzubleiben. Was +soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne nachgelaufen +ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete +Sache war?“ +</p> + +<p> +„Schien es doch auch mir“, machten die andern. +</p> + +<p> +„Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, +Reverendo, kaum erwarten können. Der Advokat Belotti +hat sie abgeholt, was man bei der Frau eines Arztes +eigentümlich gefunden hat . . .“ +</p> + +<p> +Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers +wisse. +</p> + +<p> +„Von allen guten Familien“, schrie die Frau des Kirchendieners, +„haben nur die Nardini dem Übel widerstanden . . . +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +außer dem Hause Acquistapace,“ setzte sie hinzu, da die Frau +des Apothekers sie furchtbar ansah. +</p> + +<p> +„Auch die gute, heilige Frau Camuzzi“, sagte der Schlosser +Fantapiè, „bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen +wollen, daß sie das Haus verlassen habe.“ +</p> + +<p> +Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den +Kopf. Denn er hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der +Wäscherin Grattalupi in die Treppengasse schlüpfen, mit gerafften +Röcken hineingleiten und hurtig verschwinden sehen. +Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen hinaufgeklettert +sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, +und heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht +enthielt dann auch Wahrheit, was die Evangelina Mancafede +über Frau Camuzzi und den jüngsten der Komödianten +wissen wollte? +</p> + +<p> +Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen +kam, machte ihn weiß und wirr. +</p> + +<p> +„Wir werden alle verderben,“ stammelte er, „und jene, die +sie Italia nennen, ist von allem Unheil das ärgste!“ +</p> + +<p> +Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der +alte Fantapiè rief aus: +</p> + +<p> +„Sie ist das Weib von Babel.“ +</p> + +<p> +„Beim Bacchus,“ bemerkte der Schlosser Scarpetta; „nachdem +schon der Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man +sagt, auch der Knecht des Wirtes Malandrini bei der Italia +daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn selbst die Reihe +kommt.“ +</p> + +<p> +Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte +er vor sich hin. Alle schwiegen, — und Don Taddeo erblickte +sie, das Weib, wie er sie durch jenes Domfenster erblickt hatte, +zu dem er hinaufgestiegen war, weil Pipistrelli mit der +Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht gewußt, +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster +des Gasthauses „zum Mond“ sehen ließ; und dies Fenster war +ihres, und was er antraf, war eine Umarmung. Vor Zittern +hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. Noch hier +im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . . +</p> + +<p> +„Don Taddeo“, rief der Baron Torroni und kam rasch von +seinem Hause her. „Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin +um Ihren Besuch bitten.“ +</p> + +<p> +Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron +anzusehen, und machte nach dem Palazzo Torroni hin +Schritte, bei denen ihm die Soutane hörbar um die Beine +schlug. +</p> + +<p> +„Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes +Schaf zum Trost des Hirten“, sagte die Pipistrelli. +</p> + +<p> +„Aber der Baron“ — und man spähte ihm nach — „geht ins +Theater, das sieht man, denn er hat seine Ledergamaschen +ausgezogen. Die arme Baronin! Welch einen Kampf sie +hinter sich hat!“ +</p> + +<p> +„Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt +anwendet!“ +</p> + +<p> +„Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?“ fragte seine +Frau. „Ich bin sicher, daß sie ihn bedrohen!“ +</p> + +<p> +„Wir sind Männer“, sagten Fantapiè und Scarpetta; und +Frau Acquistapace setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen +es erfahren!“ +</p> + +<p> +Sie <a id="corr-6"></a>setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die +vier den Platz. +</p> + +<p> +„Don Taddeo hat noch Streiter“, erklärte die Pipistrelli, +humpelnd; und Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut +in den Schatten der Treppengasse hinauf: +</p> + +<p> +„Wir werden sehen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses +der Advokat Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. +Er hob den Vorhang auf und flüsterte durchdringend: +</p> + +<p> +„Komm! Wir sind befreit.“ +</p> + +<p> +Ein rauher Freudenschrei, — und der alte Acquistapace +drang hervor, stelzend, daß der Platz davon hallte. +</p> + +<p> +„Sst!“ machte der Advokat. „Die Feinde der Kunst nicht +aufwecken! Bin ich geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.“ +</p> + +<p> +„Und ich,“ jubelte der Apotheker, „der ich unter meinem +Arbeitskittel schon den schwarzen Rock anhatte!“ +</p> + +<p> +Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten +Püffe aus. +</p> + +<p> +„Ah! alter Esel, der du bist!“ +</p> + +<p> +Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach +den Schritten der andern. Der Advokat sah zurück. +</p> + +<p> +„Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. +Kein Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte +Brabrà.“ +</p> + +<p> +Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, +streifte einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den +Platz, als umgebe ihn eine unsichtbare Gesellschaft, einen +weiten Gruß beschrieb. +</p> + +<p> +„Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.“ +</p> + +<p> +Acquistapace flehte wie ein Knabe. +</p> + +<p> +„Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele +Frauen hat wie du —; denn man sagt, daß auch die große +Gelbe dir nicht länger widerstanden hat.“ +</p> + +<p> +„Eh! man sagt vieles“ — und der Advokat kicherte fett. +</p> + +<p> +„Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?“ +</p> + +<p> +„Wie? du hättest —?“ +</p> + +<p> +„Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +einem Mann wie mir! Er sieht nun, daß mich das nicht +hindert —.“ +</p> + +<p> +„Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.“ +</p> + +<p> +„Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel +Zeit gibst du dem Priester noch?“ +</p> + +<p> +„Nicht lange. Deine Artikel in der ‚Glocke des Volkes‘ +werden gewirkt haben.“ +</p> + +<p> +„Also du glaubst. Ich sage dir, ich —“ +</p> + +<p> +Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust. +</p> + +<p> +„— daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, +mein Lieber, ist durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel +aufmerksam gemacht worden. Auch habe ich an den Bischof +geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn von der +Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens +unterrichtet.“ +</p> + +<p> +„Aber er —“ +</p> + +<p> +Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand. +</p> + +<p> +„— er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, +sie hat nicht die Augen bewegt, eure Madonna, — und fast +hätten sie ihn gesteinigt.“ +</p> + +<p> +Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen +von den Zähnen. +</p> + +<p> +„Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die +‚Arme Tonietta‘ sehen?“ +</p> + +<p> +„Das wollen wir: ah! das wollen wir.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen. +</p> + +<p> +„Sst!“ machte der Advokat. „Die Beleuchtung ist nicht glänzend; +was will man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das +Innere des Theaters verwenden; aber ich übersehe dennoch +die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter dem Volk, das +den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre +wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +dorthinten unter den Mauern des Klosters. Haben sie nicht +alle die Köpfe im Nacken, als kämen statt des Lärmes vom +Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben keine Zeit, +uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge +gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß +die durchlassen, die bezahlt haben.“ +</p> + +<p> +„Wir wollen auch hören“, antwortete das Volk. +</p> + +<p> +Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische +Lampe. +</p> + +<p> +„Um so besser“ — und der Advokat kletterte in seinem +Frack, der von der Anstrengung in den Nähten krachte, das +Geröll hinan; „da die Lampe gerade hier angebracht ist, sieht +man doch, wohin man tritt. Es ist fast unbegreiflich, daß diese +Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des Theaters für +ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig +Erziehung haben . . .“ +</p> + +<p> +„Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, +man müßte sonst fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; — +und welch stolzer <a id="corr-7"></a>roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die +goldenen Quasten!“ +</p> + +<p> +„Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs +nur verkaufen; wir mußten drohen, seine Konzession für die +Diligenza nach Cremosine zu hintertreiben. Welch alter +Spitzbube!“ +</p> + +<p> +Sie betraten den engen Gang um die Logen. +</p> + +<p> +„Guten Abend, Vater Corvi!“ — und da der Schließer die +Hand hinhielt: „wir haben keine Eintrittskarten, aber Ihr +wißt, daß die Loge mir gehört.“ +</p> + +<p> +„Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber +damit ich Sie hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, +und auch der Herr Acquistapace muß ihn bezahlen.“ +</p> + +<p> +Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +Herren zynisch an, und sein Bauch versperrte ihnen den +Durchgang. +</p> + +<p> +„Keine Dummheiten, Corvi“, sagte der Advokat. „Ihr wißt +wohl, daß Ihr Euch um die Stelle bei der öffentlichen Wage +bewerbt.“ +</p> + +<p> +„Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; +aber ich kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht +aus meiner Tasche bezahlen, denn ich habe sie nicht.“ +</p> + +<p> +„Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,“ — und +der Advokat begann zu tanzen und die Luft zu klopfen, „dann +brauchtet Ihr heute abend die Leute nicht um Karten zu belästigen.“ +</p> + +<p> +„Gott hat es so gewollt“, sagte der Alte, indes der Advokat +enteilte. +</p> + +<p> +„Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne +auf Ihre Empfehlung für die öffentliche Wage.“ +</p> + +<p> +In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit +der kleinen Amelia; aber er drückte die Hände nur stumm, +denn vor Glanz und Menschenmenge fand er sich im Saal +nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der Stadt +gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die +Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, +daß man nicht sah, wer dahinter saß. +</p> + +<p> +„Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen +ist!“ rief es ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er +hatte die Stimme der Magd Felicetta erkannt, auf die er, +bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch entließ, verstohlen +ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht +entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn +fortwährend an, indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin +beugte. Und die Nachbarin war Pomponia, vom Kaufmann +Mancafede, die ärgste Klatschbase! +</p> + +<p> +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der +Stadt. Felicetta durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der +Unsichtbaren, die alles wußte; und wenn Felicetta mit einer +Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit zwei. Die Frau des +Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, und +doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber +der Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron +Torroni tat wohl daran, seine Frau nicht mitzubringen, da +seine Loge gleich neben der Bühne lag und er es sich gewiß +nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener anderen +Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über +dem Baron wartete die Frau des Doktors Capitani (und der +hatte bei dem Tischler in Via del Torchio, der dreimal Witwer +war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren Nello: den +schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb, +konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich +hatte sie es so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs +saß. War es zu glauben, daß Mama Paradisi die ihre neben +dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte er den Kopf +unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände anstieß, +so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, +waren armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. +Die Rina vom Tabakhändler hing in einem Drunter +und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und +starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche +Dummheit, gerade diesen Künstler zu lieben, der sie mit all +den Weibern vom Theater betrog! +</p> + +<p> +„Rina! Nicht hinunterfallen!“ riefen alle. +</p> + +<p> +„Sie hört nicht; hier ist ein Lärm —!“ Der Gevatter Achille +schreit aus seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner +her: „He! Nonò, bist du es! Ich will zu trinken. Ist das eine +Art, daß nur die Herrschaften bedient werden?“ Keine Möglichkeit. +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Sie stimmen ihre Instrumente. „Dieser Nonoggi +trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt +mit seinem Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! +das Fräulein Zampieri: sie wird also wirklich die Harfe spielen. +Man hätte nicht geglaubt, daß ein Mädchen es wagen würde. +Soll man pfeifen?“ +</p> + +<p> +„Die Arme, wie sie hübsch ist!“ sagte der Michele vom Schlosser +Fantapiè. Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn +sie konnten meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel +sollen die Finger der Nina blutig sein.“ +</p> + +<p> +„Ah, Nina, du Liebe!“ riefen die Mädchen. „In ihrem +weißen Kleid, wie sanft sie lächelt! Wer ist es, der mit +ihr spricht? Der mit der Geige und den langen schwarzen +Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist verliebt +in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich +verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke +und Becken ein, als wären alle nur gekommen, um ihn zu +hören.“ +</p> + +<p> +„Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des +Vittorino Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte +wegen des Don Taddeo.“ +</p> + +<p> +„Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht +werde ihm ans Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.“ +</p> + +<p> +„Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt +er läuten. Sie werden nicht anfangen können, solange es +läutet. Niccolo, schließe doch das Fenster hinter dir!“ +</p> + +<p> +„Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie +laut man die Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don +Taddeo.“ +</p> + +<p> +„Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration +gegen den Priester machen. Nieder mit den Priestern!“ +</p> + +<p> +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +„Ruhig dort oben!“ rief man aus dem Parterre zur Galerie +hinauf. Die Buben um den weißen Konditorjungen antworteten +mit Pfeifen. In der Loge des Klubs wurde geklatscht, +und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der +kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, +an der des Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf: +</p> + +<p> +„Hast du mitgeschrien, Klothilde?“ +</p> + +<p> +Seine Magd rief zurück: +</p> + +<p> +„Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!“ +</p> + +<p> +„Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie +Salvatori!“ +</p> + +<p> +Die Logen waren belustigt. +</p> + +<p> +„Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm +seine Zementfabrik abgenommen, und so rächt er sich nun.“ +</p> + +<p> +Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche +klatschten ihm lachend zu. Auch der Steuerpächter Vallesi +in seiner Loge ganz vorn über der des Advokaten Belotti +verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: zuerst +geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, +dann um die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, +nach dem Wirt Malandrini hin — und plötzlich quer hinüber +zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine Frau stellte. Das +Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des Advokaten, +sagte laut zu den Bauern um ihn her: +</p> + +<p> +„Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte +Lust, ihm sein häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte +nichts weiter! Kommt man mit einem Furunkel zum Ranucci: +die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint ihm am +sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt +er den Kopf herein, — und gib ihr nur die Hand, da drängt +er sie zurück und tanzt vor ihr herum: Pappappapp . . .“ +</p> + +<p> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung +alle außer ihm sprachen. +</p> + +<p> +„Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem +zwei Beine abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, +um ihm seine alberne Eifersucht abzugewöhnen.“ +</p> + +<p> +Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt +hatte und jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. +Er versprach, sein Freund Corvi werde etwas ausfindig +machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen, die mit ihm +waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre auseinander. +</p> + +<p> +„Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß +ein Scherz sein.“ +</p> + +<p> +Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es +der Salon der Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und +Lauretta, gedeckt von Mama Farinaggi. In den Logen fuhr +alles auf, einen Augenblick war es still, und man hörte nur +Galileo Belotti, der sagte: +</p> + +<p> +„Guten Abend, die Gesellschaft!“ +</p> + +<p> +Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im +Orchester standen auf und wollten die Damen kommen sehen. +Sie kamen durch alle Leute bis zur ersten Sesselreihe, wo +noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm aus +Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; +sie mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den +er kannte und der ihn schon manchmal zu Handlungen bewogen +hatte. Er verbeugte sich. +</p> + +<p> +„Bravo Serafini!“ rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, +pfiff auf den Fingern. +</p> + +<p> +Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, +um ihre Formen auf ihren Sessel in der zweiten Reihe zu +schaffen. Zuletzt traten der Stadtzolleinnehmer Loretani und +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +die beiden Fräulein Pernici samt dem Leutnant Cantinelli +in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant legte +sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters +Achille drängte hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und +alle diese Personen verstopften den Gang, so daß der Schuhmacher +Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in der ersten +numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit +dem Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, — indes +Mama Farinaggi kleine Kreischtöne von sich gab, weil ein +Pächter von jenseits des Ganges sie kniff. Dazu schrie es +von der Galerie: +</p> + +<p> +„Lauretta hat den schönsten Hut!“ +</p> + +<p> +Und: +</p> + +<p> +„Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!“ +</p> + +<p> +Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in +den Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei +Fingern applaudierten, die Zungenspitze; Raffaella aber musterte +ringsum die Frauen, wie eine fremde Dame. Jede, die +sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und ohne Raffaella +aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! +Es klapperte von Loge zu Loge: „Skandal!“, sprang über den +Rang: „Skandal! Skandal!“ — und die Männer im Stehparterre +riefen: „Skandal! Skandal!“ und mit ihren Stöcken +stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder, +ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und +sandte beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem +saßen die beiden Fräulein Pernici, aus Angst, sie zu berühren, +aufeinander und drehten die Hälse umher, wie Hennen in Not, +und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den drei Mädchen +bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf +rückte sie ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt +ins Orchester. Der Severino Salvatori, der sein Monokel im +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +Parkett umherführte, kam und stellte sich zwischen sie und die +drei. +</p> + +<p> +„Danke, mein Herr,“ sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften +Stimme, „danke für Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet +sich, aber wer konnte denken, daß in diesem Theater +eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein würde. +Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten +und die Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten +Gericht.“ +</p> + +<p> +„Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze +Schuld trägt der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die +Billetts verkauft hat.“ +</p> + +<p> +„Ah! — und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage +anstellen. Er wird nicht mehr angestellt werden.“ +</p> + +<p> +„Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.“ +</p> + +<p> +Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des +Publikums beklagen. Die Familie eines der Komödianten +saß auf den vordersten der numerierten Plätze. Dann freilich +konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß er für +sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte. +</p> + +<p> +„Wir haben Mühe genug gehabt,“ erklärte der junge Salvatori, +„den Streich abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. +Zuerst haben wir die Leute glauben gemacht, jene berühmte +dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini; und als +die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt +geworden war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht +kommen würde. Auf diese Weise ist die Loge nun leer +geblieben, und mehr war nicht zu erreichen. Die Filiberti +und mehrere andere gute Familien haben auf eine Loge verzichten +müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.“ +Von rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede +sich herzu. +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +„Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. +Sollte man nicht etwas tun, um ein Ende zu machen?“ +</p> + +<p> +„Für nichts in der Welt“, sagte Frau Camuzzi. „Ich würde +sofort nach Hause gehen.“ +</p> + +<p> +„Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören +und nicht diese Glocken.“ +</p> + +<p> +„Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die +weltlichen Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.“ +</p> + +<p> +Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen +dieser kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen +Saiten ihrer Harfe weiß Gott welche Wichtigkeit gab und +über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz sicher schien, +mit allen Männern kokettierte. +</p> + +<p> +„Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, +als er Präfekt werden sollte, — und sein eigener Sohn opfert +seine Zukunft einer kleinen Intrigantin!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; — aber man bemerkte, +daß eine halbe Stille im Saal entstand und daß die Ursache +der Advokat Belotti war, der in der Loge des Unterpräfekten +heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr Fiorio schien +erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er +irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der +Advokat aus der Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was +ging vor? Das Theater sollte wieder geschlossen werden, +weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? Welch ein +Übergriff! „Wir sind recht sehr zurück in Italien!“ Bekam +man wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen +sanken sogleich wieder in sich zusammen, denn nun sah man +den Advokaten ins Parterre hasten. Der Leutnant Cantinelli +war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und gemessen, +hinter dem Advokaten her. „Fontana! Capaci!“ rief er +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +halblaut, und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten +zu beiden Seiten des Einganges, um ihm zu folgen. An der +Spitze der bewaffneten Macht, die ihre großen Federn trug, +die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten klirrte, +zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß +das steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll +Entschlossenheit geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu +fragen. +</p> + +<p> +„Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!“ bemerkte der +Kutscher Masetti, der von der Macht an die Wand des Ausganges +gedrückt worden war; und der Barbier Bonometti +setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.“ +</p> + +<p> +Dabei drängte er mit den andern hinterdrein. +</p> + +<p> +„Was denn“, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen +die Flut. „Was wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat +ein Buffone ist? Pappappapp! Das fehlte noch, den +Advokaten ernst zu nehmen!“ +</p> + +<p> +Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den +Rücken; er mußte Platz machen; und schon stürmte draußen +über die Treppen hundertfaches Getrappel. Mama Paradisi +hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links eine Tochter +unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, +ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr +— und in der allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand +aufs Herz — im Falle der Gefahr seine Person als Deckung. +Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren Nachbar, den Apotheker, +er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, +der den Baß strich. +</p> + +<p> +Acquistapace antwortete: +</p> + +<p> +„Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don +Taddeo zum Schweigen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, +wiederholte die junge Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, +und himmelte aus ihrem steifen Mullkleid hervor. +</p> + +<p> +In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf +des alten Literaten Ortensi. +</p> + +<p> +„Beatrice,“ sagte er und kicherte, „man bringt den Priester +zum Schweigen. Das erinnert an die guten Zeiten.“ +</p> + +<p> +„Wir sind noch am Leben, Orlando“, sagte die Alte, steif +aufgerichtet, mit tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen +Haarrollen lachten in ihrem langen weißen Gesicht nur die +schwarzen Augen. +</p> + +<p> +„Nicht möglich!“ rief nebenan der Tabakhändler Polli und +lief hinaus. Die Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich +ihre üppige Hand über die Logenwand, und als der junge +Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete sie ihm ein gebieterisch +laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß ausbrach. +Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal +des Hauses alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander +an. +</p> + +<p> +„Alle wie Papa“, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter +ihnen hielt ihre Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt +und schlief wohl schon wieder. +</p> + +<p> +„Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, +die Frau wird aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns +nicht.“ +</p> + +<p> +„Ich habe es satt, mich zu verheiraten“, sagte die entlobte +Rosina. Da ging die Logentüre, und der alte Giocondi +schwenkte seinen lustigen kleinen Bauch herein. Die Augen +funkelten ihm. +</p> + +<p> +„Alles geht gut“, rief er und machte mit der Hand einen +freigebigen Bogen. „Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm +herunter. Ihr sollt Gefrorenes haben, und wollt ihr einen +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit gestern habt ihr +euren Papa zurück.“ +</p> + +<p> +„Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser“, +jubelte Cesira und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte +Rosina, die er in ihrer Schande unbeachtet ließ, sah weg und +dachte: „Da läßt die Gans sich streicheln und schreit! Als ob +man davon eine Mitgift bekäme! Was die Versicherungsgesellschaft +dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen +zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären +durchbringen; und hat man endlich einen kleinen Beamten +zum Heiraten, dann reißt er nach dreijährigem Warten +wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung +zurücklegt . . .“ +</p> + +<p> +„He, Zecchini, wie steht es?“ rief ihr Vater ins Parterre. +„Er läutet also immer noch?“ +</p> + +<p> +„Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann +dringt die Macht in den Turm!“ — und der alte Schenkenheld +stieß mit seinem Bauch alle beiseite, um wieder hinauszugelangen. +Andere kehrten mit Botschaften zurück, die sie +in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm +umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! +Die Nonnen, deren weiße Flügelhauben aus den +Fenstern des Klosters sahen, hatte er gezwungen, sich zurückzuziehen, +weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von draußen +kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer +Menge, die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden +Volkes. Da stieg vom Parterre zur Galerie rauschend ein +„Ah!“ +</p> + +<p> +„Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!“ +</p> + +<p> +Jemand rief: +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Was denn? Welcher Advokat?“ — und Galileo Belotti arbeitete +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +sich ab mit Schultern und Armen. Im selben Augenblick +ging das Läuten wieder an. +</p> + +<p> +„Da habt ihrs!“ schrie der Bruder. „Wenn ich euch doch +sage, daß er ein Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird +ihm vom Turm herab etwas auf den Kopf —“ +</p> + +<p> +Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen +ein Geheul, Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den +Logen der Atem stillstand. Frau Camuzzi bekreuzte sich. +</p> + +<p> +„Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!“ +— und der Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter +sich nach seinen beiden Kommis, die vor Müdigkeit auf der +Wand lagen. +</p> + +<p> +„Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. +Zuerst scheint es nur gegen die Priester zu gehen, +und dann, gute Nacht, handelt sichs um unsere Logenplätze +und unser Geld.“ +</p> + +<p> +„Mein Gott, wohin nun,“ seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, +die vom Apotheker Acquistapace allein gelassen war; +„wir Frauen sind hier geopfert.“ +</p> + +<p> +Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu +regen: +</p> + +<p> +„Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das +Volk ist hochherzig. Als mein Mann in Cesena erschossen +werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes die Soldaten des +Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber +namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus +Furcht, noch einmal gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich +und ohne näher hinzusehen; Mario aber entkam. Jenes +Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.“ +</p> + +<p> +„Was wollen sie nur?“ fragte Rosina Giocondi und führte +in ihrem Gesicht, das weich und durchsichtig wie Gelatine war, +die blanken Kugelaugen über die Menge. Die Leute waren +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie klatschten, +zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die +Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat +Belotti, den sie hoch leben ließen, denn nütz? „Weder der +Belotti noch Don Taddeo werden mich heiraten, und Amadeo +hat sich versetzen lassen.“ +</p> + +<p> +Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: +der Lärm legte sich. Denn vorn links stand der Advokat Belotti +hinter der Brüstung seiner Loge; sein steifes Hemd war +in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und mit +seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. +Zuerst ließ das Herz, das in den Hals schlug, nur heisere +Ansätze hinaus. Dann kam ein Ausspruch. +</p> + +<p> +„Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.“ +</p> + +<p> +„Bravo!“ — und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, +Parterre und Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace +in die Arme und keuchte: +</p> + +<p> +„Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging +es heiß zu. Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie +wollte hier eindringen, zum Glück hat Corvi die Logen verteidigt; +ich werde ihm die Stelle bei der öffentlichen Wage +verschaffen.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, +flüsterte die junge Amelia, mit ungleich geröteten Wangen. +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ schrie die Galerie. +</p> + +<p> +„Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen“, sagte der Gemeindesekretär +Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte +man ironisch die Hymne an Garibaldi. Darauf wollte +der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In der Gewißheit, +seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie +er sich dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. +Jemand im Parterre zischte: es war der Bäcker Crepalini. +</p> + +<p> +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +„Zur Tür!“ rief die Galerie. +</p> + +<p> +„Wie?“ antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. +„Ich habe sechs Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, +und ich sollte nicht meine Meinung sagen?“ +</p> + +<p> +„Er hat recht, der Bäcker“, sagte droben der Schlosser Fantapiè +zum Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um. +</p> + +<p> +„Ihr möchtet eine Tracht Prügel?“ fragte ein Mann im +Fuhrmannskittel sie und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. +Im Orchester schlug der Schneider Chiaralunzi mit +seinem Horn gegen die Rampe. +</p> + +<p> +„Die Hymne!“ +</p> + +<p> +„Sieh mal an!“ sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. +„Wir werden dem da nichts mehr zu tun geben.“ +</p> + +<p> +„Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel“, jammerte +der Kaufmann Mancafede, „und uns auf die Köpfe +fallen. Der Advokat war ein Narr mit seiner Hymne.“ +</p> + +<p> +„Das alles ist nicht gut“, — und Frau Camuzzi drückte sich +in den Schatten. „Was wird Don Taddeo sagen?“ +</p> + +<p> +Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor +den Mund gedrückt und betrachteten mit Angst und Mißbilligung +die Wellen, die dort oben und dort hinten das Volk +schlug. +</p> + +<p> +„Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!“ machte +Galileo Belotti immer wieder; und im Orchester ahmte der +Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich hatte ihn seine +Frau am Kragen und schüttelte ihn. +</p> + +<p> +„Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!“ +</p> + +<p> +Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und +Pomponia sich die Schenkel und kreischten. Frau Salvatori +und Frau Malandrini streckten gleichzeitig den Fächer aus +nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen hin, sogar die +alte Mandolini nahm ihr Lorgnon. +</p> + +<p> +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +„Der Advokat ist bei der Jole“, sagte man rundum. „Es ist +also wahr . . . Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den +Kopf verloren, die Arme.“ +</p> + +<p> +„Signora,“ sagte der Advokat, „ich bin gekommen, um die +Huldigung, die dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen +zu legen.“ +</p> + +<p> +Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht +und Begier, daß man sie sehe. +</p> + +<p> +„Hätte ich nur ein Pflaster da“, sagte sie girrend, „für Ihren +Finger, der blutet.“ +</p> + +<p> +Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor. +</p> + +<p> +„Mitbürger!“ schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf +die Fußspitzen; „der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns +wieder einmal Wunden gerissen: jetzt wird, wie ihr es verlangt, +die Hymne erschallen, die den Helden der Freiheit +begrüßte, sooft er —“ +</p> + +<p> +„Was denn! Welche Hymne!“ keifte Galileo Belotti. +</p> + +<p> +„Ich brauche keine Hymne!“ rief der Bäcker Crepalini. „Ich +brauche eine Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!“ +</p> + +<p> +„Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht“, schrie der +Advokat. +</p> + +<p> +„Nichts kennst du, Buffone!“ +</p> + +<p> +Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze +Saal der Meinung seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten +böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, mit lautlos plappernden +Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat sich +zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis +er mit einem letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß. +</p> + +<p> +„Was ist denn geschehen?“ fragte er draußen und wischte +sich die Stirn. „Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten +sie mir doch? Wer steckt dahinter? . . . Und die Jole, die ich +schon zu haben meinte! O treuloses Glück!“ +</p> + +<p> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine +Tür konnte aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er +hastete die Treppe hinab, wäre gern ins Freie geflüchtet, +— aber vor dem Theater wartete wieder nur übelwollende +Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den +linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine +Schwester sagte eben zum Apotheker: +</p> + +<p> +„Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister +wäre, er würde nur immer alles tun, was sie wollen, und das +wäre sein Unglück . . . Da ist er!“ +</p> + +<p> +Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen. +</p> + +<p> +„Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, +weil du bei einer schönen Frau warst. Ich habe dirs immer +gesagt: die Frauen werden dir zum Verhängnis.“ +</p> + +<p> +Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat +ließ sich ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank +nieder. +</p> + +<p> +„Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen“, sagte +es neben ihm verzückt, und seine Nichte Amelia himmelte ihn +an. Er nickte ihr zu, wie man in schwerer Stunde auf ein +sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart duftet, +auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur. +</p> + +<p> +„Die Gunst des Volkes“, sagte er, „ist wechselnd. Noch jeder +große Mann hat es erfahren.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio +kehrte in seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend +darauf hin; er hatte als Staatsmann gehandelt, indem er +dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen war. Das +Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da +rief die launige Stimme des Herrn Giocondi: +</p> + +<p> +„Und die ‚Arme Tonietta‘?“ +</p> + +<p> +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +„Freilich, die ‚Arme Tonietta‘“, antwortete die Galerie, und +im Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu: +</p> + +<p> +„Genug mit den Buffonen!“ +</p> + +<p> +„Maestro! Maestro!“ +</p> + +<p> +Auf der Galerie stampfte es. +</p> + +<p> +„Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde“, stellte der Kaufmann +Mancafede fest. Drüben sagte Frau Polli: +</p> + +<p> +„Diese Komödianten machen sich über uns lustig.“ +</p> + +<p> +Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in +allen Winkeln. +</p> + +<p> +„Wir wollen die ‚Arme Tonietta‘!“ +</p> + +<p> +„Was liegt mir an der ‚Armen Tonietta‘“, dachten der Advokat +Belotti und die entlobte Rosina Giocondi. +</p> + +<p> +„Maestro! Maestro!“ +</p> + +<p> +Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. +Man klatschte ironisch, man machte „Ah!“ +</p> + +<p> +Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt +und war äußerst bleich. +</p> + +<p> +„Der arme junge Mensch!“ sagten die Damen. +</p> + +<p> +„Die Kanaille!“ dachte er. „Sie weiß nicht, was für eine Stunde +sie mir bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde +lang, — indes ich hinter einer dunklen Kulisse stehe und leide wie +ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .<a id="corr-8"></a>“ +</p> + +<p> +Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock +auf und sah, an den Spitzen seines Kinnbartes reißend, im +Orchester von einem zum andern. +</p> + +<p> +„Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . +Herr Zampieri, geben Sie Obacht auf ihre Quinten!“ +</p> + +<p> +„Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich“, dachte der Kapellmeister. +„Alle denken an etwas anderes, diese Aufführung ist +unmöglich, warum lege ich den Stab nicht hin und gehe. Wenn +man dieses Publikum ansieht —“ +</p> + +<p> +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +Er mußte sich nach ihm umwenden. +</p> + +<p> +„— für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? +Wir sind wenige, und wir sollten in der Einsamkeit +leben. Kein Volk ist, das uns hört . . . Alfò!“ flüsterte er wild, +„wenn du deine Pauke nicht ruhig hältst, weiß ich nicht, was +ich tue!“ +</p> + +<p> +Ganz sanft fügte er hinzu: +</p> + +<p> +„Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.“ +</p> + +<p> +Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. +Sie lag in der Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der +Stab. Der Kapellmeister hielt den Atem an; und sein Drehbock +schien ihm, inmitten einer ungeheuren Stille, in die Luft +gehoben. +</p> + +<p> +„Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen +kommen!“ +</p> + +<p> +„Die Hymne!“ schrie von der Galerie eine betrunkene +Stimme. „Wir wollen die Hymne!“ +</p> + +<p> +„Zur Tür! Zur Tür!“ +</p> + +<p> +„Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!“ — und der Kapellmeister +fuhr so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer +sich, die Augen niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder +zurechtsetzte. +</p> + +<p> +. . . Und endlich konnte der Stab sich senken. +</p> + +<p> +„Was denn, Präludium!“ murrte Galileo Belotti. „Wir sind +gekommen, um zu sehen!“ +</p> + +<p> +Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei +Takten der Vorhang auseinander. +</p> + +<p> +Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie. +</p> + +<p> +„Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor +dem Hause haben gerade geheiratet, und die andern begleiten +sie heim . . . Sie singen, wie die Mädchen in Pozzo singen, +bei der Weinlese. Brauchen wir dazu Komödianten? Aber +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre, Felicetta, +welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu +etwas anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben +. . . Was für einen Lärm die Instrumente gemacht +haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir dröhnt der Kopf +erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der Kinder +übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm +plötzlich aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, +mein Ninetto, der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch +du könntest dort stehen und das Paar beglückwünschen. Laßt +uns klatschen!“ +</p> + +<p> +„Bravo!“ und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre +mit seinen Zechbrüdern an. „Auch der da macht sich einen +guten Tag. Fest stehen, Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, +wie sie sind, dieser Alte: Seid fruchtbar, meine Kinder, zeugt +mir Enkel! Bravo!“ +</p> + +<p> +Die Pächter vorn erklärten einander: +</p> + +<p> +„Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn +schlecht, aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . +Natürlich muß eine Frau dazwischen sein! Was will sie von +dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte lieber sie heiraten +sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes Mädchen, +schöner als die andere.“ +</p> + +<p> +„Das sieht der Italia ähnlich“, bemerkte der Gastwirt Malandrini +in seiner Loge. „Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die +Neuvermählten: die Tonietta habe ihn betrogen. Dabei hat +sie selbst den Baron betrogen, mit dem Advokaten und den +andern.“ +</p> + +<p> +„Schweig!“ sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem +Halskragen breit und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. +„Schweig doch! Du weißt nicht, was du sprichst. Ein Mann +wie der Baron denkt gar nicht an solche —“ +</p> + +<p> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Sie biß sich auf die Lippen. +</p> + +<p> +„Was wollte ich denn da sagen?“ dachte sie. „Diese Musik +macht, daß man den Kopf verliert und plaudert.“ +</p> + +<p> +Auf der Galerie kicherte es. +</p> + +<p> +„Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer +der Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß +die Tonietta getan hat, was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die +kleine Blonde hat recht, die eine Blume auf das Bett wirft. +Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist das eine +Sache, die traurig macht?“ +</p> + +<p> +Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, +und die Witwe Pastecaldi schluchzte kindlich. +</p> + +<p> +„Es ist nichts. Es ist die Musik“, erklärte der Advokat. +</p> + +<p> +„Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind +so jung!“ +</p> + +<p> +„So jung!“ +</p> + +<p> +Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester +Rosina. +</p> + +<p> +„Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, +wie du von den deinen, — und du sollst sehen, auch +mit ihr geht es schief.“ +</p> + +<p> +Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander +zu; nur die große Raffaella beunruhigte mit dem +Augenwinkel den dicksten der Pächter links hinter ihr. Mama +Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken: +</p> + +<p> +„Hast du denn kein Herz?“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten +war und nach der Handlung fragte. +</p> + +<p> +„Schweig! du hast kein Herz.“ +</p> + +<p> +Und sie kehrte zurück zu dem Tenor. +</p> + +<p> +Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er +hatte vor dem von Blumen bunten Landhause neben seiner +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +Tonietta gestanden, und wenn er den Arm um die Geliebte +legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter die Mundwinkel. +Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar +schwankte eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten +kurzen Sattel der Nase. Er war bleich in seinem weißen Anzug; +und seine Blässe und sein schwarzer, niemals lachender +Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er allein +unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, +das bevorstand. +</p> + +<p> +Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner +Frau schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich +in die Knöchel der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den +anderen, vor die Rampe; — und die Handlung, die gekeucht +hatte, holte tief Atem: er sang seine Arie. „Ich bin betrogen,“ +sang er, „nun soll ich lieben, die mich verriet. Ich werde glücklich +sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem +Liebhaber, und das Glück ist aus . . .“ +</p> + +<p> +„Aus“, dachte Frau Camuzzi. „Warum ist er nicht wiedergekommen? +Er sagte doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich +sagte ihm, wenn er sich nach dem Mittagessen in das dunkle +Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu ihm kommen. +Nie hat er es getan; — und statt meiner soll er andere +lieben: die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama +Paradisi sogar. Seine Treue brauche ich nicht; aber ich habe +kein Glück. Mein Mann könnte doch sterben; ich könnte hinausgelangen +aus dieser Stadt, wo niemand mich versteht. Aber ich +selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; — und ich +hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich +hindert!“ +</p> + +<p> +„. . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine +Nacht. Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht +das Leben, die kostbare Nacht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +„Die kostbare Nacht!“ wiederholte der Chor. Er begleitete +heiter die drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der +Hochzeitszug kehrte zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo +es Abend läutete; und ihm voran ward, wenn die Glocken +schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die unsichtbar in der +Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise +bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des +Liebenden tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine +letzte Note aus; — und indes drunten das Tenorhorn des +Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei wiederholte, umfaßte +der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei stürzende +Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal +blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi +hörbar ward; aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, +waren alle Hände in der Luft und klatschten. Sie klatschten, +als jagten sie hinter den verklungenen Tönen her. Daß das +Orchester weiter wollte, erbitterte sie. +</p> + +<p> +„Noch einmal! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +„Willst du still sein!“ zischte Frau Camuzzi über die Schulter +ihrem Gatten zu. +</p> + +<p> +„Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe“, sagte der Gemeindesekretär. +„Alle finden es.“ +</p> + +<p> +„Ich nicht“, und sie zerbiß sich die Lippe. „Er ist glücklich,“ +dachte sie; „aber ich werde mich rächen.“ +</p> + +<p> +Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse. +</p> + +<p> +„Noch einmal! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten +um. +</p> + +<p> +„Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter +eine Frau machen kann, im öffentlichen Leben solltest +du vielleicht rücksichtsloser sein. Warum hast du dich gefügt, +als der Advokat Belotti diese schlechten Komödianten herholen +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest, dann +mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.“ +</p> + +<p> +„Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das +Gelingen nicht glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde +sich blamieren . . . Ist dein Fächer zersprungen? Ich hörte +ihn krachen.“ +</p> + +<p> +„Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die +Sache des Don Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; — und +warum soll man den Advokaten so groß werden lassen? Sage +es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker Crepalini sich auflehnt, +weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr Unzufriedene +in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in +Verbindung, mein Ghino!“ +</p> + +<p> +„Welch schöner Gedanke“, sagte der Gemeindesekretär, schob +die Hände in die Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner +viel bewunderten Frau, seine schlanke Büste zur Geltung. +„Auf diese Weise würde man sehen, ob im Streit der Parteien +das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube +nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. +Schon habe ich berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus +Geldmangel werden außer Betrieb setzen müssen.“ +</p> + +<p> +„Was wirst du also tun?“ +</p> + +<p> +„Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, +der ein Anhänger des Don Taddeo ist und seine Freunde im +Sinne des Priesters bearbeiten wird.“ +</p> + +<p> +„Also geh, mein Freund!“ — und kaum war er hinaus, ließ +Frau Camuzzi ihren zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. +„Das ist ein Mann!“ Sie grüßte lächelnd mit zusammengebissenen +Zähnen die Herren, die herübergrüßten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Noch einmal!“ rief es unablässig. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, als +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +galoppierte er, als müßte er durch eine Meute dahin. Aber +sie war ihm auf den Fersen, sie brachte ihn zum Stehen. Erschöpft +ließ er den Stab sinken; das Orchester brach ab; die +Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der +Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. +Aber die klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. +Der Kapellmeister erhob Gesicht und Stab. Da gab der Tenor +mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte nicht, ob gewährend +oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der +Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte +auf. Die jungen Leute im Stehparterre, mit den großen +Hüten und bunten Halstüchern, sahen beruhigt und glücklich +zu, wie all diese Seligkeit sich dank der Kraft ihrer Hände, +die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch einmal +vollzog. +</p> + +<p> +Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn. +</p> + +<p> +„Bravo! Gut!“ +</p> + +<p> +Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der +Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter +der dicken Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung +von neuem an: +</p> + +<p> +„Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch +nach: +</p> + +<p> +„Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen +Leute im Parterre klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen +entrüsteten sich. Ein Kampf der Zungen und der Hände durchwogte +das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor und zischte. +Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr kleines +gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen. +</p> + +<p> +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei +voll tiefen Hohnes. +</p> + +<p> +„Wir wollen die Tonietta hören!“ rief es von der Galerie; +— und da merkten die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete +vor dem Madonnenbild am Hause, mit einer Schulter nach +dem Saal. +</p> + +<p> +„Das ist ja das Gebet!“ rief der alte Giocondi. „Still doch.“ +</p> + +<p> +Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus +Bäumen hervor auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel +um Erhaltung ihres Glückes bat. Der Lärm sank von ihrer +Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von einer Seele, und +sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich +glänzenden Auges ihrem Fluge nach. „O Gott!“ seufzte da +und dort eine Frau. Nachher hängten sie sich über die Galerie +und langten mit den klatschenden Händen recht tief hinunter, +damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das sich dort unten +verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich von +den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung +und noch gleichgültig gegen das Irdische. +</p> + +<p> +„Welche Stimme! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +„Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie +ein goldenes Fell. Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie +vorn und grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, +dann den Saal und dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas +Ungreifbares; es gehörte allen und keinem. Manchmal setzte +es aus, und ein strenger Blick fiel auf den Kapellmeister. +</p> + +<p> +„Noch einmal! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall +bringen! Mochten sie lärmen! +</p> + +<p> +„Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton +hört: ich lasse ihn zu Ende spielen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten +ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie — +und abgewendet stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten +— zum Hause zurück und kniete hin. +</p> + +<p> +„Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!“ +</p> + +<p> +Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und +gingen sich, von Mondschein getroffen, entgegen. Droben +heulte es auf: +</p> + +<p> +„Noch einmal! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +„Morgen noch einmal!“ rief Galileo Belotti, und das brachte +sie vollends auf. +</p> + +<p> +Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. +Man sah ihre geöffneten Münder und hörte nichts. +</p> + +<p> +„Von vorn! Die Tonietta!“ +</p> + +<p> +Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, +senkte ihn verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer +singend, die Schultern. Auch der Tenor hob sie, und er hielt +der Menge beteuernd seine flache Hand hin. Dem Kapellmeister +war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult +auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick +schien ihm, als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und +schweige. Auf der Flucht vor der Meute dahinten war er an +den Rand eines Abgrundes gelangt. Ermüdeten sie und blieben +zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff gewesen, die +Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken +wischte er sich die Stirn. +</p> + +<p> +„Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!“ +</p> + +<p> +„Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!“ rief die joviale Stimme +des Herrn Giocondi. Von droben kamen die der Mägde: +</p> + +<p> +„Achtung auf die Harfe der Nina!“ +</p> + +<p> +Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der +ersten Parkettreihe beugte sich vor, um verklärten Gesichtes +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +durch die Saiten der Harfe zu spähen. Dahinter saß, weiß +wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle schwiegen. „Wir +konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme +sehr weiß.“ Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten +Ninas Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und +zergingen. Endete sie, dann war gewiß auch von der Bühne +droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und Piero waren +stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen +Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge +möchten enden. +</p> + +<p> +„Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben +wir fast schon zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst +machen? Er blickt über seine Geige hinweg immer auf Nina. +Spiele weiter, Ninetta!“ +</p> + +<p> +„Siehst du,“ sagte nebenan Lauretta zu Theo, „ich wußte, +daß diese Tonietta ein anständiges Mädchen sei und keine —. +Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es scheint, und sie zeigen sich +durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie das rührend +ist!“ +</p> + +<p> +„Aber sie wollen sterben.“ +</p> + +<p> +„Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es +ihnen, solange man noch wenig Erfahrung hat.“ +</p> + +<p> +Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, +über die Wand der Nachbarloge, und sie seufzte. +</p> + +<p> +„Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück +lieben.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann Mancafede nickte — in der Hoffnung, seine +Kommis würden es nicht bemerken. +</p> + +<p> +Rosina Giocondi wandte sich ab. „Wie viele Lügen! Und +wenn sie nicht das Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn +daran zu erinnern: Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus!“ +Ein Flüstern ging um. +</p> + +<p> +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +„Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, +Elenuccia, etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine +Minute, Signora: dies Duett ist das berühmteste Stück in der +ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist denn das? Sind dies +noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume? Singt +nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!“ +</p> + +<p> +Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten +Frau Mandolini: +</p> + +<p> +„Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. +Ich sehe zu wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in +diesen Klängen erweitert sie sich mir zu einem Lande unendlicher +Liebe. Ein ganzes Volk hält sich umschlungen und verbrüdert +sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als sonst +Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt +ein Engel . . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir +jung waren?“ +</p> + +<p> +„Aber wir hatten es ja!“ erwiderte die Alte. „Noch immer +haben wirs, Orlando!“ +</p> + +<p> +„Kein Vergleich mit unserem Phonographen“, sagte der Tabakhändler +Polli zu seiner Frau. „Bei uns singen Tamagno und +die Berlendi; was sind daneben diese armen jungen Leute?“ +</p> + +<p> +Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf: +</p> + +<p> +„So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was +muß man tun?“ +</p> + +<p> +„O Rina!“ flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers +Fantapiè; „wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.“ +</p> + +<p> +„Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?“ — und der Doktor +Ranucci stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor seine +Gattin. „Ich sehe dir an, du denkst an den Tenor. O, wären +wir nie hergekommen!“ +</p> + +<p> +Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern. +</p> + +<p> +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +„Bravi! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein +Pernici hinweg, die weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, +außer sich, zu Mama Farinaggi, der Hausfrau aus der Via +Tripoli: +</p> + +<p> +„Das ist geradezu göttlich!“ +</p> + +<p> +„Wie? Wir haben es gehört!“ — und die jungen Leute +hinten, mit den großen Hüten und den bunten Halstüchern, +schüttelten die Hände der Bauern um Galileo Belotti. Er +schalt: +</p> + +<p> +„Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!“ +</p> + +<p> +Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti +keuchte vom Freund Acquistapace zur Schwester Artemisia. +</p> + +<p> +„Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und +ich bin der erste gewesen, der es gehört hat: schon auf der +Probe! . . . Signora,“ und er dienerte über die Scheidewand +zur Frau Mandolini, „ich hätte Ihnen den Erfolg dieses +Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen +—“ +</p> + +<p> +Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig +nach seinem Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die +alte Mandolini saß, hatte er doch den Camuzzi vorbehalten! +Was war denn geschehen? Warum fand er nicht neben sich +den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte? +</p> + +<p> +„Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich +kenne sie!“ dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri: +</p> + +<p> +„Das alles tut Nina, meine Ninetta!“ +</p> + +<p> +„Heraus! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, +wieder aus dem Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. +„Wie sie wollen! Dann verbringen wir hier also die +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch mehr machen, +es zu hindern.“ Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ +sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. +Nachher vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. +„Es war noch schöner. Man würde es nicht glauben.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach +seiner Seite, und in der Mitte gaben die Hände, an denen sie +sich hielten, einander manchmal einen Ruck, als leitete einer +auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann verschwanden +sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht. +</p> + +<p> +„Zur Tür!“ +</p> + +<p> +Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte. +</p> + +<p> +„Das einzige Mittel,“ erklärte der Unterpräfekt hinter der +vorgehaltenen Hand dem Steuerpächter, „um anzudeuten, +was jetzt drinnen vor sich geht.“ +</p> + +<p> +In der Klubloge überlegte der junge Savezzo: +</p> + +<p> +„Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt +sie schon weniger platonisch, — und so weiter bis zur Pauke. +Ich verstehe. Auch ich werde eine Oper schreiben.“ +</p> + +<p> +„Sst!“ machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine +Schwester schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik +zu hören sein mußte. Sie brachte hervor: +</p> + +<p> +„Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt +hätte, er lebte noch!“ +</p> + +<p> +Drüben sann Jole Capitani weich: +</p> + +<p> +„Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.“ +</p> + +<p> +Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des +jungen Serafini und ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; +Rosina Giocondi begegnete nebenan denen des Olindo Polli, +und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen, erschreckend, wie +Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; — indes +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein +Mädchen wand, das den ihren auf die Galerie stützte, und ihr +in das staubige Haar sprach. +</p> + +<p> +„Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht +vorgesungen?“ +</p> + +<p> +Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam +durch den erhitzten Saal. +</p> + +<p> +Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der +Schneider Coccola die Köpfe. +</p> + +<p> +„Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi +können nur wenig spielen, wie jeder weiß.“ +</p> + +<p> +„Was denn! Gar nichts können sie“, behauptete Galileo +Belotti. +</p> + +<p> +„Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, +wenn wir statt ihrer —. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, +Chiaralunzi! Gut, Nonoggi!“ +</p> + +<p> +Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau +Chiaralunzi: +</p> + +<p> +„Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu +Zeit die Backen aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, +aber dann lärmen auch die andern; den meinen dagegen hört +man immer heraus, und er schneidet lustige Gesichter dabei, +als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person hier, könnt +Ihr mir glauben.“ +</p> + +<p> +Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd: +</p> + +<p> +„Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte —“ +</p> + +<p> +Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte +schon längst die Frau des Schuhmachers Malagodi von der +Seite, sah weg, rückte umher und machte sich wieder heran. +Endlich wagte sie: +</p> + +<p> +„Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er +wird ein Graf sein, die höchste Person im Stück, und wenn er +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +dazukommt, wird die Handlung tragisch. Er hat eine Stimme +wie keiner.“ +</p> + +<p> +Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin +des Sängers vollendete: +</p> + +<p> +„Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter +der Kulisse steht. Ich weiß es.“ +</p> + +<p> +Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer +Schminke. +</p> + +<p> +„Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und +schon sieht man den Mond nicht mehr, der so poetisch war. +Gewiß werden seinetwegen die armen jungen Leute, die sich +doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten haben. Das +gefällt mir nicht.“ +</p> + +<p> +Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche +geknallt. Eine eherne Stimme rief nach Piero, gespornte +Stiefel stampften auf, und ein strammer Bauch in einer roten +Weste ward sichtbar. +</p> + +<p> +„Bravo Maestro!“ riefen die jungen Leute dahinten. „Noch +einmal das Orchester!“ +</p> + +<p> +„Was denn!“ antwortete es. „Wir wollen sehen, was +kommt.“ +</p> + +<p> +„Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein +Fuhrmann sein.“ +</p> + +<p> +„Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, +also ist er ein Herr.“ +</p> + +<p> +„Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! +Der arme Piero! Gerade kommt er aus den Armen seiner +Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun. Verdammt, der +schlägt auf den Tisch, er will Wein.“ +</p> + +<p> +„Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der +Hauptstadt seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!“ +</p> + +<p> +„Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +Fossoneri in Calto aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch +der Baron Torroni —“ +</p> + +<p> +„Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag +schreien, wie er will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, +Piero!“ +</p> + +<p> +„Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der +Herr? Ein Hund bist du! Pfeift! Pfeift doch!“ +</p> + +<p> +„Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, +wir Frauen merken das gleich, und nie hat er die Tonietta +gehabt.“ +</p> + +<p> +„Nieder mit ihm!“ +</p> + +<p> +„Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! +da rennt er ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die +Männer dumm sind!“ +</p> + +<p> +„Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? +Aber solche Sachen singt man nicht, zum Teufel!“ +</p> + +<p> +„Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu +spät ist?“ +</p> + +<p> +„Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem +Hause. Er ist von Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, +er dürfte das nicht tun! Knie nur vor die Madonna hin: +auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine Unschuld bezeugen. +Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon +reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die +Leute zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. +Lauf zu ihm, Tonietta, er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, +er läßt dich nicht ein? Die Männer stecken alle zusammen, +das ist es!“ +</p> + +<p> +„Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in +unserer Jugend, Orlando. Ich habe Herzklopfen.“ +</p> + +<p> +„Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?“ +</p> + +<p> +„O Dante, schon wieder willst du mich quälen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +„Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen +sie, und die dummen Mädchen schwatzen es ihnen nach, die +Tonietta habe es mit dem Grafen. Recht! da springt sie einer +an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie verdient es. Ach! +die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt nichts, +laß ab!“ +</p> + +<p> +„Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht +es verrückt, ich muß schreien!“ +</p> + +<p> +„Ruhig dort oben! Zur Tür!“ +</p> + +<p> +„Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: +ja, du sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht +sie und weint. Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?“ +</p> + +<p> +„Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.“ +</p> + +<p> +„Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden +Klatsch. Ach! wie sie weint. Man muß mitweinen.“ +</p> + +<p> +„Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den +Rock schlägt sie über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und +geht doch auf bloßen Füßen, die arme Kleine.“ +</p> + +<p> +„Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!“ +</p> + +<p> +„Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das +muß man doch wissen!“ +</p> + +<p> +„Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt +wie ein Schwarm Heuschrecken und geht doch nicht an.“ +</p> + +<p> +„Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!“ +</p> + +<p> +„Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut +hat? Er hatte das Gesicht in den Händen.“ +</p> + +<p> +„Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe —“ +</p> + +<p> +„Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man +ihn bereut.“ +</p> + +<p> +„Eh!“ machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, +„solche Dinge kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, +merke dir das!“ +</p> + +<p> +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +Der alte Giocondi mischte sich ein. +</p> + +<p> +„Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein +Bauer hatte —“ +</p> + +<p> +„Bravi! Bravo Maestro!“ +</p> + +<p> +„Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!“ +</p> + +<p> +„Rauchen wir draußen eine Zigarette?“ +</p> + +<p> +„Bravi!“ +</p> + +<p> +„Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller +zu beglückwünschen“, sagte der Advokat Belotti. Der +Apotheker zog rasch sein Holzbein hervor. +</p> + +<p> +„Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, +sie klatschen nicht mehr.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal +hinter dem Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda +riß sogleich ihre Hand aus seiner. +</p> + +<p> +„Danke,“ — und sie fauchte ihn an. +</p> + +<p> +„Wofür?“ fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, +noch immer mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt +hatte. +</p> + +<p> +„Sie fragen?“ +</p> + +<p> +Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf +die Büste nach vorn. Über die entblößte Haut sah man rote +Schauer laufen, das Gesicht war in die Länge gezogen von +Haß und Wut. +</p> + +<p> +„Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten +Freunden, die Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß +Sie überhaupt kein Konservatorium besucht haben. Nicht +wahr, Maestro?“ +</p> + +<p> +Er wich erbleicht zurück. +</p> + +<p> +„Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem +Beifall wie dem meinen die Arie wiederholen läßt!“ +</p> + +<p> +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +„Wir haben das Duett wiederholt“, sagte er und zog an +seinen Fingern. +</p> + +<p> +„Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, +wenn ich mit einem andern teilen muß? Dem Nello werfe +ich nichts vor.“ +</p> + +<p> +„Wie? Was soll ich?“ fragte der junge Mann, ohne mit dem +Auge das Loch im Vorhang loszulassen. +</p> + +<p> +„Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da +Sie seine Arie wiederholen lassen und meine nicht.“ +</p> + +<p> +„Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal +gespielt.“ +</p> + +<p> +„Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe +Sie kennen gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, +mich kennen zu lernen.“ +</p> + +<p> +Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend +zu. Gaddi und der Cavaliere Giordano gingen, die Schultern +hebend, an dem Kapellmeister vorüber. +</p> + +<p> +„Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . +Sie konnten das voraussehen, Maestro.“ +</p> + +<p> +„Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen“, sagte Italia +mit großen Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die +Arme empor. +</p> + +<p> +„Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen +zu müssen!“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir +hier?“ +</p> + +<p> +„Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro“ — und Italia +lachte verächtlich. Der alte Tenor erklärte: +</p> + +<p> +„Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht +wahr? Wer, wie ich, in jedem Akt eine andere Rolle zu +singen hat —“ +</p> + +<p> +„Was ist dahinten für ein Lärm?“ +</p> + +<p> +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +Der Bariton eilte hin. +</p> + +<p> +„Was sehe ich — Herr Advokat?“ +</p> + +<p> +„Ich habe dem Herrn gesagt,“ rief der Inspizient, „man betrete +die Bühne nicht.“ +</p> + +<p> +„Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees“, ächzte der Advokat +und hob sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines +Blumenstraußes zusammen. +</p> + +<p> +„Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt +haben“, bemerkte er. +</p> + +<p> +„Oder sie ist gerade bei schlechter Laune“, meinte Gaddi. Der +Apotheker nahm dem Freunde die Blumen ab. +</p> + +<p> +„Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein +Italia bringen.“ +</p> + +<p> +„Ah, meine Herren,“ — und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien +mit dem Steuerpächter, „auch Sie bieten ohne Zweifel +der Kunst Ihre Huldigung an. Kann man unsere Primadonna +sehen?“ +</p> + +<p> +„Es wird ihr eine hohe Ehre sein“, erwiderte der Advokat mit +einem Kratzfuß. „Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig +—“ +</p> + +<p> +Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes +Lächeln hervor. +</p> + +<p> +„Herr Präfekt,“ — und sie knixte tief, „Eure Exzellenz möge +meine Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu +begrüßen. Herr Advokat —“ +</p> + +<p> +Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, +und er drückte eifrig den verlangten Kuß darauf. +</p> + +<p> +„Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen +die Aufregung einer Anfängerin. Auch werden Sie +mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht vermissen möchte . . . und +auch Ihre Blumen nicht“, setzte sie mit einem schelmischen +Blick hinzu. +</p> + +<p> +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung +auszudrücken. +</p> + +<p> +„Aber — sie haben ein wenig gelitten“, stotterte der Advokat. +Sie streckte die Hand aus. +</p> + +<p> +„Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde“, — und +sie entriß dem Apotheker die Blumen. +</p> + +<p> +„Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu +nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte —“ sagte der +Unterpräfekt. +</p> + +<p> +„Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf +die Herren nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen +mich beim Umkleiden.“ +</p> + +<p> +Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den +anderen hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten +zwei Arbeiter ihn auf; alles schrie, lief durcheinander und verwirrte +ihn, und eine Kulisse, die hereingeschoben ward, wäre +ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora Garlinda war +plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen großen +Schreck bekommen. +</p> + +<p> +„Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen +danken!“ +</p> + +<p> +„Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als +sicher annehmen, daß Sie es sind, der den Bericht für die +‚Glocke des Volkes‘ schreibt. Sie werden also den Versuch +des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige Tat kennzeichnen, +die er ist.“ +</p> + +<p> +„Mit Vergnügen,“ erwiderte er, „das heißt, um Ihnen gefällig +zu sein. Aber freilich auch die Verdienste des Maestro +dürften nicht —“ +</p> + +<p> +„Herr Advokat —“ +</p> + +<p> +Sie trat einen Schritt zurück. +</p> + +<p> +„— ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zu +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +schreiben. Wenn Sie ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß +gegen mich teilen. Wir haben uns in diesem Falle nichts mehr +zu sagen.“ +</p> + +<p> +Da er bestürzt abwehrte: +</p> + +<p> +„Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne +gegenüber, der nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit +ein Opfer bringen kann? Sie werden vielleicht angefeindet +werden; der Maestro ist ein Intrigant; wie ich erfahren habe +und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes aus, als er +ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; — und Sie sollten +wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß +Sie einer Frau Gerechtigkeit verschafft haben?“ +</p> + +<p> +Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände +darauf. +</p> + +<p> +„Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben“, +sagte die Primadonna und bewegte langsam das Gesicht +hin und her, dessen verschämte Weichheit ihn bezauberte. +Die blauen, verschleierten Augen waren die eines Kindes. +</p> + +<p> +„Ich habe nichts als meine Kunst“, sagte sie mit einer Stimme, +in der ihr Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach +ihrer kleinen Hand. +</p> + +<p> +„Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie +einem Manne zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, +für eine große Sache gekämpft hat, um endlich durch +unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines Volkes sich +verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. +Aber wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere +Geschicke machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf +mich, Fräulein Flora Garlinda!“ +</p> + +<p> +Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre +Fingerspitzen an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen +konnte, ließ er sie los, und die Sängerin verschwand, den +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch bevor der Advokat +sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von hinten. +Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: „Die Frauen! +Sie geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich +tragen! . . . Aber, wer weiß —“ +</p> + +<p> +Und sein Gang ward schwänzelnd. +</p> + +<p> +„Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„He! Advokat!“ rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und +Poltern hörte man nicht. +</p> + +<p> +„Lassen Sie“, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. +„Ich weiß hier Bescheid.“ +</p> + +<p> +Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund. +</p> + +<p> +„Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf +Reisen.“ +</p> + +<p> +Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden +andern zu und öffnete. +</p> + +<p> +„Wer ist da?“ rief Flora Garlinda, und sie sprang vom +Toilettentisch auf. „Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! +Ich kenne Sie nicht und will allein sein. Verstehen Sie? Ich +singe euch vor, was wollt ihr noch von mir?“ +</p> + +<p> +„O gar nichts, entschuldigen Sie nur“, plapperte Giocondi +noch immer, als die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen +war. Polli sagte: +</p> + +<p> +„Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein +Gesicht wie eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie +zweiundzwanzig Jahre alt ist. Sie hat uns getäuscht, indem +sie sich anmalte.“ +</p> + +<p> +„Das ist eben die Kunst“, sagte der junge Savezzo. „Man +sieht, daß die Herren keine Künstler sind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider +Chiaralunzi hervor. Er klopfte und wartete dann in gebückter +Haltung, mit baumelndem Schnurrbart und ehrfürchtiger +Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß streckte er sorgfältig +von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr +heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, +ohne daß er wankte. +</p> + +<p> +„Ach Ihr“, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. +„Sogar Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, +ich kann Euch gebrauchen; Ihr mögt mir die Kämme reichen. +Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand nichts, und ich +hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut geblasen. +Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher +Mann seid.“ +</p> + +<p> +„Wer ist denn bei ihr?“ fragte Polli. „Mir ist doch —“ +</p> + +<p> +„Wer wirds sein“, sagte Giocondi. „Ein Liebhaber. Daher +hat sie uns so empfangen. Versteht sich, wir störten.“ +</p> + +<p> +„Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?“ versetzte +der Savezzo mit düstrem Neid. +</p> + +<p> +Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben +zwischen den Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert +von kleinen Choristinnen, die ihre mehlweiß und braun gescheckten +Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße Augen und +schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten. +„Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen +Sie, ob es gerecht ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen +muß!“ +</p> + +<p> +„Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet +hat? Welch tapferer Mann!“ +</p> + +<p> +„Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß +abschlägt“, — mit ihrem bunten Gesicht dicht unter +seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie fort und streckte +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende +Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen +da, als eine kleine Puderwolke. +</p> + +<p> +Polli raunte dem Advokaten zu: +</p> + +<p> +„Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie +mit einem Manne sprechen hören. Wer mag es sein?“ +</p> + +<p> +Der Advokat wehrte diskret ab. +</p> + +<p> +„Wer weiß es.“ +</p> + +<p> +Er holte Atem. +</p> + +<p> +„Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die +Bühne gegangen und darum ein wenig früher angekommen +als Ihr.“ +</p> + +<p> +Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte: +</p> + +<p> +„Ah! Advokat!“ +</p> + +<p> +„Ich habe nichts gesagt“, — und der Advokat glänzte groß. +</p> + +<p> +Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, +und Acquistapace trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn +Fiorio Schritt zu halten, denn von hinten kam, Fächer schlagend, +Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich zuerst. +</p> + +<p> +„Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen +ich beiwohnen durfte.“ +</p> + +<p> +Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff +den Advokaten in die Seite; er verdrehte die Augen. +</p> + +<p> +„Aber —“ +</p> + +<p> +„Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,“ sagte Herr +Fiorio, „das ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! +Sie stellen eine Romagnolin vor?“ +</p> + +<p> +„Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza +Montanara, den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, +nur weil ich über meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, +die mir den Piero weggenommen hatte, die ich verleumdet habe +und die nun auf Piazza Montanara die Dirne macht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +„Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß +Sie in Wirklichkeit dazu fähig wären“, bemerkte der Unterpräfekt. +Die Bürger lachten beifällig, am lautesten der Advokat. +</p> + +<p> +„Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: +mir können Sies glauben, mein Herr!“ +</p> + +<p> +Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte +ihn und den Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch +lenkte sie das Gespräch ins Unpersönliche. +</p> + +<p> +„Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun +einmal alles schlecht und traurig. Nicht einmal das schöne +Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine Wirtin in einer großen +Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle andern. +Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?“ +</p> + +<p> +„Gewiß nicht“, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und +nach kurzem Zögern: „Ich komme sogar ausdrücklich, um +ihr zu huldigen. Denn Sie vereinigen wahrhaftig Schönheit +und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller Genugtuungen +sein.“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man +hat sich über manches zu beklagen. Würden Sie glauben, +daß mir der Maestro noch soeben eine Arie gestrichen hat? +Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber habe ich +im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden +Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie +wiederhaben. Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! +Und warum bin ichs, der man die Arie streicht? Der Garlinda +läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen, wie +sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien +und ihren Duos mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, +um unter dem antiken Bogen dort miteinander schlafen +zu gehen, da verschwinden wir andern . . .“ +</p> + +<p> +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +„Wie sehen sie sich wieder?“ fragte Polli. +</p> + +<p> +„Versteht sich, auf der Straße“, erklärte Giocondi. +</p> + +<p> +„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Unterpräfekt. +Italia verzog den Mund. +</p> + +<p> +„Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der +Maestro in sie verliebt ist.“ +</p> + +<p> +„Er sucht sie,“ fuhr Giocondi fort, „weil er sie nicht vergessen +kann, der Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz +wie irgendeiner. Es ist eine klägliche Geschichte.“ +</p> + +<p> +„Was denn!“ keuchte der Advokat. „Das ist unmöglich! +Der Maestro verliebt in die Primadonna?“ +</p> + +<p> +„Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . +oder —“ +</p> + +<p> +Italia machte ein angewidertes Gesicht. +</p> + +<p> +„— sie hat unnatürliche Neigungen.“ +</p> + +<p> +„O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein“, erwiderte der +Advokat mit heiterer Stirn. +</p> + +<p> +„Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu +nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte —,“ und der +Unterpräfekt verbeugte sich gegen Italia, die vor ihm die Hüften +hin und her drehte, „so spreche ich also wegen Ihrer Arie, +Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause. Auch auf +mich wird der junge Mensch ein wenig hören.“ +</p> + +<p> +Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton +Gaddi war herzugekommen und sagte: +</p> + +<p> +„Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar +Italia wird bösartig.“ +</p> + +<p> +Man hörte sie noch sagen: +</p> + +<p> +„Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, +denn wir haben nur die eine Pause; der zweite und der dritte +Akt sind durch ein Orchesterstück verbunden.“ +</p> + +<p> +Herr Fiorio bot ihr den Arm. +</p> + +<p> +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +„Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.“ +</p> + +<p> +„Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!“ +</p> + +<p> +„Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf +der Unterpräfektur, liebe Kleine.“ +</p> + +<p> +Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die +Bürger sahen ihm bewundernd nach. +</p> + +<p> +„Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er +sich wieder im Saal. Welche Geschicklichkeit!“ +</p> + +<p> +Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er +fluchte laut. Wie Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd +entgegen. +</p> + +<p> +„Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?“ +</p> + +<p> +„Aber Romolo!“ sagten die Freunde. +</p> + +<p> +„Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat +er nicht der Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht +wie dem Fräulein Italia?“ +</p> + +<p> +„Aber für mich wird er doch handeln?“ sagte Italia, eingeschüchtert +durch seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe. +</p> + +<p> +„Ich bin ein alter Soldat Garibaldis“, rief er und ging, um +zu atmen, ein Stück weiter. „Auf das Ränkeschmieden verstehe +ich mich nicht!“ +</p> + +<p> +Da sie ihm bittend gefolgt war: +</p> + +<p> +„Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.“ +</p> + +<p> +„Herr Apotheker,“ sagte sie schmeichlerisch, „glauben Sie, auch +ich träume zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .“ +</p> + +<p> +„Kein Glück, der arme Romolo,“ — und der Advokat feixte +still und heftig. +</p> + +<p> +Polli fragte: +</p> + +<p> +„Sollte man nicht seine Frau holen?“ +</p> + +<p> +Der alte Giocondi bemerkte: +</p> + +<p> +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +„Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die +ganze Zeit vor dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht +er wieder durch das Loch. Vorhin hatte er sich sogar in die +Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn wahrgenommen +haben, denn sie begannen zu schreien.“ +</p> + +<p> +„He! Herr Nello!“ rief der Advokat. +</p> + +<p> +„Lassen Sie ihn“, sagte Gaddi. „Es ist sein gewohnter Zustand +am ersten Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat +eine gute Maske.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, +mit einer Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den +durchlöcherten Filz von seinem Kopf, der spitz und ganz kahl +war. Frostig in seinen entfärbten Mantel gerollt, machte +er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von der Stelle +brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein +großer Brillant auf. +</p> + +<p> +„Nun?“ fragte er, atemlos vor Anstrengung, „erkennen Sie, +Gaddi, wie es sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? +Wie? Diesmal werde ich alle schlagen! Ich gebe zu, +meine Herren —“ +</p> + +<p> +Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem +zum andern und kleinen bedrängten Handbewegungen. +</p> + +<p> +„— im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.“ +</p> + +<p> +Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte: +</p> + +<p> +„Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler +aber, das ist ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht +wahr, daß er eine gefallene Majestät ist.“ +</p> + +<p> +„Wie? Stellen Sie denn einen König vor?“ +</p> + +<p> +„Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich +eines ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden +ihn unter seinem Bogen aufstören: ah! meine Herren, +das ist der entscheidende Augenblick, in dem die Tragik des +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Stückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf sagen, +daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe +ich es auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt +zu spielen. Mag es ohne Schenkwirt gehen: ich werde +dem Bettler all meine Kunst und die ganze Kraft meiner +Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage +ich: weinen werden Sie!“ +</p> + +<p> +„Teufel.“ +</p> + +<p> +„Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den +Fuß der Stufen, die hinabführten. Unsichtbar rief er: +</p> + +<p> +„Gaddi, das Stichwort!“ +</p> + +<p> +„Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?“ +</p> + +<p> +Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe: +</p> + +<p> +„Ich bin früher gekommen.“ +</p> + +<p> +„So werden wir weiter suchen“, sagte Gaddi ehern. +</p> + +<p> +„Unnötig“, — und der Cavaliere Giordano stieg lang und +klapprig aus der Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte +er: +</p> + +<p> +„— da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, +wie ihr, hatte ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit +mir. Sie ist tot, mir blieb dieser Stein. Seid ihr glücklich, +wird er euch weich sein.“ +</p> + +<p> +Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte +auf einem Fuß schief zur Seite, — und von den halb erhobenen +Armen schwankten ihm die Hälften des Mantels +wie gebrochene Flügel. +</p> + +<p> +„Hahaha!“ machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes +der kleine Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen +klatschte. +</p> + +<p> +„Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen +kommt. Man will das.“ +</p> + +<p> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte +er an der Stirn. +</p> + +<p> +„Wie? Sie lachen? Aber das ist —!“ +</p> + +<p> +Er schluckte hinunter und kam näher. +</p> + +<p> +„Wenn Sie denn lachen —. Ich werde sehen. Es wirkt also +auf Sie?“ +</p> + +<p> +Er ging, den Kopf gesenkt, umher. +</p> + +<p> +„Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie +also lachen!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Daß der Tenor etwas hat,“ sagte der junge Savezzo, die +Brauen zusammengezogen, „das werden Sie uns nicht ausreden.“ +</p> + +<p> +„Was soll er haben?“ erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte +ihn. In seinem Lauf den Vorhang entlang, war er +plötzlich stehen geblieben, das Ohr geneigt, als unternähme +er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine einzige +zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit +im Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, +um ihn zu rütteln. +</p> + +<p> +„Es war ihre Stimme!“ dachte Nello. „Sie ist nicht in der +Loge, und dennoch habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme +gehört. Ist sie denn tot? Spricht denn ihr Geist zu mir, +wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es ist +die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! +Die Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, +und Alba ist mir ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.“ +</p> + +<p> +Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht +des Freundes. +</p> + +<p> +„Sieben Tage der Angst“, murmelte er. „Wie man hoffen +kann! Es ist lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +sie sehen, — und im Herzen wissen, daß der Abend bevorsteht, +an dem sie mir erscheint: mir, der ich ihr dort hinauf +alles, alles —“ +</p> + +<p> +„Still, Nello!“ +</p> + +<p> +„Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?“ +</p> + +<p> +„Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten +Loge im ersten Rang rechts“, rief Gaddi den andern entgegen. +„Warum steht sie leer im ausverkauften Haus? Ich +muß sagen, daß auch mich —“ +</p> + +<p> +„Das ist ja die Loge der Familie Nardini“, erklärte Polli. +</p> + +<p> +„Aber —“ machte der Advokat von fern. +</p> + +<p> +Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem +Tabakhändler zu. +</p> + +<p> +„Ist das wahr?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Eh! Beim Bacchus!“ +</p> + +<p> +Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge +Savezzo den Tenor ins Auge. Seine pockennarbige Nase +hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er sagte: +</p> + +<p> +„Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung +geblieben. Man hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem +Mittelstand gegenüber, der sie beanspruchte —“ +</p> + +<p> +„— und dem man sie hoffentlich nicht geben wird“, setzte der +Herr Giocondi hinzu. +</p> + +<p> +„Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das +Volk?“ fragte der Advokat, indes Nello sich an die Stirn +griff. +</p> + +<p> +„Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht“, sagte der +Savezzo noch, — da sah man den jungen Sänger schwanken. +Gaddi griff zu, aber Nello lag schon mit geschlossenen Augen +am Boden. Alle waren zurückgesprungen, nur Gaddi beugte +sich über ihn. Als sie dann herandrängten: „Was hat er?“ — +schnellte der Bariton wütend auf. +</p> + +<p> +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +„Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, +und jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.“ +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf +Nello nieder, „sie sind zarter Natur, die Künstler.“ +</p> + +<p> +„Man sollte einen Arzt holen“, verlangte der Cavaliere Giordano. +</p> + +<p> +„Aber es ist nichts“, behauptete der Apotheker. +</p> + +<p> +„Man weiß nicht“, meinte der Advokat. „Auch ich habe einmal +—“ +</p> + +<p> +„Einen Arzt!“ rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, +die gafften. Laufend erschien der Kapellmeister. +</p> + +<p> +„Was ist geschehen?“ — und er war tief erbleicht. +</p> + +<p> +„Gar nichts“, sagte Gaddi und rüttelte Nello. „Bringen Sie +Wasser, Dorlenghi!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf +er sich neben dem Ohnmächtigen auf die Knie. +</p> + +<p> +„Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!“ +</p> + +<p> +Er sprang wieder auf. +</p> + +<p> +„Mein Gott, ich bin verloren!“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem +Advokaten blinzelte er zu. +</p> + +<p> +„Übrigens, Maestro,“ äußerte er, „hat auch die Primadonna +sich geweigert, weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, +wie, ihr Herren?“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es +nötig, mit ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber +der Kapellmeister fiel nicht um, er lachte laut auf und begann +mit einer Stimme, die man an ihm nicht kannte, zu +schreien: +</p> + +<p> +„Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?“ +</p> + +<p> +Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. +„Werden Sie nicht schweigen? Merken Sie nicht, daß man +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +sich über Sie lustig macht? Auch dieser hier hat schon die +Augen geöffnet!“ +</p> + +<p> +„Gleichviel“, machte der Advokat. „Wer, wie ich, außergewöhnlichen +Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre +Folgen nicht leicht nehmen. Wie fühlen Sie sich, mein +Freund?“ +</p> + +<p> +„Einen Arzt“, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er +war falsch gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn +Olindo, der die große gelbhaarige Choristin unter den Achseln +hielt und sie mit angstvollem Entzücken preßte. Einen Augenblick +blieb der Vater, so sehr er mit den Armen vorwärts +ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße eingesunken. +Dann tat er einen Satz. +</p> + +<p> +„Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich +will doch sehen, ob ich noch dein Vater bin!“ +</p> + +<p> +Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, +das maßlose Enttäuschung malte. +</p> + +<p> +„Ich liebe sie so sehr“, stieß er, wirr jammernd, aus. „Ich +will sie heiraten.“ +</p> + +<p> +„Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!“ +</p> + +<p> +„Aber warum schlagen Sie ihn?“ fragte das Mädchen. „Was +ist Schlimmes dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!“ +</p> + +<p> +„Fort! Beine!“ — und Polli hob sich auf den Zehen, um den +jungen Menschen zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß +zu setzen. Als er ihn abgeschnellt hatte: +</p> + +<p> +„Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein —“ +</p> + +<p> +„Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen“, sagte sie und +griff ihm unter das Kinn. „Aber ich liebe noch immer nur +dich.“ +</p> + +<p> +„Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden +rufen. Wehe, wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +Auf morgen um drei! — aber wenn du mir den Jungen nicht +in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.“ +</p> + +<p> +„Das wäre schrecklich“, rief sie ihm nach. „Und die Zigarette?“ +</p> + +<p> +„Unglücklicher, was tust du noch hier?“ +</p> + +<p> +Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte. +</p> + +<p> +„Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt +holt, jammert dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine +Frau ohne einen Heller, die dir niemals treu sein würde!“ +</p> + +<p> +„O ja! das wäre sie!“ +</p> + +<p> +„Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal +nach den beiden!“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht wahr!“ — und Olindo sprang auf, den Blick +voll blinden Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er +setzte sich den Finger auf die fette Brust und lächelte breit. +</p> + +<p> +„Dann frage sie also nach mir!“ +</p> + +<p> +Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider +sinken und knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus +geht!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins +Orchester, das leer war. Nur Nina Zampieri und der junge +Mandolini saßen ineinander versunken bei der Harfe, und +der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner Klarinette +unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler +jedem: +</p> + +<p> +„Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas +zugestoßen.“ +</p> + +<p> +Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, +das Galileo Belotti entfesselte. Er stand vor einem ganz +kleinen Menschen, der beim Eingang unter der Loge der +Familie Giocondi an der Wand lehnte. +</p> + +<p> +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +„Sie sind ja bucklig“, sagte Galileo mit erhobenen Brauen. +</p> + +<p> +Der Kleine schrak auf. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.“ +</p> + +<p> +„Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind“ — und +Galileo hielt unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet. +</p> + +<p> +„Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das +Glas an den Kopf“, schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, +die zitterte, verschüttete die Hälfte des Wassers. +</p> + +<p> +„Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,“ +antwortete Galileo, „darum sind Sie aber immer noch +bucklig.“ +</p> + +<p> +„Wie viel Witz er hat!“ sagten die Pächter und drängten +herzu. +</p> + +<p> +„Aber ich rufe die Carabinieri herein!“ kreischte der Verwachsene. +</p> + +<p> +„Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: +Sie bleiben bucklig“ — und Galileo pflanzte sich fester auf. +Der dicke Zecchini und seine Zechbrüder brüllten. Von draußen +eilten die Leute herein, um mitzulachen. +</p> + +<p> +„Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! +Was! Ich bringe Sie um!“ +</p> + +<p> +Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem +Höcker schlug er taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel +seinen Händen, die sich krampften, und auf die Lippen trat +ihm Schaum. +</p> + +<p> +„Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,“ erklärte ihm +Galileo, „bucklig sind Sie, und bucklig bleiben Sie.“ +</p> + +<p> +Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am +Boden wälzte. Der Barbier Bonometti und der Schneider +Coccola waren mit dem Ausgang nicht zufrieden; sie nahmen +den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn hinaus. +</p> + +<p> +Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +in der lauen dunklen Luft unter den Steineichen duckten +Mädchen, die sich in Ketten umherschwenkten, den Nacken +bei den Scherzen der Burschen. Mütter und Kinder umringten +im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und +da stieg eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet +der „Tonietta“, mit den ernst und selig schwebenden Tönen +des Duetts: „Sieh Geliebter, unser umblühtes Haus . . .“ +„Welche Musik!“ sagte einer der jungen Leute in großen Hüten +und bunten Halstüchern. „Es geschieht viel Trauriges in +dem Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es +einem, daß es keine Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.“ +</p> + +<p> +„Trotzdem bringen sie dort einen“, sagte ein anderer; und +alle zusammen: +</p> + +<p> +„Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja +der Schreiber des Notars in Spello. Ich war für meinen +Herrn bei seinem . . . Wie soll er in seinem Zustand die drei +Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu übernachten? +Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.“ +</p> + +<p> +Der Wirt „zu den Verlobten“ weigerte sich. Bei so vielen +Fremden, an einem solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire +wert. +</p> + +<p> +„So gebe ich eine!“ sagte der junge Mann. „Und ich bin ein +Arbeiter, der zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.“ +</p> + +<p> +Er schlug sich auf die Brust und sah umher. +</p> + +<p> +„Auch ich gebe eine.“ +</p> + +<p> +„Auch ich.“ +</p> + +<p> +Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit +ihm die Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl +noch immer Gelächter. Die Frauen in den Logen wollten +sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein Giocondi +gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen: +</p> + +<p> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +„Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, +aber auch er hat großes Talent.“ +</p> + +<p> +Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten +seines Erfolges umher und polterte. +</p> + +<p> +„Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! +Und du, Polli,“ sagte er zu dem Tabakhändler, der sich +die Seiten hielt, „du wolltest einen Arzt? Für den Tenor? +Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht +man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders +lachen.“ +</p> + +<p> +„Doktor!“ rief er in die erste Parterreloge rechts, „auf der +Bühne stirbt jemand. Rasch! Sie müssen hin.“ +</p> + +<p> +„Ich kann nicht“, rief der Doktor zurück und stellte sich vor +seine Frau. „Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!“ +</p> + +<p> +„Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, +was Deixel!“ +</p> + +<p> +Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen +in die Loge des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise +tanzte. Sein massiger Körper war ihm nicht groß und breit +genug, um die kleine demütige Frau vor allen diesen Augen +zu verdecken. +</p> + +<p> +„Sie sollten gehen,“ sagte neben ihm Mama Paradisi, „es +scheint ernst.“ +</p> + +<p> +Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick +mit Frau Malandrini wechseln. Die alte Frau Mandolini +schlug mit dem Fächer hart auf die Brüstung ihrer Loge, und +von der Galerie rief es: +</p> + +<p> +„Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer +für die Toten.“ +</p> + +<p> +Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci +plötzlich nach seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte +Galileo Belotti sich in Bewegung. +</p> + +<p> +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +„Holt mir den schönen Alfò!“ verlangte er. „Ich brauche +ihn, denn ich selbst bin nicht schön genug.“ +</p> + +<p> +Und als er ihn hatte: +</p> + +<p> +„Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.“ +</p> + +<p> +Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau +Ranucci zog sich hinter ihrem Fächer ganz zusammen, indes +Galileo unter fetten Seufzern kleine kurzbeinige Kratzfüße +machte und der schöne Alfò eitel in den Saal lächelte. Man +erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man +stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine +alte Giocondi in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend +los: +</p> + +<p> +„O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es +ist meine Idee: ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben +hat.“ +</p> + +<p> +Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff +den Vater in den Arm. +</p> + +<p> +„Du bist ein unbezahlbarer Papa!“ +</p> + +<p> +Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue +Haupt erhob. +</p> + +<p> +„Und die Miete, Ottone?“ fragte sie blechern. „Wie soll ich +sie bezahlen?“ +</p> + +<p> +„Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.“ +</p> + +<p> +Aber die Töchter waren auf einmal still. +</p> + +<p> +„Welch gute Erfindung“, rief der Vater fröhlich. „Daß +dieser Tenor krank werden mußte! Der Bucklige krank, der +Tenor krank, alle krank: nur ich nicht.“ +</p> + +<p> +Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den +Augenwinkeln an. Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen +hin. +</p> + +<p> +„Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?“ +</p> + +<p> +Da sie weiter schwiegen: +</p> + +<p> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +„Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, +das kann man doch nicht Krankheit nennen.“ +</p> + +<p> +Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton. +</p> + +<p> +„Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden +gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und +habe die Wette gewonnen?“ +</p> + +<p> +Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie. +</p> + +<p> +„Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist +noch eine ganz andere Komödie, als die der Komödianten. +Man müßte dabei sein. Was meint ihr, wenn ich hinginge?“ +</p> + +<p> +„Bleibe lieber da“, sagte Frau Giocondi. „Wer weiß, was +der Doktor tut, wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.“ +</p> + +<p> +Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci +sagen: +</p> + +<p> +„Was tun Sie?“ +</p> + +<p> +Er griff sich an den Kopf. +</p> + +<p> +„Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben +Stunde wieder auf den Beinen ist, und inzwischen —“ +</p> + +<p> +Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden +Schritt. Der schöne Alfò wich — und sein törichtes Lächeln +verging ihm — bis an die Brüstung zurück. Wie der Doktor +die Hand ausstreckte, war er schon hinüber und sprang in den +Saal. +</p> + +<p> +„Bravo, Alfò!“ rief man, was den Doktor zu erbittern +schien. Voll Wucht trat er zwischen seine Frau und Galileo +Belotti, der mit hohen Augenbrauen unverfroren weiterpolterte. +</p> + +<p> +„Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft +Ihrer Frau haben wir gemacht. Mein Kompliment, Doktor, +ein schönes Stück Frau . . .“ +</p> + +<p> +Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +Munde, und mit der andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo +brüllte dumpf: — da schwang der Doktor einen Zahn. Klatschen +erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und Ranucci +mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden. +</p> + +<p> +„Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?“ sagte +Frau Giocondi. Ihr Mann hatte die Hand an der Wange, +als wäre der Eingriff bei ihm selbst vollzogen worden. Er +suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren im Schoß, +Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, +spitzes Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel +fort und schalt: +</p> + +<p> +„Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!“ +</p> + +<p> +Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben +endete, begann es unten. Auf der Galerie, die sich wieder +gefüllt hatte, rief man: +</p> + +<p> +„Wie er tüchtig ist, der Doktor!“ +</p> + +<p> +Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit +sie ihn sehen konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch +an seine Nachbarn in der Klubloge: +</p> + +<p> +„Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des +Abends hat.“ +</p> + +<p> +Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte +alle Bemitleidungen ab und sagte: +</p> + +<p> +„Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht +mehr gut.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Wie man vom Lachen heiß wird!“ bemerkte Mama Paradisi. +Wie Mancafede wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und +befeuchtete sich unter den Achseln. +</p> + +<p> +Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen. +</p> + +<p> +„Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?“ +</p> + +<p> +„Und die Haushälterin des Herrn Ortensi“, flüsterte der +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +Tabakhändler, „hat ein gewisses Parfüm an sich —! Ich weiß +wohl, daß er blind ist, aber hat er denn auch den Geruch verloren? +Keines von jenen Mädchen auf der Bühne roch so +stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es +nicht vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man +nicht glauben würde, ist, daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. +Ah! Schlingel, daß du dich nicht aus deiner Ecke +rührst!“ +</p> + +<p> +„Das Theater ist zu voll“, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis +junger Leute unter ihrer Loge. „Die Düfte der Galerie +gelangen bis zu uns. Man sollte nicht erlauben, daß hier +Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem Komitee +zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse +Damen setzt.“ +</p> + +<p> +Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. +Die große Raffaella war des Pächters schräg hinter ihr sicher +und bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie machte Augen +nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi ihr zu +Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini +stach ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner +Klarinette. +</p> + +<p> +„Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen“, sagte Lauretta zu +Theo. „Er schneidet dir Gesichter.“ +</p> + +<p> +Sie antwortete: +</p> + +<p> +„Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener +Tenor nimmt einem den Mut, auf andere zu hören. Ah! +ihm würde ich nicht nein sagen. Die Madonna wird nicht +erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.“ +</p> + +<p> +„Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!“ +wimmerte Mama Farinaggi ganz süß und fromm; aber die +beiden Fräulein Pernici fuhren dennoch zurück, gegen den +Leutnant Cantinelli. +</p> + +<p> +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +„Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt“, setzte +die Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und +drehte die Büste allen Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte. +</p> + +<p> +Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen. +</p> + +<p> +„Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.“ +</p> + +<p> +„Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; +denn der Arme, aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.“ +</p> + +<p> +„Hast dus von deiner Herrin?“ +</p> + +<p> +Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln +und schloß sich mit dem Finger die Lippen. +</p> + +<p> +„Also er liebt die Primadonna“, sagte unter ihnen Frau +Salvatori zu Frau Malandrini. „Die Evangelina weiß es. +Übrigens sieht man an seinem ausdrucksvollen Spiel, daß er +wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und behandelt ihn +schlecht.“ +</p> + +<p> +Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester +des Unterpräfekten. +</p> + +<p> +„Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. +Die guten Sitten finden sich nicht auf dem Theater.“ +</p> + +<p> +„Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, +aber sie sagen es nicht, weil es die Illusionen verhindern +würde.“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi erklärte: +</p> + +<p> +„Dieser Tenor: wie heißt er noch —“ +</p> + +<p> +Sie sah auf dem Zettel nach. +</p> + +<p> +„Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er +völlig ohne Empfindung.“ +</p> + +<p> +„Aber mir scheint,“ wandte der Gemeindesekretär ein, „daß +er gerade infolge von allzuviel Empfindung in Ohnmacht +gefallen ist.“ +</p> + +<p> +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +„Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was +glauben die Herren: hat das Komitee sie bei dem Künstler +bestellt, oder hat er selbst gefühlt, daß es vielleicht besser sei, +der Wirkung seiner Kunst ein wenig nachzuhelfen?“ +</p> + +<p> +„Wie viel Geist die gnädige Frau hat!“ sagte der junge Salvatori. +Der junge Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete +mit Senkblicken das gehässige Aufleuchten in den Augen +der Dame. +</p> + +<p> +Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit +dem Fächer. +</p> + +<p> +„Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der ‚Celimena‘ +im Pagliano zu Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? +Diese kleine Garlinda ist die einzige, die mich je an die Branzilla +erinnert hat: an die Branzilla, als sie jung war.“ +</p> + +<p> +„Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich +hörte, während jenes junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte +Stimme zurückkehren, wie in einem Traum, den ich +beim Erwachen vergessen hatte.“ +</p> + +<p> +„Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, +denn es scheint, man lernt heute nichts mehr; und der arme +Cavaliere Giordano hätte besser getan, sich nicht hören zu +lassen.“ +</p> + +<p> +„Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie +alt wir selbst nun sind.“ +</p> + +<p> +„Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten +zu wissen.“ +</p> + +<p> +„Aber sie ist nicht schön“, sagte die Haushälterin des Blinden. +Er rief: +</p> + +<p> +„Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!“ +</p> + +<p> +„Sie sehen sie doch nicht.“ +</p> + +<p> +„Aber wie schön muß sie sein!“ +</p> + +<p> +„Heraus!“ rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli. +</p> + +<p> +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +„Maestro!“ +</p> + +<p> +Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie. +</p> + +<p> +„Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!“ +</p> + +<p> +Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den +Fingern. Der Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge +und entblößte mit einer Verbeugung das Haupt vor ihm und +vor dem Volk. +</p> + +<p> +„Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!“ +</p> + +<p> +Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe +den Bäcker Crepalini: +</p> + +<p> +„Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen +hat er denn? Ich aber, der ich sechs Plätze —“ +</p> + +<p> +„Schweig!“ — und droben wurden Fäuste geschüttelt. „Du +hungerst uns aus. Er ist der einzige Bäcker, weil er die +Herren bezahlt; und dafür darf er uns aushungern mit seinem +teuren Brot. Rede, Advokat!“ +</p> + +<p> +„Denn“, keuchte der Advokat, „wir sind noch neu in diesen +Dingen: es ist die erste Vorstellung in unserer Stadt seit +achtundvierzig und dreiviertel Jahren. Dann der Unglücksfall, +den die Herren verzeihen mögen, mit jenem jungen +Künstler, der so viel Talent hat . . .“ +</p> + +<p> +„Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben“, riefen die +Frauen. +</p> + +<p> +„Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf +Minuten, o meine Herren, werden Sie befriedigt werden.“ +</p> + +<p> +„Bravo, Advokat!“ — und es ward geklatscht. Der Barbier +Bonometti rief: +</p> + +<p> +„Er ist ein großer Mann, der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!“ — und plötzlich lachte +alles. Die jungen Leute mit großen Hüten und bunten +Halstüchern sagten: +</p> + +<p> +„Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +dem Platz und machte dem Mond seine Komplimente: +da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst Musik hören, +Brabrà!“ +</p> + +<p> +Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als +parodierte er ihn, das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, +der keinen Rand mehr hatte, im Bogen über die Ränge, er +legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, — und +unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen +er in den leersten Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, +und die Menge war da, die ihn feierte. +</p> + +<p> +„Aber der Mittelstand wird gefährlich!“ sagte Frau Camuzzi +zum Baron Torroni. +</p> + +<p> +Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah +ihn mit seinen herausquellenden Augen und seinem furchtbaren +Gebiß im Parterre sich abarbeiten, die Leute um sich +her zusammenziehen und unter wütenden Schlägen in die +Luft, Aufruhr bei ihnen stiften. +</p> + +<p> +„Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter +Felipe? Ihr wißt es nicht. Dann fragt also den +Malandrini. Er ist der Wirt „zum Mond“, Ihr seid der Wirt +„zu den Verlobten“; eine Loge aber ist nur für ihn da. Versteht +sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, +und der Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, +dessen Frau eine Großnichte des Bürgermeisters ist!“ +</p> + +<p> +„Die Herren halten zusammen“, sagte der Schlosser Fantapiè, +der mit dem Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen +war; „und der einzige, der dem Volk helfen kann, +ist Don Taddeo.“ +</p> + +<p> +Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf. +</p> + +<p> +„Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. +Warum bin ich nicht Gemeinderat geworden? Weil die +Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat, zu tun, was +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren +machen Ansprüche . . .“ +</p> + +<p> +„Die Herren!“ schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf +wackelte vor Zorn auf seinen engen Schultern. +„Wenn es noch Herren wären! Aber seht nur jenen Giocondi +an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und +als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er +oder ich, der fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber +weil seine erste Frau eine Pastecaldi und Schwägerin der +Schwester des Advokaten Belotti war, hat die Loge der Giocondi, +nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber leerstehen, +als daß man sie einem Manne wie mir gibt.“ +</p> + +<p> +„Die Herausforderung gilt mir“ — und der alte Schenkenheld +Zecchini schob seinen Bauch in den Haufen. „Denn +wenn man eine Loge bekommt, weil man Bankerott gemacht +hat, muß auch ich eine bekommen.“ +</p> + +<p> +„Was denn? Welche Loge?“ polterte Galileo Belotti. „Wißt +ihr denn nicht, daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? +Denn sonst hätte er nur die unserer Schwester, die der Jole +Capitani und die Klubloge, und ihr begreift wohl, daß ein +Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten. +</p> + +<p> +„Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar +hatte“, erklärte er. „Ist das nicht genug? Aus Bewunderung +für unsern großen Mann verschmerze ich es leicht, +daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben +mußten, weil keine Loge für sie da war.“ +</p> + +<p> +„Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,“ sagte +der alte Seiler Fierabelli, „um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit +in der Welt ist.“ +</p> + +<p> +Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti +wandte ein: +</p> + +<p> +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +„Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr +Savezzo sagt: er ist ein großer Mann.“ +</p> + +<p> +„Was, großer Mann!“ — und Galileo hüpfte auf. „Wenn +einer den Advokaten kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß +er noch nicht einmal der Dreck eines großen Mannes ist!“ +</p> + +<p> +Frau Malagodi mischte sich ein: +</p> + +<p> +„Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger +gekostet hat als das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem +Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer Loge.“ +</p> + +<p> +„Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in +der Loge?“ schrie ihr Gatte. „Damit erspart er ihre Gratifikationen, +der alte Geizhals!“ +</p> + +<p> +„Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo“, +wiederholte hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker +brach vor: +</p> + +<p> +„Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.“ +</p> + +<p> +Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen +und schob die ganze Herde vor sich her. +</p> + +<p> +„Wohin, Crepalini?“ +</p> + +<p> +„Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. +Komm mit, Malagodi!“ +</p> + +<p> +Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen. +</p> + +<p> +„Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!“ rief der dicke +Zecchini und hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. +Das ganze Parterre schlug Wogen, die aufbrüllten. +</p> + +<p> +„Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?“ rief die Galerie. +„Ruhe! Du willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen +Ton hört man. Lauter, Maestro! Bring sie mit den Trompeten +zum Schweigen!“ +</p> + +<p> +Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war +und daß er dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse +und ließ, geneigten Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +als sei er mit seinem Orchester allein. Der Bäcker Crepalini, +der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr zurück, denn ein +abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der +Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze +klatschen, und droben jubelte eine Jungenstimme: +</p> + +<p> +„Ins Zentrum!“ +</p> + +<p> +Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine +Lampe brannte mehr. Erschreckt suchte man einander ins +Gesicht zu sehen. Im Saal war ein unterdrücktes, unbekanntes +Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas Drohendes +wälzte sich heran! „Was gibt es!“ In den Logen sprang +man auf. Eine Frau rief: +</p> + +<p> +„Himmel! man ermordet mich.“ +</p> + +<p> +Und Stimmen auf der Galerie: +</p> + +<p> +„Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.“ +</p> + +<p> +„Nicht doch!“ schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, +den Advokaten Belotti. „Es ist nichts, lassen Sie +mich machen!“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; +seine Töchter mußten ihn auf dem Stuhl halten; — und +darauf begriff auch die Galerie: +</p> + +<p> +„Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! +Spaßvogel, geh! . . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia +hin? . . . Bravo Advokat!“ +</p> + +<p> +„Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?“ rief der Barbier +Bonometti, — indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Da es schon wieder hell war: +</p> + +<p> +„Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.“ +</p> + +<p> +„Ruhig! Man spielt!“ +</p> + +<p> +„Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.“ +</p> + +<p> +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +„Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!“ +</p> + +<p> +„Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber +das ist unser Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, +aber die Stadt sollte ihn bauen.“ +</p> + +<p> +„So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum +hast du sie fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war +unschuldig, sonst will ich blind werden!“ +</p> + +<p> +„Noch einmal! Noch einmal!“ +</p> + +<p> +„Wie er bleich ist, Dante!“ +</p> + +<p> +„Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, +die ihm gesagt haben, was aus der Tonietta geworden ist. +Er steht allein, das Gesicht im Mantel, und weint . . . Er singt. +O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder, wie es +war, als ich glaubte, du betrügest mich!“ +</p> + +<p> +„Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!“ +</p> + +<p> +„Sprich nicht! Was wird geschehen?“ +</p> + +<p> +„. . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: +sie hat ihn erkannt!“ +</p> + +<p> +„Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, +um ein Kalb zu verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge +zu weinen. Auch weine ich nicht über sie, sondern über mein +Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist, und mein +Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? +Mir ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und +doch will ich nicht fort; denn dies ist der erste richtige Trost, +den jemand mir gibt.“ +</p> + +<p> +„Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!“ +</p> + +<p> +„Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.“ +</p> + +<p> +„Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander +vorsingen. Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in +ihrer Hochzeitsnacht, unter den Ölbäumen, durch die der Mond +scheint. Man hat solche Einbildungen, wenn man liebt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +„Woher weißt du das?“ +</p> + +<p> +„Da, Polli, wieder ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘.“ +</p> + +<p> +„Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem +Phonographen. Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett +aufsuchen. Ich sehe kein Bett: alles Stein, und der Himmel +sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie sich unter +jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich +so aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . +Was gibts, Giocondi?“ +</p> + +<p> +„Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht +ihn euch an, Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir +vorgemacht, und ich habe ihm Ratschläge gegeben . . . Bravo, +Cavaliere!“ +</p> + +<p> +„Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht +mehr.“ +</p> + +<p> +„Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; +und immer wieder hörst du es durchklingen: ‚Sieh, Geliebter, +unser umblühtes Haus heißt uns blühen‘ . . .“ +</p> + +<p> +„O Nina, deine Harfe!“ +</p> + +<p> +„Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.“ +</p> + +<p> +„Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich +zu werden, wie diese.“ +</p> + +<p> +„Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: +der Vorhang ist zu.“ +</p> + +<p> +„Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen +werden, bis die auf der Bühne sich ausgeruht haben und +wieder singen.“ +</p> + +<p> +„Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. +Es passiert doch nichts.“ +</p> + +<p> +Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern +nickten, die Arme verschränkt, einander in die Augen. +</p> + +<p> +„Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +Leben! So also wird es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit +schafft.“ +</p> + +<p> +„Dies aber,“ — und der alte Literat Ortensi breitete zitternd +die Arme aus, „o dies geht hinaus über die glückliche Liebe +jenes Volkes, das einen Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, +ist die Abdankung und die elende Herrlichkeit des +Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe +der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?“ +</p> + +<p> +Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand. +</p> + +<p> +„Wie schade,“ sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe +Pastecaldi, „daß der General Garibaldi diese Musik nicht +gekannt hat! Gewiß hätte er sie spielen lassen, wenn er +uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen wollte. Welche +Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich wieder +dem Helden selbst ins Gesicht.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase. +</p> + +<p> +„Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor +oder hinter dem Vorhang leben oder sterben. Nur mir +gilt dies, denn nur ich habe Schicksal, werde triumphieren +über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und berühmt +sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch +sie hat man mir geraubt.“ +</p> + +<p> +Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen +heimlichen Besuch machte, wippte der Advokat Belotti mit +den Absätzen, suchte unruhig auf dem Fußboden umher und +dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung +einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. +„Niemals fühlte ich, wie sehr ich ihr gehöre!“ +Seine Augen, die sich verschleierten, irrten von unten über +die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der Stadt, +und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. +Sie wandte sich um, und er sagte: +</p> + +<p> +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +„Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer +Mann ist.“ +</p> + +<p> +Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; +es blieb still. +</p> + +<p> +„Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und +dann, welchen Grund sollte sie haben, zu schluchzen?“ +</p> + +<p> +„O! jede Frau findet dazu Grund“, erwiderte Jole Capitani, +und der Advokat erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer +Blick nur noch ein wehrloses Flehen war. +</p> + +<p> +„Bravo, Maestro!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte +im Sitzen mehrere rasche Verbeugungen. Die Haare klebten +ihm in der Stirn; den Stab führte er jedesmal, als nötigte +ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und bedeutungslos +über seine Mitarbeiter im Orchester hin. +</p> + +<p> +„Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch“, stellte +Rosina Giocondi im stillen fest. „Es wird sich zeigen, wenn +der Vorhang aufgeht . . . Natürlich, vor dem Wirtshaus ist +der erste, den man sieht, der Conte Tancredi, der damals die +Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen, der nun +Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte +und die jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält +ihm ihren Fuß hin, sie verführt ihn. Die Tonietta drüben +bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch von ihrer zerbrochenen +Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder aus, +meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu +leicht; — aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte +er in der langen Pause der Mama einen Besuch gemacht.“ +</p> + +<p> +„Paß doch auf, Piero!“ rief jemand auf der Galerie. „Er +nimmt sie dir weg!“ +</p> + +<p> +„Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle +Gäste gehen: jetzt bekommt sie das ihre.“ +</p> + +<p> +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +„Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme +Tonietta. Ich, deine Cölestina, verstehe sie zu gut.“ +</p> + +<p> +„Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt +hat, betrügt?“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht +getan, ich war unschuldig.“ +</p> + +<p> +„Auch er aber hat recht: ‚Seither warst dus um so weniger!‘ +Denn sie war eine Dirne, wie?“ +</p> + +<p> +„Hat ers anders gewollt?“ +</p> + +<p> +„Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.“ +</p> + +<p> +„Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!“ rief +Cölestina so laut, daß Nello Gennari den Fuß anhielt und +sich umwandte. In den Logen lachten mehrere. Eine Sekunde +lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle durch +den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in +die Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda +stützte sich dort vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: +„Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu wissen.“ Es war +ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel: ganz sicher mußte +sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und sie +wurden zum Schweigen gebracht. „Die Leute sind neugierig. +Sie fühlen eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft +ihnen das Herz. Keine Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. +Ja, starrt her! Gaddi ist aufgetreten, mit seiner +Peitsche und seinem strammen Bauch, den er schwenkt, indem +er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft meiner +Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie +fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie +wird mitgehen: ich habe Unglück.“ +</p> + +<p> +„Mein Lieber,“ sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der +schon abgeschminkt war, „was halten Sie von meinem Bettler? +Welch Erfolg! Sagen Sie nur!“ +</p> + +<p> +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken. +</p> + +<p> +„Gaddi ist großartig. ‚Ich bin nicht eifersüchtig wie er; +mir gefallen die Dirnen‘: seine Glanznummer . . . Und sie +schweigen, keine Hand rührt sich. Armer Freund! er hatte +schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen. Aber +du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen +durch uns einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres +denkt keiner. Die dritte Loge ist leer geblieben . . . Wie dort +hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich fühle die Hitze +ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt werden, +meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, +mich rufen; ich werde vorstürzen, ich werde sie beide —. +O Alba!“ +</p> + +<p> +Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen +Lidern, heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände. +</p> + +<p> +„Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein +Echo? Vor einer leeren Loge spielen? Und nachher? Was +nachher?“ +</p> + +<p> +„Da bin ich!“ — und er fuhr hinaus. Das Zittern des +Hasses, des gehässigen Elends, er fühlte, daß es von ihm auf +eine unbekannte Menge übergehe, auf die in Dunkel versunkene +Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren +Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer +und Herrn kämpfte, empfing er leise Zurufe der Angst. Nun +streckte er ihn hin, — und da jauchzte es auf, und neben ihm +fielen Blumen nieder. +</p> + +<p> +„Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!“ +</p> + +<p> +„Gnade!“ rief eine Frau von oben, aber er stach zu. +</p> + +<p> +„Ich habe nur dich geliebt, Piero,“ hauchte die sterbende +Tonietta; und auf der Galerie die Geliebte des Schusters: +„Hörst du es, Dante?“ +</p> + +<p> +„Bravi! Alle heraus! Maestro!“ +</p> + +<p> +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog +ihn aus der Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er +gegriffen hatte, die seine drückte, merkte er, daß sie Flora +Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie sie dem Publikum +dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher +Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons +beteuerte seine Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter +die Bühne gedrängt, klatschten, mit den Augen; und Nello +Gennari tat nichts, als daß er sich niederdrücken und wieder +emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der abgeschminkt, +aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich zusammenknickte. +Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal. +</p> + +<p> +„Bravo, Cavaliere!“ rief Frau Camuzzi sehr laut; und der +Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte noch einmal in die Loge +zurück, um den Beifall zu Ehren des berühmten Sängers zu +verstärken. +</p> + +<p> +Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der +junge Savezzo vor der Tür ihrer Loge und versperrte sie +ihr. +</p> + +<p> +„Gnädige Frau,“ — und er sah ihr in die Augen, „die Ohnmacht +des Tenors war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene +Loge leer blieb.“ +</p> + +<p> +Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, +auf seine Nase. Frau Camuzzi trat zurück. +</p> + +<p> +„Warum sagen Sie mir das?“ fragte sie halblaut. Er drückte +die Hand auf die Brust. +</p> + +<p> +„Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, +daß ich der erste bin?“ +</p> + +<p> +Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch +klatschten, den jungen Severino Salvatori. „Er wollte die +Nardini heiraten,“ dachte sie; „und er kann fechten. O Verräter! +ich werde dich töten lassen . . .“ +</p> + +<p> +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich. +</p> + +<p> +„Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens +ist ein Duell unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, +wer seine Enkelin in einen Skandal verwickelt hat. Er +ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen Posten. +O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu +sein!“ +</p> + +<p> +Sie klatschte; sie rief: +</p> + +<p> +„Bravi! Bravo der Gennari!“ +</p> + +<p> +„Ich brauche einen Menschen,“ dachte sie, „der etwas Stärkeres +hat als seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er +verschwiegen ist. Und das Geld der Nardini muß ihm +eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken Salvatori; +er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken +ist.“ +</p> + +<p> +Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr +unter seinen gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor +warf. Der vom Neid gekrümmte Mund des Savezzo, die +graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück +zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten +sie. In seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte +Sprünge: da entschloß sie sich. +</p> + +<p> +„Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie +mich begleiten, Herr Savezzo.“ +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ rief es hinter ihnen her, und wie +Frau Camuzzi sich umsah, machte auf der Bühne, als mittleres +Glied der Kette von Gefeierten, der Advokat Belotti seine +Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau Camuzzi +lächelte ihm heiter zu. +</p> + +<p> +„Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!“ +</p> + +<p> +„Bravo, Advokat!“ — und auf der Galerie hing alles in einem +Knäuel hoch über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf. +</p> + +<p> +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +„O Volk!“ murmelte er. +</p> + +<p> +„Weine nicht mehr, Cölestina“, sagte droben der Schuster +Dante Marinelli. „Sie konnten nicht länger leben; es ist +besser, daß der Piero ein Ende gemacht hat.“ +</p> + +<p> +„Aber ist nun etwa sie schuld?“ +</p> + +<p> +„Oder er? Es war ihr Schicksal.“ +</p> + +<p> +„Und was wird unseres sein, Dante?“ +</p> + +<p> +Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff +sie. Aneinander gedrängt, verschwanden sie darin. +</p> + +<p> +„Das Theater hat sich geleert“, sagte die alte Frau Mandolini. +„Wir können aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß +sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir sind auf dem Korridor, +hier kommt die Treppe.“ +</p> + +<p> +„Der Schluß war wirklich aufregend“, sagte die Haushälterin +und erwiderte über die Schulter die Blicke der Herren Polli +und Giocondi. +</p> + +<p> +„Er war mehr als aufregend“, sagte der Blinde. „Diese Vorgänge, +nicht wahr, Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als +eine Liebestragödie in unserm Dorf, unter unserm Fenster. +Warum? Was macht diese Dinge groß?“ +</p> + +<p> +„Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir +lieben! Denn es ist noch dasselbe, dem wir unsere Jugend +gegeben haben. Hast du gehört, wie sie jenen Unglücklichen +anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn, dem gelbbärtigen +Herrn?“ +</p> + +<p> +„Ein Zeichen also!“ rief der alte Literat. „Ein Zeichen für +das, was wir getan haben! Aber auch was wir taten, ist +nur ein Zeichen, denn immer aufs neue wird die Menschheit +Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich messen +müssen mit der Macht.“ +</p> + +<p> +„Wir werden zur Stelle sein.“ +</p> + +<p> +Der Alte warf den Kopf zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +„Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, +daß wir vergeblich gekämpft haben werden und daß das +Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem Tod?“ +</p> + +<p> +„Gleichviel,“ erwiderte seine Freundin, „wir werden kämpfen.“ +</p> + +<p> +Sie gelangten ins Freie. +</p> + +<p> +„Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die +Nina Zampieri nach Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch +heiraten, die liebe Kleine, damit sie ihrer armen Mutter nichts +mehr kostet.“ +</p> + +<p> +„Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?“ +</p> + +<p> +„Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, +daß ich kaum mehr sehe als du. Stütze dich um so fester auf +mich, Freund.“ +</p> + +<p> +„Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen“ — +und die Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden +Alten. „Nehmen Sie, Herr Ortensi!“ +</p> + +<p> +Und streng flüsternd: +</p> + +<p> +„Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen +Abend hast du dich nur um sie bekümmert.“ +</p> + +<p> +Die alte Frau lächelte barmherzig. +</p> + +<p> +„Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.“ +</p> + +<p> +Und sie stiegen langsam ins Dunkel. +</p> + +<p> +Der Tabakhändler rief plötzlich: +</p> + +<p> +„Wo ist Olindo?“ +</p> + +<p> +Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich +in der Treppengasse. +</p> + +<p> +„Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?“ +</p> + +<p> +Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: „Eh!“ +— und seine Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: +auch sie wußten wohl, was aus einem jungen Manne ward, +der zu solcher Stunde abhanden kam. +</p> + +<p> +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +„Wehe ihm, wenn er heimkommt!“ schloß Polli. +</p> + +<p> +Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, +und er zitterte. Dennoch war er, kaum daß die Seinen um +die Ecke bogen, in vier Sätzen wieder oben und drang ins +Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen Rampe der +Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte +unvermittelt in zwei Teile. +</p> + +<p> +„Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!“ riefen die Freunde +hinauf aus einem Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus +dem Dunst, den die Stadt hinterlassen hatte. +</p> + +<p> +„Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die ‚Arme Tonietta‘ +ohne uns, frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!“ +</p> + +<p> +Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür. +</p> + +<p> +„Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?“ +fragten die Freunde. „Ah! der Allebardi stößt so stark ins +Bombardon, daß ihm seine Tapeziererfedern herausfliegen +und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. Ah! die Klarinette +des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und +Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche +Fratze er schneidet! Ihr seid große Künstler!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte +den Kopf unter alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah +man ihn stehen und lächeln. +</p> + +<p> +„Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!“ +sagte der Tapezierer. +</p> + +<p> +„Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute“ — und der Kapellmeister +streifte die Hände nur und sah niemand an. +</p> + +<p> +„Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.“ +</p> + +<p> +Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens +und lief hinaus. +</p> + +<p> +„Wie?“ sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi +an, der die Faust auf ein Notenpult fallen ließ. +</p> + +<p> +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +„Er wird verrückt geworden sein“, meinte Blandini. „Den +ganzen Abend schien er mir seltsam.“ +</p> + +<p> +„Hat er nicht auch —?“ fragte Nonoggi und schien sich aus +der hohlen Hand etwas in den Mund zu gießen. +</p> + +<p> +Der Schneider fand Worte. +</p> + +<p> +„Ein böser Mann ist er!“ sagte er schwer. „Ich irrte mich, +als ich ihn für einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch +rechtzeitig gewarnt worden.“ +</p> + +<p> +„Hört den Schneider!“ rief Nonoggi. „Er versteht mehr als +der Maestro und wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen +lehren.“ +</p> + +<p> +„Ein böser Mann,“ wiederholte Chiaralunzi, „mein Tenorhornsolo +fand er nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda +hat er beleidigt, indem er ihre Arie nicht noch einmal gespielt +hat.“ +</p> + +<p> +„Sogar das Fräulein!“ höhnte der Barbier. „Ein Fräulein +zum Lachen. Es heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. +Nehmt sie doch mit, Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande +den Bauern aufspielt!“ +</p> + +<p> +Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen +aus, aber Nonoggi war entwischt. Er fand den Kapellmeister +draußen unter den Steineichen; er tänzelte mit ausgebreiteten +Armen auf ihn zu. +</p> + +<p> +„Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem +Schneider nicht möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht +verleumdet. Ihr sollt getrunken haben, Ihr sollt niemandem +etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst hält der +Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an +einem Baum. +</p> + +<p> +„Gut, mein Lieber“, sagte er und lachte sonderbar. „Alles +ist gut gegangen; ich bin zufrieden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +„Aber der Schneider —“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern +wegschickte. Wie er den Rücken von dem Stamm hob, schwankte +er deutlich. +</p> + +<p> +„Er hat also doch getrunken“, bemerkte der Barbier. „Ich +dachte es gar nicht.“ +</p> + +<p> +Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. +Er nahm drei der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne +Not über die Prellsteine. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte +er Atem, aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. +„Ich habe also ein Volk gesehen! Das Volk, für das der +Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. Ich wußte es, +wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine +Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche +Stimmen, wenn ich komponiere, mit dem blauen Wind durch +mein Zimmer streichen. Es erfindet für uns, dies Volk, es +fühlt und tönt in uns. In der Musik der ‚Armen Tonietta‘ hat +es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, sein +Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte +übertraf vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von +ihrer Akropolis in ein so gründereiches Land gesehen und +sahen es nie so voll Licht, noch so voll Schrecken. Ein verklärtes +Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der Leidenschaften; +der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in +die tönende Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten +waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da +waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander. +Und wir — und wir —“ +</p> + +<p> +„Ein Betrunkener?“ sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau +Camuzzi zu dem jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +„Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.“ +</p> + +<p> +„Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat +nichts hören; sie sind gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies +muß geheimbleiben, das Interesse einer unserer ersten Familien +verlangt es. Und handelte es sich um Alba allein: ich +bin ihre beste Freundin, — soweit man die Freundin einer +armen Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht +einmal vor ihr hat dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn +— wir dürfen nicht hoffen, uns zu irren — er hat sie verführt. +In diesem Augenblick und aufgeklärt durch Sie, Herr Savezzo, +weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in der +ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am +wenigsten ein fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor +her in die Stadt zurückkehrte.“ +</p> + +<p> +Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus: +</p> + +<p> +„Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah +ihm eine Nacht an, die —, genug: eine Nacht.“ +</p> + +<p> +„Was tut das mir“, sagte er zwischen den Zähnen. +</p> + +<p> +„Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß +Alba gerettet werden muß und daß Sie sie retten müssen?“ +</p> + +<p> +„Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.“ +</p> + +<p> +„O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, +ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich +für den armen Alten; und Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß +sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie handelte, wie sie handelte? +Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu beseitigen.“ +</p> + +<p> +Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und +sie flüsterte rasch: +</p> + +<p> +„O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.“ +</p> + +<p> +Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn +unter ihnen war der Advokat stehen geblieben. Er wandte +Brust und Handfläche seinem Gegner zu. +</p> + +<p> +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +„Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, — obwohl ich gewohnt +bin, daß Sie unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung +war also mittelmäßig und kleinstädtisch? Gut. Orchester +und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger teils zu +jung, teils zu alt? Gut. Und die ‚Arme Tonietta‘ des Maestro +Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse +die Welt unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik +und Operette? Auch das sei wahr. Aber nun +sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns nicht rühren, +der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der Fortschritt?“ +</p> + +<p> +Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat +die Antwort. Der andere feixte lautlos. +</p> + +<p> +„Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes +einzelner?“ +</p> + +<p> +Und der Advokat, nach Luft schnappend: +</p> + +<p> +„Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des +öffentlichen Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann +groß werden, ohne daß auch sein Land groß ward?“ +</p> + +<p> +Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der +Kapellmeister schob es mit der Hand fort, und er wiederholte +stürmisch: +</p> + +<p> +„Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen +dürfen, wie müssen wir es lieben! Wird es mein Werk als +das seine anerkennen? Von dort unten aus der dunklen Stadt +steigen Stimmen: ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ —. +Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen +sein? Werden sie mich groß nennen, — weil ich sie geliebt +habe? . . . Gott, mir schwindelt. Entschuldigen Sie, mein +Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie mir!“ +</p> + +<p> +„Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint +nicht vom Wein berauscht, sondern von seiner Musik, der +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +Arme. Sie aber, Herr Savezzo, haben weniger Mut, als ich +dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten Zweckes +willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung +beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, +sei der Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen +Mann von so viel Geist, solchem rohen Menschen den Arm +zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß Sie es +waren; — und inzwischen hat der Verführer eine Warnung +erhalten: o, nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, +— aber doch genug, um ihn im Augenblick unschädlich +zu machen und ihm für später die Lust zu nehmen nach den +Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine +Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.“ +</p> + +<p> +Er lachte hart. +</p> + +<p> +„Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung +verlange ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, +von Ihnen.“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi seufzte. +</p> + +<p> +„Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen +Charakter Sie haben. Wenn Alba denn nicht dem +himmlischen Gatten gehören soll, ist es immer noch besser, +sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins Elend +führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, +wie Sie für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr +gegen ihren Liebhaber Haß machen und sie in die Arme dessen +treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen Sie auf mich! . . . +Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von +Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.“ +</p> + +<p> +„Es tut nichts“, schrie der Advokat. „Sie dürfen zuhören, +Maestro. Wir haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine +kleine Abrechnung, die ich mit Freund Camuzzi halte. Denn, +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir werden finden, +daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein +dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, +als gegen Sie und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung +der Vizinalwege gesträubt und wer sie durchgesetzt? +Wer hat den armen Frauen ihr wohlverdientes Waschhaus +vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen verschafft? An +die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das +Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie +dafür, daß irgend etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, +Herr Camuzzi, der Geist der Verneinung selbst sind, und ich, +der Advokat Belotti, der Genius der Tat!“ +</p> + +<p> +„Aber mein Mann“, sagte droben Frau Camuzzi, „trägt einen +besser gemachten Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat +etwas sehr Vulgäres hat?“ +</p> + +<p> +Savezzo erwiderte: +</p> + +<p> +„Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch +gezählt haben,“ — und er verschränkte die Arme; sie sah +seine Muskeln anschwellen — „dann würde ich freilich machen, +daß der Komödiant alles ausplaudert, was er von den Damen +der Stadt weiß.“ +</p> + +<p> +Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes +sie mit dem Fächer spielte. +</p> + +<p> +„Und auch von den Männern?“ fragte sie sanft. Dann erhob +sie mit einem offenen Lächeln den Kopf. +</p> + +<p> +„Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals +mißverstehen, können wir sehr stark sein. Wer weiß, +was aus uns geworden wäre, aus einem Manne von so +großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen +Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer +großen Stadt —“ +</p> + +<p> +Er fiel ein: +</p> + +<p> +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +„— unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden +Spiel von Interessen und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? +Sie treiben vom Grunde meines Daseins mit einem Hebeldruck +alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein Politiker, +der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger +Damen, ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen +spricht. Zu allem fühle ich mich berufen. Hier gehört man +keiner der herrschenden Familien an, und damit ist man +abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der hervorragt.“ +</p> + +<p> +„Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und +bleibt. Hier muß man heucheln: heucheln um sein Vergnügen, +heucheln um seinen Schmerz.“ +</p> + +<p> +„Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns +heute abend gegeneinander so offen macht?“ +</p> + +<p> +„Oder“, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die +Lider zu, damit die Träne nicht hinausrinne, „ist nicht nur +der Maestro durch jene Musik in Aufruhr gebracht?“ +</p> + +<p> +Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten +fuchtelte der Advokat. +</p> + +<p> +„Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, +wenn ich nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht +mußte Ihr Widerspruch meinen schöpferischen Drang anstacheln, +damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege und Licht +entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der +greise Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt —. +Sie verziehen das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti +wird dennoch zurücktreten, und kann sein, daß das Volk +mir selbst die Ehre erweist, mich als seinen Deputierten in die +Hauptstadt zu schicken —: dann, so denke ich mir, wäre es gut, +wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; +denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +Worten, sagen Sie? Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung +ist, sonst wären Sie heute abend begeistert!“ +</p> + +<p> +Er streckte den Ankommenden die Hände hin. +</p> + +<p> +„Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, +und das lehrt uns die Musik des Maestro Viviani!“ +</p> + +<p> +„Eine Frau kann nicht handeln,“ sagte sie; „und daß ich bei +den Komödianten war, werde ich morgen dem Don Taddeo +beichten müssen. Inzwischen werden die Gewissensbisse mich +nicht schlafen lassen.“ +</p> + +<p> +„Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde“, sagte Camuzzi. +</p> + +<p> +„Und der Maestro?“ rief der Advokat die Gasse hinauf. „Wir +haben ihn verloren?“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, +noch einmal in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, +das ihm voll lauschender Atemzüge schien. +</p> + +<p> +„Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher +werden und einander lieben. Ein Mädchen, das meine +Arie aus einem Fenster singt! Ein Junge, der mit seinem +Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem eine +Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich +nicht sein wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in +allen Händen ist? — und dessen Bild ein Sinnbild des ganzen +Volkes ist!“ +</p> + +<p> +Er lief die Treppe zu Ende. +</p> + +<p> +„Da wären wir alle beisammen,“ bemerkte der Advokat; +„und wenn unser Theater auch nicht sehr zentral liegt, +— der Bau eines neuen städtischen Theaters hier im Mittelpunkt +wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine +unserer nächsten Aufgaben sein —: so verschafft uns das +doch einen Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm +war.“ +</p> + +<p> +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +„Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art“, erwiderte +Frau Camuzzi. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür +trennte man sich. Wie der Advokat mit Savezzo und dem +Kapellmeister zu der bewegten Versammlung beim Café +„zum Fortschritt“ stoßen wollte, sah er aus der Treppengasse +Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte +ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen +Komplimenten zuvor. +</p> + +<p> +„Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen +kann, Sie wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? +Sie haben sie noch nicht geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, +gleich all dem Volk hier?“ +</p> + +<p> +Da er stammelte: +</p> + +<p> +„Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so +hochgestellt, daß Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort +zu behaupten . . . Treten wir unter die Rathausbogen: es +ist schattig darin, und ich hasse das Girren dieser Geputzten, +ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was Sie +schreiben werden!“ +</p> + +<p> +Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines +Kabinetts darauf vorbereiten: +</p> + +<p> +„Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. +Er ist berühmt; seine Kunst ist zweifellos die größte und seine +Stimme die glänzendste. Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! +Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, daß er sich seit +zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.“ +</p> + +<p> +„Dieses Lob erregt nirgends Neugier“, dachte sie und streifte +mit einem feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend +die Lippen bewegte, als lernte er ihre Worte auswendig. +</p> + +<p> +„Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +das Publikum, geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung +ihrer beiden Arien nicht einmal bemerkt hat. Der arme +Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre Leser als Menschen +zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des Singens +nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der +Maestro —“ +</p> + +<p> +„Ich erwähne ihn gar nicht“ — und der Advokat spreizte +voll Eifer die Hand. Er dachte: „Sie wird mich nicht umsonst +bis hierher geführt haben: ich wußte es“ — und er trat ihr +voran in den ganz dunkeln Hof des Rathauses. +</p> + +<p> +Die Primadonna sagte: +</p> + +<p> +„Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an +regelmäßiger Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend +gut gewesen, so daß das Publikum nicht nur aus +Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der Hauptdarsteller zustimmte, +die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in +ihrer Mitte sehen wollten.“ +</p> + +<p> +„Aber das ist ja beinahe gerecht!“ rief der Advokat. „Ich bewundere +Sie immer mehr. Und von Ihnen selbst —“ +</p> + +<p> +„O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!“ +</p> + +<p> +„Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der +vorläufig nur erst über den Dächern unserer kleinen Stadt +leuchtet. Bald aber geht er über denen der Hauptstadt auf, +ja über denen von Paris, London und New York!“ +</p> + +<p> +„Sie haben Talent, Advokat.“ +</p> + +<p> +„Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie +nicht zu rasch zu verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans +Licht.“ +</p> + +<p> +Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich +einen zurück. +</p> + +<p> +„Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich +Ihnen nicht zu danken. Männer wie Sie wären beleidigt, +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +wenn man täte, als erwiesen sie Gunst, wo sie nur gerecht +sind.“ +</p> + +<p> +„Wie wir uns verstehen!“ — und heftig schnaufend trat er +noch einmal vor. Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer +berührte. Links und rechts hatte sie seine gerundeten Arme. +Ihre Hände staken in den Taschen ihres Staubmantels, die +Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; — aber mit +ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm: +</p> + +<p> +„So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, +Sie seien wie die andern Mächtigen, die sich von der Frau +für das belohnen lassen, was sie für die Künstlerin tun. Wissen +Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und die ungeheuren +Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, +Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die +ihresgleichen ist, auch sich gedemütigt fühlen.“ +</p> + +<p> +„Wie wahr!“ sagte er erstickt, „das ist meine Art zu denken; +Sie lehren sie mich erst richtig kennen.“ +</p> + +<p> +„Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen +Sie diese Hand, mein Freund!“ +</p> + +<p> +Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er +gedrückt hatte. +</p> + +<p> +„Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, +und ich darf behaupten, daß ich sie verdiene.“ +</p> + +<p> +Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich +wieder hinunter. +</p> + +<p> +„Sie tun mir weh, Herr Advokat.“ +</p> + +<p> +„O Verzeihung!“ — und er sank tief zusammen, um ihre +Fingerspitzen zu küssen. Darauf trat er mit einer großen +Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, den Kopf schief, mit +einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil. +</p> + +<p> +„Eine so große Künstlerin“, murmelte er unter dem Schauer, +womit seine eigene Ritterlichkeit ihn überzog. +</p> + +<p> +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +„Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig“, sagte +Flora Garlinda und gelangte mit einem letzten, rascheren +Schritt über die Schwelle. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Da sind sie,“ sagte Nello Gennari, „ich will sie holen.“ +</p> + +<p> +Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem +Umwege um mehrere Gruppen mit der Primadonna und +ihrem Begleiter zusammenzutreffen, verfehlte sie aber und +schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof. +</p> + +<p> +„Würde man glauben,“ — und der Apotheker Acquistapace +lächelte, vor Bewunderung starr, in die Runde, „daß dort +eine so große Künstlerin kommt?“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe: +</p> + +<p> +„Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.“ +</p> + +<p> +„Sie hat eine schöne Hand“, meinte der junge Savezzo und +zeigte die eigene umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. +Italia erklärte rasch noch: +</p> + +<p> +„Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird +jede Hand schön.“ +</p> + +<p> +Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der +andern Seite traf Camuzzi ein, schlank und elegant in einem +neuen Herbstmantel mit enger Taille. Savezzo musterte ihn +mit düster leidender Miene und sagte dem Sekretär voraus, +daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat lobte +vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu +verdienen gebe. Polli stellte fest: +</p> + +<p> +„Tatsache ist, daß wir alle — kurz, wir haben uns verändert. +Entweder irre ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat —“ +und er nickte nach dem Nebentisch, wo Galileo Belotti und der +Baron Torroni mit den Pächtern eine lärmende Unterhaltung +führten: „ja doch, er hat eine andere als seine Arbeitshose an.“ +</p> + +<p> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +„Und was die Frauen betrifft“, begann der Leutnant Cantinelli. +Der Advokat unterbrach ihn: +</p> + +<p> +„Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil +wir durch unser Theater endlich ein wenig Bewegung in die +Stadt bekommen haben. Daher Ihr neuer Mantel, Herr +Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen; daher +die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!“ +</p> + +<p> +Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, +vollen und schwatzenden Platz damit umfangen. +</p> + +<p> +„Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!“ rief der Apotheker. +</p> + +<p> +„Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,“ begann der Leutnant +wieder, „daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und +darum nicht schön seien.“ +</p> + +<p> +Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm +am besten angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der +Mauer, fragte Flora Garlinda den Kapellmeister: +</p> + +<p> +„Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die +‚Glocke des Volkes‘ verbreiten wird? Denn Sie haben es +so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen wir andern heute +abend ganz verschwanden.“ +</p> + +<p> +Und er, mit weichem Lächeln: +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen +Willen weh getan habe. Ich weiß nicht, was andere +denken, was andere fühlen: für mich hat es heute nur eine +gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora +Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit +zu sagen . . .“ +</p> + +<p> +Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten +Gesicht. Sie musterte ihn kalt. +</p> + +<p> +„Es war ein großer Abend“, stammelte er. „Vielleicht waren +wir alle nur dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch +ich habe gelebt heute abend, und ich danke allen dafür —“ +</p> + +<p> +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +Mit einer zitternden Geste: +</p> + +<p> +„Allen.“ +</p> + +<p> +Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg. +</p> + +<p> +„Auch noch danken“, murmelte sie. „Ich hasse alle, weil ich +sie nicht einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich — +liebe sie. Vielleicht möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran +ersticken. Danken? Bilden Sie sich ein, daß, was geschieht, +um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, wie alles böse +und gefährlich ist?“ +</p> + +<p> +Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken. +</p> + +<p> +„Den schönsten Hut“ — und der Advokat verbeugte sich mit +Wucht nach dem Tisch zur Linken, „ah! nur Frau Aida Paradisi +hat ihn.“ +</p> + +<p> +Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen +Spitzenwolke hervor, die über dem Haupte der Mutter +schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede zeigte sich +darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die +Tische zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten +die Damen nach dem Tenor Nello Gennari. Man suchte ihn +vergeblich. +</p> + +<p> +„Aber ist es zu glauben,“ sagte der Advokat, „daß dort hinten +eine Nonne umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese +heiligen Unterröcke unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen +Behörde einen Wink geben?“ +</p> + +<p> +„Er ist so zart, der arme junge Mensch“ — Mama Paradisi +wand sich nach allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten +Fall zu geben. „Sein Unwohlsein von vorhin wird +er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch die Nachtluft +nicht.“ +</p> + +<p> +Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den +Zipfel einer weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des +Bogenganges hervorhuschte und wieder darin verschwand. +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr vorüberlief, hielt Savezzo +ihn an. +</p> + +<p> +„Alfò,“ raunte er, „man nimmt dir die Alba weg.“ +</p> + +<p> +Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich. +</p> + +<p> +„Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.“ +</p> + +<p> +„Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?“ +</p> + +<p> +„Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier +vorüberzugehen und mich anzusehen.“ +</p> + +<p> +„Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.“ +</p> + +<p> +„Sie kommt nicht mehr,“ — und die Augen des jungen +Mannes strahlten vor Eitelkeit — „weil sie mit mir schmollt; +denn das letztemal habe ich versäumt, sie anzusehen, weil ich +den Wein aufwischte, den der Schlächter Cimabue verschüttet +hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und heirate +sie, sie mag ruhig sein.“ +</p> + +<p> +„Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der +Komödianten, jener Tenor, der sie dir verführt.“ +</p> + +<p> +Alfò schüttelte glucksend den Kopf. +</p> + +<p> +„Du glaubst mir nicht?“ sagte der Savezzo. „Ich habe es gesehen. +Der Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil +er alle Nächte, verstehst du, dort draußen verbringt.“ +</p> + +<p> +Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich +fletschte er die Zähne. +</p> + +<p> +„Wo ist der Komödiant?“ — und er griff unter schnarchenden +Lauten in die Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die +Hand heraus. +</p> + +<p> +„Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn +ich will nicht, daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich +irren. Vielleicht hat er sie noch nicht verführt, deine Alba. +Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, ich werde dir die beiden +zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu sein.“ +</p> + +<p> +Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich. +</p> + +<p> +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +„Wie sie mich liebt, die Alba!“ +</p> + +<p> +Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien +in den Händen des Gevatters Achille ein Tablett mit drei +Flaschen Asti. Unbemerkt hatte der Apotheker sie bestellt. Der +Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken und erklärte: +</p> + +<p> +„Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es +gut, wir trinken ihn jetzt.“ +</p> + +<p> +„Welch glänzendes Leben wir führen!“ rief der Advokat. +„Wer das alles noch vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf +taghell erleuchtetem Platz stoßen wir mit schönen, prachtvoll +geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt sich eine +Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. +Unsere alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt +durch die Wogen des Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst +heftig in den Adern unserer Stadt; und wehe dem —“ +</p> + +<p> +Er stieß den Arm nach dem Dom aus. +</p> + +<p> +„— der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.“ +</p> + +<p> +Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, +daß Don Taddeo den Eimer werde herausgeben +müssen. Camuzzi allein äußerte Zweifel. Der Mittelstand sei +unzufrieden, er drohe die Reihen der klerikalen Opposition zu +verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, setzte der Sekretär +hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der +Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna. +</p> + +<p> +„Es lebe die ‚Arme Tonietta‘! Ich glaubte immer, solch einen +Tag würde ich nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie +zu Zeiten Garibaldis. Der Advokat hat recht: wir sind hier +in einer kleinen Stadt, aber was für große Dinge erleben +wir!“ +</p> + +<p> +Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan +zu. Galileo Belotti und der Baron Torroni kamen mit ihren +Gläsern und forderten die Damen auf, auch ihnen und ihrer +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia war eben +dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die +Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, +am Arm. Sie folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte +sie mit den Augen den Apotheker, der sich rötete. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken +der Cavaliere Giordano mit hängender Lippe und Falten auf +der Brust teilnahmslos hinausstarrte. Er mußte den Alten +anstoßen, damit er aufhorchte. +</p> + +<p> +„Ihre Leistung war schön, Cavaliere,“ sagte er warm; „sie +war ergreifend: ich danke Ihnen.“ +</p> + +<p> +Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln +die Hand. +</p> + +<p> +„Ich hätte es nicht tun sollen“, sagte er. +</p> + +<p> +„Aber Sie sind ein großer Künstler!“ sagte der Kapellmeister +erschreckend. „Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht +ganz auf Ihrer gewohnten Höhe fühlen —“ +</p> + +<p> +Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm. +</p> + +<p> +„Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid +mit mir. Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde +in Unwissenheit darüber bin, wie es mit mir steht! Morgen +werde ich zweifellos mich dieser Worte nicht mehr erinnern +und wieder auftreten. Was kann man tun.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. +Der Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; +dann griff er nach seinem Glas. Als es leer war, richtete er +sich auf und lachte gewaltsam. +</p> + +<p> +„Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, +und sie hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat +man schlechte Abende, und ich hatte sie schon vor dreißig +Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn man sich eine +Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, +daß ich noch heute einem Jüngeren gefährlich werden +könnte. Sie machen große Augen, Maestro: Sie haben Grund +dazu.“ +</p> + +<p> +„Was für eine Frechheit!“ schrie der Apotheker mit einem +mächtigen Schlag zwischen die Gläser. „Dieser Bauernlümmel +untersteht sich, das Fräulein Italia auf den Hals zu küssen!“ +</p> + +<p> +„Was denn, Bauernlümmel!“ keifte Galileo Belotti und trat +ihm watschelnd entgegen. „Versteht sich, wir sind weder Gecken +noch Schwätzer, aber wir haben Fäuste, wir!“ +</p> + +<p> +Seine ländlichen Freunde bestätigten dies. +</p> + +<p> +„Wir werden sehen!“ rief der Apotheker und stapfte auf seinem +Holzbein der feindlichen Schlachtreihe entgegen . . . +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano kicherte. +</p> + +<p> +„Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin +ihr in diesen Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher —. +Sie hat mir gestanden, daß Sie sie vernachlässigen, und versteht +sich, daß ich mich daran gemacht habe, sie zu trösten. +Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die Liebe zu +mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi —“ +</p> + +<p> +Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo +Belotti kugelte sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. +Die Pächter drangen auf den alten Krieger ein. Er brüllte, +während er um sich stieß, vor Wut, denn einer von ihnen lud +dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! Der +Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie +gehöre ihm, er sei ein Herr. +</p> + +<p> +„Was denn Herr“, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen +der Kämpfenden hervor. +</p> + +<p> +„Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der ‚Armen +Tonietta‘!“ keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +hatten die Arme in der Luft und feuerten den Apotheker +an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren Töchtern; +der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; +in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger +zurück; die streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, +ohne Zahlung zu verschwinden; — da ging, festen Schrittes +und eine Hand in der Hosentasche, der Bariton Gaddi auf +die beiden Bewerber Italias los, stieß den Edelmann und +den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen +fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne +sich umzusehen, Italia, die in die Hände weinte, durch die +Gasse der Hühnerlucia von dannen. +</p> + +<p> +„Lassen Sie doch jene Leute!“ — und der Cavaliere Giordano +stieß den Kapellmeister an. „Unsere Angelegenheit ist wichtiger. +Die Kleine würde mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi —“ +</p> + +<p> +Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament +seiner Wangen drang ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, +wie frisch geschminkt. +</p> + +<p> +„— wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie — frei ist, daß sie +sich ohne Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben +darf.“ +</p> + +<p> +Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die +Lider nicht aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der +Kapellmeister auf, drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, +die Hand und entfernte sich schnell. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Welch häßlicher Zwischenfall,“ sagte der Advokat Belotti; +„wir werden uns hüten, der ‚Glocke des Volkes‘ darüber zu berichten. +Solche Dinge, sagen wir nur die Wahrheit! — können +in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es immer noch schlecht +erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner eigenen +Familie —“ +</p> + +<p> +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +„Ich habe so gut gelacht,“ sagte Flora Garlinda; „es war so +unterhaltend.“ +</p> + +<p> +„Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!“ +</p> + +<p> +Sie warf die Lippe auf. +</p> + +<p> +„Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht +darum Achtung, weil ich eine Frau bin, und ich hasse die +Weiber.“ +</p> + +<p> +„Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!“ +</p> + +<p> +„Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es +gewesen wäre! Wozu nützen alle diese Leute! Was können +sie? Sie hätten einander einmal stechen sollen, das wäre das +beste gewesen, was sie je getan hätten.“ +</p> + +<p> +Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn +Giocondi trugen entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften +alle drei sich zurecht, griffen nach den Gläsern und stießen +sie auf dem Tisch zusammen. +</p> + +<p> +„Auf die Gesundheit!“ sagten sie kräftig. +</p> + +<p> +Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; — und plötzlich, +wie aus dem Schatten geboren, stand auf dem leeren +Platz inmitten des seltsam scharfen Geplätschers vom Brunnen +ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen Verbeugung +seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere +Giordano — und dann noch einmal vor Flora Garlinda. +In einem wankenden Tänzeln näherte er sich; sein winziges +Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen Augen +versuchten eine stumpfe Schelmerei; — und wie er beim Tisch +anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne +daß ein Laut entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das +Gesicht zu verschlingen schien. Der Advokat bemerkte, wie +die Primadonna zurückschrak, und wendete sich um. +</p> + +<p> +„Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +Verrückter, seit dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini +in Villascura. Man hat nie erfahren, wie er zu uns geraten +ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, Brabrà! Denn +Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je +von sich gibt. Sage Brabrà!“ +</p> + +<p> +Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe +Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie +von einem Kinde, das schwärmt und singen möchte. +</p> + +<p> +„Was fällt ihm ein“, sagte der Advokat. „So hat er noch nie +getan. Was will er?“ +</p> + +<p> +„Auch ich —“ sagte eine erloschene Stimme; und der kleine +Greis tastete sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen +Hautringen, über Brust und Hals. „Auch ich —“ +</p> + +<p> +Polli vermutete: +</p> + +<p> +„Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.“ +</p> + +<p> +„Ah!“ machte der Advokat; und in der Erinnerung an das +Benehmen des Verrückten, der die Huldigung der Menge von +ihm abgelenkt und, als parodierte er ihn, das Volk gegrüßt +hatte, ließ er ihn streng an: +</p> + +<p> +„Was tatest du im Theater, Brabrà?“ +</p> + +<p> +„Theater!“ — und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern +am Hals: „Auch ich . . . Theater . . .“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano erkannte: +</p> + +<p> +„Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt +hat. Wie hießest du denn damals, mein Freund?“ +fragte er mit Wohlwollen und großer Überlegenheit. Der +Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und alle seine +Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, +sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf +einmal öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg +eine schwache Flamme, und der Mund kam herauf, um zu +sagen: +</p> + +<p> +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +„Der Montereali.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück. +</p> + +<p> +„Der Montereali — es ist lange, daß ich den Namen nicht +mehr gehört habe. Der Montereali“, erklärte er dem Advokaten, +„war, als ich anfing, nicht mehr auf der Höhe, aber +man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit mehr als +dreißig Jahren ist er tot.“ +</p> + +<p> +„Der Montereali“, wiederholte der Uralte und deutete sich +zitternd auf die Brust. +</p> + +<p> +„Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!“ bemerkte der +Advokat. Der Herr Giocondi sagte: +</p> + +<p> +„Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!“ +</p> + +<p> +Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere +Giordano legte die Hand ans Ohr. +</p> + +<p> +„Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich — vielleicht — gekannt +habe. Welche Oper war doch das? Welche — Oper —“ +</p> + +<p> +Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle +fuhren herum: sie lag mit den Armen auf dem Tisch und +schrie gellend. Ihr schmaler Körper ward geschüttelt, aus dem +bläulichen Gesicht traten die Adern. Man versuchte umsonst, +ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr Blick, +voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die +Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die +Stirne trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der +Schneider Chiaralunzi. +</p> + +<p> +„Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen“, sagte er. „Wo +ist denn das Fräulein Flora Gar —“ +</p> + +<p> +Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine +großen Hände schlotterten. +</p> + +<p> +„Ich habe ihre Stimme nicht erkannt“, sagte er. „Wie ist +das möglich?“ +</p> + +<p> +Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +sich von ihm aufheben; er führte und trug sie, und dabei +wiederholte er: +</p> + +<p> +„Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.“ +</p> + +<p> +Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an. +</p> + +<p> +„Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen +in bester Laune, und dann auf einmal machen sie solche +Sachen . . . Es wird vielleicht besser sein, nicht darüber zu +reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn man +dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt +hat . . . Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend +gehabt . . . Freund Acquistapace ist längst bei seiner Frau: +er wird seine schwere Stunde überstanden haben . . . Gute +Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es ist ein Uhr. Ah! +wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.“ +</p> + +<p> +Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen +Uralten gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes +sein Grüßen und Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber +bestimmt: +</p> + +<p> +„Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit +aussuchen, die den Leuten weniger auf die Nerven geht. +Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt sich regeln und organisieren. +Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an ein +schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß +du verrückt bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht +das Recht, ein schlechter Bürger zu sein.“ +</p> + +<p> +Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor +der Advokat die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte +auch ihn in die Gasse der Hühnerlucia. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere +Giordano am vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen +und ihn um Verzeihung zu bitten, wenn er jetzt sein Lokal +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem tiefsten +Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein +halboffener Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann +sich zu senken. Aber dahinten aus der Nacht des Rathaushofes +kam ein Schritt: — und der Laden am Hause Mancafede +blieb stehen. +</p> + +<p> +Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen +an: da flüsterte etwas Weißes, das fortflatterte: +</p> + +<p> +„Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und —“ +</p> + +<p> +Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach +ihm um, sie lief noch einmal ganz nahe vorüber. +</p> + +<p> +„— und singen. Man wird Euch hören.“ +</p> + +<p> +„Die Äbtissin?“ fragte er und langte nach der Erscheinung. +Aber sie flog schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, +die Arme erhoben. Die Füße schienen ihm in Erde +einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel folgen! +Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die +Zähne klapperten ihm, er dachte wirr: „Alba ist gekommen, +sie wartet auf mich. Werde ich sterben müssen, wenn ich +singe: ‚Die kostbare Nacht‘? Sie kostet vielleicht das Leben, +die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie immer +du entscheidest: Alba, ich bin dein!“ +</p> + +<p> +Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. +Er sah sich auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die +Nonne war fort. „Habe ich geträumt? Wie sollte zu dieser +Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? Jemand +verhöhnt mich.“ Da drückte er die Augen zu und +stürzte hinein. +</p> + +<p> +Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in +Laternen an den Kulissen sandten eine schwachrote Bahn +zwischen den getürmten Schatten von Saal und Bühne, die +Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte +sich ganz. Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er +zügelte ihn, um hervorzubringen: +</p> + +<p> +„Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, +die kostbare Nacht!“ +</p> + +<p> +Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor +der Rampe und erhob, die Handflächen hingewendet wie ein +zum Sterben Bereiteter, den Blick. Das Dunkel droben war +undurchdringlich. Zwischen ihren beiden schlanken Säulchen +deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer als +alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel +voll Grauen und voll Entzücken. +</p> + +<p> +Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: „Die +kostbare Nacht“; und wie er die letzte Note aushielt, fühlte +er eine Hand an der Kehle. Sie würgte ihn, weich und stark. +„Die Äbtissin“, dachte er und schloß die Augen. „Sie ist es, +ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?“ Als er aber +die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis +zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. „Das +ist das Glück: jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!“ — und +Nello sank auf die Knie. +</p> + +<p> +Kniend sang er: „Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus +heißt uns blühen!“ — und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, +wie die unerschöpflichen Fluten des Glücks. Das +Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner Partnerin. „Ihre +Stimme! Ihre Stimme!“ Da fielen auf seine Hände Blumen. +Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte +hinaus und erreichte die Treppe früh genug, um sie zu versperren. +Leichte Schritte liefen ganz oben ein paar Stufen +herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher. Um +eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers +erkannte er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +wo eine lange Galerie in Schatten zusammenfiel, spreizte +eine unsicher schimmernde Hand sich beschwörend rückwärts. +Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf sich, +zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles +Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene +Bilder und ein weißes Profil, das dahingleitend +in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß. Den Augen +des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die +nicht, die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster +aufriß. Er blieb stehen, er erhob langsam die gefalteten +Hände. Seine Augen, die sich entschleierten, trafen den +Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber, schwiegen +sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die Gitterschranke +des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der +Umriß ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser +rauschte, vom Felsen hinter ihr, in große Tiefe. +</p> + +<p> +Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, +da sagte Alba: +</p> + +<p> +„Du hast geweint.“ +</p> + +<p> +„Denn ich mußte dich ängstigen“, sagte Nello. „Aber wenn +ich jetzt nicht bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was +das heißt?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß alles.“ +</p> + +<p> +„Alba!“ +</p> + +<p> +Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit +draußen, sie rief: +</p> + +<p> +„Rühre mich nicht an!“ +</p> + +<p> +Schaudernde Stille; — und dann, unmerklich zuerst, sank sie +nach vorn, seinen Armen entgegen. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +IV +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span>s schlug vier. +</p> + +<p> +„Wir müssen fort“, sagte Alba. „Zwei Stunden noch, +und wir kommen nicht mehr ungesehen über den Platz.“ +</p> + +<p> +„Zwei Stunden noch“, sagte Nello. „Bleibe doch, bleibe! +Du hast mich so lange warten lassen auf diese Stunde.“ +</p> + +<p> +Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte: +</p> + +<p> +„Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.“ +</p> + +<p> +„Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!“ +</p> + +<p> +Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn. +</p> + +<p> +„O Nello, du liebst mich nicht!“ +</p> + +<p> +Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete: +</p> + +<p> +„Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns +zeigen.“ +</p> + +<p> +„Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? +Wir wären so glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, +ich verspreche es dir.“ +</p> + +<p> +„Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen +wir durch das Kloster und den Berg hinab nach Villascura. +Komm, deine Hand, mein Geliebter!“ +</p> + +<p> +Am Tor des Klosters: +</p> + +<p> +„Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es +Amica sein? Amica ist die Tochter unseres Gärtners, sie war +zu Hause meine Dienerin und sollte es nun hier sein.“ +</p> + +<p> +Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder. +</p> + +<p> +„Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica +sich fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. +Wird heute die Pförtnerin Amica sein?“ +</p> + +<p> +Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck: +</p> + +<p> +„Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick +sein, das unser Glück endet.“ +</p> + +<p> +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +„Rasch durch den Garten!“ flüsterte Alba. „Wenn man hier +einen Mann sähe — und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang +schützt uns . . . Jetzt hinab. O fürchte nicht für mich! Es sieht +steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß Stufen, und vielleicht +weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die Stufen +sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, +aber ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!“ +</p> + +<p> +„Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, +aber meine Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer +Höhle aus großen Steinen. Willst du nicht rasten? Dein +Mund, meine Geliebte!“ +</p> + +<p> +„Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? +Wirst du entkommen? . . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. +Die Tür auf der Terrasse steht offen. Jetzt soll es also +sein?“ +</p> + +<p> +„Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht +mehr sehe, deine Augen, Alba!“ +</p> + +<p> +„Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes +Gebüsch verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine +Bank dort.“ +</p> + +<p> +Auf seiner Brust: +</p> + +<p> +„Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser +Stelle vor den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich +holen wollten. Ich fühlte mich von ihnen verschieden. Wenn +sie später vom Heiraten sprachen, dachte ich: ‚Mein Gatte +wird also größer sein, als die euren alle‘ . . . Nun gehöre ich +dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer, +als wenn ich Christus gehörte.“ +</p> + +<p> +„Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie +alle. Wir sind so viele in Verona, die das Singen lernen und +durch das Land ziehen. Ich bin arm. Glücklich war ich, wenn +ich vier Monate im Jahr singen durfte für wenig Geld. Die +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +übrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben vergehen. +Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!“ +</p> + +<p> +Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr +bleiches Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn +in gerade Schatten gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des +Auges geschliffen wie einen Dolch. +</p> + +<p> +„Wirst du mich immer lieben?“ fragte sie und sah ihn an. Er +drückte die Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und +schüttelte heftig den Kopf. +</p> + +<p> +„Immer.“ +</p> + +<p> +„Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!“ +</p> + +<p> +„Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner +andern Frau, ich werde von keiner wissen. Alba, wie ich +dich liebe!“ +</p> + +<p> +„Nello, wie ich leide!“ +</p> + +<p> +„Auch du?“ +</p> + +<p> +„Und wie wir glücklich sind!“ +</p> + +<p> +Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines +jeden gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, +aus tödlich gespannten Gesichtern, leise keuchend in die +halboffenen Münder. +</p> + +<p> +„Um Vergebung!“ wisperte es; und immer durchdringender: +</p> + +<p> +„Um Vergebung!“ +</p> + +<p> +Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse +tanzte der Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter +schwindelnden Grimassen ans Herz, auf die Lippen und wieder +aufs Herz. +</p> + +<p> +„Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht +habe, die Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. +Meine Absichten sind die redlichsten, und niemand kann schweigen +wie ich. Sogleich aber wird der Advokat Belotti hier sein, +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +und Sie wissen wohl, daß er das böseste Klatschmaul der +Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang, +nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem +Rat, — und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: +ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer . . .“ +</p> + +<p> +Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, +um den Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu +finden, wo der Wasserfall vorbeischnellte. Sie liefen hinab: +unversehens war der Berg nach innen gekrümmt; Steine +rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es. Sie +wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden +Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der +ebenen Erde her: +</p> + +<p> +„Vorsicht! Wir sind nicht allein.“ +</p> + +<p> +Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er +rundete die Hände um den Mund. +</p> + +<p> +„Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; +aber das Unglück will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe +ist, der die böseste Zunge von allen hat. Fliehen Sie!“ +</p> + +<p> +Da sie regungslos hinuntersahen: +</p> + +<p> +„Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie +gewöhnlich, der Eier wegen da, und zum Beweise kann ich +Ihnen sagen, daß sie heute um zwei Soldi teurer sind.“ +</p> + +<p> +Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln. +</p> + +<p> +Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der +Busch vor ihnen ward von steiniger Erde hinuntergerissen. +</p> + +<p> +„Halten Sie sich an jener Pinie!“ rief der Advokat. Aber +sie griffen nicht um sich: sie faßten nur nach einander. Die +Arme einer um des andern Schulter, stürzten sie. +</p> + +<p> +Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von +ihm herab; dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +Droben über dem Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen +Arbeiter und bogen sich vor Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte +der Advokat Belotti breitbeinig hintenüber und schmunzelte +fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem Munde, +davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten +sie einander ernst, auf den Weg hinab. +</p> + +<p> +„Der Herr Nardini kommt“, zischelte der Advokat, — und sie +flüchteten das Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe +des Gartens und das Dunkel des Zypressenganges. Auf +einer begrünten Bank sanken sie einander an die Brust. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele +Schläge?“ fragte Alba. „Ich hörte sie wohl, aber mir +war, es sei nicht wirklich und es gelte nicht. Nun werde +ich gehen müssen.“ +</p> + +<p> +„. . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der +Großvater wird mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, +tritt in die große Brunnennische an der Bergwand. Der +Knabe und das Mädchen auf dem Brunnenrand blasen einander +nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie werden +dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen +in der Nische stehst.“ +</p> + +<p> +„Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn +Schritte durch den Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren +es deine!“ +</p> + +<p> +„Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich +meine Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.“ +</p> + +<p> +Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen. +</p> + +<p> +„Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot +wie Kupfer. Jetzt ist es ganz schwarz.“ +</p> + +<p> +„Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner +wäre?“ +</p> + +<p> +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +„Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.“ +</p> + +<p> +Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. +Sie riß sich los; er entwich in den Schatten. +</p> + +<p> +Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er +stürmte ihr entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden +Lächeln; und um ihn aufzufangen, knickte sie ein wenig +ins Knie und schnellte wieder auf, wie beim Kommen und +beim Sturz einer großen Welle. +</p> + +<p> +„Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir +sind allein und frei. Begreifst du es? Begreifst du es?“ +</p> + +<p> +„Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen +setzen.“ +</p> + +<p> +„Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte“, +sagte Alba. +</p> + +<p> +„Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken“, rief +er den beiden Figuren auf dem Brunnenbecken zu. „Ihr könnt +gehen!“ +</p> + +<p> +Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der +Wasserstrahl brach ab. Ein Schrei. +</p> + +<p> +„Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, +was tust du, wir werden Unglück haben.“ +</p> + +<p> +„Du, Alba, hast geschrien: du,“ — und er schloß ihre angsterfüllten +Augen an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, +weiß langend, nach seinem Kopf; er drückte den Mund in +ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden, schmerzlich +berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen +Körpers, erschrak er, weil er hatte spielen können. +</p> + +<p> +Sie begann zu sprechen. +</p> + +<p> +„Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem +schwarzen Hause ein Fenster hell sah, dachte ich: wie +lange wird mein Großvater sein Licht noch anzünden, dann +brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe. +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt — sieh hinauf, +ich kann es nicht —, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will +es mich nicht töten?“ +</p> + +<p> +Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem +Dach und zwei böse blinkenden Fenstern daran, +hockte das Kloster in der Höhe wie ein Raubvogel, der den +Fang abpaßt. +</p> + +<p> +„Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. +Was soll aus mir werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals +wußte ich, was es heißt, allein zu sein: jetzt ahnt mirs.“ +</p> + +<p> +Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte. +</p> + +<p> +„Nie, nie verlaß ich dich!“ +</p> + +<p> +Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark +hin und her, und große Tränen stockten auf ihren Wangen. +</p> + +<p> +„Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.“ +</p> + +<p> +Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei +wankende Schritte in den Schatten hinein. +</p> + +<p> +„Wir sollten sterben“, sagte sie. „Schon jetzt.“ +</p> + +<p> +„Da sind Blumen,“ sagte er, „ein weicher Teppich. Wenn +wir heute nacht darauf einschliefen?“ +</p> + +<p> +„Du willst? Du liebst mich also?“ +</p> + +<p> +„Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten“, +setzte er hinzu und lächelte stolz. +</p> + +<p> +„Wer sind die?“ +</p> + +<p> +„Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?“ +</p> + +<p> +„Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!“ +und sie hängte sich, zitternd, an seine Schulter. „Nello! das +ganze Leben für deine Stimme. Meine ist schwach, ich kann +nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst es!“ +</p> + +<p> +„Die Probe!“ rief Nello. „Der Maestro war nicht zufrieden +mit mir, und heute abend soll ich vor dir singen! Denn du +wirst kommen: sage, daß du kommen wirst!“ +</p> + +<p> +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +„Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. +Vom Kloster führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich +begleiten. Werde ich mich bis vor die Tür der Loge wagen, +deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich verkauft hat, und +die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine Glorie +um dich her sehen, mein Geliebter?“ +</p> + +<p> +„Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm +mit mir, gleich jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher +Kraft bewußt, als wäre ich ein Held.“ +</p> + +<p> +„Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, — und kämen +auch Leute; was wissen sie? Was können sie gegen uns?“ +</p> + +<p> +„Was können sie gegen uns!“ +</p> + +<p> +Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief +hin; — da schrie sie laut auf: eine große Schlange lag, quer +über der Straße, schwarz im Staube. Nello hob einen Stein +auf; und da Alba ihn zurückhielt: +</p> + +<p> +„O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.“ +</p> + +<p> +Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die +Schlange los. Seine Hand zuckte schon: da sah er am Halse +der Schlange Blut. Sie war tot! Im selben Augenblick +flog der Stein. Alba lief herbei. +</p> + +<p> +„Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein +Held, mein Geliebter ist ein Held!“ +</p> + +<p> +Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte. +</p> + +<p> +„Was hast du, mein Nello?“ +</p> + +<p> +„Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht +darüber weg, Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du +ins Theater? O komm! Ich werde singen können heute +abend, und vielleicht kann ich nur das?“ +</p> + +<p> +Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen +Schultern, allein weiter. +</p> + +<p> +„Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +ich zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin +nicht feige. Wie sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben +wäre nichts . . .“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine +Zeitung. +</p> + +<p> +„Auch du kommst umsonst!“ rief er ihm entgegen. „Die +Probe ist abgesagt. Der Maestro hält lieber eine Probe für +seine Messe ab. Versteht sich: der Maestro Viviani ist ihm +weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.“ +</p> + +<p> +„O Virginio!“ — und Nello preßte die Hand des Freundes, +als wollte er sie zermalmen: „Wie wir uns lieben!“ +</p> + +<p> +„Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen +ist, wirst du dich nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies +lese ich da gerade von dem Bankrott der dramatischen Gesellschaft +Valle-Bonisardi, von der ich mich fast hätte engagieren +lassen.“ +</p> + +<p> +Nello lachte, klar wie Gold. +</p> + +<p> +„Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du +weißt nicht: ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie +zu beißen.“ +</p> + +<p> +Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles +Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn. +</p> + +<p> +„Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man +kann nicht alle Tage Schlangen töten; und auch das Singen +ist eigentlich keine Beschäftigung für das ganze Leben.“ +</p> + +<p> +Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein +bleiches, abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken. +</p> + +<p> +„Was ist fürs ganze Leben“, murmelte er. „Wenn ich umkehrte +und zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn +sicher, sie noch zu finden, noch die Liebende zu finden, die ich +erst eben verließ? War nicht alles ein heftiger Traum?“ +</p> + +<p> +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +Da Gaddi ehern lachte: +</p> + +<p> +„Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt +bin!“ — und er stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses +keuchte Mama Paradisi: „Sieh, Geliebter, unser umblühtes +Haus“; eine ihrer Töchter schrie blechern über den Platz das +Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: „Ich habe +ein Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.“ +</p> + +<p> +„Und meine Frau!“ sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. +„Sie singt schon, seit sie aufgewacht ist: ‚Welche Erlösung, +nicht mehr von Liebe zu wissen‘, und doch erinnere ich +mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht davon gewußt hat.“ +</p> + +<p> +Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen +ein und klopften dringend auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. +Siehst du, wie hoch es bei der Konkurrenz hergeht?“ +</p> + +<p> +Der Wirt des Cafés „zum Fortschritt“ hob seine schweren +runden Schultern. +</p> + +<p> +„Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon +fünfzig Jahre in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter +dem Vorsprung des Hauses Mancafede noch ein Café steckt? +Das Café ‚zum heiligen Agapitus‘: ich habe erst heute meinen +Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.“ +</p> + +<p> +Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als +sonst und hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu +stützen. +</p> + +<p> +„Das Café ‚zum heiligen Agapitus‘!“ rief Nello hell. „Bekommt +man dort Weihwasser zu trinken?“ +</p> + +<p> +„Wie viel Geist der Herr hat!“ sagte der Gevatter Achille +und kicherte. Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust. +</p> + +<p> +„Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe +ich alles, was Sie wünschen. Auch Fächer sind da.“ +</p> + +<p> +Nello lachte, ohne zu hören. +</p> + +<p> +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +„Das hindert nicht,“ erklärte Polli, „daß sie schon jetzt dort +drüben zu Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt +erst an, seine Tische auf den Platz hinauszustellen. Der ganze +Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte es nicht glauben, wegen +der leeren Loge!“ +</p> + +<p> +„Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden“, +setzte der Herr Giocondi hinzu. +</p> + +<p> +„Für Sie!“ kreischte Nonoggi. „Alles für den Herrn Nello! +Und wenn Sie meinen Laden beehren —“ +</p> + +<p> +Er zerrte den jungen Mann am Arm. +</p> + +<p> +„— werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es +für einen Mann in Ihrer Lage paßt.“ +</p> + +<p> +Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend +war! +</p> + +<p> +„Ah! dieser Don Taddeo!“ — und Polli verschränkte die +Arme. „Es scheint, er will den Entscheidungskampf.“ +</p> + +<p> +„Ein Demagoge,“ rief Giocondi, „der heute früh bei der +Predigt das Volk aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren +nicht in der Kirche, Herr Gaddi? Auch ich setze keinen Fuß +mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke zu predigen, +es solle das Theater demolieren?“ +</p> + +<p> +Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd +hoch. +</p> + +<p> +„Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? +Wissen Sie denn, was das heißt? Es heißt, daß Sie mich +ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese feinen Waren +nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen +Wunsch?“ +</p> + +<p> +„Das Theater demolieren!“ rief Nello und warf den Zopf +in die Luft. +</p> + +<p> +„Wir werden zuerst das Café ‚zum heiligen Agapitus‘ demolieren“, +sagte der Gevatter Achille. „Es ist längst baufällig.“ +</p> + +<p> +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +„Ich bin ruiniert!“ kreischte Nonoggi und rannte einem +Jungen nach, der mit dem Zopf davonlief. +</p> + +<p> +Polli nickte ernst. +</p> + +<p> +„In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten +sind bei uns sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß +nicht, wen er mit der großen Babel gemeint hat, die er so +viele Male verflucht hat . . .“ +</p> + +<p> +„Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben“, schlug +Giocondi vor und stieß Polli vor den Magen. +</p> + +<p> +„Man muß zugeben,“ erklärte der Gevatter Achille, „als ich +heute früh meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa +ein Liebespaar, das bei mir die Nacht verbracht hatte.“ +</p> + +<p> +„Auch ich habe eins überrascht“, sagte der Tabakhändler, +„auf meiner Treppe, wie ich heimkam.“ +</p> + +<p> +Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn. +</p> + +<p> +„Fange nicht davon an! In meiner Gasse: — ich versichere +euch, daß man darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom +Hof des Rathauses, wo es so dunkel ist.“ +</p> + +<p> +Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich +hinlächelnd, mit einem dünnen Trällern. +</p> + +<p> +„Brabrà!“ schrie der Herr Giocondi. „Auch er war unterwegs +heute nacht, und ich bürge euch dafür, daß er manches zu +sehen bekommen hat. Noch immer amüsiert er sich darüber.“ +Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog den Mund +zum Weinen. +</p> + +<p> +„Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie +zu ernähren, und wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, +dann bleibt mir nur übrig, allen Leuten zu sagen, was +ich weiß . . .“ +</p> + +<p> +Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten +in die Augen. Die Frauen sahen aus den Fenstern: Nello +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +stand, die Hände auf den Hüften, und lachte, daß es wie Gesang +klang. Die andern lachten mit. +</p> + +<p> +„Und der Advokat!“ brachte Polli hervor. „Man weiß wohl, +warum er an diesem wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz +ist. Er hat die ganze Zeit in seinem Studierzimmer zu tun. +Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an seinem Schreibtisch +und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen Vorschuß +bitten . . .“ +</p> + +<p> +„Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?“ rief donnernd der +Gevatter Achille. +</p> + +<p> +„Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht“, +sang die Rotte von Buben, aber mit veränderten Worten, und +marschierte im Eilschritt vorbei. Nello Gennari folgte ihnen +lachend um den Platz. Vor dem Hause des Kaufmannes Mancafede +riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein Fensterladen +sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im Halse, +blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene. +</p> + +<p> +„Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich +immer im Auge behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß +auch, wohin ich den letzten tun werde. Wohin? Wohin?“ — +und er richtete einen leidenschaftlichen Blick auf die Dunkelheit +zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den +Hals abgewendet, die Hand gespreizt: +</p> + +<p> +„Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: +sterben, ohne zu wissen . . . Aber sterben?“ +</p> + +<p> +Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein +Schauder durchlief ihn heftig. +</p> + +<p> +„Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den +Geruch ihrer feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, +dies weiße Feuer, nie mehr brennen fühlen . . . Ich hätte +gestern sterben sollen: gestern war es zu ertragen . . . Welche +Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen? Nonoggi +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe +seine Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt +sehe ich die grausame List in seinen blutigen Augen. Ich +muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!“ +</p> + +<p> +Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann +und lächelte bedeutsam. Er wußte alles, — da seine +Tochter alles wußte! Das Schicksal beschwichtigen! Sich +Frist erkaufen! +</p> + +<p> +„Hätten Sie nicht, mein Herr —“ stammelte Nello. „Hätten +Sie nicht —“ +</p> + +<p> +Mancafede rieb sich die Hände. +</p> + +<p> +„Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische +Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. +Aber überstürzen Sie nicht Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. +Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse, würde ich ihn +doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.“ +</p> + +<p> +„Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer +sein.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann fiel ein: +</p> + +<p> +„Ich schicke ihn Ihnen — und werde mich hüten, einen +Kunden von Ihrer Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung +zu drängen. Ich weiß zu gut, daß man an Ihnen +nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen bezaubernd +stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder +Frau sich weiden muß?“ +</p> + +<p> +„Wie Sie wollen“, murmelte Nello. +</p> + +<p> +„Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. +Dafür bekommen Sie den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,“ +— und auf den grauen Wangen des Kaufmannes +zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells. +</p> + +<p> +„Zu welchem Preis also?“ fragte Nello ergeben. Mancafede +antwortete nicht; er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigte +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +er sich. Sein altes Hasenprofil lächelte zahm und +schlau. +</p> + +<p> +„Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine +Kundin.“ +</p> + +<p> +Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, +fiel die Matratze der Domtür hinter Alba zu. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den +Augen, sah, leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und +sank in der nächsten Bank auf die Knie. Sie legte die Stirn +in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen Nacken wollüstig +erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre +Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer +schwerer, die schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit +einem Ruck richtete sie sich auf, betrachtete diese Hände, betrachtete +den See von Tränen, den ihre beiden Augen auf der +Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den Kopf . . . +Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten +eines Beichtstuhles. +</p> + +<p> +Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der +Kapelle des heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach +ihrem Saum: tastete und stockte. Die Hand fuhr zurück, +angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen brechen wollte. +Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba +rückwärts davon in das Dunkel. +</p> + +<p> +Die Nonne war fort. Weite Stille: — aber der lange gelbe +Vorhang des letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas +Schwarzes raschelte herab; und unter der Türöffnung zur +Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er beugte die +Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein entzündeter +Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba +hervortrat, erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Bei +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +ihrer bittenden Gebärde nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus +und zog, als sei ihm übel, das Gesicht zusammen. Sie legte +die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die Lippen. +So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf +der Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke +fielen ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der +Priester schloß seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; +die Rechte stieß er unsicher in die Luft; mit großen, flatternden +Schritten erreichte er die Sakristei. +</p> + +<p> +Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie +die Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier +und hob von der Tür die Matratze auf, die den Lärm des +Platzes erstickt hatte. +</p> + +<p> +Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine +Fremde, streckte draußen soeben die Hand aus. Alba reichte +ihr die Matratze, — und Italia neigte sich, um mit großen, +neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden dreinzuschauen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein“, sagte die Magd +Felicetta; denn den Dom entlang staute sich quer über den +Platz ein Haufe Frauen, die Kinder hinaufhoben und durcheinander +riefen. +</p> + +<p> +„Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim +Bäcker Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich +Ihnen doch einen Rat, Fräulein, denn Sie haben Mitleid +mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom Corso die +Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. +So werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn +der Platz ist voll von Männern, die sich schlagen wollen. Sehen +Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor dem Café des Freundes +Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er hat einen +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten +Belotti! Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben +beim Gevatter Achille.“ +</p> + +<p> +Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen +einstimmig: +</p> + +<p> +„Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, +und sie wollen ihm den Eimer nehmen.“ +</p> + +<p> +Das Gebell des Bäckers drang durch. +</p> + +<p> +„Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen +nicht verkaufen, dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer +nie zu sehen bekommen.“ +</p> + +<p> +Er begann sogleich von vorn: +</p> + +<p> +„Ah! die Herren wollen uns —“ +</p> + +<p> +Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer +dasselbe, das niemand verstand; aber man sah die Herren +drüben höhnisch lachen. +</p> + +<p> +„Pappappapp“, machte sein Bruder Galileo am Tisch des +Bäckers. +</p> + +<p> +Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers +Acquistapace und schüttelte die Faust: +</p> + +<p> +„Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den +Eimer verkauft, an einen Amerikaner habe er ihn verkauft.“ +</p> + +<p> +Vor dem Café „zum heiligen Agapitus“ war sogleich alles auf +den Beinen; alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor +dem Dom zeterten. +</p> + +<p> +„Der Advokat wird recht haben“, schrie vor dem Rathaus +aus Leibeskräften der Barbier Bonometti, und er stieß in der +Schar von Männern den alten kleinen Beamten Dotti an. +</p> + +<p> +„Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. +Er enthüllt die Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer +Mann, der Advokat!“ +</p> + +<p> +Die Beamten schrien: +</p> + +<p> +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Der dicke alte Corvi setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die +Stelle bei der öffentlichen Wage geben.“ +</p> + +<p> +„Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?“ fragten die Mägde +Fania und Nanà die Frau des Schusters. „Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber: +</p> + +<p> +„Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!“ +</p> + +<p> +Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte +zu den Herren um ihn: +</p> + +<p> +„Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist +es nicht zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, +verbündet mit der Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit +der Freiheit.“ +</p> + +<p> +„Immer die großen Worte“, murmelte der Gemeindesekretär. +„Wer weiß, auf welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist +nicht dasselbe wie Zügellosigkeit.“ +</p> + +<p> +„Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?“ +fragte der Advokat. „Dann erfahren Sie, daß ich +mich eines Lebens, das frei von Heuchelei ist, nicht schäme. Ich +weiß mich einer ruhmreichen Tradition verbunden. Offenbar +ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir +stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der +Venus gestanden, mein Herr.“ +</p> + +<p> +„Nun, es ist abgebrochen,“ — und der Sekretär zuckte die +Achseln. +</p> + +<p> +„Freuen Sie sich darüber mit Ihrem Don Taddeo, diesem +Demagogen im Priesterkleid. Hat er nicht heute früh in seiner +Predigt dem Volk angeraten, wenn die Mächtigen sich der +Wollust ergeben, solle es sie niederreißen? Ich weiß wohl, +welche Mächtigen gemeint sind —“ +</p> + +<p> +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +Der Advokat wies sich auf die Brust. +</p> + +<p> +„— und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst +merken, was Macht heißt!“ +</p> + +<p> +Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhändler kratzte sich +den Kopf. +</p> + +<p> +„Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, — und der +Mittelstand läßt ganze Regimenter aufmarschieren. Man +muß unsere Freunde holen. Auch werde ich meinen Olindo +suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fäuste.“ +</p> + +<p> +Der Stadtzolleinnehmer erklärte, ebenfalls werben zu wollen +und betrat die Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; +er stieß mit dem Stößel seines Mörsers um sich. +</p> + +<p> +„Romolo!“ rief es schrill von oben. +</p> + +<p> +„Es gibt keinen Romolo!“ brüllte er. „Es gibt nur einen +Soldaten Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr +sieht.“ +</p> + +<p> +Und immer tapferer: +</p> + +<p> +„Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, +in ihren Läden verstecken? Wo ist Mancafede?“ +</p> + +<p> +Er machte sich, seinen Stößel schwingend, auf den Platz +hinaus, dem feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; +niemand beim Café „zum heiligen Agapitus“ wagte, so sehr sie +fuchtelten, den alten Krieger anzurühren; — und wie Mancafede +gerade den Rolladen herabzog, ward er gepackt. Zitternd +kam er mit. +</p> + +<p> +„Wucherer!“ schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, +wie sein Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, +der erbleicht zurückfuhr. Das Volk wiederholte: +</p> + +<p> +„Wucherer!“ +</p> + +<p> +„Dieb!“ — und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor +plötzlicher Wut; „Dieb, der allen Wein aufkauft, so daß niemand +ihn bezahlen kann und wir verdursten müssen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +„Wir wollen nicht verdursten!“ grölten seine Zechbrüder. +</p> + +<p> +„Und wir hier wollen nicht verhungern“, rief vom Rathaus +her ein riesiger Fuhrmann. „Nieder mit dem Bäcker!“ +</p> + +<p> +„Nieder mit dem Bäcker!“ wiederholte das Volk; und Crepalini +verschwand rasch zwischen den Seinen. +</p> + +<p> +„Und die Kuchen des Serafini!“ gellte hinter dem Rücken +des Fuhrmanns der Konditorlehrling Coletto. „Wollt ihr +wissen, was er statt Zimt hineingibt? Zerstoßene Wanzen! +Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!“ +</p> + +<p> +Ein Schrei des Abscheus; — und über allem jammerte eine +Frauenstimme: +</p> + +<p> +„Isidoro! Mein Isidoro!“ +</p> + +<p> +Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. +„Flieh, mein Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!“ +</p> + +<p> +Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein +Häscher lieferte ihn schon beim Café „zum Fortschritt“ ein. +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi führte den Baron Torroni herbei. Auch +die Herren Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm. +</p> + +<p> +„Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert“, sagte er zum +Salvatori und klopfte ihn vor den Bauch; „aber hier handelt +es sich um die Freiheit, das ist ein anderes Paar Ärmel.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der +unter blutigen Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. +Beim Café des Freundes Giovaccone kreischte er, das Kreuz +schlagend: +</p> + +<p> +„Don Taddeo ist ein Heiliger.“ +</p> + +<p> +Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille näherte: +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den +Wirt Malandrini und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen +waren, um etwas zu sehen. Der Kapellmeister Dorlenghi +stellte sich von selbst ein; er warf die Arme. +</p> + +<p> +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +„Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den +Dom gekommen!“ +</p> + +<p> +Der Lehrer sagte: +</p> + +<p> +„Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Männer des +Geistes unsere Studien verlassen müssen, um, den größten +Ideen zuliebe, auf den Platz hinabzusteigen.“ +</p> + +<p> +„Aber jene dort vermehren sich“, rief drüben der Mechaniker +Blandini. „Es wird Zeit, daß auch wir uns sammeln.“ +</p> + +<p> +Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem +Corso, der Schlosser Fantapiè zur Treppengasse, und sie schrien +die Häuser hinan: +</p> + +<p> +„Alle auf den Platz!“ +</p> + +<p> +Von den Herbergen „zum Mond“ und „zu den Verlobten“ kam +ein Trupp Bauern. +</p> + +<p> +„Hierher!“ keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. +„Es geht gegen die Buffonen!“ +</p> + +<p> +Aber als der schöne Alfò, man wußte nicht warum, zähnefletschend +gegen ihn losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen +Beinen ganz schnell in das befreundete Lager zurück. Der +schöne Alfò trug, eitel lächelnd, den blauen Klemmer des Pächters +als Beute heim. +</p> + +<p> +Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen +Agapitus. +</p> + +<p> +Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des +Mittelstandes stoßen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in +den Weg und versprach ihm den Teil der Arbeiten im Rathaus, +der sonst Fantapiè zugefallen wäre; und darauf blieb +Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse +der Hühnerlucia kam, wollte der Advokat durch Aufträge verlocken. +Der Schneider antwortete: +</p> + +<p> +„Der Herr Advokat möge mich entschuldigen, denn ich +habe die größte Achtung vor dem Herrn Advokaten, aber +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +der ist kein guter Mann, der es nicht mit seiner Klasse +hält.“ +</p> + +<p> +Und er ging hinüber. +</p> + +<p> +Polli kehrte zurück. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, +den er vor sich herstieß. Beide waren gerötet und schienen +erschöpft. Der Tabakhändler keuchte: +</p> + +<p> +„Da ist mein Sohn Olindo, er soll für die Freiheit kämpfen. +Glaubt ihr vielleicht, er wäre von selbst gekommen? Ah! mein +Sohn ist ein Typus, dem an der Freiheit wenig gelegen ist. +Statt dessen hat er, indes sein Vater um die öffentliche Sache +bemüht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen Hause +jenes Weibsbild, die große gelbe Choristin bei sich und tut mit +ihr, was ihr euch denken könnt.“ +</p> + +<p> +Olindo bekam einen Rippenstoß. +</p> + +<p> +„Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. +Was mich betrifft: eine solche Verderbnis unserer Kinder +macht mir geradezu Lust, jenem Priester recht zu geben.“ +</p> + +<p> +Auch der Herr Salvatori äußerte Besorgnisse um seinen +Neffen. Um nicht weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen +zu lassen, nahm der Advokat den Tabakhändler ernst +beiseite. +</p> + +<p> +„Wir sind Freunde, wie, Polli?“ +</p> + +<p> +„Freundschaft, soviel man will, aber —“ +</p> + +<p> +„Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den +menschlichen Schwächen sind wir alle unterworfen. Dein +Gewissen, Polli, wird dir sagen, ob du gegen deinen Sohn nur +als Vater eingeschritten bist oder auch als Rivale. In jedem +Fall, Polli, besinne dich auf deine Bürgerpflicht!“ +</p> + +<p> +Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz +und zuversichtlich seine verstärkte Truppe. Der Gevatter +Achille ging mit der Vermouthflasche umher, weil man Mut +nötig habe. +</p> + +<p> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +„Hohoho!“ schrien alle gleichzeitig. Vom Café des „heiligen +Agapitus“ antwortete es: +</p> + +<p> +„Huhuhu!“ +</p> + +<p> +Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in +die Hände und pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. +Da donnerte der alte Acquistapace: +</p> + +<p> +„Ist es möglich! Die da drüben haben bei sich den Savezzo!“ +</p> + +<p> +„Er wird sich geirrt haben“, meinte der Herr Giocondi. Der +Gevatter Achille stieß in seine hohlen Hände: +</p> + +<p> +„Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme +verschränkt, auf den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter +gewulsteten Brauen mit düsterer Genußsucht ringsum. +</p> + +<p> +„Was willst du?“ rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem +Augenrollen und großen, gezierten Gesten: +</p> + +<p> +„Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der Protektionswirtschaft, +mit der Diktatur einer Klasse!“ +</p> + +<p> +„Es ist aus!“ rief das Volk. +</p> + +<p> +„Ah! Volk —“ und Savezzo breitete die Arme aus, wie +an einem Kreuz, „du wirst künftig das Opfer des Talentes +empfangen können, auch wenn es nicht aus gewissen Familien +kommt. Von den nächsten Listen für die Gemeindewahlen +werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und +Volksausbeutung bedeuten. Denn ihre Träger —“ +</p> + +<p> +„Der Bäcker!“ schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das +Volk wiederholte: +</p> + +<p> +„Den Bäcker meint er!“ +</p> + +<p> +„Den Konditor!“ kreischte Coletto. „Den Wanzenkonditor!“ +</p> + +<p> +„— werden erschrocken sein vor der Größe eurer Rache,“ — +und der Savezzo arbeitete sich ab. +</p> + +<p> +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„Willst du ein Glas Wasser?“ rief eine Frau. +</p> + +<p> +„Er braucht es. Er hält seinen Vortrag über die Freundschaft“, +sagte der Advokat Belotti, verächtlich lächelnd. +</p> + +<p> +„— eurer Rache,“ fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein +Profil, „die fürchterlich zerstört haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, +des Lasters und der Tyrannei: das Theater!“ +</p> + +<p> +„Huhuhu!“ machte es beim Café „zum Fortschritt.“ +</p> + +<p> +„Was für eine Sprache spricht er?“ fragte die Magd Felicetta +ihre Nachbarn, die die Achseln zuckten. +</p> + +<p> +„Genug! Wir wollen die ‚Arme Tonietta‘“, rief der Fuhrmann, +und er stimmte an: +</p> + +<p> +„Sieh, Geliebte —“ +</p> + +<p> +Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, +schnellte noch einmal die gespreizte Hand über das Volk hin, +stieß sie geballt gegen das Café „zum Fortschritt“ aus und +zog sich zurück. Der Baron spie hinter ihm aus. +</p> + +<p> +„Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.“ +</p> + +<p> +„Mich hat er nie getäuscht“, behauptete der Advokat. „Ich +habe aus seiner Demut wie aus seiner Düsterkeit immer +den Neid dessen herausgefühlt, der nicht zu den Göttern gehört.“ +</p> + +<p> +„Die Komödiantin! Laßt sie nicht entwischen!“ heulte vor +der Domtreppe die Frau des Kirchendieners Pipistrelli; — +und verfolgt von den Weibern, rannte Italia mit kleinen behinderten +Schritten und kreischend wie ein Pfau über den +Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl +es von droben mit entsetzlicher Stimme „Romolo“ rief, +fing er sie auf. Die Weiber wichen nicht, sie blockierten das +Café „zum Fortschritt.“ Der junge Severino Salvatori trat +ihnen elegant gegenüber und lispelte Anzüglichkeiten. +</p> + +<p> +„Da ist er!“ rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. „Der +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +da hat etwas Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie +hat ihn vor die Tür gesetzt.“ +</p> + +<p> +„Ah! was für ein schöner junger Mann,“ — und eine entriß +ihm sein Monokel. Darauf machten alle sich davon, unter +schreiendem Gelächter und Gesten, die nicht alle anständig +waren. +</p> + +<p> +„Habe ich denn verdient, daß man mich totschlägt?“ jammerte +Italia auf der ledernen Bank im Innern des Cafés, +wo der Herr Giocondi unter schelmischen Seitenblicken auf die +Zuschauer ihr die Büste freimachte. Auch der Kaufmann Mancafede +hatte sich in den Saal gerettet; er rang die dürren Hände. +</p> + +<p> +„Der Bürgerkrieg ist etwas Häßliches; er schadet den Geschäften, +und wenn Gott will, bekommt man sogar Schläge.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie?“ stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere +Giordano. +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine +Quetschung gefunden zu haben, und rief nach Essig. Der +Gevatter Achille brachte ihn und sagte: +</p> + +<p> +„Wenn man bedenkt, daß ein einziger Priester so viel Unheil +stiftet.“ +</p> + +<p> +„Es gibt gute Priester,“ — und der Cavaliere Giordano streckte +beschwörend die Hand aus. „Es gibt gute Priester, und es +gibt schlechte Priester.“ +</p> + +<p> +Italia schluchzte. +</p> + +<p> +„Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, daß +man sündigt: darin hat er recht. Ach, über mich!“ +</p> + +<p> +„Nicht weinen“, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hände +am Leib, neben ihr und weinte selbst. +</p> + +<p> +„Als ich ihm das erstemal beichtete,“ sagte Italia feucht, „war +er sehr streng; er wollte alles wissen, alles, alles.“ +</p> + +<p> +„Versteht sich“, bemerkte der Gevatter Achille. „Das ist ihre +Unterhaltung.“ +</p> + +<p> +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +„Und er stellte so schreckliche Fragen, daß es fast schien, er wisse +schon alles. Ist er denn ein Heiliger?“ +</p> + +<p> +„Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben“, schrie der +Baron Torroni und lachte dröhnend. +</p> + +<p> +„Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. +Ich werde gehen, sonst bringt es mir Unglück . . . Aber als ich +heute wiederkam —“ +</p> + +<p> +„Armes Mädchen, auch sie ist in den Händen der Priester!“ +seufzte der Apotheker. +</p> + +<p> +„— da wollte er mich nicht anhören.“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi vermutete: +</p> + +<p> +„Er fürchtet, daß Sie ihn zum besten halten.“ +</p> + +<p> +„Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie +Kohlen.“ +</p> + +<p> +„Der Schlaukopf!“ rief der Wirt Malandrini. „Uns schickt er +den Mittelstand auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es +nur mit den Heiligen des Paradieses zu tun.“ +</p> + +<p> +„Man würde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler!“ +sagte der Advokat, der herzukam. +</p> + +<p> +„Ich störte ihn noch einmal; da —“ und Italia schüttelte +sich, „sprang er vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche +Furcht! Ich lief, und er mir nach. Er rief, ich solle kommen +und beichten. Beim ersten Wort sagte er: ‚Genug‘ und erließ +mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er +aber stöhnte auf eine gewisse Art, daß mir nichts Gutes ahnte, +und rasch machte ich mich davon.“ +</p> + +<p> +Sie sah alle erschüttert an. Der Advokat erklärte: +</p> + +<p> +„Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich +unter der Bank. Ah! keine Gefahr, daß er das Kommando +ergreift über das Café ‚zum heiligen Agapitus‘.“ +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär war dem Advokaten gefolgt. +</p> + +<p> +„Man mag von Don Taddeo denken, was man will,“ sagte +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +er und wiegte den Kopf, „so ist er doch ein mutiger Mann. +Wie wollen Sie das leugnen? Er hat uns nicht gefürchtet, +sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein: sein Kaplan +sammelt Pflanzen.“ +</p> + +<p> +„Wollte Gott, er täte dasselbe, mein Herr.“ +</p> + +<p> +„Er baut keine Waschhäuser, sondern vertritt das Interesse +der Religion.“ +</p> + +<p> +„Und er hängt sie als Mantel um den Klassenhaß.“ +</p> + +<p> +„Hängen nicht wir ihm den der Freiheit um?“ +</p> + +<p> +„Ah!“ — und der Advokat warf sich umher; „ich habe in +diesem Augenblick nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, +Herr Camuzzi: die Stadt erwartet, daß ich handle!“ +</p> + +<p> +Er trieb alle aus dem Café. +</p> + +<p> +„Halt! Wohin?“ — und er packte Nello Gennari, der durch +eine Lücke in der Menge entwischen wollte; am Rande des +Gäßchens gegenüber dem Rathaus hatte er Alba erblickt. +</p> + +<p> +„Eine wichtige Angelegenheit“, sagte er fieberhaft und wand +sich in den Armen des Advokaten. +</p> + +<p> +Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des +Rathauses fiel ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fuß zu +heben, nahm, den Mut, zu atmen. „Nie habe ich in solche +Augen gesehen! Nello!“ Sie rief den Geliebten an, sie nahm +ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Haß dort oben war +ungeheurer als ihre Liebe; die Angst überwältigte sie, in seinem +Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurück in die +Gasse. +</p> + +<p> +„Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten,“ sagte der Advokat, +„außer dem Kampf um die Freiheit; — und wer, mein +junger Freund,“ er lächelte verständnisvoll, „wäre mehr als +wir beide interessiert an der Freiheit unter dem Schutze der +Venus.“ +</p> + +<p> +Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran. +</p> + +<p> +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +„Du mußt bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und +man ruft mir nicht ungestraft ins Gesicht, daß die Komödianten +die Wäsche stehlen.“ +</p> + +<p> +Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Cäsarenprofil erhoben, +rüstig auf den Platz hinaus. Der Bäcker Crepalini +hatte sich vorgewagt und schalt, weinrot, mit Nußknackergebiß +und Kugelaugen, in den Lärm der Menge. Unversehens hing +er in der Luft und zappelte mit den Ärmchen. Gaddi warf +ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurück. Der Schlosser +Fantapiè wollte, den andern vorauf, über ihn herfallen; von +drüben aber holten Acquistapace und der Baron Torroni ihren +Kameraden ein. Der Gevatter Achille rückte nach mit einem +geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind ankam, war er +außer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf +die Lehne zu stützen. Er rief: +</p> + +<p> +„Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschäfte +gehen wohl gut, denn das Weihwasser kostet dich wenig!“ +</p> + +<p> +Der Lehrling Coletto hüpfte kauernd hinter ihm umher, und +plötzlich warf er seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein +Gebetbuch an den Kopf. Der Kaufmann Mancafede, den +die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben, brach mit +einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstöpsel getroffen. +</p> + +<p> +„Hohoho!“ +</p> + +<p> +„Huhuhu!“ +</p> + +<p> +„Nieder die ‚Arme Tonietta‘!“ +</p> + +<p> +„Nieder die Priester!“ +</p> + +<p> +„Was will denn euer Don Taddeo?“ rief der Wirt Malandrini. +„Als er heute früh meinen Jungen durchprügelte, hat +er selbst die ‚Arme Tonietta‘ gepfiffen.“ +</p> + +<p> +„Schweig!“ brüllte der Tapezierer Allebardi. „Und möge +dein Bauch verfaulen wie deine Beefsteaks!“ +</p> + +<p> +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Der Schlosser Fantapiè faßte den Schlosser Scarpetta ins +Auge und schrie durch die Hände: +</p> + +<p> +„Gemeiner Sykophant!“ +</p> + +<p> +„Schlüsselfresser!“ — und Scarpetta spie weithin. „Er hat +den Schlüssel des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen +Agapitus, damit er keine Leibschmerzen bekommt.“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi hörte: +</p> + +<p> +„Schwindler! Bankerotteur!“ +</p> + +<p> +Und er sprang auf: +</p> + +<p> +„Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, +du hast mir von meinem Stoff zum Mantel die Hälfte gestohlen!“ +</p> + +<p> +„Huhuhu!“ +</p> + +<p> +„Hohoho!“ +</p> + +<p> +Ganz hinten, im breitesten Gedränge der Verteidiger des +Cafés „zum Fortschritt“, schwang der Kaufmann Mancafede +sein Metermaß. Seine grauen Falten hatten sich gerötet. +</p> + +<p> +„Wer es wagen will!“ heulte er. „Wer es wagen will!“ +</p> + +<p> +In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi +zerstreut umher; da rief es drüben: +</p> + +<p> +„Die ‚Arme Tonietta‘ ist keine Musik! Der Maestro weiß +nicht, was Musik ist!“ +</p> + +<p> +„War das der Blandini?“ fragte der Kapellmeister und stürzte +vor an die Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und +Torroni den Feinden seinen Stößel zeigte. +</p> + +<p> +„Sakristeiflöhe,“ donnerte Acquistapace, „die ihr das Werk +Garibaldis nicht respektiert!“ +</p> + +<p> +„Garibaldi war ein häßlicher Typus! Er hat den heiligen +Vater umgebracht“, keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber +die Mägde Fania und Nanà verboten es ihr mit geschwungenen +Fäusten. +</p> + +<p> +„Fest, Cimabue!“ heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +Kehle zuhielten. Denn der Schlächter drehte sich mit dem +Lehrer Zampieri im Gemenge. „Drauf los, Allebardi! Drauf +los, unsere Männer!“ +</p> + +<p> +Coletto wälzte sich unter dem ältesten Chiaralunzi, den der +junge Gaddi von hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: +„Es lebe Don Taddeo!“ und rannte davon. Sogleich brach +ein ganzer Haufe Buben über ihm zusammen, und die dicke +Wirtin „zu den Verlobten“ ward mit hineingerissen. +</p> + +<p> +Der schöne Alfò schwenkte den blauen Klemmer des Galileo +Belotti und der Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, +das er seiner Frau abgenommen hatte. Der Lehrer +Zampieri rief noch: +</p> + +<p> +„Wer an die großen Ideen rührt, ist tot!“ +</p> + +<p> +Da mußte er unter der Umarmung des Schlächters Cimabue +das Pflaster küssen. Die beiden Kneipbrüder Zecchini und +Corvi holten mit mächtigen Fäusten gegeneinander aus, im +Augenblick aber, als sie sich berührten, ward ein kleiner freundschaftlicher +Schlag auf den Bauch daraus. +</p> + +<p> +„Laß es dir gut gehen“, sagten sie. +</p> + +<p> +Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. +Hin und her gestoßen von den Ringenden, polterte Galileo +Belotti unaufhörlich: +</p> + +<p> +„Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?“ +</p> + +<p> +Der Advokat eilte mit anfeuernden Armstößen vor dem Rathaus +auf und nieder. +</p> + +<p> +„He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht +euch . . . Ich kenne dich,“ — und er zog dem Fuhrmann +die Bluse über der Brust zusammen, „du hast mir Holz gebracht +und in meiner Küche ein Glas getrunken. Wir sind +Freunde.“ +</p> + +<p> +„Freunde!“ brüllte der Fuhrmann und streckte mit einem +Faustschlag den alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedürfnisses +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +wegen unter die Rathausbogen getreten war. Der +Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust. +</p> + +<p> +„Sie sind ein großer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlächter +Cimabue auch noch zehnmal stärker wäre, als er ist, der +Advokat wäre dennoch ein großer Mann! . . . Das Leben +für den Advokaten Belotti!“ rief er und durchbrach, mit +der Mütze wehend, die Reihen, tödlich angezogen von dem +Schlächter, der ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon +verlor Bonometti Mütze und Krawatte . . . Der Advokat +wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu Polli: +</p> + +<p> +„Der Ruhm will, daß man nicht rechts noch links sieht. Aber +glaube mir, Polli, zuweilen stände man lieber mit den andern +allen in Reih und Glied.“ +</p> + +<p> +Polli kratzte sich den Kopf. +</p> + +<p> +„Inzwischen scheint es, daß wir Prügel bekommen. Meinem +Olindo werden sie guttun, aber was mich betrifft —“ +</p> + +<p> +Und er zog sich in das Café zurück. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Den alten Acquistapace dort vorn belästigten zehn Feinde +und griffen nach seinem Stößel. Er wich ihnen schrittweise. +Die vorderen Glieder traten, zurückdrängend, auf die Füße +der hinteren; man beschimpfte einander in den eigenen Reihen; +— und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die +Pyramide der Freiheitskämpfer von den Scharen des heiligen +Agapitus eingedrückt. Mühsam deckte der Gevatter Achille +mit wildem Schwingen seines Stuhles den Rückzug. +</p> + +<p> +„Nun, Advokat,“ sagte der Herr Giocondi erbost, „mir haben +sie alle Knöpfe abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, +unsere Suppe zu essen?“ +</p> + +<p> +Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte +er seine Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, +Giocondi, — und hinter ihnen hielt Jole Capitani die gerungenen +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +Hände vor sich hin. Der Advokat stöhnte auf; er legte +aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen, +— da traf in allem Lärm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine +rasche Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe +war und klirrte, wohllautend und unternehmend. +</p> + +<p> +„Wir sind gerettet“, rief der Advokat leise; und aus voller +Lunge: +</p> + +<p> +„Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!“ +</p> + +<p> +Der Apotheker schwang seinen Stößel schon wieder zum Angriff; +die nächsten rückten vor; unter der Drohung einer +noch unbekannten Gefahr ging der Feind zögernd zurück: — +und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen +und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom +Elektrizitätswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. +Vor dem Café „zum Fortschritt“ trat der Advokat Belotti +ihnen entgegen. Er nahm den Hut ab. +</p> + +<p> +„Meine Herren!“ +</p> + +<p> +Sie hörten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war +es plötzlich still. +</p> + +<p> +„Meine Herren, wir schlagen uns hier für Ihre Interessen; +denn welches höhere Interesse hätten Sie, hätte das Volk, +das wahre Volk, als die Freiheit.“ +</p> + +<p> +„Buffone!“ keifte drüben sein Bruder. „Seht ihr nicht, daß +er euch zum besten hält?“ +</p> + +<p> +Die Weiber heulten auf; der Wirt „zu den Verlobten“ schrie: +</p> + +<p> +„Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.“ +</p> + +<p> +„Hören Sie nicht auf die Verleumder!“ rief der Advokat in +der Fistel, und seine aufgereckten Arme bebten. „Ich bin +der Freund des Volkes, der Advokat Belotti, der die Anlage +des Elektrizitätswerkes bewirkt hat und die Aufführung der +‚Armen Tonietta‘, die euch so sehr gefallen hat; denn ich kenne +euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden —“ +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Er streckte seine Hände hin. +</p> + +<p> +„— euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer +hochherzigen Tat. Jener arme Bucklige, ihr wißt, den Schändliche +mißhandelt hatten —: ah! Freunde, wir verstehen uns +im Namen der Menschlichkeit.“ +</p> + +<p> +Der Advokat hatte die Augen voll Tränen. Die beiden jungen +Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern schlugen +in seine Hände. Er schüttelte die ihren. +</p> + +<p> +„Sagt euren Genossen, daß ich sie überall verteidigen werde +und daß eure Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie +wollen das Theater schließen, wo ihr eure edelsten Genüsse +sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald sie zur Macht +kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester +ausliefern. Hat darum das Volk für die Freiheit geblutet? +Nieder die Priester!“ +</p> + +<p> +Die Herren hinter ihm wiederholten: +</p> + +<p> +„Nieder die Priester!“ +</p> + +<p> +Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an. +</p> + +<p> +„Es lebe die Freiheit!“ riefen mehrere auf einmal. +</p> + +<p> +Durch das Café „zum heiligen Agapitus“ ging ein langes Gemurmel. +Die Weiber drehten, nach vorn geworfen und durcheinander +schreiend, die Arme in der Luft. Das Volk und die +Herren klatschten stürmisch. Zwei kleine Choristinnen wagten +sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie riefen +hell: +</p> + +<p> +„Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!“ +</p> + +<p> +Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen über sie her und +zerrten sie zurück. Der Advokat glänzte breit; er hatte weite, +siegreiche Gesten um alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten +noch. +</p> + +<p> +„Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an +eurer Spitze. Was wir heute tun, tun wir für die Geschichte.“ +</p> + +<p> +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +„Legen Sie uns nicht hinein?“ fragte einer. „Bei den Wahlen +nachher haben die Dinge sich wieder geändert.“ +</p> + +<p> +Der Advokat drückte die verschränkten Hände gegen die Brust, +er hob sich auf die Fußspitzen. +</p> + +<p> +„Sehe ich aus wie ein Bürger? Bin ich ein Mensch, der +die Soldi aufeinanderhäuft? Ich kenne Höheres als den höchsten +Geldhaufen: das ist das Glück des Volkes; und auch ich +will stürzen, was ihm entgegensteht!“ +</p> + +<p> +Er schüttelte Hände. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen +an die Mauer des Cafés „zum Fortschritt.“ Zu den Herren, +die Meinungen austauschten, sagte der Gemeindesekretär: +</p> + +<p> +„Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbündet +sich zur Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. +Aus dem Herrschsüchtigen bricht der Anarchist.“ +</p> + +<p> +Der Advokat fuhr herum: +</p> + +<p> +„Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genüge verraten. +Ihre Zweifelsucht, Ihre Kritik an der Tätigkeit des Menschen, +Ihr Quietismus: alle diese schönen Dinge führen schließlich +in den Schoß der Kirche. Begeben Sie sich doch dort hinüber! +Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen, +das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber —“ +</p> + +<p> +Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der +Spitze der Arbeiterkolonne in Bewegung. +</p> + +<p> +„— kämpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer +abgewannen, über unseren Köpfen schwebend Mars, Venus +und Athene.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich +an. Die Herren Giocondi und Polli sahen sich wild um; +ein kriegerischer Wind strich schwindelnd um die Stirnen; auf +einmal brachen mit mächtigem „Hohoho!“ alle los. +</p> + +<p> +„Seht ihr, daß jene Furcht haben?“ sagte der Advokat zu +den Arbeitern hinter ihm. „Sie rühren sich nicht. Und sie +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +glauben, sie werden heute abend in den Logen sitzen? Ihr +werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!“ rief er und +warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die +zehn Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, +die nackten Arme des Schlächters Cimabue. Der Gevatter +Achille wälzte seinen Bauch über den Freund Giovaccone; +er brüllte: +</p> + +<p> +„Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, +ob du auch in den Adern Weihwasser hast!“ +</p> + +<p> +Der Fuhrmann war daran, über Galileo Belotti herzufallen, +aber Galileo machte, und schnappte dabei mit den Zähnen, so +furchtbar „Pappappapp“ und „Buffone“, daß der Fuhrmann +bestürzt zurückschwankte. +</p> + +<p> +Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenüber. Inmitten des +Kampfgewühles verschränkten beide die Arme. +</p> + +<p> +„Jetzt würden Sie vielleicht wünschen,“ sagte Savezzo, „meine +Fähigkeiten früher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.“ +</p> + +<p> +Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte: +</p> + +<p> +„Bin ich noch ein Winkel-Advokat?“ +</p> + +<p> +„Mehr als je“, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo +erhob von hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den +Arm. +</p> + +<p> +„Ah Sie!“ keuchte Savezzo. „Wagen Sie sich noch einmal +nach Villascura, und ich werde Sorge tragen, daß Sie nie mehr +dorther zurückkehren!“ +</p> + +<p> +„Ich warte nicht so lange!“ rief Nello und packte rascher zu +als der andere. +</p> + +<p> +„Fest, Cimabue, du, der du ein Löwe bist!“ kreischten die +Nonoggi und Frau Malagodi. Der Schlächter schüttelte von +seinen zehn Angreifern einen nach dem andern ab, nur die +beiden jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern +hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +seine Gliedmaßen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren +Krückstock über dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die +kleine Rina entriß ihr, bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe +und verscheuchte die Alte. Durch riesige Übermacht überwältigte +der Mittelstand den Verräter Scarpetta. Drunten, in +dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und +entzog Freunden und Feinden der Freiheit den Fuß, auf den +sie sich stützten. +</p> + +<p> +Der Schlächter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene +Augen und Schaum vor dem Munde. Alles, was sich +schreiend umherdrehte, wich auseinander, der Schlächter überrannte +Nello Gennari und den Savezzo, die weiterrangen, +und er stürzte, dumpf brüllend, mit ungeheuren blutigen Fäusten +auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi +war es, der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten +die beiden jungen Leute den Schlächter eingeholt und rissen +ihn im Ansturm nieder. +</p> + +<p> +„Wer befreit mich von diesem Schwein?“ — und der Gevatter +Achille hieb mit seinem Bauch von neuem auf seinen +Konkurrenten los. Alles drehte sich wieder: da heulte der +Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm solche +Stimme gehört: +</p> + +<p> +„Ich bin ermordet!“ +</p> + +<p> +Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und +Druso schlugen mit ihren Streichriemen blind um sich, aber die +Hühner flatterten nur noch wilder im Gedränge. Coletto und +die Buben scheuchten sie immer wieder hinein. Man schrie, bedeckte +sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo Belotti drehte +einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker, +lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen +Armen, die Flügel schlugen, die Hühnerlucia über ihn her. +Er rettete sich mit den andern ins Café „zum heiligen Agapitus.“ +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +Statt seiner erwischte sie den Advokaten und fuhr ihm mit den +Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen geschlossen: +</p> + +<p> +„Zu mir! Zu mir!“ +</p> + +<p> +Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik +ergriffen, warf der Advokat sich zu Boden. +</p> + +<p> +Die Hühnerlucia ließ endlich ab von ihm; er hörte sie das +Federvieh in ihre Gasse zurückscheuchen: — da berührte ein +feuchtes Tuch, wie eine Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und +er fand das zärtlich gepolsterte Gesicht der Frau Jole Capitani +über sich geneigt. +</p> + +<p> +„Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat?“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Ihr Anblick, schöne Dame, heilt alles“, erwiderte er und +stand auf. Rasch überzeugte er sich, daß der Platz in der Mitte +leer und an den Rändern voll Verwirrung war. Sie waren +unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte: +</p> + +<p> +„Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen +geben wollen, um das ich Sie so sehnsüchtig bitte?“ +</p> + +<p> +Sie schlug nur die Augen nieder. +</p> + +<p> +„Man wird uns sehen“, äußerte sie dann und zog sich zurück. +Der Advokat sah ihr nach, er vergaß sich abzustauben. +</p> + +<p> +„Ah! die Frauen. Würde man große Dinge tun wollen, wenn +nicht sie wären?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und er wandte sich nach dem Café „zum Fortschritt“. Dort +umarmte alles einander und rief nach Getränken. Der Gevatter +Achille war überall zugleich mit seinen gelben, roten +und grünen Gläsern. +</p> + +<p> +„Wir haben sie in die Flucht geschlagen!“ verkündete er. „Der +‚heilige Agapitus‘ wird künftig wieder leerstehen, und der +Freund Giovaccone wird sein Weihwasser nicht sobald mehr +los.“ +</p> + +<p> +Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +der Apotheker raffte mit zitternden Händen einen +Strauß zusammen und übergab ihn Italia, die sich auf der +Schwelle zeigte. +</p> + +<p> +„Ihnen zu Ehren, Fräulein,“ stammelte er, „haben wir den +Priester besiegt.“ +</p> + +<p> +Dann warf er sich, mit überfließenden Augen, dem Advokaten +an die Brust. +</p> + +<p> +„O Freund! Welch ein Tag!“ +</p> + +<p> +„Wäre nicht Mancafede gewesen,“ — und der Herr Giocondi +klopfte dem Kaufmann den Bauch, „wer weiß, wie es gekommen +wäre. Er aber war der erste, der sie mit seinem +Huhn in Schrecken setzte.“ +</p> + +<p> +„Alle haben ihre Pflicht getan“, hieß es. „Wo aber hat der +Cavaliere gesteckt?“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano kam entrüstet aus dem Café hervor. +Er zeigte Schultern und Ärmel seines weißen Anzuges umher. +</p> + +<p> +„Die Hühner . . . Ich werde ihn waschen lassen müssen.“ +</p> + +<p> +„Auch der Cavaliere ist ein Held“, entschied Polli, und Italia +drückte ihm und dem Advokaten einen Kranz auf. +</p> + +<p> +Der Barbier Nonoggi stellte sich ein: +</p> + +<p> +„Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich +nicht gesehen? Aber ich war es doch, der den Schlächter abgehalten +hat, den Advokaten zu ermorden.“ +</p> + +<p> +Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht +sagen, was in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward +bewirtet. +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär rückte den Klemmer zurecht. +</p> + +<p> +„Aber woraus schließen die Herren, daß wir die Sieger sind? +Mir scheint, daß ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?“ +</p> + +<p> +Da der Advokat ihn keiner Antwort würdigte: +</p> + +<p> +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +„In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht für geschlagen. +Daß sie sich ins Innere des Cafés ‚zum heiligen Agapitus‘ +zurückgezogen haben, sollte uns nicht zuversichtlich stimmen. +Vielleicht schon im nächsten Augenblick verlassen sie es, um, +durch die Feier vermeintlicher Siege weniger erschlafft als +wir, das Café ‚zum Fortschritt‘ im Sturm zu nehmen.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano +setzten, verstummt, ihre Gläser hin. Da bog aus dem Corso +ein Zug auf den Platz. Der Konditorjunge Coletto war der +erste; er blies quäkend durch die Hände. Die Jungen hinter +ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; +und in der Mitte der Arbeiter, geführt von den beiden jungen +Leuten mit großen Hüten und bunten Halstüchern, stampfte +der Schlächter Cimabue. +</p> + +<p> +„Man sollte es nicht für möglich halten“, bemerkte der Stadtzolleinnehmer. +„Warum schlägt er sie nicht nieder?“ +</p> + +<p> +Sie kamen vorüber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit +ihrer flinken Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hände +fest im Gürtel des Schlächters. +</p> + +<p> +„Und der Gürtel ist offen! Sobald er sich rührt, reißen sie +ihm die Hose herunter!“ +</p> + +<p> +Der Advokat erhob sich und entblößte den Kopf. Die Herren +klatschten. +</p> + +<p> +Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich +hin und her schob und Zurufe ausstieß, ging plötzlich auseinander; +man sah in seinem Innern den Savezzo am Boden +liegen; und das Haar zurückstreichend, richtete Nello Gennari +sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, +zögernd über den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurückgekehrt +waren: +</p> + +<p> +„Es lebe der schöne Komödiant! Auch tapfer ist er!“ +</p> + +<p> +Die Herren beim Café kamen ihm schon mit Gläsern entgegen. +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +Der Advokat sah sich über die Schulter nach dem Gemeindesekretär +um; aber er war hinter den andern verschwunden. +Der Kaufmann Mancafede beantragte: +</p> + +<p> +„Dieser Savezzo muß aus dem Klub ausgestoßen werden. +Wir sind es der Sache der Freiheit schuldig, unseren Sieg rücksichtslos +auszunützen.“ +</p> + +<p> +Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat +widersprach. +</p> + +<p> +„Wir müssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen +und versöhnen. Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, +der über den Parteien steht.“ +</p> + +<p> +Der Gevatter Achille unterstützte ihn. +</p> + +<p> +„Wer wird von dem Streit der Bürger den Vorteil haben? +Niemand als dieses Schwein von Freund Giovaccone. Der +Schlächter Cimabue hat immer zu meinen besten Kunden gehört; +diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten nicht +das Recht, ihn so zu behandeln.“ +</p> + +<p> +„Was denken die Herren darüber“, sagte der Lehrer Zampieri; +er rückte blaß auf seinem Sitz umher, „— wenn man +eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?“ +</p> + +<p> +Der Tabakhändler klopfte ihn auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, +wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.<a id="corr-9"></a>“ +</p> + +<p> +„Gleichviel“, sagte der Advokat. „Es wäre ein Akt hoher +Diplomatie. Wir würden den Priester beschämen und entwaffnen, +denn wir würden ihm beweisen, daß wir, die wir +Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.“ +</p> + +<p> +Die Meinungen teilten sich. Italia bat für Don Taddeo. +</p> + +<p> +„Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr +kränken.“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins +Ohr: +</p> + +<p> +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +„Du selbst wirst ihn gewiß noch heute mit dem Apotheker +kränken.“ +</p> + +<p> +„Ah!“ rief Polli. „Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit +der großen Babel gemeint hat. Es ist die Hühnerlucia, — +denn sie hat die Frommen in die Flucht geschlagen.“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda traf ein. +</p> + +<p> +„Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden“, sagte +sie. „In der ‚Bionda‘, die ich studiere, werden so viele erschlagen, +man müßte das einmal sehen. Statt dessen sind alle +unversehrt,“ — und sie lächelte verächtlich. „Der Priester riet, +sie nicht zu schonen.“ +</p> + +<p> +„Er gefällt mir. Er ist ein böser Fanatiker und stärker als +ihr alle. Wir beide könnten uns verständigen, — wenn er +wollte. Die Prüfungen werden ihm guttun. Ah! seht doch, +wie er sich quält.“ +</p> + +<p> +Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen +dem Turm und dem Hause Mancafede, krümmte er sich +mit dem Rücken schwarz über die Mauer hin, schnellte auf, um +zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel zurück. Der Advokat +nickte über die Köpfe der anderen nach ihm hin; er murmelte +starr: +</p> + +<p> +„Da sieht man, was es heißt, geschlagen zu sein.“ +</p> + +<p> +Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen. +</p> + +<p> +„Wir werden ihm vorstellen, daß der Bürgerkrieg nur dem +Freund Giovaccone nützt“, sagte der Wirt. +</p> + +<p> +„Und daß wir, alles in allem, keine Feinde der Religion +sind“, sagte der Apotheker. Der Advokat drückte ihnen die +Hände. +</p> + +<p> +„Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein +Haufe auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine +Freunde, geht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Sie machten sich auf. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Plötzlich +wandte er sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda. +</p> + +<p> +„Er gefällt Ihnen sehr?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Wer?“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo.“ +</p> + +<p> +Sie hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Ich bin ein Narr“, sagte er fast laut. +</p> + +<p> +Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam +und angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien: +</p> + +<p> +„Ihr haltet euch für Sieger? Wißt ihr nicht, daß Gott manchmal +die siegen läßt, die er verderben will? Um so sicherer +verharren sie bei ihrem Abfall. Ah! ihr Sieger. Du, der +du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen ins Paradies +hilfst, um selbst zur Hölle zu fahren! Du, der du jeden +Tag durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden +kannst! . . .“ +</p> + +<p> +„Wie er sich abarbeitet!“ raunte man einander beim Café zu. +„Er gleicht einem Dämon. Man kann sagen, daß Achille und +Romolo sich opfern für das öffentliche Wohl.“ +</p> + +<p> +„Friede?“ — und die Stimme des Priesters überschlug sich. +„Ich kenne keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner +heiligen Kirche. Wie? Ich soll den Eimer an einen Amerikaner +verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich Unzucht +getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer +Madonna, die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet +es umher, meldet es Monsignore, um mich in seinem Geist zu +vernichten, — und ihr kommt und sprecht von Frieden? Nähme +ich ihn an, Gott schlüge mich selbst. Nun aber wird er euch +schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder nötig ist —“ +</p> + +<p> +Don Taddeo stieß beide Arme weit von sich und breitete die +Brust hin. Die Abgesandten wichen zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +„Tue es!“ schrillte der Priester gen Himmel. +</p> + +<p> +Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. +Der Schlächter Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, +den zehn Arbeitern voraus über den Platz. Die Herren +beim Café „zum Fortschritt“ wichen seitwärts von ihren Stühlen. +Der Schlächter war vorbei; er sprang ins Café „zum heiligen +Agapitus“, daß die Scheiben der Glastür zu Boden klirrten. +Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug +auf die eisernen Tische, schrie Drohungen herüber. Hinter all +dem Toben, worin die Stimme des Priesters zerging, sah man +seine bleichen Hände, zum Dank heftig verschlungen, durch den +Schatten stürzen. +</p> + +<p> +Die Abgesandten kehrten eilig zurück. +</p> + +<p> +„Nicht für eine Million würde ich noch einmal mit ihm +sprechen“, äußerte der Gevatter Achille und wischte sich die +Stirn. +</p> + +<p> +„Seid ihr feige!“ sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der +Faust, mit funkelnden Augen. „Warum seid ihr nicht über den +Priester hergefallen? Jene dort würden euch erschlagen haben. +Es wäre schön gewesen.“ +</p> + +<p> +Auch die Arbeiter hatten sich zurückgezogen. +</p> + +<p> +„Hierher, Freunde!“ rief der Advokat, und er ließ ihnen Wein +geben. +</p> + +<p> +„Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mögen jene allein +weiterschreien! Das wird nicht ungeschehen machen, daß wir +sie vom Platz vertrieben haben. Inzwischen rufen uns andere +Aufgaben,“ — und ein Gedanke der Wonne dehnte sein Gesicht +in die Breite. +</p> + +<p> +„Tatsächlich fängt man an, genug hiervon zu haben“, sagte +der Baron Torroni. +</p> + +<p> +„Und die Suppe wird kalt“, ergänzte Polli. „Malandrini und +Sie, Maestro, wir haben denselben Weg.“ +</p> + +<p> +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +Der Advokat hielt den Kapellmeister zurück; er flüsterte ihm +dicht ins Gesicht: +</p> + +<p> +„Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. +Wer mehr Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, +sieht ohne weiteres, daß das Mädchen Sie mit dem Priester +eifersüchtig machen wollte.“ +</p> + +<p> +„Sie glauben?“ +</p> + +<p> +„Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was +Deixel: man wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genießen!“ +</p> + +<p> +Jole Capitani wartete! Der Advokat wünschte allen sein eigenes +rosiges Geschick und traute es ihnen zu. +</p> + +<p> +Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm +wehrte er Polli ab, der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhändler +samt Malandrini und dem Baron Torroni entfernten +sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der Richtung +des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die +beiden Herren Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen +die Rathausgasse. Der Cavaliere Giordano wollte hinterher. +Flora Garlinda folgte ihm zwei Schritte weit. +</p> + +<p> +„Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt,“ sagte sie gedämpft; +und da er sie aufflackernd ansah: „O, ich bin es nicht +selbst; es ist die Frau des Schneiders Chiaralunzi. Sie schläft +nicht mehr, sie ist krank durch Sie. Sie spricht nur noch davon, +daß sie von Ihnen den Gesang lernen will . . . Aber jene laufen +Ihnen weg. Eilen Sie!“ +</p> + +<p> +Der alte Sänger machte sich davon. Da traf ihn etwas +Hartes ans Bein, und von drüben rannte jemand mit eingezogenen +Armen gegen ihn los. +</p> + +<p> +„Wartet auf mich, um Gottes Liebe!“ kreischte der Alte und +hastete steif, ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer +Allebardi warf noch einen Gardinenring nach ihm, dann +stemmte er die Arme in die Hüften und bog sich. Drüben +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +brüllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten. +Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder: +</p> + +<p> +„Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.“ +</p> + +<p> +„Es wird Zeit, daß ich dich nach Haus bringe“, bemerkte +Gaddi und nahm sie beim Arm. Der Kapellmeister wartete +nicht, bis der Gevatter Achille ihm herausgegeben hatte; er +stürzte ihnen nach in die Gasse der Hühnerlucia. +</p> + +<p> +„Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas +so Wichtiges zu sagen.“ +</p> + +<p> +„Brave junge Leute“, bemerkte der Advokat. „Sie werden +glücklich werden. Gehen auch wir, Giocondi!“ — und er vertauschte +seinen Siegerkranz mit dem Strohhut. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie +nahmen den Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte +und geleiteten ihn unter den Klängen der Arbeiterhymne +zur Treppengasse. Vor dem Café „zum heiligen Agapitus“ war +alles auf den Beinen und schüttelte die Fäuste; aber niemand +wagte sich heran. Der Advokat sagte: +</p> + +<p> +„Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche +große Sache!“ +</p> + +<p> +„Besonders für dich, Advokat, der du gewiß unter dem Schutze +des Volkes in die Arme einer Choristin gehst.“ +</p> + +<p> +Der Advokat schmunzelte. +</p> + +<p> +„Ich gehe zum Doktor Capitani, — da er ja behauptet, daß +ich Zucker habe.“ +</p> + +<p> +„Verflucht, das ist kein Vergnügen.“ +</p> + +<p> +„Und dennoch gehe ich zu meinem Vergnügen hin.“ +</p> + +<p> +Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem +Blick: +</p> + +<p> +„Was er mir gibt, nehme ich nicht; die Ärzte wollen immer +nur die Macht an sich reißen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +Der Herr Giocondi rieb sich die Hände. +</p> + +<p> +„Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig +nicht hergeben würde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat +. . .“ +</p> + +<p> +Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der +Treppengasse. Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace +und dem Gevatter Achille: +</p> + +<p> +„Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten +denken, was man will, er ist ein häßlicher Egoist, daß er sie alle +zehn mitgenommen hat. Er hätte fünf dalassen sollen, damit +auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause gehe.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug +schwach auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Wie soll ich nun hinüberkommen? Gleich vor meiner Tür +warten jene Mörder auf mich.“ +</p> + +<p> +Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen. +</p> + +<p> +„Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, +denn sie hassen mich.“ +</p> + +<p> +„Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren“, riet der Gevatter +Achille. „Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.“ +</p> + +<p> +Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich +vielleicht ungesehen am Dom entlang drücken könne. Er murmelte +nur: +</p> + +<p> +„Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.“ +</p> + +<p> +Da stand drüben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die +Herren ihn stumm empfingen, lächelte er düster. +</p> + +<p> +„Man hat sich hier wohl geärgert, weil das Volk seine Rechte +zu fordern wagte und weil es Führer gefunden hat, die seinen +Forderungen Worte gaben?“ fragte er. Der Gevatter Achille +erwiderte: +</p> + +<p> +„Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen +wohl nicht mehr, Herr Savezzo?“ +</p> + +<p> +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +„Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir +einen Vermouth!“ — und Savezzo machte es sich bequem. +</p> + +<p> +„Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich +habe sie veranlaßt, um dem Advokaten zu zeigen, daß es noch +andere Leute gibt als ihn.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat ist eine Persönlichkeit,“ sagte der Apotheker; +„Sie aber, Herr Savezzo, sind ein Schurke und ein Verräter.“ +</p> + +<p> +Savezzo neigte mitleidig den Kopf. +</p> + +<p> +„Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, +wie man politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen +die Macht, die ich hinter mir habe.“ +</p> + +<p> +Und er wies hinüber. Der Kaufmann zuckte; die beiden +andern verschluckten ihren Widerspruch. +</p> + +<p> +„Trotzdem bin ich nicht der Meinung,“ fuhr der Savezzo fort, +„daß wir Feinde sein müssen. Um es Ihnen zu beweisen, +werde ich auf den nächsten Abend des Klubs gehen.“ +</p> + +<p> +„Man wird Sie hinauswerfen“, rief der Apotheker. Der +Kaufmann tastete zitternd nach seinem Arm. +</p> + +<p> +„Um Gottes Liebe: Vorsicht!“ — und zum Savezzo, mit der +Hand auf dem Herzen: +</p> + +<p> +„Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse +den Zwist der Bürger, habe immer die Versöhnung gewollt, +und nie wäre ich, angesichts so bedauerlicher Ereignisse, auf +den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht gezwungen +hätte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde für Ihre +Rechte eintreten, sogar gegen den Advokaten.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann machte Fäuste. +</p> + +<p> +„Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles für sich nimmt. Keinen +der zehn Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus +gelange.“ +</p> + +<p> +„Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drüben trinken, +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +wo er schlecht ist“, sagte der Gevatter Achille. „Könnten +Sie nicht auch dem Schlächter Cimabue raten —?“ +</p> + +<p> +„Wir sind also Freunde.“ +</p> + +<p> +Savezzo stand auf. +</p> + +<p> +„Herr Mancafede, ich begleite Sie hinüber, verlassen Sie sich +auf mich.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann umklammerte, mit Tränen in den Augen, +seine beiden Hände. +</p> + +<p> +„Man hat Sie aus dem Klub ausstoßen wollen, Herr Savezzo; +aber nicht ich war es. Wer Ihnen sagt, daß ich es war, +der lügt.“ +</p> + +<p> +„Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen +dürfen,“ — und der Savezzo begann auf seine Nase zu +schielen. „Am nächsten Abend des Klubs sollen die Komödianten +Musik machen: da muß ich aufgefordert werden, auf +dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Künstler, den die ganze +Stadt kennt, sollte zurückstehen hinter jenen schlechten Schreiern? +Meine Ehre will, daß ich an jenem Abend meine Spezialität +vorführe und auf dem Bleistift blase.“ +</p> + +<p> +„Sie blasen göttlich auf dem Bleistift!“ rief der Kaufmann. +Der Gevatter Achille sagte: +</p> + +<p> +„Man muß zugeben —“ +</p> + +<p> +Der Savezzo schielte immer stärker. +</p> + +<p> +Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten +Kopfes, seiner Tür zu. Auf der Stufe wandte er +sich um. +</p> + +<p> +„Alles geht dahin,“ sagte er traurig, „auch die Liebe zur +Freiheit. Jetzt schließt man Pakte mit ihren Feinden. Alle +werden schwach: du sogar bist es, Achille. Und ich selbst: — +wer mir gesagt hätte, ich würde mit dem Priester verhandeln! +Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht +wieder.“ +</p> + +<p> +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Er trat über die Schwelle und zog beschwerlich sein hölzernes +Bein nach. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Café „zum Fortschritt“ stand leer; die Gäste des Cafés +„zum heiligen Agapitus“ wurden einer nach dem andern von +ihren Frauen zum Essen geholt. Als die letzten fort waren, +erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei seiner Untergebenen. +Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren Säbeln +und rotgesäumten Fräcken die Runde um den Platz, wobei sie +die Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter +Achille, der ihnen etwas zu trinken anbot, ließ der Leutnant +sich über den Verlauf berichten. +</p> + +<p> +„Wir haben nicht eingreifen wollen“, erklärte er. „Ein Zwist +der Bürger ist ohnedies nichts Schönes; durch die Dazwischenkunft +der bewaffneten Macht wäre er vielleicht grausam geworden, +und wir sind nicht grausam . . . Fontana, Capaci, +beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.“ +</p> + +<p> +Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehörten dem +Barbier Bonometti. +</p> + +<p> +„Er hat sich schlimme Püffe geholt. Der Apotheker hat ihn +einreiben müssen.“ +</p> + +<p> +„Was für eine häßliche Sache!“ sagte der Leutnant. „Fontana, +du wirst ihm sein Zeug zurückbringen.“ +</p> + +<p> +Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung +der „Armen Tonietta“ heute abend stattfinden werde. +Der Gevatter Achille äußerte Zweifel, aber Cantinelli beruhigte +ihn. Der Mittelstand sei noch mehr interessiert an den +Aufführungen, als die Herren. Die Handwerker spielten im +Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren +wollen, noch die halbe Lira für seinen Jungen oder sein Mädchen, +die im Chor mitsängen. +</p> + +<p> +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +„Bevor es acht schlägt, werden wir sie kommen sehen.“ +</p> + +<p> +Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. +Von den Herbergen beim Tor und von den Gasthäusern „zum +Mond“ und „den Verlobten“, am Corso, strömten Scharen von +Fremden über den Platz. Die Bürger mischten sich unter die +Bauern; sie verständigten sich mit Achselzucken. +</p> + +<p> +„Eh! man muß doch Musik machen.“ +</p> + +<p> +Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die +Mägde hinterließen den Nachklang ihres gellenden Lachens +und einen Geruch von Grünzeug und von Rauch; die Buben +überrannten alles; — und um halb neun kamen die Herren. +Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr; erhobenen +Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner +Frau vorbei. +</p> + +<p> +Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel +Flora Garlinda über den Platz. Der Kaufmann Mancafede +zog rasch den Kopf wieder in seine Haustür, und +erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch, hinterdrein. +</p> + +<p> +Schon um elf war er zurück, vor allen andern. +</p> + +<p> +Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden +vorbei war, lief Flora Garlinda dem Gäßchen der Hühnerlucia +zu. Der Kapellmeister folgte ihr hinein, einen halben +Schritt hinter ihr. +</p> + +<p> +„Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich +habe Sie alles wiederholen lassen, was Sie wollten.“ +</p> + +<p> +„Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun müde. +Gute Nacht, Maestro!“ +</p> + +<p> +„Sie müssen mich anhören, Flora,“ — und er legte seine +Hand, die zuckte, auf ihren Arm. Sie lief weiter. +</p> + +<p> +„Sie halten mich für Ihren Feind: wie wären Sie sonst so +böse gegen mich. Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +Sie. Seit ich zum erstenmal Ihre Stimme gehört habe, o +Gott! wie liebe ich Sie seitdem.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube es nicht“, sagte sie. „Und dann habe ich Ihre +Liebe nicht nötig.“ +</p> + +<p> +„Jeder hat Liebe nötig. Sind Sie kein menschliches Wesen? +Ach, daß ich groß würde! Sie würden sehen, wozu ich es geworden +bin: nur um Sie groß zu machen, Flora.“ +</p> + +<p> +Sie hielt plötzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen. +</p> + +<p> +„Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschämtheiten? Ich +groß durch Sie: es ist zu lächerlich, ich will mich nicht +ärgern.“ +</p> + +<p> +Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er +stammelte in ihren Nacken: +</p> + +<p> +„Die Liebe macht mich unvernünftig, ich weiß es. Verzeihen +Sie mir! Möchte man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum +weiß ich dennoch: Sie sind größer als ich; vielleicht, daß +meine Musik berühmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu +singen.“ +</p> + +<p> +Er keuchte. Sie schüttelte sich. +</p> + +<p> +„Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!“ +</p> + +<p> +Da waren sie vor ihrer Tür. Flora Garlinda drehte sich um. +</p> + +<p> +„Sie wollen mich also benutzen, um berühmt zu werden. +Ich soll im Schatten Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe +sein: ich erwarte nichts anderes von der Liebe. Aber ich sage +Ihnen, daß Ihre Liebe mich beleidigt.“ +</p> + +<p> +Und sie betrat das Haus. Er stürzte hinterher. +</p> + +<p> +„Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, +wie Sie böse sind!“ +</p> + +<p> +Mit einer Stimme, die flog und sich überschlug: +</p> + +<p> +„Ich wußte es, ich wußte es. Immer haben Sie mich nur +demütigen wollen, nur zur Verzweiflung treiben, für alle +meine Liebe, die Sie doch fühlten, für alle meine Liebe. Das +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind böse, ich hasse +Sie!“ +</p> + +<p> +Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fäuste +mit heftig geröteten Knöcheln hieben nach jedem Wort in die +Luft, im verhärteten Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie +sah sich hastig um, sie wich gegen die Mauer zurück. Plötzlich +lag er auf den Knien. +</p> + +<p> +„Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, +werde ich mir das verzeihen.“ +</p> + +<p> +Er stöhnte wild auf: +</p> + +<p> +„Nun muß ich freilich gehen.“ +</p> + +<p> +Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hände vor den Augen, +die Stirn auf die Wand senken. Schon war sie oben, riß die +Tür ihres <a id="corr-10"></a>Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. +Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes Gesicht sah, drückte sie das +Tuch vor den Mund. Da hörte sie eine heftige Flüsterstimme. +„Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen +anderen.“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda spähte durch den Fensterladen. Drunten zog +der Barbier Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite +und stellte die Hand an den Mund. +</p> + +<p> +„Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrügt +seine Frau mit ihr, die arme Unglückliche. Wißt Ihr nicht mehr, +wie Euch der Schneider verleumdet hat? Er hält sich für einen +größeren Künstler, als Ihr seid, und am Sonntag macht er +draußen in den Schenken seine elende Musik, die die Bauern +nicht hören wollen, weil sie die meine kennen . . .“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister riß sich los. +</p> + +<p> +„Ah! Verräterin,“ — und er warf sich ins Haustor. Flora +Garlinda sprang vom Fenster zurück, sie drehte in allen Türen +die Schlüssel um, stand und hielt den Atem an. +</p> + +<p> +„Uff! Nein, er wagt nichts.“ +</p> + +<p> +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie +der Barbier ihn, der schluchzte, durch die mondweiße Hälfte +der Gasse von dannen schaffte. +</p> + +<p> +Sie fühlte sich nicht schläfrig; sie löste das Haar auf, um es +zu waschen; und sie sah über die Schultern zu, wie es im +Spiegel ihren mageren Nacken in Gold hüllte, durch seinen +Fluß ihr Profil weich machte. Dann brachte sie das Gesicht +dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zähne, die klein, weiß +und wohlgeordnet in ihrem geräumigen Munde standen. +„Meine Schönheiten!“ — und sie lächelte sich spöttisch zu. „Es +sind die dauerhaftesten und darum für mich die besten; denn +sie sollen noch in dreißig, vierzig Jahren einer Menge Glück +vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen? +Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Käme ich dann +aus der großen Welt einmal wieder hierher: er — er zöge vielleicht +noch immer mit seiner Kapelle von Schneidern und +Barbieren zum Fest eines Heiligen.“ +</p> + +<p> +Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand draußen. +</p> + +<p> +„Wir wollen nicht stören“, sagte sie und zeigte ihre Zahnlücken. +</p> + +<p> +„Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen“; — und die +Primadonna ging im Unterrock in die Küche des Schneiders. +Er saß über einer Zeitung, die den Tisch bedeckte: plötzlich stand +er lang da, mit den Händen an den Nähten. Flora Garlinda +setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestürzt war, um +den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, +woraus eine Flamme züngelte. Die Frau zog den Kessel +tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem Fräulein eine Tasse +Kaffee an. +</p> + +<p> +„Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst +du nie wieder sehen.“ +</p> + +<p> +Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna. +</p> + +<p> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +„Und man fühlt es nicht, so weich ist es. Fühle auch du!“ +</p> + +<p> +„Das Fräulein wird vielleicht nicht wollen.“ +</p> + +<p> +Er rührte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene +Welle über seine Hand; und wie das Schwanken der großen, +starkknochigen Hand das leichte, wehende Haar auf und nieder +warf, lächelte sie glücklich. Der da vermaß sich nicht, an sie +zu rühren. „Er liebt mich so, wie wenn ich fort wäre und in +allen Hauptstädten berühmt wäre.“ +</p> + +<p> +Der Schneider sagte: +</p> + +<p> +„Es ist gut, daß nicht jede Frau solches Haar hat.“ +</p> + +<p> +Die Frau stieß ihn an. +</p> + +<p> +„Wenn die Rina, die Magd des Tabakhändlers, solches Haar +hätte, würde er sie nicht verlassen.“ +</p> + +<p> +Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda: +</p> + +<p> +„Wer?“ +</p> + +<p> +„Der Maestro“, — und die Frau setzte sich sogleich zu ihren +Füßen auf den Herd. +</p> + +<p> +„Wie sie unglücklich ist, die arme Kleine! Man weiß nicht, +was er hat; er sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er +sie nicht mehr. Sie aber: er könnte sie schlagen, und sie würde +ihm die Hand küssen. Man sieht es wohl, denn den Cavaliere +Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie fortgeschickt.“ +</p> + +<p> +„Den Cavaliere?“ +</p> + +<p> +„Ja ihn, — obwohl er verspricht, der arme Alte, alles für +ihren Maestro zu tun, was sie fordern will. Aber das ist es: +was soll sie fordern?“ +</p> + +<p> +Der Schneider wendete sich hin und her. +</p> + +<p> +„Das Fräulein will diese Dinge nicht hören“, sagte er. +</p> + +<p> +„Im Gegenteil, sie interessieren mich —“ +</p> + +<p> +Flora Garlinda lachte auf. +</p> + +<p> +„— und ich will Euch sagen, was sie für ihren Maestro fordern +soll.“ +</p> + +<p> +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +Die Frau legte die Hände aneinander. +</p> + +<p> +„Sie wollten die Güte haben? Die Rina wagte nicht, Sie +selbst zu bitten.“ +</p> + +<p> +„Sie soll von dem Cavaliere verlangen, daß er dem Maestro +ein Engagement verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, +die im Herbst nach Venedig geht und zum Winter +nach Bologna. Das ist ein schöner Posten —“ +</p> + +<p> +Ihre Augen begannen zu funkeln. +</p> + +<p> +„— vielleicht ein wenig zu schön für den Maestro Dorlenghi. +Aber wenn er hört, daß er ihn bekommen soll, wird er der +Rina danken wollen: so wird sie befriedigt sein, die arme +Kleine; — und ob er ihn dann wirklich bekommt, was kümmert +das uns, wie, meine Freunde?“ +</p> + +<p> +„Tatsächlich“, machte die Frau betroffen. +</p> + +<p> +„Denn er verdient nicht, daß man ihm hilft: Euer Mann +weiß es.“ +</p> + +<p> +„Er ist ein böser Mann“, sagte der Schneider. „Ich weiß es +jetzt, — obwohl er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber +er gönnt keinem andern etwas.“ +</p> + +<p> +„Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele +als alle.“ +</p> + +<p> +„Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit +seinem Tenorhorn, ist er stärker als das ganze Orchester.“ +</p> + +<p> +„Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen +Rat nur, um dem Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr +die Frauen liebt. Hört: wollt Ihr Euch nicht den Gesang von +ihm lehren lassen, — da Ihr doch so gern die ‚Arme Tonietta‘ +singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer +Mann braucht nicht eifersüchtig zu sein.“ +</p> + +<p> +Der Schneider lachte bieder. +</p> + +<p> +„Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die ‚Arme +Tonietta‘ bald besser singen als ich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie +albern. Flora Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht +sehen zu lassen. +</p> + +<p> +„Also ich schicke Euch den Cavaliere.“ +</p> + +<p> +Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der +Schneider und blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom +langen Starren auf ihr goldenes Vlies. +</p> + +<p> +Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen. +</p> + +<p> +„Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also +sehen, immer andere diese Stimme bewundern. Ich werde +Geschlechter entzücken, Geschlechtern groß scheinen, die noch +nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst fühlen? Werde +ich glücklich sein?“ +</p> + +<p> +Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich +im Dunkel hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte. +</p> + +<p> +„Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand +neben mir. Sind denn wirklich alle meine Feinde? Ach, daß +ich böse bin!“ +</p> + +<p> +Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen. +</p> + +<p> +Sie besann sich. „Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.“ +Über den kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das +Flakon ins Haar. Aber sie fühlte sich linkisch dabei. +</p> + +<p> +„Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön +für mich, es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse +es, da es mir nicht gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, +spätesten Blicke und nie die Küsse des nächsten darauf +empfangen darf.“ +</p> + +<p> +Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen. +</p> + +<p> +„Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der +Begierde, mich glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . +Erlaube es mir!“ +</p> + +<p> +Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst? +</p> + +<p> +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +„Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick +es wäre!“ +</p> + +<p> +Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter +ihrem weiten, nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie +zum Sterben; — und in dem ungeheuren Schluchzen, das ihr +die Kehle sprengte, fühlte sie das größte Glück ihres Lebens +hervorbrechen. Sie wußte: „Es wäre das leichte Geschick der +andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf +seine Härte.“ Dennoch weinte sie köstlich. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano: +</p> + +<p> +„Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein +hat noch Licht bei sich, und sie weint.“ +</p> + +<p> +Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen +währte, blieb er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; +der Alte schlich zurück auf den Platz. Er setzte sich vor +dem Café „zum Fortschritt“ an einen der mondbeschienenen +Tische. Es schlug hallend ein Uhr. +</p> + +<p> +„Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau +des Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, +und ich zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen +könnte, wie damals in Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte +sich in mich, als ich den Herzog im ‚Rigoletto‘ kreierte. +Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte mich den +schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später +sagte mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des +Caino, der letzten Rolle, die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff +die letzte Frau, die mich wirklich liebte? Die letzte +Rolle, die letzte Frau . . .“ +</p> + +<p> +Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos. +</p> + +<p> +„Still: da ist jemand“, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie +flüsterte: +</p> + +<p> +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +„Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.“ +</p> + +<p> +Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von +der letzten Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem +Rathaus. +</p> + +<p> +„Wer ist es?“ +</p> + +<p> +„Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.“ +</p> + +<p> +„Sollen wirs wagen?“ — und sie schlüpften durch den Mondstreif +in den nächsten Bogen. +</p> + +<p> +„O Himmel! Er hat sich gerührt.“ +</p> + +<p> +„Warum die letzten?“ dachte der Alte. „Noch manche Frau +hat mir gehört. Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . +Oder gehörten und jauchzten sie meinem Ruhm? Denn ich +bin berühmt . . .“ +</p> + +<p> +Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba +und Nello hielten den Atem an. +</p> + +<p> +„Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, +die schon starben. Frauen, die noch jung sind, haben +von mir geträumt und Knaben sich an mir begeistert.“ +</p> + +<p> +„Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir +vorüberkommen? Das Kloster droben ist geschlossen, und nicht +Amica ist morgen früh die Pförtnerin.“ +</p> + +<p> +„Auch hier, o Alba, lieben wir uns.“ +</p> + +<p> +Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des +Brunnens zu. +</p> + +<p> +„Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich +hatte schwarze Hände von der Arbeit, und ich sang. Niemand +achtete auf mich, — Giulietta aber ließ ihre Wäsche liegen und +hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so rann es, +und dies war meine Stimme . . .“ +</p> + +<p> +„Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch +den Mondschein. Um die Ecke ists dunkel, und wir sind in +Sicherheit.“ +</p> + +<p> +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +„O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen +rette, meine Geliebte!“ +</p> + +<p> +„Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie +wirklich an ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie +auf meinen Händen welk sind! Weder die Frau des Schneiders, +noch Rina, die Magd, werden mich wollen, wenn sie +meine Nägel sehen.“ +</p> + +<p> +„Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du +küßt. Küsse mich, Alba!“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +V +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>er Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café „zum +Fortschritt.“ +</p> + +<p> +„Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage +sie Ihnen im Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum +so lange wie möglich vorzuenthalten, denn wir müssen +Unruhen befürchten.“ +</p> + +<p> +„Mancafede ist erbleicht“, sagte der Herr Giocondi. „Welchen +Schlag werden Sie uns versetzen?“ +</p> + +<p> +Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, +— da kam aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt +der junge Savezzo, pflanzte sich, die Arme verschränkt, vor den +Tisch hin und sagte: +</p> + +<p> +„Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.“ +</p> + +<p> +„Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren“, sagte der +Sekretär. +</p> + +<p> +„Gleichviel,“ — und der Savezzo zeigte seine schwarzen +Zähne; „die Stadt: das ist der Advokat. Sie verliert, weil +sie auf ihn gehört hat.“ +</p> + +<p> +„Ich leugne es nicht“, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi +sahen sich an. +</p> + +<p> +„Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht +sehen läßt?“ +</p> + +<p> +„Herr Savezzo —“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den +Arm des jungen Mannes. +</p> + +<p> +„Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk +gegen uns schicken?“ +</p> + +<p> +„Man hat ihn schwer beleidigt“; — und Savezzo hob unheilvoll +die Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd. +</p> + +<p> +„Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, +was er verdient. Wie, Ihr Herren? Wir werden uns, da +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von ihm, wir +werden ihn ausliefern.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte +uns unrecht geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft +sind.“ +</p> + +<p> +„Tatsächlich“, äußerte Polli, „weiß alle Welt, daß der Eimer +der Stadt gehört, die ihn erobert hat.“ +</p> + +<p> +„Noch dazu mit Hilfe der Götter“, setzte der Herr Giocondi +hinzu. +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen. +</p> + +<p> +„Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das +Gericht der ersten Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn +Jahrhunderte hindurch verwaltet hat, durch die so lange getragene +Verantwortung für das ruhmreiche Erinnerungsstück +gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe . . .“ +</p> + +<p> +Der Apotheker fiel ein: +</p> + +<p> +„Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf +sind.“ +</p> + +<p> +„Aber wir können appellieren“, meinte der Tabakhändler. +Camuzzi erwiderte: +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen +wird. Der Advokat wird es verlangen, aber werden wir ihm +folgen? Die Tatsache spricht nicht dafür, daß sein Antrag, am +Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere Giordano anzubringen, +gestern abgelehnt worden ist.“ +</p> + +<p> +„Es gibt Leute,“ erklärte Polli, „die von den Komödianten +genug haben. Es scheint, daß sie morgen abziehen werden. +Adieu, laßt es euch gut gehen.“ +</p> + +<p> +Auch der Herr Giocondi winkte Abschied. +</p> + +<p> +„Wir kennen jetzt ihre ‚Arme Tonietta.‘ Ob wir sie kennen! +Wenn ich mir den Mund ausspüle, klingt es wie ‚Sieh Geliebte, +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +unser umblühtes Haus.‘ Niemand will mehr dafür bezahlen, +versteht sich, und damit man noch hingeht, machen sie zwischen +dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda +im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen <a id="corr-11"></a>und die +Musik des Maestro Dorlenghi singen, der ein guter junger +Mann ist.“ +</p> + +<p> +„Sollen sie sie singen“, sagte Polli. „Aber in den vier Wochen, +die sie in unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem +andern. Man spricht besser nicht von den beiden Paradisi. +Der Vittorino Baccalà war seinerseits immer ein ehrlicher +Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines Weib +ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären +wenigstens in dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben +. . .“ +</p> + +<p> +Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. +Savezzo stellte brutal den Fuß vor. +</p> + +<p> +„Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? +Denn man weiß, daß auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, +in die väterliche Kasse gegriffen hat. Wer hat diese +Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt losgelassen?“ +</p> + +<p> +„Es sind Künstler!“ rief der Apotheker. „Sie hinterlassen +uns eine Erinnerung an die Ideale.“ +</p> + +<p> +„Und Schulden,“ sagte der Gemeindesekretär, „— die ich +übrigens vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung +warnt, ist ein Gegner des Fortschritts, und wer die Entsittlichung +nicht wünscht, ein Klerikaler.“ +</p> + +<p> +„Ein Dieb ist der Tenor!“ stieß plötzlich der schöne Alfò aus, +der um den Tisch strich. „Will der Leutnant ihn nicht einsperren, +dann bringe ich ihn um“; — und er knirschte mit entblößtem +Gebiß. Savezzo legte einen schweren Blick auf ihn; +der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo +folgte ihm. Im Gehen erklärte er: +</p> + +<p> +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +„Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, — da er ja +alles zum Parfümeur und zum Schneider trägt.“ +</p> + +<p> +„Welche Lebensweise!“ sagte Mancafede. „Aber alle sind +jetzt verrückt. An dem Fest, das der Severino Salvatori den +Komödianten gegeben hat, verdient der Malandrini wenigstens +zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf dem Wege, +sich zu ruinieren.“ +</p> + +<p> +„Und sein Dämon ist der Advokat“, sagte Camuzzi. „Man +würde glauben, daß dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie +er mit der eigenen Person, die Ausschweifungen aufreiben, +zugleich die Stadt zerstören könne.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat!“ rief Acquistapace. „Er ist tapfer und hat +große Gedanken. Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche +Schlachthaus, die Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison +haben werden, dann werden wir auf dem Platz, der +nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum mit +Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti +errichten, des größten Bürgers der Stadt!“ +</p> + +<p> +Polli kratzte sich den Kopf. +</p> + +<p> +„Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht +so viele wären.“ +</p> + +<p> +„Um Fremde herzuziehen,“ bemerkte der Herr Giocondi, +„hat der Advokat die Gemeinde vierhundert Lire ausgeben +lassen. Man muß sagen, daß der einzige Engländer, der beim +Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.“ +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand. +</p> + +<p> +„Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. +Der Advokat in seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb +ausartet, merkt nicht, wie er die Reste seines Ansehens +verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt hat, bedaure ich +nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen geöffnet +und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +sieht sich plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber +und besinnt sich auf die Mäßigung und die Strenge, ohne die +kein Gemeinwesen besteht.“ +</p> + +<p> +„Tatsache ist,“ bemerkte der Tabakhändler, „daß heute früh +in der Messe so viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren +nicht mehr.“ +</p> + +<p> +„Der Unterpräfekt soll dagewesen sein“, sagte Giocondi. „Man +muß also vielleicht wieder hingehen?“ +</p> + +<p> +Der Apotheker schnob zornig. +</p> + +<p> +„Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, +und die Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, +der sie doch entstammt, unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, +die der König dem Kaiser von Deutschland in Rom +gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche Aristokratie eingenommen? +Das liberale Bürgertum war gut genug, die +Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern +ihre alten Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen +möchte. Denn, sagen wir nur die Wahrheit, mit Garibaldi +wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war der Held +zu groß, als er abdankte und uns verließ.“ +</p> + +<p> +„Sie haben recht“; — Camuzzi feixte — „unter Garibaldi und +der Republik gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer +noch um sonst etwas.“ +</p> + +<p> +Der Alte breitete die Arme aus. +</p> + +<p> +„Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen +sagen, was ich glaube. Dies mein Bein, das ich im Dienst der +Republik verloren habe: — ah! die Republik bleibt jung, wie +ich selbst damals war, und käme sie nun, sie ließe mir mein +Bein wieder wachsen!“ +</p> + +<p> +Camuzzi erhob sich vornehm. +</p> + +<p> +„Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.“ +</p> + +<p> +Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er: +</p> + +<p> +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +„Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben +die Wahrheit für sich zu haben. Aber erstens: gibt es eine +Wahrheit? Und dann würde sie zu weit führen.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Wohin, Alfò?“ rief Polli; aber der Sohn des Gevatters +Achille ballte nur, ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging +mit langen Schritten in die Rathausgasse. +</p> + +<p> +„Was hat der schöne Alfò?“ fragten, wo er vorbeikam, die +Frauen. „Anstatt uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf +die Nase, als dächte er an Übles.“ +</p> + +<p> +Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, +trat hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der +schöne Alfò begann zu schlottern. +</p> + +<p> +„Ich weiß alles, was du denkst,“ — und der Blick des Savezzo +lastete dumpf auf ihm. „Wehe, wenn du je verrätst, du habest +mit mir gesprochen. Du weißt nicht, was ich kann; an deinem +eigenen Wort würdest du sterben.“ +</p> + +<p> +„Aber wenn es wahr ist,“ sagte Alfò, scheu geduckt, „wenn +er sie verführt hat, dann ermorde ich ihn.“ +</p> + +<p> +„Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.“ +</p> + +<p> +Der Savezzo zog ihn in den Feldweg. +</p> + +<p> +„Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße“, sagte er, +düster lachend; und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, +vor einer Kapelle: +</p> + +<p> +„Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: ‚Du +sollst die Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.‘ +Dann schwor er ihr Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu +ihm entfliehen wolle, gleich morgen, kaum daß die Komödianten +fort seien . . . Laß das Messer in der Tasche!“ — und der +Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. Der +schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück. +</p> + +<p> +„Da sind sie“, flüsterte der Savezzo vor Villascura. „Sie +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +verstecken sich nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, +haben sie umarmt gesehen, und du, Dummkopf, willst +noch zweifeln?“ +</p> + +<p> +Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer +im Staub. +</p> + +<p> +„Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere“ — +und der Savezzo zog sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, +flach am Boden, über die Straße und durch den Spalt im +Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche Erde zwischen +den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und +dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er. +</p> + +<p> +Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen. +</p> + +<p> +„Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine +elegante Frau zur Geliebten, eine Dame der großen Welt.“ +</p> + +<p> +„Ich?“ sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen +Schultern empor. „Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen +der großen Städte.“ +</p> + +<p> +„Wie deine Hände duften!“ +</p> + +<p> +„Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? +Mein Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.“ +</p> + +<p> +„Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich +liebst?“ +</p> + +<p> +Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in +seinen, schüttelte sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den +Schatten. +</p> + +<p> +„Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.“ +</p> + +<p> +„Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. +Sie ist schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins +Fleisch, wie dieser Busch.“ +</p> + +<p> +„Alba, was tust du? Deine armen Hände!“ +</p> + +<p> +„Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, +als nur die Liebe zu dir.“ +</p> + +<p> +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +„Und ich?“ rief Nello. „Was geschieht mir, was nicht von +dir käme? Ich sehe niemand, nichts bewegt mich; aber wenn +ich allein zwischen den Feldern gehe, muß ich plötzlich anhalten +und lechzend blinzeln, denn in der heißen Luft kommt dein +blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund +zu.“ +</p> + +<p> +Sie sah ihn, einsam grübelnd, an. +</p> + +<p> +„Ich glaube dir nicht.“ +</p> + +<p> +„Du glaubst mir nicht?“ +</p> + +<p> +„Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem +Platz geohrfeigt: deinetwegen, sagt man.“ +</p> + +<p> +Er schnellte auf. +</p> + +<p> +„Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor +meinen Augen töten, so würde ich über sie hinwegsteigen, um +zu dir zu gelangen!“ +</p> + +<p> +„Ist das wahr?“ — und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, +Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann +sie zu zittern. +</p> + +<p> +„Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten +Küsse?“ +</p> + +<p> +„Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht +der Pächter uns den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht +gesehen? Denselben Wagen, worin du mir morgen früh nachkommen +wirst und in den ich einsteigen werde zu dir, morgen +früh!“ +</p> + +<p> +„Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge +heimlich lauschte, wie du sangst, ward plötzlich das Herz mir +schwach von der Angst, dies seien die letzten Töne, die ich von +dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, ich erschrak, wenn +der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, +sehnte ich mich nach ihr.“ +</p> + +<p> +„Meine Alba!“ +</p> + +<p> +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +„Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee +verließ die Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken +die Diener und brachten dir auf Samtkissen in offnen Schatullen +die Geschenke. Von welchen Frauen kamen sie?“ +</p> + +<p> +„Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie +nichts wert sind.“ +</p> + +<p> +„Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der +Welt, auf dich mit ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür +singen? Ach, Nello! vielleicht haben wir alles gehabt, +was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in jenen +Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin zurückkehren.“ +</p> + +<p> +„Alba! Was faßt dich an.“ +</p> + +<p> +Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel +fort. Er erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr +geschliffenes Profil, als stehe es drohend über ihm. Schaudernd +bückte er sich. Sie sagte hinauf in die Luft: +</p> + +<p> +„Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst +die ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene +werden ihn umsonst suchen, der Alba liebte und der keine mehr +lieben soll. Du wirst verstummt sein. Das Echo deiner letzten +Töne schließe ich in dies Herz, das versteinen wird.“ +</p> + +<p> +Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er +warf sich in die Knie. +</p> + +<p> +„Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: +töte mich!“ +</p> + +<p> +Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. +Sie weinten. +</p> + +<p> +Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht. +</p> + +<p> +„Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris +kommen. Küßt du nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es +heißt schön sein . . . Und du, Schöner, glaubst du, ich wüßte +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? Laß +dich bewundern!“ +</p> + +<p> +Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse +entlang. Da schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, +Fletschendes: ein Messer blitzte. Nello lief; er lief und +schrie: +</p> + +<p> +„Hilfe! Mörder!“ +</p> + +<p> +„Auf die Terrasse!“ rief Alba. „Ins Haus!“ +</p> + +<p> +Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, +Nello hastete den Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer +Bestie. Er stolperte ohne Weg, er hatte keinen Atem mehr, +ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn verlangte nur noch, dem +Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, schon schloß +er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er +sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht +vor Nonoggi und dem Advokaten die Einsenkung des Berges +hinabgerutscht waren; er erkannte die Pinie, an der sie sich +gehalten hatten. Das Vergangene, alles Vergangene, alles, +was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines Messers +auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello +stieß einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte +eine Stufe. Hoch oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte +sich am Grunde der Grube, in die sie einst beide gestürzt waren, +und Alba war da, die ihm das Messer entriß. Nello warf +sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In einer +Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das +Herz und atmete. Er sah umher. Er atmete. +</p> + +<p> +„Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten +Küsse schmeckten nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich +bald all meins gelassen.“ +</p> + +<p> +Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn. +</p> + +<p> +„Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +aber ihre Liebe ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will +nicht sterben.“ +</p> + +<p> +<a id="corr-12"></a>Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der +Faust auf den Boden. +</p> + +<p> +„Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen +bald Mönch werden, bald in einen Abgrund springen, +töte Schlangen und setze mich allen Messern der Stadt aus. +Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, wie sie mich +will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um +sich her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen +man singt!“ +</p> + +<p> +Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; +und senkrecht über ihm stand das Kloster. Er suchte die +Treppe. +</p> + +<p> +„Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt +hat!“ +</p> + +<p> +Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten +war niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug +einsame weiße Sonne das Pflaster; das Tor stand offen. +Draußen sah Nello sich verwundert um; er hatte Lust, zu +laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder +Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß +der Himmel weit und blau war. +</p> + +<p> +Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der +Leutnant Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. +Nello ging mit leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der +schöne Alfò verschwand rasch. +</p> + +<p> +Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt +herab. Nello bog hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn +langsam zurück und erwiderte ihren Blick. Schließlich lächelten +sie beide ein wenig. +</p> + +<p> +„Ich grüße Sie, Signora“, sagte Nello. +</p> + +<p> +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +„Guten Abend, mein Herr“, sagte Frau Camuzzi; und nach +einer Minute des Blickens und Lächelns: +</p> + +<p> +„Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?“ +</p> + +<p> +„Ich singe doch nicht mehr.“ +</p> + +<p> +„Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?“ +</p> + +<p> +Sie lächelte schärfer. +</p> + +<p> +„Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie +unsichtbar?“ +</p> + +<p> +„Es ist wahr, ich soll singen!“ +</p> + +<p> +„Frau Zampieri,“ sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster +erschienen war, „denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr +an ihr Harfenspiel? Da sehen Sie den Künstler, der nichts davon +weiß, daß alle ihn erwarten.“ +</p> + +<p> +„Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter +meinen Hörern —“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden +Fächer mit einem raschen, tiefen Blick, — und ehe er beendet +hatte, war sie fort. Nello knallte mit zwei Fingern, er +schwenkte sich auf den Absätzen herum. +</p> + +<p> +„Sieh doch!“ dachte er, und: „Warum nicht . . . Oder eine +andere! Oder mehrere!“ +</p> + +<p> +Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen +der Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische +Verbeugung. +</p> + +<p> +„Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles +ist wieder Spiel und Abenteuer; — und morgen gehts in die +Welt hinaus.“ +</p> + +<p> +Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen +Seite kam ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. +Wo es nach dem Gasthaus „zum Mond“ hinabging, maßen sie +sich, und der entzündete Blick des Priesters wich aus. „Wie +er verstaubt, schweißig und elend aussieht!“ dachte Nello. „Ist +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er +ein Narr, daß er die Seelen rettet.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des +schwarzen Ganges horchte er, und da alles still blieb, packte er +den Knauf des Treppengeländers und bettete die Stirn auf +den Stein. +</p> + +<p> +Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte +ungesehen in sein Zimmer und lief darin umher: die Fliesen +machten seinen Schritt laut klappern zwischen den kahlen Mauern. +Immer wieder ertappte er sich, wie er, mit einer Miene +aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken +spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die +Fäuste auf die Hüften. +</p> + +<p> +„Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt +mir das Essen? was für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?“ +</p> + +<p> +Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken +dürfen! +</p> + +<p> +„Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.“ +</p> + +<p> +Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. +Er tat es mit verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des +Gerichtes durchdrang, hielt er erschrocken ein. „Der elende +Kitzel!“ +</p> + +<p> +„Schmeckt es Euch nicht?“ fragte die Alte. „Ist Euch übel?“ +</p> + +<p> +Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete +ins Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf +er sich nieder. Nach einer Weile hob er lauschend den Kopf; +mit einem Lächeln der Erlösung reckte er die gefalteten Hände +hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, erstarrt. „O mein Gott! +Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um mich +zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber +wars das Gebet der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +Reinheit liege ich in einer letzten Anstrengung, — und was +ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!“ +</p> + +<p> +Er schrie auf: +</p> + +<p> +„Ich bin verloren!“ +</p> + +<p> +„Ihr habt geklopft?“ fragte die Alte. „Madonna! was tut +Ihr, Ihr habt den Waschtisch umgeworfen.“ +</p> + +<p> +Während sie den Boden trocknete: +</p> + +<p> +„Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt +Ihr Euch. Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes +Kleid anzuziehen und es schmutzig zu machen. Was tun wir +nun?“ — und sie sah ihn plötzlich scharf an. Er wich bis an +die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen. +</p> + +<p> +„Ich weiß nichts mehr zu tun“, sagte er und hörte seine +Stimme metallisch und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte +Schwingen des Sterbeglöckchens. +</p> + +<p> +„Hier ist die Lampe“, sagte die Alte. „Möge das Licht Eure +Gedanken zerstreuen.“ +</p> + +<p> +Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten +Kopfes durchs Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen +laut, — und hastig löschte er das Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen +Augen und lauschend rückte er dem Fenster immer +näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die vorbeikamen, +ein Frauenlachen auf. „Sie! Ach sie!“ — und Don Taddeo +brach zusammen. +</p> + +<p> +Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, +daß er verloren sei. +</p> + +<p> +„Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster +des verlorenen Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß +ich sie in der Beichte begehrt habe. Wie? Du wolltest behaupten, +es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr Kleid streifte? +Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den +Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +Wir haben uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, +und ich, der Priester, der die Handlung seines Amtes entweihte +— o! niemand als Gott weiß darum, und dennoch bin ich nun +exkommuniziert.“ +</p> + +<p> +Er betastete sich, — und er warf die Arme in die Luft. +</p> + +<p> +„Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, +daß ich verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen +Seelen, verstoßen und verdammt! Ach, über mich!“ +</p> + +<p> +Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte +hinaus. +</p> + +<p> +„Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer +weiß denn, wie es kam? Ist es nicht ein außerordentliches +Geschick, das mich getroffen hat? Der Papst hat leicht verdammen. +Es soll nicht gelten! Ich will wieder werden, der +ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen +ein Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie +einen Heiligen . . .“ +</p> + +<p> +Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend. +</p> + +<p> +„Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines +Kirchenfensters krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die +Unzucht treibt! Ein Heiliger, dem es nichts nützt, auf dem +nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn die Begierde nach +ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche Lockung +der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni +werden heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, +was von mir ausgeht. Was sage ich? Die Madonna! Ich +darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!“ +</p> + +<p> +Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst. +</p> + +<p> +„Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet +Seelen. Mein Laster hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit +den Komödianten zugrunde richteten, von Gott abfielen und +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. Die Verderbnis der +Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen Verderbnis. +Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter +des Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig +ist und mich erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! +Was spreche ich vom Papst und von den Strafen? Es könnte +weder Papst noch Gott geben; keine Ewigkeit könnte der Menschen +warten; und dennoch bliebe der Geist — o! welche Erkenntnis +und welche Niederlage — er bliebe heilig, und ich, der +ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine +Lust der Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher +verdammt, als je ein der Hölle Verfallener.“ +</p> + +<p> +Er reckte die Arme hinauf. +</p> + +<p> +„Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! +Wir müssen brennen: sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich +selbst — und alle, die hier sündigten: die Stadt muß brennen! +Du willst es, Herr!“ +</p> + +<p> +Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen +Hände wie Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß +an ihnen herab. Don Taddeo fühlte sich verzehrt und gereinigt. +Er schloß die Augen, umwogt von göttlichen Flammen. Sie +hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie brannte, +auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, +daß sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb +er, erlöst . . . Er seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, +drüben glomm das Licht vom Gasthaus „zum Mond“, nichts +war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein Bett. +</p> + +<p> +„Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird +kommen?“ +</p> + +<p> +Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, +sie lachte wie der Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren +zu, aber er hörte. Er drückte die Lider aufeinander und dennoch +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer betreten, sah +sie die Kleider lösen, <a id="corr-13"></a>erblickte den Glanz des Fleisches. Er +krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn +so heftig, daß er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote +Wellen vor den Augen und in den Ohren Lärm. +</p> + +<p> +„Sie muß brennen!“ +</p> + +<p> +Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch +die Zimmer, über die Treppe, und draußen — niemand da? +— huschte er auf die Schattenseite und die Gasse zum Gasthaus +hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don Taddeo +starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte +Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, +und die Zähne klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den +Händen auf dem Pflaster das Stroh zusammen . . . +</p> + +<p> +Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! +Kam er? +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Weiß ichs?“ sagte Nello Gennari. +</p> + +<p> +„O nein“, sagte Flora Garlinda, — und sie gingen weiter. +</p> + +<p> +„Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir +gestehen, Nello, daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet +habe. An deinem Ehrenabend warst du geradezu erstaunlich.“ +</p> + +<p> +„Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.“ +</p> + +<p> +„Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts +mehr von dir. Seit heute abend bist du wieder so mittelmäßig +wie je.“ +</p> + +<p> +Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln +seine vor Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor: +</p> + +<p> +„Aber sie klatschten auch heute abend.“ +</p> + +<p> +„Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist“, +— und Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte. +</p> + +<p> +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +„Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal +schlecht zu singen, wenn man —. O Flora, ich war der Glücklichste +von allen, heute aber wäre ich fast ermordet worden.“ +</p> + +<p> +Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten +Gäste des Klubs betraten dort hinten, jenseits des leeren +Platzes, die Treppengasse. Flora Garlinda bog in die Gasse der +Hühnerlucia. +</p> + +<p> +„Fast ermordet: o! was für Abenteuer.“ +</p> + +<p> +Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war +müde. +</p> + +<p> +„Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er +am Abend singen wird . . . Gute Nacht.“ +</p> + +<p> +Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme +nach: +</p> + +<p> +„Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!“ +</p> + +<p> +Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal +warf er sich herum, stockte wieder, atmete heftig in die Nacht +hinauf. Seine Hände hoben sich, langsam und zuckend: — da +ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog sein halblanges +Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte: +</p> + +<p> +„Alba!“ +</p> + +<p> +Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der +Brunnen. Jener Fensterladen hinter dem Glockenturm +zitterte ein wenig. +</p> + +<p> +. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die +Finger knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter +der geschlossenen Tür des Cafés „zum Fortschritt“ entstand Geräusch: +Nello schrak wild zurück. Gleich darauf streckte er der +Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er warf die Schultern +in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des +Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, +schon nahe beim Tor, nach dem Lichtschein um. Er schüttelte +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +lachend den Kopf; er drückte die Hände vor den Mund, woraus +Jauchzen brach: +</p> + +<p> +„Alba!“ +</p> + +<p> +Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah +sich um. +</p> + +<p> +„Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele +Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!“ +Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am +Leibe . . . Nein, ein Schatten. Aber es war dennoch kein +Spiel gewesen, als heute morgen jener Verrückte mit dem +Messer hinter ihm her war. „Ein Verrückter, ja, und vielleicht +schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die +er mich beneidet; — aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich +habe dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn +wiedersehen? O Gott! Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich +groß, auch ich! Sie haben es gefühlt, als sie klatschten; und +ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß machte: weil ich +sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!“ Er hatte den Weg nun +sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den +Mauerschatten hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen +schwarzen Hecken, worin manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, +als sei es ein Dolchstrahl. Ein Lufthauch wehte ihn an; Nello +öffnete die Nasenflügel. „Ihr Duft! Er kommt aus ihrem +Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich +auf meinen Kuß wartet!“ Aber dieser Duft durchdrang +ihn bitterer glühend als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. +„Ich werde sterben!“ Er schloß die Augen, bog den Kopf zurück. +Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle hingebreitet, und mit +geöffneten Armen: +</p> + +<p> +„Alba!“ +</p> + +<p> +„Da bin ich, Nello!“ — und aus dem Schatten langten diese +geliebten Hände. +</p> + +<p> +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +„Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!“ +</p> + +<p> +„Du kamst: ich wußte es, mein Nello!“ +</p> + +<p> +„Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich +habe vergessen, mich zu bewaffnen.“ +</p> + +<p> +Sie ließ eine Klinge funkeln. +</p> + +<p> +„Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: +wehe den Feinden meines Geliebten!“ +</p> + +<p> +Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter: +</p> + +<p> +„Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß +ich dich verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn +dein Leben ist mir teurer als dir.“ +</p> + +<p> +Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der +Villa. Als sie hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte: +</p> + +<p> +„Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie +wir?“ +</p> + +<p> +Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse +ihrer Gesichter. +</p> + +<p> +„Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. +Die Rosen duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es +ist still, sogar unsere Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, +mein Geliebter, um uns her das Meer sich wiegen? Sanft +spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. Laß +uns hinaussehen!“ +</p> + +<p> +Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus +Steineichen. Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes +vor ihnen dahin. +</p> + +<p> +„Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, +o Glück! Wir stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du +bist, und du hast alles vergessen, was nicht ich bin, o Glück!“ +</p> + +<p> +„Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst +du, nun haften Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht +einen Kranz daraus machen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +„Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe +ich nicht die Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? +Zum erstenmal tat ich das, und tat es, weil wir das Geld +zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn die +Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann +Gott dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich +liebe.“ +</p> + +<p> +„Und ich dich, o Alba!“ +</p> + +<p> +„Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o +mein Geliebter, und daß wir immer glücklich sein werden.“ +</p> + +<p> +„O Glück!“ +</p> + +<p> +„. . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall +geschwiegen?“ +</p> + +<p> +„Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, +waren zu tief; nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer +süßer, immer schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da +liegt sie.“ +</p> + +<p> +„Sie ist tot!“ +</p> + +<p> +„Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie +beneiden: sie ist durch Liebe gestorben.“ +</p> + +<p> +„Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!“ +</p> + +<p> +„Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? +. . . Schon verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, +dort drüben geht, mitten über dem Mondlande, die rote Sonne +auf.“ +</p> + +<p> +„Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte +Stadt mit zauberhaften Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse +in das brennende Rot. Sehnst du dich nicht dahin, meine +Geliebte?“ +</p> + +<p> +„Aber wenn es ein Brand wäre?“ +</p> + +<p> +„Ein Brand? Welcher? Wo?“ +</p> + +<p> +„In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +. . . Links vom Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht +unterhalb des Corso?“ +</p> + +<p> +„Alba! Es ist das Gasthaus!“ +</p> + +<p> +„Ich wollte es nicht sagen.“ +</p> + +<p> +„Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen +sie mich. Wir sind verloren, was tun!“ +</p> + +<p> +„Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.“ +</p> + +<p> +„Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!“ +</p> + +<p> +„Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken +würde.“ +</p> + +<p> +„Was denn! Ja was denn!“ +</p> + +<p> +Und da sie schwieg: +</p> + +<p> +„Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang +und springe über die Gartenpforte.“ +</p> + +<p> +„Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. +Gehe lieber über den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; +vielleicht, daß sie dich nicht beachten . . . Geh, Lieber, wenn +wir uns wiedersehen, ists für immer.“ +</p> + +<p> +„Für immer“, rief Nello zurück. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso +drängte sich das Volk und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf +der Treppe vor dem Dom stand eine Gruppe: Nello suchte umsonst, +voller Befürchtungen, die Gesichter zu erkennen. Auf +dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge +wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über +den Dächern, der alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari +drückte sich an den Häusern hin. Vor dem ganz verstopften +Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, riß zwei +Männer an den Schultern auseinander und schrie: +</p> + +<p> +„Platz! Platz für den Advokaten Belotti!“ +</p> + +<p> +„Was denn! Buffone!“ keifte die Stimme des Galileo Belotti +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +von der Domtreppe herab. „Kommen etwa wir durch? +Und ist der Advokat wichtiger als wir?“ +</p> + +<p> +„Der Advokat ist schon beim Gasthaus“, sagte jemand im +Gedränge. +</p> + +<p> +„Ich weiß es!“ rief Nello verzweifelt. „Ich habe einen +Auftrag vom Advokaten und muß zurück zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben“, sagte grollend +der Schlosser Fantapiè. „Hätte er statt euch Komödianten eine +Dampfspritze angeschafft! Jetzt brennen wir auf.“ +</p> + +<p> +„Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!“ +</p> + +<p> +Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie +trugen den ganzen Inhalt ihres Ladens auf den Armen. +„Fertig ist der Advokat!“ brüllte der Schlächter Cimabue. +„Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den +Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten +an den Kopf werfen.“ +</p> + +<p> +Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine +unheimlich sanfte Stimme. +</p> + +<p> +„Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag +vom Advokaten hat? Er ist nur davongelaufen, als es +brannte: nein, seltsam, einen Augenblick vorher; denn ich habe +ihn laufen gesehen.“ +</p> + +<p> +Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von +oben gierig in die Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut +dieses Hasses. „Ich bin verloren!“ dachte er, ganz starr. +</p> + +<p> +„Glauben Sie denn wirklich,“ fragte droben der Cavaliere +Giordano, „daß die ganze Stadt aufbrennen wird?“ +</p> + +<p> +„Sprechen Sie doch nicht davon!“ flehte der Kaufmann +Mancafede und rieb sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit +gefunden, die Unterhosen anzuziehen. „Mein unversichertes +Lager! — und mein Haus wird das erste sein, das brennt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +„Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?“ +meinte Frau Camuzzi mit Achselzucken; aber Mama Paradisi +warf sich wogend gegen die Schulter des Kaufmannes. +</p> + +<p> +„Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, +werden wir zusammen in die Welt hinauswandern und ein +neues Leben anfangen.“ +</p> + +<p> +„Und Ihre Töchter?“ fragte Frau Camuzzi. Aber Mama +Paradisi wehrte, fessellos, mit der Hand ab. +</p> + +<p> +„Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein +Isidoro, dies Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir +zusammen glücklich waren, ohne uns um die Religion zu +kümmern.“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände. +</p> + +<p> +„Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! +Das Rathaus, woran ich meine Gedenktafel haben sollte!“ +</p> + +<p> +„Ihre Gedenktafel!“ +</p> + +<p> +Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt +herauf. +</p> + +<p> +„Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat +sie heute abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten +sind vorüber, er hat den Prozeß verloren. Man errichtet nicht +mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für Landstreicher.“ +</p> + +<p> +„Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, +voll von Geschenken der Fürsten und der —“ +</p> + +<p> +Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, +er machte sich an den Savezzo, der abseits, die Arme +verschränkt, am Dom lehnte, und er wisperte: +</p> + +<p> +„Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, +an der Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es +dem Allebardi gesagt, denn er und der Kutscher arbeiten an +der Spritze, und der Allebardi —“ +</p> + +<p> +Nonoggi rang nach Atem und tanzte. +</p> + +<p> +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +„Nun?“ fragte Savezzo und nickte schwer. +</p> + +<p> +„— hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit +ich Euch frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn +da Don Taddeo sich nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit +dem Unglück des Advokaten der größte Mann der Stadt!“ +</p> + +<p> +Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen +über das Pflaster hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, +unwiderstehlich öffnete sich sein Mund zu einem +schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine Nase. +</p> + +<p> +„Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,“ sagte +er mit einer großen Gebärde. Und leiser: +</p> + +<p> +„Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die +Wahrheit zu sagen. Wir müssen als Politiker handeln, die +sich ihrer Verantwortung bewußt sind. Geht, Nonoggi, und +schweigt! schweigt!“ +</p> + +<p> +„Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?“ fragte Frau Camuzzi. +„Wird sie, wenn Ihr Haus brennt, herauskommen?“ +</p> + +<p> +„Was denken Sie?“ antwortete er gekränkt. „Neun Jahre +sind es, daß sie nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!“ — und er +hielt sich, wieder ganz zusammengesunken, die Ohren zu. Eine +Funkengarbe schoß dahinten aus dem Dunkel; es knatterte; +das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters Malagodi, +droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße +durchbrach den Schrecken heller Jubel. +</p> + +<p> +„Nun sage, Pomponia,“ rief die Magd Felicetta, „ob das +nicht schöner ist als das Feuerwerk am Verfassungsfest!“ +</p> + +<p> +„Ich werde dir ein Feuerwerk machen!“ — und der Bäcker +kniff sie, daß sie schrie. +</p> + +<p> +„Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde +soll mir mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich +abbrennen läßt. Der Advokat! Er ist mir verantwortlich, er, +der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!“ +</p> + +<p> +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +„Nieder der Advokat!“ rief man, „er hat den Eimer verloren! +Don Taddeo gehört der Eimer!“ +</p> + +<p> +Der Barbier Bonometti widersprach allein: +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er +ist ein großer Mann, der Advokat!“ +</p> + +<p> +Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz +weichen. Jeder stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam +und verzweifelt: +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Nieder der Advokat!“ schrie man einander in den Nacken, +immer tiefer in den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die +Pipistrelli schrie es im Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace: +</p> + +<p> +„Nieder der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, +weil ihr die Komödianten hergerufen habt!“ — und die Pipistrelli +schwang ihren Krückstock über der Menge. Es ward +gemurmelt: +</p> + +<p> +„Don Taddeo hat es vorausgesagt.“ +</p> + +<p> +Aber jemand rief: +</p> + +<p> +„Da ist einer von ihnen!“ +</p> + +<p> +Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners +den Tenor Gennari an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft +war. Sie griff ihm mit der Krücke unter den +Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen. +</p> + +<p> +„Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!“ +</p> + +<p> +Schon faßten Hände zu. +</p> + +<p> +„Laßt mich!“ rief Nello. „Ich wohne im Gasthaus!“ +</p> + +<p> +„So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm +hast, du schöner Kleiner!“ — und die Weiber, roten Feuerschein +in den verzerrten Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich +flogen sie heulend auseinander; der Bariton Gaddi war da +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den Freund ins +Freie. +</p> + +<p> +„Wir brauchen noch einen bei der Spritze“, erklärte er dem +Leutnant Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana +und Capaci die Menge von der Brandstätte abdämmte. Die +Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau Acquistapace versuchten, +die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie aber unerschütterlich. +Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die +Hände um den Kopf, durch den Hof seines brennenden +Hauses irrte. +</p> + +<p> +„He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die +Feinde Gottes. Nun laßt Euch von den Komödianten Euer +Haus bezahlen! Gewiß haben sie es angesteckt. Sind denn +wenigstens Eure Gäste gerettet?“ +</p> + +<p> +„Das Vieh ist aus den Ställen gezogen“, antwortete er. +</p> + +<p> +„Aber die Gäste!“ +</p> + +<p> +„Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.“ +</p> + +<p> +„Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich +brauchte er sich nur zu rühren, und sie war wach. Es wird +nicht viel Platz gewesen sein zwischen den beiden.“ +</p> + +<p> +„Man hat sie gesehen“, sagte Frau Nonoggi. „Die Felicetta +und die Pomponia haben sie gesehen. Sie werden jetzt +anderswo weiterschlafen.“ +</p> + +<p> +Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich +Platz. +</p> + +<p> +„Meine Frau!“ rief er. „Findet mir meine Frau wieder!“ +</p> + +<p> +„Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?“ +</p> + +<p> +„Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, +es brennt, sie ist fort.“ +</p> + +<p> +Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte: +</p> + +<p> +„Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile +vergessen haben. Ich begreife das.“ +</p> + +<p> +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +„Die Kinder“, stöhnte der Wirt, „sind da, sie aber —“ +</p> + +<p> +„Au, au! O über uns! Rettet euch! —“ und die Weiber +rannten, die Hände im Nacken, zurück, — indes, in einem langen +Aufschrei des Volkes, der hölzerne Balkon herunterkrachte +und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß. +</p> + +<p> +„Der Schuppen!“ schrie donnernd der Apotheker Acquistapace +und schwang die Faust. „He, Masetti, Allebardi! Eure +Spritze auf den Schuppen!“ +</p> + +<p> +„Ihr Komödianten,“ kommandierte der Apotheker, „und Ihr, +Chiaralunzi, richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese +verdammten dürren Maiskolben, die darunter liegen, brennen +schon . . . Aber ihr anderen, rettet mir den Schuppen! Sonst +wird er das Haus Polli in Brand setzen, und die Stadt ist zum +Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!“ +</p> + +<p> +Aber er selbst riß vergebens. +</p> + +<p> +„Malandrini, den Schlüssel!“ +</p> + +<p> +„Gebt mir meine Frau wieder!“ +</p> + +<p> +„Das ist aber kein Spaß mehr!“ — und der Tabakhändler +Polli brach sich Bahn. „Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? +Aber jene haben wohl die Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!“ +</p> + +<p> +Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. +Der Herr Giocondi drang mit ein. +</p> + +<p> +„Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert +oder nicht? Keine vier Wochen sinds, — und das ist nun +dein Dank, daß du mir abbrennst!“ +</p> + +<p> +„Solange es sich nicht um mein Haus handelte,“ schrie Polli, +„sondern nur um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. +Ich habe geschlafen, bis meine Frau mich weckte. Habe ich +nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? Niemand schläft wie +ich . . .!“ +</p> + +<p> +„Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +Ein schönes Geschäft für die Gesellschaft! Sie wird mich vor +die Tür setzen.“ +</p> + +<p> +Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler +zu. +</p> + +<p> +„Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!“ +schrie Polli. „Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen +an, sich selbst zu rauchen. Es fehlte nichts weiter. Setzt den +Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! Ein Beil!“ +</p> + +<p> +Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die +jungen Leute vom Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette +vom Fluß her Wasser holten, ließen die Eimer in der Luft +schweben: solchen Lärm machten die beiden kleinen Alten. +</p> + +<p> +„Kaltes Blut, Ihr Herren“, sagte der Advokat Belotti und +trat hinzu. „Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der +Schuppen nicht Feuer fängt. Seht ihr nicht, daß die Trümmer +des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, Acquistapace!“ — +und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi und +Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, +die immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. +„Die Sachen gehen gut, ich verbürge mich dafür“, sagte der +Advokat und legte sich die Hand auf die Brust. Da brachen +sie los: +</p> + +<p> +„Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn +dir an!“ +</p> + +<p> +Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an. +</p> + +<p> +„Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir +einen schwarzen Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?“ +</p> + +<p> +„Darum also“, fiel der Herr Giocondi ein, „hat der Advokat +die Dampfspritze abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden +persönlich zu haften gedachte. So sehr liebt er die Stadt! +Solch guter Bürger ist er!“ +</p> + +<p> +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und +mit erhobenen Armen, wackelten sie laut scheltend um den +Hof. +</p> + +<p> +„Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don +Taddeo!“ keifte es dahinten im Corso. Der Advokat griff, +zusammenzuckend, an die rote, gestrickte Mütze, die sein Haupt +bis zur Hälfte der Ohren überzog; es schien, er wollte grüßen. +Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den Spritzen. Aber Allebardi +schrie ihn an: „Achtung, Advokat!“ und spritzte ihm +über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock +zusammen, als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes +zurück. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm +rasch den Arm seines Begleiters, des Steuerpächters, und +machte einen Bogen. Der Advokat schnitt ihm den Weg ab. +</p> + +<p> +„Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte +meinen, daß es Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe +ich meinen Freund Acquistapace veranlaßt, eine Spritzenprobe +abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch glänzend. Das +Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach +einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?“ +</p> + +<p> +Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten +immer größer. +</p> + +<p> +„Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht +dieser Esel von Malandrini in dem offenen Speicher gerade +darunter seine Maiskolben zum Trocknen hingelegt hätte. Jetzt +fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt vom Speicher ins +Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!“ +</p> + +<p> +Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich +ungewiß um. Vom Dach rasselten Schindeln herunter. Das +Volk antwortete: +</p> + +<p> +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +„Nieder der Advokat!“ — und dahinten das Vieh brüllte +unheilvoll. +</p> + +<p> +Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar +kühl, und er sagte: +</p> + +<p> +„Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie +nicht, Herr Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht +noch mehr abkühlen.“ +</p> + +<p> +Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. +Die Stadt brannte! Der Himmel war ein Feuermeer, darin +verkohlten auf immer seine Größe und sein Ruhm! Mit geschlossenen +Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz. +</p> + +<p> +„Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür“, sagte der +Unterpräfekt. Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der +Eile angezogen hatte: nur einen Überzieher und keinen Kragen! +Er begann zu plappern: +</p> + +<p> +„Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit +drei Jahren nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, +daß das öffentliche Wohl mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd +zu gehen.“ +</p> + +<p> +Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen +Kleidung hinab. Er strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter +einen Blick zu und versetzte: +</p> + +<p> +„Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, +daß das öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen +werde, diese Stiefel anzuziehen.“ +</p> + +<p> +Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme: +</p> + +<p> +„Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen +Wohl diesen letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, +sind nur Beauftragte des Volkes, und wenn es uns +fortschickt —“ +</p> + +<p> +„Nieder der Advokat!“ +</p> + +<p> +Eine Sekunde schloß er die Augen; dann: +</p> + +<p> +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +„— werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn +wir ihm danken und gehen.“ +</p> + +<p> +Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im +selben Augenblick brach, um den Schornstein her, das Dach +ein. Dicke Ballen Rauch wälzten sich aus den Fenstern des +oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; — plötzlich eine +gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien +durcheinander: +</p> + +<p> +„Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! +Jemand brennt lebendig!“ +</p> + +<p> +Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas +Weißes. +</p> + +<p> +„Meine Frau, da ist sie!“ — und Malandrini warf sich, die +Arme erhoben, vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die +Arbeiter fingen ihn ab. +</p> + +<p> +„Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.“ +</p> + +<p> +„Ersilia! Komm herab, Ersilia!“ schrie er, weinend und +winkend. +</p> + +<p> +„Es ist nicht Ersilia!“ antwortete dahinten eine Stimme. +„Es ist die Komödiantin!“ +</p> + +<p> +Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht +im Fenster hinauf, das blöde und unwissend über die Köpfe +hinging. Gleich danach zuckte es auf, ein Schrei zerriß es; und +indes man es noch schreien hörte, verschloß schon wieder der +schwarze Rauch es. +</p> + +<p> +„Das Fräulein Italia!“ rief der Apotheker. „Helft mir sie +retten!“ — und er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill +wie eine Pfeife. +</p> + +<p> +„Romolo!“ +</p> + +<p> +Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach +links, noch nach rechts. Chiaralunzi und die Komödianten +<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> +waren dabei, die Spritze über die Treppe zu ziehen; die Arbeiter +hasteten mit Wassereimern hinein; — da schnellte etwas +Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte +nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah +nur, daß der Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, +Don Taddeo habe ihn hineingestoßen. +</p> + +<p> +„Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!“ — ein Aufschrei; und das +ganze Volk reckte sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem +er die Komödiantin fortriß. Er lud sie sich auf, er stürzte davon, +eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah einander +eine stürmische Stille lang in die Augen. +</p> + +<p> +„Beim Bacchus!“ sagten die Männer. +</p> + +<p> +„Er ist verloren, Don Taddeo“, sagten die Frauen; und: +</p> + +<p> +„Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich +sie um.“ +</p> + +<p> +„Man muß beten!“ — und der Chor schwoll an. Plötzlich: +</p> + +<p> +„Da ist er! Wunder! Wunder!“ +</p> + +<p> +In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete +Macht hinweg in den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die +Mauer gefallen, gleich neben der Tür, aus der er die Komödiantin +getragen hatte. Als die klatschenden Hände auf ihn zustürmten, +schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd, +laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf. +</p> + +<p> +„Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet +hättest, meinem Don Taddeo: weh dir!“ +</p> + +<p> +Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor +ihn hin. Er ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, +sobald ihre Lippen seine Hand berührten. Seine lange Nase +ward weiß und zitterte; unter der zerrissenen Soutane zitterten +seine Schultern. Seine Hand flog so heftig, daß ihre Lippen +sie verloren. +</p> + +<p> +„Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?“ +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +fragten die Frauen, indes die Männer bis dicht vor das Gesicht +des Priesters in die Hände klatschten. +</p> + +<p> +„Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, +der sich opfert! Da seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, +die ihr breite Schultern habt und so viel Wein trinkt? Cimabue, +wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst war diese +Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, +und meine kleine Pina wird gesund werden!“ +</p> + +<p> +Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse +trug ihn; — und erst, als sie ihn fortziehen wollten: „Nach +Haus, Reverendo, Ihr müßt ruhen“, da merkten sie, daß er +ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder, rieben ihn, +baten und schalten ihn. +</p> + +<p> +„Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, +und Ihr sollt uns predigen.“ +</p> + +<p> +Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn: +</p> + +<p> +„Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat +ist besiegt, niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, +denn Ihr habt die Komödiantin vom Feuer errettet und seid +ein Heiliger.“ +</p> + +<p> +Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in +die Haare. Da schrien sie auf und warfen sich hin. +</p> + +<p> +„Er ist tot! Was soll aus uns werden!“ +</p> + +<p> +„Nein, er hat die Augen geöffnet,“ sagte allein eine Stimme +wie ein Engel; und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, +ihre Augen, die glänzten, unverwandt auf Don Taddeo halten. +Don Taddeo seufzte, sah sich um und schloß, zusammenzuckend, +noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte +denen, die mitwollten: „Ich habe zu beten, meine Töchter, ich +habe so viel zu beten“, und ging durch die Bahn, die sie ihm +ließen, aus dem Hof. +</p> + +<p> +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als +der Priester vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei +nickte er stark. +</p> + +<p> +„So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben“, sagte an +der Spitze eines Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat +wandte ihm das Gesicht zu, worin eine Träne hing. +</p> + +<p> +„Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine +schöne Tat, auch wenn ein politischer Gegner sie tut.“ +</p> + +<p> +„Ein redlicher Bürger?“ wiederholte der Bäcker und sein +dicker Kopf, auf dem es flackerte vom Schein des Feuers, +wackelte höhnisch. „Wir alle sind redliche Bürger. Immerhin +kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern, die auf +Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen +gehörten.“ +</p> + +<p> +„Gewisser Witwen,“ fuhr der Schuster Malagodi fort, „die +die Schwestern gewisser Advokaten sind.“ +</p> + +<p> +„So daß“, ergänzte der Mechaniker Blandini, „jene Verwandten +ihr Terrain aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut +bezahlt bekamen.“ +</p> + +<p> +„Man erinnert sich auch“, sagte der Schlosser Fantapiè, +„mancher Vorgänge bei den letzten Wahlen . . .“ +</p> + +<p> +„Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten“, rief in der +Nachbarschaft ganz laut Frau Malagodi. „Als ob es nicht +so viele kleine Advokaten gäbe, — die er alle selbst gemacht hat, +der Mädchenjäger, der Verführer! Die Andreina in Pozzo +hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um ihn? +Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!“ +</p> + +<p> +Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, +sprang es ihn an, aus dem Dickicht des Volkes. +</p> + +<p> +„Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? +. . . Ist nicht das Haus in der Via Tripoli eine Schande für +die Stadt? Aber der Advokat verteidigt es.“ +</p> + +<p> +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +„Es werden seine Töchter sein“, wisperte hinter dem Rücken +des Advokaten der Barbier Nonoggi den Weibern zu und +verrenkte das Gesicht, daß sie lachten. Gleich darauf war er +in einen anderen Haufen geschlüpft und wisperte etwas anderes. +Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der Advokat +sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund. +</p> + +<p> +„Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von +Ihnen; ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: +Sie wissen zu wohl, Herr Advokat —“ +</p> + +<p> +„Ich kenne Euch, Nonoggi“, sagte der Advokat, drückte ihm +die Hand und verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon +drüben, am Schuppen, beim Savezzo, der ihm gewinkt hatte. +</p> + +<p> +„Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das +Feuer —?“ +</p> + +<p> +Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins +Haar; rauh brachte er hervor: +</p> + +<p> +„Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!“ +</p> + +<p> +„Zurück!“ schrie vorn der Apotheker Acquistapace. „Ihr +Herren, Ihr Damen, zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.“ +</p> + +<p> +Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen +Ausfall gegen die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen. +</p> + +<p> +„Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!“ schrie +Acquistapace. „Sind wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!“ +</p> + +<p> +„Es gibt keinen Advokaten mehr!“ antwortete die Menge. +Der Apotheker sah sich vergebens nach seinem großen Freunde +um. Die Menge gab ihm Befehle. +</p> + +<p> +„Steige aufs Dach und spritze von oben!“ +</p> + +<p> +„Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +Alles macht Ihr verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die +Maiskolben herabgeholt? Rettet nun wenigstens die Betten!“ +</p> + +<p> +Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing +sie mit einem Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons +brach, funkensprühend, herab. Alles warf sich mit Zetern +im dichten Rauch durcheinander. +</p> + +<p> +„Das Ende der Welt!“ ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. +„Wo ist meine Frau? Ich bin ruiniert!“ +</p> + +<p> +„Malandrini,“ sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, +„es heißt nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt +noch größeres Ungemach als Ihres.“ +</p> + +<p> +„Ach, über mich!“ — und er schlug sich mit den Fäusten auf +den Bauch, er setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. +„Auch die Mütze ist mir verbrannt! Ich werde betteln +gehen!“ +</p> + +<p> +Der Advokat zog ihn in die Laube. +</p> + +<p> +„Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre +Kinder und schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter +mehr haben, was ich nicht glauben will, so trösten Sie sie! Das +wird auch Sie trösten. Denn im Unglück ist es ein Trost, gütig +zu sein.“ +</p> + +<p> +Der Wirt schluchzte am Tischrand. +</p> + +<p> +„Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas +Schreckliches sagen. Meine Frau — sie ist fort mit allem +Gelde.“ +</p> + +<p> +„Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch +nicht —“ +</p> + +<p> +Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander. +</p> + +<p> +„Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein +Schuft . . . Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das +Feuer gelegt. Masetti hatte es schon längst bemerkt. Man +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man will schweigen, +weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah! Das +Volk soll belogen werden!“ +</p> + +<p> +Malandrini schluchzte. +</p> + +<p> +„Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd +genäht. Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine +Frau, nicht wahr, ist das sicherste, was ein Mann hat: sicherer +als ein eiserner Schrank. Was soll man noch glauben!“ +</p> + +<p> +Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten +schrie draußen der Herr Giocondi: +</p> + +<p> +„Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du +dich versichern lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber +zeige dich nur, und du endest schlimm! Wo bist du? Malandrini! +Er ist geflohen, der Brandstifter!“ +</p> + +<p> +Der Wirt richtete sich auf. +</p> + +<p> +„Wie? Er spricht von mir?“ +</p> + +<p> +„Lassen wir sie schwatzen“, sagte der Advokat bitter. „Es ist +das Volk.“ +</p> + +<p> +„Was denn, der Wirt!“ sagte jemand. „Ganz andere Leute +sind verdächtig.“ +</p> + +<p> +Und die Stimme der Pipistrelli: +</p> + +<p> +„Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! +Nun haben sie die Stadt angezündet!“ +</p> + +<p> +„Du bist eine böse Alte!“ +</p> + +<p> +„Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes +das Haus brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin +wohnte.“ +</p> + +<p> +„Wir wissen es längst; alle sagen es.“ +</p> + +<p> +„Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. +Es gibt Dinge . . . Wer ist denn der Feind des Don +Taddeo und will sich rächen? Wer hat denn den Ankauf der +Dampfspritze verhindert?“ +</p> + +<p> +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +„Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo +hat seine Macht gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. +Lieber soll die Stadt untergehen, als seine Herrschaft!“ +</p> + +<p> +„Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt +. . . Die Herren sind alle Schurken! Man muß sie alle auf +die Galeere schicken!“ +</p> + +<p> +Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf. +</p> + +<p> +„Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit +einer dicken Kette um den Hals sehen!“ +</p> + +<p> +„Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat +ist es, der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?“ +</p> + +<p> +Der Advokat in der Laube warf die Schultern. +</p> + +<p> +„Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß +nicht, wen es noch beschuldigen soll.“ +</p> + +<p> +Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für +Schritt aus seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. +Durch das einsame Dunkel der Laube zuckten Lichter wie rote +Schlangen. Zwischen den Blättern erschien manchmal ein aufgerissenes, +wild überflackertes Gesicht wie eine höllische Maske. +Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte +sich über sich selbst und bedeckte die Augen. +</p> + +<p> +Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, +weil die andern sie überrannten. +</p> + +<p> +„Der Komödiant!“ schrien sie. „Was tun denn die Carabinieri? +Soll er auch unsere Häuser anzünden?“ +</p> + +<p> +Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon +umringt und auf einen Tisch geworfen. Sie türmten um +ihn her die Stühle, die er selbst aus dem Hause gerettet hatte. +Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace mußten die +Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er +die sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +eindringen. Nina Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen +Händen, die nur zum Tasten auf den Saiten der Harfe bestimmt +schienen, klatschte, weil er fiel und sich verletzte. Ersilia +und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt hatten, +schrien nun gemeinsam auf ihn ein. +</p> + +<p> +„Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, +einen Augenblick, bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß +er aus dem Tor lief!“ +</p> + +<p> +„Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es +ihnen!“ +</p> + +<p> +Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der +Advokat Belotti entgegen und griff an seine rote Mütze. +</p> + +<p> +„Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen +einen Irrtum!“ +</p> + +<p> +Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden +und pfeifenden Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen +Leiber. +</p> + +<p> +„Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen +einen Dienst —“ +</p> + +<p> +„Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!“ — und +dazu pfiff es. +</p> + +<p> +„— da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. +Denn dieser junge Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. +Ich kenne sein Leben, und ich weiß, welches Geschäft +er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen sagen?“ raunte +er Nello zu. +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig +gemacht.“ +</p> + +<p> +„Um Gottes willen, schweigen Sie!“ +</p> + +<p> +„Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen +nichts weiter sagen, meine Damen,“ keuchte er angestrengt, +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +„als daß dieser hier unschuldig ist. Denken Sie denn nicht +mehr an die Stimme, mit der er Sie so oft gerührt hat? Solche +Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti —“ +</p> + +<p> +Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete +die Augen, soweit er konnte. +</p> + +<p> +„— ich bürge euch für diesen hier!“ +</p> + +<p> +Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das +Pfeifen betäubte ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich +überschrien. Die Männer warfen sich durch die Frauen hindurch. +An ihrer Spitze stand unversehens auf einem Stuhl +der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten +und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft +der ganzen Menge. +</p> + +<p> +„Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!“ rief er +ehern. „Hier bürgt ein Verdächtiger für den anderen!“ +</p> + +<p> +„Du hast recht! So ist es!“ +</p> + +<p> +„Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! +Auch er ist ein Komödiant!“ +</p> + +<p> +„Gut!“ +</p> + +<p> +„Zu lange schon betrügt er das Volk!“ +</p> + +<p> +„Zu lange!“ +</p> + +<p> +Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. +Dann, die Faust gegen seine Brust schmetternd, die vorgetreten +war wie ein Panzer: +</p> + +<p> +„Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen +Feindes, und wenn ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich +selbst!“ +</p> + +<p> +„Nenne ihn!“ +</p> + +<p> +„Es ist der Advokat Belotti!“ — und damit sprang der Savezzo +hinunter in das Wogen und Geheul, zeigte nach allen +Seiten seinen schwarz aufgerissenen Mund und legte sich, allen +voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von Acquistapace, +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, +und er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu +beweisen, daß sie rein seien. Sie schrie trotzdem: +</p> + +<p> +„Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf +die Galeere mit ihm! Werft ihn zu Boden! Ah! auch die +Arbeiter hat er bestochen, daß sie den Schlauch gegen +uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!“ — und +dazu brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort +Sturm. +</p> + +<p> +„Welch häßlicher Narr“, schrien Weiberstimmen, „mit seiner +roten Nachtmütze!“ +</p> + +<p> +Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn +hörte. Aber die Adern schwollen ihm. +</p> + +<p> +„Ich bin euer Freund“, hörten die, die seine Arme hielten, +ihn keuchen. „Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und +stark auch gegen euch. Ich werde zu kämpfen wissen.“ +</p> + +<p> +„Reize sie nicht, Advokat!“ flüsterte Acquistapace. „Tue es +für mich! Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt +gegenüberstehen, als dem Volk!“ +</p> + +<p> +„Es sind gute Leute, Herr Advokat“, sagte der Schneider +Chiaralunzi. „Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. +Man muß Geduld haben.“ +</p> + +<p> +Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe +hervor. +</p> + +<p> +„Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? +Malandrini, rede! Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, +damit er das Doppelte fordern kann, wenn hier das städtische +Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er! Und darum +hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!“ +</p> + +<p> +„Auf die Galeere! Auf die Galeere!“ +</p> + +<p> +Der Advokat keuchte: +</p> + +<p> +„Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +sogar du, Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, +du hast das Herz, die Faust gegen mich zu erheben? . . .“ +</p> + +<p> +Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand +des alten Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. +Es gab keine Freunde mehr. Der Advokat betrachtete, in einer +stolzen Marter, jedes einzelne dieser hundert vom Morgenlicht +fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im erlöschenden Widerschein +des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und Jole +Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles +verschlungen von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat +bäumte sich. „Ihr hättet eine Schreckensherrschaft +nötig!“ +</p> + +<p> +In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der +Menge: +</p> + +<p> +„Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die +Galeere: wohin denn sonst mit den Buffonen! Er wollte +prahlen, er wollte den großen Mann machen, und das bringt +ihn nun auf die Galeere.“ +</p> + +<p> +Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal +ersticktes Jammern. +</p> + +<p> +„Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein —“ +</p> + +<p> +„Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen +sehen!“ — und der Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. +Er jammerte lauter, — indes im Haufen der Weiber, den die +Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens drängte, +die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob: +</p> + +<p> +„Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe +es immer gefürchtet.“ +</p> + +<p> +„Tröstet Euch“, sagte die Magd Felicetta. „Euer Bruder +ist nicht der einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. +Denn wir wissen jetzt, daß sie das Haus zusammen angesteckt +haben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +„Es ist wahr!“ schrien die Frauen. „Denn der Advokat und +der Komödiant sind aneinander geraten, wie sie beide zu +der Italia wollten. In ihrer Eifersucht haben sie die Kerzen +umgeworfen; und als es dann brannte, ist die Ersilia Malandrini +darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts +herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht +haben sie sie umgebracht, die Arme.“ +</p> + +<p> +„Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau +wie jene Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.“ +</p> + +<p> +„Auf die Galeere die beiden!“ — und ein letzter Stoß +drängte die Verteidiger des Tenors und des Advokaten von +ihrer Seite. Die Hände der Feinde packten sie an; — da kreischten +auf einmal alle Weiber auf. Sie fielen in der Tür des Schuppens, +die klaffte, durcheinander, kugelten, eine über die andere +fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken kreischten +sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel +des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die +Menge hielt an und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter +erschienen in der Tür, und zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. +Hinter ihr zeigte sich widerwillig der Baron Torroni. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, +zwischen denen man anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen +hin und her über den Hof, durch den Corso, bis +dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich vor Lachen +auf das Pflaster: „Die Frau des Malandrini hat — ah! das +ist ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron +zerstreuen sich“; — und sie lachten weiter, indes die vordersten +beim Schuppen das Paar applaudierten. Frau Malandrini +rief zornig ihrem Manne entgegen: +</p> + +<p> +„Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, +und mich sperrst du in den Schuppen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +„Meine Frau!“ — und mit einem rauhen Schrei hing der +Wirt an ihren Schultern. +</p> + +<p> +„Die Papiere? Du hast sie?“ keuchte er. +</p> + +<p> +„Wie denn, wer soll sie sonst haben?“ +</p> + +<p> +Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der +Menge zu. +</p> + +<p> +„Wir leben noch“, schluchzte er. „Wir sind noch da.“ +</p> + +<p> +„Auch der Baron“, antwortete man ihm. +</p> + +<p> +„Er war zufällig da“, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, +er habe den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen. +</p> + +<p> +„Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!“ +</p> + +<p> +„So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!“ +schrie die Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff +sich an die Glatze. Die Frau schalt weiter, weil er sie all die +Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen habe. +</p> + +<p> +„Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt +zeigen, was nur du sehen darfst? Gib mir deinen Rock, und +fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!“ +</p> + +<p> +Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, +dem Heiligen, und klatschte an ihrem Wege. Plötzlich +riefen mehrere zugleich: +</p> + +<p> +„Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der +Baron besuchte, so oft er ins Gasthaus kam!“ +</p> + +<p> +„Augenscheinlich, — und was den Baron betrifft, ist sie +unschuldig.“ +</p> + +<p> +„Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht +etwa nur mit ihr geprahlt haben?“ +</p> + +<p> +„Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!“ +</p> + +<p> +„Wie die Männer uns verleumden!“ rief Mama Paradisi. +</p> + +<p> +„Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,“ bemerkten +Felicetta und Pomponia. „Die Komödiantin, wir haben es +immer gesagt, ist so ehrbar wie wir.“ +</p> + +<p> +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +„Wer will noch behaupten,“ sagte mit sanftem Nachdruck +Frau Zampieri, „daß sie ihm etwas gewährt habe, was nicht +erlaubt ist?“ +</p> + +<p> +„Wer will es behaupten?“ wiederholte die Menge drohend. +</p> + +<p> +Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander +nachdenklich an und schwiegen. +</p> + +<p> +„Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer +gerettet zu werden!“ rief Frau Nonoggi. +</p> + +<p> +„Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen +wir sie belohnen.“ +</p> + +<p> +„Da ist sie!“ — und die Mägde Fania und Nanà zogen sie +aus der Laube, wo der junge Severino Salvatori sie mit seinem +Mantel bedeckt hatte. Die Menge lobte ihn dafür. Italia, +rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt. +</p> + +<p> +„Sie hat eisige Füße, die Arme!“ +</p> + +<p> +Die Frauen rieben sie ihr. +</p> + +<p> +„Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar +sind“, sagte der alte Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. +„Wer einen Sohn hätte, könnte ihn ihr zum Manne geben.“ +</p> + +<p> +Der Schneider Coccola rief: +</p> + +<p> +„Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe +Choristin zu geben!“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht recht von Euch“, sagten die Männer; und die +Frauen: +</p> + +<p> +„Ihr beleidigt uns alle.“ +</p> + +<p> +Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn. +</p> + +<p> +„Da sieh, wie sie sich lieben!“ — und die Menge zog Olindo +mit der Gelben hinter dem Schuppen hervor, sie führte die +beiden dem Vater zu. Polli rötete sich; er drang auf seinen +Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er zappelte wütend. +„Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?“ +</p> + +<p> +„Warum nicht?“ +</p> + +<p> +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +„Aber wenn doch ich selbst sie —“ +</p> + +<p> +Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu. +</p> + +<p> +„Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.“ +</p> + +<p> +Und von allen Seiten: +</p> + +<p> +„Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder +die Reichen!“ +</p> + +<p> +„Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen“, +riet der Herr Giocondi, im Gedanken an die eigenen Töchter. +„Sieh nur auf das Herz!“ +</p> + +<p> +„Gib ihnen deinen Segen!“ rief das Volk; — und da dorthinten +schon ein unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich +Polli. +</p> + +<p> +„Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können“, brummte +er. „Da die Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen +soll —“ +</p> + +<p> +Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn +so heftig in den Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe +fächelte sich erstaunt. +</p> + +<p> +„Welche sympathische Familie!“ rief das Volk und klatschte. +</p> + +<p> +„Alle hinaus!“ befahl dahinten der Apotheker Acquistapace +seinen Leuten. „Der Schornstein wird ins Haus fallen.“ +</p> + +<p> +Gaddi aber zog Nello hinter die Tür. +</p> + +<p> +„Nello, du bist in Gefahr.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man +gewöhnt sich daran.“ +</p> + +<p> +„Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den +Verdächtigungen nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt +sind; ich habe ihre Quelle entdeckt . . . Die meisten haben +sie von einem Kommis des Kaufmannes Mancafede, und +der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber +stand beim Dom mit Frau Camuzzi.“ +</p> + +<p> +Und da Nello aufzuckte: +</p> + +<p> +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +„Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. +Höre, Nello: flieh! Flieh sogleich!“ +</p> + +<p> +„Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, +wird sie etwas Neues gegen dich erdacht haben. +Was sie bisher schon gewagt hat, beweist dir das nicht, +daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich vernichtet +hat?“ +</p> + +<p> +Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes: +</p> + +<p> +„Ich sehe dich verloren, Freund.“ +</p> + +<p> +Nello senkte die Stirn. +</p> + +<p> +„Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio“ — und er drückte +die Hand des Freundes, „kann ich dir nicht folgen. Ich folge +nur meinem Schicksal, und es heißt Alba. Oh! nie mehr wird +es anders heißen . . . Du weißt nicht —“ +</p> + +<p> +Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes: +</p> + +<p> +„Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind +wir vereint für immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen +habt, — ich verziehe noch, ich verstecke mich. Werden nicht +viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in Verwirrung sein? +Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der Hecke, +sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio! +wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben +mir, sie ist bei mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und +wenn es —“ +</p> + +<p> +Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und +lächelte rein. +</p> + +<p> +„— wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!“ +</p> + +<p> +Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge. +</p> + +<p> +„So willst du nicht fliehen?“ fragte Gaddi nochmals. Auch +Nello lachte auf und schlug in die Hände. +</p> + +<p> +„Du bist gut! Fliehen, — wenn ich doch im Schutz meiner +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +Heiligen stehe. Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle +selbst haben: was kann sie gegen Alba!“ +</p> + +<p> +Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht. +</p> + +<p> +„Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen +können nicht lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den +Advokaten wollten sie auf die Galeere schicken. Jetzt lachen +sie, und er lacht mit ihnen!“ +</p> + +<p> +Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner +Schwester Pastecaldi raunte er zu: +</p> + +<p> +„Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich +kompromittieren. Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange +gelacht wird, ist nichts verloren.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat auf die Galeere?“ — und seine Nichte Amelia +starrte aus ihrem weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel +auf. Der Advokat machte „Schü! Schü!“ Er erstickte das +Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand. +</p> + +<p> +„Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?“ zischelte er. +„Daß du sie mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, +um sie zu kämmen . . . Gottlob, da ist sie.“ +</p> + +<p> +Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote +Mütze abzuziehen. +</p> + +<p> +„Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht +diese gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist +reich an solchen folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon +besser,“ — und er kam mit der Perücke auf dem Kopf wieder +zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer Schürze auch +seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem +Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam. +</p> + +<p> +„Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!“ +</p> + +<p> +„Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? +Wie werden Sie sich rächen?“ +</p> + +<p> +„Indem ich meine Pflicht tue“, antwortete der Advokat und +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +stieß die geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen +Lächeln: +</p> + +<p> +„Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig +zügellos. Aber wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein +Beauftragter sein, weil ich es verachten würde, — und nicht +sein Herr, denn der Herr ist noch verächtlicher als der Knecht, +aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht . . . Nicht doch!“ rief +er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die Herren +Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli +zustimmten, der eine Vermehrung der bewaffneten Macht +verlangte. +</p> + +<p> +„Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der +Welt, desto besser ist es!“ +</p> + +<p> +„Ihre Sache“, sagte Flora Garlinda. „Ich war nur gekommen, +um Ihnen zu Ihrer Rache zu verhelfen.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel +in der ‚Glocke des Volkes.‘ Sie werden sehen, daß niemand +zu kurz kommt, der meine Partei nimmt . . . Lassen Sie +uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt, dieses Haus +angezündet zu haben. Was würden Sie sagen —“ +</p> + +<p> +Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen +Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände. +</p> + +<p> +„— wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen +würde?“ +</p> + +<p> +Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, +jeden für sich, leicht und klar in die Luft gehen: +</p> + +<p> +„Es ist Don Taddeo, der Heilige.“ +</p> + +<p> +Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen +schließen, als ob alles entschieden sei: — da begann er wild +den Körper umherzuwerfen, den Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; +die Augäpfel quollen ihm hervor, und er stöhnte +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er +atmete zischend aus. +</p> + +<p> +„Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens +glaube ich selbst es nicht.“ +</p> + +<p> +Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten. +</p> + +<p> +„Er ist es, Don Taddeo“, wiederholte sie mit einem Lächeln, +das sie schön machte. Der Advokat brauste auf: +</p> + +<p> +„Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?“ +</p> + +<p> +„Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, +hier auf dem Hof voll Menschen, als Don Taddeo die Italia +rettete und als er in Ohnmacht lag.“ +</p> + +<p> +„Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit +sagen: er ist ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht +ein Feind des Staates, würde ich ihn einen guten Bürger nennen: +— daraus also ziehen Sie den Schluß, er habe ein gemeines +Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.“ +</p> + +<p> +„Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich +darin, daß es ihm gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich +nicht, Advokat! Es würde ihm so viel besser stehen, als Ihnen. +Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem Platz, besiegt wie +er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah, +kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und +das übrige miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin +sicher, wir würden uns verständigen.“ +</p> + +<p> +„Ah! Ah!“ +</p> + +<p> +Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes +Lachen aus. +</p> + +<p> +„Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß +Sie eine Künstlerin sind.“ +</p> + +<p> +Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen. +</p> + +<p> +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +„Eine große Künstlerin!“ +</p> + +<p> +„Wie es Ihnen gefällt“, schloß Flora Garlinda und hob die +Schultern. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Haltet ihn!“ schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, +weil der Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man +sah dahinten noch seine langen Beine schweben, aber Coletto, +der Konditorjunge, war schon um die Ecke. +</p> + +<p> +„Hast du den Salame?“ rief Malandrini dem Gendarmen +entgegen, der zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die +Buben jubelten, und der alte Zecchini schlug seinen Zechbrüdern +vor, den Keller des Wirtes zu untersuchen. +</p> + +<p> +„Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht +hat.“ +</p> + +<p> +„Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein +Handtuch an; es scheint, die Geschäfte gehen schlecht.“ +</p> + +<p> +Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah. +</p> + +<p> +„Welche Furcht wir gehabt haben müssen!“ +</p> + +<p> +„Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?“ +</p> + +<p> +„Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.“ +</p> + +<p> +„Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns +auf halbem Wege begegnet, Gina.“ +</p> + +<p> +„Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im +Hause eingeschlossen, um nachzusehen, was es gibt. Galileo +Belotti aber hat ihr ins Fenster gerufen, die Stadt brenne. +Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen, ein Mann sei +bei ihr!“ +</p> + +<p> +„Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! +ihr habt uns alle gerettet. Dir aber haben sie das +Haus erhalten, Malandrini. Warum jammerst du? Deine +Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber deine +Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +„Sie lag im Schuppen!“ +</p> + +<p> +„Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere +Männer haben geschwitzt für dich!“ +</p> + +<p> +„Mein Mann schwitzt am meisten von allen“, sagte die Frau des +Baritons Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel. +</p> + +<p> +„Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; +sogar der junge, der doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt +hat. Warum ist er noch nicht im Gefängnis?“ +</p> + +<p> +„Redet keinen Unsinn!“ sagte der Schneider Chiaralunzi. „Als +der Balkon herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat +mich fortgezogen.“ +</p> + +<p> +„Nein, das war Virginio“, sagte Nello. +</p> + +<p> +„Die Post geht ab!“ rief Masetti; aber er ward zur Ruhe +verwiesen. Ob er die Komödianten denn nackt mitnehmen +wolle, da ihnen alles verbrannt sei? Ob er so gottlos sei, daß +er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank für die Rettung +der Stadt? +</p> + +<p> +„Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern“, +setzte der Schneider hinzu. „Unser Spritzenwagen steckte einmal +im brennenden Holz, wir sind gerade nicht genug Leute: +‚Fasse einer mit an!‘ rufe ich; und jener steht dabei, aber glaubt +ihr, er rührt sich?“ +</p> + +<p> +Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, +eine große Rolle fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den +andern trat. Der Schneider hatte sich dunkelrot gefärbt. +</p> + +<p> +„Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: +hier aber sind wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter +Mann, wer nicht helfen will.“ +</p> + +<p> +Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den +freien Arm in die Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf +seine Rolle. Sich abwendend: +</p> + +<p> +„Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +<a id="corr-14"></a>Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: +</p> + +<p> +„Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? +Er möchte Euch aus der Stadt verdrängen, denn am liebsten +wäre er selbst der Maestro. Der Tenor, mit dem seine Frau +eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.“ +</p> + +<p> +„Was kann ich tun?“ sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. +„Sollte ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, +meine Messe verbrennen lassen und meine Oper? Denn +hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie nicht +aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es +möglich, daß die Stadt abbrannte.“ +</p> + +<p> +„Er ist ein böser Mann,“ — und Chiaralunzi schnob, daß +sein langer Schnurrbart aufflog. „Er denkt nur an sich und +seine Musik. Wir sind gut genug, sie ihm aufzuführen, dann +dürfen wir verbrennen, wenn es uns gefällt.“ +</p> + +<p> +Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten +keine Lust mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen. +</p> + +<p> +„Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!“ rief der Kapellmeister +und fuhr sich durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. „Sie +selbst waren in Sorge um Ihr Warenlager, das immer noch keine +Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem Untergange aussetzen? +Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem Volk, das +dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich +das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, +als indem ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, +das abbrennt, gegen Italien, gegen die Menschheit, die auf +meine Werke wartet!“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern +murrten. +</p> + +<p> +„Immerhin“, äußerte Polli, „zahlt Ihnen nicht die Menschheit +Ihre hundertfünfzig Lire, sondern wir.“ +</p> + +<p> +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß +er schweigend den Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte +der Advokat: +</p> + +<p> +„Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden +braven Leute sich hassen?“ +</p> + +<p> +„Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist“, +rief der Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die +Menge. „Man hat nicht geschlafen heute nacht, da glaubte +ich dem geehrten Publikum zu dienen, indem ich meinen Kaffee +extra stark machte.“ +</p> + +<p> +Er stellte sich in die Mitte. +</p> + +<p> +„Alle ins Café ‚zum Fortschritt‘!“ +</p> + +<p> +Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen +sehen; denn er ragte kahl und ungestützt aus dem offenen +Dach und neigte sich schief und schiefer. Alles wartete +gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die +Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach +dem Schlot. Der Wirt fiel über sie her, aber man rief ihm +zu: +</p> + +<p> +„Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst +oder nicht. Wir haben durch deine Schuld die ganze Nacht +Angst gehabt, jetzt wollen wir uns unterhalten.“ +</p> + +<p> +„Auch deine Frau hat sich unterhalten!“ +</p> + +<p> +Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu +werfen. Plötzlich: +</p> + +<p> +„Er fällt! Hoho! Rettet euch!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus +sank, stob alles mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der +Wirt nur irrte, die Hände um die Ohren, wehklagend durch +seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da und +spendete ihm Trost; — und obwohl es vergeblich war, ließ er +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +auch den Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen +und blieb zurück. +</p> + +<p> +„Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern +an meiner Seite zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die +Wahrheit, ist das Leben schwierig.“ +</p> + +<p> +Gleich darauf zuckte er zusammen. +</p> + +<p> +„Da ist Camuzzi!“ +</p> + +<p> +Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den +Trümmern. Wie er sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär +ihn an: +</p> + +<p> +„Guten Morgen, Herr Advokat!“ +</p> + +<p> +Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen +neuen Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete +gut. Der Advokat klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch +versuchte er, ihn zu schließen, es fand sich aber kein Knopf +mehr. +</p> + +<p> +„Sie hier, Herr Camuzzi“, brachte er hervor. +</p> + +<p> +„Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen +einem Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir +sagen, was eigentlich geschehen ist?“ +</p> + +<p> +„Sie haben geschlafen?“ fragte der Advokat und behielt den +Mund offen. +</p> + +<p> +„Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich +offenbar wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern +und Schwätzern zu verbringen. Sollte man jetzt nicht an das +Frühstück denken?“ +</p> + +<p> +Er kehrte wieder um. +</p> + +<p> +„Sie konnten schlafen!“ wiederholte der Advokat, ergriffen. +</p> + +<p> +„Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,“ erklärte der Sekretär, +„wenn ich an den Brand geglaubt hätte.“ +</p> + +<p> +„Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken +haben geläutet! Der Himmel war rot!“ +</p> + +<p> +<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> +„Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, +wie ich es bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: — +denn dies Volk, Sie wissen es wie ich, lebt von Übertreibungen, +Dunst und Lärm, und es bereitet dem nüchternen, die Ordnung +liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es meine +Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini +größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.“ +</p> + +<p> +„Eh! Eh!“ — und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, +mit Schultern und Händen. +</p> + +<p> +„Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem +Gefallen leugnen Sie sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein +Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit entbehren kann, wenn sogar +jemand da ist, der ihn gelegt hat.“ +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär hob die Schultern. +</p> + +<p> +„Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter +mehreren anderen, sogar Sie als den Brandstifter genannt, +Herr Advokat.“ +</p> + +<p> +Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er +schielte nach dem Gesicht seines Begleiters. +</p> + +<p> +„Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. +Ich will Ihnen gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick +nicht ohne Besorgnis war. Die Verschiedenheit unserer Temperamente, +Herr Camuzzi, hat es mit sich gebracht, daß wir uns +im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden haben. +Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres +Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, +was eine erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?“ +</p> + +<p> +„Die Nacht der Dichter“, sagte der Sekretär. +</p> + +<p> +„Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren +all seine Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl +dieser Stadt widmet, sie eines schönen Nachts in Brand gesteckt +haben soll, will ich es noch als reine und strenge Logik hinnehmen. +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet haben. Sie +haben richtig gehört: Don Taddeo!“ +</p> + +<p> +Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf +ihre Schwellen traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem +Feixen. +</p> + +<p> +„Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,“ bemerkte er, +„der das Feuer vielleicht gelegt hat: — falls es gelegt worden +ist und falls es ein Feuer war. Er wird uns alle für verrückt +halten.“ +</p> + +<p> +„Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!“ +</p> + +<p> +Aber der Advokat seufzte plötzlich tief. +</p> + +<p> +„Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten +zu entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat +recht, o wie recht, wenn es Rechenschaft von mir fordert über +die Ablehnung der Dampfspritze.“ +</p> + +<p> +Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte. +</p> + +<p> +„Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid +der Götter? Hier sehen Sie einen Mann, der im Dienst des +Volkes höher gestiegen war, als die meisten, und den ein Fehltritt +herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit entfernt, ihn zu +bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch bemitleidet +es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir +uns zu sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug +war?“ +</p> + +<p> +Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage +unentschieden ließ, ging er weiter. +</p> + +<p> +„In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches +Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, +die Dampfspritze ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses +Malandrini fällt mir zur Last, sondern die Unsicherheit, in der +ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit dieses Volkes, das mir +vertraute!“ +</p> + +<p> +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand +gegen den Advokaten. +</p> + +<p> +„Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, +die auch ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen +wäre? Ich glaube es nicht, und das Geschrei des Volkes +beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit dem Satze, +daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir +sollen nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.“ +</p> + +<p> +Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des +anderen hinein: +</p> + +<p> +„Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den +Fortschritt wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da +war, noch besinnen zu können. Der Geist der meisten aber +ist vor allem auf Erhaltung gerichtet. So teilte sich durch +meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der Bürgerkrieg.“ +</p> + +<p> +„Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit +ihm!“ — und beim Café „zum heiligen Agapitus“ war alles auf +den Beinen. Der Advokat, am Rande des Platzes, nahm die +Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den Augen, und sein +Begleiter sah Tränen rollen. +</p> + +<p> +„Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue“, +stöhnte der Advokat. +</p> + +<p> +Dort hinten überschrien sie einander, — indes beim Café +„zum Fortschritt“ eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten +sich nicht her; der alte Acquistapace hielt den Kopf gesenkt. +</p> + +<p> +„Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden +nun Furcht und hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, +den seltsamen Fall, daß ich nur noch mit Ihnen sprechen kann, +der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben Mut!“ +</p> + +<p> +„Pöh!“ machte der Sekretär. „Da ich an das öffentliche Leben +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> +nicht glaube, wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. +Indessen —“ +</p> + +<p> +Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen +den Klemmer. +</p> + +<p> +„— wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, +wozu Sie soviel gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? +Was bleibt davon, nun Sie im Dunkel des Privatlebens verschwinden +sollen?“ +</p> + +<p> +Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber +der Advokat verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm +den Hut ab, und um den Platz, der tobte und schwieg, sandte +er einen gefaßten Blick. +</p> + +<p> +„Was bleibt?“ antwortete er. „Ich will nicht von den Werken +sprechen, die vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. +Andere, die mich kannten, werden die Stadt lieben, wie ich +sie geliebt habe. Und schließlich ist es für einen Mann wie +für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf halbem +Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, +weil ohne Tat.“ +</p> + +<p> +Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf. +</p> + +<p> +„Sie fliegen auf und setzen sich wieder“, sagte der Sekretär. +„Das ist der menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit +mir zusammen die Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, +war Ihre weiseste.“ +</p> + +<p> +„Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben +wir sie abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine +Dampfspritze zu schnell und zu neu, ich aber war ihr voraus, +voraus . . .“ +</p> + +<p> +„Gleichviel.“ +</p> + +<p> +„Gleichviel“, wiederholte der Advokat und streckte die Hand +hin. „Wir sind uns wenigstens einmal begegnet, — als wir +denselben Fehler machten. Lassen Sie uns Freunde sein!“ +</p> + +<p> +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. +Der Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café „zum Fortschritt.“ +Von der anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus +dem Pfarrhause. Eine Strecke vom Tisch der Herren blieb +sie stehen. +</p> + +<p> +„Ich grüße die Dame“, rief der Gevatter Achille. „Wünscht +Don Taddeo etwas Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen +Mann?“ +</p> + +<p> +„Ja, wie geht es ihm?“ fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht +bewegte sich nicht unter der Haube; sie sagte: +</p> + +<p> +„Ist der Herr Giocondi da?“ +</p> + +<p> +„Was gibts?“ fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich +mit ihren still durchdringenden Augen an. +</p> + +<p> +„Kommen Sie mit mir, Herr“, sagte sie. „Der Reverendo +will Sie sprechen.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ — und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die +Brust. „Irrt Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.“ +</p> + +<p> +„Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind +seine Sachen.“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas +ausgefressen, und sah von einem zum andern. Sie zuckten +stumm die Achseln. Darauf gab er sich einen Ruck. +</p> + +<p> +„Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der +Beichte war . . .“ +</p> + +<p> +„Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie“, sagte ihm der +Gevatter Achille noch, und die andern riefen ihm nach: +</p> + +<p> +„Auch den meinen, weißt du.“ +</p> + +<p> +Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der +Leutnant Cantinelli wagte zu sagen: +</p> + +<p> +„Eine sonderbare Geschichte;“ — und der Kaufmann Mancafede, +wispernd: +</p> + +<p> +„Was mag er wollen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +„Eh!“ machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär +wischte seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen: +</p> + +<p> +„Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der Versicherungsgesellschaft +bekommen wird. Die Priester sind neugierig, +wie man weiß.“ +</p> + +<p> +Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der +Lärm gelegt; die Hände in den Taschen, kam der Savezzo +herüber. +</p> + +<p> +„Was gibts?“ fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die +Herren Salvatori und Polli rückten sofort auseinander und +zogen einen Stuhl zwischen sich. +</p> + +<p> +„Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don +Taddeo mit dem Giocondi zu tun?“ +</p> + +<p> +„Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!“ +</p> + +<p> +„Die Sache ist einfach“, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl +und stieß ihn auf das Pflaster. „Don Taddeo will sein Leben +versichern, denn er hat gesehen, wessen der Advokat fähig +ist.“ +</p> + +<p> +Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, — indes +der Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte +die Zunge im Munde. +</p> + +<p> +„Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?“ +</p> + +<p> +„Der Advokat!“ und der Herr Salvatori lachte bitter auf. +„Wissen Sie, daß er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung +versprochen hat, wenn sie für die Freiheit wären?“ +</p> + +<p> +„Bezahlen Sie also die Freiheit!“ sagte der Savezzo. Der +Kaufmann Mancafede wimmerte: +</p> + +<p> +„Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern +kommen, ich bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem +Advokaten zu tun gehabt.“ +</p> + +<p> +„So wenig wie ich“, behauptete der Gevatter Achille. „Der +Advokat hat uns alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +Mann, Sie haben dem Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft +verholfen.“ +</p> + +<p> +Der Leutnant Cantinelli sagte: +</p> + +<p> +„Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege +antreiben. Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder +so, unsere Stellung kosten; in Mailand sind die Carabinieri ins +Gefängnis gesetzt; — und ich habe eine Frau.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat wird sie trösten“, sagte der Savezzo. +</p> + +<p> +Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll +an, und er schrie erstickt: +</p> + +<p> +„Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!“ +</p> + +<p> +„Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten“, sagte der +Savezzo. +</p> + +<p> +„Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; +sie wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen +würde. Aber statt ihrer werde ich den Advokaten +durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große Gelbe selbst +zu heiraten!“ +</p> + +<p> +Camuzzi bemerkte trocken: +</p> + +<p> +„Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu +bleiben; dann würden Sie noch immer keine Schwiegertochter +haben. Überhaupt, wenn die Herren ruhig geschlafen hätten +wie ich —“ +</p> + +<p> +„Was denn!“ murrte der Herr Salvatori. „Man kann nicht +schlafen, wenn in der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern +mehr Lohn verspricht. Als heute nacht die Feuerglocke +zu läuten anfing, — fragen Sie nur meine Frau, ob +nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet +haben.“ +</p> + +<p> +„So ist es!“ und alle riefen durcheinander. „Wir sind in den +Händen eines Räubers.“ +</p> + +<p> +„Wer rettet uns!“ wimmerte Mancafede. +</p> + +<p> +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +„Wir sind schon gerettet“, sagte der Leutnant und verbeugte +sich gegen den Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens +auf, er holte unter dem Tisch die geballte Faust hervor. +Aber als alle ihm auf den Mund sahen, schloß er ihn +wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär neben +ihm verstand, was er murmelte. +</p> + +<p> +„Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei +. . . Man muß leben . . .“ +</p> + +<p> +„Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,“ äußerte der Gevatter +Achille, „daß Sie der einzige sind, der uns retten kann.“ +</p> + +<p> +Angstvolles Schweigen; — aber der Savezzo stemmte die +Fäuste auf die Schenkel und ließ sich Zeit. +</p> + +<p> +„Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem +Advokaten die Stange gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, +in der <a id="corr-15"></a>Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem +Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und ihn +fürchtet.“ +</p> + +<p> +Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich +auf seine Arme. +</p> + +<p> +„Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es +Sie, ein Wort anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er +hat uns gedroht, durch Schrecken hat er uns gezwungen, das +Geld des Volkes zu verschwenden und mit Don Taddeo und +dem Mittelstand in Krieg zu leben.“ +</p> + +<p> +„Wie oft“, — und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, +„haben wir untereinander dem Advokaten geflucht!“ +</p> + +<p> +„Wäre nicht der Advokat gewesen,“ rief der Gevatter Achille, +„niemand hätte uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre +Hand zu legen, Herr Savezzo.“ +</p> + +<p> +Und alle durcheinander: +</p> + +<p> +„Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel +genommen und Sie bei den Gemeindewahlen +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa ich? . . . Aber ich +bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich vielmehr, +ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten +untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!“ — +und der Kaufmann Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, +seine blanken, flehenden Augen. „Ich bin heimlich beim +Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er solle Sie +in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter +ihn zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger +machen, sondern den Herrn Savezzo, unsern großen +Mann.“ +</p> + +<p> +„Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!“ rief der Herr +Salvatori und schwang anfeuernd den Arm. +</p> + +<p> +„Einen Künstler,“ setzte der Gevatter Achille hinzu, „der so +gut auf dem Bleistift bläst!“ +</p> + +<p> +„Ah!“ machten alle, — indes der Savezzo dastand und heftig +auf seine Nase schielte. +</p> + +<p> +„Was verlangen Sie?“ fragte der Herr Salvatori. „Wir sind +bereit, den Advokaten zu opfern;“ — und Polli bestätigte es. +</p> + +<p> +„Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?“ +</p> + +<p> +„Wir liefern ihn aus!“ schrie Mancafede in der Fistel. „Ich +bin der erste gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, +wie das Volk es will, auf die Galeere!“ +</p> + +<p> +„Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt +hat“, meinte der Gevatter Achille. „Nur müssen wir +Zeugen haben.“ +</p> + +<p> +„Eure Sache, sie zu finden“, ließ der Savezzo vernehmen. „Beseitigt +den Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.“ +</p> + +<p> +„Wir haben Zeugen, so viele wir wollen“, riefen sie; der +Kaufmann packte sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte +sich. +</p> + +<p> +„Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +die ganze Stadt weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, +es ist der Advokat.“ +</p> + +<p> +Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl. +</p> + +<p> +„Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. +Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann +würde ihr vielleicht manches vergehen.“ +</p> + +<p> +Sogleich fuhren alle gegen ihn los. +</p> + +<p> +„Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?“ +</p> + +<p> +„Noch niemand“, — und der Kaufmann schnellte den Finger +gegen den Sekretär, „hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es +wird Ihnen Unglück bringen!“ +</p> + +<p> +Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es. +</p> + +<p> +„Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben +preisgeben! Wer sein Freund ist und nicht der des Herrn +Savezzo, muß fallen. Hüten Sie sich, Herr Camuzzi!“ +</p> + +<p> +Der Gemeindesekretär wehrte ab. +</p> + +<p> +„Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; +und ich glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.“ +</p> + +<p> +Da rief in den Lärm der Gevatter Achille: +</p> + +<p> +„Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?“ +</p> + +<p> +Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen +Geste. Da der Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz +nahm: +</p> + +<p> +„Nun, was sagt Don Taddeo?“ +</p> + +<p> +„Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?“ fragte der Leutnant. +</p> + +<p> +„Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?“ +</p> + +<p> +„Nichts“, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter +und sah weg. „Nichts. Er ist verrückt geworden.“ +</p> + +<p> +„Wie? Von wem sprichst du?“ +</p> + +<p> +„Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will +meiner Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer +Weile sagte Polli und zog die Stirn in Falten: +</p> + +<p> +„Versteht sich, er ist ein Heiliger.“ +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi fuhr fort: +</p> + +<p> +„Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von +mir, ich wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei +unschuldig, sagt Don Taddeo, und er will zahlen.“ +</p> + +<p> +Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace +tanzte auf seinem Holzbein um den Tisch. +</p> + +<p> +„Er wird nicht zahlen“, meinte zögernd der Herr Salvatori. +</p> + +<p> +„Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben +wollte. Ich hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst +die Gesellschaft sich entscheiden müsse, ob und unter welcher +Form sie seine zwanzigtausend Lire annehmen will. Denn +das ist alles, was er hat.“ +</p> + +<p> +Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen +den Herrn Giocondi: +</p> + +<p> +„Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! +Hierher!“ rief er über den Platz, „da ist ein Spion +des Advokaten!“ +</p> + +<p> +Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das +ganze Café „zum heiligen Agapitus“ sich in Bewegung. Aber +der Herr Giocondi polterte, rot vor Entrüstung: +</p> + +<p> +„Ich ein Spion? Ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘ bin ich, +und wenn mir jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft +zahlen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.“ +</p> + +<p> +„Er weiß, was er zu tun hat!“ brüllte der Apotheker, „und der +Advokat bleibt ein großer Mann!“ +</p> + +<p> +„Und warum will er zahlen?“ fragte der Barbier. Der Bäcker +Crepalini, an der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte +gebieterisch: +</p> + +<p> +„Und warum will er zahlen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +„Ah das —“ und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern +und Arme hoch, „das ist ein anderes Paar Ärmel. Er +stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und kaum daß er sich auf +den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den anderen +Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor +der ‚Gegenseitigen‘.“ +</p> + +<p> +„Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!“ +</p> + +<p> +Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors +Gesicht. Der Herr Giocondi schob sie weg. +</p> + +<p> +„Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. +Die ganze Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will +keinen Bürgerkrieg mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire +zahlen. Übrigens wird er euch sogleich in seiner Predigt +alles selbst erklären, also laßt mich und geht zum Teufel! . . . +Zum Teufel!“ schnob er den Männern zu, die ihn bedrängten. +</p> + +<p> +„Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht +behalten!“ riefen sie, einander über die Köpfe weg, auf den +Platz hinaus, der sich füllte. +</p> + +<p> +„Wir sind verraten!“ keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des +Schreckens griff um sich. +</p> + +<p> +„Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den +Advokaten nicht mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: +wir alle sollen zahlen. Der Advokat wird uns aus Rache aushungern.“ +</p> + +<p> +„Wo ist Don Taddeo?“ kreischte in der Mitte des Gedränges +eine Frau auf. „Sie halten ihn gefangen!“ +</p> + +<p> +„Das ist ein wenig stark,“ sagten die Männer, daß es an den +Mauern hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf: +</p> + +<p> +„Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!“ +</p> + +<p> +Und drüben beim Rathaus eine andere: +</p> + +<p> +<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> +„Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, +und sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.“ +</p> + +<p> +„Wir sind verloren!“ +</p> + +<p> +„Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!“ +</p> + +<p> +„Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!“ +</p> + +<p> +Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die +Stirn vorgestreckt, der Savezzo. +</p> + +<p> +„Lügen!“ brüllte er rauh und unförmlich. „Alles Lügen! Ich +hole euch den Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf +die Galeere der Advokat! Oder ich selbst auf die Galeere!“ +</p> + +<p> +Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im +Corso. Schon umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: +„Unser Heiliger! Wer ihn uns nehmen will, ist tot!“ Das +Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: „Sprich, +Don Taddeo!“ Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit +roten Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden +aus; seine bleich tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende +sich stürzten, schienen selbst zu flehen. +</p> + +<p> +„Sprich, Don Taddeo!“ +</p> + +<p> +Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man +sah seinen Kehlkopf arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . +Nun stand er oben auf der Domtreppe; alle sahen ihn nun; +ein Klatschen erhob sich — und gleich fiel es wieder. Er war +fort. +</p> + +<p> +„Er hat etwas gesagt? Was ist es?“ +</p> + +<p> +„Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare +Dinge.“ +</p> + +<p> +„Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der +heilige Mann wird sterben.“ +</p> + +<p> +„Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den +Dom!“ +</p> + +<p> +„Alle in den Dom!“ +</p> + +<p> +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr +Getrappel, Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; +die letzten Rinnsel Volkes waren hinweg; — und beim Café „zum +heiligen Agapitus“ stand, das Kinn über den gekreuzten Armen, +der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . Plötzlich griff er um +sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie hin. Dann +plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte +aus seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel +und wollte das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm +nicht die Faust von der Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte +sein Knie: da war der Savezzo mit einem Krach auf den +Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer heraus, stieß +den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom. +</p> + +<p> +Beim Café „zum Fortschritt“ sahen sie noch immer versteint +einander an. Der Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll +auf und stampfte. Darauf schalt Polli: +</p> + +<p> +„Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt +sich darum, was man jetzt tut.“ +</p> + +<p> +„Deixel, man geht in die Predigt“, meinte der Herr Giocondi. +„Vielleicht, daß Don Taddeo von der ‚Gegenseitigen‘ spricht.“ +</p> + +<p> +Der Herr Salvatori äußerte starr: +</p> + +<p> +„Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. +Was hat er nur angezettelt.“ +</p> + +<p> +„Wenn man es wüßte!“ sagte der Leutnant. „Für die bewaffnete +Macht ist es schwierig zu handeln, bevor wir den +Ausgang kennen.“ +</p> + +<p> +Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein. +</p> + +<p> +„Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie +die Stadt verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Auf jeden Fall scheint es, —“ und Polli kratzte sich den Kopf, +„daß wir uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur +ein Prahlhans.“ +</p> + +<p> +<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> +Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel. +</p> + +<p> +„Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? +Jetzt schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn +das einzige Sichere ist schließlich die Religion.“ +</p> + +<p> +„Tatsächlich“, erklärte der Gevatter Achille, „wird es das +Klügste sein, sich dort aufzuhalten, wo alle sind.“ +</p> + +<p> +Polli schlug vor: +</p> + +<p> +„Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns +sehen, und wenn Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.“ +</p> + +<p> +„Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart“, schloß +der Leutnant, und man brach auf. Der Apotheker wollte +sich davonmachen, um den Advokaten vom Umschwung der +Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten. +</p> + +<p> +„Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde +bloßstellen willst.“ +</p> + +<p> +Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt +wäre. +</p> + +<p> +„Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von +Menschen im Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, +und nur die Stimme vom Hochaltar: +</p> + +<p> +„Feuer! Alles wird brennen!“ +</p> + +<p> +Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe +hin. Ihr Echo fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein +auf die demütige Menge. +</p> + +<p> +„Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das +Haus Polli und alle Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, +und niemand weiß mehr, wohin flüchten!“ +</p> + +<p> +Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen +Schreckenswort. Polli drehte wirr den Hals umher. +</p> + +<p> +<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> +„Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?“ +</p> + +<p> +„Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über +Jerusalem weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem +anderen. Wehe! schon stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, +wie es euch erschlägt: dich, Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber +da, — und haltet das Kind, haltet!“ +</p> + +<p> +Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom +Schenkel des Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und +winselte. Die Mutter überrannte jammernd die Leute. +</p> + +<p> +„Die Sache wird ernst“, murmelte unter dem Chor der Gevatter +Achille. „Hat er nicht auch mich genannt?“ +</p> + +<p> +„In den Dom!“ rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug +sich. „Alle in den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen +den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott ihn aufhält, wenn ihr +betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter euch, einer? +Dies ist die äußerste Minute . . .“ +</p> + +<p> +Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; +jedem brach die Hitze aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen +öffneten sich wieder; noch kam aus ihnen kein Hauch, aber +eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in Ohnmacht +gefallen, — und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine +drüben, kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten +Hände, kreuz und quer durch das Schiff bis vor die Füße des +Priesters. Er ließ langsam den Kopf auf die Brust hinab und +sagte, halb erloschen: +</p> + +<p> +„Keiner. Es komme das Feuer.“ +</p> + +<p> +Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken +zitterten, als erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute +von sich, wie der bewegte Halbschlaf eines Sterbenden. +</p> + +<p> +„Nur ein Haus bleibt stehen!“ befahl Don Taddeo schrill. +„Von der ganzen Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!“ +</p> + +<p> +<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> +„Wie?“ fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. +Junge Leute sahen sich nacheinander um. In der Kapelle +Cipolla entstand ein Gewühl; der Konditor Serafini steckte +den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin Ginevra +und sagte: +</p> + +<p> +„Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr +fort, — da ihr die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.“ +</p> + +<p> +Theo und Lauretta widersprachen. +</p> + +<p> +„Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen +läßt, ist es nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben +sollen.“ +</p> + +<p> +Und sie schluchzten feucht ins Tuch, — indes Mama Farinaggi, +unbekümmert um die Damen draußen in den Bänken, +Kreuze schlug und die große Raffaella aus ihren gemalten +Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch verächtlicher +und fremder als sie. +</p> + +<p> +Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über +den er sie als Dach gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden +Stellung. +</p> + +<p> +„Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, +mein Haus stände nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun +ginge es an mich.“ +</p> + +<p> +„Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht“, entgegnete Camuzzi. +„Es geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst +eingreifen muß, damit etwas geschieht.“ +</p> + +<p> +Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam +rote Flecken, und er schrie: +</p> + +<p> +„Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen +darin!“ +</p> + +<p> +„Gute Unterhaltung!“ sagten die Mägde Fania und Nanà, und +obwohl sie immer fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten +sie laut. Hier und da pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo +<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> +brach ab; sein Gesicht entfärbte sich ganz, — und dann, wie +einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft: +</p> + +<p> +„Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging +unter durch ihre Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie +hat nicht gehört.“ +</p> + +<p> +Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; — und +als alle die Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. +Leiser, in der gepreßten Stille: +</p> + +<p> +„Denn alle Laster — und die Stadt hat sie alle — sind eins. +Sie kommen alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste +Gebot heißt, wir sollen Gott lieben und unsern Nächsten. Aber +wir liebten sie nicht: darum verdarben wir.“ +</p> + +<p> +Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: +„Denn wir lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten +nicht lieben. Es ist nicht wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu +lieben, der Gott heißt. Liebt die Menschen, dann liebt ihr Gott!“ +</p> + +<p> +Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank. +</p> + +<p> +„Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst +Gott, auch wenn du nicht jede Woche beichtest.“ +</p> + +<p> +Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, +hockten hinter ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte +die Augen zu ihnen. +</p> + +<p> +„Hasse den Krämer Serafini nicht,“ sagte er zu der Frau +des kleinen Zollbeamten Cigogna vom Tor; „wenn er schlecht +gewogen hat, denke, daß er sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes +von der Rina,“ sagte er zu Elena, der Arbeiterin des Schusters +Malagodi, „obwohl sie dich verklatscht hat.“ +</p> + +<p> +Und zu der Pipistrelli: +</p> + +<p> +„Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten +noch den Advokaten verfolgen, denn was sind wir +selbst. Wenn die Stadt brennt, wo ist dann der, der nicht mitschuldig +wäre, weil seine Sünden das Feuer herabriefen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> +Don Taddeo seufzte und schloß die Lider. +</p> + +<p> +„Was sagt er? Was will er?“ — und bei den Männern in +dem Raum zwischen den Bänken und den Pfeilern ward es +unruhig. +</p> + +<p> +„Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.“ +</p> + +<p> +„Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben“, erklärte der Schneider +Coccola; und der Schlosser Fantapiè: +</p> + +<p> +„Es fehlte nichts weiter.“ +</p> + +<p> +„Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem +Brand beim Malandrini.“ +</p> + +<p> +„Man muß gestehen,“ äußerte der Wirt von den ‚Verlobten‘, +„daß Malandrini bei der Partei des Advokaten ist. Sollte +wirklich einer der Unseren —?“ +</p> + +<p> +„Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, +nun der ‚Mond‘ abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?“ +</p> + +<p> +„Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.“ +</p> + +<p> +„Es ist schrecklich.“ +</p> + +<p> +„Man hört nichts“, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr +Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘?<a id="corr-16"></a>“ +</p> + +<p> +„An meinem Platz“, — und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, +„sitzt die Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt +uns die Kirchenbänke weg, dann soll er uns wenigstens die +Logen lassen.“ +</p> + +<p> +„Ihr alle seid mitschuldig“, wiederholte Don Taddeo, wich +gegen den Altar zurück und spreizte die Hände. Aber da traf +er in ein Gesicht: mitten unter den kleinen Leuten zu seinen +Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und doch nicht +kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und +fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen +ihn zurück, wie die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre +lang über seinem Betstuhl gestanden hätte, alles von ihm wußte, +ja, so sehr mit seiner Seele vermengt war, daß sie seine Schwester +<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> +schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn schauderte, er +sagte rasch: +</p> + +<p> +„Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur +war wissend genug, um zu sündigen.“ +</p> + +<p> +Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. +In seiner Brust quoll es, als sollte sie springen. +</p> + +<p> +„Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im +Geist, und das heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, +und durch den Geist, seinen Gott, stolz und einsam ward. Seine +Strafe aber war, daß noch immer eins ihn an die Menschen +band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da mußte +er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen +war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf +sie und auf sich das Feuer herabrufen; mußte mit eigener +Hand es entzünden . . .“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht +fühlen“, — und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank +zu Mama Paradisi hinüber. „Es ist kein Wunder, nachdem er +sich für die Komödiantin geopfert hat.“ +</p> + +<p> +„Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden +ist und nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.“ +</p> + +<p> +„Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, +zu Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der +Primadonna, — als habe er uns alle vergessen.“ +</p> + +<p> +Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen +goldenen Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen +Filzhut. +</p> + +<p> +„Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen +auf der Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst +sein. Ich werde niemals wieder glauben, daß eine Komödiantin +keine anständige Frau sei. Welch Heiliger, Don Taddeo! +Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein gegen +<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> +sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine +Augen! Sie erlöschen . . .“ +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen +von jenen hellen unbeugsamen Augen. „Muß ich noch mehr +sagen? Alles denn?“ +</p> + +<p> +Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli +plapperte laut aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum +raunten miteinander. Don Taddeo griff sich an die Brust; +er riß daran, er riß es heraus: +</p> + +<p> +„Ja, ich bins, ich habe es getan.“ +</p> + +<p> +Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene +schrecklichen und erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo +griff um sich. +</p> + +<p> +„Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.“ +</p> + +<p> +Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor +sie ihn erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar +empor. Das Chorhemd fiel zurück. +</p> + +<p> +„Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!“ +</p> + +<p> +Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. +Er streckte über sie hin die Arme. +</p> + +<p> +„Friede!“ rief er auf einmal mit läutender Stimme. „Das +Opfer ist gebracht, wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! +Fragt nicht länger nach dem Brandstifter! Er hat gebeichtet, +und er ist fort. Ihr habt ihn nicht gekannt. Beschuldigt niemand! +Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst —“ und Don +Taddeo schlug sich, „haben sie begangen! Denn wir hatten +nicht genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; +jeder hielt sich für den Gerechten, und dadurch wurden wir +eine Stadt von Ungerechten, die brennen mußte. Ich klage +mich an —“ +</p> + +<p> +Die Hand hinaufgereckt: +</p> + +<p> +„— des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, +<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> +des geistigen Stolzes, der mich verdarb, — und ich will Buße +tun. Holt den Advokaten, damit ich ihm den Schlüssel zum +Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger —“ +</p> + +<p> +Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, — aber er breitete die +Arme aus. +</p> + +<p> +„— den ich ungerecht habe leiden lassen.“ +</p> + +<p> +Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen +setzten an: +</p> + +<p> +„Aber! Reverendo!“ +</p> + +<p> +„— den ich ungerecht habe leiden lassen!“ rief Don Taddeo +noch einmal, hoch und zitternd. „Niemand hat mehr für euch +getan als er.“ +</p> + +<p> +„Ihr! Ihr!“ antwortete es ihm. +</p> + +<p> +Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen +dort unten. +</p> + +<p> +„Liebt euch! seid gütig! gütig!“ +</p> + +<p> +Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, +inmitten eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah +Weiber rennen und am Boden einen Knäuel. Alles stob fort +vom Hochaltar; — und ein Kopf rollte herbei und blieb liegen +vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau. +</p> + +<p> +Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag +in seinen geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don +Taddeo an, der ihn ansah. Er war weiß wie der Kopf, und die +Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug er sie vors Gesicht +und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar noch +eine Falte von ihm flatterte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . +Nein nein! es kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf +der guten Fürstin Ginevra.“ +</p> + +<p> +Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der +<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> +Fürstin gehockt. Um Don Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf +den Kopf geklettert, — und welchen dünnen Hals die Ginevra +hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf abbrach, +über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, +und mit ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug +und einen Haufen Leute von den Stufen fegte. Da wälzten +sich noch welche. +</p> + +<p> +„Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht +ihn zwischen den Beinen der andern. Wie du komisch bist! +Ja, dein Schuh hat ein Loch bekommen, es nützt nichts, daß +du uns anbläst wie ein Kater.“ +</p> + +<p> +Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder +am Fuß und stampfte auf. +</p> + +<p> +„Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? +Er wollte mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.“ +</p> + +<p> +Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte +zögernd: +</p> + +<p> +„Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.“ +</p> + +<p> +„Man redet nicht mehr gegen den Advokaten“, sagte Frau +Zampieri entschlossen. „Don Taddeo will es nicht.“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo will es nicht“, wiederholten die Frauen. +</p> + +<p> +„Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.“ +</p> + +<p> +Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe +Finger vor den Augen. +</p> + +<p> +„Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!“ +</p> + +<p> +„Frieden! Frieden!“ rief der Seiler. „Da kommt Don Taddeo +mit dem Kelch.“ +</p> + +<p> +Die Frauen drängten eilig in die Mitte. +</p> + +<p> +„Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!“ +</p> + +<p> +Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz +bis über die Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein +Gesicht schien schief. Sie flüsterten: +</p> + +<p> +<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> +„Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.“ +</p> + +<p> +Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge. +</p> + +<p> +„Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat +wieder obenauf kommen werde. Wer jetzt bei ihm in +Gnade will“, — und er schnitt dem Bäcker Crepalini eine Fratze +„der wende sich an mich, seinen Freund.“ +</p> + +<p> +Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward: +</p> + +<p> +„Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet +nur noch auf Euch.“ +</p> + +<p> +„So wird er umsonst warten,“ entgegnete der Schneider, +„denn ich werde in seiner Messe nicht spielen.“ +</p> + +<p> +Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein. +</p> + +<p> +„Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die +Schwester des Weines.“ +</p> + +<p> +Alle redeten dem Schneider zu. +</p> + +<p> +„Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es +handelt sich um unser aller Erbauung, was Deixel.“ +</p> + +<p> +Die Frauen sagten: +</p> + +<p> +„Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?“ +</p> + +<p> +Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister +stumm und wild die Arme warf, den Schneider vor sich her in +die Wendeltreppe. Sie hielten Wache, bis er droben war. +</p> + +<p> +„Immer Ihr!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz. +</p> + +<p> +„Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. +Aber dann —: ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle +ich, wessen ich fähig wäre.“ +</p> + +<p> +Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel +das Gesicht des Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, +und wandte sich erstaunt um. Die Musiker ließen die Instrumente +sinken. Der kleine alte Beamte Dotti sagte: +</p> + +<p> +„Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.“ +</p> + +<p> +<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> +„Und meine Ehre?“ fauchte der Kapellmeister. Die großen +Schulmädchen im Chor stießen sich an und kicherten. +</p> + +<p> +Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, +so stark in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte +hinauf und lachte. +</p> + +<p> +„Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . +als ob er welche hätte, der heilige Mann.“ +</p> + +<p> +„Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.“ +„Aber er schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.“ +</p> + +<p> +„Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, +Scarpetta? Ich habe mich daran erinnert, daß der Advokat +meinem Bruder den Schreiberposten in der Unterpräfektur verschafft +hat.“ +</p> + +<p> +Der dicke alte Corvi brummte: +</p> + +<p> +„Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir +die Stelle bei der öffentlichen Wage gegeben hat?“ +</p> + +<p> +Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf. +</p> + +<p> +„Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer +richtig gehandelt haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat +habe das Feuer gelegt. Wußten es nicht alle, und war nicht +der Advokat für die Freiheit und für die Komödianten? Aber +wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er ihn +kennt —“ +</p> + +<p> +„Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.“ +</p> + +<p> +„Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher +hat bei Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist +verschwunden.“ +</p> + +<p> +„Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! +Was tut die Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man +kann sagen, daß wir in Not sind, dank unsern Sünden.“ +</p> + +<p> +Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal +<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> +rief er um Hilfe gegen das Elend der Unwissenheit. „Ich +habe dich nicht gekannt, o Herr, da ich die Liebe nicht kannte; +und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir anklagen, weil +ich dich ihnen nicht offenbarte!“ . . . Dreimal rief er um Hilfe +gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe +gegen das Elend der Strafe, — rief langgezogen, nasal und +zitternd; und sein letzter Ton irrte noch, ein armer, suchender +Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel hin, das wie der +stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus +gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben +leidenschaftlich zu klagen an. +</p> + +<p> +„Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, +ach, ich will Euch nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher +ist als mein Lino. Darum sagte ich, ihm sei das Chorhemd zu +groß.“ +</p> + +<p> +„Ach, ach“, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen +erbebte. +</p> + +<p> +Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends +zum Schweigen. Seine Stimme erhob sich, in einsamer +Tapferkeit: +</p> + +<p> +„Gloria in excelsis!“ +</p> + +<p> +Und es antwortete ihm der Chor: +</p> + +<p> +„Gloria in excelsis!“ +</p> + +<p> +Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die +Hörner stürmten feierlich. Wie der Wind schwang sich die +Orgel auf. +</p> + +<p> +Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè. +</p> + +<p> +„Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.“ +</p> + +<p> +„Ich sage nicht nein,“ antwortete der Krämer Serafini, „aber +wird Crepalini wollen?“ +</p> + +<p> +Denn der Bäcker wühlte umher. +</p> + +<p> +<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> +„Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den +öffentlichen Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don +Taddeo mag reden; er ist nicht in den Geschäften. Wir +aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, Scarpetta, +entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert +er nicht das Monopol.“ +</p> + +<p> +„Welch Glück für alle!“ riefen die jungen Leute mit bunten +Halstüchern; — und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, +kollerte vergeblich gegen das Volk an, das sich beglückwünschte. +</p> + +<p> +Der Herr Giocondi wagte sich hervor: +</p> + +<p> +„Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer +Brot noch viel kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der +Macht wäret, müßten wir alle verhungern; —“ und der Herr +Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht gab. Er kehrte, +den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück. +</p> + +<p> +„Mut!“ sagte er. „Ich haue euch alle heraus, und ich rette +den Advokaten. Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, +geht alles gut. Die Tätigkeit eines Versicherungsinspektors +ist die beste Schule für Diplomaten.“ +</p> + +<p> +Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen: +</p> + +<p> +„Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, +daß Sie alle von ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, +ich schwöre es Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Nicht antworten!“ raunte der Herr Giocondi dem Apotheker +zu, der schon losfuhr. „Man muß vorsichtig sein in unserer +verwickelten Lage.“ +</p> + +<p> +Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein +Hüsteln und fand sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi +kniete. Der Spitzenschleier stand weit um ihren Kopf; niemand +konnte sie sprechen sehen. +</p> + +<p> +„Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf +Don Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.“ +</p> + +<p> +<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> +Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er +knirschte. +</p> + +<p> +„Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, +und der Advokat, den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein +Gespenst.“ +</p> + +<p> +Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die +Betenden. Dann, flüsternd: +</p> + +<p> +„Knien Sie hin!“ +</p> + +<p> +Und als sein Ohr ganz nahe war: +</p> + +<p> +„Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. +Er glaubt, er solle heute abend eine große Sünde begehen +und ein Mädchen entführen, das dem Herrn bestimmt ist. Ich +aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba retten. +Lassen Sie mich beten!“ +</p> + +<p> +Nach einer Weile, mit Aufseufzen: +</p> + +<p> +„Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie +nicht, daß er schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer +in die Hände gefallen war, rettete, indem er durch sein +Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer Frau gefährlich +zu werden?“ +</p> + +<p> +Da sie den Savezzo schnauben hörte: +</p> + +<p> +„Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch +den Erfolg . . . Den Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben +nicht versucht, Don Taddeo umzustimmen? Es wäre auch unnötig. +Er ist krank, — und die Leute verehren ihn als Heiligen, +das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und +sich an den Advokaten halten.“ +</p> + +<p> +„An wen?“ +</p> + +<p> +„An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, +denn sonst kommen andere Ihnen zuvor, — und sich ihm anbieten. +Sie sagen ihm, jetzt, da er Ihre Kraft kennt, wollen +Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie machen sich +<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> +anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit +ihm zu herrschen.“ +</p> + +<p> +„Niemals“, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. +Dann: +</p> + +<p> +„Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; +und da Sie den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut +empfangen. Dann ist Zeit gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, +das uns endgültig von dem Advokaten befreit.“ +</p> + +<p> +Sie neigte sich tiefer. +</p> + +<p> +„Libera nos a malo!“ +</p> + +<p> +„Niemals!“ wiederholte er. „Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange +mußte ich heucheln. Für einen von uns hat die Stadt +nur Raum. Kehrt er zurück, dann habe ich verspielt . . . Aber +er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem Volk verbieten, +ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich +werde —“ +</p> + +<p> +„Still da!“ — und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. +„Finden Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während +Don Taddeo betet?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben +wie der, für den er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten +zurückbannten. Er ging von der linken Seite des Altars auf +die rechte. „Sein Wandel war noch schwerer“, dachte er; und +wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und Coccola der +Weihrauch um ihn her dampfte: „Aber seine Werke duften. +Seine duften.“ +</p> + +<p> +„Es ist höchste Zeit“, — und der Savezzo packte den Schlosser +Fantapiè und den Schuster Malagodi am Arm. „Don Taddeo +liest die Epistel, jetzt heißt es wählen. Wollt ihr die Macht +nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?“ +</p> + +<p> +„Eh! auch das kleine Volk ist noch da“, sagte der Schuster. +</p> + +<p> +<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> +„Und Don Taddeo“, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, +die beiden Serafini, alle sagten dasselbe. +</p> + +<p> +„Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; +denn wie bekommen wir ohne ihn das Volk?“ +</p> + +<p> +Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo +tat einen Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er +hinter dem Pfeiler, — und der Savezzo spürte eine Kälte auf +dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt — wie viele +Stunden wars her? — den Advokaten fallen gelassen! +</p> + +<p> +Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. +Sie zuckten die Achseln. +</p> + +<p> +„Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt +das Volk.“ +</p> + +<p> +Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, +über deren Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. +Es stand in Pyramiden bis auf den Altar; es kniete, +die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den Schultern; +und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand +ein Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war. +</p> + +<p> +„Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!“ — und der +Savezzo wollte die Arme schwingen; die aber, die er damit +getroffen hatte, schlugen sie ihm herunter. Statt der Arme +rollte er die Augen. +</p> + +<p> +„Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen +lernen!“ +</p> + +<p> +„Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?“ +</p> + +<p> +„Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!“ — und +er hüpfte auf einem Fuß, um den andern aus der Enge +herauszuziehen. „Meine Schuhe sind durchlöchert. Und +hier!“ +</p> + +<p> +Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen +Nägeln. Sie antworteten: +</p> + +<p> +<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> +„Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht +gefällt uns nicht.“ +</p> + +<p> +Der Mann, der das Mädchen trug, sagte: +</p> + +<p> +„Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.“ +</p> + +<p> +„Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten“, rief eine +Frau; und eine andere: +</p> + +<p> +„Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und +das Volk.“ +</p> + +<p> +Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch +die Arme gekreuzt, um Raum zu sparen für seine Nachbarn. +Von dort oben sah er dem Savezzo in die Augen. +</p> + +<p> +„Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr +Savezzo, wollt bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten +damit besiegen könntet, würdet Ihr vom Gipfel des +Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil +gehen.“ +</p> + +<p> +Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte +jemand: +</p> + +<p> +„Der Advokat ist ein großer Mann.“ +</p> + +<p> +Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, +droben im Chor, hörte es. +</p> + +<p> +„Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist“, — und er dirigierte +ganz leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen +Lächeln. +</p> + +<p> +„Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener +Nacht erfunden habe, als Flora Garlinda so böse war und mich +so unglücklich machte. Wie gut, daß ich jene schlimme Nacht +gehabt habe! Damals zeigte sich, daß alles, was ich um sie gelitten +hatte, in diesen ‚Fortschritt des geistlichen Lebens‘ paßte; +und als er fertig war, da war ich sicher, ich hätte sie gewonnen, +und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.“ +</p> + +<p> +Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. +<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> +Das Herz ging ihm auf einmal heftig. „Mein Halleluja! Jetzt +kommt es! Nur diese Minute noch leben!“ Und der Stock +zitterte. +</p> + +<p> +„Halleluja!“ sang Don Taddeo. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er +langsam die Hand senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit +ihn unwiderstehlich . . . Da zuckte er auf. „Das Tenorhorn! +Ich wußte es.“ Er war plötzlich weiß, wie der Pfeiler hinter +ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus. +</p> + +<p> +„Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch +einsetzen.“ +</p> + +<p> +„Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben“, +zischelte der Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, +während der Schneider, dunkelrot, das Horn von sich stieß. +</p> + +<p> +„Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch +unrecht? Dann also“ — und der Kapellmeister sprang, die +Arme erhoben, vom Podium, „nehmt doch Ihr den Stock, Ihr +werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als +ich.“ +</p> + +<p> +Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang +versiegte. Die Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, +und nur noch Nina Zampieri ließ ein paar Harfentöne hineinfallen, +wie Tropfen in ein Gewitter. Der Schneider hatte +seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem +Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau +an. Er griff sich an den Hals. Ganz heiser: +</p> + +<p> +„Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau +mit einem Tenor schläft.“ +</p> + +<p> +Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und +der junge Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider +zu halten. Der schöne Alfò hängte sich um seine Schenkel, +— indes Nonoggi und der kleine alte Beamte Dotti in die Wendeltreppe +<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> +flüchteten. Der Chor drängte gegen die Wände. +Jemand rief: „Hilfe!“ +</p> + +<p> +„Was trampelt ihr dort oben?“ fragte man hinauf. „Was +gibts?“ +</p> + +<p> +Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber. +</p> + +<p> +„Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, +und er hat es selbst geschrieben.“ +</p> + +<p> +„Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen +anzuzünden.“ +</p> + +<p> +Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. +„Wie er gebückt geht!“ bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri +setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.“ +</p> + +<p> +Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, +mit Augen übergroß und voll Kerzenschein, drückten die +Mägde Fania und Nanà die kleinen schwarzen Hände vor die +Brust. +</p> + +<p> +„Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns +das Kreuz.“ +</p> + +<p> +Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen +Grund der Apsis ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der +kleinen Druso und Coccola schwangen höher, dichter ballte +sich der Weihrauch, woraus die Stimme des Evangeliums +erklang. +</p> + +<p> +Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den +Schneider hinunter. Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß +dahinten im Haufen, er mußte in der Vorhalle bleiben. Man +hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, man riet, was +er habe, — da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen befreiten +Brust, schwungvoll und voll Zuversicht. +</p> + +<p> +„Das Kredo! Aber das ist glänzend!“ +</p> + +<p> +„Es ist aus der ‚Armen Tonietta‘“, behauptete Polli. +</p> + +<p> +<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> +„Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.“ +Und da das Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken: +</p> + +<p> +„Bravo Maestro!“ — indes Don Taddeo sich, schillernd und +funkelnd in seinem bestickten Gewand, demütiger über den +Altar neigte und seine Hände höher hinauftasteten. +</p> + +<p> +„Komm, heiliger Geist!“ +</p> + +<p> +Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf: +</p> + +<p> +„Orate, fratres!“ +</p> + +<p> +Ein jähes Aufschwellen des Chores: +</p> + +<p> +„Sanctus! Sanctus! Sanctus!“ +</p> + +<p> +Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten +die Frauen noch miteinander, durch die Männer ging eine +letzte Unruhe . . . Das Klingeln. +</p> + +<p> +In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk +und Stufen. Man hörte die Krücken der alten Nonoggi +klappern, wie sie hinkniete. Frau Giocondi, die schnarchte, bekam +von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte eilig nieder. +Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende +Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles +Volk hin, wie des Gottes gebrochenes Auge, — und ihm zur +Seite erloschen, in einer langen Stille, vor Müdigkeit und +Gram die Augen des Priesters. +</p> + +<p> +„Auch uns Sündern“, sagte er schwach; mit Anstrengung, die +Arme, wie am Kreuz, weit offen gegen das Volk: „Pax Domini!“ +— und indes alles sich räusperte, Stühle umherstieß +und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der Chor: +</p> + +<p> +„Sondern erlöse uns von dem Übel.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der +Tür geschoben. +</p> + +<p> +„Was hast du? Was gibts denn zu weinen?“ fragte Polli ihn. +„Ah! wie sie schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe +<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> +rührend und erbauend war! Ich bin so lange nicht in der Bude +gewesen.“ +</p> + +<p> +Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und +drückte ihr, links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt +ganz still. +</p> + +<p> +„Es handelt sich nicht darum“, sagte Polli. „Es handelt sich um +den Advokaten. Wir müssen ihn holen.“ +</p> + +<p> +Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan. +</p> + +<p> +„Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden +zu schließen. Er ist besser für die Geschäfte, — und schließlich +sind wir Menschen.“ +</p> + +<p> +„Eh! ich sage nicht nein“, erwiderten sie. „Denn wegen des +Bürgerkrieges bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. +Das trifft euch: gut; aber es trifft auch uns.“ +</p> + +<p> +Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und +seine Freunde vor dem Dom. +</p> + +<p> +„Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr +kennt ihn nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem +edelsten Herzen.“ +</p> + +<p> +„Ich verbürge mich für meinen Freund,“ sagte der Apotheker, +„daß er Euch das Monopol erneuert.“ +</p> + +<p> +Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht +in den Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er +lehnte am Dom, drückte die heißen Handflächen gegen die +Mauer und lächelte verstört. „Ich habe sie also erbaut“, dachte +er. „Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen Frieden. +Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für +Flora Garlinda.“ +</p> + +<p> +Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister +lehnte noch immer und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit +einem Gesicht voll glänzender Gnade, der Cavaliere Giordano +die beringte Hand hin. +</p> + +<p> +<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> +„Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: — gestern +abend schon ist sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte +den Erfolg Ihrer Messe abwarten, um Ihr Glück verdoppeln +zu können. Maestro —“ +</p> + +<p> +Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen +Zauberstab: +</p> + +<p> +„— Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft +Mondi-Berlendi und werden zur Herbstsaison nach Venedig +gehen.“ +</p> + +<p> +Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere +Giordano winkte die nächsten zu Zeugen herbei. +</p> + +<p> +„Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser +Maestro Dorlenghi ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches +Talent.“ +</p> + +<p> +Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an: +</p> + +<p> +„Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie +so fromme Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des +Maestro, und jetzt verläßt er uns.“ +</p> + +<p> +„Das ist zu natürlich“, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf +einmal große blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst +blieben, obwohl sie die Lippen, wie zum Lächeln, von den +Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des Kapellmeisters +auf und schüttelte sie hart. +</p> + +<p> +„Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen +werde. Ich, die Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, +Maestro. Sie müssen wissen, daß ich Ihnen geholfen habe. +Denn ich habe von der Gesellschaft Mondi-Berlendi der kleinen +Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, Ihrer Geliebten, +der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano abgetreten +haben.“ +</p> + +<p> +Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister +warf sich plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig +<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> +zucken, während er sich auf der Mauer um die Ecke drückte. +Der Cavaliere Giordano ging ihm mit ausgestreckten Händen +nach. +</p> + +<p> +„Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven +Leute —. Ich versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches +Talent —.“ +</p> + +<p> +„Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine +Nerven nicht widerstehen. Und bei alledem —“ +</p> + +<p> +Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, +er stöhnte wund. +</p> + +<p> +„— habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, +meinen Wohltäter!“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere begann zu schnuppern. +</p> + +<p> +„Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend: +</p> + +<p> +„O! O!“ +</p> + +<p> +Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen: +</p> + +<p> +„Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!“ — und +immer wieder das Gebrüll des Savezzo: +</p> + +<p> +„Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, +die seine Rache spüren!“ +</p> + +<p> +Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um. +</p> + +<p> +„Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.“ +</p> + +<p> +„Der Schneider . . .“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte +die Worte zwischen den Fingern hervor: +</p> + +<p> +„Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht +mehr zu erwidern . . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen +ihn mit seiner Frau.“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor lachte meckernd. +</p> + +<p> +„Eh! und wenn es wahr wäre.“ +</p> + +<p> +<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> +„Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.“ +Die Miene des Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand. +</p> + +<p> +„Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, +daß ich es versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich —“ +</p> + +<p> +„Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! +Schweige, Intrigant!“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die +Hände gerungen, im Kreise umeinander her. +</p> + +<p> +„Ah! diese jungen Leute“, jammerte der Alte. „Immer gleich +ist der Kopf dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! +Schöne Sache!“ +</p> + +<p> +„Was habe ich getan!“ stöhnte der Kapellmeister. Der Alte +blieb stehen, sein Kopf wackelte vor Zorn. +</p> + +<p> +„Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was +Sie getan haben, ist niedrig und gemein!“ +</p> + +<p> +Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen: +</p> + +<p> +„Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! +ich wußte wohl, daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit +weniger als hunderttausend Einwohnern und umgeben von +Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, die mich umbringen +wird durch die Hand des Schneiders!“ +</p> + +<p> +Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, +lief und kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien +an der Ecke. +</p> + +<p> +„Cavaliere!“ +</p> + +<p> +Sie holte ihn ein; sie flüsterte: +</p> + +<p> +„Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.“ +</p> + +<p> +Da er stöhnend herumfuhr: +</p> + +<p> +„Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten +sein. Gut, daß Sie noch heute die Stadt verlassen.“ +</p> + +<p> +„Ich werde <a id="corr-17"></a>sie nie mehr verlassen.“ +</p> + +<p> +„Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir +<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> +verstecken; aber da der Schneider Ihre Wohnung kennt —.“ +</p> + +<p> +„Retten Sie mich!“ +</p> + +<p> +Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den +Kopf. Dem weiten, stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern +heraus, die Leidenschaften hin und her über den Platz +schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace. +</p> + +<p> +„Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.“ +</p> + +<p> +Aber der Savezzo brach hervor: +</p> + +<p> +„Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.“ +</p> + +<p> +Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger +Papiere, machte den Finger naß: +</p> + +<p> +„Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer +gelegt hat.“ +</p> + +<p> +Die Menge wich zurück — und plötzlich stürzte sie vor. +</p> + +<p> +„Laß sehen! Wo!“ +</p> + +<p> +„Es ist falsch!“ rief donnernd der Apotheker und griff mächtig +zu. Er hielt das Papier in die Höhe. „Der Schurke hat es +gefälscht. Da habt ihr den Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr +auf die Galeere schicken sollt.“ +</p> + +<p> +Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit +dem Holzbein und schrie, daß ihm die Adern schwollen: +</p> + +<p> +„Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde +des Advokaten. Er verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen +haben: er verzeiht sogar diesem und gibt ihm sein +Papier zurück.“ +</p> + +<p> +Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der +auf seine Nase schielte. Das Volk klatschte. +</p> + +<p> +„Bravo! Hole den Advokaten!“ +</p> + +<p> +„Der Schneider“, sagte Frau Camuzzi, „hat vom Maestro +nicht ihren Namen gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein +Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. Aber ihr seid zwei Tenore +hier. Schicken Sie den andern hin!“ +</p> + +<p> +<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> +Da er sie ansah: +</p> + +<p> +„Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders +entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll +tun, was ihm gut scheint; — wir aber geben dem Schneider +einen Wink. Ah! er wird nicht lange fragen, wie die Sachen +liegen; er wird die Überlegung verlieren . . .“ +</p> + +<p> +„Aber das wäre ein Mord“, sagte der Cavaliere Giordano und +zog sich einen Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. +„Ich rate Ihnen, weil Sie es wünschen. Scheint es Ihnen +nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei der Gasse der Hühnerlucia, +der Schneider steht und herübersieht? Was er für +Augen hat!“ +</p> + +<p> +„Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.“ +</p> + +<p> +„Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . +Ah! er ist fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und +Polli drein. +</p> + +<p> +„Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste +Parteigänger des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm +gezweifelt hat?“ +</p> + +<p> +Auch der Herr Giocondi wackelte herbei. +</p> + +<p> +„Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen +mit Don Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an +die Oberfläche gelangt.“ +</p> + +<p> +Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick +nötiger auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung +zu erhalten. +</p> + +<p> +Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo +in den Weg. Er schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, +und wie er sprechen wollte, spritzte es. +</p> + +<p> +<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> +„Feiglinge! Elende Feiglinge!“ heulte er. „Doppelte Verräter, +die abfallen in der Gefahr und, wenn sichs wendet, +wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich gehe unter. Aber ich gehe +unter, indem ich euch verachte.“ +</p> + +<p> +Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte +er kehrt. +</p> + +<p> +Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum +Apotheker: +</p> + +<p> +„Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht +niedergeschlagen?“ +</p> + +<p> +Nach einer Weile seufzte Polli: +</p> + +<p> +„Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet +haben, was wir trotzdem niemals getan haben würden. Ich +wenigstens darf von mir sagen, daß ich auch in der Not zum +Advokaten gehalten hätte.“ +</p> + +<p> +Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt. +</p> + +<p> +„. . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster“, +bemerkte Mancafede. Der Tabakhändler meinte: +</p> + +<p> +„Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich +aber soll er sehen, daß es auch noch Freunde gibt.“ +</p> + +<p> +Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge +Amelia wandte sich ins Zimmer zurück. +</p> + +<p> +„Advokat, da kommen drei Herren!“ +</p> + +<p> +Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die +Augen geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus. +</p> + +<p> +„Gottlob, es sind Freunde.“ +</p> + +<p> +„Was denn, Freunde,“ — und Galileo Belotti zog die Brauen +bis unter die Haare hinauf. „Es gibt keine Freunde mehr. +Sie werden dem Advokaten sagen wollen, daß er auf die Galeere +kommt.“ +</p> + +<p> +„Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank +ist? Du würdest besser tun, auf den Platz zu gehen, zu +<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> +den anderen häßlichen Leuten. Würde er nicht besser tun, +Doktor?“ +</p> + +<p> +Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten +untersuchte, stimmte zu. +</p> + +<p> +„Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. +Aber wenn der Platz langweilig ist ohne den Advokaten.“ +</p> + +<p> +Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer. +</p> + +<p> +„Galileo!“ rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. +„Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um +ihn zu verhaften.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen +Schrei aus, wie ein kleines Mädchen. +</p> + +<p> +„Was habe ich gesagt“, — und Galileo streckte die Brust heraus. +Der Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn. +</p> + +<p> +„Auch das härteste Geschick wird mich stark finden“, sagte der +Advokat und beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. +„Aber ich fühle mich nicht verloren; denn —“ +</p> + +<p> +Er fand Stimme: +</p> + +<p> +„— ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.“ +</p> + +<p> +Da flog die Tür auf. Polli rief herein: +</p> + +<p> +„Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?“ +Aber sogleich verstummte er und machte einen Schritt rückwärts. +</p> + +<p> +„Signora Artemisia,“ flüsterte der Apotheker, „was gibts? +Der Advokat sieht uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?“ +</p> + +<p> +Da sie nur die gefalteten Hände erhob: +</p> + +<p> +„Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht +haben kann. Denn das Volk will ihn wieder haben.“ +</p> + +<p> +„Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?“ fragte Galileo. +</p> + +<p> +„Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?“ +sagte Polli. „Das Volk ruft dich, Advokat.“ +</p> + +<p> +„Da bin ich“, sagte der Advokat und zog die Beine unter der +<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> +Decke hervor. Er schob den Doktor fort, — aber dann saß er +in seinen Unterhosen auf dem Bettrand und konnte nicht weiter. +Seine Schwester stürzte herbei. +</p> + +<p> +„Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.“ +</p> + +<p> +„Was, Ruhm!“ — und Galileo erklärte den Herren: +</p> + +<p> +„Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer +gerade, wenn man essen will, braucht er die ganze Küche für +sein heißes Wasser. Und dann, versteht sich, sieht man in seinem +Bureau seit vier Wochen nichts anderes mehr, als Unterröcke +. . .“ +</p> + +<p> +Die Schwester jammerte auf. +</p> + +<p> +„Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht +wärest, könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden +dich ruinieren. Jetzt ist es geschehen.“ +</p> + +<p> +„Denn der Advokat“, schloß Galileo, „hat heute morgen in der +Badewanne einen Schlaganfall gehabt.“ +</p> + +<p> +Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft +mit dem Handrücken. +</p> + +<p> +„Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie +ich! Sagen Sie den Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!“ +</p> + +<p> +„Es war nur ein wenig Schwäche“, entschied der Doktor; „denn, +Advokat, es sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker +verloren!“ +</p> + +<p> +Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand +des Advokaten. +</p> + +<p> +„Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben +dir Leiden verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben +und dir danken. Komm!“ +</p> + +<p> +„Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das +Volk ruft mich. Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk +will mich gesund, und es ist stärker als Sie, ich bin gesund.“ +</p> + +<p> +Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt. +</p> + +<p> +<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> +„Ihr Gesicht ist schon weniger grau,“ sagte der Doktor Capitani, +„Ihre Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, +— wenn Sie mir versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen +wollen, was ich Ihnen gebe.“ +</p> + +<p> +„Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!“ +— und der Advokat tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn +schallend auf die breiten blonden Backen. +</p> + +<p> +„Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich +sind. Ich habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie +habe ich den Glauben verloren an die Gerechtigkeit des Volkes.“ +</p> + +<p> +„Nicht diese Hose!“ rief Polli. „Es ist ein großer Tag; der +Advokat muß gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.“ +</p> + +<p> +„Wo hast du die neue?“ fragte die Witwe Pastecaldi. „Sieh +doch Galileo: er hat sie gefunden.“ +</p> + +<p> +Galileo polterte: +</p> + +<p> +„Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.“ +</p> + +<p> +Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede +äußerte: +</p> + +<p> +„Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest +sie auf einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle +besiegt. Don Taddeo hat uns um Gnade gebeten.“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht wahr“, sagte der Apotheker. „Er hat uns alle +zum Frieden ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so +hat er nun eingesehen, Advokat, daß du ein Mann von großem +Verdienst bist.“ +</p> + +<p> +„Und daß auch er einer ist,“ sagte der Advokat, „das weiß ich +seit heute nacht.“ +</p> + +<p> +Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem +Hut. +</p> + +<p> +„Gehen wir! Artemisia, komm!“ +</p> + +<p> +Sie betastete ihr ländliches Mieder. +</p> + +<p> +<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> +„Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich +bei dir sieht.“ +</p> + +<p> +Er antwortete: +</p> + +<p> +„Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes +sei, als es selbst.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat auf die Galeere?“ sagte am Fenster aus ihrem +weißen Mullkleid die junge Amelia, die Augen weit verdreht. +Man mußte ihr einen Stoß geben. +</p> + +<p> +Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und +drunten schrie das Volk auf. +</p> + +<p> +„Beim Bacchus“, sagte Polli. „Sie haben auch die Kanone +aus dem Rathaus geholt.“ +</p> + +<p> +„Wenn sie nur kein Unglück anrichten“, sagte der Advokat. „Ich +werde nachsehen müssen.“ +</p> + +<p> +„Eh!“ machte der Apotheker, „glaubst du, es sei nichts Wichtigeres +zu tun? Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer +geben.“ +</p> + +<p> +Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede: +</p> + +<p> +„Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.“ +</p> + +<p> +Der Advokat erlangte Worte: +</p> + +<p> +„Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er +will —. Das ist ja ein Dummkopf!“ +</p> + +<p> +Sein Lachen brach ab, er ging weiter. +</p> + +<p> +„Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man +sieht, daß Don Taddeo eine erlesene Seele hat.“ +</p> + +<p> +Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, — und da öffnete drunten +sich der Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte +Hände herauf, und Schreie knatterten: +</p> + +<p> +„Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen +zogen sich einige Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte +<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> +er den Hut vor dem Volk, das ihn begrüßte. Der Schatten +des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das er zurücklehnte, +— und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, +sie dehnte die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte +die gegerbte Haut, machte alle Runzeln hüpfen und sandte +weithin einen Schein aus. +</p> + +<p> +„Nie hat man den Advokaten so gesehen“, riefen die Frauen. +„Er ist schön!“ +</p> + +<p> +Die Männer sagten einander: +</p> + +<p> +„Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, +damit sie in der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann +wir haben.“ +</p> + +<p> +„Meine lieben Freunde“, sagte der Advokat erstickt und schüttelte +Hände. Der Apotheker drang vor: „Platz, Ihr Herren!“ +und vom Dom her bahnte der Leutnant Cantinelli die Gasse. +Wie der Advokat hineinging, sah er drüben einen andern sie +betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die +päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu +läuten, und sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. +Der Advokat fuhr herum: vom Rathaus flatterte die Trikolore. +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt +war; und er, bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. +Plötzlich: +</p> + +<p> +„Camuzzi! Ah!“ +</p> + +<p> +Mit einem Blick auf die Trikolore: +</p> + +<p> +„Mein lieber Freund Camuzzi!“ +</p> + +<p> +„Den Hymnus an Garibaldi!“ schrie der Apotheker. Denn +vor seinem Hause, hinter dem Wogen des Volkes blitzten die +Musikinstrumente. Darüber schwenkte, auf einem Stuhl, der +Gevatter Achille seine Fahne. +</p> + +<p> +„Den Hymnus an Garibaldi!“ wiederholte das Volk. Der +<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> +Unterpräfekt, Herr Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in +den Arm fallen. Er beschwor ihn um den Königsmarsch. +</p> + +<p> +Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß +sich dem Volk; er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel +kommen, den Don Taddeo mit beiden Händen vor sich hinhielt. +Don Taddeo war bleich, als sei er tot; seine scharf roten +Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich +nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche +Wendung, sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände +ließen, seine Schritte lange zurück, als wollte er diesen Gang +verlängern, immer noch verlängern . . . Der Advokat streckte +plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. Er hatte eine +achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, noch +ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel +weiter von sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. +Dann zogen sie sich leise voneinander zurück. Das Volk wartete, +verstummt. Der Advokat hüstelte, und Don Taddeo sah +zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen +aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der +Beifall des Volkes umstürmte sie, wie sie einander auf der +Brust lagen. Am Dom klatschte die Fahne des Papstes, gelb +und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der Gevatter Achille +warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend +hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide +Glocken, er ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, +im Eilschritt blies sie ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, +um den Platz; — und da ging zum drittenmal die Kanone los. +Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den Händen; +„Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!“ — und indes +jeder sich nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre +Hände sich manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern +den ganzen Beifall ab: gerade wie man es in der +<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> +„Armen Tonietta“ an der Primadonna und dem Tenor gesehen +hatte. +</p> + +<p> +„Es lebe Don Taddeo!“ +</p> + +<p> +Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er +bekam schallende Küsse auf die Wangen, stand da mit einem +Fleck Röte unter den Augen und einem flüchtenden Lächeln. +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +„Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!“ — +und er reckte sich hinauf. „Wir haben ihn zurück; jetzt werden +wir den Komödianten den Eimer zeigen!“ +</p> + +<p> +„Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!“ rief das +Volk. Der Advokat drückte den Finger auf den Mund, er +schielte nach Don Taddeo. Aber Don Taddeo erklärte hastig, +mit Spreizen und Einziehen der Hand, die Komödianten sollten +nur kommen, er wolle mitgehen. +</p> + +<p> +„Wie, Reverendo?“ — und der Advokat lüftete mehrmals +nacheinander den Hut. +</p> + +<p> +„Welch Heiliger!“ sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere +Giordano herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte +sie dem Priester vor. +</p> + +<p> +„Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, +dem die Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr +Gaddi aber hat heute nacht an der Spritze gearbeitet wie +einer von uns. Sie freilich, Reverendo, der Sie mehr getan +haben als alle —“ +</p> + +<p> +„Große Sünden“, sagte Don Taddeo rasch und preßte die +Hand auf die Brust, „verlangen große Tugenden; und was ich +erkannt habe, ist, daß unsere Verdienste eins sind mit unserer +Schuld.“ +</p> + +<p> +„Ich bin Ihrer Meinung“, sagte der Advokat. „Wir werden +immer nur tun können, was wir schulden, und das wenige +Gute, das mir zu vollbringen erlaubt ist —“ +</p> + +<p> +<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> +Mit einem Bogen des Armes: +</p> + +<p> +„— das kommt mir vom Volk.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es ward geklatscht, — und ein langer Schub beförderte die +beiden samt ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des +Turmes. Keiner wollte vorangehen; sie drehten einander +rundum und wurden drehend hineingestoßen. Die Menge +quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle +Volkes. Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt +unter die Matratze. Er schlich durch die Vorhalle. Aus all den +leeren Bänken dahinten erhob sich ein einziges, dämmerweißes +Gesicht. +</p> + +<p> +„Sie hier, Herr Savezzo?“ fragte Frau Camuzzi. +</p> + +<p> +„Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben —.“ +</p> + +<p> +„Ich, ein Zeichen?“ +</p> + +<p> +Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi +flüsterte: +</p> + +<p> +„Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen +ein Bündel?“ +</p> + +<p> +„Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. +Lieber in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, +als hier den frechen Triumph des alten Feindes erleiden.“ +</p> + +<p> +Gedämpfter Jubel drang in die Stille. +</p> + +<p> +„Hören Sie?“ — und er knirschte. Er warf seinen Hut auf +den Boden. +</p> + +<p> +„Heben Sie ihn auf,“ sagte Frau Camuzzi, „wir sind in der +Kirche. Da Gott selbst für den Advokaten ist, werden Sie die +Dinge nicht ändern.“ +</p> + +<p> +„Ich werde sie ändern, — nachdem ich draußen gesiegt habe +und groß geworden bin.“ +</p> + +<p> +„Ich“, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, „habe einen Mann, +der Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der +<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> +Stadt mein Leben enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, +mich zu erhören.“ +</p> + +<p> +„Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen +und Leidenschaften!“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie?“ — ganz sanft den Kopf geneigt. +</p> + +<p> +„Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt +ein großer Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich +zurück, und der Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament +schickt. Ah! wie ich aufräumen will in der Stadt. Zu +welchem Brei ich die herrschenden Familien zerstampfe! Ich +sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.“ +</p> + +<p> +Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. +Draußen heulte es auf: +</p> + +<p> +„Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!“ +</p> + +<p> +Die beiden sahen sich an. +</p> + +<p> +„Es scheint,“ sagte langsam Frau Camuzzi, „daß der Turm, +der ein wenig eng ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, +Ihnen die Mühe abnimmt, Herr Savezzo, und alle +umbringt.“ +</p> + +<p> +Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, +aber sie deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile: +</p> + +<p> +„Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?“ +</p> + +<p> +Er breitete die Flügel seines Mantels aus. +</p> + +<p> +„Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer +schickt, und in denselben Schuhen, die eine feindliche +Menge mir zerrissen hat.“ +</p> + +<p> +„Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem +ein Wort zu sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie +sagen ihr, der Tenor werde sie warten lassen, er sei aufgehalten +bei der Frau des Schneiders Chiaralunzi.“ +</p> + +<p> +Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend +von unten: +</p> + +<p> +<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> +„Wie haben Sie das gemacht?“ +</p> + +<p> +„Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war +es mein Gebet, das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um +die Interessen des Himmels, dessen Braut die arme Alba ist, +— und sollen nicht, nun alle zur Eintracht bekehrt sind, auch +wir ein wenig Gutes tun?“ +</p> + +<p> +„So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die +ganze Stadt?“ +</p> + +<p> +Da er einen schwarzen Blick bekam: +</p> + +<p> +„O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. +Was daraus entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, +der vorübergeht und ein Wort fallen läßt. Könnte davon die +Stadt zusammenstürzen!“ +</p> + +<p> +Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über +die andere Schulter wieder zurückflog. +</p> + +<p> +„Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!“ +</p> + +<p> +Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie +hinter ihm die Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die +Schultern. +</p> + +<p> +Draußen brach Geschrei aus: +</p> + +<p> +„Der Savezzo!“ +</p> + +<p> +Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte +die Stufen zum Dom. +</p> + +<p> +„Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns +in den Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus +angezündet haben? Ergreift ihn doch!“ +</p> + +<p> +Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über +den Augen, die Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd +hinab, brach hindurch, stampfte von dannen. +</p> + +<p> +„Hohoho!“ machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. +Der Savezzo verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau +sagte: +</p> + +<p> +<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> +„Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte +Reise er geht.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, +der Advokat zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum +sind Sie nicht früher gekommen?“ +</p> + +<p> +Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren +ihr durch Feuer und Wasser verdorben. +</p> + +<p> +„Wie?“ riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, „so werden +Sie die Stadt ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? +Kann man es dulden, Signora Aida?“ +</p> + +<p> +„Platz für das Fräulein Italia!“ — und der dicke alte Corvi +nahm sie bei der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. +Sein Bauch schob links und rechts die Leute an die Wand; und +auf jeder Stufe hieß es: +</p> + +<p> +„Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, +dank Don Taddeo . . . Es freut mich so sehr, Sie gesund +zu sehen, Fräulein . . . Er ist droben, Don Taddeo, im +Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen +gefragt.“ +</p> + +<p> +Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, +brach er ab. +</p> + +<p> +„Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat +dreihundert Jahre auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie +ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut an!“ +</p> + +<p> +Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, +die auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor +dem Herabfallen behütet wurden; — und dann suchte sie, +zweifelnd, die Gesichter der andern. Don Taddeo blickte, +die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins Leere. +Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano +hatte einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der +<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> +Menge sah sie Nello Gennari sich heimlich wälzen, wie ein +Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte Italia es. +</p> + +<p> +„Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen“, sagte sie. +</p> + +<p> +„Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen“, erwiderte der +Advokat pünktlich. „Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes +Ding er scheinen mag, lehrt uns dennoch“, — und der Advokat +erhob die Stimme, „den Glauben an den menschlichen Fortschritt!“ +</p> + +<p> +Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, +die über die Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse +reckten. +</p> + +<p> +„Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein +großer, grausamer Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut +lassen mußten, daß man den Eimer damit füllen konnte. Jetzt +aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben Sieger, da +jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur noch +im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!“ +</p> + +<p> +Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen. +</p> + +<p> +„Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie +wir alle ihn umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.“ +</p> + +<p> +„Wo ist Don Taddeo?“ +</p> + +<p> +Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief +jemand: +</p> + +<p> +„Er ist drunten auf dem Platz!“ +</p> + +<p> +Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. +Er huschte hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür +zu, er zitterte vor jäher Auflehnung: „Geht! Warum quält +ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich euch geopfert habe?“ +</p> + +<p> +Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle +Volkes hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er +auch stolperte, sein seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum +Eimer reckte er immer hoch aus dem Schwall. +</p> + +<p> +<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> +„Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!“ verlangte das +Volk; und man suchte nach einer Schnur. +</p> + +<p> +„Das Band, das du im Haar hast, würde passen“, sagte der +Doktor Capitani zu seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten +Wangen, vom Kopf und zog es durch den Schlüssel. Als sie es +ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat: +</p> + +<p> +„Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, +ohne den Lohn der Frauen!“ +</p> + +<p> +Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani +die Hand; im Lärm flüsterte er ihr zu: +</p> + +<p> +„Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.“ +</p> + +<p> +Und er glaubte es, — so gut er auch wußte, daß heute nacht, +als alle ihn verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen +war als alle. Er drückte die Hände, wie sie kamen; und +wo er sie zaudern sah, als hielte ein befangenes Gewissen sie +auf, da zog er sie an sich. +</p> + +<p> +„Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute +nacht nicht mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind +menschliche Irrungen, und im Grunde haben wir nie vergessen, +daß wir zueinander gehören . . . Man sagt mir, Crepalini, +Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame Einbildung. +Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, +um einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, +wird dann Euer sein.“ +</p> + +<p> +Da er an den Apotheker geriet: +</p> + +<p> +„Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf +es sagen, haben wir uns verdient.“ +</p> + +<p> +Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des +Freundes: +</p> + +<p> +„Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen +werde ich mich niemals mehr, — da ich es heute früh +nicht getan habe.“ +</p> + +<p> +<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> +Der Advokat drückte ihn fester; — wie er aber dann das +Schnupftuch zog, hatte er plötzlich ein paar andere Arme um +den Hals, und noch eins und noch eins. Billiger Puder +stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle kleine +Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, +alles wirbelte um ihn her. +</p> + +<p> +„Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem +Schlüssel am blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß +Sie wieder gesund sind . . . Nie werden wir unsern Direktor +vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche Vorschüsse . . .“ +</p> + +<p> +Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. +„Seid gut, Kinder“, murmelte er. Die kleinen Choristinnen +lachten auf, alle auf einmal, und entflatterten. Die jungen +Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern fingen sie +ein. +</p> + +<p> +„Alle hierher!“ rief es vom Café „zum Fortschritt.“ „Die Herren +zahlen.“ +</p> + +<p> +„Auch hier wird bezahlt!“ schrie beim Café „zum heiligen Agapitus“ +der Bäcker. Er setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.“ +</p> + +<p> +Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, +alle Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau +Camuzzi, die Damen Giocondi kehrten frisch gepudert aus +ihren Häusern zurück. Man sagte: +</p> + +<p> +„Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den +Beinen waren.“ +</p> + +<p> +„Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!“ +verkündete der Herr Giocondi. „Sogar der Herr Salvatori +hat seinen Arbeitern den Lohn erhöht.“ +</p> + +<p> +„Ich denke nicht daran!“ rief der Herr Salvatori. „Der Herr +Giocondi will mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir +gehört.“ +</p> + +<p> +<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> +Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter +waren herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, +bis er vor Stolz weinte und den Arbeitern auch noch Wein +gab. +</p> + +<p> +„Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals“, +sagte Frau Camuzzi, sanft zischelnd. „Wie viele Vorurteile +müssen wir ablegen, arme Unwissende, die wir sind. Ich +meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.“ +</p> + +<p> +Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania +und Nanà riefen umher, daß der armen Komödiantin alle +Kleider verbrannt seien. Ringsum wallte es auf vor Mitleid; +Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke da, Frau +Acquistapace mit einem Rock: „Möge er Euch Glück bringen, +ich habe ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;“ +— und Mama Paradisi zog schon die Nadeln aus ihrem neuen +Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei, aber obwohl man Einspruch +erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie bei ihrem +Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen. +</p> + +<p> +„Wie wir alle gut sind!“ sagte Frau Camuzzi. +</p> + +<p> +„He! Freund Giovaccone!“ — und der Gevatter Achille wühlte +sich hindurch. „Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf +von Savezzo dir einen Strega-Likör ausgeschüttet hat, und +kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war. In einem +Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich +helfe dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns +beide nähren.“ +</p> + +<p> +„Alle glücklich!“ — und der Herr Giocondi kniff seine Frau in +die Wange, so daß sie müde lächelte. „Unsere Töchter werden +Männer bekommen, denn in meiner denkwürdigen Unterredung +mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch welche +zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts +denkt als nur an euch?“ +</p> + +<p> +<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> +Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten +Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten +Rosina wurden blank und weich; sie dachte: +</p> + +<p> +„Sollte es dennoch ein Glück geben?“ +</p> + +<p> +„Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich“, +sagte Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und +her durch das besonnte Volk. Wie alles schwebte, wie alles +traumhaft leicht war! Man wünschte, und es war da. „Ich +wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern +fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! +Es ist, als habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba +selbst. Aber ich wußte wohl, die Menschen könnten nicht böse +bleiben, wie sie heute nacht waren; sie müßten glücklich werden +wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .“ +</p> + +<p> +Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, +die sich früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber +tobend auf ihn eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre +Fächer spielen ließen. Nina Zampieri hängte sich, wenn +sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres Verlobten, +des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als +erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz +des jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche +Handlung. +</p> + +<p> +Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem +großen Zahntuch jeden stolz an und rief: +</p> + +<p> +„Der Advokat ist ein großer Mann!“ +</p> + +<p> +Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari +hielt ihn an. +</p> + +<p> +„Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt +haben, fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, +solltet nicht auch Ihr sie lieber schonen?“ +</p> + +<p> +Nello lächelte zärtlich, er dachte: „Welch schöner Gedanke! +</p> + +<p> +<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> +Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: +es ist Alba!“ Er setzte noch hinzu: +</p> + +<p> +„Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.“ +</p> + +<p> +„Wer recht hat, sind Sie!“ — und Bonometti riß sich das +Tuch ab, er warf es in die Luft. +</p> + +<p> +„Es lebe der Advokat!“ +</p> + +<p> +Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich +stürzte er sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht +mitriefen und die lange Mienen hatten. +</p> + +<p> +„Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? +Ich weiß, meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich +könnte Ihnen erwidern, daß Sie nicht nötig hatten, mit Ihren +Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu begeben; aber +ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren, +wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war +keine Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals +leugnen werde: es war keine Dampfspritze da. Und darum, +o meine Damen —“ +</p> + +<p> +Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer. +</p> + +<p> +„— da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die +Frauen nennen mich ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt +haben: ich bezahle Ihnen Ihren Putz.“ +</p> + +<p> +Alle Hände rasten, — und der Advokat, die Brust gewölbt unter +dem großen rostigen Schlüssel, suchte weiter. +</p> + +<p> +„Gaddi!“ — mit weit ausgestreckten Händen. „Sie, der Sie +heute nacht an Bürgertugend uns alle übertroffen haben, +wollen Sie uns denn wirklich verlassen? Wir verlieren Sie, +Freund, mit Schmerz.“ +</p> + +<p> +Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen. +</p> + +<p> +„Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm +Gemeindesekretär sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin +sicher, daß er Ihnen in einem unserer Bureaus einen Posten +<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> +als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater, Gaddi, ein +tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!“ +</p> + +<p> +Gaddi sagte: +</p> + +<p> +„Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. +Ich danke Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in +Lokalzüge, und die Zukunft wäre sicher, wohl wahr. Aber +hätte man noch solche Freunde? — und würde man noch wie +jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die +großen Dinge fühlen, die das Leben hat?“ +</p> + +<p> +„Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist +schade, denn Sie wären wert, einer der Unseren zu sein.“ +</p> + +<p> +Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte: +</p> + +<p> +„Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner +Tafel. Ihr großer Name verläßt nie wieder die +Stadt!“ +</p> + +<p> +Der alte Tenor geriet in Bewegung. +</p> + +<p> +„Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?“ +</p> + +<p> +„Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, +seinen Irrtum berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde +ihm keine Tafel am Rathaus mehr zumuten. Man muß als +Politiker handeln, der mit den menschlichen Schwächen rechnet: +ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber — he, +Malandrini!“ +</p> + +<p> +Er holte den Wirt herbei. +</p> + +<p> +„Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, +werden sich nicht weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel +für Ihren berühmtesten Gast daran zu befestigen.“ +</p> + +<p> +„Aber er war nicht mein Gast“, sagte Malandrini. +</p> + +<p> +„Ich war nicht sein Gast“, sagte der Cavaliere Giordano. Der +Advokat fuchtelte. +</p> + +<p> +„Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan +<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> +scheitern? Die Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, +wo immer sie ihn findet.“ +</p> + +<p> +„Ich sage nicht nein“, erklärte der Wirt. „Vielleicht, daß die +Engländer kommen, um die Inschrift zu lesen.“ +</p> + +<p> +„Welch schönes Genie ist das Ihre!“ — und der alte Sänger +fiel dem Advokaten um den Hals. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort +in der Ecke stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote +Gesicht des Kutschers Masetti. +</p> + +<p> +„Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!“ +befahl das Volk. +</p> + +<p> +Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise +der Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. +Masetti schrie umsonst, es sei zehn Uhr; wenn man schon das +Ende der Messe abgewartet habe — +</p> + +<p> +„Herunter!“ schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon +hatte es die Tische des Gevatters Achille und des Freundes +Giovaccone schräg über den Platz geschoben, daß sie unter den +Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte sie, die Frauen +schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst +ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte +Würste, und im Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten +Ölkuchen zurück. Der alte Zecchini und seine Zechbrüder +verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von seinem +Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die +gelbhaarige Schwiegertochter mit Zigarren beladen. +</p> + +<p> +„Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus +dem Laden holen und ihn zumachen.“ +</p> + +<p> +Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, +ihr Brot mit Öl. Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; +er machte dabei Pipistrelli nach, wenn er betete; und die +<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> +Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum, blinzelten +und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete. +</p> + +<p> +„Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts +haben.“ +</p> + +<p> +Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie +verteilten ihre Vorräte unter eine große Runde von Kindern, +— indes Gesellen und Mägde die Hühnerlucia aus ihrer Gasse +zogen. +</p> + +<p> +„Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben +dem Advokaten!“ +</p> + +<p> +Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung. +</p> + +<p> +„Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der +Platz des Don Taddeo. Wo ist er?“ +</p> + +<p> +„Wie?“ rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen +Schreiber aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen +wollte. „Habe ich vielleicht nicht recht? Sie sind +buck —“ +</p> + +<p> +Er verschluckte das Wort. +</p> + +<p> +„Aber darum sind wir doch alle gleich.“ +</p> + +<p> +Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch. +</p> + +<p> +„Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt +nicht!“ +</p> + +<p> +Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief +er, und man sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet +als alle andern. Auf die Gesundheit des Heiligen! +</p> + +<p> +Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, +Frau Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, +und an seine andere Seite nahm er den Cavaliere Giordano. +Aber man ließ ihn sich nicht setzen. +</p> + +<p> +„Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der +Maestro sitzt!“ +</p> + +<p> +Der Advokat griff ein. +</p> + +<p> +<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> +„Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß +ihr dies bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer +Frau versöhnt habt, Chiaralunzi —“ +</p> + +<p> +Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen. +</p> + +<p> +Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider +störrisch, er sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, +der Maestro habe das nur gesagt, um etwas Witziges zu sagen. +</p> + +<p> +„Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau +den Mann betrügt.“ +</p> + +<p> +Der Kapellmeister spreizte die Hand. +</p> + +<p> +„Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig +war, — aber glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich +die Wahrheit gesprochen habe! Wie könnte ichs ertragen, +Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der ich jetzt so glücklich +bin.“ +</p> + +<p> +Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, +mit erschütterter Stimme: +</p> + +<p> +„Könnt Ihr zweifeln?“ +</p> + +<p> +Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, — und +plötzlich griff er nach der Hand des andern. Der Advokat +klatschte Beifall. +</p> + +<p> +„So haßt ihr euch denn nicht mehr.“ +</p> + +<p> +„Haßten wir uns wirklich?“ sagte der Kapellmeister. „Es +war wie der Haß eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man +wirft ihn nicht weg, weil man ihn hat. Es scheint, daß der +menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil man ungerecht +war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut +man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben +können!“ +</p> + +<p> +Zum Advokaten: +</p> + +<p> +„Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu +schaffen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> +„Eh! wem sagen Sie das“, erwiderte der Advokat. +</p> + +<p> +Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda +sich zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte +Schwatzen, das vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen +. . . „Welch ärmlicher Betrug! Als ob man etwas hätte +außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte. Don Taddeo +hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns +gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen +dort der Weg geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, +indes ich weiter vor Bauern singe. Es ist anders +gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl schwerer haben +als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so hartes +Leben führe?“ +</p> + +<p> +„Hört doch, Fräulein!“ riefen Zecchini und die Trinker, „Ihr sollt +etwas singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!“ +</p> + +<p> +„Flora!“ sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, +soweit die Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori +es ihr erlaubte, denn er wollte sie küssen. „Flora, man ruft +dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist ein Mädchen, das zuviel +denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine Alte.“ +</p> + +<p> +Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, +die das Gesehene sogleich wieder verloren hatten. +</p> + +<p> +„Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er +sich ihnen gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit +ihnen das Herz tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein +Herz ganz fest zu halten . . . Heute tritt er jenem Alten seine +Geliebte ab und nimmt dafür den Lohn. Morgen wird er +den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich nicht +überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein +Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie +der Gassen haben, — bevor die große Kunst meiner Leidenschaft +darüber hinfährt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> +Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren +unter den Tischen krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. +Der weiße Koch von den ‚Verlobten‘ traf mit einem riesigen +Kessel ein, und alles stürzte sich darauf. Der Cavaliere Giordano +rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi hielt ihn +zurück. +</p> + +<p> +„Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit +zu machen. Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle +nicht mehr zum Schneider gehen.“ +</p> + +<p> +„Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? +gerettet,“ — und der Alte hüpfte auf. „Die Unsichtbare hat +das Nachsehen, ich sterbe noch lange nicht!“ +</p> + +<p> +„Ich werde für Sie beten“, sagte Frau Camuzzi. „Aber darum +trägt dennoch der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von +Ihrer Erfahrung merkt nicht den Zusammenhang? Die Frau +des Schneiders und der Gennari kennen sich schon längst.“ +</p> + +<p> +Da der Alte zurückwich: +</p> + +<p> +„Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden +Tenore verwechselt und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. +Ist es zu verwundern, daß man den Besieger der Frauen +in Ihnen sieht?“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf +umher. +</p> + +<p> +„Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen“, jammerte +er. „Wenn der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, +schlägt er, ohne hinzusehen, mich tot. Ah! was für verwickelte +Dinge. Nello!“ +</p> + +<p> +Frau Camuzzi packte hart seine Hände. +</p> + +<p> +„Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!“ zischelte sie, und ihr +Mund stand verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er +hielt auf einmal still, er musterte sie aus gekniffenen Lidern. +Sie ließ ihn sofort los und schlug die Augen nieder. +</p> + +<p> +<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> +„Wie Sie mich quälen“, murmelte sie. „Schon so lange, ach, +verrate ich Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, +aber Sie, Böser, wollen nichts sehen.“ +</p> + +<p> +Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit. +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen +war schuld, daß ich nichts sah.“ +</p> + +<p> +Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. +Ihr Mann fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. +Polli, der Bäcker Crepalini, Malagodi, der Apotheker, Herren +und Mittelstand lagen sich ringsum geräuschvoll in den +Armen. +</p> + +<p> +„Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.“ +</p> + +<p> +„Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!“ +</p> + +<p> +Da sah sie auf. Der Alte erbebte. +</p> + +<p> +„Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch +an mich —. Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, +die Stimme des Kaufmannes Mancafede. +</p> + +<p> +„Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. +Wenn es nichts kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. +Dies Glas aber bekommt sie nicht.“ +</p> + +<p> +Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren +rosig, und seine gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. +Der alte Zecchini schlug ihn auf den Rücken; ob seine Tochter +es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen Tage betrunken +sein werde. +</p> + +<p> +„Eh!“ machte der Kaufmann. „Wenn sie es nicht gewußt hat, +sieht sie es auch jetzt noch früh genug.“ +</p> + +<p> +„Aber das Unglück?“ fragte der Bariton Gaddi. „Ihre Tochter +hat doch prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während +<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> +wir Künstler da seien. Heute reisen wir ab: wo ist nun das +Unglück? Vielleicht kommt es noch?“ +</p> + +<p> +„Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück +genug, daß ich euch meinen Wein geben muß?“ +</p> + +<p> +Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über +seinen Magen und ward blau. Man wich mit den Stühlen +zurück. +</p> + +<p> +„Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!“ +</p> + +<p> +„Gebt acht! Ich sage euch etwas.“ +</p> + +<p> +Und als er genug Luft hatte: +</p> + +<p> +„Meine Tochter ist — ist eine —“ +</p> + +<p> +Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte +der Kaufmann nach dem verschlossenen Fensterladen seines +Hauses eine lange Nase. Entsetztes Murren erhob sich. Die +Trinker brüllten. +</p> + +<p> +„Still da!“ rief man. „Der Tenor singt.“ +</p> + +<p> +Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den +Nacken gelehnt und sang in den blauen Himmel hinein: +</p> + +<p> +„Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus —“ +</p> + +<p> +Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im +schmalen Schatten der Leinendächer: nur er hatte das weiße +Gesicht mit den scharfen kleinen Spitzen der Wimpern nach +der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der Töne +seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, +in die Stirn. +</p> + +<p> +„Immer die ‚Arme Tonietta‘“, sagte der Herr Giocondi. „Diese +jungen Leute wissen entschieden nichts weiter.“ +</p> + +<p> +„Tut nichts“, — und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. +„Da nun einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal +des Abends mit dem Phonographen zusammen die ‚Arme Tonietta‘ +singen, und man lädt die Freunde ein.“ +</p> + +<p> +„Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist +<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> +rein und ewig unser Glück“, schloß Nello, und sein hoher Ton +dauerte, dauerte . . . Zuletzt hielten alle den Atem an und +starrten, dem Schrecken nah: als schnitte durch den Himmel +der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines Marmors, +glühend von ungeheurem Leben. +</p> + +<p> +Plötzlich sprang er herab. +</p> + +<p> +„Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.“ +</p> + +<p> +Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; +sie küßte ihn laut auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter +der schwarzen Wolke ihres Hutes hervortauchte, zog Gaddi ihn +in das Tor der Post. +</p> + +<p> +„Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will +dich nicht mehr warnen . . .“ +</p> + +<p> +Da Nello die Hand bewegte: +</p> + +<p> +„Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen +Grund, weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe +Furcht. Ich ahne dich hier in einem Netz. Durchbrich es! +Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht kannst, und ich +sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen, ich bin +seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.“ +</p> + +<p> +„Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So +wohl wie du will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das +ist mehr als menschlich.“ +</p> + +<p> +„Die Sache ist,“ sagte Gaddi, „daß du der späteste Freund +meiner Jugend bist. Solange ich dich jung sehe —. Als wir +Freundschaft schlossen, war auch ich es fast noch. Erinnerst du +dich an jenen Abend am Meer in Sinigaglia? Wir hatten +nichts zu essen und brachen Muscheln von den Pfählen. Für +die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein +Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.“ +</p> + +<p> +Nello lachte hell auf. +</p> + +<p> +<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> +„Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.“ +</p> + +<p> +„So grüße ich dich denn“, — und Gaddi umarmte ihn lange. +„Adieu, mein Bruder!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der +noch immer aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht +die ganze Stadt bankerott essen, weil er selbst es sei. Der +dicke Alte blinzelte gelassen; er erklärte: +</p> + +<p> +„Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug +hat man nicht gewußt, was man glauben, zu wem man halten +sollte. Jetzt, Gott sei Dank, habe ich wieder Appetit. Es lebe +der Advokat, und es lebe die Freiheit!“ +</p> + +<p> +„Denn der Advokat“, sagte der Apotheker Acquistapace, „ist, +und das findet Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit +liebt.“ +</p> + +<p> +Der Bäcker bellte: +</p> + +<p> +„Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir +haben es ihn erst lehren müssen, sie zu lieben, indem wir +ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit ist eine gute Sache; +darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel davon +nimmt.“ +</p> + +<p> +„Bravo Advokat!“ riefen alle, denn der Advokat erkletterte +den Tisch in der Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und +hielt die Brauen ganz hoch, bis es still wurde. +</p> + +<p> +„Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!“ keuchte er, und schon +ward geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen +Finger hin und her: +</p> + +<p> +„Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden +haben. Durch große Dinge —“ und er hob sich auf +die Zehen, „durch große Dinge sind wir hindurchgegangen . . . +Aber so warte doch, Masetti!“ +</p> + +<p> +Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte +<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> +mit seinem Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles +umzuwerfen, wenn man ihn nicht durchlasse. +</p> + +<p> +„Auch du, Masetti,“ rief der Advokat, den Arm hingestoßen, +„hast noch zu lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein +einzelner, mag er sich selbst auf Regeln und Gesetze berufen!“ +</p> + +<p> +Er kehrte zum Volk zurück. +</p> + +<p> +„Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen +unsere Herzen und Gassen erregt, als sonst durch Jahre.“ +</p> + +<p> +„Es ist wahr!“ +</p> + +<p> +„Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? +Ein wenig Musik. Und dennoch —“ +</p> + +<p> +Der Advokat machte die Arme weit. +</p> + +<p> +„— wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir +sind ein Stück vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!“ +</p> + +<p> +Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. +Dann, mit einem großen Schwung und die Hände schwenkend +droben in der Luft: +</p> + +<p> +„Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!“ +</p> + +<p> +Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: „Sie leben!“ +— indes schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen +ihr Geschirr retteten, bevor Masetti hineinfuhr. +</p> + +<p> +„Warum weinst du denn?“ fragte Galileo Belotti seine Schwester +Pastecaldi und stieß ihr die Knöchel in die Seite. „Kann +etwa eine andere Familie sich rühmen, daß sie solch einen +Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund zu +weinen.“ +</p> + +<p> +Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt +wurden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten +die Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände +<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> +seiner Gäste, des Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, +und er bat sie um Entschuldigung wegen der Störung +ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna Flora Garlinda +kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse +der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi +wie bei ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch +auf seinen Schultern. Der Cavaliere Giordano verabschiedete +sich gnädig von allen, er ließ ringsum den Brillanten blitzen. +Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen Spalten der +Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare +und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, +fremde Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch +einmal die alten Häuser entlang schillern und stäuben und sogleich +verweht sein werden, man weiß nicht wohin. +</p> + +<p> +Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi +beaufsichtigte, in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie +hinauf; — und inzwischen mußten sie den jungen Leuten, +die ihnen die Bündel trugen, ewige Treue schwören. Renzo, +der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine kleine Bunte +nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger werden; +er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung +keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle +ein Stück mitfahren, auch sie kämen; und sie holten ihre Räder. +</p> + +<p> +„Wir alle kommen mit!“ — und das Volk nötigte Masetti, der +durchgehen wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, +mußte er halten: der Tenor Nello Gennari rief nach +seinem Freund Gaddi, auch er wolle im Leiterwagen nachkommen, +und er stieg aus. +</p> + +<p> +Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron +Torroni, zur Jagd gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, +der Kaufmann Mancafede und der Herr Giocondi wollten +mit hinein. Italia schluchzte immerfort. +</p> + +<p> +<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> +„Und der Advokat?“ fragte sie, wehte mit dem Tuch und +schluchzte. +</p> + +<p> +Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand +aus dem Fenster nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos +dastand und sie ansah. Er stürzte vor mit plötzlich verstörtem +Gesicht; aber der Wagen rollte schon wieder, der Schneider +verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber Flora +Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose +aus Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders. +</p> + +<p> +Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu +Boden. Man verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, +aber da begann er die Arme zu werfen: „Ich soll hinter diesen +armseligen Komödianten hermarschieren? Ich, der ich in Venedig +die großen Opern dirigieren werde?“ — und auf einmal +brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine +Gasse; er entkam. +</p> + +<p> +„Abfahrt! Alle hinterher!“ — und als die Diligenza durch +das Tor fuhr, wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die +jungen Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern überholten +im Eilschritt die Post, sie ließen die flinke, klirrende +Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten +darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der +leichte Korb wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, +ah! er hatte sie aufsteigen lassen, der schöne Herr — bunt schwirrend +quoll es heraus von kleinen Choristinnen. Sie saßen übereinander, +sie hingen dem jungen Salvatori um den Hals, nahmen +ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine +bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und +setzten es, ohne daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. +Vor ihnen auf bliesen der Chiaralunzi und seine Freunde aus +vollen Backen in ihre Instrumente, und, versteht sich, hinten +lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner Bande. +<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> +Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes „zu den +Verlobten“ für betäubte Gesichter machten! — und dennoch +erklärten alle, sie wollten bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten +es bequem, aber ringsum das Volk mußte sich wehren, weil +der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er +seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer +Serafini sagte zu seiner Frau: +</p> + +<p> +„Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? +Bei der Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. +Denn auch die vom Stadtzoll sind ausgezogen.“ +</p> + +<p> +Sie antwortete: +</p> + +<p> +„Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.“ +Und sie liefen zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer +kamen Leute. Die Männer trugen die Kinder, die Frauen +fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und: „Guten Tag, +Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach +Spello. Welch schöne Sonne!“ — da schlug schon Staub hinter +ihnen auf. Die letzten eilten nach. +</p> + +<p> +„In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen +konnten, haben sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die +Frau Nonoggi fährt ihre Schwiegermutter auf einem Schubkarren. +Man muß ihr helfen.“ +</p> + +<p> +Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. +„Es scheint, daß es der große Schimmel des Schmiedes ist; +aber wer sitzt darauf? . . . Beim Bacchus, der Advokat! Gruß +Ihnen, Herr Advokat!“ +</p> + +<p> +Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte +dabei auf seinem breiten Roß. +</p> + +<p> +„Ists erlaubt?“ fragte er das Volk. Es antwortete: +</p> + +<p> +„Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. +Nur vorwärts, Advokat, Sie gehören an die Spitze.“ +</p> + +<p> +„Der Advokat an die Spitze!“ — und alles wich aus nach +<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> +beiden Seiten. Den Mund ein wenig offen von der Anstrengung, +aber glorreich lächelnd, ritt der Advokat hindurch. +</p> + +<p> +„Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!“ +</p> + +<p> +„Versteht sich, daß er lebt!“ polterte Galileo unter seinem +glockenförmigen Strohhut; und streng hinausspähend über +den blauen Klemmer, durchmaß er, im eiligen Getrippel seines +kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten. +</p> + +<p> +„Der Advokat ist ein großer Mann“, erklärte er. „Aber auch +wir sind nicht von Pappe.“ +</p> + +<p> +Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, +eine Verbeugung. +</p> + +<p> +„Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, +Fruchtbarkeit und Größe!“ — und er führte die Rechte weithin +über Stadt, Felder und Volk. Dann aber fragte er nach +dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem Gepäckwagen +wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen. +</p> + +<p> +„Aber er ist wieder eingestiegen“, erklärte Frau Camuzzi. +</p> + +<p> +„Sie haben es gesehen?“ +</p> + +<p> +„Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?“ +</p> + +<p> +Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, +bevor er seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, +wo er hindurchritt; und die Kinder klatschten, nun Galileo auf +dem Esel kam. +</p> + +<p> +„Aber — der Gennari?“ rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza +anlangte. „Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt +du wohl, daß wir für unsere Gäste verantwortlich sind?“ +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich, Advokat,“ — und der Cavaliere Giordano +winkte ihn ans Fenster, „es ist ein Zwischenfall von eher heiterer +Art.“ +</p> + +<p> +Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte. +</p> + +<p> +„Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante +Abenteuer bis zum letzten Augenblick! Aber die Schönste +<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> +von allen — das ist die Rache von uns Bürgern — die Schönste +hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn sie tritt selten +aus ihrem Schatten hervor . . .“ +</p> + +<p> +Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben +die Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die +Schultern, sie hatte den toten Duft uralter Zypressen; man +wendete, zusammenschauernd, den Kopf, und bis man aus dem +Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war, schwieg +man. Dann sagte der Advokat: +</p> + +<p> +„Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert +haben. Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es +ist erstaunlich, aber es gibt Menschen, denen die Stadt nichts +gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der Menschheit fremd +bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist +alles.“ +</p> + +<p> +Und eine Strecke weiterhin: +</p> + +<p> +„Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo +man jetzt im Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser +jener Hetären gestanden, die der Venus als Priesterinnen +dienten und zuweilen sogar ihr Blut über den Altar der Göttin +gossen.“ +</p> + +<p> +Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing +Chiaralunzi mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück +an, und die Bande des Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war +der Hochzeitsmarsch aus der „Armen Tonietta“; alle sangen ihn +mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange sie in dem düsteren +Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen waren. +Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, +Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb +voll Choristinnen und das Volk, die Damen im Landauer, das +Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen mit Gaddi und dem +männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, +<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> +bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, +bis zu einem Paar, das sich versäumte, bis zu der +alten Nonoggi auf ihrem Schubkarren: als sie alle einige +leisere Atemzüge lang den Schatten von Villascura auf sich +getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da bewegte +er sich; ein Gesicht schimmerte hervor. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier +enger um den Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der +Staub der Menge in der Luft. Ein Zucken — sie lief. Sie lief +der Stadt zu, ungeschickt, als seis in einem Gedränge, mit ungeregeltem +Atem, angstvoll geöffnetem Munde, — und immer +krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten +Knoten des Schleiers. +</p> + +<p> +Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie +den Schritt zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub +der Straße, als läge irgend etwas Grauenhaftes quer darin, +— und dann taumelte sie, die Hände vor das Gesicht geschlagen, +auf einen Stein. +</p> + +<p> +Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, +ineinander gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen +einer Kapelle in den Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen +sängen ihr nach; sie wiederholten, als sei es Traum und Neckerei, +ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als er die Tonietta +verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der Pifferari +gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf +gesenkt, auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch +seiner? Gingen unser aller Schmerzen nicht ein in die große +Harmonie der Welt? +</p> + +<p> +Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in +Stürzen, mit Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal +blieb sie stehen und sah, langsam den Kopf schüttelnd, umher. +<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> +Der Wind roch noch immer nach dem Rauch auf den Feldern, +sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, +— und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände. +</p> + +<p> +Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, +daß niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen +Säule und horchte. Keine Stimme in der Zollwache, auf dem +Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die Stirn; wars nicht vielleicht +Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte und +es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie +trat ein. +</p> + +<p> +Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von +einem Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: +der Platz; sie lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine +Katze, die in der Sonne ihren Buckel machte, entfloh. Der +Brunnen rann schwach. Welche zitternde Müdigkeit! Wie +schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der Hühnerlucia +gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die +Augen. +</p> + +<p> +Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen +alle Glocken der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch +neigte sie das Ohr nach der Ecke der Gasse. Die Sonne +brannte ihr auf den Lidern, den klaffenden Lippen; ihr Rücken +glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten des Schleiers +krampfte sich ihre Hand; — Alba wartete und lauschte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit +Alba, geschah eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen +hinter dem Glockenturm zitterte, ganz sacht zitterte er und hob +sich ein wenig. +</p> + +<p> +Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen +Zimmer oben auf der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi +über die Stühle weg, hielt sich keuchend das Herz, jagte +<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> +weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor etwas Unüberschreitbarem, +ließ die Lippe hängen und die Hände sinken . . . +Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, +und bei jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken +vom Sessel auf, als ritte er und hätte unter den Hufen die +Welt. +</p> + +<p> +Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der +engen Krone des Turmes, er sah unter sich nur den Ring der +Zinnen. Von unsichtbaren Dächern stießen braune Falken zu +ihm empor; um ihn wehte die Bläue; — und sein inständiger +Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen +Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn +dieses Staubes war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und +Haß, Brunst und Erkenntnis, Sünde und Abdankung gewesen. +Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging dahin, dahin. +Welche Angst! „Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch +einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!“ . . . Da ward feierlich +sein Herz berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, +seine Worte klangen nach. „Da sie ein Korn +Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz! Da du einen +Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. +Ein Schritt: der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . +Nein, noch nicht sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer +Schritt, näher und näher: wie er dumpf und schrecklich +war! Er ging ihr auf dem Herzen, es spritzte Blut. Sie +riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt sich, — bis endlich, +endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte Brust. +</p> + +<p> +Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten +und unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen +bildeten, indes er vor ihr kniete, ohne Laut ihren Namen; und +<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> +dann fiel er um. Er wälzte sich auf die Seite, wollte sich aufstützen . . . +</p> + +<p> +Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte +sie sich um sich selbst, wendete den Hals umher. „Allein? +Allein? Ich wußte nicht, daß ich allein sein würde.“ Und +sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn. +</p> + +<p> +„Nello! Auf!“ — den Atem angehalten. +</p> + +<p> +„Böser, warum rührst du dich nicht?“ +</p> + +<p> +Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: +„Habe ich es denn getan?“ +</p> + +<p> +Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . . +</p> + +<p> +Dahinten der Fensterladen zitterte heftig. +</p> + +<p> +Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn +auf den Mund und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes +ihre Hand am Boden suchte, sprach sie zu ihm: +</p> + +<p> +„Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon +dunkel ist! Ich sehe mich nicht mehr in deinen Augen.“ +</p> + +<p> +Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte: +</p> + +<p> +„Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten“; — und +drückte es sich ins Herz. +</p> + +<p> +Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den +beiden dort am Rande des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich +um Strich, der Schatten zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, +langsam und vergessen hallend . . . Als aber die zwölf +gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso herauf ein +dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, +die kein Lebender kannte; — und der kleine Uralte trippelte +geziert auf den Platz hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte +ringsum vor einer unsichtbaren Gesellschaft. Wie er jene +beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und legte, +schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen. +</p> + +<p class="printer"> +Dieses Buch wurde gedruckt bei<br /> +Breitkopf und Härtel in Leipzig +</p> + +<div class="ads"> + +<hr /> + +<p class="center"> +Folgende Bücher von <em class="em">Heinrich Mann</em> sind früher erschienen: +</p> + +<p class="hdr"> +<em class="em">Romane</em> (bei Alb. Langen, München). +</p> + +<p> +Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten. +</p> + +<p> +Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin +von Assy. +</p> + +<p> +Die Jagd nach Liebe. +</p> + +<p> +Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. +</p> + +<p> +Zwischen den Rassen. +</p> + +<p class="hdr"> +<em class="em">Novellen.</em> +</p> + +<p> +Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, München.) +</p> + +<p> +Flöten und Dolche. (Bei Alb. Langen, München.) +</p> + +<p> +Stürmische Morgen. (Bei Alb Langen, München.) +</p> + +<p> +Schauspielerin. (Wiener Verlag.) +</p> + +<p> +<a id="corr-18"></a>Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) +</p> + +<p> +Die Bösen. (Inselverlag.) +</p> + +<p> +Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. +Essai. (Bei Bonsels, München.) +</p> + +<hr /> + +</div> + + +<div class="trnote"> +<p id="trnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p> +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + +<ul> + +<li> +... <span class="underline">hieher</span> zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...<br /> +... <a href="#corr-0"><span class="underline">hierher</span></a> zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...<br /> +</li> + +<li> +... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; <span class="underline">einer</span> seiner mürben ...<br /> +... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; <a href="#corr-1"><span class="underline">einen</span></a> seiner mürben ...<br /> +</li> + +<li> +... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ...<br /> +... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.<a href="#corr-2"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... Fremder! Der Vorsitzende <span class="underline">der</span> Komitees ein Fremder! Er ...<br /> +... Fremder! Der Vorsitzende <a href="#corr-3"><span class="underline">des</span></a> Komitees ein Fremder! Er ...<br /> +</li> + +<li> +... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbei<span class="underline">hinket</span>, ...<br /> +... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbei<a href="#corr-4"><span class="underline">hinkte</span></a>, ...<br /> +</li> + +<li> +... Advokat Belotti konnten <span class="underline">beiide</span> recht haben, denn Kirche wie ...<br /> +... Advokat Belotti konnten <a href="#corr-5"><span class="underline">beide</span></a> recht haben, denn Kirche wie ...<br /> +</li> + +<li> +... Sie <span class="underline">setzte</span> sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...<br /> +... Sie <a href="#corr-6"><span class="underline">setzten</span></a> sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...<br /> +</li> + +<li> +... und welch stolzer <span class="underline">rote</span> Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...<br /> +... und welch stolzer <a href="#corr-7"><span class="underline">roter</span></a> Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...<br /> +</li> + +<li> +... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ...<br /> +... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .<a href="#corr-8"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ...<br /> +... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.<a href="#corr-9"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... Tür ihres <span class="underline">Zimmes</span> zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...<br /> +... Tür ihres <a href="#corr-10"><span class="underline">Zimmers</span></a> zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...<br /> +</li> + +<li> +... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen <span class="underline">nnd</span> die ...<br /> +... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen <a href="#corr-11"><span class="underline">und</span></a> die ...<br /> +</li> + +<li> +... <span class="underline">„</span>Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der ...<br /> +... <a href="#corr-12"></a>Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der ...<br /> +</li> + +<li> +... sie die Kleider lösen, <span class="underline">er blickte</span> den Glanz des Fleisches. Er ...<br /> +... sie die Kleider lösen, <a href="#corr-13"><span class="underline">erblickte</span></a> den Glanz des Fleisches. Er ...<br /> +</li> + +<li> +... <span class="underline">„</span>Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...<br /> +... <a href="#corr-14"></a>Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...<br /> +</li> + +<li> +... in der <span class="underline">Polilik</span> und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...<br /> +... in der <a href="#corr-15"><span class="underline">Politik</span></a> und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...<br /> +</li> + +<li> +... Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘? ...<br /> +... Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘?<a href="#corr-16"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... „Ich werde <span class="underline">Sie</span> nie mehr verlassen.“ ...<br /> +... „Ich werde <a href="#corr-17"><span class="underline">sie</span></a> nie mehr verlassen.“ ...<br /> +</li> + +<li> +... <span class="underline">Muais</span> und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...<br /> +... <a href="#corr-18"><span class="underline">Mnais</span></a> und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT *** + +***** This file should be named 44174-h.htm or 44174-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/1/7/44174/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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