summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--43933-0.txt5479
-rw-r--r--43933-8.txt5871
-rw-r--r--43933-8.zipbin152859 -> 0 bytes
-rw-r--r--43933-h.zipbin156154 -> 0 bytes
-rw-r--r--43933-h/43933-h.htm7512
5 files changed, 9050 insertions, 9812 deletions
diff --git a/43933-0.txt b/43933-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..5606dca
--- /dev/null
+++ b/43933-0.txt
@@ -0,0 +1,5479 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***
+
+Note: Images of the original pages are available through
+ Internet Archive/Canadian Libraries. See
+ http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani
+
+
+
+
+
+VISIONEN
+
+Skizzen und Erzählungen
+
+von
+
+OSKAR PANIZZA
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig
+Verlag von Wilhelm Friedrich.
+1893.
+
+
+
+
+Oskar Panizza
+
+Visionen
+
+Erzählungen und Skizzen
+
+_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Die Kirche von Zinsblech
+ Eine Negergeschichte
+ Ein Criminelles Geschlecht
+ Der Corsetten-Fritz
+ Indianer-Gedanken
+ Ein scandalöser Fall
+ Der operirte Jud'
+ Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
+ Der Goldregen
+ Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
+
+
+
+
+Die Kirche von Zinsblech
+
+ "_Sind angenehm in Leibkleidern_
+ _als nackend, doch tödtliche Farbe,_
+ _gehen zertheilt an beiden Orten_
+ _den Platz hinauf, lassen sich bloß_
+ _sehen als ob sie erscheinen,_
+ _ungeredet, und gehen alsdann wieder_
+ _hinab in das Grab."--_
+ _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._
+
+
+Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
+Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
+Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
+mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
+meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
+welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
+mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
+jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
+die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
+klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
+Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
+Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
+Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
+Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
+Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
+zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
+lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch
+einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
+und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
+gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!"
+mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
+mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
+Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
+antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
+Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
+rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
+Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
+goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
+stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
+war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
+unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
+der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
+vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
+eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
+ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.--
+
+Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
+kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
+Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
+eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
+versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
+kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
+herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
+stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
+und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
+Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
+Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
+langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
+gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
+vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
+Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
+den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
+verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
+seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
+das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
+linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich
+ein.--
+
+Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
+plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
+und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
+rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
+dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
+mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
+Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
+einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
+der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
+erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
+tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
+Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
+weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
+dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
+Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
+blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
+und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
+gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
+werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
+weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
+über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
+sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
+Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
+Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
+fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
+bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
+Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
+einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
+Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
+Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
+wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
+getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
+nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
+wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
+Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
+schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
+fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
+Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
+Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
+Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
+die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
+quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
+wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
+gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
+gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
+Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
+Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
+und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
+Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
+und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
+wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
+seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
+dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
+war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
+Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
+am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
+hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
+in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
+hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
+war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
+Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
+über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
+um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
+am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
+stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
+dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
+unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
+immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
+hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
+dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
+woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
+fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
+ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
+sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
+ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
+schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
+excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
+selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
+gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
+der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
+daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
+brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
+dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
+um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
+zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort
+stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein
+Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
+Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
+ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
+sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
+rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
+des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
+amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
+hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
+wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
+denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
+Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
+complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
+Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
+Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder
+Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen
+schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
+vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
+einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
+zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
+sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
+Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
+rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
+war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
+Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
+französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
+rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
+Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
+Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
+drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein
+feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
+Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
+goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
+mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
+aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
+die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
+hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
+Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
+in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
+nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
+auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
+dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
+bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
+Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es
+schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
+Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
+Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
+unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
+mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
+Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
+Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
+Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
+lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
+Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
+untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
+Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
+welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
+emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
+linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
+das einzige Paar im ganzen Zug.
+
+Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
+auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
+Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
+auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
+aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
+dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider
+dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
+besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
+Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
+Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
+Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
+Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
+Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
+verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
+sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
+im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
+von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
+Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
+Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
+Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
+Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
+Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
+ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
+Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und
+trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
+in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
+Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
+ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
+und gelangte glücklich ins Freie.--
+
+Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
+heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
+von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
+ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
+gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
+froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
+aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
+aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
+Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
+offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
+mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
+restauriren.--
+
+Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im
+Amtsblatt folgende Bekanntmachung:
+
+"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
+Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
+wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
+gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht
+zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
+nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
+Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
+gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
+gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf
+denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
+fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."--
+
+ Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.
+ Der Bürgermeister ** (Datum.)
+
+
+
+
+Eine Negergeschichte
+
+ _Tantam vim et efficaciam_
+ _nonnulli phantasiae et_
+ _imaginationi in proprium_
+ _imaginantis corpus tribuerunt._
+ _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._
+
+
+Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
+_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
+Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
+Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
+Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
+meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
+auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
+von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
+einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
+vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
+seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
+herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
+Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.--
+
+Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
+An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
+Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
+von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als
+plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
+einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir
+in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
+mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
+Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
+irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
+Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
+die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
+erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
+sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
+Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
+einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
+mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
+von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are
+the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
+vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
+sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr
+erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich
+glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I
+presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
+haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich
+meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist
+doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu
+sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger
+gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--
+
+Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
+der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
+schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
+Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
+dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
+überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
+war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
+helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
+wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze
+mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
+darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war
+abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
+im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
+keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
+gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
+links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
+Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
+sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
+nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
+Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
+wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
+haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
+mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
+Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
+stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
+klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite
+beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
+und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
+war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada,
+die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
+sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
+durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
+angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das
+Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
+aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle
+an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
+Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
+der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann
+an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
+Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
+vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
+krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes
+Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich
+sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja,
+was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte,
+Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem
+Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
+und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
+mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
+Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
+haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.
+--"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie
+er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der
+rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist
+Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
+einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
+vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"
+schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
+mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
+ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
+und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
+Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
+die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
+Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
+gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
+zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
+erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--
+
+"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
+London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm
+mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
+zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
+die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,
+wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
+entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
+einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
+des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte
+das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
+aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
+sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von
+mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und
+stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte
+der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
+Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen
+Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer
+Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
+auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem
+Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
+rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
+ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
+offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
+und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
+Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
+selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
+ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
+Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
+gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
+Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
+gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
+hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"
+ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain
+Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
+Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
+in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit
+schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
+in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
+Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
+traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
+noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin
+gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
+nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
+wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
+ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
+Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
+ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,
+weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
+blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
+Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben
+Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war
+gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
+grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
+mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich
+doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
+daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als
+ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
+Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue
+durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
+Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es
+wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes
+Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"
+--"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich
+schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
+verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
+und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
+Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein
+fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
+schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
+sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
+das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß
+Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
+weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
+Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein
+Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
+in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt
+hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
+Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
+dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
+ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben
+beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?
+Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
+kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,
+das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll
+das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
+sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
+doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix
+Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte
+Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,
+Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
+Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
+mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
+mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
+mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
+bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
+Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
+Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
+Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein
+Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
+mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_
+Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach
+ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich
+bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in
+Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,
+ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell
+you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
+mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
+ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
+geschickt nach Hamburg...."
+
+In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
+hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
+meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
+wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
+von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
+vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
+die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
+und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
+sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
+der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
+Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
+Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
+das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
+plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
+dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well,
+Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die
+schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
+nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
+Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
+In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
+Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
+meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
+vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
+wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
+beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
+denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick
+ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
+und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
+Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
+fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
+ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
+Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
+in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
+immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
+Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
+sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
+überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
+schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
+Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt
+und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
+Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
+und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.
+
+
+
+
+Ein Criminelles Geschlecht
+
+ "_Er wußte Nichts von den_
+ _Geschlechts-Unterschieden der_
+ _Menschen, und unterschied die_
+ _Leute nur nach den Kleidern."--_
+ _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_
+
+
+Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
+Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
+vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
+Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
+Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
+ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
+aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
+Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
+mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
+der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
+Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
+diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
+protestantisch.
+
+Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
+Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
+sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
+ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
+sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
+mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
+neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
+Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten
+sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
+erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
+Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
+schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
+her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
+es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
+Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
+ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz
+absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich
+komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
+paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
+nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
+ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
+eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein
+Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
+Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
+seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
+daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann
+er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
+Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
+zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches
+besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
+können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
+wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber
+sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
+weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der
+Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
+seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
+diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
+was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich,
+kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter
+dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
+worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen
+Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
+Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
+sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
+im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte
+diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
+construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
+wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
+Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
+Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
+ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
+zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte
+ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte
+der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
+er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
+andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
+Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem
+eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
+Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst
+wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
+sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
+und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
+von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
+Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
+Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
+einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
+Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
+auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger
+Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief
+er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die
+sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
+Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
+durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
+Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"...
+die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz
+perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte
+es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden
+Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
+hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,--
+hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
+unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
+und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese
+letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei
+fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
+mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
+von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
+bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
+Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
+Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
+herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
+Geistes zu hoch schien.--
+
+"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
+physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
+zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
+Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
+steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt
+diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction;
+ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
+gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und
+wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht
+_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden
+Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann
+nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
+uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und
+vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
+ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
+Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
+machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
+zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
+und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei
+Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
+ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
+ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
+wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
+den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein
+Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es
+Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
+sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
+diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
+kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
+es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
+solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
+die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
+von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das
+andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
+Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
+Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da
+könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
+der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
+mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
+Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
+und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
+Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
+darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach
+dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
+unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
+erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein,
+lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
+Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich
+von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
+bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
+physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
+zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig,
+und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
+verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der
+Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
+was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
+Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
+die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
+und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören
+wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
+Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem
+Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
+zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
+Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
+aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
+seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
+Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
+Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
+pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
+Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
+lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
+Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir,
+der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
+der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
+diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
+dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
+da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
+den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication
+mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
+nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
+fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
+dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
+aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
+die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann
+laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat
+Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
+Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
+Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie
+ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt
+sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
+Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
+intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
+einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein,
+Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
+zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
+genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
+umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
+Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
+in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der
+Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
+Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
+saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
+losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
+und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
+geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
+Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
+seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war
+unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
+sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
+das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
+wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
+Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
+hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
+können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
+Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
+auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
+dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
+hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
+zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
+bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
+Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
+bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
+unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
+vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
+Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
+seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
+Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
+ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
+stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
+vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
+vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
+Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
+erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
+Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
+Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken
+beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
+die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
+und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
+zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen
+mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken
+Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie
+kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
+unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte
+er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten
+darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
+mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
+entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich
+zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das
+muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es
+auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im
+Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das
+Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
+offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja,
+aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und
+eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen
+Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen
+ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
+Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
+brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn
+Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
+Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
+und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
+Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
+den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo
+die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
+wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben
+einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
+Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
+Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre
+staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar
+mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist
+das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes
+Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
+sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
+die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
+wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses
+merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den
+betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"--
+"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten
+Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden
+nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
+das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein
+Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
+dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen
+einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
+etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was
+ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
+und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese
+wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich
+in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute
+verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie
+vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
+unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
+entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
+den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
+die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein
+transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
+gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie
+hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
+zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die
+Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder
+andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
+Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
+zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
+Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er
+wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
+kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
+Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste
+Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche
+Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
+Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
+nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
+Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
+auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
+und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
+Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
+China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
+betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
+und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
+entsetzlich verschlimmert!"--
+
+Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
+letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
+Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
+als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
+und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir
+waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
+Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
+Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
+steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
+Aufzeichnung machte.
+
+"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß
+ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
+so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
+feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
+ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
+Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
+anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden
+darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
+Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
+mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
+Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst
+nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das
+wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
+wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
+hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr
+Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die
+Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
+kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
+gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"
+
+Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
+Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
+abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf
+der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
+es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
+Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer
+sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
+gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so
+manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem
+Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
+Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
+Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
+regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
+vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht
+ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung
+unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
+sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer
+und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja,
+aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich
+formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber
+arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
+verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
+Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
+nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
+gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
+die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als
+das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
+ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
+Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
+nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
+Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
+das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen
+Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet;
+wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
+dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
+betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
+zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
+die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein
+Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O
+nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit
+und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
+tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
+oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
+Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
+Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
+sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
+ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
+Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
+schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
+Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
+Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel,
+das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter,
+und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese
+Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
+Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
+einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
+Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in
+krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
+den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
+zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
+mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
+den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr
+Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren
+bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
+auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
+unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
+seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
+daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr
+gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
+Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
+vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
+Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
+eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
+aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
+eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
+ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
+tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
+sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.--
+
+Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
+Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
+Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
+Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
+und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
+Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags
+begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
+aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
+mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
+wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
+in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
+herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
+hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
+Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
+was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
+machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
+dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
+ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
+Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
+wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
+Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
+dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
+eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
+Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
+ausdrücken."--
+
+Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine
+größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon
+und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
+zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
+hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
+und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
+(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
+gebracht."
+
+"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte
+ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
+entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
+Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
+hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
+schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
+eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
+und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der
+Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die
+kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir
+der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir
+schieden stumm von einander.--
+
+
+
+
+Der Corsetten-Fritz
+
+ _Aus alten Märchen winkt es_
+ _Hervor mit weißer Hand,_
+ _Da singt es und da klingt es_
+ _Von einem Zauberland._
+ Heine
+
+Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
+ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
+Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
+leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
+wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
+sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
+ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
+psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
+Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
+hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
+bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
+anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
+Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
+niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
+widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
+so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
+immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
+etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
+eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
+Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
+und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und
+meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
+Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
+tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
+Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
+begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste
+Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
+jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
+nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--
+
+Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
+in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
+von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
+mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
+Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
+Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
+Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
+Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
+mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
+Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
+jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
+nicht.--
+
+Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
+war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
+that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
+die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
+Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
+Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
+wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
+mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
+Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
+strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
+Gymnasium zu besuchen.
+
+Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
+die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
+Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
+mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
+der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
+machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
+hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
+man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
+Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
+Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.--
+
+Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
+zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
+und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
+den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
+ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
+mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
+den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
+mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
+fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
+fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
+hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
+Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
+zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
+ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
+Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
+eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
+Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
+um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
+möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
+Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
+mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
+hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
+souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
+auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
+auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
+Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
+vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
+stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
+dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
+Auftrag vollständig vergaß.
+
+Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
+wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
+spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
+schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
+Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
+gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
+mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
+glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
+und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie
+soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
+Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
+des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
+schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
+angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
+herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
+anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
+ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
+zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
+die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
+Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich
+innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein
+Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
+und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So
+sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
+welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
+süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
+mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
+diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
+kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch
+nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
+glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
+und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
+die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
+sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
+sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
+Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
+sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
+Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
+doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht
+täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
+kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
+füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
+wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter
+für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
+fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
+Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
+von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach
+einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
+erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was
+hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
+kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
+ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
+Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
+Leben nie glücklich sein...!
+
+In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
+Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
+plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
+ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
+mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
+trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
+Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
+retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
+Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
+wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.--
+
+Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
+schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
+Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
+Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
+spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
+tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
+vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
+ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
+daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
+hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
+gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
+wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
+bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
+endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
+hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.
+
+In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
+golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
+strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
+weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
+und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
+und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
+diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
+wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
+lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--
+
+Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
+plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
+herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
+Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
+und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
+dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
+Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
+Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
+die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
+wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
+von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
+Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
+die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
+So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
+ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.
+
+Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
+in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
+ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
+ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
+schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
+ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
+Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
+wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
+mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
+lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
+Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
+Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
+weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
+hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
+über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
+Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
+bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
+einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
+Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
+klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
+verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch
+der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
+treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
+rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
+Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
+auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
+wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
+einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
+klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
+ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
+zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
+hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
+die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
+eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
+wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
+das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
+Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
+ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
+mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
+hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
+Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
+war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
+Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte
+mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
+meinen Empfindungen und Erwägungen.
+
+Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
+gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
+abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
+wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
+schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
+während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
+sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
+geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
+Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
+sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
+Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
+dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
+Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
+farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
+Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
+Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
+die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
+wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
+Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
+jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das
+heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
+ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
+Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
+zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
+ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
+zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
+Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
+vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
+Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
+Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
+und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
+von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
+Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
+ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
+einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
+Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
+folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
+Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
+beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
+und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
+treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
+herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
+die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
+Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
+den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
+bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in
+die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
+naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
+erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
+jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
+Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.
+
+Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
+großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
+hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
+Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
+sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
+Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
+welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
+Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
+gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
+Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
+und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
+griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
+Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
+was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
+der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
+anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
+sei.--
+
+Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
+dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
+entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
+zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
+Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
+Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
+Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_,
+die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen
+Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.
+Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
+Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
+sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
+nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
+Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
+die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
+ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
+ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
+Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
+und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.
+
+So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
+Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
+Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
+das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
+Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
+die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
+Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
+aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
+wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
+hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
+krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
+Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
+wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
+Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
+ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
+dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
+gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
+und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
+Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
+Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
+zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
+starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
+hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
+Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
+Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
+ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
+kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
+spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
+von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
+sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
+farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
+Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
+diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
+Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
+blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
+Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
+ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
+u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
+weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
+Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
+Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.
+
+Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
+ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
+Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
+die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
+worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
+wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
+neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
+farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
+genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
+wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
+ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
+Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
+geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
+Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
+Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
+ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
+mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
+noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
+S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
+ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
+ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
+Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
+mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
+ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
+Religionsstunde.--
+
+Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
+empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
+Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
+Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
+Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
+gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
+Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
+daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
+mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
+blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
+dieser Isolirung war mir am wohlsten.
+
+So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
+Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
+da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
+Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
+wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
+Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
+wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
+ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
+weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
+jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
+schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
+eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
+"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
+mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
+Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
+Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die
+Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
+gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl
+geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
+Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte
+mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
+begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
+mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
+Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
+und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
+ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
+äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
+Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
+durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
+hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
+ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
+Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
+zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
+her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
+dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
+Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
+werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
+von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
+gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
+die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
+das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
+Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung
+des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
+selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
+wir es auswendig gelernt haben.--
+
+Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
+wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
+"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
+Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
+wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
+Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
+getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
+der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
+abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog
+so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
+alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
+ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
+im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
+gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
+erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.--
+
+Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
+mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
+Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
+und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
+endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
+Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
+so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
+süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
+studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
+der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
+vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
+beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
+unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
+Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
+schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
+Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
+ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich
+eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
+Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
+sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
+hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
+deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
+fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
+über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
+Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
+durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
+durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
+rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
+nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
+hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
+breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
+emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
+Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
+nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
+empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
+einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
+ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
+nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
+weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
+phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
+langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
+Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
+sie heute zum ersten Mal
+
+Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
+Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
+die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
+schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
+Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
+Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
+höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
+dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
+und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
+mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
+mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
+andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
+schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
+zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
+und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
+vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
+Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
+herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
+Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
+Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
+des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
+schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
+mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
+Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich
+kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
+und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
+schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
+herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
+Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
+bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
+ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
+kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
+der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
+nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
+Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
+Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
+in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
+gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
+das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
+Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
+Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
+hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
+noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
+Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
+und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
+mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
+geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
+steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
+frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte
+mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
+das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
+geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
+ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
+Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
+Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
+und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
+Orange-Fee.--
+
+Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
+Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
+Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
+lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
+Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
+im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
+gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.
+
+Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
+auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
+ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
+Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
+Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
+der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
+gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
+ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
+Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
+mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--
+
+So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
+eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
+Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
+angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
+traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
+in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
+Erfolg lustig machte.
+
+Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
+empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
+gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
+mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
+der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
+an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
+ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
+sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung
+wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
+folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
+damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
+für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
+und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
+Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
+Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.
+
+Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
+hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich
+vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
+und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
+schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
+Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
+hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
+Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
+ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
+die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
+die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen
+Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
+Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
+von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
+Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
+was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
+abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
+ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
+davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
+immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
+Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
+ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
+ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem
+Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
+muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
+ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
+keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour
+schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
+Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
+Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
+Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
+die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner
+Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
+wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
+die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
+in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
+Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
+welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
+Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
+jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
+hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
+Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
+winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
+der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
+Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
+aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis
+dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
+verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
+etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
+Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
+Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
+ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
+nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
+lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und
+"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.
+Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
+war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
+höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
+zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
+natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
+und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
+so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
+bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
+Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.
+
+Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
+es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
+diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
+nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
+Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
+eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
+und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
+gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
+beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
+betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
+daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
+aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
+zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
+gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
+Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
+zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
+sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
+offenbar bestellte, fabricirte Sache.--
+
+
+
+
+Indianer-Gedanken
+
+ "Nehmet wahr der Raben;
+ sie säen nicht, sie ernten auch
+ nicht, und euer himmlischer
+ Vater nähret sie doch."
+ Lucas 12, 24
+
+
+Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
+Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
+verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
+der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
+aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
+und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
+ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
+des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
+herausforderte.
+
+Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
+hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
+Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
+Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
+Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
+Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
+die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun
+auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
+mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
+Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
+rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
+meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
+Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
+nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
+in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
+manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
+zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit
+war dieß gut.--
+
+Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
+mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
+aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
+Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
+Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
+sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
+Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
+Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
+nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
+freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm
+anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
+lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
+und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
+sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
+und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
+kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
+gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
+Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
+mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
+niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
+Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
+Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
+kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
+in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
+Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
+Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
+misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
+Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
+Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
+Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
+an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
+und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
+ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
+stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
+Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
+hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
+an ihm gewohnt war.--
+
+"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
+gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
+auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte
+ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
+geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
+ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist
+passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte
+der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
+Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer
+Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt
+mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
+mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
+ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
+wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_
+und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht
+leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum
+uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
+Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um
+uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um
+Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und
+deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig
+erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
+Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
+Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
+ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
+Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu
+_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_
+trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr
+mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere
+Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
+unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
+Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja,
+aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die
+Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt
+Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es
+müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
+seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie
+gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der
+Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
+für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
+Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
+sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts
+gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde
+es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
+es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
+sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
+zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
+er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie
+wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der
+Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
+Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
+wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich
+noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die
+Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
+große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor,
+nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein
+lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
+zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein
+solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
+hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
+Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
+Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
+weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
+das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und
+schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
+wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
+riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn
+mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
+einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
+des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den
+Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte
+ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
+andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
+so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
+dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach
+einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
+Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
+sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
+Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
+ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich
+voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
+Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er
+das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was
+hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich
+unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
+Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er
+macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige
+Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die
+Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
+anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
+klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
+Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
+genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
+und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
+Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
+Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was
+Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
+nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
+aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
+hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
+hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
+auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
+schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
+an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
+gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
+diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
+dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
+der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
+Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
+er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er
+dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen;
+wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
+einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
+Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
+stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
+auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
+Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
+würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
+blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
+verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist
+schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
+der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
+Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
+nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
+Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
+sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
+das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete
+mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut
+vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel
+Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
+gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
+unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
+Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
+dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_
+steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch
+schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
+der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
+daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
+das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
+aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
+uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
+Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst
+Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche
+Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen
+Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O
+nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen
+Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
+Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt
+höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im
+tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
+Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
+aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe,
+kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
+und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
+sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
+Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
+ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
+Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
+plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
+als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
+zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
+in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der
+Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
+Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
+setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
+fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
+mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
+derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
+seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
+Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
+home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
+wir erst wieder zu Hause sind).
+
+
+
+
+Ein scandalöser Fall
+
+ "Und Er schuf sie, ein Männlein
+ und Fräulein, und sprach zu ihnen:
+ Seid fruchtbar und mehret Euch."
+ Genesis 1, 27-28.
+
+Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
+seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
+für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
+geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
+Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das
+Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
+dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
+an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
+einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
+besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
+nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
+besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
+Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
+des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
+es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
+Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
+Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
+Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
+Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
+Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
+Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
+Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
+verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
+Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
+Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
+streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle
+zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
+Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
+beginnenden Geschichte.--
+
+Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
+welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
+dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
+meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
+er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
+der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
+Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
+doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
+geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
+einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
+des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
+Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
+er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
+nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
+Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
+um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
+scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
+auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
+Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
+dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
+productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
+und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
+Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
+zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
+Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
+des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
+Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
+Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
+friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
+Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
+absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
+Wesen; das Habit immer tadellos.--
+
+Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
+weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
+normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
+eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
+sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
+oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
+die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
+doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
+Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
+Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
+Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
+sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
+ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
+Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
+ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
+plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
+von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
+Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
+quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
+erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
+Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
+außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
+Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
+die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
+einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
+obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
+und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
+Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
+war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
+nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
+mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
+hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
+Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
+und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
+und weit über Beau-Regard hinaus.--
+
+Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
+eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
+Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
+Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
+temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
+kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
+schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
+den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
+mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren
+Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
+die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
+"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
+weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
+Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
+Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
+"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
+Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
+ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
+weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
+acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
+lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
+Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
+wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die
+vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
+Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
+die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
+präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast
+allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
+wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
+wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem
+Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
+eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
+vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
+entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
+und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
+fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
+für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
+die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
+armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
+Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
+und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
+an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
+Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
+ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
+nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
+ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
+eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
+Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
+aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
+seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
+Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
+weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
+da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
+von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
+einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
+unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
+nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
+Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
+sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
+hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
+Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
+kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
+Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
+sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
+sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
+Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
+da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
+ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
+und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
+um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
+und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
+wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
+in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
+zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
+luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
+Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
+Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
+unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
+innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
+zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
+mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
+eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
+erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
+vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
+und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
+genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
+Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
+Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
+Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
+so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
+Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
+welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
+es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
+
+Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
+mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
+fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
+Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
+120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
+Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
+und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
+Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
+Abschluß gebracht.--
+
+Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
+getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
+er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
+libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
+der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
+darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
+daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
+beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
+Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
+fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
+moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
+zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
+heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
+Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
+was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
+aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
+Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
+und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
+zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
+blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
+rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
+Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
+Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
+sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
+er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
+nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
+feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
+die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
+war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
+Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
+nach.--
+
+Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
+können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
+Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
+an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
+grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
+leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
+von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
+großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
+abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
+können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
+aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
+an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
+der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
+gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
+Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
+Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
+Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
+Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
+Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
+mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
+aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
+und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
+Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze,
+Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
+fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
+das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
+Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.--
+
+Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
+vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
+ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
+jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
+begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
+und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
+Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
+aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
+Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
+In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
+chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
+und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
+Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
+Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
+Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
+eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
+und Schwätzen.
+
+Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
+wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
+Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
+beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
+die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
+Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
+aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
+fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
+stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
+alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
+sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
+Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
+gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
+schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
+
+Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
+Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
+in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
+absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
+Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
+
+Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
+und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
+ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
+gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
+welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
+Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
+begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
+Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
+zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
+Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
+Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
+funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
+entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
+Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
+geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
+
+Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
+immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
+gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
+erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
+Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
+als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
+begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
+jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
+und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
+an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
+hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
+mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
+um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
+Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.
+
+Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
+Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
+Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
+aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
+Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
+grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
+die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
+herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
+spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
+und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
+Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
+von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
+Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
+dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
+glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
+aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
+Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
+verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
+der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
+Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
+heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
+und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
+gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
+leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
+eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
+Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
+sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
+die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
+das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
+halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
+man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
+und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
+Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
+beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
+sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
+den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
+hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
+wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen
+mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
+Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
+tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
+Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
+ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
+so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
+gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
+faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
+bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
+das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
+und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
+den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
+einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
+Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
+verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la
+Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
+etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
+(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
+mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
+"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé,
+und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
+und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
+noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
+jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
+Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
+halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
+Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
+sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
+Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
+im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
+ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
+sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
+und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
+gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
+Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
+überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
+stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
+sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
+verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
+gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
+Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre,
+die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
+herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
+Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
+mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
+Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
+erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
+konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
+Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
+ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
+Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
+offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
+verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
+gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame
+schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
+ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
+Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
+Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
+Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
+Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
+nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
+stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
+unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
+Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
+bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
+nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
+es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
+registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
+daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
+diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache
+selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
+Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
+Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine
+abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
+was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
+soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
+gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
+Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur
+ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für
+das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
+Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
+sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
+Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
+früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
+schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
+das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
+selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
+moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
+Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja
+wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
+gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings,
+aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
+enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
+meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
+allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
+sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
+phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
+nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem
+Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
+Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
+Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
+keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
+Alles gut gehen.--
+
+Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
+wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
+zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
+aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
+geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
+hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
+nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
+auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
+auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.--
+
+Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
+Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
+stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
+Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
+mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
+Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
+
+Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
+zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
+ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
+zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
+die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
+bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
+bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
+in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
+Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
+Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
+ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
+Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
+sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
+an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
+Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
+Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
+auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
+Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
+weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
+Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
+Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
+und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
+Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
+Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
+sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
+die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
+von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
+eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
+noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
+cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
+beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
+vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
+waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
+Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
+Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
+schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
+nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
+ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
+in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
+Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
+Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
+zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
+steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
+und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
+wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
+"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
+Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
+Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
+sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
+Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
+sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
+stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
+zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
+lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
+halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
+Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
+ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
+Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
+Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
+gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
+und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
+gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
+eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
+sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
+leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
+als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
+weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
+und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
+Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
+letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
+der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
+und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
+Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein
+einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
+Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
+habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
+lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
+hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est
+degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
+glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
+gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
+andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
+Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
+plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte
+Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
+Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
+sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première!
+La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
+dann wild hinaus.--
+
+Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
+Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
+wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
+nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
+Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
+und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
+mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
+plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
+Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
+allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
+und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
+eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
+etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
+Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
+erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
+Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
+Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
+ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
+schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
+aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
+im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
+Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
+als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
+doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
+was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
+und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
+heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
+triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
+mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
+Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
+mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
+
+So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
+der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
+ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
+erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
+des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
+Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
+und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
+fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
+wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
+ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
+zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
+einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
+nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
+einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
+zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
+solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
+älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
+aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
+Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
+aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
+Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
+streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
+der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
+man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
+Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
+diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
+der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
+Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
+zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
+Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
+war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
+Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
+umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
+sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä
+sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
+et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
+Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
+jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse
+hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
+Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
+im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
+in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
+von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
+Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
+zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
+Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
+jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
+Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
+Falles gerettet werden.
+
+Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
+gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
+miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
+und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
+wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
+Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse
+mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
+ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
+ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
+fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
+sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
+Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
+Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
+großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
+hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
+immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!"
+Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die
+Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb
+vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
+der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
+die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
+rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
+Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
+damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
+Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
+Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
+bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
+zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
+so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
+wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
+vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
+würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
+dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
+eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
+et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
+wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber
+la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
+Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
+schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn
+sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
+Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
+gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
+gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß,
+aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten
+sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu
+den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
+größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
+zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
+Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
+kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
+den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob
+sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
+halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
+Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde
+befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
+was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
+von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß
+Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß
+nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
+wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
+hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien
+neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
+Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
+die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
+gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
+zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
+Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
+Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren,
+wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann
+aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?"
+"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
+der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit
+der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
+überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
+sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
+können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
+solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
+um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
+der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
+groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
+von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
+Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
+ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
+Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
+falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
+freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
+das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
+und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
+im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
+sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
+entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
+
+Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
+nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
+Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
+es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
+gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
+aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
+Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
+dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
+moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
+und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte
+etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
+Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
+aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
+auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
+ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
+Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte
+Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
+Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
+verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
+
+Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
+Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
+weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
+jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
+und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
+Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
+den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
+ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
+Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den
+Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
+nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
+Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
+Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
+hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
+Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel
+Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja,
+ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
+Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
+ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
+gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
+bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
+Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
+_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
+es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
+einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
+und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
+erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
+war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und
+niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
+Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die
+Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
+Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
+Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
+auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
+sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
+ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
+Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
+
+Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
+welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
+Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
+abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
+sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
+Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete
+die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
+diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
+war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
+Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
+emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
+also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
+und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
+zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
+Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
+Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
+einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
+Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
+Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
+Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
+Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
+und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
+unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
+liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
+Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
+kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
+über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
+nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
+Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
+Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
+zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und
+Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
+und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
+Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
+und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
+der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
+Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
+willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
+Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
+Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
+mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
+als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
+Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
+nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
+Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
+sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
+verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
+und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
+nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
+gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
+Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
+was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
+wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
+uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
+Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
+Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
+die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
+das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
+Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
+die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
+aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
+Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
+drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
+Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
+Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
+aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
+ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
+aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
+Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
+großen Meer!..."--
+
+Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
+Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
+stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
+das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
+hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
+Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
+gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
+hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
+weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
+Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
+gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
+nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
+selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
+auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
+unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
+geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
+ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
+Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
+
+Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
+bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
+Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
+die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
+nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
+eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
+austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
+man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
+aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
+eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
+Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
+noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
+Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
+nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
+Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
+dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
+1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
+in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
+folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
+Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
+abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
+Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
+wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
+dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
+verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
+den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
+die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
+Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
+ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
+zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
+nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
+sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
+hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
+aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
+sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten
+im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
+gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
+verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
+vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
+die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
+Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
+dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
+gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
+Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
+ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
+neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
+entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
+können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
+größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
+beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
+verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den
+Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
+Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
+nun nach Belieben handeln.--
+
+Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
+la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
+zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
+verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
+zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
+Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
+mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
+das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
+der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
+neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
+Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
+Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
+gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
+mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
+auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
+mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
+eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
+Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
+des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
+Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
+Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
+oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
+Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
+werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
+den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
+Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder
+in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
+Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
+diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach
+festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
+
+ "Le diable et triste
+ Et a bien peure:
+ Il a perdu sa fiancee
+ Et craint la Superieure!"[4]
+
+Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
+seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
+geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
+Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
+die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
+Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
+zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
+aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
+der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
+Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
+Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
+man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
+Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
+ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
+züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
+hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
+man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
+haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
+so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
+zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
+fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
+wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
+Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--
+
+Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
+Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
+Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
+Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
+bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
+die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
+begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
+selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
+hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
+zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
+diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
+_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
+bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
+Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
+Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
+brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
+heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
+Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
+Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
+damals im Wald auf Henriette gesessen.--
+
+Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
+der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
+Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
+eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
+Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
+auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
+erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
+der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
+Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
+Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
+Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
+Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
+entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
+nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
+wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
+zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
+des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
+betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
+Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
+sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
+die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
+Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
+dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
+Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
+ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
+Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
+ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
+Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
+cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
+Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
+das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
+stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
+Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
+rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
+Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
+Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
+Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
+Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
+die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
+Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
+Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
+und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
+Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
+sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
+Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
+und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
+mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
+eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
+kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
+Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
+trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein
+eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
+Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
+möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le
+jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
+zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
+draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
+kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
+nach Hause.--
+
+Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
+wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
+die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
+und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
+Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
+ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
+Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und
+unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
+die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
+bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
+mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
+Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
+selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
+Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
+Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
+was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
+Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
+des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
+war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
+la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
+getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
+präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
+erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
+Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
+in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
+einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was
+aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
+erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
+Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit
+diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.
+
+Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
+möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
+Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
+Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
+dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
+fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
+heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
+die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
+ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
+sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
+Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
+etwas ganz besonderes los sein müsse.--
+
+Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
+bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
+mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
+Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
+zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
+vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
+gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
+als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
+außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
+beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
+was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
+die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
+mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
+diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
+anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
+das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
+Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
+eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
+jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
+diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
+dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
+los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es
+mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
+wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--
+
+Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
+Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
+hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
+beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
+Hirn zu schreiben.--
+
+Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
+des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
+Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
+in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
+ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
+gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
+Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In
+diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
+und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
+soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
+einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
+auseinander und las Folgendes:
+
+Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
+de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
+Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
+Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
+vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
+
+Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
+Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
+Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
+männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
+paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
+die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
+werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
+(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
+getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
+ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
+eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
+Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
+Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
+dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
+Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
+nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
+Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
+Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
+das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
+als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
+stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
+Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
+von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
+ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
+der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
+so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
+blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
+uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
+ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
+Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
+als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
+Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
+von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
+gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
+die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
+zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit
+ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der
+Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
+hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
+deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
+beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
+_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
+ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
+ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
+der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
+weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
+Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
+hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--
+
+Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
+gebracht.
+
+Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
+genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
+wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
+
+Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
+Soeur Première wurde Superiorin.--
+
+
+[1] "Sieh der Teufel!"
+
+[2] "Und hier seine Braut!"
+
+[3] Schwatzerei.
+
+[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
+verloren, und fürchtet die Superiorin.--
+
+[5] Ach, sie thun mir weh.
+
+
+
+
+Der operirte Jud'
+
+ _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_
+ _Huhu! ein gräßlich Wunder!_
+ _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_
+ _Fiel ab, wie mürber Zunder._
+ _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_
+ _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_;
+ _Bürger_, Lenore.
+
+
+Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel
+Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
+meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
+ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
+der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
+Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
+um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging
+und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
+dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
+verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
+gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
+ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
+oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
+versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
+die Schule, die Verantwortung tragen.--
+
+_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
+stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
+letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
+die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
+Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
+Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
+über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
+einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
+Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
+auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
+waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
+von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein
+Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
+den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
+Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
+Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner
+>Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines
+Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
+aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
+er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
+paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
+Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
+zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
+herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
+noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
+viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
+so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
+die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
+komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in
+der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
+welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
+und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
+Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
+auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
+daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
+dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
+Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
+nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
+sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch
+etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
+Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
+beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
+steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
+starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
+zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
+Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
+nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
+einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
+komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
+und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
+der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
+Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
+Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
+Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
+Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
+eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
+seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,
+von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
+unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
+wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
+ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
+Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
+hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
+bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
+spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
+oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
+und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
+zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
+der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
+ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
+bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
+Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
+immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
+er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
+sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
+unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
+eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
+Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
+Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
+grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
+sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
+Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
+die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
+Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber
+wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
+Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
+Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
+einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
+abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
+ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
+dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
+Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
+Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
+Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig
+Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte,
+ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
+flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
+besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an
+bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
+syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
+Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
+seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was
+soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
+Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
+Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
+der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
+Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
+Speichelabsonderung).--
+
+Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
+oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
+er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine
+Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
+(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
+eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
+einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
+solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
+blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
+Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
+"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
+dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
+daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
+Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
+dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
+der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark
+nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
+also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
+breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
+den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
+recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend;
+u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
+willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
+weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
+zusammen!
+
+Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
+ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
+umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
+die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
+die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig
+Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
+medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
+empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
+dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
+Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
+dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
+kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
+viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
+grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
+zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
+Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
+stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
+den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
+die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
+Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
+kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
+Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
+nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
+die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte
+ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
+von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen
+wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
+hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
+Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_
+war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
+eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
+Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
+Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
+war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem
+engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
+grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
+eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
+große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
+blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
+begann.
+
+Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
+Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
+seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
+entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
+daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
+verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
+wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte
+ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
+vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
+Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und
+stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
+den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
+so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä
+neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht;
+aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
+zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
+Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
+sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
+Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs
+wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
+berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
+Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
+Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
+vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
+und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
+Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
+ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
+die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
+Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
+werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann
+ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf
+eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
+nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich
+beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
+dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
+Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
+zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
+Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
+Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
+Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
+
+Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
+der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
+Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
+Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
+gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
+mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
+und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
+anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
+noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
+seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
+wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
+und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
+einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
+natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
+sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
+zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
+verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
+Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
+Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
+entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
+und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade
+jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
+absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
+einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
+Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
+Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
+Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
+ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
+von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der
+alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
+mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
+neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
+Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
+größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
+Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
+einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
+hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
+die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
+hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
+des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
+hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
+Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
+gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
+wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
+schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
+war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
+gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
+schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
+zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
+bald als möglich erreichen.
+
+Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
+nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
+durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
+rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
+dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
+Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
+völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
+wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
+Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
+Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
+mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
+noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
+von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
+Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
+einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
+bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
+ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
+u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
+darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
+neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
+entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
+neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
+untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
+Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
+das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
+sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
+feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
+Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
+
+Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
+Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig
+Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
+größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
+Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
+christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
+Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
+der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
+weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
+pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
+verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
+unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
+zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
+im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
+aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
+damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
+unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
+dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
+englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
+hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
+_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
+der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
+Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
+riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
+wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
+germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
+wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
+_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
+Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel
+und übrigen Papiere umändern.
+
+Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
+Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
+der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
+verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
+wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_
+zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
+Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
+in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
+hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
+Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
+Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
+Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd',
+fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
+nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt
+geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
+hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
+Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß
+dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
+einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
+herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
+innerlich aus?--
+
+Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
+jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
+herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
+paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
+einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
+Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
+undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
+Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
+die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
+beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
+wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
+Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
+in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
+zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
+sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
+bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
+der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
+das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor
+_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"
+herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
+wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
+Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
+neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
+abstehen.
+
+Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
+mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm
+erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte,
+den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
+Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
+vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
+und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
+bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
+man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
+Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
+Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
+mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
+Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
+Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
+diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird
+den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
+Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
+Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
+damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,
+die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
+in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
+oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
+ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
+Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
+waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
+bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
+jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
+einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
+am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
+zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
+Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
+zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
+in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
+entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
+im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
+"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
+kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
+Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
+mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
+hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
+nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
+sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
+Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
+
+So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
+sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
+Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
+die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
+sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
+ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_
+Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
+Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
+Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
+wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
+überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
+sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
+die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter
+Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
+verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
+Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
+Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
+_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
+
+Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
+Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
+ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
+Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
+früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder
+Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
+zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
+Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
+Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
+härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
+Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er
+und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet
+er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der
+hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt
+er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der
+hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
+aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
+Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
+der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige
+Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
+spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel
+jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In
+solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
+wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
+wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
+hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
+mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
+eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
+fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
+Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
+ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
+kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
+schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften
+natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
+Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
+konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
+all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
+Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
+alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
+kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
+steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
+gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
+pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch
+andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
+Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
+steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
+zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
+alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
+seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
+ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
+er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
+sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
+Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
+sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
+immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
+mit Ruhe obzuliegen.--
+
+Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
+Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
+in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
+eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
+Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
+Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
+mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
+Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
+ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
+erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte
+nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben
+eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
+Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
+sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
+mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
+die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
+Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen
+Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war
+es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
+vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
+(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
+Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
+die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
+geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
+Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
+Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
+für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
+wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
+Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des
+Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
+wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
+der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
+es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
+Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
+etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen
+Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
+Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
+den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
+konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
+Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
+Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
+horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
+ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
+Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
+Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
+machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
+etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
+war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
+Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
+nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die
+Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
+Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
+Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
+Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die
+Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische
+Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls
+beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
+gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
+_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
+dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
+Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
+hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
+
+Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
+Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
+_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
+absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
+ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
+auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
+in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
+nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
+_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei
+Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's
+fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
+der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
+beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
+lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
+war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das
+Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
+Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die
+zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
+und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
+Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward
+anberaumt.--
+
+Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
+jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
+Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
+machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
+Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
+ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
+auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
+aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
+nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber
+Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
+die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
+zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
+Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
+offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
+gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt
+Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
+schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
+Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
+Umhüllungen kleiden.--
+
+Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
+sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
+zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
+wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
+Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
+Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
+sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
+blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
+blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
+Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
+Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert
+sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
+das, was aus der Menschen Munde geht!
+
+Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
+Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
+erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen
+müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur
+eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O
+hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
+geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
+großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
+weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
+nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
+zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
+den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
+Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,
+wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
+Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt
+hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--
+
+Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war
+der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
+der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_
+beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
+mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
+vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
+Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen
+hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
+der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
+viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
+durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von
+5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser
+muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
+"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
+der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
+uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
+_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,
+die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
+bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
+Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
+sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
+erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
+man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
+unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
+streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
+ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem
+anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
+zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
+_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
+Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
+Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.
+
+Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
+Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
+zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
+einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
+und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
+wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
+französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
+des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich
+befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
+in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
+in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
+waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
+Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
+der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
+_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.
+Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige
+Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
+Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
+Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
+waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
+langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
+Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
+Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
+_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
+Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
+Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
+Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
+der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.
+
+Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
+im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
+Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
+von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
+weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
+Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
+Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
+des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
+psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
+Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
+aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
+immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
+gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
+Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
+abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
+symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
+Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
+am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
+Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
+den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--
+
+Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
+daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
+Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
+purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
+Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
+abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
+Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
+und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
+Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu
+Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
+"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
+können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
+Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
+der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
+auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
+wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
+Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
+er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
+hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
+es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
+"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
+Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
+Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
+daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
+gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
+hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
+war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
+diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
+seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
+überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
+tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
+die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
+die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
+Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
+_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
+schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
+wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
+vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll
+ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
+als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
+Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
+starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
+angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
+hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
+festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
+Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen
+war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
+worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
+auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
+ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
+drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit
+einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
+Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter
+Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
+und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
+hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
+Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
+schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
+die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
+Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am
+Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)
+"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
+er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
+Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
+Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme
+mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In
+diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
+gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
+lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
+herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
+Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
+Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
+aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei
+Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
+vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
+Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
+Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
+wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
+glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
+wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
+seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
+zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
+Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
+wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
+rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
+war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
+vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter
+geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
+Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
+jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
+verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
+zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück.
+Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
+nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
+Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
+Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel
+Stern_.--
+
+
+
+
+Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
+
+
+ "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
+ Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
+ hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
+ un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
+ un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd
+ ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as
+ der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
+ un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
+ Un as se dat seeg, so freude se sik._"
+
+ Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
+
+
+
+Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
+einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
+hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
+Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
+angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
+Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
+Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
+einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
+nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
+auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
+in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren
+Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
+allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
+Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
+die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
+reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
+unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
+nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
+kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
+nicht so schrecklich aus.--
+
+Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
+auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
+mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
+als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
+Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
+Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
+Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
+vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
+der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
+fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
+Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
+ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
+konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
+es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
+selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
+zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
+etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
+aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte
+hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
+gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
+wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
+Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
+schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber
+nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß
+der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
+Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
+nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
+hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
+ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
+Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
+den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
+kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
+Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
+Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
+Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
+Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
+auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
+ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
+eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
+Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
+auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
+sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
+trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
+Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
+auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
+zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
+endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
+Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
+durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
+einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
+kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
+gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
+fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
+mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
+der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
+geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
+einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
+Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
+Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
+gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich
+freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
+leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
+Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
+herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
+warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
+Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
+Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
+zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
+bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
+zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
+weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
+die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
+und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
+"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
+"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
+an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
+schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
+wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
+mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
+und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
+verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
+ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
+hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
+dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
+halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
+seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
+auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
+einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
+vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
+haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
+und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
+Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
+sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
+bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
+seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
+Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
+inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst
+mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
+ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
+Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
+feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
+wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder,
+indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
+Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
+Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
+Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
+Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
+Sorge."
+
+Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
+Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
+das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
+überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
+Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
+daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
+auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
+freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
+in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
+in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
+Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
+Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
+Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
+Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
+nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
+zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
+unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
+mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
+schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
+mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
+durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
+meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
+auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
+daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
+hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
+gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
+es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
+ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
+Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
+aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
+Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
+mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
+seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
+der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
+Tochter Maria!...."--
+
+Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
+was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
+Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
+jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
+Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
+Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
+geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
+Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
+Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
+und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
+noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
+ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
+Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
+Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
+einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
+Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
+hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
+und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
+Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
+sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
+eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
+die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
+eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
+und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
+sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
+gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
+rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
+war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
+stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
+naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht
+sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
+wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
+Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
+wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
+Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
+Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
+Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
+jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
+diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
+froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
+und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
+mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
+Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
+Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
+ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
+und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
+wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
+Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
+Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
+gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
+zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
+nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
+mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
+ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
+Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
+ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
+dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
+seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
+der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
+schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
+Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
+protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
+während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
+zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
+auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
+einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
+das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
+sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
+ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
+zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
+fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
+alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und
+blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
+Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
+über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete
+Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
+mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
+jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
+war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
+verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
+übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
+eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
+wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
+die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
+auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
+sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
+hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
+vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
+dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
+oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
+Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
+eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
+blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
+Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
+weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
+zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
+Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
+einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
+ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
+er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
+einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
+sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
+Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
+Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
+werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
+grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
+blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
+waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
+jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
+fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
+im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
+Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
+jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
+herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
+Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
+mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
+merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
+Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
+dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
+schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
+Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
+leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
+sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
+Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
+Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
+dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
+also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
+Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--
+
+Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
+der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
+war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
+einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
+schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
+schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
+er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
+Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
+all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
+Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
+nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
+an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
+Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte
+er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
+Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
+herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
+14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
+zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
+weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
+drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
+Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
+zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
+nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
+ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
+drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
+zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
+zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
+einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
+Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
+nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht
+ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
+schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
+Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
+rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
+"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
+bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
+des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
+beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
+ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
+die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
+oben.--
+
+Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
+dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
+Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
+Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
+aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
+und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
+Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
+er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
+schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
+brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
+trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
+verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
+dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
+er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
+hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
+vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
+Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
+Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
+hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
+er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
+sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
+Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
+der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
+Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
+hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
+miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
+die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
+ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von
+wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
+reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
+und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
+Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
+junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
+sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
+Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
+ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich
+wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug
+der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen
+Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
+nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
+Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte
+das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
+aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
+knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
+sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
+wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
+der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
+daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
+Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der
+Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
+erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
+mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
+wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
+hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
+unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um
+Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
+dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
+Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
+vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
+mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
+alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
+"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
+ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
+verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
+complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
+Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
+Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
+Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä,
+hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
+Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr
+wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
+und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
+unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
+geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
+Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
+Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
+Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die
+Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
+Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein
+Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
+examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
+denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
+er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
+und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
+inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein
+Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a
+tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
+Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
+und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
+sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
+war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
+Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
+und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
+inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte
+sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe
+sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
+der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich
+was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder
+an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
+sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
+Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
+Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
+ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
+Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
+Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
+sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
+Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
+sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
+Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
+in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
+dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
+Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte
+der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
+Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
+zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
+Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie
+glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte
+wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
+ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit
+Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
+Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
+meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
+duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
+Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der
+Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
+Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
+ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
+daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
+den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
+in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
+Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
+kommen!"--
+
+Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
+Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
+Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
+gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
+Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
+durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
+Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
+vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
+ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
+er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
+und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
+auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger
+Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
+sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
+von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese
+Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
+und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
+dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
+schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
+einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
+noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
+mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
+zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
+wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
+Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
+"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
+bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
+sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
+und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
+noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
+Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
+hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
+wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
+mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
+mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
+Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
+zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
+Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
+mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd
+legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
+einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--
+
+Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
+sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
+unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
+schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
+Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß
+der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
+ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
+schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
+geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
+in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
+junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
+zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
+geheimnißvollen Geburt?
+
+So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
+Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
+angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
+Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
+diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
+Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine
+nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
+Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
+Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
+Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
+Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
+man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
+entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
+Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
+heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
+halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
+das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
+jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
+Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
+daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
+kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
+Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
+würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
+Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
+Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
+strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
+ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
+umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
+kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
+in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
+gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
+war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
+das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
+besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
+die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
+vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
+wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
+forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
+stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
+ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
+zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
+Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
+offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
+einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
+der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
+zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
+ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
+Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
+abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
+Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
+Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
+sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
+Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
+zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
+wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
+lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
+Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
+verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
+Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
+durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
+es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
+ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
+Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
+das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
+Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
+die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
+nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
+untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
+mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
+angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
+ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
+den Rest der Nacht.--
+
+Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
+widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
+an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
+vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
+dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
+seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
+Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
+doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
+trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
+nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut
+und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
+Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
+eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
+und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
+schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
+"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
+aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
+Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
+Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
+verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
+niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
+Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel
+der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
+war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
+arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
+in mein Zimmer zurück.
+
+Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
+Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
+mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
+saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
+Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
+mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
+mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
+gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
+der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
+Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
+Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
+Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
+Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
+Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
+ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
+bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
+
+Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
+den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
+alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
+unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
+nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
+hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
+her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
+einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
+und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
+zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
+da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,--
+"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
+ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die
+räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über
+meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
+die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug
+ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
+nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
+fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
+vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
+herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
+heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
+weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
+"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
+dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
+Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
+Stunde wieder umzusehen.--
+
+
+
+
+Der Goldregen.
+
+ _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_
+ _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_
+ _Na bitt' i unser'n Herrgott,_
+ _Daß's Wetter so bleibt._
+ Altbayrischer Vierzeiler
+
+
+Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
+der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
+noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
+auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
+kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
+Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
+regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
+und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
+Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
+geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
+an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
+eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
+u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
+Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
+und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
+und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
+Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
+ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
+um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
+das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
+sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
+gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
+um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
+einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
+trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
+Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
+Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
+Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
+etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
+ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
+Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
+da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
+und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
+als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
+Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
+Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser
+kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
+Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
+große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
+die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
+Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
+pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
+eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
+Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
+auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
+einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
+nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
+einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
+dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
+eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
+ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
+Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
+gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
+Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
+das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
+Straße, in das nächste Haus.--
+
+"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
+aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
+unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
+die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
+ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und
+fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
+dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
+Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
+ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
+Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
+Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
+halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
+Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
+in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
+bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
+betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
+und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
+wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
+Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
+und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
+Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
+Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
+Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
+sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
+scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
+unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der,
+vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
+und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
+wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
+ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
+und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
+hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
+und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
+herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
+matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
+im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden
+einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
+Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
+durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
+Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
+die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
+erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
+war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
+entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
+Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
+die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
+in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
+ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
+kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
+quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
+erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
+Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es
+nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
+laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
+nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
+diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
+und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
+den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
+fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
+
+Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
+nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
+Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
+weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
+lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
+hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
+vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
+Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
+hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
+und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
+die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
+zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
+zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
+kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
+den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
+neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
+mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
+des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
+ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
+nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
+andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
+glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
+erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
+Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
+genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
+Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
+Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
+etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
+entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
+nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
+stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
+wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
+Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
+heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
+verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
+einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
+gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
+vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
+Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
+nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
+Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
+Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
+die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
+Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
+Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
+nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
+in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
+Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
+waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
+Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
+nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten
+Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
+die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
+selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
+her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
+er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
+in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
+jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
+wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
+Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
+schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
+einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
+Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
+er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
+Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
+Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
+Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
+übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
+der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
+eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
+Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
+ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
+von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
+abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
+ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
+wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen
+mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
+verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
+Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
+holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
+weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
+Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
+Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
+kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
+Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
+Taschen, was das Zeug halten wollte.
+
+"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
+feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht
+für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
+Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
+eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
+'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
+für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
+Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
+doch von oben zu!"--
+
+Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
+waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
+andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
+ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
+um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
+Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
+Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
+verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
+einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
+aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
+feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
+man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
+manchmal findet.--
+
+Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
+umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
+sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
+ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
+die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
+Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
+mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
+Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
+der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
+mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
+entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
+konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
+begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
+diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
+doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
+und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
+Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
+Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
+nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
+Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
+Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
+war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
+herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
+Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
+Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
+vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
+Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
+des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
+war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
+welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
+Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
+und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
+beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
+König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
+schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
+blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
+zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
+daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
+aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
+die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
+Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
+wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
+eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
+selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
+Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
+Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
+öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
+stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
+gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
+glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
+Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
+Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
+und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
+Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
+hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
+Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
+die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
+zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
+Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
+Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
+eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
+begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
+Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
+viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
+Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
+Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
+die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
+umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
+Herrschaften.
+
+Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
+Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
+Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
+ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
+hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
+verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
+Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
+lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch
+auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
+Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
+seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
+Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
+Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
+über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
+conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
+Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
+Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
+war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
+aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
+Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
+Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
+Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
+Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
+des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
+"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
+wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
+extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
+jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
+erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich
+dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
+Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
+welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
+Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
+bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
+untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
+zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
+an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
+ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
+Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
+aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
+ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
+so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
+stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
+sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
+wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
+Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
+und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
+1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
+abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
+Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:
+
+"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
+was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott,
+wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
+Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
+Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
+sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
+Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
+so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
+drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
+Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_
+bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
+un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
+In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
+'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
+alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde!
+Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
+droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
+'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
+'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
+Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
+_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
+is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
+nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
+Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so
+viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
+390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
+von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
+wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
+in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
+ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_,
+an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
+auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
+ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
+sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
+mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr
+Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
+_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
+Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
+mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
+es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
+mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
+da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
+Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
+_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
+voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
+schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_,
+pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
+des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
+naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
+is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--
+
+In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
+herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
+den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
+Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
+kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
+zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
+drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
+und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
+zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
+heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
+mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
+noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
+fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
+Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
+sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
+Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
+Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
+elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
+Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
+Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
+werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
+erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
+Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
+senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
+Springbrunn-Platz still und verwaist.--
+
+Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
+Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
+humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
+sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
+"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und
+sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
+achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die
+sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
+in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"
+
+
+
+
+Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
+
+ "_Und sahen, daß sie nackt waren._"
+ 1. Mose 3.7.
+
+In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
+obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
+dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater,
+Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
+Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
+sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
+bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
+Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
+Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde
+von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_
+Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
+entschieden.--
+
+Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
+einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
+_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
+doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
+nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
+war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
+beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
+heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
+Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
+Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
+bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich
+hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
+Widerstandskraft.--
+
+Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
+einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
+der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
+Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem
+Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
+und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach
+ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
+verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
+später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
+in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
+alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
+schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
+mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
+hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
+loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.
+
+_Süpfli_ loquitur:
+
+".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
+Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
+de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
+z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
+Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
+und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
+z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
+Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
+Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
+eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die
+Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
+wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
+in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
+isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
+Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
+leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
+hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
+alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
+Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
+si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
+heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
+der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider
+mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
+Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
+zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
+zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
+Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
+sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
+gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
+ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
+im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
+Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
+immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
+Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
+idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
+und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
+ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
+e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
+Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
+heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
+die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
+Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
+wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
+e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
+Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
+tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
+flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu
+z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
+der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
+D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
+Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
+und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
+Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
+sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
+und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
+feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
+werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
+der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
+nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
+doch isch sell Wunder amol vor sich gange:
+
+In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
+die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
+e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
+welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
+Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
+libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
+isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
+Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
+sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
+unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
+verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
+Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
+öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
+chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
+ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
+sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
+hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
+gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
+ufem wiße Leintuch....
+
+In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
+Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu,
+und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"--
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***
diff --git a/43933-8.txt b/43933-8.txt
deleted file mode 100644
index 135e2bd..0000000
--- a/43933-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5871 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook, Visionen, by Oskar Panizza
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-
-
-
-Title: Visionen
- Skizzen und Erzählungen
-
-
-Author: Oskar Panizza
-
-
-
-Release Date: October 11, 2013 [eBook #43933]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN***
-
-
-E-text prepared by Marc D'Hooghe (http://www.freeliterature.org) from page
-images generously made available by Internet Archive/Canadian Libraries
-(http://archive.org/details/toronto)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive/Canadian Libraries. See
- http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani
-
-
-
-
-
-VISIONEN
-
-Skizzen und Erzählungen
-
-von
-
-OSKAR PANIZZA
-
-
-
-
-
-
-
-Leipzig
-Verlag von Wilhelm Friedrich.
-1893.
-
-
-
-
-Oskar Panizza
-
-Visionen
-
-Erzählungen und Skizzen
-
-_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Die Kirche von Zinsblech
- Eine Negergeschichte
- Ein Criminelles Geschlecht
- Der Corsetten-Fritz
- Indianer-Gedanken
- Ein scandalöser Fall
- Der operirte Jud'
- Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
- Der Goldregen
- Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
-
-
-
-
-Die Kirche von Zinsblech
-
- "_Sind angenehm in Leibkleidern_
- _als nackend, doch tödtliche Farbe,_
- _gehen zertheilt an beiden Orten_
- _den Platz hinauf, lassen sich bloß_
- _sehen als ob sie erscheinen,_
- _ungeredet, und gehen alsdann wieder_
- _hinab in das Grab."--_
- _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._
-
-
-Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
-Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
-Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
-mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
-meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
-welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
-mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
-jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
-die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
-klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
-Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
-Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
-Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
-Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
-Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
-zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
-lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch
-einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
-und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
-gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!"
-mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
-mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
-Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
-antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
-Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
-rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
-Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
-goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
-stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
-war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
-unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
-der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
-vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
-eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
-ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.--
-
-Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
-kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
-Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
-eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
-versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
-kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
-herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
-stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
-und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
-Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
-Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
-langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
-gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
-vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
-Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
-den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
-verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
-seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
-das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
-linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich
-ein.--
-
-Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
-plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
-und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
-rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
-dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
-mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
-Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
-einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
-der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
-erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
-tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
-Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
-weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
-dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
-Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
-blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
-und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
-gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
-werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
-weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
-über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
-sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
-Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
-Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
-fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
-bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
-Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
-einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
-Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
-Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
-wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
-getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
-nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
-wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
-Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
-schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
-fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
-Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
-Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
-Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
-die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
-quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
-wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
-gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
-gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
-Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
-Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
-und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
-Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
-und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
-wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
-seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
-dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
-war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
-Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
-am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
-hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
-in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
-hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
-war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
-Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
-über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
-um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
-am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
-stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
-dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
-unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
-immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
-hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
-dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
-woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
-fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
-ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
-sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
-ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
-schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
-excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
-selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
-gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
-der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
-daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
-brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
-dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
-um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
-zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort
-stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein
-Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
-Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
-ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
-sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
-rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
-des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
-amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
-hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
-wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
-denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
-Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
-complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
-Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
-Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder
-Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen
-schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
-vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
-einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
-zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
-sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
-Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
-rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
-war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
-Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
-französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
-rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
-Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
-Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
-drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein
-feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
-Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
-goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
-mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
-aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
-die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
-hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
-Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
-in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
-nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
-auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
-dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
-bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
-Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es
-schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
-Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
-Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
-unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
-mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
-Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
-Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
-Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
-lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
-Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
-untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
-Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
-welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
-emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
-linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
-das einzige Paar im ganzen Zug.
-
-Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
-auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
-Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
-auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
-aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
-dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider
-dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
-besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
-Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
-Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
-Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
-Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
-Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
-verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
-sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
-im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
-von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
-Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
-Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
-Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
-Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
-Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
-ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
-Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und
-trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
-in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
-Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
-ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
-und gelangte glücklich ins Freie.--
-
-Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
-heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
-von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
-ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
-gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
-froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
-aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
-aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
-Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
-offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
-mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
-restauriren.--
-
-Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im
-Amtsblatt folgende Bekanntmachung:
-
-"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
-Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
-wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
-gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht
-zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
-nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
-Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
-gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
-gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf
-denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
-fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."--
-
- Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.
- Der Bürgermeister ** (Datum.)
-
-
-
-
-Eine Negergeschichte
-
- _Tantam vim et efficaciam_
- _nonnulli phantasiae et_
- _imaginationi in proprium_
- _imaginantis corpus tribuerunt._
- _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._
-
-
-Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
-_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
-Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
-Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
-Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
-meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
-auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
-von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
-einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
-vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
-seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
-herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
-Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.--
-
-Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
-An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
-Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
-von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als
-plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
-einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir
-in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
-mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
-Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
-irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
-Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
-die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
-erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
-sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
-Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
-einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
-mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
-von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are
-the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
-vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
-sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr
-erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich
-glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I
-presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
-haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich
-meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist
-doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu
-sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger
-gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--
-
-Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
-der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
-schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
-Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
-dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
-überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
-war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
-helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
-wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze
-mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
-darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war
-abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
-im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
-keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
-gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
-links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
-Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
-sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
-nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
-Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
-wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
-haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
-mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
-Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
-stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
-klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite
-beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
-und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
-war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada,
-die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
-sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
-durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
-angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das
-Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
-aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle
-an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
-Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
-der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann
-an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
-Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
-vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
-krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes
-Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich
-sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja,
-was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte,
-Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem
-Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
-und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
-mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
-Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
-haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.
---"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie
-er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der
-rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist
-Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
-einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
-vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"
-schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
-mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
-ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
-und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
-Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
-die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
-Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
-gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
-zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
-erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--
-
-"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
-London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm
-mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
-zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
-die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,
-wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
-entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
-einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
-des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte
-das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
-aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
-sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von
-mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und
-stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte
-der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
-Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen
-Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer
-Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
-auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem
-Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
-rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
-ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
-offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
-und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
-Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
-selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
-ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
-Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
-gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
-Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
-gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
-hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"
-ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain
-Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
-Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
-in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit
-schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
-in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
-Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
-traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
-noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin
-gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
-nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
-wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
-ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
-Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
-ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,
-weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
-blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
-Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben
-Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war
-gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
-grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
-mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich
-doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
-daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als
-ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
-Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue
-durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
-Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es
-wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes
-Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"
---"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich
-schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
-verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
-und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
-Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein
-fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
-schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
-sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
-das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß
-Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
-weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
-Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein
-Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
-in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt
-hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
-Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
-dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
-ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben
-beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?
-Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
-kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,
-das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll
-das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
-sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
-doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix
-Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte
-Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,
-Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
-Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
-mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
-mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
-mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
-bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
-Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
-Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
-Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein
-Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
-mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_
-Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach
-ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich
-bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in
-Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,
-ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell
-you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
-mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
-ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
-geschickt nach Hamburg...."
-
-In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
-hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
-meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
-wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
-von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
-vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
-die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
-und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
-sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
-der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
-Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
-Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
-das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
-plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
-dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well,
-Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die
-schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
-nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
-Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
-In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
-Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
-meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
-vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
-wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
-beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
-denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick
-ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
-und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
-Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
-fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
-ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
-Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
-in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
-immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
-Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
-sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
-überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
-schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
-Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt
-und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
-Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
-und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.
-
-
-
-
-Ein Criminelles Geschlecht
-
- "_Er wußte Nichts von den_
- _Geschlechts-Unterschieden der_
- _Menschen, und unterschied die_
- _Leute nur nach den Kleidern."--_
- _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_
-
-
-Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
-Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
-vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
-Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
-Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
-ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
-aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
-Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
-mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
-der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
-Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
-diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
-protestantisch.
-
-Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
-Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
-sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
-ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
-sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
-mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
-neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
-Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten
-sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
-erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
-Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
-schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
-her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
-es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
-Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
-ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz
-absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich
-komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
-paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
-nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
-ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
-eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein
-Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
-Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
-seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
-daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann
-er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
-Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
-zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches
-besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
-können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
-wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber
-sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
-weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der
-Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
-seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
-diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
-was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich,
-kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter
-dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
-worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen
-Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
-Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
-sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
-im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte
-diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
-construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
-wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
-Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
-Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
-ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
-zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte
-ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte
-der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
-er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
-andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
-Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem
-eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
-Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst
-wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
-sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
-und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
-von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
-Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
-Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
-einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
-Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
-auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger
-Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief
-er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die
-sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
-Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
-durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
-Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"...
-die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz
-perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte
-es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden
-Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
-hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,--
-hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
-unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
-und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese
-letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei
-fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
-mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
-von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
-bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
-Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
-Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
-herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
-Geistes zu hoch schien.--
-
-"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
-physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
-zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
-Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
-steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt
-diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction;
-ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
-gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und
-wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht
-_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden
-Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann
-nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
-uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und
-vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
-ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
-Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
-machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
-zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
-und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei
-Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
-ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
-ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
-wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
-den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein
-Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es
-Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
-sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
-diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
-kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
-es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
-solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
-die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
-von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das
-andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
-Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
-Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da
-könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
-der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
-mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
-Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
-und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
-Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
-darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach
-dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
-unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
-erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein,
-lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
-Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich
-von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
-bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
-physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
-zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig,
-und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
-verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der
-Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
-was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
-Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
-die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
-und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören
-wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
-Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem
-Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
-zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
-Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
-aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
-seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
-Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
-Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
-pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
-Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
-lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
-Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir,
-der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
-der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
-diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
-dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
-da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
-den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication
-mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
-nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
-fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
-dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
-aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
-die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann
-laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat
-Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
-Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
-Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie
-ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt
-sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
-Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
-intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
-einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein,
-Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
-zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
-genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
-umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
-Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
-in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der
-Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
-Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
-saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
-losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
-und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
-geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
-Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
-seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war
-unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
-sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
-das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
-wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
-Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
-hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
-können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
-Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
-auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
-dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
-hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
-zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
-bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
-Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
-bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
-unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
-vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
-Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
-seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
-Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
-ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
-stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
-vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
-vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
-Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
-erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
-Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
-Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken
-beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
-die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
-und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
-zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen
-mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken
-Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie
-kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
-unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte
-er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten
-darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
-mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
-entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich
-zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das
-muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es
-auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im
-Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das
-Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
-offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja,
-aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und
-eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen
-Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen
-ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
-Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
-brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn
-Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
-Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
-und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
-Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
-den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo
-die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
-wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben
-einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
-Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
-Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre
-staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar
-mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist
-das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes
-Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
-sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
-die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
-wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses
-merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den
-betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"--
-"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten
-Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden
-nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
-das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein
-Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
-dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen
-einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
-etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was
-ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
-und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese
-wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich
-in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute
-verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie
-vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
-unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
-entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
-den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
-die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein
-transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
-gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie
-hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
-zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die
-Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder
-andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
-Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
-zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
-Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er
-wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
-kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
-Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste
-Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche
-Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
-Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
-nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
-Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
-auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
-und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
-Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
-China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
-betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
-und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
-entsetzlich verschlimmert!"--
-
-Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
-letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
-Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
-als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
-und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir
-waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
-Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
-Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
-steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
-Aufzeichnung machte.
-
-"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß
-ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
-so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
-feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
-ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
-Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
-anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden
-darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
-Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
-mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
-Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst
-nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das
-wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
-wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
-hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr
-Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die
-Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
-kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
-gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"
-
-Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
-Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
-abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf
-der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
-es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
-Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer
-sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
-gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so
-manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem
-Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
-Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
-Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
-regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
-vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht
-ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung
-unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
-sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer
-und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja,
-aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich
-formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber
-arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
-verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
-Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
-nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
-gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
-die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als
-das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
-ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
-Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
-nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
-Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
-das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen
-Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet;
-wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
-dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
-betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
-zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
-die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein
-Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O
-nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit
-und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
-tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
-oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
-Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
-Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
-sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
-ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
-Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
-schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
-Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
-Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel,
-das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter,
-und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese
-Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
-Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
-einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
-Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in
-krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
-den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
-zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
-mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
-den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr
-Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren
-bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
-auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
-unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
-seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
-daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr
-gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
-Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
-vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
-Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
-eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
-aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
-eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
-ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
-tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
-sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.--
-
-Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
-Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
-Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
-Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
-und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
-Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags
-begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
-aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
-mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
-wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
-in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
-herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
-hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
-Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
-was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
-machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
-dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
-ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
-Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
-wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
-Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
-dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
-eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
-Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
-ausdrücken."--
-
-Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine
-größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon
-und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
-zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
-hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
-und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
-(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
-gebracht."
-
-"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte
-ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
-entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
-Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
-hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
-schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
-eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
-und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der
-Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die
-kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir
-der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir
-schieden stumm von einander.--
-
-
-
-
-Der Corsetten-Fritz
-
- _Aus alten Märchen winkt es_
- _Hervor mit weißer Hand,_
- _Da singt es und da klingt es_
- _Von einem Zauberland._
- Heine
-
-Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
-ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
-Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
-leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
-wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
-sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
-ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
-psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
-Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
-hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
-bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
-anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
-Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
-niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
-widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
-so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
-immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
-etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
-eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
-Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
-und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und
-meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
-Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
-tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
-Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
-begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste
-Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
-jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
-nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--
-
-Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
-in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
-von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
-mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
-Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
-Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
-Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
-Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
-mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
-Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
-jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
-nicht.--
-
-Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
-war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
-that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
-die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
-Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
-Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
-wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
-mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
-Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
-strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
-Gymnasium zu besuchen.
-
-Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
-die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
-Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
-mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
-der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
-machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
-hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
-man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
-Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
-Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.--
-
-Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
-zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
-und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
-den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
-ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
-mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
-den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
-mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
-fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
-fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
-hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
-Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
-zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
-ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
-Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
-eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
-Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
-um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
-möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
-Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
-mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
-hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
-souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
-auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
-auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
-Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
-vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
-stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
-dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
-Auftrag vollständig vergaß.
-
-Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
-wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
-spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
-schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
-Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
-gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
-mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
-glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
-und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie
-soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
-Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
-des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
-schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
-angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
-herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
-anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
-ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
-zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
-die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
-Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich
-innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein
-Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
-und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So
-sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
-welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
-süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
-mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
-diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
-kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch
-nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
-glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
-und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
-die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
-sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
-sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
-Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
-sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
-Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
-doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht
-täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
-kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
-füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
-wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter
-für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
-fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
-Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
-von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach
-einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
-erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was
-hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
-kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
-ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
-Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
-Leben nie glücklich sein...!
-
-In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
-Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
-plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
-ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
-mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
-trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
-Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
-retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
-Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
-wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.--
-
-Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
-schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
-Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
-Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
-spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
-tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
-vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
-ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
-daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
-hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
-gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
-wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
-bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
-endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
-hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.
-
-In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
-golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
-strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
-weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
-und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
-und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
-diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
-wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
-lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--
-
-Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
-plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
-herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
-Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
-und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
-dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
-Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
-Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
-die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
-wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
-von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
-Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
-die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
-So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
-ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.
-
-Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
-in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
-ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
-ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
-schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
-ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
-Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
-wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
-mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
-lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
-Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
-Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
-weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
-hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
-über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
-Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
-bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
-einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
-Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
-klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
-verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch
-der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
-treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
-rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
-Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
-auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
-wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
-einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
-klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
-ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
-zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
-hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
-die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
-eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
-wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
-das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
-Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
-ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
-mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
-hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
-Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
-war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
-Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte
-mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
-meinen Empfindungen und Erwägungen.
-
-Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
-gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
-abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
-wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
-schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
-während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
-sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
-geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
-Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
-sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
-Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
-dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
-Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
-farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
-Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
-Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
-die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
-wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
-Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
-jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das
-heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
-ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
-Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
-zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
-ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
-zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
-Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
-vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
-Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
-Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
-und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
-von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
-Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
-ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
-einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
-Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
-folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
-Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
-beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
-und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
-treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
-herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
-die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
-Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
-den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
-bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in
-die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
-naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
-erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
-jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
-Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.
-
-Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
-großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
-hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
-Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
-sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
-Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
-welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
-Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
-gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
-Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
-und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
-griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
-Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
-was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
-der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
-anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
-sei.--
-
-Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
-dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
-entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
-zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
-Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
-Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
-Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_,
-die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen
-Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.
-Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
-Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
-sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
-nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
-Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
-die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
-ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
-ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
-Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
-und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.
-
-So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
-Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
-Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
-das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
-Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
-die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
-Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
-aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
-wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
-hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
-krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
-Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
-wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
-Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
-ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
-dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
-gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
-und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
-Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
-Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
-zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
-starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
-hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
-Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
-Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
-ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
-kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
-spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
-von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
-sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
-farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
-Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
-diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
-Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
-blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
-Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
-ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
-u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
-weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
-Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
-Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.
-
-Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
-ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
-Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
-die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
-worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
-wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
-neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
-farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
-genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
-wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
-ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
-Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
-geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
-Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
-Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
-ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
-mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
-noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
-S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
-ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
-ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
-Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
-mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
-ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
-Religionsstunde.--
-
-Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
-empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
-Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
-Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
-Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
-gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
-Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
-daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
-mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
-blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
-dieser Isolirung war mir am wohlsten.
-
-So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
-Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
-da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
-Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
-wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
-Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
-wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
-ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
-weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
-jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
-schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
-eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
-"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
-mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
-Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
-Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die
-Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
-gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl
-geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
-Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte
-mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
-begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
-mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
-Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
-und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
-ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
-äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
-Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
-durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
-hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
-ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
-Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
-zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
-her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
-dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
-Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
-werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
-von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
-gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
-die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
-das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
-Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung
-des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
-selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
-wir es auswendig gelernt haben.--
-
-Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
-wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
-"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
-Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
-wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
-Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
-getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
-der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
-abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog
-so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
-alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
-ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
-im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
-gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
-erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.--
-
-Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
-mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
-Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
-und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
-endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
-Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
-so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
-süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
-studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
-der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
-vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
-beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
-unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
-Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
-schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
-Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
-ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich
-eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
-Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
-sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
-hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
-deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
-fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
-über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
-Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
-durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
-durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
-rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
-nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
-hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
-breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
-emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
-Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
-nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
-empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
-einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
-ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
-nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
-weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
-phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
-langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
-Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
-sie heute zum ersten Mal
-
-Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
-Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
-die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
-schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
-Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
-Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
-höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
-dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
-und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
-mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
-mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
-andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
-schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
-zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
-und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
-vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
-Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
-herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
-Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
-Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
-des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
-schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
-mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
-Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich
-kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
-und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
-schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
-herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
-Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
-bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
-ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
-kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
-der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
-nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
-Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
-Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
-in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
-gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
-das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
-Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
-Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
-hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
-noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
-Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
-und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
-mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
-geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
-steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
-frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte
-mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
-das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
-geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
-ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
-Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
-Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
-und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
-Orange-Fee.--
-
-Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
-Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
-Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
-lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
-Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
-im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
-gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.
-
-Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
-auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
-ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
-Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
-Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
-der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
-gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
-ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
-Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
-mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--
-
-So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
-eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
-Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
-angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
-traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
-in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
-Erfolg lustig machte.
-
-Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
-empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
-gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
-mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
-der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
-an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
-ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
-sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung
-wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
-folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
-damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
-für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
-und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
-Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
-Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.
-
-Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
-hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich
-vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
-und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
-schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
-Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
-hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
-Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
-ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
-die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
-die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen
-Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
-Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
-von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
-Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
-was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
-abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
-ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
-davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
-immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
-Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
-ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
-ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem
-Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
-muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
-ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
-keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour
-schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
-Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
-Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
-Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
-die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner
-Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
-wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
-die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
-in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
-Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
-welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
-Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
-jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
-hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
-Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
-winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
-der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
-Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
-aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis
-dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
-verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
-etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
-Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
-Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
-ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
-nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
-lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und
-"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.
-Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
-war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
-höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
-zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
-natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
-und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
-so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
-bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
-Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.
-
-Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
-es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
-diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
-nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
-Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
-eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
-und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
-gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
-beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
-betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
-daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
-aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
-zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
-gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
-Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
-zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
-sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
-offenbar bestellte, fabricirte Sache.--
-
-
-
-
-Indianer-Gedanken
-
- "Nehmet wahr der Raben;
- sie säen nicht, sie ernten auch
- nicht, und euer himmlischer
- Vater nähret sie doch."
- Lucas 12, 24
-
-
-Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
-Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
-verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
-der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
-aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
-und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
-ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
-des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
-herausforderte.
-
-Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
-hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
-Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
-Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
-Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
-Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
-die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun
-auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
-mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
-Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
-rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
-meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
-Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
-nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
-in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
-manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
-zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit
-war dieß gut.--
-
-Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
-mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
-aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
-Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
-Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
-sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
-Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
-Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
-nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
-freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm
-anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
-lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
-und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
-sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
-und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
-kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
-gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
-Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
-mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
-niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
-Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
-Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
-kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
-in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
-Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
-Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
-misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
-Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
-Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
-Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
-an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
-und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
-ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
-stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
-Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
-hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
-an ihm gewohnt war.--
-
-"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
-gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
-auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte
-ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
-geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
-ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist
-passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte
-der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
-Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer
-Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt
-mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
-mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
-ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
-wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_
-und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht
-leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum
-uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
-Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um
-uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um
-Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und
-deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig
-erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
-Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
-Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
-ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
-Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu
-_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_
-trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr
-mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere
-Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
-unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
-Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja,
-aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die
-Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt
-Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es
-müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
-seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie
-gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der
-Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
-für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
-Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
-sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts
-gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde
-es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
-es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
-sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
-zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
-er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie
-wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der
-Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
-Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
-wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich
-noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die
-Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
-große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor,
-nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein
-lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
-zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein
-solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
-hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
-Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
-Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
-weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
-das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und
-schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
-wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
-riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn
-mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
-einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
-des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den
-Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte
-ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
-andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
-so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
-dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach
-einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
-Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
-sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
-Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
-ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich
-voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
-Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er
-das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was
-hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich
-unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
-Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er
-macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige
-Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die
-Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
-anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
-klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
-Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
-genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
-und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
-Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
-Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was
-Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
-nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
-aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
-hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
-hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
-auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
-schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
-an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
-gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
-diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
-dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
-der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
-Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
-er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er
-dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen;
-wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
-einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
-Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
-stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
-auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
-Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
-würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
-blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
-verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist
-schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
-der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
-Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
-nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
-Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
-sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
-das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete
-mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut
-vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel
-Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
-gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
-unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
-Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
-dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_
-steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch
-schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
-der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
-daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
-das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
-aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
-uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
-Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst
-Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche
-Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen
-Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O
-nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen
-Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
-Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt
-höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im
-tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
-Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
-aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe,
-kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
-und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
-sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
-Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
-ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
-Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
-plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
-als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
-zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
-in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der
-Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
-Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
-setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
-fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
-mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
-derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
-seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
-Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
-home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
-wir erst wieder zu Hause sind).
-
-
-
-
-Ein scandalöser Fall
-
- "Und Er schuf sie, ein Männlein
- und Fräulein, und sprach zu ihnen:
- Seid fruchtbar und mehret Euch."
- Genesis 1, 27-28.
-
-Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
-seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
-für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
-geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
-Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das
-Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
-dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
-an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
-einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
-besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
-nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
-besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
-Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
-des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
-es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
-Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
-Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
-Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
-Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
-Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
-Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
-Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
-verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
-Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
-Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
-streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle
-zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
-Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
-beginnenden Geschichte.--
-
-Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
-welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
-dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
-meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
-er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
-der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
-Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
-doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
-geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
-einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
-des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
-Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
-er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
-nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
-Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
-um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
-scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
-auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
-Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
-dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
-productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
-und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
-Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
-zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
-Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
-des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
-Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
-Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
-friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
-Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
-absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
-Wesen; das Habit immer tadellos.--
-
-Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
-weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
-normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
-eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
-sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
-oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
-die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
-doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
-Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
-Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
-Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
-sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
-ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
-Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
-ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
-plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
-von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
-Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
-quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
-erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
-Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
-außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
-Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
-die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
-einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
-obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
-und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
-Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
-war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
-nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
-mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
-hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
-Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
-und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
-und weit über Beau-Regard hinaus.--
-
-Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
-eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
-Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
-Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
-temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
-kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
-schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
-den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
-mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren
-Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
-die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
-"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
-weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
-Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
-Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
-"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
-Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
-ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
-weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
-acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
-lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
-Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
-wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die
-vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
-Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
-die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
-präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast
-allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
-wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
-wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem
-Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
-eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
-vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
-entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
-und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
-fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
-für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
-die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
-armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
-Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
-und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
-an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
-Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
-ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
-nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
-ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
-eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
-Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
-aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
-seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
-Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
-weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
-da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
-von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
-einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
-unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
-nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
-Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
-sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
-hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
-Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
-kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
-Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
-sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
-sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
-Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
-da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
-ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
-und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
-um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
-und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
-wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
-in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
-zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
-luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
-Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
-Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
-unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
-innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
-zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
-mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
-eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
-erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
-vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
-und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
-genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
-Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
-Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
-Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
-so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
-Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
-welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
-es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
-
-Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
-mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
-fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
-Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
-120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
-Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
-und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
-Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
-Abschluß gebracht.--
-
-Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
-getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
-er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
-libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
-der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
-darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
-daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
-beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
-Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
-fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
-moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
-zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
-heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
-Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
-was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
-aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
-Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
-und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
-zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
-blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
-rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
-Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
-Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
-sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
-er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
-nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
-feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
-die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
-war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
-Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
-nach.--
-
-Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
-können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
-Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
-an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
-grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
-leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
-von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
-großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
-abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
-können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
-aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
-an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
-der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
-gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
-Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
-Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
-Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
-Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
-Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
-mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
-aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
-und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
-Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze,
-Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
-fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
-das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
-Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.--
-
-Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
-vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
-ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
-jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
-begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
-und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
-Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
-aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
-Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
-In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
-chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
-und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
-Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
-Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
-Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
-eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
-und Schwätzen.
-
-Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
-wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
-Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
-beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
-die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
-Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
-aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
-fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
-stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
-alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
-sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
-Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
-gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
-schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
-
-Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
-Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
-in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
-absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
-Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
-
-Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
-und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
-ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
-gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
-welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
-Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
-begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
-Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
-zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
-Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
-Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
-funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
-entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
-Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
-geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
-
-Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
-immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
-gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
-erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
-Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
-als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
-begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
-jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
-und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
-an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
-hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
-mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
-um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
-Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.
-
-Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
-Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
-Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
-aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
-Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
-grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
-die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
-herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
-spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
-und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
-Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
-von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
-Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
-dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
-glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
-aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
-Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
-verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
-der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
-Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
-heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
-und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
-gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
-leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
-eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
-Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
-sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
-die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
-das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
-halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
-man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
-und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
-Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
-beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
-sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
-den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
-hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
-wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen
-mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
-Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
-tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
-Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
-ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
-so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
-gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
-faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
-bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
-das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
-und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
-den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
-einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
-Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
-verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la
-Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
-etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
-(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
-mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
-"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé,
-und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
-und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
-noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
-jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
-Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
-halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
-Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
-sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
-Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
-im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
-ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
-sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
-und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
-gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
-Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
-überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
-stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
-sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
-verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
-gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
-Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre,
-die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
-herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
-Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
-mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
-Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
-erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
-konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
-Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
-ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
-Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
-offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
-verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
-gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame
-schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
-ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
-Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
-Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
-Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
-Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
-nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
-stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
-unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
-Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
-bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
-nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
-es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
-registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
-daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
-diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache
-selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
-Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
-Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine
-abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
-was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
-soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
-gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
-Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur
-ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für
-das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
-Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
-sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
-Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
-früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
-schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
-das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
-selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
-moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
-Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja
-wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
-gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings,
-aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
-enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
-meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
-allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
-sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
-phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
-nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem
-Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
-Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
-Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
-keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
-Alles gut gehen.--
-
-Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
-wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
-zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
-aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
-geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
-hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
-nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
-auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
-auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.--
-
-Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
-Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
-stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
-Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
-mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
-Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
-
-Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
-zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
-ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
-zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
-die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
-bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
-bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
-in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
-Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
-Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
-ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
-Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
-sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
-an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
-Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
-Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
-auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
-Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
-weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
-Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
-Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
-und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
-Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
-Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
-sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
-die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
-von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
-eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
-noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
-cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
-beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
-vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
-waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
-Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
-Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
-schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
-nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
-ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
-in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
-Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
-Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
-zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
-steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
-und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
-wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
-"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
-Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
-Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
-sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
-Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
-sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
-stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
-zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
-lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
-halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
-Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
-ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
-Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
-Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
-gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
-und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
-gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
-eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
-sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
-leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
-als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
-weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
-und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
-Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
-letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
-der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
-und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
-Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein
-einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
-Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
-habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
-lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
-hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est
-degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
-glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
-gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
-andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
-Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
-plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte
-Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
-Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
-sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première!
-La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
-dann wild hinaus.--
-
-Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
-Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
-wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
-nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
-Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
-und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
-mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
-plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
-Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
-allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
-und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
-eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
-etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
-Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
-erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
-Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
-Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
-ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
-schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
-aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
-im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
-Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
-als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
-doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
-was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
-und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
-heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
-triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
-mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
-Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
-mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
-
-So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
-der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
-ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
-erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
-des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
-Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
-und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
-fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
-wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
-ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
-zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
-einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
-nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
-einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
-zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
-solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
-älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
-aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
-Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
-aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
-Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
-streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
-der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
-man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
-Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
-diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
-der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
-Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
-zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
-Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
-war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
-Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
-umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
-sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä
-sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
-et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
-Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
-jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse
-hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
-Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
-im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
-in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
-von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
-Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
-zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
-Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
-jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
-Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
-Falles gerettet werden.
-
-Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
-gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
-miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
-und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
-wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
-Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse
-mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
-ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
-ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
-fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
-sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
-Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
-Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
-großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
-hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
-immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!"
-Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die
-Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb
-vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
-der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
-die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
-rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
-Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
-damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
-Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
-Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
-bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
-zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
-so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
-wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
-vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
-würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
-dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
-eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
-et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
-wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber
-la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
-Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
-schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn
-sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
-Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
-gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
-gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß,
-aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten
-sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu
-den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
-größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
-zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
-Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
-kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
-den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob
-sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
-halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
-Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde
-befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
-was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
-von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß
-Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß
-nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
-wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
-hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien
-neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
-Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
-die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
-gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
-zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
-Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
-Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren,
-wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann
-aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?"
-"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
-der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit
-der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
-überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
-sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
-können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
-solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
-um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
-der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
-groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
-von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
-Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
-ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
-Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
-falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
-freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
-das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
-und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
-im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
-sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
-entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
-
-Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
-nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
-Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
-es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
-gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
-aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
-Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
-dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
-moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
-und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte
-etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
-Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
-aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
-auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
-ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
-Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte
-Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
-Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
-verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
-
-Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
-Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
-weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
-jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
-und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
-Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
-den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
-ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
-Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den
-Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
-nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
-Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
-Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
-hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
-Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel
-Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja,
-ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
-Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
-ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
-gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
-bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
-Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
-_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
-es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
-einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
-und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
-erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
-war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und
-niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
-Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die
-Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
-Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
-Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
-auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
-sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
-ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
-Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
-
-Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
-welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
-Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
-abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
-sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
-Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete
-die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
-diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
-war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
-Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
-emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
-also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
-und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
-zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
-Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
-Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
-einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
-Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
-Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
-Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
-Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
-und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
-unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
-liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
-Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
-kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
-über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
-nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
-Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
-Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
-zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und
-Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
-und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
-Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
-und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
-der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
-Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
-willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
-Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
-Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
-mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
-als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
-Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
-nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
-Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
-sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
-verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
-und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
-nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
-gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
-Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
-was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
-wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
-uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
-Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
-Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
-die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
-das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
-Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
-die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
-aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
-Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
-drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
-Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
-Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
-aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
-ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
-aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
-Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
-großen Meer!..."--
-
-Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
-Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
-stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
-das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
-hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
-Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
-gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
-hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
-weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
-Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
-gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
-nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
-selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
-auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
-unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
-geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
-ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
-Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
-
-Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
-bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
-Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
-die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
-nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
-eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
-austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
-man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
-aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
-eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
-Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
-noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
-Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
-nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
-Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
-dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
-1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
-in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
-folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
-Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
-abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
-Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
-wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
-dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
-verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
-den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
-die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
-Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
-ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
-zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
-nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
-sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
-hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
-aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
-sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten
-im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
-gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
-verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
-vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
-die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
-Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
-dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
-gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
-Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
-ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
-neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
-entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
-können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
-größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
-beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
-verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den
-Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
-Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
-nun nach Belieben handeln.--
-
-Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
-la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
-zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
-verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
-zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
-Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
-mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
-das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
-der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
-neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
-Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
-Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
-gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
-mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
-auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
-mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
-eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
-Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
-des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
-Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
-Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
-oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
-Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
-werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
-den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
-Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder
-in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
-Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
-diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach
-festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
-
- "Le diable et triste
- Et a bien peure:
- Il a perdu sa fiancee
- Et craint la Superieure!"[4]
-
-Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
-seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
-geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
-Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
-die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
-Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
-zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
-aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
-der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
-Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
-Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
-man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
-Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
-ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
-züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
-hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
-man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
-haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
-so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
-zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
-fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
-wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
-Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--
-
-Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
-Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
-Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
-Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
-bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
-die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
-begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
-selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
-hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
-zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
-diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
-_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
-bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
-Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
-Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
-brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
-heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
-Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
-Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
-damals im Wald auf Henriette gesessen.--
-
-Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
-der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
-Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
-eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
-Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
-auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
-erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
-der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
-Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
-Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
-Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
-Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
-entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
-nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
-wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
-zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
-des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
-betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
-Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
-sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
-die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
-Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
-dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
-Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
-ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
-Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
-ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
-Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
-cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
-Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
-das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
-stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
-Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
-rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
-Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
-Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
-Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
-Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
-die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
-Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
-Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
-und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
-Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
-sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
-Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
-und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
-mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
-eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
-kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
-Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
-trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein
-eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
-Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
-möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le
-jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
-zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
-draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
-kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
-nach Hause.--
-
-Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
-wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
-die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
-und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
-Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
-ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
-Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und
-unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
-die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
-bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
-mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
-Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
-selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
-Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
-Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
-was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
-Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
-des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
-war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
-la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
-getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
-präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
-erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
-Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
-in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
-einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was
-aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
-erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
-Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit
-diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.
-
-Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
-möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
-Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
-Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
-dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
-fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
-heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
-die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
-ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
-sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
-Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
-etwas ganz besonderes los sein müsse.--
-
-Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
-bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
-mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
-Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
-zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
-vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
-gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
-als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
-außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
-beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
-was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
-die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
-mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
-diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
-anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
-das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
-Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
-eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
-jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
-diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
-dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
-los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es
-mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
-wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--
-
-Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
-Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
-hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
-beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
-Hirn zu schreiben.--
-
-Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
-des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
-Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
-in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
-ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
-gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
-Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In
-diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
-und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
-soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
-einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
-auseinander und las Folgendes:
-
-Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
-de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
-Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
-Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
-vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
-
-Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
-Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
-Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
-männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
-paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
-die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
-werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
-(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
-getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
-ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
-eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
-Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
-Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
-dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
-Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
-nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
-Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
-Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
-das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
-als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
-stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
-Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
-von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
-ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
-der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
-so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
-blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
-uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
-ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
-Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
-als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
-Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
-von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
-gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
-die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
-zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit
-ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der
-Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
-hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
-deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
-beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
-_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
-ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
-ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
-der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
-weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
-Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
-hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--
-
-Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
-gebracht.
-
-Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
-genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
-wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
-
-Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
-Soeur Première wurde Superiorin.--
-
-
-[1] "Sieh der Teufel!"
-
-[2] "Und hier seine Braut!"
-
-[3] Schwatzerei.
-
-[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
-verloren, und fürchtet die Superiorin.--
-
-[5] Ach, sie thun mir weh.
-
-
-
-
-Der operirte Jud'
-
- _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_
- _Huhu! ein gräßlich Wunder!_
- _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_
- _Fiel ab, wie mürber Zunder._
- _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_
- _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_;
- _Bürger_, Lenore.
-
-
-Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel
-Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
-meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
-ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
-der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
-Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
-um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging
-und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
-dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
-verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
-gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
-ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
-oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
-versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
-die Schule, die Verantwortung tragen.--
-
-_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
-stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
-letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
-die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
-Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
-Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
-über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
-einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
-Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
-auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
-waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
-von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein
-Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
-den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
-Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
-Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner
->Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines
-Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
-aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
-er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
-paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
-Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
-zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
-herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
-noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
-viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
-so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
-die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
-komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in
-der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
-welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
-und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
-Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
-auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
-daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
-dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
-Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
-nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
-sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch
-etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
-Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
-beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
-steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
-starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
-zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
-Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
-nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
-einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
-komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
-und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
-der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
-Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
-Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
-Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
-Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
-eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
-seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,
-von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
-unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
-wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
-ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
-Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
-hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
-bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
-spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
-oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
-und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
-zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
-der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
-ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
-bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
-Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
-immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
-er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
-sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
-unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
-eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
-Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
-Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
-grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
-sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
-Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
-die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
-Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber
-wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
-Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
-Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
-einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
-abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
-ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
-dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
-Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
-Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
-Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig
-Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte,
-ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
-flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
-besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an
-bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
-syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
-Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
-seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was
-soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
-Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
-Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
-der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
-Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
-Speichelabsonderung).--
-
-Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
-oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
-er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine
-Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
-(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
-eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
-einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
-solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
-blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
-Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
-"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
-dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
-daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
-Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
-dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
-der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark
-nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
-also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
-breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
-den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
-recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend;
-u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
-willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
-weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
-zusammen!
-
-Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
-ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
-umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
-die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
-die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig
-Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
-medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
-empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
-dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
-Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
-dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
-kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
-viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
-grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
-zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
-Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
-stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
-den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
-die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
-Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
-kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
-Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
-nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
-die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte
-ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
-von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen
-wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
-hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
-Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_
-war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
-eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
-Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
-Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
-war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem
-engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
-grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
-eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
-große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
-blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
-begann.
-
-Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
-Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
-seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
-entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
-daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
-verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
-wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte
-ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
-vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
-Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und
-stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
-den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
-so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä
-neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht;
-aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
-zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
-Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
-sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
-Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs
-wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
-berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
-Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
-Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
-vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
-und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
-Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
-ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
-die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
-Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
-werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann
-ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf
-eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
-nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich
-beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
-dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
-Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
-zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
-Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
-Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
-Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
-
-Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
-der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
-Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
-Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
-gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
-mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
-und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
-anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
-noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
-seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
-wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
-und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
-einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
-natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
-sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
-zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
-verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
-Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
-Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
-entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
-und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade
-jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
-absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
-einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
-Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
-Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
-Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
-ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
-von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der
-alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
-mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
-neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
-Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
-größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
-Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
-einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
-hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
-die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
-hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
-des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
-hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
-Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
-gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
-wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
-schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
-war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
-gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
-schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
-zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
-bald als möglich erreichen.
-
-Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
-nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
-durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
-rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
-dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
-Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
-völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
-wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
-Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
-Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
-mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
-noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
-von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
-Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
-einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
-bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
-ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
-u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
-darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
-neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
-entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
-neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
-untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
-Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
-das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
-sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
-feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
-Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
-
-Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
-Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig
-Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
-größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
-Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
-christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
-Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
-der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
-weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
-pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
-verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
-unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
-zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
-im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
-aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
-damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
-unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
-dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
-englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
-hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
-_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
-der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
-Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
-riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
-wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
-germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
-wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
-_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
-Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel
-und übrigen Papiere umändern.
-
-Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
-Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
-der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
-verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
-wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_
-zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
-Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
-in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
-hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
-Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
-Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
-Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd',
-fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
-nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt
-geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
-hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
-Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß
-dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
-einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
-herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
-innerlich aus?--
-
-Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
-jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
-herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
-paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
-einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
-Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
-undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
-Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
-die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
-beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
-wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
-Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
-in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
-zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
-sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
-bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
-der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
-das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor
-_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"
-herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
-wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
-Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
-neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
-abstehen.
-
-Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
-mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm
-erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte,
-den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
-Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
-vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
-und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
-bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
-man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
-Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
-Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
-mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
-Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
-Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
-diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird
-den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
-Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
-Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
-damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,
-die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
-in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
-oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
-ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
-Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
-waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
-bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
-jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
-einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
-am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
-zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
-Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
-zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
-in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
-entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
-im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
-"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
-kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
-Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
-mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
-hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
-nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
-sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
-Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
-
-So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
-sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
-Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
-die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
-sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
-ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_
-Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
-Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
-Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
-wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
-überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
-sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
-die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter
-Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
-verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
-Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
-Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
-_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
-
-Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
-Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
-ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
-Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
-früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder
-Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
-zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
-Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
-Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
-härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
-Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er
-und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet
-er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt
-er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der
-hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
-aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
-Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
-der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige
-Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
-spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel
-jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In
-solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
-wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
-wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
-hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
-mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
-eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
-fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
-Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
-ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
-kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
-schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften
-natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
-Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
-konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
-all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
-Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
-alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
-kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
-steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
-gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
-pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch
-andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
-Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
-steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
-zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
-alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
-seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
-ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
-er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
-sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
-Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
-sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
-immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
-mit Ruhe obzuliegen.--
-
-Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
-Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
-in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
-eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
-Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
-Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
-mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
-Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
-ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
-erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte
-nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben
-eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
-Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
-sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
-mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
-die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
-Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen
-Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war
-es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
-vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
-(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
-Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
-die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
-geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
-Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
-Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
-für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
-wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
-Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des
-Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
-wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
-der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
-es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
-Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
-etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen
-Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
-Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
-den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
-konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
-Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
-Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
-horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
-ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
-Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
-Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
-machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
-etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
-war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
-Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
-nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die
-Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
-Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
-Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
-Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die
-Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische
-Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls
-beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
-gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
-_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
-dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
-Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
-hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
-
-Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
-Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
-_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
-absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
-ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
-auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
-in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
-nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
-_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei
-Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's
-fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
-der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
-beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
-lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
-war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das
-Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
-Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die
-zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
-und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
-Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward
-anberaumt.--
-
-Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
-jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
-Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
-machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
-Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
-ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
-auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
-aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
-nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber
-Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
-die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
-zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
-Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
-offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
-gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt
-Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
-schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
-Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
-Umhüllungen kleiden.--
-
-Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
-sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
-zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
-wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
-Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
-Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
-sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
-blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
-blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
-Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
-Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert
-sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
-das, was aus der Menschen Munde geht!
-
-Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
-Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
-erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen
-müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur
-eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O
-hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
-geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
-großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
-weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
-nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
-zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
-den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
-Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,
-wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
-Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt
-hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--
-
-Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war
-der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
-der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_
-beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
-mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
-vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
-Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen
-hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
-der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
-viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
-durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von
-5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser
-muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
-"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
-der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
-uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
-_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,
-die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
-bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
-Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
-sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
-erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
-man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
-unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
-streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
-ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem
-anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
-zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
-_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
-Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
-Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.
-
-Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
-Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
-zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
-einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
-und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
-wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
-französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
-des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich
-befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
-in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
-in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
-waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
-Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
-der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
-_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.
-Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige
-Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
-Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
-Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
-waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
-langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
-Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
-Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
-_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
-Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
-Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
-Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
-der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.
-
-Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
-im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
-Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
-von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
-weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
-Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
-Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
-des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
-psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
-Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
-aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
-immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
-gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
-Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
-abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
-symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
-Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
-am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
-Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
-den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--
-
-Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
-daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
-Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
-purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
-Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
-abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
-Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
-und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
-Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu
-Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
-"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
-können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
-Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
-der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
-auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
-wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
-Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
-er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
-hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
-es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
-"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
-Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
-Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
-daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
-gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
-hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
-war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
-diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
-seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
-überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
-tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
-die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
-die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
-Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
-_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
-schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
-wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
-vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll
-ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
-als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
-Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
-starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
-angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
-hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
-festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
-Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen
-war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
-worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
-auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
-ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
-drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit
-einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
-Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter
-Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
-und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
-Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
-schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
-die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
-Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am
-Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)
-"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
-er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
-Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
-Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme
-mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In
-diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
-gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
-lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
-herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
-Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
-Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
-aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei
-Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
-vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
-Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
-Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
-wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
-glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
-wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
-seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
-zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
-Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
-wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
-rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
-war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
-vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter
-geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
-Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
-jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
-verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
-zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück.
-Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
-nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
-Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
-Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel
-Stern_.--
-
-
-
-
-Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
-
-
- "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
- Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
- hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
- un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
- un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd
- ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as
- der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
- un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
- Un as se dat seeg, so freude se sik._"
-
- Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
-
-
-
-Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
-einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
-hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
-Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
-angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
-Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
-Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
-einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
-nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
-auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
-in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren
-Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
-allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
-Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
-die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
-reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
-unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
-nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
-kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
-nicht so schrecklich aus.--
-
-Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
-auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
-mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
-als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
-Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
-Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
-Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
-vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
-der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
-fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
-Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
-ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
-konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
-es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
-selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
-zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
-etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
-aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte
-hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
-gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
-wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
-Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
-schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber
-nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß
-der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
-Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
-nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
-hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
-ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
-Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
-den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
-kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
-Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
-Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
-Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
-Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
-auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
-ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
-eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
-Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
-auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
-sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
-trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
-Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
-auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
-zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
-endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
-Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
-durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
-einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
-kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
-gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
-fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
-mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
-der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
-geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
-einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
-Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
-Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
-gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich
-freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
-leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
-Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
-herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
-warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
-Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
-Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
-zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
-bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
-zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
-weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
-die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
-und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
-"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
-"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
-an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
-schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
-wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
-mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
-und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
-verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
-ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
-hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
-dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
-halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
-seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
-auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
-einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
-vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
-haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
-und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
-Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
-sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
-bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
-seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
-Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
-inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst
-mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
-ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
-Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
-feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
-wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder,
-indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
-Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
-Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
-Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
-Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
-Sorge."
-
-Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
-Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
-das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
-überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
-Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
-daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
-auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
-freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
-in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
-in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
-Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
-Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
-Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
-Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
-nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
-zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
-unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
-mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
-schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
-mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
-durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
-meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
-auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
-daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
-hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
-gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
-es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
-ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
-Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
-aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
-Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
-mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
-seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
-der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
-Tochter Maria!...."--
-
-Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
-was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
-Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
-jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
-Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
-Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
-geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
-Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
-Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
-und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
-noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
-ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
-Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
-Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
-einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
-Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
-hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
-und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
-Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
-sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
-eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
-die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
-eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
-und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
-sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
-gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
-rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
-war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
-stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
-naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht
-sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
-wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
-Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
-wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
-Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
-Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
-Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
-jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
-diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
-froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
-und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
-mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
-Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
-Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
-ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
-und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
-wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
-Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
-Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
-gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
-zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
-nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
-mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
-ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
-Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
-ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
-dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
-seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
-der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
-schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
-Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
-protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
-während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
-zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
-auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
-einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
-das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
-sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
-ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
-zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
-fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
-alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und
-blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
-Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
-über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete
-Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
-mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
-jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
-war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
-verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
-übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
-eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
-wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
-die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
-auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
-sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
-hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
-vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
-dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
-oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
-Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
-eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
-blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
-Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
-weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
-zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
-Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
-einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
-ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
-er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
-einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
-sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
-Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
-Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
-werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
-grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
-blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
-waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
-jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
-fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
-im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
-Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
-jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
-herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
-Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
-mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
-merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
-Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
-dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
-schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
-Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
-leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
-sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
-Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
-Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
-dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
-also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
-Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--
-
-Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
-der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
-war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
-einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
-schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
-schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
-er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
-Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
-all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
-Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
-nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
-an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
-Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte
-er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
-Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
-herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
-14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
-zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
-weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
-drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
-Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
-zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
-nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
-ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
-drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
-zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
-zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
-einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
-Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
-nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht
-ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
-schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
-Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
-rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
-"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
-bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
-des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
-beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
-ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
-die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
-oben.--
-
-Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
-dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
-Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
-Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
-aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
-und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
-Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
-er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
-schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
-brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
-trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
-verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
-dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
-er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
-hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
-vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
-Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
-Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
-hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
-er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
-sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
-Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
-der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
-Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
-hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
-miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
-die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
-ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von
-wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
-reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
-und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
-Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
-junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
-sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
-Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
-ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich
-wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug
-der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen
-Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
-nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
-Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte
-das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
-aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
-knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
-sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
-wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
-der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
-daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
-Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der
-Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
-erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
-mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
-wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
-hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
-unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um
-Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
-dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
-Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
-vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
-mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
-alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
-"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
-ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
-verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
-complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
-Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
-Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
-Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä,
-hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
-Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr
-wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
-und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
-unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
-geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
-Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
-Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
-Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die
-Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
-Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein
-Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
-examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
-denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
-er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
-und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
-inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein
-Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a
-tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
-Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
-und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
-sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
-war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
-Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
-und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
-inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte
-sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe
-sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
-der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich
-was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder
-an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
-sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
-Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
-Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
-ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
-Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
-Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
-sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
-Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
-sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
-Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
-in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
-dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
-Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte
-der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
-Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
-zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
-Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie
-glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte
-wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
-ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit
-Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
-Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
-meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
-duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
-Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der
-Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
-Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
-ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
-daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
-den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
-in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
-Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
-kommen!"--
-
-Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
-Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
-Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
-gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
-Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
-durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
-Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
-vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
-ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
-er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
-und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
-auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger
-Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
-sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
-von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese
-Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
-und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
-dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
-schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
-einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
-noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
-mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
-zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
-wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
-Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
-"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
-bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
-sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
-und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
-noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
-Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
-hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
-wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
-mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
-mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
-Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
-zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
-Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
-mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd
-legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
-einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--
-
-Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
-sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
-unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
-schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
-Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß
-der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
-ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
-schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
-geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
-in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
-junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
-zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
-geheimnißvollen Geburt?
-
-So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
-Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
-angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
-Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
-diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
-Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine
-nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
-Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
-Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
-Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
-Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
-man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
-entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
-Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
-heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
-halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
-das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
-jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
-Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
-daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
-kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
-Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
-würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
-Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
-Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
-strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
-ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
-umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
-kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
-in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
-gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
-war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
-das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
-besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
-die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
-vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
-wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
-forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
-stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
-ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
-zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
-Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
-offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
-einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
-der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
-zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
-ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
-Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
-abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
-Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
-Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
-sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
-Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
-zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
-wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
-lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
-Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
-verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
-Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
-durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
-es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
-ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
-Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
-das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
-Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
-die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
-nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
-untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
-mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
-angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
-ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
-den Rest der Nacht.--
-
-Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
-widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
-an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
-vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
-dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
-seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
-Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
-doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
-trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
-nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut
-und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
-Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
-eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
-und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
-schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
-"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
-aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
-Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
-Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
-verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
-niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
-Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel
-der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
-war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
-arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
-in mein Zimmer zurück.
-
-Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
-Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
-mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
-saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
-Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
-mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
-mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
-gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
-der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
-Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
-Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
-Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
-Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
-Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
-ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
-bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
-
-Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
-den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
-alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
-unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
-nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
-hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
-her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
-einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
-und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
-zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
-da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,--
-"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
-ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die
-räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über
-meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
-die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug
-ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
-nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
-fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
-vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
-herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
-heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
-weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
-"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
-dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
-Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
-Stunde wieder umzusehen.--
-
-
-
-
-Der Goldregen.
-
- _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_
- _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_
- _Na bitt' i unser'n Herrgott,_
- _Daß's Wetter so bleibt._
- Altbayrischer Vierzeiler
-
-
-Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
-der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
-noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
-auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
-kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
-Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
-regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
-und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
-Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
-geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
-an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
-eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
-u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
-Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
-und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
-und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
-Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
-ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
-um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
-das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
-sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
-gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
-um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
-einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
-trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
-Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
-Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
-Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
-etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
-ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
-Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
-da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
-und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
-als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
-Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
-Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser
-kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
-Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
-große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
-die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
-Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
-pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
-eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
-Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
-auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
-einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
-nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
-einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
-dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
-eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
-ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
-Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
-gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
-Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
-das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
-Straße, in das nächste Haus.--
-
-"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
-aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
-unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
-die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
-ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und
-fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
-dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
-Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
-ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
-Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
-Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
-halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
-Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
-in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
-bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
-betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
-und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
-wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
-Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
-und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
-Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
-Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
-Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
-sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
-scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
-unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der,
-vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
-und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
-wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
-ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
-und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
-hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
-und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
-herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
-matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
-im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden
-einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
-Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
-durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
-Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
-die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
-erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
-war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
-entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
-Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
-die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
-in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
-ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
-kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
-quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
-erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
-Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es
-nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
-laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
-nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
-diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
-und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
-den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
-fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
-
-Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
-nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
-Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
-weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
-lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
-hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
-vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
-Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
-hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
-und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
-die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
-zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
-zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
-kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
-den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
-neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
-mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
-des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
-ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
-nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
-andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
-glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
-erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
-Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
-genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
-Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
-Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
-etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
-entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
-nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
-stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
-wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
-Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
-heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
-verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
-einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
-gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
-vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
-Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
-nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
-Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
-Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
-die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
-Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
-Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
-nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
-in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
-Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
-waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
-Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
-nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten
-Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
-die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
-selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
-her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
-er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
-in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
-jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
-wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
-Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
-schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
-einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
-Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
-er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
-Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
-Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
-Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
-übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
-der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
-eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
-Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
-ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
-von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
-abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
-ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
-wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen
-mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
-verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
-Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
-holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
-weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
-Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
-Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
-kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
-Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
-Taschen, was das Zeug halten wollte.
-
-"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
-feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht
-für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
-Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
-eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
-'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
-für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
-Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
-doch von oben zu!"--
-
-Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
-waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
-andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
-ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
-um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
-Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
-Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
-verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
-einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
-aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
-feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
-man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
-manchmal findet.--
-
-Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
-umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
-sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
-ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
-die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
-Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
-mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
-Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
-der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
-mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
-entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
-konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
-begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
-diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
-doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
-und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
-Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
-Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
-nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
-Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
-Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
-war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
-herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
-Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
-Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
-vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
-Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
-des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
-war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
-welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
-Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
-und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
-beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
-König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
-schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
-blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
-zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
-daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
-aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
-die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
-Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
-wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
-eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
-selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
-Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
-Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
-öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
-stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
-gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
-glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
-Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
-Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
-und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
-Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
-hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
-Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
-die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
-zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
-Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
-Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
-eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
-begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
-Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
-viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
-Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
-Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
-die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
-umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
-Herrschaften.
-
-Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
-Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
-Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
-ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
-hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
-verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
-Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
-lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch
-auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
-Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
-seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
-Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
-Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
-über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
-conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
-Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
-Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
-war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
-aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
-Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
-Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
-Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
-Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
-des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
-"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
-wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
-extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
-jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
-erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich
-dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
-Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
-welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
-Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
-bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
-untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
-zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
-an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
-ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
-Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
-aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
-ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
-so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
-stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
-sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
-wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
-Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
-und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
-1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
-abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
-Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:
-
-"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
-was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott,
-wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
-Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
-Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
-sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
-Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
-so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
-drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
-Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_
-bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
-un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
-In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
-'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
-alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde!
-Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
-droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
-'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
-'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
-Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
-_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
-is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
-nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
-Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so
-viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
-390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
-von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
-wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
-in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
-ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_,
-an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
-auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
-ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
-sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
-mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr
-Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
-_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
-Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
-mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
-es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
-mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
-da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
-Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
-_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
-voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
-schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_,
-pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
-des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
-naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
-is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--
-
-In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
-herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
-den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
-Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
-kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
-zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
-drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
-und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
-zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
-heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
-mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
-noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
-fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
-Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
-sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
-Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
-Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
-elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
-Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
-Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
-werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
-erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
-Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
-senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
-Springbrunn-Platz still und verwaist.--
-
-Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
-Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
-humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
-sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
-"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und
-sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
-achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die
-sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
-in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"
-
-
-
-
-Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
-
- "_Und sahen, daß sie nackt waren._"
- 1. Mose 3.7.
-
-In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
-obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
-dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater,
-Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
-Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
-sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
-bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
-Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
-Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde
-von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_
-Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
-entschieden.--
-
-Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
-einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
-_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
-doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
-nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
-war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
-beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
-heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
-Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
-Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
-bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich
-hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
-Widerstandskraft.--
-
-Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
-einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
-der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
-Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem
-Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
-und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach
-ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
-verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
-später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
-in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
-alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
-schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
-mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
-hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
-loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.
-
-_Süpfli_ loquitur:
-
-".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
-Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
-de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
-z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
-Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
-und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
-z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
-Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
-Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
-eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die
-Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
-wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
-in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
-isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
-Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
-leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
-hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
-alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
-Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
-si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
-heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
-der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider
-mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
-Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
-zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
-zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
-Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
-sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
-gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
-ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
-im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
-Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
-immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
-Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
-idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
-und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
-ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
-e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
-Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
-heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
-die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
-Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
-wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
-e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
-Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
-tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
-flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu
-z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
-der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
-D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
-Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
-und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
-Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
-sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
-und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
-feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
-werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
-der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
-nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
-doch isch sell Wunder amol vor sich gange:
-
-In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
-die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
-e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
-welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
-Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
-libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
-isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
-Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
-sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
-unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
-verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
-Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
-öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
-chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
-ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
-sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
-hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
-gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
-ufem wiße Leintuch....
-
-In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
-Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu,
-und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"--
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN***
-
-
-******* This file should be named 43933-8.txt or 43933-8.zip *******
-
-
-This and all associated files of various formats will be found in:
-http://www.gutenberg.org/dirs/4/3/9/3/43933
-
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License available with this file or online at
- www.gutenberg.org/license.
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/43933-8.zip b/43933-8.zip
deleted file mode 100644
index 5ab12ab..0000000
--- a/43933-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/43933-h.zip b/43933-h.zip
deleted file mode 100644
index cdbf7b1..0000000
--- a/43933-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/43933-h/43933-h.htm b/43933-h/43933-h.htm
index d66df54..910c8a9 100644
--- a/43933-h/43933-h.htm
+++ b/43933-h/43933-h.htm
@@ -2,7 +2,7 @@
"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8" />
<title>The Project Gutenberg eBook of Visionen, by Oskar Panizza</title>
<style type="text/css">
@@ -77,25 +77,9 @@ v:link {color: #800000; text-decoration: none; }
</style>
</head>
<body>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***</div>
<h1>The Project Gutenberg eBook, Visionen, by Oskar Panizza</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-<p>Title: Visionen</p>
-<p> Skizzen und Erzählungen</p>
-<p>Author: Oskar Panizza</p>
-<p>Release Date: October 11, 2013 [eBook #43933]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN***</p>
<p>&nbsp;</p>
-<h4>E-text prepared by Marc D'Hooghe<br />
- (<a href="http://www.freeliterature.org">http://www.freeliterature.org</a>)<br />
- from page images generously made available by<br />
- Internet Archive/Canadian Libraries<br />
- (<a href="http://archive.org/details/toronto">http://archive.org/details/toronto</a>)</h4>
<p>&nbsp;</p>
<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10">
<tr>
@@ -118,7 +102,7 @@ href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
<h1>Visionen</h1>
-<h3>Skizzen und Erzählungen</h3>
+<h3>Skizzen und Erzählungen</h3>
<h3>von</h3>
@@ -153,7 +137,7 @@ href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Ein_Criminelles_Geschlecht">Ein Criminelles Geschlecht</a></span><br />
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Der_Corsetten-Fritz">Der Corsetten-Frit</a>z</span><br />
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Indianer-Gedanken">Indianer-Gedanken</a></span><br />
-<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Ein_scandaloser_Fall">Ein scandalöser Fall</a></span><br />
+<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Ein_scandaloser_Fall">Ein scandalöser Fall</a></span><br />
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Der_operirte_Jud">Der operirte Jud'</a></span><br />
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Das_Wirthshaus_zur_Dreifaltigkeit">Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit</a></span><br />
<span style="margin-left: 2em;"><a href="#Der_Goldregen">Der Goldregen</a></span><br />
@@ -167,9 +151,9 @@ href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 55%;">
"<i>Sind angenehm in Leibkleidern</i><br />
-<i>als nackend, doch tödtliche Farbe,</i><br />
+<i>als nackend, doch tödtliche Farbe,</i><br />
<i>gehen zertheilt an beiden Orten</i><br />
-<i>den Platz hinauf, lassen sich bloß</i><br />
+<i>den Platz hinauf, lassen sich bloß</i><br />
<i>sehen als ob sie erscheinen,</i><br />
<i>ungeredet, und gehen alsdann wieder</i><br />
<i>hinab in das Grab."&mdash;</i><br />
@@ -179,269 +163,269 @@ href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
<p>Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
-Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
-mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
-meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
+Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
+mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
+meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
-jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
-die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
-klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
-Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
-Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
-Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
+jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
+die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
+klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
+Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
+Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
+Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
-Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
+Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
lesen: "Gemeinde <i>Zinsblech</i>; Landgericht <i>Pinzgau</i>". Es folgten noch
-einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
-und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
+einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
+und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
gereicht."&mdash;Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!&mdash;Pinzgau!"
-mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
-mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
-Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
-antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
-Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
-rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
-Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
-goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
-stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
+mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
+mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
+Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
+antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
+Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
+rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
+Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
+goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
+stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
-unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
+unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
-vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
-eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
-ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.&mdash;</p>
+vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
+eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
+ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.&mdash;</p>
<p>Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
-kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
-Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
-eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
+kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
+Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
+eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
-kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
-herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
+kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
+herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
-und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
-Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
+und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
+Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
-langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
+langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
-vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
-Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
+vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
+Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
-seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
+seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
linke Seitenschiff der Kirche strich.&mdash;Mit diesem Bild schlief ich
ein.&mdash;</p>
<p>Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
-plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
+plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
-rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
-dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
+rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
+dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
-Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
-einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
-der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
-erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
-tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
+Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
+einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
+der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
+erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
+tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
-weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
+weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
-Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
-blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
-und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
+Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
+blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
+und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
-werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
-weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
-über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
-sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
-Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
+werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
+weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
+über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
+sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
+Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
-bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
-Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
+bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
+Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
-Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
-Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
+Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
+Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
-nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
-wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
-Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
+nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
+wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
+Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
-Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
-Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
+Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
+Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
-die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
-quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
-wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
-gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
-gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
-Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
-Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
+die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
+quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
+wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
+gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
+gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
+Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
+Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
-Füße.&mdash;Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
-und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
+Füße.&mdash;Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
+und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
-seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
-dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
-war auch dabei.&mdash;Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
-Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
+seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
+dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
+war auch dabei.&mdash;Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
+Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
-hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
+hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
-hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
-war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
+hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
+war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
-über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
-um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
-am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
+über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
+um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
+am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
-dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
-unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
-immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
-hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
-dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
-woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
-fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
-ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
+dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
+unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
+immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
+hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
+dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
+woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
+fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
+ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
-schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
-excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
-selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
-gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
-der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
-daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
+schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
+excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
+selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
+gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
+der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
+daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
brachte.&mdash;Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
-um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
-zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?&mdash;Dort
+um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
+zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?&mdash;Dort
stand ein analoger Mensch,&mdash;mehr ein mythologischer Zwitter als ein
Mensch,&mdash;in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
-Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
-ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
+Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
+ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
-rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
-des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
-amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
-hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
+rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
+des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
+amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
+hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
-denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
-Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
+denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
+Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
-Physiognomie.&mdash;Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
-Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,&mdash;oder
-Rück'-gegen Rücken&mdash;auf der andern Altarseite.&mdash;Er hielt einen
-schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
+Physiognomie.&mdash;Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
+Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,&mdash;oder
+Rück'-gegen Rücken&mdash;auf der andern Altarseite.&mdash;Er hielt einen
+schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
-einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
-zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
-sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
-Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
-rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
-war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
-Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
-französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
-rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
-Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
-Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
+einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
+zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
+sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
+Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
+rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
+war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
+Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
+französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
+rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
+Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
+Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
drein, und schien genau zu wissen, was er that.&mdash;Da war ferner ein
-feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
-Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
-goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
-mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
-aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
-die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
-hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
+feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
+Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
+goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
+mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
+aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
+die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
+hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
-in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
-nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
-auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
-dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
+in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
+nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
+auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
+dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
Frau auf der andern Seite.&mdash;Es waren noch manche wunderbare, wie es
-schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
+schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
-Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
-unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
+Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
+unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
-Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
-Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
-Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
-lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
+Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
+Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
+Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
+lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
-welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
-emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
-linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
+welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
+emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
+linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
das einzige Paar im ganzen Zug.</p>
-<p>Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
+<p>Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
-auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
-aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
-dem Altar begegneten. Und das <i>mußten</i> sie!&mdash;Ich versäumte leider
-dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
-besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
-Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
-Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
-Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
-Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
-Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
-verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
-sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
-im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
+auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
+aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
+dem Altar begegneten. Und das <i>mußten</i> sie!&mdash;Ich versäumte leider
+dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
+besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
+Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
+Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
+Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
+Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
+Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
+verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
+sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
+im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
-Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
-Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
-Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
-Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
+Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
+Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
+Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
+Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
-ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
-Jargon: "Ja, ja!&mdash;Nähmet hin und ässet!&mdash;Ja, ja!&mdash;Nähmet hin und
-trinket!"&mdash;Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
+ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
+Jargon: "Ja, ja!&mdash;Nähmet hin und ässet!&mdash;Ja, ja!&mdash;Nähmet hin und
+trinket!"&mdash;Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
-Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
+Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
-und gelangte glücklich ins Freie.&mdash;</p>
+und gelangte glücklich ins Freie.&mdash;</p>
-<p>Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
-heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
-von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
-ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
-gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
+<p>Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
+heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
+von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
+ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
+gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
-aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
-aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
-Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
-offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
-mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
+aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
+aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
+Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
+offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
+mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
restauriren.&mdash;</p>
-<p>Acht Tage später las ich,&mdash;inzwischen in die Kreisstadt gelangt,&mdash;im
+<p>Acht Tage später las ich,&mdash;inzwischen in die Kreisstadt gelangt,&mdash;im
Amtsblatt folgende Bekanntmachung:</p>
<p>"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
-Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
-wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
+Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
+wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.&mdash;Da die ziemlich leicht
-zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
+zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
-gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
-gegen Morgen in der Richtung nach &mdash;&mdash;* verließ. Es wird gebeten, auf
-denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
+gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
+gegen Morgen in der Richtung nach &mdash;&mdash;* verließ. Es wird gebeten, auf
+denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."&mdash;</p>
<p>
<span style="margin-left: 2.5em;">Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.</span><br />
-<span style="margin-left: 7em;">Der Bürgermeister ** (Datum.)</span><br />
+<span style="margin-left: 7em;">Der Bürgermeister ** (Datum.)</span><br />
</p>
@@ -458,268 +442,268 @@ imaginantis corpus tribuerunt.<br />
</p>
<hr class="r5" />
-<p>Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
-<i>Hamburgs</i> als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
-Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
-Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
-Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
+<p>Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
+<i>Hamburgs</i> als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
+Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
+Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
+Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
-auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
-von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
-einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
-vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
+auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
+von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
+einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
+vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
-herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
-Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.&mdash;</p>
+herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
+Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.&mdash;</p>
-<p>Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
-An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
+<p>Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
+An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
-von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,&mdash;als
-plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
+von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,&mdash;als
+plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein <i>Neger</i> zu mir
-in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
-mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
-Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
+in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
+mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
+Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
-Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
-die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
-erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
-sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
-Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
+Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
+die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
+erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
+sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
+Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
-von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?&mdash;You are
+von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?&mdash;You are
the doctor!"-"Jawohl!"&mdash;"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
vorzutragen;&mdash;ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;&mdash;sehr wichtig und sehr
-erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.&mdash;Aber ich
-glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,&mdash;at least I
-presume;&mdash;Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
-haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,&mdash;ich
-meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,&mdash;aber es ist
+erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.&mdash;Aber ich
+glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,&mdash;at least I
+presume;&mdash;Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
+haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,&mdash;ich
+meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,&mdash;aber es ist
doch wahr,&mdash;es ist furchtbar wahr,&mdash;es ist fast zu toll, um wahr zu
sain.&mdash;I'm a nigger;&mdash;that is, I have been a nigger!&mdash;Ich habe Neger
gewesen!&mdash;oh,&mdash;ich bin Neger gewesen!&mdash;Ich bin Neger nicht mehr!..."&mdash;</p>
-<p>Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
+<p>Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
-schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
+schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
-überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
-war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
+überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
+war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
-wohnenden Stämmen findet. Der Mann war <i>ganz</i> schwarz; jene Schwärze
-mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
+wohnenden Stämmen findet. Der Mann war <i>ganz</i> schwarz; jene Schwärze
+mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
darbietet; mit einem Wort, ein echter <i>Sudan</i>-Neger.&mdash;Er war
-abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
-im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
-keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
-gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
-links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
-Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
+abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
+im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
+keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
+gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
+links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
+Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
-nochmals, die Haut ganz schwarz.&mdash;Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
+nochmals, die Haut ganz schwarz.&mdash;Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
-wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
-haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
-mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
-Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
-stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
+wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
+haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
+mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
+Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
+stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
klingelte es, und es kamen neue Patienten.&mdash;Auf der andern Seite
-beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
-und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
-war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.&mdash;Die Suada,
-die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
-sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
+beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
+und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
+war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.&mdash;Die Suada,
+die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
+sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.&mdash;Das
-Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
+Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
aufhalten,&mdash;sagte ich mir rasch,&mdash;ist das Saufen; sie leiden alle
an der Leber;&mdash;und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
-Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
-der Schnapsgenuß;&mdash;vielleicht,&mdash;dachte ich mir,&mdash;leidet der Mann
-an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
-Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
-vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
+Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
+der Schnapsgenuß;&mdash;vielleicht,&mdash;dachte ich mir,&mdash;leidet der Mann
+an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
+Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
+vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
krank, und wo fehlt es Ihnen?"&mdash;"Krank?"&mdash;replicirte mein schwarzes
-Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,&mdash;"krank,&mdash;nein! ich
-sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."&mdash;"Ja,
-was wollen Sie dann von mir?"&mdash;frug ich etwas ärgerlich.&mdash;"Bitte,
-Docter,&mdash;haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"&mdash;In diesem
-Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
-und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
-mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
-Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
-haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.&mdash;"Eine
-Kleinigkeit für Sie,&mdash;um Ihnen zu helfen!"&mdash;"Geld?"&mdash;schrie
+Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,&mdash;"krank,&mdash;nein! ich
+sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."&mdash;"Ja,
+was wollen Sie dann von mir?"&mdash;frug ich etwas ärgerlich.&mdash;"Bitte,
+Docter,&mdash;haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"&mdash;In diesem
+Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
+und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
+mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
+Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
+haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.&mdash;"Eine
+Kleinigkeit für Sie,&mdash;um Ihnen zu helfen!"&mdash;"Geld?"&mdash;schrie
er,&mdash;"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"&mdash;und hieb mit der
-rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;&mdash;"Geld ist
-Schmutz!"&mdash;fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
-einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
+rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;&mdash;"Geld ist
+Schmutz!"&mdash;fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
+einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
vor das Gesicht.&mdash;"Hier Docter, wollen Sie Geld?&mdash;Geld ist Schmutz!"
-schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
-mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
+schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
+mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
-und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
-Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
-die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
-Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
-gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
-zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
-erregten Menschen gegenüber zu verfahren.&mdash;</p>
-
-<p>"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
+und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
+Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
+die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
+Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
+gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
+zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
+erregten Menschen gegenüber zu verfahren.&mdash;</p>
+
+<p>"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
London,&mdash;Docter!&mdash;und hab viel schmutzig Geld gemacht;"&mdash;nahm
mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
-zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
+zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.&mdash;"Sagen Sie mir,
wo es Ihnen fehlt,"&mdash;begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
entgegenkommend,&mdash;"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
-einige fünfzig Personen!"&mdash;fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
+einige fünfzig Personen!"&mdash;fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
des Warte-Zimmers weisend.&mdash;"All right!"&mdash;sagte der Neger, brachte
-das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
-aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
+das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
+aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus <i>Pululi</i>...."&mdash;"Von
-mir aus von wo der Pfeffer wächst!"&mdash;entgegnete ich mißmuthig, und
-stand vom Stuhl auf.&mdash;"Nein!&mdash;nicht von <i>Pfeffer-Küste</i>!"&mdash;replicirte
+mir aus von wo der Pfeffer wächst!"&mdash;entgegnete ich mißmuthig, und
+stand vom Stuhl auf.&mdash;"Nein!&mdash;nicht von <i>Pfeffer-Küste</i>!"&mdash;replicirte
der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
-Wendung verstanden zu haben,&mdash;"<i>Pfeffer-Küste</i> ist weiter gegen
+Wendung verstanden zu haben,&mdash;"<i>Pfeffer-Küste</i> ist weiter gegen
Sonnen-Untergang;"&mdash;"Weiter, weiter, weiter!&mdash;Damit wir zu ihrer
Krankheit kommen."&mdash;"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
-auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu&mdash;so!"&mdash;in diesem
-Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
-rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
-ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
-offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
-und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
-Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
-selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
+auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu&mdash;so!"&mdash;in diesem
+Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
+rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
+ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
+offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
+und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
+Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
+selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
ein Kind heftig zu schreien an.&mdash;"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
-Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
-gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
+Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
+gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
-gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
-hat mich in Unglück gestürzt!..."&mdash;"Was soll aber ich mit dem Allen?"
-ich,&mdash;"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"&mdash;"Aine schöne Tag kommt ain
-Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
-Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
+gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
+hat mich in Unglück gestürzt!..."&mdash;"Was soll aber ich mit dem Allen?"
+ich,&mdash;"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"&mdash;"Aine schöne Tag kommt ain
+Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
+Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;&mdash;und er zeigt mir Hand mit
schmutzig Gold,&mdash;so!"&mdash;und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
-Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
-traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
-noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"&mdash;"Ich bin
-gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
-nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
-wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
-ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
-Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
+Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
+traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
+noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"&mdash;"Ich bin
+gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
+nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
+wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
+ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
+Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."&mdash;"Weiter, weiter,
-weiter!" drängte ich.&mdash;"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
-blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
-Mehl und Kreide,&mdash;scheußlich!&mdash;scheußlich!"&mdash;"Weiter, weiter!&mdash;Haben
+weiter!" drängte ich.&mdash;"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
+blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
+Mehl und Kreide,&mdash;scheußlich!&mdash;scheußlich!"&mdash;"Weiter, weiter!&mdash;Haben
Sie das Klima nicht vertragen?"&mdash;"Klima?&mdash;Was ist Klima?&mdash;Luft war
gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
-mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"&mdash;"Daran gewöhnt man sich
-doch!?"&mdash;"Oh yes, Docter!&mdash;daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
-daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;&mdash;aber aine Tag, als
+mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"&mdash;"Daran gewöhnt man sich
+doch!?"&mdash;"Oh yes, Docter!&mdash;daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
+daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;&mdash;aber aine Tag, als
ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
-Wasser...."&mdash;"Ein Block Wasser,&mdash;was soll das heißen?"&mdash;"Ich schaue
+Wasser...."&mdash;"Ein Block Wasser,&mdash;was soll das heißen?"&mdash;"Ich schaue
durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
-Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."&mdash;"Es
+Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."&mdash;"Es
wird ein Schaufenster gewesen sein?"&mdash;-"Well, es uar ein Block festes
Wasser."&mdash;"Es war eine Glasscheibe!"&mdash;"Well, Glas ist festes Wasser!"
&mdash;"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!&mdash;Was weiter?"&mdash;"Well, Docter, ich
-schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
+schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
und Docter, was sehe ich?"&mdash;"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
Sie werden sich selbst gesehen haben?"&mdash;"Ein schwarzes Scheusal!&mdash;Ein
fletschender Gorilla!&mdash;Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
-schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
-sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
-das scheußliche Thier; <i>jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz</i>; und daß
-Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
-weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
-Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"&mdash;"Mein
-Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
-in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"&mdash;"Ja, und jetzt
-hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
-Engländerinnen sehr pretty,&mdash;ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
-dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
-ich habe beschlossen, daß ich muß werden <i>uaiß</i>...."&mdash;"Sie haben
-beschlossen weiß zu werden?&mdash;Ja, das wird Sie wenig helfen!"&mdash;"Was?
-Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
-kann ändern?!"&mdash;"Was haben wir in unserem Kopfe?"&mdash;"Wir haben Etwas,
+schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
+sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
+das scheußliche Thier; <i>jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz</i>; und daß
+Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
+weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
+Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"&mdash;"Mein
+Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
+in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"&mdash;"Ja, und jetzt
+hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
+Engländerinnen sehr pretty,&mdash;ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
+dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
+ich habe beschlossen, daß ich muß werden <i>uaiß</i>...."&mdash;"Sie haben
+beschlossen weiß zu werden?&mdash;Ja, das wird Sie wenig helfen!"&mdash;"Was?
+Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
+kann ändern?!"&mdash;"Was haben wir in unserem Kopfe?"&mdash;"Wir haben Etwas,
das Alles kann machen, wie es will!"&mdash;"Das versteh' ich nicht; was soll
-das heißen?"&mdash;"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
-sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
+das heißen?"&mdash;"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
+sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"&mdash;"Nix
Farbtopf!&mdash;oder Farbtopf im Kopfe;&mdash;nix falsche Farb,&mdash;echte
Farb!"&mdash;"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"&mdash;"Well,
-Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
+Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
-mußt <i>uaiß</i> werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
-mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
+mußt <i>uaiß</i> werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
+mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
-bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
+bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
-Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
-Nacht,&mdash;endlich, Docter, nach ßuai Monate,&mdash;nachdem ich uar wie ein
+Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
+Nacht,&mdash;endlich, Docter, nach ßuai Monate,&mdash;nachdem ich uar wie ein
Hund,&mdash;konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
-mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne <i>uaiße</i>
+mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne <i>uaiße</i>
Negerbild...."&mdash;"Nun?" frag ich voller Erwartung.&mdash;"Well, Docter, nach
-ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,&mdash;it was a wonderfall sight!&mdash;ich
-bin geworden uaiß...."&mdash;"Weise oder weiß?"&mdash;"Well,&mdash;eine Morgen, in
+ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,&mdash;it was a wonderfall sight!&mdash;ich
+bin geworden uaiß...."&mdash;"Weise oder weiß?"&mdash;"Well,&mdash;eine Morgen, in
Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,&mdash;ich bin gehabt,&mdash;oh,
-ich <i>habe</i> gehabt uaiße Farb,&mdash;wunderschöne <i>uaiße</i> Gesicht,-oh, I tell
-you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
+ich <i>habe</i> gehabt uaiße Farb,&mdash;wunderschöne <i>uaiße</i> Gesicht,-oh, I tell
+you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
geschickt nach Hamburg...."</p>
-<p>In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
-hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
-meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
-wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
-von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
+<p>In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
+hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
+meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
+wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
+von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
-die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
+die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
-der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
-Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
-Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
+der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
+Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
+Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
-plötzlich Verunglückten gebracht.&mdash;"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
-dienen?"&mdash;frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.&mdash;"Well,
-Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin <i>uaiß</i>,&mdash;die
+plötzlich Verunglückten gebracht.&mdash;"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
+dienen?"&mdash;frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.&mdash;"Well,
+Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin <i>uaiß</i>,&mdash;die
schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
-nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
+nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
-In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
-Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
-meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
-vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
-wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
-beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
+In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
+Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
+meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
+vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
+wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
+beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"&mdash;Bei ihrem Anblick
-ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
-und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
+ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
+und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
-fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
-ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
-Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
+fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
+ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
+Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
-Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
-sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
-überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
+Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
+sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
+überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
-Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.&mdash;Endlich wurde der Neger überwältigt
-und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
+Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.&mdash;Endlich wurde der Neger überwältigt
+und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
und huida!&mdash;hast du nicht gesehen?&mdash;-fort ging's in's <i>Irrenhaus</i>.</p>
@@ -729,496 +713,496 @@ und huida!&mdash;hast du nicht gesehen?&mdash;-fort ging's in's <i>Irrenhaus</i>
<h3><a name="Ein_Criminelles_Geschlecht" id="Ein_Criminelles_Geschlecht">Ein Criminelles Geschlecht</a></h3>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 60%;">
-Er wußte Nichts von den<br />
+Er wußte Nichts von den<br />
Geschlechts-Unterschieden der<br />
Menschen, und unterschied die<br />
Leute nur nach den Kleidern."&mdash;<br />
-<i>Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)</i><br />
+<i>Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)</i><br />
</p>
<hr class="r5" />
<p>Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
-Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
-vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
+Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
+vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
-Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
-ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
-aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
-Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
-mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
-der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
+Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
+ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
+aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
+Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
+mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
+der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
-diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
+diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
protestantisch.</p>
-<p>Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
+<p>Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
-sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
-mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
-neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
+sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
+mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
+neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"&mdash;Bei diesen letzten Worten
-sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
-erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
-Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
-schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
+sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
+erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
+Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
+schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
-es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
+es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.&mdash;In der That, es sind ganz
absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.&mdash;Ich
-komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
+komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
-nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
-ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
-eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."&mdash;Mein
+nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
+ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
+eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."&mdash;Mein
Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
-Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
-seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
+Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
+seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
daher, ihm in die Rede zu fallen.&mdash;"... Es ist nur so schwer,&mdash;begann
er wieder,&mdash;das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
-Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
+Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
zu machen.... Sie sind Mediziner,&mdash;Sie werden vielleicht Manches
besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
-können...."&mdash;"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
-wurden?"&mdash;wagte ich anzudeuten.&mdash;"Sanitär?&mdash;Ja, gewiß, sanitär,&mdash;aber
-sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
+können...."&mdash;"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
+wurden?"&mdash;wagte ich anzudeuten.&mdash;"Sanitär?&mdash;Ja, gewiß, sanitär,&mdash;aber
+sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
weit mehr criminell!..."&mdash;"?"&mdash;Auf mein fragendes Zaudern wandte der
-Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
+Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
-diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
+diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
was ich zu seinen bisherigen Worten meine.&mdash;"Ja,&mdash;so, glaube ich,
kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,&mdash;fuhr mein Begleiter
dann fort,&mdash;denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
-worden, einer criminellen Vereinigung,&mdash;einer betrügerischen
+worden, einer criminellen Vereinigung,&mdash;einer betrügerischen
Sippe,&mdash;einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
-Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
-sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
-im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"&mdash;Der Commissar hatte
-diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
-construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
-wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
+Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
+sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
+im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"&mdash;Der Commissar hatte
+diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
+construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
+wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
-ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
-zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.&mdash;"Hm!&mdash;sagte
+ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
+zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.&mdash;"Hm!&mdash;sagte
ich&mdash;ist die Vereinigung politischer Natur?"&mdash;"Nein!"&mdash;replizirte
der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
-er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
-andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
+er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
+andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
Gesticulation nach vorne zu werfen,&mdash;"nein!" er noch einmal mit einem
-eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
+eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,&mdash;"politisch ist sie nicht, sonst
-wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
-sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
+wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
+sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
-Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
-Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
-einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
+Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
+Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
+einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
auf die Welt gekommen!"&mdash;"Ach, mein Gott,&mdash;sagte ich nach einiger
-Ueberlegung und wie enttäuscht,&mdash;meinen Sie die Juden?"&mdash;"Nein!"&mdash;rief
+Ueberlegung und wie enttäuscht,&mdash;meinen Sie die Juden?"&mdash;"Nein!"&mdash;rief
er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,&mdash;"die
-sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
-Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
-durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
-Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"&mdash;"...
+sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
+Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
+durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
+Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"&mdash;"...
die sich unserem Denken entzieht?"&mdash;wiederholte ich ganz
-perplex;&mdash;".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"&mdash;
-erklärte es der Commissar ausführlicher.&mdash;... die sich unserer denkenden
-Erwägung entzieht?"&mdash;syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
+perplex;&mdash;".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"&mdash;
+erklärte es der Commissar ausführlicher.&mdash;... die sich unserer denkenden
+Erwägung entzieht?"&mdash;syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
hin.&mdash;"... hinsichtlich,&mdash;nahm der Commissar nochmals den Satz auf,&mdash;
hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
unserem Denken entzieht!"&mdash;"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"&mdash;sagte ich auch diese
-letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.&mdash;Dabei
-fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
+letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.&mdash;Dabei
+fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
-von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
-bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
-Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
-Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
-herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
+von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
+bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
+Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
+Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
+herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
Geistes zu hoch schien.&mdash;</p>
-<p>"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
-physischen Waffen?"&mdash;frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
-zu kommen.&mdash;"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
-Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
+<p>"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
+physischen Waffen?"&mdash;frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
+zu kommen.&mdash;"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
+Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
steckt, was ich stark vermuthe."&mdash;"Sie sagen, aus Frankreich kommt
diese neue polizeiwidrige Clique?"&mdash;"So lautet meine Instruction;
ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
-gefährlichsten aus Frankreich."&mdash;"Du lieber Himmel!"&mdash;sagte ich, und
+gefährlichsten aus Frankreich."&mdash;"Du lieber Himmel!"&mdash;sagte ich, und
wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,&mdash;"sind es vielleicht
<i>Franctireurs</i>?"&mdash;"Ha!"&mdash;rief der Commissar mit einer gellenden
-Lache,&mdash;"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"&mdash;dann
-nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
+Lache,&mdash;"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"&mdash;dann
+nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
uncontrollirbar; <i>Franctireurs</i> kann man auf der That erwischen, und
vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
-machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
-zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
-und,&mdash;worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,&mdash;bei
-Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
-ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
-ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
+machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
+zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
+und,&mdash;worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,&mdash;bei
+Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
+ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
+ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"&mdash;"Mein
-Gott"&mdash;sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,&mdash;"sind es
-Männer oder Weiber?"&mdash;"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
-sind,"&mdash;replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
+Gott"&mdash;sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,&mdash;"sind es
+Männer oder Weiber?"&mdash;"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
+sind,"&mdash;replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
diesen Punkt gefragt zu werden,&mdash;"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
-kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
-es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
+kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
+es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
-die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
-von Tag zu Tag in der Mode wechseln;&mdash;das eine hat ein Anhängsel, das
+die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
+von Tag zu Tag in der Mode wechseln;&mdash;das eine hat ein Anhängsel, das
andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
-Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
-Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!&mdash;Welche Willkür!-Da
-könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
-der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
-mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
-Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
-und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
-Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
-darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!&mdash;Männer oder Weiber?!&mdash;Nach
+Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
+Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!&mdash;Welche Willkür!-Da
+könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
+der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
+mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
+Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
+und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
+Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
+darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!&mdash;Männer oder Weiber?!&mdash;Nach
dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
-unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
+unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
erschienen.&mdash;Verbrecher ist Verbrecher!&mdash;Doch dies nebenbei.&mdash;Nein,
lieber Doctor!"&mdash;fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
-Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,&mdash;"das möcht' ich
+Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,&mdash;"das möcht' ich
von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
-bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
+bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
-zu benützen...?"&mdash;"Ja, bei allen Heiligen!"&mdash;rief ich, fast unwillig,
-und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
+zu benützen...?"&mdash;"Ja, bei allen Heiligen!"&mdash;rief ich, fast unwillig,
+und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
verlieren,&mdash;"was thun denn die Leute?"&mdash;"Was sie thun?"&mdash;rief der
-Commissar&mdash;"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
-was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
-Was sie thun?"&mdash;wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
+Commissar&mdash;"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
+was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
+Was sie thun?"&mdash;wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
die Stirn,&mdash;"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
-und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?&mdash;wenn Sie's hören
+und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?&mdash;wenn Sie's hören
wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
-Fabrication mit ihrem Körper!"&mdash;"Criminelle Fabrication mit ihrem
-Körper?!"&mdash;wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
-zurück.&mdash;Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
+Fabrication mit ihrem Körper!"&mdash;"Criminelle Fabrication mit ihrem
+Körper?!"&mdash;wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
+zurück.&mdash;Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
-Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
-Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
+Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
+Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
-Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
-lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
+Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
+lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
Opfer eines kranken Gedankengangs,&mdash;so stand der Commissar vor mir,
der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
-da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
+da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.&mdash;"Criminelle Fabrication
-mit ihrem Körper,"&mdash;wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
-nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
-fort,&mdash;"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
-dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
-aufheben soll!"&mdash;sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
+mit ihrem Körper,"&mdash;wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
+nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
+fort,&mdash;"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
+dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
+aufheben soll!"&mdash;sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,&mdash;"hat,"&mdash;fuhr ich dann
-laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,&mdash;"hat
+laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,&mdash;"hat
Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
-Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
+Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
Coalition?"&mdash;"Nein",&mdash;antwortete der Commissar schlagfertig, wie
-ein Fechter, der auf die Parade wartet,&mdash;"die Regierung drückt
+ein Fechter, der auf die Parade wartet,&mdash;"die Regierung drückt
sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
-intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
+intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:&mdash;nein,
Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
-zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
-genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
+zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
+genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
umfassende,&mdash;ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."&mdash;Der
-Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
-Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
-saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
+Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
+Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
+saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
-und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
-geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
+und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
+geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
-seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.&mdash;Ich war
-unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
-sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
-das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
-wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
-Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
-hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
-können.&mdash;In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
-Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
-auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
-dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
-hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
-zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
-bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
+seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.&mdash;Ich war
+unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
+sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
+das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
+wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
+Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
+hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
+können.&mdash;In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
+Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
+auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
+dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
+hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
+zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
+bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
-Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
+Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
-Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
-ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
+Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
+ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
-vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
+vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
-Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
+Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
-Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
+Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
Triebfedern im Menschen nicht fand.&mdash;Ich war noch mit diesen Gedanken
-beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
-die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
-und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
-zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.&mdash;Sie überraschen
-mich,&mdash;ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."&mdash;"Ja,&mdash;denken
-Sie nur,"&mdash;antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,&mdash;"Sie
+beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
+die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
+und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
+zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.&mdash;Sie überraschen
+mich,&mdash;ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."&mdash;"Ja,&mdash;denken
+Sie nur,"&mdash;antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,&mdash;"Sie
kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
-unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"&mdash;setzte
+unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"&mdash;setzte
er in verzweifelndem Ton hinzu,&mdash;"ich verliere noch meinen Posten
-darüber!"&mdash;Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
-mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
+darüber!"&mdash;Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
+mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
entziehen.&mdash;"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"&mdash;begann ich
-zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,&mdash;"das
-muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"&mdash;"Das thut es
-auch,&mdash;schrecklich, unsagbar, destructiv!"&mdash;"Aber Sie sagen, daß es im
+zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,&mdash;"das
+muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"&mdash;"Das thut es
+auch,&mdash;schrecklich, unsagbar, destructiv!"&mdash;"Aber Sie sagen, daß es im
Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"&mdash;"Das
-Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
-offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"&mdash;"Ja,
+Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
+offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"&mdash;"Ja,
aber was thun denn die Betreffenden,"&mdash;frug ich ungeduldig und
eindringlich,&mdash;"was fabriziren sie denn?"&mdash;"Einen Stoff!"&mdash;"Einen
Stoff?"&mdash;"Ja, einen Stoff!"&mdash;"Ist es ein Gift?"&mdash;"Wenn Sie wollen
ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
-Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
+Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
brauchen!"&mdash;"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"&mdash;"Ja, wenn
-Sie es so bezeichnen wollen,&mdash;aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
-Vergiftens;&mdash;der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
+Sie es so bezeichnen wollen,&mdash;aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
+Vergiftens;&mdash;der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
-Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
-den Andern verräth."&mdash;"Mein Gott,&mdash;sind es Branntwein-Schänken, wo
-die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
-wird?"&mdash;"Oh,&mdash;Sie sind hundert Meilen weit entfernt?&mdash;Sie gäben
+Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
+den Andern verräth."&mdash;"Mein Gott,&mdash;sind es Branntwein-Schänken, wo
+die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
+wird?"&mdash;"Oh,&mdash;Sie sind hundert Meilen weit entfernt?&mdash;Sie gäben
einen schlechten Commissarius!"&mdash;"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
-Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
-Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."&mdash;"ihre
-staatsgefährliche, criminelle Handlung!"&mdash;interpellirte der Commissar
-mit gewichtigem Pathos,&mdash;"nicht verrathen?"&mdash;ergänzte ich,&mdash;"was ist
-das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"&mdash;"Essenz ist kein schlechtes
-Wort.&mdash;Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
-sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
+Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
+Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."&mdash;"ihre
+staatsgefährliche, criminelle Handlung!"&mdash;interpellirte der Commissar
+mit gewichtigem Pathos,&mdash;"nicht verrathen?"&mdash;ergänzte ich,&mdash;"was ist
+das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"&mdash;"Essenz ist kein schlechtes
+Wort.&mdash;Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
+sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
-wir noch fast in den Anfängen!"&mdash;"Also ein Fluidum ist dieses
-merkwürdige Gift?"&mdash;"So scheint es."&mdash;"Und dasselbe wird von den
-betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"&mdash;
+wir noch fast in den Anfängen!"&mdash;"Also ein Fluidum ist dieses
+merkwürdige Gift?"&mdash;"So scheint es."&mdash;"Und dasselbe wird von den
+betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"&mdash;
"Verbrecherischer Weise fabricirt!"&mdash;"Und unter den Kleidern, sagten
-Sie?"&mdash;"In der That,&mdash;mit kolossaler Vupticität,&mdash;die Augen werden
+Sie?"&mdash;"In der That,&mdash;mit kolossaler Vupticität,&mdash;die Augen werden
nur ein wenig glasig dabei."&mdash;"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
das Eine den Andern?"&mdash;"Das Fluidum,&mdash;vielleicht ist es nur ein
-Hauch!&mdash;wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
-dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"&mdash;"Ein Muß?!"&mdash;"Es gehen
+Hauch!&mdash;wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
+dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"&mdash;"Ein Muß?!"&mdash;"Es gehen
einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
etwas Glossolalie, dummes Gepappel,&mdash;und dann ist es geschehen."&mdash;"Was
ist dann geschehen?"&mdash;"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
-und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"&mdash;"Nun, und?"&mdash;"Diese
+und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"&mdash;"Nun, und?"&mdash;"Diese
wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und&mdash;der Andere windet sich
-in Krämpfen!"&mdash;"Höchst merkwürdig!"&mdash;"Das ist nicht Alles!&mdash;Die Leute
+in Krämpfen!"&mdash;"Höchst merkwürdig!"&mdash;"Das ist nicht Alles!&mdash;Die Leute
verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;&mdash;ein nie
-vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
-unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
+vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
+unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
-den Tod!"&mdash;"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
-die existirt; es sind doch keine <i>Quäker</i>?"&mdash;"Oh nein!&mdash;Sie haben kein
+den Tod!"&mdash;"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
+die existirt; es sind doch keine <i>Quäker</i>?"&mdash;"Oh nein!&mdash;Sie haben kein
transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
-gegründet!"&mdash;"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"&mdash;"Sie
+gegründet!"&mdash;"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"&mdash;"Sie
hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
zweier Personen in der sogenannten Ehe!"&mdash;"Wie so das?&mdash;Was hat die
-Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"&mdash;"Je nachdem der eine oder
-andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
-Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
-zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
-Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"&mdash;"Wie so?"&mdash;"Er
-wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
-kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
-Schema seiner legalen Empfindungen."&mdash;"Das ist ja die merkwürdigste
-Einwirkung, die man sich denken kann!"&mdash;"Ja, es liegt eine förmliche
+Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"&mdash;"Je nachdem der eine oder
+andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
+Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
+zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
+Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"&mdash;"Wie so?"&mdash;"Er
+wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
+kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
+Schema seiner legalen Empfindungen."&mdash;"Das ist ja die merkwürdigste
+Einwirkung, die man sich denken kann!"&mdash;"Ja, es liegt eine förmliche
Vergiftung vor.&mdash;Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
-Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
+Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
-und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
+und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
China und London!"&mdash;"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
-betheiligt?"&mdash;"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
-und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
+betheiligt?"&mdash;"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
+und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
entsetzlich verschlimmert!"&mdash;</p>
<p>Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
-letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
+letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
-als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
-und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.&mdash;Wir
-waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
-Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
+als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
+und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.&mdash;Wir
+waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
+Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
-steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
+steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
Aufzeichnung machte.</p>
-<p>"Ich habe da einen neuen Gedanken,"&mdash;sagte er, als er merkte, daß
-ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
-so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
+<p>"Ich habe da einen neuen Gedanken,"&mdash;sagte er, als er merkte, daß
+ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
+so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
-ausrechnen muß."&mdash;"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
-Gesicht gekommen?"&mdash;frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
-anschließend.&mdash;"Vermuthungsweise.&mdash;Ich schaue auf der Straße Jeden
+ausrechnen muß."&mdash;"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
+Gesicht gekommen?"&mdash;frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
+anschließend.&mdash;"Vermuthungsweise.&mdash;Ich schaue auf der Straße Jeden
darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
-mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
-Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"&mdash;Erst
-nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,&mdash;das
-wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
-wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
-hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"&mdash;"Ich muß noch einmal, Herr
+mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
+Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"&mdash;Erst
+nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,&mdash;das
+wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
+wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
+hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"&mdash;"Ich muß noch einmal, Herr
Commissar,"&mdash;bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,&mdash;"die
-Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
+Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
-gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"</p>
+gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"</p>
<p>Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
abgewehrt; "Ach,"&mdash;fing er dann endlich an,&mdash;"ich glaube Sie sind auf
der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
-es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
-Unterschiede anschlage."&mdash;"Männer <i>und</i> Weiber?"&mdash;frug ich.&mdash;"Männer
-sowohl wie Weiber!"&mdash;"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
+es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
+Unterschiede anschlage."&mdash;"Männer <i>und</i> Weiber?"&mdash;frug ich.&mdash;"Männer
+sowohl wie Weiber!"&mdash;"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,&mdash;es kommen da so
-manche intime Vorgänge in Betracht?"&mdash;"Ach,"&mdash;sagte er,&mdash;"mit einem
-Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
-Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
-Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
-regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
+manche intime Vorgänge in Betracht?"&mdash;"Ach,"&mdash;sagte er,&mdash;"mit einem
+Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
+Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
+Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
+regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
vorliegen."&mdash;"Was meint die Regierung in diesem Punkt?&mdash;wenn es nicht
ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"&mdash;"Die Regierung
unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
-sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,&mdash;die Männer
+sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,&mdash;die Männer
und die Weiber."&mdash;"So, also doch!"&mdash;bemerkte ich verwundert. "Ja,
-aber"&mdash;fügte der Commissar ärgerlich hinzu,&mdash;"es scheinen lediglich
-formelle Unterschiede zu sein."&mdash;"Welche denn?"&mdash;"Männer und Weiber
+aber"&mdash;fügte der Commissar ärgerlich hinzu,&mdash;"es scheinen lediglich
+formelle Unterschiede zu sein."&mdash;"Welche denn?"&mdash;"Männer und Weiber
arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
-Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
+Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
-gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
-die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,&mdash;fast nur ein Hauch,&mdash;als
-das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
-ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
+gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
+die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,&mdash;fast nur ein Hauch,&mdash;als
+das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
+ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
-Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
+Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
das Volk ansteckt, und die &gt;moralischen Fundamente der heutigen
-Gesellschafts-Ordnung untergräbt&lt;, wie der Regierungs-Passus lautet;
-wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
-dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
-betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
+Gesellschafts-Ordnung untergräbt&lt;, wie der Regierungs-Passus lautet;
+wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
+dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
+betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
-die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"&mdash;"Mein
-Gott,&mdash;es sind doch keine <i>Jesuiten</i>?"&mdash;frug ich unwillkürlich.&mdash;"O
+die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"&mdash;"Mein
+Gott,&mdash;es sind doch keine <i>Jesuiten</i>?"&mdash;frug ich unwillkürlich.&mdash;"O
nein,"&mdash;antwortete der Commissar,&mdash;"aber von derselben Pfiffigkeit
-und Geriebenheit!"&mdash;und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
+und Geriebenheit!"&mdash;und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
-Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
+Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
-sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
-ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
+sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
+ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
Menschen, und lacht.&mdash;Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
-Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"&mdash;"Du lieber Himmel,
+Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"&mdash;"Du lieber Himmel,
das klingt ja wie <i>Freimaurer</i>!"&mdash;"O nein!"&mdash;sagte mein Begleiter,
und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,&mdash;"diese
Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
-einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
-Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"&mdash;brach mein Begleiter plötzlich in
+einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
+Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"&mdash;brach mein Begleiter plötzlich in
krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
-den Armen fuchtelnd voraus,&mdash;"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
+den Armen fuchtelnd voraus,&mdash;"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
-mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
+mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"&mdash;"Mein Gott, Herr
Commissar,"&mdash;eilte ich hinterdrein,&mdash;"beruhigen Sie sich!"&mdash;Wir waren
-bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
+bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
-daß er äußerlich ruhig neben mir herging.&mdash;Es wurde jetzt nichts mehr
-gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
+daß er äußerlich ruhig neben mir herging.&mdash;Es wurde jetzt nichts mehr
+gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
-vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
-Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
-eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
-aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
-eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
-ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
+vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
+Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
+eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
+aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
+eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
+ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
-sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.&mdash;</p>
+sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.&mdash;</p>
<p>Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
-Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
-Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
+Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
+Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.&mdash;Aber eines Nachmittags
-begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
+begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
-wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
-in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
-herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
-hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
+wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
+in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
+herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
+hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
-dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
-ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
+dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
+ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
Erde ausgebreitet ist."&mdash;Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
-Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
-dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
-eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
-Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
-ausdrücken."&mdash;</p>
-
-<p>Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.&mdash;Gestern wurde eine
-größere Anzahl französischer <i>Dirnen</i> aus der Umgebung von Besançon
+Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
+dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
+eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
+Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
+ausdrücken."&mdash;</p>
+
+<p>Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.&mdash;Gestern wurde eine
+größere Anzahl französischer <i>Dirnen</i> aus der Umgebung von Besançon
und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
-hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
-und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
-(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
+hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
+und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
+(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
gebracht."</p>
-<p>"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"&mdash;sagte
+<p>"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"&mdash;sagte
ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
-entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
+entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
Commissar zu verhandeln.&mdash;Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
-hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
+hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
-und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"&mdash;"Die,"&mdash;sagte der
-Commissar mit traurigem Kopfschütteln,&mdash;"die werden wir nie fassen! Die
-kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!&mdash;Die...." (hier sagte mir
+und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"&mdash;"Die,"&mdash;sagte der
+Commissar mit traurigem Kopfschütteln,&mdash;"die werden wir nie fassen! Die
+kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!&mdash;Die...." (hier sagte mir
der Commissar etwas leise in's Ohr)!&mdash;Dann gab er mir die Hand, und wir
schieden stumm von einander.&mdash;</p>
@@ -1228,723 +1212,723 @@ schieden stumm von einander.&mdash;</p>
<h3><a name="Der_Corsetten-Fritz" id="Der_Corsetten-Fritz">Der Corsetten-Fritz</a></h3>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 65%;">
-<i>Aus alten Märchen winkt es</i><br />
-<i>Hervor mit weißer Hand,</i><br />
+<i>Aus alten Märchen winkt es</i><br />
+<i>Hervor mit weißer Hand,</i><br />
<i>Da singt es und da klingt es</i><br />
<i>Von einem Zauberland.</i><br />
<span style="margin-left: 7em;">Heine</span><br />
</p>
<hr class="r5" />
<p>Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
-ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
-Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
-leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
-wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
+ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
+Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
+leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
+wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
-psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
+psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
-hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
+hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
-anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
-Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
-niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
+anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
+Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
+niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
-etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
-eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
-Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
-und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"&mdash;und
-meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
+etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
+eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
+Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
+und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"&mdash;und
+meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
-tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
+tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
-begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.&mdash;Dieß ist die intensivste
+begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.&mdash;Dieß ist die intensivste
Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
-jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
-nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.&mdash;</p>
+jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
+nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.&mdash;</p>
-<p>Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
-in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
+<p>Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
+in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
-mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
+mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
-Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
-Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
-Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
-mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
+Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
+Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
+Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
+mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
-jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
+jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
nicht.&mdash;</p>
-<p>Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
-war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
-that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
-die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
-Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
+<p>Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
+war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
+that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
+die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
+Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
-wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
+wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
Gymnasium zu besuchen.</p>
-<p>Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
-die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
+<p>Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
+die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
-mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
-der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
-machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
+mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
+der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
+machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
-Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
-Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.&mdash;</p>
+Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
+Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.&mdash;</p>
<p>Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
-zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
-und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
-den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
+zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
+und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
+den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
-den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
+den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
mit.&mdash;Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
-fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
+fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
-hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
-Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
+hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
+Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
-eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
-Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
-um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
-möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
-Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
-mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
+eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
+Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
+um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
+möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
+Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
+mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
-souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
-auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
-auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
-Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
-vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
+souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
+auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
+auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
+Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
+vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
-Auftrag vollständig vergaß.</p>
+Auftrag vollständig vergaß.</p>
<p>Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
-wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
-spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
-schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
+wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
+spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
+schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
-gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
-mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
-glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
-und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern&mdash;wie
-soll ich sagen!&mdash;leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
-Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
-des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
-schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
-angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
-herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
-anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
-ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
-zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
-die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
+gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
+mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
+glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
+und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern&mdash;wie
+soll ich sagen!&mdash;leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
+Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
+des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
+schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
+angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
+herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
+anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
+ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
+zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
+die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,&mdash;rief ich
-innerlich mit einem überquellenden Impuls&mdash;und wenn Du auch nur ein
-Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
-und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"&mdash;So
-sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
-welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
-süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
-mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
-diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
-kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,&mdash;von der ich noch
-nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
-glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
+innerlich mit einem überquellenden Impuls&mdash;und wenn Du auch nur ein
+Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
+und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"&mdash;So
+sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
+welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
+süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
+mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
+diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
+kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,&mdash;von der ich noch
+nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
+glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
-die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
-sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
-sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
-Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
+die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
+sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
+sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
+Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
sein?&mdash;Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
-Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
-doch künstlich; war angefüllt;&mdash;oh, ich lasse mich nicht so leicht
-täuschen!&mdash;und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
+Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
+doch künstlich; war angefüllt;&mdash;oh, ich lasse mich nicht so leicht
+täuschen!&mdash;und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
-füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
+füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?&mdash;fuhr ich weiter
-für mich zu fragen fort.&mdash;Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
-fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
-Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
-von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!&mdash;Einerlei&mdash;fuhr ich nach
+für mich zu fragen fort.&mdash;Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
+fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
+Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
+von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!&mdash;Einerlei&mdash;fuhr ich nach
einigem Bedenken fort,&mdash;jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
-erwerben. Denn offenbar,&mdash;darüber war ich orientirt&mdash;ist das, was
+erwerben. Denn offenbar,&mdash;darüber war ich orientirt&mdash;ist das, was
hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
-kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
-ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
+kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
+ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
-Leben nie glücklich sein...!</p>
+Leben nie glücklich sein...!</p>
<p>In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
-plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
-ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
-mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
-trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
+plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
+ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
+mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
+trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
-Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
-wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.&mdash;</p>
+Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
+wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.&mdash;</p>
<p>Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
-schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
+schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
-Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
-spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
-tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
-vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
-ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
-daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
-hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
-gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
-wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
-bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
+Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
+spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
+tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
+vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
+ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
+daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
+hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
+gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
+wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
+bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.</p>
-<p>In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
-golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
+<p>In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
+golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
-weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
-und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
-und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
-diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
-wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
+weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
+und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
+und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
+diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
+wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.&mdash;</p>
<p>Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
-plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
-herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
-Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
+plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
+herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
+Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
-dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
+dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
-Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
-die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
+Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
+die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
-Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
-die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
+Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
+die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
-ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.</p>
+ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.</p>
-<p>Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
+<p>Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
-ähnliches seines Geschlechts.&mdash;Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
-ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
+ähnliches seines Geschlechts.&mdash;Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
+ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
-Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
+Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
-mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
-lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
-Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
-Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
-weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
-hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
-über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
+mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
+lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
+Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
+Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
+weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
+hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
+über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
-bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
-einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
-Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
-klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
-verschiedene Organe nothwendig seien.&mdash;Ich wollte durch's Schlüsselloch
-der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
-treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
+bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
+einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
+Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
+klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
+verschiedene Organe nothwendig seien.&mdash;Ich wollte durch's Schlüsselloch
+der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
+treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
-Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
-auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
-wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
-einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
-klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
+Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
+auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
+wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
+einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
+klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
-zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
-hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
-die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
-eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
+zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
+hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
+die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
+eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
-das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
-Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
+das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
+Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
-mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
-hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
-Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
+mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
+hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
+Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
-Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.&mdash;Ich setzte
-mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
-meinen Empfindungen und Erwägungen.</p>
+Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.&mdash;Ich setzte
+mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
+meinen Empfindungen und Erwägungen.</p>
<p>Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
-gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
-abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
+gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
+abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
-schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
-während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
+schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
+während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
-geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
-Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
-sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
-Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
-dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
-Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
-farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
-Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
-Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
-die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
-wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
-Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
-jetzt an zu construiren&mdash;einen höchst zarten, gracilen Leib, das
-heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
-ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
-Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
-zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
-ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
+geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
+Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
+sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
+Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
+dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
+Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
+farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
+Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
+Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
+die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
+wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
+Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
+jetzt an zu construiren&mdash;einen höchst zarten, gracilen Leib, das
+heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
+ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
+Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
+zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
+ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
-Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
-vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
-Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
+Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
+vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
+Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
-und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
-von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
+und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
+von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
-einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
-Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
-folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
+einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
+Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
+folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
-beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
-und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
-treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
-herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
-die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
-Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
-den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
-bloßen Leib getragen werden.&mdash;Weit weniger gern vertiefte ich mich in
-die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
-naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
-erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
-jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
-Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.</p>
+beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
+und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
+treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
+herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
+die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
+Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
+den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
+bloßen Leib getragen werden.&mdash;Weit weniger gern vertiefte ich mich in
+die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
+naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
+erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
+jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
+Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.</p>
<p>Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
-großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
-hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
+großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
+hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
-Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
-welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
-Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
-gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
-Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
-und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
-griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
+Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
+welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
+Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
+gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
+Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
+und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
+griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
-was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
-der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
-anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
+was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
+der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
+anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
sei.&mdash;</p>
-<p>Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
+<p>Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
-entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
-zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
-Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
-Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
-Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines <i>Odysseus</i>,
+entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
+zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
+Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
+Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
+Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines <i>Odysseus</i>,
die Begebenheiten bei der <i>Circe</i>, sein Besuch bei den abgeschiedenen
Seelen, oder die Metamorphosen bei <i>Ovid</i> konnten mich fest halten.
-Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
-Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
-sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
-nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
+Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
+Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
+sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
+nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
-die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
-ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
-ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
-Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
+die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
+ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
+ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
+Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.</p>
<p>So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
-Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
+Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
-das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
+das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
-aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
-wußte ich nicht.&mdash;Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
-hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
-krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
-Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
-wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
+aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
+wußte ich nicht.&mdash;Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
+hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
+krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
+Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
+wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
-dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
+dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
-Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
-Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
-zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
-starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
+Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
+Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
+zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
+starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
-ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
-kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
-spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
-von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
+ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
+kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
+spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
+von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
-diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
-Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
+diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
+Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
-Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
-ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
-u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
+Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
+ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
+u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
-Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
-Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.</p>
+Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
+Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.</p>
-<p>Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
-ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
+<p>Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
+ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
-die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
-worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
-wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
+die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
+worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
+wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
-farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
-genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
+farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
+genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
-ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
+ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
-geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
-Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
-Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
+geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
+Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
+Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
-noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
+noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
S' Ihnen aussuchen!"&mdash;Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
-ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
-ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
-Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
-mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
+ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
+ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
+Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
+mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
Religionsstunde.&mdash;</p>
-<p>Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
-empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
+<p>Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
+empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
Corsetten-Fritz!"&mdash;Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
-Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
-gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
-Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
-daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
-mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
-blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
+Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
+gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
+Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
+daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
+mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
+blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
dieser Isolirung war mir am wohlsten.</p>
-<p>So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
-Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
-da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
+<p>So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
+Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
+da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
-wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
+wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
-wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
+wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
-weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
-jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
-schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
-eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
-"Bestimmung des Menschen?"&mdash;Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
-mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
-Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
-Menschen?"&mdash;Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.&mdash;Die
-Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
-gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,&mdash;die war mir wohl
-geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
-Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.&mdash;Trotzdem mußte
+weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
+jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
+schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
+eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
+"Bestimmung des Menschen?"&mdash;Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
+mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
+Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
+Menschen?"&mdash;Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.&mdash;Die
+Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
+gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,&mdash;die war mir wohl
+geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
+Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.&mdash;Trotzdem mußte
mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
-begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
-mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
-Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
+begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
+mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
+Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
-ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
-äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
+ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
+äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
-durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
+durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
-ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
-Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
-zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
+ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
+Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
+zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
-dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
+dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
-werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
-von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
+werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
+von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
-die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
-das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
-Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf&mdash;das ist die Bestimmung
+die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
+das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
+Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf&mdash;das ist die Bestimmung
des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
-selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
+selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
wir es auswendig gelernt haben.&mdash;</p>
-<p>Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
-wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
-"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
-Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
-wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
-Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
-getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
-der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
+<p>Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
+wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
+"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
+Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
+wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
+Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
+getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
+der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.&mdash;Diese erste Note wog
-so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
-alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
-ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
-im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
-gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
-erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.&mdash;</p>
-
-<p>Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
+so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
+alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
+ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
+im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
+gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
+erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.&mdash;</p>
+
+<p>Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
-Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
-und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
-endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
+Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
+und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
+endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
-so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
-süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
+so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
+süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
-der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
-vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
-beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
-unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
+der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
+vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
+beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
+unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
-schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
+schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
-ein Geschenk,&mdash;ein Gastgeschenk&mdash;das sei so üblich. Man wähle sich
-eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
-Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
+ein Geschenk,&mdash;ein Gastgeschenk&mdash;das sei so üblich. Man wähle sich
+eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
+Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
sein, u.s.w.&mdash;Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
-hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
+hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
fahndete?&mdash;Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
-über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
-Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
-durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
-durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
-rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
+über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
+Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
+durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
+durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
+rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
-breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
-emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
-Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
+breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
+emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
+Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
-empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
+empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
-weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
-phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
-langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
-Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
+weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
+phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
+langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
+Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
sie heute zum ersten Mal</p>
-<p>Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
-Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
-die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
+<p>Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
+Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
+die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
-Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
+Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
-höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
-dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
-und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
+höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
+dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
+und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
-mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
-andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
+mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
+andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
-zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
+zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
-Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
+Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
-des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
-schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
+des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
+schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
-Wesen!"&mdash;rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',&mdash;"Dich
+Wesen!"&mdash;rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',&mdash;"Dich
kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
-herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
+herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
-bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
-ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
-kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
+bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
+ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
+kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
-Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
+Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
-gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
+gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
-Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
+Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
-hineinbeißen...?"&mdash;Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
-noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
+hineinbeißen...?"&mdash;Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
+noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
-und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
-mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
+und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
+mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
-steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
+steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.&mdash;Mein Freund hatte
-mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
+mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
-geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
-ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
-Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
-Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
-und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
+geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
+ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
+Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
+Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
+und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
Orange-Fee.&mdash;</p>
-<p>Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
-Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
-Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
+<p>Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
+Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
+Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
-Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
+Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
-gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.</p>
+gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.</p>
-<p>Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
-auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
-ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
+<p>Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
+auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
+ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
-Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
+Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
-gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
-ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
-Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
+gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
+ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
+Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.&mdash;</p>
-<p>So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
-eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
-Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
-angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
-traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
-in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
+<p>So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
+eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
+Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
+angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
+traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
+in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
Erfolg lustig machte.</p>
-<p>Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
+<p>Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
-gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
-mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
+gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
+mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
-an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
-ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
-sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.&mdash;Aber eine andere Befriedigung
-wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
-folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
-damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
-für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
+an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
+ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
+sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.&mdash;Aber eine andere Befriedigung
+wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
+folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
+damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
+für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
-Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
+Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.</p>
-<p>Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
-hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,&mdash;ich
-vergesse, welchen,&mdash;langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
-und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
-schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
-Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
-hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
-Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
-ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
+<p>Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
+hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,&mdash;ich
+vergesse, welchen,&mdash;langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
+und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
+schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
+Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
+hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
+Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
+ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
-die nur überraschend und merkwürdig war.&mdash;Doch war ich nach einigen
+die nur überraschend und merkwürdig war.&mdash;Doch war ich nach einigen
Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
-Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
-von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
-Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
-was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
+Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
+von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
+Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
+was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
-ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
+ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
-immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
-Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
-ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
+immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
+Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
+ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.&mdash;In diesem
-Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
-muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
-ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
-keiner Verführung mehr nachzugeben.&mdash;Aber meine Seele hatte ihre Tour
-schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
-Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
+Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
+muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
+ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
+keiner Verführung mehr nachzugeben.&mdash;Aber meine Seele hatte ihre Tour
+schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
+Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
Residenzstadt.&mdash;Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
-Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
+Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
die Stelle kam,&mdash;in meiner Seelengeschichte&mdash;wo ich im Auftrag meiner
Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
-wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
+wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
-in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
-Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
-welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
+in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
+Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
+welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
-hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
-Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
-winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
-der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
+hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
+Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
+winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
+der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
-aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.&mdash;Bis
-dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
-verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
-etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
-Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
-Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
-ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
-nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
+aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.&mdash;Bis
+dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
+verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
+etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
+Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
+Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
+ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
+nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
lachend, riefen: "Ei, das ist ja der <i>Corsetten-Fritz</i>!"&mdash;Und
"<i>Corsetten-Fritz</i>! <i>Corsetten-Fritz</i>!" folgte es jetzt im Chor.
-Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
-war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
-höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
-zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
-natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
-und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
-so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
-bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
-Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.</p>
+Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
+war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
+höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
+zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
+natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
+und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
+so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
+bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
+Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.</p>
<p>Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
-es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
+es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
-Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
-eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
+Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
+eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
-gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
-beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
-betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
-daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
-aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
-zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
-gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
-Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
+gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
+beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
+betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
+daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
+aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
+zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
+gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
+Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
-sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
+sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
offenbar bestellte, fabricirte Sache.&mdash;</p>
@@ -1954,1253 +1938,1253 @@ offenbar bestellte, fabricirte Sache.&mdash;</p>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 60%;">
"<i>Nehmet wahr der Raben;</i><br />
-<i>sie säen nicht, sie ernten auch</i><br />
+<i>sie säen nicht, sie ernten auch</i><br />
<i>nicht, und euer himmlischer</i><br />
-<i>Vater nähret sie doch.</i>"<br />
+<i>Vater nähret sie doch.</i>"<br />
<span style="margin-left: 5.5em;">Lucas 12, 24</span><br />
</p>
<hr class="r5" />
-<p>Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
-Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
+<p>Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
+Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
-der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
-aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
-und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
-ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
+der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
+aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
+und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
+ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
des <i>Sioux</i>- und <i>Cheyennes</i>-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
herausforderte.</p>
-<p>Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
-hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
-Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
+<p>Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
+hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
+Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
-die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.&mdash;Dieser Fall trat nun
-auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
+die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.&mdash;Dieser Fall trat nun
+auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
-rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
-meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
-Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
-nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
-in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
+rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
+meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
+Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
+nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
+in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
-zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.&mdash;So weit
-war dieß gut.&mdash;</p>
+zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.&mdash;So weit
+war dieß gut.&mdash;</p>
-<p>Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
-mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
+<p>Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
+mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
-Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
-Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
+Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
+Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
-Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
-Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
+Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
+Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
freundlich aber fest auf mich gerichtet.&mdash;Eine Cigarre, die ich ihm
anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
-lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
-und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
+lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
+und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
-gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
-Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
+gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
+Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
-niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
-Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
-Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
-kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
-in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
-Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
-Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
+niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
+Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
+Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
+kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
+in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
+Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
+Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
-Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
-Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
-Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
+Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
+Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
+Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
-und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
-ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
-stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
-Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
+und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
+ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
+stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
+Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
an ihm gewohnt war.&mdash;</p>
<p>"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
-gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
-auf Dir ruhen lassen!"&mdash;"Das ist nicht der Mühe werth,"&mdash;meinte
-ich,&mdash;"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
+gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
+auf Dir ruhen lassen!"&mdash;"Das ist nicht der Mühe werth,"&mdash;meinte
+ich,&mdash;"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
geworden."&mdash;"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
ganzer Stamm ist krank!"&mdash;"Wieso,"&mdash;fragte ich verwundert,&mdash;"was ist
passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"&mdash;wiederholte
-der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
+der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
Gedanke der Welt.&mdash;"Warum wollt Ihr sterben?"&mdash;frug ich mit tiefer
-Theilnahme.&mdash;"Doctor,"&mdash;sagte der Häuptling,&mdash;"Dein Auge gefällt
-mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
-mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
+Theilnahme.&mdash;"Doctor,"&mdash;sagte der Häuptling,&mdash;"Dein Auge gefällt
+mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
+mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
ruhen lassen!"&mdash;"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
wissen?"&mdash;"Die <i>Sioux</i> und die <i>Cheyennes</i> und die <i>Arapahons</i>
und die <i>Dakota</i> wollen sterben!"&mdash;"Und warum?"&mdash;"Weil wir nicht
-leben können!"&mdash;"Und warum"&mdash;"Weil die Todtengesichter um uns herum
-uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
-Büffel!"&mdash;"Wer sind das, die Todtengesichter?"&mdash;"Die Pferds-Leute um
-uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."&mdash;"Um
+leben können!"&mdash;"Und warum"&mdash;"Weil die Todtengesichter um uns herum
+uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
+Büffel!"&mdash;"Wer sind das, die Todtengesichter?"&mdash;"Die Pferds-Leute um
+uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."&mdash;"Um
Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"&mdash;"Ja, die Pferds-Leute!"&mdash;"Und
deshalb wollt Ihr sterben?"&mdash;frug ich verwundert, und nicht wenig
-erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
-Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
-Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
-ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
-Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.&mdash;"Was meinst Du zu
+erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
+Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
+Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
+ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
+Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.&mdash;"Was meinst Du zu
<i>Brandy</i>, Doctor,"&mdash;nahm der Indianer wieder das Wort,&mdash;"die <i>Sioux</i>
trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"&mdash;"Ja, was wollt Ihr
-mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.&mdash;"Wir könnten alle unsere
+mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.&mdash;"Wir könnten alle unsere
Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
-Hälse abschneiden."&mdash;"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"&mdash;"Ja,
-aber wir wären schön gestorben!"&mdash;"Wieviel seid Ihr da drüben?"&mdash;"Die
-Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."&mdash;"Und wieviel Kinder habt
+Hälse abschneiden."&mdash;"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"&mdash;"Ja,
+aber wir wären schön gestorben!"&mdash;"Wieviel seid Ihr da drüben?"&mdash;"Die
+Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."&mdash;"Und wieviel Kinder habt
Ihr?"&mdash;"Wir haben keine Kinder."&mdash;"Was?"&mdash;rief ich erstaunt,&mdash;"es
-müssen doch Kinder da sein!"&mdash;"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
+müssen doch Kinder da sein!"&mdash;"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
seit zehn Jahren ersticken wir sie."&mdash;"Mein Gott!"&mdash;rief ich,&mdash;"wie
-gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"&mdash;Der
+gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"&mdash;Der
Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
-für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
-Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
+für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
+Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"&mdash;"Ich habe nichts
-gegen den Brandy;"&mdash;antwortete ich halb gleichgültig,&mdash;"ich finde
-es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
-es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
+gegen den Brandy;"&mdash;antwortete ich halb gleichgültig,&mdash;"ich finde
+es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
+es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
sterben."&mdash;"Ja, Doktor"&mdash;antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
-zugehört hatte,&mdash;"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
+zugehört hatte,&mdash;"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
er macht so gemeine Grimassen,&mdash;wie die der Pferdsleute...."&mdash;"Wie
wer?"&mdash;warf ich dazwischen.&mdash;"Wie die Pferdsleute!"&mdash;betonte der
-Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
-Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
+Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
+Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
wohnen...."&mdash;"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"&mdash;frug ich
-noch;&mdash;"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,&mdash;"wie die
-Amerikaner;&mdash;-nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
-große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;&mdash;Doctor,
+noch;&mdash;"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,&mdash;"wie die
+Amerikaner;&mdash;-nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
+große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;&mdash;Doctor,
nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."&mdash;"Mein
lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
-zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,&mdash;"ein
+zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,&mdash;"ein
solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
-Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
-Heilung damit wirken wollen;&mdash;übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
-weiter,&mdash;"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
+Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
+Heilung damit wirken wollen;&mdash;übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
+weiter,&mdash;"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
das Pfeilgift...."&mdash;"Doctor!"&mdash;fiel der Indianer mir langsam und
schlau blinzelnd in's Wort,&mdash;"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
-wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
-riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!&mdash;Doctor, nenn
+wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
+riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!&mdash;Doctor, nenn
mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
-einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
-des großen Geistes abschießen!"&mdash;"Warum pactirt Ihr nicht mit den
+einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
+des großen Geistes abschießen!"&mdash;"Warum pactirt Ihr nicht mit den
Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"&mdash;versuchte
-ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
+ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
andere Richtung zu geben,&mdash;"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
-so viel Platz da drüben."&mdash;"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
-dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"&mdash;(dann nach
-einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
+so viel Platz da drüben."&mdash;"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
+dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"&mdash;(dann nach
+einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
-sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
+sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
ist...."&mdash;"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"&mdash;rief ich
-voll Entsetzen,&mdash;"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
-Plan ausgeheckt?"&mdash;"....Doctor,"&mdash;fuhr der Häuptling fort, indem er
-das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,&mdash;"was
-hälst Du vom Tabak?"&mdash;"Ich halte nichts vom Tabak!"&mdash;erwiderte ich
+voll Entsetzen,&mdash;"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
+Plan ausgeheckt?"&mdash;"....Doctor,"&mdash;fuhr der Häuptling fort, indem er
+das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,&mdash;"was
+hälst Du vom Tabak?"&mdash;"Ich halte nichts vom Tabak!"&mdash;erwiderte ich
unmuthig,&mdash;"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
-Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."&mdash;"... Und er
-macht die Menschen im Innern so schmutzig!"&mdash;ergänzte der rothfärbige
-Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,&mdash;"auch würden die
-Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
+Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."&mdash;"... Und er
+macht die Menschen im Innern so schmutzig!"&mdash;ergänzte der rothfärbige
+Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,&mdash;"auch würden die
+Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
-klein;... nein, Doctor,&mdash;aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
+klein;... nein, Doctor,&mdash;aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
-genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
-und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
+genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
+und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
-Freund, den großen Geist betrügen!"&mdash;"Berühmter Häuptling," ich, "was
-Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
+Freund, den großen Geist betrügen!"&mdash;"Berühmter Häuptling," ich, "was
+Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
-hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
-auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
+hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
+auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
-diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
-dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
-der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
-Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
-er mich, und schaute weg.&mdash;"Wir <i>Sioux</i> und <i>Cheyennes</i>,"&mdash;fügt er
-dann nach längerem Besinnen hinzu,&mdash;"sind doch noch zu sehr Menschen;
-wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
+diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
+dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
+der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
+Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
+er mich, und schaute weg.&mdash;"Wir <i>Sioux</i> und <i>Cheyennes</i>,"&mdash;fügt er
+dann nach längerem Besinnen hinzu,&mdash;"sind doch noch zu sehr Menschen;
+wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
-Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
-stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
-auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
-Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
-würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
-blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
-verrecken."&mdash;"Häuptling,"&mdash;entgegnete ich&mdash;"Deine Phantasie ist
-schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
-der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
+Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
+stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
+auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
+Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
+würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
+blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
+verrecken."&mdash;"Häuptling,"&mdash;entgegnete ich&mdash;"Deine Phantasie ist
+schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
+der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
Wahnsinn grenzt!&mdash;Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
-nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
+nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
-sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
-das nicht der schönste Todt für den Krieger?"&mdash;"Doctor,"&mdash;entgegnete
-mit großer Schläfrigkeit der Indianer&mdash;"warum grundlos so viel Blut
-vergießen?!&mdash;Wir haben unsere Skalpe;... Jeder <i>Sioux</i> muß so viel
+sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
+das nicht der schönste Todt für den Krieger?"&mdash;"Doctor,"&mdash;entgegnete
+mit großer Schläfrigkeit der Indianer&mdash;"warum grundlos so viel Blut
+vergießen?!&mdash;Wir haben unsere Skalpe;... Jeder <i>Sioux</i> muß so viel
Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
-gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
-unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
-Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
-dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den <i>Sioux</i>
-steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!&mdash;Warum jetzt noch
-schmutziges Blut vergießen?&mdash;Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
-der <i>Sioux</i> und <i>Dakota</i>; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
-daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
-das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
+gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
+unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
+Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
+dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den <i>Sioux</i>
+steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!&mdash;Warum jetzt noch
+schmutziges Blut vergießen?&mdash;Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
+der <i>Sioux</i> und <i>Dakota</i>; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
+daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
+das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
-uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
+uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."&mdash;"Was meinst
-Du, Häuptling?"&mdash;entgegnete ich,&mdash;"Habt Ihr gutes Wild und reiche
+Du, Häuptling?"&mdash;entgegnete ich,&mdash;"Habt Ihr gutes Wild und reiche
Jagdreviere?"&mdash;"Nein,&mdash;unser Fleisch soll gut schmecken!"&mdash;"Wessen
Fleisch?&mdash;Euer Fleisch!&mdash;Ihr seid keine Menschenfresser?!"&mdash;"O
-nein der <i>Sioux</i> müßte ausspeien!&mdash;Aber wir könnten unsere jungen
-Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
-Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,&mdash;unser Fleisch gilt
-höher als das des Ebers,&mdash;und die andern würden sich inzwischen im
-tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
-Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
-aufgehängter, todter Gott!..."&mdash;In diesem Augenblick wurde der rothe,
-kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
+nein der <i>Sioux</i> müßte ausspeien!&mdash;Aber wir könnten unsere jungen
+Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
+Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,&mdash;unser Fleisch gilt
+höher als das des Ebers,&mdash;und die andern würden sich inzwischen im
+tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
+Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
+aufgehängter, todter Gott!..."&mdash;In diesem Augenblick wurde der rothe,
+kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
-Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
-plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
-als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
-zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
+Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
+plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
+als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
+zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",&mdash;sagte der
-Häuptling,&mdash;"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
-Deinen Weg behütet."&mdash;Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
+Häuptling,&mdash;"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
+Deinen Weg behütet."&mdash;Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
-home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
+home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
wir erst wieder zu Hause sind).</p>
<hr class="chap" />
-<h3><a name="Ein_scandaloser_Fall" id="Ein_scandaloser_Fall">Ein scandalöser Fall</a></h3>
+<h3><a name="Ein_scandaloser_Fall" id="Ein_scandaloser_Fall">Ein scandalöser Fall</a></h3>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 60%;">
-"Und Er schuf sie, ein Männlein<br />
-und Fräulein, und sprach zu ihnen:<br />
+"Und Er schuf sie, ein Männlein<br />
+und Fräulein, und sprach zu ihnen:<br />
Seid fruchtbar und mehret Euch."<br />
<span style="margin-left: 4.5em;">Genesis 1, 27-28.</span><br />
</p>
<hr class="r5" />
-<p>Das säkularisirte Kloster <i>Douay</i> in der Normandie wurde 1830 insofern
-seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
-für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
-geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
-Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen&mdash;die auch früher das
+<p>Das säkularisirte Kloster <i>Douay</i> in der Normandie wurde 1830 insofern
+seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
+für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
+geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
+Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen&mdash;die auch früher das
Kloster inne gehabt&mdash;von der Regierung gestattet worden war. Die
-dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
-an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
-einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
-besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
+dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
+an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
+einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
+besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
-besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
-Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
+besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
+Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
-es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
+es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
-Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
-Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
+Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
+Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
-Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
-Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
-verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
-Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
-Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
-streng gefordert und geleistet, und ebenso&mdash;die Mädchen waren alle
+Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
+Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
+verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
+Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
+Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
+streng gefordert und geleistet, und ebenso&mdash;die Mädchen waren alle
zwischen 14 und 18&mdash;das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
-Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
+Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
beginnenden Geschichte.&mdash;</p>
-<p>Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
-welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
-dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
-meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
-er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
+<p>Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
+welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
+dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
+meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
+er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
-geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
-einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
-des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
+geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
+einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
+des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
-er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
+er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
-Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
-um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
-scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
+Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
+um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
+scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
-Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
-dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
+Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
+dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
-und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
+und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
-Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
+Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
-Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
-Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
-friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
+Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
+Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
+friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
-absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
+absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
Wesen; das Habit immer tadellos.&mdash;</p>
<p>Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
-normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
-eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
-sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
+normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
+eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
+sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
-die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
+die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
-Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
-Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
-Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
-sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
-ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
-Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
+Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
+Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
+Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
+sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
+ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
+Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
-plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
-von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
-Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
-quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
-erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
-Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
-außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
-Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
-die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
-einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
+plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
+von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
+Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
+quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
+erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
+Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
+außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
+Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
+die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
+einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
-und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
-Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
+und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
+Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
-nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
-mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
-hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
+nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
+mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
+hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
-und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
-und weit über Beau-Regard hinaus.&mdash;</p>
+und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
+und weit über Beau-Regard hinaus.&mdash;</p>
-<p>Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
+<p>Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
-Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
-Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
-temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
+Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
+Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
+temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
-mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,&mdash;wo eine mit schweren
-Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,&mdash;und auf
-die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
-"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
-weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
-Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
-Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
+mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,&mdash;wo eine mit schweren
+Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,&mdash;und auf
+die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
+"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
+weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
+Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
+Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
-Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
-ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
-weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
+Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
+ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
+weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
-lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
-Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
-wesentlich auf la Seure première meist nur La Première&mdash;die
+lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
+Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
+wesentlich auf la Seure première meist nur La Première&mdash;die
vierte Person unseres Schauspiels&mdash;genannt&mdash;eine gescheidte und kluge
-Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
+Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
-präsumtive Nachfolgerin.&mdash;Gehaßt war Henriette aber auch von fast
-allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
-wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
-wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.&mdash;In welchem
-Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
+präsumtive Nachfolgerin.&mdash;Gehaßt war Henriette aber auch von fast
+allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
+wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
+wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.&mdash;In welchem
+Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
-vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
+vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
-und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
-fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
-für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
-die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
-armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
-Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
+und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
+fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
+für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
+die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
+armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
+Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
-an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
-Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
-ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
+an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
+Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
+ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
-ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
+ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
-Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
-aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
-seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.&mdash;Was
+Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
+aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
+seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.&mdash;Was
Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
-weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
-da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
-von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
-einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
-unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
+weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
+da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
+von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
+einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
+unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
-Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
-sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
-hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
-Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
-kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
-Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
-sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
+Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
+sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
+hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
+Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
+kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
+Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
+sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
-Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
-da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
-ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
-und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
+Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
+da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
+ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
+und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
-und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
-wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
+und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
+wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
-zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
-luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
+zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
+luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
-Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
+Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
-mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
-eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
-erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
-vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
-und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
-genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
-Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
+mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
+eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
+erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
+vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
+und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
+genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
+Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und&mdash;faulen
-Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
-so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
-Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
+Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
+so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
+Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
-es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!</p>
+es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!</p>
-<p>Hiermit,&mdash;noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
-mit Scapulier hinzugedacht,&mdash;sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
+<p>Hiermit,&mdash;noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
+mit Scapulier hinzugedacht,&mdash;sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
-120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
-Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
-und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
-Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
-Abschluß gebracht.&mdash;</p>
-
-<p>Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
-getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
-er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
+120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
+Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
+und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
+Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
+Abschluß gebracht.&mdash;</p>
+
+<p>Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
+getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
+er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
-darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
-daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
-beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
-Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
-fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
+darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
+daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
+beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
+Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
+fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
-heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
-Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
-was daraus wird.&mdash;Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
-aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
-Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
+heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
+Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
+was daraus wird.&mdash;Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
+aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
+Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
-zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
+zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
-Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
-Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
+Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
+Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
-die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
+die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
-Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
+Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
nach.&mdash;</p>
<p>Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
-können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
+können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
-an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
-grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
+an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
+grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
-von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
-großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
-abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
-können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
-aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
-an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
-der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
-gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
+von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
+großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
+abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
+können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
+aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
+an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
+der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
+gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
-Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
-Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
-Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
+Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
+Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
+Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
mit einigen Statuetten; und&mdash;das Auffallendste zuletzt&mdash;ein toller,
-aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
+aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
-Geruch gemischt aus&mdash;vergleichsweise&mdash;Zibeben mit Druckerschwärze,
-Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
+Geruch gemischt aus&mdash;vergleichsweise&mdash;Zibeben mit Druckerschwärze,
+Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.&mdash;Und damit haben wir
das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
-Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.&mdash;</p>
+Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.&mdash;</p>
-<p>Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
-vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
-ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
+<p>Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
+vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
+ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
-begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
-und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
+begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
+und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
-Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
-In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
-chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
-und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
-Schliefen, Rutschen, Anziehe-und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
-Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
-Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
-eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
-und Schwätzen.</p>
+Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
+In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
+chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
+und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
+Schliefen, Rutschen, Anziehe-und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
+Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
+Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
+eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
+und Schwätzen.</p>
<p>Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
-Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
-beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
-die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
+Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
+beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
+die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
-alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
-sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
-Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
-gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
+alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
+sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
+Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
+gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.</p>
<p>Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
-Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
-in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
-absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
-Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.</p>
-
-<p>Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
-und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
-ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
-gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
-welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
-Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
+Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
+in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
+absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
+Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.</p>
+
+<p>Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
+und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
+ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
+gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
+welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
+Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
-Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
-zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
-Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
-Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
-funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
+Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
+zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
+Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
+Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
+funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
-Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
-geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.</p>
-
-<p>Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
-immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
-gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
-erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
-Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
-als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
-begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
-jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
-und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
-an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
-hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
-mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
-um Hitzvakanz!!"&mdash;Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
-Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.</p>
+Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
+geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.</p>
+
+<p>Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
+immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
+gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
+erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
+Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
+als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
+begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
+jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
+und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
+an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
+hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
+mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
+um Hitzvakanz!!"&mdash;Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
+Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.</p>
<p>Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
-Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
+Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
-aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
-Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
-grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
-die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
-herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
-spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
+aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
+Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
+grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
+die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
+herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
+spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
-Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
-von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
-Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
-dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
-glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
-aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
+Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
+von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
+Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
+dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
+glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
+aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
-verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
-der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
+verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
+der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
-heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
-und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
+heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
+und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
-leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
-eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
-Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
-sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
-die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
-das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
-halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
-man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
+leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
+eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
+Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
+sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
+die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
+das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
+halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
+man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.&mdash;Alle
-Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
+Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
-sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
+sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
-hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
-wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?&mdash;stürzten die jungen Fratzen
-mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
-Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
-tout ce que vous voudrez!"&mdash;Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
+hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
+wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?&mdash;stürzten die jungen Fratzen
+mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
+Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
+tout ce que vous voudrez!"&mdash;Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
-so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
+so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
-faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
-bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
+faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
+bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
-und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
-den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
-einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
-Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
-verlegenen Gesichtern dortstanden.&mdash;Jetzt ging die Thüre auf, und la
-Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
-etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
-(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
-mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
-"oh Monsieur, c'est honteux!"&mdash;Was es denn gebe,&mdash;beruhigte der Abbé,
+und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
+den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
+einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
+Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
+verlegenen Gesichtern dortstanden.&mdash;Jetzt ging die Thüre auf, und la
+Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
+etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
+(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
+mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
+"oh Monsieur, c'est honteux!"&mdash;Was es denn gebe,&mdash;beruhigte der Abbé,
und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
-und Alexina,&mdash;hieß es nun,&mdash;seien verschwunden, seien weder zur Andacht
-noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
-jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
-Verschulden schließen.&mdash;Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
-halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
-Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
-sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
-Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
+und Alexina,&mdash;hieß es nun,&mdash;seien verschwunden, seien weder zur Andacht
+noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
+jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
+Verschulden schließen.&mdash;Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
+halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
+Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
+sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
+Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
-ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
+ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
-und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
+und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
-Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
-überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
-stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
-sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
-verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
-gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
-Aufstehens aus demselben.&mdash;In diesem Moment ging die zweite Thüre,
-die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
-herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
-Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
+Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
+überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
+stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
+sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
+verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
+gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
+Aufstehens aus demselben.&mdash;In diesem Moment ging die zweite Thüre,
+die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
+herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
+Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
-erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
-konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
+erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
+konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
-ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
-Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
-offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
-verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
-gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.&mdash;Madame
-schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
-ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
+ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
+Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
+offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
+verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
+gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.&mdash;Madame
+schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
+ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
-Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
-Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
-Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
-nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
+Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
+Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
+Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
+nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
-unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
-Ordnung während des Tages verantwortlich.&mdash;Mit einem kleinen "C'est
-bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
-nun allein.&mdash;Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
+unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
+Ordnung während des Tages verantwortlich.&mdash;Mit einem kleinen "C'est
+bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
+nun allein.&mdash;Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
-daß Madame sprach.&mdash;Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,&mdash;meinte
-diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß&mdash;nicht die Sache
-selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
+daß Madame sprach.&mdash;Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,&mdash;meinte
+diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß&mdash;nicht die Sache
+selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
-Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.&mdash;Monsieur machte eine
+Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.&mdash;Monsieur machte eine
abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.&mdash;Ach
-was!&mdash;meinte Madame,&mdash;es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
-soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
-gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
-Versetzung in ein Schwester-Kloster.&mdash;La Première,&mdash;wehrte Monsieur
-ab, der sie sehr gern mochte,&mdash;sei als Lehrkraft unentbehrlich für
-das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
-Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
-sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
-Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
-früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
-schon ausgeflogen.&mdash;Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
-das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
+was!&mdash;meinte Madame,&mdash;es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
+soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
+gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
+Versetzung in ein Schwester-Kloster.&mdash;La Première,&mdash;wehrte Monsieur
+ab, der sie sehr gern mochte,&mdash;sei als Lehrkraft unentbehrlich für
+das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
+Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
+sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
+Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
+früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
+schon ausgeflogen.&mdash;Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
+das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
selbst so weit.&mdash;Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
-moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
-Mädchen so zusammen im Bett lägen.&mdash;Gewiß, die Kleinen spielten ja
+moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
+Mädchen so zusammen im Bett lägen.&mdash;Gewiß, die Kleinen spielten ja
wie die Katzen.&mdash;Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
-gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.&mdash;Allerdings,
-aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
-enges.&mdash;Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
-meinte der Abbé.&mdash;Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
-allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
-sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
-phantasievoll.&mdash;Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
-nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.&mdash;In jedem
+gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.&mdash;Allerdings,
+aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
+enges.&mdash;Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
+meinte der Abbé.&mdash;Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
+allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
+sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
+phantasievoll.&mdash;Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
+nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.&mdash;In jedem
Fall&mdash;meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
-Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
-Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
-keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
+Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
+Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
+keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
Alles gut gehen.&mdash;</p>
-<p>Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
-wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
-zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
-aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
-geleistet!&mdash;Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
+<p>Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
+wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
+zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
+aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
+geleistet!&mdash;Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
-auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
-auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.&mdash;</p>
+auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
+auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.&mdash;</p>
-<p>Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
-Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
+<p>Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
+Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
-Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
+Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.</p>
-<p>Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
-zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
+<p>Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
+zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
-zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
-die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
+zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
+die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
-Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
-Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
-ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
-Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
-sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
-an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
-Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
+Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
+Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
+ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
+Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
+sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
+an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
+Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
-auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
+auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
-weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
+weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
-Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
-und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
-Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
-Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
-sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
-die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
+Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
+und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
+Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
+Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
+sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
+die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
-eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
-noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
+eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
+noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
-beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
-vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
-waren.&mdash;Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
-Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
-Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
-schließend.&mdash;Kinder,&mdash;sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
-nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
-ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
-in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
-Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
-Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
+beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
+vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
+waren.&mdash;Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
+Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
+Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
+schließend.&mdash;Kinder,&mdash;sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
+nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
+ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
+in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
+Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
+Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
-und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
-wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
-"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
+und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
+wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
+"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
-Kletten, nicht mehr zum Losreißen.&mdash;Eine andere Gruppe: La Maitresse
+Kletten, nicht mehr zum Losreißen.&mdash;Eine andere Gruppe: La Maitresse
sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
-Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
+Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
-stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
+stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
-lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
-halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
-Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
-ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
-Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
+lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
+halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
+Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
+ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
+Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
-gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
-und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
+gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
+und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
gescheidter, als Alle miteinander.&mdash;Wieder eine andere Gruppe, darunter
-eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
-sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
-leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
-als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
-weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
-und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
+eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
+sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
+leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
+als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
+weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
+und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.&mdash;Diese
-letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
-der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
+letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
+der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
-Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.&mdash;Ein
-einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
-Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
-habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
+Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.&mdash;Ein
+einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
+Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
+habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
-hinweggesprungen.&mdash;Ah, c'est degoûtant!&mdash;riefen alle Mädchen, c'est
-degoûtant!&mdash;Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
-glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
+hinweggesprungen.&mdash;Ah, c'est degoûtant!&mdash;riefen alle Mädchen, c'est
+degoûtant!&mdash;Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
+glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
-andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
-Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
-plötzlich verschwinden werde.&mdash;Dieß Alles und noch viel mehr hörte
-Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
-Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
-sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.&mdash;La Première!
-La Première!&mdash;riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
+andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
+Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
+plötzlich verschwinden werde.&mdash;Dieß Alles und noch viel mehr hörte
+Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
+Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
+sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.&mdash;La Première!
+La Première!&mdash;riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
dann wild hinaus.&mdash;</p>
-<p>Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
+<p>Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
-nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
+nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
-plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
-Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
-allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
+plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
+Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
+allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
-eigentlich schon excludirt war.&mdash;Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
+eigentlich schon excludirt war.&mdash;Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
-erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
-Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
-Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
-ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
-schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
+erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
+Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
+Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
+ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
+schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
-Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
-als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
-doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
-was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
+Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
+als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
+doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
+was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
-triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
+triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
-Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
+Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.</p>
<p>So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
-der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
-ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
-erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
+der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
+ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
+erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
-und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
-fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
-wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
-ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
-zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
-einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
-nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
-einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
-zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
-solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
-älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
-aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
+und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
+fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
+wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
+ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
+zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
+einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
+nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
+einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
+zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
+solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
+älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
+aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
-aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
-Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
-streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
-der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
+aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
+Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
+streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
+der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
-Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>&mdash;"Le
+Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>&mdash;"Le
diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
-Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
-umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
-sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.&mdash;"Voilä
-sa fiançee!"<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
-et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
-Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
-jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.&mdash;Die Masse
+Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
+umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
+sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.&mdash;"Voilä
+sa fiançee!"<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
+et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
+Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
+jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.&mdash;Die Masse
hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
-im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
-in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
-von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
-Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
-zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
-Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
+im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
+in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
+von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
+Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
+zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
+Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
-Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
+Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
Falles gerettet werden.</p>
-<p>Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
-gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
+<p>Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
+gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
-wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
-Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,&mdash;meinte er&mdash;er müsse
-mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
-ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
-ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
-fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
-sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
+wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
+Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,&mdash;meinte er&mdash;er müsse
+mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
+ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
+ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
+fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
+sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
-Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
-großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn <i>Sanchez</i> den Fall gekannt
-hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
-immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!&mdash;le diable et sa Fianßä!"
-Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.&mdash;Die
-Correction der Angelegenheit&mdash;begann er dann zu la Première, und blieb
+Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
+großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn <i>Sanchez</i> den Fall gekannt
+hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
+immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!&mdash;le diable et sa Fianßä!"
+Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.&mdash;Die
+Correction der Angelegenheit&mdash;begann er dann zu la Première, und blieb
vor ihrste hen,&mdash;scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
-die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
-rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
-Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
-damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
-Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
-Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
-bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
-zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
-so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
-wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
-vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
-würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
-dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
-eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
-et cetera.&mdash;Die Sache&mdash;fügte Monsieur voll Eifer hinzu&mdash;habe auch
-wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.&mdash;Aber
-la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
-Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
-schwieg.&mdash;Mon Dieu!&mdash;sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,&mdash;wenn
-sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
-Monsieur möge fragen,&mdash;meinte sie sie sie werde dann antworten, so
-gut sie's vermöchte.&mdash;Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
-gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"&mdash;"Nicht gewohnheitsgemäß,
-aber häufig."&mdash;"Zu welchem Zweck"&mdash;"Viele der Kleinen fürchteten
-sich allein zu schlafen."&mdash;"Ob es hier zu Berührungen käme?"&mdash;"Zu
+die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
+rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
+Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
+damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
+Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
+Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
+bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
+zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
+so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
+wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
+vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
+würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
+dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
+eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
+et cetera.&mdash;Die Sache&mdash;fügte Monsieur voll Eifer hinzu&mdash;habe auch
+wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.&mdash;Aber
+la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
+Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
+schwieg.&mdash;Mon Dieu!&mdash;sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,&mdash;wenn
+sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
+Monsieur möge fragen,&mdash;meinte sie sie sie werde dann antworten, so
+gut sie's vermöchte.&mdash;Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
+gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"&mdash;"Nicht gewohnheitsgemäß,
+aber häufig."&mdash;"Zu welchem Zweck"&mdash;"Viele der Kleinen fürchteten
+sich allein zu schlafen."&mdash;"Ob es hier zu Berührungen käme?"&mdash;"Zu
den unvermeidlichen!"&mdash;"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"&mdash;"Bei den
-größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
-zusammen;"&mdash;"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
-Zusammenschlafungen vor?"&mdash;"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
-kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
-den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."&mdash;"Ob
-sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
-halte?"&mdash;"Unter keinen Umständen!"&mdash;"Wem sie es zuschreibe?"&mdash;"Der
-Gemüthsanlage; dem Temperament!"&mdash;"Ob die nicht durch die Erbsünde
+größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
+zusammen;"&mdash;"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
+Zusammenschlafungen vor?"&mdash;"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
+kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
+den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."&mdash;"Ob
+sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
+halte?"&mdash;"Unter keinen Umständen!"&mdash;"Wem sie es zuschreibe?"&mdash;"Der
+Gemüthsanlage; dem Temperament!"&mdash;"Ob die nicht durch die Erbsünde
befleckt?"&mdash;"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
-was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
-von Monsieur leichter fallen, als ihr!"&mdash;"Ob es gewöhnlich sei, daß
-Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"&mdash;"Langen, gewiß
+was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
+von Monsieur leichter fallen, als ihr!"&mdash;"Ob es gewöhnlich sei, daß
+Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"&mdash;"Langen, gewiß
nicht, aber schauen!"&mdash;"Das gehe doch nicht!"&mdash;"Bei den Kleinen
wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
-hinaufgingen!"&mdash;"Was damit bezweckt werde?"&mdash;"Die Mädchen seien
-neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
-Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
+hinaufgingen!"&mdash;"Was damit bezweckt werde?"&mdash;"Die Mädchen seien
+neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
+Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
-gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
-zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
-Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
-Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>&mdash;"Ob dies bei älteren,
-wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"&mdash;"In anderer Form; und dann
-aus Interesse für die Toilette!"&mdash;"Ob es hier zu Berührungen käme?"
-"Zu den unvermeidlichen!"&mdash;"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
-der Andern dabei beabsichtigt sei?"&mdash;"Viele Mädchen brüsteten sich mit
-der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
-überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"&mdash;"Ob
-sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"&mdash;"Sie
-können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
-solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
-um sich!"&mdash;"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
+gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
+zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
+Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
+Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>&mdash;"Ob dies bei älteren,
+wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"&mdash;"In anderer Form; und dann
+aus Interesse für die Toilette!"&mdash;"Ob es hier zu Berührungen käme?"
+"Zu den unvermeidlichen!"&mdash;"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
+der Andern dabei beabsichtigt sei?"&mdash;"Viele Mädchen brüsteten sich mit
+der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
+überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"&mdash;"Ob
+sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"&mdash;"Sie
+können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
+solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
+um sich!"&mdash;"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
der Teufel besonders liebe!"&mdash;"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
-groß;&mdash;meinte la Première&mdash;und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
+groß;&mdash;meinte la Première&mdash;und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
von kostbaren und feinen Toiletten!"&mdash;Damit war die Unterredung zu
-Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
+Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
-freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
-das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
-und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
-im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
-sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
+freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
+das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
+und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
+im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
+sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.</p>
<p>Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
-nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
-Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
-es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
-gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
-aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
-Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
+nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
+Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
+es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
+gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
+aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
+Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.&mdash;Monsieur trug seine
moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
-und allein der Ausgang des Falles abhänge.&mdash;La Superieure erwiederte
-etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
-Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
-aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
+und allein der Ausgang des Falles abhänge.&mdash;La Superieure erwiederte
+etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
+Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
+aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.&mdash;Dem widersprach sehr
-ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
-Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.&mdash;Das könne er&mdash;meinte
+ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
+Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.&mdash;Das könne er&mdash;meinte
Madame piquirt&mdash;inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;&mdash;und
-verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.&mdash;</p>
+verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.&mdash;</p>
<p>Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
-Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
-weinen an.&mdash;Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
-jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
-und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
-Gewissen.&mdash;Mon pere&mdash;fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
-den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,&mdash;meine Liebe zu Henriette
-ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
-Tauben, die nichts vom Argen wissen!&mdash;Diese Sprache überraschte den
-Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
+Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
+weinen an.&mdash;Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
+jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
+und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
+Gewissen.&mdash;Mon pere&mdash;fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
+den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,&mdash;meine Liebe zu Henriette
+ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
+Tauben, die nichts vom Argen wissen!&mdash;Diese Sprache überraschte den
+Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
-Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
+Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
-hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
-Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?&mdash;Ah, mon père,&mdash;fiel
-Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein&mdash;ja,
-ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
-Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
+hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
+Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?&mdash;Ah, mon père,&mdash;fiel
+Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein&mdash;ja,
+ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
+Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
-<i>meine Seele</i>; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
-es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
-einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
-und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
+<i>meine Seele</i>; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
+es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
+einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
+und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.&mdash;Hier
-war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.&mdash;Und
-niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
-Eure Seele, ma fille?&mdash;frug nochmals der Abbé eindringlich.&mdash;Nur die
+war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.&mdash;Und
+niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
+Eure Seele, ma fille?&mdash;frug nochmals der Abbé eindringlich.&mdash;Nur die
Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
Enthusiasmus empor,&mdash;nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
-Seele gepflanzt.&mdash;C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
-auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
+Seele gepflanzt.&mdash;C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
+auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
ferner bewahren.&mdash;Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.&mdash;</p>
-<p>Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
-welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
+<p>Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
+welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
-sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
-Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.&mdash;Monsieur öffnete
+sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
+Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.&mdash;Monsieur öffnete
die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
-diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
+diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
-Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
+Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
-also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
+also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
-zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
-Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
+zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
+Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
-Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
-Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
-Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
-Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
-und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
-unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
-liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
-Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
-kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
-über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
-nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
-Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
-Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
-zierlich wie die Eier des Rebhuhns?&mdash;Deine Seele schläft oft und
-Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
-und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
-Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
+Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
+Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
+Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
+Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
+und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
+unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
+liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
+Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
+kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
+über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
+nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
+Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
+Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
+zierlich wie die Eier des Rebhuhns?&mdash;Deine Seele schläft oft und
+Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
+und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
+Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
-der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
-Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
+der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
+Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
-Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
+Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
Mann?!..."&mdash;In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
-mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
-als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
-Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
-nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
+mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
+als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
+Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
+nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
-sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
-verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
-und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
+sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
+verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
+und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
-gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
-Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
+gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
+Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
-Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
-Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
-die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
-das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
-Ich beschütze Dich...."&mdash;In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
+Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
+Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
+die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
+das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
+Ich beschütze Dich...."&mdash;In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
-aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
-Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
-drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
-Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
+aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
+Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
+drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
+Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
-aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
-ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
-aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
-Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
-großen Meer!..."&mdash;</p>
-
-<p>Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
-Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
-stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
+aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
+ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
+aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
+Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
+großen Meer!..."&mdash;</p>
+
+<p>Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
+Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
+stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
-Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
-gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
-hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
+Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
+gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
+hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
-Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
-gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
-nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
-selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
-auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
-unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
+Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
+gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
+nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
+selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
+auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
+unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
-ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
-Monsieur zu keinem Entschluß kommen.</p>
+ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
+Monsieur zu keinem Entschluß kommen.</p>
-<p>Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
+<p>Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
-Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
-die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
-nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
+Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
+die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
+nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
-man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
-aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
+man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
+aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
-Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
+Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
-Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
+Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
-dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
-1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
-in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
+dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
+1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
+in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
-Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
-abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
-Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
-wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
-dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
-verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
-den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
+Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
+abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
+Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
+wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
+dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
+verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
+den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
-Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
+Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
-nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
-sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
+nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
+sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
-aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
-sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge&mdash;er sei Waldhüter&mdash;mitten
-im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
+aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
+sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge&mdash;er sei Waldhüter&mdash;mitten
+im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
-vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
+vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
-Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
+Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
-ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
-neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
-entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
-können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
-größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
-beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
-verfolgt.&mdash;Alle Anwesenden, und auch sie&mdash;die Magd&mdash;hätten darauf den
-Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
-Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
+ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
+neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
+entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
+können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
+größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
+beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
+verfolgt.&mdash;Alle Anwesenden, und auch sie&mdash;die Magd&mdash;hätten darauf den
+Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
+Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
nun nach Belieben handeln.&mdash;</p>
-<p>Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
-la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
-zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
-verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
-zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
-Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
+<p>Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
+la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
+zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
+verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
+zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
+Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
-das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
-der Teufel sei im Kloster.&mdash;Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
-neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
-Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
-Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
-gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
+das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
+der Teufel sei im Kloster.&mdash;Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
+neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
+Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
+Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
+gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.&mdash;Aber,
-auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
+auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
-eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
-Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
+eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
+Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
-Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
+Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
-werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
-den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
-Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.&mdash;Während der Abbé seinen Amtsbruder
-in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
-Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
-diable et sa fianßä!&mdash;le diable et sa fianßä!&mdash;Andere recitirten nach
+werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
+den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
+Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.&mdash;Während der Abbé seinen Amtsbruder
+in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
+Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
+diable et sa fianßä!&mdash;le diable et sa fianßä!&mdash;Andere recitirten nach
festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:</p>
<p style="margin-left: 40%;">
@@ -3210,179 +3194,179 @@ festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:</p>
<span style="margin-left: 2em;">Et craint la Superieure!"<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></span><br />
</p>
-<p>Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
-seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
+<p>Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
+seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
-Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
+Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
Sache so wenig zu thun, als mit ihr.&mdash;Die beiden Geistlichen machten
zweifelhafte Gesichter.&mdash;Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
-Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
-Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
+Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
+Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
-Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
+Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
-züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
-hätten.&mdash;Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
-man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
+züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
+hätten.&mdash;Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
+man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
-so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
+so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.&mdash;Auch dies
fand allgemeinen Beifall.&mdash;Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
-wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
+wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.&mdash;</p>
-<p>Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
+<p>Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um <i>Monstranz und Ciborium</i>
-bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
-die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
-begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
-selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
+bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
+die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
+begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
+selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
-diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
-<i>Bodinus</i>, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
-bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
-Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
+diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
+<i>Bodinus</i>, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
+bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
+Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
-brennen lassen zu dürfen.&mdash;Inzwischen war der Holzknecht wieder
-heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
-Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
+brennen lassen zu dürfen.&mdash;Inzwischen war der Holzknecht wieder
+heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
+Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
damals im Wald auf Henriette gesessen.&mdash;</p>
<p>Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
-der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
+der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
-eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
+eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
-auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
-erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
-der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
-Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
-Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
-Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
+auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
+erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
+der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
+Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
+Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
+Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
-nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
+nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
-zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
-des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
-betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
+zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
+des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
+betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
-sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
-die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
-Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
-dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
+sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
+die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
+Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
+dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
-ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
+ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
-ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
+ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
-cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
-Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
+cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
+Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
-stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
+stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>
rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
-Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
-Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
-Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
-die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
-Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
-Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
+Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
+Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
+Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
+die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
+Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
+Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
-Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
-sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
-Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
-und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
+Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
+sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
+Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
+und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,&mdash;es war fast
-eine Stunde verflossen&mdash;hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
-kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
+eine Stunde verflossen&mdash;hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
+kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
-trauriger Fall, Madame,"&mdash;sagte der Arzt in dunklem Ton,&mdash;"ich muß ein
-eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
-Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
-möchte ich rathen, sobald es angeht,&mdash;heute möchte es zu spät sein&mdash;le
+trauriger Fall, Madame,"&mdash;sagte der Arzt in dunklem Ton,&mdash;"ich muß ein
+eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
+Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
+möchte ich rathen, sobald es angeht,&mdash;heute möchte es zu spät sein&mdash;le
jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
-zurückzuholen zu Madame."&mdash;Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
-draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
-kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
+zurückzuholen zu Madame."&mdash;Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
+draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
+kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
nach Hause.&mdash;</p>
<p>Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
-die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
+die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
-Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
+Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
-Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.&mdash;Und
-unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
+Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.&mdash;Und
+unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
-bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
+bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
-Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
-selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
-Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
+Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
+selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
+Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
-Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
-des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
+Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
+des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
-la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
+la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
-präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
-erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
-Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
-in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
-einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.&mdash;Was
+präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
+erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
+Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
+in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
+einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.&mdash;Was
aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
-erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
-Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.&mdash;Mit
-diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.</p>
+erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
+Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.&mdash;Mit
+diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.</p>
<p>Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
-möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
-Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
-Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
-dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
+möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
+Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
+Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
+dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
-heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
-die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
-ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
-sehen,&mdash;was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
-Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
-etwas ganz besonderes los sein müsse.&mdash;</p>
+heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
+die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
+ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
+sehen,&mdash;was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
+Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
+etwas ganz besonderes los sein müsse.&mdash;</p>
<p>Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
-bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
+bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
-Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
+Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
-vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
+vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
-als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
-außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
-beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
-was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
-die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
-mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
-diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
-anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
+als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
+außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
+beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
+was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
+die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
+mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
+diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
+anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
-eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
+eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
-diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
+diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
-los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?&mdash;Aber es
-mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?&mdash;Und so
-wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.&mdash;</p>
+los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?&mdash;Aber es
+mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?&mdash;Und so
+wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.&mdash;</p>
<p>Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
@@ -3390,83 +3374,83 @@ hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
Hirn zu schreiben.&mdash;</p>
-<p>Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
-des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
-Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
+<p>Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
+des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
+Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
-ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
-gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
-Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.&mdash;In
-diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
-und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
-soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
-einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
+ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
+gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
+Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.&mdash;In
+diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
+und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
+soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
+einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
auseinander und las Folgendes:</p>
-<p>Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
-de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
-Douay.&mdash;Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
+<p>Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
+de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
+Douay.&mdash;Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:</p>
-<p>Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
-Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
+<p>Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
+Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
-männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
+männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
-die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
-werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
-(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
-getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
-ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
+die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
+werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
+(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
+getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
+ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
-Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
-dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
-Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
+Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
+dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
+Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
-Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
-Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
-das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
-als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
+Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
+Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
+das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
+als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
-so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
-blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
-uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
-ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
-Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
+so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
+blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
+uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
+ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
+Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
-Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
+Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
-gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
+gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
-zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.&mdash;Somit
-ist Alexina Besnard ein <i>Zwitter</i>; und, da derselbe während der
+zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.&mdash;Somit
+ist Alexina Besnard ein <i>Zwitter</i>; und, da derselbe während der
Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
-hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
+hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
-beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
+beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
<i>Zwitter</i> angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
-ein zeugungsfähiger Mann.&mdash;Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
-ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
-der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
+ein zeugungsfähiger Mann.&mdash;Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
+ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
+der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
-Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
+Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.&mdash;</p>
<p>Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
gebracht.</p>
-<p>Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
-genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
+<p>Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
+genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.</p>
-<p>Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.&mdash;Und la
-Soeur Première wurde Superiorin.&mdash;</p>
+<p>Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.&mdash;Und la
+Soeur Première wurde Superiorin.&mdash;</p>
<div class="footnote">
@@ -3484,7 +3468,7 @@ Soeur Première wurde Superiorin.&mdash;</p>
<div class="footnote">
<p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine
-Braut verloren, und fürchtet die Superiorin.&mdash;</p></div>
+Braut verloren, und fürchtet die Superiorin.&mdash;</p></div>
<div class="footnote">
@@ -3497,840 +3481,840 @@ Braut verloren, und fürchtet die Superiorin.&mdash;</p></div>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 55%;">
Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,<br />
-Huhu! ein gräßlich Wunder!<br />
-Des Reiters Koller, Stück für Stück,<br />
-Fiel ab, wie mürber Zunder.<br />
-Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,<br />
-Zum nackten Schädel ward sein Kopf<br />
-<span style="margin-left: 5em;"><i>Bürger</i>, Lenore.</span><br />
+Huhu! ein gräßlich Wunder!<br />
+Des Reiters Koller, Stück für Stück,<br />
+Fiel ab, wie mürber Zunder.<br />
+Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,<br />
+Zum nackten Schädel ward sein Kopf<br />
+<span style="margin-left: 5em;"><i>Bürger</i>, Lenore.</span><br />
</p>
<hr class="r5" />
<p>Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde <i>Itzig Faitel
-Stern</i> ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
-meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
+Stern</i> ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
+meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
-der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
-Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
+der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
+Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
um die ganze Erscheinung von <i>Faiteles</i>, was er sprach, wie er ging
-und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
-dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
-verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
-gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
+und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
+dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
+verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
+gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
-oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
-versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
+oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
+versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
die Schule, die Verantwortung tragen.&mdash;</p>
-<p><i>Itzig Faitel</i> war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
-stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
+<p><i>Itzig Faitel</i> war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
+stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
-Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
-Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
-über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
-einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
-Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
+Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
+Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
+über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
+einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
+Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
-von höchstem Interesse. Leider hat es <i>Lavater</i> nicht gesehen. Ein
-Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
-den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
-Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
+von höchstem Interesse. Leider hat es <i>Lavater</i> nicht gesehen. Ein
+Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
+den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
+Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie <i>Kaulbach</i> in seiner
-&gt;Zerstörung Jerusalems&lt; der vordersten und markantesten Figur seines
-Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
-aber <i>Faitel Stern</i> versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
-er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
+&gt;Zerstörung Jerusalems&lt; der vordersten und markantesten Figur seines
+Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
+aber <i>Faitel Stern</i> versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
+er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
-Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
-zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
+Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
+zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
-noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
-viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
-so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
-die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
-komme ich später noch zu reden.&mdash;Das also war der Studiosus Stern in
+noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
+viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
+so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
+die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
+komme ich später noch zu reden.&mdash;Das also war der Studiosus Stern in
der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
-und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
-Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
-auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
-daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
-dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
+und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
+Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
+auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
+daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
+dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
-nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
-sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und&mdash;noch
-etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
-Agitationes.&mdash;Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
-beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
+nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
+sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und&mdash;noch
+etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
+Agitationes.&mdash;Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
+beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
-starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
-zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
-Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
-nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
-einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
-komm'!"&mdash;Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
-und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
-der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
+starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
+zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
+Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
+nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
+einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
+komm'!"&mdash;Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
+und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
+der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
-Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
+Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
eingebohrt.&mdash;Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?&mdash;Dies hing ab,
von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
-unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
+unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
-Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
-hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
-bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
-spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
+Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
+hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
+bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
+spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
-und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
+und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
-der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
+der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
-bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
-Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
-immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
+bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
+Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
+immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
-sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
-unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
-eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
-Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
-Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
+sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
+unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
+eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
+Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
+Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
-sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
-Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
+sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
+Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
-Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.&mdash;Aber
+Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.&mdash;Aber
wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
-Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
-Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
-einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
+Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
+Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
+einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
-ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
-dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
-Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
+ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
+dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
+Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
-Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die <i>Itzig
-Faitel Stern</i> in <i>Heidelberg</i>, wo wir Beide studirten, aufführte,
-ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
-flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
+Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die <i>Itzig
+Faitel Stern</i> in <i>Heidelberg</i>, wo wir Beide studirten, aufführte,
+ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
+flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
besonders zwei,&mdash;wie soll ich es nennen?&mdash;Sprachpartikel, die an
bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
-syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
-Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
-seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,&mdash;"... was
-soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
-Lackstiefelich,&mdash;'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
-Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
-der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
-Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
+syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
+Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
+seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,&mdash;"... was
+soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
+Lackstiefelich,&mdash;'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
+Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
+der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
+Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
Speichelabsonderung).&mdash;</p>
-<p>Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
-oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
-er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "&mdash;menerá", eine
+<p>Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
+oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
+er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "&mdash;menerá", eine
Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
-(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
-eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
-einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
-solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
+(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
+eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
+einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
+solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
-Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
-"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
-dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
+Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
+"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
+dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
der Fall ist, nicht zu geben.&mdash;Ganz anders war es mit dem stark
-nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
-also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
-breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
+nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
+also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
+breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
-recht?!&mdash;Siehste wohl!&mdash;Wer hätte das gedacht?!&mdash;Ei der Tausend;
-u. drgl.&mdash;Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
-willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
-weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
+recht?!&mdash;Siehste wohl!&mdash;Wer hätte das gedacht?!&mdash;Ei der Tausend;
+u. drgl.&mdash;Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
+willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
+weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
zusammen!</p>
-<p>Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
-ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
-umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
+<p>Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
+ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
+umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
-die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt <i>Itzig
-Faitel Stern</i>, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
+die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt <i>Itzig
+Faitel Stern</i>, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
-empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
+empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
-Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
-dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
-kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
+Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
+dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
+kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
-grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
-zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
-Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
-stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
+grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
+zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
+Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
+stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
den <i>Talmud</i> zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
-die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
+die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
-kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
-Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
-nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
-die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.&mdash;Freilich mußte
-ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
+kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
+Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
+nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
+die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.&mdash;Freilich mußte
+ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
von Seite meiner Commilitonen in <i>Heidelberg</i>, die nicht begreifen
-wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
-hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
-Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. <i>Heidelberg</i>
+wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
+hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
+Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. <i>Heidelberg</i>
war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
-eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
+eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
-war eine Art jüdischer <i>Kaspar Hauser</i>; ein Mensch, der mitten aus dem
-engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
+war eine Art jüdischer <i>Kaspar Hauser</i>; ein Mensch, der mitten aus dem
+engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
-eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
-große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
-blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
+eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
+große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
+blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
begann.</p>
<p>Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
-Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
+Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
-daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
-verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
-wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.&mdash;"Faitel",&mdash;sagte
-ich ihm eines Tags,&mdash;"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
-vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
+daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
+verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
+wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.&mdash;"Faitel",&mdash;sagte
+ich ihm eines Tags,&mdash;"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
+vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
Stadt!"&mdash;"Was kann ich vor de Misemischine,"&mdash;rief Faitel, und
-stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
+stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
den Boden,&mdash;"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
-so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!&mdash;Gäben Se mer ä
-neies Gebein; ich beßahls!"&mdash;"Bezahlen!" ich,&mdash;"das wäre schon Recht;
+so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!&mdash;Gäben Se mer ä
+neies Gebein; ich beßahls!"&mdash;"Bezahlen!" ich,&mdash;"das wäre schon Recht;
aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
-zu machen!?"&mdash;Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
-Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
+zu machen!?"&mdash;Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
+Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
-Professor <i>Klotz</i>, den berühmten Anatomen <i>Heidelsbergs</i>, behufs
+Professor <i>Klotz</i>, den berühmten Anatomen <i>Heidelsbergs</i>, behufs
wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
-berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
-Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
-Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
+berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
+Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
+Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
-und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
-Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
-ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
-die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
+und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
+Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
+ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
+die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
-werden. "Dann",&mdash;schloß Professer <i>Klotz</i> seine Ausführungen,&mdash;"kann
+werden. "Dann",&mdash;schloß Professer <i>Klotz</i> seine Ausführungen,&mdash;"kann
ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus <i>Stern</i> auf
-eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
-nur&mdash;zögerte der berühmte Anatom,&mdash;die Mittel und Wege...."&mdash;"Ich
-beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
-dazwischen,&mdash;"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
-Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
-zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
-Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
-Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
-Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)</p>
-
-<p>Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
-der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
+eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
+nur&mdash;zögerte der berühmte Anatom,&mdash;die Mittel und Wege...."&mdash;"Ich
+beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
+dazwischen,&mdash;"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
+Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
+zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
+Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
+Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
+Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)</p>
+
+<p>Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
+der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
-Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
-gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
-mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
-und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
-anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
-noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
+Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
+gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
+mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
+und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
+anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
+noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
-wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
-und&mdash;des Professor <i>Klotz</i>, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
-einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
-natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
-sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
+wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
+und&mdash;des Professor <i>Klotz</i>, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
+einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
+natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
+sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
-verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
-Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
+verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
+Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
-entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
-und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".&mdash;Es kam damals gerade
-jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
-absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
-einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
-Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
-Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
-Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
-ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
-von <i>Paris</i> kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.&mdash;Der
-alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
+entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
+und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".&mdash;Es kam damals gerade
+jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
+absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
+einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
+Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
+Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
+Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
+ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
+von <i>Paris</i> kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.&mdash;Der
+alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
-größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
+größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
-einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
-hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
-die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
+einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
+hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
+die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
-des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
-hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
-Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
-gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
-wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
+des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
+hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
+Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
+gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
+wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
-war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
-gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
+war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
+gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
-zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
-bald als möglich erreichen.</p>
+zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
+bald als möglich erreichen.</p>
-<p>Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
-nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
+<p>Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
+nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
-dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
-Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
-völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
-wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
-Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
-Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
-mit dem berühmten <i>Tübinger</i> Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
+dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
+Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
+völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
+wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
+Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
+Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
+mit dem berühmten <i>Tübinger</i> Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
noch der <i>Heidelberger</i> Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
-von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
-Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
-einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
+von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
+Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
+einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
-u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
-darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
+u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
+darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
-entsteht; wie der <i>Tübinger</i> Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
+entsteht; wie der <i>Tübinger</i> Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
-untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
+untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
-das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
-sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
+das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
+sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.</p>
-<p>Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
-Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen <i>Itzig
+<p>Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
+Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen <i>Itzig
Faitel Stern</i> sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
-größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
+größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
-christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
+christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
-der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
-weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
-pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
-verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
-unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
+der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
+weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
+pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
+verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
+unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
-im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
-aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
-damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
+im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
+aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
+damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
<i>Heidelberg</i> nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
-der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
-Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
-riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
+der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
+Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
+riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
-germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
-wurde angebracht, und&mdash;der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
+germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
+wurde angebracht, und&mdash;der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
<i>Schwind</i> gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
-Faiteles nannte sich <i>Siegfried Freudenstern</i>, und ließ seine Matrikel
-und übrigen Papiere umändern.</p>
+Faiteles nannte sich <i>Siegfried Freudenstern</i>, und ließ seine Matrikel
+und übrigen Papiere umändern.</p>
<p>Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
-Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
+Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
-verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
-wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor <i>Klotz</i>
-zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
+verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
+wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor <i>Klotz</i>
+zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
in <i>Heidelberg</i>, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
-Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
-Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
-Erfolg.&mdash;Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.&mdash;Faiteles! Scheener Jüd',
-fainer Jüd', eleganter Jüd',&mdash;so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
+Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
+Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
+Erfolg.&mdash;Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.&mdash;Faiteles! Scheener Jüd',
+fainer Jüd', eleganter Jüd',&mdash;so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,&mdash;biste jetzt
-geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
-hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
-Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?&mdash;Faitel wußte, daß
-dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
+geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
+hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
+Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?&mdash;Faitel wußte, daß
+dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
-herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
+herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
innerlich aus?&mdash;</p>
-<p>Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
+<p>Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
-herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
+herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
-einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
+einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
-undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
-Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
+undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
+Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
-wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
-Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
+wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
+Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
-sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
-bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
-der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
-das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte <i>Cambridge'r</i> Professor
+sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
+bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
+der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
+das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte <i>Cambridge'r</i> Professor
<i>Stokes</i> hatte kurz vorher seine "psychological researches"
-herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
+herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
-Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
-neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
+Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
+neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
abstehen.</p>
-<p>Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
-mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?&mdash;Man mußte ihm
-erklären, daß seit <i>Descartes</i> den mißglückten Versuch gemacht hatte,
-den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
-Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
-vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
-und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
-bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
+<p>Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
+mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?&mdash;Man mußte ihm
+erklären, daß seit <i>Descartes</i> den mißglückten Versuch gemacht hatte,
+den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
+Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
+vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
+und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
+bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
-Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
-Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
-mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
-Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
-Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
+Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
+Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
+mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
+Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
+Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)&mdash;Der Leser wird
-den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
-Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
-Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
-damals, als unsere Erzählung spielt, die <i>Transfusionen</i> aufkamen,
-die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
-in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
-oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
-ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
-Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
-waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
-bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
-jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
-einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
+den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
+Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
+Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
+damals, als unsere Erzählung spielt, die <i>Transfusionen</i> aufkamen,
+die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
+in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
+oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
+ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
+Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
+waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
+bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
+jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
+einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
-zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
-Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
+zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
+Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
-entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
-im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
-"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
-kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
-Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
-mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
-hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
-nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
+entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
+im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
+"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
+kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
+Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
+mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
+hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
+nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.</p>
-<p>So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
+<p>So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
-die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
-sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
-ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen <i>Darmstadt</i>
+die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
+sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
+ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen <i>Darmstadt</i>
Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
-Romeo-Monolage u. drgl.&mdash;Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
-Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
-wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
-überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
-sich zusammen ...;"&mdash;dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
-die linke Seite der Brust gepreßt,&mdash;-es war doch ein ganz geschickter
-Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
-verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
-Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
-Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
-<i>Siegfried Freudenstern</i> ist ein Gemüthsmensch durch und durch.</p>
+Romeo-Monolage u. drgl.&mdash;Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
+Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
+wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
+überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
+sich zusammen ...;"&mdash;dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
+die linke Seite der Brust gepreßt,&mdash;-es war doch ein ganz geschickter
+Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
+verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
+Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
+Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
+<i>Siegfried Freudenstern</i> ist ein Gemüthsmensch durch und durch.</p>
<p>Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
-Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
-ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
+Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
+ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
Nachdenken, und&mdash;wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
-früheren Lehrer verspotten,&mdash;er begann dann mit veränderter, mäckernder
+früheren Lehrer verspotten,&mdash;er begann dann mit veränderter, mäckernder
Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
-Gesätz!"&mdash;(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
-härnach?"&mdash;(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
-Wält?"&mdash;"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"&mdash;"Hernach sitzet er
-und ernähret die ganze Wält!"&mdash;"Was duht er aber dann?"&mdash;"Dann sitzet
-er und copuliret die Männer und die Waiber"!&mdash;"Wie lang copulirt der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?"&mdash;"Drei Stunden lang cupulirt
-er die Männer und die Waiber!"&mdash;"Was duht er dann am Nachmittag der
+Gesätz!"&mdash;(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
+härnach?"&mdash;(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
+Wält?"&mdash;"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"&mdash;"Hernach sitzet er
+und ernähret die ganze Wält!"&mdash;"Was duht er aber dann?"&mdash;"Dann sitzet
+er und copuliret die Männer und die Waiber"!&mdash;"Wie lang copulirt der
+hailige Gott die Männer und die Waiber?"&mdash;"Drei Stunden lang cupulirt
+er die Männer und die Waiber!"&mdash;"Was duht er dann am Nachmittag der
hailige Jehovah?"&mdash;"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
-aus!"&mdash;"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
+aus!"&mdash;"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
der Jehovah am Nachmitdag&mdash;He?"&mdash;(Nun schien eine entfernte spitzige
Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"&mdash;"Nadierlich! (fiel
jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"&mdash;-In
-solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
+solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
-wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
+wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
-eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
+eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
-Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
+Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
-kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
-schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.&mdash;Von Alledem durften
-natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
-Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
-konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
-all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
-Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
-alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
-kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
-steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
-gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
-pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.&mdash;Faitel hatte aber noch
+kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
+schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.&mdash;Von Alledem durften
+natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
+Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
+konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
+all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
+Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
+alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
+kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
+steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
+gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
+pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.&mdash;Faitel hatte aber noch
andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
-steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
-zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
-alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
-seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
-ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
-er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
+steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
+zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
+alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
+seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
+ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
+er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
-Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
+Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
-immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
+immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
mit Ruhe obzuliegen.&mdash;</p>
<p>Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
-in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
-eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
+in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
+eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
Und Professor <i>Klotz</i>, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
-mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
-Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
-ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
-erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.&mdash;Hatte
+mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
+Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
+ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
+erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.&mdash;Hatte
nicht auch <i>Klotz</i> einem vertrackten Gerippe neues Leben
eingehaucht?&mdash;Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
-Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
-sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
-mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
-die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
+Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
+sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
+mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
+die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
Beamtenstochter <i>Othilia Schnack</i> sollte dem enorm reichen
Gutsbesitzers-Sohn <i>Siegfried Freudenstern</i> die Hand reichen. So war
es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
-vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
-(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
-Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
+vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
+(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
+Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
-geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
+geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
-Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
-für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
-wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
-Trusseau war bei den ersten Lieferanten <i>Heidelbergs</i> für den Fall des
-Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
-wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
-der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
-es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
-Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
-etwas eingegangen worden. Das Mädchen <i>Othilia</i>, mit ihren sternhellen
-Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
-Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
-den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
-konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
+Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
+für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
+wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
+Trusseau war bei den ersten Lieferanten <i>Heidelbergs</i> für den Fall des
+Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
+wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
+der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
+es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
+Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
+etwas eingegangen worden. Das Mädchen <i>Othilia</i>, mit ihren sternhellen
+Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
+Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
+den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
+konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
-Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
+Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
-ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
-Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
+ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
+Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
-machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
-etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
-war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
+machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
+etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
+war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
-nur verdächtig, daß die <i>Heidelberger</i> Professoren, besonders die
-Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
-Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
-Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
-Unterhändler, Kutscher und Packträger <i>für</i> die Verbindung. Auch die
-Freundinnen Othilias waren eher <i>für</i> die Heirath. Die protestantische
+nur verdächtig, daß die <i>Heidelberger</i> Professoren, besonders die
+Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
+Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
+Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
+Unterhändler, Kutscher und Packträger <i>für</i> die Verbindung. Auch die
+Freundinnen Othilias waren eher <i>für</i> die Heirath. Die protestantische
Geistlichkeit&mdash;<i>Othilia</i> war protestantisch,&mdash;nickte ebenfalls
-beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
+beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
-<i>Schnack</i>. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
+<i>Schnack</i>. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
-Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
-hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.</p>
+Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
+hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.</p>
<p>Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
-Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
-<i>Klotz</i> habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
+Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
+<i>Klotz</i> habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
-ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
-auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
-in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
+ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
+auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
+in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
-<i>Schnack</i> mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,&mdash;bei
+<i>Schnack</i> mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,&mdash;bei
Hof,&mdash;von der Verbindung seiner Tochter&mdash;gesprochen. Jetzt war's
fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
-beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
-lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
+beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
+lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
war. Dann warf der alte <i>Schnack</i> spritzend die Kielfeder auf das
Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme <i>Othilia</i>, die
-zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
-und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
+zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
+und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
Billet an den Herrn Assistenten <i>Freudenstein</i>; und die Hochzeit ward
anberaumt.&mdash;</p>
<p>Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
-jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
+jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
-machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
-Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
-ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
-auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
+machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
+Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
+ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
+auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
-nicht wahr, so viel Gerede darüber!&mdash;Gut!&mdash;Hast Du aber schon, lieber
+nicht wahr, so viel Gerede darüber!&mdash;Gut!&mdash;Hast Du aber schon, lieber
Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
-die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
-zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
-Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
+die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
+zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
+Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
-gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!&mdash;Besitzt
-Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
-schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
-Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
-Umhüllungen kleiden.&mdash;</p>
+gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!&mdash;Besitzt
+Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
+schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
+Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
+Umhüllungen kleiden.&mdash;</p>
<p>Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
-sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
-zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
-wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
-Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
-Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
+sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
+zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
+wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
+Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
+Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
-blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
-blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
-Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
-Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die <i>Lüge</i> hindert
-sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
+blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
+blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
+Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
+Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die <i>Lüge</i> hindert
+sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
das, was aus der Menschen Munde geht!</p>
-<p>Als <i>Prometheus</i> von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
-Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
-erniedrigenden Bedingung, daß selbe <i>eine</i> Eigenschaft besitzen
-müßten, die sie tief unter das Thier stellten. <i>Prometheus</i>, der nur
-eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die <i>Lüge</i>. O
-hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
-geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
-großen Lügenthurm zu <i>Babel</i>, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
-weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
+<p>Als <i>Prometheus</i> von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
+Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
+erniedrigenden Bedingung, daß selbe <i>eine</i> Eigenschaft besitzen
+müßten, die sie tief unter das Thier stellten. <i>Prometheus</i>, der nur
+eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die <i>Lüge</i>. O
+hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
+geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
+großen Lügenthurm zu <i>Babel</i>, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
+weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
-Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.&mdash;O, Leser,
+Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.&mdash;O, Leser,
wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
-Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!&mdash;-Und jetzt
-hör' den Schluß der <i>Faiteles</i>-Comödie.&mdash;</p>
+Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!&mdash;-Und jetzt
+hör' den Schluß der <i>Faiteles</i>-Comödie.&mdash;</p>
-<p>Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in <i>Heidelberg</i> war
-der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
+<p>Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in <i>Heidelberg</i> war
+der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
der Hochzeitsfeier von Othilia <i>Schnack</i> mit Siegfried <i>Freudenstern</i>
-beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
+beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
-vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
-Papiere für <i>Freudenstern</i> werden schon von einem mitleidigen
-hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
-der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
-viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
+vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
+Papiere für <i>Freudenstern</i> werden schon von einem mitleidigen
+hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
+der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
+viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
durch eine Person wie Herr Dr. <i>Freudenstern</i>, der gleich ein Legat von
5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.&mdash;Auch der Leser
-muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
-"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
-der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
-uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
-<i>Klotz</i>, während das Compot servirt wird.&mdash;Freilich die Zahnbildung,
-die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
-bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
-Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
+muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
+"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
+der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
+uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
+<i>Klotz</i>, während das Compot servirt wird.&mdash;Freilich die Zahnbildung,
+die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
+bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
+Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
-erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
+erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
-unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
+unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
-ist, oder nicht; fünftens hatte <i>Klotz</i> ganz elegant sich in einem
+ist, oder nicht; fünftens hatte <i>Klotz</i> ganz elegant sich in einem
anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
-zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
+zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
<i>Freudenstern</i>'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
-Deutschland ansässig gewesenen <i>Hermunduren</i>.</p>
+Deutschland ansässig gewesenen <i>Hermunduren</i>.</p>
-<p>Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
-Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
-zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
+<p>Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
+Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
+zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
-wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
-französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
-des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung <i>Klotzens</i> ausdrücklich
+wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
+französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
+des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung <i>Klotzens</i> ausdrücklich
befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
-in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
-in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
-waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
-Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
-der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
-<i>Freudenstern</i> saß zwischen der wachsbleichen Braut und <i>Klotz</i>.
-Ihnen gegenüber die <i>Schnacks</i>. Der alte <i>Schnack</i>, dessen schlottrige
-Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
-Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
-Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
-waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
+in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
+in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
+waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
+Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
+der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
+<i>Freudenstern</i> saß zwischen der wachsbleichen Braut und <i>Klotz</i>.
+Ihnen gegenüber die <i>Schnacks</i>. Der alte <i>Schnack</i>, dessen schlottrige
+Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
+Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
+Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
+waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
-Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
+Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
<i>Schnack</i> verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
-Frau <i>Schnack</i> mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
-Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
-Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
+Frau <i>Schnack</i> mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
+Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
+Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.&mdash;Man war beim Dessert.</p>
-<p>Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
-im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
+<p>Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
+im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
-von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
-weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
-Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
-Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
+von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
+weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
+Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
+Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
-psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
-Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
-aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
-immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
-gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
-Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
+psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
+Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
+aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
+immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
+gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
+Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
-Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
+Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
-Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
-den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.&mdash;</p>
+Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
+den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.&mdash;</p>
-<p>Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
-daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
+<p>Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
+daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
-purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
+purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
-Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
-und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
+Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
+und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.&mdash;Faitel hob von Zeit zu
Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
-können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
+können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
-der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
-auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
-wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
-Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
-er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
-hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
+der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
+auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
+wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
+Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
+er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
+hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
"Horcht! ob es kommt?"&mdash;Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
-daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
-gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
-hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
-war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
+daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
+gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
+hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
+war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
-überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
-tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
-die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
-die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
-Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
+überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
+tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
+die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
+die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
+Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
<i>Schnack</i>, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
-schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
-wollen.&mdash;"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
-vibrirender Stimme&mdash;"Kéllnererera!&mdash;Champágnerera!&mdash;Wie haißt?&mdash;Soll
-ich haben nichts ßu trinken.&mdash;Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
-als Ihr Alle!..."&mdash;Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
-Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
-starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
+schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
+wollen.&mdash;"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
+vibrirender Stimme&mdash;"Kéllnererera!&mdash;Champágnerera!&mdash;Wie haißt?&mdash;Soll
+ich haben nichts ßu trinken.&mdash;Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
+als Ihr Alle!..."&mdash;Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
+Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
+starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
-hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
-festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
+hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
+festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.&mdash;Inzwischen
-war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
-worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
-auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
-ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
-drei Stunden? der hailige Jehova!&mdash;Deradáng! Deradáng!". (Mit
+war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
+worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
+auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
+ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
+drei Stunden? der hailige Jehova!&mdash;Deradáng! Deradáng!". (Mit
einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
-Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)&mdash;(Wieder mit veränderter
-Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
+Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)&mdash;(Wieder mit veränderter
+Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
und die Waiber!"&mdash;(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
-hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
+hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
schnalzend;)&mdash;(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
-die Männer und die Waiber!"&mdash;(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
-Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"&mdash;(Antwort) "Am
+die Männer und die Waiber!"&mdash;(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
+Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"&mdash;(Antwort) "Am
Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"&mdash;(Erste Stimme)
-"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
+"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
Jehova am Nachmittag,&mdash;He?"&mdash;(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"&mdash;(Erste Stimme
mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"&mdash;In
diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
-gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
-lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
-herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
-Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
-Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
-aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!&mdash;Misemaschine! Wo is mei
-Brauterá?"&mdash;Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
+gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
+lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
+herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
+Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
+Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
+aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!&mdash;Misemaschine! Wo is mei
+Brauterá?"&mdash;Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
-Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
-Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
+Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
+Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
-glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
-wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
-seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
-zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
-Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
-wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
+glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
+wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
+seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
+zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
+Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
+wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
rasch geltend. <i>Klotz</i> hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
-war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
-vorlag. Die schöne <i>Othilia</i> hatte sich in die Arme ihrer Mutter
-geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
+war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
+vorlag. Die schöne <i>Othilia</i> hatte sich in die Arme ihrer Mutter
+geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
-jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
-verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
-zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur <i>Klotz</i> blieb zurück.
-Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
-nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
+jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
+verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
+zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur <i>Klotz</i> blieb zurück.
+Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
+nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
-Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, <i>Itzig Faitel
+Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, <i>Itzig Faitel
Stern</i>.&mdash;</p>
@@ -4340,691 +4324,691 @@ Stern</i>.&mdash;</p>
<hr class="r5" />
<blockquote>
-<p>"<i>Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
-Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
-hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
-un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
-un kregen kenn.&mdash;'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, hadd
+<p>"<i>Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
+Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
+hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
+un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
+un kregen kenn.&mdash;'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, hadd
ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.&mdash;&mdash;Un as
-der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
-un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
+der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
+un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
Un as se dat seeg, so freude se sik.</i>"</p>
<p style="margin-left: 55%;">
-Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen<br />
+Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen<br />
</p>
</blockquote>
<hr class="r5" />
<p>Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
-einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
-hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
-Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
-angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
-Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
+einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
+hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
+Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
+angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
+Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
-einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
+einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
-auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
-in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.&mdash;Leute, deren
-Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
-allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
-Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
+auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
+in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.&mdash;Leute, deren
+Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
+allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
+Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
-reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
-unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
-nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
-kaufen;&mdash;mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
+reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
+unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
+nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
+kaufen;&mdash;mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
nicht so schrecklich aus.&mdash;</p>
-<p>Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
-auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
+<p>Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
+auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
-als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
+als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
-Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
+Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
-vertraut. Aber Sie wären verloren!"&mdash;Als ich nichts erwiderte, fuhr
+vertraut. Aber Sie wären verloren!"&mdash;Als ich nichts erwiderte, fuhr
der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
-fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
+fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
-ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
+ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
-aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"&mdash;Während der letzten Worte
-hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
+aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"&mdash;Während der letzten Worte
+hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.&mdash;"Erlauben Sie noch eine
Frage,"&mdash;rief ich nach,&mdash;"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
-schwer!"&mdash;"Gebetbücher!&mdash;Gebetbücher!"&mdash;rief er schnell zurück,&mdash;"aber
-nicht mehr lang,&mdash;nicht mehr lang ... die Zeiten...."&mdash;Den Schluß
+schwer!"&mdash;"Gebetbücher!&mdash;Gebetbücher!"&mdash;rief er schnell zurück,&mdash;"aber
+nicht mehr lang,&mdash;nicht mehr lang ... die Zeiten...."&mdash;Den Schluß
der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
-Mund weg.&mdash;Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
-nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
-hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
-ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
-Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
-den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
-kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
-Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
+Mund weg.&mdash;Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
+nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
+hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
+ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
+Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
+den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
+kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
+Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
-Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
+Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
-auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
-ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
-eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
-Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
-auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
-sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
-trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
-Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
-auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
-zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
-endlich!&mdash;rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
-Bekannten gegenüber thut,&mdash;Sie sind lange in Spanien gewesen, und
+auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
+ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
+eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
+Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
+auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
+sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
+trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
+Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
+auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
+zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
+endlich!&mdash;rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
+Bekannten gegenüber thut,&mdash;Sie sind lange in Spanien gewesen, und
durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
-kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
-gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
-fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
-mußten,&mdash;und ich habe so lang auf Sie gewartet!"&mdash;Der steinalte Mann,
-der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
-geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
-einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
-Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
+kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
+gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
+fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
+mußten,&mdash;und ich habe so lang auf Sie gewartet!"&mdash;Der steinalte Mann,
+der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
+geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
+einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
+Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.&mdash;"Ich will
-gleich meinen lieben Sohn rufen;"&mdash;fügte er hinzu,&mdash;"er wird sich
+gleich meinen lieben Sohn rufen;"&mdash;fügte er hinzu,&mdash;"er wird sich
freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
-leider viel zu viel."&mdash;Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
+leider viel zu viel."&mdash;Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
Stockwerk: "Christian!&mdash;Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
-warteten."&mdash;Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
+warteten."&mdash;Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
-Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
+Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
-bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
-zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
-weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
+bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
+zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
+weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
-und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
-"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
+und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
+"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
"Christian!"&mdash;fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
-an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
+an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
schlug,&mdash;"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
-wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
-mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
-und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
+wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
+mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
+und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
-ginge zum <i>Teufel</i>!"&mdash;In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
+ginge zum <i>Teufel</i>!"&mdash;In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
-dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
+dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
-auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
-einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.&mdash;"Es kommt
+auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
+einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.&mdash;"Es kommt
vom Schweinestall,"&mdash;sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,&mdash;"wir
-haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
-und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
-Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
-sonst ungefährlich."&mdash;"Vater!"&mdash;rief aber gleich darauf der Junge mit
+haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
+und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
+Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
+sonst ungefährlich."&mdash;"Vater!"&mdash;rief aber gleich darauf der Junge mit
bittender, sanft flehender Stimme,&mdash;"Vater, liebster Vater, nenn'
-seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
+seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
Verderben!"&mdash;"Er macht mir keine Sorge,"&mdash;replicirte der Alte, der
-inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,&mdash;"aber Du machst
+inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,&mdash;"aber Du machst
mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."&mdash;Der
-Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
+Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
-wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"&mdash;bekräftigte dieser wieder,
+wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"&mdash;bekräftigte dieser wieder,
indem er humpelnd auf und nieder ging,&mdash;"er ist zart wie eine junge
-Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
+Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
-Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
+Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
Sorge."</p>
-<p>Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
-Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
-das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
-überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
-Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
-daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
-auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
-freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
-in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
-in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
-Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
-Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
-Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
-Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
-nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
+<p>Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
+Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
+das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
+überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
+Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
+daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
+auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
+freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
+in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
+in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
+Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
+Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
+Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
+Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
+nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
-unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
-mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
-schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
-mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
+unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
+mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
+schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
+mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
-daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
-hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
-gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
-es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
-ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
+daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
+hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
+gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
+es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
+ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
aus dem Alterthum, des <i>Prokrustes</i>, mit seinen fatalen Betten, mir ins
-Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
-mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
+Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
+mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist <i>Maria</i>, meine
Tochter Maria!...."&mdash;</p>
-<p>Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
-was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
+<p>Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
+was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
-jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
+jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
-Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
-geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
-Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
+Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
+geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
+Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
-noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
-ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
+noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
+ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
Gesicht hinuntergefahren.&mdash;Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
-Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
-einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
-Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
-hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
-und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
-Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
+Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
+einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
+Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
+hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
+und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
+Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
sich nicht feststellen.&mdash;Was die junge Frau hereingebracht, war
-eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
-die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
-eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
-und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
-sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
-gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
-rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
+eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
+die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
+eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
+und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
+sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
+gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
+rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
war, als die vordere.&mdash;"Die Dirne,"&mdash;sagte der Alte, indem er bei mir
-stehen blieb,&mdash;"ist ein Unglück für mein Haus!"&mdash;"Wie so,"&mdash;frug ich
-naiv,&mdash;"kocht sie schlecht?"&mdash;"Ach nein,&mdash;ihre ungesäuerten Brode macht
+stehen blieb,&mdash;"ist ein Unglück für mein Haus!"&mdash;"Wie so,"&mdash;frug ich
+naiv,&mdash;"kocht sie schlecht?"&mdash;"Ach nein,&mdash;ihre ungesäuerten Brode macht
sie recht gut,-aber sonst,&mdash;ja sonst,&mdash;ach Gott, die Frauenzimmer,
-wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den <i>Teufel</i> im
-Leib!"&mdash;'Hä, hä, hä, hä, hä!'&mdash;grunzte und lachte es in diesem Moment
-wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
-Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
-Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
-Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
-jungen Menschen kommend, herüberklang.&mdash;"Mein Gott,"&mdash;sagte ich,&mdash;"in
+wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den <i>Teufel</i> im
+Leib!"&mdash;'Hä, hä, hä, hä, hä!'&mdash;grunzte und lachte es in diesem Moment
+wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
+Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
+Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
+Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
+jungen Menschen kommend, herüberklang.&mdash;"Mein Gott,"&mdash;sagte ich,&mdash;"in
diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
froh."&mdash;Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
-und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
-mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
-Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
-Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
-ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
+und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
+mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
+Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
+Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
+ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
-wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
-Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
+wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
+Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
-nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
-mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
-ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
-Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
-ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
-dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
-seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
-der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
-schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
-Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
+nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
+mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
+ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
+Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
+ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
+dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
+seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
+der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
+schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
+Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
-während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
+während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
-auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
-einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
+auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
+einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
-sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
+sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
-zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
-fetter schweinerner Preßsack."&mdash;Die Leute wurden auf diese Rede hin
-alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"&mdash;meckerte und
-blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
-Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
-über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"&mdash;sagte der weißgekleidete
-Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,&mdash;"sprechen Sie das Wort nicht
-mehr aus. Dem <i>Reinen</i> ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
+zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
+fetter schweinerner Preßsack."&mdash;Die Leute wurden auf diese Rede hin
+alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"&mdash;meckerte und
+blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
+Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
+über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"&mdash;sagte der weißgekleidete
+Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,&mdash;"sprechen Sie das Wort nicht
+mehr aus. Dem <i>Reinen</i> ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."&mdash;Von diesem Moment an
-war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
+war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
verborgen sei. Der Kerl, der hinten im <i>Schweins</i>stall eingesperrt war,
-übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
-eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
+übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
+eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
-auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
-sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
-hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
-vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
+auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
+sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
+hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
+vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
-Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
+Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
-blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
+blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
-weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
+weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
-Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
-einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
-ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
+Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
+einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
+ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
-einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
-sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
+einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
+sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
-Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
+Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
-grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.&mdash;Christian war
-blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
-waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
+grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.&mdash;Christian war
+blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
+waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
-fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
-im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
-Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
-jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
-herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
-Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
-mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
-merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
-Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
-dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
+fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
+im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
+Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
+jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
+herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
+Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
+mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
+merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
+Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
+dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
-Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
+Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
-sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
-Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
+sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
+Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
-dieses &gt;Vater&lt; wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
+dieses &gt;Vater&lt; wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
-Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.&mdash;</p>
+Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.&mdash;</p>
-<p>Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
-der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
-war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
+<p>Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
+der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
+war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
-schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
-schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",&mdash;rief
+schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
+schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",&mdash;rief
er endlich&mdash;"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
-Grund.&mdash;Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
+Grund.&mdash;Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
Luft!"&mdash;"Ist es Euer Sohn?"&mdash;frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
nicht entgehen zu lassen.&mdash;Der Alte blieb stehen und schaute mich
an. "Sohn?"&mdash;wiederholte er,&mdash;"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
-Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",&mdash;fügte
+Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",&mdash;fügte
er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
-Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
-herüberklang,&mdash;"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
+Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
+herüberklang,&mdash;"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
-zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
-weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
-drohende Faust.&mdash;Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
-Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
-zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
-nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
+zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
+weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
+drohende Faust.&mdash;Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
+Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
+zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
+nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
-zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
+zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.&mdash;Nach
einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"&mdash;"Nein!" erwiderte ich.&mdash;"Potztausend
-nein!"&mdash;replicirte der Alte,&mdash;"nun ja, dann können wir uns auch nicht
-ungestört unterhalten.&mdash;Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
+nein!"&mdash;replicirte der Alte,&mdash;"nun ja, dann können wir uns auch nicht
+ungestört unterhalten.&mdash;Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
schon um die dritte Stunde!"&mdash;In der That kam bald darauf der junge
-Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
-rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
-"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
-bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
-des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
-beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
-ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
-die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
+Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
+rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
+"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
+bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
+des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
+beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
+ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
+die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
oben.&mdash;</p>
-<p>Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
-dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
+<p>Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
+dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
-Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
+Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
-Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.&mdash;"Es ist mir lieb,"&mdash;sagte
-er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
-schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
-brachte,&mdash;"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
+Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.&mdash;"Es ist mir lieb,"&mdash;sagte
+er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
+schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
+brachte,&mdash;"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
-verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
+verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
-er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"&mdash;Indem
-hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
-vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
-Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
-Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
-hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
+er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"&mdash;Indem
+hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
+vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
+Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
+Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
+hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
sowohl wie Sprache sicherer.&mdash;"Die jungen Leute,"&mdash;versuchte ich das
-Gespräch einzuleiten,&mdash;"gehen schon früh zu Bett!"&mdash;"Ach!"&mdash;erwiderte
-der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
+Gespräch einzuleiten,&mdash;"gehen schon früh zu Bett!"&mdash;"Ach!"&mdash;erwiderte
+der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
Stuhl placirte,&mdash;"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
-hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
-miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
-die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
-ich hätte das Regiment längst verloren!"&mdash;"Maria scheint demach von
-wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"&mdash;"Ich habe die Dirne vor
+hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
+miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
+die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
+ich hätte das Regiment längst verloren!"&mdash;"Maria scheint demach von
+wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"&mdash;"Ich habe die Dirne vor
reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
und nun setzt sie mir den Burschen daher!"&mdash;"Maria ist die Mutter von
Christian?"&mdash;wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.&mdash;"Trinken Sie
junger Mann!&mdash;Trinken Sie"&mdash;rief der Alte schnell dazwischen, indem er
sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.&mdash;Ich
-ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"&mdash;begann ich
-wieder&mdash;"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."&mdash;"Mit der Jüdin?"&mdash;frug
-der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.&mdash;"Was wollen
+ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"&mdash;begann ich
+wieder&mdash;"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."&mdash;"Mit der Jüdin?"&mdash;frug
+der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.&mdash;"Was wollen
Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
nicht!"&mdash;"Nichts lag mir ferner,"&mdash;betheuerte ich,&mdash;"ich nannte Sie
-Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."&mdash;"Ja,"&mdash;nahm der Alte
-das Gespräch wieder auf,&mdash;"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
-aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
-knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
+Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."&mdash;"Ja,"&mdash;nahm der Alte
+das Gespräch wieder auf,&mdash;"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
+aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
+knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."&mdash;"Von
wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.&mdash;"Ja,"&mdash;wiederholte
der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
-daß er nicht von ihm sei,&mdash;"von wem hat Maria den Jungen?..."&mdash;"Der
-Junge muß einen Vater haben!"&mdash;eilte ich rasch vorwärts, in der
-Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
-erhalten.&mdash;"... muß einen Vater haben!"&mdash;wiederholte mein Wirth
+daß er nicht von ihm sei,&mdash;"von wem hat Maria den Jungen?..."&mdash;"Der
+Junge muß einen Vater haben!"&mdash;eilte ich rasch vorwärts, in der
+Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
+erhalten.&mdash;"... muß einen Vater haben!"&mdash;wiederholte mein Wirth
mechanisch und nachdenklich.&mdash;"Der Junge ist blond,"&mdash;begann ich
-wieder,&mdash;"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
+wieder,&mdash;"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
-unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."&mdash;"Um
-Gotteswillen!&mdash;die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
-dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
-Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)&mdash;"Dann
-vergewaltigt!"? ergänzte ich.&mdash;Der Alte stand auf, und winkte heftig
-mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
-alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
-"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"&mdash;"Keine Silbe!"-antwortete
-ich.&mdash;"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
-verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
+unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."&mdash;"Um
+Gotteswillen!&mdash;die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
+dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
+Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)&mdash;"Dann
+vergewaltigt!"? ergänzte ich.&mdash;Der Alte stand auf, und winkte heftig
+mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
+alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
+"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"&mdash;"Keine Silbe!"-antwortete
+ich.&mdash;"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
+verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
complicirter Natur!"&mdash;"Du lieber Himmel,"&mdash;erwiederte ich,&mdash;"die
Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
-Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
-Burschen gezeugt?"&mdash;"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"&mdash;'Hä,
-hä, hä, hä, hä!'&mdash;gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
-Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.&mdash;Ich fuhr
-wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
+Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
+Burschen gezeugt?"&mdash;"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"&mdash;'Hä,
+hä, hä, hä, hä!'&mdash;gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
+Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.&mdash;Ich fuhr
+wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
-geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
+geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
-Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.&mdash;Aber zuletzt überwog die
-Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
-Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.&mdash;"Kein
-Mann sei es gewesen!?"&mdash;begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
+Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.&mdash;Aber zuletzt überwog die
+Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
+Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.&mdash;"Kein
+Mann sei es gewesen!?"&mdash;begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
-denn dann?"&mdash;Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
+denn dann?"&mdash;Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
-und thränenfeucht auf sein Glas.&mdash;"Wenn es kein Mann war," ich mit
-inquirirender Stimme&mdash;"was war es dann?"&mdash;"Ein Etwas!" preßte mein
-Wirth gezwungen und flüsternd hervor.&mdash;"Was für ein Etwas?"&mdash;fiel ich a
+und thränenfeucht auf sein Glas.&mdash;"Wenn es kein Mann war," ich mit
+inquirirender Stimme&mdash;"was war es dann?"&mdash;"Ein Etwas!" preßte mein
+Wirth gezwungen und flüsternd hervor.&mdash;"Was für ein Etwas?"&mdash;fiel ich a
tempo ein.&mdash;Neues Achselzucken.&mdash;"Vielleicht ein Hauch,&mdash;ein Odem,&mdash;ein
Unsichtbares,&mdash;eine Kraft,"&mdash;begann jetzt der Alte, und schien gereizt
-und feurig zu werden,&mdash;"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
+und feurig zu werden,&mdash;"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
-war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
-Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
+war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
+Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
-inne.&mdash;"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.&mdash;"Marie hatte
-sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",&mdash;so erzählte sie,&mdash;"habe
-sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
-der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)&mdash;"Plötzlich
-was?!&mdash;Plötzlich, weiter!"&mdash;"Plötzlich"&mdash;hub der Alte wieder
-an,&mdash;"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
-sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
-Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
+inne.&mdash;"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.&mdash;"Marie hatte
+sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",&mdash;so erzählte sie,&mdash;"habe
+sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
+der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)&mdash;"Plötzlich
+was?!&mdash;Plötzlich, weiter!"&mdash;"Plötzlich"&mdash;hub der Alte wieder
+an,&mdash;"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
+sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
+Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
-ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
+ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
-Buben!"&mdash;Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
-sein gefülltes Glas leer.&mdash;"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
+Buben!"&mdash;Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
+sein gefülltes Glas leer.&mdash;"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
Dienst gehabt?"&mdash;frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
sentimentale Stimmung zu verscheuchen.&mdash;"Niemand im ganzen Haus, und
Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"&mdash;"Und die Dirne bleibt
-dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
-Manne in andere Umstände gekommen sei?"&mdash;"Nicht nur das,"&mdash;bekräftigte
-der Alte,&mdash;"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
+dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
+Manne in andere Umstände gekommen sei?"&mdash;"Nicht nur das,"&mdash;bekräftigte
+der Alte,&mdash;"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
-zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
-Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."&mdash;"Und Sie
-glauben das Alles?"&mdash;frug ich mit höchstem Erstaunen.&mdash;"Ich mußte
+zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
+Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."&mdash;"Und Sie
+glauben das Alles?"&mdash;frug ich mit höchstem Erstaunen.&mdash;"Ich mußte
wohl"&mdash;betonte der Alte,&mdash;"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
-ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"&mdash;fügte mein Wirth mit
-Nachdruck hinzu,&mdash;"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
-Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
-meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
+ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"&mdash;fügte mein Wirth mit
+Nachdruck hinzu,&mdash;"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
+Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
+meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
duldet."&mdash;"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
-Entrüstung.&mdash;"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"&mdash;fuhr der
-Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
-Knie,&mdash;"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
+Entrüstung.&mdash;"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"&mdash;fuhr der
+Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
+Knie,&mdash;"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
-den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
+den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
-Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
+Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
kommen!"&mdash;</p>
-<p>Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
-Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
+<p>Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
+Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
-Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
+Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
-Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
-vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
-ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
-er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
+Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
+vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
+ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
+er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
-auf!"&mdash;bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,&mdash;"ja, junger
-Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
+auf!"&mdash;bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,&mdash;"ja, junger
+Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
-von Dingen; aber man muß sie sehen können."&mdash;Ich ging auf diese
-Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
-und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
+von Dingen; aber man muß sie sehen können."&mdash;Ich ging auf diese
+Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
+und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
-schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
-einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
-noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"&mdash;bemerkte der Alte, und wies
-mit seiner Krücke auf den Eingang,&mdash;"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
+schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
+einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
+noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"&mdash;bemerkte der Alte, und wies
+mit seiner Krücke auf den Eingang,&mdash;"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
-wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
+wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
Ihr Eigen zu nennen!"&mdash;Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
-"Uebrigens,"&mdash;bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
+"Uebrigens,"&mdash;bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
bei den Schultern nehmend,&mdash;"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
-sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
+sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
Hier nehmen Sie das Licht!"&mdash;Ich nahm eilig das heftig in der Luft
hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
-wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
-mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
-mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
-Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
-zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
+wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
+mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
+mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
+Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
+zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
-mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.&mdash;Es war kalt, und fröstelnd
-legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
+mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.&mdash;Es war kalt, und fröstelnd
+legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.&mdash;</p>
-<p>Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
-sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
-unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
-schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
-Inneres. Daß der Junge,&mdash;sagte ich mir,&mdash;gänzlich unter dem Einfluß
-der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
+<p>Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
+sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
+unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
+schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
+Inneres. Daß der Junge,&mdash;sagte ich mir,&mdash;gänzlich unter dem Einfluß
+der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
-schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
+schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
-junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
-zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
-geheimnißvollen Geburt?</p>
+junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
+zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
+geheimnißvollen Geburt?</p>
-<p>So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
-Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
+<p>So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
+Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
-Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
-diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
-Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.&mdash;Kurz, da paßten die Steine
+Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
+diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
+Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.&mdash;Kurz, da paßten die Steine
nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
-Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
-Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
-Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
-Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
-man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
-entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
-Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
-heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
-halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.&mdash;Mir fiel das Zimmer ein, auf
+Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
+Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
+Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
+Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
+man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
+entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
+Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
+heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
+halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.&mdash;Mir fiel das Zimmer ein, auf
das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
-jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
-Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
-daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
-kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
+jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
+Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
+daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
+kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
-würde?!&mdash;Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
+würde?!&mdash;Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
Nacht zu gehen beabsichtigte.&mdash;Meine Stiefel standen noch vor der
-Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
+Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
-ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
-umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
-kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
+ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
+umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
+kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
-gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
-war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
-das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
-besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
-die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
+gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
+war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
+das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
+besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
+die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
-wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
-forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
-stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
-ein&mdash;<i>Tauber</i> mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
-zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
-Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
+wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
+forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
+stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
+ein&mdash;<i>Tauber</i> mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
+zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
+Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
-einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
+einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
-ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
-Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
+ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
+Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
-Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
-Stück Spiegelglas.&mdash;Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
-sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
-Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
+Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
+Stück Spiegelglas.&mdash;Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
+sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
+Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
-wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
+wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
-Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
+Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
-Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
+Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
-es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
-ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
+es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
+ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
-Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
-die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
-nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
-untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
-mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
-angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
-ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
+Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
+die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
+nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
+untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
+mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
+angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
+ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
den Rest der Nacht.&mdash;</p>
-<p>Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
-widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
-an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
-vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
-dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
+<p>Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
+widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
+an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
+vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
+dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
-Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
-doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
+Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
+doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
-nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"&mdash;rief ich laut
-und commandirend über den Gang&mdash;"Christian!"&mdash;und als der Gerufene die
-Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
-eine Wirthschaft!"&mdash;Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
-und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
+nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"&mdash;rief ich laut
+und commandirend über den Gang&mdash;"Christian!"&mdash;und als der Gerufene die
+Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
+eine Wirthschaft!"&mdash;Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
+und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
-aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
-Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
+aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
+Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
-Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"&mdash;Damit fiel
-der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
-war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
-arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
-in mein Zimmer zurück.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
-Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
-mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
-saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
-Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
-mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
-mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
-gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
-der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
-Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
-Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
-Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
+Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"&mdash;Damit fiel
+der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
+war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
+arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
+in mein Zimmer zurück.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
+Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
+mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
+saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
+Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
+mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
+mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
+gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
+der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
+Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
+Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
+Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
-Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
-ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
-bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.&mdash;</p>
+Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
+ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
+bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.&mdash;</p>
-<p>Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
+<p>Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
-alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
-unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
-nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
-hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
+alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
+unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
+nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
+hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
-einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
-und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
+einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
+und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
zuzugehen. "He! Alter,"&mdash;rief ich ihn an,&mdash;"kennt Ihr das Wirthshaus
-da hinten im Wald?"&mdash;"Jo, jo!"&mdash;antwortete er im besten Fränkisch,&mdash;
+da hinten im Wald?"&mdash;"Jo, jo!"&mdash;antwortete er im besten Fränkisch,&mdash;
"sell is a <i>Abdeckerei</i>!"&mdash;"Abdeckerei?"&mdash;frug ich verwundert,&mdash;"was
-ist das: eine Abdeckerei?"&mdash;"No, wo mer halt die alte Gäul und die
-räuthige Hünd darschlägt,"&mdash;bemerkte er, und lachte spöttisch über
+ist das: eine Abdeckerei?"&mdash;"No, wo mer halt die alte Gäul und die
+räuthige Hünd darschlägt,"&mdash;bemerkte er, und lachte spöttisch über
meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr&mdash;"des is nix G'scheid's!...
-die Leut' häße's halt die &gt;Gifthütten&lt;!"&mdash;"Gifthütte?"&mdash;frug
-ich,&mdash;"weßhalb?"&mdash;"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
+die Leut' häße's halt die &gt;Gifthütten&lt;!"&mdash;"Gifthütte?"&mdash;frug
+ich,&mdash;"weßhalb?"&mdash;"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
nix Gut's nei!"&mdash;Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
-fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
-vo wos daß lebe!"&mdash;"Nun,"&mdash;entgegnete ich&mdash;"ich bin heiler Haut
+fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
+vo wos daß lebe!"&mdash;"Nun,"&mdash;entgegnete ich&mdash;"ich bin heiler Haut
herausgekommen!"&mdash;"Sen S' froh,"&mdash;rief der Steinhauer, und schwenkte
-heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,&mdash;"Sen S' froh, und mache S'
-weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
-"&mdash;Hä, hä, hä, hä, hä&mdash;klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
-dem Schweinsstall.&mdash;Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
-Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
+heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,&mdash;"Sen S' froh, und mache S'
+weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
+"&mdash;Hä, hä, hä, hä, hä&mdash;klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
+dem Schweinsstall.&mdash;Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
+Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
Stunde wieder umzusehen.&mdash;</p>
@@ -5033,82 +5017,82 @@ Stunde wieder umzusehen.&mdash;</p>
<h3><a name="Der_Goldregen" id="Der_Goldregen">Der Goldregen.</a></h3>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 60%;">
-Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent<br />
-Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,<br />
+Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent<br />
+Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,<br />
Na bitt' i unser'n Herrgott,<br />
-Daß's Wetter so bleibt.<br />
+Daß's Wetter so bleibt.<br />
<span style="margin-left: 2.5em;"><i>Altbayrischer Vierzeiler</i></span><br />
</p>
<hr class="r5" />
<p>Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
-der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
+der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
-Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
-regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
-und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
-Publicum erzeugt.&mdash;Daß ich genau bin, es <i>hatte</i> so gegen 3 Uhr etwas
+Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
+regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
+und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
+Publicum erzeugt.&mdash;Daß ich genau bin, es <i>hatte</i> so gegen 3 Uhr etwas
geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.&mdash;Ich wohne
-an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
-eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
-u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
-Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
+an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
+eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
+u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
+Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
-und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
-Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
-ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
+und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
+Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
+ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
-das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
+das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
-um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
-einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
-trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
+um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
+einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
+trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
-Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
-Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
+Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
+Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
-Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
-da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
+Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
+da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
-als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
-Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
-Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment&mdash;und plötzlich stürzte dieser
-kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
-Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
-große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
-die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
+als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
+Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
+Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment&mdash;und plötzlich stürzte dieser
+kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
+Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
+große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
+die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
-pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
-eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
-Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
+pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
+eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
+Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
-einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
-nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
+einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
+nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
-dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
+dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
-ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
-Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
-gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
-Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
-das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
-Straße, in das nächste Haus.&mdash;</p>
+ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
+Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
+gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
+Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
+das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
+Straße, in das nächste Haus.&mdash;</p>
<p>"Jessas Maria!"&mdash;kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
-aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.&mdash;"Die Welt geht
+aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.&mdash;"Die Welt geht
unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
-ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen&mdash;sie war eine Wäscherin&mdash;und
-fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
-dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
-Drangsal värnichtät uns!"&mdash;"Sie dumme Gans!"&mdash;rief in diesem Moment
-ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
+ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen&mdash;sie war eine Wäscherin&mdash;und
+fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
+dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
+Drangsal värnichtät uns!"&mdash;"Sie dumme Gans!"&mdash;rief in diesem Moment
+ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte&mdash;"thun Sie auch noch die
-Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
+Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"&mdash;Ich schaute jetzt um mich:
in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
@@ -5116,364 +5100,364 @@ bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
-Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
-und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
-Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
+Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
+und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
+Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
-Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
-sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.&mdash;"Es
-scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"&mdash;sagte jetzt in
-unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,&mdash;"der,
+Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
+sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.&mdash;"Es
+scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"&mdash;sagte jetzt in
+unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,&mdash;"der,
vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
-und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
+und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
wurde."&mdash;"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
-hatte.&mdash;Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
-und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
-herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
-matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
-im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, <i>und die ganz entschieden
+hatte.&mdash;Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
+und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
+herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
+matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
+im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, <i>und die ganz entschieden
einen metallischen Charakter hatten</i>; sie waren auffallend schwer im
-Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
-durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
-Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
-die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
-erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
-war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
-entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
-Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
+Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
+durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
+Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
+die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
+erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
+war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
+entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
+Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
-kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
-quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
-erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
-Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich&mdash;ich hörte es
-nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
+kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
+quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
+erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
+Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich&mdash;ich hörte es
+nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur <i>einen</i> Gedanken,
nur <i>ein</i> Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
-diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
-und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
-den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
-fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.</p>
+diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
+und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
+den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
+fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.</p>
-<p>Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
+<p>Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
-Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
-weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
-lag.&mdash;Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
-hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
-vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
-Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
+Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
+weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
+lag.&mdash;Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
+hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
+vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
+Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
-die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
+die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's <i>uns</i> an!"&mdash;Ich schaute
-zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
-kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
-den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
-neugierig.&mdash;In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
+zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
+kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
+den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
+neugierig.&mdash;In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
-des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
-ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
-nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
-andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
-glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
-erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann <i>Hasselbeck</i>, einem
-Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
-genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
-Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
-Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
+des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
+ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
+nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
+andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
+glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
+erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann <i>Hasselbeck</i>, einem
+Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
+genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
+Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
+Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
-entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
-nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
-stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
-wie betäubt sitzen. Herr <i>Hasselbeck</i>, in seiner kleinen gestickten
-Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
+entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
+nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
+stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
+wie betäubt sitzen. Herr <i>Hasselbeck</i>, in seiner kleinen gestickten
+Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
-verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
+verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
-gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
-vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
-Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
+gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
+vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
+Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
-Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
-Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
+Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
+Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
-Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
-Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
-nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
+Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
+Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
+nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
-Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
+Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
-Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
-nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"&mdash;ein "Ui!"&mdash;ein "Aitsch!"&mdash;im höchsten
-Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
-die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
+Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
+nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"&mdash;ein "Ui!"&mdash;ein "Aitsch!"&mdash;im höchsten
+Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
+die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
-her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
-er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
-in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
+her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
+er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
+in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
-wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
-Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
-schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
-einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
-Sohlen schmerzten beim Gehen.&mdash;<i>Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
-er war</i>. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
-Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
+wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
+Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
+schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
+einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
+Sohlen schmerzten beim Gehen.&mdash;<i>Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
+er war</i>. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
+Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
-übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
-der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
-eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
-Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
+übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
+der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
+eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
+Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
-von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
+von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
-wenn das Geld unter die Leut' kommt!"&mdash;Jetzt fielen fast keine Schloßen
+wenn das Geld unter die Leut' kommt!"&mdash;Jetzt fielen fast keine Schloßen
mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
-Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
+Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
-weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
-Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
-Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
+weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
+Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
+Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
-Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
+Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
Taschen, was das Zeug halten wollte.</p>
<p>"Sie dummes Luder!"&mdash;sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
-feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,&mdash;"Sie werden doch nicht
-für Andere sammeln. Geht Ihnen denn <i>noch</i> kein Licht auf? Jetzt ist's
-Zeit, für <i>sich</i> zu sorgen!"&mdash;"Ach Gott," antwortete diese, fast
-eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"&mdash;"Was,
-'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
-für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
-Gnädige!"&mdash;"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
+feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,&mdash;"Sie werden doch nicht
+für Andere sammeln. Geht Ihnen denn <i>noch</i> kein Licht auf? Jetzt ist's
+Zeit, für <i>sich</i> zu sorgen!"&mdash;"Ach Gott," antwortete diese, fast
+eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"&mdash;"Was,
+'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
+für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
+Gnädige!"&mdash;"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
doch von oben zu!"&mdash;</p>
-<p>Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
-waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
-andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
+<p>Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
+waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
+andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
-um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
-Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
-Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
-verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
+um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
+Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
+Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
+verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
-aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
+aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
-man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
+man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
manchmal findet.&mdash;</p>
<p>Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
-umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
-sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
+umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
+sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
-die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
-Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
-mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
+die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
+Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
+mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
-der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
-mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
-entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
-konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
+der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
+mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
+entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
+konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
-doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
-und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
-Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
+doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
+und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
+Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
-Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
-Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
-war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
-herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
-Hälfte für sich!"&mdash;Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
+Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
+Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
+war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
+herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
+Hälfte für sich!"&mdash;Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
-vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
+vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
-des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
-war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
+des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
+war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
-Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
-und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
-beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
-König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
+Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
+und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
+beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
+König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
schien entschieden zu sein. Es war <i>Gold</i>.&mdash;Ein Mensch neben mir, in
-blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
-zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
-daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der <i>Sandelbeck</i>, der Tandler
+blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
+zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
+daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der <i>Sandelbeck</i>, der Tandler
aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"&mdash;Allein
-die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
+die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
-eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
+eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
-Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
-Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
-öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
+Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
+Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
+öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
-gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
-glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
-Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
-Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
-und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
+gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
+glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
+Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
+Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
+und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
Kleinigkeiten auf.&mdash;Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
-hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
+hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
-die Meisten auch zu warten.&mdash;Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
+die Meisten auch zu warten.&mdash;Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
-Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
-Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
-eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
-begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
+Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
+Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
+eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
+begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
-viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
-Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
-Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
+viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
+Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
+Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
-umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
+umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
Herrschaften.</p>
<p>Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
-ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
+ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
-verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
-Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
-lauter Stimme "Hint' bei <i>Dingolsheim</i> liegt des gäl Zeug schuhhoch
-auf der Straßen!"&mdash;Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
-Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
-seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
+verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
+Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
+lauter Stimme "Hint' bei <i>Dingolsheim</i> liegt des gäl Zeug schuhhoch
+auf der Straßen!"&mdash;Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
+Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
+seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
-Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
-über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
-conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
+Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
+über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
+conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
-war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
-aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
-Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
-Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
-Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
-Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
-des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
+war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
+aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
+Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
+Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
+Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
+Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
+des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
-wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
-extraordinär.&mdash;Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
-jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
-erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.&mdash;Ich
-dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
+wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
+extraordinär.&mdash;Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
+jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
+erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.&mdash;Ich
+dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
-welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
-Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
+welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
+Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
-untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
-zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
-an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
-ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
-Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
-aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
-ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
+untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
+zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
+an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
+ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
+Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
+aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
+ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
-stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
-sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
-wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
+stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
+sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
+wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
-und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
-1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
-abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
+und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
+1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
+abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
Erscheinung humoristisch.&mdash;Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:</p>
-<p>"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
-was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"&mdash;"Gott,
+<p>"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
+was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"&mdash;"Gott,
wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
Metallicher!"&mdash;"Nu, haben Se neue Metallicher?"&mdash;"Ob mer haben neue
Metallicher?! Mer haben das <i>Platiin</i>, mer haben...."&mdash;"<i>Krause</i>,
sehen Se mal nach, wie <i>Platin</i> steht?"&mdash;"<i>Platin</i> steht 2039 das
Kilo"&mdash;"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des <i>Platiin</i>
so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"&mdash;"<i>Platin</i> genuch, um en Mond
-drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"&mdash;"Ka Beleidichung! 'S
-Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud <i>Platin</i>
-bei meim Schwager <i>Salomon</i> in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
-un sechzig!"&mdash;"Ich nähm's; ich nähm's."&mdash;"Gott, wie de Leut kreische.
+drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"&mdash;"Ka Beleidichung! 'S
+Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud <i>Platin</i>
+bei meim Schwager <i>Salomon</i> in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
+un sechzig!"&mdash;"Ich nähm's; ich nähm's."&mdash;"Gott, wie de Leut kreische.
In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
-'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
-alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"&mdash;"Gott, wie Se redde!
+'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
+alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"&mdash;"Gott, wie Se redde!
Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"&mdash;"Herr
'Goldstein!'"&mdash;"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"&mdash;"Na, also
Herr <i>Silber</i>stein!&mdash;Was maane Se zum <i>Rhodium</i>?"-->Was man ich zum
-<i>Rhodium</i>? 'Was waß ich vom <i>Rhodium</i>?'&mdash;"Es is a silberichs Metallich;
+<i>Rhodium</i>? 'Was waß ich vom <i>Rhodium</i>?'&mdash;"Es is a silberichs Metallich;
is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
nix oxydirt von der Luft...."&mdash;'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
-Werd Rhodium gehandelt?'&mdash;"<i>Rhodium</i> können Sie in Rußland kaufen, so
+Werd Rhodium gehandelt?'&mdash;"<i>Rhodium</i> können Sie in Rußland kaufen, so
viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung&mdash;"<i>Rhodium</i> stand vorige Woche
390 das Pfund"&mdash;"Gott, die werde doch in <i>St. Petersburg</i> noch nix
-von dem <i>Gold</i>&mdash;G'schlamaßl da wisse?!"&mdash;"I wo!"&mdash;'Also meine Herre,
+von dem <i>Gold</i>&mdash;G'schlamaßl da wisse?!"&mdash;"I wo!"&mdash;'Also meine Herre,
wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
-in Petersburg ä tout prix; und <i>Rhodium</i> werd uffgekauft, was zu hawe
-ist.'&mdash;(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn <i>Nathansohn</i>,
+in Petersburg ä tout prix; und <i>Rhodium</i> werd uffgekauft, was zu hawe
+ist.'&mdash;(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn <i>Nathansohn</i>,
an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
ganze Misemaschine! es <i>Silber</i> steht um de alte Preis!"&mdash;'He, Depe
-sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
-mer die Depesch ab, aber aß <i>dringend</i>, aß möglich!&mdash;"Kaafe Se Herr
-Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
-<i>Feitel Stern</i>, in de Eschenheimer Gaß!"&mdash;'Hawe Se kei Angst, Herr
+sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
+mer die Depesch ab, aber aß <i>dringend</i>, aß möglich!&mdash;"Kaafe Se Herr
+Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
+<i>Feitel Stern</i>, in de Eschenheimer Gaß!"&mdash;'Hawe Se kei Angst, Herr
Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'&mdash;"Meine Herre,
mer habe da noch 5, 6 <i>Platin-Metalle</i>, es <i>Iridium</i>, es <i>Ruthenium</i>,
es <i>Palladium</i>; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
-mit em <i>Molybdän</i>, mit em <i>Wolfram</i>?"&mdash;'Es <i>Ruthenium</i> is zu grau,
+mit em <i>Molybdän</i>, mit em <i>Wolfram</i>?"&mdash;'Es <i>Ruthenium</i> is zu grau,
da wird sich nix mache lasse! Und es <i>Wolfram</i>, da gibteres zu viel.
Des is so gemein wie <i>Kobolt</i> oder <i>Nickel</i>.&mdash;"Ei, da werd halt mit
<i>Silber</i> legirt. Die Dinger sein alle kostbar!&mdash;Gott, wer hat das
-voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"&mdash;"Gott, Herr <i>Natansohn</i>,
-schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"&mdash;"<i>Moritz</i>,
+voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"&mdash;"Gott, Herr <i>Natansohn</i>,
+schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"&mdash;"<i>Moritz</i>,
pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"&mdash;"Vatter,
des ist doch <i>Gold</i>! Schau doch, wie de Leut grapse!"&mdash;"Pfui,
-naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei <i>Gold</i> mehr; Gold
-is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"&mdash;</p>
+naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei <i>Gold</i> mehr; Gold
+is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"&mdash;</p>
<p>In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
-herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
-den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
-Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von <i>Dingolsheim</i>
-kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
-zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
-drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
+herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
+den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
+Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von <i>Dingolsheim</i>
+kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
+zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
+drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
-zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
-heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
-mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
-noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
-fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
-Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
-sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
-Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
-Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
-elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
+zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
+heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
+mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
+noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
+fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
+Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
+sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
+Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
+Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
+elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
-Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
+Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
erfahren sein.&mdash;Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
-Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
-senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
+Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
+senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
Springbrunn-Platz still und verwaist.&mdash;</p>
-<p>Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
-Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
-humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
+<p>Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
+Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
+humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
-"<i>Iridium</i> zwahundert und einunddreißig;&mdash;<i>Antimon</i> hundert und
+"<i>Iridium</i> zwahundert und einunddreißig;&mdash;<i>Antimon</i> hundert und
sechzig;&mdash;<i>Rhodium</i> zwahundert und zwaundzwanzig;&mdash;<i>Palladium</i>
-achthundert gradaus;&mdash;<i>Molybdän</i> siwehundert und in die
+achthundert gradaus;&mdash;<i>Molybdän</i> siwehundert und in die
sechzig;&mdash;<i>Wolfram</i> neinhundert und siweneverzig;&mdash;<i>Silber</i> tausend und
in die Sibzig; und <i>Platin</i> zwatausend, zwahundert und achtzig!"</p>
@@ -5483,496 +5467,142 @@ in die Sibzig; und <i>Platin</i> zwatausend, zwahundert und achtzig!"</p>
<h3><a name="Ein_Kapitel_aus_der_Pastoral-Medizin" id="Ein_Kapitel_aus_der_Pastoral-Medizin">Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin</a></h3>
<hr class="r5" />
<p style="margin-left: 60%;">
-<i>Und sahen, daß sie nackt waren.</i>"<br />
+<i>Und sahen, daß sie nackt waren.</i>"<br />
<span style="margin-left: 3em;">1. Mose 3.7.</span><br />
</p>
<hr class="r5" />
<p>In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
-obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
-dortigen Universität Professor <i>Süpfli</i>, Benedictiner-Pater,
-Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
+obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
+dortigen Universität Professor <i>Süpfli</i>, Benedictiner-Pater,
+Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
-bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
-Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
-Tod-Sünden auf die Blutmischung&mdash;da die ganze Lehre von der Erbsünde
-von ihr beeinflußt zu werden schien&mdash;ruhte sozusagen in <i>Süpfli's</i>
-Händen. <i>Süpfli</i> locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
+bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
+Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
+Tod-Sünden auf die Blutmischung&mdash;da die ganze Lehre von der Erbsünde
+von ihr beeinflußt zu werden schien&mdash;ruhte sozusagen in <i>Süpfli's</i>
+Händen. <i>Süpfli</i> locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
entschieden.&mdash;</p>
-<p>Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
-einmal dem Colleg <i>Süpflis</i> über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
-<i>Süpfli</i> zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
+<p>Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
+einmal dem Colleg <i>Süpflis</i> über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
+<i>Süpfli</i> zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
-nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
-war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
-beizuwohnen.&mdash;Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
-heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
-Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
-Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
-bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.&mdash;Ich
-hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
+nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
+war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
+beizuwohnen.&mdash;Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
+heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
+Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
+Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
+bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.&mdash;Ich
+hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
Widerstandskraft.&mdash;</p>
-<p>Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
-einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
+<p>Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
+einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
-Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren <i>Süpfli</i> hoch auf dem
+Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren <i>Süpfli</i> hoch auf dem
Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
-und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. <i>Süpfli</i> sprach
-ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
+und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. <i>Süpfli</i> sprach
+ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
-später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
+später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
-loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.</p>
+loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.</p>
-<p><i>Süpfli</i> loquitur:</p>
+<p><i>Süpfli</i> loquitur:</p>
<p>"... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
-Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
-de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
-z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
-Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
-und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
-z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
-Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
+Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
+de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
+z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
+Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
+und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
+z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
+Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die <i>Nacktheit</i>. Durch die
-Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
-wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
-in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
-isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
-Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
+Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
+wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
+in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
+isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
+Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
-hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
-alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
-Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
-si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
-heruszuchumma, war&mdash;as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
-der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,&mdash;die <i>Verwachsung der Chlider
-mit der Körper-Oberfläche</i>. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
-Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
-zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
+hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
+alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
+Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
+si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
+heruszuchumma, war&mdash;as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
+der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,&mdash;die <i>Verwachsung der Chlider
+mit der Körper-Oberfläche</i>. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
+Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
+zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
-Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
-sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
-gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
-ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
+Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
+sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
+gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
+ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
-Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
+Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
-Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
+Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
-und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
-ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
-e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
+und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
+ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
+e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
-heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
-die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
-Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
-wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
+heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
+die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
+Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
+wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
-Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
-tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
+Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
+tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.&mdash;Was isch nu
-z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
-der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
+z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
+der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
-und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
-Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
-sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
-und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
-feschtkleba.<i> Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
+und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
+Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
+sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
+und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
+feschtkleba.<i> Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
werda z'lasse</i>, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
-der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
-nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
+der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
+nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
doch isch sell Wunder amol vor sich gange:</p>
<p>In <i>Verona</i> isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
-die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
-e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
-welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
+die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
+e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
+welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
-isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
-Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
+isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
+Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
-Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
-öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
-chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
-ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
+Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
+öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
+chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
+ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
-hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
-gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
-ufem wiße Leintuch....</p>
+hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
+gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
+ufem wiße Leintuch....</p>
<p>In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
-Es war zehn Uhr. Professor <i>Süpfli</i> schlug einen großen Folianten zu,
-und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"&mdash;</p>
+Es war zehn Uhr. Professor <i>Süpfli</i> schlug einen großen Folianten zu,
+und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"&mdash;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
-<hr class="pg" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN***</p>
-<p>******* This file should be named 43933-h.txt or 43933-h.zip *******</p>
-<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
-<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/4/3/9/3/43933">http://www.gutenberg.org/4/3/9/3/43933</a></p>
-<p>
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.</p>
-
-<p>
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-</p>
-
-<h2>*** START: FULL LICENSE ***<br />
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</h2>
-
-<p>To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License available with this file or online at
-<a href="http://www.gutenberg.org/license">www.gutenberg.org/license</a>.</p>
-
-<h3>Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works</h3>
-
-<p>1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.</p>
-
-<p>1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.</p>
-
-<p>1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.</p>
-
-<p>1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.</p>
-
-<p>1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:</p>
-
-<p>1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:</p>
-
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<p>1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.</p>
-
-<p>1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.</p>
-
-<p>1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.</p>
-
-<p>1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.</p>
-
-<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that</p>
-
-<ul>
-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."</li>
-
-<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.</li>
-
-<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.</li>
-
-<li>You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
-
-<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
-
-<p>1.F.</p>
-
-<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.</p>
-
-<p>1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.</p>
-
-<p>1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.</p>
-
-<p>1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.</p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
-the Foundation information page at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at <a
-href="http://www.gutenberg.org/contact">www.gutenberg.org/contact</a></p>
-
-<p>For additional contact information:<br />
- Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-<a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***</div>
</body>
</html>