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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 13:36:55 -0800 |
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See + http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani + + + + + +VISIONEN + +Skizzen und Erzählungen + +von + +OSKAR PANIZZA + + + + + + + +Leipzig +Verlag von Wilhelm Friedrich. +1893. + + + + +Oskar Panizza + +Visionen + +Erzählungen und Skizzen + +_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._ + + + + +Inhalt + + + Die Kirche von Zinsblech + Eine Negergeschichte + Ein Criminelles Geschlecht + Der Corsetten-Fritz + Indianer-Gedanken + Ein scandalöser Fall + Der operirte Jud' + Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit + Der Goldregen + Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin + + + + +Die Kirche von Zinsblech + + "_Sind angenehm in Leibkleidern_ + _als nackend, doch tödtliche Farbe,_ + _gehen zertheilt an beiden Orten_ + _den Platz hinauf, lassen sich bloß_ + _sehen als ob sie erscheinen,_ + _ungeredet, und gehen alsdann wieder_ + _hinab in das Grab."--_ + _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._ + + +Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines +Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen +Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch +mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte +meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf, +welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich +mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte +jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen; +die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier +klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die +Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der +Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren +Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau! +Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen +Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf +zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu +lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch +einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w. +und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666 +gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!" +mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei +mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen +Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!" +antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes +Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen +rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in +Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein +goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise +stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen +war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in +unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war, +der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete, +vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag +eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so +ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.-- + +Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach +kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden. +Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen, +eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit +versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig +kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand +herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren +stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung +und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen +Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses +Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem +langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen +gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten, +vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb +Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf +den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und +verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus, +seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend, +das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das +linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich +ein.-- + +Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur +plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand, +und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen, +rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz; +dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um +mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu. +Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in +einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in +der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig +erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab +tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und +Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die +weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll +dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer +Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem +blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt; +und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid +gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten +werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die +weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde +über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire +sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das +Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß). +Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe +fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten +bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein +Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar +einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum. +Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern. +Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade, +wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung +getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um +nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand +wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der +Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war, +schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person +fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde +Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten +Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der +Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet; +die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig +quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst, +wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust +gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich +gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem +Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren +Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid +und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden +Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still +und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf +wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs +seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor +dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte, +war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem +Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken +am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen +hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend +in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug +hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es +war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles +Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen +über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum +um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand +am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm +stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus +dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese +unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte +immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet +hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter +dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar, +woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl +fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber +ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich +sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm; +ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und +schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so +excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper +selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank +gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings +der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand, +daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst +brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit +dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum, +um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken +zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort +stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein +Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am +Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen +ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte +sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz +rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite +des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite +amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei +hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen +wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten, +denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen +Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille +complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte +Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben +Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder +Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen +schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben +vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in +einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person +zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter +sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die +Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser +rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da +war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem +Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine +französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen +rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen +Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine +Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll +drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein +feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die +Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen +goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut +mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig +aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er, +die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar +hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten +Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine +in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme +nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt; +auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter +dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren +bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden +Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es +schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da. +Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand, +Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene, +unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der +mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging. +Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem +Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer +Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen +lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein. +Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein +untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und +Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand, +welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit +emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem +linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt +das einzige Paar im ganzen Zug. + +Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre +auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die +Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um +auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie +aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter +dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider +dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern +besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere +Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten +Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen +Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern +Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein +Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit +verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten +sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich +im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde +von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen +Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem +Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte +Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu +Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und +Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube +ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden +Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und +trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit +in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem +Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte +ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab, +und gelangte glücklich ins Freie.-- + +Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung +heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang, +von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen; +ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort +gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur +froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich, +aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig +aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine +Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall +offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen +mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu +restauriren.-- + +Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im +Amtsblatt folgende Bekanntmachung: + +"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte +Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter +wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand +gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht +zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles +nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen +Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich +gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es +gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf +denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung +fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."-- + + Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau. + Der Bürgermeister ** (Datum.) + + + + +Eine Negergeschichte + + _Tantam vim et efficaciam_ + _nonnulli phantasiae et_ + _imaginationi in proprium_ + _imaginantis corpus tribuerunt._ + _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._ + + +Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte +_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große +Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen +Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche +Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich +meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie +auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um +von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort, +einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese +vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps +seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London +herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere +Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.-- + +Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. +An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer +Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen +von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als +plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit +einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir +in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen +mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige +Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich +irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen +Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe +die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich +erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo +sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein +Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit +einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte +mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander +von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are +the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation +vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine +sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr +erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich +glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I +presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das +haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich +meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist +doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu +sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger +gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."-- + +Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, +der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war +schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige +Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse +dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte +überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger +war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und +helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator +wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze +mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr +darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war +abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher +im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut, +keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig +gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und +links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das +Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes +sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole +nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses +Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der +wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt +haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ +mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. +Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und +stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend +klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite +beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten +und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt +war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada, +die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ +sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse +durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche +angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das +Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden +aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle +an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte +Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist +der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann +an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche +Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles +vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie +krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes +Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich +sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja, +was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte, +Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem +Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange, +und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei, +mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein +Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was +haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück. +--"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie +er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der +rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist +Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze +einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd +vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!" +schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen, +mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie +ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- +und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen +Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und +die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen +Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier +gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke +zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem +erregten Menschen gegenüber zu verfahren.-- + +"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in +London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm +mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die +zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in +die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir, +wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und +entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten +einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür +des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte +das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder +aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte +sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von +mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und +stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte +der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine +Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen +Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer +Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen +auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem +Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem +rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da +ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen +offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus, +und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den +Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er +selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing +ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in +Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser +gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in +Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser +gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing +hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?" +ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain +Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von +Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen +in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit +schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder +in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden +Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich +traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir +noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin +gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und +nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und +wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate +ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet +Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß +ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter, +weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel +blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie +Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben +Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war +gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das +grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und +mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich +doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch +daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als +ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block +Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue +durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die +Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es +wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes +Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!" +--"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich +schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist +verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, +und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; +Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein +fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und +schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben +sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar +das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß +Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, +weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert +Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein +Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede +in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt +hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von +Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht +dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und +ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben +beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was? +Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles +kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas, +das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll +das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in +sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben +doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix +Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte +Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well, +Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem +Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du +mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht +mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht +mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und +bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum +Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum +Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze +Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein +Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in +mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_ +Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach +ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich +bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in +Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh, +ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell +you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben +mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt, +ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff +geschickt nach Hamburg...." + +In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich +hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede +meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, +wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend +von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll +vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe +die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt +und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir +sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach +der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. +Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der +Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch +das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen +plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun +dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well, +Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die +schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede +nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber +Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...." +In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen +Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor +meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit +vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte +wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, +beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von +denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick +ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war +und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den +Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein +fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen +ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. +Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt +in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie +immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen +Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß +sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer +überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu +schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen +Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt +und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen +Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, +und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_. + + + + +Ein Criminelles Geschlecht + + "_Er wußte Nichts von den_ + _Geschlechts-Unterschieden der_ + _Menschen, und unterschied die_ + _Leute nur nach den Kleidern."--_ + _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_ + + +Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen +Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius +vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen +Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden +Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war +ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere, +aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer +Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und +mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von +der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete +Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf +diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und +protestantisch. + +Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die +Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in +sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte +ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten, +sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen +mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr +neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre +Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten +sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb +erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen. +Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging +schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir +her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie +es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden +Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube, +ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz +absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich +komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein +paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch +nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist; +ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung +eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein +Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die +Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in +seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es +daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann +er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will, +Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich +zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches +besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben +können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut +wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber +sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist +weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der +Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem +seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es +diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften, +was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich, +kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter +dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt +worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen +Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit +Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt, +sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos +im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte +diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt, +construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine +wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige +Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige +Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht +ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich +zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte +ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte +der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue +er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die +andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen +Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem +eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere +Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst +wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch; +sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste +und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei +von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer +Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner +Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von +einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue +Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei +auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger +Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief +er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die +sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende +Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl +durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre +Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"... +die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz +perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte +es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden +Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich +hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,-- +hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich +unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern +und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese +letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei +fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf +mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort +von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung +bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn +Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung, +Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem +herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines +Geistes zu hoch schien.-- + +"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder +physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur +zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen +Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter +steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt +diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction; +ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die +gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und +wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht +_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden +Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann +nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und +uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und +vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti +ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem +Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen +machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als +zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt; +und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei +Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl +ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt, +ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß, +wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter +den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein +Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es +Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber +sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über +diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat +kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist +es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels +solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in +die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu +von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das +andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die +Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und +Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da +könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase, +der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch +mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu +Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders, +und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die +Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht +darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach +dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer +unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff +erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein, +lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner +Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich +von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin +bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die +physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben +zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig, +und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu +verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der +Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte; +was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt. +Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor +die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp +und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören +wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle +Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem +Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen, +zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten +Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah +aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen, +seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der +Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat. +Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer +pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem +Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und +lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das +Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir, +der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und +der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei +diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde, +dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt +da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich +den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication +mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann +nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg +fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die +dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und +aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie +die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann +laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat +Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten +Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen +Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie +ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt +sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der +Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine +intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte +einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein, +Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch +zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge +genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen +umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine +Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange +in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der +Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem +Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er +saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition +losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart, +und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft +geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende +Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei +seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war +unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen +sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl +das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen, +wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. +Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde +hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu +können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine +Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig +auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit +dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl +hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl +zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig +bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur +Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung, +bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen +unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand +vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die +Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf +seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen +Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem +ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch +stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den +vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen +vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine +Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte +erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner +Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen +Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken +beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber +die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität +und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich +zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen +mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken +Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie +kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar, +unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte +er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten +darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß, +mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu +entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich +zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das +muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es +auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im +Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das +Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich +offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja, +aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und +eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen +Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen +ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen +Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen +brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn +Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des +Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein, +und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches +Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner +den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo +die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet +wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben +einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann? +Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem +Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre +staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar +mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist +das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes +Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt +sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen; +die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen +wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses +merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den +betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"-- +"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten +Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden +nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet +das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein +Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel +dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen +einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen, +etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was +ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert, +und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese +wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich +in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute +verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie +vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen +unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen, +entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft +den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft, +die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein +transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit +gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie +hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung +zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die +Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder +andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die +Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er +zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem +Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er +wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den +kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das +Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste +Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche +Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die +Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen +nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen +Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen +auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen, +und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser +Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in +China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei +betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit, +und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache +entsetzlich verschlimmert!"-- + +Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die +letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine +Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange, +als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe +und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir +waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen +Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche +Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde +steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine +Aufzeichnung machte. + +"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß +ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur +so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung +feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und +ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu +Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung +anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden +darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen +Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf +mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die +Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst +nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das +wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine +wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch +hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr +Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die +Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier +kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter +gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?" + +Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem +Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand +abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf +der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen: +es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die +Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer +sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber +gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so +manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem +Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der +Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der +Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl +regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht +vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht +ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung +unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die +sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer +und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja, +aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich +formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber +arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und +verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide +Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich +nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander +gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem +die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als +das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr +ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter +Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen +nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner +Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit +das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen +Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet; +wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt, +dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und +betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände +zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis, +die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein +Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O +nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit +und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton +tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos; +oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie +Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige +Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben +sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo +ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten +Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher +schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie +Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt +Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel, +das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter, +und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese +Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese +Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer +einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche +Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in +krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit +den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich +zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf +mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren +den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr +Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren +bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden +auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter +unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit +seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen, +daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr +gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer +Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit +vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines +Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern +eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte +aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts +eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem +ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild +tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen, +sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.-- + +Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen. +Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine +Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige +Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe +und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem +Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags +begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend +aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf +mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht +wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag +in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung +herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit +hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen +Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem, +was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals +machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie +dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation +ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte +Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und +wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene +Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter +dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde +eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte +Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter +ausdrücken."-- + +Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine +größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon +und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren, +zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt +hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen +und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt, +(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze +gebracht." + +"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte +ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest +entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem +Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als +hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar +schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand +eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun, +und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der +Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die +kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir +der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir +schieden stumm von einander.-- + + + + +Der Corsetten-Fritz + + _Aus alten Märchen winkt es_ + _Hervor mit weißer Hand,_ + _Da singt es und da klingt es_ + _Von einem Zauberland._ + Heine + +Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem +ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. +Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf +leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen, +wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die +sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe, +ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art +psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein +Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel +hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp, +bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz +anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. +Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke +niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte +widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus, +so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und +immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte +etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall +eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die +Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, +und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und +meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das +Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen +tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen +Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor +begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste +Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei +jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, +nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.-- + +Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich +in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng +von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die +mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines +Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in +Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen +Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses +Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig +mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes +Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und +jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich +nicht.-- + +Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt +war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies +that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war +die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche +Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der +Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz +wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie +mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven +Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter +strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene +Gymnasium zu besuchen. + +Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, +die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die +Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern +mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf +der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte, +machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles +hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah, +man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die +Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser +Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.-- + +Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig +zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer +und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter +den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte +ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon +mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die +den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen +mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact +fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton +fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause +hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer +Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal +zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi +ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene +Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir +eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im +Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war, +um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie +möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden +Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter, +mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich +hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und +souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit +auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich +auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden +Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp +vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, +stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier, +dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen +Auftrag vollständig vergaß. + +Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, +wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen, +spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder +schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt +Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht +gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe +mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, +glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen +und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie +soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter +Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung +des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom +schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht +angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also +herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit +anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine +ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung +zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich; +die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle +Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich +innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein +Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen, +und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So +sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange, +welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein +süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam +mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso +diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so +kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch +nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, +glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus +und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und +die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste +sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel; +sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen +Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich +sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser +Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war +doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht +täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man +kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man +füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob +wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter +für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem +fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der +Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort +von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach +einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu +erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was +hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer +kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief +ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige +Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im +Leben nie glücklich sein...! + +In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem +Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien +plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem +ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten +mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten +trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter +Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu +retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der +Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck +wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.-- + +Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten +schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben. +Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor +Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu +spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich +tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das +vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo +ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich, +daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht +hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung +gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und +wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich +bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde +endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und +hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt. + +In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in +golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein +strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich +weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt +und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor +und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In +diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen, +wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und +lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.-- + +Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt +plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr +herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten. +Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster, +und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, +dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen +Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen +Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit, +die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer +wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen +von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste +Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam, +die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. +So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer +ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen. + +Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich +in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein +ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante +ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und +schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es +ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen. +Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke, +wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte, +mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu +lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den +Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der +Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein +weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine +hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war +über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt. +Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham +bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier +einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten +Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht +klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen +verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch +der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie +treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und +rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's +Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich +auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen +wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an +einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir +klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an +ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten; +zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte, +hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen +die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend, +eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen, +wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur +das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden +Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war +ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war +mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem +hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der +Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen +war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die +Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte +mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz +meinen Empfindungen und Erwägungen. + +Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt +gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen +abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön +wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden, +schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht; +während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen, +sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft +geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom +Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft +sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum? +Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau, +dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den +Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig, +farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für +Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und +Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen, +die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber +wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen? +Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich +jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das +heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an +ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der +Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern, +zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer +ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und +zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige +Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer, +vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von +Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen +Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen; +und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht, +von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die +Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons, +ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr +einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses +Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte, +folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein +Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern +beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt +und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen +treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald +herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt +die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein +Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von +den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem +bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in +die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem, +naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln +erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib +jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's +Schlüsselloch hindurch gesehen hatte. + +Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene +großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden +hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche +Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie +sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe. +Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei, +welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen +Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei +gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner +Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich, +und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und +griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften +Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem, +was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen +der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten, +anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen +sei.-- + +Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln, +dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von +entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit +zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen +Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine +Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines +Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_, +die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen +Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten. +Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die +Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines +sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen +nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen +Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte +die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder +ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die +ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen +Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir +und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah. + +So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine +Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht. +Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war +das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte +Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in +die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum +Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen +aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das +wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und +hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer +krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie +Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel +wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst +Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem +ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre +dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über +gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden, +und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte. +Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein +Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als +zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und +starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit +hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen +Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe +Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine +ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung +kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen, +spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der +von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu +sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant, +farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein +Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt +diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein +Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich, +blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem +Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm +ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen +u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand, +weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die +Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen. +Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche. + +Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm +ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter +Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer, +die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört +worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun +wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr +neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, +farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge +genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich +wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich +ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, +Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter +geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten. +Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre +Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten +ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf +mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede +noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen +S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte +ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell +ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein +Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich +mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem +ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der +Religionsstunde.-- + +Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat, +empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz! +Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. +Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die +Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig +gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen +Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt, +daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, +mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So +blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in +dieser Isolirung war mir am wohlsten. + +So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete +Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes; +da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und +Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten +wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese +Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich +wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte +ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses +weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte +jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine +schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für +eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die +"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften +mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir +Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des +Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die +Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte: +gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl +geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die +Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte +mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung +begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel, +mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen +Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse +und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann +ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und +äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine +Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein +durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich +hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das +ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und +Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale +zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns +her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke +dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der +Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt +werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge +von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich +gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen, +die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen +das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese +Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung +des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen, +selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie +wir es auswendig gelernt haben.-- + +Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, +wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen +"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen +Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig +wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche +Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für +getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen +der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und +abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog +so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß +alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas +ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden, +im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, +gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu +erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.-- + +Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer +mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen +Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt; +und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung +endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und +Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin +so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, +süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie +studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und +der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa +vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät +beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige, +unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen +Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller, +schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen +Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe +ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich +eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine +Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt +sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich +hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach +deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen +fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich +über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte. +Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann +durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen, +durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten +rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns +nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich +hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster +breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege +emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die +Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen, +nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe +empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in +einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich +ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles, +nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und +weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, +phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen, +langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden +Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen +sie heute zum ersten Mal + +Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein +Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, +die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören +schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten +Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen +Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege +höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in +dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen +und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie +mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich +mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der +andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit +schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine +zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille +und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst +vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen +Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, +herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als +Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden +Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte +des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit +schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen +mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches +Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich +kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum +und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, +schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster +herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her? +Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du +bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die +ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei, +kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als +der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest +nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust +Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus +Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du +in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen +gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals +das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem +Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder +Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich +hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen; +noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche +Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an; +und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach +mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos +geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, +steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die +frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte +mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht +das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige, +geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und +ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern +Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und +Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche +und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der +Orange-Fee.-- + +Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene +Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über +Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich +lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen +Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen, +im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische, +gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte. + +Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie +auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt +ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester +Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene +Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus +der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende, +gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo +ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine +Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt +mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.-- + +So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen +eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom +Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres +angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei +traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte +in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren +Erfolg lustig machte. + +Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude +empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie +gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach +mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit +der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen +an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte, +ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand +sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung +wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am +folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und +damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn +für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief, +und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. +Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß. +Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen. + +Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt +hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich +vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf +und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern +schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem +Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle +hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine. +Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, +ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war +die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst, +die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen +Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine +Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie +von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes +Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen, +was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule +abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte +ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil +davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe +immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief. +Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß +ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte +ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem +Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich +muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; +ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen, +keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour +schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. +Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der +Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten +Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an +die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner +Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal, +wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch +die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe +in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein +Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, +welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der +Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, +jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet +hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen +Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich +winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir +der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des +Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb +aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis +dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht +verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah +etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum +Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren +Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit +ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und +nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, +lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und +"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor. +Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt +war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die +höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und +zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch +natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig, +und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm +so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich +bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der +Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel. + +Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem +es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich +diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors +nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und +Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem +eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche, +und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick +gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen, +beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot +betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist +daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen, +aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich +zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr +gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben +Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen +zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor +sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber +offenbar bestellte, fabricirte Sache.-- + + + + +Indianer-Gedanken + + "Nehmet wahr der Raben; + sie säen nicht, sie ernten auch + nicht, und euer himmlischer + Vater nähret sie doch." + Lucas 12, 24 + + +Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren +Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort +verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter +der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte +aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze +und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen +ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern +des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums +herausforderte. + +Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig, +hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses +Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden +Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen, +Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das +Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos +die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun +auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und +mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen, +Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem +rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während +meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer +Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der, +nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei, +in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in +manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich +zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit +war dieß gut.-- + +Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und +mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar +aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger +Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster. +Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich +sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine +Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und +Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung +nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick +freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm +anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen +lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach +und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn, +sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf, +und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit +kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen +gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er. +Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten +mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern +niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten +Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im +Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein +kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt +in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches +Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die +Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen +misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner +Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen +Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und +Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend +an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch, +und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es, +ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so +stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume +Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir +hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich +an ihm gewohnt war.-- + +"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden +gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge +auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte +ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund +geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser +ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist +passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte +der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste +Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer +Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt +mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne +mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir +ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir +wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_ +und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht +leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum +uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie +Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um +uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um +Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und +deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig +erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers. +Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede +Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von +ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende +Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu +_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_ +trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr +mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere +Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle +unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die +Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja, +aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die +Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt +Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es +müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da; +seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie +gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der +Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung +für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort. +Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens, +sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts +gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde +es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr +es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu +sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam +zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser, +er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie +wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der +Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die +Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe +wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich +noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die +Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der +große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor, +nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein +lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers +zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein +solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz +hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste +Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und +Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen +weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja +das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und +schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott +wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es +riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn +mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst +einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen +des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den +Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte +ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine +andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch +so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit +dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach +einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine +Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota +sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den +Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb +ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich +voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen +Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er +das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was +hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich +unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren +Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er +macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige +Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die +Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen +anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu +klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen +Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht, +genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts, +und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig; +Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem +Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was +Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu +nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet; +aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende +hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel +hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte +auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling +schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges +an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht +gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche +diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit +dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte +der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine +Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte +er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er +dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen; +wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm +einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen. +Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte +stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten +auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die +Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich +würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren +blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald +verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist +schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte +der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an +Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr +nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem +Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was +sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre +das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete +mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut +vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel +Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir +gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe +unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die +Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel +dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_ +steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch +schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl +der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß, +daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um +das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen; +aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und +uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem +Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst +Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche +Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen +Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O +nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen +Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und +Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt +höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im +tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere +Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken +aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe, +kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern +und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor +sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem +Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es +ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine +Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er +plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe, +als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich +zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk +in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der +Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und +Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still, +setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien, +fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde +mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit +derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in +seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen +Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming +home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn +wir erst wieder zu Hause sind). + + + + +Ein scandalöser Fall + + "Und Er schuf sie, ein Männlein + und Fräulein, und sprach zu ihnen: + Seid fruchtbar und mehret Euch." + Genesis 1, 27-28. + +Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern +seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut +für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der +geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von +Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das +Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die +dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes +an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern +einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und +besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort +nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und +besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des +Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung +des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und +es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen +Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre +Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm. +Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche +Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen +Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den +Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten +Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu +verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren +Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für +Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams +streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle +zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren +Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu +beginnenden Geschichte.-- + +Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes, +welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen +dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard), +meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da +er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit +der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter +Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war +doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die +geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von +einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche +des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens +Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung; +er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert +nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb. +Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen, +um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu +scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten +auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen +Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht; +dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch +productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino; +und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen +Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur, +zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den +Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg +des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur +Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die +Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und +friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die +Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos; +absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes +Wesen; das Habit immer tadellos.-- + +Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das +weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter +normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit; +eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde; +sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch +oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz, +die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie +doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen +Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom +Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem +Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die +sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit +ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil +Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches; +ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie +plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch +von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis. +Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine +quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth +erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was +Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und +außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das +Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn +die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit +einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame, +obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht +und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten +Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen +war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich +nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern +mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete +hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen +Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre; +und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay +und weit über Beau-Regard hinaus.-- + +Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des +eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der +Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von +Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und +temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem, +kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen, +schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich +den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur +mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren +Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf +die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der +"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher +weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten +Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer +Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der +"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im +Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem +ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem +weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen +acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr +lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund +Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich +wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die +vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge +Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt, +die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren +präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast +allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal +wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann +wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem +Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem +eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen +vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina +entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette, +und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das +fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und +für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte, +die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz +armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der +Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik +und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit +an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender +Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer +ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten +nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von +ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes +eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer +Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos +aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das +seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was +Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren +weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht; +da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere +von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit +einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in +unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn +nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende +Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase +sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen +hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre +Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie +kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren +Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie +sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit +sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum +Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf, +da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie +ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen +und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles +um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben, +und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und +wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten +in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind +zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche, +luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten +Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am +Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die +unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen, +innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac +zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes, +mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die +eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für +erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum, +vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte +und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig +genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln; +Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das +Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen +Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß +so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen +Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und +welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist +es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich! + +Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern +mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß +fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die +Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder +120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden +Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht, +und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten +Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum +Abschluß gebracht.-- + +Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war +getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber +er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis +libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem +der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle +darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben +daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht +beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische +Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand +fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die +moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden, +zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten +heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die +Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen, +was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur +aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den +Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert, +und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und +zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er +blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand +rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war. +Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war; +Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war +sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte +er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es +nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die +feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa +die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte, +war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren +Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er +nach.-- + +Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen +können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen. +Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein, +an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand; +grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein +leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe +von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein +großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel +abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen +können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich +aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp +an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von +der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen +gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge +Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei +Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von +Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den +Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines +Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern, +mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller, +aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben, +und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein +Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze, +Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der +fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir +das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des +Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.-- + +Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori +vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen +ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich +jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und +begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen, +und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden +Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad +aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und +Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte; +In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen; +chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke; +und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein +Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der +Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal. +Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch +eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern +und Schwätzen. + +Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war +wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit +Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit +beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den +die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von +Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb +aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und +fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel +stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die +alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte +sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem +Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende +gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer +schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht. + +Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80 +Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter +in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu +absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel +Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte. + +Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht, +und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die +ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten, +gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren, +welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war. +Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich +begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik, +Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten, +zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen +Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung +Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen +funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit +entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken +Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles +geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte. + +Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch +immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst +gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu +erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum +Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren, +als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben +begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von +jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern +und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen +an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre +hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte +mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten +um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei +Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde. + +Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den +Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit +Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt +aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte. +Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren +grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen, +die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte +herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts, +spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen, +und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen +Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem +von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige +Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb +dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in +glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt +aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen. +Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur +verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines +der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe +Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin, +heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände +und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend +gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei +leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen +eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die +Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien +sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt; +die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch +das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der +halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe +man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina +und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle +Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern +beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer +sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und +den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt +hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als +wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen +mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem +Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est +tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser +Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von +ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte +so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch +gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite +faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le +bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch +das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte; +und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit +den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand +einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem +Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit +verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la +Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht +etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee +(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht +mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend +"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé, +und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette +und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht +noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man +jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres +Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die +halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den +Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt, +sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre +Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure +im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn +ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden; +sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen, +und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure +gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen. +Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über +überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt +stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette +sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich +verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt +gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des +Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre, +die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat +herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück. +Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure +mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus +Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation +erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre, +konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen +Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur +ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß +Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt, +offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des +verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung +gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame +schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten; +ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre +Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander. +Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der +Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen +Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei +nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung +stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu +unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere +Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est +bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren +nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte +es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu +registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete, +daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte +diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache +selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche +Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen +Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine +abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach +was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache +soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit +gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren +Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur +ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für +das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen. +Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler +sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim +Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit +früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm +schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten +das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von +selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der +moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß +Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja +wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse +gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings, +aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich +enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten? +meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie +allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall +sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig, +phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung +nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem +Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren +Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und +Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe +keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne +Alles gut gehen.-- + +Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen +wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten +zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse +aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht +geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique +hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier +nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies +auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit +auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.-- + +Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine +Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie +stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen. +Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug +mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit. +Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen. + +Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich +zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um +ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der +zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen +die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung +bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber +bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals +in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur +Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in +Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus +ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten +Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen, +sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür +an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen, +Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem +Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt +auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur. +Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie +weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen +Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder +Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische, +und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften. +Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer +Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein +sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus" +die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte; +von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest, +eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der +noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et +cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz +beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von +vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen +waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den +Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen +Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf +schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine +nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein +ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen +in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren, +Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden +Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge +zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer +steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten, +und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen; +wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie +"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die +Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei +Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse +sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes +Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen; +sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich +stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß +zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem +lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten +halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu +Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das +ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche +Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr +Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie +gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person; +und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei +gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter +eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten +sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft +leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt; +als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke +weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen, +und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe +Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese +letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus +der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob +und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein +Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein +einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe +Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt +habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen +lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen +hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est +degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie +glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu +gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie +andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser +Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter +plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte +Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre +Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten +sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première! +La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten +dann wild hinaus.-- + +Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's +Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon +wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie +nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren. +Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung, +und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit +mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen +plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur +Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt +allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten, +und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie +eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl +etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen +Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und +erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches +Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes +Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein +ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre +schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem +aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer +im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses +Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette +als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie +doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das, +was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte, +und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen +heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses +triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie +mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu +Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin +mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war. + +So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei +der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie +ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste +erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen +des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als +Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat +und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten, +fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen, +wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu +ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina, +zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an +einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten +nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit +einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung +zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine +solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die +älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand +aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze +Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick +aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren +Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich +streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor +der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte +man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden +Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le +diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in +der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute +Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend +zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser +Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum +war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten +Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr +umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt, +sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä +sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable +et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas +Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich +jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse +hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche +Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene +im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden +in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen, +von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la +Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen +zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des +Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen +jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine +Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des +Falles gerettet werden. + +Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander +gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte +miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam +und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen +wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem +Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse +mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur +ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und +ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er +fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete, +sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die +Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische +Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz +großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt +hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten +immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!" +Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die +Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb +vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung +der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens +die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten, +rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von +Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte +damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen +Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die +Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu +bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den +zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange, +so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu +wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen +vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet +würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie +dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es +eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera, +et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch +wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber +la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches +Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und +schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn +sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. +Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so +gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen +gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß, +aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten +sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu +den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den +größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener +zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen +Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es +kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in +den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob +sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen +halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der +Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde +befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem +was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit +von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß +Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß +nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen +wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege +hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien +neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der +Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke +die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht +gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage +zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder +Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die +Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren, +wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann +aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?" +"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile +der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit +der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon +überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob +sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie +können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei +solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin +um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was +der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr +groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß +von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu +Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, +ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche +Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus +falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich +freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen, +das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte, +und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber +im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer +sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette +entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig. + +Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo +nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum +Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte, +es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel +gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren; +aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren +Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und +dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine +moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig +und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte +etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die +Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung +aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste +auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr +ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen. +Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte +Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren +Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und +verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.-- + +Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das +Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu +weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster +jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt, +und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem +Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah +den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette +ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie +Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den +Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen +nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im +Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die +Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten +hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen, +Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel +Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja, +ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre +Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe, +ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so +gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso +bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine +Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe: +_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo +es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit +einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben; +und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe +erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier +war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und +niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in +Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die +Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit +Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere +Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen +auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß +sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch +ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien +Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.-- + +Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe, +welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr +Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen, +abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es +sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das +Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete +die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las +diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur +war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger +Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern +emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war +also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde, +und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht +zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an +Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen +Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in +einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette, +Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner +Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist? +Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß +Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich +und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll +unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du +liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht +Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren, +kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst +über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du +nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut? +Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche! +Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee +zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und +Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele +und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine +Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten, +und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich +der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt? +Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und +willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur +Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein +Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor +mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders, +als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich +Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen +nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren. +Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln +sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir +verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen +und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich +nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch +gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie +Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht; +was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was +wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an +uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die +Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine +Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte, +die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette, +das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest. +Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher +die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich +aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank, +Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was +drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren +Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere +Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal; +aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh, +ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen, +aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes +Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem +großen Meer!..."-- + +Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der +Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber +stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire, +das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt +hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la +Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer +gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt +hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie +weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden +Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen, +gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier +nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels +selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose, +auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch +unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu +geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf +ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte +Monsieur zu keinem Entschluß kommen. + +Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung, +bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein +Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen, +die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé +nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren +eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten +austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte +man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte +aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den +eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile. +Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen +noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der +Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard +nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und +Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat +dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um +1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen, +in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte, +folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu +Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure +abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere +Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie +wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und +dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu +verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit +den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß +die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares +Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang, +ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und +zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der +nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer +sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und +hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit +aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa +sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten +im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher +gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige +verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme +vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er +die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei +Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also +dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten +gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen +Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation, +ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht +neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper +entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen +können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die +größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die +beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht +verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den +Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den +Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge +nun nach Belieben handeln.-- + +Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit +la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht +zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première +verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern +zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller +Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen +mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen +das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen, +der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser +neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite +Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la +Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première +gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter +mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber, +auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte +mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu +eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug +Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner, +des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's +Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne +Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt, +oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer +Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt +werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell +den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu +Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder +in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die +Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le +diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach +festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers: + + "Le diable et triste + Et a bien peure: + Il a perdu sa fiancee + Et craint la Superieure!"[4] + +Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen +seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten +geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer +Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie, +die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen +Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten +zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag +aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor, +der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung +Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von +Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne +man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber +Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen +ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und +züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet +hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer, +man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner +haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell +so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens, +zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies +fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so +wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der +Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.-- + +Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der +Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden. +Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend. +Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_ +bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen, +die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten +begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame +selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur +hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles +zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen +diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus +_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund +bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der +Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und +Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal +brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder +heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das +Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la +Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der +damals im Wald auf Henriette gesessen.-- + +Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann, +der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam. +Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte, +eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die +Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings +auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm +erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte +der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II. +Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster +Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten +Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden +Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb +entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte +nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre +wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel +zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz +des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu +betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne +Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen +sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller; +die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die +Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung; +dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue +Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton! +ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges +Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch +ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie +Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est +cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein +Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und +das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein +stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes +Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5] +rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des +Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives +Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von +Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem +Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend; +die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche +Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die +Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges; +und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende; +Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert, +sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das +Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf, +und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron +mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast +eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und +kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten +Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein +trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein +eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen +Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen +möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le +jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette +zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem +draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe +kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster +nach Hause.-- + +Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles +wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten +die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett +und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm +Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst +ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine +Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und +unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner +die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats +bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten +mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la +Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen, +selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden +Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne +Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden, +was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres +Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten +des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen, +war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und +la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander +getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen +präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er +erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von +Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags +in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie +einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was +aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse +erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck. +Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit +diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt. + +Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es +möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6 +Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den +Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß +dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache +fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch +heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen, +die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander +ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen +sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges +Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr +etwas ganz besonderes los sein müsse.-- + +Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die +bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene, +mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den +Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie +zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen +vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger +gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend +als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas +außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe +beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte, +was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr +die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien +mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an +diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas +anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber +das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen +Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere +eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund, +jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte +diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht +dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes +los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es +mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so +wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.-- + +Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster, +Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst, +hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu +beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's +Hirn zu schreiben.-- + +Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben +des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem +Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig +in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht +ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des +gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen. +Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In +diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein! +und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches +soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch +einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier +auseinander und las Folgendes: + +Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé +de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä +Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina +Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend +vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden: + +Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als +Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere +Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden +männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein +paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart; +die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen +werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen +(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz +getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's +ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne +eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen +Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter +Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche, +dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen +Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin +nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig. +Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die +Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch +das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen, +als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist +stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche +Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora +von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig +ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen; +der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen +so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als +blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären +uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation +ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen +Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich +als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der +Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein +von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum +gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra, +die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends +zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit +ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der +Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung +hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte, +deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler, +beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher +_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar +ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe +ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung +der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die +weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden +Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit +hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.-- + +Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern +gebracht. + +Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich +genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und +wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt. + +Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la +Soeur Première wurde Superiorin.-- + + +[1] "Sieh der Teufel!" + +[2] "Und hier seine Braut!" + +[3] Schwatzerei. + +[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut +verloren, und fürchtet die Superiorin.-- + +[5] Ach, sie thun mir weh. + + + + +Der operirte Jud' + + _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_ + _Huhu! ein gräßlich Wunder!_ + _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_ + _Fiel ab, wie mürber Zunder._ + _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_ + _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_; + _Bürger_, Lenore. + + +Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel +Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in +meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht +ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf +der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein +Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig, +um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging +und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach +dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu +verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der +gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen, +ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen, +oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu +versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie, +die Schule, die Verantwortung tragen.-- + +_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher +stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch' +letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug, +die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser +Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn +Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure +über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht +einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen +Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich +auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug, +waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war +von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein +Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in +den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und +Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's +Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner +>Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines +Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen; +aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte +er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er +paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die +Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall, +zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit +herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war +noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so +viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war, +so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf +die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars +komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in +der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator, +welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach +und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen +Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn +auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war, +daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute +dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig. +Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben +nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und +sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch +etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und +Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe +beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei +steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah +starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft +zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei +Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber +nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn +einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts +komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten, +und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen +der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem +Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und +Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben. +Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den +Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte +eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder +seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab, +von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder +unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen +wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte +ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute +Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf, +hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich +bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde, +spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach +oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab, +und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis +zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus +der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte +ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen +bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch +Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus +immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie +er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn +sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer +unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit +eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des +Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen +Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm +grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal +sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in +Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde, +die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben. +Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber +wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher +Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von +Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und +einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich +abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und +ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das +dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der +Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen +Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes +Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig +Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte, +ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig +flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise +besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an +bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als +syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten. +Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in +seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was +soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine +Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng! +Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen +der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter +Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche +Speichelabsonderung).-- + +Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben, +oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die +er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine +Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe +(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art +eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit +einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit +solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv +blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also: +Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das +"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn +dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden +daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt. +Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe +dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen +der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark +nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte +also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig, +breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer +den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht +recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend; +u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du +willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so +weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht +zusammen! + +Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso +ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen +umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf +die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in +die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig +Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen, +medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich +empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen, +dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen, +Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und +dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls +kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht +viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die +grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art +zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer +Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel +stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über +den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle +die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in +Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar +kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine +Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die +nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und +die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte +ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen +von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen +wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt +hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein +Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_ +war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort +eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel +Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten +Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen, +war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem +engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden, +grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge +eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das +große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort +blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen +begann. + +Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten +Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich +seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die +entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen, +daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium +verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere +wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte +ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja +vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der +Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und +stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf +den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach +so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä +neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht; +aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade +zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen. +Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig +sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den +Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs +wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem +berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten +Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die +Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht +vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik +und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2. +Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das +ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen +die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen +Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen +werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann +ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf +eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen; +nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich +beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell +dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr +Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit +zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der +Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges +Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere +Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.) + +Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in +der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen +Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das +Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer +gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang +mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt +und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles +anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte, +noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei +seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen +wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden +und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach +einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine +natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen +sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie +zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu +verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei +Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes +Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest +entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera, +und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade +jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach +absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie +einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader +Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel +Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes +Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für +ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt +von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der +alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann +mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den +neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten +Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas +größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich. +Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch +einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade +hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz; +die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade +hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen +des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng" +hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein +Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper, +gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen +wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort +schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es +war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben +gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer +schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch +zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so +bald als möglich erreichen. + +Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein +nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man, +durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf +rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister, +dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe, +Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine +völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten +wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt, +Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze +Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung +mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher +noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen +von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein +Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der +einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener +bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht +ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten +u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste +darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der +neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung +entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine +neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau +untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen +Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf +das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man +sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese +feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese +Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt. + +Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen, +Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig +Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit +größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer +Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime +christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und +Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in +der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die +weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen, +pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen +verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir +unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise +zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur +im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die +aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen +damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß, +unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige +dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten +englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher +hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten +_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich +der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen +Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig +riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken +wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange, +germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt +wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn +_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig. +Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel +und übrigen Papiere umändern. + +Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten +Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe +der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen +verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er +wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_ +zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung +Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde +in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war +hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten +Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender +Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen +Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd', +fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber +nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt +geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt +hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß +Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß +dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand, +einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen +herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es +innerlich aus?-- + +Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle +jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten, +herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein +paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment +einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß +Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen, +undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen +Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und +die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer +beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und +wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das +Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen, +in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England +zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden +sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein +bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund +der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage, +das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor +_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches" +herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten +wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische +Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese +neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel +abstehen. + +Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal +mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm +erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte, +den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine +Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß +vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher +und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in +bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne +man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der +Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte +Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn +mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten +Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's +Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher +diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird +den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig +Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten +Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß +damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen, +die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper +in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines +oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren +ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth +Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl +waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs +bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung +jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für +einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden +am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort +zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur +Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal +zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich +in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu +entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader +im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der +"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht +kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht +Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach +mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur +hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich +nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu +sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen +Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen. + +So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und +sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf +Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute, +die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser +sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen +ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_ +Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen +Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg. +Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor, +wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's +überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt +sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf +die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter +Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine +verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen. +Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die +Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser +_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch. + +Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener +Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn +ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem +Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine +früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder +Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova +zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen +Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im +Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber +härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze +Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er +und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet +er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der +hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt +er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der +hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht +aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah? +Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht +der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige +Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag +spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel +jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In +solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein +wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel +wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals, +hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen +mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit +eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir +fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen +Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie +ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich +kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und +schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften +natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und +Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern +konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein, +all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen +Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn +alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett, +kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her, +steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte, +gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze +pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch +andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie +Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie +steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches +zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die +alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während +seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm +ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da +er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung +sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der +Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern +sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich +immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft +mit Ruhe obzuliegen.-- + +Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. +Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch +in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut +eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine +Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. +Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester +mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem +Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der +ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem +erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte +nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben +eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene +Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis +sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die +mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete +die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige +Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen +Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war +es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That +vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß, +(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen +Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, +die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren +geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in +Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige +Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren +für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon +wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter +Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des +Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun +wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in +der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß +es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß +Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon +etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen +Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken +Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit +den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges, +konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher +Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum +Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer +horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her +ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen +Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine +Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang +machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch +etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin, +war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße +Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war +nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die +Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten. +Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, +Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, +Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die +Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische +Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls +beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten +gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie +_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus +dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine +Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut +hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben. + +Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute +Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor +_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen +absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der +ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem +auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath +in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede +nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten +_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei +Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's +fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter +der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die +beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der +lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen +war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das +Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei +Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die +zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, +und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein +Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward +anberaumt.-- + +Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du +jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer +Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu +machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! +Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf +ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags +auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du +aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, +nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber +Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um +die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um +zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O +Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave, +offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock +gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt +Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann +schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! +Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche +Umhüllungen kleiden.-- + +Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen +sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst +zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln, +wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen? +Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei +Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und +sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; +blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen +blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der +Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich! +Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert +sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen +das, was aus der Menschen Munde geht! + +Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte, +Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen, +erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen +müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur +eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O +hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen +geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem +großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten, +weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen +nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die +zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei +den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel +Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser, +wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig +Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt +hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.-- + +Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war +der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die +der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_ +beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht +mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung +vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen +Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen +hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als +der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es +viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger +durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von +5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser +muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den +"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held +der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor +uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor +_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung, +die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen +bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein +Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das +sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber +erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht +man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man +unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer +streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters +ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem +anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung +zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, +_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen +Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in +Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_. + +Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen +Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und +zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit +einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, +und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, +wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein +französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter +des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich +befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl +in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute +in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein +waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende +Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte +der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren. +_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_. +Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige +Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten +Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in +Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt +waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den +langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. +Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden. +Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde +_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die +Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem +Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren +Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie +der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert. + +Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint +im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im +Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, +von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich +weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. +Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern +Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen +des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im +psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch +Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal +aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für +immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken +gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten +Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung, +abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war +symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche +Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß +am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine +Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand +den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.-- + +Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist, +daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den +Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft +purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte +Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm +abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne +Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte, +und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja +Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu +Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er +"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu +können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und +Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel +der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien +auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen, +wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere +Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte +er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne +hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte +es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen +"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen +Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn +Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, +daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein +gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!" +hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng" +war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit +diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit +seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten +überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer +tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in +die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung, +die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die +Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau +_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man +schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu +wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend +vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll +ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll +als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam. +Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und +starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig +angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig +hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie +festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede +Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen +war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt +worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum +auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und +ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten +drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit +einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und +Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter +Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer +und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der +hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes +Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; +schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er +die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am +Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am +Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme) +"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird +er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der +Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am +Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme +mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In +diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und +gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft +lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal +herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht! +Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá! +Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein, +aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei +Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen +vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die +Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten +Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen +wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze +glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war +wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in +seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit +zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen +Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen, +wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol +rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es +war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe +vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter +geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen +Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das +jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch +verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit +zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück. +Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit +nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein +Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im +Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel +Stern_.-- + + + + +Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit + + + "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk + Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, + hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, + un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen + un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd + ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as + der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee + un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn). + Un as se dat seeg, so freude se sik._" + + Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen + + + +Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf +einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, +hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte. +Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung +angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein +Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt. +Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit +einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit +nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, +auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal +in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren +Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie +allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle +Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während +die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die +reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den +unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt +nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere +kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste +nicht so schrecklich aus.-- + +Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich +auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden +mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, +als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte +Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? +Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine +Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl +vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr +der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, +fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem +Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus; +ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie +konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; +es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich +selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus +zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch +etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut +aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte +hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden +gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und +wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine +Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und +schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber +nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß +der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom +Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den +nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht +hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen +ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen +Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich +den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher +kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen +Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur +Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. +Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten +Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als +auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen, +ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines +eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen +Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag, +auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu +sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, +trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die +Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen +auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die +zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie +endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten +Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und +durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon +einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, +kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an, +gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, +fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen +mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann, +der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür +geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit +einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen +Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und +Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will +gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich +freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir +leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere +Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas +herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre +warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen +Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den +Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein +zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein +bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber +zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen +weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um +die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand +und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte: +"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. +"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen +an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander +schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast +wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt; +mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest, +und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre +verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft +ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie +hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein +dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen, +halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in +seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und +auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme, +einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt +vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir +haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht, +und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den +Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist +sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit +bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn' +seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser +Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der +inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst +mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag' +ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der +Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und +feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren +wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder, +indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge +Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's +Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und +Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache +Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir +Sorge." + +Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im +Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um +das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest +überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der +Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn, +daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis +auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das +freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen +in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes +in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei +Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner +Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den +Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen +Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber +nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß +zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte +unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte +mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und +schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um +mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte, +durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich +meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und +auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte, +daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben +hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür +gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden, +es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und +ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im +Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths +aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins +Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau +mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in +seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von +der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine +Tochter Maria!...."-- + +Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber, +was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's +Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden +jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende +Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten +Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig +geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als +Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden +Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt +und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr +noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf +ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze +Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden +Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl +einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese +Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung +hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt, +und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche +Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ +sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war +eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln, +die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie +eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog, +und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem +sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch +gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die +rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger +war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir +stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich +naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht +sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer, +wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im +Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment +wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den +Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der +Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges +Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen, +jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in +diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht +froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen +und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort +mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf; +Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge +Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde, +ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun, +und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als +wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen. +Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine +Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten +gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer +zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war +nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf +mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so +ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren +Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte +ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich +dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während +seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte +der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen +schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige +Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem +protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen; +während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem +zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit +auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein +einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte +das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit: +sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen +ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich +zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein +fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin +alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und +blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll +Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller +über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete +Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht +mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf +jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an +war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause +verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war, +übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war +eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber +wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher +die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir +auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch +sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar +hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche +vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute +dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen +oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten +Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch +eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann +blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre +Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem +weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen +zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den +Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er +einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine +ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die +er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er +einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann +sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen, +Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte +Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht +werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden, +grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war +blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge +waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem +jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa +fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen, +im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen +Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas +jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter +herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die +Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich +mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser +merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem +Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War +dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir +schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den +Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst +leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian +sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß? +Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den +Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang +dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte +also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten +Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.-- + +Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in +der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer +war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an +einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend, +schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt +schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief +er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu +Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich +all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen +Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit +nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich +an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich +Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte +er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der +Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch +herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit +14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen +zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts +weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine +drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter +Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer +zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock +nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch +ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst +drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe, +zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er +zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach +einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's +Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend +nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht +ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist +schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge +Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete, +rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend: +"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und +bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel +des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und +beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie +ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann +die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach +oben.-- + +Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen +dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des +Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten. +Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme +aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter; +und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen, +Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte +er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten, +schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch +brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen +trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor +verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter +dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein; +er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem +hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser +vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins +Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser +Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern +hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn +er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand +sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das +Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte +der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen +Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei +hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern +miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr +die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht, +ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von +wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor +reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen, +und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von +Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie +junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er +sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der +Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich +ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich +wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug +der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen +Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht +nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie +Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte +das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes; +aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen +knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt +sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von +wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte +der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er, +daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der +Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der +Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu +erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth +mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich +wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht +hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht +unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um +Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während +dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen. +Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann +vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig +mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als +alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich: +"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete +ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht +verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so +complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die +Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen +Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen +Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä, +hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom +Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr +wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel +und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes +unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut +geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen +Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren +Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder. +Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die +Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis +Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein +Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber +examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was +denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne +er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig +und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit +inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein +Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a +tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein +Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt +und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie +sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es +war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige +Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft; +und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt +inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte +sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe +sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören; +der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich +was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder +an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor +sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr +Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war +Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung; +ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller +Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden +Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung +sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im +Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige, +sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und +Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand +in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt +dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem +Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte +der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will +Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr +zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein +Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie +glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte +wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und +ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit +Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im +Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf +meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich +duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit +Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der +Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die +Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder +ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube +daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit +den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr +in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben +Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird +kommen!"-- + +Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu +Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen +Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen +gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen +Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils +durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem +Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und +vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn +ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte +er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf +und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon +auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger +Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen +sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende +von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese +Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an, +und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf +dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, +schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in +einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag +noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies +mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich +zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie +wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen +Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben. +"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig +bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu +sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter +und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles +noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... +Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft +hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, +wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube +mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch +mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem +Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit +zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten +Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl +mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd +legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch +einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.-- + +Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das +sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem +unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der +schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein +Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß +der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus +ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das +schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie +geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause +in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der +junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität +zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener +geheimnißvollen Geburt? + +So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht +Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind, +angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der +Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person +diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden +Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine +nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im +Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze +Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten. +Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der +Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß +man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man +entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch. +Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem +heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei +halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf +das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst +jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen +Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß +daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl +kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn. +Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt +würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der +Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der +Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging +strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch +ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand +umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen; +kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis +in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine +gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß +war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und +das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas +besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht +die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war +vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, +wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß +forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich +stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während +ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das +zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser +Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den +offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so +einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In +der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, +zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, +ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt. +Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen, +abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die +Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes +Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel, +sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten +Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes, +zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen +wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall +lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde +Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür +verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den +Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch +durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei +es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte +ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende +Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf +das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben +Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider +die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser +nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war +untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die +mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und +angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es +ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt +den Rest der Nacht.-- + +Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer, +widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch +an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der +vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant +dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in +seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen +Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich +doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken +trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar +nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut +und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die +Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für +eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf, +und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll +schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: +"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, +aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten +Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem +Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr +verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; +niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit +Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel +der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit +war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der +arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging +in mein Zimmer zurück. + +Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren +Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht +mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte +saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner +Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte +mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte +mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen +gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen, +der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar +Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen +Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des +Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der +Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die +Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als +ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch +bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.-- + +Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als +den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem +alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt +unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich +nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald +hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten +her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir +einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit +und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn +zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus +da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,-- +"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was +ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die +räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über +meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!... +die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug +ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht +nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah, +fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und +vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut +herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte +heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S' +weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!... +"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus +dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den +Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine +Stunde wieder umzusehen.-- + + + + +Der Goldregen. + + _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_ + _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_ + _Na bitt' i unser'n Herrgott,_ + _Daß's Wetter so bleibt._ + Altbayrischer Vierzeiler + + +Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in +der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches, +noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war +auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein +kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am +Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es +regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt, +und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im +Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas +geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne +an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum +eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden +u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das +Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern +und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen +und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das +Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich +ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz, +um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser +das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein +sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und +gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel, +um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit +einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe +trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im +Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des +Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende +Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich +etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf: +ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf +Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich +da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner, +und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes, +als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere +Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom +Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser +kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle +Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der +große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren, +die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit +Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten +pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich +eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen +Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch +auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt, +einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit +nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in +einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr +dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die +eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als +ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere +Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das +gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den +Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote, +das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die +Straße, in das nächste Haus.-- + +"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und +aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht +unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch +die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen +ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und +fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's +dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die +Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment +ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das +Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die +Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds +halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in +Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich: +in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit +bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen +betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen +und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend, +wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische +Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei +und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden +Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die +Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die +Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen +sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es +scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in +unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der, +vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte, +und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen +wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der +ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand, +und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen +hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken +und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie +herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen +matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich +im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden +einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im +Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen, +durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten +Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten +die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele +erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend +war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen +entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim +Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum +die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren, +in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm +ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem +kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch +quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig +erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte +Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es +nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast +laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken, +nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte +diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern; +und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf +den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen +fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen. + +Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich +nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den +Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige +weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes +lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen, +hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre +vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren +Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen, +hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten, +und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf +die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte +zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute +zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und +kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen +den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und +neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben +mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle +des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand +ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war, +nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am +andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der +glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht +erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem +Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung +genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit +Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem +Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt +etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei +entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von +nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu +stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang, +wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten +Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit +heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht +verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie +einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange +gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe, +vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche +Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich +nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie +Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die +Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden, +die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder +Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten +Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was +nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen, +in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene +Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen +waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein +Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war +nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten +Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war; +die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir +selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten +her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie +er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut +in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner +jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und +wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft. +Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse +schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach +einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die +Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran +er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den +Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut', +Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!" +Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom +übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige +der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien +eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das +Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als +ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas +von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen +abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief +ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, +wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen +mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit +verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere +Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen +holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im +weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine +Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter. +Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles +kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen +Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die +Taschen, was das Zeug halten wollte. + +"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem +feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht +für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's +Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast +eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was, +'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie +für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine +Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut +doch von oben zu!"-- + +Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits +waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den +andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll +ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz +um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen +Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand. +Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark +verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle +einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders +aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz +feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie +man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen +manchmal findet.-- + +Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich +umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits +sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen +ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen +die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit +Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie +mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone +Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen, +der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König +mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein +entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen +konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war, +begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln, +diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt +doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne, +und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu +Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem +Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich +nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die +Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf +Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen +war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge +herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die +Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen +Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam +vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her. +Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in +des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen +war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich +welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte +Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus, +und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und +beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem +König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache +schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in +blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur +zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang, +daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler +aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein +die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert. +Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben, +wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne +eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach +selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse +Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte +Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man, +öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig +stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der +gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den +glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert. +Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's +Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung +und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche +Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber +hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben +Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen +die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch +zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine +Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten. +Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß +eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen +begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle +Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses +viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen +Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in +Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge, +die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand +umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten +Herrschaften. + +Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen +Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier +Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren +ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie +hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer +verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger +Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit +lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch +auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und +Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie +seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen +Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas. +Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren +über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu, +conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber. +Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen +Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen +war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen +aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe +Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der +Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt. +Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große +Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie +des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr +"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten +wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu +extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden, +jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das +erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich +dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte +Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes, +welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine +Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen +bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner, +untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle +zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger +an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich +ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze +Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort +aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch, +ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle +so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt +stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen +sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und +wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die +Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein +und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa +1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und +abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze +Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen: + +"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst, +was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott, +wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue +Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue +Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_, +sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das +Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_ +so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond +drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S +Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_ +bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend +un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische. +In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham +'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich +alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde! +Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner +droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr +'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka +'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also +Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum +_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich; +is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird +nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium? +Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so +viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche +390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix +von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre, +wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich +in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe +ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_, +an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch +auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de +ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe +sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se +mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr +Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher, +_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr +Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre, +mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_, +es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts +mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau, +da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel. +Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit +_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das +voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_, +schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_, +pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter, +des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui, +naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold +is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"-- + +In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb +herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf +den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen +Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_ +kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis +zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu +drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten +und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei +zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter +heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte +mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10- +noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine +fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den +Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne, +sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem +Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des +Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten +elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom +Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten +Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben +werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu +erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das +Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel +senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große +Springbrunn-Platz still und verwaist.-- + +Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe. +Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln +humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme, +sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend: +"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und +sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_ +achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die +sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und +in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!" + + + + +Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin + + "_Und sahen, daß sie nackt waren._" + 1. Mose 3.7. + +In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie +obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der +dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater, +Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine +Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali", +sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden +bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige +Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der +Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde +von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_ +Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit +entschieden.-- + +Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich, +einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei +_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in +doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man +nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester +war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit +beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich +heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen +Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und +Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze, +bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich +hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer +Widerstandskraft.-- + +Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber +einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in +der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten +Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem +Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts +und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach +ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals +verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und +später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell +in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was +alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu +schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang +mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier +hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus +loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt. + +_Süpfli_ loquitur: + +".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der +Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride, +de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt +z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche +Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt, +und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande +z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher. +Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer +Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir +eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die +Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia +wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme +in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und +isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma +Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber +leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit +hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si +alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda. +Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und +si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand +heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand +der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider +mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin. +Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis +zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis +zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale +Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine +sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet +gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em +ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon +im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten +Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer, +immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die +Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein +idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel, +und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall +ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam +e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche +Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach' +heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber +die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem +Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in +wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie, +e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der +Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes +tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige, +flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu +z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe +der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere. +D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe +Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch, +und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene +Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider +sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig +und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib +feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore +werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung +der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde +nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und +doch isch sell Wunder amol vor sich gange: + +In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si, +die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch +e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht +welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne +Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla +libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen +isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der +Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von +sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das +unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es +verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d' +Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor +öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi +chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's +ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und +sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht +hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie +gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft +ufem wiße Leintuch.... + +In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal. +Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu, +und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"-- + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 *** |
