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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43891 ***
+
+ Du deutsches Kind!
+
+
+ Eine Gabe für unsere Jugend.
+
+ Dargereicht von J. B. Laßleben.
+
+ Bilder von Albert Reich.
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+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+ Hochwald-Verlag München-Kallmünz
+
+
+
+
+ Ein jeder nehme wohl in acht,
+ was Lust und Ehr' ihm hat gebracht:
+ Der Wirt seinen Krug,
+ der Krämer sein Tuch,
+ der Bauer seinen Pflug,
+ das Kind sein Buch.
+
+ Robert Reinick.
+
+
+ Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag)
+ Kallmünz/Bayern 1922
+
+
+
+
+[Illustration: Sämann]
+
+
+Zum Tagewerk.
+
+
+ Gehe hin in Gottes Namen,
+ greif dein Werk mit Freuden an!
+ Frühe säe deinen Samen!
+ Was getan ist, ist getan.
+ Sieh nicht aus nach dem Entfernten;
+ was dir nah' liegt, mußt du tun.
+ Säen mußt du, willst du ernten;
+ nur die fleiß'ge Hand wird ruhn.
+ Müßigstehen ist gefährlich,
+ heilsam unverdroßner Fleiß;
+ und es steht dir abends ehrlich
+ an der Stirn des Tages Schweiß.
+ Weißt du auch nicht, was geraten
+ oder was mißlingen mag,
+ folgt doch allen guten Taten
+ Gottes Segen für dich nach.
+ Geh denn hin in Gottes Namen,
+ greif dein Werk mit Freuden an!
+ Frühe säe deinen Samen!
+ Was getan ist, ist getan.
+
+ Philipp Spitta.
+
+
+
+
+Der Vater und die drei Söhne.
+
+
+ An Jahren alt, an Gütern reich,
+ teilt' einst ein Vater sein Vermögen
+ und den mit Müh erworb'nen Segen
+ selbst unter die drei Söhne gleich.
+ »Ein Diamant ist's,« sprach der Alte,
+ »den ich für den von euch behalte,
+ der mittels einer edlen Tat
+ darauf den größten Anspruch hat.«
+
+ Um diesen Anspruch zu erlangen,
+ sieht man die Söhne sich zerstreu'n.
+ Drei Monden waren kaum vergangen,
+ so stellten sie sich wieder ein.
+
+ Drauf sprach der älteste der Brüder:
+ »Hört! es vertraut' ein fremder Mann
+ sein Gut ohn' einen Schein mir an;
+ ich gab es ihm getreulich wieder.
+ Sagt, war die Tat nicht lobenswert?« --
+ »Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,«
+ ließ sich der Vater hier vernehmen;
+ »wer anders tut, der muß sich schämen;
+ denn ehrlich sein ist unsre Pflicht.
+ Die Tat ist gut, doch edel nicht.«
+
+ Der zweite sprach: »Auf meiner Reise
+ fiel einmal unachtsamerweise
+ ein Kind in einen tiefen See.
+
+ Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh
+ und rettete dem Kind das Leben.
+ Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.« --
+ »Du tatest,« sprach der Greis, »mein Kind,
+ was wir als Menschen schuldig sind.«
+
+[Illustration: Rettung]
+
+ Der jüngste sprach: »Bei seinen Schafen
+ war einst mein Feind fest eingeschlafen
+ an eines tiefen Abgrunds Rand;
+ sein Leben stand in meiner Hand.
+ Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.«--
+ »O,« rief der Greis mit holdem Blicke,
+ »Dein ist der Ring! Welch edler Mut,
+ wenn man dem Feinde Gutes tut.«
+
+ M. G. Lichtwer
+
+
+
+
+[Illustration: Gasthausschild]
+
+
+Das Tischgebet.
+
+
+ An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern
+ waren beisammen viel reiche Herrn.
+ Vor ihnen standen aus Küch' und Keller
+ gar lieblich lockend die Flaschen und Teller.
+ Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen,
+ die Kellner reichten die dampfenden Suppen
+ und mehr noch begann Gemüs' und Braten
+ mit süßem Wohlgeruch zu laden.
+
+ Da kam zur Türe still herein
+ ein Fremder mit seinem Töchterlein
+ und setzte sich unten am langen Tisch,
+ um auch zu kosten von Wein und Fisch.
+ Oben klirrten die Löffel und Messer,
+ klangen die Gläser und scherzten die Esser.
+
+ Da tönt auf einmal gar hell und fein
+ eine Stimme in den Lärm hinein,
+ wie wenn von fern ein Glöcklein klingt,
+ wie wenn im Wald ein Vogel singt.
+ Und wie auch der Strom der Rede rauscht,
+ still wird es rings und jeder lauscht:
+ der Krieger, der von den Schlachten erzählt,
+ der Kaufmann, der über die Zölle geschmält,
+ die Reisenden, die von Abenteuern
+ gesprochen und von Ungeheuern,
+ die Stutzer, die von Pferd und Wagen
+ und Hunden und Moden so vieles sagen.
+
+ Und wie sie schauen nach dem Orte,
+ von woher dringen die lieblichen Worte:
+ mit gefalteten Händen das Mädchen steht
+ und spricht sein gewohntes Tischgebet.
+ Und wie beseelt von höherem Geist
+ falten auch sie die Hände zumeist
+ und horchen alle mit rechtem Fleiße
+ auf des betenden Kindes Weise.
+ Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude
+ und achtet nicht auf all die Leute.
+ Die aber, ergriffen im tiefsten Innern,
+ mußten sich oft noch daran erinnern.
+ Und mancher hat wieder gebetet fortan,
+ was er schon lange nicht mehr getan.
+
+ Friedrich Güll.
+
+
+
+
+Dem Vaterland.
+
+
+ Das ist ein hohes, helles Wort,
+ Dem Vaterland!
+ das hallt durch unsre Herzen fort
+ wie Waldesrauschen, Glockenklang,
+ Drommetenschmettern, Lerchensang;
+ das fällt, ein Blitz, in unsre Brust,
+ zu heil'ger Flamme wird die Lust!
+ Dem Vaterland!
+
+ Dem Vaterland!
+ Das Wort gibt Flügel dir, o Herz.
+ Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts
+ die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn;
+ o deutsches Land, wie bist du schön!
+ Und überall klingt Liederschall
+ und überall _ein_ Widerhall:
+ Dem Vaterland!
+
+ Dem Vaterland!
+ Das seinen Töchtern hat beschert
+ der keuschen Liebe stillen Herd,
+ das seinen Söhnen gab als Hort
+ die freie Tat, das treue Wort,
+ das feiner Ehren blanken Schild
+ zu wahren allzeit sei gewillt,--
+ dem Vaterland!
+
+[Illustration: Landschaft]
+
+ Dem Vaterland!
+ O hohes Wort, o helles Wort,
+ du tön' für alle Zeiten fort
+ wie Waldesrauschen, Glockenklang,
+ Drommetenschmettern, Lerchensang!
+ zu heil'ger Flamme weih' die Lust,
+ so lange schlägt die deutsche Brust
+ dem Vaterland!
+ Heil dir, Heil dir, du deutsches Land!
+
+ Rob. Reinick.
+
+
+
+
+Deutscher Rat.
+
+
+ Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr,
+ laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n!
+ Von alters her im deutschen Volke war
+ der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.
+
+ Du bist ein deutsches Kind, so denke dran;
+ noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer.
+ Aus einem Knaben aber wird ein Mann;
+ das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr.
+
+ Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht!
+ Was du berichtest, sage kurz und schlicht;
+ was du gelobest, sei dir höchste Pflicht!
+ Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht!
+
+ Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran;
+ zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach;
+ doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an,
+ und eine Stimme ruft in dir: »Sei wach!«
+
+ Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit:
+ Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr.
+ Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit.
+ Du, deutsches Kind, sei _tapfer, treu und wahr_!
+
+ Robert Reinick.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Geschichte vom Nußknacker.
+
+
+[Illustration: Nussknacker]
+
+Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den
+Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei
+sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten
+sie sehr und sagten: »Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse
+aufknacken wollte!« Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den
+Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen
+großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse
+herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem
+es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein:
+
+ »Heiß, heiß,
+ beiß, beiß
+ Hans heiß' ich,
+ Nüsse beiß' ich;
+ geh' gern in den grünen Wald,
+ wenn die Nuß vom Strauche fallt;
+ mach's dem lust'gen Eichhorn nach,
+ knack' und nag' den ganzen Tag!«
+
+Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen
+Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu:
+»Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf,
+damit wir sie essen können!« -- Da brummte das Männlein in seinen langen
+weißen Bart:
+
+ »Hansl heiß' ich,
+ Nüsse beiß' ich;
+ hab' ich aber mich beflissen,
+ euch ein Dutzend aufgebissen,
+ gebt mir zum Lohn
+ ein paar davon!«
+
+»Ja, ja!« schrien die Buben, »du kannst mitessen, knacke nur fleißig
+auf.« -- Das Männlein stellte sich zu ihnen hin -- denn am Sitzen
+hinderte es sein steifer Zopf -- und sprach:
+
+ »Hebet auf den langen Zopf,
+ schiebt die Nuß in meinen Kropf,
+ drücket nieder und so fort,
+ schnell ist jede Nuß durchbohrt.«
+
+[Illustration: Nussbeißer]
+
+Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen
+immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß
+aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das
+Männlein brummte:
+
+ »Heiß, heiß,
+ beiß, beiß,
+ will meinen Lohn
+ nun auch davon!«
+
+Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn
+spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er
+sprach: »Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir
+wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir
+deine Nüsse selbst!«
+
+Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte:
+
+ »Gibst du mir keine Nuß,
+ so machst du mir Verdruß;
+ ich nehme dich beim Schopf
+ und beiß' dir ab den Kopf!«
+
+Da lachte der böse Bube und sagte: »Du mir den Kopf abbeißen? Mache
+lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein
+fühlen!« Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde
+ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte
+wie ein Fisch im Wasser und -- knack -- der Kopf war weg.
+
+Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht,
+Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht
+abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und
+Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange
+Federlesens! F. v. Pocci.
+
+
+
+
+Der alte Landmann an seinen Sohn.
+
+ Üb' immer Treu und Redlichkeit
+ bis an dein kühles Grab
+ und weiche keinen Finger breit
+ von Gottes Wegen ab!
+ Dann wirst du wie auf grünen Au'n
+ durchs Erdenleben gehn;
+ dann kannst du sonder Furcht und Grau'n
+ dem Tod ins Auge sehn.
+
+[Illustration: Landmann beim Mähen]
+
+ Dann wird die Sichel und der Pflug
+ in deiner Hand so leicht;
+ dann singest du beim Wasserkrug,
+ als wär' dir Wein gereicht.
+ Dem Bösewicht wird alles schwer,
+ er tue, was er tu'.
+ Der Teufel treibt ihn hin und her
+ und läßt ihm keine Ruh'.
+ Der schöne Frühling lacht ihm nicht;
+ ihm lacht kein Ährenfeld;
+ er ist auf Lug und Trug erpicht
+ und wünscht sich nichts als Geld.
+ Der Wind im Hain, das Laub am Baum
+ saust ihm Entsetzen zu.
+ Er findet nach des Lebens Traum
+ im Grabe keine Ruh'.
+ Sohn, übe Treu' und Redlichkeit
+ bis an dein kühles Grab
+ und weiche keinen Finger breit
+ von Gottes Wegen ab!
+ Dann suchen Enkel deine Gruft
+ und weinen Tränen drauf,
+ und Sonnenblumen, voll von Duft,
+ Blühn aus den Tränen auf.
+ Hölty.
+
+[Illustration: Dekoration - Sonnenblumen]
+
+
+
+
+[Illustration: Die unholdigen Schwestern]
+
+
+Der getreue Eckart.
+
+
+ Vom Wundermann hat man euch immer erzählt;
+ nur hat die Bestätigung jedem gefehlt,
+ die habt ihr nun köstlich in Händen.«
+
+ Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug
+ ein jedes den Eltern bescheiden genug
+ und harren der Schläg' und der Schelten.
+ Doch siehe, man kostet: »Ein herrliches Bier!«
+ Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier
+ und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.
+
+ Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag;
+ doch fraget, wer immer zu fragen vermag:
+ »Wie ist's mit den Krügen ergangen?«
+ Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt;
+ Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt
+ und gleich sind vertrocknet die Krüge.
+
+ Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht
+ ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht,
+ so horchet und folget ihm pünktlich!
+ Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut,
+ verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut;
+ dann füllt sich das Bier in den Krügen.
+ Goethe.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+[Illustration: Pflug]
+
+
+Die beiden Pflugscharen.
+
+
+Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen
+verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward
+in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich
+derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit
+Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und
+sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja,
+glänzender als sie anfangs gewesen war. »Ist das möglich?« rief die
+verrostete aus; »einst waren wir einander gleich; was hat dich so
+herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet
+worden bin?« -- »Eben diese Ruhe«, erwiderte jene, »war dir verderblich.
+Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die
+Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.«
+
+ G. Meißner.
+
+
+
+
+Die beiden Äxte.
+
+
+Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den
+Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu
+verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine --
+goldene Axt zum Vorschein.
+
+[Illustration: Flussgott]
+
+»Das ist die meinige nicht!« sprach der Zimmermann ganz gelassen. --
+Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor.
+
+»Auch diese gehört mir nicht!« sprach der Arme und zum dritten Male
+langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele
+heraus. --
+
+»Das ist die rechte! das ist sie!« rief der Arbeitsmann fröhlich.
+
+»Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm«, sprach
+der mitleidige Geist. »Zur Belohnung nimm alle drei mit.«
+
+Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der
+sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott
+so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom
+fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu
+sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals,
+eine goldene hervor.
+
+»Ist sie das, mein Sohn?«
+
+»Ja, ja, das ist sie!« antwortete der Lügner und griff schon darnach.
+»Halt, Nichtswürdiger!« erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes.
+»Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens
+blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch
+dasjenige, was bisher dein war!« Und ohne Axt mußte er nach Hause
+wandern. G. Meißner.
+
+
+
+
+
+Sparbüchslein.
+
+
+ Teuer ist die War'
+ und das Geld ist rar:
+ Spar'!
+
+ Lang ist auch das Jahr,
+ groß der Tage Schar:
+ Spar'!
+
+ Eh' dein Geld ist gar,
+ jetzt und immerdar:
+ Spar'!
+
+ Spar' für die Gefahr,
+ für die grauen Haar:
+ Spar'!
+
+ Sag' nicht: Wenn und zwar! --
+ Bis zu deiner Bahr:
+ Spar'!
+
+ Friedrich Güll.
+
+[Illustration: Sparbüchse]
+
+
+
+
+Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt.
+
+
+ Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren,
+ da prüft' er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren,
+ ihr Vaterunser, Einmaleins, und was man lernte mehr;
+ zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her.
+
+ Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen,
+ zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißigen, die Braven.
+ Da stand im groben Linnenkleid manch schlichtes Bürgerkind,
+ manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind'.
+
+ Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke,
+ und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke;
+ da stand im pelzverbrämten Rock manch feiner Herrensohn,
+ manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron.
+
+ Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank ihr frommen Knaben,
+ ihr sollt' an mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben;
+ und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid,
+ in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.«
+
+ Dann blitzt' sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel:
+ »Ihr Taugenichtse, bessert euch, ihr schändet euren Adel;
+ ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht,
+ ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht!«
+
+ Da sah man manches Kindesaug' in frohem Glanze leuchten
+ und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten;
+ und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt,
+ wen heute Kaiser Karl gelobt, und wen er ausgeschmält.
+
+ Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten
+ im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten:
+ Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand,
+ so steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.
+
+ Karl Gerock.
+
+
+
+
+Hurtig an die Arbeit.
+
+
+ Mein Kind, du bist schon lang
+ der Mutter aus der Wiegen;
+ nun hilf dir selbst; wie du
+ dich bettest, wirst du liegen.
+ Die Flügel wuchsen dir,
+ gebrauche sie zum Fliegen!
+ Der kommt nicht auf den Berg,
+ der nicht hinaufgestiegen.
+ Greif an die Schwierigkeit,
+ so wirst du sie besiegen!
+
+ Friedrich Rückert.
+
+
+
+
+Meister, Geselle und Lehrling.
+
+
+ Wer soll Meister sein? Wer was ersann.
+ Wer soll Geselle sein? Wer was kann.
+ Wer soll Lehrling sein? Jedermann.
+
+ Joh. Wolfg. v. Goethe.
+
+[Illustration: Dekoration - Rose]
+
+
+
+
+Der Künstler und sein Sohn.
+
+
+Der Meister saß in seiner Werkstätte und meißelte an einem Herkules. Da
+trat eines Tages sein Söhnlein zu ihm und fragte: »Vater, was machst du
+da?« Der Vater antwortete: »Ich bildne einen Herkules.« Und er erzählte
+ihm darauf, wie ein gar großer und gewaltiger Mann der gewesen, und wie
+er Löwen und Schlangen und Riesen erlegt, und noch viele andere
+wundersame Heldenstücke getan. Da sagte der Knabe: »Vater, ich will auch
+einen Herkules machen.« -- »Tue das, mein Kind!« versetzte der Meister
+lächelnd. Und er gab demselben einen Klumpen Ton, aus dem jener den
+Herkules machen könnte. Nach einiger Zeit fragte der Vater: »Wie ist's
+mit dem Herkules?« Der Knabe antwortete: »Es fügt sich nicht recht; ich
+will lieber einen Reiter machen.« Der Vater nickte und sprach: »So mach'
+denn einen Reiter!« Nach einer Weile stiller Arbeit rief der Knabe:
+»Vater, es geht mit dem Reiter auch nicht; ich will nur gleich einen
+Hanswurst machen.« Und er knetete nun aus dem Ton zuerst einen großen
+Wanst; dann fügte er Hände und Füße daran und setzte zuletzt einen
+spitzen Hut drauf, unter dem ein Kopf stak mit einer großen Nase. So war
+denn der Hanswurst fertig. Das Söhnlein klatschte voll Freuden sich in
+die Hände; der Vater aber schüttelte den Kopf und dachte sich, -- was
+sich jeder leicht denken kann. Ludwig Aurbacher.
+
+
+
+
+[Illustration: Zweig mit Pfirsichen]
+
+
+Die Pfirsiche.
+
+
+Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten,
+die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum
+erstenmale. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen
+Äpfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaum. Darauf verteilte
+sie der Vater unter seine vier Knaben, und einen erhielt die Mutter.
+
+Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der
+Vater: »Nun, wie haben euch die schönen Äpfel geschmeckt?« »Herrlich,
+lieber Vater!« sagte der Älteste. »Es ist eine schöne Frucht, so
+säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam
+bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.« »Brav!« sagte der
+Vater; »das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es
+dem Landmanne geziemt!«
+
+»Ich habe den meinigen sogleich aufgegessen,« rief der Jüngste, »und den
+Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von dem ihrigen
+gegeben. O! das schmeckte so süß und zerschmilzt einem im Munde.« »Nun,«
+sagte der Vater, »du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und
+nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum
+genug im Leben.«
+
+Da begann der zweite Sohn: »Ich habe den Stein, den der kleine Bruder
+fortwarf, aufgehoben und zerklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte
+so süß wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich habe ich verkauft und so viel
+Geld dafür erhalten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf
+dafür kaufen kann.« Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: »Klug ist
+das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht.«
+
+»Und du Edmund?« fragte der Vater. Unbefangen und offen antwortete
+Edmund: »Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem
+kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht, er wollte ihn nicht nehmen.
+Da habe ich ihn auf sein Bett gelegt und bin hinweggegangen.«
+
+»Nun!« sagte der Vater, »wer hat denn wohl den besten Gebrauch von
+seinem Pfirsich gemacht?« Da riefen sie alle drei: »Das hat Bruder
+Edmund getan!« Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit
+einer Träne im Auge. A. Krummacher.
+
+
+
+
+[Illustration: Garben]
+
+
+Die treuen Brüder.
+
+
+Zur Zeit der Ernte kamen zwei rüstige Jünglinge aus dem Gebirg herab in
+das ebene Land, wo es an Arbeitern fehlte und sagten zu einem Bauern:
+»Wir beide wollen euch die ganze Erntezeit hindurch helfen, euer
+Getreide hereinzubringen, wenn ihr uns die Kost und zehn Taler Lohn
+gebt!«
+
+»Zehn Taler ist zu viel,« sagte der Bauer; »ich meine, zehn Gulden[1]
+wären mehr als genug.« »Nein,« sagten die Jünglinge, »es müssen gerade
+zehn Taler sein, mit weniger ist uns nicht geholfen. Wollt ihr uns nicht
+so viel geben, so bieten wir unsere Dienste einem andern an.«
+
+»Wozu habt ihr denn so viel Geld notwendig?« fragte der Bauer. »Seht,«
+sagten sie, »wir haben zu Hause einen jüngeren Bruder, der bereits
+vierzehn Jahre alt ist. Ein geschickter Wagner will ihn in die Lehre
+nehmen, verlangt aber durchaus zehn Taler Lehrgeld. So viel Geld aber
+weiß unser alter Vater nicht aufzubringen. Da haben wir zwei ältere
+Brüder uns denn verabredet, dieses Geld zu verdienen.«
+
+»Nun wohl,« sagte der Bauer, »wegen eurer brüderlichen Liebe will ich
+euch zehn Taler geben, wenn ihr so fleißig arbeitet, daß ich damit
+zufrieden sein kann.«
+
+Die beiden Brüder arbeiteten an den heißen Erntetagen unermüdet im
+Schweiße ihres Angesichtes; sie waren morgens am frühesten auf und
+legten sich abends am spätesten zur Ruhe.
+
+Als die Ernte glücklich eingebracht war, bezahlte der Bauer ihnen die
+zehn Taler und sprach: »Ihr habt euern Lohn redlich verdient und da gebe
+ich jedem von euch noch einen Taler darüber.«
+
+ Wenn Geschwister einig leben,
+ treulich sich zu helfen streben --
+ kann es etwas Schönr'es geben?
+
+ Chr. v. Schmid.
+
+[Illustration: Dekoration - Ähren]
+
+
+
+
+[Illustration: Der Bauer und sein Sohn]
+
+
+
+
+Der Bauer und sein Sohn.
+
+
+ Ein guter dummer Bauernknabe,
+ den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm
+ und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe
+ recht dreist zu lügen wiederkam,
+ ging kurz nach der vollbrachten Reise
+ mit seinem Vater über Land.
+ Fritz, der im Geh'n recht Zeit zum Lügen fand,
+ log auf die unverschämt'ste Weise.
+ Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt.
+ »Ja, Vater,« rief der unverschämte Knabe,
+ »ihr mögt mir glauben oder nicht,
+ so sag' ich euch und jedem ins Gesicht,
+ daß ich einst einen Hund im Haag[2] gesehen habe,
+ hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt,
+ der -- ja, ich bin nicht ehrenwert,
+ wenn er nicht größer war als euer größtes Pferd.«
+
+[Illustration: Hund]
+
+ »Das,« spricht der Vater, nimmt mich wunder,
+ wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge seh'n.
+ Wir zum Exempel geh'n jetzunder
+ und werden keine Stunde geh'n,
+ so wirst du eine Brücke seh'n,
+ (wir müssen selbst darüber geh'n),
+ die hat dir manchen schon betrogen;
+ (denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sein).
+ Auf dieser Brücke liegt ein Stein,
+ an den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen,
+ und fällt und bricht sogleich das Bein.«
+
+ Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen.
+ »Ach,« sprach er, »lauft doch nicht so sehr!
+ Doch, wieder auf den Hund zu kommen,
+ wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'?
+ Wie euer größtes Pferd? Dazu will viel gehören.
+ Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr;
+ allein, das wollt' ich wohl beschwören,
+ daß er so groß als mancher Ochse war.«
+
+ Sie gingen noch ein gutes Stücke;
+ doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt' es anders sein?
+ Denn niemand bricht doch gern ein Bein.
+ Er sah nunmehr die richterliche Brücke --
+ und fühlte schon den Beinbruch halb.
+ »Ja, Vater,« fing er an, »der Hund, von dem ich rede,
+ war groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte,
+ so war er doch viel größer als ein Kalb.«
+
+ Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! wie wird dir's gehen!
+ Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind.
+ »Ach, Vater,« spricht er, »seid kein Kind
+ und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen;
+ denn kurz und gut, eh' wir darüber gehen,
+ der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind.«
+
+ Christian Fürchtegott Gellert
+
+[Illustration: Dekoration - Brücke]
+
+
+
+
+Das Kind.
+
+
+ Die Mutter lag im Totenschrein,
+ zum letzten Mal geschmückt;
+ da spielt das kleine Kind herein,
+ das staunend sie erblickt.
+
+ Die Blumenkron' im blonden Haar
+ gefällt ihm gar zu sehr,
+ die Busenblumen, bunt und klar,
+ zum Strauß gereiht, noch mehr.
+
+ Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
+ »du, liebe Mutter, gib
+ mir eine Blum aus deinem Strauß,
+ ich hab' dich auch so lieb!«
+
+ Und als die Mutter es nicht tut,
+ da denkt das Kind für sich:
+ »Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
+ so tut sie's sicherlich.«
+
+ Schleicht fort, so leis' es immer kann,
+ und schließt die Türe sacht
+ und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
+ ob Mutter noch nicht wacht.
+
+ Hebbel.
+
+[Illustration: Dekoration - Blumen]
+
+
+
+
+Das Kind am Brunnen.
+
+
+ Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht!
+ Doch die liegt ruhig im Schlafe.
+ Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht,
+ am Hügel weiden die Schafe.
+ Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf,
+ es wagt sich weiter und weiter!
+ Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf,
+ da stehen Blumen und Kräuter.
+ Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief!
+ Sie schläft, als läge sie drinnen.
+ Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief,
+ die Blumen lockens von hinnen.
+ Nun steht es am Brunnen, nun steht es am Ziel,
+ nun pflückt es die Blumen sich munter;
+ doch bald ermüdet das reizende Spiel,
+ da schaut's in die Tiefe hinunter.
+ Und unten erblickt es ein holdes Gesicht
+ mit Augen, so hell und so süße.
+ Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht,
+ viel stumme freundliche Grüße!
+ Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind
+ winkt aus der Tiefe ihm wieder.
+ Herauf! Herauf! so meint's das Kind;
+ der Schatten: Hernieder! Hernieder!
+ Schon beugt es sich über den Brunnenrand.
+ Frau Amme, du schläfst noch immer!
+
+[Illustration: Kind am Brunnen]
+
+ Da fallen die Blumen ihm aus der Hand
+ und trüben den lockenden Schimmer.
+ Verschwunden ist sie, die süße Gestalt,
+ verschluckt von der hüpfenden Welle;
+ das Kind durchschauert's fremd und kalt,
+ und schnell enteilt es der Stelle.
+
+ Friedrich Hebbel.
+
+
+
+
+[Illustration: Blumenkorb]
+
+
+Des Mägdleins Schmuck.
+
+
+ Es wächst ein Blümlein _Bescheidenheit_,
+ der Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid.
+ Wer solches Blümlein sich frisch erhält,
+ dem blühet golden die ganze Welt.
+
+ Auch wird ein zweites, das _Demut_ heißt,
+ als Schmuck der Mägdelein hoch gepreist.
+ Die Englein, singend an Gottes Thron,
+ es trag'n als Demant in goldner Kron'.
+
+ Ein drittes Blümlein, wo diese zwei
+ nur stehen, immer ist dicht dabei:
+ heißt _Unschuld_, sieht gar freundlich aus,
+ das schönste Blümchen im Frühlingsstrauß.
+
+ So pflege, Mägdlein, die Blümlein drei
+ mit frommer Sorge und stiller Treu'!
+ Denn wer sie wahret, wird nimmer alt,
+ er trägt die himmlische Wohlgestalt.
+
+ Ernst Moritz Arndt.
+
+
+
+
+Der Jähzorn.
+
+
+Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er
+auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und
+wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe.
+Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer
+fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock
+nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu
+nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und
+versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der
+sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in
+wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und
+schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und
+stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen
+dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer
+aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen
+Jähzorn. Chr. v. Schmid.
+
+[Illustration: Dekoration - Widderkopf]
+
+
+
+
+Eifer führt zum Ziel.
+
+
+Der Hase verspottete einst die Schildkröte ihrer Langsamkeit wegen. »Die
+Natur«, erwiderte diese, »hat mir freilich keinen schnellen Schritt
+verliehen; dennoch getraue ich mir wohl mit dir um die Wette zu laufen.«
+
+Mit Hohn und Scherz ward von dem Hasen dieser Vorschlag angenommen. Man
+bestimmte ein Ziel. Beide machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg. Und
+unermüdet kroch auf schnurgeradem Pfade die Schildkröte fort. Ganz
+anders machte es der Hase. Um zu zeigen, wie sehr er seinen Mitbewerber
+verachte, hüpfte er bald rechts bald links und kam demungeachtet viel
+früher bis auf die Mitte des Weges. Ermüdet von den vielen
+Seitensprüngen legte er allda sich nieder um ein wenig zu schlummern.
+»Ich kann ja doch«, dachte er bei sich selbst, »die Schildkröte mit drei
+oder vier Sprüngen wieder einholen!« So schlief er ruhig, bis er von
+einem lauten Gelächter der Zuschauer erwachte. Jetzt wollte er sich
+hurtig aufraffen und ans Ziel eilen, als er -- o Schande! -- die
+Schildkröte bereits an demselben erblickte.
+
+ A. G. Meißner.
+
+[Illustration: Dekoration - Hase]
+
+
+
+
+Einer für alle.
+
+
+Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren
+Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf.
+Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer
+zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich -- es war auf dem
+Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes -- fällt eines dieser
+Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der
+Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung.
+Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da
+schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber
+einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und
+schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es
+in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden.
+Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die
+gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine
+Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang
+mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach
+allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein
+Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die
+Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen.
+
+ »Hamburger Fremdenblatt«.
+
+[Illustration: Unteroffizier Heinemann]
+
+
+
+
+[Illustration: Dekoration - Weinrebe]
+
+
+Der Schatzgräber.
+
+
+ Ein Winzer, der am Tode lag,
+ Rief seine Kinder an und sprach:
+ »In unserm Weinberg liegt ein Schatz,
+ Grabt nur darnach!« -- »An welchem Platz?«
+ Schrie alles laut den Vater an. --
+ »Grabt nur!« O weh, da starb der Mann.
+
+ Kaum war der Alte beigeschafft,
+ So grub man nach aus Leibeskraft.
+ Mit Hacke, Karst und Spaten ward
+ Der Weinberg um und um gescharrt.
+ Da war kein Kloß, der ruhig blieb;
+ Man warf die Erde gar durchs Sieb
+ Und zog die Harken kreuz und quer
+ Nach jedem Steinchen hin und her.
+ Allein da ward kein Schatz verspürt
+ Und jeder hielt sich angeführt.
+
+ Doch kaum erschien das nächste Jahr,
+ So nahm man mit Erstaunen wahr,
+ Daß jede Rebe dreifach trug.
+ Da wurden erst die Söhne klug
+ Und gruben nun jahrein, jahraus
+ Des Schatzes immer mehr heraus.
+
+ Gottfr. Aug. Bürger.
+
+
+
+
+[Illustration: Dekoration - Grabkreuz]
+
+
+Hoffnung.
+
+
+ Es reden und träumen die Menschen viel
+ von bessern künftigen Tagen,
+ nach einem glücklichen, goldenen Ziel
+ sieht man sie rennen und jagen.
+ Die Welt wird alt und wird wieder jung,
+ doch der Mensch hofft immer Verbesserung.
+ Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
+ sie umflattert den fröhlichen Knaben,
+ den Jüngling locket ihr Zauberschein,
+ sie wird mit dem Greis nicht begraben;
+ denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
+ noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.
+ Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
+ erzeugt im Gehirne des Toren;
+ im Herzen kündet es laut sich an:
+ Zu was Besserm sind wir geboren.
+ Und was die innere Stimme spricht,
+ das täuscht die hoffende Seele nicht.
+
+ Friedrich von Schiller.
+
+
+
+
+Der beste Empfehlungsbrief.
+
+
+Auf das Ausschreiben eines Kaufmanns, durch welches ein Laufbursche
+gesucht wurde, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sehr
+rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. »Ich möchte
+wohl wissen,« sagte ein Freund, »warum du gerade diesen Knaben, der doch
+keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, bevorzugtest?« »Du irrst,«
+lautete die Antwort, »dieser Knabe hatte viele Empfehlungen. Er putzte
+seine Füße ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Türe zu; er ist
+daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen
+Manne, was seine Herzensgüte und Aufmerksamkeit zeigt. Er nahm seine
+Mütze ab, ehe er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und
+sicher; er ist also höflich und hat gute Sitten. Er hob das Buch auf,
+welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen
+dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und
+drängte sich nicht heran -- ein gutes Zeugnis für sein anständiges
+Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und seine
+Hände und sein Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen
+Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weiß,
+nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön
+klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht.«
+
+ Magdeburger Zeitung.
+
+
+
+
+[Illustration: Dekoration - Blume]
+
+
+Reinlichkeit.
+
+
+ Rein gehalten dein Gewand, rein gehalten Mund und Hand!
+ Rein das Kleid von Erdenputz, rein die Hand von Erdenschmutz!
+ Sohn, die äußre Reinlichkeit ist der innern Unterpfand.
+
+ Friedrich Rückert.
+
+[Illustration: Hermann Billing]
+
+
+
+
+Hermann Billings Berufung.
+
+
+Es war um das Jahr 940 nach Christi Geburt, da hütete nicht weit von
+Hermannsburg in der Lüneburger Heide ein dreizehn- bis vierzehnjähriger
+Knabe die Rinderherde seines Vaters auf der Legde[3], als plötzlich ein
+prächtiger Zug von gewappneten Rittern dahergezogen kam. Der Knabe sieht
+mit Lust die blinkenden Helme und Harnische, die glänzenden Speere und
+die hohen Reitersleute an und denkt wohl in seinem Herzen: das sieht
+noch nach was aus! Aber plötzlich biegen die Reiter von der sich
+krümmenden Straße ab und kommen querfeldein auf die Legde zugeritten, wo
+er hütet. Das ist ihm zu arg; denn das Feld ist keine Straße, und das
+Feld gehört seinem Vater. Er besinnt sich kurz, geht den Rittern
+entgegen, stellt sich ihnen in den Weg und ruft ihnen mit dreister
+Stimme zu: »Kehrt um; die Straße ist euer, das Feld ist mein.«
+
+[Illustration: König Otto]
+
+Ein hoher Mann, auf dessen Stirn ein majestätischer Ernst thront, reitet
+an der Spitze des Zuges und sieht ganz verwundert den Knaben an, der es
+wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hält sein Roß an und hat seine
+Freude an dem mutigen Jungen, der so kühn und furchtlos seinen Blick
+erwidert und nicht vom Platze weicht.
+
+»Wer bist du, Knabe?« »Ich bin Hermann Billings ältester Sohn und heiße
+auch Hermann, und dies ist meines Vaters Feld; Ihr dürft nicht darüber
+reiten.«
+
+»Ich will's aber,« erwiderte der Ritter mit drohendem Ernst; »weiche,
+oder ich stoße dich nieder.« Dabei erhob er den Speer. Der Knabe aber
+bleibt furchtlos stehen, sieht mit blitzendem Auge zu dem Ritter hinauf
+und spricht: »Recht muß Recht bleiben, und Ihr dürft nicht über das Feld
+reiten, Ihr reitet denn über mich weg.«
+
+»Was weißt du von Recht, Knabe?« -- »Mein Vater ist der Billing[4],«
+antwortete der Knabe; »vor einem Billing darf niemand das Recht
+verletzen.«
+
+Da ruft der Ritter noch drohender: »Ist das denn Recht, Knabe, deinem
+Könige den Gehorsam zu versagen? Ich bin Otto, dein König.«
+
+»Ihr wäret Otto, unser König, von dem mein Vater uns so viel erzählt?
+Nein, Ihr seid es nicht! König Otto schützt das Recht, und Ihr brecht
+das Recht: Das tut Otto nicht, sagt mein Vater.«
+
+»Führe mich zu deinem Vater, braver Knabe,« antwortete der König, und
+eine ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit erglänzte auf seinem ernsten
+Angesichte.
+
+»Dort ist meines Vaters Hof, Ihr könnt ihn sehen,« sagte Hermann; »aber
+die Rinder hier hat mir mein Vater anvertraut; ich darf sie nicht
+verlassen, kann Euch also auch nicht führen. Seid Ihr aber Otto der
+König, so lenket ab vom Felde auf die Straße; denn der König schützt das
+Recht.«
+
+Und der König Otto der Große gehorchte der Stimme des Knaben und lenkte
+sein Roß zurück auf die Straße.
+
+Bald wird Hermann vom Felde geholt. Der König ist bei seinem Vater
+eingekehrt und hat zu ihm gesagt: »Billing, gib mir deinen ältesten Sohn
+mit; ich will ihn bei Hofe erziehen lassen; er wird ein treuer Mann
+werden, und ich brauche treue Männer.« Und welcher gute Sachse konnte
+einem Könige wie Otto etwas abschlagen?
+
+So sollte denn der mutige Knabe mit seinem Könige ziehen, und als Otto
+ihn fragte: »Hermann, willst du mit mir ziehen?« Da antwortete der Knabe
+freudig: »Ich will mit dir ziehen; du bist der König, denn du schützest
+das Recht.«
+
+Otto übergab den jungen Billing guten Lehrmeistern, in deren Pflege und
+Leitung er zu einem tugendlichen und tüchtigen Manne erwuchs. Der König
+hielt ihn für einen seiner nächsten Freunde und vertraute dermaßen der
+Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Pfleglings, daß er, als er seine
+Römerfahrt antrat, ihm das eigene angestammte Herzogtum Sachsen zur
+Verwaltung übergab. Dieser Hermann Billing ist der Ahnherr eines
+blühenden Geschlechtes geworden, welches bis zum Jahre 1106 dem
+Sachsenlande seine Herzoge gab.
+
+ Ferdinand Bäßler.
+
+[Illustration: Dekoration - Schild und Schwert]
+
+
+
+
+Wohltun macht Freunde.
+
+Ein Venetianer, der häufig das Fichtelgebirg besuchte, um da nach edlen
+Metallen besonders nach Goldkörnern zu graben, kehrte oft bei einem
+Landmanne in Wülfertsreuth ein, der ihn gastfreundlich aufnahm und ihm
+bot, was er vermochte. Einstmals kam er wieder, jedoch um für immer
+Abschied zu nehmen. »Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die
+Früchte meiner langjährigen Mühen friedlich zu genießen,« sagte er, »und
+werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du
+jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komme zu mir in
+das ferne Venedig und ich will dir von deinem Kummer helfen. Ich glaube,
+ich werde dich noch bei mir sehen.« Er schied.
+
+Und siehe, nach langen Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus,
+so daß der arme Mann keinen Retter mehr wußte aus Not und Sorgen als
+seinen alten Freund in Welschland. Da machte er sich auf, pilgerte gen
+Süden und erreichte glücklich die große Meerstadt. Nun ward ihm aber
+bange, als er die weiten Straßen beschaute. Wie wollte er seinen Freund
+ausfindig machen, dessen fremden Namen er längst vergessen?
+
+[Illustration: Venedig]
+
+Als er jedoch in halber Verzweiflung die köstlichen Paläste ringsum
+anstarrte, da rief es plötzlich aus einem derselben: »Hans, Hans!« und
+ein vornehmer Mann stürzte heraus, um den Staunenden zu umarmen. War das
+der Venetianer in den schlechten, schwarzen Kleidern, den er einst
+beherbergt? Der war es. Der reiche Mann hatte den Fichtelberger an der
+Tracht wiedererkannt und führte diesen hinauf in die Säle voll Pracht
+und Reichtum und vergalt ihm nun alles tausendfach, was er dem Fremdling
+einst in seiner Heimat Gutes getan. Reich beschenkt kam Hans zurück und
+führte von da an ein sorgenfreies Leben.
+
+ Schöppner, Sagenbuch
+
+
+
+
+Das Loch im Ärmel.
+
+
+Ich hatte einen Spielgesellen und Jugendfreund, Namens Albrecht,
+erzählte einst Herr Marbel seinem Neffen. Wir beide waren überall
+und nirgends, wie nun Knaben sind, wild und unbändig. Unsere Kleider
+waren nie neu, sondern schnell besudelt und zerrissen. Da gab es
+Schläge zu Hause, aber es blieb beim alten. Eines Tages saßen wir in
+einem öffentlichen Garten auf einer Bank und erzählten einander,
+was wir werden wollten. Ich wollte Generalleutnant, Albrecht
+Generalsuperintendent werden.
+
+»Aus euch beiden gibt's in Ewigkeit nichts!« sagte ein steinalter Mann
+in feinen Kleidern und weißgepuderter Perücke, der hinter unserer Bank
+stand und die kindlichen Entwürfe angehört hatte.
+
+Wir erschraken. Albrecht fragte: »Warum nicht?«
+
+Der Alte sagte: »Ihr seid guter Leute Kinder, ich sehe es eueren Röcken
+an, aber ihr seid zu Bettlern geboren; würdet ihr sonst diese Löcher in
+eueren Ärmeln dulden?« Dabei faßte er jeden von uns an dem Ellenbogen
+und bohrte mit den Fingern im durchgerissenen Ärmel hinauf. -- Ich
+schämte mich, Albrecht auch. »Wenn's euch,« sagte der alte Herr, »zu
+Hause niemand zunäht, warum lernt ihr es nicht selbst? Im Anfang hättet
+ihr den Rock mit zwei Nadelstichen geheilt, jetzt ist's zu spät, und
+ihr kommt wie Bettelbuben. Wollt ihr Generalleutnant werden, so fangt an
+beim Kleinsten. Erst das Loch im Ärmel geheilt, ihr Bettelbuben, dann
+denkt an etwas anderes!«
+
+Wir beide schämten uns von Herzensgrund, gingen schweigend davon und
+hatten das Herz nicht, etwas Böses über den bösen Alten zu sagen. Ich
+aber drehte den Ellenbogen des Rockärmels so herum, daß das Loch
+einwärts kam, damit es niemand erblicken möchte. Ich lernte von meiner
+Mutter das Nähen spielend; denn ich sagte nicht, warum ich's lernen
+wollte. Wenn sich jetzt an meinen Kleidern eine Naht öffnete, ein
+Fleckchen sich durchschabte, ward's sogleich gebessert. Das machte mich
+aufmerksam; ich mochte an zerrissenen Kleidern nun nicht mehr
+Unreinlichkeit leiden. Ich ging sauberer, ward sorgfältiger, freute mich
+und dachte, der alte Herr in der schneeweißen Perrücke hätte so unrecht
+nicht. Mit zwei Nadelstichen zu rechter Zeit rettet man einen Rock, mit
+einer Hand voll Kalk ein Haus; aus roten Pfennigen werden Taler, aus
+kleinen Samenkörnern Bäume, wer weiß wie groß.
+
+Albrecht nahm die Sache nicht so streng. Es ward sein Schaden. Wir waren
+beide einem Handelsmanne empfohlen; er verlangte einen Lehrburschen, der
+im Schreiben und Rechnen geübt war. Der Herr prüfte uns, dann gab er
+mir den Vorzug. Meine alten Kleider waren hell und sauber; Albrecht im
+Sonntagsrocke ließ Nachlässigkeiten sehen. Das sagte mir der Herr
+Prinzipal nachher. »Ich sehe Ihm an,« sagte er, »Er hält das Seine zu
+Rat; aus dem anderen gibt's keinen Kaufmann.« Da dachte ich wieder an
+den alten Herrn und an das Loch im Ärmel.
+
+Ich merkte wohl, ich hatte in anderen Dingen, in meinen Kenntnissen, in
+meinem Betragen, in meinen Neigungen noch manches Loch im Ärmel. Zwei
+Nadelstiche zur rechten Zeit bessern alles ohne Mühe, ohne Kunst. Man
+lasse nur das Loch nicht größer werden, sonst braucht man für das Kleid
+den Schneider, für die Gesundheit den Arzt. -- Es gibt nichts
+Unbedeutendes noch Gleichgültiges, weder im Guten noch im Bösen. Wer das
+glaubt, kennt sich und das Leben nicht. Mein Prinzipal hatte auch ein
+abscheuliches Loch im Ärmel, nämlich er war rechthaberisch, zänkisch,
+launenhaft; das brachte mir oft Verdruß. Ich widersprach, da gab es
+Zank. Holla, dachte ich, es könnte ein Loch im Ärmel geben und ich ein
+Zänker und gallsüchtig und unverträglich wie der Herr Prinzipal werden.
+Von Stunde an ließ ich den Mann recht haben; ich begnügte mich, recht zu
+tun, und bewahrte meinerseits den Frieden.
+
+Als ich ausgelernt hatte, trat ich in eine andere Stellung. Da ich
+gewöhnt war, mit wenigen Bedürfnissen des Lebens froh zu sein (denn wer
+viel hat, ist nie ganz froh), so sparte ich manches, und da ich auch
+gewöhnt war, mir kein Loch im Ärmel zu verzeihen, aber schonend über
+dasjenige an fremden Ärmeln wegzusehen, war alle Welt mit mir zufrieden,
+wie ich mit aller Welt. -- So hatte ich beständig Freunde, beständig
+Beistand, Zutrauen, Geschäfte. Gott gab Segen. Der Segen liegt im
+Rechttun und Rechtdenken, wie im Nußkerne der fruchttragende hohe Baum.
+
+So wuchs mein Vermögen. Wozu denn? fragte ich; du brauchst ja nicht den
+zwanzigsten Teil davon. -- Prunk damit treiben vor den Leuten? -- Das
+ist Torheit. Soll ich in meinen alten Tagen noch ein Loch im Ärmel
+aufweisen? -- Hilf anderen, wie dir Gott durch andere geholfen hat.
+Dabei bleibt's. Das höchste Gut, das der Reichtum gewährt, ist zuletzt
+Unabhängigkeit von den Launen der Leute und ein großer Wirkungskreis. --
+Jetzt, Konrad, gehe auf die hohe Schule, lerne etwas Rechtes; denke an
+den Mann mit der schneeweißen Perücke; hüte dich vor dem ersten kleinen
+Loche im Ärmel; mach es nicht wie mein Kamerad Albrecht! Er ward zuletzt
+Soldat und ließ sich in Amerika totschießen.
+
+ Heinrich Zschokke.
+
+
+
+
+
+Der gekreuzte Dukaten.
+
+
+»Wenn ich nur hunderttausend Gulden hätte!« Das hast du vielleicht auch
+schon oft gedacht oder gesagt. Wenn du aus einem Talerlande bist, ist es
+dir nicht darauf angekommen und hast hunderttausend Taler daraus
+gemacht, obgleich das ein Erkleckliches mehr ist. Ich nehme dir den
+Hunderttausendwunsch nicht übel, es ist keine schlimme Sache ums
+Reichsein, aber das Glück macht es doch nicht aus. Davon kann ich eine
+besondere Geschichte erzählen.
+
+Ein junger Mann hatte seine Hunderttausend geerbt, und er begnügte sich
+auch damit. Er wollte bloß sein Geld verzehren, arbeiten aber wollte er
+nicht; das, meinte er, sei nur etwas für unbemittelte Leute. So hatte
+also der Herr Adolf gar kein Geschäft als Essen, Trinken, Schlafen,
+Spazierengehen oder Reiten, und was ihm sonst noch einfiel. Ja, das Aus-
+und Anziehen war ihm viel zu viel, und er hielt sich einen Kammerdiener.
+Wenn er des Morgens erwachte, wußte er eigentlich gar nicht, warum er
+aufstehen sollte; es wartete kein Geschäft und darum keine rechte Freude
+auf ihn. Darum blieb er auch fein liegen, bis ihm auch das zu
+beschwerlich wurde. Fast ging es ihm wie jenem Engländer, der aus purer
+Langeweile, um sich nicht mehr aus- und anziehen zu müssen, sich das
+Leben nahm.
+
+Herr Adolf machte dann jeden Vormittag seinen Spaziergang, damit er den
+Nachmittag für sich frei und nichts mehr zu tun habe. Meist lag er auf
+dem Kanapee, gähnte und rauchte. Dabei hatte er mitunter noch seine
+besonderen Gedanken. Jeder Mensch, dachte er, hat so seine Summe von
+Kraft mit auf die Welt bekommen, die für seine siebenzig Jährlein oder
+auch mehr ausreichen muß. Wenn ich also einen schweren Stuhl von einem
+Ort an den andern hebe, ist damit ein Stück von meiner Lebenskraft
+aufgewendet und verbraucht -- darum laß ich's hübsch bleiben. Auf solche
+Gedanken kann ein Nichtstuer kommen.
+
+Der Herr Adolf ward aber dick und oft kränklich und mußte seinen Leib
+pflegen. Das war auch ein Geschäft.
+
+Das Jahr durch ging dem Herrn Adolf manch schönes Stück Geld durch die
+Hand, und dabei hatte er die besondere Liebhaberei, daß er bei jeder
+Goldmünze, die er ausgab, ein kleines, zierliches Kreuz unter die Nase
+des geprägten Herrschers machte. Er dachte wenig dabei, denn er hatte ja
+Gold genug; ihn kümmerte überhaupt nichts, wie es anderen Menschen ging,
+obgleich er manchmal aus angeborener Gutmütigkeit einem Armen etwas
+schenkte.
+
+Ich will nur einmal sehen, dachte er, ob nach langer Umherwanderung in
+der Welt mir einmal wieder so ein Goldstück unter die Hände kommen
+wird. Da nun Herr Adolf gar nichts war, so nahm er sich ernstlich vor,
+etwas zu werden und er ward -- ein Passagier. Das ist noch immer ein
+Titel, wenn man sonst weiter nichts ist. Er reiste nämlich von einer
+Stadt in die andere, von einem Land ins andere und ließ sich's überall
+wohl sein, und wo er etwas zu bezahlen hatte, da gab er die mit seinem
+Ordenskreuze gezierten Goldstücke hin. Noch nie aber war es ihm
+vorgekommen, daß er eins wiedergesehen hätte. Endlich ward er des
+Herumreisens auf dem festen Lande müde, er verließ die Alte Welt und
+schiffte sich nach Amerika ein.
+
+Nun war der Herr Adolf noch etwas mehr als ein Passagier, er war sogar
+ein Auswanderer. Diesmal aber ging's gar schlecht auf der See. Fünf Tage
+und fünf Nächte wütete ein gewaltiger Sturm. Alles, was auf dem Schiffe
+war, mußte Hand ans Werk legen, aber vergebens -- das Schiff ging unter,
+und nur der Beherztheit des Schiffshauptmanns gelang es, die Mannschaft
+und die Reisenden in einer Schaluppe zu retten. Nach zwei Tagen
+fürchterlichen Umherirrens und schrecklicher Hungersnot, in welcher
+viele starben, wurden die Verschlagenen von einem Kauffahrteischiffe
+aufgenommen und in den Hafen zu Boston gebracht.
+
+[Illustration: Schaluppe]
+
+Arm, hilflos und verlassen irrte hier Adolf umher, und er wünschte sich
+oft, daß er mit den anderen von den Wellen begraben wäre. Da sah er
+einen Mann eilig des Weges gehen; mit niedergeschlagenem Blicke bat er
+ihn um eine Gabe. Der Mann griff in die Tasche, reichte ihm ein Stück
+Geld und war schnell verschwunden. Als Adolf wieder seinen Blick
+emporhob und das Geld betrachtete, wollte er seinen Augen kaum trauen,
+es war ein Dukaten, der das Ordenszeichen von seiner eigenen Hand
+unverkennbar trug.
+
+Sei es nun, daß der Mann sich vergriffen hatte, oder daß er wirklich
+eine so namhafte Gabe schenken wollte, Adolf dachte nicht lange darüber
+nach, und er weinte helle Tränen auf das einzige Goldstück, das ihm von
+seinem ganzen Reichtum als Bettlergabe wieder zugekommen war. Mit Wehmut
+dachte er daran, daß er es wieder weggeben und vielleicht nie mehr sehen
+solle. Da begegnete ihm eine große Menge von Arbeitern, die an einer
+Straße arbeiteten; schnell war er entschlossen und ließ sich unter ihre
+Zahl einschreiben. Ein sonderbarer Gedanke tröstete ihn bei dieser
+ungewohnten Lebensweise. Ich brauchte eigentlich nicht zu arbeiten,
+sagte er sich in der ersten Zeit und fühlte dann an seine Brust, wo er
+den Dukaten verborgen hatte, ich habe ja Geld und könnte eine ganze
+Woche und länger davon leben oder etwas anderes damit anfangen; aber ich
+arbeite, weil mir's Vergnügen macht. Dann aber machte er einen Spaß
+daraus und sagte oft: »Ich arbeite bloß zu meinem Vergnügen. Ich
+arbeite, damit ich was zu essen habe, und das Essen macht mir dann
+Vergnügen, also arbeite ich zu meinem Vergnügen.« Nach und nach aber
+erkannte er, daß nichts Entwürdigendes, ja die Ehre und der Lebenszweck
+allein darin liege, für den Genuß seines Daseins und für das, was man
+von der Welt hat, auch etwas für sie zu tun. Früher hatte er gedacht,
+durch das Wegrücken eines Stuhles, ja durch jede Tätigkeit seine
+Lebenskraft zu schwächen; jetzt erkannte er, daß, je mehr man seine
+Kräfte braucht, sie um so mehr wachsen und zunehmen, daß die Lebenskraft
+durch Tätigkeit immer neu erzeugt wird.
+
+So war Adolf, für den die Straßen früher nur dagewesen waren, um als
+vergnügungssüchtiger Reisender darauf herumzurutschen, ein Bahnmacher
+und Straßenarbeiter für andere. Mit der Zeit aber gelangte er auch zur
+Stelle eines Aufsehers bei dem Straßenbau und erfreute sich in dem
+Gedanken, daß von seinem Dasein auf der Welt noch andere Spuren
+hinterblieben als die bloßen Kreuze auf dem Gelde, das ihm durch die
+Hand gegangen war. Lange Zeit hatte er den Dukaten als Andenken
+aufbewahrt, bis er endlich eingesehen, daß auch dieser nicht ruhen darf
+in dem großen Weltverkehre, und er schenkte ihn einer Witwe, deren Mann
+beim Straßenbau verunglückt war.
+
+ Berthold Auerbach.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Der Solnhofer Knabe.
+
+
+An der Altmühl, ungefähr eine Viertelstunde unterhalb Solnhofen, ist
+eine Glashütte im Gang. Das Holz zu den Öfen kann leicht über die jähen
+Bergwände herabgelassen werden und der reine, zuckerweiße Sand findet
+sich da und dort in Nestern unter dem Rasen.
+
+Ehe man anfing, diesen Sand in Glas zu verwandeln, bestreuten oder
+fegten schon die Hausfrauen in der Umgegend ihre Stubenböden, Tische,
+Bänke, hölzernen Geschirre usw. damit und kauften ihn von Weibern, die
+ihn bei Solnhofen gruben und in kleinen Säckchen zum Verkauf in die
+umliegenden Orte trugen.
+
+In der ältesten Zeit befaßte sich eine Zeitlang nur ein einziges Weib
+mit diesem beschwerlichen Handel, bei welchem sie oft über fünfzig Pfund
+auf dem Rücken aus- und nur ein paar Heller in der Tasche dafür
+heimtrug. Es war eine Witwe in mittlerem Alter. Sie hatte einen
+zwölfjährigen Knaben, der im Sommer die Ziegen des Ortes hütete und im
+Winter mit seiner Mutter in den unterirdischen Felsklüften Sandnester
+aufsuchte und ausbeutete, wenn man vor Schnee und Eis in den Boden
+kommen konnte.
+
+[Illustration: Gottesdienst]
+
+Einmal in einem besonders harten Winter wollte es den guten Leuten gar
+nicht gelingen. Lange war der Boden bald so fest gefroren und bald so
+hoch mit Schnee bedeckt, daß sie gar nicht zu ihrer unterirdischen
+Nahrungsquelle gelangen konnten. Der kleine Vorrat an Sand, den sie sich
+im Herbst gegraben hatten, ging zu Ende und mit ihm das Brot, das sie
+sich für die erlösten Pfennige aus den benachbarten Orten mitzunehmen
+pflegten. An den Sommerseiten der Berge, wo die Februarsonne die
+dünneren Schneeschichten weggeleckt hatte, fingen sie nun an zu
+schürfen, aber überall und immer ohne Erfolg. Ihre Werkzeuge zerbrachen
+und sie hatten noch kein weißes Sandkorn gefunden. Dazu ging das Futter
+für die Ziegen auf die Neige und in der Hütte waren nun vier Geschöpfe,
+denen der Hunger aus den Augen sah. Das einzige, was sie noch unter sich
+teilen konnten, war eine Kufe mit eingestampften Rüben und weißem Kohl;
+aber auch diese stritten schon mit der Verwesung, weil sie nur wenig
+gesalzen waren. Die Geißen erhielten ihren Anteil roh, wie er aus der
+Kufe kam; die Portionen für sich und ihren Knaben kochte die Witwe und
+salzte sie oft mit ihren bitteren Kummertränen; denn es war damals unter
+ihrem Dache wie in der Hütte der Witwe von Zarpath, als sie dem
+Propheten antwortete: »So wahr der Herr, dein Gott, lebt, ich habe
+nichts Gebackenes, nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im
+Kruge. Und siehe, ich habe Holz aufgelesen und gehe hinein und will es
+mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben.«
+
+Der Knabe liebte seine Mutter und bewies seine Liebe meistens dadurch,
+daß er nie über seinen Hunger klagte, sondern geduldig von einer
+Mahlzeit auf die andere wartete und überhaupt alles vermied und verbarg,
+was ihr das Herz noch schwerer machen konnte. Aber fast die ganze andere
+Hälfte seines Herzens war den Ziegen zugewandt und es wollte ihm
+brechen, wenn er sah, wie sie, von Hunger getrieben, an der Kufe
+hinaufsprangen und vergebens Hals und Zunge streckten, um die Neige
+darin zu erreichen. Hätten sie von seinen schönen Worten und
+Vertröstungen auf den nahen Frühling satt werden können, dann hätten sie
+mehr als genug gehabt; aber so wurden sie immer magerer. Der Knabe
+entschloß sich endlich, für sie zu tun, was er noch nicht einmal für
+seine Mutter getan hatte.
+
+In Solnhofen war ein Benediktinerkloster. An die Pforte derselben pochte
+der Knabe mit dem schweren eisernen Klöpfel, der daran hing, und
+antwortete dem Bruder Pförtner, der nach seinem Begehren fragte, er
+müsse mit dem Abt selbst reden. Er wurde vor diesen ehrwürdigen Diener
+Gottes geführt, küßte ihm die Hand und bat, er möchte ihm doch nur
+erlauben, das Heu aufzulesen, das die Klosterkühe unter den Barren und
+unter die Streu würfen; denn seine zwei Ziegen waren am Verhungern. Den
+Abt überraschte anfangs die Bitte, deren Gewährung gar leicht mißbraucht
+oder wenigstens zu einer großen Versuchung werden konnte; aber bald
+überzeugte er sich, mit was für einer aufrichtigen und redlichen Seele
+er es zu tun habe. Er fragte unter andern Dingen nach dem wenigen, was
+nach den damaligen Anforderungen der Kirche ein Christ wissen sollte.
+Der Knabe sagte seinen Glauben, sein Vaterunser nebst einigen anderen
+kürzeren Gebeten gut her und beantwortete munter etliche Fragen aus den
+Evangelien. Nun sprach der Abt: »Mein Söhnlein, du darfst alle Tage,
+wenn unsere Kühe zur Tränke getrieben werden, kommen und holen, was sie
+unter dem Barren liegen lassen, und wenn der Bruder Küchenmeister etwas
+übrig hat, so wird er es dir auch mitgeben für dich und deine Mutter.«
+Dann segnete er den Knaben und entließ ihn froh getröstet.
+
+In der Hütte der Witfrau hatte nun die Not ein Ende. Bald kam auch der
+warme und freundliche Frühling, die Witwe entdeckte wieder eine
+ergiebige Sandgrube und ihr Benedikt trieb als gedungenes Ziegenhirtlein
+die Ziegen des Dorfes auf die hohen, luftigen Berge. In die Kost ging er
+bei den einzelnen Besitzern der Ziegen der Reihe nach. Sein Osterlamm aß
+er im Kloster, seinen Pfingstkuchen buk ihm die Wirtin, seinen
+Kirchweihschmaus hielt er in der neuen Mühle und seinen Namenstag
+feierte er wieder mit den Benediktinern.
+
+An Unterhaltung fehlte es ihm auch auf den einsamen Höhen nicht. Da lag
+der damals noch unbenützte Kalkschiefer so am Tage, daß es ihm leicht
+war, Platten davon herauszuheben und aus ihnen mit einem ganz kleinen
+Hammer, den ihm noch sein verstorbener Vater gemacht hatte, regelmäßige
+Vierecke zu fertigen.
+
+[Illustration: Benedikt mit Schieferplatten]
+
+Was man so unrichtiger- und sündhafterweise Zufall nennt, führte den
+Knaben zu einer wichtigen Erfindung. Benedikt legte einmal eine
+Schieferplatte, wie er sie aus dem Boden gebrochen hatte, auf seinen
+Schoß, zeichnete mit einer Kohle von seinem Hirtenfeuer ein Viereck
+darauf und sprach dann bei sich: »Wenn ich fünfzig solche viereckige
+Tafeln hätte, könnte ich meine ganze Hausflur damit belegen, wo jetzt
+die Hühner scharren, wenn es draußen regnet. Während er dies dachte,
+klopfte er mit seinem Hämmerlein auf dem einen schnurgeraden
+Kohlenstrich sanft auf und ab; denn er freute sich über den hellen Klang
+der Platte. Auf einmal wurden die hellen Töne dumpf und immer dumpfer
+wie bei einer zersprungenen Glocke und zuletzt sprang die Tafel gerade
+in der Richtung des Kohlenstrichs entzwei. »Ist es da so gegangen,«
+dachte Benedikt, »so kann es bei den übrigen drei Seiten ebenso gehen.«
+Er hämmerte auch auf dem zweiten Kohlenstrich eine Weile vorwärts und
+rückwärts. Sein Schluß war richtig. Nachdem er noch einige Minuten so
+fortgemacht hatte, lag eine vollkommen viereckige Platte auf seinen
+Knieen. Eine zweite gelang nicht minder. Früher schon hatte er manchmal
+zwei Schiefertrümmer aneinander gerieben, um sie zu polieren, und
+gefunden, daß er damit am schnellsten zustande kam, wenn er von dem
+Sande, womit seine Mutter handelte, dazwischen tat und Wasser dazu nahm.
+Diese frühere Erfindung wandte er nun auf seine Pflastersteine an und
+gewann so einige sehr schöne Platten. Indes trieb er dies alles als eine
+bloße Spielerei und sagte davon niemand etwas, selbst seiner Mutter
+nicht. Seine schönsten Tafeln verbarg er da und dort unter einem Busch,
+wie etwa ein Hirtenknabe an der Donau schöne Kiesel, die er in ihrem
+Bette findet, in einem hohlen Weidenstamme aufhebt.
+
+Eines Abends aber, als er eingetrieben hatte und seiner Mutter gegenüber
+an der Suppenschüssel saß, erzählte sie ihm, daß sie mit Sand in
+Eichstätt gewesen und dort dem Bischof so nahe gekommen sei, daß sie
+jedes seiner Worte verstanden habe.
+
+»Was sagte er denn?« fragte Benedikt.
+
+»Er stand«, antwortete die Witwe, »mitten unter den Domherren in der
+neuen Kirche, die er hat bauen lassen, und beratschlagte mit ihnen, mit
+was für Steinen der Fußboden belegt werden dürfte. Der eine riet dies
+und der andere das, bis der hochwürdige Herr der Unterredung damit ein
+Ende machte, daß er sagte: »Nun, morgen um die elfte Stunde haben wir
+die fremden Steinmetzen hieher bestellt und wollen die Proben schauen,
+die sie von allerlei Sand- und Marmelsteinen bei sich haben. Aber wir
+fürchten, ein solches Pflaster möchte für unsern bischöflichen Beutel zu
+teuer kommen. Wir werden uns wohl die Backsteine gefallen lassen müssen,
+die am wohlfeilsten sind.«
+
+»So, so!« versetzte Benedikt, warf seinen Löffel von Horn in die
+Tischlade, wünschte seiner Mutter eine gute Nacht und ging unter das
+Dach hinauf in seine Schlafstätte.
+
+Das Sandweib hatte übrigens den Fürstbischof ganz recht verstanden.
+Schon bald nach der zehnten Stunde des Morgens versammelten sich in der
+neuen Kirche zu Eichstätt, in der von der Hand des Maurermeisters nichts
+mehr fehlte als das Pflaster, etliche Steinmetzen, die der Bischof aus
+Tirol, dem Fichtelgebirge und dem Rheingau auf seine Kosten berufen
+hatte. Die Steinproben trugen ihnen ihre Gesellen in kleinen, hölzernen
+Kästchen nach und stellten sie nebeneinander auf eine lange Tafel.
+Darauf fanden sich nach und nach mehrere Grafen und Herren aus der
+Nachbarschaft ein, die schon reichlich zu dem Kirchenbau beigesteuert
+hatten und nun auch noch bei dem Pflaster ein übriges tun sollten.
+Endlich erschien auch der Fürstbischof mit allen seinen Domherren und
+seinen weltlichen Beamten hinter sich. Als alle beisammen waren, schien
+es fast, als sollte eine Kirchenversammlung gehalten werden, so viele
+waren ihrer.
+
+Der Bischof nahm nun die schöngeschliffenen Proben aus den Kästlein,
+eine nach der andern und es war keine darunter, die ihm und seinem
+Gefolge nicht gefallen hätte. Auch waren zum Teil die kleinen
+Marmelsteine in den Schubladen so nebeneinander gelegt, weiße und
+schwarze, gelbe und graue, bunte und einfarbige, daß man schon im
+kleinen sehen konnte, wie herrlich schön ein Steinpflaster davon im
+großen ausfallen würde. Aber als die fremden Steinmetzen nacheinander
+sagten, was der Quadratfuß davon schon an Ort und Stelle koste, und als
+der Baumeister an den Fingern berechnete, wieviel Quadratfuß er brauche,
+und als der Rentmeister die Totalsumme in Goldgulden aussprach, fuhr der
+Bischof mit der Hand hinter das Ohr und sein Schatzmeister schüttelte
+mit dem Kopf und die Grafen und Herren machten große Augen und sahen
+einander schweigend an.
+
+In diesem Augenblick entstand unter dem Hauptportal der Kirche ein
+Geräusch. Zwei Trabanten des Fürstbischofs wollten einen barfüßigen
+Bauernknaben nicht hereinlassen und hielten ihre Hellebarden vor; aber
+der Knabe duckte sich, schlüpfte darunter hinweg wie eine Henne unter
+der Gartentüre und drängte sich dann ohne Umstände mitten durch die
+Versammlung, bis er vor dem Bischof stand, dem er den Saum seines
+Kleides küßte. Seine Mütze, an der nicht viel zu verkrüppeln war, nahm
+er zwischen die Kniee, drei viereckige und zolldicke Schieferplatten,
+eine blaßgelbe, eine blaugraue und eine marmorierte, nahm er aus der
+Schürze, womit sie umwickelt waren, und legte sie auf die Tafel. Sie
+waren noch naß; denn er hatte sie erst in den Dombrunnen getaucht; desto
+mehr aber glänzten die geschliffenen Seiten und zeigten, wie schön die
+Steine erst dann werden würden, wenn eine kunstgeübte Hand darüber
+käme.
+
+Seine Ware zu empfehlen, meinte der Knabe, sei nicht nötig, sondern er
+schaute nur einem von den Umstehenden nach dem andern ins Gesicht und
+wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn. Als aber der
+Bischof anfing, ihn zu fragen, antwortete er munter und sprach: »Ich
+gehöre dem Sandweib von Solnhofen und die Steine habe ich auf dem Berge
+hinter dem Kloster gemacht. Wenn ihr noch mehr braucht, so dürft ihr mir
+nur euere Steinhauer mitgeben, so will ich ihnen zeigen, wie sie es
+anfangen müssen.«
+
+Der Knabe war Benedikt, unser Ziegenhirtlein. Er hatte nach der
+Abendsuppe, bei der ihm seine Mutter von der neuen Kirche in Eichstätt
+erzählte, nicht mehr geschlafen. Ein Gedanke, der ihm unter dem Essen
+gekommen war, trieb ihn durch die Hintertür hinaus auf den Berg, wo
+seine Steine lagen, und von da mit ihnen in der hellen Mondnacht gen
+Eichstätt, wohin er den Weg genau kannte von dem Sandhandel her. Seine
+Mutter erschrak freilich, als sie ihn in der Frühe wecken wollte und das
+Nest leer fand. Sie konnte nicht einmal gehen, ihn zu suchen oder ihm
+nachzufragen; denn die Ziegen waren schon alle aus den Ställen gelassen
+und standen meckernd auf der Gasse oder naschten von den Blumenstöcken
+vor den Fenstern des Pfarrhauses. Übel oder wohl mußte sie tun, als wäre
+ihr Benedikt krank. Sie nahm Geißel und Stecken und trieb das Vieh
+selbst auf den Berg, wo sie den langen, langen Tag unter vergeblichem
+Warten in Sorge zubrachte. -- Aber als sie abends hinter der gehörnten
+Schar das Dorf hinunterging, kamen einige Maultiere herauf, ihr
+entgegen. Auf dem vordersten saß ihr Benedikt hinter einem Knechte des
+Fürstbischofs, und zwar so munter, daß die Witfrau sogleich sah, es
+müsse ihm den Tag über nicht schlecht ergangen sein.
+
+So war es auch. Der Bischof hatte sich sogleich für die Pflastersteine
+des Sandbuben entschieden und die fremden Steinmetzen wieder in ihre
+Heimat entlassen, den Knaben aber mit in sein Haus genommen, gespeist
+und ihm versichert, daß er für ihn und seine Mutter sorgen wolle. Dann
+hatte er ihn mit dem Baumeister, der das Steinlager untersuchen sollte,
+nach Solnhofen zurückgehen lassen.
+
+Der Bischof hielt Wort. Nachdem Benedikt bei einem Meister Steinmetz in
+Eichstätt in der Lehre gewesen war, ließ er sich in Solnhofen nieder und
+hatte fortwährend so viele Bestellungen an Pflaster- und Quadersteinen,
+daß es ihm und seiner Mutter nie mehr an dem täglichen Brot fehlte.
+
+ Karl Stöber.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Hans Lustig.
+
+
+Hans Lustig war armer Leute Kind, sein Vater war Schuhflicker, seine
+Mutter Wäscherin. Er war ein kleiner breitschulteriger Junge, etwa zwölf
+Jahre alt. Jeder, der ihn ansah, hatte seine Freude an dem munteren
+Knaben; denn wie aus seinen dürftigen Kleidern ein kräftiger, gesunder
+Körper, ein Paar braune, feste Arme hervorguckten, so schaute aus seinen
+Gesichtszügen ein frischer lustiger Sinn hervor, so daß er seinen Namen
+nicht umsonst führte. Hans hatte von frühauf zu tun: für den Vater die
+Schuhe und Stiefel auszutragen, der Mutter die Wäsche zu hüten und
+allerlei Einkäufe für die kleine Wirtschaft zu besorgen. Die ganze
+Straße kannte den lustigen Buben, und weil er jeden so freundlich
+anlachte, suchten die Leute auch ihm allerlei Freude zu machen. Der
+Bäcker schenkte ihm oft einige Fastenbrezeln, die Kunden seines Vaters
+allerlei Kleidungsstücke oder irgend ein Spielzeug, und selbst manche
+blanke Kupfermünze brachte er seiner Mutter nach Hause, die sie in einer
+tönernen Sparbüchse verwahrte. Auch bei allen Kindern in der
+Nachbarschaft wurde der Hans bald beliebt. Als er älter wurde, war er
+bei allen Spielen der erste und wußte immer was Neues anzugeben. Alle
+Spiele gingen gut, wenn Hans dabei war. Da gab's niemals Zank und
+Streit; zankten sich wirklich zwei Kinder einmal, fuhr mein Hans
+dazwischen, machte jedem ein närrisches Gesicht, und alles mußte lachen.
+
+Allmählich kam die Zeit heran, wo Hans ein Handwerk lernen sollte, und
+da er nach des Vaters Meinung zum Schuster nicht besonders geeignet war,
+so sollte er das Handwerk des Herrn Paten erlernen, der ein braver
+Schornsteinfegermeister und bei allen Leuten in der Nachbarschaft sehr
+angesehen war. Hans gefiel das Ding auch gar nicht übel. Mutig und
+gewandt schlüpfte er oben an den höchsten Häusern zu den Schornsteinen
+heraus; er wußte nichts von Schwindel, machte allerlei possierliche
+Faxen mit seinem Besen und sein russiges Gesicht lachte hinein in den
+blauen Himmel und hinab über die Stadt; dabei sang er wie ein Vogel auf
+dem Wipfel des Baumes.
+
+[Illustration: Hans - Schornsteinfeger]
+
+Die Erwachsenen hatten Hans Lustig lieb und die Kinder auch, trotzdem er
+Schornsteinfeger war. Wollte man die Kinder mit dem Feuerrüpel zu
+fürchten machen, lachten sie; sie wußten ja, daß der Feuerrüpel niemand
+anders war als der Hans Lustig, der keinem etwas zuleide tat, im
+Gegenteil allzeit freundlich und gut war, und manche Kinder hatten sogar
+den Mut, ihm eine Patschhand in seine berußte Rechte zu geben.
+
+[Illustration: Haus]
+
+So wuchs unser Hans immer mehr heran und ward ein tüchtiger
+Schornsteinfeger voll Herzhaftigkeit und Behendigkeit. Er konnte
+klettern wie eine Katze. Das zeigte er bei dem großen Brande, als das
+alte Rathaus mitten in der Nacht plötzlich in hellen Flammen stand! Der
+alte Türmer hatte versäumt, das Feuerzeichen zu geben, und so stand das
+altertümliche Gebäude mit seinen wichtigen Akten und Urkunden bereits in
+Flammen, als man erst das Unglück gewahr wurde. Der alte Türmer war aber
+unschuldig; denn in derselben Nacht war er gestorben. Hans war einer der
+ersten auf der Brandstätte, und die Gefahr nicht achtend, stürzte er in
+das Gebäude und rettete einen Schrank, der die wichtigsten städtischen
+Urkunden enthielt.
+
+Am Tage darauf ließ ihn der Rat der Stadt vor sich kommen, und der
+älteste Ratsherr belobte ihn, dankte ihm im Namen der Stadt und fragte,
+welche Belohnung er wünsche. Hans antwortete ohne langes Besinnen, man
+möge seinem Vater die erledigte Stelle als Türmer übertragen. Dieses
+wurde ihm auch sogleich gewährt. Man konnte nicht sagen, wer
+glückseliger war, Hans, der seinem Vater eine sorgenfreie Stelle
+verschafft hatte, oder der Vater selber, der durch den Mut und die
+Bravheit seines Sohnes so über alle Sorgen und recht eigentlich in die
+Höhe gehoben wurde.
+
+Der alte Schuhflicker besserte nun hoch oben auf dem Turme das Schuhwerk
+für die Menschen aus, die da unten umherliefen. Hans, der immer eine
+besondere Lust und ein Geschick für die Musik gehabt hatte, begann
+jetzt, den Zinken blasen zu lernen. In kurzer Zeit brachte er es darin
+zu großer Fertigkeit.
+
+Im selben Jahre, als er Soldat werden mußte, starben seine Eltern. Sie
+segneten ihn, denn er hatte ihnen viel Freude und Glück gebracht.
+
+Beim Regimente wurde Hans Musiker und zeichnete sich hierbei so aus, daß
+er nach wenigen Jahren die erste Stelle in der Regimentsmusik erhielt.
+Wenn er in seiner betreßten Uniform unter den Musikern steht und den
+Takt schlägt, so sieht man ihm nichts mehr davon an, daß er vor Jahren
+voll Ruß und ein lustiger Schornsteinfeger war. Sein Titel heißt: Herr
+Kapellmeister; aber von alten Verwandten und Bekannten hat er's gern,
+wenn sie ihn Hans Lustig heißen, und er macht diesen Namen noch immer
+zur vollen Wahrheit.
+
+ Robert Reinick.
+
+[Illustration: Horn]
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Reimspruch. Robert Reinick 4
+
+ Zum Tagewerk. Philipp Spitta 5
+
+ Der Vater und die drei Söhne. M. G. Lichtwer 6
+
+ Das Tischgebet. Friedrich Güll 8
+
+ Dem Vaterland. Robert Reinick 10
+
+ Deutscher Rat. Robert Reinick 12
+
+ Geschichte vom Nußknacker. F.v. Pocci 13
+
+ Der alte Landmann an seinen Sohn. L. H. Chr. Hölty 16
+
+ Der getreue Eckart. J. W. v. Goethe 20
+
+ Die beiden Pflugscharen. G. Meißner 21
+
+ Die beiden Äxte. G. Meißner 22
+
+ Sparbüchslein. Friedrich Güll 24
+
+ Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt. K. Gerock 25
+
+ Hurtig an die Arbeit. Friedrich Rückert 27
+
+ Meister, Geselle und Lehrling. J. W. v. Goethe 27
+
+ Der Künstler und sein Sohn. Ludwig Auerbacher 28
+
+ Die Pfirsiche. A. Krummacher 29
+
+ Die treuen Brüder. Chr. v. Schmid 31
+
+ Der Bauer und sein Sohn. Chr. F. Gellert 33
+
+ Das Kind. Fr. Hebbel 36
+
+ Das Kind am Brunnen. Friedrich Hebbel 37
+
+ Des Mägdleins Schmuck. Ernst Moritz Arndt 39
+
+ Der jähzornige Schäfer. Chr. v. Schmid 40
+
+ Eifer führt zum Ziel. G. Meißner 41
+
+ Einer für alle. Hambgr. Fremdenblatt 42
+
+ Der Schatzgräber. G. F. Bürger 44
+
+ Hoffnung. Frdr. v. Schiller 45
+
+ Der beste Empfehlungsbrief. Magdeburger Zeitung 46
+
+ Reinlichkeit. Friedrich Rückert 47
+
+ Hermann Billings Berufung. Ferdinand Bäßler 48
+
+ Wohltun macht Freude. Schöppner, Sagenbuch 52
+
+ Das Loch im Ärmel. Heinrich Zschokke 54
+
+ Der gekreuzte Dukaten. Berthold Auerbach 58
+
+ Der Solnhofer Knabe. Karl Stöber 64
+
+ Hans Lustig. R. Reinick 75
+
+
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+[Fußnote 1: 1 Gulden = 1,71 Mk.; 1 Taler = 3.00 Mk.]
+
+[Fußnote 2: Haag = Residenzstadt in Holland.]
+
+[Fußnote 3: Legde (Lehde) = Weideland.]
+
+[Fußnote 4: _Bill_ ist im Sächsischen ein von der Volksgemeinde
+bestätigtes Gesetz. Der Mann, der darauf achten mußte, daß
+dieses Gesetz gehalten wurde, hieß _Billing_ (Billung), soviel
+als heutzutage Schultheiß, Bürgermeister.]
+
+
+
+
+Anmerkungen des Umkodierers:
+
+Gesperrt markiert durch: _
+
+Zeile 1438: eingefügt (typo) "werden".
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43891 ***
diff --git a/43891-8.txt b/43891-8.txt
deleted file mode 100644
index 77d6106..0000000
--- a/43891-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,2253 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Du deutsches Kind
- Eine Gabe für unsere Jugend
-
-Author: Various
-
-Editor: I. B. Laßleben
-
-Illustrator: Albert Reich
-
-Release Date: October 5, 2013 [EBook #43891]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DU DEUTSCHES KIND ***
-
-
-
-
-Produced by Matthias Grammel, Jan-Fabian Humann and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
- Du deutsches Kind!
-
-
- Eine Gabe für unsere Jugend.
-
- Dargereicht von J. B. Laßleben.
-
- Bilder von Albert Reich.
-
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
- Hochwald-Verlag München-Kallmünz
-
-
-
-
- Ein jeder nehme wohl in acht,
- was Lust und Ehr' ihm hat gebracht:
- Der Wirt seinen Krug,
- der Krämer sein Tuch,
- der Bauer seinen Pflug,
- das Kind sein Buch.
-
- Robert Reinick.
-
-
- Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag)
- Kallmünz/Bayern 1922
-
-
-
-
-[Illustration: Sämann]
-
-
-Zum Tagewerk.
-
-
- Gehe hin in Gottes Namen,
- greif dein Werk mit Freuden an!
- Frühe säe deinen Samen!
- Was getan ist, ist getan.
- Sieh nicht aus nach dem Entfernten;
- was dir nah' liegt, mußt du tun.
- Säen mußt du, willst du ernten;
- nur die fleiß'ge Hand wird ruhn.
- Müßigstehen ist gefährlich,
- heilsam unverdroßner Fleiß;
- und es steht dir abends ehrlich
- an der Stirn des Tages Schweiß.
- Weißt du auch nicht, was geraten
- oder was mißlingen mag,
- folgt doch allen guten Taten
- Gottes Segen für dich nach.
- Geh denn hin in Gottes Namen,
- greif dein Werk mit Freuden an!
- Frühe säe deinen Samen!
- Was getan ist, ist getan.
-
- Philipp Spitta.
-
-
-
-
-Der Vater und die drei Söhne.
-
-
- An Jahren alt, an Gütern reich,
- teilt' einst ein Vater sein Vermögen
- und den mit Müh erworb'nen Segen
- selbst unter die drei Söhne gleich.
- »Ein Diamant ist's,« sprach der Alte,
- »den ich für den von euch behalte,
- der mittels einer edlen Tat
- darauf den größten Anspruch hat.«
-
- Um diesen Anspruch zu erlangen,
- sieht man die Söhne sich zerstreu'n.
- Drei Monden waren kaum vergangen,
- so stellten sie sich wieder ein.
-
- Drauf sprach der älteste der Brüder:
- »Hört! es vertraut' ein fremder Mann
- sein Gut ohn' einen Schein mir an;
- ich gab es ihm getreulich wieder.
- Sagt, war die Tat nicht lobenswert?« --
- »Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,«
- ließ sich der Vater hier vernehmen;
- »wer anders tut, der muß sich schämen;
- denn ehrlich sein ist unsre Pflicht.
- Die Tat ist gut, doch edel nicht.«
-
- Der zweite sprach: »Auf meiner Reise
- fiel einmal unachtsamerweise
- ein Kind in einen tiefen See.
-
- Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh
- und rettete dem Kind das Leben.
- Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.« --
- »Du tatest,« sprach der Greis, »mein Kind,
- was wir als Menschen schuldig sind.«
-
-[Illustration: Rettung]
-
- Der jüngste sprach: »Bei seinen Schafen
- war einst mein Feind fest eingeschlafen
- an eines tiefen Abgrunds Rand;
- sein Leben stand in meiner Hand.
- Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.«--
- »O,« rief der Greis mit holdem Blicke,
- »Dein ist der Ring! Welch edler Mut,
- wenn man dem Feinde Gutes tut.«
-
- M. G. Lichtwer
-
-
-
-
-[Illustration: Gasthausschild]
-
-
-Das Tischgebet.
-
-
- An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern
- waren beisammen viel reiche Herrn.
- Vor ihnen standen aus Küch' und Keller
- gar lieblich lockend die Flaschen und Teller.
- Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen,
- die Kellner reichten die dampfenden Suppen
- und mehr noch begann Gemüs' und Braten
- mit süßem Wohlgeruch zu laden.
-
- Da kam zur Türe still herein
- ein Fremder mit seinem Töchterlein
- und setzte sich unten am langen Tisch,
- um auch zu kosten von Wein und Fisch.
- Oben klirrten die Löffel und Messer,
- klangen die Gläser und scherzten die Esser.
-
- Da tönt auf einmal gar hell und fein
- eine Stimme in den Lärm hinein,
- wie wenn von fern ein Glöcklein klingt,
- wie wenn im Wald ein Vogel singt.
- Und wie auch der Strom der Rede rauscht,
- still wird es rings und jeder lauscht:
- der Krieger, der von den Schlachten erzählt,
- der Kaufmann, der über die Zölle geschmält,
- die Reisenden, die von Abenteuern
- gesprochen und von Ungeheuern,
- die Stutzer, die von Pferd und Wagen
- und Hunden und Moden so vieles sagen.
-
- Und wie sie schauen nach dem Orte,
- von woher dringen die lieblichen Worte:
- mit gefalteten Händen das Mädchen steht
- und spricht sein gewohntes Tischgebet.
- Und wie beseelt von höherem Geist
- falten auch sie die Hände zumeist
- und horchen alle mit rechtem Fleiße
- auf des betenden Kindes Weise.
- Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude
- und achtet nicht auf all die Leute.
- Die aber, ergriffen im tiefsten Innern,
- mußten sich oft noch daran erinnern.
- Und mancher hat wieder gebetet fortan,
- was er schon lange nicht mehr getan.
-
- Friedrich Güll.
-
-
-
-
-Dem Vaterland.
-
-
- Das ist ein hohes, helles Wort,
- Dem Vaterland!
- das hallt durch unsre Herzen fort
- wie Waldesrauschen, Glockenklang,
- Drommetenschmettern, Lerchensang;
- das fällt, ein Blitz, in unsre Brust,
- zu heil'ger Flamme wird die Lust!
- Dem Vaterland!
-
- Dem Vaterland!
- Das Wort gibt Flügel dir, o Herz.
- Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts
- die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn;
- o deutsches Land, wie bist du schön!
- Und überall klingt Liederschall
- und überall _ein_ Widerhall:
- Dem Vaterland!
-
- Dem Vaterland!
- Das seinen Töchtern hat beschert
- der keuschen Liebe stillen Herd,
- das seinen Söhnen gab als Hort
- die freie Tat, das treue Wort,
- das feiner Ehren blanken Schild
- zu wahren allzeit sei gewillt,--
- dem Vaterland!
-
-[Illustration: Landschaft]
-
- Dem Vaterland!
- O hohes Wort, o helles Wort,
- du tön' für alle Zeiten fort
- wie Waldesrauschen, Glockenklang,
- Drommetenschmettern, Lerchensang!
- zu heil'ger Flamme weih' die Lust,
- so lange schlägt die deutsche Brust
- dem Vaterland!
- Heil dir, Heil dir, du deutsches Land!
-
- Rob. Reinick.
-
-
-
-
-Deutscher Rat.
-
-
- Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr,
- laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n!
- Von alters her im deutschen Volke war
- der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.
-
- Du bist ein deutsches Kind, so denke dran;
- noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer.
- Aus einem Knaben aber wird ein Mann;
- das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr.
-
- Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht!
- Was du berichtest, sage kurz und schlicht;
- was du gelobest, sei dir höchste Pflicht!
- Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht!
-
- Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran;
- zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach;
- doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an,
- und eine Stimme ruft in dir: »Sei wach!«
-
- Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit:
- Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr.
- Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit.
- Du, deutsches Kind, sei _tapfer, treu und wahr_!
-
- Robert Reinick.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-Geschichte vom Nußknacker.
-
-
-[Illustration: Nussknacker]
-
-Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den
-Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei
-sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten
-sie sehr und sagten: »Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse
-aufknacken wollte!« Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den
-Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen
-großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse
-herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem
-es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein:
-
- »Heiß, heiß,
- beiß, beiß
- Hans heiß' ich,
- Nüsse beiß' ich;
- geh' gern in den grünen Wald,
- wenn die Nuß vom Strauche fallt;
- mach's dem lust'gen Eichhorn nach,
- knack' und nag' den ganzen Tag!«
-
-Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen
-Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu:
-»Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf,
-damit wir sie essen können!« -- Da brummte das Männlein in seinen langen
-weißen Bart:
-
- »Hansl heiß' ich,
- Nüsse beiß' ich;
- hab' ich aber mich beflissen,
- euch ein Dutzend aufgebissen,
- gebt mir zum Lohn
- ein paar davon!«
-
-»Ja, ja!« schrien die Buben, »du kannst mitessen, knacke nur fleißig
-auf.« -- Das Männlein stellte sich zu ihnen hin -- denn am Sitzen
-hinderte es sein steifer Zopf -- und sprach:
-
- »Hebet auf den langen Zopf,
- schiebt die Nuß in meinen Kropf,
- drücket nieder und so fort,
- schnell ist jede Nuß durchbohrt.«
-
-[Illustration: Nussbeißer]
-
-Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen
-immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß
-aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das
-Männlein brummte:
-
- »Heiß, heiß,
- beiß, beiß,
- will meinen Lohn
- nun auch davon!«
-
-Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn
-spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er
-sprach: »Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir
-wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir
-deine Nüsse selbst!«
-
-Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte:
-
- »Gibst du mir keine Nuß,
- so machst du mir Verdruß;
- ich nehme dich beim Schopf
- und beiß' dir ab den Kopf!«
-
-Da lachte der böse Bube und sagte: »Du mir den Kopf abbeißen? Mache
-lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein
-fühlen!« Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde
-ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte
-wie ein Fisch im Wasser und -- knack -- der Kopf war weg.
-
-Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht,
-Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht
-abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und
-Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange
-Federlesens! F. v. Pocci.
-
-
-
-
-Der alte Landmann an seinen Sohn.
-
- Üb' immer Treu und Redlichkeit
- bis an dein kühles Grab
- und weiche keinen Finger breit
- von Gottes Wegen ab!
- Dann wirst du wie auf grünen Au'n
- durchs Erdenleben gehn;
- dann kannst du sonder Furcht und Grau'n
- dem Tod ins Auge sehn.
-
-[Illustration: Landmann beim Mähen]
-
- Dann wird die Sichel und der Pflug
- in deiner Hand so leicht;
- dann singest du beim Wasserkrug,
- als wär' dir Wein gereicht.
- Dem Bösewicht wird alles schwer,
- er tue, was er tu'.
- Der Teufel treibt ihn hin und her
- und läßt ihm keine Ruh'.
- Der schöne Frühling lacht ihm nicht;
- ihm lacht kein Ährenfeld;
- er ist auf Lug und Trug erpicht
- und wünscht sich nichts als Geld.
- Der Wind im Hain, das Laub am Baum
- saust ihm Entsetzen zu.
- Er findet nach des Lebens Traum
- im Grabe keine Ruh'.
- Sohn, übe Treu' und Redlichkeit
- bis an dein kühles Grab
- und weiche keinen Finger breit
- von Gottes Wegen ab!
- Dann suchen Enkel deine Gruft
- und weinen Tränen drauf,
- und Sonnenblumen, voll von Duft,
- Blühn aus den Tränen auf.
- Hölty.
-
-[Illustration: Dekoration - Sonnenblumen]
-
-
-
-
-[Illustration: Die unholdigen Schwestern]
-
-
-Der getreue Eckart.
-
-
- Vom Wundermann hat man euch immer erzählt;
- nur hat die Bestätigung jedem gefehlt,
- die habt ihr nun köstlich in Händen.«
-
- Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug
- ein jedes den Eltern bescheiden genug
- und harren der Schläg' und der Schelten.
- Doch siehe, man kostet: »Ein herrliches Bier!«
- Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier
- und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.
-
- Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag;
- doch fraget, wer immer zu fragen vermag:
- »Wie ist's mit den Krügen ergangen?«
- Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt;
- Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt
- und gleich sind vertrocknet die Krüge.
-
- Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht
- ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht,
- so horchet und folget ihm pünktlich!
- Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut,
- verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut;
- dann füllt sich das Bier in den Krügen.
- Goethe.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Pflug]
-
-
-Die beiden Pflugscharen.
-
-
-Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen
-verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward
-in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich
-derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit
-Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und
-sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja,
-glänzender als sie anfangs gewesen war. »Ist das möglich?« rief die
-verrostete aus; »einst waren wir einander gleich; was hat dich so
-herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet
-worden bin?« -- »Eben diese Ruhe«, erwiderte jene, »war dir verderblich.
-Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die
-Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.«
-
- G. Meißner.
-
-
-
-
-Die beiden Äxte.
-
-
-Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den
-Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu
-verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine --
-goldene Axt zum Vorschein.
-
-[Illustration: Flussgott]
-
-»Das ist die meinige nicht!« sprach der Zimmermann ganz gelassen. --
-Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor.
-
-»Auch diese gehört mir nicht!« sprach der Arme und zum dritten Male
-langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele
-heraus. --
-
-»Das ist die rechte! das ist sie!« rief der Arbeitsmann fröhlich.
-
-»Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm«, sprach
-der mitleidige Geist. »Zur Belohnung nimm alle drei mit.«
-
-Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der
-sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott
-so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom
-fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu
-sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals,
-eine goldene hervor.
-
-»Ist sie das, mein Sohn?«
-
-»Ja, ja, das ist sie!« antwortete der Lügner und griff schon darnach.
-»Halt, Nichtswürdiger!« erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes.
-»Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens
-blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch
-dasjenige, was bisher dein war!« Und ohne Axt mußte er nach Hause
-wandern. G. Meißner.
-
-
-
-
-
-Sparbüchslein.
-
-
- Teuer ist die War'
- und das Geld ist rar:
- Spar'!
-
- Lang ist auch das Jahr,
- groß der Tage Schar:
- Spar'!
-
- Eh' dein Geld ist gar,
- jetzt und immerdar:
- Spar'!
-
- Spar' für die Gefahr,
- für die grauen Haar:
- Spar'!
-
- Sag' nicht: Wenn und zwar! --
- Bis zu deiner Bahr:
- Spar'!
-
- Friedrich Güll.
-
-[Illustration: Sparbüchse]
-
-
-
-
-Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt.
-
-
- Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren,
- da prüft' er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren,
- ihr Vaterunser, Einmaleins, und was man lernte mehr;
- zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her.
-
- Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen,
- zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißigen, die Braven.
- Da stand im groben Linnenkleid manch schlichtes Bürgerkind,
- manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind'.
-
- Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke,
- und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke;
- da stand im pelzverbrämten Rock manch feiner Herrensohn,
- manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron.
-
- Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank ihr frommen Knaben,
- ihr sollt' an mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben;
- und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid,
- in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.«
-
- Dann blitzt' sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel:
- »Ihr Taugenichtse, bessert euch, ihr schändet euren Adel;
- ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht,
- ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht!«
-
- Da sah man manches Kindesaug' in frohem Glanze leuchten
- und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten;
- und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt,
- wen heute Kaiser Karl gelobt, und wen er ausgeschmält.
-
- Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten
- im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten:
- Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand,
- so steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.
-
- Karl Gerock.
-
-
-
-
-Hurtig an die Arbeit.
-
-
- Mein Kind, du bist schon lang
- der Mutter aus der Wiegen;
- nun hilf dir selbst; wie du
- dich bettest, wirst du liegen.
- Die Flügel wuchsen dir,
- gebrauche sie zum Fliegen!
- Der kommt nicht auf den Berg,
- der nicht hinaufgestiegen.
- Greif an die Schwierigkeit,
- so wirst du sie besiegen!
-
- Friedrich Rückert.
-
-
-
-
-Meister, Geselle und Lehrling.
-
-
- Wer soll Meister sein? Wer was ersann.
- Wer soll Geselle sein? Wer was kann.
- Wer soll Lehrling sein? Jedermann.
-
- Joh. Wolfg. v. Goethe.
-
-[Illustration: Dekoration - Rose]
-
-
-
-
-Der Künstler und sein Sohn.
-
-
-Der Meister saß in seiner Werkstätte und meißelte an einem Herkules. Da
-trat eines Tages sein Söhnlein zu ihm und fragte: »Vater, was machst du
-da?« Der Vater antwortete: »Ich bildne einen Herkules.« Und er erzählte
-ihm darauf, wie ein gar großer und gewaltiger Mann der gewesen, und wie
-er Löwen und Schlangen und Riesen erlegt, und noch viele andere
-wundersame Heldenstücke getan. Da sagte der Knabe: »Vater, ich will auch
-einen Herkules machen.« -- »Tue das, mein Kind!« versetzte der Meister
-lächelnd. Und er gab demselben einen Klumpen Ton, aus dem jener den
-Herkules machen könnte. Nach einiger Zeit fragte der Vater: »Wie ist's
-mit dem Herkules?« Der Knabe antwortete: »Es fügt sich nicht recht; ich
-will lieber einen Reiter machen.« Der Vater nickte und sprach: »So mach'
-denn einen Reiter!« Nach einer Weile stiller Arbeit rief der Knabe:
-»Vater, es geht mit dem Reiter auch nicht; ich will nur gleich einen
-Hanswurst machen.« Und er knetete nun aus dem Ton zuerst einen großen
-Wanst; dann fügte er Hände und Füße daran und setzte zuletzt einen
-spitzen Hut drauf, unter dem ein Kopf stak mit einer großen Nase. So war
-denn der Hanswurst fertig. Das Söhnlein klatschte voll Freuden sich in
-die Hände; der Vater aber schüttelte den Kopf und dachte sich, -- was
-sich jeder leicht denken kann. Ludwig Aurbacher.
-
-
-
-
-[Illustration: Zweig mit Pfirsichen]
-
-
-Die Pfirsiche.
-
-
-Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten,
-die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum
-erstenmale. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen
-Äpfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaum. Darauf verteilte
-sie der Vater unter seine vier Knaben, und einen erhielt die Mutter.
-
-Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der
-Vater: »Nun, wie haben euch die schönen Äpfel geschmeckt?« »Herrlich,
-lieber Vater!« sagte der Älteste. »Es ist eine schöne Frucht, so
-säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam
-bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.« »Brav!« sagte der
-Vater; »das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es
-dem Landmanne geziemt!«
-
-»Ich habe den meinigen sogleich aufgegessen,« rief der Jüngste, »und den
-Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von dem ihrigen
-gegeben. O! das schmeckte so süß und zerschmilzt einem im Munde.« »Nun,«
-sagte der Vater, »du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und
-nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum
-genug im Leben.«
-
-Da begann der zweite Sohn: »Ich habe den Stein, den der kleine Bruder
-fortwarf, aufgehoben und zerklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte
-so süß wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich habe ich verkauft und so viel
-Geld dafür erhalten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf
-dafür kaufen kann.« Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: »Klug ist
-das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht.«
-
-»Und du Edmund?« fragte der Vater. Unbefangen und offen antwortete
-Edmund: »Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem
-kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht, er wollte ihn nicht nehmen.
-Da habe ich ihn auf sein Bett gelegt und bin hinweggegangen.«
-
-»Nun!« sagte der Vater, »wer hat denn wohl den besten Gebrauch von
-seinem Pfirsich gemacht?« Da riefen sie alle drei: »Das hat Bruder
-Edmund getan!« Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit
-einer Träne im Auge. A. Krummacher.
-
-
-
-
-[Illustration: Garben]
-
-
-Die treuen Brüder.
-
-
-Zur Zeit der Ernte kamen zwei rüstige Jünglinge aus dem Gebirg herab in
-das ebene Land, wo es an Arbeitern fehlte und sagten zu einem Bauern:
-»Wir beide wollen euch die ganze Erntezeit hindurch helfen, euer
-Getreide hereinzubringen, wenn ihr uns die Kost und zehn Taler Lohn
-gebt!«
-
-»Zehn Taler ist zu viel,« sagte der Bauer; »ich meine, zehn Gulden[1]
-wären mehr als genug.« »Nein,« sagten die Jünglinge, »es müssen gerade
-zehn Taler sein, mit weniger ist uns nicht geholfen. Wollt ihr uns nicht
-so viel geben, so bieten wir unsere Dienste einem andern an.«
-
-»Wozu habt ihr denn so viel Geld notwendig?« fragte der Bauer. »Seht,«
-sagten sie, »wir haben zu Hause einen jüngeren Bruder, der bereits
-vierzehn Jahre alt ist. Ein geschickter Wagner will ihn in die Lehre
-nehmen, verlangt aber durchaus zehn Taler Lehrgeld. So viel Geld aber
-weiß unser alter Vater nicht aufzubringen. Da haben wir zwei ältere
-Brüder uns denn verabredet, dieses Geld zu verdienen.«
-
-»Nun wohl,« sagte der Bauer, »wegen eurer brüderlichen Liebe will ich
-euch zehn Taler geben, wenn ihr so fleißig arbeitet, daß ich damit
-zufrieden sein kann.«
-
-Die beiden Brüder arbeiteten an den heißen Erntetagen unermüdet im
-Schweiße ihres Angesichtes; sie waren morgens am frühesten auf und
-legten sich abends am spätesten zur Ruhe.
-
-Als die Ernte glücklich eingebracht war, bezahlte der Bauer ihnen die
-zehn Taler und sprach: »Ihr habt euern Lohn redlich verdient und da gebe
-ich jedem von euch noch einen Taler darüber.«
-
- Wenn Geschwister einig leben,
- treulich sich zu helfen streben --
- kann es etwas Schönr'es geben?
-
- Chr. v. Schmid.
-
-[Illustration: Dekoration - Ähren]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Bauer und sein Sohn]
-
-
-
-
-Der Bauer und sein Sohn.
-
-
- Ein guter dummer Bauernknabe,
- den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm
- und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe
- recht dreist zu lügen wiederkam,
- ging kurz nach der vollbrachten Reise
- mit seinem Vater über Land.
- Fritz, der im Geh'n recht Zeit zum Lügen fand,
- log auf die unverschämt'ste Weise.
- Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt.
- »Ja, Vater,« rief der unverschämte Knabe,
- »ihr mögt mir glauben oder nicht,
- so sag' ich euch und jedem ins Gesicht,
- daß ich einst einen Hund im Haag[2] gesehen habe,
- hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt,
- der -- ja, ich bin nicht ehrenwert,
- wenn er nicht größer war als euer größtes Pferd.«
-
-[Illustration: Hund]
-
- »Das,« spricht der Vater, nimmt mich wunder,
- wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge seh'n.
- Wir zum Exempel geh'n jetzunder
- und werden keine Stunde geh'n,
- so wirst du eine Brücke seh'n,
- (wir müssen selbst darüber geh'n),
- die hat dir manchen schon betrogen;
- (denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sein).
- Auf dieser Brücke liegt ein Stein,
- an den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen,
- und fällt und bricht sogleich das Bein.«
-
- Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen.
- »Ach,« sprach er, »lauft doch nicht so sehr!
- Doch, wieder auf den Hund zu kommen,
- wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'?
- Wie euer größtes Pferd? Dazu will viel gehören.
- Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr;
- allein, das wollt' ich wohl beschwören,
- daß er so groß als mancher Ochse war.«
-
- Sie gingen noch ein gutes Stücke;
- doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt' es anders sein?
- Denn niemand bricht doch gern ein Bein.
- Er sah nunmehr die richterliche Brücke --
- und fühlte schon den Beinbruch halb.
- »Ja, Vater,« fing er an, »der Hund, von dem ich rede,
- war groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte,
- so war er doch viel größer als ein Kalb.«
-
- Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! wie wird dir's gehen!
- Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind.
- »Ach, Vater,« spricht er, »seid kein Kind
- und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen;
- denn kurz und gut, eh' wir darüber gehen,
- der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind.«
-
- Christian Fürchtegott Gellert
-
-[Illustration: Dekoration - Brücke]
-
-
-
-
-Das Kind.
-
-
- Die Mutter lag im Totenschrein,
- zum letzten Mal geschmückt;
- da spielt das kleine Kind herein,
- das staunend sie erblickt.
-
- Die Blumenkron' im blonden Haar
- gefällt ihm gar zu sehr,
- die Busenblumen, bunt und klar,
- zum Strauß gereiht, noch mehr.
-
- Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
- »du, liebe Mutter, gib
- mir eine Blum aus deinem Strauß,
- ich hab' dich auch so lieb!«
-
- Und als die Mutter es nicht tut,
- da denkt das Kind für sich:
- »Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
- so tut sie's sicherlich.«
-
- Schleicht fort, so leis' es immer kann,
- und schließt die Türe sacht
- und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
- ob Mutter noch nicht wacht.
-
- Hebbel.
-
-[Illustration: Dekoration - Blumen]
-
-
-
-
-Das Kind am Brunnen.
-
-
- Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht!
- Doch die liegt ruhig im Schlafe.
- Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht,
- am Hügel weiden die Schafe.
- Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf,
- es wagt sich weiter und weiter!
- Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf,
- da stehen Blumen und Kräuter.
- Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief!
- Sie schläft, als läge sie drinnen.
- Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief,
- die Blumen lockens von hinnen.
- Nun steht es am Brunnen, nun steht es am Ziel,
- nun pflückt es die Blumen sich munter;
- doch bald ermüdet das reizende Spiel,
- da schaut's in die Tiefe hinunter.
- Und unten erblickt es ein holdes Gesicht
- mit Augen, so hell und so süße.
- Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht,
- viel stumme freundliche Grüße!
- Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind
- winkt aus der Tiefe ihm wieder.
- Herauf! Herauf! so meint's das Kind;
- der Schatten: Hernieder! Hernieder!
- Schon beugt es sich über den Brunnenrand.
- Frau Amme, du schläfst noch immer!
-
-[Illustration: Kind am Brunnen]
-
- Da fallen die Blumen ihm aus der Hand
- und trüben den lockenden Schimmer.
- Verschwunden ist sie, die süße Gestalt,
- verschluckt von der hüpfenden Welle;
- das Kind durchschauert's fremd und kalt,
- und schnell enteilt es der Stelle.
-
- Friedrich Hebbel.
-
-
-
-
-[Illustration: Blumenkorb]
-
-
-Des Mägdleins Schmuck.
-
-
- Es wächst ein Blümlein _Bescheidenheit_,
- der Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid.
- Wer solches Blümlein sich frisch erhält,
- dem blühet golden die ganze Welt.
-
- Auch wird ein zweites, das _Demut_ heißt,
- als Schmuck der Mägdelein hoch gepreist.
- Die Englein, singend an Gottes Thron,
- es trag'n als Demant in goldner Kron'.
-
- Ein drittes Blümlein, wo diese zwei
- nur stehen, immer ist dicht dabei:
- heißt _Unschuld_, sieht gar freundlich aus,
- das schönste Blümchen im Frühlingsstrauß.
-
- So pflege, Mägdlein, die Blümlein drei
- mit frommer Sorge und stiller Treu'!
- Denn wer sie wahret, wird nimmer alt,
- er trägt die himmlische Wohlgestalt.
-
- Ernst Moritz Arndt.
-
-
-
-
-Der Jähzorn.
-
-
-Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er
-auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und
-wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe.
-Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer
-fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock
-nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu
-nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und
-versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der
-sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in
-wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und
-schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und
-stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen
-dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer
-aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen
-Jähzorn. Chr. v. Schmid.
-
-[Illustration: Dekoration - Widderkopf]
-
-
-
-
-Eifer führt zum Ziel.
-
-
-Der Hase verspottete einst die Schildkröte ihrer Langsamkeit wegen. »Die
-Natur«, erwiderte diese, »hat mir freilich keinen schnellen Schritt
-verliehen; dennoch getraue ich mir wohl mit dir um die Wette zu laufen.«
-
-Mit Hohn und Scherz ward von dem Hasen dieser Vorschlag angenommen. Man
-bestimmte ein Ziel. Beide machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg. Und
-unermüdet kroch auf schnurgeradem Pfade die Schildkröte fort. Ganz
-anders machte es der Hase. Um zu zeigen, wie sehr er seinen Mitbewerber
-verachte, hüpfte er bald rechts bald links und kam demungeachtet viel
-früher bis auf die Mitte des Weges. Ermüdet von den vielen
-Seitensprüngen legte er allda sich nieder um ein wenig zu schlummern.
-»Ich kann ja doch«, dachte er bei sich selbst, »die Schildkröte mit drei
-oder vier Sprüngen wieder einholen!« So schlief er ruhig, bis er von
-einem lauten Gelächter der Zuschauer erwachte. Jetzt wollte er sich
-hurtig aufraffen und ans Ziel eilen, als er -- o Schande! -- die
-Schildkröte bereits an demselben erblickte.
-
- A. G. Meißner.
-
-[Illustration: Dekoration - Hase]
-
-
-
-
-Einer für alle.
-
-
-Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren
-Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf.
-Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer
-zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich -- es war auf dem
-Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes -- fällt eines dieser
-Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der
-Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung.
-Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da
-schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber
-einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und
-schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es
-in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden.
-Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die
-gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine
-Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang
-mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach
-allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein
-Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die
-Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen.
-
- »Hamburger Fremdenblatt«.
-
-[Illustration: Unteroffizier Heinemann]
-
-
-
-
-[Illustration: Dekoration - Weinrebe]
-
-
-Der Schatzgräber.
-
-
- Ein Winzer, der am Tode lag,
- Rief seine Kinder an und sprach:
- »In unserm Weinberg liegt ein Schatz,
- Grabt nur darnach!« -- »An welchem Platz?«
- Schrie alles laut den Vater an. --
- »Grabt nur!« O weh, da starb der Mann.
-
- Kaum war der Alte beigeschafft,
- So grub man nach aus Leibeskraft.
- Mit Hacke, Karst und Spaten ward
- Der Weinberg um und um gescharrt.
- Da war kein Kloß, der ruhig blieb;
- Man warf die Erde gar durchs Sieb
- Und zog die Harken kreuz und quer
- Nach jedem Steinchen hin und her.
- Allein da ward kein Schatz verspürt
- Und jeder hielt sich angeführt.
-
- Doch kaum erschien das nächste Jahr,
- So nahm man mit Erstaunen wahr,
- Daß jede Rebe dreifach trug.
- Da wurden erst die Söhne klug
- Und gruben nun jahrein, jahraus
- Des Schatzes immer mehr heraus.
-
- Gottfr. Aug. Bürger.
-
-
-
-
-[Illustration: Dekoration - Grabkreuz]
-
-
-Hoffnung.
-
-
- Es reden und träumen die Menschen viel
- von bessern künftigen Tagen,
- nach einem glücklichen, goldenen Ziel
- sieht man sie rennen und jagen.
- Die Welt wird alt und wird wieder jung,
- doch der Mensch hofft immer Verbesserung.
- Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
- sie umflattert den fröhlichen Knaben,
- den Jüngling locket ihr Zauberschein,
- sie wird mit dem Greis nicht begraben;
- denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
- noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.
- Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
- erzeugt im Gehirne des Toren;
- im Herzen kündet es laut sich an:
- Zu was Besserm sind wir geboren.
- Und was die innere Stimme spricht,
- das täuscht die hoffende Seele nicht.
-
- Friedrich von Schiller.
-
-
-
-
-Der beste Empfehlungsbrief.
-
-
-Auf das Ausschreiben eines Kaufmanns, durch welches ein Laufbursche
-gesucht wurde, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sehr
-rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. »Ich möchte
-wohl wissen,« sagte ein Freund, »warum du gerade diesen Knaben, der doch
-keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, bevorzugtest?« »Du irrst,«
-lautete die Antwort, »dieser Knabe hatte viele Empfehlungen. Er putzte
-seine Füße ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Türe zu; er ist
-daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen
-Manne, was seine Herzensgüte und Aufmerksamkeit zeigt. Er nahm seine
-Mütze ab, ehe er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und
-sicher; er ist also höflich und hat gute Sitten. Er hob das Buch auf,
-welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen
-dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und
-drängte sich nicht heran -- ein gutes Zeugnis für sein anständiges
-Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und seine
-Hände und sein Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen
-Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weiß,
-nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön
-klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht.«
-
- Magdeburger Zeitung.
-
-
-
-
-[Illustration: Dekoration - Blume]
-
-
-Reinlichkeit.
-
-
- Rein gehalten dein Gewand, rein gehalten Mund und Hand!
- Rein das Kleid von Erdenputz, rein die Hand von Erdenschmutz!
- Sohn, die äußre Reinlichkeit ist der innern Unterpfand.
-
- Friedrich Rückert.
-
-[Illustration: Hermann Billing]
-
-
-
-
-Hermann Billings Berufung.
-
-
-Es war um das Jahr 940 nach Christi Geburt, da hütete nicht weit von
-Hermannsburg in der Lüneburger Heide ein dreizehn- bis vierzehnjähriger
-Knabe die Rinderherde seines Vaters auf der Legde[3], als plötzlich ein
-prächtiger Zug von gewappneten Rittern dahergezogen kam. Der Knabe sieht
-mit Lust die blinkenden Helme und Harnische, die glänzenden Speere und
-die hohen Reitersleute an und denkt wohl in seinem Herzen: das sieht
-noch nach was aus! Aber plötzlich biegen die Reiter von der sich
-krümmenden Straße ab und kommen querfeldein auf die Legde zugeritten, wo
-er hütet. Das ist ihm zu arg; denn das Feld ist keine Straße, und das
-Feld gehört seinem Vater. Er besinnt sich kurz, geht den Rittern
-entgegen, stellt sich ihnen in den Weg und ruft ihnen mit dreister
-Stimme zu: »Kehrt um; die Straße ist euer, das Feld ist mein.«
-
-[Illustration: König Otto]
-
-Ein hoher Mann, auf dessen Stirn ein majestätischer Ernst thront, reitet
-an der Spitze des Zuges und sieht ganz verwundert den Knaben an, der es
-wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hält sein Roß an und hat seine
-Freude an dem mutigen Jungen, der so kühn und furchtlos seinen Blick
-erwidert und nicht vom Platze weicht.
-
-»Wer bist du, Knabe?« »Ich bin Hermann Billings ältester Sohn und heiße
-auch Hermann, und dies ist meines Vaters Feld; Ihr dürft nicht darüber
-reiten.«
-
-»Ich will's aber,« erwiderte der Ritter mit drohendem Ernst; »weiche,
-oder ich stoße dich nieder.« Dabei erhob er den Speer. Der Knabe aber
-bleibt furchtlos stehen, sieht mit blitzendem Auge zu dem Ritter hinauf
-und spricht: »Recht muß Recht bleiben, und Ihr dürft nicht über das Feld
-reiten, Ihr reitet denn über mich weg.«
-
-»Was weißt du von Recht, Knabe?« -- »Mein Vater ist der Billing[4],«
-antwortete der Knabe; »vor einem Billing darf niemand das Recht
-verletzen.«
-
-Da ruft der Ritter noch drohender: »Ist das denn Recht, Knabe, deinem
-Könige den Gehorsam zu versagen? Ich bin Otto, dein König.«
-
-»Ihr wäret Otto, unser König, von dem mein Vater uns so viel erzählt?
-Nein, Ihr seid es nicht! König Otto schützt das Recht, und Ihr brecht
-das Recht: Das tut Otto nicht, sagt mein Vater.«
-
-»Führe mich zu deinem Vater, braver Knabe,« antwortete der König, und
-eine ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit erglänzte auf seinem ernsten
-Angesichte.
-
-»Dort ist meines Vaters Hof, Ihr könnt ihn sehen,« sagte Hermann; »aber
-die Rinder hier hat mir mein Vater anvertraut; ich darf sie nicht
-verlassen, kann Euch also auch nicht führen. Seid Ihr aber Otto der
-König, so lenket ab vom Felde auf die Straße; denn der König schützt das
-Recht.«
-
-Und der König Otto der Große gehorchte der Stimme des Knaben und lenkte
-sein Roß zurück auf die Straße.
-
-Bald wird Hermann vom Felde geholt. Der König ist bei seinem Vater
-eingekehrt und hat zu ihm gesagt: »Billing, gib mir deinen ältesten Sohn
-mit; ich will ihn bei Hofe erziehen lassen; er wird ein treuer Mann
-werden, und ich brauche treue Männer.« Und welcher gute Sachse konnte
-einem Könige wie Otto etwas abschlagen?
-
-So sollte denn der mutige Knabe mit seinem Könige ziehen, und als Otto
-ihn fragte: »Hermann, willst du mit mir ziehen?« Da antwortete der Knabe
-freudig: »Ich will mit dir ziehen; du bist der König, denn du schützest
-das Recht.«
-
-Otto übergab den jungen Billing guten Lehrmeistern, in deren Pflege und
-Leitung er zu einem tugendlichen und tüchtigen Manne erwuchs. Der König
-hielt ihn für einen seiner nächsten Freunde und vertraute dermaßen der
-Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Pfleglings, daß er, als er seine
-Römerfahrt antrat, ihm das eigene angestammte Herzogtum Sachsen zur
-Verwaltung übergab. Dieser Hermann Billing ist der Ahnherr eines
-blühenden Geschlechtes geworden, welches bis zum Jahre 1106 dem
-Sachsenlande seine Herzoge gab.
-
- Ferdinand Bäßler.
-
-[Illustration: Dekoration - Schild und Schwert]
-
-
-
-
-Wohltun macht Freunde.
-
-Ein Venetianer, der häufig das Fichtelgebirg besuchte, um da nach edlen
-Metallen besonders nach Goldkörnern zu graben, kehrte oft bei einem
-Landmanne in Wülfertsreuth ein, der ihn gastfreundlich aufnahm und ihm
-bot, was er vermochte. Einstmals kam er wieder, jedoch um für immer
-Abschied zu nehmen. »Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die
-Früchte meiner langjährigen Mühen friedlich zu genießen,« sagte er, »und
-werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du
-jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komme zu mir in
-das ferne Venedig und ich will dir von deinem Kummer helfen. Ich glaube,
-ich werde dich noch bei mir sehen.« Er schied.
-
-Und siehe, nach langen Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus,
-so daß der arme Mann keinen Retter mehr wußte aus Not und Sorgen als
-seinen alten Freund in Welschland. Da machte er sich auf, pilgerte gen
-Süden und erreichte glücklich die große Meerstadt. Nun ward ihm aber
-bange, als er die weiten Straßen beschaute. Wie wollte er seinen Freund
-ausfindig machen, dessen fremden Namen er längst vergessen?
-
-[Illustration: Venedig]
-
-Als er jedoch in halber Verzweiflung die köstlichen Paläste ringsum
-anstarrte, da rief es plötzlich aus einem derselben: »Hans, Hans!« und
-ein vornehmer Mann stürzte heraus, um den Staunenden zu umarmen. War das
-der Venetianer in den schlechten, schwarzen Kleidern, den er einst
-beherbergt? Der war es. Der reiche Mann hatte den Fichtelberger an der
-Tracht wiedererkannt und führte diesen hinauf in die Säle voll Pracht
-und Reichtum und vergalt ihm nun alles tausendfach, was er dem Fremdling
-einst in seiner Heimat Gutes getan. Reich beschenkt kam Hans zurück und
-führte von da an ein sorgenfreies Leben.
-
- Schöppner, Sagenbuch
-
-
-
-
-Das Loch im Ärmel.
-
-
-Ich hatte einen Spielgesellen und Jugendfreund, Namens Albrecht,
-erzählte einst Herr Marbel seinem Neffen. Wir beide waren überall
-und nirgends, wie nun Knaben sind, wild und unbändig. Unsere Kleider
-waren nie neu, sondern schnell besudelt und zerrissen. Da gab es
-Schläge zu Hause, aber es blieb beim alten. Eines Tages saßen wir in
-einem öffentlichen Garten auf einer Bank und erzählten einander,
-was wir werden wollten. Ich wollte Generalleutnant, Albrecht
-Generalsuperintendent werden.
-
-»Aus euch beiden gibt's in Ewigkeit nichts!« sagte ein steinalter Mann
-in feinen Kleidern und weißgepuderter Perücke, der hinter unserer Bank
-stand und die kindlichen Entwürfe angehört hatte.
-
-Wir erschraken. Albrecht fragte: »Warum nicht?«
-
-Der Alte sagte: »Ihr seid guter Leute Kinder, ich sehe es eueren Röcken
-an, aber ihr seid zu Bettlern geboren; würdet ihr sonst diese Löcher in
-eueren Ärmeln dulden?« Dabei faßte er jeden von uns an dem Ellenbogen
-und bohrte mit den Fingern im durchgerissenen Ärmel hinauf. -- Ich
-schämte mich, Albrecht auch. »Wenn's euch,« sagte der alte Herr, »zu
-Hause niemand zunäht, warum lernt ihr es nicht selbst? Im Anfang hättet
-ihr den Rock mit zwei Nadelstichen geheilt, jetzt ist's zu spät, und
-ihr kommt wie Bettelbuben. Wollt ihr Generalleutnant werden, so fangt an
-beim Kleinsten. Erst das Loch im Ärmel geheilt, ihr Bettelbuben, dann
-denkt an etwas anderes!«
-
-Wir beide schämten uns von Herzensgrund, gingen schweigend davon und
-hatten das Herz nicht, etwas Böses über den bösen Alten zu sagen. Ich
-aber drehte den Ellenbogen des Rockärmels so herum, daß das Loch
-einwärts kam, damit es niemand erblicken möchte. Ich lernte von meiner
-Mutter das Nähen spielend; denn ich sagte nicht, warum ich's lernen
-wollte. Wenn sich jetzt an meinen Kleidern eine Naht öffnete, ein
-Fleckchen sich durchschabte, ward's sogleich gebessert. Das machte mich
-aufmerksam; ich mochte an zerrissenen Kleidern nun nicht mehr
-Unreinlichkeit leiden. Ich ging sauberer, ward sorgfältiger, freute mich
-und dachte, der alte Herr in der schneeweißen Perrücke hätte so unrecht
-nicht. Mit zwei Nadelstichen zu rechter Zeit rettet man einen Rock, mit
-einer Hand voll Kalk ein Haus; aus roten Pfennigen werden Taler, aus
-kleinen Samenkörnern Bäume, wer weiß wie groß.
-
-Albrecht nahm die Sache nicht so streng. Es ward sein Schaden. Wir waren
-beide einem Handelsmanne empfohlen; er verlangte einen Lehrburschen, der
-im Schreiben und Rechnen geübt war. Der Herr prüfte uns, dann gab er
-mir den Vorzug. Meine alten Kleider waren hell und sauber; Albrecht im
-Sonntagsrocke ließ Nachlässigkeiten sehen. Das sagte mir der Herr
-Prinzipal nachher. »Ich sehe Ihm an,« sagte er, »Er hält das Seine zu
-Rat; aus dem anderen gibt's keinen Kaufmann.« Da dachte ich wieder an
-den alten Herrn und an das Loch im Ärmel.
-
-Ich merkte wohl, ich hatte in anderen Dingen, in meinen Kenntnissen, in
-meinem Betragen, in meinen Neigungen noch manches Loch im Ärmel. Zwei
-Nadelstiche zur rechten Zeit bessern alles ohne Mühe, ohne Kunst. Man
-lasse nur das Loch nicht größer werden, sonst braucht man für das Kleid
-den Schneider, für die Gesundheit den Arzt. -- Es gibt nichts
-Unbedeutendes noch Gleichgültiges, weder im Guten noch im Bösen. Wer das
-glaubt, kennt sich und das Leben nicht. Mein Prinzipal hatte auch ein
-abscheuliches Loch im Ärmel, nämlich er war rechthaberisch, zänkisch,
-launenhaft; das brachte mir oft Verdruß. Ich widersprach, da gab es
-Zank. Holla, dachte ich, es könnte ein Loch im Ärmel geben und ich ein
-Zänker und gallsüchtig und unverträglich wie der Herr Prinzipal werden.
-Von Stunde an ließ ich den Mann recht haben; ich begnügte mich, recht zu
-tun, und bewahrte meinerseits den Frieden.
-
-Als ich ausgelernt hatte, trat ich in eine andere Stellung. Da ich
-gewöhnt war, mit wenigen Bedürfnissen des Lebens froh zu sein (denn wer
-viel hat, ist nie ganz froh), so sparte ich manches, und da ich auch
-gewöhnt war, mir kein Loch im Ärmel zu verzeihen, aber schonend über
-dasjenige an fremden Ärmeln wegzusehen, war alle Welt mit mir zufrieden,
-wie ich mit aller Welt. -- So hatte ich beständig Freunde, beständig
-Beistand, Zutrauen, Geschäfte. Gott gab Segen. Der Segen liegt im
-Rechttun und Rechtdenken, wie im Nußkerne der fruchttragende hohe Baum.
-
-So wuchs mein Vermögen. Wozu denn? fragte ich; du brauchst ja nicht den
-zwanzigsten Teil davon. -- Prunk damit treiben vor den Leuten? -- Das
-ist Torheit. Soll ich in meinen alten Tagen noch ein Loch im Ärmel
-aufweisen? -- Hilf anderen, wie dir Gott durch andere geholfen hat.
-Dabei bleibt's. Das höchste Gut, das der Reichtum gewährt, ist zuletzt
-Unabhängigkeit von den Launen der Leute und ein großer Wirkungskreis. --
-Jetzt, Konrad, gehe auf die hohe Schule, lerne etwas Rechtes; denke an
-den Mann mit der schneeweißen Perücke; hüte dich vor dem ersten kleinen
-Loche im Ärmel; mach es nicht wie mein Kamerad Albrecht! Er ward zuletzt
-Soldat und ließ sich in Amerika totschießen.
-
- Heinrich Zschokke.
-
-
-
-
-
-Der gekreuzte Dukaten.
-
-
-»Wenn ich nur hunderttausend Gulden hätte!« Das hast du vielleicht auch
-schon oft gedacht oder gesagt. Wenn du aus einem Talerlande bist, ist es
-dir nicht darauf angekommen und hast hunderttausend Taler daraus
-gemacht, obgleich das ein Erkleckliches mehr ist. Ich nehme dir den
-Hunderttausendwunsch nicht übel, es ist keine schlimme Sache ums
-Reichsein, aber das Glück macht es doch nicht aus. Davon kann ich eine
-besondere Geschichte erzählen.
-
-Ein junger Mann hatte seine Hunderttausend geerbt, und er begnügte sich
-auch damit. Er wollte bloß sein Geld verzehren, arbeiten aber wollte er
-nicht; das, meinte er, sei nur etwas für unbemittelte Leute. So hatte
-also der Herr Adolf gar kein Geschäft als Essen, Trinken, Schlafen,
-Spazierengehen oder Reiten, und was ihm sonst noch einfiel. Ja, das Aus-
-und Anziehen war ihm viel zu viel, und er hielt sich einen Kammerdiener.
-Wenn er des Morgens erwachte, wußte er eigentlich gar nicht, warum er
-aufstehen sollte; es wartete kein Geschäft und darum keine rechte Freude
-auf ihn. Darum blieb er auch fein liegen, bis ihm auch das zu
-beschwerlich wurde. Fast ging es ihm wie jenem Engländer, der aus purer
-Langeweile, um sich nicht mehr aus- und anziehen zu müssen, sich das
-Leben nahm.
-
-Herr Adolf machte dann jeden Vormittag seinen Spaziergang, damit er den
-Nachmittag für sich frei und nichts mehr zu tun habe. Meist lag er auf
-dem Kanapee, gähnte und rauchte. Dabei hatte er mitunter noch seine
-besonderen Gedanken. Jeder Mensch, dachte er, hat so seine Summe von
-Kraft mit auf die Welt bekommen, die für seine siebenzig Jährlein oder
-auch mehr ausreichen muß. Wenn ich also einen schweren Stuhl von einem
-Ort an den andern hebe, ist damit ein Stück von meiner Lebenskraft
-aufgewendet und verbraucht -- darum laß ich's hübsch bleiben. Auf solche
-Gedanken kann ein Nichtstuer kommen.
-
-Der Herr Adolf ward aber dick und oft kränklich und mußte seinen Leib
-pflegen. Das war auch ein Geschäft.
-
-Das Jahr durch ging dem Herrn Adolf manch schönes Stück Geld durch die
-Hand, und dabei hatte er die besondere Liebhaberei, daß er bei jeder
-Goldmünze, die er ausgab, ein kleines, zierliches Kreuz unter die Nase
-des geprägten Herrschers machte. Er dachte wenig dabei, denn er hatte ja
-Gold genug; ihn kümmerte überhaupt nichts, wie es anderen Menschen ging,
-obgleich er manchmal aus angeborener Gutmütigkeit einem Armen etwas
-schenkte.
-
-Ich will nur einmal sehen, dachte er, ob nach langer Umherwanderung in
-der Welt mir einmal wieder so ein Goldstück unter die Hände kommen
-wird. Da nun Herr Adolf gar nichts war, so nahm er sich ernstlich vor,
-etwas zu werden und er ward -- ein Passagier. Das ist noch immer ein
-Titel, wenn man sonst weiter nichts ist. Er reiste nämlich von einer
-Stadt in die andere, von einem Land ins andere und ließ sich's überall
-wohl sein, und wo er etwas zu bezahlen hatte, da gab er die mit seinem
-Ordenskreuze gezierten Goldstücke hin. Noch nie aber war es ihm
-vorgekommen, daß er eins wiedergesehen hätte. Endlich ward er des
-Herumreisens auf dem festen Lande müde, er verließ die Alte Welt und
-schiffte sich nach Amerika ein.
-
-Nun war der Herr Adolf noch etwas mehr als ein Passagier, er war sogar
-ein Auswanderer. Diesmal aber ging's gar schlecht auf der See. Fünf Tage
-und fünf Nächte wütete ein gewaltiger Sturm. Alles, was auf dem Schiffe
-war, mußte Hand ans Werk legen, aber vergebens -- das Schiff ging unter,
-und nur der Beherztheit des Schiffshauptmanns gelang es, die Mannschaft
-und die Reisenden in einer Schaluppe zu retten. Nach zwei Tagen
-fürchterlichen Umherirrens und schrecklicher Hungersnot, in welcher
-viele starben, wurden die Verschlagenen von einem Kauffahrteischiffe
-aufgenommen und in den Hafen zu Boston gebracht.
-
-[Illustration: Schaluppe]
-
-Arm, hilflos und verlassen irrte hier Adolf umher, und er wünschte sich
-oft, daß er mit den anderen von den Wellen begraben wäre. Da sah er
-einen Mann eilig des Weges gehen; mit niedergeschlagenem Blicke bat er
-ihn um eine Gabe. Der Mann griff in die Tasche, reichte ihm ein Stück
-Geld und war schnell verschwunden. Als Adolf wieder seinen Blick
-emporhob und das Geld betrachtete, wollte er seinen Augen kaum trauen,
-es war ein Dukaten, der das Ordenszeichen von seiner eigenen Hand
-unverkennbar trug.
-
-Sei es nun, daß der Mann sich vergriffen hatte, oder daß er wirklich
-eine so namhafte Gabe schenken wollte, Adolf dachte nicht lange darüber
-nach, und er weinte helle Tränen auf das einzige Goldstück, das ihm von
-seinem ganzen Reichtum als Bettlergabe wieder zugekommen war. Mit Wehmut
-dachte er daran, daß er es wieder weggeben und vielleicht nie mehr sehen
-solle. Da begegnete ihm eine große Menge von Arbeitern, die an einer
-Straße arbeiteten; schnell war er entschlossen und ließ sich unter ihre
-Zahl einschreiben. Ein sonderbarer Gedanke tröstete ihn bei dieser
-ungewohnten Lebensweise. Ich brauchte eigentlich nicht zu arbeiten,
-sagte er sich in der ersten Zeit und fühlte dann an seine Brust, wo er
-den Dukaten verborgen hatte, ich habe ja Geld und könnte eine ganze
-Woche und länger davon leben oder etwas anderes damit anfangen; aber ich
-arbeite, weil mir's Vergnügen macht. Dann aber machte er einen Spaß
-daraus und sagte oft: »Ich arbeite bloß zu meinem Vergnügen. Ich
-arbeite, damit ich was zu essen habe, und das Essen macht mir dann
-Vergnügen, also arbeite ich zu meinem Vergnügen.« Nach und nach aber
-erkannte er, daß nichts Entwürdigendes, ja die Ehre und der Lebenszweck
-allein darin liege, für den Genuß seines Daseins und für das, was man
-von der Welt hat, auch etwas für sie zu tun. Früher hatte er gedacht,
-durch das Wegrücken eines Stuhles, ja durch jede Tätigkeit seine
-Lebenskraft zu schwächen; jetzt erkannte er, daß, je mehr man seine
-Kräfte braucht, sie um so mehr wachsen und zunehmen, daß die Lebenskraft
-durch Tätigkeit immer neu erzeugt wird.
-
-So war Adolf, für den die Straßen früher nur dagewesen waren, um als
-vergnügungssüchtiger Reisender darauf herumzurutschen, ein Bahnmacher
-und Straßenarbeiter für andere. Mit der Zeit aber gelangte er auch zur
-Stelle eines Aufsehers bei dem Straßenbau und erfreute sich in dem
-Gedanken, daß von seinem Dasein auf der Welt noch andere Spuren
-hinterblieben als die bloßen Kreuze auf dem Gelde, das ihm durch die
-Hand gegangen war. Lange Zeit hatte er den Dukaten als Andenken
-aufbewahrt, bis er endlich eingesehen, daß auch dieser nicht ruhen darf
-in dem großen Weltverkehre, und er schenkte ihn einer Witwe, deren Mann
-beim Straßenbau verunglückt war.
-
- Berthold Auerbach.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-Der Solnhofer Knabe.
-
-
-An der Altmühl, ungefähr eine Viertelstunde unterhalb Solnhofen, ist
-eine Glashütte im Gang. Das Holz zu den Öfen kann leicht über die jähen
-Bergwände herabgelassen werden und der reine, zuckerweiße Sand findet
-sich da und dort in Nestern unter dem Rasen.
-
-Ehe man anfing, diesen Sand in Glas zu verwandeln, bestreuten oder
-fegten schon die Hausfrauen in der Umgegend ihre Stubenböden, Tische,
-Bänke, hölzernen Geschirre usw. damit und kauften ihn von Weibern, die
-ihn bei Solnhofen gruben und in kleinen Säckchen zum Verkauf in die
-umliegenden Orte trugen.
-
-In der ältesten Zeit befaßte sich eine Zeitlang nur ein einziges Weib
-mit diesem beschwerlichen Handel, bei welchem sie oft über fünfzig Pfund
-auf dem Rücken aus- und nur ein paar Heller in der Tasche dafür
-heimtrug. Es war eine Witwe in mittlerem Alter. Sie hatte einen
-zwölfjährigen Knaben, der im Sommer die Ziegen des Ortes hütete und im
-Winter mit seiner Mutter in den unterirdischen Felsklüften Sandnester
-aufsuchte und ausbeutete, wenn man vor Schnee und Eis in den Boden
-kommen konnte.
-
-[Illustration: Gottesdienst]
-
-Einmal in einem besonders harten Winter wollte es den guten Leuten gar
-nicht gelingen. Lange war der Boden bald so fest gefroren und bald so
-hoch mit Schnee bedeckt, daß sie gar nicht zu ihrer unterirdischen
-Nahrungsquelle gelangen konnten. Der kleine Vorrat an Sand, den sie sich
-im Herbst gegraben hatten, ging zu Ende und mit ihm das Brot, das sie
-sich für die erlösten Pfennige aus den benachbarten Orten mitzunehmen
-pflegten. An den Sommerseiten der Berge, wo die Februarsonne die
-dünneren Schneeschichten weggeleckt hatte, fingen sie nun an zu
-schürfen, aber überall und immer ohne Erfolg. Ihre Werkzeuge zerbrachen
-und sie hatten noch kein weißes Sandkorn gefunden. Dazu ging das Futter
-für die Ziegen auf die Neige und in der Hütte waren nun vier Geschöpfe,
-denen der Hunger aus den Augen sah. Das einzige, was sie noch unter sich
-teilen konnten, war eine Kufe mit eingestampften Rüben und weißem Kohl;
-aber auch diese stritten schon mit der Verwesung, weil sie nur wenig
-gesalzen waren. Die Geißen erhielten ihren Anteil roh, wie er aus der
-Kufe kam; die Portionen für sich und ihren Knaben kochte die Witwe und
-salzte sie oft mit ihren bitteren Kummertränen; denn es war damals unter
-ihrem Dache wie in der Hütte der Witwe von Zarpath, als sie dem
-Propheten antwortete: »So wahr der Herr, dein Gott, lebt, ich habe
-nichts Gebackenes, nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im
-Kruge. Und siehe, ich habe Holz aufgelesen und gehe hinein und will es
-mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben.«
-
-Der Knabe liebte seine Mutter und bewies seine Liebe meistens dadurch,
-daß er nie über seinen Hunger klagte, sondern geduldig von einer
-Mahlzeit auf die andere wartete und überhaupt alles vermied und verbarg,
-was ihr das Herz noch schwerer machen konnte. Aber fast die ganze andere
-Hälfte seines Herzens war den Ziegen zugewandt und es wollte ihm
-brechen, wenn er sah, wie sie, von Hunger getrieben, an der Kufe
-hinaufsprangen und vergebens Hals und Zunge streckten, um die Neige
-darin zu erreichen. Hätten sie von seinen schönen Worten und
-Vertröstungen auf den nahen Frühling satt werden können, dann hätten sie
-mehr als genug gehabt; aber so wurden sie immer magerer. Der Knabe
-entschloß sich endlich, für sie zu tun, was er noch nicht einmal für
-seine Mutter getan hatte.
-
-In Solnhofen war ein Benediktinerkloster. An die Pforte derselben pochte
-der Knabe mit dem schweren eisernen Klöpfel, der daran hing, und
-antwortete dem Bruder Pförtner, der nach seinem Begehren fragte, er
-müsse mit dem Abt selbst reden. Er wurde vor diesen ehrwürdigen Diener
-Gottes geführt, küßte ihm die Hand und bat, er möchte ihm doch nur
-erlauben, das Heu aufzulesen, das die Klosterkühe unter den Barren und
-unter die Streu würfen; denn seine zwei Ziegen waren am Verhungern. Den
-Abt überraschte anfangs die Bitte, deren Gewährung gar leicht mißbraucht
-oder wenigstens zu einer großen Versuchung werden konnte; aber bald
-überzeugte er sich, mit was für einer aufrichtigen und redlichen Seele
-er es zu tun habe. Er fragte unter andern Dingen nach dem wenigen, was
-nach den damaligen Anforderungen der Kirche ein Christ wissen sollte.
-Der Knabe sagte seinen Glauben, sein Vaterunser nebst einigen anderen
-kürzeren Gebeten gut her und beantwortete munter etliche Fragen aus den
-Evangelien. Nun sprach der Abt: »Mein Söhnlein, du darfst alle Tage,
-wenn unsere Kühe zur Tränke getrieben werden, kommen und holen, was sie
-unter dem Barren liegen lassen, und wenn der Bruder Küchenmeister etwas
-übrig hat, so wird er es dir auch mitgeben für dich und deine Mutter.«
-Dann segnete er den Knaben und entließ ihn froh getröstet.
-
-In der Hütte der Witfrau hatte nun die Not ein Ende. Bald kam auch der
-warme und freundliche Frühling, die Witwe entdeckte wieder eine
-ergiebige Sandgrube und ihr Benedikt trieb als gedungenes Ziegenhirtlein
-die Ziegen des Dorfes auf die hohen, luftigen Berge. In die Kost ging er
-bei den einzelnen Besitzern der Ziegen der Reihe nach. Sein Osterlamm aß
-er im Kloster, seinen Pfingstkuchen buk ihm die Wirtin, seinen
-Kirchweihschmaus hielt er in der neuen Mühle und seinen Namenstag
-feierte er wieder mit den Benediktinern.
-
-An Unterhaltung fehlte es ihm auch auf den einsamen Höhen nicht. Da lag
-der damals noch unbenützte Kalkschiefer so am Tage, daß es ihm leicht
-war, Platten davon herauszuheben und aus ihnen mit einem ganz kleinen
-Hammer, den ihm noch sein verstorbener Vater gemacht hatte, regelmäßige
-Vierecke zu fertigen.
-
-[Illustration: Benedikt mit Schieferplatten]
-
-Was man so unrichtiger- und sündhafterweise Zufall nennt, führte den
-Knaben zu einer wichtigen Erfindung. Benedikt legte einmal eine
-Schieferplatte, wie er sie aus dem Boden gebrochen hatte, auf seinen
-Schoß, zeichnete mit einer Kohle von seinem Hirtenfeuer ein Viereck
-darauf und sprach dann bei sich: »Wenn ich fünfzig solche viereckige
-Tafeln hätte, könnte ich meine ganze Hausflur damit belegen, wo jetzt
-die Hühner scharren, wenn es draußen regnet. Während er dies dachte,
-klopfte er mit seinem Hämmerlein auf dem einen schnurgeraden
-Kohlenstrich sanft auf und ab; denn er freute sich über den hellen Klang
-der Platte. Auf einmal wurden die hellen Töne dumpf und immer dumpfer
-wie bei einer zersprungenen Glocke und zuletzt sprang die Tafel gerade
-in der Richtung des Kohlenstrichs entzwei. »Ist es da so gegangen,«
-dachte Benedikt, »so kann es bei den übrigen drei Seiten ebenso gehen.«
-Er hämmerte auch auf dem zweiten Kohlenstrich eine Weile vorwärts und
-rückwärts. Sein Schluß war richtig. Nachdem er noch einige Minuten so
-fortgemacht hatte, lag eine vollkommen viereckige Platte auf seinen
-Knieen. Eine zweite gelang nicht minder. Früher schon hatte er manchmal
-zwei Schiefertrümmer aneinander gerieben, um sie zu polieren, und
-gefunden, daß er damit am schnellsten zustande kam, wenn er von dem
-Sande, womit seine Mutter handelte, dazwischen tat und Wasser dazu nahm.
-Diese frühere Erfindung wandte er nun auf seine Pflastersteine an und
-gewann so einige sehr schöne Platten. Indes trieb er dies alles als eine
-bloße Spielerei und sagte davon niemand etwas, selbst seiner Mutter
-nicht. Seine schönsten Tafeln verbarg er da und dort unter einem Busch,
-wie etwa ein Hirtenknabe an der Donau schöne Kiesel, die er in ihrem
-Bette findet, in einem hohlen Weidenstamme aufhebt.
-
-Eines Abends aber, als er eingetrieben hatte und seiner Mutter gegenüber
-an der Suppenschüssel saß, erzählte sie ihm, daß sie mit Sand in
-Eichstätt gewesen und dort dem Bischof so nahe gekommen sei, daß sie
-jedes seiner Worte verstanden habe.
-
-»Was sagte er denn?« fragte Benedikt.
-
-»Er stand«, antwortete die Witwe, »mitten unter den Domherren in der
-neuen Kirche, die er hat bauen lassen, und beratschlagte mit ihnen, mit
-was für Steinen der Fußboden belegt werden dürfte. Der eine riet dies
-und der andere das, bis der hochwürdige Herr der Unterredung damit ein
-Ende machte, daß er sagte: »Nun, morgen um die elfte Stunde haben wir
-die fremden Steinmetzen hieher bestellt und wollen die Proben schauen,
-die sie von allerlei Sand- und Marmelsteinen bei sich haben. Aber wir
-fürchten, ein solches Pflaster möchte für unsern bischöflichen Beutel zu
-teuer kommen. Wir werden uns wohl die Backsteine gefallen lassen müssen,
-die am wohlfeilsten sind.«
-
-»So, so!« versetzte Benedikt, warf seinen Löffel von Horn in die
-Tischlade, wünschte seiner Mutter eine gute Nacht und ging unter das
-Dach hinauf in seine Schlafstätte.
-
-Das Sandweib hatte übrigens den Fürstbischof ganz recht verstanden.
-Schon bald nach der zehnten Stunde des Morgens versammelten sich in der
-neuen Kirche zu Eichstätt, in der von der Hand des Maurermeisters nichts
-mehr fehlte als das Pflaster, etliche Steinmetzen, die der Bischof aus
-Tirol, dem Fichtelgebirge und dem Rheingau auf seine Kosten berufen
-hatte. Die Steinproben trugen ihnen ihre Gesellen in kleinen, hölzernen
-Kästchen nach und stellten sie nebeneinander auf eine lange Tafel.
-Darauf fanden sich nach und nach mehrere Grafen und Herren aus der
-Nachbarschaft ein, die schon reichlich zu dem Kirchenbau beigesteuert
-hatten und nun auch noch bei dem Pflaster ein übriges tun sollten.
-Endlich erschien auch der Fürstbischof mit allen seinen Domherren und
-seinen weltlichen Beamten hinter sich. Als alle beisammen waren, schien
-es fast, als sollte eine Kirchenversammlung gehalten werden, so viele
-waren ihrer.
-
-Der Bischof nahm nun die schöngeschliffenen Proben aus den Kästlein,
-eine nach der andern und es war keine darunter, die ihm und seinem
-Gefolge nicht gefallen hätte. Auch waren zum Teil die kleinen
-Marmelsteine in den Schubladen so nebeneinander gelegt, weiße und
-schwarze, gelbe und graue, bunte und einfarbige, daß man schon im
-kleinen sehen konnte, wie herrlich schön ein Steinpflaster davon im
-großen ausfallen würde. Aber als die fremden Steinmetzen nacheinander
-sagten, was der Quadratfuß davon schon an Ort und Stelle koste, und als
-der Baumeister an den Fingern berechnete, wieviel Quadratfuß er brauche,
-und als der Rentmeister die Totalsumme in Goldgulden aussprach, fuhr der
-Bischof mit der Hand hinter das Ohr und sein Schatzmeister schüttelte
-mit dem Kopf und die Grafen und Herren machten große Augen und sahen
-einander schweigend an.
-
-In diesem Augenblick entstand unter dem Hauptportal der Kirche ein
-Geräusch. Zwei Trabanten des Fürstbischofs wollten einen barfüßigen
-Bauernknaben nicht hereinlassen und hielten ihre Hellebarden vor; aber
-der Knabe duckte sich, schlüpfte darunter hinweg wie eine Henne unter
-der Gartentüre und drängte sich dann ohne Umstände mitten durch die
-Versammlung, bis er vor dem Bischof stand, dem er den Saum seines
-Kleides küßte. Seine Mütze, an der nicht viel zu verkrüppeln war, nahm
-er zwischen die Kniee, drei viereckige und zolldicke Schieferplatten,
-eine blaßgelbe, eine blaugraue und eine marmorierte, nahm er aus der
-Schürze, womit sie umwickelt waren, und legte sie auf die Tafel. Sie
-waren noch naß; denn er hatte sie erst in den Dombrunnen getaucht; desto
-mehr aber glänzten die geschliffenen Seiten und zeigten, wie schön die
-Steine erst dann werden würden, wenn eine kunstgeübte Hand darüber
-käme.
-
-Seine Ware zu empfehlen, meinte der Knabe, sei nicht nötig, sondern er
-schaute nur einem von den Umstehenden nach dem andern ins Gesicht und
-wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn. Als aber der
-Bischof anfing, ihn zu fragen, antwortete er munter und sprach: »Ich
-gehöre dem Sandweib von Solnhofen und die Steine habe ich auf dem Berge
-hinter dem Kloster gemacht. Wenn ihr noch mehr braucht, so dürft ihr mir
-nur euere Steinhauer mitgeben, so will ich ihnen zeigen, wie sie es
-anfangen müssen.«
-
-Der Knabe war Benedikt, unser Ziegenhirtlein. Er hatte nach der
-Abendsuppe, bei der ihm seine Mutter von der neuen Kirche in Eichstätt
-erzählte, nicht mehr geschlafen. Ein Gedanke, der ihm unter dem Essen
-gekommen war, trieb ihn durch die Hintertür hinaus auf den Berg, wo
-seine Steine lagen, und von da mit ihnen in der hellen Mondnacht gen
-Eichstätt, wohin er den Weg genau kannte von dem Sandhandel her. Seine
-Mutter erschrak freilich, als sie ihn in der Frühe wecken wollte und das
-Nest leer fand. Sie konnte nicht einmal gehen, ihn zu suchen oder ihm
-nachzufragen; denn die Ziegen waren schon alle aus den Ställen gelassen
-und standen meckernd auf der Gasse oder naschten von den Blumenstöcken
-vor den Fenstern des Pfarrhauses. Übel oder wohl mußte sie tun, als wäre
-ihr Benedikt krank. Sie nahm Geißel und Stecken und trieb das Vieh
-selbst auf den Berg, wo sie den langen, langen Tag unter vergeblichem
-Warten in Sorge zubrachte. -- Aber als sie abends hinter der gehörnten
-Schar das Dorf hinunterging, kamen einige Maultiere herauf, ihr
-entgegen. Auf dem vordersten saß ihr Benedikt hinter einem Knechte des
-Fürstbischofs, und zwar so munter, daß die Witfrau sogleich sah, es
-müsse ihm den Tag über nicht schlecht ergangen sein.
-
-So war es auch. Der Bischof hatte sich sogleich für die Pflastersteine
-des Sandbuben entschieden und die fremden Steinmetzen wieder in ihre
-Heimat entlassen, den Knaben aber mit in sein Haus genommen, gespeist
-und ihm versichert, daß er für ihn und seine Mutter sorgen wolle. Dann
-hatte er ihn mit dem Baumeister, der das Steinlager untersuchen sollte,
-nach Solnhofen zurückgehen lassen.
-
-Der Bischof hielt Wort. Nachdem Benedikt bei einem Meister Steinmetz in
-Eichstätt in der Lehre gewesen war, ließ er sich in Solnhofen nieder und
-hatte fortwährend so viele Bestellungen an Pflaster- und Quadersteinen,
-daß es ihm und seiner Mutter nie mehr an dem täglichen Brot fehlte.
-
- Karl Stöber.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-Hans Lustig.
-
-
-Hans Lustig war armer Leute Kind, sein Vater war Schuhflicker, seine
-Mutter Wäscherin. Er war ein kleiner breitschulteriger Junge, etwa zwölf
-Jahre alt. Jeder, der ihn ansah, hatte seine Freude an dem munteren
-Knaben; denn wie aus seinen dürftigen Kleidern ein kräftiger, gesunder
-Körper, ein Paar braune, feste Arme hervorguckten, so schaute aus seinen
-Gesichtszügen ein frischer lustiger Sinn hervor, so daß er seinen Namen
-nicht umsonst führte. Hans hatte von frühauf zu tun: für den Vater die
-Schuhe und Stiefel auszutragen, der Mutter die Wäsche zu hüten und
-allerlei Einkäufe für die kleine Wirtschaft zu besorgen. Die ganze
-Straße kannte den lustigen Buben, und weil er jeden so freundlich
-anlachte, suchten die Leute auch ihm allerlei Freude zu machen. Der
-Bäcker schenkte ihm oft einige Fastenbrezeln, die Kunden seines Vaters
-allerlei Kleidungsstücke oder irgend ein Spielzeug, und selbst manche
-blanke Kupfermünze brachte er seiner Mutter nach Hause, die sie in einer
-tönernen Sparbüchse verwahrte. Auch bei allen Kindern in der
-Nachbarschaft wurde der Hans bald beliebt. Als er älter wurde, war er
-bei allen Spielen der erste und wußte immer was Neues anzugeben. Alle
-Spiele gingen gut, wenn Hans dabei war. Da gab's niemals Zank und
-Streit; zankten sich wirklich zwei Kinder einmal, fuhr mein Hans
-dazwischen, machte jedem ein närrisches Gesicht, und alles mußte lachen.
-
-Allmählich kam die Zeit heran, wo Hans ein Handwerk lernen sollte, und
-da er nach des Vaters Meinung zum Schuster nicht besonders geeignet war,
-so sollte er das Handwerk des Herrn Paten erlernen, der ein braver
-Schornsteinfegermeister und bei allen Leuten in der Nachbarschaft sehr
-angesehen war. Hans gefiel das Ding auch gar nicht übel. Mutig und
-gewandt schlüpfte er oben an den höchsten Häusern zu den Schornsteinen
-heraus; er wußte nichts von Schwindel, machte allerlei possierliche
-Faxen mit seinem Besen und sein russiges Gesicht lachte hinein in den
-blauen Himmel und hinab über die Stadt; dabei sang er wie ein Vogel auf
-dem Wipfel des Baumes.
-
-[Illustration: Hans - Schornsteinfeger]
-
-Die Erwachsenen hatten Hans Lustig lieb und die Kinder auch, trotzdem er
-Schornsteinfeger war. Wollte man die Kinder mit dem Feuerrüpel zu
-fürchten machen, lachten sie; sie wußten ja, daß der Feuerrüpel niemand
-anders war als der Hans Lustig, der keinem etwas zuleide tat, im
-Gegenteil allzeit freundlich und gut war, und manche Kinder hatten sogar
-den Mut, ihm eine Patschhand in seine berußte Rechte zu geben.
-
-[Illustration: Haus]
-
-So wuchs unser Hans immer mehr heran und ward ein tüchtiger
-Schornsteinfeger voll Herzhaftigkeit und Behendigkeit. Er konnte
-klettern wie eine Katze. Das zeigte er bei dem großen Brande, als das
-alte Rathaus mitten in der Nacht plötzlich in hellen Flammen stand! Der
-alte Türmer hatte versäumt, das Feuerzeichen zu geben, und so stand das
-altertümliche Gebäude mit seinen wichtigen Akten und Urkunden bereits in
-Flammen, als man erst das Unglück gewahr wurde. Der alte Türmer war aber
-unschuldig; denn in derselben Nacht war er gestorben. Hans war einer der
-ersten auf der Brandstätte, und die Gefahr nicht achtend, stürzte er in
-das Gebäude und rettete einen Schrank, der die wichtigsten städtischen
-Urkunden enthielt.
-
-Am Tage darauf ließ ihn der Rat der Stadt vor sich kommen, und der
-älteste Ratsherr belobte ihn, dankte ihm im Namen der Stadt und fragte,
-welche Belohnung er wünsche. Hans antwortete ohne langes Besinnen, man
-möge seinem Vater die erledigte Stelle als Türmer übertragen. Dieses
-wurde ihm auch sogleich gewährt. Man konnte nicht sagen, wer
-glückseliger war, Hans, der seinem Vater eine sorgenfreie Stelle
-verschafft hatte, oder der Vater selber, der durch den Mut und die
-Bravheit seines Sohnes so über alle Sorgen und recht eigentlich in die
-Höhe gehoben wurde.
-
-Der alte Schuhflicker besserte nun hoch oben auf dem Turme das Schuhwerk
-für die Menschen aus, die da unten umherliefen. Hans, der immer eine
-besondere Lust und ein Geschick für die Musik gehabt hatte, begann
-jetzt, den Zinken blasen zu lernen. In kurzer Zeit brachte er es darin
-zu großer Fertigkeit.
-
-Im selben Jahre, als er Soldat werden mußte, starben seine Eltern. Sie
-segneten ihn, denn er hatte ihnen viel Freude und Glück gebracht.
-
-Beim Regimente wurde Hans Musiker und zeichnete sich hierbei so aus, daß
-er nach wenigen Jahren die erste Stelle in der Regimentsmusik erhielt.
-Wenn er in seiner betreßten Uniform unter den Musikern steht und den
-Takt schlägt, so sieht man ihm nichts mehr davon an, daß er vor Jahren
-voll Ruß und ein lustiger Schornsteinfeger war. Sein Titel heißt: Herr
-Kapellmeister; aber von alten Verwandten und Bekannten hat er's gern,
-wenn sie ihn Hans Lustig heißen, und er macht diesen Namen noch immer
-zur vollen Wahrheit.
-
- Robert Reinick.
-
-[Illustration: Horn]
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Reimspruch. Robert Reinick 4
-
- Zum Tagewerk. Philipp Spitta 5
-
- Der Vater und die drei Söhne. M. G. Lichtwer 6
-
- Das Tischgebet. Friedrich Güll 8
-
- Dem Vaterland. Robert Reinick 10
-
- Deutscher Rat. Robert Reinick 12
-
- Geschichte vom Nußknacker. F.v. Pocci 13
-
- Der alte Landmann an seinen Sohn. L. H. Chr. Hölty 16
-
- Der getreue Eckart. J. W. v. Goethe 20
-
- Die beiden Pflugscharen. G. Meißner 21
-
- Die beiden Äxte. G. Meißner 22
-
- Sparbüchslein. Friedrich Güll 24
-
- Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt. K. Gerock 25
-
- Hurtig an die Arbeit. Friedrich Rückert 27
-
- Meister, Geselle und Lehrling. J. W. v. Goethe 27
-
- Der Künstler und sein Sohn. Ludwig Auerbacher 28
-
- Die Pfirsiche. A. Krummacher 29
-
- Die treuen Brüder. Chr. v. Schmid 31
-
- Der Bauer und sein Sohn. Chr. F. Gellert 33
-
- Das Kind. Fr. Hebbel 36
-
- Das Kind am Brunnen. Friedrich Hebbel 37
-
- Des Mägdleins Schmuck. Ernst Moritz Arndt 39
-
- Der jähzornige Schäfer. Chr. v. Schmid 40
-
- Eifer führt zum Ziel. G. Meißner 41
-
- Einer für alle. Hambgr. Fremdenblatt 42
-
- Der Schatzgräber. G. F. Bürger 44
-
- Hoffnung. Frdr. v. Schiller 45
-
- Der beste Empfehlungsbrief. Magdeburger Zeitung 46
-
- Reinlichkeit. Friedrich Rückert 47
-
- Hermann Billings Berufung. Ferdinand Bäßler 48
-
- Wohltun macht Freude. Schöppner, Sagenbuch 52
-
- Das Loch im Ärmel. Heinrich Zschokke 54
-
- Der gekreuzte Dukaten. Berthold Auerbach 58
-
- Der Solnhofer Knabe. Karl Stöber 64
-
- Hans Lustig. R. Reinick 75
-
-
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[Fußnote 1: 1 Gulden = 1,71 Mk.; 1 Taler = 3.00 Mk.]
-
-[Fußnote 2: Haag = Residenzstadt in Holland.]
-
-[Fußnote 3: Legde (Lehde) = Weideland.]
-
-[Fußnote 4: _Bill_ ist im Sächsischen ein von der Volksgemeinde
-bestätigtes Gesetz. Der Mann, der darauf achten mußte, daß
-dieses Gesetz gehalten wurde, hieß _Billing_ (Billung), soviel
-als heutzutage Schultheiß, Bürgermeister.]
-
-
-
-
-Anmerkungen des Umkodierers:
-
-Gesperrt markiert durch: _
-
-Zeile 1438: eingefügt (typo) "werden".
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DU DEUTSCHES KIND ***
-
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/43891-8.zip b/43891-8.zip
deleted file mode 100644
index 2bfde22..0000000
--- a/43891-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/43891-h.zip b/43891-h.zip
deleted file mode 100644
index 1e291c9..0000000
--- a/43891-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/43891-h/43891-h.htm b/43891-h/43891-h.htm
index 31c1d3a..efc033c 100644
--- a/43891-h/43891-h.htm
+++ b/43891-h/43891-h.htm
@@ -2,10 +2,10 @@
"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="en" lang="en">
<head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" />
<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
<title>
- The Project Gutenberg eBook of Du Deutsches Kind by J. B. Laßleben.
+ The Project Gutenberg eBook of Du Deutsches Kind by J. B. Laßleben.
</title>
<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
@@ -174,50 +174,7 @@ table {
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Du deutsches Kind
- Eine Gabe für unsere Jugend
-
-Author: Various
-
-Editor: I. B. Laßleben
-
-Illustrator: Albert Reich
-
-Release Date: October 5, 2013 [EBook #43891]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DU DEUTSCHES KIND ***
-
-
-
-
-Produced by Matthias Grammel, Jan-Fabian Humann and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43891 ***</div>
<hr class="tb" />
@@ -279,7 +236,7 @@ Kallm&uuml;nz/Bayern 1922
<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[5]</a></span></p>
<div class="figcenter" style="width: 550px;">
- <img src="images/i003-1.jpg" width="550" height="237" alt="Sämann" title="" />
+ <img src="images/i003-1.jpg" width="550" height="237" alt="Sämann" title="" />
</div>
@@ -736,7 +693,7 @@ mit b&ouml;sen Kindern nicht lange Federlesens!</p>
</div>
<div class="figcenter pmb1" style="width: 536px;">
- <img src="images/i015-1.jpg" width="536" height="690" alt="Landmann beim Mähen" title="" />
+ <img src="images/i015-1.jpg" width="536" height="690" alt="Landmann beim Mähen" title="" />
</div>
@@ -1003,7 +960,7 @@ wandern.</p>
</div>
<div class="figcenter pmb3" style="width: 350px;">
- <img src="images/i024-1.jpg" width="350" height="204" alt="Sparbüchse" title="" />
+ <img src="images/i024-1.jpg" width="350" height="204" alt="Sparbüchse" title="" />
</div>
@@ -1271,7 +1228,7 @@ gebe ich jedem von euch noch einen Taler dar&uuml;ber.&ldquo;</p>
</div>
<div class="figcenter pmb3" style="width: 190px;">
- <img src="images/i032-1.jpg" width="190" height="209" alt="Ähren" title="" />
+ <img src="images/i032-1.jpg" width="190" height="209" alt="Ähren" title="" />
</div>
@@ -1362,7 +1319,7 @@ gebe ich jedem von euch noch einen Taler dar&uuml;ber.&ldquo;</p>
</div>
<div class="figcenter pmb3" style="width: 550px;">
- <img src="images/i037-1.jpg" width="550" height="258" alt="Brücke" title="" />
+ <img src="images/i037-1.jpg" width="550" height="258" alt="Brücke" title="" />
</div>
@@ -1749,7 +1706,7 @@ Empfehlungsbriefen geschrieben steht.&ldquo;</p>
</p>
<div class="figcenter pmb3" style="width: 220px;">
- <img src="images/i049-1.jpg" width="220" height="300" alt="Dekoration - Blüten" title="" />
+ <img src="images/i049-1.jpg" width="220" height="300" alt="Dekoration - Blüten" title="" />
</div>
@@ -2699,7 +2656,7 @@ zur vollen Wahrheit.</p>
<hr class="tb" />
-<div class="footnotes p2 p2 pmb3"><h2>Fußnoten:</h2>
+<div class="footnotes p2 p2 pmb3"><h2>Fußnoten:</h2>
<div class="footnote">
<p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> 1 Gulden = 1,71 Mk.; 1 Taler = 3.00 Mk.</p>
@@ -2729,385 +2686,10 @@ als heutzutage Schulthei&szlig;, B&uuml;rgermeister.</p>
<div class="transnote">
<p>Im Kapitel: <i>Der Solnhofer Knabe.</i> <small>(ab S. 64)</small>
- wurde im ersten Absatz das fehlende Wort &quot;werden&quot; ergänzt.</p>
+ wurde im ersten Absatz das fehlende Wort &quot;werden&quot; ergänzt.</p>
</div>
</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DU DEUTSCHES KIND ***
-
-***** This file should be named 43891-h.htm or 43891-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/4/3/8/9/43891/
-
-Produced by Matthias Grammel, Jan-Fabian Humann and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
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-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
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-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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-collection are in the public domain in the United States. If an
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-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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