diff options
Diffstat (limited to '44051-0.txt')
| -rw-r--r-- | 44051-0.txt | 9401 |
1 files changed, 9401 insertions, 0 deletions
diff --git a/44051-0.txt b/44051-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f1234d2 --- /dev/null +++ b/44051-0.txt @@ -0,0 +1,9401 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44051 *** + + Briefwechsel + zwischen + Abaelard und Heloise + mit der + Leidensgeschichte Abaelards + + + Aus dem + Lateinischen übersetzt und eingeleitet + von Dr. _P. Baumgärtner_ + + + _Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_ + + + + + + + _Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_ + Printed in Germany + + + + + + + + +Inhalt. + + + _Einleitung_ 5--17 + 1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) 19--73 + 2. Brief: Heloise an Abaelard 73--83 + 3. Brief: Abaelard an Heloise 83--91 + 4. Brief: Heloise an Abaelard 91--102 + 5. Brief: Abaelard an Heloise 102--125 + 6. Brief: Heloise an Abaelard 126--149 + 7. Brief: Abaelard an Heloise 149--203 + 8. Brief: Abaelard an Heloise 203--303 + 9. Brief: Heloise an Abaelard 303--305 + 10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von + Hymnen) 305--312 + 11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) 312--313 + 12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) 313--315 + + + + +Einleitung. + + +Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches +Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte. +Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung; +doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs +zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte +sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere +kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in +staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so +manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten +redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem +ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte. + +So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen +sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu +jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen +unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und +Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich +schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die +eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und +romanhaft ausgeschmückt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche +die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau -- +bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt +-- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr +werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher +dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen. + +Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der +Briefe giebt _O. Gréard_ in seinem Buche: »Lettres complètes d'Abélard et +d'Héloise, Paris, Garnier Frères«. Der französischen Übersetzung ist der +lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch +unserer Übersetzung zu Grunde liegt. + +Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen +von _Moriz Carrière_,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung +überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da +es jedoch gänzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach +langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht +in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung +berechtigt. -- Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche, +ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer +einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen +Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen +Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu +sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf +das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in +den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter +entgegentritt. + +[Fußnote 1: M. Carrière: »Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und +Leidensgeschichte übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von +Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche.« (Gießen 1844, 2. +Auflage 1853.)] + +Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei +ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der »Leidensgeschichte« +(historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes, +der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte +Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen +Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stück +Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet. + +Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden +Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden +vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder +Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief +Abaelards in die Hände Heloisens und weckte »der alten Wunde unnennbar +schmerzliches Gefühl«. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu +denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der +noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal +durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen +Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe +II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in +den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über +Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von +jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In +der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff, +das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten +Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere +moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine +philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die +beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner +geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, »Heloise«). Die +Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der +Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz +die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt, +macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat +sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist +keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme +Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er +bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres +Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an. +Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen +Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er +sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine +Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist, +da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten. + +Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des +Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in +Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur +ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte +damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte +sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es +durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf +besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen +im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu +gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen +Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und +beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu +bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich +abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt +worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer +kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt, +von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen +Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm +die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die +zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus +dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte, +mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des +Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große +Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit +sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden. +Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken +und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes +Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich +überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein +gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und +ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder +Mann, hat Todesgedanken und will im »Paraklet«, dem Kloster, das er +Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere +Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm +etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, daß er einst +das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die +damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch +größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. -- + +Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die +Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu +bezwingen sucht -- »wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie +unser Herz« -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu +erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von +Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um +Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche +Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht +schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen +(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren +Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch +beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und +kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und +besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des +Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren. + +Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im +Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs +nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise +an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu +leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen +Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und +so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist +im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben +wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards +überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre +Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes +persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem +Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu +litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch +interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in +dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die +gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte +infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum +gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in +seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_ +Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener +Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwölfte_ Brief endlich enthält das +Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die +Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern +so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen +und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene +Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe +hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne +Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den +Stempel der Echtheit an sich. -- + +Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über _die +hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der +Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche +Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals +überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht +zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und +vielfach glaubte man wohl auch damals, »wenn man nur Worte hörte, es müsse +sich dabei auch etwas denken lassen.« Abaelard war ein geborenes +Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit +seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen. + +Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über +der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis +der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch). +Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur +dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge +nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat +z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), _reale_ +Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist +nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte +Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die +Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als +Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe +(nomina). + +Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die +Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich +an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche +Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus +Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm +ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte, +seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese +philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu +bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel +Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche +Existenz des Allgemeinbegriffs »Gottheit« und es blieben ihm nur die drei +Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die +Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des +Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der +Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber +auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen +Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte +zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings +sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe +nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des +Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man +den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz +zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt +der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung. + +War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der +Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen +korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der +_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung +und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte +scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden +Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei +mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine +scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte +die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der +Grundsatz gegolten: »credo, ut intellegam« (»ich glaube, damit ich +verstehe«), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard +dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu +glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben, +sei widersinnig und unwürdig. + +Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinität_ +angegriffen; in seiner »Leidensgeschichte« schildert er aufs +anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der +Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später, +auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm +diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit +folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen +bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit +nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer +Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater, +Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre +zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten +Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als +verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus). + +Großen Anstoß mußten auch _seine ethischen Grundsätze_ und die daraus +resultierende _Lehre von der Sünde_ erregen. Nach Abaelard kommt für das +sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern _die +Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn +kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt. +Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht +geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen, +als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß +einer Liebe hat. »Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.« Das Echo +dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt. + +Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch +mit seiner _Lehre von der Erlösung_ in scharfen Gegensatz zu der +Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des +Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste +Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden +ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die +verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden, +wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung +in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und +Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß +dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß +wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden. +-- + +Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf +machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf +Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der +Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel +prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und +kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm +eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von +Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner, +die Abaelard am Schluß seiner »Leidensgeschichte« wie drohende Wolken an +seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen. +Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur +Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die +Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu +bezeichnet Bernhard _die Liebe_. »Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_ +wird« war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in +die Nähe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren höchste Blüte die _Ekstase_ +ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird, +und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen +der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen +kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden. + +Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig +Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die +Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend +auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn +der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche +Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und +Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom +führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs +kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der +Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die +kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die +Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und +hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des +Klosters verbracht. + +Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von +Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der +ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen, +wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der +Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne +Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann. +Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der +Übersetzung folgendermaßen: »Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in +demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem +aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus +ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf +meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem +vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei +Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich +mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so +sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute, +denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in +dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten +begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen +Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht +unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und +Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft; +sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den +Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn +dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott +das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe +und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast +beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein +Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche, +philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch +eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und +weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken +Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur +Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der +schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen +passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder +auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den +Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen +Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu +diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft +der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend +wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur +himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge +Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein +Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der +Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit +ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie +gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden +bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte +Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des +Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und +Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der +Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus +die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der +ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der +gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen +demütig' -- sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir +glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.« + + * * * * * + +Ein _chronologischer Überblick_ über das Leben Abaelards und Heloisens +ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist +geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris +1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer +Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die +damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des +Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters »Zum Paraklet« durch Abaelard +fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im +Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom +Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung +des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr +datiert die »Leidensgeschichte« (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard +das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der +heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt +und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise +folgt ihm im Jahre 1163. + +[Fußnote 2: Über sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln. +Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darüber schon alle mögliche +Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht +der Montmorency, einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu +der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen, +als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.] + +_Davos_, im März 1894. + +Dr. P. Baumgärtner. + + + + +I. Brief. + +Abaelard an einen Freund. + +(Die Leidensgeschichte.) + + +Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das +menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe +ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_ +niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich +aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne +aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den +meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen -- +und lerne sie geduldig tragen. + +Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr +acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein +leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines +heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater +hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen +Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium +eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich +auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch. +Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz +geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen +Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so +leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war +meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz +samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die +Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte. +Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik +vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der +Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker, +indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß +dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei. + +So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in +höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen +wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang +seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde +ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen +versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen, +wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten +meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als +ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir +hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende +nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto +heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen +jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine +Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule +zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten +in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz +von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um +meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so +lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die +Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt +hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen +Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum +Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen +der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten +machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der +Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen +anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis +ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo +wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen +reichlichere Gelegenheit geboten war. + +Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung +erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre +aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der +Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch, +als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux, +mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine +Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man +sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu +erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies +gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne +sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der +gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr +hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu +pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals +kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von +mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns +gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe +dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien +(Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der +Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und +dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß +diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit +zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der +hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern, +daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete, +sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern +von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so +daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung +der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich +damit begnügt zu sagen: »dies ist ein sehr heikler Punkt«. Da nun Wilhelm +von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr +unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in +Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen, +als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den +Universalien hätte. + +Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur +immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am +heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger +Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit +den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer +geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter +Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand +unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande, +das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu +unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im +offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von +allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch, +welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner +an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann +daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst +Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes +bei -- nach dem Dichterwort: + + »Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel, + Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.« + +Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der +Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand +über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt +gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit +seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris +ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris +zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt, +mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit +meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva +nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war +Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch +an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem +alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im +Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm +nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch +etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über +Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft +des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein +Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme +dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem +Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm +selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des +Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir +längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch +bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden: + + »Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs, + So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.« + +Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen +und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen. + +Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach +Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und +meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser +Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der +Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von +Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die +größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer +Anselm von Laon. + +Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen +Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist +und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an +seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger +als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber +unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck. +Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im +Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur +mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem +reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn +man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte. +Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm +jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit +der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt: + + »Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten, + Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.« + +Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in +seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener. +Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem +Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch +allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach +Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in +zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser +Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der +heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft +getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als +das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur +müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis +der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen +dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten. +Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich +mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur +Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. »Gewiß wollen +wir,« antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; »man wird +Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden +sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.« + +Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten +Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag +zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines +Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht +übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich +mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich +antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine +möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich +werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug +zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten +Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es +lächerlich, daß ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen +Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner +Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben +konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode +fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher +ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und +waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte, +sich eine Abschrift zu verschaffen. + +Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen +wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht +gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner +theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der +philosophischen gethan hatte. + +Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims +und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen +waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals +herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ, +mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner +Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da +meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen, +für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen +Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten +Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu +erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden +hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm. + +So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir +schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben +worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner +Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden, +die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst +günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische +Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die +Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl +meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus +erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück +hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt +die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den +Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den +einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff +zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit +geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen. +Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter +blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den +Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die +Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift +einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich +nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit +befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt, +freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann +vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich +ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete -- denn +»Wissen bläht auf«, sagt der Apostel -- indem er mich die Demütigung +erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde. + +Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs +Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der +Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit +Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein +Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit +edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen +Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd, +in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich +von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen -- ja vielmehr die göttliche +Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade +Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg +zurückbringen. + +Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus +Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen +Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht +zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die +erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei +Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch +bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem +geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande +der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem +Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte +männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen +glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie +wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben +werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die +Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die +Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder +manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und +daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei. + +Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer +Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu +lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene +Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um +eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der +Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei +meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei +und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals, +dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung +möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne +Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der +Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht +einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles +Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ +mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich +möchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren +Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle +ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch +grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf +anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug +mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und +Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich +es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte +der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht +fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte +Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. + +Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine +Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe +hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des +Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem +offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr +Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den +Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir +eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging +ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die +schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren +süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe +machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung +erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden +für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere +Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war, +destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir +im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu +weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine +Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge +waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des +Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch +wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann +noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne, +nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch +jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von +denen gesungen, die Gleiches erleben. + +Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten, +daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei, +kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage +lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur +der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele +stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von +verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen +keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der +unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit +meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben, +Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden +Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief +an Sabinianus: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem +Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer +Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.« -- Aber +wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem +einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen. + +Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal +unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie +groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende +Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher +Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche +Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes +von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des +andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer +Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr +fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham +durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl +hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die +wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und +Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden. + +Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude +benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei. +Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem +Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich +sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines +Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete +sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah, +kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von +seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche +Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen +leiblichen Schaden zuzufügen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine +vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch +konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in +irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf +meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen +würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam +ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich +mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe +willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen +ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede +beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That +befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der +wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer +durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu +besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte: +nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter +der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an +meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als +seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den +Friedensschluß -- nur um mich desto sicherer zu verraten. + +Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu +meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und +riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen +der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie +versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was +geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie +fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie +dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie +könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte +entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden, +welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde +die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es, +wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib +binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie +verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig +und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die +Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren +Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: »Bist du los vom Weib, so +suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine +Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal +haben; ich verschonete aber euer gerne.« -- Und noch einmal sagt er: »ich +wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.« -- Und wenn ich weder den Rat des +Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe +annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und +auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie +geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf +sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an, +der im ersten Kapitel seiner Schrift »Gegen Jovinianus« von Theophrastus +erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen +Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe, +schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise +sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene +Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: »Welcher Christ muß sich +nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?« In +derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- führt Hieronymus das Beispiel +Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm +sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte +dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der +Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach »sich widmen«, sondern fügt +das Wort »zugleich« hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte, +seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken. + +Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen +gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie +in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen, +Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, +Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der +Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei +der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die +geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag +die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche +Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie +sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem +Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot +liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die +der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die +Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder +philosophische Dinge. + +Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung +das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen +Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden. +Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung: +»Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb +muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit +verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so +ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch +zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen +Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt +sie zu befriedigen.« Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen +Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten +Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in +jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat +es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den +anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und +Strenge von der großen Menge geschieden waren. + +So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer +besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der +Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach +dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas +ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in +seinen »Altertümern«, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils +Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle +getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach +dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten +dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen »Weisheit« oder +»Philosophie« verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine +gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des +Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der +heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches »Vom Gottesstaat«, wo er +die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: »Der Stifter der +Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name +'Philosophie' herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch +tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt. +Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein +Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen +zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.« + +Nun geht aus den Worten: »die sich _durch tadellose Lebensführung_ +irgendwie über die andern erhoben« -- deutlich hervor, daß die heidnischen +Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens, +sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die +Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht +erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber +Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt +haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr? +Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in +ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken, +jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf +deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens +die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer +acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die +unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der +Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel. +Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«, +wo er eben von Sokrates erzählt: »Xanthippe überschüttete ihn einmal vom +Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es +ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges +Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wußte +wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'« + +Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie +nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine +Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei. +Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht +dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte +stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung +nach der zeitweiligen Trennung sein. + +Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten +Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen +wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den +Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser +gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so +groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin -- die ganze Welt weiß +es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen. + +Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich +nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens +in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier +der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der +Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann +trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an +sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben +sollte. + +Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten +Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis +bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben +hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen, +und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als +ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris, +in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen, +die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber +glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht +hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs +höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie +meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich +ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste +Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen, +womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald +die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und +entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung +gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war. + +Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und +es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des +Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden. +Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten +meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir +schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war +lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die +Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch +erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden! +Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die +mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie +recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches +mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher +die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch +untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde +versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt +durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch +wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich +deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein +ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden? + +Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem +tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel, +daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den +Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall +ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: »Du sollst +dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was +verwundet ist, opfern« -- und 5. Mos., Kap. 23: »Es soll kein Zerstoßener +noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.« + +In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses +Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in +den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf +meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun +beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster +von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit +ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der +Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen +schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus: + + »O herrlicher Gatte, + Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal + Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien, + Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer + Freudig bring ich es dir --« + +Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs +den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde +ab. + +Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge +herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: +ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan +habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, +das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher +habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte +in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des +Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto +unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der +Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit +dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge. + +In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein +überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range +nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein +Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten +Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich +ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine +Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser +Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir +unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die +Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in +eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder +aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß +es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem +Unterhalt fehlte. + +Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich +theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen +Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten +bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So +benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie +schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie +zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von +Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun +aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher +Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl +meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich +bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der +Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich +zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während +ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher +Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der +Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. +Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner +Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, +Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für +ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament +unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. +Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung »über die +göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach +vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte +hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei +vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man +könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei +lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine +Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden +Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen +Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle +Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. +Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je +größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der +Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige +Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine +beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem +Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an +und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen. + +Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei +ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, +daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals +päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem +stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein +vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so +geschah es. + +Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch +vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar +Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre +in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet. + +Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab +ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich +bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem +katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich +mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten +über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte +sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«. + +Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber +nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und +verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf +den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen +abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen +Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen +Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine +Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die +Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor +aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen +vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter +zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?« + +Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun +kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu +legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine +Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt +habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt +habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber +Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In +solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre +eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.« +-- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine +solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst +mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem +Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden +konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein +Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und +lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist +in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig +zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt +überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.« + +Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er +selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings +deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den +Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und +nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine +Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei +ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die +Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. +Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen +und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung +auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er. + +Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der +Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern +Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und +meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil +hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die +vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen +Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren +nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch +den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen +Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen, +die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses +Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, +welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große +Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und +unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben +seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt. + +Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört +verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen +guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es +würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal +sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen +Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat +die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die +höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein +gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu +machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides +zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern +Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte +Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'« + +»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge +seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm +selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und +Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen +werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des +frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen, +sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und +erkenne was er thut?'« + +Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne +Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu +streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten +kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst +zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen +lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet. + +Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht +gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu +zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei, +um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit +einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt +solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine +Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer +Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den +Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der +Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch +den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster +übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle. + +Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn +mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das +Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der +Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht +beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande +für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es +gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten +und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein +Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich +lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten +nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, +daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der +Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben +überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens +dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein +Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet, +wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des +Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen. + +Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald +von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte +diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner +Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag +liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen +bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der +Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich +dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier +alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut +es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte. + +Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang +man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in +Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu +schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe +in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese +Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum +dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame +Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit +allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher +einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei +allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof +zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein +Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten +einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von +Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die +Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und +richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur +Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich +selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte. +Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht +hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.« + +Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß +leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In +der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn, +allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in +offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es +sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen +Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet +und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein +Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen +Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das +Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut +hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, +ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text +zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so +gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener +Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war, +übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das +Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst. + +Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich +nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und +bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über +mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war +mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich +selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen +Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung, +Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie +zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt +ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren +war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im +Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That +geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den +Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet. +Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts +anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum +Schreiben gedrängt hatte. + +Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich +gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der +Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar +meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld +seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen. +Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich +unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und +ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes +nach St. Denis zurückkehren. + +Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich +gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton, +der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es +vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit, +mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine +Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht +ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen, +sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden, +die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita +verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von +Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im +Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in +höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf +ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange +Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren +Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar +dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in +diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das +Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in +Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das +vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige +Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal +deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines +höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr +Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies +komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen +sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so +großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten +ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich +einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben +führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor +versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er +wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe +treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste. +Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er +mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit, +die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen +hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit +dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick +unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt +-- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit +Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe +einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in +das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer +Einsiedelei gelebt hatte. + +Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer +Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst +bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren +Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen +hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf +die liebenswürdigste Weise. + +Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen +auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum +Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß +er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich +einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in +Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr +darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie +auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer +Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel +darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie +sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und +jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich +ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie +weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich +damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht +unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine +Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei +sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation +verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer +Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser +Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war. + +Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu +ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen +Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache +eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und +seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige +Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute +beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen +zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel +verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise +und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im +königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen +ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für +weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die +Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können. +Und wirklich, es gelang mir. + +Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht +verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte, +aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete. +Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten +gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im +Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von +einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung +des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu +Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem +befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied +singen: »Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste +geblieben.« + +Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun +belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze +und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre +ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in +Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur +ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke +ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten +Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten +Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus« zu folgender Betrachtung Anlaß +giebt: »Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster +ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen +werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn +jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten, +an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen +Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren +und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch +unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher +Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo +wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an +Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen +Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue +Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in +Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus +diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die +städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der +Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde +Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit +und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele +nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That: +der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich +wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man +nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?« + +Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege +und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den +Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett +mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph +sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in +abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige +Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine +Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine +ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt +haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt +über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: »Die +Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet, +bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die +Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern +des Feldes.« + +In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des +Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als +Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und +je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich +nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und +ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es +erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil +ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben +der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte -- dennoch fand +mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend +und klagend sprachen jene zu sich selbst: »Siehe, die ganze Welt läuft ihm +nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben +seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines +Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den +Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle +Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die +unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.« + +Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule +einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An +Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst +zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine +Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch +die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab, +damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen +würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen +konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr +ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst +im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun +aber gab ich ihr den Namen »Paraklet« (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung +an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem +Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des +göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen. +Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen +mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine +Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem +Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen +Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls +dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen »Paraklet« und »Geist +Paraklet« keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität +und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie +Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster, +beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: »Gelobet sei Gott und der +Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott +alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal« -- und auch nach +dem Wort, das die Wahrheit spricht: »Und er soll euch einen andern Tröster +geben.« -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des +heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen +Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott +dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie +dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört, +über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer +darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders +gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte +da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie +Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen, +welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand +behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael, +Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder +sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an +sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen +Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren +darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb +nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein +Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre. +Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in +betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis +an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der +Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt +gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken +daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und +die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns +natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der +andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel +ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er +spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von +einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt: +»Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm« und ferner: »Oder wisset +ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch +ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.« Und wer wollte +verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche +verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h. +des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden +wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein +eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels +wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so +erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also +auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel +einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man +mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle +Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben +werden? -- Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen »Paraklet« beilegte, +so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht +haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich +zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen -- auch wenn +ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht +gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen. + +[Fußnote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.] + +Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber +Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich +allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm +macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen +Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel +gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen +rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der +Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen +predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die +ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei +weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über +meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß +selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen, +welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch +aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen. +Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern +der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner +Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz +getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als +Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt +würde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit +dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit +derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von +den Ketzern. Ja oftmals -- Gott weiß es -- kam ich in meiner Verzweiflung +auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und +mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich +zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um +so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen +wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen +mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten +mich zu ihrer Religion bekehren. + +Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so +daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den +Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein +Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in +die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und +schlechter waren als die Heiden. + +In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys. +Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl +der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle, +womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die +Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der +Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag +eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden +Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen. +Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise +der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin +berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem +drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund +stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde +Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine +andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am +Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach, +wie oft jenes Gebet wiederholt: »Von den Enden der Erde habe ich zu dir +geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.« Ich glaube, es ist niemand +verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die +ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen +Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos +fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen +Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde, +andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles +that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner +Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten +Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit +gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes +angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst +die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben. + +Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den +Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte +befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem +beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es +war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten +sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten, +damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei +der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben +abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen +Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe +wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst +und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich +unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: »Draußen +Streit, drinnen Furcht« schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft +quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben +dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte +ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem +ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für +diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war +alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den +Vorwurf machen: »Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht +hinausführen.« Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür +eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren +Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen +Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: »Ich leide nur, +was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich +verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen +fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.« Das +aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede +gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend +kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster +selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein +eigenes Haus, wie es sich ziemte. + +Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster +Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine +Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte. +Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die +Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb +er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin +gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten, +kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete, +für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise +mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren, +ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des +Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der +Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen +und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt. + +Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal +wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten, +sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte +er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten +Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines +Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als +ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben +weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage +das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und +Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die +den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den +Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien +wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre +Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei +jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit +sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer +Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt +lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu +genießen. + +Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die +Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und +müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher +besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein. +Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die +reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider +die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne +sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer +oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des +heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche +Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und +auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner +sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme +des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller +würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich +gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.« +Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der +selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht +geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn +meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen +könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit +solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht +mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der +Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche +Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja +doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so +gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu +diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und +von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen +Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen +Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen +wurde. + +Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem +Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit +ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller +christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch, +er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem +er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte +ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser +gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, +daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst +verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen +freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen +waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich +ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von +Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein +körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so +mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr +als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter +Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt +in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen +auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist +grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor +Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt +das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name +nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf +sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält +sich dein Nächster.« + +Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine +Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont +haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen +hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im +vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem +Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen +Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall +folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er -- +»befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet +waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, +was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es +etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen +Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem +Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber +folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich +danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und +verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu +etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und +Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren +sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers +Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von +ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des +Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß +kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der +Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar +verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht +aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die +heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch +Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn +und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir +nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt +es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag +ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs +vereinigt zu sein. + +Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein +Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn +anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach +menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen +Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder +wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an +die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen +verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges +sehen. + +Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch +Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach +hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine +Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. +Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich +folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens +Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit +ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von +der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im +Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich, +verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig +lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten +und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben +ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt +wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das +schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum +verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; +und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen. + +Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten +Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen +setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, +auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches +enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den +Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar +die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat +und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk +abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto +leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu +wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein +satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den +Händen des Weibes.« + +Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich +zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit +zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß +war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf +diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte +ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu +leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so +flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in +einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen +gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine +Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit +war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan +hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein +menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf +mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den +-- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig +quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht. + +Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel +gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen +Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer +Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben +steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters +meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend +gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten +meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, +väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg +zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, +der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch +mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich +mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher +als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn +als Liebe zu Gott. + +Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich +drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, +die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar +während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch +mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner +Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, +so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge +vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser +Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von +der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein +Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der +Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch +den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die +Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von +jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich +entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen +Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen +müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die +Seite zu schaffen. + +Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des +Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich +dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu +schaffen als meine einstige Verletzung. + +Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche +durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von +ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir +durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu +räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen +ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst +Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen +entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der +Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen +Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben +sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem +Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern +anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die +traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren +als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber +bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz +eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch +schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über +meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging +mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius +für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, +das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es +mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung +muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde +des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal +mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die +ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt. + +Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis +hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der +Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein +Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine +Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich +zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je +mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst +du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern +von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so +werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie +mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das +Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig +leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke +ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre +ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen +gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In +diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der +Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in +seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen +noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört, +den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe +Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich +danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und +an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du +glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser +Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er +verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit +den Mächtigen dieser Welt.« + +Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns +zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden +uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel +ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes +Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not +wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt +und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem +guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein +Wille geschehe.« + +Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: +»Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.« +Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: +»Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit +sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen +irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie +ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt +nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille +geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im +Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. -- +Lebe wohl! + + + + +II. Brief. + +Heloise an Abaelard. + +(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine +Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem +Abaelard -- Heloise.) + + +Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter +Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an +den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den +Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und +habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, +aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken. + +Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein +Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen +Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im +Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen +Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch +für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten +deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an +deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und +Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, +des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer +Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst +zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von +der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren +Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben +genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele +daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem +Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner +Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch +deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne +nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht +sicher bist. + +Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen +oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto +lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; +ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch +wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben +zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der +Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der +dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu +Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch +öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein +Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens +an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und +deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, +und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere +daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat, +dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so +willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer +werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran +sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der +Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief +an seinen Freund Lucilius heißt es: »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir +so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die +einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von +dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an +den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch +aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde +Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und +dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns +wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!« Gott sei Dank, +daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die +Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum +beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen! + +Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm +deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du +aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten +suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du _seine_ Wunden zu +heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen +und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber +verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. +Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der +Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du +noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, +sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine +Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch +heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür +braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, +und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du +allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der +Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen +Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist +alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern +eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit +und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo +selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel +aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum +Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie +in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest +du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier +zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige +Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt +fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs +Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern +nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und +waren verschwenderisch damit. + +Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und +das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon +infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache +Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum +hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des +Apostels: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das +Gedeihen gegeben.« Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet +durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie +später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde +ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den +fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in +Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer +Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die +fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und +richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts +vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, +was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern +schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den +Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber +einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, +das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. +Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, +Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben +geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem +geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das +von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder +vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das +Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, +mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, +das sich in seinem alten Gram verzehrt. + +Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es +doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner +bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer weiß es nicht? -- mit +grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß +es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte +verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und +daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das +Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen +auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes +begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein +magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur +mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es +zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf +ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, +war mir unmöglich. + +Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde +zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, +verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, +als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu +ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und +meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott weiß es -- +als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein +Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen +Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. +Mag dir der Name »Gattin« heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es +allzeit reizender, deine »Geliebte« zu heißen; oder gar -- verarg es mir +nicht -- deine »Buhle«, deine »Dirne«. Je tiefer ich mich um deinetwillen +erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, +und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu +schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von +dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe +anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein +Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt +gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang +vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr +der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die +ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich's, deine +Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet +sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, +jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, +die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den +Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches +Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja +auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und +daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch +lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische +Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon +und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die +Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre +Beweisführung mit folgenden Worten: »Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß +es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und +auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr +für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit +dem besten Mann verheiratet sein wollen.« + +Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der +aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! +Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß +eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt +erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die +Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung +ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen +in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von +dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe +zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist. + +Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In +welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf +erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu +erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich +zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem +Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? +Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, +welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner +Liebe? + +Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar +gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines +Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei +einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze +Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um +ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel +gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut +deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und +das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe +entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so +klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher +Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte +nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht +jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid +gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind +gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl +des Mitleids mit mir? + +Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. +Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des +Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht +allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. +Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du +allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich +ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken. + +Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins +Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt +und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, +noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag +an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann +argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, +glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist +auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu +erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, +sondern alle Welt denkt so. + +Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner +Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! +Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein +Elend zu decken! + +Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes +und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch +in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild +bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es +sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. +Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da +ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. +Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender +Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen +Dank verdient, dann -- das mußt du selbst sagen -- war mein Opfer +vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da +nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan. + +Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, +vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst +rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde +ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz +und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger +zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne +Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht +mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir +keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne +dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte +dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig +findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer +mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du +würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich +deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan +habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in +deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich +dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens +geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu +leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur +dir zu gehören. + +Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren +Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich +übrig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich +ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, +beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und +laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, +damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich +weihen möge. + +Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du +deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede +gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. +Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich +einst zur Wollust verlocktest! + +Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den +langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und +Alles! + + + + +III. Brief. + +Abaelard an Heloise. + +(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im +Herrn.) + + +Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des +Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner +Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf +welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es +nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut, +überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch +Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen +aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit +gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer +Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter +besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen +Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es +dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer +Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung +nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du +belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die +Kraft dazu schenkt. + +Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und +beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu +Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit +mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße +treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so +dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und +noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner +vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen, +dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten. + +Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, +insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und +dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und +Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne +Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß +mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst +für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten +gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten +seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in +seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich +verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die +Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen +Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: +»Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für +den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen +Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch +des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der +Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.« +An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er +spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, +daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes +umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt. + +Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie +wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm +eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn +dadurch von seinem Vorhaben abgebracht. + +Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke +deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen +und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit +mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein +wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für +wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine +unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre +Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie +Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es +erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein +will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein +Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in +der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die +heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges +Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.« + +So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin +Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, +ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er +hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann +verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht. + +Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft +sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel +vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich +bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine +Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm +und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene +Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem +Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und +sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar +der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein +Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder +drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und +weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie +bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist +hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer +frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des +Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann +erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten? + +Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie +einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig +geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie +der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der +Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die +Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent +der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch +am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben +selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.« + +Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden, +daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen +zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte +Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias +und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber +erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen +hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält +dadurch seine Bestätigung: »Die Weiber haben ihre Toten von der +Auferstehung wiedergenommen.« Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem +Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter +wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner +Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem +Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters +erwiesen hat, so haben doch auch hier »die Weiber ihre Toten von der +Auferstehung wiedergenommen«; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so +erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese +Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten. +Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung +meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr +das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm +vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren +die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal +Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn +erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns +aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten +Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde. + +Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in +welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich +will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag, +und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so +viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit +dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem +Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was +du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist +um deines Gebetes willen. + +Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr +gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: »Ein fleißiges Weib ist +eine Krone ihres Mannes« und »Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes +und bekommt Wohlgefallen vom Herrn«. Weiter heißt es; »Haus und Güter +vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn«. Der +»Prediger« aber sagt: »Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist«, +und bald darauf: »Ein gutes Weib, ein gutes Teil.« Und die Meinung des +Apostels ist: »Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib«. +Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im +Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der +König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das +Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich +wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das +Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet +veranlaßt. + +Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in +welchem er sagt: »Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er +sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen +aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.« Mit dieser -- wenn man so +sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, +die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch +aufgehoben. + +Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den +Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag +pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu +verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war, +Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut: + +_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.« + +_Versus_: »Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.« + +_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. +Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.« + +_Kollekte_: »O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht +in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in +deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.« + +Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so +nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist. +Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der +Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem +Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen: + +_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens, +auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein +Widersacher nicht freue.« + +_Versus_: »Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß +mein Feind sich nicht freue.« + +_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. +Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von +Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes. +Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.« + +_Kollekte_: »Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht +in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem +Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum +unsern Herrn.« + +Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen -- sei's +daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch +den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwöre ich euch: lasset meinen +Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen. +Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab +besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich +wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele +keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist +dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein +Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten +Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und +salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten +an seinem Grab, wie geschrieben steht: »Frauen saßen am Grab und weinten +und klagten um den Herrn«. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von +der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel, +und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber +sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien. + +Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der +gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast +allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem +Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures +Gebets beistehet. + +Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein! + + + + +IV. Brief. + +Heloise an Abaelard. + +(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.) + + +Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, +ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines +Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den +Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den +Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch +setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an +Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an +Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des +Ranges der einzelnen. + +Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch +vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und +daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns +kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: +»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich +überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas +denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit +vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein +Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt +es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und +diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes +vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt +werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über +unser Seelenheil geworden bist. + +Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die +unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was +uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine +eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, +dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca, +»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?« + +Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls +du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer +Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir +deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. +Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm +Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn +die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit +zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? +Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem +Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir +Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir +werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, +und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. +Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben, +wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu +leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge +Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht +zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von +dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen! + +Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die +nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen +Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, +schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe +und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. +Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein +anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, +die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit +nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch +durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er +Gott bittet: + + »Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft + Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.« + +Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was +könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, +in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir +ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst +bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, +in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden +könnte. + +Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du +grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O +unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich +verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu +wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand +mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß +übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden +könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod +diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, +so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell +herbeikommen möchte! + +O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand +ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? +Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich +erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der +Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren +Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? +Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und +so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich +gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, +nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. +Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so +glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter +klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte +mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das +Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein. + +Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns +in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der +Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu +gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge +nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die +erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein +ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem +Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine +Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte. + +Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug +gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs +verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch +welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren +Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. +Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten +Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher +Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf +deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere +Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen +könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich +widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, +hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam +begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der +weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller +Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich +aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest +du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer +gefallen bist. + +Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen +Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das +tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor +den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: +laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf +ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei +Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man +hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe +alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, +welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, +denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder +wird durch sie gefangen.« + +Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm +von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch +geworden. + +Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und +dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila +allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände +lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in +wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels +begraben hat. + +Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er +sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen +Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen +hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden +war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von +dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel. + +Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu +bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue +Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am +leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen. + +So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich +durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht +verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen +dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes. + +Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die +genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn +schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, +wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine +Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden +begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen +freizusprechen wage. + +Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste +nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das +Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine +früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen +schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht +ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und +Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur +einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an +deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja +nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen +tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten. + +Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: +ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott +versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung +der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn +durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige +Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: +kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde +noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es +ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder +dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich +schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten +Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir +gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen +meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will +reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese +Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; +aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher +Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn +nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern +man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß +eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete +Zunge bekennt. + +Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht +der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt, +die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«. +Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel +Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke +daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen +und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich +die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet +reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz +von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre +Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine +Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren. + +Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch +die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem +Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe +und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine +unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, +das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist +groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich +unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O +könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: +»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.« + +Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich +auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche +Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir +zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach +Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei +mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß +noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die +Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je +schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich +dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, +daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als +Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist +Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft +und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu +einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei +ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt. + +Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für +eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes +Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich +davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde +unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen +heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein +Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute +zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu +thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: +»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum +vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt. + +Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich +zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein +Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein +Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was +ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du +hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast +meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so +dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich +beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht +aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit +du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich +brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, +ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. +Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze +genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: +»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du +gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet +den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und +Alten, die Seele zu fahen«. + +Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße +und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe +Wunden reißen.« + +Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf +niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich +schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir +sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen +Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine +innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines +Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie +Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die +äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf +bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes +Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl; +aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig +über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum +steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«. +Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du +ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest. + +Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es +mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins +Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit +deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich +setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt +hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches +Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die +Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe +denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der +Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den +Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will -- +ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird +mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht +einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus +anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der +Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir +sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen? + + + + +V. Brief. + +Abaelard an Heloise. + +(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.) + + +Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach +in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs +erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den +meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der +natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich +darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu +bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes +Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen +läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über +die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich +zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich +dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, +ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben. + +Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich +zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich +denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je +mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die +ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du +finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so +weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert +ich dir erscheine. + +Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der +Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, +mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief -- +und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, +die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst +seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie +auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich: +meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«. + +Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines +armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige +erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen +Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich +nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes +befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses +die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr +als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und +Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut +steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht +mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, +während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.« + +Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene +Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich, +ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine +Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, +denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im +allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi +genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, +daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen +Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, +welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr +nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, +die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um +ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen +am Grab und klagten und weinten um den Herrn.« + +Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der +oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. +Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist +sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre +Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten +gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist +also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn +die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren +Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch +auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen +Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet +wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im +Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an +allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist +inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach +außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des +Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem +anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem +sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm +mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich +schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, +denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich +unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit +Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn +sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn +die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen +Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe. + +Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen +unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem +Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im +Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche +auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in +ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden. + +Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben +Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an: +»Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so +verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und +alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern +das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und +die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig +zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und +Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen +sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses +Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die +Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich +vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach +irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum +hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie +diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen +wurde. + +Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König +geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle +Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern +Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele +liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im +Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als +große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, +die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; +sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen. + +Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für +das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der +geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche +Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern +lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit. + +Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte +vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald +hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und +setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich +schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer +geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren +Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen +Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese +körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich +hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer +Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, +dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben. + +Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit +berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die +Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn +nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als +eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und +allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt +schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die +Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«. + +Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns +der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn +du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete +zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie +die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm +und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten +kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher +Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle +Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und +unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's, +daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses +Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das +heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich +ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und +besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im +glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein +Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das +nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, +die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es +besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in +jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und +haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen +nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der +heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die +Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«. + +Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer +da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des +himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener +Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach +dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« -- +desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und +darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr +müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns +verbindet. + +Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe +und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine +eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem +ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum +im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet +hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen +Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, +von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst +du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen +deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist +halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, +wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in +meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu +aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und +Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht +auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, +nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre +Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu +sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit +derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein +Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so +bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der +Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine +Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so +lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis +gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von +der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, +dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so +lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden +sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten +Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; +aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem +Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich +aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende +wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und +sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, +sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam +hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das +sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres +Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern +der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch +lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in +der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern +können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß +meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb +nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben +wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du +aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner +Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. +Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch +einmal, höre auf mit diesen Klagen. + +Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch +desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: »Der Gerechte klagt +sich selber zuerst an« und: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet +werden«. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du +schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch +meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht +eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob +trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst. +Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau +Eustochium folgendes: »Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage +verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir +beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser +Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns +gespendeten Lobes«. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen +Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und +den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem +Besitz machte. »Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie +sehen.« Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die +Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich +entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir +oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch +mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben, +damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte +Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir +durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so +würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so +zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der +Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen, +Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so +auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, »Ruhm +suchen, indem du vor ihm fliehst«. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß +nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du +wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu +vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu +gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch +lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die +Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie +Verunglimpfungen der Feinde. + +Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über +die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir +erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen. +Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken +an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in +welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große +Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist, +daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens +auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab +von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und +mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest +du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die +Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das +zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du +glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir +entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere +Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein. + +Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast, +durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener +Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr, +wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen +Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil +gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem +Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch +des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so +großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt +hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich +zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den +Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück +verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger +empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer +sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen +Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die +ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir +zugestoßen ist, oder mich bemitleiden. + +Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich +zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns +war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe +lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich: +als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil +lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl +noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß, +und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort +hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals +durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort +geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe +verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem +unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem +wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll +ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen +deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem +Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht +von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen +hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine +genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit +solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte +der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter +Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich +diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war, +sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde. + +Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du +schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu +erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch +diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt +angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja, +vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat, +welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem +Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche +Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug +verbessern. + +Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht +ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was +Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur +Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen +seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja, +aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns +gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: »Der Herr hat +sich Sorge gemacht um meinetwillen«. Erinnere dich wieder und wieder daran, +in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen +entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an +uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes +Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird, +die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes +geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die +Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden +ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus +gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines +Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche +miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit +und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle +Barmherzigkeit. + +Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose +Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres +Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der +Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu +lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest, +obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen +gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner +Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an +dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten +macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die +göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch, +daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus +benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen +Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in +vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt, +welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen +Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied +getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch +sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte. +So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich +versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars +wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr +störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an +dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und +zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes +mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem +ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem +schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade +von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen +nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen +genannt werden können -- wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat -- +eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und +das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet? + +Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige +weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die +Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar +von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im +Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür +ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute, +selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu +ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur +diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des +Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur +solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der +Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen +und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des +Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die +Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: »Den +Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir +wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und +in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen +und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen +soll«. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um +der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß; +aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich +geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische +Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu +vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern +Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig +Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft +mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung +wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an +mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: »Gott hat sich Sorge gemacht um +meinetwillen«. Darum will ich hingehen und verkünden, »wie große Dinge der +Herr an mir gethan hat«. + +Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein +Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast. +Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner +vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim +lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch +eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein +Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das +eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu +vernichten trachtete. + +Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das +unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein +Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an +meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der +diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn +hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus +der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner +Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust +bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich +um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als +wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der +Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre +seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der +Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der +Schrift seine Anwendung finden: »Die Weiber machen auch Weise abtrünnig«, +wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist. + +Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem +Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich +gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des +Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn +du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen +wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine +zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben +wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du +Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen +Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen +Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit +weiblicher Sorgen! + +Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen +schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener +Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; +vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den +Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken. + +Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde +dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht +lästig. Denke an den Spruch: »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; +er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt« und an den anderen: +»Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn«. Unsere Strafe ist eine +zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte +dich auf an dem Wort des Propheten: »Der Herr geht nicht zweimal ins +Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen«. Nimm zu +Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: +»So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten«. Daher auch Salomo +spricht: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes +Herr ist, denn der Städte gewinnet«. + +Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und +Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor +den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, +verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter +Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten +Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen +Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er +hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein +Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten +und klagten, wie Lukas erzählt: »Es folget ihm aber nach ein großer Haufe +Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn«. Und er, in milder Güte +zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod +hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug +seien und seinen Worten folgen: »Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet +nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn +siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die +Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die +nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: +Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am +grünen Holz, was will am dürren werden?'« + +Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, +der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an +seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt +es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: »Frauen saßen am Grab, +klagten und weinten um den Herrn«. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem +Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer +diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz +bis ins Innerste erschüttern. + +Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia +zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: »Ihr alle, die ihr +vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein +Schmerz«; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, +der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der +Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum +hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet +als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes +ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein +schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der +Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: »Sie werden ihn klagen, +wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man +sich betrübet um ein erstes Kind«. + +Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich +erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in +welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof +versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst +du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer +und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen +Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit +seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er +dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich +hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen +Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für +den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese +hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: »Es sei aber ferne von mir, +rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen +mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt«. + +Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der +Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir +gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die +Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was +sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist +dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das +ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: »Niemand hat +größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde«. Er hat +dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden +verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung +meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für +dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran; +aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe +zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu +deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles +willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein +Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir +weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine +über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld +vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und +die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die +Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist +du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes +widerstrebst. + +Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht +um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den +Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist. +Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf +dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt +hat: + + »Noch lebt nach dem Kampfe die Größe; + Aber das Glück ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.« + +Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die +begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn +geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche +Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht +das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht +der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod +herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, +was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten +sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein +ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die +Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der +Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht +gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch +dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der +Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem +Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone +aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen +körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich +meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch +die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden +anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es +mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht +das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier +redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu +teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt +keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel +der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen. + +Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß +immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir +um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht +viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die +an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den +Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«. + +Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden +sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus +sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein +ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist +seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein +Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in +geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich +mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und +hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht +erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr +und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch +kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen +Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze +gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. +Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus +gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es +verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. +Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner +gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß +er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine +treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot. + +Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben +hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr +für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu +übersenden: + +»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes +das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu +unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch +geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du +auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach +deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, +die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges +Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, +vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge +unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit +offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit +du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der +Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur +Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen +erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer +Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein +barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.« + +»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir +erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine +Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus +giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht +lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so +ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.« + +»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir +gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so +gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, +vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere +Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen +in Ewigkeit. Amen.« + +Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe +Christo! Amen. + + + + +VI. Brief. + +Heloise an Abaelard. + +(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.) + + +Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, +so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er +ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, +Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja +unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der +Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm +folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist +niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht +leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, +welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, +nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund +über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, +wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein +trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand! + +Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn +auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern +ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in +anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres +schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt +aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt +ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser +Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in +Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern +Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste +Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und +über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine +Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des +weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung +unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns +überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden +ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme +ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel +verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe +Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen +Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so +wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer +aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden +kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen +der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften +über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung +über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche +wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was +soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst +verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den +Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was +schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich +aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an +Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer +und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so +oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die +Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief +an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die +Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und +Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen +und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde: + + »Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos, + Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort. + Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun + Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn. + Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren; + Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.« + +Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: +lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, +ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch +vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum +warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, +nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen. + +Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und +nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein -- +durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die +Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, +da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, +von denen wir das meiste empfangen. + +Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, +es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung +ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, +der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade +dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes +wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, +wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, +wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch +gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, +bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies +heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere +aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer +auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die +Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den +Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern +gleichmäßig auf alle zusammen. + +Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt +nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur +fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die +Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges +Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein +wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel +dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist +thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg +zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem +Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, +das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden +ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas, +das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend +halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, +wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges +vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne +vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die +zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit +steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten? +Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen +so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie +Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken? + +Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines +»Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden +Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen +kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in +harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde +gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben +nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie +haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für +Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht +Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von +Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann. + +Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und +gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der +Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er +dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt +beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment +führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner +Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen +setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde +Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ... +Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, +daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den +besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob +zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden, +würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von +kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und +in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die +Schwachen nicht zurückschrecken. + +Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu +halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, +Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der +Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen +ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen +Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der +einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift +vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der +Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast +mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen +Natur sie erfordert. + +Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen +Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß +seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte +der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine +Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das +weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in +Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und +Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der +Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen +für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und +kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken +widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe +Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich +glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der +Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den +Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der +Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein +Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es +nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches +nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des +Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«. + +Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl +sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine +Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief +ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern +einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen, +Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das +entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit +Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß +er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern +für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll +vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau +zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für +ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die +Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den +Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was +Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie +könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für +unser Seelenheit wäre?« + +Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die +Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche +Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin +bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen; +daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen! + +Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die +frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, +eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch +schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an +das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz +nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist +neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge +Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an +unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So +will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem +Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus +hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium +mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar +diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen +Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die +Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein +Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe +auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu +wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der +heilige Augustin schreibt in seinem Buch »Über die Enthaltsamkeit der +Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines +Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl +überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei +bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein +Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere +Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr +ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis +haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert +werden kann. + +In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten +Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin +bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl +sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich +erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit +erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten? + +Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle +Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, +indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen +schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen +Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das +weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. +Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende +Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die +Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen +Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer +Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch +welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein +verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich +mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese +Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt +häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und +Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch +diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer +dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit +und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«. + +Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, +uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle +Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht +leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere +Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, +wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug +sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos +leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken +es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder +endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches +Leben zu führen behaupten. + +Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein +Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie +allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der +pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: +»Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir +haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies +heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, +weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien +Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr +selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst +darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«. + +Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die +leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar +machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die +Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger +Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber +drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme +solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. +Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht +kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und +setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir +Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer +fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt +geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre +ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der +Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da +sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, +die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen. + +Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von +seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so +ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur +eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins +Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir +verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur +Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, +wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu +Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«. +Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat +zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das +unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den +erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den +heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet +haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die +Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze +Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben +als die Kleriker. + +Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als +das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das +Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das +heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns +die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am +schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im +Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke +macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist +Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote +Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was +eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase +so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange +und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen +und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der +mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das +Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut +mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann +will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O +nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn +nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und +der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im +Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«. + +Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«, +hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der +Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die +heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort +des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum +propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«. + +Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis +verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen +nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes +berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen +Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der +gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. +»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den +Wein.« + +Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den +Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln +das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie +der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu +tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen +zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein +weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s. +w.« + +Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter« +berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er +keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts +für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe +auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. +Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. +Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber +zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug +sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird +von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man +an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein, +ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, +wenn der Satan nicht wäre'«. + +Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt +und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt +sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für +die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt +nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon +nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein, +überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben +Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen +Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben +Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte +das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in +der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das +wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung +sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen +dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige +sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für +das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch +unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an +denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise +teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in +den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des +Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des +Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter, +um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden +zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der +Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir +es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch +den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat +er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat +Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum +sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die +Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, +nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«. + +Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu +essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich +Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und +Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist +nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel +besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich +dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«. + +An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten, +sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige +der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die +anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen +Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus +nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam +zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns +nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem +Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen +ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch +Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr +denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset +ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die +da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du +sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret, +und ist Menschengebot und Lehre«. + +Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich +auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die +Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie +an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches +sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr, +da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach +dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in +anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche +Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum +Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift, +kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung +bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre +fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender +Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern, +als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle +Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden +Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie +leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte. +Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von +dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde. +Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den +letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den +verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei +Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die +Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen +und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und +nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird +geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches +vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in +den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar +gewesen bist«. + +Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge +ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich +mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen? +Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen +Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und +den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und +deine Jünger fasten nicht?« + +In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied +zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein +äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt +er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine +Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich +bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so +wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden +erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn +war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten +sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen +hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der +Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich +ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr +Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe, +daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der +Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem +Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen +Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset +und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, +der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich +selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt +worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der +Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens +ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich +bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im +Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten, +nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich +Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres +Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an +ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand, +der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich +bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der +Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt +wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf +denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu +erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer +es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht +Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen +Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein +Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind, +und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus +gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem +inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu +reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen +wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem +Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es +aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen. +Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen, +mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem +Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber +deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte +sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt +den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß +überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne, +sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge +Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen +die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe +geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der +Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche +Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer +zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und +nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«. +Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung +noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird +niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht +und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn +kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«. + +Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus +welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen, +der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus +sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«, +d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe +der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen +prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir +sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber +beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr +sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die +Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer +angenehm. + +Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir +unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel +dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller +Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe +dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, +aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung +dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält +von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit. + +Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche +Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater +eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in +jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des +Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir +gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das +Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«. + +Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen +Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht +gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und +das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft +der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi +und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften +Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr +mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum +Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man +müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der +Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr +denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder +unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die +Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«. + +Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch +seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, +beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches +durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um +so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr +alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit +den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der +Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich +Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und +bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will +ich dich erretten, so sollst du mich preisen«. + +Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher +Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was +der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes +hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische +Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch +fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene +Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger +Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret +werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten +Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, +denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt +ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln +der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, +unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den +Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel +haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den +gläubigen Frauen Handreichung thun sollten. + +Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher +einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, +scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten +will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige +Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. +Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm +zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen +Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des +Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals +diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie +denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste +Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den +sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie +solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch +sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte +Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen +derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, +nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, +von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig +ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, +welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße +und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt +worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz +haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm +Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen. + +Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern +gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich +fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch +weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung +geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf +die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, +und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer +Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter +durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der +heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen +hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, +indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr +empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die +Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, +anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen +Bauwerk sich erheben werde. + +Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten +haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die +nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher +Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die +Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto +aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu +sein. + +Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine +Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du +bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch +Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes +Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst +nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen +möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder +es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht +wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du +zu uns und wir werden hören. Lebe wohl! + + + + +VII. Brief. + +Abaelard an Heloise. + + +Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen +Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den +Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich +darüber Auskunft geben. + +Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und +Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab +es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen +gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium: +»Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von +Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im +Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im +Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde. +Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und +alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was +noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide +Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen, +beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu +vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine +weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die +Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten. +Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den +Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung +standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen +Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr +ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche +nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt +den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten +wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger +sein.« + +Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn +nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher +von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht +ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium, +wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem +getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene +Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner +Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha +allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die +Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie +vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im +Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung +getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen +Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht, +bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die +andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen. + +Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben. +Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten +ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen +Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es +ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder +überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die +Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen +Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der +dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha, +und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt +dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen +war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten: +sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit +äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße, +ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch +wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr +etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen +auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt +auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß +habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen +Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen +Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt +war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That +stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel +geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden. + +Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That +Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der, +welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte +des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß +er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt +das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn +der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem +heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte +sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum +Christus, d. h. zum Gesalbten machen. + +Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in +prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern +gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder +überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den +Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum +Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein. +Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am +Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt: +»Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem +Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die +Glieder von Männern. + +Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt +nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die +Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene +Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist +vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum +Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt +vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«. + +Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch +Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch +Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem +Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes, +Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die +Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch +die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte +Ölung. + +Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige +Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe +des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur +Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die +Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der +Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet +an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und +zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die +niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von +einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und +ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten. +Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der +selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« + +Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische +Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden +Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen, +die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid, +ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an +Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern +allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o +unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der +Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt +werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu +berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut +auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe. +Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst, +indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten +Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner +Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem +Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme +Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die +Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte +dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit +durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die +Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem +Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden +Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins +Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von +ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis +dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir +wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn +selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen +Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er +deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei. + +Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine +Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht +die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen +und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben. +Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel +mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst +gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das +hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen. + +Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten +die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken +aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der +Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen. +Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens +und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders +scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der +Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von +sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da +verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner +Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem +Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und +es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren +nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe +Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht +trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die +setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es +waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war +Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome, +die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und +viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«. + +Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst, +der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem +Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel +ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu +seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria +Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u. +s. w. + +Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange +vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in +prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut +hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig +geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers, +weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi +nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des +christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im +Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen +verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie +glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet +am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre +Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die +Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut +(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das +Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden +ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten, +blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll +breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der +Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von +dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich. +Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen. +Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches +dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes +dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es, +die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen +sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig +geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit +redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser +Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und +miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen +dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten +Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen +Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß +sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach +Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und +noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht +verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr +als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so +standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins +Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen +anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so +stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin +seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern +dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn, +und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen +dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder +geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht, +indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen +Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo +hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die +Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus. +Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn +sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit +ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht +unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen +zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre +Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und +von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden +sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe. + +Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des +Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem +Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer +zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber +die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das +Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten +Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie +wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie +stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in +aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria +Jakobi und Salome zum Grab. + +Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen, +welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die +Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon +auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren. +Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste +war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der +Engelserscheinung »zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen +Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid +gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor +ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern, +daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen«. Auch Lukas +berichtet darüber in ähnlicher Weise: »Es waren aber Maria Magdalena und +Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln +sagten«. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem +Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen; +er läßt den Engel zu den Weibern sagen: »Er ist auferstanden, er ist nicht +hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor +euch hingehen wird in Galiläa«. Auch der Herr selbst, da er zuerst der +Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sag +ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.« + +Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als +Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn +oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft +der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von +den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten. + +Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen +grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine +Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie +Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er +anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: »seid gegrüßet« +gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen +untersagt mit den Worten: »Und grüßet niemand auf dem Wege«. Es ist, als +hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und +selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der +Unsterblichkeit erlangt hatte. + +Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald +nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt +seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich +schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im +Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen: +»diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt +den Weibern und Maria, der Mutter Jesu«. + +Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich +im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium +verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die +ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken, +welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir +werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen +entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen +Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen +geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde. +Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: »In den Tagen aber, da der +Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die +Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen +Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und +sprachen: 'Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu +Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben +Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit +sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen +anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen +Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen +Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und +Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die +Apostel und beteten und legten die Hände auf sie«. Es spricht gar sehr für +die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für +die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die +Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den +Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem +sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie +diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und +durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen. + +Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines +Apostelamtes in Anspruch: »Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester +zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?« Als wollte er sagen: +Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie +auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit +sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren +Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem +Buch »Vom Werk der Mönche«: »Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die +mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen +Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht +Mangel litten«. Ferner: »Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen +Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium +verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen, +daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium +heißt es: 'Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte +und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die +Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den +bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und +Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, +die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich +hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen +mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese +Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.« + +Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen +sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche +Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die +»Kirchengeschichte« das Lob, welches der beredte Jude Philo über die +alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur +ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt +hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: »In vielen Gegenden +der Erde leben solche Menschen«. Und bald darauf: »An jedem dieser Orte +befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder +'Monasterium' genannt wird«. Ferner heißt es weiter unten: »Sie kennen +nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst +neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten +gar lieblich singen«. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit +und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt: +»Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen, +darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt +und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus +Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen, +nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig +halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene, +oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten +unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine +Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der +Vernichtung anheimfällt«. Weiter heißt es von Philo: »Er schreibt auch von +ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen +Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch +Sitte ist«. + +Hierher gehört auch, was die »Dreiteilige Geschichte« zum Lobe der +christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie +Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: »Die Begründer dieser +tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und +Johannes der Täufer.« Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner +Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei +einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der +Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren +und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen +Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang +keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich +enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser. +Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie +Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten. + +Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches »Berühmte +Männer« zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: »Er zuerst predigte +in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre +und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein +Beispiel nehmen mußten«. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller +der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu +Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen +Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in +Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in +der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem +Gedächtnis überliefert. + +Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: »Der Jude Philo, von +Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns +darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über +die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in +Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß +hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre +Wohnungen Klöster nennt«. + +Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von +der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da +besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte, +wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus +mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies +Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem +berichtet. + +Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß +in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen +betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die +heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre +Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste +Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit +ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch +das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also +steht geschrieben: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine +Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am +Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat +eine herrliche That gethan'«. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm +wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von +den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am +Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt +wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen, +sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner +heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die +strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach +sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre +bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch +vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen +Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: »Lobet +ihn mit Pauken und Reigen«, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches +und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: »Die Menge +der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele«. + +Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben, +ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der +Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den +himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen +Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus +frohlockend dem Herrn ein Loblied singt. + +Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der +Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem +Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit +den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt +Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder, +Kapitel V: »Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll +wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren +Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels, +zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem +Platze, auf den man ihn gestellt hatte«. Es ist auch sicher, daß die +Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil +hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im +Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: »Alle +Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben +und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht«. Es scheint +demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied +gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den +Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja +von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden +Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen. + +In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe +der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der +Herr selbst spricht zu Mose: »Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: +Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der +soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken +Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren +gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange +solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom +Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches +seines Gelübdes währet«. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf +sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren +Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne +waschen sollten, wie geschrieben steht: »Moses stellte ein ehernes Becken +auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte +aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten«. +Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher +sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen, +sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete +verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer +schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war, +wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den +übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter +anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der +mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form +der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen +wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die +Hebräer spricht: »Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen, +die der Hütte pflegen«, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht +würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in +einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums +aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und +die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind +die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins +zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten, +daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen +Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des +Psalmisten: »Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang«. Denn unsern +Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier +ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort +einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht +sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere +oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des +sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener +Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel +der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder +Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel +die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren +Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne +waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und +die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste +die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der +Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch +welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat +gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die +Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen +Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: »Was werden die rauhen +Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen +ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe +siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der +Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?« + +Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre +der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft +dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit +dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn +Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten +vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des +Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen +durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: »Und es war eine Prophetin +Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und +hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war +nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente +Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu +derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die +da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten«. + +Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit +dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre +Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der +Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit +ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die +sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr +anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der +Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen +und nunmehr geborenen Heiland. + +Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der +Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von +ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des +Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern +gegenüber vom Messias geredet habe. + +Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über +welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: »Ehre die Witwen, +welche rechte Witwen sind.« Ferner: »Das ist aber eine rechte Witwe, die +einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und +Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.« Und +weiter: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und +lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen +sind, mögen genug haben«. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen, +welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben, +oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande +verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie +allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie +niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der +Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten +werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams. + +Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen +seien: »Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da +gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie +Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen +Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie +allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«. + +Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also +aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein +böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt +gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch +schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an +Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel +geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen +Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so +offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und +diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: +»Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das +Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden +sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben +ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul +und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, +sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So +will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem +Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche +umgewandt dem Satan nach«. + +Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt +der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, +in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine +brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die +das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt +sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man +früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. +Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem +dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie +uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: +»Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und +wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da +dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern +Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, +sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft +göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz +führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: +»Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen +'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der +Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so +weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei +diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, +welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: +du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch +niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so +müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«. + +Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der +römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute +Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am +Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie +sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, +darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch +mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen +ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei +Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der +Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch +heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; +auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius +sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch +Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete +in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und +warm empfiehlt«. + +In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen +selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er +sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen +Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu +sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht +zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das +Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen +lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie +unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, +nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen +jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und +ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst +eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«. + +Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das +gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt: +»nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher +ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen +Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu +haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes +Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig +Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe +guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so +sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung +gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen +aber entschlage dich.« + +Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der +Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die +vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von +dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den +Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie +der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so +findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts. +Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien. +Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien, +sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr +vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr +Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«; +nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an +Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr +wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter +war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt +leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber +gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige +Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns +gestellt haben. + +So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«, +indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit +ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde. +Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den +Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling, +der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen +werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit +benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man +seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.« + +Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben +der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher +in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem +älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war +als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die +Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich, +daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig +wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine +Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden, +nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel. + +Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit +der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die +ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus +dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte +Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder +Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren +und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt +es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht +versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«. + +Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der +Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter +dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die +Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen +wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu +sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum +verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge. +Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit +häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich +Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren +Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die +gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren +Eltern aufgezogen worden sind. + +Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie +anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um +ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der +versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß +die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen +als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie +von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit +für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht +deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu +unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung +angehalten werden sollen. + +Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre +ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte +Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst +seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus +Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die +Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und +Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin +und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie +möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander +lieben«. + +Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die +Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie +ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch +sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich +Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen +muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht +dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt: +»Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern +vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig +siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag +die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen +-- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut, +wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück +heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«. + +Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte, +über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten +Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche +Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das +sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch +aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche +die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch +erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen +Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich +erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen +und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen +Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine +Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem +Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche +Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit +ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines +besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es +sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen +werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen +der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr +gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom +Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande +und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein +geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die +Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte, +erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten, +Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist +je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen +vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit, +sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen +führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne +und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und +Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben +oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in +seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die +Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod +gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine +Weiheformel hinterlassen. + +Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen +Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her +von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je +schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto +vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den +mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er +spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den +Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in +demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d. +h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder +besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des +Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die +uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre +an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns +wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget +und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine +Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«. + +Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht +irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache +Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur +sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses +Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich +erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an +den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach +dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die +ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist +die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und +Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem +weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der +Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im +Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde. +Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat +sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu +pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den +Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der, +der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der +Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im +Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der +bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die +geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller +Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde +Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch +die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der +Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer +gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den +Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den +Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben. + +Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden +wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten. +Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen, +als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der +Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer +Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit +seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar +geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im +Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels +der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen +Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem +Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene +Sache gewesen war. + +Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den +Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das +feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein +Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das +Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube +fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum +Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest +eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten +Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an +den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der +Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche +der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu +essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur +verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur +Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg +vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und +zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod. + +Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas, +das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche +Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im +Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut +und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der +Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß +wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine +Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat +nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig +drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was +war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen +oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von +ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten +war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne +Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und +gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes? +Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies +anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr +die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin +von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und +wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau +um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel +größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an +euren heiligen Beruf gebunden seid. + +Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich +bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium +durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine +Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden, +welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der +Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar, +einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon +vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des +schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so +angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses +Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier +nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere +Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die +Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber +ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist, +daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen +Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung +willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen +Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«. + +Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas +vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem +unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt +hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem +siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß +sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den +Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre? +Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel +gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von +ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm +ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten, +verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des +Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit. +Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst +davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den +irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die +Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses +hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die +Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis +an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr +leidvolles Schicksal Ausdruck geben. + +Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für +das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns +den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes +Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen +wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm +zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen? +Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht +hat den Heiland geboren«. + +Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des +Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt +hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es +ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein +er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere +Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des +weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen +die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden. +Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen, +hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere +Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war. + +Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in +Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich +wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große +Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für +Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem +Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge +noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und +Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie +zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete, +mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau +zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn +dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch +vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst +empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen +hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen +weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die +Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich +gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen. + +Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den +Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und +uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. +Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem +Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu +nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen +weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich +auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die +Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den +gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, +daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn +Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: +Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines +Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach +verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch, +es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr +siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie +folgt: + + »Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters + Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König, + In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.« + +Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so +kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«. + +Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er +wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren +sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden +sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen +Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen, +damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage, +woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für +den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn +bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist +preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt, +Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am +Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage +wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans +Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«. + +Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte +unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner +vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers +Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines +Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt +Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen +werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes, +d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser +Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen +auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von +der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich +mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er: + + »Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen; + Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. -- + Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter, + Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten. + Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen, + Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.« + +Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie +deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine +Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das +zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das +erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion, +und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner +Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die +Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die +Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi +Höllenfahrt nichts berichtet haben. + +Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche, +lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel +Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die +Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen +Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht +bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel +kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi, +iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner +Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht +von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich +dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu +trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden +haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch +nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also +von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen, +welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige +Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben +gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies, +wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der +Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur +sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je +bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken +verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich +durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank +nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da +wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im +folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines +Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit +da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt. + +Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der +Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch +diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele +belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso +guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von +prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den +Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so +sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn +derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute +aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus +hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich +behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt: +»Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter +Städte«. + +Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem +gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas +dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts +davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum +baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der +Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine +Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie +allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere +gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt, +haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu +ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht +hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das +nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt +hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn +gewonnen hat. + +Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien +nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat +der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß +nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So +lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre +Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt +die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen, +wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den +Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel +in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der +Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten +Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die +Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden. +Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem +er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung +erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz +besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst +erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das +natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines +feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die +Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und +weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für +ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus +Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang: +»Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich, +sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird +die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren +und die Leiber, die nicht geboren haben.« + +Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an +der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf +dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du +nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im +Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der +Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob, +daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die +dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so +richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre +Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und +bewahren«! + +Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe +des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von +Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha +lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge +besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des +Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch +keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben +an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm, +als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen. + +Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche +bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur +Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie +verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, +die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden, +ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon +erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird +berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf +durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle +gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß +das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden +eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf +gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und +ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die +letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen +die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben, +so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod +Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem +Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging. +Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei +Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem +Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht +zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die +sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem +jungfräulichen Bräutigam zu kommen. + +Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit +heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des +heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch +den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt, +vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon, +daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden +wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so +daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den +Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes +an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel +eröffnet. + +Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei +ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben, +seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche +die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen. + +Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche +Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer +Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die +Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab, +die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube +noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche +von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist +allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen +Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich +die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen +Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche +heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der +Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser +Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der +Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische +Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen +ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der +Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche +Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und +Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren, +und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn +geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden. + +Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes +Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten +wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit +so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich +aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im +dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu +thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre +Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?« +Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren +solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben, +unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt +hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten +abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben +Sinn. + +Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift »gegen +Jovinianus«, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und +Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: »Ich bin bei der +Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit +diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten, +wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen«. Weiter oben in derselben +Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen +könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein +ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere +Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen +Wert anerkannt. »Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und +Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien +zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit +und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.« Weiter heißt es +da: »Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde, +soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von +Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können«. Und Sidonius, Bischof +von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes: + + »So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau, + Deren Vater du warst, o Tricipitinus; + So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta, + Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten + Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.« + +Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift »vom Gottesstaat«: »Kommen wir +nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet +unsern Märtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, daß auch +sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den +großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche +Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise +der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber +angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren +gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen +Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der +allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und +dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen +der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?« + +Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter +den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr +sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist +geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie +sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten +wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um +seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß +selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies +wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie +führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares +Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen, +sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu +retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen? + +Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes +Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des +ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk +verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine +eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens, +durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den +Gläubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld +gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn +durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer +Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger +Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des +Fleisches meidet. + +So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern +die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend +bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen +mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte. +Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst +wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie, +dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den +Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches +verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie +der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt, +Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte +des Dichters bei: »Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?« Wer +wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder, +welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner +Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder +für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll +-- die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden +bewegen lassen! + +Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner +aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem +Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht +hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er +sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der +Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran +erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich +erweist. + +Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn +geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf +die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt +Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit +folgenden Worten: »Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die +Priesterin nun lebendigen Leibes begraben«. So auch Augustin im dritten +Buche des »Gottesstaates«: »Die alten Römer begruben lebendig die über dem +Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen +dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode«. So sühnten sie +strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung +dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit +war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit +angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde +beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen: +»Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht +bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit +dem Leben büßen«. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur +Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen +Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die +Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen, +Kapitel XIII: »Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den +Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich +verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht +zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen +hatten, nicht mehr am Leben ist«. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht +eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen +Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht +genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr +Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen +abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger +kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn +der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt, +sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie +viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort +brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des +Mauritius: »Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als +die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst +vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren +gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig +zu achten seien«. + +Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die +heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der +Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß +sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt +und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe +unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich +nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und +Hieronymus. + +Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit +solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich +nach dem Bericht der »Kirchengeschichte« selbst entmannte, um nicht durch +irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden. +Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen +Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium +der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung +über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der +Frauen schrieb, zu in den Worten: »Weil ich aber, durch meine große Liebe +zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich +den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen«. Dagegen wissen wir, daß +manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung +ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine +kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene +Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: »Ich habe +an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei +Schriften geschickt: eine 'über den Ursprung der Seele' und eine zweite +über den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hält und sündiget +an Einem, der ist's ganz schuldig.' Über beide Schriften bat ich ihn um +sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst +ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht +verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er +antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine +Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben +so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten +würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte. +Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht«. Man +sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch +nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß +derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß +seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere +Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum +so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er +die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner +Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen +Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als +sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; »Die Liebe kennt keine +Grenze«. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die +Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: »Wenn alle meine Glieder sich in +Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch +keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula +würdig zu preisen«. + +Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben -- der +höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und +was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel +ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese +Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit +einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene +Schmeichelei erscheinen muß. »Von allen Gegenständen, sagt er, über welche +ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben +habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das +gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die +Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn +ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich +sei ein Schmeichler«. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die +Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend +anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er +sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß +sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu +leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von +falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: »Mögen sie mich, heißt es +da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du +aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten +für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu +richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie +haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet. +Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst +sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen +sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein +Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht +nach Jerusalem gekommen wäre.« Weiter heißt es: »Ehe ich in das Haus der +frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen +Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten +Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem +Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal +aller Tugenden bar.« Und etwas weiter unten sagt er: »Grüße Paula und +Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle«. + +Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch +vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen +hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: »Wenn dieser ein Prophet +wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret«. Was +Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi, +durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens +nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht +davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen. + +Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen +Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu +trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, +daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, +nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten +lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist +der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers +Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte, +daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit +teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen +Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie +wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren +Geschlechtes gewesen sei. + +So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel +der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen +sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser +Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen +konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich +selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott +gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht +getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu +ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn +sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl +des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben +wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen +Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen. + +Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie +nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für +Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch +ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden +wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja, +auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm +getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde. + +Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures +Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich +hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures +Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen. +Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes +Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl! + + + + +VIII. Brief. + +Abaelard an Heloise. + + +Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich's vermochte. Es +bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im +Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu +befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch +eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen +könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben +einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem +bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte +Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu +Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel +Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen +Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk +aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei +der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst +bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch +»Rhetorica« folgendes: »Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen +Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden +ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung +die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren +Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl +glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten +Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu +malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen +feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber, +sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß +er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und +daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß +sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war +seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig +Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand +vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.« + +So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der +Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben. +Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau +allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit +erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen +Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch +zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das +Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem +heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die +Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für +Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit +uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für +euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen, +gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit +schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut +Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er +glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit +nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu +Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein +vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und +zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im +Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure +Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid +in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi! + +Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen +will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen, +sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei +Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der +Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit, +Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der +Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte +vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen, +welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: »Welche nicht freiet, die +sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch +am Geist«. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein +einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur +Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem +Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie +aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie +zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun +vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: »Herr, Herr, thue +uns auf!« -- da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu +teil: »Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht«. + +Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach, +wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um +seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern +auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem +Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken +lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig +unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: »Wer euch +höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«. Selbst +wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte -- +wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen +darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der +Herr selbst: »Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren +Werken sollt ihr nicht thun«. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu +Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: »Wer nicht entsagt +allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein«. Ferner: »So jemand zu +mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, +Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein«. +Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht +durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein +Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses +Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: +»Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz +auf sich und folge mir«. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner +Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der +gesagt hat: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der +mich gesandt hat«. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. +Denn was heißt »sich selbst verleugnen« anderes als: das Behagen des +Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht +vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz +nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und +durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch +ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, +d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom +Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine +höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn +dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen +das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als +etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die +Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein +anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach +die Warnung aus: »Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen +Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen +Feinden selbst zum Spott machen«. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns +selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden +Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam +ist, wie geschrieben steht: »Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und +Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, +sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem +ihm not war«. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte +man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. +»Ein Herz« -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. »Eine Seele« -- +denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder +wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den +eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem +allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, +sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne +persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im +eigentlichen Besitz seinen Grund hat. + +Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der +heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: »Es sei ferne +von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges +geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit«. Und +Salomo seinerseits sagt: »Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; +wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug«. Wir dürfen uns also wohl +hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die +Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir +vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: +»Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen«. Aus dem +Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach +Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den +Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir +nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser +Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein. + +Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, +das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: »Wir fehlen alle +manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein +vollkommener Mann«. Und weiter sagt er: »Alle Natur der Tiere und der Vögel +und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von +der menschlichen Natur«. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge +eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der +Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: »Die Zunge ist ein +klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet's an!... eine +Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes«. Was +aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift +das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle +Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: »So aber sich +jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht +im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel«. So heißt +es auch in den Sprüchen: »Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist +wie eine Stadt ohne Mauern«. So meinte es auch jener Greis, als ihm +Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm +gesellt hatten, sagte: »Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein +Vater.« Jener antwortete: »Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine +Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden«. +Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und +nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe +wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, +wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die +vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und +darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den +Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, +muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir +können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken. + +Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit +denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht +kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. +Denn »die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel«. Je kleiner und +feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die +andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung +gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und +biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto +lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann +sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden. + +Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache +und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen +Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause +ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, +sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen +beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: »Ein Weib lerne in der +Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß +sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei«. +Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in +Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er +dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die +Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist. + +Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten +und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu +folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im +Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem +Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu +den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür +Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann +man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen +geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit +möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz +zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten +oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, +weil hier die größte Gefahr droht. + +In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern, +giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner »Moralia« folgende +Vorschrift: »Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen +wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien +und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem +Frieden des Herzens ist es vorbei«. Daher sagt Salomo mit Recht: »Wer +Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor«. Wasser verschütten, das heißt: +seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: »Tiefes +Wasser kommt aus dem Munde des Mannes«. Also wer Wasser verschüttet, der +ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät +Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: »Wer einem Narren Schweigen +gebietet, der lindert den Zorn«. + +Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte +Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, +wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle +entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal +Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion +erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so +werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, +doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt. + +Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, +daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird +von ihm erzählt: »Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die +Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brüder'. Da sagte einer der +Mönche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als +diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was +ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter +sich zu und blieb allein«. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus +den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: »Schweigen ist +Pflege der Gerechtigkeit« -- sie wurde von den heiligen Vätern mit so +glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen +Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte. + +Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen +zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem +trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen +sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien +die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an +den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die +Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle +hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen +so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine +Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit +Gott zu pflegen. + +Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns +in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, +mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege +ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für +uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem +Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, +sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er +abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom +Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den +versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und +vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele +mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern. + +Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch +die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es +festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem +Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel +Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich +gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben +reineren Umgangs mit ihm pflegen können. + +Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die +Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: »Wer +hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes +aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er +verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er +schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist«. + +Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter +dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller +weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat +und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind +ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er +nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, +sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein +ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er +verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf +darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die +Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung +lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die +Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen. + +Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an +den Mönch Heliodorus schreibt: »Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes +'Mönch', d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der +du der Einsamkeit gehörst?« Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere +Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter +Paulus folgendermaßen: »Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, +wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann +wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil +anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein +Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte +für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten +Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter +mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich +bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. +Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, +Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die +Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die +Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und +sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene +Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die +in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes +gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in +Gottes Dienst stehen«. + +So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit +wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da +wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser +Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem +heiligen Beruf abziehen. + +Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der +Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird +erzählt: »Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu +Gott: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Da ertönte eine Stimme, die +sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er +ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben +Worten: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine +Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die +Wurzeln der Sündlosigkeit'«. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu +seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch +dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung +einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm +führen wollte, sagte Arsenius: »Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet +ihr euch danach richten?« Als sie dies bejahten, sagte er: »Überall, wo ihr +hören werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne«. Als ihn der Erzbischof +ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob +er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: »Wenn du kommst, so werde +ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch +allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein«. +Darauf sagte der Bischof: »Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich +nie mehr zu dem heiligen Manne gehen«. Einer römischen Dame, die gekommen +war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: »Was ist dir eingefallen, +eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und +nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in +Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen -- so daß das Meer bald von +Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?« Die Frau antwortete: »Wenn +Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß +niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.« +Darauf Arsenius: »Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich +aus meinem Herzen verwische«. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich +ganz betroffen. + +Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er +den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: »Weiß Gott, +ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen +zugleich verkehren«. + +Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den +Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von +sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, +sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem »Leben der Altväter« kann man es +lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der +Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein +Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle +und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, +der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider +auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu +waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: »Kehret +um, der Alte hat den Verstand verloren«. Als er wieder zu ihm kam, fragte +er ihn: »Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der +Alte ist besessen«. Da antwortete der Greis: »Das eben wollte ich hören«. + +Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des +Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs +begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: »Sag uns, +Alter, wo ist die Zelle des Moses?« Dieser antwortete: »Was wollt ihr von +ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer«. Was soll man dazu sagen, daß der +Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er +dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem +Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt +kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind +bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten +Rufes. + +Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend +kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst +den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht +gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: »Im +Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, +da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte +Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein +Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein +Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies +vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, +ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich +von dannen«. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager +ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an +ihre Thür pochte, zu antworten: »Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll +ich sie wieder besudeln?« Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer +Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder +von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die +Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr +über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene +Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge +mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der +Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die +Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das +Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während +sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit +gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, +Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große +Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so +sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei +sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von +weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen +und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig +und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so +bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres +Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem +häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer +ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an. + +Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern +selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, +Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind +viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu +Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie +mißbräuchlich »Obedientien«, und doch wird hier keine Regel eingehalten und +nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit +ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens +Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen +frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, +die bei anderen Menschen verzeihlich sind. + +Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen -- +ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die +Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher +Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit +geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige +Antonius: »Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, +dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge +und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit +dem Herzen«. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer +Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft +er aus: »O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott +erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du +über der Welt stehst!« + +Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster +passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst +des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster +ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu +befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das +beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich +Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die +Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß +vorhanden ist, draußen herumzuschweifen. + +Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des +Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das +den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in +allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres +und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last +auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche +die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll +es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die +Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem +Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr +Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine +menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur +Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und +nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die +Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die +Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: »Um +ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren«. Auch nach dem Tod +Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom +hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft +teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte: + + »Den Grund deiner Leiden + Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest: + Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.« + +-- -- -- Und einige Verse weiter unten heißt es: + + »Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball + Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet, + Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht: + _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern, + Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.« + +So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er +hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große +Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster +in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von +allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie +einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen +Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und +sprachen: »Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den +Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze +Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann +von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden +Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in +die Heimat, um dort Gott zu preisen?« + +Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, unterwinde sich nicht +jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen +werden«. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch +Rusticus gab: »Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die +unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, +denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die +Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein +Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder +nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im +Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, +jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische +Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. +Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies +will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem +eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten +und in der Gemeinschaft mit vielen«. + +Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine +Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter +ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie +nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem +Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam +die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der +übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen +und seine Trabanten tapfer ankämpfen. + +Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr +und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine +Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine +Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine +Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse +bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem +geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch +geschrieben: »Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst« -- und +anderswo: »Schrecklich wie Heeresspitzen«. Die sechs andern Schwestern, die +wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den +Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir +Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen +Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt +und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und +ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr +untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer. + +Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die +einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den +Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche »Heeresspitzen« seien. + +Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich +mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person +feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon +in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre +Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und +erprobt sein müsse; nämlich also: »Laß keine Witwe erwählt werden unter +sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein +Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei +gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen +Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der +jungen Witwen aber entschlage dich«. Derselbe Apostel sagt in seiner +Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: »Desselbengleichen ihre +Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen +Dingen«. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen +Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend +besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach +dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein +soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der +verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene +Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren +vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: »Wehe dir, Land, des König ein Kind +ist« -- und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: +»Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten«. Darum heißt +es auch in den Sprüchen: »Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf +den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden«. Und im Buche Sirach: »O wie +fein steht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die +Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie +viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.« Weiter +heißt es da: »Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der +erfahren ist ... Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's +not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als +der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn +gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen«. + +Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk +stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und +in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt +Väter nennen, Alte. + +Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe +der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester +gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den +andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für +die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht +zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen, +sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie +nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist +ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da, +sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der +Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun +und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des +Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr +wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius +überliefert ist: »Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern +durch Thaten andere belehrt«. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in +dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen. + +Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er +phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten, +als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. »Antwortet mir« -- sagte +er zu ihnen -- »was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die +Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der +Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden +Menschenverstand?« Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder +der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: »Also braucht sich, wer gesunden +Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern«. + +Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: +»Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?« Und +wiederum; »Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die +Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott +erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der +Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu +nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme«. Denn +das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in +Kraft. + +Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses +oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu +erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues +lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht +gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; +hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels +Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß +der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart. + +Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet +hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn +nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel +erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. +Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, +anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster +zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder +sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in +ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer +Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch +die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer +sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; »Der Prophet gilt nirgends +weniger als in seinem Vaterlande«. + +Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles +dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden +gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: »Aus diesen Erwägungen +geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit +gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde +begehen«. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, +wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die +dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge +der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere +Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in +sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, +selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit +ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten +aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der +Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere +zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht. + +Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: »Laß die Wahrheit +nimmer ferne sein von meinem Munde«; denn er gedenkt der schweren Drohung +des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: »Zu dem Sünder +aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst +meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte +hinter dich?« Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: +»Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige +und selbst verwerflich werde«. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf +sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und +wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst +leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: »Arzt, hilf dir selber!« + +Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung +einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, +da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. +Die Wahrheit spricht: »Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und +lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich«. Es +löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher +Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf +seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also +verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein +schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr +nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm +untergebenen Seelen Blut verlangen wird? + +Darum spricht die »Weisheit« folgende Drohung aus: »Denn euch ist die +Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird +fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines +Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein +Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar +greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht +gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die +Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird +ein stark Gericht gehalten werden«. + +Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde +bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn +mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem +viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der +»Sprüche« warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: +»Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei +einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes +und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und +errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, +dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch +deine Augenlider schlummern«. + +Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in +unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle +Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand +»verhaften« wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum +Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch »in +die Hände gekommen«, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er +zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat +zu befolgen: »Eile, dränge und treibe« u. s. w. + +So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn +bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit +nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein +brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll +sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie +von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so +gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige +Hieronymus den Vorwurf macht: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, +wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den +Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon +sprechen«. + +Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die +Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut +des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: »Hast du Töchter, so +bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht«. Und +weiter: »Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und +das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden«. +Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch +jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem +andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß +mißbrauchen. Es steht geschrieben: »Der Tod dringt ein durch unsere +Fenster«, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. +Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend +etwas schwerer zu behüten als sie? »Die Wahrheit« spricht: »Fürchtet euch +nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten«. Von +allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod +als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? +Und doch steht geschrieben: »Der Mund, der da lüget, tötet die Seele«. Was +ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig +wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, +sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher +menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den +geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu +bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns +anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu +verwunden vermag? der ohn' Unterlaß uns nachstellt und besonders die +Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: »Seine Lockspeisen +sind auserlesen«. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: +»Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und +suchet, welchen er verschlinge«. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns +zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: »Siehe, er schluckt +in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den +Jordan mit seinem Munde ausschöpfen«. Denn was sollte der nicht anzugreifen +wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon +die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel +dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? +Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen +gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen? + +Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall +gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. +Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine +Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit +der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze +Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch +höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht. + +Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg +anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das +Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein +Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein +genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas +erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer +Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach +kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch +gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres +Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder +nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich +auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber +kommen -- nach dem Worte des Herrn; »Alle, die kommen, sind Diebe und +Räuber«. -- »Es sind gekommen,« sagt Hieronymus, »die nicht gesandt waren.« +Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. »Denn +niemand,« sagt der Apostel, »nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch +berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.« Wirst du berufen, so traure wie +eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als +wärest du dem Tode entgangen. + +Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn +wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse +selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit +und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den +anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: +»Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der +soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, +daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er +ausrotten soll«. + +Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand +leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für +unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch +den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie +viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen +lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr +Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben +steht: »Der Gerechte klagt sich selber zuerst an«. Und wenn sich später +einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen +Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und +unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit +falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie +ihnen aufgenötigt worden sei. + +Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen +die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie +seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen +annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er +geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das +Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu +laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von +viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen +gilt das Wort, das in den »Sprüchen« geschrieben steht: »Ein Thor klatscht +in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist«. Denn der +Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: +nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst +verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt +als gefürchtet werden soll. + +Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, +daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre +Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den +übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr +anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit +haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß +der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt +gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese +Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist +sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent +nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für +die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein +Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng +auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand +der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. +Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten +Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung +des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede +Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles +gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt +uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit +ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er +die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus. + +Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen +sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen +haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in +Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu +erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: »Sei nicht +ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn +Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten +vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum +Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von +den andern«. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln +gegen Untergebene giebt, sagt: »Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne +ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die +Mütter, die jungen als die Schwestern«. -- »Nicht ihr habt mich erwählt« -- +spricht der Herr -- »sondern ich habe euch erwählt«. Alle andern +Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man +nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre +Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch +hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, +welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes +Vorbild und indem er sagt: »Die weltlichen Könige herrschen und die +Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also«. + +Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur +herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als +geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern +oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern +grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten. +Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer +Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum +sagt er: »Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater +heißen auf Erden«. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt +er: »Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden«. + +Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten +Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im +Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die +Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer +Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten +willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem +Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den +Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter +ihnen sehen läßt -- wie geschrieben steht: »Wenn du von einem Mächtigen +gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender +rufen«. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies +Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für +die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind, +desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind +sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die +Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht +beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam +einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen +sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist +allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer +Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer +Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, +bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und +Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die +zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche +hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten. + +Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite +stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt +werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch +bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der +Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern +die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und +Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein +und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer +gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische +Verordnung bestehen bleibe: »Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus +des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt«. + +So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und +Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder +der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum +Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über +eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: »Frage: Darf außer +der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen +seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift +des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch +zugehen'«. Ebenso im folgenden Kapitel: »Frage: Darf ein Abt mit einer +Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis +nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit +lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach +seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht +gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'. +Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung +möglichst kurz machen.« + +Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: »Einstimmig haben wir +beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen +bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der +Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie +erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu +verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden. +Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein +näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum +des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die +Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über +ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht +zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder +drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz«. + +Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine +Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang +kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und +Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die +Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus +den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es +sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die +nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters +zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele +beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken +obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte +vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen. + +Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen +Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und +die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen. + +Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster +allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die +Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben, +auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde +und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige +Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den +Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen, +entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und +so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not +thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter +oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er +hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so +liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr +unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche +nun dieses neue Band noch enger umschlingt. + +Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die +Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes +Bräute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, über +die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie +der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die +Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht, +wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein +könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so +erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er +befohlen wird. + +In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen +tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer +Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse +besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die +Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch +soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die +Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er +bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre +Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen. +Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in +Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr +hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten. + +Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei +den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem, +was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das, +was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern +sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen +besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot +bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen. +Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob, +überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer. + +Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und +der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein +und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn +er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen +Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger +abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich +den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner +Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit +ihr möglichstes beitragen werden. + +Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die +ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern +zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine +Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren +Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden -- die +Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten. +Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn +die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall +einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht, +diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster +ausgewiesen werden. + +Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen +Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen +den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in +allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der +Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um +so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt. +Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je +weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es +ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die +Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich +will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden. + +Die _Meßnerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht +über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum +Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden, +hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen +oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben +Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die +Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen +Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen, +für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien +sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen, +auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin +noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder +Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung +übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder +herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht +der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die +würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke +öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder +hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das +Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders +auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von +erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der +Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert +sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden. + +Die _Vorsängerin_ hat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die +Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten +lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die +Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für +das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor +zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche +vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte, +die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie +im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik +haben. Auch soll sie nächst der Äbtissin für die Aufrechterhaltung der +Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch +genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten. + +Die _Krankenwärterin_ hat den Dienst der Kranken unter sich und soll +dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke +nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne +weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte +Sprichwort: »Für Kranke giebt es kein Gesetz«. Fleisch soll ihnen nicht +vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an +den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so +mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor +allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht +man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben +steht: »Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst, +sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der +Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller +Sünde«. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die +jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß +mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die +Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die +örtlichen Verhältnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn +die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren +der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit +man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den +Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der +kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am +Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener +Beichte und Buße, soweit dies möglich ist. + +Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen +Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken +hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von +gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl +mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine +besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich +soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist. + +Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen +Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der +Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden. + +Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin +die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu +sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort +des Herrn von ihnen gelte: »Ich bin krank gewesen und ihr habt mich +besucht«. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein, +so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent +eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der +Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages +oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn +kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so genügt +es auch -- denn nichts geht über den Dienst des Herrn -- daß die Äbtissin +mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent +später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen, +sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl +aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die +Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich +sind. + +Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der +Prediger deutlich aus: »Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das +Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's +zu Herzen«. Ferner: »Das Herz der Weisen ist im Klaghause«. Der Leichnam +der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem +einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann +soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier +verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so +angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den +Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen +bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen +singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den +übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie +darin eingenäht werden soll wie in einen Sack. + +Die _Kleiderverwalterin_ hat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf +sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen +betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das +Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und +Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu +sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für +die gesamte übrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen +derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: »Sie gehet +mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt +ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet +ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache +Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus +zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und +preisen sie selig«. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat, +sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der +für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich +annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden. + +Die _Kellermeisterin_ hat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des +Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das +Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den +Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die +Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr +wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig +sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn +»einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«. Überhaupt warnen wir sie davor, daß +sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich +selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten +der anderen. »Der beste Haushalter -- sagt Hieronymus -- ist der, der +nichts für sich zurückbehält«. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich +selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias +und Sapphira mußten's mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut +zurückbehielten. + +Zum Amt der _Thürhüterin_ oder _Pförtnerin_ gehört die Aufnahme der Gäste. +Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr +liegt die Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand +sein, damit sie Red' und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie +und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der +Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster +fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom +Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede. +Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre +Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben: +»Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an«. +Und anderswo: »Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die +Feinde«. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre +Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen. +Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe +oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen +werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit +keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und +Refektorium fehle. + +Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie +oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll. +Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so +mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind, +verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den +Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm +fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt +für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie +etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der +Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert +scheint, darüber beraten. + +Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird, soll die Schwester, +welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren +fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden +hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden; +die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem +Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß die Äbtissin vorher befragt +worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres +Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend +welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin +zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den +Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber, +welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft +von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet +werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den +Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im »Leben der Altväter« einer von +ihnen: »Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit +einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen +geboten, den Brüdern die Füße zu waschen«. Und der Herr selbst spricht: +»Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget«. So sagt auch der +Apostel von der Diakonisse: »So sie gastfrei gewesen ist, so sie der +Heiligen Füße gewaschen hat«. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die +sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten +bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen +Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man +freie Zeit für die Wissenschaften lassen. + +Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es +ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll +aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auch +mehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen +und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus +sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das +Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke +sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken +begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium +angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach +dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den +Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird, +sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch +bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können, +für sich sprechen: »Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem +heiligen Tempel« u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden +als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die +Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der +Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme +haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen +werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen +oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind, +daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen +oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei +Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall +gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu +singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im +Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in +Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die +Worte spricht: »Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit«. + +Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den +nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen, +daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das +Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige +Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe +begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der +Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem +erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn +gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend +welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus +erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört +werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren +empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde. +Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er +sagt nur: »Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat«. Auch beim Einüben von +Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim +ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang +selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und +die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima +noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach +den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner +Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: »Auf den +folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen +worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das +Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen«. Diese Morgenruhe +soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche, +von wo an die Tage wieder kürzer werden. + +Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre +Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis +es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal; +dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein +Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine +erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und +erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder +neu anzuordnen ist. + +Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst +überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn +irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn +derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn +welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige +Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus +sagt: »Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten: +ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir +anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter +den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser +als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: 'treibe aus die Magd mit ihrem +Kinde'; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: 'Den Jakob habe +ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt'. Oder besser als das Haus Jakobs, +in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus +Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und +der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die +Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt +hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe 'auswendig Streit, inwendig Furcht'; +oder: 'niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle +das ihre'; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die +elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar +besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind«. + +Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der +klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: »Ich bekenne vor Gott, +seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere +Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben; +andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die +gefallen waren«. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; »Wer +heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin +unrein«. + +In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als +diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn +verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige. +Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der +anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere +zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt -- nach dem Worte der Schrift: +»Der Gerechte klagt sich selber zuerst an« -- soll mit einer milderen +Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere +zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre +Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine +Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der +Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht +geschrieben: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und +verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb +hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn«; +ferner: »Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb +hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne +witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß +eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den +Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm, +als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da +ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach +wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch +geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine +thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der +hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein +Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner +bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein +wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm +fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben«. + +Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu +äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie +selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige +beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen: +»Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück +ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein +sollte, als das, was ihm befohlen worden ist«. Es ist uns besser, recht zu +thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht, +sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im +Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen +Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn +dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch +gefährdet wird. + +Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten, +weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß +nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer +Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den +Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß +es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten +werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto +bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach +jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben. +So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis +des Cyprianus beruft: »Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der +Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen +die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch +dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird«. Ferner sagt er: »Im +Evangelium sagt der Herr: 'Ich bin die Wahrheit', nicht aber: 'Ich bin die +Gewohnheit'. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen«. +Weiter: »Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der +Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem +Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist«. + +Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch »über die Taufe« Kapitel IV: +»Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden, +das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die +Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was +uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist«. + +Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu +stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: »Sicherlich, um +des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie +auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu +unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, +abzuschaffen«. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten +festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: »Schäme dich nicht, für deine +Seele das Recht zu bekennen«; weiter: »Rede nicht wider die Wahrheit«; und +wiederum: »Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all +deinem Thun einen festen Ratschluß«. Man soll auch nicht darauf sehen, ob +viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. +»Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.« Und die Wahrheit versichert: +»Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Alles was kostbar ist, +ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand +soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der +besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf +seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. +Daher das Wort des Dichters: »Auch vom Feind sollst du dich lassen +belehren«. + +So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei +dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei +weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere +Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat +ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl +zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger +Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so +gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine +Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die +Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und +wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen +werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der +Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, +trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise +verlassen hat. + +Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die +vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit +Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen +werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn +Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche +ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen +und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere +nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, +daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen +Konvent beim Gottesdienst entzogen werden. + +Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester +ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher +aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer +Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen +kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den +Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie +sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und +entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage +mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, +immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis +zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch +des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der +Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke +von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und +trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib +des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein +gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht +gerichtet«. + +Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren +bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll +arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen, +falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten +bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper. + +Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin +aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum +Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im +Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper. +Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das +Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß +eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser +Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern, +welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man +alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe. + +In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir +aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich +mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft +werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich +empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit +den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an +sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte +den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den +nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? +Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht +isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht +mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand +seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's +gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es +rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht +Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen +Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit +einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch +und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder +ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet +der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen +sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem, +das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt; +denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet, +das ist Sünde«. + +Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was +wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz, +welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z. +B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das +Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres +Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt. +Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser +Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir +bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun, +was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz +richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es +rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten +sei. + +Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen, +die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer +dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und +alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der +Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d. +h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie +gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden. +In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen +Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen +Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das +heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln +verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen +anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und +trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von +der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den +Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom +Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden +wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht +alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche, +was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist +auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des +Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So +aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so +esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des +Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist +Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr +des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst, +sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen +noch der Gemeine Gottes«. + +Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten +ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen +können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir +bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu +bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so +leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir +leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen +der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser +Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und +unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je +höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen. + +Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt +der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu +halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das +halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du +gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So +will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem +Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche +umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend, +empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben +mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten +zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser +Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung +an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen +sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen +werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des +heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem +Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln, +als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«. + +Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir +finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die +Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand +beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe, +so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als +den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau +mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei +Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann +stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes +wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist +ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten, +so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum +heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu +verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe. +Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«. + +Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht, +sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein +bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er +ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine +bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei +entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit +verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald +mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben. +Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz +frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die +größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige +Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die +notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns +zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die +begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis +verursacht. + +Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so +schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich +wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm: +»Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust +hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist +Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man +beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein +nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt +ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So +werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte +Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie +einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich, +aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht. +Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den +Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo +Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und +der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im +Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird +nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für +ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«. + +Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch +des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen, +die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen +bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter, +Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk +des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht +Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und +Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er +seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von +starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem +Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind +toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll +Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis? +Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den +Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!« + +In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der +Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank +bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den +Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im +Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich +schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht +und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir +wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen +Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, +die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den +stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern +erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu +sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen +Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und +des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk +Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der +Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht +begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der +Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur +auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, +allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber +die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des +Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, +womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden. + +Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen +wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle +geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der +Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß +die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke +enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an +den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: +'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«. + +Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis +verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht +Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes +berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen +Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der +gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. +»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den +Wein.« + +Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der +Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch +sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß +die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm +abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der +Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der +keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für +Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf +dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer +der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der +trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum +drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein, +Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von +dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an +einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt, +ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, +wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn +er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl +lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man +wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«. + +Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was +auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger +gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt +nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die +Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn +mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken +willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den +Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen +gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht +auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen +wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir +tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der +Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden +Leib noch neuen Zündstoff zuführen?« + +Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den +Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius +führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an: +»Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der +Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis +dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür +die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger +Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so +überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht +zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es +dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an +seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die +Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht +auch der Dunst des Weines gar schnell«. + +Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht +versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren +Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter +als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem +frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist +es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und +Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht +kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß +ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller +bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit +Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich +berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit +schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein, +welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit +verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern +geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter +Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt +vor Verlangen nach Unzucht. + +Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: »Trinke nicht mehr Wasser, sondern +brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank +bist«. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß +verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken +hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum +Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen +wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns +köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar +am meisten hinderlich ist? + +Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat +an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. »Oder +glaubt jemand«, sagt er, »daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht, +wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man +muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre +Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.« Und in dem +Buche »von der Weltflucht« heißt es: »In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn +dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn +es beim Wein verweilt«. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt »die Weltflucht« +nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt +entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er +sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn +das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich +fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den +wir oben angeführt haben: »Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und +im Glase so schön steht«. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack +wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen +möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen? + +Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus: +»Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung +trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu +Thoren«. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des +Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten +Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für +die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: »Nur Samstags und +Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen«; +dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche +Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen +zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige +Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: »Jeder lebt +für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der +gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel +Vereinigte«. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei +ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es +auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: »Siehe wie fein und lieblich +ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen«. + +Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst +dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir +mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir +Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom +gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer +Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der +Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß +der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit +verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine +bestimmte Art von beiden. + +Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem +andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen +Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß +für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: »Kasteiet euer Fleisch +mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure +Gesundheit es gestattet«. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in +dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: »Für das Fasten soll dem freien +Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es +ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am +Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines +Gelübdes sein«. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines +Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage +gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben, +man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt: +»Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist +jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte +Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor«. Wir sollen uns nicht +allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit +Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht: +»Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen«. Wir +sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht +entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen +oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der »Prediger« warnt davor mit den +Worten: »Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu +gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest«, d. h. daß du +nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest. + +Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung, +der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen +kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht +die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird +das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die +Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum +Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern +Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist +sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken +noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben: +»Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind +unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren«. -- »Das +Gesetz,« sagt der Apostel, »richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht +ist, da ist auch keine Übertretung«. Und weiter: »Denn ohne das Gesetz war +die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, +ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das +Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die +Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch +dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot«. +Augustinus an Simplicianus sagt: »Durch das Verbot ist das Verlangen +gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt +worden«. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch »Quästiones« in der 67. +Frage: »Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen, +wenn ein Verbot da ist«. -- »Was versagt ist, begehren wir stets, das +Verbotene reizt uns«. + +Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer +Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen +will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine +Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu +ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann +bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. »In meines Vaters +Hause,« sagt die Wahrheit, »sind viele Wohnungen.« Darum giebt es auch +vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt, +aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt +erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern +damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit +Gott pflegen können. »Und so eine Jungfrau freiet,« sagt der Apostel, +»sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich +verschonete aber euer gerne.« Ferner: »Welche nicht freiet, die sorget, was +dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist; +die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne +gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen +Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und +unverändert dem Herrn dienen könnet«. + +Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns +von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht +der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf +sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht +durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das +im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat +vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: »Das Gesetz konnte nichts +vollkommen machen«. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel +Petrus sagte, niemand könne sie halten. »Ihr Männer, liebe Brüder,« sprach +er, »was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, +welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben +durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie +auch sie.« Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche +Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur +Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er +ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war, +lieblich und leicht gemacht: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und +beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet +von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig -- so werdet ihr +Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist +leicht«. + +Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen +Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch +wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig +Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche +Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben +sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in +Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und +desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu +begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt +dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. »Ist Abraham durch die Werke +gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die +Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit +gerechnet.« Und weiter: »Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir +sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben +die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem +Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden +und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum, +daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes +suchen«. + +Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen +reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt +als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber, +die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren +Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie +der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: »In meinem Herzen sind die +Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde«. + +Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht +nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch +der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h. +den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: »Johannes ist +kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des +Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist +der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer«. Er entschuldigt auch seine +Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit +ungewaschenen Händen zu Tische saßen: »Wie können die Hochzeitleute Leid +tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?« Und ein andermal: »Was zum +Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde +ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet, +das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit +ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht«. + +Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde +nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz +verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist +zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht +seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir +nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen +also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den +Sprüchen sagt: »Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das +Leben«. Und nach dem Worte der »Wahrheit«, das wir oben gehört, kommt aus +dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder +bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die +Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen, +daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und +daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem +Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies +werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß +aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht +erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen. + +Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. »Denn,« sagt der +Apostel, »alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit +Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes +und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter +Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der +guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.« Auch wir wollen mit +Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des +Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so +Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster +großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen, +Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist +ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu +enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch »Über das Gut +der Ehe«, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: »Nur derjenige macht +einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie +auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu +enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber +macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch +imstande ist, sich ihrer zu enthalten«. In dieser Gesinnung hat auch Paulus +das Wort gesagt: »Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden«. Mangel +leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das +ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch »übrig +haben«; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom +Überfluß nicht verderben lassen. + +Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten +Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes +willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben +enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser +mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und +wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich, +erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr +schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein +nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt. +Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung +nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse. +Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde, +sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für +Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein +bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein +von den Kranken. + +Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng, +vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter +gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm +ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge +für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß +sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des +schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir +bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir +draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn +uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das +Überflüssige bemühen? + +Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild +angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst, +und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens +nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern +zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und +die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden, +hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß +zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu +verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was +sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet. +Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit +und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: »Es ist unsere +Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper +zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und +Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und +ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge +zu begehren, so ist es auch thöricht, sich bescheidene und leicht zu +verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie, +nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das +ist die Art, die mir gefällt«. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner +»Moralia« lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die +Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die +verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: »Einmal +verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das +nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz +Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei +durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet«. + +Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil +es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies +schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil +er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht, +begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich +gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an +der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die +gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht +die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat +durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in +der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch +der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die +Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht +durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den +zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir +oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns +nehmen. + +Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, was dem natürlichen +Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser +Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen, +daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig +gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist, +welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und +leichter zuzubereiten ist. + +Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen +gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl +der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr +Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst +der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten +wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten, +wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird? +Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem +er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in +Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist, +Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit +lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten +werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker +in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil +keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen, +daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im +übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie +sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern +versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug, +wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem +Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der +Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis +des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den +Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige +Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den +der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für +die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«. + +Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem +Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen +dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer +dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so +möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und +Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der +Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis« +folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen +kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter +Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch +sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das +dünkt dem Schwachen ein groß Ding«. + +Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das +Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht +verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch: +»Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist +der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes +der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh +und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor +Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen +schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr +Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf +der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut. + +Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen +berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in +allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen +Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der +Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die +der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des +Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal +davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere +Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht +öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am +ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern +Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme +Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz +ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den +zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht +indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«. +Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches »Über Pfingsten und den heiligen +Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas +Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der +Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung; +das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns +härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern. +Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er +sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir +uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche +Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre +gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem +wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in +seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende +von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden +Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?« + +Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von +irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare +Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit +den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu +essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit +Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen +werden. + +Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher +Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon +auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz +nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den +Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen. + +Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so +soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr +nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus +wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit +voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet +sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder +einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern +nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und +auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres +Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in +vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man +nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören, +Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen, +das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich +selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter +diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«. + +Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine +kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer +belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es +nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken +Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis +Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir +verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu +veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen +Unterschied. + +Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus +vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den +reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes +lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die +Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind +in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das +irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes +willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen +ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der +elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren +Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit +verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich +davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und +Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er +nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute. +Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste +Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er +sich nicht vor anderen sehen lassen kann«. + +Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor +dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern +unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der +Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen +Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit +Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene +Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist +köstlich vor Gott«. + +Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser +Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt +lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber +schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann +denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin +besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck +trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die +verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken, +sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer +Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für +ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben +steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«. + +Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und +Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr +hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen +Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen +nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht +der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben, +desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je +feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz +gewähren sie dem Körper. + +Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze, +und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so +zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen +verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen. + +Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten +Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen +für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für +solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten +Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll +bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar +Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich +unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das +die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu +tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht, +soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom +Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen +tragen. + +Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in +denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den +Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für +sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder +sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester +zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber +freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum +Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern +für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen +Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben. + +Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein +Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die +Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und +wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt +gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen +Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr +ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht +weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die +Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und +Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die +Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für +die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und +ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen, +darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine +Mütze aus Lammfell. + +Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden +werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den +Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind +als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und +der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut. +»Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege, +und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns +teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern +eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger +nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr +müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der +Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib +hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was +draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je +mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns +quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr +fesselt er das arme Herz an sich. + +Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine +bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren, +annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis +hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode +so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes +Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres +zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder +vielmehr zurückgegeben werden. + +Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen +Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun +die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise +zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben +mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen +sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute +Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen +die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen +ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und +weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie +ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet +sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser +umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist, +machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«. +Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie +statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich +nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben. +Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen +wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht +euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der +Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und +als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und +Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur +eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen. +Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die +darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und +viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein +andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo +sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«. + +Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht +unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm +nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer +Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des +Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du +nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten +zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie +bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und +vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für +die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren +verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen. + +Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit +behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue +sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen +Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen +auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des +Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von +seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht +verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über +die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um +die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch +schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst +predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel +führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und +verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an +die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld +alles, was sie wollen. + +Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen +Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die +nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und +Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen +Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser +zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend +verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit +Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! -- +vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie +aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der +Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem +beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so +müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen +vergessen, unser Inneres zu hüten. + +Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch +Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte +dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde +wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme +Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch +zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des +Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf +nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber +nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott +eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel +nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für +die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine +Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die +Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt +verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern +und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er +von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der +Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille +hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an +die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen +Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden +schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; +aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal +von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu +euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben +keinen Auftrag von ihm«. + +Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht +auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab +das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste +dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so +groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel +Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er +für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock +ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße +gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?« + +Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt, +der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem +Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird +verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche +Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem +Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er +verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts +in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch, +von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus +sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer +ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln +fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre +Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich +selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den +Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer. + +Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns +Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst +andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das +sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe. +Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom +heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man +uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht +hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal +aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht +daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch +der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen +hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen. +Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er +ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch +dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur +Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber +unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und +überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er +den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen, +fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und +kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen +Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen +soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur +der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so +fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig +drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger +sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen +vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut. + +Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend +lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die +Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene +mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige +Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird +unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser +inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie +unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht +haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige +Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der +sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann; +ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben +dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er +gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit +sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er +nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie +eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er +ihn belehrt. + +Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im +allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre +geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung +haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet +untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich +selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten +Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit +Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber +bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du +weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige +Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den +Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist +nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der +Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk +geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift, +damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet +nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß +ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den +Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde. +Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will +beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im +Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im +Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine +Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein, +aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich +mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber +fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn +sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an +dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis +aber seid vollkommen«. + +Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung +verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der +Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man +sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt +Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn +damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur +zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was +die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch +vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen +Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde. + +Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß +wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen +Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen +singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige +Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen, +daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch +der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten +soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit +zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«. +Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen +vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu +ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so +entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit +Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie +soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn +man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes +oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß +Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum +sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so +durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche +durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_ +amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr +will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«, +d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie +soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den +Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten, +wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht, +ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift +nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel +auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist? + +[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.] + +[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.] + +[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.] + +Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer +Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift +treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber +zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe +wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift +ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den +Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das +alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch +Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen +breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den +Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das +Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der +Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen +Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach +Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der +alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch +der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem +Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit +und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der +Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde. +Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit +bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt: +aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein +Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses +Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen +Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu +erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen +Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher +auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich +nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen +nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem +Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten, +desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns +vor der Sünde zu hüten. + +Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach +Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die +Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote +steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben +der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der +Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die +Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere +Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger +haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige +Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und +Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der +Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele, +die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was +sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides, +obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang +des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man +Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert? + +Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß +er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen +damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,« +sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten, +Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch +nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen. +Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch +Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt +er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine +Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die +Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt +dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung +jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der +Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet +mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und +Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen +in aller Weisheit«. + +Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft, +sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David: +»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg +der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz +des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch +dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag +und Nacht«. + +Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige +verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer +auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu +schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in +Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der +Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19. +Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da +viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem, +was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das +Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor +der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das +Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die +Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt +zu wissen, was er glaubt«. + +Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der +heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des +Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen +über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte +Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt, +daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt +anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem +die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek +ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre +lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten, +ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen: +»Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt +das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein +Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein +Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche +Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig +dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen +Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller +Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs, +welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies +das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich +als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies +das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum, +daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich +ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach +Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich +umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen +untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«. + +Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen +können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift +gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch +versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott +aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit +dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im +mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der +Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber +keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre +sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle. + +Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des +Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt: +»Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht +lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er +darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu +lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an +Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer +brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus +nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den +Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den +heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich +hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich +nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel +Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich +ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und +um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete +sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte +sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß +dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«. +Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der +heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem +dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über +die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe +ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so +eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden +der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«. + +Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde, +wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem +brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich +ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der +Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es +allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«. + +Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß +sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der +Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die +Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen +sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich +wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können +ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis +der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind. + +Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen +zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja +auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die +Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene +wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber +in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den +Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser +wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in +seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der +Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen +Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in +den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren +Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr +erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will +erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die +Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte +gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister +bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen +graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift +eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn +unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken +eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir +gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft +zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird +gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll +heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt, +dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren. + +Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen +Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns +über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber +ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern +auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien: +»Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner +Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte +also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu +haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch +eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der +Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines +Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und +Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten, +nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir +Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu +bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen. +Höre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen +heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken'. +Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen +trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du +in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser +empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers +werden, das in das ewige Leben quillt«. + +Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten +Isaaksbrunnen: »Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten, +sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen +Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch +andere daran verhindert werden«. Höre, was der Herr spricht: »Wehe euch +Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis +weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein +wollen«. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu +graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir +jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt: +»Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«. + +Ebenso heißt es dort: »Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen +Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und +Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man +auch zu uns sagen könne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem +Brunnen'. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom +Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die +Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken. +Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen +machst du gesund, Herr'«. + +Und weiter unten heißt es: »Wer ein Philister ist und nach Irdischem +trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch +verständigen Sinn«. + +Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen +weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist +die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach +lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein +alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des +Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen +unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: »Sondern er hat +Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht«. Und +welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das +besagen gleich die folgenden Worte: »Der ist wie ein Baum, gepflanzet an +den Wasserbächen«. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht +benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist +gemeint, wenn es heißt: »Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers +fließen«. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe +ihres Bräutigams singt: »Seine Augen sind wie Taubenaugen an den +Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle«. + +Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze +eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet +Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und +andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber +sehen, sondern auch andern beschreiben möget! + +Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des +Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: »Maria +behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«. Also die Mutter +des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und +bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich +sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen. + +Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht +wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht +die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie +vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht +bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen +Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das +Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: »Wenn du +recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du«. + +»Wer mich liebt,« sagt die 'Wahrheit', »der hält meine Worte.« Wer aber +wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie +nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht +vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen, +das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte, +gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von +uns verlangt, wenn er sagt: »Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Könnet ihr +euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer +und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene +frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium, +auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift +erleuchtet hat. + + + + +IX. Brief. + +Heloise an Abaelard. + +(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.) + + +Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige +Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der +damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar +sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr +weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des +Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise +Erwähnung: »Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende +Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die +Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu +lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft +ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne +mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie +nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch +beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe +fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles +ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern +eine Richterin vor mir«. + +Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen, +daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten, +zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter +anderem folgendes: »Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in +der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag +dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der +heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin +eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume +des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine +Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern'«. + +Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester? +Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen +dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der +Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem +Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest +du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften +besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis +der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in +dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest, +daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn +gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer +Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe, +nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel. + +Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mächtigem +Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stück nach Kräften dir zu +gehorchen bestrebt sind. Allein während wir uns alle Mühe geben und von +derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, über die der +obengenannte Lehrer einmal sagt: »Liebe die Wissenschaften, und du wirst +die Laster des Fleisches nicht lieben«, -- wird unser Eifer durch die +vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen +Schriften weniger verstehen, das müssen wir notwendig auch weniger lieben, +da wir fühlen, daß es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun. + +Darum stellen die Schülerinnen ihrem Lehrer, die Töchter ihrem Vater einige +Fragen, und bitten demütigst, du möchtest es nicht unter deiner Würde +achten, dieselben für sie zu lösen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf +deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei +der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften +eingehalten, sondern wie sie uns täglich aufgestoßen sind, so haben wir sie +aufgezeichnet und übersenden sie nun dir zur Lösung. + + + + +X. Brief. + +Abaelard an Heloise. + +(Begleitschreiben zu einer Sammlung geistlicher Lieder, von Abaelard +gedichtet für die Nonnen des Paraklet.) + + +I. + +Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst +recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder +gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebräisch Tehillim geheißen. Da du +und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder +drängtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich +sagte mir, es sei unnötig, neue Lieder zu dichten, während ihr alte in +reicher Fülle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den +alten Gesängen heiliger Dichter neue von sündigen Menschen vorzuziehen oder +an die Seite zu stellen. + +Während ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hören +bekam, führtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund +an. »Wir wissen,« sagtest du, »daß die römische und besonders die +gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer +Gewohnheit richten als nach einer Autorität. Wir wissen ja heute noch +nicht, von wem die Übersetzung des Psalters herrührt, welche in unserer, d. +h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den Äußerungen +derjenigen zu urteilen, die uns über die Verschiedenheit der Übersetzungen +belehrt haben, weicht die unsrige von allen übrigen weit ab und kann, wie +ich glaube, auf ein höheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr +Gebrauch hat sich durch langjährige Gewohnheit so sehr eingebürgert, daß +wir gerade beim Psalter, den wir doch am häufigsten brauchen, einer +apokryphen Übersetzung folgen, während wir die andern biblischen Bücher in +der korrekten Übersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen +betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche +Unordnung, daß fast nie eine Überschrift ihre Art oder ihre Verfasser +bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf +bestimmte Verfasser schließen kann, als deren älteste man Hilarius und +Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist häufig das +Silbenmaß so wenig entsprechend, daß man den Liedern kaum eine Melodie +unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein +wohltönendes Lob Gottes sein soll.« + +Auch fügtest du noch bei, daß es für die meisten Feste an eigentümlichen +Liedern fehle, so auch für die Feier der unschuldigen Kindlein, der +Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch +Märtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei +denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen müssen, sei's wegen der +Zeitumstände, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes. +Manche der Gläubigen halten aus irgend einem zufälligen Grund oder infolge +besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und +kommen nun entweder zu früh oder zu spät, so daß sie genötigt sind, +wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lügen, wenn sie die für die Nacht +bestimmten Lieder bei Tag, die für den Tag bestimmten bei Nacht singen. +Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch +während der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht: +»Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr« und: »Mitten in der Nacht +erhebe ich mich, mit dir zu reden«, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf +der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwähnung thut mit den +Worten: »Siebenmal des Tages lobe ich dich« -- nur bei Tage dargebracht +werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben +Propheten bezeichnet mit den Worten: »Des Morgens gedenke ich dein, o Herr« +-- soll angestimmt werden in der ersten Frühe des Tages, wenn die +Morgenröte oder der Morgenstern erscheint. + +Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So +kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht +zu singen sind, wenn es z. B. heißt: »Wohl auf zur Nacht und laßt uns alle +wachen« -- oder: »Gesang durchtönt die stille Nacht«; ferner: »Die lange +Nachtzeit kürzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir«. Oder ein andermal: »Die +schwarze Nacht hält nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt« -- +oder: »Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht«, +und ferner: »Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang« +u. s. w. + +So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind, +selber an. Zum Beispiel, wenn es heißt: »Der nächt'ge Schatten weichet +schon« -- oder: »Golden erstrahlt des Tages Licht«; ferner: »Am Himmel +steht das Morgenrot« -- »Das Morgenrot im Rosenlicht« oder »Der Vogel ist +des Tags Herold; er kündet uns des Lichtes Nahn« -- und: »Wie schön +leuchtet der Morgenstern«. Solche Lieder belehren uns selbst darüber, zu +welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten +nicht einhalten, so würden wir bei ihrem Vortrag als Lügner erfunden. +Allein in den meisten Fällen ist es weniger die Nachlässigkeit, die solche +Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhältnisse oder die förmliche +Befreiung davon; dazu nötigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen +schon die Beschäftigung der Bevölkerung fast jeden Tag, so daß hier aller +Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden muß. + +Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen +zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die +uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen +Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre +Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal +so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere +eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es +der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der +heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in +Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: »Wir +nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden«, oder: »Hör unsere +Seufzer, unsern Sang in Gnaden an«. So giebt es noch manches, was nur für +Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht +entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen +sollten, wenn wir alljährlich singen: »Martinus, den Aposteln gleich«, oder +wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener +Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: »An dessen heil'gem Grab so mancher +Heilung fand«. + +Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus +Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des +Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde +Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine +Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern +möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und +zusammen sich freue. + + +II. + +Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der +Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: »Und +saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern +werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen +und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen«. Und +weiter an die Colosser schreibt er: »Lasset das Wort Christi unter euch +reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit +Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem +Herrn in eurem Herzen«. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus +den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe, +sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften +kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung +»Hymne« oder »heiliges Lied« als Aufschrift tragen -- und so ist über sie +von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben +worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste +besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt »Hymnen« im eigentlichen +Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem +bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl +Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19. +Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der +beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus +spendet, unter anderem folgendes: »Dann kommt er darauf zu sprechen, daß +sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die +Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis +Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit +guter und lieblicher Harmonie.'« + +Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem +Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen +sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklärung im ersten +Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt +werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat +der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit +Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden. + +So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit +Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da +ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch +noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste +Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet +erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß +jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch +den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht +vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: »Und da sie den Lobgesang +gesprochen hatten, gingen sie hinaus«. + +Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der +nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die +Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes +darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten +wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir +nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die +gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann. + + +III. + +In den beiden vorstehenden Büchlein habe ich Hymnen für den täglichen +Gottesdienst und eigene für die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt +mir noch übrig, zur Verherrlichung des himmlischen Königs und zur +gemeinsamen Erbauung der Gläubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit +würdigen Lobeshymnen nach Kräften zu erheben. Mögen mich bei diesem Werke +die Verdienste derjenigen unterstützen, deren ruhmreiches Andenken ich +durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhöhen möchte -- nach dem +Wort der Schrift: »Das Gedächtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes«, +und wiederum: »Lasset uns preisen die Ruhmvollen« u. s. w. + +Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen +hauptsächlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: unterstützet mich +durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der +mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure +Liebe wird sich reich erweisen in der Fülle des Gebetes, wenn ihr daran +denket, wie freigebig ich in Erfüllung eures Wunsches gewesen bin. Während +ich mich nach den schwachen Kräften meines Geistes mühte, das Lob der +göttlichen Gnade würdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu +ersetzen gesucht, was ihnen an Schönheit des Ausdrucks abging, und so habe +ich für die nächtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen +gedichtet, während bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von +Festen und Feiertagen gesungen wurde. + +Vier Hymnen also habe ich für jedes Fest so bestimmt, daß bei jeder der +drei nächtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und +außerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die +Bestimmung getroffen, daß von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu +einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in ähnlicher Weise bei +der Vesper am Festtage selbst gesungen werden können; oder daß sie je zwei +und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden +ersten Psalmen, der andere mit den beiden übrigen gesungen werden. + +Dem Kreuz habe ich fünf Hymnen gewidmet, von denen der erste die +jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz +vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur +Anbetung und Verehrung aufzustellen, so daß es über die ganze Zeit der +gottesdienstlichen Feier anwesend ist. + + + + +XI. Brief. + +Abaelard an Heloise. + +(Mit einer Sammlung von Predigten.) + + +In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem +ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet, +so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen +Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten +verfaßt -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der +Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf +Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr +den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und +vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer +größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse +Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer +schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin +finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut. + +Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und +geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im +Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in +Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist +und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes! + + + + +XII. Brief. + +Abaelard an Heloise. + +(Abaelards Glaubensbekenntnis.) + + +Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer +in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden +Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der +Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und +während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines +christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem +Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen. + +Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus +zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde. +Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden +könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich +umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das +er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und +daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so +halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf +dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich +dir in kurzen Worten mitteilen. + +Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen +und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt, +daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der +Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk. +Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem +Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß +der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst +nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum +Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt. +Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater +und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name +der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und +Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher +seine Anhänger Patripassianer heißen. + +Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er, +obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine +Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat, +gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er +wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. + +Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir +der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die +Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des +Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des +Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich +auferstehen werde? + +Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste +Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht +das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der +totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm +hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest. +Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle +anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + ... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ... + ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ... + + ... jetzt Abtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ... + ... jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ... + + ... Mönche Abte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ... + ... Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ... + + ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, das eins das ... + ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das ... + + ... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ... + ... da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt ... + + ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ... + ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ... + + ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc no nest osculum ... + ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum ... + + ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ... + ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ... + + ... über das, was sie solchen müßigen Faullenzern, wie sie sagen, ... + ... über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, ... + + ... mußte der Herr ihrer fleichlichen Schwäche wegen tadeln, ... + ... mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, ... + + ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ... + ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die ... + + ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Lieben Brüder, ... + ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, ... + + ... Die Abtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ... + ... Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ... + + ... Abtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ... + ... Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ... + + ... denn, daß die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ... + ... denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ... + + ... oder schwach wird«. Nach dem Argernis, das der Bruder ... + ... oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder ... + + ... das Argernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ... + ... das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ... + + ... Das Volk, das aus Agypten ausgeführt wurde, ist in ... + ... Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in ... + + ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Uber ... + ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über ... + + ... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht länger sein als ... + ... aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als ... + + ... habe ich einso tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ... + ... habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ... + + ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr + Ubelthäter, ... + ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr + Übelthäter, ... + + ... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ... + ... Übersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ... + + ... einer apokryphen Ubersetzung folgen, während wir die ... + ... einer apokryphen Übersetzung folgen, während wir die ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und +Heloise, by Abaelard and Heloise + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44051 *** |
