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-The Project Gutenberg eBook, Visionen, by Oskar Panizza
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Visionen
- Skizzen und Erzählungen
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-
-Author: Oskar Panizza
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-Release Date: October 11, 2013 [eBook #43933]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN***
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-
-E-text prepared by Marc D'Hooghe (http://www.freeliterature.org) from page
-images generously made available by Internet Archive/Canadian Libraries
-(http://archive.org/details/toronto)
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-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive/Canadian Libraries. See
- http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani
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-VISIONEN
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-Skizzen und Erzählungen
-
-von
-
-OSKAR PANIZZA
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-Leipzig
-Verlag von Wilhelm Friedrich.
-1893.
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-Oskar Panizza
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-Visionen
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-Erzählungen und Skizzen
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-_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._
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-Inhalt
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- Die Kirche von Zinsblech
- Eine Negergeschichte
- Ein Criminelles Geschlecht
- Der Corsetten-Fritz
- Indianer-Gedanken
- Ein scandalöser Fall
- Der operirte Jud'
- Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
- Der Goldregen
- Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
-
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-Die Kirche von Zinsblech
-
- "_Sind angenehm in Leibkleidern_
- _als nackend, doch tödtliche Farbe,_
- _gehen zertheilt an beiden Orten_
- _den Platz hinauf, lassen sich bloß_
- _sehen als ob sie erscheinen,_
- _ungeredet, und gehen alsdann wieder_
- _hinab in das Grab."--_
- _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._
-
-
-Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
-Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
-Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
-mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
-meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
-welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
-mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
-jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
-die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
-klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
-Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
-Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
-Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
-Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
-Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
-zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
-lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch
-einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
-und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
-gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!"
-mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
-mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
-Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
-antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
-Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
-rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
-Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
-goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
-stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
-war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
-unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
-der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
-vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
-eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
-ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.--
-
-Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
-kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
-Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
-eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
-versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
-kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
-herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
-stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
-und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
-Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
-Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
-langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
-gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
-vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
-Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
-den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
-verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
-seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
-das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
-linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich
-ein.--
-
-Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
-plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
-und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
-rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
-dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
-mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
-Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
-einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
-der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
-erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
-tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
-Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
-weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
-dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
-Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
-blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
-und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
-gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
-werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
-weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
-über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
-sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
-Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
-Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
-fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
-bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
-Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
-einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
-Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
-Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
-wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
-getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
-nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
-wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
-Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
-schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
-fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
-Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
-Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
-Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
-die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
-quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
-wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
-gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
-gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
-Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
-Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
-und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
-Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
-und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
-wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
-seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
-dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
-war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
-Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
-am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
-hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
-in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
-hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
-war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
-Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
-über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
-um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
-am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
-stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
-dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
-unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
-immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
-hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
-dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
-woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
-fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
-ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
-sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
-ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
-schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
-excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
-selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
-gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
-der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
-daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
-brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
-dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
-um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
-zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort
-stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein
-Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
-Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
-ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
-sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
-rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
-des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
-amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
-hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
-wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
-denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
-Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
-complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
-Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
-Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder
-Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen
-schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
-vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
-einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
-zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
-sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
-Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
-rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
-war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
-Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
-französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
-rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
-Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
-Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
-drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein
-feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
-Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
-goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
-mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
-aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
-die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
-hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
-Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
-in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
-nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
-auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
-dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
-bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
-Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es
-schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
-Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
-Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
-unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
-mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
-Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
-Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
-Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
-lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
-Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
-untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
-Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
-welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
-emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
-linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
-das einzige Paar im ganzen Zug.
-
-Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
-auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
-Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
-auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
-aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
-dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider
-dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
-besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
-Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
-Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
-Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
-Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
-Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
-verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
-sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
-im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
-von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
-Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
-Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
-Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
-Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
-Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
-ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
-Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und
-trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
-in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
-Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
-ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
-und gelangte glücklich ins Freie.--
-
-Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
-heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
-von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
-ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
-gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
-froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
-aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
-aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
-Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
-offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
-mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
-restauriren.--
-
-Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im
-Amtsblatt folgende Bekanntmachung:
-
-"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
-Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
-wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
-gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht
-zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
-nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
-Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
-gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
-gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf
-denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
-fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."--
-
- Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.
- Der Bürgermeister ** (Datum.)
-
-
-
-
-Eine Negergeschichte
-
- _Tantam vim et efficaciam_
- _nonnulli phantasiae et_
- _imaginationi in proprium_
- _imaginantis corpus tribuerunt._
- _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._
-
-
-Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
-_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
-Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
-Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
-Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
-meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
-auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
-von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
-einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
-vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
-seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
-herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
-Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.--
-
-Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
-An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
-Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
-von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als
-plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
-einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir
-in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
-mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
-Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
-irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
-Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
-die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
-erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
-sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
-Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
-einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
-mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
-von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are
-the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
-vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
-sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr
-erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich
-glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I
-presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
-haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich
-meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist
-doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu
-sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger
-gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--
-
-Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
-der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
-schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
-Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
-dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
-überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
-war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
-helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
-wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze
-mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
-darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war
-abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
-im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
-keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
-gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
-links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
-Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
-sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
-nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
-Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
-wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
-haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
-mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
-Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
-stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
-klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite
-beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
-und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
-war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada,
-die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
-sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
-durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
-angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das
-Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
-aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle
-an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
-Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
-der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann
-an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
-Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
-vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
-krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes
-Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich
-sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja,
-was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte,
-Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem
-Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
-und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
-mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
-Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
-haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.
---"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie
-er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der
-rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist
-Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
-einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
-vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"
-schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
-mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
-ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
-und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
-Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
-die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
-Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
-gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
-zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
-erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--
-
-"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
-London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm
-mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
-zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
-die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,
-wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
-entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
-einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
-des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte
-das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
-aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
-sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von
-mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und
-stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte
-der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
-Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen
-Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer
-Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
-auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem
-Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
-rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
-ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
-offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
-und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
-Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
-selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
-ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
-Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
-gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
-Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
-gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
-hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"
-ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain
-Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
-Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
-in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit
-schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
-in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
-Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
-traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
-noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin
-gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
-nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
-wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
-ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
-Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
-ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,
-weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
-blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
-Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben
-Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war
-gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
-grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
-mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich
-doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
-daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als
-ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
-Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue
-durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
-Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es
-wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes
-Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"
---"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich
-schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
-verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
-und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
-Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein
-fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
-schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
-sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
-das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß
-Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
-weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
-Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein
-Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
-in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt
-hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
-Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
-dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
-ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben
-beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?
-Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
-kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,
-das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll
-das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
-sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
-doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix
-Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte
-Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,
-Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
-Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
-mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
-mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
-mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
-bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
-Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
-Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
-Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein
-Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
-mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_
-Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach
-ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich
-bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in
-Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,
-ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell
-you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
-mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
-ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
-geschickt nach Hamburg...."
-
-In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
-hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
-meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
-wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
-von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
-vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
-die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
-und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
-sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
-der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
-Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
-Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
-das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
-plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
-dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well,
-Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die
-schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
-nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
-Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
-In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
-Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
-meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
-vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
-wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
-beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
-denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick
-ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
-und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
-Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
-fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
-ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
-Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
-in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
-immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
-Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
-sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
-überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
-schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
-Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt
-und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
-Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
-und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.
-
-
-
-
-Ein Criminelles Geschlecht
-
- "_Er wußte Nichts von den_
- _Geschlechts-Unterschieden der_
- _Menschen, und unterschied die_
- _Leute nur nach den Kleidern."--_
- _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_
-
-
-Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
-Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
-vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
-Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
-Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
-ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
-aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
-Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
-mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
-der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
-Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
-diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
-protestantisch.
-
-Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
-Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
-sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
-ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
-sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
-mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
-neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
-Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten
-sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
-erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
-Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
-schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
-her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
-es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
-Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
-ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz
-absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich
-komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
-paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
-nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
-ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
-eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein
-Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
-Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
-seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
-daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann
-er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
-Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
-zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches
-besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
-können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
-wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber
-sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
-weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der
-Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
-seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
-diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
-was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich,
-kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter
-dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
-worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen
-Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
-Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
-sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
-im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte
-diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
-construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
-wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
-Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
-Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
-ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
-zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte
-ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte
-der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
-er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
-andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
-Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem
-eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
-Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst
-wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
-sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
-und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
-von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
-Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
-Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
-einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
-Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
-auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger
-Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief
-er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die
-sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
-Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
-durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
-Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"...
-die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz
-perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte
-es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden
-Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
-hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,--
-hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
-unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
-und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese
-letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei
-fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
-mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
-von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
-bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
-Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
-Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
-herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
-Geistes zu hoch schien.--
-
-"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
-physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
-zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
-Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
-steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt
-diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction;
-ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
-gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und
-wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht
-_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden
-Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann
-nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
-uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und
-vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
-ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
-Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
-machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
-zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
-und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei
-Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
-ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
-ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
-wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
-den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein
-Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es
-Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
-sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
-diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
-kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
-es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
-solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
-die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
-von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das
-andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
-Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
-Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da
-könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
-der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
-mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
-Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
-und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
-Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
-darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach
-dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
-unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
-erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein,
-lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
-Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich
-von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
-bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
-physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
-zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig,
-und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
-verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der
-Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
-was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
-Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
-die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
-und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören
-wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
-Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem
-Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
-zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
-Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
-aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
-seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
-Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
-Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
-pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
-Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
-lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
-Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir,
-der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
-der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
-diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
-dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
-da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
-den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication
-mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
-nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
-fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
-dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
-aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
-die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann
-laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat
-Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
-Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
-Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie
-ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt
-sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
-Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
-intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
-einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein,
-Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
-zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
-genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
-umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
-Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
-in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der
-Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
-Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
-saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
-losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
-und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
-geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
-Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
-seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war
-unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
-sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
-das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
-wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
-Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
-hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
-können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
-Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
-auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
-dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
-hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
-zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
-bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
-Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
-bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
-unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
-vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
-Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
-seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
-Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
-ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
-stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
-vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
-vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
-Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
-erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
-Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
-Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken
-beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
-die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
-und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
-zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen
-mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken
-Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie
-kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
-unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte
-er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten
-darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
-mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
-entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich
-zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das
-muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es
-auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im
-Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das
-Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
-offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja,
-aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und
-eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen
-Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen
-ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
-Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
-brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn
-Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
-Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
-und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
-Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
-den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo
-die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
-wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben
-einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
-Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
-Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre
-staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar
-mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist
-das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes
-Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
-sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
-die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
-wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses
-merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den
-betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"--
-"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten
-Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden
-nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
-das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein
-Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
-dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen
-einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
-etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was
-ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
-und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese
-wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich
-in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute
-verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie
-vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
-unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
-entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
-den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
-die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein
-transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
-gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie
-hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
-zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die
-Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder
-andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
-Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
-zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
-Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er
-wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
-kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
-Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste
-Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche
-Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
-Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
-nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
-Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
-auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
-und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
-Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
-China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
-betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
-und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
-entsetzlich verschlimmert!"--
-
-Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
-letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
-Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
-als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
-und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir
-waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
-Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
-Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
-steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
-Aufzeichnung machte.
-
-"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß
-ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
-so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
-feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
-ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
-Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
-anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden
-darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
-Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
-mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
-Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst
-nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das
-wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
-wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
-hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr
-Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die
-Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
-kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
-gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"
-
-Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
-Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
-abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf
-der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
-es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
-Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer
-sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
-gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so
-manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem
-Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
-Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
-Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
-regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
-vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht
-ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung
-unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
-sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer
-und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja,
-aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich
-formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber
-arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
-verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
-Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
-nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
-gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
-die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als
-das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
-ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
-Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
-nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
-Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
-das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen
-Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet;
-wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
-dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
-betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
-zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
-die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein
-Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O
-nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit
-und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
-tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
-oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
-Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
-Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
-sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
-ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
-Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
-schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
-Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
-Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel,
-das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter,
-und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese
-Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
-Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
-einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
-Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in
-krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
-den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
-zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
-mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
-den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr
-Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren
-bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
-auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
-unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
-seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
-daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr
-gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
-Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
-vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
-Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
-eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
-aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
-eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
-ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
-tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
-sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.--
-
-Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
-Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
-Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
-Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
-und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
-Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags
-begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
-aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
-mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
-wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
-in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
-herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
-hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
-Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
-was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
-machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
-dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
-ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
-Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
-wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
-Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
-dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
-eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
-Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
-ausdrücken."--
-
-Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine
-größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon
-und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
-zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
-hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
-und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
-(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
-gebracht."
-
-"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte
-ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
-entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
-Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
-hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
-schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
-eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
-und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der
-Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die
-kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir
-der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir
-schieden stumm von einander.--
-
-
-
-
-Der Corsetten-Fritz
-
- _Aus alten Märchen winkt es_
- _Hervor mit weißer Hand,_
- _Da singt es und da klingt es_
- _Von einem Zauberland._
- Heine
-
-Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
-ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
-Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
-leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
-wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
-sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
-ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
-psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
-Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
-hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
-bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
-anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
-Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
-niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
-widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
-so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
-immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
-etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
-eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
-Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
-und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und
-meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
-Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
-tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
-Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
-begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste
-Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
-jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
-nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--
-
-Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
-in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
-von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
-mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
-Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
-Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
-Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
-Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
-mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
-Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
-jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
-nicht.--
-
-Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
-war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
-that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
-die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
-Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
-Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
-wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
-mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
-Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
-strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
-Gymnasium zu besuchen.
-
-Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
-die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
-Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
-mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
-der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
-machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
-hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
-man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
-Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
-Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.--
-
-Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
-zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
-und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
-den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
-ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
-mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
-den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
-mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
-fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
-fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
-hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
-Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
-zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
-ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
-Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
-eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
-Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
-um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
-möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
-Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
-mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
-hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
-souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
-auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
-auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
-Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
-vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
-stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
-dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
-Auftrag vollständig vergaß.
-
-Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
-wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
-spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
-schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
-Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
-gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
-mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
-glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
-und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie
-soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
-Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
-des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
-schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
-angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
-herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
-anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
-ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
-zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
-die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
-Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich
-innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein
-Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
-und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So
-sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
-welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
-süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
-mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
-diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
-kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch
-nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
-glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
-und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
-die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
-sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
-sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
-Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
-sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
-Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
-doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht
-täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
-kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
-füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
-wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter
-für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
-fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
-Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
-von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach
-einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
-erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was
-hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
-kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
-ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
-Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
-Leben nie glücklich sein...!
-
-In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
-Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
-plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
-ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
-mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
-trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
-Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
-retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
-Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
-wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.--
-
-Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
-schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
-Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
-Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
-spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
-tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
-vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
-ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
-daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
-hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
-gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
-wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
-bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
-endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
-hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.
-
-In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
-golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
-strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
-weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
-und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
-und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
-diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
-wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
-lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--
-
-Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
-plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
-herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
-Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
-und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
-dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
-Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
-Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
-die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
-wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
-von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
-Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
-die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
-So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
-ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.
-
-Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
-in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
-ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
-ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
-schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
-ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
-Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
-wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
-mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
-lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
-Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
-Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
-weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
-hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
-über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
-Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
-bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
-einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
-Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
-klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
-verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch
-der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
-treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
-rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
-Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
-auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
-wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
-einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
-klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
-ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
-zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
-hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
-die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
-eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
-wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
-das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
-Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
-ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
-mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
-hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
-Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
-war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
-Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte
-mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
-meinen Empfindungen und Erwägungen.
-
-Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
-gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
-abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
-wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
-schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
-während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
-sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
-geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
-Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
-sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
-Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
-dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
-Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
-farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
-Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
-Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
-die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
-wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
-Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
-jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das
-heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
-ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
-Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
-zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
-ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
-zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
-Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
-vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
-Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
-Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
-und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
-von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
-Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
-ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
-einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
-Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
-folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
-Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
-beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
-und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
-treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
-herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
-die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
-Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
-den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
-bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in
-die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
-naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
-erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
-jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
-Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.
-
-Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
-großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
-hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
-Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
-sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
-Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
-welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
-Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
-gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
-Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
-und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
-griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
-Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
-was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
-der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
-anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
-sei.--
-
-Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
-dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
-entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
-zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
-Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
-Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
-Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_,
-die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen
-Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.
-Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
-Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
-sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
-nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
-Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
-die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
-ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
-ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
-Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
-und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.
-
-So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
-Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
-Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
-das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
-Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
-die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
-Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
-aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
-wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
-hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
-krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
-Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
-wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
-Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
-ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
-dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
-gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
-und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
-Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
-Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
-zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
-starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
-hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
-Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
-Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
-ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
-kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
-spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
-von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
-sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
-farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
-Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
-diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
-Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
-blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
-Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
-ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
-u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
-weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
-Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
-Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.
-
-Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
-ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
-Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
-die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
-worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
-wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
-neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
-farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
-genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
-wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
-ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
-Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
-geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
-Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
-Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
-ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
-mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
-noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
-S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
-ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
-ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
-Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
-mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
-ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
-Religionsstunde.--
-
-Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
-empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
-Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
-Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
-Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
-gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
-Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
-daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
-mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
-blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
-dieser Isolirung war mir am wohlsten.
-
-So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
-Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
-da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
-Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
-wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
-Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
-wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
-ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
-weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
-jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
-schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
-eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
-"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
-mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
-Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
-Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die
-Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
-gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl
-geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
-Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte
-mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
-begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
-mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
-Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
-und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
-ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
-äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
-Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
-durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
-hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
-ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
-Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
-zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
-her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
-dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
-Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
-werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
-von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
-gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
-die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
-das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
-Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung
-des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
-selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
-wir es auswendig gelernt haben.--
-
-Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
-wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
-"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
-Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
-wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
-Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
-getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
-der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
-abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog
-so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
-alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
-ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
-im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
-gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
-erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.--
-
-Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
-mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
-Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
-und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
-endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
-Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
-so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
-süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
-studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
-der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
-vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
-beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
-unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
-Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
-schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
-Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
-ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich
-eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
-Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
-sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
-hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
-deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
-fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
-über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
-Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
-durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
-durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
-rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
-nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
-hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
-breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
-emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
-Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
-nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
-empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
-einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
-ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
-nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
-weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
-phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
-langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
-Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
-sie heute zum ersten Mal
-
-Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
-Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
-die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
-schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
-Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
-Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
-höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
-dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
-und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
-mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
-mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
-andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
-schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
-zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
-und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
-vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
-Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
-herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
-Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
-Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
-des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
-schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
-mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
-Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich
-kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
-und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
-schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
-herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
-Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
-bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
-ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
-kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
-der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
-nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
-Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
-Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
-in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
-gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
-das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
-Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
-Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
-hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
-noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
-Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
-und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
-mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
-geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
-steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
-frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte
-mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
-das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
-geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
-ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
-Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
-Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
-und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
-Orange-Fee.--
-
-Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
-Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
-Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
-lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
-Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
-im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
-gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.
-
-Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
-auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
-ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
-Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
-Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
-der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
-gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
-ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
-Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
-mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--
-
-So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
-eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
-Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
-angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
-traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
-in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
-Erfolg lustig machte.
-
-Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
-empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
-gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
-mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
-der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
-an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
-ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
-sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung
-wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
-folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
-damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
-für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
-und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
-Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
-Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.
-
-Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
-hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich
-vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
-und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
-schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
-Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
-hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
-Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
-ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
-die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
-die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen
-Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
-Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
-von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
-Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
-was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
-abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
-ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
-davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
-immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
-Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
-ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
-ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem
-Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
-muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
-ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
-keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour
-schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
-Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
-Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
-Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
-die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner
-Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
-wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
-die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
-in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
-Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
-welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
-Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
-jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
-hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
-Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
-winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
-der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
-Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
-aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis
-dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
-verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
-etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
-Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
-Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
-ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
-nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
-lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und
-"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.
-Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
-war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
-höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
-zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
-natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
-und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
-so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
-bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
-Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.
-
-Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
-es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
-diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
-nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
-Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
-eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
-und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
-gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
-beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
-betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
-daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
-aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
-zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
-gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
-Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
-zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
-sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
-offenbar bestellte, fabricirte Sache.--
-
-
-
-
-Indianer-Gedanken
-
- "Nehmet wahr der Raben;
- sie säen nicht, sie ernten auch
- nicht, und euer himmlischer
- Vater nähret sie doch."
- Lucas 12, 24
-
-
-Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
-Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
-verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
-der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
-aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
-und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
-ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
-des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
-herausforderte.
-
-Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
-hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
-Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
-Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
-Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
-Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
-die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun
-auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
-mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
-Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
-rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
-meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
-Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
-nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
-in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
-manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
-zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit
-war dieß gut.--
-
-Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
-mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
-aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
-Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
-Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
-sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
-Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
-Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
-nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
-freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm
-anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
-lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
-und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
-sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
-und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
-kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
-gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
-Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
-mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
-niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
-Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
-Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
-kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
-in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
-Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
-Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
-misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
-Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
-Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
-Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
-an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
-und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
-ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
-stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
-Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
-hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
-an ihm gewohnt war.--
-
-"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
-gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
-auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte
-ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
-geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
-ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist
-passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte
-der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
-Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer
-Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt
-mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
-mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
-ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
-wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_
-und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht
-leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum
-uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
-Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um
-uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um
-Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und
-deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig
-erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
-Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
-Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
-ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
-Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu
-_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_
-trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr
-mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere
-Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
-unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
-Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja,
-aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die
-Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt
-Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es
-müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
-seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie
-gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der
-Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
-für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
-Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
-sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts
-gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde
-es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
-es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
-sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
-zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
-er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie
-wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der
-Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
-Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
-wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich
-noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die
-Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
-große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor,
-nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein
-lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
-zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein
-solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
-hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
-Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
-Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
-weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
-das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und
-schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
-wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
-riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn
-mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
-einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
-des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den
-Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte
-ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
-andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
-so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
-dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach
-einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
-Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
-sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
-Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
-ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich
-voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
-Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er
-das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was
-hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich
-unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
-Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er
-macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige
-Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die
-Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
-anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
-klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
-Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
-genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
-und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
-Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
-Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was
-Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
-nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
-aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
-hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
-hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
-auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
-schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
-an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
-gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
-diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
-dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
-der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
-Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
-er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er
-dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen;
-wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
-einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
-Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
-stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
-auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
-Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
-würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
-blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
-verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist
-schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
-der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
-Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
-nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
-Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
-sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
-das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete
-mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut
-vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel
-Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
-gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
-unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
-Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
-dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_
-steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch
-schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
-der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
-daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
-das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
-aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
-uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
-Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst
-Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche
-Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen
-Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O
-nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen
-Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
-Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt
-höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im
-tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
-Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
-aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe,
-kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
-und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
-sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
-Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
-ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
-Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
-plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
-als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
-zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
-in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der
-Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
-Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
-setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
-fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
-mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
-derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
-seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
-Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
-home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
-wir erst wieder zu Hause sind).
-
-
-
-
-Ein scandalöser Fall
-
- "Und Er schuf sie, ein Männlein
- und Fräulein, und sprach zu ihnen:
- Seid fruchtbar und mehret Euch."
- Genesis 1, 27-28.
-
-Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
-seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
-für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
-geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
-Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das
-Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
-dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
-an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
-einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
-besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
-nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
-besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
-Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
-des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
-es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
-Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
-Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
-Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
-Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
-Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
-Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
-Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
-verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
-Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
-Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
-streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle
-zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
-Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
-beginnenden Geschichte.--
-
-Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
-welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
-dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
-meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
-er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
-der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
-Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
-doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
-geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
-einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
-des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
-Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
-er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
-nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
-Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
-um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
-scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
-auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
-Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
-dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
-productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
-und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
-Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
-zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
-Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
-des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
-Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
-Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
-friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
-Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
-absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
-Wesen; das Habit immer tadellos.--
-
-Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
-weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
-normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
-eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
-sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
-oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
-die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
-doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
-Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
-Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
-Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
-sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
-ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
-Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
-ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
-plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
-von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
-Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
-quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
-erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
-Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
-außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
-Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
-die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
-einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
-obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
-und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
-Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
-war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
-nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
-mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
-hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
-Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
-und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
-und weit über Beau-Regard hinaus.--
-
-Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
-eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
-Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
-Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
-temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
-kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
-schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
-den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
-mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren
-Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
-die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
-"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
-weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
-Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
-Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
-"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
-Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
-ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
-weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
-acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
-lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
-Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
-wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die
-vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
-Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
-die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
-präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast
-allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
-wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
-wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem
-Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
-eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
-vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
-entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
-und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
-fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
-für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
-die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
-armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
-Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
-und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
-an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
-Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
-ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
-nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
-ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
-eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
-Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
-aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
-seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
-Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
-weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
-da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
-von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
-einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
-unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
-nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
-Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
-sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
-hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
-Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
-kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
-Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
-sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
-sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
-Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
-da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
-ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
-und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
-um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
-und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
-wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
-in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
-zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
-luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
-Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
-Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
-unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
-innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
-zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
-mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
-eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
-erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
-vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
-und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
-genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
-Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
-Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
-Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
-so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
-Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
-welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
-es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
-
-Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
-mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
-fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
-Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
-120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
-Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
-und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
-Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
-Abschluß gebracht.--
-
-Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
-getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
-er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
-libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
-der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
-darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
-daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
-beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
-Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
-fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
-moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
-zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
-heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
-Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
-was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
-aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
-Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
-und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
-zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
-blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
-rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
-Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
-Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
-sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
-er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
-nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
-feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
-die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
-war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
-Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
-nach.--
-
-Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
-können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
-Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
-an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
-grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
-leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
-von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
-großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
-abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
-können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
-aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
-an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
-der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
-gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
-Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
-Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
-Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
-Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
-Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
-mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
-aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
-und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
-Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze,
-Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
-fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
-das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
-Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.--
-
-Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
-vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
-ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
-jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
-begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
-und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
-Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
-aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
-Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
-In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
-chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
-und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
-Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
-Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
-Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
-eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
-und Schwätzen.
-
-Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
-wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
-Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
-beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
-die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
-Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
-aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
-fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
-stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
-alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
-sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
-Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
-gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
-schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
-
-Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
-Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
-in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
-absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
-Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
-
-Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
-und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
-ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
-gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
-welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
-Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
-begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
-Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
-zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
-Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
-Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
-funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
-entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
-Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
-geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
-
-Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
-immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
-gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
-erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
-Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
-als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
-begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
-jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
-und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
-an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
-hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
-mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
-um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
-Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.
-
-Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
-Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
-Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
-aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
-Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
-grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
-die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
-herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
-spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
-und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
-Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
-von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
-Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
-dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
-glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
-aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
-Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
-verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
-der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
-Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
-heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
-und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
-gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
-leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
-eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
-Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
-sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
-die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
-das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
-halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
-man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
-und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
-Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
-beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
-sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
-den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
-hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
-wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen
-mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
-Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
-tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
-Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
-ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
-so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
-gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
-faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
-bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
-das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
-und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
-den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
-einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
-Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
-verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la
-Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
-etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
-(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
-mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
-"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé,
-und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
-und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
-noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
-jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
-Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
-halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
-Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
-sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
-Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
-im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
-ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
-sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
-und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
-gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
-Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
-überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
-stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
-sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
-verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
-gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
-Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre,
-die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
-herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
-Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
-mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
-Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
-erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
-konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
-Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
-ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
-Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
-offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
-verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
-gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame
-schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
-ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
-Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
-Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
-Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
-Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
-nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
-stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
-unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
-Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
-bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
-nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
-es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
-registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
-daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
-diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache
-selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
-Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
-Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine
-abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
-was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
-soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
-gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
-Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur
-ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für
-das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
-Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
-sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
-Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
-früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
-schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
-das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
-selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
-moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
-Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja
-wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
-gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings,
-aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
-enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
-meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
-allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
-sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
-phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
-nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem
-Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
-Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
-Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
-keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
-Alles gut gehen.--
-
-Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
-wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
-zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
-aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
-geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
-hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
-nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
-auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
-auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.--
-
-Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
-Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
-stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
-Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
-mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
-Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
-
-Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
-zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
-ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
-zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
-die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
-bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
-bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
-in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
-Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
-Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
-ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
-Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
-sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
-an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
-Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
-Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
-auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
-Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
-weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
-Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
-Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
-und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
-Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
-Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
-sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
-die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
-von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
-eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
-noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
-cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
-beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
-vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
-waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
-Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
-Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
-schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
-nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
-ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
-in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
-Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
-Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
-zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
-steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
-und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
-wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
-"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
-Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
-Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
-sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
-Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
-sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
-stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
-zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
-lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
-halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
-Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
-ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
-Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
-Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
-gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
-und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
-gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
-eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
-sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
-leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
-als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
-weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
-und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
-Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
-letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
-der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
-und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
-Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein
-einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
-Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
-habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
-lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
-hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est
-degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
-glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
-gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
-andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
-Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
-plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte
-Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
-Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
-sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première!
-La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
-dann wild hinaus.--
-
-Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
-Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
-wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
-nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
-Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
-und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
-mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
-plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
-Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
-allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
-und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
-eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
-etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
-Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
-erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
-Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
-Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
-ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
-schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
-aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
-im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
-Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
-als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
-doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
-was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
-und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
-heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
-triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
-mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
-Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
-mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
-
-So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
-der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
-ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
-erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
-des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
-Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
-und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
-fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
-wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
-ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
-zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
-einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
-nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
-einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
-zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
-solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
-älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
-aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
-Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
-aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
-Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
-streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
-der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
-man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
-Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
-diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
-der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
-Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
-zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
-Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
-war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
-Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
-umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
-sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä
-sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
-et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
-Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
-jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse
-hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
-Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
-im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
-in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
-von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
-Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
-zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
-Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
-jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
-Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
-Falles gerettet werden.
-
-Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
-gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
-miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
-und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
-wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
-Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse
-mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
-ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
-ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
-fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
-sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
-Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
-Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
-großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
-hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
-immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!"
-Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die
-Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb
-vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
-der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
-die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
-rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
-Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
-damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
-Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
-Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
-bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
-zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
-so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
-wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
-vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
-würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
-dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
-eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
-et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
-wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber
-la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
-Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
-schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn
-sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
-Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
-gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
-gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß,
-aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten
-sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu
-den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
-größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
-zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
-Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
-kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
-den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob
-sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
-halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
-Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde
-befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
-was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
-von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß
-Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß
-nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
-wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
-hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien
-neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
-Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
-die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
-gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
-zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
-Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
-Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren,
-wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann
-aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?"
-"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
-der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit
-der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
-überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
-sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
-können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
-solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
-um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
-der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
-groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
-von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
-Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
-ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
-Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
-falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
-freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
-das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
-und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
-im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
-sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
-entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
-
-Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
-nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
-Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
-es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
-gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
-aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
-Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
-dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
-moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
-und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte
-etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
-Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
-aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
-auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
-ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
-Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte
-Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
-Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
-verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
-
-Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
-Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
-weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
-jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
-und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
-Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
-den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
-ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
-Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den
-Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
-nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
-Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
-Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
-hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
-Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel
-Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja,
-ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
-Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
-ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
-gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
-bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
-Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
-_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
-es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
-einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
-und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
-erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
-war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und
-niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
-Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die
-Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
-Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
-Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
-auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
-sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
-ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
-Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
-
-Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
-welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
-Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
-abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
-sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
-Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete
-die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
-diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
-war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
-Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
-emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
-also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
-und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
-zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
-Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
-Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
-einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
-Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
-Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
-Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
-Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
-und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
-unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
-liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
-Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
-kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
-über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
-nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
-Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
-Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
-zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und
-Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
-und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
-Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
-und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
-der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
-Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
-willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
-Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
-Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
-mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
-als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
-Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
-nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
-Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
-sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
-verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
-und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
-nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
-gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
-Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
-was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
-wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
-uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
-Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
-Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
-die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
-das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
-Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
-die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
-aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
-Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
-drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
-Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
-Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
-aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
-ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
-aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
-Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
-großen Meer!..."--
-
-Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
-Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
-stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
-das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
-hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
-Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
-gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
-hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
-weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
-Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
-gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
-nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
-selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
-auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
-unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
-geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
-ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
-Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
-
-Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
-bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
-Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
-die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
-nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
-eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
-austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
-man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
-aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
-eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
-Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
-noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
-Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
-nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
-Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
-dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
-1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
-in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
-folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
-Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
-abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
-Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
-wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
-dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
-verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
-den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
-die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
-Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
-ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
-zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
-nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
-sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
-hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
-aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
-sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten
-im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
-gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
-verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
-vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
-die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
-Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
-dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
-gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
-Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
-ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
-neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
-entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
-können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
-größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
-beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
-verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den
-Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
-Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
-nun nach Belieben handeln.--
-
-Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
-la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
-zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
-verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
-zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
-Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
-mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
-das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
-der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
-neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
-Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
-Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
-gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
-mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
-auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
-mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
-eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
-Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
-des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
-Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
-Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
-oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
-Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
-werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
-den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
-Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder
-in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
-Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
-diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach
-festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
-
- "Le diable et triste
- Et a bien peure:
- Il a perdu sa fiancee
- Et craint la Superieure!"[4]
-
-Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
-seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
-geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
-Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
-die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
-Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
-zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
-aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
-der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
-Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
-Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
-man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
-Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
-ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
-züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
-hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
-man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
-haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
-so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
-zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
-fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
-wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
-Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--
-
-Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
-Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
-Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
-Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
-bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
-die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
-begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
-selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
-hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
-zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
-diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
-_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
-bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
-Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
-Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
-brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
-heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
-Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
-Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
-damals im Wald auf Henriette gesessen.--
-
-Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
-der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
-Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
-eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
-Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
-auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
-erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
-der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
-Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
-Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
-Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
-Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
-entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
-nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
-wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
-zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
-des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
-betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
-Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
-sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
-die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
-Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
-dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
-Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
-ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
-Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
-ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
-Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
-cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
-Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
-das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
-stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
-Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
-rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
-Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
-Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
-Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
-Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
-die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
-Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
-Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
-und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
-Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
-sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
-Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
-und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
-mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
-eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
-kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
-Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
-trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein
-eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
-Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
-möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le
-jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
-zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
-draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
-kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
-nach Hause.--
-
-Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
-wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
-die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
-und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
-Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
-ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
-Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und
-unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
-die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
-bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
-mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
-Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
-selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
-Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
-Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
-was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
-Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
-des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
-war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
-la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
-getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
-präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
-erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
-Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
-in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
-einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was
-aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
-erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
-Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit
-diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.
-
-Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
-möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
-Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
-Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
-dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
-fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
-heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
-die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
-ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
-sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
-Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
-etwas ganz besonderes los sein müsse.--
-
-Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
-bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
-mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
-Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
-zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
-vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
-gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
-als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
-außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
-beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
-was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
-die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
-mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
-diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
-anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
-das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
-Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
-eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
-jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
-diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
-dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
-los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es
-mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
-wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--
-
-Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
-Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
-hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
-beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
-Hirn zu schreiben.--
-
-Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
-des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
-Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
-in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
-ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
-gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
-Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In
-diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
-und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
-soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
-einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
-auseinander und las Folgendes:
-
-Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
-de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
-Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
-Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
-vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
-
-Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
-Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
-Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
-männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
-paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
-die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
-werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
-(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
-getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
-ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
-eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
-Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
-Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
-dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
-Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
-nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
-Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
-Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
-das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
-als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
-stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
-Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
-von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
-ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
-der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
-so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
-blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
-uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
-ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
-Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
-als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
-Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
-von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
-gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
-die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
-zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit
-ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der
-Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
-hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
-deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
-beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
-_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
-ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
-ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
-der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
-weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
-Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
-hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--
-
-Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
-gebracht.
-
-Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
-genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
-wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
-
-Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
-Soeur Première wurde Superiorin.--
-
-
-[1] "Sieh der Teufel!"
-
-[2] "Und hier seine Braut!"
-
-[3] Schwatzerei.
-
-[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
-verloren, und fürchtet die Superiorin.--
-
-[5] Ach, sie thun mir weh.
-
-
-
-
-Der operirte Jud'
-
- _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_
- _Huhu! ein gräßlich Wunder!_
- _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_
- _Fiel ab, wie mürber Zunder._
- _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_
- _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_;
- _Bürger_, Lenore.
-
-
-Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel
-Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
-meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
-ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
-der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
-Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
-um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging
-und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
-dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
-verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
-gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
-ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
-oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
-versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
-die Schule, die Verantwortung tragen.--
-
-_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
-stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
-letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
-die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
-Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
-Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
-über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
-einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
-Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
-auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
-waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
-von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein
-Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
-den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
-Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
-Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner
->Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines
-Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
-aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
-er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
-paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
-Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
-zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
-herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
-noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
-viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
-so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
-die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
-komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in
-der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
-welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
-und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
-Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
-auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
-daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
-dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
-Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
-nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
-sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch
-etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
-Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
-beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
-steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
-starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
-zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
-Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
-nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
-einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
-komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
-und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
-der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
-Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
-Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
-Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
-Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
-eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
-seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,
-von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
-unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
-wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
-ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
-Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
-hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
-bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
-spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
-oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
-und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
-zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
-der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
-ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
-bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
-Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
-immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
-er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
-sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
-unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
-eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
-Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
-Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
-grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
-sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
-Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
-die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
-Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber
-wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
-Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
-Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
-einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
-abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
-ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
-dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
-Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
-Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
-Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig
-Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte,
-ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
-flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
-besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an
-bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
-syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
-Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
-seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was
-soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
-Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
-Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
-der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
-Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
-Speichelabsonderung).--
-
-Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
-oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
-er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine
-Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
-(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
-eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
-einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
-solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
-blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
-Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
-"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
-dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
-daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
-Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
-dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
-der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark
-nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
-also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
-breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
-den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
-recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend;
-u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
-willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
-weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
-zusammen!
-
-Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
-ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
-umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
-die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
-die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig
-Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
-medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
-empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
-dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
-Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
-dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
-kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
-viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
-grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
-zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
-Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
-stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
-den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
-die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
-Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
-kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
-Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
-nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
-die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte
-ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
-von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen
-wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
-hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
-Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_
-war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
-eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
-Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
-Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
-war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem
-engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
-grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
-eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
-große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
-blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
-begann.
-
-Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
-Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
-seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
-entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
-daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
-verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
-wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte
-ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
-vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
-Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und
-stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
-den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
-so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä
-neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht;
-aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
-zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
-Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
-sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
-Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs
-wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
-berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
-Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
-Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
-vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
-und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
-Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
-ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
-die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
-Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
-werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann
-ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf
-eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
-nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich
-beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
-dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
-Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
-zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
-Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
-Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
-Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
-
-Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
-der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
-Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
-Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
-gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
-mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
-und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
-anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
-noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
-seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
-wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
-und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
-einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
-natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
-sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
-zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
-verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
-Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
-Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
-entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
-und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade
-jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
-absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
-einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
-Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
-Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
-Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
-ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
-von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der
-alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
-mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
-neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
-Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
-größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
-Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
-einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
-hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
-die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
-hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
-des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
-hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
-Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
-gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
-wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
-schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
-war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
-gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
-schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
-zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
-bald als möglich erreichen.
-
-Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
-nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
-durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
-rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
-dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
-Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
-völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
-wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
-Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
-Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
-mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
-noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
-von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
-Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
-einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
-bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
-ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
-u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
-darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
-neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
-entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
-neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
-untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
-Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
-das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
-sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
-feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
-Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
-
-Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
-Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig
-Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
-größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
-Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
-christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
-Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
-der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
-weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
-pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
-verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
-unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
-zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
-im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
-aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
-damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
-unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
-dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
-englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
-hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
-_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
-der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
-Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
-riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
-wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
-germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
-wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
-_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
-Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel
-und übrigen Papiere umändern.
-
-Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
-Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
-der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
-verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
-wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_
-zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
-Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
-in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
-hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
-Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
-Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
-Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd',
-fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
-nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt
-geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
-hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
-Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß
-dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
-einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
-herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
-innerlich aus?--
-
-Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
-jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
-herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
-paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
-einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
-Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
-undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
-Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
-die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
-beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
-wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
-Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
-in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
-zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
-sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
-bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
-der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
-das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor
-_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"
-herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
-wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
-Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
-neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
-abstehen.
-
-Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
-mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm
-erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte,
-den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
-Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
-vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
-und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
-bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
-man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
-Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
-Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
-mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
-Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
-Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
-diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird
-den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
-Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
-Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
-damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,
-die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
-in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
-oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
-ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
-Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
-waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
-bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
-jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
-einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
-am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
-zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
-Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
-zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
-in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
-entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
-im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
-"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
-kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
-Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
-mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
-hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
-nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
-sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
-Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
-
-So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
-sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
-Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
-die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
-sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
-ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_
-Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
-Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
-Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
-wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
-überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
-sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
-die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter
-Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
-verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
-Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
-Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
-_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
-
-Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
-Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
-ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
-Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
-früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder
-Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
-zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
-Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
-Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
-härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
-Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er
-und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet
-er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt
-er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der
-hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
-aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
-Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
-der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige
-Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
-spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel
-jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In
-solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
-wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
-wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
-hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
-mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
-eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
-fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
-Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
-ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
-kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
-schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften
-natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
-Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
-konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
-all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
-Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
-alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
-kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
-steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
-gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
-pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch
-andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
-Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
-steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
-zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
-alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
-seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
-ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
-er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
-sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
-Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
-sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
-immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
-mit Ruhe obzuliegen.--
-
-Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
-Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
-in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
-eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
-Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
-Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
-mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
-Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
-ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
-erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte
-nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben
-eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
-Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
-sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
-mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
-die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
-Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen
-Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war
-es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
-vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
-(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
-Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
-die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
-geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
-Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
-Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
-für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
-wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
-Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des
-Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
-wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
-der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
-es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
-Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
-etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen
-Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
-Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
-den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
-konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
-Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
-Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
-horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
-ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
-Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
-Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
-machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
-etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
-war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
-Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
-nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die
-Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
-Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
-Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
-Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die
-Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische
-Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls
-beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
-gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
-_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
-dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
-Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
-hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
-
-Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
-Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
-_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
-absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
-ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
-auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
-in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
-nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
-_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei
-Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's
-fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
-der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
-beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
-lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
-war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das
-Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
-Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die
-zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
-und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
-Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward
-anberaumt.--
-
-Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
-jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
-Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
-machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
-Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
-ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
-auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
-aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
-nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber
-Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
-die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
-zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
-Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
-offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
-gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt
-Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
-schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
-Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
-Umhüllungen kleiden.--
-
-Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
-sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
-zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
-wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
-Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
-Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
-sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
-blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
-blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
-Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
-Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert
-sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
-das, was aus der Menschen Munde geht!
-
-Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
-Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
-erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen
-müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur
-eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O
-hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
-geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
-großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
-weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
-nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
-zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
-den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
-Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,
-wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
-Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt
-hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--
-
-Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war
-der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
-der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_
-beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
-mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
-vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
-Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen
-hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
-der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
-viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
-durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von
-5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser
-muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
-"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
-der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
-uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
-_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,
-die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
-bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
-Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
-sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
-erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
-man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
-unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
-streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
-ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem
-anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
-zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
-_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
-Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
-Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.
-
-Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
-Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
-zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
-einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
-und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
-wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
-französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
-des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich
-befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
-in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
-in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
-waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
-Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
-der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
-_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.
-Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige
-Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
-Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
-Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
-waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
-langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
-Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
-Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
-_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
-Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
-Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
-Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
-der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.
-
-Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
-im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
-Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
-von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
-weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
-Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
-Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
-des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
-psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
-Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
-aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
-immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
-gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
-Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
-abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
-symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
-Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
-am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
-Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
-den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--
-
-Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
-daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
-Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
-purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
-Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
-abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
-Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
-und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
-Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu
-Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
-"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
-können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
-Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
-der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
-auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
-wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
-Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
-er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
-hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
-es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
-"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
-Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
-Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
-daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
-gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
-hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
-war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
-diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
-seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
-überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
-tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
-die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
-die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
-Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
-_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
-schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
-wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
-vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll
-ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
-als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
-Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
-starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
-angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
-hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
-festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
-Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen
-war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
-worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
-auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
-ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
-drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit
-einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
-Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter
-Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
-und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
-Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
-schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
-die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
-Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am
-Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)
-"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
-er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
-Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
-Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme
-mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In
-diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
-gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
-lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
-herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
-Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
-Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
-aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei
-Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
-vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
-Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
-Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
-wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
-glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
-wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
-seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
-zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
-Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
-wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
-rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
-war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
-vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter
-geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
-Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
-jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
-verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
-zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück.
-Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
-nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
-Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
-Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel
-Stern_.--
-
-
-
-
-Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
-
-
- "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
- Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
- hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
- un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
- un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd
- ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as
- der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
- un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
- Un as se dat seeg, so freude se sik._"
-
- Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
-
-
-
-Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
-einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
-hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
-Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
-angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
-Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
-Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
-einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
-nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
-auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
-in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren
-Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
-allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
-Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
-die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
-reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
-unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
-nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
-kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
-nicht so schrecklich aus.--
-
-Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
-auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
-mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
-als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
-Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
-Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
-Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
-vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
-der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
-fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
-Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
-ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
-konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
-es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
-selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
-zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
-etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
-aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte
-hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
-gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
-wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
-Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
-schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber
-nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß
-der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
-Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
-nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
-hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
-ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
-Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
-den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
-kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
-Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
-Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
-Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
-Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
-auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
-ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
-eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
-Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
-auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
-sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
-trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
-Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
-auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
-zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
-endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
-Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
-durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
-einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
-kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
-gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
-fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
-mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
-der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
-geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
-einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
-Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
-Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
-gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich
-freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
-leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
-Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
-herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
-warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
-Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
-Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
-zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
-bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
-zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
-weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
-die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
-und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
-"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
-"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
-an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
-schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
-wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
-mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
-und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
-verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
-ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
-hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
-dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
-halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
-seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
-auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
-einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
-vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
-haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
-und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
-Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
-sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
-bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
-seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
-Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
-inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst
-mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
-ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
-Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
-feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
-wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder,
-indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
-Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
-Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
-Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
-Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
-Sorge."
-
-Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
-Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
-das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
-überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
-Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
-daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
-auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
-freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
-in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
-in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
-Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
-Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
-Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
-Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
-nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
-zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
-unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
-mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
-schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
-mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
-durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
-meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
-auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
-daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
-hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
-gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
-es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
-ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
-Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
-aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
-Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
-mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
-seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
-der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
-Tochter Maria!...."--
-
-Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
-was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
-Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
-jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
-Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
-Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
-geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
-Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
-Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
-und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
-noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
-ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
-Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
-Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
-einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
-Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
-hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
-und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
-Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
-sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
-eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
-die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
-eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
-und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
-sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
-gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
-rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
-war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
-stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
-naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht
-sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
-wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
-Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
-wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
-Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
-Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
-Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
-jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
-diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
-froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
-und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
-mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
-Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
-Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
-ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
-und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
-wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
-Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
-Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
-gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
-zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
-nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
-mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
-ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
-Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
-ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
-dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
-seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
-der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
-schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
-Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
-protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
-während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
-zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
-auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
-einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
-das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
-sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
-ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
-zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
-fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
-alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und
-blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
-Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
-über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete
-Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
-mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
-jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
-war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
-verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
-übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
-eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
-wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
-die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
-auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
-sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
-hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
-vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
-dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
-oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
-Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
-eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
-blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
-Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
-weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
-zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
-Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
-einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
-ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
-er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
-einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
-sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
-Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
-Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
-werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
-grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
-blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
-waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
-jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
-fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
-im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
-Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
-jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
-herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
-Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
-mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
-merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
-Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
-dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
-schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
-Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
-leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
-sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
-Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
-Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
-dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
-also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
-Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--
-
-Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
-der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
-war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
-einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
-schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
-schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
-er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
-Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
-all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
-Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
-nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
-an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
-Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte
-er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
-Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
-herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
-14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
-zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
-weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
-drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
-Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
-zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
-nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
-ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
-drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
-zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
-zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
-einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
-Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
-nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht
-ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
-schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
-Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
-rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
-"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
-bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
-des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
-beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
-ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
-die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
-oben.--
-
-Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
-dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
-Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
-Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
-aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
-und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
-Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
-er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
-schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
-brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
-trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
-verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
-dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
-er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
-hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
-vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
-Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
-Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
-hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
-er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
-sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
-Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
-der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
-Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
-hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
-miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
-die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
-ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von
-wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
-reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
-und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
-Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
-junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
-sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
-Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
-ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich
-wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug
-der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen
-Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
-nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
-Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte
-das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
-aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
-knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
-sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
-wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
-der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
-daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
-Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der
-Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
-erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
-mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
-wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
-hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
-unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um
-Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
-dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
-Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
-vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
-mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
-alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
-"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
-ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
-verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
-complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
-Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
-Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
-Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä,
-hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
-Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr
-wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
-und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
-unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
-geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
-Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
-Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
-Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die
-Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
-Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein
-Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
-examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
-denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
-er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
-und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
-inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein
-Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a
-tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
-Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
-und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
-sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
-war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
-Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
-und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
-inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte
-sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe
-sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
-der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich
-was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder
-an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
-sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
-Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
-Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
-ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
-Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
-Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
-sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
-Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
-sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
-Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
-in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
-dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
-Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte
-der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
-Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
-zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
-Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie
-glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte
-wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
-ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit
-Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
-Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
-meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
-duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
-Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der
-Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
-Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
-ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
-daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
-den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
-in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
-Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
-kommen!"--
-
-Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
-Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
-Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
-gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
-Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
-durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
-Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
-vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
-ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
-er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
-und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
-auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger
-Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
-sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
-von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese
-Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
-und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
-dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
-schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
-einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
-noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
-mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
-zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
-wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
-Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
-"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
-bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
-sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
-und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
-noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
-Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
-hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
-wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
-mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
-mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
-Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
-zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
-Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
-mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd
-legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
-einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--
-
-Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
-sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
-unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
-schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
-Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß
-der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
-ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
-schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
-geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
-in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
-junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
-zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
-geheimnißvollen Geburt?
-
-So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
-Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
-angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
-Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
-diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
-Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine
-nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
-Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
-Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
-Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
-Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
-man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
-entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
-Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
-heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
-halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
-das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
-jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
-Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
-daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
-kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
-Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
-würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
-Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
-Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
-strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
-ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
-umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
-kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
-in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
-gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
-war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
-das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
-besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
-die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
-vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
-wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
-forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
-stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
-ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
-zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
-Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
-offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
-einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
-der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
-zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
-ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
-Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
-abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
-Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
-Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
-sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
-Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
-zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
-wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
-lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
-Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
-verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
-Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
-durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
-es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
-ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
-Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
-das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
-Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
-die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
-nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
-untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
-mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
-angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
-ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
-den Rest der Nacht.--
-
-Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
-widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
-an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
-vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
-dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
-seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
-Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
-doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
-trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
-nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut
-und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
-Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
-eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
-und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
-schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
-"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
-aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
-Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
-Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
-verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
-niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
-Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel
-der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
-war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
-arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
-in mein Zimmer zurück.
-
-Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
-Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
-mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
-saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
-Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
-mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
-mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
-gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
-der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
-Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
-Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
-Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
-Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
-Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
-ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
-bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
-
-Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
-den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
-alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
-unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
-nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
-hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
-her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
-einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
-und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
-zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
-da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,--
-"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
-ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die
-räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über
-meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
-die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug
-ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
-nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
-fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
-vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
-herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
-heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
-weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
-"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
-dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
-Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
-Stunde wieder umzusehen.--
-
-
-
-
-Der Goldregen.
-
- _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_
- _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_
- _Na bitt' i unser'n Herrgott,_
- _Daß's Wetter so bleibt._
- Altbayrischer Vierzeiler
-
-
-Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
-der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
-noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
-auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
-kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
-Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
-regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
-und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
-Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
-geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
-an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
-eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
-u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
-Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
-und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
-und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
-Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
-ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
-um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
-das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
-sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
-gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
-um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
-einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
-trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
-Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
-Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
-Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
-etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
-ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
-Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
-da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
-und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
-als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
-Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
-Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser
-kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
-Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
-große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
-die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
-Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
-pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
-eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
-Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
-auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
-einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
-nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
-einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
-dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
-eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
-ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
-Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
-gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
-Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
-das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
-Straße, in das nächste Haus.--
-
-"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
-aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
-unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
-die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
-ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und
-fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
-dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
-Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
-ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
-Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
-Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
-halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
-Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
-in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
-bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
-betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
-und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
-wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
-Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
-und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
-Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
-Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
-Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
-sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
-scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
-unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der,
-vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
-und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
-wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
-ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
-und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
-hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
-und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
-herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
-matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
-im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden
-einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
-Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
-durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
-Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
-die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
-erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
-war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
-entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
-Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
-die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
-in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
-ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
-kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
-quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
-erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
-Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es
-nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
-laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
-nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
-diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
-und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
-den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
-fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
-
-Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
-nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
-Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
-weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
-lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
-hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
-vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
-Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
-hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
-und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
-die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
-zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
-zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
-kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
-den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
-neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
-mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
-des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
-ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
-nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
-andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
-glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
-erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
-Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
-genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
-Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
-Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
-etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
-entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
-nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
-stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
-wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
-Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
-heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
-verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
-einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
-gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
-vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
-Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
-nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
-Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
-Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
-die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
-Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
-Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
-nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
-in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
-Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
-waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
-Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
-nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten
-Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
-die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
-selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
-her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
-er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
-in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
-jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
-wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
-Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
-schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
-einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
-Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
-er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
-Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
-Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
-Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
-übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
-der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
-eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
-Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
-ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
-von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
-abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
-ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
-wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen
-mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
-verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
-Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
-holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
-weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
-Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
-Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
-kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
-Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
-Taschen, was das Zeug halten wollte.
-
-"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
-feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht
-für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
-Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
-eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
-'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
-für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
-Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
-doch von oben zu!"--
-
-Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
-waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
-andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
-ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
-um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
-Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
-Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
-verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
-einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
-aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
-feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
-man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
-manchmal findet.--
-
-Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
-umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
-sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
-ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
-die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
-Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
-mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
-Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
-der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
-mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
-entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
-konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
-begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
-diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
-doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
-und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
-Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
-Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
-nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
-Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
-Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
-war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
-herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
-Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
-Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
-vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
-Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
-des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
-war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
-welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
-Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
-und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
-beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
-König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
-schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
-blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
-zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
-daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
-aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
-die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
-Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
-wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
-eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
-selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
-Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
-Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
-öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
-stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
-gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
-glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
-Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
-Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
-und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
-Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
-hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
-Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
-die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
-zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
-Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
-Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
-eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
-begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
-Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
-viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
-Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
-Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
-die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
-umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
-Herrschaften.
-
-Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
-Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
-Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
-ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
-hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
-verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
-Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
-lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch
-auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
-Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
-seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
-Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
-Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
-über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
-conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
-Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
-Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
-war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
-aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
-Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
-Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
-Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
-Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
-des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
-"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
-wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
-extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
-jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
-erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich
-dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
-Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
-welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
-Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
-bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
-untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
-zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
-an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
-ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
-Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
-aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
-ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
-so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
-stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
-sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
-wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
-Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
-und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
-1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
-abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
-Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:
-
-"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
-was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott,
-wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
-Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
-Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
-sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
-Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
-so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
-drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
-Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_
-bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
-un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
-In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
-'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
-alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde!
-Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
-droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
-'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
-'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
-Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
-_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
-is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
-nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
-Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so
-viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
-390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
-von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
-wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
-in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
-ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_,
-an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
-auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
-ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
-sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
-mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr
-Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
-_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
-Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
-mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
-es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
-mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
-da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
-Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
-_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
-voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
-schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_,
-pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
-des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
-naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
-is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--
-
-In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
-herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
-den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
-Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
-kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
-zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
-drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
-und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
-zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
-heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
-mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
-noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
-fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
-Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
-sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
-Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
-Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
-elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
-Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
-Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
-werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
-erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
-Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
-senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
-Springbrunn-Platz still und verwaist.--
-
-Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
-Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
-humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
-sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
-"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und
-sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
-achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die
-sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
-in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"
-
-
-
-
-Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
-
- "_Und sahen, daß sie nackt waren._"
- 1. Mose 3.7.
-
-In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
-obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
-dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater,
-Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
-Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
-sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
-bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
-Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
-Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde
-von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_
-Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
-entschieden.--
-
-Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
-einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
-_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
-doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
-nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
-war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
-beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
-heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
-Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
-Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
-bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich
-hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
-Widerstandskraft.--
-
-Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
-einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
-der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
-Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem
-Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
-und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach
-ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
-verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
-später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
-in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
-alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
-schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
-mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
-hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
-loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.
-
-_Süpfli_ loquitur:
-
-".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
-Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
-de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
-z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
-Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
-und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
-z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
-Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
-Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
-eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die
-Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
-wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
-in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
-isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
-Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
-leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
-hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
-alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
-Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
-si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
-heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
-der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider
-mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
-Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
-zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
-zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
-Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
-sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
-gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
-ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
-im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
-Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
-immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
-Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
-idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
-und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
-ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
-e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
-Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
-heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
-die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
-Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
-wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
-e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
-Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
-tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
-flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu
-z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
-der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
-D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
-Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
-und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
-Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
-sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
-und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
-feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
-werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
-der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
-nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
-doch isch sell Wunder amol vor sich gange:
-
-In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
-die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
-e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
-welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
-Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
-libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
-isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
-Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
-sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
-unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
-verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
-Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
-öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
-chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
-ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
-sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
-hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
-gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
-ufem wiße Leintuch....
-
-In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
-Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu,
-und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"--
-
-
-
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