summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/44051-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-03 20:45:44 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-03 20:45:44 -0800
commit27e6a2ee9bcd019b10e95a33eed32308787931d5 (patch)
tree8790fcf367c40149f3ac4d90435b7f1e643e830f /44051-0.txt
parentb9ad4b9194358b56261451a11e86cc495075fdcf (diff)
Add files from ibiblio as of 2025-03-03 20:45:44HEADmain
Diffstat (limited to '44051-0.txt')
-rw-r--r--44051-0.txt9401
1 files changed, 9401 insertions, 0 deletions
diff --git a/44051-0.txt b/44051-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..f1234d2
--- /dev/null
+++ b/44051-0.txt
@@ -0,0 +1,9401 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44051 ***
+
+ Briefwechsel
+ zwischen
+ Abaelard und Heloise
+ mit der
+ Leidensgeschichte Abaelards
+
+
+ Aus dem
+ Lateinischen übersetzt und eingeleitet
+ von Dr. _P. Baumgärtner_
+
+
+ _Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_
+
+
+
+
+
+
+ _Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_
+ Printed in Germany
+
+
+
+
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ _Einleitung_ 5--17
+ 1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) 19--73
+ 2. Brief: Heloise an Abaelard 73--83
+ 3. Brief: Abaelard an Heloise 83--91
+ 4. Brief: Heloise an Abaelard 91--102
+ 5. Brief: Abaelard an Heloise 102--125
+ 6. Brief: Heloise an Abaelard 126--149
+ 7. Brief: Abaelard an Heloise 149--203
+ 8. Brief: Abaelard an Heloise 203--303
+ 9. Brief: Heloise an Abaelard 303--305
+ 10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von
+ Hymnen) 305--312
+ 11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) 312--313
+ 12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) 313--315
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches
+Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte.
+Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung;
+doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs
+zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte
+sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere
+kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in
+staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so
+manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten
+redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem
+ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte.
+
+So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen
+sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu
+jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen
+unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und
+Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich
+schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die
+eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und
+romanhaft ausgeschmückt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche
+die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau --
+bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt
+-- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr
+werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher
+dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen.
+
+Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der
+Briefe giebt _O. Gréard_ in seinem Buche: »Lettres complètes d'Abélard et
+d'Héloise, Paris, Garnier Frères«. Der französischen Übersetzung ist der
+lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch
+unserer Übersetzung zu Grunde liegt.
+
+Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen
+von _Moriz Carrière_,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung
+überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da
+es jedoch gänzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach
+langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht
+in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung
+berechtigt. -- Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche,
+ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer
+einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen
+Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen
+Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu
+sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf
+das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in
+den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter
+entgegentritt.
+
+[Fußnote 1: M. Carrière: »Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und
+Leidensgeschichte übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von
+Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche.« (Gießen 1844, 2.
+Auflage 1853.)]
+
+Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei
+ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der »Leidensgeschichte«
+(historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes,
+der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte
+Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen
+Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stück
+Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.
+
+Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden
+Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden
+vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder
+Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief
+Abaelards in die Hände Heloisens und weckte »der alten Wunde unnennbar
+schmerzliches Gefühl«. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu
+denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der
+noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal
+durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen
+Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe
+II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in
+den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über
+Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von
+jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In
+der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff,
+das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten
+Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere
+moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine
+philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die
+beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner
+geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, »Heloise«). Die
+Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der
+Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz
+die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt,
+macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat
+sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist
+keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme
+Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er
+bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres
+Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an.
+Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen
+Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er
+sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine
+Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist,
+da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten.
+
+Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des
+Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in
+Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur
+ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte
+damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte
+sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es
+durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf
+besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen
+im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu
+gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen
+Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und
+beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu
+bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich
+abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt
+worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer
+kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt,
+von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen
+Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm
+die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die
+zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus
+dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte,
+mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des
+Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große
+Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit
+sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden.
+Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken
+und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes
+Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich
+überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein
+gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und
+ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder
+Mann, hat Todesgedanken und will im »Paraklet«, dem Kloster, das er
+Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere
+Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm
+etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, daß er einst
+das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die
+damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch
+größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. --
+
+Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die
+Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu
+bezwingen sucht -- »wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie
+unser Herz« -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu
+erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von
+Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um
+Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche
+Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht
+schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen
+(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren
+Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch
+beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und
+kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und
+besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des
+Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren.
+
+Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im
+Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs
+nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise
+an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu
+leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen
+Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und
+so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist
+im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben
+wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards
+überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre
+Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes
+persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem
+Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu
+litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch
+interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in
+dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die
+gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte
+infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum
+gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in
+seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_
+Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener
+Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwölfte_ Brief endlich enthält das
+Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die
+Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern
+so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen
+und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene
+Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe
+hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne
+Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den
+Stempel der Echtheit an sich. --
+
+Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über _die
+hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der
+Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche
+Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals
+überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht
+zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und
+vielfach glaubte man wohl auch damals, »wenn man nur Worte hörte, es müsse
+sich dabei auch etwas denken lassen.« Abaelard war ein geborenes
+Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit
+seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.
+
+Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über
+der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis
+der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch).
+Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur
+dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge
+nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat
+z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), _reale_
+Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist
+nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte
+Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die
+Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als
+Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe
+(nomina).
+
+Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die
+Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich
+an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche
+Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus
+Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm
+ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte,
+seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese
+philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu
+bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel
+Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche
+Existenz des Allgemeinbegriffs »Gottheit« und es blieben ihm nur die drei
+Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die
+Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des
+Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der
+Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber
+auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen
+Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte
+zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings
+sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe
+nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des
+Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man
+den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz
+zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt
+der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.
+
+War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der
+Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen
+korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der
+_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung
+und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte
+scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden
+Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei
+mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine
+scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte
+die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der
+Grundsatz gegolten: »credo, ut intellegam« (»ich glaube, damit ich
+verstehe«), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard
+dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu
+glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben,
+sei widersinnig und unwürdig.
+
+Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinität_
+angegriffen; in seiner »Leidensgeschichte« schildert er aufs
+anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der
+Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später,
+auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm
+diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit
+folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen
+bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit
+nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer
+Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater,
+Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre
+zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten
+Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als
+verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).
+
+Großen Anstoß mußten auch _seine ethischen Grundsätze_ und die daraus
+resultierende _Lehre von der Sünde_ erregen. Nach Abaelard kommt für das
+sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern _die
+Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn
+kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt.
+Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht
+geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen,
+als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß
+einer Liebe hat. »Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.« Das Echo
+dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.
+
+Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch
+mit seiner _Lehre von der Erlösung_ in scharfen Gegensatz zu der
+Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des
+Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste
+Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden
+ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die
+verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden,
+wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung
+in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und
+Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß
+dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß
+wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden.
+--
+
+Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf
+machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf
+Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der
+Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel
+prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und
+kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm
+eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von
+Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner,
+die Abaelard am Schluß seiner »Leidensgeschichte« wie drohende Wolken an
+seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen.
+Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur
+Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die
+Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu
+bezeichnet Bernhard _die Liebe_. »Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_
+wird« war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in
+die Nähe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren höchste Blüte die _Ekstase_
+ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird,
+und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen
+der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen
+kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.
+
+Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig
+Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die
+Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend
+auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn
+der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche
+Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und
+Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom
+führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs
+kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der
+Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die
+kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die
+Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und
+hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des
+Klosters verbracht.
+
+Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von
+Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der
+ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen,
+wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der
+Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne
+Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann.
+Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der
+Übersetzung folgendermaßen: »Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in
+demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem
+aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus
+ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf
+meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem
+vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei
+Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich
+mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so
+sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute,
+denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in
+dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten
+begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen
+Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht
+unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und
+Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft;
+sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den
+Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn
+dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott
+das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe
+und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast
+beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein
+Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche,
+philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch
+eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und
+weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken
+Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur
+Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der
+schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen
+passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder
+auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den
+Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen
+Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu
+diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft
+der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend
+wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur
+himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge
+Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein
+Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der
+Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit
+ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie
+gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden
+bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte
+Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des
+Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und
+Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der
+Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus
+die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der
+ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der
+gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen
+demütig' -- sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir
+glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.«
+
+ * * * * *
+
+Ein _chronologischer Überblick_ über das Leben Abaelards und Heloisens
+ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist
+geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris
+1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer
+Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die
+damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des
+Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters »Zum Paraklet« durch Abaelard
+fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im
+Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom
+Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung
+des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr
+datiert die »Leidensgeschichte« (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard
+das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der
+heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt
+und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise
+folgt ihm im Jahre 1163.
+
+[Fußnote 2: Über sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln.
+Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darüber schon alle mögliche
+Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht
+der Montmorency, einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu
+der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen,
+als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.]
+
+_Davos_, im März 1894.
+
+Dr. P. Baumgärtner.
+
+
+
+
+I. Brief.
+
+Abaelard an einen Freund.
+
+(Die Leidensgeschichte.)
+
+
+Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das
+menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe
+ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_
+niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich
+aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne
+aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den
+meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen --
+und lerne sie geduldig tragen.
+
+Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr
+acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein
+leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines
+heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater
+hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen
+Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium
+eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich
+auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch.
+Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz
+geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen
+Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so
+leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war
+meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz
+samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die
+Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte.
+Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik
+vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der
+Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker,
+indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß
+dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei.
+
+So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in
+höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen
+wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang
+seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde
+ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen
+versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen,
+wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten
+meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als
+ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir
+hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende
+nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto
+heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen
+jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine
+Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule
+zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten
+in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz
+von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um
+meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so
+lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die
+Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt
+hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen
+Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum
+Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen
+der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten
+machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der
+Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen
+anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis
+ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo
+wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen
+reichlichere Gelegenheit geboten war.
+
+Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung
+erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre
+aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der
+Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch,
+als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux,
+mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine
+Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man
+sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu
+erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies
+gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne
+sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der
+gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr
+hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu
+pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals
+kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von
+mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns
+gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe
+dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien
+(Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der
+Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und
+dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß
+diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit
+zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der
+hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern,
+daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete,
+sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern
+von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so
+daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung
+der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich
+damit begnügt zu sagen: »dies ist ein sehr heikler Punkt«. Da nun Wilhelm
+von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr
+unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in
+Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen,
+als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den
+Universalien hätte.
+
+Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur
+immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am
+heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger
+Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit
+den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer
+geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter
+Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand
+unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande,
+das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu
+unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im
+offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von
+allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch,
+welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner
+an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann
+daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst
+Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes
+bei -- nach dem Dichterwort:
+
+ »Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel,
+ Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.«
+
+Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der
+Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand
+über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt
+gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit
+seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris
+ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris
+zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt,
+mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit
+meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva
+nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war
+Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch
+an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem
+alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im
+Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm
+nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch
+etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über
+Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft
+des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein
+Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme
+dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem
+Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm
+selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des
+Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir
+längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch
+bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:
+
+ »Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,
+ So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.«
+
+Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen
+und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen.
+
+Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach
+Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und
+meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser
+Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der
+Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von
+Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die
+größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer
+Anselm von Laon.
+
+Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen
+Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist
+und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an
+seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger
+als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber
+unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck.
+Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im
+Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur
+mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem
+reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn
+man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte.
+Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm
+jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit
+der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:
+
+ »Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,
+ Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.«
+
+Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in
+seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener.
+Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem
+Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch
+allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach
+Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in
+zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser
+Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der
+heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft
+getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als
+das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur
+müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis
+der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen
+dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten.
+Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich
+mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur
+Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. »Gewiß wollen
+wir,« antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; »man wird
+Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden
+sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.«
+
+Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten
+Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag
+zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines
+Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht
+übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich
+mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich
+antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine
+möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich
+werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug
+zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten
+Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es
+lächerlich, daß ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen
+Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner
+Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben
+konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode
+fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher
+ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und
+waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte,
+sich eine Abschrift zu verschaffen.
+
+Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen
+wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht
+gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner
+theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der
+philosophischen gethan hatte.
+
+Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims
+und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen
+waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals
+herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ,
+mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner
+Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da
+meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen,
+für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen
+Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten
+Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu
+erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden
+hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm.
+
+So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir
+schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben
+worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner
+Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden,
+die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst
+günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische
+Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die
+Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl
+meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus
+erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück
+hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt
+die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den
+Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den
+einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff
+zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit
+geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen.
+Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter
+blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den
+Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die
+Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift
+einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich
+nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit
+befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt,
+freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann
+vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich
+ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete -- denn
+»Wissen bläht auf«, sagt der Apostel -- indem er mich die Demütigung
+erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde.
+
+Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs
+Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der
+Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit
+Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein
+Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit
+edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen
+Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd,
+in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich
+von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen -- ja vielmehr die göttliche
+Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade
+Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg
+zurückbringen.
+
+Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus
+Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen
+Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht
+zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die
+erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei
+Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch
+bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem
+geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande
+der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem
+Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte
+männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen
+glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie
+wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben
+werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die
+Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die
+Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder
+manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und
+daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei.
+
+Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer
+Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu
+lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene
+Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um
+eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der
+Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei
+meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei
+und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals,
+dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung
+möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne
+Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der
+Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht
+einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles
+Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ
+mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich
+möchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren
+Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle
+ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch
+grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf
+anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug
+mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und
+Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich
+es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte
+der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht
+fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte
+Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens.
+
+Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine
+Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe
+hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des
+Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem
+offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr
+Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den
+Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir
+eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging
+ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die
+schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren
+süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe
+machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung
+erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden
+für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere
+Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war,
+destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir
+im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu
+weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine
+Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge
+waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des
+Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch
+wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann
+noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne,
+nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch
+jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von
+denen gesungen, die Gleiches erleben.
+
+Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten,
+daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei,
+kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage
+lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur
+der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele
+stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von
+verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen
+keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der
+unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit
+meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben,
+Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden
+Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
+an Sabinianus: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem
+Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer
+Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.« -- Aber
+wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem
+einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen.
+
+Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal
+unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie
+groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende
+Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher
+Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche
+Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes
+von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des
+andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer
+Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr
+fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham
+durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl
+hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die
+wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und
+Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden.
+
+Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude
+benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei.
+Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem
+Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich
+sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines
+Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete
+sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah,
+kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von
+seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche
+Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen
+leiblichen Schaden zuzufügen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine
+vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch
+konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in
+irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf
+meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen
+würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam
+ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich
+mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe
+willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen
+ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede
+beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That
+befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der
+wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer
+durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu
+besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte:
+nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter
+der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an
+meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als
+seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den
+Friedensschluß -- nur um mich desto sicherer zu verraten.
+
+Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu
+meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und
+riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen
+der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie
+versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was
+geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie
+fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie
+dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie
+könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte
+entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden,
+welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde
+die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es,
+wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib
+binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie
+verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig
+und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die
+Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren
+Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: »Bist du los vom Weib, so
+suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine
+Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal
+haben; ich verschonete aber euer gerne.« -- Und noch einmal sagt er: »ich
+wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.« -- Und wenn ich weder den Rat des
+Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe
+annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und
+auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie
+geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf
+sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an,
+der im ersten Kapitel seiner Schrift »Gegen Jovinianus« von Theophrastus
+erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen
+Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe,
+schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise
+sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene
+Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: »Welcher Christ muß sich
+nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?« In
+derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- führt Hieronymus das Beispiel
+Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm
+sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte
+dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der
+Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach »sich widmen«, sondern fügt
+das Wort »zugleich« hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte,
+seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken.
+
+Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen
+gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie
+in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen,
+Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken,
+Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der
+Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei
+der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die
+geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag
+die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche
+Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie
+sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem
+Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot
+liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die
+der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die
+Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder
+philosophische Dinge.
+
+Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung
+das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen
+Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden.
+Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung:
+»Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb
+muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit
+verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so
+ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch
+zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen
+Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt
+sie zu befriedigen.« Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen
+Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten
+Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in
+jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat
+es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den
+anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und
+Strenge von der großen Menge geschieden waren.
+
+So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer
+besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der
+Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach
+dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas
+ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in
+seinen »Altertümern«, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils
+Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle
+getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach
+dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten
+dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen »Weisheit« oder
+»Philosophie« verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine
+gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des
+Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der
+heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches »Vom Gottesstaat«, wo er
+die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: »Der Stifter der
+Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name
+'Philosophie' herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch
+tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt.
+Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein
+Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen
+zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.«
+
+Nun geht aus den Worten: »die sich _durch tadellose Lebensführung_
+irgendwie über die andern erhoben« -- deutlich hervor, daß die heidnischen
+Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens,
+sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die
+Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht
+erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber
+Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt
+haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr?
+Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in
+ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken,
+jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf
+deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens
+die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer
+acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die
+unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der
+Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel.
+Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,
+wo er eben von Sokrates erzählt: »Xanthippe überschüttete ihn einmal vom
+Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es
+ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges
+Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wußte
+wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'«
+
+Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie
+nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine
+Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei.
+Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht
+dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte
+stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung
+nach der zeitweiligen Trennung sein.
+
+Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten
+Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen
+wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den
+Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser
+gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so
+groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin -- die ganze Welt weiß
+es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen.
+
+Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich
+nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens
+in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier
+der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der
+Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann
+trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an
+sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben
+sollte.
+
+Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten
+Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis
+bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben
+hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen,
+und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als
+ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris,
+in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen,
+die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber
+glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht
+hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs
+höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie
+meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich
+ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste
+Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen,
+womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald
+die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und
+entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung
+gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war.
+
+Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und
+es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des
+Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden.
+Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten
+meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir
+schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war
+lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die
+Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch
+erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden!
+Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die
+mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie
+recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches
+mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher
+die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch
+untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde
+versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt
+durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch
+wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich
+deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein
+ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?
+
+Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem
+tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel,
+daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den
+Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall
+ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: »Du sollst
+dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was
+verwundet ist, opfern« -- und 5. Mos., Kap. 23: »Es soll kein Zerstoßener
+noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.«
+
+In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses
+Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in
+den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf
+meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun
+beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster
+von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit
+ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der
+Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen
+schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:
+
+ »O herrlicher Gatte,
+ Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal
+ Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,
+ Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer
+ Freudig bring ich es dir --«
+
+Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs
+den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde
+ab.
+
+Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge
+herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten:
+ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan
+habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund,
+das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher
+habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte
+in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des
+Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto
+unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der
+Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit
+dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.
+
+In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein
+überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range
+nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein
+Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten
+Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich
+ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine
+Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser
+Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir
+unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die
+Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in
+eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder
+aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß
+es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem
+Unterhalt fehlte.
+
+Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich
+theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen
+Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten
+bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So
+benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie
+schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie
+zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von
+Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun
+aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher
+Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl
+meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich
+bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der
+Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich
+zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während
+ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher
+Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der
+Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein.
+Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner
+Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht,
+Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für
+ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament
+unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen.
+Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung ȟber die
+göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach
+vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte
+hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei
+vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man
+könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei
+lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine
+Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden
+Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen
+Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle
+Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort.
+Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je
+größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der
+Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige
+Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine
+beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem
+Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an
+und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.
+
+Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei
+ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit,
+daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals
+päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem
+stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein
+vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so
+geschah es.
+
+Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch
+vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar
+Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre
+in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet.
+
+Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab
+ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich
+bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem
+katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich
+mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten
+über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte
+sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«.
+
+Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber
+nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und
+verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf
+den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen
+abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen
+Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen
+Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine
+Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die
+Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor
+aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen
+vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter
+zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?«
+
+Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun
+kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu
+legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine
+Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt
+habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt
+habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber
+Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In
+solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre
+eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.«
+-- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine
+solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst
+mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem
+Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden
+konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein
+Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und
+lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist
+in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig
+zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt
+überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.«
+
+Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er
+selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings
+deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den
+Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und
+nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine
+Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei
+ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die
+Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei.
+Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen
+und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung
+auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er.
+
+Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der
+Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern
+Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und
+meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil
+hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die
+vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen
+Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren
+nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch
+den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen
+Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen,
+die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses
+Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes,
+welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große
+Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und
+unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben
+seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.
+
+Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört
+verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen
+guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es
+würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal
+sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen
+Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat
+die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die
+höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein
+gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu
+machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides
+zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern
+Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte
+Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'«
+
+»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge
+seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm
+selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und
+Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen
+werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des
+frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen,
+sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und
+erkenne was er thut?'«
+
+Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne
+Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu
+streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten
+kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst
+zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen
+lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.
+
+Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht
+gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu
+zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei,
+um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit
+einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt
+solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine
+Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer
+Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den
+Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der
+Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch
+den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster
+übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.
+
+Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn
+mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das
+Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der
+Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht
+beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande
+für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es
+gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten
+und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein
+Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich
+lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten
+nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend,
+daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der
+Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben
+überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens
+dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein
+Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet,
+wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des
+Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.
+
+Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald
+von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte
+diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner
+Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag
+liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen
+bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der
+Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich
+dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier
+alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut
+es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.
+
+Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang
+man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in
+Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu
+schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe
+in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese
+Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum
+dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame
+Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit
+allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher
+einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei
+allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof
+zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein
+Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten
+einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von
+Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die
+Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und
+richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur
+Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich
+selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte.
+Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht
+hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.«
+
+Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß
+leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In
+der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn,
+allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in
+offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es
+sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen
+Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet
+und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein
+Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen
+Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das
+Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut
+hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte,
+ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text
+zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so
+gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener
+Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war,
+übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das
+Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.
+
+Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich
+nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und
+bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über
+mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war
+mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich
+selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen
+Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung,
+Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie
+zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt
+ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren
+war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im
+Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That
+geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den
+Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet.
+Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts
+anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum
+Schreiben gedrängt hatte.
+
+Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich
+gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der
+Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar
+meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld
+seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen.
+Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich
+unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und
+ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes
+nach St. Denis zurückkehren.
+
+Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich
+gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton,
+der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es
+vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit,
+mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine
+Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht
+ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen,
+sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden,
+die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita
+verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von
+Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im
+Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in
+höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf
+ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange
+Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren
+Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar
+dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in
+diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das
+Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in
+Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das
+vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige
+Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal
+deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines
+höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr
+Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies
+komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen
+sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so
+großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten
+ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich
+einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben
+führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor
+versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er
+wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe
+treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste.
+Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er
+mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit,
+die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen
+hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit
+dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick
+unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt
+-- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit
+Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe
+einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in
+das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer
+Einsiedelei gelebt hatte.
+
+Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer
+Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst
+bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren
+Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen
+hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf
+die liebenswürdigste Weise.
+
+Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen
+auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum
+Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß
+er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich
+einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in
+Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr
+darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie
+auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer
+Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel
+darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie
+sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und
+jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich
+ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie
+weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich
+damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht
+unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine
+Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei
+sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation
+verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer
+Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser
+Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war.
+
+Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu
+ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen
+Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache
+eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und
+seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige
+Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute
+beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen
+zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel
+verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise
+und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im
+königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen
+ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für
+weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die
+Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können.
+Und wirklich, es gelang mir.
+
+Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht
+verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte,
+aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete.
+Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten
+gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im
+Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von
+einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung
+des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu
+Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem
+befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied
+singen: »Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste
+geblieben.«
+
+Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun
+belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze
+und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre
+ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in
+Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur
+ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke
+ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten
+Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten
+Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus« zu folgender Betrachtung Anlaß
+giebt: »Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster
+ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen
+werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn
+jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten,
+an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen
+Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren
+und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch
+unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher
+Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo
+wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an
+Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen
+Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue
+Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in
+Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus
+diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die
+städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der
+Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde
+Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit
+und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele
+nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That:
+der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich
+wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man
+nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?«
+
+Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege
+und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den
+Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett
+mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph
+sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in
+abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige
+Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine
+Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine
+ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt
+haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt
+über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: »Die
+Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet,
+bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die
+Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern
+des Feldes.«
+
+In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des
+Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als
+Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und
+je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich
+nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und
+ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es
+erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil
+ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben
+der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte -- dennoch fand
+mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend
+und klagend sprachen jene zu sich selbst: »Siehe, die ganze Welt läuft ihm
+nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben
+seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines
+Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den
+Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle
+Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die
+unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.«
+
+Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule
+einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An
+Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst
+zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine
+Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch
+die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab,
+damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen
+würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen
+konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr
+ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst
+im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun
+aber gab ich ihr den Namen »Paraklet« (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung
+an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem
+Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des
+göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen.
+Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen
+mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine
+Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem
+Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen
+Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls
+dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen »Paraklet« und »Geist
+Paraklet« keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität
+und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie
+Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster,
+beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: »Gelobet sei Gott und der
+Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott
+alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal« -- und auch nach
+dem Wort, das die Wahrheit spricht: »Und er soll euch einen andern Tröster
+geben.« -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des
+heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen
+Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott
+dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie
+dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört,
+über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer
+darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders
+gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte
+da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie
+Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen,
+welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand
+behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael,
+Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder
+sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an
+sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen
+Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren
+darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb
+nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein
+Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre.
+Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in
+betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis
+an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der
+Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt
+gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken
+daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und
+die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns
+natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der
+andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel
+ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er
+spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von
+einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt:
+»Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm« und ferner: »Oder wisset
+ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch
+ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.« Und wer wollte
+verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche
+verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h.
+des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden
+wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein
+eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels
+wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so
+erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also
+auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel
+einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man
+mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle
+Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben
+werden? -- Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen »Paraklet« beilegte,
+so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht
+haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich
+zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen -- auch wenn
+ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht
+gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen.
+
+[Fußnote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.]
+
+Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber
+Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich
+allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm
+macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen
+Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel
+gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen
+rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der
+Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen
+predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die
+ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei
+weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über
+meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß
+selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen,
+welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch
+aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen.
+Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern
+der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner
+Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz
+getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als
+Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt
+würde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit
+dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit
+derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von
+den Ketzern. Ja oftmals -- Gott weiß es -- kam ich in meiner Verzweiflung
+auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und
+mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich
+zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um
+so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen
+wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen
+mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten
+mich zu ihrer Religion bekehren.
+
+Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so
+daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den
+Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein
+Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in
+die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und
+schlechter waren als die Heiden.
+
+In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys.
+Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl
+der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle,
+womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die
+Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der
+Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag
+eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden
+Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen.
+Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise
+der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin
+berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem
+drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund
+stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde
+Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine
+andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am
+Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach,
+wie oft jenes Gebet wiederholt: »Von den Enden der Erde habe ich zu dir
+geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.« Ich glaube, es ist niemand
+verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die
+ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen
+Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos
+fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen
+Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde,
+andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles
+that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner
+Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten
+Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit
+gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes
+angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst
+die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.
+
+Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den
+Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte
+befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem
+beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es
+war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten
+sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten,
+damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei
+der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben
+abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen
+Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe
+wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst
+und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich
+unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: »Draußen
+Streit, drinnen Furcht« schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft
+quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben
+dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte
+ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem
+ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für
+diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war
+alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den
+Vorwurf machen: »Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht
+hinausführen.« Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür
+eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren
+Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen
+Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: »Ich leide nur,
+was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich
+verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen
+fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.« Das
+aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede
+gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend
+kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster
+selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein
+eigenes Haus, wie es sich ziemte.
+
+Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster
+Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine
+Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte.
+Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die
+Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb
+er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin
+gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten,
+kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete,
+für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise
+mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren,
+ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des
+Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der
+Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen
+und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.
+
+Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal
+wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten,
+sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte
+er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten
+Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines
+Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als
+ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben
+weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage
+das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und
+Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die
+den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den
+Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien
+wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre
+Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei
+jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit
+sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer
+Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt
+lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu
+genießen.
+
+Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die
+Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und
+müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher
+besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein.
+Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die
+reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider
+die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne
+sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer
+oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des
+heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche
+Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und
+auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner
+sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme
+des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller
+würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich
+gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.«
+Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der
+selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht
+geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn
+meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen
+könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit
+solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht
+mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der
+Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche
+Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja
+doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so
+gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu
+diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und
+von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen
+Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen
+Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen
+wurde.
+
+Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem
+Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit
+ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller
+christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch,
+er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem
+er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte
+ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser
+gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein,
+daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst
+verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen
+freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen
+waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich
+ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von
+Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein
+körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so
+mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr
+als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter
+Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt
+in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen
+auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist
+grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor
+Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt
+das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name
+nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf
+sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält
+sich dein Nächster.«
+
+Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine
+Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont
+haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen
+hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im
+vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem
+Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen
+Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall
+folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er --
+»befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet
+waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem,
+was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es
+etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen
+Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem
+Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber
+folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich
+danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und
+verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu
+etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und
+Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren
+sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers
+Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von
+ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des
+Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß
+kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der
+Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar
+verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht
+aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die
+heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch
+Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn
+und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir
+nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt
+es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag
+ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs
+vereinigt zu sein.
+
+Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein
+Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn
+anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach
+menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen
+Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder
+wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an
+die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen
+verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges
+sehen.
+
+Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch
+Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach
+hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine
+Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht.
+Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich
+folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens
+Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit
+ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von
+der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im
+Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich,
+verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig
+lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten
+und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben
+ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt
+wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das
+schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum
+verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle;
+und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.
+
+Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten
+Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen
+setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche,
+auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches
+enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den
+Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar
+die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat
+und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk
+abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto
+leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu
+wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein
+satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den
+Händen des Weibes.«
+
+Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich
+zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit
+zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß
+war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf
+diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte
+ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu
+leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so
+flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in
+einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen
+gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine
+Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit
+war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan
+hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein
+menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf
+mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den
+-- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig
+quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.
+
+Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel
+gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen
+Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer
+Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben
+steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters
+meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend
+gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten
+meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes,
+väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg
+zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund,
+der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch
+mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich
+mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher
+als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn
+als Liebe zu Gott.
+
+Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich
+drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank,
+die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar
+während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch
+mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner
+Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war,
+so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge
+vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser
+Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von
+der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein
+Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der
+Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch
+den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die
+Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von
+jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich
+entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen
+Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen
+müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die
+Seite zu schaffen.
+
+Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des
+Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich
+dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu
+schaffen als meine einstige Verletzung.
+
+Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche
+durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von
+ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir
+durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu
+räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen
+ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst
+Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen
+entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der
+Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen
+Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben
+sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem
+Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern
+anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die
+traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren
+als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber
+bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz
+eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch
+schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über
+meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging
+mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius
+für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes,
+das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es
+mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung
+muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde
+des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal
+mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die
+ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.
+
+Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis
+hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der
+Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein
+Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine
+Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich
+zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je
+mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst
+du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern
+von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so
+werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie
+mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das
+Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig
+leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke
+ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre
+ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen
+gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In
+diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der
+Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in
+seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen
+noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört,
+den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe
+Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich
+danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und
+an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du
+glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser
+Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er
+verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit
+den Mächtigen dieser Welt.«
+
+Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns
+zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden
+uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel
+ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes
+Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not
+wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt
+und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem
+guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein
+Wille geschehe.«
+
+Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels:
+»Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.«
+Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt:
+»Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit
+sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen
+irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie
+ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt
+nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille
+geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im
+Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. --
+Lebe wohl!
+
+
+
+
+II. Brief.
+
+Heloise an Abaelard.
+
+(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine
+Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem
+Abaelard -- Heloise.)
+
+
+Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter
+Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an
+den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den
+Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und
+habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte,
+aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.
+
+Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein
+Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen
+Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im
+Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen
+Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch
+für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten
+deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an
+deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und
+Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs,
+des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer
+Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst
+zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von
+der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren
+Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben
+genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele
+daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem
+Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner
+Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch
+deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne
+nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht
+sicher bist.
+
+Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen
+oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto
+lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten;
+ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch
+wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben
+zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der
+Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der
+dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu
+Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch
+öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein
+Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens
+an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und
+deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz,
+und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere
+daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat,
+dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so
+willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer
+werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran
+sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der
+Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief
+an seinen Freund Lucilius heißt es: »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir
+so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die
+einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von
+dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an
+den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch
+aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde
+Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und
+dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns
+wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!« Gott sei Dank,
+daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die
+Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum
+beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!
+
+Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm
+deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du
+aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten
+suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du _seine_ Wunden zu
+heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen
+und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber
+verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist.
+Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der
+Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du
+noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen,
+sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine
+Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch
+heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür
+braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich,
+und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du
+allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der
+Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen
+Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist
+alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern
+eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit
+und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo
+selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel
+aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum
+Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie
+in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest
+du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier
+zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige
+Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt
+fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs
+Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern
+nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und
+waren verschwenderisch damit.
+
+Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und
+das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon
+infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache
+Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum
+hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des
+Apostels: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das
+Gedeihen gegeben.« Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet
+durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie
+später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde
+ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den
+fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in
+Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer
+Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die
+fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und
+richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts
+vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht,
+was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern
+schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den
+Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber
+einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest,
+das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist.
+Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung,
+Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben
+geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem
+geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das
+von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder
+vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das
+Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen,
+mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten,
+das sich in seinem alten Gram verzehrt.
+
+Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es
+doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner
+bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer weiß es nicht? -- mit
+grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß
+es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte
+verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und
+daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das
+Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen
+auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes
+begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein
+magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur
+mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es
+zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf
+ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln,
+war mir unmöglich.
+
+Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde
+zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte,
+verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals,
+als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu
+ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und
+meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott weiß es --
+als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein
+Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen
+Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl.
+Mag dir der Name »Gattin« heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es
+allzeit reizender, deine »Geliebte« zu heißen; oder gar -- verarg es mir
+nicht -- deine »Buhle«, deine »Dirne«. Je tiefer ich mich um deinetwillen
+erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden,
+und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu
+schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von
+dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe
+anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein
+Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt
+gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang
+vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr
+der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die
+ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich's, deine
+Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet
+sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall,
+jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten,
+die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den
+Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches
+Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja
+auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und
+daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch
+lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische
+Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon
+und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die
+Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre
+Beweisführung mit folgenden Worten: »Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß
+es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und
+auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr
+für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit
+dem besten Mann verheiratet sein wollen.«
+
+Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der
+aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt!
+Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß
+eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt
+erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die
+Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung
+ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen
+in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von
+dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe
+zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.
+
+Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In
+welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf
+erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu
+erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich
+zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem
+Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden?
+Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin,
+welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner
+Liebe?
+
+Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar
+gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines
+Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei
+einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze
+Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um
+ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel
+gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut
+deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und
+das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe
+entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so
+klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher
+Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte
+nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht
+jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid
+gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind
+gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl
+des Mitleids mit mir?
+
+Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos.
+Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des
+Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht
+allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht.
+Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du
+allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich
+ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.
+
+Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins
+Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt
+und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes,
+noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag
+an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann
+argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir,
+glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist
+auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu
+erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung,
+sondern alle Welt denkt so.
+
+Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner
+Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte!
+Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein
+Elend zu decken!
+
+Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes
+und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch
+in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild
+bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es
+sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest.
+Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da
+ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe.
+Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender
+Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen
+Dank verdient, dann -- das mußt du selbst sagen -- war mein Opfer
+vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da
+nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.
+
+Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein,
+vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst
+rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde
+ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz
+und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger
+zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne
+Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht
+mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir
+keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne
+dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte
+dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig
+findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer
+mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du
+würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich
+deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan
+habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in
+deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich
+dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens
+geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu
+leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur
+dir zu gehören.
+
+Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren
+Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich
+übrig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich
+ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben,
+beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und
+laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen,
+damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich
+weihen möge.
+
+Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du
+deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede
+gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er.
+Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich
+einst zur Wollust verlocktest!
+
+Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den
+langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und
+Alles!
+
+
+
+
+III. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im
+Herrn.)
+
+
+Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des
+Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner
+Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf
+welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es
+nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut,
+überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch
+Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen
+aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit
+gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer
+Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter
+besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen
+Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es
+dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer
+Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung
+nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du
+belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die
+Kraft dazu schenkt.
+
+Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und
+beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu
+Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit
+mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße
+treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so
+dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und
+noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner
+vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen,
+dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.
+
+Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag,
+insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und
+dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und
+Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne
+Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß
+mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst
+für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten
+gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten
+seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in
+seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich
+verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die
+Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen
+Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt:
+»Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für
+den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen
+Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch
+des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der
+Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.«
+An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er
+spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt,
+daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes
+umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.
+
+Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie
+wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm
+eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn
+dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.
+
+Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke
+deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen
+und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit
+mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein
+wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für
+wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine
+unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre
+Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie
+Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es
+erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein
+will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein
+Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in
+der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die
+heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges
+Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.«
+
+So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin
+Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte,
+ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er
+hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann
+verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.
+
+Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft
+sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel
+vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich
+bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine
+Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm
+und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene
+Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem
+Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und
+sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar
+der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein
+Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder
+drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und
+weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie
+bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist
+hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer
+frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des
+Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann
+erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?
+
+Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie
+einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig
+geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie
+der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der
+Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die
+Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent
+der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch
+am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben
+selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.«
+
+Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden,
+daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen
+zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte
+Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias
+und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber
+erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen
+hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält
+dadurch seine Bestätigung: »Die Weiber haben ihre Toten von der
+Auferstehung wiedergenommen.« Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem
+Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter
+wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner
+Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem
+Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters
+erwiesen hat, so haben doch auch hier »die Weiber ihre Toten von der
+Auferstehung wiedergenommen«; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so
+erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese
+Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten.
+Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung
+meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr
+das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm
+vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren
+die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal
+Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn
+erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns
+aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten
+Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.
+
+Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in
+welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich
+will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag,
+und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so
+viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit
+dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem
+Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was
+du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist
+um deines Gebetes willen.
+
+Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr
+gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: »Ein fleißiges Weib ist
+eine Krone ihres Mannes« und »Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes
+und bekommt Wohlgefallen vom Herrn«. Weiter heißt es; »Haus und Güter
+vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn«. Der
+»Prediger« aber sagt: »Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist«,
+und bald darauf: »Ein gutes Weib, ein gutes Teil.« Und die Meinung des
+Apostels ist: »Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib«.
+Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im
+Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der
+König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das
+Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich
+wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das
+Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet
+veranlaßt.
+
+Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in
+welchem er sagt: »Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er
+sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen
+aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.« Mit dieser -- wenn man so
+sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt,
+die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch
+aufgehoben.
+
+Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den
+Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag
+pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu
+verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war,
+Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:
+
+_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.«
+
+_Versus_: »Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.«
+
+_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
+Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.«
+
+_Kollekte_: »O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht
+in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in
+deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.«
+
+Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so
+nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist.
+Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der
+Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem
+Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:
+
+_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens,
+auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein
+Widersacher nicht freue.«
+
+_Versus_: »Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß
+mein Feind sich nicht freue.«
+
+_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
+Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von
+Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes.
+Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.«
+
+_Kollekte_: »Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht
+in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem
+Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum
+unsern Herrn.«
+
+Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen -- sei's
+daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch
+den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwöre ich euch: lasset meinen
+Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen.
+Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab
+besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich
+wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele
+keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist
+dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein
+Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten
+Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und
+salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten
+an seinem Grab, wie geschrieben steht: »Frauen saßen am Grab und weinten
+und klagten um den Herrn«. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von
+der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel,
+und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber
+sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.
+
+Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der
+gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast
+allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem
+Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures
+Gebets beistehet.
+
+Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!
+
+
+
+
+IV. Brief.
+
+Heloise an Abaelard.
+
+(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
+
+
+Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch,
+ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines
+Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den
+Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den
+Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch
+setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an
+Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an
+Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des
+Ranges der einzelnen.
+
+Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch
+vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und
+daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns
+kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht:
+»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich
+überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas
+denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit
+vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein
+Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt
+es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und
+diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes
+vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt
+werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über
+unser Seelenheil geworden bist.
+
+Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die
+unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was
+uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine
+eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem,
+dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca,
+»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?«
+
+Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls
+du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer
+Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir
+deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen.
+Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm
+Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn
+die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit
+zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird?
+Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem
+Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir
+Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir
+werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten,
+und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben.
+Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben,
+wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu
+leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge
+Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht
+zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von
+dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!
+
+Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die
+nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen
+Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht,
+schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe
+und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen.
+Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein
+anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht,
+die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit
+nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch
+durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er
+Gott bittet:
+
+ »Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft
+ Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.«
+
+Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was
+könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen,
+in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir
+ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst
+bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt,
+in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden
+könnte.
+
+Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du
+grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O
+unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich
+verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu
+wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand
+mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß
+übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden
+könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod
+diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern,
+so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell
+herbeikommen möchte!
+
+O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand
+ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest?
+Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich
+erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der
+Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren
+Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre?
+Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und
+so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich
+gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten,
+nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert.
+Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so
+glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter
+klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte
+mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das
+Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.
+
+Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns
+in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der
+Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu
+gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge
+nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die
+erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein
+ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem
+Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine
+Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.
+
+Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug
+gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs
+verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch
+welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren
+Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht.
+Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten
+Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher
+Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf
+deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere
+Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen
+könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich
+widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst,
+hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam
+begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der
+weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller
+Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich
+aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest
+du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer
+gefallen bist.
+
+Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen
+Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das
+tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor
+den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes:
+laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf
+ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei
+Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man
+hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe
+alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib,
+welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei,
+denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder
+wird durch sie gefangen.«
+
+Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm
+von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch
+geworden.
+
+Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und
+dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila
+allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände
+lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in
+wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels
+begraben hat.
+
+Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er
+sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen
+Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen
+hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden
+war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von
+dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.
+
+Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu
+bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue
+Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am
+leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.
+
+So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich
+durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht
+verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen
+dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.
+
+Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die
+genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn
+schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch,
+wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine
+Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden
+begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen
+freizusprechen wage.
+
+Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste
+nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das
+Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine
+früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen
+schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht
+ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und
+Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur
+einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an
+deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja
+nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen
+tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.
+
+Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen:
+ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott
+versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung
+der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn
+durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige
+Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien:
+kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde
+noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es
+ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder
+dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich
+schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten
+Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir
+gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen
+meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will
+reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese
+Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen;
+aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher
+Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn
+nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern
+man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß
+eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete
+Zunge bekennt.
+
+Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht
+der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt,
+die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«.
+Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel
+Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke
+daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen
+und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich
+die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet
+reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz
+von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre
+Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine
+Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.
+
+Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch
+die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem
+Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe
+und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine
+unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort,
+das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist
+groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich
+unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O
+könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen:
+»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.«
+
+Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich
+auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche
+Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir
+zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach
+Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei
+mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß
+noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die
+Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je
+schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich
+dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß,
+daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als
+Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist
+Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft
+und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu
+einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei
+ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
+
+Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für
+eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes
+Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich
+davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde
+unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen
+heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein
+Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute
+zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu
+thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben:
+»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum
+vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
+
+Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich
+zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein
+Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein
+Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was
+ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du
+hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast
+meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so
+dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich
+beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht
+aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit
+du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich
+brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht,
+ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest.
+Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze
+genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr:
+»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du
+gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet
+den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und
+Alten, die Seele zu fahen«.
+
+Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße
+und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe
+Wunden reißen.«
+
+Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf
+niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich
+schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir
+sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen
+Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine
+innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines
+Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie
+Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die
+äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf
+bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes
+Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl;
+aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig
+über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum
+steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«.
+Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du
+ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
+
+Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es
+mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins
+Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit
+deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich
+setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt
+hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches
+Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die
+Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe
+denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der
+Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den
+Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will --
+ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird
+mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht
+einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus
+anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der
+Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir
+sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?
+
+
+
+
+V. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.)
+
+
+Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach
+in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs
+erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den
+meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der
+natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich
+darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu
+bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes
+Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen
+läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über
+die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich
+zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich
+dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend,
+ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.
+
+Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich
+zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich
+denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je
+mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die
+ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du
+finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so
+weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert
+ich dir erscheine.
+
+Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der
+Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst,
+mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief --
+und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt,
+die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst
+seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie
+auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich:
+meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«.
+
+Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines
+armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige
+erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen
+Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich
+nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes
+befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses
+die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr
+als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und
+Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut
+steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht
+mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher,
+während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.«
+
+Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene
+Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich,
+ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine
+Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin,
+denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im
+allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi
+genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget,
+daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen
+Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen,
+welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr
+nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid,
+die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um
+ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen
+am Grab und klagten und weinten um den Herrn.«
+
+Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der
+oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen.
+Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist
+sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre
+Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten
+gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist
+also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn
+die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren
+Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch
+auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen
+Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet
+wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im
+Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an
+allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist
+inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach
+außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des
+Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem
+anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem
+sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm
+mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich
+schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe,
+denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich
+unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit
+Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn
+sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn
+die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen
+Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.
+
+Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen
+unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem
+Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im
+Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche
+auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in
+ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.
+
+Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben
+Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an:
+»Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so
+verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und
+alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern
+das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und
+die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig
+zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und
+Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen
+sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses
+Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die
+Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich
+vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach
+irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum
+hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie
+diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen
+wurde.
+
+Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König
+geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle
+Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern
+Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele
+liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im
+Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als
+große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden,
+die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen;
+sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.
+
+Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für
+das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der
+geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche
+Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern
+lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.
+
+Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte
+vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald
+hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und
+setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich
+schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer
+geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren
+Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen
+Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese
+körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich
+hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer
+Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus,
+dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.
+
+Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit
+berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die
+Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn
+nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als
+eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und
+allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt
+schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die
+Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«.
+
+Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns
+der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn
+du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete
+zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie
+die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm
+und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten
+kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher
+Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle
+Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und
+unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's,
+daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses
+Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das
+heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich
+ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und
+besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im
+glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein
+Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das
+nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute,
+die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es
+besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in
+jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und
+haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen
+nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der
+heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die
+Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«.
+
+Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer
+da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des
+himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener
+Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach
+dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« --
+desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und
+darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr
+müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns
+verbindet.
+
+Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe
+und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine
+eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem
+ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum
+im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet
+hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen
+Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme,
+von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst
+du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen
+deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist
+halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen,
+wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in
+meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu
+aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und
+Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht
+auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen,
+nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre
+Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu
+sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit
+derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein
+Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so
+bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der
+Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine
+Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so
+lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis
+gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von
+der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest,
+dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so
+lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden
+sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten
+Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß;
+aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem
+Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich
+aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende
+wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und
+sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen,
+sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam
+hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das
+sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres
+Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern
+der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch
+lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in
+der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern
+können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß
+meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb
+nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben
+wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du
+aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner
+Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln.
+Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch
+einmal, höre auf mit diesen Klagen.
+
+Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch
+desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: »Der Gerechte klagt
+sich selber zuerst an« und: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet
+werden«. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du
+schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch
+meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht
+eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob
+trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst.
+Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau
+Eustochium folgendes: »Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage
+verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir
+beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser
+Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns
+gespendeten Lobes«. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen
+Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und
+den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem
+Besitz machte. »Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie
+sehen.« Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die
+Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich
+entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir
+oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch
+mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben,
+damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte
+Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir
+durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so
+würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so
+zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der
+Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen,
+Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so
+auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, »Ruhm
+suchen, indem du vor ihm fliehst«. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß
+nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du
+wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu
+vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu
+gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch
+lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die
+Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie
+Verunglimpfungen der Feinde.
+
+Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über
+die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir
+erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen.
+Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken
+an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in
+welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große
+Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist,
+daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens
+auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab
+von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und
+mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest
+du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die
+Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das
+zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du
+glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir
+entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere
+Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.
+
+Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast,
+durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener
+Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr,
+wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen
+Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil
+gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem
+Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch
+des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so
+großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt
+hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich
+zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den
+Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück
+verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger
+empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer
+sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen
+Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die
+ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir
+zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.
+
+Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich
+zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns
+war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe
+lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich:
+als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil
+lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl
+noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß,
+und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort
+hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals
+durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort
+geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe
+verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem
+unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem
+wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll
+ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen
+deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem
+Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht
+von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen
+hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine
+genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit
+solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte
+der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter
+Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich
+diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war,
+sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.
+
+Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du
+schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu
+erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch
+diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt
+angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja,
+vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat,
+welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem
+Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche
+Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug
+verbessern.
+
+Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht
+ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was
+Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur
+Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen
+seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja,
+aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns
+gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: »Der Herr hat
+sich Sorge gemacht um meinetwillen«. Erinnere dich wieder und wieder daran,
+in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen
+entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an
+uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes
+Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird,
+die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes
+geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die
+Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden
+ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus
+gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines
+Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche
+miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit
+und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle
+Barmherzigkeit.
+
+Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose
+Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres
+Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der
+Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu
+lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest,
+obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen
+gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner
+Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an
+dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten
+macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die
+göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch,
+daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus
+benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen
+Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in
+vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt,
+welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen
+Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied
+getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch
+sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte.
+So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich
+versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars
+wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr
+störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an
+dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und
+zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes
+mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem
+ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem
+schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade
+von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen
+nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen
+genannt werden können -- wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat --
+eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und
+das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?
+
+Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige
+weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die
+Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar
+von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im
+Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür
+ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute,
+selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu
+ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur
+diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des
+Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur
+solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der
+Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen
+und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des
+Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die
+Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: »Den
+Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir
+wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und
+in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen
+und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen
+soll«. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um
+der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß;
+aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich
+geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische
+Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu
+vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern
+Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig
+Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft
+mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung
+wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an
+mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: »Gott hat sich Sorge gemacht um
+meinetwillen«. Darum will ich hingehen und verkünden, »wie große Dinge der
+Herr an mir gethan hat«.
+
+Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein
+Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast.
+Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner
+vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim
+lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch
+eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein
+Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das
+eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu
+vernichten trachtete.
+
+Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das
+unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein
+Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an
+meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der
+diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn
+hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus
+der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner
+Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust
+bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich
+um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als
+wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der
+Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre
+seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der
+Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der
+Schrift seine Anwendung finden: »Die Weiber machen auch Weise abtrünnig«,
+wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.
+
+Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem
+Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich
+gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des
+Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn
+du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen
+wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine
+zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben
+wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du
+Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen
+Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen
+Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit
+weiblicher Sorgen!
+
+Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen
+schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener
+Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist;
+vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den
+Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.
+
+Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde
+dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht
+lästig. Denke an den Spruch: »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er;
+er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt« und an den anderen:
+»Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn«. Unsere Strafe ist eine
+zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte
+dich auf an dem Wort des Propheten: »Der Herr geht nicht zweimal ins
+Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen«. Nimm zu
+Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war:
+»So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten«. Daher auch Salomo
+spricht: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes
+Herr ist, denn der Städte gewinnet«.
+
+Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und
+Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor
+den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen,
+verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter
+Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten
+Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen
+Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er
+hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein
+Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten
+und klagten, wie Lukas erzählt: »Es folget ihm aber nach ein großer Haufe
+Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn«. Und er, in milder Güte
+zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod
+hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug
+seien und seinen Worten folgen: »Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet
+nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn
+siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die
+Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die
+nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen:
+Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am
+grünen Holz, was will am dürren werden?'«
+
+Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn,
+der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an
+seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt
+es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: »Frauen saßen am Grab,
+klagten und weinten um den Herrn«. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem
+Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer
+diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz
+bis ins Innerste erschüttern.
+
+Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia
+zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: »Ihr alle, die ihr
+vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein
+Schmerz«; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich,
+der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der
+Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum
+hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet
+als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes
+ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein
+schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der
+Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: »Sie werden ihn klagen,
+wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man
+sich betrübet um ein erstes Kind«.
+
+Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich
+erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in
+welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof
+versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst
+du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer
+und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen
+Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit
+seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er
+dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich
+hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen
+Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für
+den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese
+hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: »Es sei aber ferne von mir,
+rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen
+mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt«.
+
+Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der
+Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir
+gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die
+Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was
+sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist
+dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das
+ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: »Niemand hat
+größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde«. Er hat
+dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden
+verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung
+meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für
+dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran;
+aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe
+zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu
+deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles
+willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein
+Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir
+weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine
+über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld
+vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und
+die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die
+Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist
+du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes
+widerstrebst.
+
+Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht
+um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den
+Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist.
+Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf
+dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt
+hat:
+
+ »Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;
+ Aber das Glück ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.«
+
+Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die
+begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn
+geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche
+Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht
+das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht
+der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod
+herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden,
+was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten
+sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein
+ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die
+Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der
+Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht
+gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch
+dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der
+Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem
+Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone
+aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen
+körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich
+meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch
+die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden
+anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es
+mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht
+das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier
+redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu
+teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt
+keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel
+der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.
+
+Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß
+immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir
+um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht
+viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die
+an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den
+Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«.
+
+Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden
+sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus
+sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein
+ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist
+seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein
+Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in
+geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich
+mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und
+hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht
+erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr
+und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch
+kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen
+Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze
+gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten.
+Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus
+gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es
+verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift.
+Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner
+gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß
+er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine
+treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.
+
+Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben
+hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr
+für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu
+übersenden:
+
+»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes
+das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu
+unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch
+geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du
+auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach
+deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd,
+die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges
+Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist,
+vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge
+unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit
+offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit
+du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der
+Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur
+Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen
+erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer
+Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein
+barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.«
+
+»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir
+erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine
+Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus
+giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht
+lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so
+ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.«
+
+»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir
+gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so
+gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen,
+vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere
+Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen
+in Ewigkeit. Amen.«
+
+Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe
+Christo! Amen.
+
+
+
+
+VI. Brief.
+
+Heloise an Abaelard.
+
+(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)
+
+
+Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest,
+so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er
+ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten,
+Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja
+unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der
+Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm
+folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist
+niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht
+leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen,
+welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind,
+nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund
+über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten,
+wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein
+trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!
+
+Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn
+auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern
+ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in
+anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres
+schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt
+aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt
+ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser
+Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in
+Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern
+Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste
+Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und
+über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine
+Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des
+weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung
+unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns
+überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden
+ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme
+ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel
+verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe
+Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen
+Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so
+wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer
+aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden
+kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen
+der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften
+über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung
+über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche
+wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was
+soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst
+verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den
+Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was
+schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich
+aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an
+Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer
+und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so
+oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die
+Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
+an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die
+Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und
+Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen
+und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:
+
+ »Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,
+ Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.
+ Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun
+ Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.
+ Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;
+ Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.«
+
+Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt:
+lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel,
+ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch
+vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum
+warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben,
+nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.
+
+Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und
+nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein --
+durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die
+Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen,
+da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben,
+von denen wir das meiste empfangen.
+
+Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich,
+es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung
+ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem,
+der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade
+dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes
+wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann,
+wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel,
+wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch
+gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber,
+bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies
+heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere
+aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer
+auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die
+Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den
+Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern
+gleichmäßig auf alle zusammen.
+
+Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt
+nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur
+fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die
+Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges
+Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein
+wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel
+dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist
+thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg
+zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem
+Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun,
+das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden
+ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas,
+das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend
+halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden,
+wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges
+vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne
+vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die
+zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit
+steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten?
+Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen
+so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie
+Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?
+
+Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines
+»Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden
+Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen
+kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in
+harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde
+gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben
+nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie
+haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für
+Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht
+Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von
+Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.
+
+Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und
+gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der
+Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er
+dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt
+beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment
+führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner
+Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen
+setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde
+Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ...
+Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken,
+daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den
+besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob
+zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden,
+würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von
+kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und
+in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die
+Schwachen nicht zurückschrecken.
+
+Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu
+halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder,
+Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der
+Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen
+ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen
+Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der
+einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift
+vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der
+Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast
+mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen
+Natur sie erfordert.
+
+Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen
+Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß
+seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte
+der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine
+Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das
+weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in
+Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und
+Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der
+Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen
+für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und
+kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken
+widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe
+Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich
+glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der
+Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den
+Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der
+Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein
+Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es
+nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches
+nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des
+Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«.
+
+Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl
+sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine
+Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief
+ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern
+einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen,
+Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das
+entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit
+Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß
+er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern
+für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll
+vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau
+zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für
+ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die
+Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den
+Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was
+Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie
+könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für
+unser Seelenheit wäre?«
+
+Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die
+Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche
+Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin
+bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen;
+daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!
+
+Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die
+frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer,
+eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch
+schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an
+das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz
+nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist
+neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge
+Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an
+unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So
+will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
+Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus
+hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium
+mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar
+diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen
+Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die
+Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein
+Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe
+auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu
+wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der
+heilige Augustin schreibt in seinem Buch Ȇber die Enthaltsamkeit der
+Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines
+Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl
+überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei
+bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein
+Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere
+Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr
+ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis
+haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert
+werden kann.
+
+In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten
+Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin
+bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl
+sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich
+erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit
+erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?
+
+Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle
+Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet,
+indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen
+schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen
+Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das
+weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt.
+Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende
+Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die
+Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen
+Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer
+Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch
+welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein
+verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich
+mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese
+Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt
+häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und
+Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch
+diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer
+dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit
+und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«.
+
+Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist,
+uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle
+Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht
+leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere
+Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers,
+wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug
+sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos
+leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken
+es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder
+endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches
+Leben zu führen behaupten.
+
+Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein
+Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie
+allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der
+pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht:
+»Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir
+haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies
+heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst,
+weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien
+Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr
+selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst
+darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«.
+
+Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die
+leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar
+machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die
+Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger
+Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber
+drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme
+solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen.
+Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht
+kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und
+setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir
+Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer
+fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt
+geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre
+ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der
+Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da
+sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote,
+die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.
+
+Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von
+seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so
+ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur
+eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins
+Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir
+verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur
+Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen,
+wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu
+Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«.
+Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat
+zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das
+unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den
+erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den
+heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet
+haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die
+Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze
+Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben
+als die Kleriker.
+
+Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als
+das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das
+Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das
+heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns
+die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am
+schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im
+Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke
+macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist
+Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote
+Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was
+eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase
+so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange
+und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen
+und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der
+mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das
+Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut
+mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann
+will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O
+nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn
+nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und
+der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im
+Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«.
+
+Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«,
+hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der
+Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die
+heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort
+des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum
+propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«.
+
+Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
+verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen
+nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes
+berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
+Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der
+gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.
+»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
+Wein.«
+
+Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den
+Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln
+das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie
+der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu
+tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen
+zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein
+weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s.
+w.«
+
+Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter«
+berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er
+keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts
+für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe
+auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein.
+Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi.
+Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber
+zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug
+sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird
+von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man
+an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein,
+ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,
+wenn der Satan nicht wäre'«.
+
+Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt
+und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt
+sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für
+die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt
+nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon
+nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein,
+überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben
+Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen
+Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben
+Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte
+das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in
+der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das
+wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung
+sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen
+dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige
+sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für
+das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch
+unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an
+denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise
+teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in
+den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des
+Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des
+Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter,
+um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden
+zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der
+Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir
+es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch
+den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat
+er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat
+Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum
+sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die
+Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit,
+nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«.
+
+Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu
+essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich
+Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und
+Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist
+nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel
+besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich
+dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«.
+
+An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten,
+sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige
+der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die
+anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen
+Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus
+nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam
+zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns
+nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem
+Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen
+ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch
+Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr
+denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset
+ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die
+da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du
+sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret,
+und ist Menschengebot und Lehre«.
+
+Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich
+auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die
+Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie
+an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches
+sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr,
+da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach
+dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in
+anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche
+Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum
+Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift,
+kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung
+bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre
+fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender
+Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern,
+als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle
+Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden
+Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie
+leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte.
+Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von
+dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde.
+Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den
+letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den
+verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei
+Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die
+Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen
+und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und
+nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird
+geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches
+vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in
+den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar
+gewesen bist«.
+
+Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge
+ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich
+mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen?
+Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen
+Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und
+den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und
+deine Jünger fasten nicht?«
+
+In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied
+zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein
+äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt
+er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine
+Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich
+bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so
+wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden
+erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn
+war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten
+sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen
+hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der
+Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich
+ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr
+Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe,
+daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der
+Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem
+Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen
+Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset
+und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer,
+der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich
+selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt
+worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der
+Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens
+ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich
+bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im
+Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten,
+nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich
+Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres
+Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an
+ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand,
+der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich
+bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der
+Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt
+wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf
+denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu
+erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer
+es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht
+Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen
+Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein
+Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind,
+und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus
+gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem
+inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu
+reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen
+wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem
+Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es
+aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen.
+Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen,
+mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem
+Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber
+deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte
+sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt
+den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß
+überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne,
+sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge
+Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen
+die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe
+geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der
+Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche
+Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer
+zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und
+nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«.
+Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung
+noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird
+niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht
+und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn
+kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«.
+
+Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus
+welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen,
+der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus
+sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«,
+d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe
+der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen
+prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir
+sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber
+beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr
+sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die
+Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer
+angenehm.
+
+Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir
+unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel
+dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller
+Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe
+dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz,
+aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung
+dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält
+von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.
+
+Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche
+Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater
+eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in
+jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des
+Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir
+gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das
+Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«.
+
+Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen
+Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht
+gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und
+das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft
+der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi
+und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften
+Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr
+mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum
+Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man
+müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der
+Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr
+denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder
+unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die
+Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«.
+
+Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch
+seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst,
+beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches
+durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um
+so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr
+alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit
+den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der
+Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich
+Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und
+bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will
+ich dich erretten, so sollst du mich preisen«.
+
+Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher
+Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was
+der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes
+hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische
+Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch
+fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene
+Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger
+Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret
+werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten
+Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben,
+denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt
+ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln
+der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind,
+unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den
+Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel
+haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den
+gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.
+
+Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher
+einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab,
+scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten
+will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige
+Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat.
+Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm
+zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen
+Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des
+Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals
+diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie
+denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste
+Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den
+sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie
+solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch
+sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte
+Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen
+derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt,
+nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen,
+von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig
+ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen,
+welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße
+und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt
+worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz
+haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm
+Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.
+
+Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern
+gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich
+fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch
+weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung
+geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf
+die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen,
+und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer
+Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter
+durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der
+heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen
+hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen,
+indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr
+empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die
+Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie,
+anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen
+Bauwerk sich erheben werde.
+
+Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten
+haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die
+nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher
+Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die
+Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto
+aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu
+sein.
+
+Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine
+Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du
+bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch
+Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes
+Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst
+nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen
+möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder
+es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht
+wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du
+zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!
+
+
+
+
+VII. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+
+Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen
+Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den
+Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich
+darüber Auskunft geben.
+
+Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und
+Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab
+es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen
+gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium:
+»Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von
+Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im
+Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im
+Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde.
+Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und
+alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was
+noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide
+Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen,
+beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu
+vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine
+weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die
+Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten.
+Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den
+Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung
+standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen
+Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr
+ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche
+nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt
+den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten
+wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger
+sein.«
+
+Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn
+nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher
+von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht
+ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium,
+wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem
+getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene
+Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner
+Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha
+allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die
+Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie
+vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im
+Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung
+getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen
+Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht,
+bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die
+andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.
+
+Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben.
+Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten
+ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen
+Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es
+ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder
+überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die
+Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen
+Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der
+dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha,
+und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt
+dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen
+war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten:
+sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit
+äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße,
+ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch
+wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr
+etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen
+auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt
+auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß
+habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen
+Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen
+Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt
+war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That
+stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel
+geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.
+
+Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That
+Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der,
+welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte
+des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß
+er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt
+das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn
+der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem
+heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte
+sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum
+Christus, d. h. zum Gesalbten machen.
+
+Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in
+prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern
+gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder
+überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den
+Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum
+Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein.
+Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am
+Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt:
+»Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem
+Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die
+Glieder von Männern.
+
+Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt
+nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die
+Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene
+Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist
+vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum
+Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt
+vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«.
+
+Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch
+Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch
+Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem
+Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes,
+Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die
+Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch
+die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte
+Ölung.
+
+Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige
+Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe
+des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur
+Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die
+Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der
+Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet
+an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und
+zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die
+niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von
+einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und
+ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten.
+Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der
+selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.«
+
+Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische
+Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden
+Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen,
+die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid,
+ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an
+Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern
+allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o
+unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der
+Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt
+werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu
+berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut
+auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe.
+Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst,
+indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten
+Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner
+Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem
+Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme
+Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die
+Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte
+dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit
+durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die
+Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem
+Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden
+Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins
+Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von
+ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis
+dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir
+wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn
+selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen
+Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er
+deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.
+
+Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine
+Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht
+die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen
+und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben.
+Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel
+mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst
+gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das
+hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.
+
+Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten
+die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken
+aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der
+Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen.
+Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens
+und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders
+scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der
+Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von
+sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da
+verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner
+Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem
+Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und
+es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren
+nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe
+Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht
+trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die
+setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es
+waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war
+Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome,
+die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und
+viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«.
+
+Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst,
+der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem
+Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel
+ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu
+seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria
+Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u.
+s. w.
+
+Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange
+vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in
+prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut
+hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig
+geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers,
+weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi
+nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des
+christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im
+Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen
+verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie
+glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet
+am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre
+Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die
+Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut
+(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das
+Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden
+ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten,
+blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll
+breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der
+Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von
+dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich.
+Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen.
+Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches
+dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes
+dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es,
+die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen
+sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig
+geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit
+redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser
+Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und
+miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen
+dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten
+Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen
+Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß
+sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach
+Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und
+noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht
+verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr
+als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so
+standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins
+Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen
+anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so
+stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin
+seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern
+dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn,
+und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen
+dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder
+geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht,
+indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen
+Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo
+hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die
+Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus.
+Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn
+sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit
+ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht
+unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen
+zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre
+Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und
+von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden
+sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.
+
+Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des
+Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem
+Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer
+zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber
+die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das
+Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten
+Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie
+wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie
+stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in
+aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria
+Jakobi und Salome zum Grab.
+
+Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen,
+welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die
+Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon
+auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren.
+Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste
+war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der
+Engelserscheinung »zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen
+Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid
+gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor
+ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern,
+daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen«. Auch Lukas
+berichtet darüber in ähnlicher Weise: »Es waren aber Maria Magdalena und
+Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln
+sagten«. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem
+Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen;
+er läßt den Engel zu den Weibern sagen: »Er ist auferstanden, er ist nicht
+hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor
+euch hingehen wird in Galiläa«. Auch der Herr selbst, da er zuerst der
+Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sag
+ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.«
+
+Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als
+Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn
+oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft
+der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von
+den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.
+
+Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen
+grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine
+Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie
+Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er
+anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: »seid gegrüßet«
+gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen
+untersagt mit den Worten: »Und grüßet niemand auf dem Wege«. Es ist, als
+hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und
+selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der
+Unsterblichkeit erlangt hatte.
+
+Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald
+nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt
+seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich
+schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im
+Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen:
+»diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt
+den Weibern und Maria, der Mutter Jesu«.
+
+Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich
+im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium
+verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die
+ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken,
+welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir
+werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen
+entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen
+Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen
+geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde.
+Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: »In den Tagen aber, da der
+Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die
+Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen
+Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und
+sprachen: 'Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu
+Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben
+Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit
+sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen
+anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen
+Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen
+Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und
+Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die
+Apostel und beteten und legten die Hände auf sie«. Es spricht gar sehr für
+die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für
+die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die
+Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den
+Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem
+sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie
+diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und
+durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.
+
+Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines
+Apostelamtes in Anspruch: »Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester
+zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?« Als wollte er sagen:
+Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie
+auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit
+sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren
+Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem
+Buch »Vom Werk der Mönche«: »Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die
+mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen
+Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht
+Mangel litten«. Ferner: »Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen
+Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium
+verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen,
+daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium
+heißt es: 'Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte
+und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die
+Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den
+bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und
+Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere,
+die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich
+hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen
+mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese
+Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.«
+
+Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen
+sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche
+Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die
+»Kirchengeschichte« das Lob, welches der beredte Jude Philo über die
+alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur
+ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt
+hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: »In vielen Gegenden
+der Erde leben solche Menschen«. Und bald darauf: »An jedem dieser Orte
+befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder
+'Monasterium' genannt wird«. Ferner heißt es weiter unten: »Sie kennen
+nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst
+neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten
+gar lieblich singen«. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit
+und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt:
+»Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen,
+darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt
+und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus
+Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen,
+nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig
+halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene,
+oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten
+unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine
+Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der
+Vernichtung anheimfällt«. Weiter heißt es von Philo: »Er schreibt auch von
+ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen
+Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch
+Sitte ist«.
+
+Hierher gehört auch, was die »Dreiteilige Geschichte« zum Lobe der
+christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie
+Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: »Die Begründer dieser
+tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und
+Johannes der Täufer.« Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner
+Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei
+einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der
+Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren
+und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen
+Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang
+keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich
+enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser.
+Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie
+Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.
+
+Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches »Berühmte
+Männer« zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: »Er zuerst predigte
+in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre
+und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein
+Beispiel nehmen mußten«. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller
+der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu
+Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen
+Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in
+Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in
+der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem
+Gedächtnis überliefert.
+
+Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: »Der Jude Philo, von
+Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns
+darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über
+die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in
+Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß
+hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre
+Wohnungen Klöster nennt«.
+
+Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von
+der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da
+besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte,
+wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus
+mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies
+Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem
+berichtet.
+
+Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß
+in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen
+betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die
+heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre
+Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste
+Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit
+ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch
+das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also
+steht geschrieben: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine
+Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am
+Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat
+eine herrliche That gethan'«. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm
+wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von
+den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am
+Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt
+wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen,
+sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner
+heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die
+strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach
+sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre
+bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch
+vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen
+Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: »Lobet
+ihn mit Pauken und Reigen«, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches
+und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: »Die Menge
+der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele«.
+
+Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben,
+ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der
+Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den
+himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen
+Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus
+frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.
+
+Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der
+Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem
+Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit
+den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt
+Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder,
+Kapitel V: »Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll
+wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren
+Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels,
+zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem
+Platze, auf den man ihn gestellt hatte«. Es ist auch sicher, daß die
+Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil
+hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im
+Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: »Alle
+Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben
+und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht«. Es scheint
+demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied
+gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den
+Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja
+von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden
+Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen.
+
+In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe
+der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der
+Herr selbst spricht zu Mose: »Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen:
+Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der
+soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken
+Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren
+gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange
+solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom
+Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches
+seines Gelübdes währet«. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf
+sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren
+Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne
+waschen sollten, wie geschrieben steht: »Moses stellte ein ehernes Becken
+auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte
+aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten«.
+Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher
+sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen,
+sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete
+verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer
+schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war,
+wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den
+übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter
+anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der
+mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form
+der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen
+wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die
+Hebräer spricht: »Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen,
+die der Hütte pflegen«, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht
+würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in
+einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums
+aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und
+die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind
+die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins
+zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten,
+daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen
+Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des
+Psalmisten: »Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang«. Denn unsern
+Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier
+ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort
+einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht
+sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere
+oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des
+sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener
+Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel
+der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder
+Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel
+die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren
+Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne
+waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und
+die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste
+die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der
+Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch
+welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat
+gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die
+Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen
+Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: »Was werden die rauhen
+Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen
+ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe
+siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der
+Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?«
+
+Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre
+der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft
+dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit
+dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn
+Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten
+vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des
+Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen
+durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: »Und es war eine Prophetin
+Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und
+hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war
+nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente
+Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu
+derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die
+da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten«.
+
+Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit
+dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre
+Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der
+Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit
+ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die
+sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr
+anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der
+Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen
+und nunmehr geborenen Heiland.
+
+Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der
+Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von
+ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des
+Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern
+gegenüber vom Messias geredet habe.
+
+Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über
+welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: »Ehre die Witwen,
+welche rechte Witwen sind.« Ferner: »Das ist aber eine rechte Witwe, die
+einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und
+Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.« Und
+weiter: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und
+lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen
+sind, mögen genug haben«. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen,
+welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben,
+oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande
+verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie
+allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie
+niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der
+Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten
+werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.
+
+Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen
+seien: »Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da
+gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie
+Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen
+Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie
+allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«.
+
+Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also
+aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein
+böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt
+gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch
+schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an
+Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel
+geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen
+Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so
+offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und
+diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat:
+»Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das
+Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden
+sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben
+ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul
+und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul,
+sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So
+will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
+Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche
+umgewandt dem Satan nach«.
+
+Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt
+der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus,
+in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine
+brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die
+das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt
+sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man
+früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter.
+Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem
+dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie
+uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht:
+»Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und
+wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da
+dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern
+Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse,
+sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft
+göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz
+führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs:
+»Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen
+'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der
+Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so
+weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei
+diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige,
+welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat:
+du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch
+niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so
+müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«.
+
+Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der
+römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute
+Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am
+Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie
+sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft,
+darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch
+mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen
+ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei
+Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der
+Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch
+heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt;
+auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius
+sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch
+Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete
+in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und
+warm empfiehlt«.
+
+In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen
+selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er
+sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen
+Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu
+sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht
+zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das
+Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen
+lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie
+unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein,
+nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen
+jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und
+ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst
+eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«.
+
+Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das
+gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt:
+»nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher
+ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen
+Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu
+haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes
+Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig
+Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe
+guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so
+sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung
+gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen
+aber entschlage dich.«
+
+Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der
+Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die
+vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von
+dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den
+Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie
+der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so
+findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts.
+Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien.
+Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien,
+sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr
+vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr
+Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«;
+nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an
+Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr
+wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter
+war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt
+leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber
+gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige
+Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns
+gestellt haben.
+
+So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,
+indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit
+ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde.
+Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den
+Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling,
+der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen
+werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit
+benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man
+seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.«
+
+Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben
+der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher
+in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem
+älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war
+als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die
+Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich,
+daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig
+wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine
+Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden,
+nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel.
+
+Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit
+der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die
+ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus
+dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte
+Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder
+Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren
+und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt
+es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht
+versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«.
+
+Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der
+Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter
+dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die
+Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen
+wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu
+sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum
+verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge.
+Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit
+häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich
+Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren
+Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die
+gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren
+Eltern aufgezogen worden sind.
+
+Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie
+anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um
+ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der
+versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß
+die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen
+als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie
+von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit
+für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht
+deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu
+unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung
+angehalten werden sollen.
+
+Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre
+ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte
+Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst
+seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus
+Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die
+Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und
+Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin
+und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie
+möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander
+lieben«.
+
+Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die
+Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie
+ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch
+sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich
+Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen
+muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht
+dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt:
+»Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern
+vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig
+siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag
+die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen
+-- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut,
+wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück
+heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«.
+
+Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte,
+über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten
+Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche
+Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das
+sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch
+aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche
+die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch
+erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen
+Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich
+erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen
+und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen
+Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine
+Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem
+Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche
+Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit
+ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines
+besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es
+sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen
+werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen
+der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr
+gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom
+Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande
+und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein
+geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die
+Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte,
+erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten,
+Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist
+je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen
+vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit,
+sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen
+führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne
+und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und
+Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben
+oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in
+seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die
+Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod
+gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine
+Weiheformel hinterlassen.
+
+Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen
+Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her
+von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je
+schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto
+vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den
+mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er
+spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den
+Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in
+demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d.
+h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder
+besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des
+Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die
+uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre
+an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns
+wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget
+und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine
+Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«.
+
+Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht
+irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache
+Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur
+sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses
+Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich
+erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an
+den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach
+dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die
+ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist
+die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und
+Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem
+weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der
+Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im
+Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde.
+Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat
+sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu
+pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den
+Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der,
+der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der
+Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im
+Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der
+bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die
+geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller
+Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde
+Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch
+die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der
+Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer
+gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den
+Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den
+Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben.
+
+Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden
+wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten.
+Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen,
+als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der
+Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer
+Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit
+seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar
+geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im
+Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels
+der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen
+Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem
+Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene
+Sache gewesen war.
+
+Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den
+Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das
+feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein
+Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das
+Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube
+fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum
+Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest
+eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten
+Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an
+den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der
+Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche
+der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu
+essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur
+verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur
+Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg
+vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und
+zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.
+
+Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas,
+das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche
+Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im
+Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut
+und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der
+Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß
+wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine
+Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat
+nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig
+drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was
+war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen
+oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von
+ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten
+war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne
+Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und
+gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes?
+Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies
+anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr
+die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin
+von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und
+wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau
+um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel
+größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an
+euren heiligen Beruf gebunden seid.
+
+Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich
+bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium
+durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine
+Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden,
+welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der
+Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar,
+einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon
+vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des
+schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so
+angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses
+Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier
+nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere
+Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die
+Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber
+ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist,
+daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen
+Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung
+willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen
+Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«.
+
+Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas
+vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem
+unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt
+hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem
+siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß
+sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den
+Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre?
+Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel
+gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von
+ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm
+ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten,
+verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des
+Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit.
+Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst
+davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den
+irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die
+Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses
+hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die
+Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis
+an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr
+leidvolles Schicksal Ausdruck geben.
+
+Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für
+das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns
+den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes
+Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen
+wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm
+zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen?
+Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht
+hat den Heiland geboren«.
+
+Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des
+Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt
+hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es
+ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein
+er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere
+Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des
+weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen
+die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden.
+Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen,
+hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere
+Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.
+
+Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in
+Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich
+wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große
+Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für
+Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem
+Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge
+noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und
+Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie
+zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete,
+mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau
+zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn
+dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch
+vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst
+empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen
+hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen
+weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die
+Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich
+gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.
+
+Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den
+Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und
+uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist.
+Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem
+Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu
+nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen
+weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich
+auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die
+Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den
+gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst,
+daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn
+Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist:
+Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines
+Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach
+verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch,
+es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr
+siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie
+folgt:
+
+ »Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters
+ Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,
+ In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.«
+
+Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so
+kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«.
+
+Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er
+wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren
+sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden
+sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen
+Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen,
+damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage,
+woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für
+den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn
+bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist
+preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt,
+Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am
+Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage
+wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans
+Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«.
+
+Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte
+unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner
+vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers
+Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines
+Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt
+Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen
+werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes,
+d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser
+Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen
+auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von
+der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich
+mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:
+
+ »Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;
+ Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. --
+ Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,
+ Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.
+ Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen,
+ Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.«
+
+Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie
+deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine
+Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das
+zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das
+erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion,
+und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner
+Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die
+Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die
+Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi
+Höllenfahrt nichts berichtet haben.
+
+Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche,
+lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel
+Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die
+Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen
+Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht
+bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel
+kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi,
+iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner
+Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht
+von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich
+dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu
+trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden
+haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch
+nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also
+von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen,
+welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige
+Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben
+gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies,
+wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der
+Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur
+sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je
+bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken
+verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich
+durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank
+nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da
+wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im
+folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines
+Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit
+da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.
+
+Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der
+Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch
+diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele
+belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso
+guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von
+prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den
+Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so
+sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn
+derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute
+aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus
+hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich
+behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt:
+»Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter
+Städte«.
+
+Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem
+gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas
+dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts
+davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum
+baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der
+Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine
+Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie
+allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere
+gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt,
+haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu
+ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht
+hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das
+nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt
+hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn
+gewonnen hat.
+
+Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien
+nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat
+der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß
+nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So
+lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre
+Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt
+die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen,
+wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den
+Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel
+in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der
+Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten
+Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die
+Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden.
+Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem
+er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung
+erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz
+besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst
+erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das
+natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines
+feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die
+Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und
+weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für
+ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus
+Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang:
+»Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich,
+sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird
+die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren
+und die Leiber, die nicht geboren haben.«
+
+Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an
+der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf
+dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du
+nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im
+Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der
+Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob,
+daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die
+dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so
+richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre
+Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und
+bewahren«!
+
+Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe
+des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von
+Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha
+lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge
+besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des
+Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch
+keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben
+an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm,
+als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.
+
+Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche
+bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur
+Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie
+verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca,
+die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden,
+ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon
+erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird
+berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf
+durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle
+gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß
+das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden
+eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf
+gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und
+ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die
+letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen
+die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben,
+so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod
+Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem
+Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging.
+Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei
+Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem
+Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht
+zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die
+sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem
+jungfräulichen Bräutigam zu kommen.
+
+Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit
+heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des
+heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch
+den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt,
+vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon,
+daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden
+wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so
+daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den
+Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes
+an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel
+eröffnet.
+
+Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei
+ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben,
+seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche
+die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.
+
+Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche
+Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer
+Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die
+Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab,
+die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube
+noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche
+von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist
+allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen
+Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich
+die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen
+Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche
+heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der
+Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser
+Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der
+Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische
+Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen
+ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der
+Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche
+Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und
+Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren,
+und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn
+geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.
+
+Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes
+Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten
+wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit
+so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich
+aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im
+dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu
+thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre
+Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?«
+Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren
+solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben,
+unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt
+hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten
+abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben
+Sinn.
+
+Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift »gegen
+Jovinianus«, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und
+Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: »Ich bin bei der
+Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit
+diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten,
+wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen«. Weiter oben in derselben
+Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen
+könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein
+ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere
+Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen
+Wert anerkannt. »Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und
+Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien
+zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit
+und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.« Weiter heißt es
+da: »Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde,
+soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von
+Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können«. Und Sidonius, Bischof
+von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:
+
+ »So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,
+ Deren Vater du warst, o Tricipitinus;
+ So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,
+ Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten
+ Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.«
+
+Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift »vom Gottesstaat«: »Kommen wir
+nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet
+unsern Märtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, daß auch
+sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den
+großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche
+Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise
+der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber
+angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren
+gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen
+Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der
+allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und
+dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen
+der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?«
+
+Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter
+den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr
+sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist
+geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie
+sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten
+wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um
+seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß
+selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies
+wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie
+führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares
+Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen,
+sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu
+retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen?
+
+Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes
+Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des
+ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk
+verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine
+eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens,
+durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den
+Gläubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld
+gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn
+durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer
+Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger
+Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des
+Fleisches meidet.
+
+So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern
+die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend
+bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen
+mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte.
+Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst
+wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie,
+dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den
+Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches
+verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie
+der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt,
+Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte
+des Dichters bei: »Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?« Wer
+wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder,
+welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner
+Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder
+für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll
+-- die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden
+bewegen lassen!
+
+Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner
+aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem
+Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht
+hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er
+sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der
+Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran
+erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich
+erweist.
+
+Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn
+geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf
+die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt
+Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit
+folgenden Worten: »Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die
+Priesterin nun lebendigen Leibes begraben«. So auch Augustin im dritten
+Buche des »Gottesstaates«: »Die alten Römer begruben lebendig die über dem
+Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen
+dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode«. So sühnten sie
+strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung
+dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit
+war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit
+angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde
+beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen:
+»Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht
+bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit
+dem Leben büßen«. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur
+Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen
+Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die
+Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen,
+Kapitel XIII: »Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den
+Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich
+verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht
+zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen
+hatten, nicht mehr am Leben ist«. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht
+eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen
+Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht
+genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr
+Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen
+abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger
+kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn
+der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt,
+sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie
+viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort
+brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des
+Mauritius: »Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als
+die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst
+vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren
+gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig
+zu achten seien«.
+
+Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die
+heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der
+Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß
+sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt
+und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe
+unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich
+nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und
+Hieronymus.
+
+Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit
+solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich
+nach dem Bericht der »Kirchengeschichte« selbst entmannte, um nicht durch
+irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden.
+Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen
+Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium
+der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung
+über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der
+Frauen schrieb, zu in den Worten: »Weil ich aber, durch meine große Liebe
+zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich
+den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen«. Dagegen wissen wir, daß
+manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung
+ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine
+kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene
+Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: »Ich habe
+an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei
+Schriften geschickt: eine 'über den Ursprung der Seele' und eine zweite
+über den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hält und sündiget
+an Einem, der ist's ganz schuldig.' Über beide Schriften bat ich ihn um
+sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst
+ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht
+verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er
+antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine
+Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben
+so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten
+würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte.
+Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht«. Man
+sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch
+nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß
+derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß
+seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere
+Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum
+so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er
+die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner
+Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen
+Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als
+sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; »Die Liebe kennt keine
+Grenze«. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die
+Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: »Wenn alle meine Glieder sich in
+Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch
+keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula
+würdig zu preisen«.
+
+Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben -- der
+höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und
+was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel
+ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese
+Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit
+einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene
+Schmeichelei erscheinen muß. »Von allen Gegenständen, sagt er, über welche
+ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben
+habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das
+gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die
+Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn
+ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich
+sei ein Schmeichler«. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die
+Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend
+anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er
+sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß
+sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu
+leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von
+falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: »Mögen sie mich, heißt es
+da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du
+aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten
+für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu
+richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie
+haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet.
+Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst
+sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen
+sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein
+Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht
+nach Jerusalem gekommen wäre.« Weiter heißt es: »Ehe ich in das Haus der
+frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen
+Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten
+Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem
+Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal
+aller Tugenden bar.« Und etwas weiter unten sagt er: »Grüße Paula und
+Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle«.
+
+Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch
+vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen
+hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: »Wenn dieser ein Prophet
+wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret«. Was
+Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi,
+durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens
+nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht
+davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.
+
+Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen
+Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu
+trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen,
+daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid,
+nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten
+lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist
+der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers
+Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte,
+daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit
+teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen
+Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie
+wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren
+Geschlechtes gewesen sei.
+
+So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel
+der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen
+sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser
+Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen
+konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich
+selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott
+gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht
+getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu
+ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn
+sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl
+des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben
+wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen
+Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.
+
+Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie
+nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für
+Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch
+ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden
+wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja,
+auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm
+getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.
+
+Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures
+Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich
+hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures
+Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen.
+Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes
+Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl!
+
+
+
+
+VIII. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+
+Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich's vermochte. Es
+bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im
+Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu
+befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch
+eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen
+könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben
+einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem
+bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte
+Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu
+Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel
+Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen
+Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk
+aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei
+der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst
+bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch
+»Rhetorica« folgendes: »Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen
+Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden
+ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung
+die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren
+Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl
+glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten
+Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu
+malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen
+feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber,
+sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß
+er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und
+daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß
+sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war
+seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig
+Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand
+vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.«
+
+So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der
+Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben.
+Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau
+allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit
+erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen
+Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch
+zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das
+Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem
+heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die
+Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für
+Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit
+uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für
+euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen,
+gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit
+schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut
+Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er
+glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit
+nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu
+Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein
+vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und
+zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im
+Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure
+Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid
+in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi!
+
+Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen
+will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen,
+sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei
+Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der
+Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit,
+Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der
+Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte
+vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen,
+welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: »Welche nicht freiet, die
+sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch
+am Geist«. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein
+einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur
+Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem
+Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie
+aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie
+zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun
+vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: »Herr, Herr, thue
+uns auf!« -- da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu
+teil: »Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht«.
+
+Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach,
+wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um
+seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern
+auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem
+Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken
+lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig
+unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: »Wer euch
+höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«. Selbst
+wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte --
+wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen
+darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der
+Herr selbst: »Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren
+Werken sollt ihr nicht thun«. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu
+Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: »Wer nicht entsagt
+allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein«. Ferner: »So jemand zu
+mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder,
+Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein«.
+Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht
+durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein
+Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses
+Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten:
+»Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz
+auf sich und folge mir«. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner
+Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der
+gesagt hat: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der
+mich gesandt hat«. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun.
+Denn was heißt »sich selbst verleugnen« anderes als: das Behagen des
+Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht
+vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz
+nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und
+durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch
+ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt,
+d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom
+Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine
+höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn
+dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen
+das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als
+etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die
+Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein
+anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach
+die Warnung aus: »Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen
+Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen
+Feinden selbst zum Spott machen«. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns
+selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden
+Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam
+ist, wie geschrieben steht: »Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und
+Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären,
+sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem
+ihm not war«. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte
+man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war.
+»Ein Herz« -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. »Eine Seele« --
+denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder
+wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den
+eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem
+allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine,
+sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne
+persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im
+eigentlichen Besitz seinen Grund hat.
+
+Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der
+heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: »Es sei ferne
+von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges
+geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit«. Und
+Salomo seinerseits sagt: »Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen;
+wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug«. Wir dürfen uns also wohl
+hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die
+Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir
+vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt:
+»Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen«. Aus dem
+Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach
+Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den
+Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir
+nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser
+Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.
+
+Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten,
+das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: »Wir fehlen alle
+manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein
+vollkommener Mann«. Und weiter sagt er: »Alle Natur der Tiere und der Vögel
+und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von
+der menschlichen Natur«. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge
+eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der
+Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: »Die Zunge ist ein
+klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet's an!... eine
+Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes«. Was
+aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift
+das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle
+Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: »So aber sich
+jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht
+im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel«. So heißt
+es auch in den Sprüchen: »Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist
+wie eine Stadt ohne Mauern«. So meinte es auch jener Greis, als ihm
+Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm
+gesellt hatten, sagte: »Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein
+Vater.« Jener antwortete: »Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine
+Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden«.
+Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und
+nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe
+wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum,
+wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die
+vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und
+darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den
+Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören,
+muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir
+können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.
+
+Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit
+denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht
+kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche.
+Denn »die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel«. Je kleiner und
+feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die
+andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung
+gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und
+biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto
+lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann
+sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.
+
+Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache
+und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen
+Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause
+ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden,
+sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen
+beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: »Ein Weib lerne in der
+Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß
+sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei«.
+Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in
+Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er
+dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die
+Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.
+
+Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten
+und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu
+folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im
+Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem
+Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu
+den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür
+Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann
+man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen
+geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit
+möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz
+zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten
+oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten,
+weil hier die größte Gefahr droht.
+
+In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern,
+giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner »Moralia« folgende
+Vorschrift: »Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen
+wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien
+und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem
+Frieden des Herzens ist es vorbei«. Daher sagt Salomo mit Recht: »Wer
+Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor«. Wasser verschütten, das heißt:
+seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: »Tiefes
+Wasser kommt aus dem Munde des Mannes«. Also wer Wasser verschüttet, der
+ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät
+Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: »Wer einem Narren Schweigen
+gebietet, der lindert den Zorn«.
+
+Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte
+Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben,
+wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle
+entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal
+Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion
+erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so
+werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt,
+doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.
+
+Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er,
+daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird
+von ihm erzählt: »Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die
+Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brüder'. Da sagte einer der
+Mönche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als
+diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was
+ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter
+sich zu und blieb allein«. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus
+den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: »Schweigen ist
+Pflege der Gerechtigkeit« -- sie wurde von den heiligen Vätern mit so
+glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen
+Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.
+
+Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen
+zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem
+trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen
+sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien
+die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an
+den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die
+Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle
+hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen
+so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine
+Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit
+Gott zu pflegen.
+
+Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns
+in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte,
+mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege
+ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für
+uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem
+Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge,
+sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er
+abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom
+Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den
+versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und
+vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele
+mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.
+
+Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch
+die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es
+festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem
+Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel
+Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich
+gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben
+reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
+
+Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die
+Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: »Wer
+hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes
+aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er
+verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er
+schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist«.
+
+Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter
+dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller
+weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat
+und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind
+ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er
+nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet,
+sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein
+ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er
+verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf
+darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die
+Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung
+lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die
+Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
+
+Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an
+den Mönch Heliodorus schreibt: »Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes
+'Mönch', d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der
+du der Einsamkeit gehörst?« Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere
+Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter
+Paulus folgendermaßen: »Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst,
+wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann
+wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil
+anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein
+Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte
+für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten
+Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter
+mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich
+bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen.
+Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus,
+Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die
+Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die
+Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und
+sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene
+Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die
+in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes
+gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in
+Gottes Dienst stehen«.
+
+So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit
+wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da
+wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser
+Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem
+heiligen Beruf abziehen.
+
+Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der
+Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird
+erzählt: »Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu
+Gott: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Da ertönte eine Stimme, die
+sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er
+ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben
+Worten: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine
+Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die
+Wurzeln der Sündlosigkeit'«. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu
+seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch
+dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung
+einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm
+führen wollte, sagte Arsenius: »Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet
+ihr euch danach richten?« Als sie dies bejahten, sagte er: »Überall, wo ihr
+hören werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne«. Als ihn der Erzbischof
+ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob
+er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: »Wenn du kommst, so werde
+ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch
+allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein«.
+Darauf sagte der Bischof: »Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich
+nie mehr zu dem heiligen Manne gehen«. Einer römischen Dame, die gekommen
+war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: »Was ist dir eingefallen,
+eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und
+nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in
+Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen -- so daß das Meer bald von
+Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?« Die Frau antwortete: »Wenn
+Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß
+niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.«
+Darauf Arsenius: »Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich
+aus meinem Herzen verwische«. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich
+ganz betroffen.
+
+Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er
+den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: »Weiß Gott,
+ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen
+zugleich verkehren«.
+
+Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den
+Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von
+sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist,
+sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem »Leben der Altväter« kann man es
+lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der
+Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein
+Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle
+und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler,
+der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider
+auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu
+waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: »Kehret
+um, der Alte hat den Verstand verloren«. Als er wieder zu ihm kam, fragte
+er ihn: »Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der
+Alte ist besessen«. Da antwortete der Greis: »Das eben wollte ich hören«.
+
+Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des
+Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs
+begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: »Sag uns,
+Alter, wo ist die Zelle des Moses?« Dieser antwortete: »Was wollt ihr von
+ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer«. Was soll man dazu sagen, daß der
+Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er
+dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem
+Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt
+kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind
+bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten
+Rufes.
+
+Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend
+kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst
+den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht
+gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: »Im
+Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte,
+da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte
+Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein
+Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein
+Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies
+vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt,
+ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich
+von dannen«. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager
+ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an
+ihre Thür pochte, zu antworten: »Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll
+ich sie wieder besudeln?« Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer
+Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder
+von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die
+Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr
+über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene
+Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge
+mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der
+Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die
+Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das
+Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während
+sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit
+gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete,
+Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große
+Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so
+sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei
+sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von
+weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen
+und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig
+und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so
+bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres
+Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem
+häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer
+ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.
+
+Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern
+selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer,
+Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind
+viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu
+Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie
+mißbräuchlich »Obedientien«, und doch wird hier keine Regel eingehalten und
+nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit
+ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens
+Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen
+frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen,
+die bei anderen Menschen verzeihlich sind.
+
+Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen --
+ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die
+Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher
+Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit
+geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige
+Antonius: »Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt,
+dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge
+und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit
+dem Herzen«. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer
+Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft
+er aus: »O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott
+erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du
+über der Welt stehst!«
+
+Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster
+passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst
+des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster
+ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu
+befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das
+beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich
+Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die
+Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß
+vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.
+
+Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des
+Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das
+den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in
+allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres
+und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last
+auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche
+die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll
+es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die
+Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem
+Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr
+Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine
+menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur
+Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und
+nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die
+Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die
+Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: »Um
+ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren«. Auch nach dem Tod
+Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom
+hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft
+teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:
+
+ »Den Grund deiner Leiden
+ Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:
+ Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.«
+
+-- -- -- Und einige Verse weiter unten heißt es:
+
+ »Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball
+ Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,
+ Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:
+ _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,
+ Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.«
+
+So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er
+hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große
+Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster
+in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von
+allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie
+einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen
+Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und
+sprachen: »Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den
+Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze
+Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann
+von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden
+Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in
+die Heimat, um dort Gott zu preisen?«
+
+Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, unterwinde sich nicht
+jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen
+werden«. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch
+Rusticus gab: »Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die
+unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer,
+denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die
+Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein
+Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder
+nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im
+Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof,
+jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische
+Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr.
+Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies
+will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem
+eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten
+und in der Gemeinschaft mit vielen«.
+
+Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine
+Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter
+ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie
+nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem
+Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam
+die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der
+übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen
+und seine Trabanten tapfer ankämpfen.
+
+Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr
+und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine
+Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine
+Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine
+Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse
+bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem
+geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch
+geschrieben: »Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst« -- und
+anderswo: »Schrecklich wie Heeresspitzen«. Die sechs andern Schwestern, die
+wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den
+Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir
+Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen
+Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt
+und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und
+ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr
+untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.
+
+Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die
+einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den
+Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche »Heeresspitzen« seien.
+
+Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich
+mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person
+feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon
+in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre
+Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und
+erprobt sein müsse; nämlich also: »Laß keine Witwe erwählt werden unter
+sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein
+Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei
+gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen
+Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der
+jungen Witwen aber entschlage dich«. Derselbe Apostel sagt in seiner
+Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: »Desselbengleichen ihre
+Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen
+Dingen«. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen
+Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend
+besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach
+dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein
+soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der
+verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene
+Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren
+vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: »Wehe dir, Land, des König ein Kind
+ist« -- und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben:
+»Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten«. Darum heißt
+es auch in den Sprüchen: »Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf
+den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden«. Und im Buche Sirach: »O wie
+fein steht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die
+Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie
+viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.« Weiter
+heißt es da: »Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der
+erfahren ist ... Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's
+not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als
+der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn
+gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen«.
+
+Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk
+stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und
+in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt
+Väter nennen, Alte.
+
+Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe
+der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester
+gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den
+andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für
+die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht
+zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen,
+sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie
+nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist
+ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da,
+sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der
+Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun
+und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des
+Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr
+wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius
+überliefert ist: »Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern
+durch Thaten andere belehrt«. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in
+dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.
+
+Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er
+phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten,
+als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. »Antwortet mir« -- sagte
+er zu ihnen -- »was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die
+Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der
+Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden
+Menschenverstand?« Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder
+der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: »Also braucht sich, wer gesunden
+Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern«.
+
+Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn:
+»Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?« Und
+wiederum; »Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die
+Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott
+erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der
+Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu
+nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme«. Denn
+das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in
+Kraft.
+
+Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses
+oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu
+erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues
+lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht
+gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen;
+hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels
+Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß
+der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.
+
+Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet
+hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn
+nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel
+erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen.
+Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend,
+anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster
+zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder
+sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in
+ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer
+Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch
+die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer
+sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; »Der Prophet gilt nirgends
+weniger als in seinem Vaterlande«.
+
+Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles
+dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden
+gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: »Aus diesen Erwägungen
+geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit
+gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde
+begehen«. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen,
+wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die
+dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge
+der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere
+Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in
+sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt,
+selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit
+ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten
+aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der
+Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere
+zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.
+
+Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: »Laß die Wahrheit
+nimmer ferne sein von meinem Munde«; denn er gedenkt der schweren Drohung
+des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: »Zu dem Sünder
+aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst
+meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte
+hinter dich?« Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt:
+»Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige
+und selbst verwerflich werde«. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf
+sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und
+wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst
+leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: »Arzt, hilf dir selber!«
+
+Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung
+einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht,
+da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens.
+Die Wahrheit spricht: »Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und
+lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich«. Es
+löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher
+Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf
+seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also
+verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein
+schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr
+nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm
+untergebenen Seelen Blut verlangen wird?
+
+Darum spricht die »Weisheit« folgende Drohung aus: »Denn euch ist die
+Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird
+fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines
+Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein
+Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar
+greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht
+gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die
+Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird
+ein stark Gericht gehalten werden«.
+
+Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde
+bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn
+mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem
+viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der
+»Sprüche« warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten:
+»Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei
+einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes
+und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und
+errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile,
+dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch
+deine Augenlider schlummern«.
+
+Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in
+unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle
+Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand
+»verhaften« wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum
+Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch »in
+die Hände gekommen«, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er
+zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat
+zu befolgen: »Eile, dränge und treibe« u. s. w.
+
+So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn
+bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit
+nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein
+brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll
+sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie
+von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so
+gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige
+Hieronymus den Vorwurf macht: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt,
+wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den
+Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon
+sprechen«.
+
+Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die
+Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut
+des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: »Hast du Töchter, so
+bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht«. Und
+weiter: »Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und
+das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden«.
+Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch
+jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem
+andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß
+mißbrauchen. Es steht geschrieben: »Der Tod dringt ein durch unsere
+Fenster«, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne.
+Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend
+etwas schwerer zu behüten als sie? »Die Wahrheit« spricht: »Fürchtet euch
+nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten«. Von
+allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod
+als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge?
+Und doch steht geschrieben: »Der Mund, der da lüget, tötet die Seele«. Was
+ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig
+wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig,
+sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher
+menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den
+geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu
+bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns
+anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu
+verwunden vermag? der ohn' Unterlaß uns nachstellt und besonders die
+Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: »Seine Lockspeisen
+sind auserlesen«. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten:
+»Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und
+suchet, welchen er verschlinge«. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns
+zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: »Siehe, er schluckt
+in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den
+Jordan mit seinem Munde ausschöpfen«. Denn was sollte der nicht anzugreifen
+wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon
+die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel
+dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm?
+Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen
+gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?
+
+Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall
+gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat.
+Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine
+Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit
+der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze
+Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch
+höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.
+
+Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg
+anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das
+Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein
+Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein
+genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas
+erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer
+Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach
+kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch
+gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres
+Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder
+nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich
+auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber
+kommen -- nach dem Worte des Herrn; »Alle, die kommen, sind Diebe und
+Räuber«. -- »Es sind gekommen,« sagt Hieronymus, »die nicht gesandt waren.«
+Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. »Denn
+niemand,« sagt der Apostel, »nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch
+berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.« Wirst du berufen, so traure wie
+eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als
+wärest du dem Tode entgangen.
+
+Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn
+wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse
+selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit
+und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den
+anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV:
+»Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der
+soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird,
+daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er
+ausrotten soll«.
+
+Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand
+leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für
+unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch
+den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie
+viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen
+lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr
+Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben
+steht: »Der Gerechte klagt sich selber zuerst an«. Und wenn sich später
+einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen
+Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und
+unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit
+falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie
+ihnen aufgenötigt worden sei.
+
+Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen
+die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie
+seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen
+annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er
+geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das
+Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu
+laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von
+viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen
+gilt das Wort, das in den »Sprüchen« geschrieben steht: »Ein Thor klatscht
+in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist«. Denn der
+Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte:
+nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst
+verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt
+als gefürchtet werden soll.
+
+Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus,
+daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre
+Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den
+übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr
+anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit
+haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß
+der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt
+gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese
+Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist
+sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent
+nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für
+die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein
+Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng
+auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand
+der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen.
+Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten
+Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung
+des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede
+Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles
+gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt
+uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit
+ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er
+die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.
+
+Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen
+sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen
+haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in
+Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu
+erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: »Sei nicht
+ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn
+Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten
+vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum
+Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von
+den andern«. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln
+gegen Untergebene giebt, sagt: »Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne
+ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die
+Mütter, die jungen als die Schwestern«. -- »Nicht ihr habt mich erwählt« --
+spricht der Herr -- »sondern ich habe euch erwählt«. Alle andern
+Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man
+nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre
+Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch
+hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen,
+welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes
+Vorbild und indem er sagt: »Die weltlichen Könige herrschen und die
+Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also«.
+
+Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur
+herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als
+geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern
+oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern
+grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten.
+Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer
+Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum
+sagt er: »Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater
+heißen auf Erden«. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt
+er: »Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden«.
+
+Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten
+Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im
+Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die
+Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer
+Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten
+willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem
+Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den
+Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter
+ihnen sehen läßt -- wie geschrieben steht: »Wenn du von einem Mächtigen
+gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender
+rufen«. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies
+Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für
+die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind,
+desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind
+sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die
+Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht
+beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam
+einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen
+sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist
+allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer
+Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer
+Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen,
+bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und
+Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die
+zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche
+hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten.
+
+Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite
+stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt
+werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch
+bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der
+Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern
+die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und
+Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein
+und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer
+gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische
+Verordnung bestehen bleibe: »Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus
+des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt«.
+
+So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und
+Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder
+der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum
+Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über
+eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: »Frage: Darf außer
+der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen
+seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift
+des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch
+zugehen'«. Ebenso im folgenden Kapitel: »Frage: Darf ein Abt mit einer
+Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis
+nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit
+lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach
+seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht
+gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'.
+Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung
+möglichst kurz machen.«
+
+Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: »Einstimmig haben wir
+beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen
+bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der
+Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie
+erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu
+verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden.
+Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein
+näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum
+des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die
+Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über
+ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht
+zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder
+drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz«.
+
+Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine
+Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang
+kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und
+Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die
+Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus
+den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es
+sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die
+nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters
+zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele
+beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken
+obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte
+vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen.
+
+Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen
+Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und
+die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen.
+
+Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster
+allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die
+Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben,
+auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde
+und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige
+Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den
+Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen,
+entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und
+so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not
+thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter
+oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er
+hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so
+liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr
+unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche
+nun dieses neue Band noch enger umschlingt.
+
+Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die
+Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes
+Bräute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, über
+die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie
+der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die
+Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht,
+wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein
+könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so
+erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er
+befohlen wird.
+
+In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen
+tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer
+Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse
+besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die
+Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch
+soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die
+Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er
+bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre
+Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen.
+Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in
+Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr
+hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.
+
+Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei
+den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem,
+was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das,
+was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern
+sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen
+besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot
+bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen.
+Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob,
+überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer.
+
+Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und
+der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein
+und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn
+er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen
+Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger
+abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich
+den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner
+Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit
+ihr möglichstes beitragen werden.
+
+Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die
+ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern
+zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine
+Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren
+Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden -- die
+Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten.
+Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn
+die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall
+einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht,
+diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster
+ausgewiesen werden.
+
+Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen
+Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen
+den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in
+allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der
+Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um
+so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt.
+Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je
+weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es
+ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die
+Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich
+will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden.
+
+Die _Meßnerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht
+über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum
+Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden,
+hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen
+oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben
+Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die
+Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen
+Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen,
+für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien
+sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen,
+auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin
+noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder
+Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung
+übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder
+herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht
+der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die
+würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke
+öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder
+hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das
+Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders
+auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von
+erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der
+Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert
+sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.
+
+Die _Vorsängerin_ hat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die
+Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten
+lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die
+Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für
+das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor
+zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche
+vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte,
+die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie
+im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik
+haben. Auch soll sie nächst der Äbtissin für die Aufrechterhaltung der
+Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch
+genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten.
+
+Die _Krankenwärterin_ hat den Dienst der Kranken unter sich und soll
+dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke
+nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne
+weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte
+Sprichwort: »Für Kranke giebt es kein Gesetz«. Fleisch soll ihnen nicht
+vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an
+den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so
+mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor
+allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht
+man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben
+steht: »Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst,
+sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der
+Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller
+Sünde«. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die
+jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß
+mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die
+Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die
+örtlichen Verhältnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn
+die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren
+der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit
+man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den
+Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der
+kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am
+Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener
+Beichte und Buße, soweit dies möglich ist.
+
+Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen
+Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken
+hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von
+gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl
+mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine
+besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich
+soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist.
+
+Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen
+Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der
+Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden.
+
+Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin
+die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu
+sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort
+des Herrn von ihnen gelte: »Ich bin krank gewesen und ihr habt mich
+besucht«. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein,
+so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent
+eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der
+Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages
+oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn
+kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so genügt
+es auch -- denn nichts geht über den Dienst des Herrn -- daß die Äbtissin
+mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent
+später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen,
+sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl
+aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die
+Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich
+sind.
+
+Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der
+Prediger deutlich aus: »Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das
+Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's
+zu Herzen«. Ferner: »Das Herz der Weisen ist im Klaghause«. Der Leichnam
+der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem
+einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann
+soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier
+verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so
+angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den
+Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen
+bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen
+singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den
+übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie
+darin eingenäht werden soll wie in einen Sack.
+
+Die _Kleiderverwalterin_ hat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf
+sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen
+betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das
+Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und
+Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu
+sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für
+die gesamte übrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen
+derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: »Sie gehet
+mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt
+ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet
+ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache
+Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus
+zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und
+preisen sie selig«. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat,
+sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der
+für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich
+annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden.
+
+Die _Kellermeisterin_ hat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des
+Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das
+Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den
+Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die
+Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr
+wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig
+sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn
+»einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«. Überhaupt warnen wir sie davor, daß
+sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich
+selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten
+der anderen. »Der beste Haushalter -- sagt Hieronymus -- ist der, der
+nichts für sich zurückbehält«. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich
+selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias
+und Sapphira mußten's mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut
+zurückbehielten.
+
+Zum Amt der _Thürhüterin_ oder _Pförtnerin_ gehört die Aufnahme der Gäste.
+Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr
+liegt die Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand
+sein, damit sie Red' und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie
+und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der
+Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster
+fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom
+Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede.
+Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre
+Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben:
+»Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an«.
+Und anderswo: »Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die
+Feinde«. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre
+Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen.
+Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe
+oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen
+werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit
+keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und
+Refektorium fehle.
+
+Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie
+oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll.
+Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so
+mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind,
+verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den
+Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm
+fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt
+für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie
+etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der
+Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert
+scheint, darüber beraten.
+
+Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird, soll die Schwester,
+welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren
+fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden
+hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden;
+die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem
+Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß die Äbtissin vorher befragt
+worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres
+Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend
+welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin
+zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den
+Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber,
+welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft
+von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet
+werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den
+Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im »Leben der Altväter« einer von
+ihnen: »Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit
+einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen
+geboten, den Brüdern die Füße zu waschen«. Und der Herr selbst spricht:
+»Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget«. So sagt auch der
+Apostel von der Diakonisse: »So sie gastfrei gewesen ist, so sie der
+Heiligen Füße gewaschen hat«. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die
+sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten
+bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen
+Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man
+freie Zeit für die Wissenschaften lassen.
+
+Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es
+ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll
+aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auch
+mehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen
+und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus
+sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das
+Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke
+sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken
+begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium
+angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach
+dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den
+Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird,
+sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch
+bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können,
+für sich sprechen: »Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem
+heiligen Tempel« u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden
+als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die
+Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der
+Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme
+haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen
+werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen
+oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind,
+daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen
+oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei
+Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall
+gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu
+singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im
+Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in
+Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die
+Worte spricht: »Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit«.
+
+Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den
+nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen,
+daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das
+Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige
+Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe
+begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der
+Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem
+erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn
+gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend
+welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus
+erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört
+werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren
+empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde.
+Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er
+sagt nur: »Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat«. Auch beim Einüben von
+Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim
+ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang
+selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und
+die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima
+noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach
+den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner
+Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: »Auf den
+folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen
+worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das
+Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen«. Diese Morgenruhe
+soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche,
+von wo an die Tage wieder kürzer werden.
+
+Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre
+Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis
+es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal;
+dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein
+Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine
+erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und
+erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder
+neu anzuordnen ist.
+
+Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst
+überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn
+irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn
+derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn
+welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige
+Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus
+sagt: »Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten:
+ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir
+anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter
+den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser
+als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: 'treibe aus die Magd mit ihrem
+Kinde'; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: 'Den Jakob habe
+ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt'. Oder besser als das Haus Jakobs,
+in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus
+Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und
+der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die
+Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt
+hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe 'auswendig Streit, inwendig Furcht';
+oder: 'niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle
+das ihre'; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die
+elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar
+besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind«.
+
+Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der
+klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: »Ich bekenne vor Gott,
+seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere
+Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben;
+andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die
+gefallen waren«. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; »Wer
+heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin
+unrein«.
+
+In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als
+diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn
+verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige.
+Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der
+anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere
+zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt -- nach dem Worte der Schrift:
+»Der Gerechte klagt sich selber zuerst an« -- soll mit einer milderen
+Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere
+zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre
+Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine
+Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der
+Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht
+geschrieben: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und
+verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb
+hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn«;
+ferner: »Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb
+hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne
+witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß
+eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den
+Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm,
+als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da
+ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach
+wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch
+geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine
+thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der
+hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein
+Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner
+bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein
+wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm
+fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben«.
+
+Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu
+äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie
+selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige
+beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen:
+»Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück
+ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein
+sollte, als das, was ihm befohlen worden ist«. Es ist uns besser, recht zu
+thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht,
+sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im
+Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen
+Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn
+dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch
+gefährdet wird.
+
+Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten,
+weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß
+nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer
+Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den
+Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß
+es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten
+werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto
+bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach
+jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben.
+So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis
+des Cyprianus beruft: »Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der
+Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen
+die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch
+dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird«. Ferner sagt er: »Im
+Evangelium sagt der Herr: 'Ich bin die Wahrheit', nicht aber: 'Ich bin die
+Gewohnheit'. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen«.
+Weiter: »Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der
+Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem
+Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist«.
+
+Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch »über die Taufe« Kapitel IV:
+»Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden,
+das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die
+Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was
+uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist«.
+
+Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu
+stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: »Sicherlich, um
+des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie
+auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu
+unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht,
+abzuschaffen«. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten
+festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: »Schäme dich nicht, für deine
+Seele das Recht zu bekennen«; weiter: »Rede nicht wider die Wahrheit«; und
+wiederum: »Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all
+deinem Thun einen festen Ratschluß«. Man soll auch nicht darauf sehen, ob
+viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat.
+»Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.« Und die Wahrheit versichert:
+»Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Alles was kostbar ist,
+ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand
+soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der
+besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf
+seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen.
+Daher das Wort des Dichters: »Auch vom Feind sollst du dich lassen
+belehren«.
+
+So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei
+dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei
+weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere
+Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat
+ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl
+zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger
+Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so
+gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine
+Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die
+Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und
+wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen
+werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der
+Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat,
+trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise
+verlassen hat.
+
+Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die
+vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit
+Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen
+werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn
+Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche
+ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen
+und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere
+nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen,
+daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen
+Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.
+
+Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester
+ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher
+aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer
+Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen
+kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den
+Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie
+sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und
+entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage
+mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen,
+immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis
+zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch
+des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der
+Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke
+von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und
+trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib
+des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein
+gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht
+gerichtet«.
+
+Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren
+bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll
+arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen,
+falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten
+bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.
+
+Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin
+aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum
+Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im
+Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper.
+Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das
+Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß
+eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser
+Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern,
+welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man
+alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.
+
+In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir
+aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich
+mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft
+werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich
+empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit
+den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an
+sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte
+den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den
+nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest?
+Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht
+isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht
+mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand
+seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's
+gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es
+rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht
+Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen
+Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit
+einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch
+und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder
+ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet
+der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen
+sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem,
+das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt;
+denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet,
+das ist Sünde«.
+
+Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was
+wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz,
+welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z.
+B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das
+Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres
+Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt.
+Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser
+Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir
+bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun,
+was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz
+richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es
+rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten
+sei.
+
+Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen,
+die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer
+dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und
+alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der
+Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d.
+h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie
+gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden.
+In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen
+Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen
+Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das
+heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln
+verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen
+anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und
+trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von
+der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den
+Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom
+Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden
+wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht
+alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche,
+was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist
+auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des
+Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So
+aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so
+esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des
+Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist
+Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr
+des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst,
+sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen
+noch der Gemeine Gottes«.
+
+Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten
+ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen
+können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir
+bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu
+bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so
+leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir
+leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen
+der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser
+Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und
+unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je
+höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.
+
+Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt
+der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu
+halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das
+halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du
+gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So
+will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem
+Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche
+umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend,
+empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben
+mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten
+zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser
+Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung
+an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen
+sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen
+werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des
+heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem
+Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln,
+als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«.
+
+Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir
+finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die
+Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand
+beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe,
+so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als
+den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau
+mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei
+Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann
+stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes
+wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist
+ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten,
+so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum
+heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu
+verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe.
+Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«.
+
+Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht,
+sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein
+bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er
+ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine
+bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei
+entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit
+verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald
+mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben.
+Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz
+frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die
+größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige
+Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die
+notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns
+zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die
+begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis
+verursacht.
+
+Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so
+schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich
+wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm:
+»Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust
+hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist
+Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man
+beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein
+nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt
+ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So
+werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte
+Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie
+einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich,
+aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht.
+Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den
+Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo
+Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und
+der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im
+Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird
+nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für
+ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«.
+
+Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch
+des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen,
+die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen
+bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter,
+Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk
+des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht
+Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und
+Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er
+seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von
+starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem
+Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind
+toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll
+Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis?
+Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den
+Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!«
+
+In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der
+Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank
+bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den
+Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im
+Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich
+schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht
+und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir
+wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen
+Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith,
+die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den
+stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern
+erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu
+sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen
+Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und
+des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk
+Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der
+Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht
+begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der
+Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur
+auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist,
+allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber
+die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des
+Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer,
+womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.
+
+Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen
+wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle
+geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der
+Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß
+die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke
+enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an
+den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt:
+'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«.
+
+Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
+verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht
+Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes
+berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
+Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der
+gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.
+»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
+Wein.«
+
+Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der
+Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch
+sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß
+die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm
+abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der
+Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der
+keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für
+Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf
+dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer
+der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der
+trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum
+drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein,
+Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von
+dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an
+einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt,
+ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,
+wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn
+er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl
+lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man
+wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«.
+
+Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was
+auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger
+gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt
+nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die
+Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn
+mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken
+willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den
+Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen
+gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht
+auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen
+wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir
+tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der
+Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden
+Leib noch neuen Zündstoff zuführen?«
+
+Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den
+Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius
+führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an:
+»Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der
+Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis
+dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür
+die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger
+Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so
+überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht
+zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es
+dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an
+seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die
+Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht
+auch der Dunst des Weines gar schnell«.
+
+Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht
+versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren
+Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter
+als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem
+frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist
+es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und
+Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht
+kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß
+ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller
+bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit
+Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich
+berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit
+schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein,
+welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit
+verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern
+geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter
+Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt
+vor Verlangen nach Unzucht.
+
+Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: »Trinke nicht mehr Wasser, sondern
+brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank
+bist«. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß
+verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken
+hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum
+Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen
+wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns
+köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar
+am meisten hinderlich ist?
+
+Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat
+an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. »Oder
+glaubt jemand«, sagt er, »daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht,
+wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man
+muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre
+Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.« Und in dem
+Buche »von der Weltflucht« heißt es: »In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn
+dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn
+es beim Wein verweilt«. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt »die Weltflucht«
+nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt
+entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er
+sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn
+das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich
+fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den
+wir oben angeführt haben: »Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und
+im Glase so schön steht«. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack
+wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen
+möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen?
+
+Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus:
+»Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung
+trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu
+Thoren«. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des
+Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten
+Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für
+die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: »Nur Samstags und
+Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen«;
+dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche
+Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen
+zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige
+Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: »Jeder lebt
+für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der
+gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel
+Vereinigte«. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei
+ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es
+auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: »Siehe wie fein und lieblich
+ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen«.
+
+Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst
+dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir
+mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir
+Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom
+gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer
+Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der
+Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß
+der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit
+verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine
+bestimmte Art von beiden.
+
+Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem
+andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen
+Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß
+für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: »Kasteiet euer Fleisch
+mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure
+Gesundheit es gestattet«. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in
+dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: »Für das Fasten soll dem freien
+Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es
+ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am
+Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines
+Gelübdes sein«. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines
+Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage
+gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben,
+man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt:
+»Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist
+jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte
+Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor«. Wir sollen uns nicht
+allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit
+Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht:
+»Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen«. Wir
+sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht
+entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen
+oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der »Prediger« warnt davor mit den
+Worten: »Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu
+gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest«, d. h. daß du
+nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest.
+
+Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung,
+der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen
+kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht
+die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird
+das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die
+Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum
+Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern
+Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist
+sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken
+noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben:
+»Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind
+unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren«. -- »Das
+Gesetz,« sagt der Apostel, »richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht
+ist, da ist auch keine Übertretung«. Und weiter: »Denn ohne das Gesetz war
+die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam,
+ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das
+Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die
+Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch
+dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot«.
+Augustinus an Simplicianus sagt: »Durch das Verbot ist das Verlangen
+gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt
+worden«. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch »Quästiones« in der 67.
+Frage: »Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen,
+wenn ein Verbot da ist«. -- »Was versagt ist, begehren wir stets, das
+Verbotene reizt uns«.
+
+Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer
+Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen
+will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine
+Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu
+ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann
+bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. »In meines Vaters
+Hause,« sagt die Wahrheit, »sind viele Wohnungen.« Darum giebt es auch
+vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt,
+aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt
+erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern
+damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit
+Gott pflegen können. »Und so eine Jungfrau freiet,« sagt der Apostel,
+»sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich
+verschonete aber euer gerne.« Ferner: »Welche nicht freiet, die sorget, was
+dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist;
+die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne
+gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen
+Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und
+unverändert dem Herrn dienen könnet«.
+
+Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns
+von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht
+der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf
+sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht
+durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das
+im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat
+vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: »Das Gesetz konnte nichts
+vollkommen machen«. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel
+Petrus sagte, niemand könne sie halten. »Ihr Männer, liebe Brüder,« sprach
+er, »was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse,
+welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben
+durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie
+auch sie.« Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche
+Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur
+Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er
+ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war,
+lieblich und leicht gemacht: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und
+beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet
+von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig -- so werdet ihr
+Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist
+leicht«.
+
+Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen
+Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch
+wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig
+Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche
+Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben
+sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in
+Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und
+desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu
+begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt
+dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. »Ist Abraham durch die Werke
+gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die
+Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit
+gerechnet.« Und weiter: »Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir
+sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben
+die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem
+Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden
+und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum,
+daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes
+suchen«.
+
+Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen
+reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt
+als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber,
+die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren
+Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie
+der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: »In meinem Herzen sind die
+Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde«.
+
+Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht
+nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch
+der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h.
+den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: »Johannes ist
+kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des
+Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist
+der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer«. Er entschuldigt auch seine
+Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit
+ungewaschenen Händen zu Tische saßen: »Wie können die Hochzeitleute Leid
+tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?« Und ein andermal: »Was zum
+Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde
+ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet,
+das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit
+ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht«.
+
+Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde
+nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz
+verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist
+zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht
+seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir
+nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen
+also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den
+Sprüchen sagt: »Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das
+Leben«. Und nach dem Worte der »Wahrheit«, das wir oben gehört, kommt aus
+dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder
+bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die
+Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen,
+daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und
+daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem
+Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies
+werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß
+aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht
+erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen.
+
+Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. »Denn,« sagt der
+Apostel, »alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit
+Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes
+und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter
+Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der
+guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.« Auch wir wollen mit
+Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des
+Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so
+Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster
+großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen,
+Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist
+ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu
+enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch Ȇber das Gut
+der Ehe«, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: »Nur derjenige macht
+einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie
+auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu
+enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber
+macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch
+imstande ist, sich ihrer zu enthalten«. In dieser Gesinnung hat auch Paulus
+das Wort gesagt: »Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden«. Mangel
+leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das
+ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch »übrig
+haben«; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom
+Überfluß nicht verderben lassen.
+
+Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten
+Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes
+willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben
+enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser
+mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und
+wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich,
+erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr
+schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein
+nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt.
+Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung
+nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse.
+Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde,
+sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für
+Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein
+bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein
+von den Kranken.
+
+Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng,
+vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter
+gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm
+ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge
+für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß
+sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des
+schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir
+bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir
+draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn
+uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das
+Überflüssige bemühen?
+
+Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild
+angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst,
+und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens
+nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern
+zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und
+die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden,
+hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß
+zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu
+verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was
+sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet.
+Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit
+und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: »Es ist unsere
+Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper
+zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und
+Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und
+ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge
+zu begehren, so ist es auch thöricht, sich bescheidene und leicht zu
+verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie,
+nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das
+ist die Art, die mir gefällt«. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner
+»Moralia« lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die
+Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die
+verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: »Einmal
+verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das
+nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz
+Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei
+durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet«.
+
+Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil
+es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies
+schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil
+er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht,
+begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich
+gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an
+der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die
+gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht
+die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat
+durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in
+der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch
+der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die
+Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht
+durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den
+zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir
+oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns
+nehmen.
+
+Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, was dem natürlichen
+Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser
+Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen,
+daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig
+gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist,
+welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und
+leichter zuzubereiten ist.
+
+Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen
+gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl
+der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr
+Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst
+der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten
+wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten,
+wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird?
+Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem
+er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in
+Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist,
+Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit
+lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten
+werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker
+in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil
+keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen,
+daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im
+übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie
+sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern
+versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug,
+wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem
+Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der
+Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis
+des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den
+Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige
+Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den
+der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für
+die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«.
+
+Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem
+Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen
+dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer
+dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so
+möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und
+Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der
+Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis«
+folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen
+kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter
+Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch
+sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das
+dünkt dem Schwachen ein groß Ding«.
+
+Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das
+Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht
+verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch:
+»Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist
+der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes
+der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh
+und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor
+Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen
+schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr
+Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf
+der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut.
+
+Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen
+berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in
+allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen
+Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der
+Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die
+der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des
+Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal
+davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere
+Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht
+öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am
+ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern
+Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme
+Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz
+ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den
+zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht
+indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«.
+Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches Ȇber Pfingsten und den heiligen
+Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas
+Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der
+Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung;
+das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns
+härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern.
+Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er
+sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir
+uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche
+Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre
+gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem
+wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in
+seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende
+von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden
+Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?«
+
+Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von
+irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare
+Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit
+den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu
+essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit
+Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen
+werden.
+
+Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher
+Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon
+auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz
+nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den
+Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.
+
+Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so
+soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr
+nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus
+wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit
+voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet
+sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder
+einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern
+nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und
+auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres
+Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in
+vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man
+nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören,
+Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen,
+das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich
+selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter
+diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«.
+
+Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine
+kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer
+belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es
+nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken
+Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis
+Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir
+verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu
+veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen
+Unterschied.
+
+Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus
+vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den
+reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes
+lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die
+Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind
+in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das
+irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes
+willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen
+ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der
+elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren
+Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit
+verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich
+davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und
+Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er
+nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute.
+Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste
+Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er
+sich nicht vor anderen sehen lassen kann«.
+
+Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor
+dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern
+unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der
+Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen
+Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit
+Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene
+Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist
+köstlich vor Gott«.
+
+Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser
+Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt
+lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber
+schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann
+denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin
+besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck
+trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die
+verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken,
+sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer
+Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für
+ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben
+steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«.
+
+Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und
+Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr
+hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen
+Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen
+nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht
+der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben,
+desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je
+feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz
+gewähren sie dem Körper.
+
+Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze,
+und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so
+zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen
+verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.
+
+Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten
+Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen
+für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für
+solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten
+Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll
+bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar
+Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich
+unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das
+die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu
+tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht,
+soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom
+Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen
+tragen.
+
+Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in
+denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den
+Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für
+sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder
+sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester
+zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber
+freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum
+Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern
+für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen
+Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.
+
+Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein
+Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die
+Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und
+wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt
+gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen
+Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr
+ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht
+weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die
+Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und
+Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die
+Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für
+die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und
+ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen,
+darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine
+Mütze aus Lammfell.
+
+Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden
+werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den
+Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind
+als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und
+der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut.
+»Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege,
+und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns
+teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern
+eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger
+nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr
+müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der
+Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib
+hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was
+draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je
+mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns
+quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr
+fesselt er das arme Herz an sich.
+
+Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine
+bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren,
+annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis
+hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode
+so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes
+Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres
+zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder
+vielmehr zurückgegeben werden.
+
+Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen
+Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun
+die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise
+zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben
+mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen
+sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute
+Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen
+die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen
+ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und
+weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie
+ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet
+sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser
+umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist,
+machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«.
+Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie
+statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich
+nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben.
+Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen
+wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht
+euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der
+Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und
+als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und
+Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur
+eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen.
+Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die
+darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und
+viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein
+andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo
+sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«.
+
+Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht
+unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm
+nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer
+Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des
+Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du
+nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten
+zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie
+bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und
+vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für
+die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren
+verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.
+
+Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit
+behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue
+sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen
+Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen
+auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des
+Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von
+seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht
+verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über
+die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um
+die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch
+schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst
+predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel
+führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und
+verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an
+die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld
+alles, was sie wollen.
+
+Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen
+Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die
+nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und
+Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen
+Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser
+zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend
+verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit
+Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! --
+vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie
+aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der
+Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem
+beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so
+müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen
+vergessen, unser Inneres zu hüten.
+
+Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch
+Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte
+dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde
+wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme
+Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch
+zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des
+Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf
+nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber
+nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott
+eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel
+nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für
+die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine
+Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die
+Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt
+verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern
+und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er
+von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der
+Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille
+hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an
+die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen
+Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden
+schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals;
+aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal
+von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu
+euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben
+keinen Auftrag von ihm«.
+
+Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht
+auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab
+das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste
+dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so
+groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel
+Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er
+für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock
+ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße
+gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?«
+
+Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt,
+der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem
+Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird
+verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche
+Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem
+Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er
+verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts
+in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch,
+von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus
+sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer
+ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln
+fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre
+Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich
+selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den
+Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.
+
+Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns
+Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst
+andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das
+sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe.
+Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom
+heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man
+uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht
+hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal
+aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht
+daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch
+der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen
+hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen.
+Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er
+ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch
+dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur
+Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber
+unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und
+überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er
+den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen,
+fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und
+kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen
+Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen
+soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur
+der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so
+fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig
+drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger
+sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen
+vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.
+
+Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend
+lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die
+Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene
+mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige
+Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird
+unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser
+inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie
+unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht
+haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige
+Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der
+sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann;
+ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben
+dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er
+gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit
+sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er
+nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie
+eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er
+ihn belehrt.
+
+Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im
+allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre
+geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung
+haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet
+untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich
+selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten
+Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit
+Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber
+bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du
+weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige
+Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den
+Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist
+nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der
+Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk
+geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift,
+damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet
+nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß
+ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den
+Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde.
+Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will
+beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im
+Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im
+Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine
+Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein,
+aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich
+mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber
+fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn
+sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an
+dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis
+aber seid vollkommen«.
+
+Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung
+verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der
+Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man
+sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt
+Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn
+damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur
+zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was
+die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch
+vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen
+Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde.
+
+Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß
+wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen
+Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen
+singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige
+Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen,
+daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch
+der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten
+soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit
+zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«.
+Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen
+vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu
+ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so
+entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit
+Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie
+soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn
+man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes
+oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß
+Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum
+sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so
+durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche
+durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_
+amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr
+will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«,
+d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie
+soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den
+Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten,
+wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht,
+ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift
+nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel
+auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?
+
+[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.]
+
+[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.]
+
+[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.]
+
+Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer
+Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift
+treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber
+zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe
+wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift
+ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den
+Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das
+alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch
+Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen
+breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den
+Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das
+Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der
+Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen
+Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach
+Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der
+alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch
+der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem
+Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit
+und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der
+Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde.
+Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit
+bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt:
+aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein
+Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses
+Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen
+Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu
+erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen
+Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher
+auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich
+nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen
+nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem
+Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten,
+desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns
+vor der Sünde zu hüten.
+
+Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach
+Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die
+Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote
+steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben
+der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der
+Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die
+Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere
+Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger
+haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige
+Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und
+Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der
+Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele,
+die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was
+sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides,
+obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang
+des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man
+Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?
+
+Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß
+er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen
+damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,«
+sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten,
+Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch
+nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen.
+Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch
+Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt
+er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine
+Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die
+Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt
+dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung
+jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der
+Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet
+mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und
+Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen
+in aller Weisheit«.
+
+Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft,
+sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David:
+»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg
+der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz
+des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch
+dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag
+und Nacht«.
+
+Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige
+verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer
+auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu
+schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in
+Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der
+Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19.
+Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da
+viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem,
+was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das
+Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor
+der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das
+Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die
+Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt
+zu wissen, was er glaubt«.
+
+Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der
+heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des
+Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen
+über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte
+Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt,
+daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt
+anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem
+die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek
+ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre
+lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten,
+ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen:
+»Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt
+das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein
+Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein
+Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche
+Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig
+dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen
+Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller
+Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs,
+welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies
+das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich
+als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies
+das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum,
+daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich
+ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach
+Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich
+umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen
+untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«.
+
+Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen
+können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift
+gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch
+versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott
+aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit
+dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im
+mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der
+Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber
+keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre
+sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.
+
+Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des
+Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt:
+»Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht
+lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er
+darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu
+lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an
+Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer
+brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus
+nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den
+Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den
+heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich
+hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich
+nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel
+Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich
+ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und
+um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete
+sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte
+sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß
+dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«.
+Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der
+heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem
+dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über
+die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe
+ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so
+eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden
+der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«.
+
+Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde,
+wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem
+brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich
+ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der
+Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es
+allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«.
+
+Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß
+sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der
+Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die
+Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen
+sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich
+wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können
+ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis
+der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind.
+
+Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen
+zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja
+auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die
+Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene
+wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber
+in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den
+Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser
+wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in
+seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der
+Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen
+Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in
+den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren
+Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr
+erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will
+erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die
+Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte
+gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister
+bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen
+graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift
+eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn
+unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken
+eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir
+gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft
+zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird
+gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll
+heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt,
+dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.
+
+Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen
+Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns
+über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber
+ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern
+auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien:
+»Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner
+Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte
+also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu
+haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch
+eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der
+Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines
+Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und
+Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten,
+nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir
+Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu
+bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen.
+Höre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen
+heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken'.
+Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen
+trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du
+in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser
+empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers
+werden, das in das ewige Leben quillt«.
+
+Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten
+Isaaksbrunnen: »Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten,
+sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen
+Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch
+andere daran verhindert werden«. Höre, was der Herr spricht: »Wehe euch
+Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis
+weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein
+wollen«. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu
+graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir
+jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt:
+»Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«.
+
+Ebenso heißt es dort: »Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen
+Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und
+Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man
+auch zu uns sagen könne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem
+Brunnen'. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom
+Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die
+Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken.
+Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen
+machst du gesund, Herr'«.
+
+Und weiter unten heißt es: »Wer ein Philister ist und nach Irdischem
+trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch
+verständigen Sinn«.
+
+Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen
+weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist
+die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach
+lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein
+alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des
+Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen
+unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: »Sondern er hat
+Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht«. Und
+welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das
+besagen gleich die folgenden Worte: »Der ist wie ein Baum, gepflanzet an
+den Wasserbächen«. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht
+benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist
+gemeint, wenn es heißt: »Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers
+fließen«. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe
+ihres Bräutigams singt: »Seine Augen sind wie Taubenaugen an den
+Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle«.
+
+Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze
+eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet
+Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und
+andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber
+sehen, sondern auch andern beschreiben möget!
+
+Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des
+Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: »Maria
+behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«. Also die Mutter
+des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und
+bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich
+sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen.
+
+Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht
+wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht
+die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie
+vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht
+bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen
+Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das
+Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: »Wenn du
+recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du«.
+
+»Wer mich liebt,« sagt die 'Wahrheit', »der hält meine Worte.« Wer aber
+wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie
+nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht
+vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen,
+das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte,
+gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von
+uns verlangt, wenn er sagt: »Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Könnet ihr
+euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer
+und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene
+frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium,
+auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift
+erleuchtet hat.
+
+
+
+
+IX. Brief.
+
+Heloise an Abaelard.
+
+(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.)
+
+
+Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige
+Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der
+damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar
+sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr
+weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des
+Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise
+Erwähnung: »Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende
+Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die
+Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu
+lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft
+ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne
+mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie
+nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch
+beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe
+fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles
+ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern
+eine Richterin vor mir«.
+
+Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen,
+daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten,
+zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter
+anderem folgendes: »Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in
+der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag
+dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der
+heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin
+eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume
+des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine
+Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern'«.
+
+Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester?
+Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen
+dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der
+Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem
+Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest
+du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften
+besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis
+der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in
+dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest,
+daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn
+gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer
+Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe,
+nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel.
+
+Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mächtigem
+Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stück nach Kräften dir zu
+gehorchen bestrebt sind. Allein während wir uns alle Mühe geben und von
+derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, über die der
+obengenannte Lehrer einmal sagt: »Liebe die Wissenschaften, und du wirst
+die Laster des Fleisches nicht lieben«, -- wird unser Eifer durch die
+vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen
+Schriften weniger verstehen, das müssen wir notwendig auch weniger lieben,
+da wir fühlen, daß es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun.
+
+Darum stellen die Schülerinnen ihrem Lehrer, die Töchter ihrem Vater einige
+Fragen, und bitten demütigst, du möchtest es nicht unter deiner Würde
+achten, dieselben für sie zu lösen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf
+deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei
+der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften
+eingehalten, sondern wie sie uns täglich aufgestoßen sind, so haben wir sie
+aufgezeichnet und übersenden sie nun dir zur Lösung.
+
+
+
+
+X. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+(Begleitschreiben zu einer Sammlung geistlicher Lieder, von Abaelard
+gedichtet für die Nonnen des Paraklet.)
+
+
+I.
+
+Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst
+recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder
+gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebräisch Tehillim geheißen. Da du
+und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder
+drängtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich
+sagte mir, es sei unnötig, neue Lieder zu dichten, während ihr alte in
+reicher Fülle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den
+alten Gesängen heiliger Dichter neue von sündigen Menschen vorzuziehen oder
+an die Seite zu stellen.
+
+Während ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hören
+bekam, führtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund
+an. »Wir wissen,« sagtest du, »daß die römische und besonders die
+gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer
+Gewohnheit richten als nach einer Autorität. Wir wissen ja heute noch
+nicht, von wem die Übersetzung des Psalters herrührt, welche in unserer, d.
+h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den Äußerungen
+derjenigen zu urteilen, die uns über die Verschiedenheit der Übersetzungen
+belehrt haben, weicht die unsrige von allen übrigen weit ab und kann, wie
+ich glaube, auf ein höheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr
+Gebrauch hat sich durch langjährige Gewohnheit so sehr eingebürgert, daß
+wir gerade beim Psalter, den wir doch am häufigsten brauchen, einer
+apokryphen Übersetzung folgen, während wir die andern biblischen Bücher in
+der korrekten Übersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen
+betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche
+Unordnung, daß fast nie eine Überschrift ihre Art oder ihre Verfasser
+bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf
+bestimmte Verfasser schließen kann, als deren älteste man Hilarius und
+Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist häufig das
+Silbenmaß so wenig entsprechend, daß man den Liedern kaum eine Melodie
+unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein
+wohltönendes Lob Gottes sein soll.«
+
+Auch fügtest du noch bei, daß es für die meisten Feste an eigentümlichen
+Liedern fehle, so auch für die Feier der unschuldigen Kindlein, der
+Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch
+Märtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei
+denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen müssen, sei's wegen der
+Zeitumstände, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes.
+Manche der Gläubigen halten aus irgend einem zufälligen Grund oder infolge
+besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und
+kommen nun entweder zu früh oder zu spät, so daß sie genötigt sind,
+wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lügen, wenn sie die für die Nacht
+bestimmten Lieder bei Tag, die für den Tag bestimmten bei Nacht singen.
+Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch
+während der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht:
+»Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr« und: »Mitten in der Nacht
+erhebe ich mich, mit dir zu reden«, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf
+der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwähnung thut mit den
+Worten: »Siebenmal des Tages lobe ich dich« -- nur bei Tage dargebracht
+werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben
+Propheten bezeichnet mit den Worten: »Des Morgens gedenke ich dein, o Herr«
+-- soll angestimmt werden in der ersten Frühe des Tages, wenn die
+Morgenröte oder der Morgenstern erscheint.
+
+Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So
+kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht
+zu singen sind, wenn es z. B. heißt: »Wohl auf zur Nacht und laßt uns alle
+wachen« -- oder: »Gesang durchtönt die stille Nacht«; ferner: »Die lange
+Nachtzeit kürzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir«. Oder ein andermal: »Die
+schwarze Nacht hält nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt« --
+oder: »Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht«,
+und ferner: »Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang«
+u. s. w.
+
+So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind,
+selber an. Zum Beispiel, wenn es heißt: »Der nächt'ge Schatten weichet
+schon« -- oder: »Golden erstrahlt des Tages Licht«; ferner: »Am Himmel
+steht das Morgenrot« -- »Das Morgenrot im Rosenlicht« oder »Der Vogel ist
+des Tags Herold; er kündet uns des Lichtes Nahn« -- und: »Wie schön
+leuchtet der Morgenstern«. Solche Lieder belehren uns selbst darüber, zu
+welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten
+nicht einhalten, so würden wir bei ihrem Vortrag als Lügner erfunden.
+Allein in den meisten Fällen ist es weniger die Nachlässigkeit, die solche
+Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhältnisse oder die förmliche
+Befreiung davon; dazu nötigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen
+schon die Beschäftigung der Bevölkerung fast jeden Tag, so daß hier aller
+Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden muß.
+
+Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen
+zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die
+uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen
+Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre
+Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal
+so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere
+eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es
+der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der
+heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in
+Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: »Wir
+nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden«, oder: »Hör unsere
+Seufzer, unsern Sang in Gnaden an«. So giebt es noch manches, was nur für
+Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht
+entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen
+sollten, wenn wir alljährlich singen: »Martinus, den Aposteln gleich«, oder
+wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener
+Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: »An dessen heil'gem Grab so mancher
+Heilung fand«.
+
+Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus
+Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des
+Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde
+Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine
+Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern
+möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und
+zusammen sich freue.
+
+
+II.
+
+Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der
+Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: »Und
+saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern
+werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen
+und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen«. Und
+weiter an die Colosser schreibt er: »Lasset das Wort Christi unter euch
+reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit
+Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem
+Herrn in eurem Herzen«. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus
+den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe,
+sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften
+kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung
+»Hymne« oder »heiliges Lied« als Aufschrift tragen -- und so ist über sie
+von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben
+worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste
+besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt »Hymnen« im eigentlichen
+Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem
+bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl
+Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19.
+Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der
+beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus
+spendet, unter anderem folgendes: »Dann kommt er darauf zu sprechen, daß
+sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die
+Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis
+Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit
+guter und lieblicher Harmonie.'«
+
+Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem
+Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen
+sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklärung im ersten
+Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt
+werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat
+der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit
+Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden.
+
+So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit
+Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da
+ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch
+noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste
+Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet
+erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß
+jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch
+den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht
+vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: »Und da sie den Lobgesang
+gesprochen hatten, gingen sie hinaus«.
+
+Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der
+nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die
+Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes
+darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten
+wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir
+nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die
+gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann.
+
+
+III.
+
+In den beiden vorstehenden Büchlein habe ich Hymnen für den täglichen
+Gottesdienst und eigene für die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt
+mir noch übrig, zur Verherrlichung des himmlischen Königs und zur
+gemeinsamen Erbauung der Gläubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit
+würdigen Lobeshymnen nach Kräften zu erheben. Mögen mich bei diesem Werke
+die Verdienste derjenigen unterstützen, deren ruhmreiches Andenken ich
+durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhöhen möchte -- nach dem
+Wort der Schrift: »Das Gedächtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes«,
+und wiederum: »Lasset uns preisen die Ruhmvollen« u. s. w.
+
+Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen
+hauptsächlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: unterstützet mich
+durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der
+mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure
+Liebe wird sich reich erweisen in der Fülle des Gebetes, wenn ihr daran
+denket, wie freigebig ich in Erfüllung eures Wunsches gewesen bin. Während
+ich mich nach den schwachen Kräften meines Geistes mühte, das Lob der
+göttlichen Gnade würdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu
+ersetzen gesucht, was ihnen an Schönheit des Ausdrucks abging, und so habe
+ich für die nächtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen
+gedichtet, während bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von
+Festen und Feiertagen gesungen wurde.
+
+Vier Hymnen also habe ich für jedes Fest so bestimmt, daß bei jeder der
+drei nächtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und
+außerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die
+Bestimmung getroffen, daß von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu
+einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in ähnlicher Weise bei
+der Vesper am Festtage selbst gesungen werden können; oder daß sie je zwei
+und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden
+ersten Psalmen, der andere mit den beiden übrigen gesungen werden.
+
+Dem Kreuz habe ich fünf Hymnen gewidmet, von denen der erste die
+jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz
+vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur
+Anbetung und Verehrung aufzustellen, so daß es über die ganze Zeit der
+gottesdienstlichen Feier anwesend ist.
+
+
+
+
+XI. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+(Mit einer Sammlung von Predigten.)
+
+
+In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem
+ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet,
+so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen
+Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten
+verfaßt -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der
+Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf
+Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr
+den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und
+vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer
+größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse
+Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer
+schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin
+finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.
+
+Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und
+geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im
+Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in
+Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist
+und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes!
+
+
+
+
+XII. Brief.
+
+Abaelard an Heloise.
+
+(Abaelards Glaubensbekenntnis.)
+
+
+Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer
+in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden
+Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der
+Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und
+während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines
+christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem
+Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.
+
+Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus
+zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde.
+Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden
+könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich
+umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das
+er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und
+daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so
+halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf
+dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich
+dir in kurzen Worten mitteilen.
+
+Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen
+und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt,
+daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der
+Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk.
+Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem
+Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß
+der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst
+nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum
+Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt.
+Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater
+und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name
+der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und
+Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher
+seine Anhänger Patripassianer heißen.
+
+Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er,
+obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine
+Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat,
+gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er
+wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
+
+Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir
+der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die
+Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des
+Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des
+Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich
+auferstehen werde?
+
+Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste
+Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht
+das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der
+totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm
+hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest.
+Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle
+anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
+(vorher/nachher):
+
+ ... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ...
+ ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ...
+
+ ... jetzt Abtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ...
+ ... jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ...
+
+ ... Mönche Abte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ...
+ ... Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ...
+
+ ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, das eins das ...
+ ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das ...
+
+ ... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ...
+ ... da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt ...
+
+ ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ...
+ ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ...
+
+ ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc no nest osculum ...
+ ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum ...
+
+ ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ...
+ ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ...
+
+ ... über das, was sie solchen müßigen Faullenzern, wie sie sagen, ...
+ ... über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, ...
+
+ ... mußte der Herr ihrer fleichlichen Schwäche wegen tadeln, ...
+ ... mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, ...
+
+ ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ...
+ ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die ...
+
+ ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Lieben Brüder, ...
+ ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, ...
+
+ ... Die Abtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ...
+ ... Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ...
+
+ ... Abtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ...
+ ... Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ...
+
+ ... denn, daß die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...
+ ... denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...
+
+ ... oder schwach wird«. Nach dem Argernis, das der Bruder ...
+ ... oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder ...
+
+ ... das Argernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ...
+ ... das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ...
+
+ ... Das Volk, das aus Agypten ausgeführt wurde, ist in ...
+ ... Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in ...
+
+ ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Uber ...
+ ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über ...
+
+ ... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht länger sein als ...
+ ... aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als ...
+
+ ... habe ich einso tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ...
+ ... habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ...
+
+ ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr
+ Ubelthäter, ...
+ ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr
+ Übelthäter, ...
+
+ ... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...
+ ... Übersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...
+
+ ... einer apokryphen Ubersetzung folgen, während wir die ...
+ ... einer apokryphen Übersetzung folgen, während wir die ...
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und
+Heloise, by Abaelard and Heloise
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44051 ***