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@@ -0,0 +1,5479 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***
+
+Note: Images of the original pages are available through
+ Internet Archive/Canadian Libraries. See
+ http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani
+
+
+
+
+
+VISIONEN
+
+Skizzen und Erzählungen
+
+von
+
+OSKAR PANIZZA
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig
+Verlag von Wilhelm Friedrich.
+1893.
+
+
+
+
+Oskar Panizza
+
+Visionen
+
+Erzählungen und Skizzen
+
+_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Die Kirche von Zinsblech
+ Eine Negergeschichte
+ Ein Criminelles Geschlecht
+ Der Corsetten-Fritz
+ Indianer-Gedanken
+ Ein scandalöser Fall
+ Der operirte Jud'
+ Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
+ Der Goldregen
+ Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
+
+
+
+
+Die Kirche von Zinsblech
+
+ "_Sind angenehm in Leibkleidern_
+ _als nackend, doch tödtliche Farbe,_
+ _gehen zertheilt an beiden Orten_
+ _den Platz hinauf, lassen sich bloß_
+ _sehen als ob sie erscheinen,_
+ _ungeredet, und gehen alsdann wieder_
+ _hinab in das Grab."--_
+ _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._
+
+
+Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
+Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
+Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch
+mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte
+meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
+welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
+mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
+jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen;
+die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier
+klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die
+Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der
+Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren
+Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau!
+Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
+Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
+zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
+lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch
+einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
+und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
+gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!"
+mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei
+mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
+Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
+antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes
+Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen
+rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
+Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein
+goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise
+stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen
+war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
+unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war,
+der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
+vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
+eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so
+ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.--
+
+Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
+kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden.
+Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen,
+eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit
+versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
+kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand
+herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren
+stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
+und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen
+Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses
+Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
+langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen
+gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
+vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb
+Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf
+den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
+verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
+seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
+das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
+linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich
+ein.--
+
+Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
+plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
+und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
+rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz;
+dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um
+mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
+Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in
+einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in
+der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig
+erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab
+tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
+Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
+weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll
+dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
+Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem
+blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt;
+und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid
+gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
+werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die
+weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde
+über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire
+sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das
+Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß).
+Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
+fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
+bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein
+Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
+einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
+Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
+Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade,
+wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
+getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
+nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
+wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der
+Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war,
+schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
+fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
+Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten
+Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
+Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
+die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig
+quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst,
+wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
+gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich
+gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem
+Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren
+Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid
+und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
+Füße.--Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still
+und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf
+wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
+seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
+dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
+war auch dabei.--Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem
+Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken
+am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
+hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend
+in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
+hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
+war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
+Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
+über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum
+um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand
+am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
+stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
+dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese
+unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte
+immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet
+hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter
+dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
+woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl
+fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
+ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich
+sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
+ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
+schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so
+excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper
+selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank
+gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings
+der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
+daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst
+brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
+dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
+um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken
+zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort
+stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein
+Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
+Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen
+ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte
+sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
+rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite
+des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite
+amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei
+hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen
+wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
+denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
+Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
+complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
+Physiognomie.--Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben
+Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,--oder
+Rück'-gegen Rücken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen
+schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben
+vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
+einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
+zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter
+sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die
+Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser
+rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da
+war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem
+Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine
+französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen
+rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
+Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine
+Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
+drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein
+feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die
+Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen
+goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
+mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
+aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er,
+die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar
+hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten
+Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
+in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
+nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt;
+auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter
+dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren
+bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
+Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es
+schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da.
+Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
+Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene,
+unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der
+mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
+Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem
+Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer
+Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen
+lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein.
+Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
+untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
+Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
+welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
+emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem
+linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt
+das einzige Paar im ganzen Zug.
+
+Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre
+auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
+Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
+auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie
+aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter
+dem Altar begegneten. Und das _mußten_ sie!--Ich versäumte leider
+dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern
+besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere
+Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten
+Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen
+Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern
+Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein
+Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit
+verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten
+sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
+im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde
+von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
+Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem
+Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte
+Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu
+Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und
+Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
+ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden
+Jargon: "Ja, ja!--Nähmet hin und ässet!--Ja, ja!--Nähmet hin und
+trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit
+in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
+Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte
+ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
+und gelangte glücklich ins Freie.--
+
+Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung
+heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang,
+von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
+ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort
+gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur
+froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
+aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig
+aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
+Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall
+offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen
+mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu
+restauriren.--
+
+Acht Tage später las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im
+Amtsblatt folgende Bekanntmachung:
+
+"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
+Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter
+wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand
+gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht
+zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles
+nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
+Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
+gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es
+gegen Morgen in der Richtung nach ----* verließ. Es wird gebeten, auf
+denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung
+fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."--
+
+ Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.
+ Der Bürgermeister ** (Datum.)
+
+
+
+
+Eine Negergeschichte
+
+ _Tantam vim et efficaciam_
+ _nonnulli phantasiae et_
+ _imaginationi in proprium_
+ _imaginantis corpus tribuerunt._
+ _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._
+
+
+Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte
+_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große
+Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen
+Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
+Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich
+meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
+auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um
+von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,
+einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese
+vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps
+seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
+herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
+Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.--
+
+Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
+An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer
+Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
+von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als
+plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit
+einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir
+in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen
+mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige
+Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich
+irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
+Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
+die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich
+erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
+sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein
+Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit
+einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
+mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
+von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are
+the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
+vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
+sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr
+erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich
+glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I
+presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das
+haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich
+meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist
+doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu
+sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger
+gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--
+
+Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
+der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
+schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige
+Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
+dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
+überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger
+war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und
+helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
+wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze
+mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
+darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war
+abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
+im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,
+keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig
+gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und
+links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das
+Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes
+sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
+nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses
+Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
+wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
+haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ
+mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
+Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und
+stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend
+klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite
+beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten
+und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt
+war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada,
+die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ
+sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse
+durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
+angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das
+Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden
+aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle
+an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
+Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist
+der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann
+an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche
+Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles
+vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
+krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes
+Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich
+sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja,
+was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte,
+Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem
+Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,
+und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,
+mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein
+Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was
+haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.
+--"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie
+er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der
+rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist
+Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
+einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
+vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"
+schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,
+mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
+ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
+und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen
+Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und
+die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen
+Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier
+gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
+zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem
+erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--
+
+"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
+London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm
+mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
+zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in
+die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,
+wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
+entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
+einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür
+des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte
+das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder
+aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte
+sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von
+mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und
+stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte
+der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
+Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen
+Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer
+Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
+auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem
+Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem
+rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da
+ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen
+offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,
+und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den
+Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er
+selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing
+ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
+Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser
+gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in
+Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
+gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing
+hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"
+ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain
+Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von
+Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen
+in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit
+schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
+in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
+Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
+traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir
+noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin
+gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und
+nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und
+wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate
+ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet
+Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß
+ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,
+weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
+blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie
+Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben
+Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war
+gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
+grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
+mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich
+doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch
+daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als
+ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
+Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue
+durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
+Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es
+wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes
+Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"
+--"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich
+schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist
+verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
+und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
+Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein
+fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
+schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben
+sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar
+das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß
+Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
+weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert
+Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein
+Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
+in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt
+hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von
+Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht
+dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
+ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben
+beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?
+Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles
+kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,
+das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll
+das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in
+sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
+doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix
+Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte
+Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,
+Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
+Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
+mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
+mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht
+mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
+bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
+Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
+Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze
+Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein
+Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
+mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_
+Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach
+ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich
+bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in
+Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,
+ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell
+you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
+mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
+ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
+geschickt nach Hamburg...."
+
+In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
+hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
+meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,
+wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend
+von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll
+vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
+die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt
+und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
+sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
+der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
+Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der
+Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch
+das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
+plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
+dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well,
+Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die
+schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
+nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
+Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
+In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen
+Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor
+meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit
+vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte
+wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,
+beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von
+denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick
+ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
+und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den
+Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
+fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
+ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
+Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
+in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
+immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
+Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß
+sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer
+überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu
+schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
+Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt
+und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen
+Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
+und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.
+
+
+
+
+Ein Criminelles Geschlecht
+
+ "_Er wußte Nichts von den_
+ _Geschlechts-Unterschieden der_
+ _Menschen, und unterschied die_
+ _Leute nur nach den Kleidern."--_
+ _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_
+
+
+Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
+Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
+vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen
+Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
+Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war
+ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
+aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer
+Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und
+mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von
+der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete
+Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
+diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und
+protestantisch.
+
+Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die
+Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
+sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
+ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
+sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
+mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
+neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
+Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten
+sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb
+erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
+Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging
+schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir
+her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
+es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
+Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
+ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz
+absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich
+komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein
+paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
+nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist;
+ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung
+eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein
+Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
+Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in
+seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es
+daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann
+er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
+Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
+zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches
+besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
+können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut
+wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber
+sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist
+weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der
+Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem
+seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
+diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften,
+was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich,
+kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter
+dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
+worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen
+Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
+Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt,
+sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos
+im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte
+diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
+construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
+wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige
+Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
+Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
+ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich
+zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte
+ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte
+der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
+er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
+andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen
+Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem
+eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere
+Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst
+wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
+sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste
+und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
+von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
+Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner
+Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
+einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue
+Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
+auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger
+Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief
+er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die
+sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende
+Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl
+durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre
+Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"...
+die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz
+perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte
+es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden
+Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich
+hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,--
+hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
+unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
+und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese
+letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei
+fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
+mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
+von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung
+bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
+Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
+Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
+herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines
+Geistes zu hoch schien.--
+
+"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder
+physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur
+zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen
+Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
+steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt
+diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction;
+ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
+gefährlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und
+wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht
+_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden
+Lache,--"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann
+nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und
+uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und
+vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
+ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
+Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
+machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als
+zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
+und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,--bei
+Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl
+ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt,
+ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß,
+wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
+den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein
+Gott"--sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,--"sind es
+Männer oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber
+sind,"--replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über
+diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
+kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist
+es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels
+solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
+die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu
+von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhängsel, das
+andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
+Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und
+Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!--Welche Willkür!-Da
+könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
+der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch
+mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
+Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
+und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die
+Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht
+darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Männer oder Weiber?!--Nach
+dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
+unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff
+erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein,
+lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
+Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das möcht' ich
+von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
+bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die
+physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
+zu benützen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig,
+und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu
+verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der
+Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte;
+was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
+Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor
+die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
+und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hören
+wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
+Fabrication mit ihrem Körper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem
+Körper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
+zurück.--Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten
+Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
+aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
+seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
+Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat.
+Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer
+pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
+Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und
+lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
+Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir,
+der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
+der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
+diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
+dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
+da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich
+den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication
+mit ihrem Körper,"--wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann
+nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg
+fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die
+dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und
+aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie
+die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann
+laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,--"hat
+Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
+Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen
+Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie
+ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drückt
+sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
+Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
+intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte
+einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein,
+Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
+zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge
+genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
+umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
+Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
+in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der
+Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem
+Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er
+saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
+losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
+und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
+geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende
+Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
+seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.--Ich war
+unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen
+sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl
+das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen,
+wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
+Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
+hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu
+können.--In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine
+Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
+auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit
+dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl
+hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl
+zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig
+bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur
+Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
+bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
+unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
+vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
+Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf
+seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
+Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem
+ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
+stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
+vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen
+vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
+Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte
+erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
+Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen
+Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken
+beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber
+die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität
+und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich
+zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie überraschen
+mich,--ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."--"Ja,--denken
+Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,--"Sie
+kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
+unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"--setzte
+er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten
+darüber!"--Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß,
+mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
+entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich
+zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das
+muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es
+auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, daß es im
+Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das
+Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich
+offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"--"Ja,
+aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und
+eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen
+Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen
+ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
+Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
+brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn
+Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewöhnlichen Sinne des
+Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein,
+und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
+Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
+den Andern verräth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schänken, wo
+die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
+wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gäben
+einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
+Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
+Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."--"ihre
+staatsgefährliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar
+mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergänzte ich,--"was ist
+das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes
+Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt
+sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen;
+die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
+wir noch fast in den Anfängen!"--"Also ein Fluidum ist dieses
+merkwürdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den
+betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"--
+"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten
+Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticität,--die Augen werden
+nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
+das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein
+Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel
+dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"--"Ein Muß?!"--"Es gehen
+einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
+etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was
+ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
+und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese
+wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich
+in Krämpfen!"--"Höchst merkwürdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute
+verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie
+vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen
+unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen,
+entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
+den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft,
+die existirt; es sind doch keine _Quäker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein
+transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
+gegründet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"--"Sie
+hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
+zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die
+Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder
+andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die
+Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
+zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
+Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"--"Wie so?"--"Er
+wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den
+kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das
+Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwürdigste
+Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine förmliche
+Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
+Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
+nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
+Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen
+auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
+und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
+Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
+China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
+betheiligt?"--"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit,
+und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache
+entsetzlich verschlimmert!"--
+
+Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
+letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine
+Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
+als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe
+und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.--Wir
+waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen
+Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche
+Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
+steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
+Aufzeichnung machte.
+
+"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, daß
+ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur
+so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung
+feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
+ausrechnen muß."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
+Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung
+anschließend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Straße Jeden
+darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
+Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
+mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
+Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"--Erst
+nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das
+wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
+wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
+hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"--"Ich muß noch einmal, Herr
+Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die
+Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier
+kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
+gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"
+
+Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
+Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
+abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf
+der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
+es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
+Unterschiede anschlage."--"Männer _und_ Weiber?"--frug ich.--"Männer
+sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber
+gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so
+manche intime Vorgänge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem
+Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
+Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der
+Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
+regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht
+vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht
+ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung
+unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
+sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Männer
+und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja,
+aber"--fügte der Commissar ärgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich
+formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Männer und Weiber
+arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
+verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
+Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
+nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
+gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem
+die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,--fast nur ein Hauch,--als
+das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr
+ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
+Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
+nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
+Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit
+das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen
+Gesellschafts-Ordnung untergräbt', wie der Regierungs-Passus lautet;
+wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt,
+dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und
+betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände
+zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
+die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"--"Mein
+Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkürlich.--"O
+nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit
+und Geriebenheit!"--und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
+tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
+oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
+Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige
+Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
+sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo
+ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten
+Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
+schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
+Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
+Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"--"Du lieber Himmel,
+das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter,
+und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese
+Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
+Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
+einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche
+Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"--brach mein Begleiter plötzlich in
+krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
+den Armen fuchtelnd voraus,--"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich
+zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
+mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren
+den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr
+Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren
+bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
+auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
+unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
+seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
+daß er äußerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr
+gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer
+Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
+vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
+Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern
+eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
+aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
+eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
+ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild
+tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
+sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.--
+
+Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
+Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine
+Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige
+Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
+und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
+Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags
+begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend
+aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
+mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
+wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
+in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung
+herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
+hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
+Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
+was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
+machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
+dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation
+ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte
+Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
+wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
+Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter
+dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde
+eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
+Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
+ausdrücken."--
+
+Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.--Gestern wurde eine
+größere Anzahl französischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besançon
+und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
+zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
+hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen
+und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt,
+(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze
+gebracht."
+
+"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"--sagte
+ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
+entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem
+Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
+hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar
+schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
+eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
+und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"--"Die,"--sagte der
+Commissar mit traurigem Kopfschütteln,--"die werden wir nie fassen! Die
+kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!--Die...." (hier sagte mir
+der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir
+schieden stumm von einander.--
+
+
+
+
+Der Corsetten-Fritz
+
+ _Aus alten Märchen winkt es_
+ _Hervor mit weißer Hand,_
+ _Da singt es und da klingt es_
+ _Von einem Zauberland._
+ Heine
+
+Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
+ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
+Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf
+leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,
+wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die
+sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
+ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
+psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein
+Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
+hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
+bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
+anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
+Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke
+niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte
+widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
+so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
+immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
+etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall
+eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die
+Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,
+und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und
+meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das
+Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
+tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen
+Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
+begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste
+Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
+jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
+nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--
+
+Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
+in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
+von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
+mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
+Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
+Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen
+Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
+Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig
+mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
+Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
+jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich
+nicht.--
+
+Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
+war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
+that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war
+die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche
+Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der
+Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
+wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie
+mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
+Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
+strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
+Gymnasium zu besuchen.
+
+Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
+die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die
+Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
+mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf
+der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,
+machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles
+hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
+man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
+Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser
+Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.--
+
+Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
+zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer
+und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
+den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
+ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
+mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
+den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen
+mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
+fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton
+fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
+hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer
+Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
+zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
+ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
+Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
+eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
+Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,
+um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie
+möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden
+Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,
+mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich
+hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
+souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit
+auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
+auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden
+Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp
+vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
+stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
+dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
+Auftrag vollständig vergaß.
+
+Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
+wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,
+spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder
+schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt
+Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
+gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe
+mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,
+glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen
+und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie
+soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter
+Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung
+des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom
+schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
+angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also
+herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit
+anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
+ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung
+zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;
+die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
+Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich
+innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein
+Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
+und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So
+sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,
+welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein
+süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
+mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
+diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so
+kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch
+nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
+glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus
+und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
+die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste
+sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;
+sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen
+Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich
+sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
+Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war
+doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht
+täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man
+kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
+füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
+wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter
+für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem
+fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der
+Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort
+von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach
+einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
+erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was
+hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
+kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief
+ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige
+Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
+Leben nie glücklich sein...!
+
+In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
+Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
+plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
+ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten
+mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten
+trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
+Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
+retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
+Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck
+wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.--
+
+Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
+schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.
+Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
+Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu
+spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich
+tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das
+vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
+ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,
+daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht
+hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung
+gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und
+wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich
+bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde
+endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
+hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.
+
+In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in
+golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein
+strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
+weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
+und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
+und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
+diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,
+wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und
+lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--
+
+Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
+plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
+herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.
+Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,
+und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
+dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
+Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
+Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,
+die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer
+wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
+von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
+Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
+die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
+So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
+ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.
+
+Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
+in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
+ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
+ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und
+schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
+ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
+Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,
+wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
+mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu
+lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den
+Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der
+Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein
+weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine
+hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
+über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.
+Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
+bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
+einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
+Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht
+klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen
+verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch
+der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
+treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und
+rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
+Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich
+auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen
+wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an
+einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir
+klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
+ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
+zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,
+hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen
+die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,
+eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,
+wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
+das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden
+Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war
+ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
+mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
+hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
+Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen
+war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
+Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte
+mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz
+meinen Empfindungen und Erwägungen.
+
+Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
+gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen
+abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön
+wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
+schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
+während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,
+sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
+geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom
+Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft
+sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?
+Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,
+dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den
+Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,
+farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für
+Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und
+Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,
+die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
+wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
+Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
+jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das
+heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an
+ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der
+Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
+zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer
+ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
+zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
+Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,
+vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von
+Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen
+Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
+und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
+von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die
+Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
+ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
+einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
+Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,
+folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein
+Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
+beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt
+und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen
+treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald
+herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt
+die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein
+Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von
+den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem
+bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in
+die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,
+naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
+erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib
+jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's
+Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.
+
+Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
+großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
+hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
+Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
+sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
+Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,
+welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen
+Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei
+gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
+Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,
+und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und
+griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften
+Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
+was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
+der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,
+anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen
+sei.--
+
+Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,
+dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
+entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit
+zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen
+Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine
+Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
+Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_,
+die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen
+Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.
+Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die
+Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines
+sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen
+nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen
+Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
+die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder
+ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
+ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
+Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir
+und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.
+
+So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
+Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.
+Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
+das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
+Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
+die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
+Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
+aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
+wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
+hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer
+krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie
+Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel
+wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
+Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
+ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
+dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über
+gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
+und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
+Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
+Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
+zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und
+starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit
+hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
+Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
+Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
+ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung
+kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,
+spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der
+von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu
+sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
+farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
+Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
+diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein
+Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,
+blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
+Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm
+ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen
+u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
+weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
+Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.
+Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.
+
+Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm
+ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter
+Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
+die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört
+worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun
+wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr
+neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
+farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge
+genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
+wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
+ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
+Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
+geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.
+Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
+Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
+ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
+mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
+noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen
+S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
+ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
+ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein
+Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich
+mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem
+ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
+Religionsstunde.--
+
+Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
+empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
+Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
+Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
+Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig
+gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
+Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,
+daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
+mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So
+blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
+dieser Isolirung war mir am wohlsten.
+
+So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete
+Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
+da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und
+Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
+wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese
+Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
+wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte
+ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
+weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte
+jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine
+schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für
+eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
+"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften
+mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
+Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
+Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die
+Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:
+gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl
+geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die
+Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte
+mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
+begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,
+mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen
+Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse
+und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
+ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
+äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
+Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
+durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich
+hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
+ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und
+Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
+zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns
+her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
+dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der
+Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
+werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge
+von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich
+gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
+die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
+das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese
+Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung
+des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
+selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie
+wir es auswendig gelernt haben.--
+
+Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,
+wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen
+"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
+Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig
+wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche
+Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für
+getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen
+der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und
+abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog
+so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß
+alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas
+ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
+im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
+gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu
+erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.--
+
+Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer
+mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
+Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
+und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
+endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und
+Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
+so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
+süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
+studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
+der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa
+vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät
+beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,
+unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
+Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
+schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen
+Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
+ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich
+eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
+Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
+sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
+hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach
+deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
+fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
+über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
+Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann
+durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,
+durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten
+rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns
+nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
+hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
+breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege
+emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die
+Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
+nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
+empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in
+einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
+ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
+nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
+weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,
+phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,
+langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden
+Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen
+sie heute zum ersten Mal
+
+Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein
+Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
+die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören
+schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
+Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
+Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
+höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
+dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen
+und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie
+mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
+mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der
+andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
+schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
+zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille
+und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
+vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
+Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
+herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
+Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden
+Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
+des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
+schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen
+mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
+Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich
+kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
+und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
+schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
+herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?
+Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
+bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die
+ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,
+kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als
+der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
+nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
+Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus
+Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
+in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
+gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals
+das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
+Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder
+Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
+hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;
+noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche
+Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
+und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach
+mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos
+geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
+steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die
+frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte
+mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht
+das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
+geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und
+ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern
+Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und
+Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche
+und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der
+Orange-Fee.--
+
+Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene
+Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über
+Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich
+lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
+Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
+im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
+gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.
+
+Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie
+auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt
+ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester
+Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
+Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
+der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
+gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo
+ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine
+Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt
+mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--
+
+So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen
+eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
+Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres
+angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei
+traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte
+in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren
+Erfolg lustig machte.
+
+Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude
+empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
+gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
+mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit
+der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
+an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,
+ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand
+sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung
+wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am
+folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und
+damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn
+für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
+und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
+Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.
+Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.
+
+Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
+hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich
+vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf
+und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern
+schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem
+Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle
+hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
+Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,
+ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
+die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
+die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen
+Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
+Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
+von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes
+Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,
+was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
+abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
+ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil
+davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
+immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.
+Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß
+ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte
+ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem
+Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich
+muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
+ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
+keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour
+schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.
+Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der
+Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
+Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an
+die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner
+Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
+wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch
+die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
+in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein
+Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,
+welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der
+Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
+jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
+hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen
+Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich
+winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir
+der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des
+Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
+aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis
+dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
+verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah
+etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum
+Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren
+Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit
+ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
+nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,
+lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und
+"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.
+Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt
+war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die
+höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
+zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch
+natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
+und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm
+so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
+bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
+Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.
+
+Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
+es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
+diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
+nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
+Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
+eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,
+und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
+gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,
+beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
+betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist
+daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
+aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich
+zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr
+gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
+Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen
+zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
+sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber
+offenbar bestellte, fabricirte Sache.--
+
+
+
+
+Indianer-Gedanken
+
+ "Nehmet wahr der Raben;
+ sie säen nicht, sie ernten auch
+ nicht, und euer himmlischer
+ Vater nähret sie doch."
+ Lucas 12, 24
+
+
+Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren
+Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
+verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
+der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
+aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze
+und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen
+ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern
+des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
+herausforderte.
+
+Als junger Arzt in einer größeren Stadt Mittel-Deutschlands ansässig,
+hatte ich damals, um Beschäftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
+Pauschale die Verpflichtung übernommen, allen durchziehenden
+Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
+Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
+Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
+die erste ärztliche Hülfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun
+auch bei den Indianern ein, die, aus einem wärmeren Klima kommend, und
+mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
+Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
+rauhen Klima, den mannigfachsten Erkältungen ausgesetzt waren. Während
+meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein diätetischer
+Maßregeln beschränkten, lernte ich auch den Häuptling kennen, der,
+nichtwissend, daß ich für meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
+in jeder Hinsicht mir seinen überströmenden Dank bezeigte, mich in
+manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
+zuletzt in ein förmlich freundschaftliches Verhältniß trat.--So weit
+war dieß gut.--
+
+Eines Tags saß ich zu Hause, als meine Aufwärterin hereinkam, und
+mir mittheilte, draußen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
+aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
+Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich öffnete das Fenster.
+Es war mein Freund, der Häuptling. Er war überglücklich, als er mich
+sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
+Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches für ihn Wichtige und
+Interessante zu sehen gegeben, reizte übrigens zu meiner Verwunderung
+nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
+freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm
+anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
+lassen wollte. Ein Stückchen Kautabak, von dem ich die Hälfte abbrach
+und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mühe vermochte ich ihn,
+sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
+und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
+kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
+gewöhnlichen, hölzernen Küchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
+Der Häuptling war in voller Kriegsrüstung; auf dem Kopf den bekannten
+mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
+niederflossen; in den Ohren zwei große goldene Spangen; die nackten
+Körpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
+Hüft-Gürtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
+kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehüllt
+in eine dunkelblaue, mandelartige Hülle, die aber kein indianisches
+Kleidungsstück, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
+Unbilden des europäischen Klimas war. Der Häuptling hatte jenen
+misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
+Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich möchte sagen
+Jahrhunderte lang genährte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
+Verbitterung des Gemüthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
+an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
+und so war die Möglichkeit der Verständigung gegeben. Ich vermied es,
+ihn auf kalt-europäische Weise zu fragen, was ihn zu mir führe. Und so
+stockte die Unterhaltung für längere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
+Weile seine zwitterhaft glänzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
+hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
+an ihm gewohnt war.--
+
+"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
+gemacht, und der große Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
+auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mühe werth,"--meinte
+ich,--"Durch Wärme und gute Nahrung wären sie sowieso gesund
+geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
+ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist
+passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte
+der Indianer mit unverbrüchlicher Ruhe, als wäre es der einfachste
+Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer
+Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Häuptling,--"Dein Auge gefällt
+mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lügen; nenne
+mir Deine Geheimkunst, und der große Geist wird sein Auge auf Dir
+ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
+wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_
+und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht
+leben können!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum
+uns erwürgen, und uns mit den Feuerschlünden zusammenschießen wie
+Büffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um
+uns herum mit den dicken Knochen und der Lügenspur im Angesicht."--"Um
+Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und
+deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig
+erschrocken im Innern über den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
+Der Häuptling saß mir gegenüber, vollständig ruhig und ohne jede
+Erregung, als wäre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
+ihm erwogen worden, als wäre diese Frage eine immer wiederkehrende
+Erörterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu
+_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_
+trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr
+mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir könnten alle unsere
+Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
+unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
+Hälse abschneiden."--"Das wär' ja eine fürchterliche Metzelei!"--"Ja,
+aber wir wären schön gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drüben?"--"Die
+Sioux sind fünftausend, Männer und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt
+Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es
+müssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
+seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie
+gräßlich; so habt Ihr Euer Zerstörungswerk schon begonnen?"--Der
+Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
+für gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
+Erst nach längerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
+sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts
+gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgültig,--"ich finde
+es nur scheußlich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
+es nun doch vorhabt, so finde ich es gräßlich durch Schnaps zu
+sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
+zugehört hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
+er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie
+wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der
+Alte nachdrücklicher, und ergänzte sich dann noch mit: "wie die
+Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgründe
+wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich
+noch;--"ja," ergänzte der Häuptling fast schläfrig,--"wie die
+Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch würde der
+große Geist uns zürnen, wenn wir in seine Jagdgründe kämen;--Doctor,
+nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein
+lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
+zwängte mir unwillkürlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein
+solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
+hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
+Gaben, und verdünnen sie mit viel Flüssigkeit, weil wir Segen und
+Heilung damit wirken wollen;--übrigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
+weiter,--"Ihr habt ja selbst tötlich wirkende Kräuter; Ihr habt ja
+das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und
+schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
+wie wir; der große Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er würde es
+riechen; und wir kämen nicht in die ewigen Jagdgründe!--Doctor, nenn
+mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
+einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgründen
+des großen Geistes abschießen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den
+Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte
+ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgültigen Indianers eine
+andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
+so viel Platz da drüben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
+dem Jäger über die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach
+einer Pause) "nein, Doctor, wir müssen sterben; aber weil wir keine
+Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
+sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfüßige Hirsche den
+Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
+ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich
+voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen fürchterlichen
+Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Häuptling fort, indem er
+das Letzte entweder überhört hatte, oder nicht würdigen wollte,--"was
+hälst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich
+unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
+Geist; er täuscht Euch, aber er tödtet Euch nicht."--"... Und er
+macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergänzte der rothfärbige
+Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepaßt hatte,--"auch würden die
+Weiber den scharfen Saft spüren, Verdacht schöpfen und zu kreischen
+anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
+klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehört die Schachtel des weißen
+Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
+genügt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
+und es färbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
+Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
+Freund, den großen Geist betrügen!"--"Berühmter Häuptling," ich, "was
+Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wörtlich zu
+nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
+aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
+hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
+hinunter geht, hat schon heilkräftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
+auf einmal herholen, um die drei Stämme zu vernichten!?"-Der Häuptling
+schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
+an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
+gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
+diese fremden Völker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
+dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fühlte
+der Häuptling wisse, daß ich Ausflüchte suchte. Als er aber meine
+Verlegenheit merkte, und, daß ich mich durchschaut fühlte, schonte
+er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fügt er
+dann nach längerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen;
+wären wir Thiere!... Dem Thier verhüllt man das Auge, und treibt ihm
+einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
+Welches Unglück, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
+stehen zu bleiben!... (dann nach einer längeren Pause) Wir könnten
+auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hörner aufsetzen, wie die
+Hirsche bellen, und uns zusammenschießen lassen!... aber schließlich
+würden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttäuscht von unseren
+blutenden Körpern zurückziehen, und wir müßten hilflos im Wald
+verrecken."--"Häuptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist
+schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhörteste in der Geschichte
+der Völker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
+Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
+nicht die Waffen, und stürzt Euch geschmückt und bemalt mit wildem
+Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
+sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wäre
+das nicht der schönste Todt für den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete
+mit großer Schläfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut
+vergießen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ muß so viel
+Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
+gesammelt; die Stärkeren haben für die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
+unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehäuft, und die
+Blaßgesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schädel
+dem großen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezählt; und den _Sioux_
+steht offen der Weg zu den großen Jagdgründen!--Warum jetzt noch
+schmutziges Blut vergießen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefühl
+der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das weiß,
+daß es sterben muß, und sich tief im Gebüsch verkriechen möchte, um
+das dumme, unreinliche Geschäft allein und unentdeckt zu vollbringen;
+aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
+uns daran erinnern, daß wir mehr wie Thiere sind;... (nach längerem
+Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst
+Du, Häuptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche
+Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen
+Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O
+nein der _Sioux_ müßte ausspeien!--Aber wir könnten unsere jungen
+Mädchen und Jünglinge sehr sorgfältig braten und mit Kräutern und
+Lorber geschmückt den Pferdsleuten überschicken,--unser Fleisch gilt
+höher als das des Ebers,--und die andern würden sich inzwischen im
+tiefsten Wald aufhängen; und die Blaßgesichter würden erkennen, unsere
+Religion erlaubt uns, großmüthiger zu sein, als ihr an einem Balken
+aufgehängter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe,
+kriegsgeschmückte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
+und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
+sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
+Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
+ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
+Thräne stahl sich über sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
+plötzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Höhe,
+als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlöst worden, wobei ich
+zu meinem höchsten Erstaunen bemerkte, daß er den funkelnden Tomahawk
+in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der
+Häuptling,--"der große Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
+Deinen Weg behütet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
+setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
+fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
+mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
+derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
+seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
+Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
+home. (Nun, Doctor, wir werden über dem allen ins Reine kommen, wenn
+wir erst wieder zu Hause sind).
+
+
+
+
+Ein scandalöser Fall
+
+ "Und Er schuf sie, ein Männlein
+ und Fräulein, und sprach zu ihnen:
+ Seid fruchtbar und mehret Euch."
+ Genesis 1, 27-28.
+
+Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
+seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
+für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
+geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
+Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das
+Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
+dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
+an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
+einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
+besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
+nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
+besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
+Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
+des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
+es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
+Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
+Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
+Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
+Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
+Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
+Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
+Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
+verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
+Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
+Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
+streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle
+zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
+Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
+beginnenden Geschichte.--
+
+Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
+welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
+dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
+meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
+er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
+der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
+Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
+doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
+geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
+einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
+des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
+Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
+er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
+nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
+Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
+um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
+scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
+auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
+Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
+dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
+productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
+und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
+Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
+zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
+Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
+des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
+Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
+Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
+friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
+Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
+absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
+Wesen; das Habit immer tadellos.--
+
+Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
+weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
+normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
+eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
+sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
+oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
+die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
+doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
+Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
+Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
+Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
+sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
+ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
+Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
+ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
+plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
+von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
+Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
+quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
+erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
+Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
+außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
+Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
+die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
+einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
+obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
+und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
+Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
+war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
+nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
+mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
+hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
+Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
+und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
+und weit über Beau-Regard hinaus.--
+
+Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
+eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
+Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
+Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
+temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
+kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
+schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
+den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
+mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren
+Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
+die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
+"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
+weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
+Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
+Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
+"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
+Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
+ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
+weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
+acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
+lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
+Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
+wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die
+vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
+Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
+die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
+präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast
+allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
+wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
+wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem
+Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
+eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
+vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
+entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
+und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
+fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
+für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
+die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
+armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
+Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
+und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
+an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
+Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
+ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
+nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
+ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
+eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
+Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
+aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
+seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
+Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
+weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
+da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
+von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
+einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
+unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
+nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
+Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
+sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
+hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
+Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
+kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
+Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
+sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
+sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
+Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
+da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
+ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
+und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
+um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
+und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
+wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
+in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
+zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
+luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
+Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
+Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
+unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
+innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
+zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
+mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
+eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
+erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
+vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
+und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
+genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
+Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
+Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
+Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
+so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
+Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
+welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
+es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
+
+Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
+mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
+fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
+Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
+120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
+Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
+und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
+Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
+Abschluß gebracht.--
+
+Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
+getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
+er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
+libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
+der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
+darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
+daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
+beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
+Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
+fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
+moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
+zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
+heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
+Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
+was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
+aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
+Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
+und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
+zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
+blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
+rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
+Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
+Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
+sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
+er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
+nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
+feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
+die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
+war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
+Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
+nach.--
+
+Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
+können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
+Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
+an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
+grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
+leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
+von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
+großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
+abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
+können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
+aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
+an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
+der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
+gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
+Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
+Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
+Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
+Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
+Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
+mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
+aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
+und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
+Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze,
+Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
+fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
+das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
+Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.--
+
+Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
+vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
+ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
+jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
+begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
+und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
+Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
+aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
+Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
+In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
+chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
+und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
+Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
+Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
+Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
+eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
+und Schwätzen.
+
+Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
+wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
+Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
+beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
+die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
+Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
+aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
+fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
+stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
+alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
+sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
+Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
+gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
+schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
+
+Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
+Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
+in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
+absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
+Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
+
+Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
+und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
+ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
+gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
+welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
+Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
+begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
+Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
+zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
+Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
+Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
+funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
+entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
+Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
+geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
+
+Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
+immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
+gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
+erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
+Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
+als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
+begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
+jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
+und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
+an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
+hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
+mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
+um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
+Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.
+
+Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
+Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
+Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
+aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
+Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
+grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
+die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
+herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
+spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
+und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
+Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
+von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
+Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
+dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
+glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
+aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
+Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
+verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
+der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
+Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
+heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
+und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
+gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
+leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
+eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
+Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
+sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
+die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
+das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
+halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
+man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
+und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
+Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
+beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
+sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
+den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
+hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
+wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen
+mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
+Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
+tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
+Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
+ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
+so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
+gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
+faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
+bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
+das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
+und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
+den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
+einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
+Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
+verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la
+Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
+etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
+(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
+mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
+"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé,
+und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
+und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
+noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
+jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
+Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
+halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
+Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
+sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
+Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
+im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
+ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
+sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
+und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
+gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
+Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
+überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
+stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
+sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
+verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
+gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
+Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre,
+die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
+herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
+Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
+mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
+Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
+erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
+konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
+Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
+ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
+Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
+offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
+verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
+gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame
+schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
+ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
+Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
+Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
+Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
+Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
+nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
+stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
+unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
+Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
+bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
+nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
+es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
+registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
+daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
+diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache
+selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
+Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
+Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine
+abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
+was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
+soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
+gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
+Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur
+ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für
+das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
+Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
+sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
+Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
+früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
+schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
+das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
+selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
+moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
+Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja
+wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
+gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings,
+aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
+enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
+meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
+allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
+sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
+phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
+nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem
+Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
+Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
+Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
+keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
+Alles gut gehen.--
+
+Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
+wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
+zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
+aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
+geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
+hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
+nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
+auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
+auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.--
+
+Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
+Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
+stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
+Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
+mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
+Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
+
+Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
+zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
+ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
+zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
+die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
+bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
+bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
+in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
+Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
+Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
+ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
+Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
+sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
+an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
+Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
+Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
+auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
+Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
+weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
+Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
+Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
+und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
+Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
+Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
+sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
+die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
+von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
+eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
+noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
+cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
+beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
+vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
+waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
+Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
+Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
+schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
+nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
+ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
+in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
+Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
+Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
+zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
+steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
+und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
+wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
+"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
+Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
+Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
+sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
+Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
+sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
+stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
+zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
+lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
+halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
+Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
+ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
+Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
+Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
+gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
+und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
+gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
+eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
+sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
+leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
+als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
+weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
+und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
+Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
+letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
+der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
+und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
+Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein
+einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
+Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
+habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
+lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
+hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est
+degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
+glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
+gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
+andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
+Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
+plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte
+Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
+Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
+sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première!
+La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
+dann wild hinaus.--
+
+Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
+Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
+wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
+nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
+Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
+und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
+mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
+plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
+Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
+allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
+und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
+eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
+etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
+Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
+erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
+Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
+Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
+ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
+schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
+aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
+im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
+Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
+als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
+doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
+was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
+und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
+heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
+triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
+mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
+Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
+mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
+
+So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
+der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
+ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
+erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
+des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
+Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
+und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
+fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
+wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
+ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
+zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
+einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
+nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
+einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
+zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
+solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
+älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
+aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
+Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
+aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
+Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
+streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
+der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
+man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
+Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
+diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
+der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
+Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
+zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
+Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
+war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
+Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
+umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
+sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä
+sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
+et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
+Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
+jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse
+hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
+Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
+im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
+in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
+von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
+Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
+zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
+Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
+jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
+Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
+Falles gerettet werden.
+
+Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
+gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
+miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
+und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
+wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
+Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse
+mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
+ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
+ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
+fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
+sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
+Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
+Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
+großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
+hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
+immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!"
+Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die
+Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb
+vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
+der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
+die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
+rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
+Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
+damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
+Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
+Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
+bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
+zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
+so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
+wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
+vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
+würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
+dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
+eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
+et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
+wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber
+la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
+Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
+schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn
+sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
+Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
+gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
+gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß,
+aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten
+sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu
+den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
+größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
+zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
+Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
+kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
+den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob
+sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
+halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
+Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde
+befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
+was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
+von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß
+Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß
+nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
+wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
+hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien
+neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
+Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
+die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
+gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
+zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
+Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
+Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren,
+wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann
+aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?"
+"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
+der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit
+der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
+überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
+sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
+können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
+solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
+um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
+der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
+groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
+von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
+Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
+ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
+Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
+falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
+freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
+das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
+und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
+im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
+sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
+entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
+
+Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
+nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
+Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
+es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
+gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
+aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
+Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
+dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
+moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
+und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte
+etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
+Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
+aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
+auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
+ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
+Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte
+Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
+Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
+verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
+
+Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
+Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
+weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
+jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
+und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
+Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
+den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
+ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
+Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den
+Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
+nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
+Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
+Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
+hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
+Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel
+Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja,
+ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
+Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
+ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
+gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
+bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
+Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
+_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
+es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
+einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
+und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
+erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
+war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und
+niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
+Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die
+Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
+Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
+Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
+auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
+sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
+ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
+Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
+
+Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
+welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
+Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
+abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
+sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
+Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete
+die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
+diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
+war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
+Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
+emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
+also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
+und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
+zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
+Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
+Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
+einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
+Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
+Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
+Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
+Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
+und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
+unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
+liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
+Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
+kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
+über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
+nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
+Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
+Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
+zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und
+Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
+und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
+Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
+und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
+der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
+Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
+willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
+Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
+Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
+mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
+als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
+Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
+nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
+Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
+sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
+verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
+und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
+nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
+gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
+Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
+was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
+wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
+uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
+Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
+Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
+die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
+das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
+Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
+die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
+aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
+Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
+drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
+Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
+Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
+aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
+ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
+aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
+Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
+großen Meer!..."--
+
+Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
+Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
+stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
+das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
+hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
+Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
+gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
+hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
+weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
+Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
+gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
+nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
+selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
+auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
+unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
+geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
+ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
+Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
+
+Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
+bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
+Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
+die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
+nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
+eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
+austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
+man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
+aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
+eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
+Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
+noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
+Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
+nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
+Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
+dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
+1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
+in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
+folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
+Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
+abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
+Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
+wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
+dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
+verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
+den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
+die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
+Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
+ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
+zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
+nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
+sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
+hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
+aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
+sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten
+im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
+gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
+verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
+vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
+die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
+Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
+dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
+gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
+Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
+ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
+neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
+entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
+können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
+größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
+beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
+verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den
+Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
+Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
+nun nach Belieben handeln.--
+
+Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
+la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
+zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
+verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
+zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
+Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
+mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
+das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
+der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
+neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
+Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
+Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
+gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
+mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
+auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
+mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
+eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
+Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
+des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
+Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
+Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
+oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
+Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
+werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
+den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
+Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder
+in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
+Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
+diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach
+festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
+
+ "Le diable et triste
+ Et a bien peure:
+ Il a perdu sa fiancee
+ Et craint la Superieure!"[4]
+
+Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
+seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
+geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
+Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
+die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
+Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
+zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
+aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
+der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
+Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
+Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
+man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
+Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
+ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
+züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
+hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
+man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
+haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
+so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
+zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
+fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
+wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
+Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--
+
+Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
+Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
+Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
+Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
+bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
+die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
+begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
+selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
+hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
+zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
+diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
+_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
+bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
+Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
+Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
+brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
+heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
+Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
+Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
+damals im Wald auf Henriette gesessen.--
+
+Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
+der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
+Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
+eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
+Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
+auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
+erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
+der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
+Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
+Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
+Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
+Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
+entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
+nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
+wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
+zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
+des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
+betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
+Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
+sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
+die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
+Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
+dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
+Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
+ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
+Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
+ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
+Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
+cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
+Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
+das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
+stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
+Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
+rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
+Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
+Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
+Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
+Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
+die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
+Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
+Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
+und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
+Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
+sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
+Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
+und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
+mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
+eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
+kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
+Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
+trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein
+eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
+Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
+möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le
+jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
+zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
+draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
+kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
+nach Hause.--
+
+Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
+wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
+die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
+und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
+Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
+ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
+Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und
+unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
+die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
+bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
+mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
+Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
+selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
+Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
+Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
+was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
+Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
+des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
+war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
+la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
+getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
+präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
+erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
+Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
+in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
+einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was
+aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
+erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
+Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit
+diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.
+
+Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
+möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
+Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
+Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
+dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
+fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
+heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
+die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
+ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
+sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
+Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
+etwas ganz besonderes los sein müsse.--
+
+Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
+bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
+mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
+Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
+zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
+vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
+gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
+als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
+außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
+beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
+was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
+die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
+mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
+diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
+anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
+das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
+Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
+eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
+jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
+diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
+dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
+los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es
+mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
+wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--
+
+Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
+Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
+hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
+beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
+Hirn zu schreiben.--
+
+Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
+des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
+Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
+in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
+ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
+gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
+Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In
+diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
+und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
+soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
+einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
+auseinander und las Folgendes:
+
+Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
+de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
+Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
+Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
+vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
+
+Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
+Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
+Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
+männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
+paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
+die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
+werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
+(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
+getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
+ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
+eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
+Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
+Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
+dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
+Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
+nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
+Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
+Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
+das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
+als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
+stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
+Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
+von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
+ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
+der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
+so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
+blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
+uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
+ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
+Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
+als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
+Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
+von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
+gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
+die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
+zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit
+ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der
+Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
+hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
+deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
+beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
+_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
+ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
+ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
+der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
+weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
+Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
+hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--
+
+Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
+gebracht.
+
+Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
+genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
+wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
+
+Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
+Soeur Première wurde Superiorin.--
+
+
+[1] "Sieh der Teufel!"
+
+[2] "Und hier seine Braut!"
+
+[3] Schwatzerei.
+
+[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
+verloren, und fürchtet die Superiorin.--
+
+[5] Ach, sie thun mir weh.
+
+
+
+
+Der operirte Jud'
+
+ _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_
+ _Huhu! ein gräßlich Wunder!_
+ _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_
+ _Fiel ab, wie mürber Zunder._
+ _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_
+ _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_;
+ _Bürger_, Lenore.
+
+
+Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel
+Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in
+meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht
+ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
+der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
+Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,
+um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging
+und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach
+dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu
+verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der
+gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,
+ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
+oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
+versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,
+die Schule, die Verantwortung tragen.--
+
+_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher
+stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'
+letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
+die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
+Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn
+Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
+über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
+einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
+Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich
+auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
+waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
+von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein
+Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in
+den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
+Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's
+Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner
+>Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines
+Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;
+aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte
+er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
+paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
+Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,
+zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
+herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
+noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so
+viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
+so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf
+die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars
+komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in
+der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
+welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
+und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen
+Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
+auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,
+daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
+dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.
+Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
+nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und
+sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch
+etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und
+Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe
+beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
+steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
+starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft
+zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei
+Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber
+nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
+einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts
+komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,
+und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen
+der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem
+Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
+Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
+Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den
+Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
+eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
+seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,
+von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
+unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen
+wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
+ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
+Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,
+hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich
+bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,
+spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach
+oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
+und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis
+zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
+der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte
+ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
+bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
+Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus
+immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
+er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
+sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer
+unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit
+eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des
+Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
+Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm
+grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
+sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
+Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
+die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
+Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber
+wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
+Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von
+Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und
+einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich
+abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
+ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das
+dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
+Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen
+Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
+Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig
+Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte,
+ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig
+flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
+besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an
+bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
+syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.
+Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in
+seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was
+soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine
+Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!
+Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen
+der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter
+Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche
+Speichelabsonderung).--
+
+Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,
+oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die
+er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine
+Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
+(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art
+eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit
+einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit
+solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv
+blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
+Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das
+"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn
+dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
+daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
+Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
+dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
+der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark
+nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
+also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,
+breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer
+den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
+recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend;
+u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du
+willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
+weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
+zusammen!
+
+Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso
+ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen
+umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf
+die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
+die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig
+Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,
+medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
+empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
+dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
+Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
+dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
+kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
+viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
+grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art
+zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer
+Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
+stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über
+den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
+die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in
+Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
+kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine
+Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die
+nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
+die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte
+ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen
+von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen
+wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt
+hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein
+Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_
+war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
+eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
+Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
+Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
+war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem
+engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,
+grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
+eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
+große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort
+blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
+begann.
+
+Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
+Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich
+seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
+entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
+daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium
+verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere
+wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte
+ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja
+vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der
+Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und
+stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf
+den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
+so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä
+neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht;
+aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
+zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.
+Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig
+sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
+Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs
+wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
+berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten
+Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
+Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
+vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
+und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.
+Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das
+ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
+die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen
+Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
+werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann
+ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf
+eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;
+nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich
+beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell
+dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr
+Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit
+zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der
+Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges
+Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere
+Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
+
+Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in
+der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen
+Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
+Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer
+gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang
+mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt
+und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles
+anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,
+noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
+seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
+wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden
+und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach
+einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine
+natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
+sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
+zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
+verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei
+Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes
+Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
+entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
+und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade
+jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
+absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
+einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader
+Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
+Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes
+Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für
+ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt
+von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der
+alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann
+mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
+neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
+Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
+größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
+Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
+einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
+hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;
+die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
+hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
+des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"
+hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein
+Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,
+gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
+wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
+schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
+war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
+gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer
+schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
+zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so
+bald als möglich erreichen.
+
+Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein
+nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
+durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
+rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
+dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
+Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine
+völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
+wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,
+Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
+Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung
+mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
+noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
+von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
+Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der
+einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener
+bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
+ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
+u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste
+darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
+neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
+entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine
+neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
+untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen
+Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
+das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man
+sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese
+feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
+Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
+
+Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,
+Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig
+Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
+größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer
+Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
+christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und
+Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
+der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die
+weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,
+pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
+verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
+unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise
+zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
+im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die
+aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen
+damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,
+unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
+dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
+englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
+hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
+_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
+der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen
+Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig
+riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
+wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
+germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
+wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn
+_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
+Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel
+und übrigen Papiere umändern.
+
+Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
+Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe
+der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
+verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er
+wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_
+zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
+Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
+in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
+hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
+Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender
+Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen
+Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd',
+fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
+nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt
+geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt
+hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß
+Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß
+dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,
+einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
+herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
+innerlich aus?--
+
+Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle
+jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
+herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein
+paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
+einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß
+Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
+undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen
+Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und
+die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
+beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
+wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das
+Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,
+in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
+zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
+sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
+bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
+der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
+das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor
+_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"
+herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten
+wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
+Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese
+neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
+abstehen.
+
+Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
+mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm
+erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte,
+den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine
+Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß
+vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher
+und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in
+bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne
+man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
+Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte
+Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn
+mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten
+Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's
+Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
+diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird
+den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig
+Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten
+Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß
+damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,
+die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper
+in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines
+oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren
+ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
+Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
+waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs
+bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung
+jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für
+einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden
+am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
+zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur
+Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal
+zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
+in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
+entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader
+im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der
+"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
+kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
+Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach
+mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur
+hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
+nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu
+sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
+Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
+
+So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
+sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
+Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
+die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser
+sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen
+ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_
+Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
+Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg.
+Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,
+wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's
+überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt
+sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf
+die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter
+Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
+verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.
+Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die
+Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
+_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
+
+Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
+Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn
+ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem
+Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
+früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder
+Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
+zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
+Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
+Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
+härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze
+Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er
+und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet
+er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der
+hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt
+er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der
+hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
+aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?
+Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
+der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige
+Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
+spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel
+jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In
+solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein
+wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
+wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,
+hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
+mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
+eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
+fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
+Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie
+ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
+kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und
+schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften
+natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
+Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern
+konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,
+all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen
+Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
+alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,
+kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,
+steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,
+gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze
+pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch
+andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
+Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
+steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
+zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
+alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während
+seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm
+ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da
+er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
+sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
+Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
+sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
+immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft
+mit Ruhe obzuliegen.--
+
+Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
+Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
+in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut
+eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine
+Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
+Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
+mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
+Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
+ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem
+erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte
+nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben
+eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
+Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis
+sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die
+mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
+die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige
+Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen
+Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war
+es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
+vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,
+(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen
+Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
+die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
+geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in
+Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
+Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren
+für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
+wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
+Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des
+Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun
+wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in
+der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß
+es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß
+Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon
+etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen
+Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken
+Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit
+den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,
+konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher
+Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
+Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer
+horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
+ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen
+Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine
+Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
+machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch
+etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,
+war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße
+Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
+nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die
+Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.
+Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
+Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
+Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die
+Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische
+Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls
+beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten
+gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
+_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
+dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
+Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut
+hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
+
+Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
+Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor
+_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen
+absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
+ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
+auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath
+in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede
+nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
+_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei
+Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's
+fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
+der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
+beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der
+lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen
+war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das
+Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
+Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die
+zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
+und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
+Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward
+anberaumt.--
+
+Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
+jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
+Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
+machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
+Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
+ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags
+auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
+aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
+nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber
+Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
+die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
+zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
+Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,
+offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
+gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt
+Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann
+schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
+Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche
+Umhüllungen kleiden.--
+
+Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
+sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst
+zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,
+wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?
+Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei
+Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und
+sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
+blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
+blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
+Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!
+Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert
+sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen
+das, was aus der Menschen Munde geht!
+
+Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,
+Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,
+erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen
+müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur
+eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O
+hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen
+geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
+großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten,
+weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen
+nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
+zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
+den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
+Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,
+wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
+Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt
+hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--
+
+Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war
+der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die
+der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_
+beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht
+mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
+vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen
+Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen
+hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
+der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es
+viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger
+durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von
+5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser
+muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den
+"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held
+der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor
+uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
+_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,
+die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen
+bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein
+Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
+sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
+erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht
+man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
+unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
+streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
+ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem
+anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
+zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
+_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
+Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
+Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.
+
+Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen
+Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und
+zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
+einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
+und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
+wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein
+französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
+des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich
+befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
+in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute
+in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein
+waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende
+Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte
+der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.
+_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.
+Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige
+Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten
+Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in
+Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt
+waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den
+langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
+Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.
+Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
+_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
+Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem
+Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren
+Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie
+der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.
+
+Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint
+im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
+Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
+von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich
+weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
+Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern
+Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen
+des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
+psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch
+Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
+aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für
+immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken
+gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten
+Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,
+abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
+symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
+Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß
+am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
+Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand
+den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--
+
+Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,
+daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den
+Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
+purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte
+Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
+abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
+Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,
+und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja
+Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu
+Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
+"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
+können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und
+Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
+der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
+auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,
+wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere
+Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
+er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
+hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte
+es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
+"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
+Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
+Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
+daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
+gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"
+hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"
+war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit
+diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
+seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
+überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
+tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in
+die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,
+die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die
+Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
+_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
+schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu
+wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend
+vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll
+ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll
+als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.
+Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und
+starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig
+angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
+hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
+festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
+Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen
+war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt
+worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
+auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und
+ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten
+drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit
+einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
+Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter
+Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer
+und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
+hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes
+Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
+schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
+die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
+Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am
+Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)
+"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
+er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
+Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
+Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme
+mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In
+diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
+gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft
+lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal
+herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!
+Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!
+Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,
+aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei
+Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen
+vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
+Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten
+Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen
+wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
+glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war
+wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
+seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit
+zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
+Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,
+wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol
+rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
+war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe
+vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter
+geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
+Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
+jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch
+verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit
+zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück.
+Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit
+nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein
+Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
+Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel
+Stern_.--
+
+
+
+
+Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
+
+
+ "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk
+ Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
+ hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke,
+ un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen
+ un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd
+ ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as
+ der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee
+ un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn).
+ Un as se dat seeg, so freude se sik._"
+
+ Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
+
+
+
+Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
+einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
+hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
+Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
+angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
+Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
+Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
+einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
+nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
+auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
+in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren
+Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
+allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
+Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
+die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
+reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
+unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
+nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
+kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
+nicht so schrecklich aus.--
+
+Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
+auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
+mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
+als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
+Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
+Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
+Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
+vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
+der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
+fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
+Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
+ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
+konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
+es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
+selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
+zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
+etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
+aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte
+hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
+gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
+wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
+Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
+schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber
+nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß
+der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
+Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
+nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
+hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
+ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
+Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
+den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
+kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
+Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
+Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
+Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
+Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
+auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
+ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
+eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
+Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
+auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
+sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
+trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
+Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
+auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
+zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
+endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
+Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
+durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
+einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
+kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
+gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
+fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
+mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
+der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
+geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
+einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
+Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
+Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
+gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich
+freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
+leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
+Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
+herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
+warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
+Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
+Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
+zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
+bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
+zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
+weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
+die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
+und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
+"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
+"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
+an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
+schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
+wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
+mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
+und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
+verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
+ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
+hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
+dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
+halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
+seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
+auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
+einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
+vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
+haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
+und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
+Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
+sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
+bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
+seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
+Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
+inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst
+mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
+ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
+Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
+feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
+wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder,
+indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
+Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
+Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
+Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
+Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
+Sorge."
+
+Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
+Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
+das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
+überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
+Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
+daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
+auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
+freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
+in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
+in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
+Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
+Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
+Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
+Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
+nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
+zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
+unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
+mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
+schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
+mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
+durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
+meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
+auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
+daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
+hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
+gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
+es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
+ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
+Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
+aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
+Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
+mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
+seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
+der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
+Tochter Maria!...."--
+
+Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
+was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
+Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
+jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
+Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
+Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
+geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
+Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
+Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
+und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
+noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
+ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
+Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
+Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
+einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
+Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
+hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
+und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
+Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
+sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
+eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
+die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
+eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
+und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
+sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
+gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
+rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
+war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
+stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
+naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht
+sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
+wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
+Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
+wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
+Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
+Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
+Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
+jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
+diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
+froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
+und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
+mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
+Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
+Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
+ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
+und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
+wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
+Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
+Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
+gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
+zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
+nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
+mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
+ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
+Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
+ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
+dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
+seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
+der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
+schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
+Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
+protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
+während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
+zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
+auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
+einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
+das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
+sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
+ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
+zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
+fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
+alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und
+blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
+Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
+über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete
+Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
+mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
+jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
+war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
+verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
+übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
+eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
+wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
+die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
+auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
+sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
+hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
+vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
+dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
+oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
+Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
+eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
+blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
+Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
+weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
+zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
+Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
+einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
+ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
+er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
+einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
+sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
+Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
+Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
+werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
+grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
+blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
+waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
+jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
+fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
+im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
+Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
+jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
+herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
+Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
+mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
+merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
+Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
+dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
+schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
+Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
+leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
+sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
+Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
+Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
+dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
+also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
+Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--
+
+Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
+der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
+war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
+einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
+schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
+schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
+er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
+Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
+all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
+Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
+nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
+an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
+Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte
+er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
+Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
+herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
+14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
+zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
+weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
+drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
+Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
+zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
+nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
+ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
+drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
+zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
+zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
+einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
+Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
+nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht
+ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
+schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
+Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
+rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
+"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
+bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
+des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
+beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
+ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
+die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
+oben.--
+
+Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
+dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
+Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
+Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
+aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
+und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
+Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
+er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
+schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
+brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
+trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
+verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
+dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
+er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
+hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
+vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
+Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
+Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
+hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
+er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
+sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
+Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
+der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
+Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
+hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
+miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
+die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
+ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von
+wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
+reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
+und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
+Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
+junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
+sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
+Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
+ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich
+wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug
+der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen
+Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
+nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
+Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte
+das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
+aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
+knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
+sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
+wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
+der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
+daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
+Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der
+Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
+erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
+mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
+wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
+hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
+unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um
+Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
+dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
+Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
+vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
+mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
+alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
+"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
+ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
+verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
+complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
+Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
+Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
+Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä,
+hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
+Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr
+wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
+und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
+unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
+geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
+Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
+Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
+Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die
+Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
+Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein
+Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
+examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
+denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
+er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
+und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
+inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein
+Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a
+tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
+Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
+und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
+sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
+war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
+Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
+und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
+inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte
+sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe
+sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
+der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich
+was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder
+an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
+sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
+Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
+Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
+ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
+Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
+Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
+sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
+Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
+sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
+Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
+in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
+dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
+Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte
+der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
+Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
+zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
+Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie
+glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte
+wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
+ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit
+Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
+Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
+meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
+duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
+Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der
+Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
+Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
+ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
+daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
+den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
+in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
+Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
+kommen!"--
+
+Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
+Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
+Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
+gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
+Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
+durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
+Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
+vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
+ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
+er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
+und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
+auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger
+Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
+sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
+von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese
+Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
+und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
+dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
+schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
+einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
+noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
+mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
+zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
+wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
+Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
+"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
+bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
+sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
+und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
+noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
+Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
+hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
+wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
+mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
+mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
+Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
+zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
+Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
+mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd
+legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
+einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--
+
+Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
+sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
+unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
+schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
+Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß
+der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
+ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
+schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
+geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
+in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
+junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
+zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
+geheimnißvollen Geburt?
+
+So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
+Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
+angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
+Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
+diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
+Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine
+nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
+Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
+Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
+Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
+Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
+man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
+entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
+Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
+heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
+halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
+das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
+jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
+Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
+daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
+kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
+Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
+würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
+Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
+Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
+strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
+ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
+umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
+kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
+in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
+gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
+war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
+das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
+besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
+die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
+vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
+wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
+forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
+stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
+ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
+zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
+Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
+offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
+einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
+der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
+zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
+ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
+Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
+abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
+Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
+Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
+sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
+Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
+zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
+wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
+lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
+Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
+verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
+Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
+durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
+es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
+ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
+Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
+das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
+Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
+die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
+nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
+untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
+mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
+angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
+ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
+den Rest der Nacht.--
+
+Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
+widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
+an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
+vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
+dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
+seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
+Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
+doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
+trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
+nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut
+und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
+Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
+eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
+und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
+schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
+"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
+aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
+Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
+Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
+verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
+niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
+Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel
+der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
+war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
+arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
+in mein Zimmer zurück.
+
+Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
+Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
+mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
+saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
+Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
+mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
+mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
+gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
+der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
+Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
+Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
+Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
+Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
+Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
+ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
+bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
+
+Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
+den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
+alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
+unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
+nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
+hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
+her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
+einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
+und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
+zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
+da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,--
+"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
+ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die
+räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über
+meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
+die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug
+ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
+nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
+fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
+vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
+herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
+heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
+weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
+"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
+dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
+Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
+Stunde wieder umzusehen.--
+
+
+
+
+Der Goldregen.
+
+ _Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_
+ _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_
+ _Na bitt' i unser'n Herrgott,_
+ _Daß's Wetter so bleibt._
+ Altbayrischer Vierzeiler
+
+
+Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
+der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
+noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
+auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
+kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
+Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
+regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
+und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
+Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
+geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
+an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
+eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
+u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
+Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
+und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
+und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
+Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
+ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
+um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
+das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
+sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
+gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
+um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
+einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
+trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
+Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
+Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
+Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
+etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
+ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
+Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
+da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
+und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
+als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
+Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
+Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser
+kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
+Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
+große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
+die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
+Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
+pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
+eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
+Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
+auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
+einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
+nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
+einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
+dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
+eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
+ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
+Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
+gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
+Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
+das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
+Straße, in das nächste Haus.--
+
+"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
+aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
+unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
+die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
+ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und
+fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
+dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
+Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
+ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
+Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
+Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
+halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
+Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
+in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
+bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
+betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
+und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
+wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
+Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
+und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
+Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
+Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
+Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
+sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
+scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
+unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der,
+vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
+und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
+wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
+ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
+und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
+hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
+und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
+herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
+matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
+im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden
+einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
+Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
+durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
+Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
+die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
+erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
+war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
+entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
+Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
+die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
+in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
+ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
+kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
+quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
+erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
+Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es
+nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
+laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
+nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
+diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
+und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
+den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
+fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
+
+Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
+nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
+Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
+weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
+lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
+hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
+vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
+Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
+hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
+und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
+die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
+zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
+zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
+kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
+den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
+neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
+mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
+des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
+ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
+nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
+andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
+glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
+erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
+Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
+genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
+Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
+Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
+etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
+entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
+nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
+stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
+wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
+Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
+heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
+verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
+einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
+gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
+vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
+Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
+nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
+Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
+Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
+die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
+Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
+Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
+nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
+in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
+Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
+waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
+Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
+nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten
+Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
+die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
+selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
+her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
+er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
+in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
+jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
+wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
+Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
+schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
+einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
+Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
+er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
+Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
+Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
+Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
+übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
+der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
+eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
+Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
+ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
+von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
+abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
+ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
+wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen
+mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
+verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
+Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
+holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
+weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
+Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
+Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
+kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
+Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
+Taschen, was das Zeug halten wollte.
+
+"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
+feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht
+für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
+Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
+eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
+'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
+für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
+Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
+doch von oben zu!"--
+
+Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
+waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
+andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
+ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
+um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
+Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
+Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
+verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
+einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
+aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
+feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
+man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
+manchmal findet.--
+
+Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
+umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
+sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
+ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
+die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
+Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
+mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
+Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
+der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
+mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
+entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
+konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
+begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
+diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
+doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
+und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
+Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
+Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
+nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
+Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
+Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
+war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
+herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
+Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
+Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
+vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
+Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
+des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
+war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
+welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
+Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
+und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
+beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
+König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
+schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
+blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
+zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
+daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
+aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
+die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
+Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
+wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
+eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
+selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
+Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
+Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
+öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
+stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
+gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
+glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
+Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
+Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
+und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
+Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
+hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
+Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
+die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
+zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
+Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
+Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
+eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
+begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
+Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
+viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
+Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
+Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
+die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
+umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
+Herrschaften.
+
+Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
+Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
+Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
+ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
+hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
+verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
+Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
+lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch
+auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
+Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
+seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
+Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
+Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
+über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
+conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
+Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
+Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
+war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
+aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
+Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
+Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
+Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
+Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
+des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
+"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
+wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
+extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
+jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
+erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich
+dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
+Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
+welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
+Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
+bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
+untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
+zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
+an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
+ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
+Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
+aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
+ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
+so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
+stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
+sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
+wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
+Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
+und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
+1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
+abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
+Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:
+
+"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
+was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott,
+wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
+Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
+Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
+sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
+Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
+so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
+drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
+Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_
+bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
+un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
+In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
+'s widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
+alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde!
+Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
+droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
+'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
+'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
+Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
+_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
+is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
+nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
+Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so
+viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
+390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
+von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
+wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
+in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
+ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_,
+an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
+auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
+ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
+sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
+mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr
+Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
+_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
+Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
+mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
+es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
+mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
+da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
+Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
+_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
+voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
+schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_,
+pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
+des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
+naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
+is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--
+
+In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
+herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
+den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
+Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
+kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
+zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
+drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
+und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
+zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
+heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
+mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
+noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
+fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
+Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
+sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
+Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
+Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
+elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
+Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
+Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
+werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
+erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
+Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
+senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
+Springbrunn-Platz still und verwaist.--
+
+Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
+Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
+humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
+sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
+"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und
+sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
+achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die
+sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
+in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"
+
+
+
+
+Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
+
+ "_Und sahen, daß sie nackt waren._"
+ 1. Mose 3.7.
+
+In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
+obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der
+dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater,
+Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine
+Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
+sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
+bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige
+Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der
+Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde
+von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_
+Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit
+entschieden.--
+
+Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich,
+einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
+_Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
+doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
+nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester
+war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
+beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich
+heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen
+Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und
+Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
+bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich
+hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer
+Widerstandskraft.--
+
+Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
+einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in
+der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
+Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem
+Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
+und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach
+ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
+verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
+später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell
+in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
+alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
+schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
+mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
+hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
+loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.
+
+_Süpfli_ loquitur:
+
+".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
+Chrankheite isch schröckli groß worda; der Düfel, net dermit z'fride,
+de mänschliche Körper ganz ußere materielle Subschtanz darg'schtellt
+z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mänschliche
+Körper befalle, sind d'Folge vo der Erbsünde, die si immer vermehrt,
+und immer vermehrt; eso daß gar kei Hoffnung uf Beß'rung verhande
+z'sei scheint. Instatt gottähnlicher werda mer immer düfelsähnlicher.
+Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsünd' in immer größerer
+Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
+eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die
+Nacktheit wird in den Mänschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
+wachgerufen; selle führen zur Sünde; die Sünde wird uf die Nachkomme
+in unwiderschtehlicher Gewalt übertrage, und häuft si immer mehr; und
+isch bis ufem heutige Tag zure schröckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
+Chlider über die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
+leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
+hat in de letschte Jahrhunderte grüseli zug'nomma. Ma verschiebt si
+alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chönna si ganz abg'nomma werda.
+Dadurch chönna d'Mänsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
+si betrachte. Die einzige Möglichkeit us diesem sündhaften Zuschtand
+heruszuchumma, war--as e Z'rückversetze i de paradiesische Zuschtand
+der Sündlosigkeit zur Zit nüt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider
+mit der Körper-Oberfläche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
+Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do müesse me z'rückgehe bis
+zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mänschen; sell isch bis
+zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
+Geburtshülfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mänschen zur Zeit eine
+sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialität; igeleitet
+gegen den ursprüngliche Wille des Höchschten; entgegengesetzt em
+ganze urschprüngliche Schöpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
+im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
+Mänschen im Paradies e rein göttlicher, spiritualischer, seraphischer,
+immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
+Vervielfältigung und Weiterzeugung wär' vor sich ganga iner rein
+idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
+und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sündefall
+ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mänsch bekam
+e sinnliche, materielle, fleischliche Körper, de geschlechtliche
+Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
+heut' schteht, müsseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
+die aposchtolische Geburtshülfe muß doch conschtatire, daß mit jedem
+Kinde, das us Mutterlip usschlüpft, e Düfelsfratz uns entgegegrinzt, in
+wellem der göttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
+e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
+Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwährendes
+tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Düfels zuneme ohnmächtige,
+flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu
+z'thun? Was isch d'hütige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
+der paschtorale Geburtshülfe? D'Nacktheit chönna mer nüt ändere.
+D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
+Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
+und ebbe dadurch die Quelle der immer schröcklicher uf uns chumene
+Erbsünde. Die Chlider verhülla die Nacktheit. Aber die Chlider
+sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlüpfrig
+und täuschungsrich. Mit Leim chönna merse nüt de Mönsche ufen Lib
+feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Män sche in Chlider gebore
+werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
+der Nacktheit unmöglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsünde
+nimmer möglich. Welches Wunder! Ma söll's nüt für möglich halte. Und
+doch isch sell Wunder amol vor sich gange:
+
+In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
+die händ kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
+e armes frommes Mädla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
+welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba führe. Aberne
+Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
+libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
+isch näher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
+Wöchneri hi gechniet, und händ ihr heißes Flehen ebba im Sinn von
+sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
+unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
+verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
+Communion z'vor empfange gha. Ändli gegen Oba, as sich's Leibesthor
+öffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Büeble isch usi
+chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hösli, e Schilee het's
+ang'het mit schöne, gliche, glanzige Knöpfli, Cylinder Manschette, und
+sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
+hat's mit rothi Bäckli, mit freundlich blinzelnde Äugli, hat sie
+gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstöckli usi stapft
+ufem wiße Leintuch....
+
+In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
+Es war zehn Uhr. Professor _Süpfli_ schlug einen großen Folianten zu,
+und sagte: "s nächschte Mol Mehres über selle Materie!"--
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43933 ***