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Laßleben. - - Bilder von Albert Reich. - - -[Illustration: Dekoration] - - - Hochwald-Verlag München-Kallmünz - - - - - Ein jeder nehme wohl in acht, - was Lust und Ehr' ihm hat gebracht: - Der Wirt seinen Krug, - der Krämer sein Tuch, - der Bauer seinen Pflug, - das Kind sein Buch. - - Robert Reinick. - - - Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag) - Kallmünz/Bayern 1922 - - - - -[Illustration: Sämann] - - -Zum Tagewerk. - - - Gehe hin in Gottes Namen, - greif dein Werk mit Freuden an! - Frühe säe deinen Samen! - Was getan ist, ist getan. - Sieh nicht aus nach dem Entfernten; - was dir nah' liegt, mußt du tun. - Säen mußt du, willst du ernten; - nur die fleiß'ge Hand wird ruhn. - Müßigstehen ist gefährlich, - heilsam unverdroßner Fleiß; - und es steht dir abends ehrlich - an der Stirn des Tages Schweiß. - Weißt du auch nicht, was geraten - oder was mißlingen mag, - folgt doch allen guten Taten - Gottes Segen für dich nach. - Geh denn hin in Gottes Namen, - greif dein Werk mit Freuden an! - Frühe säe deinen Samen! - Was getan ist, ist getan. - - Philipp Spitta. - - - - -Der Vater und die drei Söhne. - - - An Jahren alt, an Gütern reich, - teilt' einst ein Vater sein Vermögen - und den mit Müh erworb'nen Segen - selbst unter die drei Söhne gleich. - »Ein Diamant ist's,« sprach der Alte, - »den ich für den von euch behalte, - der mittels einer edlen Tat - darauf den größten Anspruch hat.« - - Um diesen Anspruch zu erlangen, - sieht man die Söhne sich zerstreu'n. - Drei Monden waren kaum vergangen, - so stellten sie sich wieder ein. - - Drauf sprach der älteste der Brüder: - »Hört! es vertraut' ein fremder Mann - sein Gut ohn' einen Schein mir an; - ich gab es ihm getreulich wieder. - Sagt, war die Tat nicht lobenswert?« -- - »Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,« - ließ sich der Vater hier vernehmen; - »wer anders tut, der muß sich schämen; - denn ehrlich sein ist unsre Pflicht. - Die Tat ist gut, doch edel nicht.« - - Der zweite sprach: »Auf meiner Reise - fiel einmal unachtsamerweise - ein Kind in einen tiefen See. - - Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh - und rettete dem Kind das Leben. - Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.« -- - »Du tatest,« sprach der Greis, »mein Kind, - was wir als Menschen schuldig sind.« - -[Illustration: Rettung] - - Der jüngste sprach: »Bei seinen Schafen - war einst mein Feind fest eingeschlafen - an eines tiefen Abgrunds Rand; - sein Leben stand in meiner Hand. - Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.«-- - »O,« rief der Greis mit holdem Blicke, - »Dein ist der Ring! Welch edler Mut, - wenn man dem Feinde Gutes tut.« - - M. G. Lichtwer - - - - -[Illustration: Gasthausschild] - - -Das Tischgebet. - - - An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern - waren beisammen viel reiche Herrn. - Vor ihnen standen aus Küch' und Keller - gar lieblich lockend die Flaschen und Teller. - Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen, - die Kellner reichten die dampfenden Suppen - und mehr noch begann Gemüs' und Braten - mit süßem Wohlgeruch zu laden. - - Da kam zur Türe still herein - ein Fremder mit seinem Töchterlein - und setzte sich unten am langen Tisch, - um auch zu kosten von Wein und Fisch. - Oben klirrten die Löffel und Messer, - klangen die Gläser und scherzten die Esser. - - Da tönt auf einmal gar hell und fein - eine Stimme in den Lärm hinein, - wie wenn von fern ein Glöcklein klingt, - wie wenn im Wald ein Vogel singt. - Und wie auch der Strom der Rede rauscht, - still wird es rings und jeder lauscht: - der Krieger, der von den Schlachten erzählt, - der Kaufmann, der über die Zölle geschmält, - die Reisenden, die von Abenteuern - gesprochen und von Ungeheuern, - die Stutzer, die von Pferd und Wagen - und Hunden und Moden so vieles sagen. - - Und wie sie schauen nach dem Orte, - von woher dringen die lieblichen Worte: - mit gefalteten Händen das Mädchen steht - und spricht sein gewohntes Tischgebet. - Und wie beseelt von höherem Geist - falten auch sie die Hände zumeist - und horchen alle mit rechtem Fleiße - auf des betenden Kindes Weise. - Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude - und achtet nicht auf all die Leute. - Die aber, ergriffen im tiefsten Innern, - mußten sich oft noch daran erinnern. - Und mancher hat wieder gebetet fortan, - was er schon lange nicht mehr getan. - - Friedrich Güll. - - - - -Dem Vaterland. - - - Das ist ein hohes, helles Wort, - Dem Vaterland! - das hallt durch unsre Herzen fort - wie Waldesrauschen, Glockenklang, - Drommetenschmettern, Lerchensang; - das fällt, ein Blitz, in unsre Brust, - zu heil'ger Flamme wird die Lust! - Dem Vaterland! - - Dem Vaterland! - Das Wort gibt Flügel dir, o Herz. - Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts - die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn; - o deutsches Land, wie bist du schön! - Und überall klingt Liederschall - und überall _ein_ Widerhall: - Dem Vaterland! - - Dem Vaterland! - Das seinen Töchtern hat beschert - der keuschen Liebe stillen Herd, - das seinen Söhnen gab als Hort - die freie Tat, das treue Wort, - das feiner Ehren blanken Schild - zu wahren allzeit sei gewillt,-- - dem Vaterland! - -[Illustration: Landschaft] - - Dem Vaterland! - O hohes Wort, o helles Wort, - du tön' für alle Zeiten fort - wie Waldesrauschen, Glockenklang, - Drommetenschmettern, Lerchensang! - zu heil'ger Flamme weih' die Lust, - so lange schlägt die deutsche Brust - dem Vaterland! - Heil dir, Heil dir, du deutsches Land! - - Rob. Reinick. - - - - -Deutscher Rat. - - - Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr, - laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n! - Von alters her im deutschen Volke war - der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein. - - Du bist ein deutsches Kind, so denke dran; - noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer. - Aus einem Knaben aber wird ein Mann; - das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr. - - Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht! - Was du berichtest, sage kurz und schlicht; - was du gelobest, sei dir höchste Pflicht! - Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht! - - Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran; - zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach; - doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an, - und eine Stimme ruft in dir: »Sei wach!« - - Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit: - Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr. - Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit. - Du, deutsches Kind, sei _tapfer, treu und wahr_! - - Robert Reinick. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -Geschichte vom Nußknacker. - - -[Illustration: Nussknacker] - -Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den -Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei -sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten -sie sehr und sagten: »Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse -aufknacken wollte!« Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den -Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen -großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse -herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem -es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein: - - »Heiß, heiß, - beiß, beiß - Hans heiß' ich, - Nüsse beiß' ich; - geh' gern in den grünen Wald, - wenn die Nuß vom Strauche fallt; - mach's dem lust'gen Eichhorn nach, - knack' und nag' den ganzen Tag!« - -Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen -Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu: -»Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf, -damit wir sie essen können!« -- Da brummte das Männlein in seinen langen -weißen Bart: - - »Hansl heiß' ich, - Nüsse beiß' ich; - hab' ich aber mich beflissen, - euch ein Dutzend aufgebissen, - gebt mir zum Lohn - ein paar davon!« - -»Ja, ja!« schrien die Buben, »du kannst mitessen, knacke nur fleißig -auf.« -- Das Männlein stellte sich zu ihnen hin -- denn am Sitzen -hinderte es sein steifer Zopf -- und sprach: - - »Hebet auf den langen Zopf, - schiebt die Nuß in meinen Kropf, - drücket nieder und so fort, - schnell ist jede Nuß durchbohrt.« - -[Illustration: Nussbeißer] - -Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen -immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß -aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das -Männlein brummte: - - »Heiß, heiß, - beiß, beiß, - will meinen Lohn - nun auch davon!« - -Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn -spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er -sprach: »Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir -wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir -deine Nüsse selbst!« - -Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte: - - »Gibst du mir keine Nuß, - so machst du mir Verdruß; - ich nehme dich beim Schopf - und beiß' dir ab den Kopf!« - -Da lachte der böse Bube und sagte: »Du mir den Kopf abbeißen? Mache -lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein -fühlen!« Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde -ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte -wie ein Fisch im Wasser und -- knack -- der Kopf war weg. - -Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht, -Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht -abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und -Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange -Federlesens! F. v. Pocci. - - - - -Der alte Landmann an seinen Sohn. - - Üb' immer Treu und Redlichkeit - bis an dein kühles Grab - und weiche keinen Finger breit - von Gottes Wegen ab! - Dann wirst du wie auf grünen Au'n - durchs Erdenleben gehn; - dann kannst du sonder Furcht und Grau'n - dem Tod ins Auge sehn. - -[Illustration: Landmann beim Mähen] - - Dann wird die Sichel und der Pflug - in deiner Hand so leicht; - dann singest du beim Wasserkrug, - als wär' dir Wein gereicht. - Dem Bösewicht wird alles schwer, - er tue, was er tu'. - Der Teufel treibt ihn hin und her - und läßt ihm keine Ruh'. - Der schöne Frühling lacht ihm nicht; - ihm lacht kein Ährenfeld; - er ist auf Lug und Trug erpicht - und wünscht sich nichts als Geld. - Der Wind im Hain, das Laub am Baum - saust ihm Entsetzen zu. - Er findet nach des Lebens Traum - im Grabe keine Ruh'. - Sohn, übe Treu' und Redlichkeit - bis an dein kühles Grab - und weiche keinen Finger breit - von Gottes Wegen ab! - Dann suchen Enkel deine Gruft - und weinen Tränen drauf, - und Sonnenblumen, voll von Duft, - Blühn aus den Tränen auf. - Hölty. - -[Illustration: Dekoration - Sonnenblumen] - - - - -[Illustration: Die unholdigen Schwestern] - - -Der getreue Eckart. - - - Vom Wundermann hat man euch immer erzählt; - nur hat die Bestätigung jedem gefehlt, - die habt ihr nun köstlich in Händen.« - - Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug - ein jedes den Eltern bescheiden genug - und harren der Schläg' und der Schelten. - Doch siehe, man kostet: »Ein herrliches Bier!« - Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier - und noch nimmt der Krug nicht ein Ende. - - Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag; - doch fraget, wer immer zu fragen vermag: - »Wie ist's mit den Krügen ergangen?« - Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt; - Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt - und gleich sind vertrocknet die Krüge. - - Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht - ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, - so horchet und folget ihm pünktlich! - Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, - verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; - dann füllt sich das Bier in den Krügen. - Goethe. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Pflug] - - -Die beiden Pflugscharen. - - -Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen -verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward -in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich -derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit -Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und -sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja, -glänzender als sie anfangs gewesen war. »Ist das möglich?« rief die -verrostete aus; »einst waren wir einander gleich; was hat dich so -herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet -worden bin?« -- »Eben diese Ruhe«, erwiderte jene, »war dir verderblich. -Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die -Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.« - - G. Meißner. - - - - -Die beiden Äxte. - - -Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den -Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu -verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine -- -goldene Axt zum Vorschein. - -[Illustration: Flussgott] - -»Das ist die meinige nicht!« sprach der Zimmermann ganz gelassen. -- -Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor. - -»Auch diese gehört mir nicht!« sprach der Arme und zum dritten Male -langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele -heraus. -- - -»Das ist die rechte! das ist sie!« rief der Arbeitsmann fröhlich. - -»Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm«, sprach -der mitleidige Geist. »Zur Belohnung nimm alle drei mit.« - -Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der -sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott -so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom -fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu -sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals, -eine goldene hervor. - -»Ist sie das, mein Sohn?« - -»Ja, ja, das ist sie!« antwortete der Lügner und griff schon darnach. -»Halt, Nichtswürdiger!« erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes. -»Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens -blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch -dasjenige, was bisher dein war!« Und ohne Axt mußte er nach Hause -wandern. G. Meißner. - - - - - -Sparbüchslein. - - - Teuer ist die War' - und das Geld ist rar: - Spar'! - - Lang ist auch das Jahr, - groß der Tage Schar: - Spar'! - - Eh' dein Geld ist gar, - jetzt und immerdar: - Spar'! - - Spar' für die Gefahr, - für die grauen Haar: - Spar'! - - Sag' nicht: Wenn und zwar! -- - Bis zu deiner Bahr: - Spar'! - - Friedrich Güll. - -[Illustration: Sparbüchse] - - - - -Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt. - - - Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, - da prüft' er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, - ihr Vaterunser, Einmaleins, und was man lernte mehr; - zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her. - - Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen, - zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißigen, die Braven. - Da stand im groben Linnenkleid manch schlichtes Bürgerkind, - manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind'. - - Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke, - und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke; - da stand im pelzverbrämten Rock manch feiner Herrensohn, - manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron. - - Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank ihr frommen Knaben, - ihr sollt' an mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben; - und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid, - in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.« - - Dann blitzt' sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel: - »Ihr Taugenichtse, bessert euch, ihr schändet euren Adel; - ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht, - ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht!« - - Da sah man manches Kindesaug' in frohem Glanze leuchten - und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten; - und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt, - wen heute Kaiser Karl gelobt, und wen er ausgeschmält. - - Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten - im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten: - Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand, - so steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland. - - Karl Gerock. - - - - -Hurtig an die Arbeit. - - - Mein Kind, du bist schon lang - der Mutter aus der Wiegen; - nun hilf dir selbst; wie du - dich bettest, wirst du liegen. - Die Flügel wuchsen dir, - gebrauche sie zum Fliegen! - Der kommt nicht auf den Berg, - der nicht hinaufgestiegen. - Greif an die Schwierigkeit, - so wirst du sie besiegen! - - Friedrich Rückert. - - - - -Meister, Geselle und Lehrling. - - - Wer soll Meister sein? Wer was ersann. - Wer soll Geselle sein? Wer was kann. - Wer soll Lehrling sein? Jedermann. - - Joh. Wolfg. v. Goethe. - -[Illustration: Dekoration - Rose] - - - - -Der Künstler und sein Sohn. - - -Der Meister saß in seiner Werkstätte und meißelte an einem Herkules. Da -trat eines Tages sein Söhnlein zu ihm und fragte: »Vater, was machst du -da?« Der Vater antwortete: »Ich bildne einen Herkules.« Und er erzählte -ihm darauf, wie ein gar großer und gewaltiger Mann der gewesen, und wie -er Löwen und Schlangen und Riesen erlegt, und noch viele andere -wundersame Heldenstücke getan. Da sagte der Knabe: »Vater, ich will auch -einen Herkules machen.« -- »Tue das, mein Kind!« versetzte der Meister -lächelnd. Und er gab demselben einen Klumpen Ton, aus dem jener den -Herkules machen könnte. Nach einiger Zeit fragte der Vater: »Wie ist's -mit dem Herkules?« Der Knabe antwortete: »Es fügt sich nicht recht; ich -will lieber einen Reiter machen.« Der Vater nickte und sprach: »So mach' -denn einen Reiter!« Nach einer Weile stiller Arbeit rief der Knabe: -»Vater, es geht mit dem Reiter auch nicht; ich will nur gleich einen -Hanswurst machen.« Und er knetete nun aus dem Ton zuerst einen großen -Wanst; dann fügte er Hände und Füße daran und setzte zuletzt einen -spitzen Hut drauf, unter dem ein Kopf stak mit einer großen Nase. So war -denn der Hanswurst fertig. Das Söhnlein klatschte voll Freuden sich in -die Hände; der Vater aber schüttelte den Kopf und dachte sich, -- was -sich jeder leicht denken kann. Ludwig Aurbacher. - - - - -[Illustration: Zweig mit Pfirsichen] - - -Die Pfirsiche. - - -Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten, -die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum -erstenmale. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen -Äpfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaum. Darauf verteilte -sie der Vater unter seine vier Knaben, und einen erhielt die Mutter. - -Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der -Vater: »Nun, wie haben euch die schönen Äpfel geschmeckt?« »Herrlich, -lieber Vater!« sagte der Älteste. »Es ist eine schöne Frucht, so -säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam -bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.« »Brav!« sagte der -Vater; »das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es -dem Landmanne geziemt!« - -»Ich habe den meinigen sogleich aufgegessen,« rief der Jüngste, »und den -Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von dem ihrigen -gegeben. O! das schmeckte so süß und zerschmilzt einem im Munde.« »Nun,« -sagte der Vater, »du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und -nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum -genug im Leben.« - -Da begann der zweite Sohn: »Ich habe den Stein, den der kleine Bruder -fortwarf, aufgehoben und zerklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte -so süß wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich habe ich verkauft und so viel -Geld dafür erhalten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf -dafür kaufen kann.« Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: »Klug ist -das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht.« - -»Und du Edmund?« fragte der Vater. Unbefangen und offen antwortete -Edmund: »Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem -kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht, er wollte ihn nicht nehmen. -Da habe ich ihn auf sein Bett gelegt und bin hinweggegangen.« - -»Nun!« sagte der Vater, »wer hat denn wohl den besten Gebrauch von -seinem Pfirsich gemacht?« Da riefen sie alle drei: »Das hat Bruder -Edmund getan!« Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit -einer Träne im Auge. A. Krummacher. - - - - -[Illustration: Garben] - - -Die treuen Brüder. - - -Zur Zeit der Ernte kamen zwei rüstige Jünglinge aus dem Gebirg herab in -das ebene Land, wo es an Arbeitern fehlte und sagten zu einem Bauern: -»Wir beide wollen euch die ganze Erntezeit hindurch helfen, euer -Getreide hereinzubringen, wenn ihr uns die Kost und zehn Taler Lohn -gebt!« - -»Zehn Taler ist zu viel,« sagte der Bauer; »ich meine, zehn Gulden[1] -wären mehr als genug.« »Nein,« sagten die Jünglinge, »es müssen gerade -zehn Taler sein, mit weniger ist uns nicht geholfen. Wollt ihr uns nicht -so viel geben, so bieten wir unsere Dienste einem andern an.« - -»Wozu habt ihr denn so viel Geld notwendig?« fragte der Bauer. »Seht,« -sagten sie, »wir haben zu Hause einen jüngeren Bruder, der bereits -vierzehn Jahre alt ist. Ein geschickter Wagner will ihn in die Lehre -nehmen, verlangt aber durchaus zehn Taler Lehrgeld. So viel Geld aber -weiß unser alter Vater nicht aufzubringen. Da haben wir zwei ältere -Brüder uns denn verabredet, dieses Geld zu verdienen.« - -»Nun wohl,« sagte der Bauer, »wegen eurer brüderlichen Liebe will ich -euch zehn Taler geben, wenn ihr so fleißig arbeitet, daß ich damit -zufrieden sein kann.« - -Die beiden Brüder arbeiteten an den heißen Erntetagen unermüdet im -Schweiße ihres Angesichtes; sie waren morgens am frühesten auf und -legten sich abends am spätesten zur Ruhe. - -Als die Ernte glücklich eingebracht war, bezahlte der Bauer ihnen die -zehn Taler und sprach: »Ihr habt euern Lohn redlich verdient und da gebe -ich jedem von euch noch einen Taler darüber.« - - Wenn Geschwister einig leben, - treulich sich zu helfen streben -- - kann es etwas Schönr'es geben? - - Chr. v. Schmid. - -[Illustration: Dekoration - Ähren] - - - - -[Illustration: Der Bauer und sein Sohn] - - - - -Der Bauer und sein Sohn. - - - Ein guter dummer Bauernknabe, - den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm - und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe - recht dreist zu lügen wiederkam, - ging kurz nach der vollbrachten Reise - mit seinem Vater über Land. - Fritz, der im Geh'n recht Zeit zum Lügen fand, - log auf die unverschämt'ste Weise. - Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. - »Ja, Vater,« rief der unverschämte Knabe, - »ihr mögt mir glauben oder nicht, - so sag' ich euch und jedem ins Gesicht, - daß ich einst einen Hund im Haag[2] gesehen habe, - hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt, - der -- ja, ich bin nicht ehrenwert, - wenn er nicht größer war als euer größtes Pferd.« - -[Illustration: Hund] - - »Das,« spricht der Vater, nimmt mich wunder, - wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge seh'n. - Wir zum Exempel geh'n jetzunder - und werden keine Stunde geh'n, - so wirst du eine Brücke seh'n, - (wir müssen selbst darüber geh'n), - die hat dir manchen schon betrogen; - (denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sein). - Auf dieser Brücke liegt ein Stein, - an den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen, - und fällt und bricht sogleich das Bein.« - - Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen. - »Ach,« sprach er, »lauft doch nicht so sehr! - Doch, wieder auf den Hund zu kommen, - wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'? - Wie euer größtes Pferd? Dazu will viel gehören. - Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr; - allein, das wollt' ich wohl beschwören, - daß er so groß als mancher Ochse war.« - - Sie gingen noch ein gutes Stücke; - doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt' es anders sein? - Denn niemand bricht doch gern ein Bein. - Er sah nunmehr die richterliche Brücke -- - und fühlte schon den Beinbruch halb. - »Ja, Vater,« fing er an, »der Hund, von dem ich rede, - war groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte, - so war er doch viel größer als ein Kalb.« - - Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! wie wird dir's gehen! - Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind. - »Ach, Vater,« spricht er, »seid kein Kind - und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen; - denn kurz und gut, eh' wir darüber gehen, - der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind.« - - Christian Fürchtegott Gellert - -[Illustration: Dekoration - Brücke] - - - - -Das Kind. - - - Die Mutter lag im Totenschrein, - zum letzten Mal geschmückt; - da spielt das kleine Kind herein, - das staunend sie erblickt. - - Die Blumenkron' im blonden Haar - gefällt ihm gar zu sehr, - die Busenblumen, bunt und klar, - zum Strauß gereiht, noch mehr. - - Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: - »du, liebe Mutter, gib - mir eine Blum aus deinem Strauß, - ich hab' dich auch so lieb!« - - Und als die Mutter es nicht tut, - da denkt das Kind für sich: - »Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, - so tut sie's sicherlich.« - - Schleicht fort, so leis' es immer kann, - und schließt die Türe sacht - und lauscht von Zeit zu Zeit daran, - ob Mutter noch nicht wacht. - - Hebbel. - -[Illustration: Dekoration - Blumen] - - - - -Das Kind am Brunnen. - - - Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! - Doch die liegt ruhig im Schlafe. - Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, - am Hügel weiden die Schafe. - Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, - es wagt sich weiter und weiter! - Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, - da stehen Blumen und Kräuter. - Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! - Sie schläft, als läge sie drinnen. - Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, - die Blumen lockens von hinnen. - Nun steht es am Brunnen, nun steht es am Ziel, - nun pflückt es die Blumen sich munter; - doch bald ermüdet das reizende Spiel, - da schaut's in die Tiefe hinunter. - Und unten erblickt es ein holdes Gesicht - mit Augen, so hell und so süße. - Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, - viel stumme freundliche Grüße! - Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind - winkt aus der Tiefe ihm wieder. - Herauf! Herauf! so meint's das Kind; - der Schatten: Hernieder! Hernieder! - Schon beugt es sich über den Brunnenrand. - Frau Amme, du schläfst noch immer! - -[Illustration: Kind am Brunnen] - - Da fallen die Blumen ihm aus der Hand - und trüben den lockenden Schimmer. - Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, - verschluckt von der hüpfenden Welle; - das Kind durchschauert's fremd und kalt, - und schnell enteilt es der Stelle. - - Friedrich Hebbel. - - - - -[Illustration: Blumenkorb] - - -Des Mägdleins Schmuck. - - - Es wächst ein Blümlein _Bescheidenheit_, - der Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid. - Wer solches Blümlein sich frisch erhält, - dem blühet golden die ganze Welt. - - Auch wird ein zweites, das _Demut_ heißt, - als Schmuck der Mägdelein hoch gepreist. - Die Englein, singend an Gottes Thron, - es trag'n als Demant in goldner Kron'. - - Ein drittes Blümlein, wo diese zwei - nur stehen, immer ist dicht dabei: - heißt _Unschuld_, sieht gar freundlich aus, - das schönste Blümchen im Frühlingsstrauß. - - So pflege, Mägdlein, die Blümlein drei - mit frommer Sorge und stiller Treu'! - Denn wer sie wahret, wird nimmer alt, - er trägt die himmlische Wohlgestalt. - - Ernst Moritz Arndt. - - - - -Der Jähzorn. - - -Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er -auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und -wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe. -Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer -fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock -nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu -nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und -versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der -sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in -wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und -schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und -stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen -dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer -aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen -Jähzorn. Chr. v. Schmid. - -[Illustration: Dekoration - Widderkopf] - - - - -Eifer führt zum Ziel. - - -Der Hase verspottete einst die Schildkröte ihrer Langsamkeit wegen. »Die -Natur«, erwiderte diese, »hat mir freilich keinen schnellen Schritt -verliehen; dennoch getraue ich mir wohl mit dir um die Wette zu laufen.« - -Mit Hohn und Scherz ward von dem Hasen dieser Vorschlag angenommen. Man -bestimmte ein Ziel. Beide machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg. Und -unermüdet kroch auf schnurgeradem Pfade die Schildkröte fort. Ganz -anders machte es der Hase. Um zu zeigen, wie sehr er seinen Mitbewerber -verachte, hüpfte er bald rechts bald links und kam demungeachtet viel -früher bis auf die Mitte des Weges. Ermüdet von den vielen -Seitensprüngen legte er allda sich nieder um ein wenig zu schlummern. -»Ich kann ja doch«, dachte er bei sich selbst, »die Schildkröte mit drei -oder vier Sprüngen wieder einholen!« So schlief er ruhig, bis er von -einem lauten Gelächter der Zuschauer erwachte. Jetzt wollte er sich -hurtig aufraffen und ans Ziel eilen, als er -- o Schande! -- die -Schildkröte bereits an demselben erblickte. - - A. G. Meißner. - -[Illustration: Dekoration - Hase] - - - - -Einer für alle. - - -Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren -Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf. -Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer -zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich -- es war auf dem -Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes -- fällt eines dieser -Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der -Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung. -Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da -schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber -einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und -schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es -in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden. -Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die -gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine -Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang -mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach -allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein -Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die -Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen. - - »Hamburger Fremdenblatt«. - -[Illustration: Unteroffizier Heinemann] - - - - -[Illustration: Dekoration - Weinrebe] - - -Der Schatzgräber. - - - Ein Winzer, der am Tode lag, - Rief seine Kinder an und sprach: - »In unserm Weinberg liegt ein Schatz, - Grabt nur darnach!« -- »An welchem Platz?« - Schrie alles laut den Vater an. -- - »Grabt nur!« O weh, da starb der Mann. - - Kaum war der Alte beigeschafft, - So grub man nach aus Leibeskraft. - Mit Hacke, Karst und Spaten ward - Der Weinberg um und um gescharrt. - Da war kein Kloß, der ruhig blieb; - Man warf die Erde gar durchs Sieb - Und zog die Harken kreuz und quer - Nach jedem Steinchen hin und her. - Allein da ward kein Schatz verspürt - Und jeder hielt sich angeführt. - - Doch kaum erschien das nächste Jahr, - So nahm man mit Erstaunen wahr, - Daß jede Rebe dreifach trug. - Da wurden erst die Söhne klug - Und gruben nun jahrein, jahraus - Des Schatzes immer mehr heraus. - - Gottfr. Aug. Bürger. - - - - -[Illustration: Dekoration - Grabkreuz] - - -Hoffnung. - - - Es reden und träumen die Menschen viel - von bessern künftigen Tagen, - nach einem glücklichen, goldenen Ziel - sieht man sie rennen und jagen. - Die Welt wird alt und wird wieder jung, - doch der Mensch hofft immer Verbesserung. - Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, - sie umflattert den fröhlichen Knaben, - den Jüngling locket ihr Zauberschein, - sie wird mit dem Greis nicht begraben; - denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, - noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. - Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, - erzeugt im Gehirne des Toren; - im Herzen kündet es laut sich an: - Zu was Besserm sind wir geboren. - Und was die innere Stimme spricht, - das täuscht die hoffende Seele nicht. - - Friedrich von Schiller. - - - - -Der beste Empfehlungsbrief. - - -Auf das Ausschreiben eines Kaufmanns, durch welches ein Laufbursche -gesucht wurde, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sehr -rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. »Ich möchte -wohl wissen,« sagte ein Freund, »warum du gerade diesen Knaben, der doch -keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, bevorzugtest?« »Du irrst,« -lautete die Antwort, »dieser Knabe hatte viele Empfehlungen. Er putzte -seine Füße ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Türe zu; er ist -daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen -Manne, was seine Herzensgüte und Aufmerksamkeit zeigt. Er nahm seine -Mütze ab, ehe er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und -sicher; er ist also höflich und hat gute Sitten. Er hob das Buch auf, -welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen -dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und -drängte sich nicht heran -- ein gutes Zeugnis für sein anständiges -Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und seine -Hände und sein Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen -Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weiß, -nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön -klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht.« - - Magdeburger Zeitung. - - - - -[Illustration: Dekoration - Blume] - - -Reinlichkeit. - - - Rein gehalten dein Gewand, rein gehalten Mund und Hand! - Rein das Kleid von Erdenputz, rein die Hand von Erdenschmutz! - Sohn, die äußre Reinlichkeit ist der innern Unterpfand. - - Friedrich Rückert. - -[Illustration: Hermann Billing] - - - - -Hermann Billings Berufung. - - -Es war um das Jahr 940 nach Christi Geburt, da hütete nicht weit von -Hermannsburg in der Lüneburger Heide ein dreizehn- bis vierzehnjähriger -Knabe die Rinderherde seines Vaters auf der Legde[3], als plötzlich ein -prächtiger Zug von gewappneten Rittern dahergezogen kam. Der Knabe sieht -mit Lust die blinkenden Helme und Harnische, die glänzenden Speere und -die hohen Reitersleute an und denkt wohl in seinem Herzen: das sieht -noch nach was aus! Aber plötzlich biegen die Reiter von der sich -krümmenden Straße ab und kommen querfeldein auf die Legde zugeritten, wo -er hütet. Das ist ihm zu arg; denn das Feld ist keine Straße, und das -Feld gehört seinem Vater. Er besinnt sich kurz, geht den Rittern -entgegen, stellt sich ihnen in den Weg und ruft ihnen mit dreister -Stimme zu: »Kehrt um; die Straße ist euer, das Feld ist mein.« - -[Illustration: König Otto] - -Ein hoher Mann, auf dessen Stirn ein majestätischer Ernst thront, reitet -an der Spitze des Zuges und sieht ganz verwundert den Knaben an, der es -wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hält sein Roß an und hat seine -Freude an dem mutigen Jungen, der so kühn und furchtlos seinen Blick -erwidert und nicht vom Platze weicht. - -»Wer bist du, Knabe?« »Ich bin Hermann Billings ältester Sohn und heiße -auch Hermann, und dies ist meines Vaters Feld; Ihr dürft nicht darüber -reiten.« - -»Ich will's aber,« erwiderte der Ritter mit drohendem Ernst; »weiche, -oder ich stoße dich nieder.« Dabei erhob er den Speer. Der Knabe aber -bleibt furchtlos stehen, sieht mit blitzendem Auge zu dem Ritter hinauf -und spricht: »Recht muß Recht bleiben, und Ihr dürft nicht über das Feld -reiten, Ihr reitet denn über mich weg.« - -»Was weißt du von Recht, Knabe?« -- »Mein Vater ist der Billing[4],« -antwortete der Knabe; »vor einem Billing darf niemand das Recht -verletzen.« - -Da ruft der Ritter noch drohender: »Ist das denn Recht, Knabe, deinem -Könige den Gehorsam zu versagen? Ich bin Otto, dein König.« - -»Ihr wäret Otto, unser König, von dem mein Vater uns so viel erzählt? -Nein, Ihr seid es nicht! König Otto schützt das Recht, und Ihr brecht -das Recht: Das tut Otto nicht, sagt mein Vater.« - -»Führe mich zu deinem Vater, braver Knabe,« antwortete der König, und -eine ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit erglänzte auf seinem ernsten -Angesichte. - -»Dort ist meines Vaters Hof, Ihr könnt ihn sehen,« sagte Hermann; »aber -die Rinder hier hat mir mein Vater anvertraut; ich darf sie nicht -verlassen, kann Euch also auch nicht führen. Seid Ihr aber Otto der -König, so lenket ab vom Felde auf die Straße; denn der König schützt das -Recht.« - -Und der König Otto der Große gehorchte der Stimme des Knaben und lenkte -sein Roß zurück auf die Straße. - -Bald wird Hermann vom Felde geholt. Der König ist bei seinem Vater -eingekehrt und hat zu ihm gesagt: »Billing, gib mir deinen ältesten Sohn -mit; ich will ihn bei Hofe erziehen lassen; er wird ein treuer Mann -werden, und ich brauche treue Männer.« Und welcher gute Sachse konnte -einem Könige wie Otto etwas abschlagen? - -So sollte denn der mutige Knabe mit seinem Könige ziehen, und als Otto -ihn fragte: »Hermann, willst du mit mir ziehen?« Da antwortete der Knabe -freudig: »Ich will mit dir ziehen; du bist der König, denn du schützest -das Recht.« - -Otto übergab den jungen Billing guten Lehrmeistern, in deren Pflege und -Leitung er zu einem tugendlichen und tüchtigen Manne erwuchs. Der König -hielt ihn für einen seiner nächsten Freunde und vertraute dermaßen der -Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Pfleglings, daß er, als er seine -Römerfahrt antrat, ihm das eigene angestammte Herzogtum Sachsen zur -Verwaltung übergab. Dieser Hermann Billing ist der Ahnherr eines -blühenden Geschlechtes geworden, welches bis zum Jahre 1106 dem -Sachsenlande seine Herzoge gab. - - Ferdinand Bäßler. - -[Illustration: Dekoration - Schild und Schwert] - - - - -Wohltun macht Freunde. - -Ein Venetianer, der häufig das Fichtelgebirg besuchte, um da nach edlen -Metallen besonders nach Goldkörnern zu graben, kehrte oft bei einem -Landmanne in Wülfertsreuth ein, der ihn gastfreundlich aufnahm und ihm -bot, was er vermochte. Einstmals kam er wieder, jedoch um für immer -Abschied zu nehmen. »Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die -Früchte meiner langjährigen Mühen friedlich zu genießen,« sagte er, »und -werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du -jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komme zu mir in -das ferne Venedig und ich will dir von deinem Kummer helfen. Ich glaube, -ich werde dich noch bei mir sehen.« Er schied. - -Und siehe, nach langen Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus, -so daß der arme Mann keinen Retter mehr wußte aus Not und Sorgen als -seinen alten Freund in Welschland. Da machte er sich auf, pilgerte gen -Süden und erreichte glücklich die große Meerstadt. Nun ward ihm aber -bange, als er die weiten Straßen beschaute. Wie wollte er seinen Freund -ausfindig machen, dessen fremden Namen er längst vergessen? - -[Illustration: Venedig] - -Als er jedoch in halber Verzweiflung die köstlichen Paläste ringsum -anstarrte, da rief es plötzlich aus einem derselben: »Hans, Hans!« und -ein vornehmer Mann stürzte heraus, um den Staunenden zu umarmen. War das -der Venetianer in den schlechten, schwarzen Kleidern, den er einst -beherbergt? Der war es. Der reiche Mann hatte den Fichtelberger an der -Tracht wiedererkannt und führte diesen hinauf in die Säle voll Pracht -und Reichtum und vergalt ihm nun alles tausendfach, was er dem Fremdling -einst in seiner Heimat Gutes getan. Reich beschenkt kam Hans zurück und -führte von da an ein sorgenfreies Leben. - - Schöppner, Sagenbuch - - - - -Das Loch im Ärmel. - - -Ich hatte einen Spielgesellen und Jugendfreund, Namens Albrecht, -erzählte einst Herr Marbel seinem Neffen. Wir beide waren überall -und nirgends, wie nun Knaben sind, wild und unbändig. Unsere Kleider -waren nie neu, sondern schnell besudelt und zerrissen. Da gab es -Schläge zu Hause, aber es blieb beim alten. Eines Tages saßen wir in -einem öffentlichen Garten auf einer Bank und erzählten einander, -was wir werden wollten. Ich wollte Generalleutnant, Albrecht -Generalsuperintendent werden. - -»Aus euch beiden gibt's in Ewigkeit nichts!« sagte ein steinalter Mann -in feinen Kleidern und weißgepuderter Perücke, der hinter unserer Bank -stand und die kindlichen Entwürfe angehört hatte. - -Wir erschraken. Albrecht fragte: »Warum nicht?« - -Der Alte sagte: »Ihr seid guter Leute Kinder, ich sehe es eueren Röcken -an, aber ihr seid zu Bettlern geboren; würdet ihr sonst diese Löcher in -eueren Ärmeln dulden?« Dabei faßte er jeden von uns an dem Ellenbogen -und bohrte mit den Fingern im durchgerissenen Ärmel hinauf. -- Ich -schämte mich, Albrecht auch. »Wenn's euch,« sagte der alte Herr, »zu -Hause niemand zunäht, warum lernt ihr es nicht selbst? Im Anfang hättet -ihr den Rock mit zwei Nadelstichen geheilt, jetzt ist's zu spät, und -ihr kommt wie Bettelbuben. Wollt ihr Generalleutnant werden, so fangt an -beim Kleinsten. Erst das Loch im Ärmel geheilt, ihr Bettelbuben, dann -denkt an etwas anderes!« - -Wir beide schämten uns von Herzensgrund, gingen schweigend davon und -hatten das Herz nicht, etwas Böses über den bösen Alten zu sagen. Ich -aber drehte den Ellenbogen des Rockärmels so herum, daß das Loch -einwärts kam, damit es niemand erblicken möchte. Ich lernte von meiner -Mutter das Nähen spielend; denn ich sagte nicht, warum ich's lernen -wollte. Wenn sich jetzt an meinen Kleidern eine Naht öffnete, ein -Fleckchen sich durchschabte, ward's sogleich gebessert. Das machte mich -aufmerksam; ich mochte an zerrissenen Kleidern nun nicht mehr -Unreinlichkeit leiden. Ich ging sauberer, ward sorgfältiger, freute mich -und dachte, der alte Herr in der schneeweißen Perrücke hätte so unrecht -nicht. Mit zwei Nadelstichen zu rechter Zeit rettet man einen Rock, mit -einer Hand voll Kalk ein Haus; aus roten Pfennigen werden Taler, aus -kleinen Samenkörnern Bäume, wer weiß wie groß. - -Albrecht nahm die Sache nicht so streng. Es ward sein Schaden. Wir waren -beide einem Handelsmanne empfohlen; er verlangte einen Lehrburschen, der -im Schreiben und Rechnen geübt war. Der Herr prüfte uns, dann gab er -mir den Vorzug. Meine alten Kleider waren hell und sauber; Albrecht im -Sonntagsrocke ließ Nachlässigkeiten sehen. Das sagte mir der Herr -Prinzipal nachher. »Ich sehe Ihm an,« sagte er, »Er hält das Seine zu -Rat; aus dem anderen gibt's keinen Kaufmann.« Da dachte ich wieder an -den alten Herrn und an das Loch im Ärmel. - -Ich merkte wohl, ich hatte in anderen Dingen, in meinen Kenntnissen, in -meinem Betragen, in meinen Neigungen noch manches Loch im Ärmel. Zwei -Nadelstiche zur rechten Zeit bessern alles ohne Mühe, ohne Kunst. Man -lasse nur das Loch nicht größer werden, sonst braucht man für das Kleid -den Schneider, für die Gesundheit den Arzt. -- Es gibt nichts -Unbedeutendes noch Gleichgültiges, weder im Guten noch im Bösen. Wer das -glaubt, kennt sich und das Leben nicht. Mein Prinzipal hatte auch ein -abscheuliches Loch im Ärmel, nämlich er war rechthaberisch, zänkisch, -launenhaft; das brachte mir oft Verdruß. Ich widersprach, da gab es -Zank. Holla, dachte ich, es könnte ein Loch im Ärmel geben und ich ein -Zänker und gallsüchtig und unverträglich wie der Herr Prinzipal werden. -Von Stunde an ließ ich den Mann recht haben; ich begnügte mich, recht zu -tun, und bewahrte meinerseits den Frieden. - -Als ich ausgelernt hatte, trat ich in eine andere Stellung. Da ich -gewöhnt war, mit wenigen Bedürfnissen des Lebens froh zu sein (denn wer -viel hat, ist nie ganz froh), so sparte ich manches, und da ich auch -gewöhnt war, mir kein Loch im Ärmel zu verzeihen, aber schonend über -dasjenige an fremden Ärmeln wegzusehen, war alle Welt mit mir zufrieden, -wie ich mit aller Welt. -- So hatte ich beständig Freunde, beständig -Beistand, Zutrauen, Geschäfte. Gott gab Segen. Der Segen liegt im -Rechttun und Rechtdenken, wie im Nußkerne der fruchttragende hohe Baum. - -So wuchs mein Vermögen. Wozu denn? fragte ich; du brauchst ja nicht den -zwanzigsten Teil davon. -- Prunk damit treiben vor den Leuten? -- Das -ist Torheit. Soll ich in meinen alten Tagen noch ein Loch im Ärmel -aufweisen? -- Hilf anderen, wie dir Gott durch andere geholfen hat. -Dabei bleibt's. Das höchste Gut, das der Reichtum gewährt, ist zuletzt -Unabhängigkeit von den Launen der Leute und ein großer Wirkungskreis. -- -Jetzt, Konrad, gehe auf die hohe Schule, lerne etwas Rechtes; denke an -den Mann mit der schneeweißen Perücke; hüte dich vor dem ersten kleinen -Loche im Ärmel; mach es nicht wie mein Kamerad Albrecht! Er ward zuletzt -Soldat und ließ sich in Amerika totschießen. - - Heinrich Zschokke. - - - - - -Der gekreuzte Dukaten. - - -»Wenn ich nur hunderttausend Gulden hätte!« Das hast du vielleicht auch -schon oft gedacht oder gesagt. Wenn du aus einem Talerlande bist, ist es -dir nicht darauf angekommen und hast hunderttausend Taler daraus -gemacht, obgleich das ein Erkleckliches mehr ist. Ich nehme dir den -Hunderttausendwunsch nicht übel, es ist keine schlimme Sache ums -Reichsein, aber das Glück macht es doch nicht aus. Davon kann ich eine -besondere Geschichte erzählen. - -Ein junger Mann hatte seine Hunderttausend geerbt, und er begnügte sich -auch damit. Er wollte bloß sein Geld verzehren, arbeiten aber wollte er -nicht; das, meinte er, sei nur etwas für unbemittelte Leute. So hatte -also der Herr Adolf gar kein Geschäft als Essen, Trinken, Schlafen, -Spazierengehen oder Reiten, und was ihm sonst noch einfiel. Ja, das Aus- -und Anziehen war ihm viel zu viel, und er hielt sich einen Kammerdiener. -Wenn er des Morgens erwachte, wußte er eigentlich gar nicht, warum er -aufstehen sollte; es wartete kein Geschäft und darum keine rechte Freude -auf ihn. Darum blieb er auch fein liegen, bis ihm auch das zu -beschwerlich wurde. Fast ging es ihm wie jenem Engländer, der aus purer -Langeweile, um sich nicht mehr aus- und anziehen zu müssen, sich das -Leben nahm. - -Herr Adolf machte dann jeden Vormittag seinen Spaziergang, damit er den -Nachmittag für sich frei und nichts mehr zu tun habe. Meist lag er auf -dem Kanapee, gähnte und rauchte. Dabei hatte er mitunter noch seine -besonderen Gedanken. Jeder Mensch, dachte er, hat so seine Summe von -Kraft mit auf die Welt bekommen, die für seine siebenzig Jährlein oder -auch mehr ausreichen muß. Wenn ich also einen schweren Stuhl von einem -Ort an den andern hebe, ist damit ein Stück von meiner Lebenskraft -aufgewendet und verbraucht -- darum laß ich's hübsch bleiben. Auf solche -Gedanken kann ein Nichtstuer kommen. - -Der Herr Adolf ward aber dick und oft kränklich und mußte seinen Leib -pflegen. Das war auch ein Geschäft. - -Das Jahr durch ging dem Herrn Adolf manch schönes Stück Geld durch die -Hand, und dabei hatte er die besondere Liebhaberei, daß er bei jeder -Goldmünze, die er ausgab, ein kleines, zierliches Kreuz unter die Nase -des geprägten Herrschers machte. Er dachte wenig dabei, denn er hatte ja -Gold genug; ihn kümmerte überhaupt nichts, wie es anderen Menschen ging, -obgleich er manchmal aus angeborener Gutmütigkeit einem Armen etwas -schenkte. - -Ich will nur einmal sehen, dachte er, ob nach langer Umherwanderung in -der Welt mir einmal wieder so ein Goldstück unter die Hände kommen -wird. Da nun Herr Adolf gar nichts war, so nahm er sich ernstlich vor, -etwas zu werden und er ward -- ein Passagier. Das ist noch immer ein -Titel, wenn man sonst weiter nichts ist. Er reiste nämlich von einer -Stadt in die andere, von einem Land ins andere und ließ sich's überall -wohl sein, und wo er etwas zu bezahlen hatte, da gab er die mit seinem -Ordenskreuze gezierten Goldstücke hin. Noch nie aber war es ihm -vorgekommen, daß er eins wiedergesehen hätte. Endlich ward er des -Herumreisens auf dem festen Lande müde, er verließ die Alte Welt und -schiffte sich nach Amerika ein. - -Nun war der Herr Adolf noch etwas mehr als ein Passagier, er war sogar -ein Auswanderer. Diesmal aber ging's gar schlecht auf der See. Fünf Tage -und fünf Nächte wütete ein gewaltiger Sturm. Alles, was auf dem Schiffe -war, mußte Hand ans Werk legen, aber vergebens -- das Schiff ging unter, -und nur der Beherztheit des Schiffshauptmanns gelang es, die Mannschaft -und die Reisenden in einer Schaluppe zu retten. Nach zwei Tagen -fürchterlichen Umherirrens und schrecklicher Hungersnot, in welcher -viele starben, wurden die Verschlagenen von einem Kauffahrteischiffe -aufgenommen und in den Hafen zu Boston gebracht. - -[Illustration: Schaluppe] - -Arm, hilflos und verlassen irrte hier Adolf umher, und er wünschte sich -oft, daß er mit den anderen von den Wellen begraben wäre. Da sah er -einen Mann eilig des Weges gehen; mit niedergeschlagenem Blicke bat er -ihn um eine Gabe. Der Mann griff in die Tasche, reichte ihm ein Stück -Geld und war schnell verschwunden. Als Adolf wieder seinen Blick -emporhob und das Geld betrachtete, wollte er seinen Augen kaum trauen, -es war ein Dukaten, der das Ordenszeichen von seiner eigenen Hand -unverkennbar trug. - -Sei es nun, daß der Mann sich vergriffen hatte, oder daß er wirklich -eine so namhafte Gabe schenken wollte, Adolf dachte nicht lange darüber -nach, und er weinte helle Tränen auf das einzige Goldstück, das ihm von -seinem ganzen Reichtum als Bettlergabe wieder zugekommen war. Mit Wehmut -dachte er daran, daß er es wieder weggeben und vielleicht nie mehr sehen -solle. Da begegnete ihm eine große Menge von Arbeitern, die an einer -Straße arbeiteten; schnell war er entschlossen und ließ sich unter ihre -Zahl einschreiben. Ein sonderbarer Gedanke tröstete ihn bei dieser -ungewohnten Lebensweise. Ich brauchte eigentlich nicht zu arbeiten, -sagte er sich in der ersten Zeit und fühlte dann an seine Brust, wo er -den Dukaten verborgen hatte, ich habe ja Geld und könnte eine ganze -Woche und länger davon leben oder etwas anderes damit anfangen; aber ich -arbeite, weil mir's Vergnügen macht. Dann aber machte er einen Spaß -daraus und sagte oft: »Ich arbeite bloß zu meinem Vergnügen. Ich -arbeite, damit ich was zu essen habe, und das Essen macht mir dann -Vergnügen, also arbeite ich zu meinem Vergnügen.« Nach und nach aber -erkannte er, daß nichts Entwürdigendes, ja die Ehre und der Lebenszweck -allein darin liege, für den Genuß seines Daseins und für das, was man -von der Welt hat, auch etwas für sie zu tun. Früher hatte er gedacht, -durch das Wegrücken eines Stuhles, ja durch jede Tätigkeit seine -Lebenskraft zu schwächen; jetzt erkannte er, daß, je mehr man seine -Kräfte braucht, sie um so mehr wachsen und zunehmen, daß die Lebenskraft -durch Tätigkeit immer neu erzeugt wird. - -So war Adolf, für den die Straßen früher nur dagewesen waren, um als -vergnügungssüchtiger Reisender darauf herumzurutschen, ein Bahnmacher -und Straßenarbeiter für andere. Mit der Zeit aber gelangte er auch zur -Stelle eines Aufsehers bei dem Straßenbau und erfreute sich in dem -Gedanken, daß von seinem Dasein auf der Welt noch andere Spuren -hinterblieben als die bloßen Kreuze auf dem Gelde, das ihm durch die -Hand gegangen war. Lange Zeit hatte er den Dukaten als Andenken -aufbewahrt, bis er endlich eingesehen, daß auch dieser nicht ruhen darf -in dem großen Weltverkehre, und er schenkte ihn einer Witwe, deren Mann -beim Straßenbau verunglückt war. - - Berthold Auerbach. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -Der Solnhofer Knabe. - - -An der Altmühl, ungefähr eine Viertelstunde unterhalb Solnhofen, ist -eine Glashütte im Gang. Das Holz zu den Öfen kann leicht über die jähen -Bergwände herabgelassen werden und der reine, zuckerweiße Sand findet -sich da und dort in Nestern unter dem Rasen. - -Ehe man anfing, diesen Sand in Glas zu verwandeln, bestreuten oder -fegten schon die Hausfrauen in der Umgegend ihre Stubenböden, Tische, -Bänke, hölzernen Geschirre usw. damit und kauften ihn von Weibern, die -ihn bei Solnhofen gruben und in kleinen Säckchen zum Verkauf in die -umliegenden Orte trugen. - -In der ältesten Zeit befaßte sich eine Zeitlang nur ein einziges Weib -mit diesem beschwerlichen Handel, bei welchem sie oft über fünfzig Pfund -auf dem Rücken aus- und nur ein paar Heller in der Tasche dafür -heimtrug. Es war eine Witwe in mittlerem Alter. Sie hatte einen -zwölfjährigen Knaben, der im Sommer die Ziegen des Ortes hütete und im -Winter mit seiner Mutter in den unterirdischen Felsklüften Sandnester -aufsuchte und ausbeutete, wenn man vor Schnee und Eis in den Boden -kommen konnte. - -[Illustration: Gottesdienst] - -Einmal in einem besonders harten Winter wollte es den guten Leuten gar -nicht gelingen. Lange war der Boden bald so fest gefroren und bald so -hoch mit Schnee bedeckt, daß sie gar nicht zu ihrer unterirdischen -Nahrungsquelle gelangen konnten. Der kleine Vorrat an Sand, den sie sich -im Herbst gegraben hatten, ging zu Ende und mit ihm das Brot, das sie -sich für die erlösten Pfennige aus den benachbarten Orten mitzunehmen -pflegten. An den Sommerseiten der Berge, wo die Februarsonne die -dünneren Schneeschichten weggeleckt hatte, fingen sie nun an zu -schürfen, aber überall und immer ohne Erfolg. Ihre Werkzeuge zerbrachen -und sie hatten noch kein weißes Sandkorn gefunden. Dazu ging das Futter -für die Ziegen auf die Neige und in der Hütte waren nun vier Geschöpfe, -denen der Hunger aus den Augen sah. Das einzige, was sie noch unter sich -teilen konnten, war eine Kufe mit eingestampften Rüben und weißem Kohl; -aber auch diese stritten schon mit der Verwesung, weil sie nur wenig -gesalzen waren. Die Geißen erhielten ihren Anteil roh, wie er aus der -Kufe kam; die Portionen für sich und ihren Knaben kochte die Witwe und -salzte sie oft mit ihren bitteren Kummertränen; denn es war damals unter -ihrem Dache wie in der Hütte der Witwe von Zarpath, als sie dem -Propheten antwortete: »So wahr der Herr, dein Gott, lebt, ich habe -nichts Gebackenes, nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im -Kruge. Und siehe, ich habe Holz aufgelesen und gehe hinein und will es -mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben.« - -Der Knabe liebte seine Mutter und bewies seine Liebe meistens dadurch, -daß er nie über seinen Hunger klagte, sondern geduldig von einer -Mahlzeit auf die andere wartete und überhaupt alles vermied und verbarg, -was ihr das Herz noch schwerer machen konnte. Aber fast die ganze andere -Hälfte seines Herzens war den Ziegen zugewandt und es wollte ihm -brechen, wenn er sah, wie sie, von Hunger getrieben, an der Kufe -hinaufsprangen und vergebens Hals und Zunge streckten, um die Neige -darin zu erreichen. Hätten sie von seinen schönen Worten und -Vertröstungen auf den nahen Frühling satt werden können, dann hätten sie -mehr als genug gehabt; aber so wurden sie immer magerer. Der Knabe -entschloß sich endlich, für sie zu tun, was er noch nicht einmal für -seine Mutter getan hatte. - -In Solnhofen war ein Benediktinerkloster. An die Pforte derselben pochte -der Knabe mit dem schweren eisernen Klöpfel, der daran hing, und -antwortete dem Bruder Pförtner, der nach seinem Begehren fragte, er -müsse mit dem Abt selbst reden. Er wurde vor diesen ehrwürdigen Diener -Gottes geführt, küßte ihm die Hand und bat, er möchte ihm doch nur -erlauben, das Heu aufzulesen, das die Klosterkühe unter den Barren und -unter die Streu würfen; denn seine zwei Ziegen waren am Verhungern. Den -Abt überraschte anfangs die Bitte, deren Gewährung gar leicht mißbraucht -oder wenigstens zu einer großen Versuchung werden konnte; aber bald -überzeugte er sich, mit was für einer aufrichtigen und redlichen Seele -er es zu tun habe. Er fragte unter andern Dingen nach dem wenigen, was -nach den damaligen Anforderungen der Kirche ein Christ wissen sollte. -Der Knabe sagte seinen Glauben, sein Vaterunser nebst einigen anderen -kürzeren Gebeten gut her und beantwortete munter etliche Fragen aus den -Evangelien. Nun sprach der Abt: »Mein Söhnlein, du darfst alle Tage, -wenn unsere Kühe zur Tränke getrieben werden, kommen und holen, was sie -unter dem Barren liegen lassen, und wenn der Bruder Küchenmeister etwas -übrig hat, so wird er es dir auch mitgeben für dich und deine Mutter.« -Dann segnete er den Knaben und entließ ihn froh getröstet. - -In der Hütte der Witfrau hatte nun die Not ein Ende. Bald kam auch der -warme und freundliche Frühling, die Witwe entdeckte wieder eine -ergiebige Sandgrube und ihr Benedikt trieb als gedungenes Ziegenhirtlein -die Ziegen des Dorfes auf die hohen, luftigen Berge. In die Kost ging er -bei den einzelnen Besitzern der Ziegen der Reihe nach. Sein Osterlamm aß -er im Kloster, seinen Pfingstkuchen buk ihm die Wirtin, seinen -Kirchweihschmaus hielt er in der neuen Mühle und seinen Namenstag -feierte er wieder mit den Benediktinern. - -An Unterhaltung fehlte es ihm auch auf den einsamen Höhen nicht. Da lag -der damals noch unbenützte Kalkschiefer so am Tage, daß es ihm leicht -war, Platten davon herauszuheben und aus ihnen mit einem ganz kleinen -Hammer, den ihm noch sein verstorbener Vater gemacht hatte, regelmäßige -Vierecke zu fertigen. - -[Illustration: Benedikt mit Schieferplatten] - -Was man so unrichtiger- und sündhafterweise Zufall nennt, führte den -Knaben zu einer wichtigen Erfindung. Benedikt legte einmal eine -Schieferplatte, wie er sie aus dem Boden gebrochen hatte, auf seinen -Schoß, zeichnete mit einer Kohle von seinem Hirtenfeuer ein Viereck -darauf und sprach dann bei sich: »Wenn ich fünfzig solche viereckige -Tafeln hätte, könnte ich meine ganze Hausflur damit belegen, wo jetzt -die Hühner scharren, wenn es draußen regnet. Während er dies dachte, -klopfte er mit seinem Hämmerlein auf dem einen schnurgeraden -Kohlenstrich sanft auf und ab; denn er freute sich über den hellen Klang -der Platte. Auf einmal wurden die hellen Töne dumpf und immer dumpfer -wie bei einer zersprungenen Glocke und zuletzt sprang die Tafel gerade -in der Richtung des Kohlenstrichs entzwei. »Ist es da so gegangen,« -dachte Benedikt, »so kann es bei den übrigen drei Seiten ebenso gehen.« -Er hämmerte auch auf dem zweiten Kohlenstrich eine Weile vorwärts und -rückwärts. Sein Schluß war richtig. Nachdem er noch einige Minuten so -fortgemacht hatte, lag eine vollkommen viereckige Platte auf seinen -Knieen. Eine zweite gelang nicht minder. Früher schon hatte er manchmal -zwei Schiefertrümmer aneinander gerieben, um sie zu polieren, und -gefunden, daß er damit am schnellsten zustande kam, wenn er von dem -Sande, womit seine Mutter handelte, dazwischen tat und Wasser dazu nahm. -Diese frühere Erfindung wandte er nun auf seine Pflastersteine an und -gewann so einige sehr schöne Platten. Indes trieb er dies alles als eine -bloße Spielerei und sagte davon niemand etwas, selbst seiner Mutter -nicht. Seine schönsten Tafeln verbarg er da und dort unter einem Busch, -wie etwa ein Hirtenknabe an der Donau schöne Kiesel, die er in ihrem -Bette findet, in einem hohlen Weidenstamme aufhebt. - -Eines Abends aber, als er eingetrieben hatte und seiner Mutter gegenüber -an der Suppenschüssel saß, erzählte sie ihm, daß sie mit Sand in -Eichstätt gewesen und dort dem Bischof so nahe gekommen sei, daß sie -jedes seiner Worte verstanden habe. - -»Was sagte er denn?« fragte Benedikt. - -»Er stand«, antwortete die Witwe, »mitten unter den Domherren in der -neuen Kirche, die er hat bauen lassen, und beratschlagte mit ihnen, mit -was für Steinen der Fußboden belegt werden dürfte. Der eine riet dies -und der andere das, bis der hochwürdige Herr der Unterredung damit ein -Ende machte, daß er sagte: »Nun, morgen um die elfte Stunde haben wir -die fremden Steinmetzen hieher bestellt und wollen die Proben schauen, -die sie von allerlei Sand- und Marmelsteinen bei sich haben. Aber wir -fürchten, ein solches Pflaster möchte für unsern bischöflichen Beutel zu -teuer kommen. Wir werden uns wohl die Backsteine gefallen lassen müssen, -die am wohlfeilsten sind.« - -»So, so!« versetzte Benedikt, warf seinen Löffel von Horn in die -Tischlade, wünschte seiner Mutter eine gute Nacht und ging unter das -Dach hinauf in seine Schlafstätte. - -Das Sandweib hatte übrigens den Fürstbischof ganz recht verstanden. -Schon bald nach der zehnten Stunde des Morgens versammelten sich in der -neuen Kirche zu Eichstätt, in der von der Hand des Maurermeisters nichts -mehr fehlte als das Pflaster, etliche Steinmetzen, die der Bischof aus -Tirol, dem Fichtelgebirge und dem Rheingau auf seine Kosten berufen -hatte. Die Steinproben trugen ihnen ihre Gesellen in kleinen, hölzernen -Kästchen nach und stellten sie nebeneinander auf eine lange Tafel. -Darauf fanden sich nach und nach mehrere Grafen und Herren aus der -Nachbarschaft ein, die schon reichlich zu dem Kirchenbau beigesteuert -hatten und nun auch noch bei dem Pflaster ein übriges tun sollten. -Endlich erschien auch der Fürstbischof mit allen seinen Domherren und -seinen weltlichen Beamten hinter sich. Als alle beisammen waren, schien -es fast, als sollte eine Kirchenversammlung gehalten werden, so viele -waren ihrer. - -Der Bischof nahm nun die schöngeschliffenen Proben aus den Kästlein, -eine nach der andern und es war keine darunter, die ihm und seinem -Gefolge nicht gefallen hätte. Auch waren zum Teil die kleinen -Marmelsteine in den Schubladen so nebeneinander gelegt, weiße und -schwarze, gelbe und graue, bunte und einfarbige, daß man schon im -kleinen sehen konnte, wie herrlich schön ein Steinpflaster davon im -großen ausfallen würde. Aber als die fremden Steinmetzen nacheinander -sagten, was der Quadratfuß davon schon an Ort und Stelle koste, und als -der Baumeister an den Fingern berechnete, wieviel Quadratfuß er brauche, -und als der Rentmeister die Totalsumme in Goldgulden aussprach, fuhr der -Bischof mit der Hand hinter das Ohr und sein Schatzmeister schüttelte -mit dem Kopf und die Grafen und Herren machten große Augen und sahen -einander schweigend an. - -In diesem Augenblick entstand unter dem Hauptportal der Kirche ein -Geräusch. Zwei Trabanten des Fürstbischofs wollten einen barfüßigen -Bauernknaben nicht hereinlassen und hielten ihre Hellebarden vor; aber -der Knabe duckte sich, schlüpfte darunter hinweg wie eine Henne unter -der Gartentüre und drängte sich dann ohne Umstände mitten durch die -Versammlung, bis er vor dem Bischof stand, dem er den Saum seines -Kleides küßte. Seine Mütze, an der nicht viel zu verkrüppeln war, nahm -er zwischen die Kniee, drei viereckige und zolldicke Schieferplatten, -eine blaßgelbe, eine blaugraue und eine marmorierte, nahm er aus der -Schürze, womit sie umwickelt waren, und legte sie auf die Tafel. Sie -waren noch naß; denn er hatte sie erst in den Dombrunnen getaucht; desto -mehr aber glänzten die geschliffenen Seiten und zeigten, wie schön die -Steine erst dann werden würden, wenn eine kunstgeübte Hand darüber -käme. - -Seine Ware zu empfehlen, meinte der Knabe, sei nicht nötig, sondern er -schaute nur einem von den Umstehenden nach dem andern ins Gesicht und -wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn. Als aber der -Bischof anfing, ihn zu fragen, antwortete er munter und sprach: »Ich -gehöre dem Sandweib von Solnhofen und die Steine habe ich auf dem Berge -hinter dem Kloster gemacht. Wenn ihr noch mehr braucht, so dürft ihr mir -nur euere Steinhauer mitgeben, so will ich ihnen zeigen, wie sie es -anfangen müssen.« - -Der Knabe war Benedikt, unser Ziegenhirtlein. Er hatte nach der -Abendsuppe, bei der ihm seine Mutter von der neuen Kirche in Eichstätt -erzählte, nicht mehr geschlafen. Ein Gedanke, der ihm unter dem Essen -gekommen war, trieb ihn durch die Hintertür hinaus auf den Berg, wo -seine Steine lagen, und von da mit ihnen in der hellen Mondnacht gen -Eichstätt, wohin er den Weg genau kannte von dem Sandhandel her. Seine -Mutter erschrak freilich, als sie ihn in der Frühe wecken wollte und das -Nest leer fand. Sie konnte nicht einmal gehen, ihn zu suchen oder ihm -nachzufragen; denn die Ziegen waren schon alle aus den Ställen gelassen -und standen meckernd auf der Gasse oder naschten von den Blumenstöcken -vor den Fenstern des Pfarrhauses. Übel oder wohl mußte sie tun, als wäre -ihr Benedikt krank. Sie nahm Geißel und Stecken und trieb das Vieh -selbst auf den Berg, wo sie den langen, langen Tag unter vergeblichem -Warten in Sorge zubrachte. -- Aber als sie abends hinter der gehörnten -Schar das Dorf hinunterging, kamen einige Maultiere herauf, ihr -entgegen. Auf dem vordersten saß ihr Benedikt hinter einem Knechte des -Fürstbischofs, und zwar so munter, daß die Witfrau sogleich sah, es -müsse ihm den Tag über nicht schlecht ergangen sein. - -So war es auch. Der Bischof hatte sich sogleich für die Pflastersteine -des Sandbuben entschieden und die fremden Steinmetzen wieder in ihre -Heimat entlassen, den Knaben aber mit in sein Haus genommen, gespeist -und ihm versichert, daß er für ihn und seine Mutter sorgen wolle. Dann -hatte er ihn mit dem Baumeister, der das Steinlager untersuchen sollte, -nach Solnhofen zurückgehen lassen. - -Der Bischof hielt Wort. Nachdem Benedikt bei einem Meister Steinmetz in -Eichstätt in der Lehre gewesen war, ließ er sich in Solnhofen nieder und -hatte fortwährend so viele Bestellungen an Pflaster- und Quadersteinen, -daß es ihm und seiner Mutter nie mehr an dem täglichen Brot fehlte. - - Karl Stöber. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -Hans Lustig. - - -Hans Lustig war armer Leute Kind, sein Vater war Schuhflicker, seine -Mutter Wäscherin. Er war ein kleiner breitschulteriger Junge, etwa zwölf -Jahre alt. Jeder, der ihn ansah, hatte seine Freude an dem munteren -Knaben; denn wie aus seinen dürftigen Kleidern ein kräftiger, gesunder -Körper, ein Paar braune, feste Arme hervorguckten, so schaute aus seinen -Gesichtszügen ein frischer lustiger Sinn hervor, so daß er seinen Namen -nicht umsonst führte. Hans hatte von frühauf zu tun: für den Vater die -Schuhe und Stiefel auszutragen, der Mutter die Wäsche zu hüten und -allerlei Einkäufe für die kleine Wirtschaft zu besorgen. Die ganze -Straße kannte den lustigen Buben, und weil er jeden so freundlich -anlachte, suchten die Leute auch ihm allerlei Freude zu machen. Der -Bäcker schenkte ihm oft einige Fastenbrezeln, die Kunden seines Vaters -allerlei Kleidungsstücke oder irgend ein Spielzeug, und selbst manche -blanke Kupfermünze brachte er seiner Mutter nach Hause, die sie in einer -tönernen Sparbüchse verwahrte. Auch bei allen Kindern in der -Nachbarschaft wurde der Hans bald beliebt. Als er älter wurde, war er -bei allen Spielen der erste und wußte immer was Neues anzugeben. Alle -Spiele gingen gut, wenn Hans dabei war. Da gab's niemals Zank und -Streit; zankten sich wirklich zwei Kinder einmal, fuhr mein Hans -dazwischen, machte jedem ein närrisches Gesicht, und alles mußte lachen. - -Allmählich kam die Zeit heran, wo Hans ein Handwerk lernen sollte, und -da er nach des Vaters Meinung zum Schuster nicht besonders geeignet war, -so sollte er das Handwerk des Herrn Paten erlernen, der ein braver -Schornsteinfegermeister und bei allen Leuten in der Nachbarschaft sehr -angesehen war. Hans gefiel das Ding auch gar nicht übel. Mutig und -gewandt schlüpfte er oben an den höchsten Häusern zu den Schornsteinen -heraus; er wußte nichts von Schwindel, machte allerlei possierliche -Faxen mit seinem Besen und sein russiges Gesicht lachte hinein in den -blauen Himmel und hinab über die Stadt; dabei sang er wie ein Vogel auf -dem Wipfel des Baumes. - -[Illustration: Hans - Schornsteinfeger] - -Die Erwachsenen hatten Hans Lustig lieb und die Kinder auch, trotzdem er -Schornsteinfeger war. Wollte man die Kinder mit dem Feuerrüpel zu -fürchten machen, lachten sie; sie wußten ja, daß der Feuerrüpel niemand -anders war als der Hans Lustig, der keinem etwas zuleide tat, im -Gegenteil allzeit freundlich und gut war, und manche Kinder hatten sogar -den Mut, ihm eine Patschhand in seine berußte Rechte zu geben. - -[Illustration: Haus] - -So wuchs unser Hans immer mehr heran und ward ein tüchtiger -Schornsteinfeger voll Herzhaftigkeit und Behendigkeit. Er konnte -klettern wie eine Katze. Das zeigte er bei dem großen Brande, als das -alte Rathaus mitten in der Nacht plötzlich in hellen Flammen stand! Der -alte Türmer hatte versäumt, das Feuerzeichen zu geben, und so stand das -altertümliche Gebäude mit seinen wichtigen Akten und Urkunden bereits in -Flammen, als man erst das Unglück gewahr wurde. Der alte Türmer war aber -unschuldig; denn in derselben Nacht war er gestorben. Hans war einer der -ersten auf der Brandstätte, und die Gefahr nicht achtend, stürzte er in -das Gebäude und rettete einen Schrank, der die wichtigsten städtischen -Urkunden enthielt. - -Am Tage darauf ließ ihn der Rat der Stadt vor sich kommen, und der -älteste Ratsherr belobte ihn, dankte ihm im Namen der Stadt und fragte, -welche Belohnung er wünsche. Hans antwortete ohne langes Besinnen, man -möge seinem Vater die erledigte Stelle als Türmer übertragen. Dieses -wurde ihm auch sogleich gewährt. Man konnte nicht sagen, wer -glückseliger war, Hans, der seinem Vater eine sorgenfreie Stelle -verschafft hatte, oder der Vater selber, der durch den Mut und die -Bravheit seines Sohnes so über alle Sorgen und recht eigentlich in die -Höhe gehoben wurde. - -Der alte Schuhflicker besserte nun hoch oben auf dem Turme das Schuhwerk -für die Menschen aus, die da unten umherliefen. Hans, der immer eine -besondere Lust und ein Geschick für die Musik gehabt hatte, begann -jetzt, den Zinken blasen zu lernen. In kurzer Zeit brachte er es darin -zu großer Fertigkeit. - -Im selben Jahre, als er Soldat werden mußte, starben seine Eltern. Sie -segneten ihn, denn er hatte ihnen viel Freude und Glück gebracht. - -Beim Regimente wurde Hans Musiker und zeichnete sich hierbei so aus, daß -er nach wenigen Jahren die erste Stelle in der Regimentsmusik erhielt. -Wenn er in seiner betreßten Uniform unter den Musikern steht und den -Takt schlägt, so sieht man ihm nichts mehr davon an, daß er vor Jahren -voll Ruß und ein lustiger Schornsteinfeger war. Sein Titel heißt: Herr -Kapellmeister; aber von alten Verwandten und Bekannten hat er's gern, -wenn sie ihn Hans Lustig heißen, und er macht diesen Namen noch immer -zur vollen Wahrheit. - - Robert Reinick. - -[Illustration: Horn] - - - - -Inhalt. - - - Reimspruch. Robert Reinick 4 - - Zum Tagewerk. Philipp Spitta 5 - - Der Vater und die drei Söhne. M. G. Lichtwer 6 - - Das Tischgebet. Friedrich Güll 8 - - Dem Vaterland. Robert Reinick 10 - - Deutscher Rat. Robert Reinick 12 - - Geschichte vom Nußknacker. F.v. Pocci 13 - - Der alte Landmann an seinen Sohn. L. H. Chr. Hölty 16 - - Der getreue Eckart. J. W. v. Goethe 20 - - Die beiden Pflugscharen. G. Meißner 21 - - Die beiden Äxte. G. Meißner 22 - - Sparbüchslein. Friedrich Güll 24 - - Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt. K. Gerock 25 - - Hurtig an die Arbeit. Friedrich Rückert 27 - - Meister, Geselle und Lehrling. J. W. v. Goethe 27 - - Der Künstler und sein Sohn. Ludwig Auerbacher 28 - - Die Pfirsiche. A. Krummacher 29 - - Die treuen Brüder. Chr. v. Schmid 31 - - Der Bauer und sein Sohn. Chr. F. Gellert 33 - - Das Kind. Fr. Hebbel 36 - - Das Kind am Brunnen. Friedrich Hebbel 37 - - Des Mägdleins Schmuck. Ernst Moritz Arndt 39 - - Der jähzornige Schäfer. Chr. v. Schmid 40 - - Eifer führt zum Ziel. G. Meißner 41 - - Einer für alle. Hambgr. Fremdenblatt 42 - - Der Schatzgräber. G. F. Bürger 44 - - Hoffnung. Frdr. v. Schiller 45 - - Der beste Empfehlungsbrief. Magdeburger Zeitung 46 - - Reinlichkeit. Friedrich Rückert 47 - - Hermann Billings Berufung. Ferdinand Bäßler 48 - - Wohltun macht Freude. Schöppner, Sagenbuch 52 - - Das Loch im Ärmel. Heinrich Zschokke 54 - - Der gekreuzte Dukaten. Berthold Auerbach 58 - - Der Solnhofer Knabe. Karl Stöber 64 - - Hans Lustig. R. Reinick 75 - - - - -FUSSNOTEN: - -[Fußnote 1: 1 Gulden = 1,71 Mk.; 1 Taler = 3.00 Mk.] - -[Fußnote 2: Haag = Residenzstadt in Holland.] - -[Fußnote 3: Legde (Lehde) = Weideland.] - -[Fußnote 4: _Bill_ ist im Sächsischen ein von der Volksgemeinde -bestätigtes Gesetz. Der Mann, der darauf achten mußte, daß -dieses Gesetz gehalten wurde, hieß _Billing_ (Billung), soviel -als heutzutage Schultheiß, Bürgermeister.] - - - - -Anmerkungen des Umkodierers: - -Gesperrt markiert durch: _ - -Zeile 1438: eingefügt (typo) "werden". - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Du deutsches Kind, by Various - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DU DEUTSCHES KIND *** - -***** This file should be named 43891-8.txt or 43891-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/8/9/43891/ - -Produced by Matthias Grammel, Jan-Fabian Humann and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
