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See - http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani - - - - - -VISIONEN - -Skizzen und Erzählungen - -von - -OSKAR PANIZZA - - - - - - - -Leipzig -Verlag von Wilhelm Friedrich. -1893. - - - - -Oskar Panizza - -Visionen - -Erzählungen und Skizzen - -_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._ - - - - -Inhalt - - - Die Kirche von Zinsblech - Eine Negergeschichte - Ein Criminelles Geschlecht - Der Corsetten-Fritz - Indianer-Gedanken - Ein scandalöser Fall - Der operirte Jud' - Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit - Der Goldregen - Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin - - - - -Die Kirche von Zinsblech - - "_Sind angenehm in Leibkleidern_ - _als nackend, doch tödtliche Farbe,_ - _gehen zertheilt an beiden Orten_ - _den Platz hinauf, lassen sich bloß_ - _sehen als ob sie erscheinen,_ - _ungeredet, und gehen alsdann wieder_ - _hinab in das Grab."--_ - _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._ - - -Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines -Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen -Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch -mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte -meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf, -welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich -mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte -jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen; -die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier -klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die -Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der -Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren -Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau! -Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen -Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf -zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu -lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch -einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w. -und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666 -gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!" -mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei -mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen -Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!" -antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes -Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen -rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in -Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein -goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise -stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen -war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in -unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war, -der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete, -vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag -eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so -ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.-- - -Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach -kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden. -Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen, -eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit -versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig -kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand -herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren -stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung -und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen -Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses -Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem -langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen -gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten, -vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb -Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf -den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und -verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus, -seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend, -das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das -linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich -ein.-- - -Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur -plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand, -und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen, -rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz; -dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um -mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu. -Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in -einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in -der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig -erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab -tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und -Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die -weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll -dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer -Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem -blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt; -und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid -gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten -werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die -weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde -über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire -sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das -Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß). -Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe -fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten -bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein -Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar -einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum. -Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern. -Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade, -wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung -getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um -nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand -wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der -Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war, -schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person -fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde -Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten -Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der -Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet; -die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig -quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst, -wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust -gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich -gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem -Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren -Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid -und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden -Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still -und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf -wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs -seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor -dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte, -war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem -Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken -am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen -hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend -in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug -hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es -war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles -Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen -über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum -um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand -am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm -stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus -dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese -unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte -immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet -hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter -dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar, -woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl -fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber -ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich -sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm; -ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und -schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so -excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper -selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank -gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings -der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand, -daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst -brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit -dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum, -um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken -zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort -stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein -Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am -Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen -ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte -sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz -rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite -des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite -amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei -hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen -wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten, -denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen -Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille -complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte -Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben -Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder -Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen -schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben -vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in -einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person -zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter -sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die -Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser -rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da -war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem -Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine -französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen -rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen -Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine -Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll -drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein -feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die -Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen -goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut -mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig -aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er, -die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar -hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten -Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine -in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme -nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt; -auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter -dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren -bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden -Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es -schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da. -Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand, -Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene, -unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der -mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging. -Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem -Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer -Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen -lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein. -Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein -untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und -Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand, -welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit -emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem -linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt -das einzige Paar im ganzen Zug. - -Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre -auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die -Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um -auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie -aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter -dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider -dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern -besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere -Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten -Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen -Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern -Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein -Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit -verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten -sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich -im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde -von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen -Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem -Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte -Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu -Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und -Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube -ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden -Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und -trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit -in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem -Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte -ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab, -und gelangte glücklich ins Freie.-- - -Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung -heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang, -von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen; -ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort -gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur -froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich, -aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig -aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine -Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall -offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen -mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu -restauriren.-- - -Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im -Amtsblatt folgende Bekanntmachung: - -"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte -Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter -wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand -gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht -zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles -nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen -Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich -gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es -gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf -denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung -fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."-- - - Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau. - Der Bürgermeister ** (Datum.) - - - - -Eine Negergeschichte - - _Tantam vim et efficaciam_ - _nonnulli phantasiae et_ - _imaginationi in proprium_ - _imaginantis corpus tribuerunt._ - _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._ - - -Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte -_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große -Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen -Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche -Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich -meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie -auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um -von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort, -einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese -vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps -seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London -herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere -Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.-- - -Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. -An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer -Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen -von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als -plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit -einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir -in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen -mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige -Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich -irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen -Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe -die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich -erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo -sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein -Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit -einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte -mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander -von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are -the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation -vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine -sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr -erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich -glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I -presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das -haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich -meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist -doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu -sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger -gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."-- - -Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, -der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war -schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige -Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse -dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte -überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger -war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und -helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator -wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze -mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr -darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war -abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher -im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut, -keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig -gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und -links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das -Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes -sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole -nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses -Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der -wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt -haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ -mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. -Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und -stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend -klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite -beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten -und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt -war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada, -die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ -sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse -durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche -angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das -Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden -aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle -an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte -Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist -der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann -an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche -Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles -vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie -krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes -Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich -sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja, -was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte, -Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem -Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange, -und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei, -mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein -Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was -haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück. ---"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie -er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der -rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist -Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze -einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd -vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!" -schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen, -mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie -ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- -und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen -Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und -die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen -Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier -gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke -zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem -erregten Menschen gegenüber zu verfahren.-- - -"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in -London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm -mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die -zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in -die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir, -wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und -entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten -einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür -des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte -das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder -aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte -sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von -mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und -stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte -der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine -Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen -Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer -Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen -auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem -Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem -rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da -ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen -offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus, -und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den -Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er -selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing -ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in -Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser -gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in -Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser -gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing -hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?" -ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain -Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von -Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen -in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit -schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder -in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden -Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich -traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir -noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin -gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und -nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und -wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate -ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet -Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß -ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter, -weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel -blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie -Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben -Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war -gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das -grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und -mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich -doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch -daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als -ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block -Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue -durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die -Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es -wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes -Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!" ---"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich -schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist -verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, -und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; -Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein -fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und -schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben -sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar -das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß -Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, -weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert -Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein -Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede -in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt -hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von -Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht -dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und -ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben -beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was? -Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles -kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas, -das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll -das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in -sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben -doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix -Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte -Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well, -Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem -Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du -mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht -mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht -mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und -bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum -Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum -Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze -Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein -Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in -mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_ -Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach -ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich -bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in -Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh, -ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell -you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben -mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt, -ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff -geschickt nach Hamburg...." - -In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich -hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede -meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, -wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend -von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll -vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe -die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt -und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir -sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach -der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. -Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der -Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch -das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen -plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun -dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well, -Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die -schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede -nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber -Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...." -In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen -Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor -meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit -vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte -wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, -beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von -denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick -ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war -und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den -Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein -fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen -ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. -Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt -in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie -immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen -Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß -sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer -überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu -schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen -Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt -und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen -Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, -und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_. - - - - -Ein Criminelles Geschlecht - - "_Er wußte Nichts von den_ - _Geschlechts-Unterschieden der_ - _Menschen, und unterschied die_ - _Leute nur nach den Kleidern."--_ - _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_ - - -Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen -Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius -vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen -Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden -Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war -ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere, -aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer -Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und -mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von -der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete -Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf -diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und -protestantisch. - -Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die -Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in -sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte -ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten, -sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen -mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr -neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre -Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten -sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb -erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen. -Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging -schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir -her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie -es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden -Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube, -ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz -absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich -komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein -paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch -nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist; -ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung -eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein -Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die -Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in -seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es -daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann -er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will, -Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich -zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches -besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben -können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut -wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber -sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist -weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der -Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem -seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es -diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften, -was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich, -kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter -dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt -worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen -Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit -Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt, -sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos -im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte -diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt, -construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine -wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige -Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige -Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht -ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich -zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte -ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte -der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue -er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die -andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen -Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem -eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere -Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst -wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch; -sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste -und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei -von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer -Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner -Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von -einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue -Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei -auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger -Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief -er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die -sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende -Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl -durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre -Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"... -die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz -perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte -es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden -Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich -hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,-- -hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich -unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern -und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese -letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei -fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf -mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort -von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung -bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn -Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung, -Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem -herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines -Geistes zu hoch schien.-- - -"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder -physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur -zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen -Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter -steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt -diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction; -ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die -gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und -wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht -_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden -Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann -nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und -uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und -vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti -ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem -Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen -machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als -zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt; -und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei -Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl -ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt, -ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß, -wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter -den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein -Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es -Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber -sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über -diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat -kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist -es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels -solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in -die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu -von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das -andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die -Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und -Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da -könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase, -der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch -mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu -Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders, -und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die -Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht -darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach -dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer -unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff -erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein, -lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner -Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich -von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin -bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die -physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben -zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig, -und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu -verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der -Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte; -was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt. -Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor -die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp -und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören -wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle -Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem -Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen, -zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten -Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah -aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen, -seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der -Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat. -Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer -pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem -Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und -lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das -Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir, -der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und -der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei -diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde, -dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt -da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich -den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication -mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann -nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg -fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die -dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und -aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie -die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann -laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat -Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten -Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen -Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie -ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt -sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der -Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine -intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte -einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein, -Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch -zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge -genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen -umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine -Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange -in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der -Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem -Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er -saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition -losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart, -und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft -geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende -Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei -seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war -unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen -sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl -das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen, -wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. -Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde -hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu -können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine -Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig -auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit -dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl -hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl -zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig -bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur -Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung, -bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen -unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand -vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die -Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf -seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen -Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem -ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch -stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den -vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen -vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine -Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte -erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner -Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen -Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken -beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber -die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität -und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich -zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen -mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken -Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie -kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar, -unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte -er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten -darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß, -mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu -entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich -zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das -muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es -auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im -Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das -Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich -offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja, -aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und -eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen -Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen -ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen -Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen -brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn -Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des -Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein, -und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches -Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner -den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo -die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet -wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben -einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann? -Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem -Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre -staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar -mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist -das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes -Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt -sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen; -die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen -wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses -merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den -betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"-- -"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten -Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden -nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet -das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein -Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel -dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen -einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen, -etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was -ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert, -und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese -wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich -in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute -verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie -vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen -unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen, -entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft -den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft, -die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein -transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit -gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie -hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung -zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die -Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder -andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die -Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er -zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem -Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er -wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den -kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das -Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste -Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche -Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die -Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen -nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen -Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen -auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen, -und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser -Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in -China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei -betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit, -und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache -entsetzlich verschlimmert!"-- - -Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die -letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine -Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange, -als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe -und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir -waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen -Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche -Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde -steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine -Aufzeichnung machte. - -"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß -ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur -so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung -feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und -ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu -Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung -anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden -darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen -Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf -mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die -Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst -nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das -wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine -wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch -hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr -Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die -Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier -kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter -gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?" - -Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem -Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand -abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf -der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen: -es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die -Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer -sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber -gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so -manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem -Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der -Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der -Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl -regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht -vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht -ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung -unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die -sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer -und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja, -aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich -formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber -arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und -verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide -Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich -nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander -gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem -die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als -das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr -ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter -Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen -nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner -Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit -das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen -Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet; -wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt, -dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und -betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände -zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis, -die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein -Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O -nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit -und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton -tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos; -oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie -Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige -Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben -sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo -ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten -Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher -schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie -Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt -Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel, -das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter, -und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese -Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese -Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer -einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche -Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in -krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit -den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich -zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf -mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren -den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr -Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren -bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden -auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter -unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit -seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen, -daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr -gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer -Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit -vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines -Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern -eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte -aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts -eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem -ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild -tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen, -sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.-- - -Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen. -Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine -Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige -Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe -und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem -Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags -begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend -aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf -mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht -wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag -in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung -herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit -hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen -Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem, -was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals -machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie -dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation -ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte -Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und -wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene -Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter -dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde -eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte -Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter -ausdrücken."-- - -Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine -größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon -und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren, -zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt -hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen -und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt, -(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze -gebracht." - -"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte -ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest -entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem -Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als -hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar -schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand -eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun, -und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der -Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die -kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir -der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir -schieden stumm von einander.-- - - - - -Der Corsetten-Fritz - - _Aus alten Märchen winkt es_ - _Hervor mit weißer Hand,_ - _Da singt es und da klingt es_ - _Von einem Zauberland._ - Heine - -Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem -ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. -Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf -leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen, -wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die -sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe, -ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art -psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein -Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel -hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp, -bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz -anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. -Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke -niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte -widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus, -so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und -immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte -etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall -eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die -Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, -und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und -meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das -Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen -tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen -Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor -begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste -Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei -jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, -nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.-- - -Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich -in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng -von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die -mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines -Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in -Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen -Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses -Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig -mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes -Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und -jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich -nicht.-- - -Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt -war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies -that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war -die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche -Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der -Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz -wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie -mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven -Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter -strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene -Gymnasium zu besuchen. - -Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, -die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die -Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern -mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf -der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte, -machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles -hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah, -man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die -Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser -Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.-- - -Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig -zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer -und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter -den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte -ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon -mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die -den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen -mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact -fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton -fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause -hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer -Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal -zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi -ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene -Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir -eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im -Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war, -um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie -möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden -Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter, -mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich -hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und -souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit -auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich -auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden -Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp -vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, -stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier, -dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen -Auftrag vollständig vergaß. - -Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, -wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen, -spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder -schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt -Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht -gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe -mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, -glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen -und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie -soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter -Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung -des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom -schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht -angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also -herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit -anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine -ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung -zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich; -die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle -Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich -innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein -Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen, -und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So -sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange, -welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein -süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam -mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso -diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so -kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch -nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, -glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus -und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und -die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste -sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel; -sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen -Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich -sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser -Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war -doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht -täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man -kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man -füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob -wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter -für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem -fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der -Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort -von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach -einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu -erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was -hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer -kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief -ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige -Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im -Leben nie glücklich sein...! - -In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem -Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien -plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem -ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten -mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten -trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter -Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu -retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der -Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck -wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.-- - -Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten -schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben. -Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor -Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu -spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich -tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das -vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo -ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich, -daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht -hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung -gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und -wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich -bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde -endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und -hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt. - -In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in -golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein -strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich -weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt -und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor -und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In -diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen, -wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und -lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.-- - -Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt -plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr -herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten. -Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster, -und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, -dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen -Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen -Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit, -die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer -wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen -von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste -Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam, -die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. -So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer -ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen. - -Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich -in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein -ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante -ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und -schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es -ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen. -Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke, -wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte, -mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu -lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den -Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der -Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein -weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine -hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war -über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt. -Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham -bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier -einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten -Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht -klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen -verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch -der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie -treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und -rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's -Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich -auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen -wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an -einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir -klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an -ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten; -zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte, -hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen -die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend, -eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen, -wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur -das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden -Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war -ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war -mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem -hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der -Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen -war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die -Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte -mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz -meinen Empfindungen und Erwägungen. - -Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt -gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen -abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön -wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden, -schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht; -während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen, -sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft -geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom -Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft -sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum? -Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau, -dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den -Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig, -farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für -Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und -Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen, -die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber -wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen? -Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich -jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das -heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an -ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der -Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern, -zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer -ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und -zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige -Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer, -vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von -Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen -Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen; -und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht, -von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die -Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons, -ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr -einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses -Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte, -folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein -Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern -beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt -und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen -treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald -herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt -die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein -Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von -den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem -bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in -die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem, -naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln -erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib -jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's -Schlüsselloch hindurch gesehen hatte. - -Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene -großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden -hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche -Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie -sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe. -Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei, -welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen -Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei -gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner -Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich, -und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und -griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften -Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem, -was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen -der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten, -anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen -sei.-- - -Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln, -dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von -entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit -zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen -Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine -Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines -Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_, -die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen -Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten. -Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die -Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines -sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen -nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen -Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte -die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder -ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die -ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen -Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir -und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah. - -So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine -Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht. -Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war -das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte -Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in -die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum -Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen -aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das -wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und -hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer -krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie -Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel -wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst -Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem -ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre -dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über -gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden, -und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte. -Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein -Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als -zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und -starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit -hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen -Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe -Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine -ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung -kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen, -spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der -von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu -sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant, -farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein -Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt -diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein -Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich, -blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem -Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm -ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen -u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand, -weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die -Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen. -Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche. - -Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm -ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter -Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer, -die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört -worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun -wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr -neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, -farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge -genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich -wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich -ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, -Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter -geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten. -Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre -Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten -ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf -mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede -noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen -S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte -ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell -ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein -Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich -mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem -ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der -Religionsstunde.-- - -Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat, -empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz! -Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. -Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die -Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig -gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen -Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt, -daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, -mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So -blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in -dieser Isolirung war mir am wohlsten. - -So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete -Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes; -da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und -Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten -wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese -Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich -wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte -ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses -weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte -jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine -schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für -eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die -"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften -mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir -Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des -Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die -Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte: -gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl -geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die -Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte -mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung -begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel, -mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen -Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse -und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann -ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und -äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine -Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein -durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich -hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das -ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und -Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale -zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns -her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke -dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der -Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt -werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge -von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich -gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen, -die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen -das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese -Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung -des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen, -selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie -wir es auswendig gelernt haben.-- - -Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, -wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen -"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen -Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig -wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche -Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für -getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen -der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und -abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog -so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß -alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas -ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden, -im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, -gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu -erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.-- - -Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer -mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen -Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt; -und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung -endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und -Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin -so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, -süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie -studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und -der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa -vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät -beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige, -unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen -Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller, -schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen -Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe -ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich -eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine -Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt -sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich -hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach -deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen -fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich -über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte. -Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann -durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen, -durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten -rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns -nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich -hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster -breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege -emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die -Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen, -nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe -empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in -einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich -ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles, -nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und -weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, -phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen, -langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden -Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen -sie heute zum ersten Mal - -Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein -Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, -die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören -schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten -Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen -Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege -höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in -dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen -und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie -mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich -mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der -andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit -schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine -zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille -und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst -vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen -Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, -herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als -Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden -Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte -des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit -schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen -mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches -Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich -kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum -und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, -schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster -herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her? -Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du -bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die -ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei, -kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als -der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest -nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust -Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus -Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du -in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen -gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals -das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem -Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder -Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich -hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen; -noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche -Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an; -und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach -mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos -geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, -steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die -frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte -mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht -das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige, -geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und -ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern -Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und -Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche -und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der -Orange-Fee.-- - -Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene -Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über -Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich -lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen -Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen, -im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische, -gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte. - -Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie -auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt -ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester -Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene -Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus -der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende, -gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo -ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine -Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt -mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.-- - -So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen -eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom -Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres -angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei -traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte -in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren -Erfolg lustig machte. - -Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude -empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie -gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach -mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit -der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen -an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte, -ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand -sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung -wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am -folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und -damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn -für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief, -und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. -Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß. -Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen. - -Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt -hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich -vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf -und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern -schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem -Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle -hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine. -Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, -ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war -die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst, -die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen -Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine -Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie -von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes -Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen, -was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule -abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte -ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil -davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe -immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief. -Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß -ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte -ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem -Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich -muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; -ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen, -keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour -schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. -Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der -Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten -Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an -die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner -Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal, -wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch -die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe -in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein -Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, -welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der -Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, -jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet -hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen -Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich -winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir -der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des -Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb -aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis -dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht -verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah -etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum -Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren -Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit -ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und -nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, -lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und -"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor. -Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt -war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die -höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und -zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch -natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig, -und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm -so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich -bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der -Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel. - -Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem -es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich -diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors -nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und -Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem -eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche, -und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick -gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen, -beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot -betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist -daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen, -aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich -zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr -gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben -Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen -zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor -sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber -offenbar bestellte, fabricirte Sache.-- - - - - -Indianer-Gedanken - - "Nehmet wahr der Raben; - sie säen nicht, sie ernten auch - nicht, und euer himmlischer - Vater nähret sie doch." - Lucas 12, 24 - - -Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren -Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort -verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter -der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte -aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze -und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen -ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern -des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums -herausforderte. - -Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig, -hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses -Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden -Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen, -Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das -Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos -die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun -auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und -mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen, -Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem -rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während -meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer -Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der, -nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei, -in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in -manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich -zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit -war dieß gut.-- - -Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und -mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar -aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger -Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster. -Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich -sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine -Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und -Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung -nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick -freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm -anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen -lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach -und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn, -sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf, -und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit -kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen -gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er. -Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten -mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern -niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten -Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im -Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein -kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt -in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches -Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die -Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen -misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner -Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen -Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und -Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend -an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch, -und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es, -ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so -stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume -Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir -hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich -an ihm gewohnt war.-- - -"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden -gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge -auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte -ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund -geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser -ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist -passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte -der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste -Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer -Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt -mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne -mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir -ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir -wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_ -und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht -leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum -uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie -Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um -uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um -Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und -deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig -erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers. -Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede -Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von -ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende -Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu -_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_ -trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr -mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere -Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle -unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die -Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja, -aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die -Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt -Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es -müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da; -seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie -gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der -Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung -für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort. -Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens, -sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts -gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde -es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr -es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu -sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam -zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser, -er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie -wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der -Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die -Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe -wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich -noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die -Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der -große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor, -nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein -lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers -zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein -solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz -hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste -Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und -Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen -weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja -das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und -schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott -wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es -riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn -mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst -einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen -des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den -Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte -ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine -andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch -so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit -dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach -einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine -Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota -sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den -Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb -ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich -voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen -Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er -das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was -hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich -unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren -Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er -macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige -Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die -Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen -anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu -klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen -Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht, -genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts, -und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig; -Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem -Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was -Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu -nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet; -aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende -hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel -hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte -auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling -schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges -an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht -gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche -diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit -dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte -der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine -Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte -er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er -dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen; -wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm -einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen. -Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte -stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten -auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die -Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich -würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren -blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald -verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist -schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte -der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an -Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr -nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem -Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was -sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre -das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete -mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut -vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel -Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir -gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe -unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die -Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel -dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_ -steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch -schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl -der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß, -daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um -das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen; -aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und -uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem -Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst -Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche -Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen -Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O -nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen -Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und -Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt -höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im -tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere -Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken -aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe, -kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern -und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor -sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem -Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es -ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine -Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er -plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe, -als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich -zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk -in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der -Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und -Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still, -setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien, -fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde -mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit -derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in -seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen -Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming -home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn -wir erst wieder zu Hause sind). - - - - -Ein scandalöser Fall - - "Und Er schuf sie, ein Männlein - und Fräulein, und sprach zu ihnen: - Seid fruchtbar und mehret Euch." - Genesis 1, 27-28. - -Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern -seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut -für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der -geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von -Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das -Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die -dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes -an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern -einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und -besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort -nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und -besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des -Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung -des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und -es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen -Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre -Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm. -Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche -Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen -Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den -Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten -Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu -verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren -Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für -Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams -streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle -zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren -Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu -beginnenden Geschichte.-- - -Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes, -welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen -dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard), -meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da -er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit -der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter -Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war -doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die -geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von -einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche -des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens -Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung; -er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert -nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb. -Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen, -um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu -scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten -auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen -Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht; -dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch -productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino; -und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen -Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur, -zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den -Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg -des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur -Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die -Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und -friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die -Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos; -absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes -Wesen; das Habit immer tadellos.-- - -Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das -weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter -normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit; -eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde; -sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch -oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz, -die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie -doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen -Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom -Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem -Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die -sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit -ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil -Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches; -ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie -plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch -von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis. -Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine -quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth -erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was -Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und -außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das -Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn -die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit -einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame, -obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht -und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten -Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen -war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich -nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern -mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete -hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen -Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre; -und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay -und weit über Beau-Regard hinaus.-- - -Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des -eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der -Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von -Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und -temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem, -kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen, -schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich -den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur -mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren -Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf -die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der -"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher -weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten -Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer -Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der -"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im -Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem -ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem -weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen -acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr -lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund -Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich -wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die -vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge -Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt, -die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren -präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast -allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal -wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann -wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem -Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem -eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen -vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina -entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette, -und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das -fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und -für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte, -die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz -armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der -Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik -und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit -an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender -Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer -ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten -nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von -ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes -eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer -Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos -aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das -seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was -Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren -weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht; -da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere -von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit -einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in -unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn -nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende -Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase -sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen -hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre -Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie -kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren -Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie -sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit -sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum -Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf, -da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie -ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen -und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles -um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben, -und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und -wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten -in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind -zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche, -luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten -Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am -Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die -unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen, -innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac -zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes, -mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die -eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für -erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum, -vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte -und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig -genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln; -Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das -Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen -Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß -so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen -Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und -welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist -es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich! - -Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern -mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß -fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die -Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder -120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden -Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht, -und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten -Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum -Abschluß gebracht.-- - -Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war -getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber -er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis -libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem -der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle -darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben -daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht -beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische -Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand -fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die -moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden, -zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten -heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die -Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen, -was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur -aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den -Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert, -und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und -zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er -blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand -rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war. -Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war; -Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war -sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte -er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es -nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die -feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa -die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte, -war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren -Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er -nach.-- - -Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen -können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen. -Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein, -an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand; -grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein -leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe -von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein -großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel -abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen -können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich -aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp -an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von -der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen -gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge -Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei -Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von -Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den -Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines -Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern, -mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller, -aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben, -und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein -Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze, -Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der -fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir -das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des -Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.-- - -Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori -vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen -ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich -jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und -begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen, -und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden -Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad -aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und -Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte; -In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen; -chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke; -und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein -Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der -Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal. -Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch -eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern -und Schwätzen. - -Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war -wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit -Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit -beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den -die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von -Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb -aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und -fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel -stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die -alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte -sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem -Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende -gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer -schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht. - -Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80 -Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter -in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu -absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel -Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte. - -Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht, -und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die -ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten, -gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren, -welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war. -Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich -begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik, -Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten, -zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen -Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung -Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen -funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit -entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken -Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles -geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte. - -Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch -immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst -gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu -erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum -Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren, -als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben -begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von -jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern -und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen -an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre -hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte -mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten -um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei -Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde. - -Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den -Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit -Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt -aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte. -Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren -grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen, -die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte -herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts, -spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen, -und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen -Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem -von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige -Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb -dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in -glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt -aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen. -Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur -verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines -der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe -Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin, -heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände -und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend -gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei -leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen -eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die -Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien -sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt; -die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch -das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der -halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe -man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina -und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle -Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern -beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer -sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und -den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt -hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als -wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen -mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem -Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est -tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser -Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von -ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte -so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch -gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite -faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le -bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch -das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte; -und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit -den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand -einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem -Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit -verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la -Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht -etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee -(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht -mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend -"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé, -und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette -und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht -noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man -jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres -Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die -halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den -Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt, -sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre -Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure -im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn -ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden; -sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen, -und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure -gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen. -Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über -überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt -stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette -sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich -verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt -gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des -Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre, -die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat -herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück. -Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure -mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus -Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation -erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre, -konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen -Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur -ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß -Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt, -offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des -verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung -gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame -schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten; -ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre -Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander. -Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der -Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen -Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei -nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung -stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu -unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere -Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est -bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren -nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte -es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu -registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete, -daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte -diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache -selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche -Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen -Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine -abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach -was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache -soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit -gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren -Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur -ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für -das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen. -Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler -sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim -Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit -früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm -schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten -das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von -selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der -moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß -Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja -wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse -gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings, -aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich -enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten? -meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie -allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall -sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig, -phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung -nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem -Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren -Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und -Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe -keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne -Alles gut gehen.-- - -Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen -wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten -zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse -aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht -geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique -hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier -nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies -auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit -auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.-- - -Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine -Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie -stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen. -Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug -mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit. -Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen. - -Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich -zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um -ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der -zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen -die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung -bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber -bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals -in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur -Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in -Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus -ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten -Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen, -sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür -an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen, -Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem -Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt -auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur. -Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie -weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen -Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder -Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische, -und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften. -Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer -Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein -sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus" -die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte; -von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest, -eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der -noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et -cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz -beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von -vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen -waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den -Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen -Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf -schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine -nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein -ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen -in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren, -Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden -Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge -zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer -steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten, -und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen; -wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie -"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die -Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei -Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse -sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes -Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen; -sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich -stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß -zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem -lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten -halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu -Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das -ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche -Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr -Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie -gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person; -und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei -gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter -eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten -sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft -leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt; -als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke -weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen, -und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe -Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese -letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus -der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob -und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein -Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein -einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe -Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt -habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen -lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen -hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est -degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie -glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu -gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie -andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser -Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter -plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte -Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre -Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten -sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première! -La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten -dann wild hinaus.-- - -Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's -Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon -wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie -nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren. -Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung, -und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit -mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen -plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur -Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt -allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten, -und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie -eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl -etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen -Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und -erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches -Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes -Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein -ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre -schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem -aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer -im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses -Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette -als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie -doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das, -was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte, -und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen -heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses -triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie -mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu -Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin -mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war. - -So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei -der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie -ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste -erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen -des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als -Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat -und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten, -fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen, -wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu -ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina, -zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an -einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten -nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit -einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung -zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine -solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die -älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand -aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze -Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick -aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren -Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich -streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor -der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte -man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden -Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le -diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in -der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute -Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend -zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser -Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum -war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten -Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr -umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt, -sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä -sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable -et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas -Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich -jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse -hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche -Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene -im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden -in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen, -von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la -Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen -zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des -Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen -jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine -Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des -Falles gerettet werden. - -Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander -gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte -miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam -und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen -wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem -Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse -mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur -ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und -ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er -fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete, -sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die -Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische -Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz -großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt -hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten -immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!" -Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die -Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb -vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung -der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens -die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten, -rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von -Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte -damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen -Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die -Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu -bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den -zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange, -so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu -wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen -vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet -würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie -dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es -eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera, -et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch -wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber -la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches -Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und -schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn -sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. -Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so -gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen -gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß, -aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten -sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu -den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den -größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener -zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen -Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es -kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in -den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob -sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen -halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der -Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde -befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem -was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit -von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß -Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß -nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen -wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege -hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien -neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der -Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke -die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht -gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage -zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder -Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die -Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren, -wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann -aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?" -"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile -der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit -der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon -überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob -sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie -können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei -solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin -um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was -der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr -groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß -von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu -Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, -ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche -Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus -falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich -freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen, -das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte, -und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber -im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer -sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette -entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig. - -Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo -nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum -Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte, -es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel -gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren; -aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren -Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und -dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine -moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig -und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte -etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die -Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung -aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste -auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr -ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen. -Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte -Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren -Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und -verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.-- - -Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das -Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu -weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster -jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt, -und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem -Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah -den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette -ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie -Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den -Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen -nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im -Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die -Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten -hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen, -Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel -Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja, -ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre -Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe, -ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so -gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso -bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine -Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe: -_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo -es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit -einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben; -und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe -erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier -war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und -niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in -Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die -Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit -Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere -Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen -auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß -sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch -ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien -Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.-- - -Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe, -welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr -Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen, -abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es -sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das -Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete -die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las -diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur -war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger -Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern -emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war -also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde, -und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht -zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an -Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen -Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in -einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette, -Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner -Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist? -Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß -Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich -und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll -unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du -liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht -Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren, -kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst -über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du -nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut? -Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche! -Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee -zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und -Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele -und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine -Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten, -und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich -der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt? -Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und -willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur -Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein -Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor -mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders, -als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich -Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen -nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren. -Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln -sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir -verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen -und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich -nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch -gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie -Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht; -was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was -wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an -uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die -Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine -Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte, -die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette, -das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest. -Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher -die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich -aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank, -Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was -drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren -Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere -Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal; -aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh, -ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen, -aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes -Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem -großen Meer!..."-- - -Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der -Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber -stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire, -das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt -hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la -Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer -gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt -hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie -weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden -Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen, -gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier -nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels -selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose, -auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch -unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu -geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf -ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte -Monsieur zu keinem Entschluß kommen. - -Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung, -bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein -Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen, -die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé -nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren -eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten -austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte -man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte -aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den -eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile. -Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen -noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der -Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard -nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und -Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat -dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um -1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen, -in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte, -folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu -Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure -abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere -Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie -wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und -dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu -verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit -den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß -die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares -Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang, -ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und -zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der -nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer -sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und -hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit -aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa -sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten -im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher -gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige -verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme -vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er -die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei -Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also -dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten -gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen -Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation, -ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht -neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper -entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen -können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die -größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die -beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht -verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den -Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den -Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge -nun nach Belieben handeln.-- - -Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit -la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht -zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première -verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern -zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller -Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen -mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen -das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen, -der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser -neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite -Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la -Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première -gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter -mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber, -auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte -mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu -eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug -Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner, -des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's -Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne -Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt, -oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer -Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt -werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell -den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu -Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder -in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die -Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le -diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach -festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers: - - "Le diable et triste - Et a bien peure: - Il a perdu sa fiancee - Et craint la Superieure!"[4] - -Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen -seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten -geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer -Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie, -die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen -Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten -zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag -aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor, -der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung -Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von -Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne -man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber -Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen -ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und -züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet -hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer, -man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner -haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell -so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens, -zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies -fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so -wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der -Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.-- - -Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der -Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden. -Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend. -Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_ -bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen, -die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten -begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame -selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur -hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles -zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen -diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus -_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund -bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der -Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und -Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal -brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder -heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das -Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la -Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der -damals im Wald auf Henriette gesessen.-- - -Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann, -der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam. -Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte, -eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die -Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings -auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm -erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte -der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II. -Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster -Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten -Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden -Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb -entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte -nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre -wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel -zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz -des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu -betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne -Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen -sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller; -die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die -Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung; -dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue -Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton! -ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges -Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch -ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie -Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est -cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein -Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und -das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein -stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes -Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5] -rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des -Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives -Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von -Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem -Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend; -die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche -Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die -Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges; -und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende; -Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert, -sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das -Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf, -und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron -mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast -eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und -kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten -Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein -trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein -eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen -Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen -möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le -jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette -zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem -draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe -kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster -nach Hause.-- - -Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles -wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten -die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett -und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm -Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst -ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine -Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und -unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner -die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats -bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten -mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la -Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen, -selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden -Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne -Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden, -was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres -Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten -des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen, -war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und -la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander -getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen -präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er -erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von -Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags -in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie -einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was -aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse -erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck. -Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit -diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt. - -Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es -möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6 -Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den -Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß -dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache -fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch -heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen, -die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander -ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen -sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges -Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr -etwas ganz besonderes los sein müsse.-- - -Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die -bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene, -mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den -Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie -zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen -vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger -gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend -als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas -außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe -beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte, -was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr -die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien -mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an -diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas -anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber -das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen -Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere -eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund, -jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte -diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht -dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes -los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es -mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so -wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.-- - -Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster, -Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst, -hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu -beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's -Hirn zu schreiben.-- - -Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben -des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem -Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig -in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht -ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des -gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen. -Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In -diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein! -und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches -soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch -einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier -auseinander und las Folgendes: - -Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé -de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä -Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina -Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend -vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden: - -Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als -Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere -Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden -männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein -paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart; -die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen -werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen -(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz -getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's -ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne -eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen -Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter -Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche, -dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen -Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin -nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig. -Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die -Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch -das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen, -als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist -stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche -Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora -von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig -ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen; -der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen -so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als -blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären -uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation -ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen -Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich -als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der -Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein -von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum -gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra, -die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends -zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit -ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der -Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung -hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte, -deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler, -beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher -_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar -ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe -ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung -der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die -weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden -Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit -hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.-- - -Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern -gebracht. - -Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich -genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und -wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt. - -Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la -Soeur Première wurde Superiorin.-- - - -[1] "Sieh der Teufel!" - -[2] "Und hier seine Braut!" - -[3] Schwatzerei. - -[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut -verloren, und fürchtet die Superiorin.-- - -[5] Ach, sie thun mir weh. - - - - -Der operirte Jud' - - _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_ - _Huhu! ein gräßlich Wunder!_ - _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_ - _Fiel ab, wie mürber Zunder._ - _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_ - _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_; - _Bürger_, Lenore. - - -Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel -Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in -meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht -ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf -der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein -Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig, -um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging -und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach -dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu -verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der -gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen, -ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen, -oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu -versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie, -die Schule, die Verantwortung tragen.-- - -_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher -stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch' -letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug, -die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser -Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn -Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure -über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht -einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen -Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich -auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug, -waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war -von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein -Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in -den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und -Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's -Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner ->Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines -Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen; -aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte -er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er -paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die -Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall, -zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit -herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war -noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so -viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war, -so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf -die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars -komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in -der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator, -welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach -und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen -Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn -auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war, -daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute -dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig. -Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben -nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und -sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch -etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und -Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe -beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei -steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah -starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft -zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei -Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber -nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn -einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts -komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten, -und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen -der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem -Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und -Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben. -Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den -Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte -eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder -seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab, -von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder -unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen -wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte -ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute -Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf, -hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich -bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde, -spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach -oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab, -und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis -zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus -der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte -ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen -bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch -Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus -immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie -er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn -sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer -unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit -eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des -Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen -Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm -grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal -sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in -Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde, -die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben. -Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber -wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher -Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von -Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und -einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich -abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und -ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das -dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der -Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen -Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes -Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig -Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte, -ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig -flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise -besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an -bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als -syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten. -Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in -seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was -soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine -Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng! -Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen -der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter -Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche -Speichelabsonderung).-- - -Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben, -oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die -er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine -Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe -(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art -eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit -einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit -solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv -blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also: -Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das -"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn -dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden -daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt. -Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe -dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen -der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark -nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte -also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig, -breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer -den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht -recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend; -u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du -willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so -weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht -zusammen! - -Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso -ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen -umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf -die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in -die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig -Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen, -medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich -empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen, -dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen, -Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und -dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls -kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht -viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die -grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art -zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer -Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel -stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über -den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle -die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in -Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar -kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine -Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die -nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und -die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte -ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen -von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen -wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt -hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein -Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_ -war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort -eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel -Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten -Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen, -war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem -engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden, -grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge -eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das -große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort -blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen -begann. - -Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten -Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich -seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die -entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen, -daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium -verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere -wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte -ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja -vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der -Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und -stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf -den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach -so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä -neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht; -aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade -zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen. -Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig -sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den -Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs -wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem -berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten -Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die -Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht -vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik -und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2. -Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das -ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen -die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen -Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen -werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann -ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf -eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen; -nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich -beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell -dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr -Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit -zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der -Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges -Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere -Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.) - -Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in -der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen -Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das -Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer -gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang -mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt -und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles -anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte, -noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei -seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen -wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden -und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach -einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine -natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen -sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie -zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu -verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei -Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes -Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest -entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera, -und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade -jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach -absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie -einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader -Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel -Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes -Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für -ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt -von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der -alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann -mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den -neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten -Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas -größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich. -Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch -einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade -hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz; -die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade -hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen -des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng" -hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein -Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper, -gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen -wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort -schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es -war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben -gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer -schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch -zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so -bald als möglich erreichen. - -Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein -nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man, -durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf -rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister, -dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe, -Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine -völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten -wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt, -Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze -Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung -mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher -noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen -von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein -Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der -einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener -bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht -ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten -u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste -darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der -neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung -entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine -neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau -untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen -Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf -das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man -sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese -feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese -Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt. - -Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen, -Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig -Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit -größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer -Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime -christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und -Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in -der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die -weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen, -pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen -verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir -unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise -zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur -im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die -aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen -damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß, -unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige -dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten -englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher -hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten -_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich -der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen -Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig -riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken -wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange, -germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt -wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn -_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig. -Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel -und übrigen Papiere umändern. - -Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten -Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe -der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen -verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er -wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_ -zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung -Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde -in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war -hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten -Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender -Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen -Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd', -fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber -nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt -geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt -hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß -Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß -dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand, -einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen -herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es -innerlich aus?-- - -Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle -jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten, -herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein -paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment -einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß -Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen, -undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen -Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und -die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer -beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und -wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das -Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen, -in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England -zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden -sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein -bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund -der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage, -das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor -_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches" -herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten -wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische -Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese -neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel -abstehen. - -Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal -mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm -erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte, -den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine -Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß -vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher -und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in -bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne -man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der -Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte -Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn -mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten -Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's -Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher -diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird -den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig -Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten -Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß -damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen, -die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper -in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines -oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren -ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth -Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl -waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs -bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung -jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für -einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden -am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort -zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur -Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal -zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich -in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu -entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader -im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der -"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht -kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht -Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach -mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur -hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich -nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu -sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen -Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen. - -So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und -sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf -Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute, -die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser -sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen -ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_ -Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen -Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg. -Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor, -wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's -überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt -sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf -die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter -Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine -verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen. -Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die -Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser -_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch. - -Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener -Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn -ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem -Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine -früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder -Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova -zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen -Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im -Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber -härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze -Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er -und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet -er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der -hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt -er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der -hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht -aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah? -Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht -der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige -Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag -spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel -jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In -solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein -wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel -wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals, -hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen -mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit -eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir -fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen -Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie -ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich -kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und -schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften -natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und -Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern -konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein, -all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen -Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn -alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett, -kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her, -steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte, -gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze -pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch -andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie -Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie -steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches -zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die -alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während -seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm -ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da -er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung -sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der -Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern -sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich -immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft -mit Ruhe obzuliegen.-- - -Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. -Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch -in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut -eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine -Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. -Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester -mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem -Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der -ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem -erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte -nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben -eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene -Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis -sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die -mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete -die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige -Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen -Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war -es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That -vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß, -(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen -Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, -die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren -geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in -Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige -Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren -für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon -wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter -Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des -Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun -wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in -der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß -es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß -Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon -etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen -Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken -Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit -den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges, -konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher -Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum -Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer -horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her -ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen -Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine -Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang -machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch -etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin, -war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße -Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war -nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die -Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten. -Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, -Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, -Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die -Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische -Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls -beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten -gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie -_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus -dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine -Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut -hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben. - -Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute -Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor -_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen -absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der -ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem -auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath -in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede -nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten -_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei -Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's -fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter -der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die -beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der -lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen -war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das -Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei -Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die -zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, -und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein -Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward -anberaumt.-- - -Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du -jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer -Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu -machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! -Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf -ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags -auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du -aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, -nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber -Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um -die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um -zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O -Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave, -offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock -gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt -Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann -schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! -Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche -Umhüllungen kleiden.-- - -Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen -sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst -zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln, -wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen? -Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei -Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und -sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; -blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen -blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der -Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich! -Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert -sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen -das, was aus der Menschen Munde geht! - -Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte, -Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen, -erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen -müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur -eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O -hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen -geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem -großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten, -weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen -nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die -zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei -den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel -Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser, -wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig -Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt -hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.-- - -Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war -der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die -der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_ -beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht -mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung -vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen -Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen -hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als -der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es -viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger -durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von -5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser -muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den -"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held -der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor -uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor -_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung, -die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen -bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein -Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das -sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber -erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht -man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man -unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer -streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters -ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem -anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung -zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, -_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen -Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in -Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_. - -Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen -Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und -zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit -einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, -und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, -wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein -französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter -des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich -befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl -in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute -in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein -waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende -Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte -der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren. -_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_. -Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige -Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten -Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in -Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt -waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den -langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. -Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden. -Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde -_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die -Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem -Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren -Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie -der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert. - -Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint -im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im -Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, -von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich -weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. -Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern -Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen -des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im -psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch -Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal -aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für -immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken -gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten -Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung, -abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war -symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche -Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß -am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine -Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand -den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.-- - -Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist, -daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den -Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft -purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte -Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm -abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne -Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte, -und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja -Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu -Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er -"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu -können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und -Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel -der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien -auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen, -wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere -Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte -er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne -hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte -es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen -"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen -Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn -Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, -daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein -gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!" -hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng" -war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit -diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit -seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten -überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer -tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in -die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung, -die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die -Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau -_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man -schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu -wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend -vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll -ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll -als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam. -Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und -starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig -angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig -hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie -festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede -Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen -war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt -worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum -auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und -ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten -drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit -einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und -Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter -Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer -und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der -hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes -Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; -schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er -die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am -Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am -Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme) -"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird -er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der -Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am -Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme -mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In -diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und -gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft -lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal -herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht! -Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá! -Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein, -aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei -Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen -vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die -Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten -Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen -wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze -glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war -wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in -seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit -zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen -Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen, -wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol -rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es -war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe -vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter -geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen -Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das -jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch -verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit -zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück. -Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit -nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein -Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im -Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel -Stern_.-- - - - - -Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit - - - "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk - Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, - hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, - un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen - un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd - ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as - der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee - un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn). - Un as se dat seeg, so freude se sik._" - - Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen - - - -Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf -einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, -hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte. -Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung -angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein -Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt. -Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit -einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit -nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, -auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal -in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren -Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie -allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle -Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während -die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die -reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den -unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt -nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere -kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste -nicht so schrecklich aus.-- - -Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich -auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden -mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, -als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte -Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? -Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine -Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl -vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr -der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, -fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem -Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus; -ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie -konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; -es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich -selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus -zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch -etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut -aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte -hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden -gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und -wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine -Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und -schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber -nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß -der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom -Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den -nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht -hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen -ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen -Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich -den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher -kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen -Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur -Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. -Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten -Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als -auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen, -ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines -eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen -Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag, -auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu -sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, -trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die -Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen -auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die -zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie -endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten -Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und -durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon -einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, -kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an, -gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, -fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen -mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann, -der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür -geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit -einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen -Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und -Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will -gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich -freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir -leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere -Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas -herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre -warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen -Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den -Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein -zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein -bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber -zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen -weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um -die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand -und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte: -"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. -"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen -an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander -schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast -wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt; -mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest, -und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre -verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft -ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie -hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein -dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen, -halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in -seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und -auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme, -einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt -vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir -haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht, -und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den -Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist -sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit -bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn' -seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser -Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der -inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst -mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag' -ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der -Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und -feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren -wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder, -indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge -Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's -Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und -Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache -Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir -Sorge." - -Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im -Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um -das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest -überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der -Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn, -daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis -auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das -freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen -in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes -in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei -Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner -Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den -Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen -Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber -nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß -zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte -unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte -mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und -schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um -mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte, -durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich -meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und -auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte, -daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben -hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür -gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden, -es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und -ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im -Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths -aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins -Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau -mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in -seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von -der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine -Tochter Maria!...."-- - -Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber, -was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's -Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden -jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende -Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten -Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig -geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als -Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden -Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt -und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr -noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf -ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze -Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden -Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl -einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese -Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung -hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt, -und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche -Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ -sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war -eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln, -die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie -eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog, -und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem -sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch -gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die -rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger -war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir -stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich -naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht -sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer, -wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im -Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment -wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den -Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der -Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges -Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen, -jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in -diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht -froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen -und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort -mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf; -Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge -Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde, -ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun, -und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als -wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen. -Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine -Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten -gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer -zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war -nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf -mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so -ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren -Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte -ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich -dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während -seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte -der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen -schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige -Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem -protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen; -während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem -zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit -auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein -einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte -das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit: -sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen -ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich -zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein -fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin -alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und -blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll -Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller -über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete -Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht -mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf -jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an -war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause -verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war, -übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war -eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber -wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher -die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir -auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch -sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar -hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche -vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute -dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen -oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten -Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch -eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann -blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre -Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem -weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen -zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den -Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er -einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine -ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die -er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er -einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann -sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen, -Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte -Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht -werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden, -grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war -blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge -waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem -jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa -fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen, -im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen -Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas -jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter -herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die -Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich -mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser -merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem -Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War -dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir -schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den -Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst -leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian -sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß? -Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den -Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang -dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte -also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten -Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.-- - -Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in -der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer -war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an -einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend, -schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt -schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief -er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu -Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich -all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen -Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit -nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich -an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich -Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte -er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der -Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch -herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit -14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen -zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts -weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine -drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter -Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer -zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock -nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch -ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst -drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe, -zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er -zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach -einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's -Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend -nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht -ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist -schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge -Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete, -rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend: -"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und -bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel -des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und -beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie -ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann -die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach -oben.-- - -Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen -dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des -Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten. -Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme -aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter; -und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen, -Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte -er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten, -schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch -brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen -trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor -verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter -dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein; -er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem -hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser -vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins -Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser -Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern -hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn -er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand -sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das -Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte -der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen -Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei -hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern -miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr -die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht, -ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von -wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor -reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen, -und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von -Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie -junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er -sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der -Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich -ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich -wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug -der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen -Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht -nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie -Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte -das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes; -aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen -knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt -sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von -wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte -der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er, -daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der -Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der -Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu -erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth -mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich -wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht -hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht -unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um -Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während -dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen. -Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann -vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig -mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als -alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich: -"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete -ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht -verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so -complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die -Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen -Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen -Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä, -hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom -Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr -wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel -und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes -unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut -geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen -Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren -Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder. -Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die -Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis -Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein -Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber -examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was -denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne -er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig -und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit -inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein -Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a -tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein -Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt -und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie -sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es -war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige -Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft; -und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt -inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte -sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe -sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören; -der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich -was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder -an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor -sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr -Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war -Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung; -ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller -Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden -Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung -sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im -Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige, -sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und -Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand -in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt -dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem -Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte -der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will -Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr -zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein -Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie -glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte -wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und -ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit -Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im -Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf -meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich -duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit -Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der -Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die -Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder -ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube -daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit -den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr -in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben -Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird -kommen!"-- - -Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu -Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen -Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen -gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen -Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils -durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem -Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und -vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn -ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte -er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf -und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon -auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger -Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen -sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende -von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese -Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an, -und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf -dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, -schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in -einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag -noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies -mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich -zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie -wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen -Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben. -"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig -bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu -sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter -und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles -noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... -Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft -hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, -wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube -mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch -mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem -Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit -zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten -Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl -mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd -legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch -einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.-- - -Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das -sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem -unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der -schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein -Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß -der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus -ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das -schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie -geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause -in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der -junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität -zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener -geheimnißvollen Geburt? - -So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht -Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind, -angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der -Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person -diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden -Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine -nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im -Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze -Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten. -Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der -Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß -man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man -entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch. -Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem -heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei -halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf -das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst -jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen -Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß -daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl -kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn. -Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt -würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der -Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der -Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging -strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch -ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand -umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen; -kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis -in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine -gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß -war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und -das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas -besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht -die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war -vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, -wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß -forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich -stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während -ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das -zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser -Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den -offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so -einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In -der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, -zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, -ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt. -Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen, -abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die -Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes -Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel, -sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten -Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes, -zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen -wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall -lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde -Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür -verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den -Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch -durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei -es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte -ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende -Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf -das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben -Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider -die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser -nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war -untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die -mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und -angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es -ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt -den Rest der Nacht.-- - -Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer, -widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch -an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der -vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant -dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in -seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen -Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich -doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken -trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar -nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut -und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die -Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für -eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf, -und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll -schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: -"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, -aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten -Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem -Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr -verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; -niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit -Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel -der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit -war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der -arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging -in mein Zimmer zurück. - -Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren -Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht -mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte -saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner -Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte -mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte -mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen -gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen, -der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar -Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen -Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des -Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der -Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die -Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als -ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch -bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.-- - -Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als -den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem -alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt -unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich -nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald -hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten -her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir -einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit -und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn -zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus -da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,-- -"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was -ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die -räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über -meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!... -die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug -ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht -nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah, -fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und -vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut -herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte -heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S' -weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!... -"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus -dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den -Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine -Stunde wieder umzusehen.-- - - - - -Der Goldregen. - - _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_ - _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_ - _Na bitt' i unser'n Herrgott,_ - _Daß's Wetter so bleibt._ - Altbayrischer Vierzeiler - - -Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in -der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches, -noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war -auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein -kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am -Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es -regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt, -und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im -Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas -geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne -an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum -eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden -u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das -Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern -und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen -und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das -Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich -ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz, -um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser -das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein -sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und -gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel, -um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit -einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe -trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im -Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des -Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende -Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich -etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf: -ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf -Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich -da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner, -und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes, -als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere -Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom -Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser -kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle -Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der -große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren, -die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit -Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten -pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich -eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen -Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch -auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt, -einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit -nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in -einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr -dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die -eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als -ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere -Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das -gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den -Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote, -das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die -Straße, in das nächste Haus.-- - -"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und -aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht -unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch -die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen -ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und -fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's -dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die -Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment -ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das -Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die -Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds -halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in -Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich: -in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit -bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen -betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen -und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend, -wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische -Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei -und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden -Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die -Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die -Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen -sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es -scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in -unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der, -vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte, -und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen -wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der -ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand, -und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen -hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken -und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie -herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen -matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich -im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden -einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im -Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen, -durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten -Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten -die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele -erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend -war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen -entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim -Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum -die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren, -in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm -ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem -kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch -quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig -erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte -Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es -nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast -laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken, -nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte -diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern; -und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf -den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen -fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen. - -Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich -nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den -Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige -weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes -lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen, -hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre -vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren -Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen, -hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten, -und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf -die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte -zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute -zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und -kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen -den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und -neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben -mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle -des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand -ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war, -nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am -andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der -glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht -erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem -Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung -genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit -Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem -Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt -etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei -entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von -nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu -stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang, -wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten -Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit -heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht -verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie -einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange -gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe, -vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche -Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich -nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie -Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die -Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden, -die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder -Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten -Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was -nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen, -in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene -Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen -waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein -Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war -nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten -Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war; -die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir -selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten -her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie -er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut -in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner -jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und -wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft. -Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse -schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach -einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die -Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran -er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den -Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut', -Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!" -Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom -übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige -der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien -eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das -Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als -ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas -von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen -abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief -ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, -wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen -mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit -verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere -Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen -holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im -weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine -Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter. -Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles -kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen -Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die -Taschen, was das Zeug halten wollte. - -"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem -feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht -für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's -Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast -eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was, -'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie -für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine -Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut -doch von oben zu!"-- - -Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits -waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den -andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll -ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz -um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen -Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand. -Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark -verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle -einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders -aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz -feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie -man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen -manchmal findet.-- - -Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich -umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits -sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen -ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen -die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit -Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie -mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone -Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen, -der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König -mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein -entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen -konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war, -begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln, -diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt -doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne, -und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu -Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem -Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich -nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die -Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf -Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen -war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge -herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die -Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen -Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam -vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her. -Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in -des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen -war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich -welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte -Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus, -und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und -beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem -König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache -schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in -blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur -zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang, -daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler -aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein -die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert. -Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben, -wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne -eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach -selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse -Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte -Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man, -öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig -stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der -gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den -glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert. -Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's -Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung -und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche -Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber -hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben -Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen -die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch -zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine -Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten. -Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß -eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen -begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle -Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses -viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen -Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in -Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge, -die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand -umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten -Herrschaften. - -Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen -Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier -Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren -ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie -hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer -verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger -Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit -lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch -auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und -Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie -seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen -Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas. -Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren -über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu, -conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber. -Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen -Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen -war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen -aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe -Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der -Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt. -Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große -Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie -des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr -"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten -wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu -extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden, -jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das -erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich -dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte -Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes, -welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine -Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen -bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner, -untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle -zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger -an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich -ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze -Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort -aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch, -ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle -so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt -stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen -sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und -wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die -Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein -und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa -1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und -abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze -Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen: - -"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst, -was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott, -wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue -Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue -Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_, -sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das -Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_ -so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond -drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S -Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_ -bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend -un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische. -In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham -'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich -alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde! -Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner -droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr -'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka -'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also -Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum -_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich; -is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird -nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium? -Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so -viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche -390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix -von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre, -wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich -in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe -ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_, -an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch -auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de -ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe -sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se -mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr -Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher, -_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr -Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre, -mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_, -es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts -mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau, -da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel. -Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit -_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das -voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_, -schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_, -pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter, -des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui, -naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold -is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"-- - -In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb -herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf -den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen -Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_ -kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis -zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu -drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten -und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei -zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter -heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte -mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10- -noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine -fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den -Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne, -sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem -Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des -Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten -elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom -Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten -Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben -werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu -erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das -Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel -senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große -Springbrunn-Platz still und verwaist.-- - -Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe. -Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln -humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme, -sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend: -"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und -sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_ -achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die -sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und -in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!" - - - - -Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin - - "_Und sahen, daß sie nackt waren._" - 1. Mose 3.7. - -In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie -obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der -dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater, -Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine -Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali", -sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden -bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige -Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der -Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde -von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_ -Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit -entschieden.-- - -Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich, -einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei -_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in -doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man -nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester -war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit -beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich -heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen -Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und -Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze, -bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich -hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer -Widerstandskraft.-- - -Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber -einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in -der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten -Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem -Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts -und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach -ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals -verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und -später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell -in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was -alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu -schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang -mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier -hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus -loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt. - -_Süpfli_ loquitur: - -".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der -Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride, -de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt -z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche -Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt, -und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande -z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher. -Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer -Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir -eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die -Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia -wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme -in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und -isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma -Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber -leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit -hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si -alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda. -Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und -si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand -heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand -der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider -mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin. -Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis -zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis -zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale -Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine -sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet -gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em -ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon -im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten -Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer, -immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die -Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein -idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel, -und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall -ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam -e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche -Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach' -heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber -die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem -Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in -wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie, -e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der -Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes -tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige, -flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu -z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe -der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere. -D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe -Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch, -und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene -Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider -sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig -und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib -feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore -werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung -der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde -nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und -doch isch sell Wunder amol vor sich gange: - -In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si, -die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch -e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht -welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne -Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla -libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen -isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der -Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von -sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das -unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es -verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d' -Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor -öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi -chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's -ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und -sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht -hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie -gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft -ufem wiße Leintuch.... - -In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal. -Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu, -und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"-- - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN*** - - -******* This file should be named 43933-8.txt or 43933-8.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/4/3/9/3/43933 - - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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