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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - - - - -Title: Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung - Inauguraldissertation - - -Author: Elsbeth Georgi - - - -Release Date: September 7, 2013 [eBook #43664] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES -GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG*** - - -E-text prepared by Odessa Paige Turner and the Online Distributed -Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made -available by the Google Books Library Project (http://books.google.com) - - - -Note: Images of the original pages are available through - the Google Books Library Project. See - http://www.google.com/books?id=IhJBAAAAIAAJ - - -Transcriber's note/Anmerkung zur Transkription: - - Alte Schreibweisen des Originals (wie z.B. "hiedurch", - "misverstandener" oder "Schiffahrt") haben wir so weit - wie möglich beibehalten. "G-str." steht für "Generalstreik", - "Kl-str." für Klassenstreik und "Str., str." für "Streik"; - siehe Liste der Abkürzungen. Hervorhebungen im Original - durch _gesperrten_ Druck haben wir mit _Unterstrichen_ - dargestellt. Die Abkürzungen "z.B." und "Z.B." erscheinen - zur besseren Lesbarkeit hier ohne Leerzeichen. - - - - - -THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG. - -INAUGURALDISSERTATION -DER HOHEN STAATSWISSENSCHAFTLICHEN -FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT ZÜRICH -ZUR ERLANGUNG DER WÜRDE EINES -DOCTOR OECONOMIAE PUBLICAE - -VORGELEGT VON - -ELSBETH GEORGI - -Aus Breslau. - -Genehmigt auf Antrag von Herrn Prof. Dr. _Heinrich Sieveking_ am 29. -Februar 1908. - - -Die staatswissenschaftliche Fakultät gestattet hiedurch die Drucklegung -vorliegender Dissertation, ohne damit zu den darin ausgesprochenen -Anschauungen Stellung nehmen zu wollen. - -_Zürich_, den 15. Februar 1908. - -Der Dekan der staatswissenschaftlichen Fakultät: Professor Dr. _Max -Huber_. - - - - - - - -Weimar. -- Druck von R. Wagner Sohn. - - -Herrn Professor Dr. Heinrich Herkner zugeeignet. - - - - -Vorwort. - - -Vorliegende Arbeit ist auf Anregung und unter Förderung von Herrn -Professor Dr. _Heinrich Herkner_ entstanden; ich bin meinem verehrten -Lehrer auch hierfür zu dauerndem Dank verpflichtet. - -Herr Professor Dr. _Heinrich Sieveking_ hatte die Güte, mir wertvolle -redaktionelle Ratschläge zu erteilen. - -An dieser Stelle möchte ich auch allen denen danken, die mich bei der -Sammlung des Materials unterstützt haben. - -_Zürich_, 2. März 1908. - - Elsbeth Georgi. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Abkürzungen IX - Einleitung 1 - -_Erster Teil:_ Das Wesen des Klassenstreiks. - - § 1. Definition 3 - § 2. Eigenschaften des Klassenstreiks 6 - § 3. Ziele des Klassenstreiks 9 - § 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks 12 - § 5. Die Arten des Klassenstreiks 17 - § 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten - Aktionsmitteln 21 - -_Zweiter Teil:_ Geschichte des Klassenstreiks und der - Klassenstreik-Idee. - - Erstes Kapitel: _Vorläufer_. - - § 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und - in neuerer Zeit 30 - § 8. Die Klassenstreik-Idee im englischen Chartismus 32 - § 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich 38 - - Zweites Kapitel: _Die moderne Arbeiterbewegung_. - - (a) Geschichte des politischen Massenstreiks. - - § 10. Belgien 41 - § 11. Schweden 50 - § 12. Österreich 55 - § 13. Deutschland 58 - - (b) Geschichte des Generalstreiks. - - § 14. Frankreich 72 - § 15. Schweiz 80 - § 16. Italien 80 - § 17. Spanien 89 - § 18. Holland 90 - § 19. Rußland 95 - - (c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der - Klassenstreik. - - § 20. 99 - -_Dritter Teil:_ Zur Kritik des Klassenstreiks. - - Erstes Kapitel: _Bedingungen des Klassenstreiks_. - - § 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks 103 - § 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks 116 - § 23. Bedingungen des Erfolgs des Klassenstreiks 125 - - Zweites Kapitel: _Wert des Klassenstreiks_. - - §24. 131 - -_Schlußwort:_ Aufgaben der Gesellschaft. 135 - - Literaturverzeichnis 137 - Übersichtstafel über die Streikarten 144 - - - - -Abkürzungen. - - - Allg. Ztg. = Allgemeine Zeitung München. - - Arb. Ztg. = Arbeiter-Zeitung Wien. - - Bernstein, - "Pol. M-str. u. - pol. Lage" = Bernstein, "Der politische - Massenstreik und die politische - Lage der Sozialdemokratie in - Deutschland". - - Congrès général - ... Paris 1899 = Congrès général des organisations - socialistes françaises, Paris 1899, - compte rendu sténographique - officiel. - - Enquête = Lagardelle, "La Grève Générale - et le Socialisme, Enquête - internationale." - - Friedeberg, - "Weltansch." = Friedeberg, "Weltanschauung und - Taktik des deutschen Proletariats". - - Frankf. Ztg. = Frankfurter Zeitung. - - G-str. = Generalstreik. - - Hdwb. d. Staatswft. = Handwörterbuch der Staatswissenschaften. - - Kl-str. = Klassenstreik. - - Leitart. = Leitartikel. - - M-str. = Massenstreik. - - N. Z. Z. = Neue Zürcher Zeitung. - - N. Zt. = "Die Neue Zeit". - - Prot. Gwft. Kongr. = Protokoll des Gewerkschaftskongresses - zu ... - - Prot. int. Kongr. = Protokoll des internationalen - Kongresses zu ... - - Prot. Parteitg. = Protokoll des Parteitags zu ... - - Rdsch. Soz. Mh. = Rundschau der Sozialistischen - Monatshefte. - - Roland-Holst, - "G-str. u. Sozd." = Roland-Holst. "Generalstreik u. - Sozialdemokratie". - - Soz. Mh. = Sozialistische Monatshefte. - - Soz. Prx. = Soziale Praxis. - - Str., str. = Streik. - - - - -Einleitung. - - -Auch dem oberflächlichsten Beobachter der modernen Arbeiterbewegung kann -es nicht entgehen, welche Bedeutung seit einiger Zeit das -"Generalstreik"-Problem erlangt hat. Kaum ein Monat, ohne daß irgendwo -ein "Generalstreik" ausbricht, versucht oder angedroht wird, kaum ein -Gewerkschafts- oder Parteikongreß, kaum eine sozialistische Zeitung oder -Zeitschrift, die sich nicht auch damit zu beschäftigen hätte. Eine -umfassende Darstellung des "Generalstreiks" wäre daher gewiß eine -verlockende und lohnende, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein -vielsprachiges, in Flugschriften, Vereinsberichten, Zeitungsartikeln -zerstreutes Material müßte gesammelt werden. Dies kann besonders dem, -der der Arbeiterbewegung fernsteht, nicht leicht fallen. Zu dieser -äußeren Schwierigkeit tritt aber noch eine bedeutendere innere. Sie -ergibt sich daraus, daß die "Generalstreik"-Frage aufs Engste mit allen -übrigen sozialen Problemen verknüpft ist. - -Der Versuch, trotzdem ein solches Thema zu behandeln, läßt sich aber -vielleicht dadurch rechtfertigen, daß die folgenden Seiten -nur den Zweck verfolgen, den Leser mit den hauptsächlichsten -"Generalstreik"-Erfahrungen und "Generalstreik"-Lehren bekannt zu -machen. - - - - -_Erster Teil:_ - -Das Wesen des Klassenstreiks. - - -§ 1. Definition. - -Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort -"Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff -herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen -ausschalten, die lediglich Spezialfälle des innergewerblichen Kampfes -der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine -Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten -Berufsangehörigen bezwecken. - -[Fußnote 1: Vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.] - -Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z.B. der große -österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen -Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in -der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz -über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag -herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im -Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer -gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und -ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher -Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische -Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem -Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der -Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897 -hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als -"Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks" -bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand -in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung -willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt. - -[Fußnote 2: Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in -Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03, -p. 45; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über -den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen -Bergleute (p. 42).] - -[Fußnote 3: 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer, -trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über -das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der -Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. _Hue_ über den Generalstreik im -Ruhrgebiet.] - -[Fußnote 4: Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen -der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die -belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl. -_Roland-Holst_ a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die -Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte -die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen, -schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes -aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es -kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (_Leimpeters_, "Die -sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik -mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.] - -[Fußnote 5: Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber -keineswegs genügte, vgl. z.B. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. -305.] - -[Fußnote 6: Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um -wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904 -erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der -Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger -Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik -herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten -30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der -Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem _Ungarn_, streikten -42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde -mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden -als Reservisten eingezogen (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", -p. 15; auch _Ungar_, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die -Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen -die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen -Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten; -die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl. -Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).] - -[Fußnote 7: Vgl. _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p. -15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.] - -Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr -wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung -verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von -Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt,... die zu dem -geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche -Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion -und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige -Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze -Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze -Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller -Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen -sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen -konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und -Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst -weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den -italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten -Generalstreiks, die Anschauungen von _Pouget_ und _Bernstein_, -_Nieuwenhuis_ und _Kautsky_ zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns -begnügen, den sogenannten Generalstreik als _demonstrativen -Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen_ zu -definieren. - -[Fußnote 8: _v. Reiswitz_, "Generalstreik?", p. 82, 83.] - -[Fußnote 9: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.] - -[Fußnote 10: _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso -fordert _Jaurès_ (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus -importantes, celles qui dominent tout le système de la production, -arrêteront à la fois le travail".] - -Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und -Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke -"Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte -Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik", -"Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter -Sympathiestreik (grève généralisée)"; ja, er versteht unter -"Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero -generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen, -bald nur einen Spezialfall derselben.[12] - -[Fußnote 11: Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man -neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday", -"national strike", "general holiday" und "_general strike_" sprach.] - -[Fußnote 12: Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten -auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen -Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor -der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu -bewahren (vgl. z.B. _Ledebours_ Äußerungen gegen Friedeberg auf der -Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905 -["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; _Kautsky_: "Der Bremer Parteitag", p. -7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher -jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden, -während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel -"politischer Massenstreik" heißt.] - -Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung -eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen -wir denn im folgenden für den _Oberbegriff_, also den demonstrativen -Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die -Bezeichnung "_Klassenstreik_", und wir reservieren den Ausdruck -"_Generalstreik_" für den _Unterbegriff_, für eine ganz spezielle Form -des Klassenstreiks. - -§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks. - -(a) _Größe._ - -Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die -Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein _totaler_ Streik, d. h. ein -Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller -Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen -Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner -Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies -betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus -eine _relative Allgemeinheit_ verlangt. Die _untere_ Grenze des -Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe, -deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen -Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe -genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. -Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche -Variationen auf. - -[Fußnote 13: _Girardin_ forderte seinerzeit für seine grève universelle -die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays -civilisés" (cit. bei _Weill_, "Histoire du Mouvement social en France", -p. 34).] - -Die _räumliche Ausdehnung_ kann in gewerblicher oder geographischer -Richtung liegen. - -1. Bei der _gewerblichen_ Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich -vor allem um die _Bedeutung_ der beteiligten _Gewerbe_; diese richtet -sich einerseits rein _quantitativ_ nach der Anzahl der zugehörigen -Lohnarbeiter, andererseits _qualitativ_ nach dem Grad ihrer sozialen -Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben -auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine -umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines -Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung -einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur -Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die _qualitative_ Ausdehnung läßt -sich _positiv_ umschreiben, z.B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die -das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die -das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im -Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas, -Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise -nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert[16]) und in den -sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch _negativ_ -bestimmen, z.B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse -des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter -allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich -hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig" -zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie _Turati_, der -Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph, -Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser -Institutionen... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite, -auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären -Strömungen" schade).[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten -sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden -regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der -Arbeiter selbst gemacht. - -[Fußnote 14: Vgl. _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 6; -_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p. -748.] - -[Fußnote 15: So z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28); -Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. -98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei -_Umrath_, p. 18); so schon _Lovett_ (vgl. _Gammage_, History of the -Chartist Movement, p. 127); auch der "_Weckruf_" vom 28. Mai 04, Nr. 7, -2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".] - -[Fußnote 16: So durch _Herbert_-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06, -p. 285); vgl. auch _Marchioni_, "Massenstreik und Landarbeiter".] - -[Fußnote 17: _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in -Italien", p. 867.] - -[Fußnote 18: _Olberg_; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 132.] - -[Fußnote 19: Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch _Branting_, -("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); _Olberg_ ("Der -italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine -ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens -tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der -Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.] - -[Fußnote 20: Vgl. _Bernstein_, "Ist der politische Streik in -Deutschland möglich?", p. 32.] - -Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des -Klassenstreiks auch nach ihrer _Betriebsform_ differieren; im -allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und -Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum -gefordert. - -2. Die _geographische_ Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits -_quantitativ_ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet -man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je -kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche -Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen -Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen -Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der -übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt, -sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève -généralisée") verallgemeinert. -- Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein -von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso -größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird. --- Andererseits hängt die geographische Ausdehnung _qualitativ_ von der -sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an -allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über -Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor -allem auf die großen Städte beschränken.[21] - -[Fußnote 21: Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, _Schuhmeier_, p. -67, _Resel_, p. 70 ff.; ferner _Lafargue_, Enquête p. 67.] - -Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die -räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem -Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22] -oder für die mobilisierte Armee [so _Nieuwenhuis_] soll unterbrochen -werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es -im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier. - -[Fußnote 22: "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des -_Schweiz_. _Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11 -ff.).] - -Die _zeitliche Ausdehnung_ muß über die Dauer der gewöhnlichen -Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht -unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in -Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch -intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie -in Marseille). - -[Fußnote 23: Vgl. _Göhre_, "Sturmzeichen"; ferner _Roland-Holst_, a. a. -O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der -russischen Revolution", p. 215.] - -(b) _Form._ - -Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive -Arbeits_ruhe_, sondern auch eine ostentative Arbeits_verweigerung_. Die -Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der -Arbeitsverweigerung ab. - -Bei _friedlicher_ Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die -sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich -prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der -Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24] - -[Fußnote 24: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Bernstein_, a. a. O. p. 36; -_Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische -Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert _Jaurès_, -"Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration -_Bernstein_ ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).] - -Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in -absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher -Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25] -"Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die -normalen Attribute des Klassenstreiks. - -[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28. -Mai 04.] - -[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter! -Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad -_Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).] - -[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden, -Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung -eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch -"Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz. -Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).] - -Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich -im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen -Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch -gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat -dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen -Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des -Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die -herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei -das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen -Boden meiner Macht".[31] - -[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. -31.] - -[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der -Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über -den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).] - -[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.] - -[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der -Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über -den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).] - -§ 3. Ziele des Klassenstreiks. - -Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein, -die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um -deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht -unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten; -indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die -Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie -das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar -die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem -die romanischen Sympathiestreiks.) - -Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen -sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder -interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar -handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um -Teilpostulate, wie um Endpostulate. - -Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf -die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von -Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft -beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen -Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war, -_politischen_ Charakter. - -[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893 -aufgetauchten Plan.] - -[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.] - -In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische -Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das -politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung -gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen -"reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und -entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in -Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der -_Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in -Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie, -Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung -des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39] - -[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15; -_Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer -Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot. -Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en -Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland -möglich?", p. 36.] - -[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl. -_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in -Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch -Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen -Gewerkschaftskongreß".] - -[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38); -_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".] - -[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und -politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des -dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la -force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das -Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische -Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand", -Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den -Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht -selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches -Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.] - -[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer -Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04, -p. 193.] - -[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der -Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der -Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in -der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_, -"Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).] - -Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die -sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren -Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf -kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der -Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41] - -[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. -24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr. -London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit. -in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la -classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La -"Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia -organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar -entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder -Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt -Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.] - -[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung -bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des -Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren -Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05 -große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).] - -Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es -sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt, -"Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43] -sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem -Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die -direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt. - -[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. -394.] - -[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft", -zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.] - -[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363; ---_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des -Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.] - -Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der -kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des -Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren -Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48] -Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die -Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen -Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses -sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49] -gerechnet.[50] - -[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la -questione dello sciopero generale."] - -[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_, -"Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40; -_Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes -françaises Paris 1899", p. 254, 255).] - -[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.] - -[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u. -Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).] - -[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_, -"L'Avenir du Socialisme", p. 297.] - -[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel -(_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel -erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem -die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der -Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten -(_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl. -_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen -Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López -Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die -Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich -internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die -Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..." -usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber -machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution -in Barcelona", p. 7).] - -§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks. - -Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf -die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der -Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben. - -Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch -wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße -Ankündigung. - -Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_ -Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die -Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten -nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu -seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik -bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung -der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber -nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles -Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des -Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste, -nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende -Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie -entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der -Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und -aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom -Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle -Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen, -zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder -Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken. - -[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in -Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt -sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen" -(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).] - -[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik".] - -[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische -Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der -Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen -politischen Demonstration auferlegen".] - -[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".] - -[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In -einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am -10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch -in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!... -Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und -Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen -wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des -Sozialismus, Nov. 05, p. 521).] - -[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und -_Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.] - -Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend -_materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die -Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt -werden.[57] - -[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen -Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.] - -Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von -der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt -sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik, -der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung -von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte, -meist kurze Dauer proklamiert werden. - -Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der -Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen -genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar -kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz -der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille -zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man -glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen -Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61] - -[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.] - -[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor -der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu -Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb. -der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den -polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).] - -[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur -Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung: -in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer -Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll -die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt -(_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik -seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert -haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation -socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die -Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das -kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte, -nicht zu beseitigen vermochten.] - -[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.] - -Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik -schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder -geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so -kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten -Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem -Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise -in Rechnung gezogen wird.[63] - -[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire -mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus -irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer" -(_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den -gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei -dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung -erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.] - -[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und -Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden -Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um -der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik -und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr -werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen -Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."] - -Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der -_wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt -es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten -Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren -siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das -Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem -handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um -einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem -letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen -führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der -sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda -für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die -Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in -der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen -hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69] - -[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_, -"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.] - -[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten -(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).] - -[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches -Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes, -als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse -durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten" -(E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. -Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31, -32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß" -gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats" -interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die -Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall -der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).] - -[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische -Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der -sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo -wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes -Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11, -"Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes -Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch -_Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.] - -[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen -Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt -diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen -propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom -9. Jan. 04).] - -[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von -1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des -finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_ -[Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks -auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894, -p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des -schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks -(_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und -österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. -193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer -Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p. -307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261], -_David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.] - -Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_ -werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll -die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das -"erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht" -entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende -Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte) -ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so -gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte -zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende", -"verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die -Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an -eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser -Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern", -"Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz, -als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie -diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-, -Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das -Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in -den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären -Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so -daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der -kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher -vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen -Verhältnisse gestatten würde. - -[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.] - -[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen -"utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder -Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel", p. 195).] - -[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. -31.] - -[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der -Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der -Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero -generale").] - -[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.] - -[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".] - -[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero -generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale"; -die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee -werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht -vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus -und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but -d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité -duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament -contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode" -(_Briand_, p. 15).] - -[Fußnote 77: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, -4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. _Allemane_ (Prot. -int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des -7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei _v. Elm_, -"Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").] - -§ 5. Die Arten des Klassenstreiks. - -Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele -und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der -Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter -denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: _Generalstreik_ und -_politischer Massenstreik_. - -Der _Generalstreik_ strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der -_politische Massenstreik_ mehr nach qualitativem Umfang; ersterer -begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach -internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu -nationaler Ausdehnung. - -Der _Generalstreik_ neigt meist, doch nicht ausnahmslos (_Friedeberg_; -_Briand_), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt -fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären -Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften -Rechts, sondern... als der Typus der revolutionären Tat" gelten -(_Lagardelle_). Der _politische Massenstreik_ hingegen fordert meist, -aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche -"Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung. - -Der _Generalstreik_ vertritt vorwiegend wirtschaftliche, -antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und -unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische -Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der _politische -Massenstreik_ kennt nur politisch-parlamentarische, also nur -unmittelbare Klassenziele. - -[Fußnote 78: Vgl. z.B. _Briand_, a. a. O. p. 6; Resolution der -Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p. -7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten -(vgl. _Richard_, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès -corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl. -"Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der -"_Wahrheit_"); "_Weckruf_" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").] - -Der Zweck des _Generalstreiks_ besteht zum großen Teil in der Wirkung -auf die Arbeiter selbst, der des _politischen_ Massenstreiks fast -ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner. - -Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine -feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als -politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen -sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende -Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht -überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der _subjektiv_ -umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem -_subjektiv_ ihm zugewiesenen Rang _innerhalb der proletarischen -Bewegung_. - -Ein Klassenstreik heißt nämlich _Generalstreik_, sobald er als "_seule_ -lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das -prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80] -_Hauptmittel_ aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei -den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken -sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen -Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter -Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu -politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen -auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen -Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des -letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des -eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85] - -[Fußnote 79: Léon _Quatrehomme_, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée -de patrie et la classe ouvrière, p. 337).] - -[Fußnote 80: Vgl. z.B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; _Friedeberg_, -"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; _Thesing_, a. a. O.; -_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, -p. 26, 28, 30, 71; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 157; _Umrath_, -a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto -genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall' -esperienza della vita" (_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. -211; ähnl. _Briand_, p. 4, 5; _Kautsky_, a. a. O.; derselbe, "Die -soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière -elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (_Louis_, p. -293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction -politique" (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79).] - -[Fußnote 81: Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint -der Klassenstreik z.B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int. -Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit -(Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der -"Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die -Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und -Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. --Nach dem Bericht der Étudiants -socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den -internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris -stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame) -allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und -sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl. -_Eltzbacher_, p. 5, 6).] - -[Fußnote 82: Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam) -betrachtete übrigens, gemäß der Resolution _Malatesta_, die -Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre -Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden -dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische -Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).] - -[Fußnote 83: Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer -Aktionen herabsinkt" ("_Weckruf_", 28. Mai 04, vgl. auch z.B. -_Friedeberg_, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 3; _Sorel_, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für -die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("_Weckruf_", 9. -Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den -kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes... zu verwässern" -(_Friedeberg_, "Weltansch."; ähnl. Franz _Winter_, "Brief aus -Österreich" ["_Weckruf_", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik" -["_Weckruf_", 28. Mai 04]).] - -[Fußnote 84: Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli -altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o -condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma -specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che -alla rivoluzione menano" (_Labriola_, a. a. O.).] - -[Fußnote 85: _Winter_, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon -dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte, -sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können"; -ähnl. das Anarchistenblatt "_Neues Leben_" (cit. in der Allg. Ztg. -19./4. 02); ferner "_Weckruf_" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der -Generalstreik"); _Berth_ (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement -socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).] - -Ein Klassenstreik heißt aber _politischer Massenstreik_, sobald er als -bloßes _Hilfsmittel_ im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus -Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens -koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er -meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie _Turati_ -sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden -darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in -extremen Fällen.[90] - -[Fußnote 86: Prot. Parteitg. Jena 05, _Zetkin_, p. 324, _Bebel_, p. -338; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).] - -[Fußnote 87: _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. -141 ff.; _Delory_, P. O. F. (Congrès général des Organisations -socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff); _Umrath_, a. a. O.; -Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg. -Jena 05, p. 302).] - -[Fußnote 88: Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; _Liebknecht_, -(Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); _Zetkin_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, -p. 196); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution -der ital. Integralisten (vgl. _Olberg_, "Der Parteitag von Rom"); -Congrès général... Paris 1899, p. VII, 236-60; _Kautsky_, "Die soziale -Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; _Zetkin_ (vgl. -Vorwärts 23. Aug. 05); _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische -Experiment"; _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141; -_Umrath_, a. a. O.; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.] - -[Fußnote 89: Z.B. _v. Elm_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226); -ähnl. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); _Bernstein_, -"Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".] - -[Fußnote 90: Z.B. _v. Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem -Mannheimer Parteitag"; _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. -Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution _Adler_); Prot. Parteitg. Wien -03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr. -Amsterdam, p. 8, 24 ff.] - -Als solch extremer Fall erscheint einerseits die _soziale Revolution_; -und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle -"in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das -Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus -verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen -Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im -Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des -politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild -von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94] -Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch -noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen -vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95] - -[Fußnote 91: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die -soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution"); -_Umrath_, p. 19, 20; Enquête, p. 208; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", -p. 169; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394; -_Willert_, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). --Über den -Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: _Bissolati_, "Das Ergebnis -der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch _Eckstein_, p. 360.] - -[Fußnote 92: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O., p. XII ff.] - -[Fußnote 93: _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch -_Briand_ (Congrès général... Paris 1899, p. 156); _Parvus_, a. a. O.; -_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen -04, p. 193; "'Der politische Massenstreik' und der Staatsanwalt", -Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen _Löbe_ (wegen Abdruck der -_Bernstein_'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug. -05. -- Andere, wie z.B. _Hue_ (vgl. "Partei und Gewerkschaft"), -_Vliegen_ (vgl. "Der zehnte Parteitag der niederländischen -Sozialdemokratie"), _Bömelburg_ (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05) -glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev. -Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der -Augenblick diese schon mit sich bringen werde.] - -[Fußnote 94: Dies rühmt z.B. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 182 ff.] - -[Fußnote 95: So spricht z.B. _Roland-Holst_ (p. 95 ff.) vom pol. -M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes -(zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale -Revolution), während z.B. nach der _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. März -04 (cit bei _David_, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für -die soz. Revolution in Frage käme.] - -Andererseits erscheint die Bedrohung der _sozialen Evolution_ als der -extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen -Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem -Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der -politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht -einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege.. -der proletarischen.. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung -des Sozialismus überhaupt.[97] - -[Fußnote 96: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland -möglich?"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der -ökonomischen Macht"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff., -34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; -_Bernstein_ als Zeuge im Prozeß gegen _Löbe_, a. a. O.; _v. Elm_ (Prot. -Parteitg. Jena 05, p. 323;) _Jaurès_, a. a. O.; -- _Olberg_, "Der -italienische Generalstreik", p. 22. -- _Hilferding_, p. 142; _Destrée -und Vandervelde_, p. 22; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05).] - -[Fußnote 97: "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum -Generalstreik" (_Hilferding_, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr. -müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z.B. von _Vliegen_ -("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase" -abgelehnt; (vgl. oben p. 14).] - -§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln. - -Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats -verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger -Funktionen beruhen oder beruhen können. - -Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug _wirtschaftlicher_ -Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher -Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in -erster Linie um die Mittel mit _obligatorischer_ Arbeitsverweigerung. -Unter diesen begreift der Normalfall, die _offene_ Arbeitsverweigerung, -also der _Streik_, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht -letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen -großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum -partiellen Streik. - -Die _gewerbliche Wirkung_ eines Streiks auf die Unternehmer beruht im -allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion. -Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit -gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes. -Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im -Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die -Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives -Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die -Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw. -während des Streiks): negatives Interesse. - -Das _positive Interesse_ wird zwar vom Massenstreik, also auch vom -Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker -noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die -Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem -partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und -erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter -auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei -wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen -gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja, -auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden -Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen, -Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der -Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99] - -[Fußnote 98: Es kann beim Kl-str. um so weniger Rücksicht auf die -wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den -politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. _Hanich_, Prot. -Parteitg. Wien, 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen -Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da -sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der -Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen -Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.] - -[Fußnote 99: Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks, -pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. _ab-Yberg_, p. 95).] - -Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers -normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den -partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses -bezüglich des _negativen Interesses_ ein. Die Unternehmerkonkurrenz -spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der -Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander -konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die -Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den -kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung -schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. --Das -Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des -Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an -Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit -der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103] - -[Fußnote 100: Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik -gegen Monopolisten (vgl. _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks").] - -[Fußnote 101: Da diese sich ev. schon an den positiven -Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer -empfindlicher zu treffen, schlug daher _Ellenbogen_ (Prot. Parteitg. -Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik -ausdrücklich auszunehmen.] - -[Fußnote 102: _Eckstein_, p. 258, 259; _Grosch_, "Der Generalstreik", -p. 14, 15; vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.] - -[Fußnote 103: Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer -übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den -Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. _Düwell_).] - -Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer -Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen -Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers -an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein -negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also -keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks -angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus -etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104] - -[Fußnote 104: Dies tut z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. -32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch -_Umrath_, a. a. O.; _Dejeante_ (Congrès général... Paris 1899, p. 257 -ff.). -- Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung, -daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen -(bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado, -Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte -die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den -Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132), -sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. _Kautsky_, "Der Kongreß -in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; _Roland-Holst_, -"G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; _Bernstein_, "Trust und Streik"; -ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416; -ders. am Parteitg. in Jena, Prot. p. 315; _Stadthagen_, ebenda, p. -330).] - -Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter -Umständen die außergewerbliche, die _soziale Wirkung_ ersetzen, die den -partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen -unproletarischen Streiks[105] zukommt. - -[Fußnote 105: Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter, -Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der -Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die -österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen -Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen -zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung -der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von -der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).] - -Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der _Zahl_ der -Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen -veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine -allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106] - -[Fußnote 106: _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die -Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das -Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler -Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch -zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der -Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich -ziehen usw.] - -Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf -die soziale _Bedeutung_ der stillgelegten Werke an, wonach sich die -soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial -wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen -den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden -Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das -gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und -Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner -in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung -auf die Gesellschaft.[107] - -[Fußnote 107: Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die -Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde -z.B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die -belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen -Genossen fernzuhalten.] - -Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen -Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung -ausgesetzt, -- ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede -gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird. - -Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ -bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um -ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu -halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn -große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt -am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst, -Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden -Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine -"Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108] - -[Fußnote 108: Auf eine solche Wirkung rechnen _Parvus_, a. a. O.; -_Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); _Roland-Holst_, a. a. O. p. 100 -ff.; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.] - -Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen -sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen -Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die -notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im -öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der -kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie -publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten -soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_ -handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum -mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um -dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als -_Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen. - -[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.] - -[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).] - -[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl. -Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).] - -[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl. -_Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.] - -Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks -treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um -Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit -handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des -Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen -Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets -veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.) - -Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß -auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen; -hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche -Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten -versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die -"widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit -unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den -Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies -manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer -wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß -also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen -gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche -Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die -Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen -Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113] - -[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr. -vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber -auch beim reinen Kl-str. denkbar.] - -Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke -des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser -indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die -Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig -Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen -Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig -zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte -gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung -erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der -Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die -Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114] - -[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die -politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik -sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a. -a. O.).] - -Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also -eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht, -so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der -von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also -ein indirekter Streikdruck lasten. - -Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist -natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig -gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und -Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der -durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so -überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter -gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen -revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung -sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den -Streik predigen.[118] - -[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z. -B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B. -_Bourdeau_, p. 442.] - -[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.] - -[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der -politische Massenstreik", p. 416 ff.] - -[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle -l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse, -qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à -agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_, -"Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_, -"Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, -27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et -Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich -bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er -zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse -lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière -organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".] - -Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so -kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach -der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu -unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so -wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen, -wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt -den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so -kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer -Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120] - -[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch -mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon -beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr. -Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl. -_Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien -05, p. 131).] - -[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B. -_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen -Revolution", p. 216).] - -Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen -Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der -versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen -Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_. - -Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder -_Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den -Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten -Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß -tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die -den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In -großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb -angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines -Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine -"verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein -zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch -mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder -erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität -verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet -"systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124] -"Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125] -ist also völlig verwerflich. - -[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_, -"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf -_Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.] - -[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.] - -[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_ -("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das -englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man -übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in -das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus -aufstellt, nicht gehört".] - -[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail -(vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der -"_Wahrheit_").] - -[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr. -283.] - -Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit -Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele -verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen -äußerst nahe. - -Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe -verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung -und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere -kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war -ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127] -Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische -Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale -Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1. -Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder -Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden -nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als -"würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der -Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem, -neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen -aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt -ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative -de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher -Klassenstreik ansehen. - -[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration -in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl. -_Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a. -a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei -Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol. -M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der -politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a. -a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg. -Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)] - -[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche -Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des -Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der -"öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von -Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893, -p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).] - -[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of -Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die -Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai -1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).] - -[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.] - -[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int. -Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04, -p. 53 ff.] - -[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der -Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl. -Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).] - -[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf -den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder -auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln; -Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei -Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in -einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53 -ff.).] - -[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.] - -Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft -sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der -handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe -Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich -nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche -Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur -einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen -Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem -Klassenstreik verbunden sein.[134] - -[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu -bieten.] - -Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt -die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen -Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als -auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger -Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch -ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem -Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen -Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es -in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder -eigenmächtige Steuerverweigerung. - -[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing" -und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr. -M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler -vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in -Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung -des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105). -Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene -Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um -"durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung -menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl. -_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).] - -[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_) -schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr. -Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).] - - - - -_Zweiter Teil:_ - -Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee. - - - - -Erstes Kapitel: - -_Vorläufer._ - - -§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit. - -Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner -heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den -sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der -Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel -älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte -kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn, -aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den -"sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel -ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern -nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der -Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer -ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der -_Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140] -Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug -militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch -zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten -entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession -empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches -Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141] - -[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem -Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9. -12. 05).] - -[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).] - -[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die -politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den -jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p. -3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet -(vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung, -Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.] - -[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um -freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer -erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt -worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer -Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue -Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten -Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg -auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach." -(_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap. -II, p. 263, 264).] - -[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten -Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p. -19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_, -"Les grèves politiques", p. 425.] - -Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der -kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen -Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14. -Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter -der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen -sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen -Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte -_Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der -Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu -haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren -des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu -nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die -Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe -herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen -aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144] - -[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.] - -[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p. -240 ff., 410. --] - -[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 -Jahren", p. 507.] - -Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig -eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits -_Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir -justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den -privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez -garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour -être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147] - -[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en -Belgique", p. 258.] - -[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also -Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.] - -[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a. -O. p. 13.] - -Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große -Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses -Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller -Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat -selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des -Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu -verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener -Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische -Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen -werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern -ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des -Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor -haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet. - -[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).] - -[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.] - -§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus. - -In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines -"Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine -Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu -stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den -Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der -Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres -projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach -wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit -der Antike verknüpft. - -[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische -Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im -Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem -"Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger -Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B. -_Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124, -125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins -Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen -Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen" -(S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).] - -[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches -Kampfmittel", p. 960.] - -Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging -von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von -_Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein, -um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem -feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des -Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den -gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class -as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a -solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be -raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be -directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled -upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week, -during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded, -nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das -Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war -Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der -"physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl, -das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder -dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das -Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil -er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren. -Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen -Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt -wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die -Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die -moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und -verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158] -vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung -kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der -heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte. - -[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636. ---_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer -"political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an -denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm -zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die -Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am -16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die -heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition -nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf -dem großen Birminghamer Meeting 1838.] - -[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.] - -[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung -werden.] - -[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".] - -[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl. -_Gammage_, a. a. O. p. 43).] - -[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.] - -[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.] - -Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber, -als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf -den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche" -wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die -linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres -Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner -baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem -Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev. -Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of -labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous -Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839), -bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest -eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent, -"a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual -remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a -sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die -Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den -übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats -(z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten -Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would -cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds, -dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der -großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung -eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den -"voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der -Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des -Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli -wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage -proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen -unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165] -Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen -Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das -Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen: -war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem -Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten -Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede -Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter -traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg -ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für -inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks -festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die -Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet -dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden -Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte -der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem -heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die -Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige -Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung -für den national holiday war vorläufig beendet. - -[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr -die Rede.] - -[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.] - -[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder -beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham; -vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.] - -[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.] - -[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.] - -[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche -Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen -Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als -Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit -einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p. -126-130).] - -[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred -month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground" -(cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).] - -[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der -Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen -Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch -nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den -heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse, -entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und -entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p. -129-145).] - -[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".] - -[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary -arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der -Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit -eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des -Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes -Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl. -_Gammage_, a. a. O. p. 146).] - -[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen -wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien -von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p. -641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47, -48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).] - -[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades" -angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).] - -Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu -angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch -die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus -der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur -hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die -Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen. -Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament -verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder -in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a -few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die -Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte -Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer, -liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden, -zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht -ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich -anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke -auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch -in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende -Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die -wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und -doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation -der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday -glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die -Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum -Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats -zurückfielen".[177] - -[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.] - -[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the -conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.] - -[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.] - -[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol. -Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a. -O. p. 48.] - -[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a. -O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren -Chartistenminorität.] - -[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.] - -[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.] - -Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5. -August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire, -Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und -Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180] -gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische -Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as -they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter -became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu -Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen, -(woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die -Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an -Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte -deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering -erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch -immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the -peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187] -und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so -brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder -aufgenommen.[189] - -[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den -12. Mai als Beginn (p. 427).] - -[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der -Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150 -Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000 -Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester -und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den -Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)] - -[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton, -Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung -empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren -ließen" (_Brentano_, a. a. O.).] - -[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem -Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug. -in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher -wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the -delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August -mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte -fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das -Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O. -p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter -Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem -überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie -die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when -an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be -against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)] - -[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.] - -[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.] - -[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte -übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen -und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl. -_Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).] - -[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.] - -[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.] - -[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der -Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern -der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen -59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a. -a. O. p. 231).] - -[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der -Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p. -249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend -abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte -man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer -fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.] - -[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O. -p. 136, 137.] - -Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die -Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the -blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte -dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß. - -[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.] - -Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt -nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191] - -[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine -Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_ -["Enquête" p. 186]).] - -§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich. - -Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der -Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch -angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der -geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis -Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève -universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le -consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le -boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme, -jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un -compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer, -pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour -de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera -tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194] - -[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der -Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den -Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p. -20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da -der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl. -Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich -übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten. --- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str. -"wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht -genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber -ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str. -war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der -Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat -noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.] - -[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396 -ff.] - -[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in -seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck -"grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach -diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement -tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für -eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst -_Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt -keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit -später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in -der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les -violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen -Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens -später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er -den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers -contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber -auch hiermit keinen Anklang. - -[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.] - -[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive" -(1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en -France (1852-1902)", p. 23.] - -[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de -l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).] - -In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen -Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte -Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen -Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik" -(Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt -erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in -der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199] - -[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des -Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine -zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche -Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W. -_Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.] - -[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.] - -Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen -Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten -Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen -Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den -modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben. - -Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868 -lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der -Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de -Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les -grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper -nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch -unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch -Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer -Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß -auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204] -Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die -belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis, -daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik -eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden -Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden -Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205] - -[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.] - -[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im -internationalen Verbande", p. 239.] - -[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die -drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im -Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p. -76.] - -[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.] - -[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21 -ff.).] - -[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft". -Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in -Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl. -_Pouget_, Enquête, p. 39).] - -Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille), -dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks -zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille -aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on -compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre -seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für -denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt; -aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik. - -[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.] - -Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es -hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische -Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte -er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den -Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem -Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande -der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen -sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in -geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf -Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation, -teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208] - -[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.] - -[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).] - -Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der -Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in -den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in -Amerika, wieder zur Sprache. - -[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.] - - - - -Zweites Kapitel: - -_Die moderne Arbeiterbewegung._ - - -(a) Geschichte des politischen Massenstreiks. - -§ 10. Belgien. - -Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde -von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in -Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als -bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die -ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den -Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu -stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische -Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung -der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im -Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen -Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der -Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der -Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893 -schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche -Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700 -Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes -privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit -46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen -_Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen -hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals -überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung -des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie -beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch -Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern -auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève -générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die -Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden -politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe -Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener -belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei -so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede -gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige -polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen. -Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26 -Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen -hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den -allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221] -die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223] -im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte. --- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge -und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der -bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen -verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der -Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die -Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu -bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen -allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228] -verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am -18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm -die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und -ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten -"Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14 -Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den -demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte -fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am -gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die -Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens -behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte -die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen -Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April -war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder -hergestellt.[229] - -[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst -seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl. -_Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".] - -[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200 -000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch -_Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p. -57.)] - -[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en -Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch -Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von -75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und -_Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die -folgenden Jahre.] - -[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die -Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident, -_Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.] - -[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.] - -[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg. -4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon -zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891, -und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß -vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)] - -[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß -die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren -würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg. -Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000 -Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.] - -[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl. -_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)] - -[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des -Verfassungsrats.] - -[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub -geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter -zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich, -Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p. -429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)] - -[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen -Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf -sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr -einseitiger Beurteilung nahe liegt.] - -[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der -Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht -vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)] - -[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen, -Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.] - -[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann -besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg. -Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu -(bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des -Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14. -streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich -begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten -(am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am -17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten -dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.] - -[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll -die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000 -betragen haben.] - -[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von -Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen; -bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein -kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf -Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am -19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z., -19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters -vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem -Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch -bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die -Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La -Louvière.)] - -[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor -der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende -beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am -13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13. -in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und -Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60 -Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes; -am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N. -Z. Z., 18./4. 93.])] - -[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16 -Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der -21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.] - -[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.] - -[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter -gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu -Ruhestörungen durch Ausständige.] - -Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es -scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu -danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen -Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem -Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige -Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte; -brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an -Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein -anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als -etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233] -Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres -machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die -Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch -um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem -Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht -nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch -für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach, -als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren; -da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen -vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg -begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das -sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die -liberale Welle trug. - -[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch -in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler -Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20. -April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck -der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor -dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung -des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr -ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z. -unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die -Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt, -den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden -Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen -Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um -Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu -zwingen".] - -[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von -1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne -ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung -sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse... -und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach -ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol. -Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit: -denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16 -Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die -Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.] - -[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.] - -[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht -mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.] - -[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal -gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl. -Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892 -abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme, -daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld -unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik, -Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum -ernst zu nehmen sein.] - -[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.] - -[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die -Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den -Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5. -93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek -eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu -inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr -erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z. -19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum -Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen -Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer, -das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_, -Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der -Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.] - -[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).] - - * * * * * - -Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28 -Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige -antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U. -(suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik -schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer -"Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten -die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den -Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den -Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die -Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901 -verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich -nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und -forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der -Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende -von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte. -Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der -Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der -Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter -annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im -Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie -daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen -Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie -proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16. -April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der -Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur -Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete -sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April -mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle -Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253] -wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter -streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die -Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich -zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in -allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der -Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer -Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu -inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr -für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die -Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von -Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste -Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale -Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte -nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch -die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in -den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit -82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren -Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte -sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren -Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des -Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die -Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu -normalen Verhältnissen zurück.[266] - -[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die -Sozialisten sogar 32 Vertreter.] - -[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als -pol. Kampfmittel", p. 196.] - -[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.] - -[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die -Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu -Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.] - -[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.] - -[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens -ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen -das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die -Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel, -30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.; -_Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4. -02).] - -[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.] - -[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf -Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum -der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen -Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz. -Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".] - -[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen -senden.] - -[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen -Garden" die Agitation betrieben.] - -[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02); -_Vandervelde_ a. a. O. p. 45.] - -[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.] - -[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du -Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).] - -[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das -belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein -im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über -150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle -nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer -"nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im -gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.] - -[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht -in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a. -O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.] - -[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster -Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), -ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, -teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. -haben nahezu volle Arbeitsruhe.] - -[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen -unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen -sich aus.] - -[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz -_Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl. -_Vandervelde_ a. a. O.).] - -[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000 -Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.] - -[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.] - -[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du -Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.] - -[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902 -seitens _Vandervelde's_.] - -[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche -Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4. -1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt -schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z. -Z. 19./4. 02).] - -[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender -Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch -die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile -belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht -(N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck -(N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise -überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht -ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).] - -[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.] - -[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.] - -[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.] - -[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel -blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze -Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein. -_Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von -"vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle -selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger -vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").] - -[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des -18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. -Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe -1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von -Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der -Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; -Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).] - -So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische -Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte: -die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der -Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des -antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst -zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik -zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem -Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab -denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an -welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last -gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der -Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu -setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch -längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm -von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung -an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die -belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht; -insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu -hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das -Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim -Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit -jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U. -ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er -"zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die -Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz -überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der -proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893 -getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen. - -[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.; -_Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.] - -[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.] - -[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. -47.] - -[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu -erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der -Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als -politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den -Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl. -_Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, -p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den -parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks -noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die -belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik -keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte -den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um -das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_ - -[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z. -Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. -02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.] - -[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: -mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05], -welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten -Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung -(vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl. -_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster -Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische -Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein -dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a. -a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie -entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. -Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung -der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der -Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst -aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären -Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten -die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; -bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. -der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. -02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte -(Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft -scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und -der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus -zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen -Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und -N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur -wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt -und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch -völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus -überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02; -_Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; -_Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und -zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der -politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen -Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; -Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)] - -[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4., -demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z. -14./4).] - -[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und -"Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.] - -[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten -vor.] - -Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch -nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik -verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann" -erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende -auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug -aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der -belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen -außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue -Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich -wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde -des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der -belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die -Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats. - -[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel", p. 193.] - -[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht -in Belgien".] - -[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der -politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a. -a. O.] - -Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève -générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen -Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem -Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279] - -[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.] - -§ 11. Schweden. - -Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht -psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in -einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden -ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise -auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert, -sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen -Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch -"Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung" -hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte, -resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des -Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf -alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte -"bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des -Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet -werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später -allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt -werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter -werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest -"durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung -der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem -Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage -berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die -sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche -Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen -"Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft -nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu -lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die -Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und -das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der -Wahlrechtsvorlage nahe zu legen. - -[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.] - -[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der -Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen -19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z. -24./5.).] - -[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. -54.] - -[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.] - -[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.] - -[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische -Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen -Stimmrechtskampagne", p. 624.] - -[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom -10.-13. April.] - -[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.] - -[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 -und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.] - -[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten -des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000 -Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten -schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am -12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das -Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw. -gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).] - -[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.] - -[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. -54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen -ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht -gekommen" sei.] - -[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.] - -[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 -ff.] - -Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen -bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem -Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000 -Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen -weit übertraf". - -[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.] - -[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.] - -[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-, -Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. -16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die -Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig -(vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. -54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig" -(_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und -Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg -(_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am -15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es -wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester", -Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der -Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg -z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter, -Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.); -diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für -die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land -betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).] - -[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; -_Bourdeau_, p. 431.] - -Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm -bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der -Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben -soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die -Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch -die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja -seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die -Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig -erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck -gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind -anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während -des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den -Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger -Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai -auch wieder aufgenommen.[306] - -[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe -in Schweden", p. 422.] - -[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom -Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken, -Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die -Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man -schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und -N. Z. Z. 16./5.).] - -[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die -Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg. -15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg. -Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen -Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).] - -[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und -Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten -wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg. -17./5.).] - -[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in -Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl. -Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).] - -[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.] - -[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420; -_Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine -Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen -Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch -bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen -Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in -Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden -(Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe -in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein -(vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die -Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der -Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche -Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch -auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die -friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe -in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand -Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte -dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).] - -[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".] - -[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in -Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in -Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen -Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.; -_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).] - -Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf -das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht -verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte: -ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe -gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte -nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines -Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309] - -[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.] - -[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende, -sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei -nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede -Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_, -"Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln -1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine -neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen -Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine -Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier -keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel").] - -[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe -überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.] - -Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks -gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht -sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so -weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik -inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über -Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen -Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und -obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum -Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den -Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die -Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des -Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße -Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung -versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den -größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken -des Klassenstreiks vorläufig fallen. - -[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423) -nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt -worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter -Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden -vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen -(Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den -Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor -einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed. -Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der -Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich -bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur -in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den -Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.] - -[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen -gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von -der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot -allmänfarliga sträjker").] - -[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen -Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer -und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens -tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen -Wahlrechtskampf").] - -[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke -Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als -sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda -betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen -Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).] - -[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um -dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung -der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse -für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz. -Mh. Mai 04, p. 410).] - -[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p. -623, 624.] - -[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht -noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das -Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu -Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.] - -§ 12. Österreich. - -In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik -ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen -Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von -1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den -Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu -bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht -befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes -Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen -momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen -noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321] -entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des -Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern -1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322] -Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene -Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern -zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich -aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische -Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325] -Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht -zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde -durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen -Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er -denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf -und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu -proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern -weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die -Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher -vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im -Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer -mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei -weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen -Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner -gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte -auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der -Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener -Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem -Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus -bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich -Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die -Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie -für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer -entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen -laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest -gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu -Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische -Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der -Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336] -Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas -_beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in -proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des -österreichischen Volkes. - -[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der -Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war -gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener -Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.] - -[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts -(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).] - -[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und -gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen -Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das -allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der -Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber -angenommen.] - -[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).] - -[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an -und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in -Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den -folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen -statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei -ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred -_Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").] - -[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.] - -[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien -1894, p. 55, 71 ff., 97).] - -[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.] - -[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.] - -[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag -schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß -Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der -Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande -wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl. -"Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten -sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan. -1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt -des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest, -doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter, -unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht -demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der -Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den -Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl. -Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).] - -[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der -Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz. -Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).] - -[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.] - -[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie -Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.] - -[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der -Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9. -(oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks -auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).] - -[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.] - -[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der -Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und -sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien -zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks -beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni -einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die -letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der -Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion -gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die -Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener -Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen -Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend -zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den -Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).] - -[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.] - -[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl. -Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).] - -[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.] - -[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr. -Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der -nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.] - - * * * * * - -Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die -übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück. -Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert -werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen -Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen -Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen -ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch -der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das -ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der -Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch -die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite -gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen -Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343] -verdanken. - -[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.] - -[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an -den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).] - -[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in -Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern -der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3. -April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden -Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).] - -[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand -verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die -Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).] - -[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.] - -[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7, -ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_, -"Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).] - -[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die -Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12 -Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die -Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg. -Wien 1903, p. 32, 33, 38).] - -§ 13. Deutschland. - -In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich -energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_: -Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der -sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings -erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner -Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur -Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der -Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem -Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb -Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze -Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee -nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist -in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften" -Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe -zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen -sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen. - -[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer -Theorie und Taktik", p. 292.] - -[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.] - -[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den -Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den -Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische -Gewerkschaftsbewegung vor.] - -[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung -der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der -Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".] - -[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den -G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte -Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und -Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".] - -[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr. -183.] - -1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die -die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der -politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den -Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg -geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351] -ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte" -Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung -der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen -Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie -hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des -Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich -hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den -politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten -Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse -politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_. -Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen -versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären -Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene -Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren -parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen -sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder -Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere -Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen -Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere -Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche -Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des -Generalstreikgauls".[358] - -[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p. -35.] - -[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).] - -[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über -"Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um -"die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die -Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die... -immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des -Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).] - -[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); -vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und -Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer -sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05) -forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte -genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu -ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das -Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str. -u. Sozd.").] - -[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.] - -[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische -Massenstreik" Nr. 33, p. 3.] - -[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès -d'Jéna", p. 281-307.] - -[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p. -685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.] - -[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a. -O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das -Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit -der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"] - -2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem -außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel. -Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als -_Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der -italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die -deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang -1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit -politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung, -vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen -gefördert haben. - -[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im -gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der -ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland -nicht notwendig gewesen.] - -[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. -Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); -_Cohnstaedt_, a. a. O.] - -[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und -Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und -politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks -ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik" -(Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag") -rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit -revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der -_Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom -8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe -glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein -Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".] - -3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die -_internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam. - -4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_ -des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten -aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den -Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge -darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug. - -[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung -der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen -übermäßige Bedeutung erlangt.] - -_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen -"ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen -können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik -sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches -Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches -Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die -Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur -der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte -Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst -_Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft -besondere Beachtung zu finden".[366] - -[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.] - -[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".] - -[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", -p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und -Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept. -1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang -(vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).] - -[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.] - -Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische -Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367] -verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die -Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu -politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen -Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem -Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des -Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der -sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische -Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine -Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und -wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor, -während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren -Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer -1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und -Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_ -Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen -Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten -Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß -ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und -fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen -Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372] - -[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische -Massenstreik".] - -[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren -Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den -Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch -wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen -Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag", -"Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4. -Juli 06).] - -[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.] - -[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von -_Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".] - -[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der -_Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen -Massenstreikdebatte.] - -[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2. -Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer -Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte: -_Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders -gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch -ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_ -verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in -Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl. -auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.] - -5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die -Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten -noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten -genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der -Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der -Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R. -_Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn -geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die -"Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden -sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine -Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach -_Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der -Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso -versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen -Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach -er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des -deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine -anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de -resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des -Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei -die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den -ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei -sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner -Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems -genötigt.[380] - -[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17 -000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden; -_Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen -Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur -Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter -Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer -mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem -Anarchismus zugewandt.] - -[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.] - -[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt, -der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches -Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen -angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik -des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer -Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer -Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9. -04).] - -[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35, -Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".] - -[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287 -ff.] - -[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.] - -[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch -"fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade" -ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart. -vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der -Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion -nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension -über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".] - -[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307); -mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die -Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen, -weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda -nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in -Deutschland war.] - -Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die -deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie -sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch -auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den -Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen, -nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen" -Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der -Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen -Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe -gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem -Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener -Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen. - -[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und -_Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg. -Dresden 03, p. 134, 431 ff.] - -[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland -möglich?"] - -Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der -Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen, -die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber -als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für -den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und -das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter -ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz, -die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und -als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der -Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer -Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384] - -[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr. -_Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte, -die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu -beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).] - -[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über -den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur -Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche -literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu -beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_ -erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht -erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).] - -Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten -die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für -welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen -den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die -immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um -etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven -zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom -_Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige -Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen -Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch -ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst -eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu -können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige -Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle -Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine -bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens -sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine -_event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht -abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln -nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der -Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die -Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die -Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie -erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo -der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394] -Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr -Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine -Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und -Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den -politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu -ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie -auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene -Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den -leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte, -noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß -dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie -hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse -hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd; -wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse -geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im -allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen -den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats -eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat -in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier -und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach -links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion. - -[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.] - -[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.] - -[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung -in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2. -Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der -Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands -fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag -werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den -Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot. -Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).] - -[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.] - -[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne -Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).] - -[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen -angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).] - -[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher -Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. -Mannheim 06, p. 241 ff.).] - -[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts, -31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß -billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu -_Roland-Holst_, p. VIII).] - -[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734, -735.] - -[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.] - -[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der -Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die -Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis -und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.] - -[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena -"absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften" -gestellt.] - -[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_, -a. a. O. Nr. 33.] - -[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die -Gewerkschaften", p. 928.] - -[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch -_Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p. -984).] - -[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.] - -Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere -_Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf -die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die -Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung -bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich, -daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen -nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im -Massenstreik gipfeln müsse. - -[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".] - -Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene -_ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren -unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und -Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber -setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen -wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß -zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16. -Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die -Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über -die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und -daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt -waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer -Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs -bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf -Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze -zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber -durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls -gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der -deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen -Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten -sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die -Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. -- Diese -Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu -freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur -um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über -den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im -Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks -abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der -Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom _Parteitag_ 1906 in -_Mannheim_ bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller -diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die -Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch" -miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer -Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden -zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution -entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie -auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich -defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund -der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414] - -[Fußnote 402: Dies führte natürlich zu unerfreulichen -Auseinandersetzungen, z.B. zwischen dem Vorwärts und _Bernstein_ (vgl. -"Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304; -_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die -"Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen -Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. _Elm_, _Frohme_ und -_Lesche_ im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich -die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution -wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). -- _Bernstein_ -klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form -seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O. -und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. _Schmidt_, "Irrgänge der -Massenstreiktaktik".] - -[Fußnote 403: Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl -besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im -Sande verlaufen war.] - -[Fußnote 404: Die 6 _Bebel_'schen Sätze notierte sich, da kein -Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, _Silberschmidt_; in der -_Silberschmidt_'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen -einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor -(die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls -akzeptierte.] - -[Fußnote 405: Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.] - -[Fußnote 406: Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von _Bebel_ formuliert -worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen -sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit -wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1. -Juli 06). -- Nach _Bebel_ soll dieser Satz gelautet haben: "der -Parteivorstand hat nicht die Absicht, _gegenwärtig_ den politischen -Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden -_müssen_, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission -zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der -Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die -Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, -soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen" -(Vorwärts, 1. Juli 06).] - -[Fußnote 407: Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei -und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik -ausbrechen würde.] - -[Fußnote 408: _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.), -_Silberschmidt_ (ebenda, p. 301 ff.).] - -[Fußnote 409: Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die -Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils -des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der -Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und -Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft -aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06 -[Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).] - -[Fußnote 410: Man stritt, ob die von _Bebel_ verteidigte -Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z.B. die -"Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die -_Silberschmidt_'sche (dies behauptet z.B. die Karlsruher Volksstimme -[vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni -06, Nr. 175); ob _Silberschmidt_ die _Bebel_'schen Thesen "sinngemäß" -niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen -oder können; ob _Molkenbuhr_ den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang -der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt -gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt -genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen -"Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.] - -[Fußnote 411: In Mannheim referierte wiederum _Bebel_ über den pol. -M-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm _Legien_ das Korreferat (Prot. -Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).] - -[Fußnote 412: Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den -M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".] - -[Fußnote 413: So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.] - -[Fußnote 414: Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution _Bebel_ mit -Amendement _Bebel_ und _Legien_ und einem Teil des Amendements _Kautsky_ -durch 386 gegen 5 Stimmen.] - -Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer -Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem -Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl -die Rede sein. Trotzdem war eine _Wandlung_ vor sich gegangen.[415] Es -wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen -Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion -herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen -den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich -in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab. - -[Fußnote 415: Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten -Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (_Hoffmann_, -Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.] - -[Fußnote 416: In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine -praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so _Rob. Schmidt_, Prot. -Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.] - -Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene _Jenaer Resolution_ eine -kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden -Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen -Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die -Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung -genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die -In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an -sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher -partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen -"permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in -defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der -Gewerkschaftsdevise 'kommt Zeit, kommt Rat'" blieb.[421] -- In dieser -äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare", -die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422] -Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur -Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen, -als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen -auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht -überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks -auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare -Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der -kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige -Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik -zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene -Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen -Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die -Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der -Partei[429] geschöpft hatten. - -[Fußnote 417: Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.] - -[Fußnote 418: E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik". -("Einigkeit", 9. Dez. 05.)] - -[Fußnote 419: _Michels_, a. a. O. p. 305.] - -[Fußnote 420: Vgl. _Legien_ (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.); -_David_, _Michels_ (a. a. O.) _Labriola_ (cit. bei _Michels_) und andere -sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter -zu.] - -[Fußnote 421: _David_, "Rückblick auf Jena".] - -[Fußnote 422: Vgl. z.B. die _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im -Vorwärts, 14. Juli 06.] - -[Fußnote 423: Vgl. _Bebel_, "Der Bremer Parteitag"; _Liebknecht_, Prot. -Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; _Heine_, "Politischer Massenstreik -im gegenwärtigen Deutschland?"] - -[Fußnote 424: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot. -Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.] - -[Fußnote 425: _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 4. Juli -06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen -_Bebel_'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.), -ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des -russischen Proletariats" verwiesen wurde.] - -[Fußnote 426: Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach -Deutschland hinüber zünden.] - -[Fußnote 427: Z.B. Kurt _Eisner_ in der "Neuen Gesellschaft", cit. im -Vorwärts, 12. Juli 06; _Stapfer_, "Wahlrechtsbewegung und -Massenstreik".] - -[Fußnote 428: Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der -Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).] - -[Fußnote 429: Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf -(vgl. die "_Einigkeit_", 2./9. 05); ähnlich auch z.B. _Nieuwenhuis_ -(cit. bei _Michels_ a. a. O.) und Ed. _Berth_ (Notes Bibliographiques, -Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).] - -Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der -_Februar-Konferenz_ und in der Verteidigung der _Bebelschen Thesen_[430] -zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts -durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von -maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch _defensiver_, der -Diskussion darüber nur _akademischer_ Charakter zugebilligt.[432] Es -wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt -gewesen wäre.[433] Diese _Interpretationswandlung_ aber wurde von den -tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine -"Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist -des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten" -worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend -notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den -leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu -weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde -die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese -aber bestanden - -1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der -Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren -Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände -eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440] - -2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung; -denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen -Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer, -als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441] - -3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung -gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst -zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der -Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig -aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein -würde.[443] - -[Fußnote 430: Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand, -_Legien_ usw.] - -[Fußnote 431: v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer -Parteitag".] - -[Fußnote 432: Z.B. Vorwärts, 14. Juli 06.] - -[Fußnote 433: Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so -sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen -(Vorwärts, 4. und 11. Juli).] - -[Fußnote 434: Vgl. z.B. _Sächs. Arbeiterztg._, cit. im Vorwärts, 4. -Juli 06.] - -[Fußnote 435: Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "_Einigkeit_", -23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der -"freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli, -abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in -ihrem Ärger die sechs "Thesen".] - -[Fußnote 436: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.] - -[Fußnote 437: Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.] - -[Fußnote 438: So nennt z.B. _David_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. -259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den -"Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt; -Geheimer Kriegsrat Dr. jur. _Romen_ ("Massenstreik und Revolution") -erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen -wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen -zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu -ernster Besorgnis; doch z.B. die _Norddeutsche Allgemeine Zeitung_ -bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im -Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben, -mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den -eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine -bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die -"_Nation_" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige -Beurteilung". Die _Frankf. Ztg._ (5./7. 06) sprach von "großen Worten", -"Fiasko" und "leisem Rückzug".] - -[Fußnote 439: Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so -sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über -Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch -viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei -den christlichen Gewerkschaften.] - -[Fußnote 440: Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne -die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten -könne.] - -[Fußnote 441: Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden -war, geben z.B. _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die -Gewerkschaften" p. 928, _Bebel_ und andere Redner am Mannheimer -Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z.B. auch die -_Düsseldorfer Volksztg._ (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der _Vorwärts_ -(14./7. 06) zu.] - -[Fußnote 442: Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß -eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die -Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder -verschwunden sei (_Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte"; _Kautsky_; -Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. _Elm_ -("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734) -und _Bebel_ hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die -Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für -Preußen paßten (vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik"; _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. -227 ff.; _David_, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische -Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als -die preußische (_Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.; -Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei -und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese -Meinung (vgl. auch Leo _Arons_, "Ergebnisse und Aussichten der -preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane -Ablehnung des pol. M-streiks (z.B. das Bochumer "_Volksblatt_" und die -Dortmunder "_Arbeiterztg_.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).] - -[Fußnote 443: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen -Deutschland?"; Rob. _Schmidt_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). -- Wie -ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit. -Streik liegen, zeigt der _Massenstreikversuch_ in _Hamburg_ vom -17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die -Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte, -hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen -veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze -Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine -Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im -Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern -von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die -Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot. -Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).] - -In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen _Gradmesser für -das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft_. Mehr und mehr muß die -Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in -der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern -tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu -Stande.[445] - -[Fußnote 444: Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß -an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.] - -[Fußnote 445: _Kautsky_ ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger -Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne -der Parteiauffassung.] - -Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück -kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die -ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der -sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen -brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie -dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase -mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse. - -[Fußnote 446: _Kolb_ ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die -M-str.-Diskussion als "total überflüssig".] - - -(b) Geschichte des Generalstreiks. - -§ 14. Frankreich. - -Der _amerikanische Gewerkschaftskongreß_ von 1885 hatte beschlossen, am -1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen _Generalstreik_ zu -inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die -junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich -beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt -nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie -verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der -anarchistischen Führer in Chicago. - -[Fußnote 447: Anfang der 1880er Jahre hatte _Most_ unter den deutschen -und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden -(vgl. Georg _Adler_, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2. -Aufl. 1, p. 313, 314.)] - -[Fußnote 448: _Bourdeau_, "Les grèves politiques" p. 428.] - -[Fußnote 449: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.] - -Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen _Einfluß auf die -Arbeiterbewegung_ auch in _Europa_ aus. Hier arbeiteten sie einerseits -der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die -Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten -besonders in den _romanischen Ländern_ festwurzelte. - -[Fußnote 450: Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer -internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit. -bei _Weill_, a. a. O. p. 275, Note).] - -In _Frankreich_ wurde diese aus Amerika importierte -Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst -genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des -_Gewerkschaftswesens_ oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise -und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die -"Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals -noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen _Guesdisten_ -stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für -den Generalstreik als Emanzipationsmittel. _Briand_, der sogenannte -"Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452] -entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an -Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892, -zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453] -Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck -der kurz zuvor durch das Ministerium _Dupuy_ verfügten Schließung der -Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip; -immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte -geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454] -Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die -"Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität -schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte -sich in die "_Confédération du Travail_" (C. T.), die sich zum -Generalstreik bekannte[456] und ein "_Comité de la grève générale_" -einsetzte.[457] - -[Fußnote 451: _Weill_, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p. -405 ff.; Léon de _Seilhac_, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85, -194-196, 211, 219, 293; _Halévy_, "Essais sur le Mouvement ouvrier en -France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; _Léon Blum_, "Les congrès -ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141, -144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.] - -[Fußnote 452: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution" p. 3, -4.] - -[Fußnote 453: Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer -und revolutionärer Zwecke (vgl. _Briand_, a. a. O. p. 6; _Blum_, a. a. -O. p. 134 ff.; _Buisson_, "La grève générale", p. 37).] - -[Fußnote 454: _Weill_, a. a. O. p. 282, 283.] - -[Fußnote 455: _Blum_, a. a. O. p. 145 ff.] - -[Fußnote 456: So z.B. in Tours 1896 (vgl. _Blum_, a. a. O. p. 159); -schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden -sein (vgl. Frh. von _Reiswitz_, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den -Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).] - -[Fußnote 457: _Weill_, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich -dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als -man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die -Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités -de la grève génerale" in Verbindung zu setzen (vgl. _Pouget_, [Enquête, -p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die -Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z.B. der Fall -gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl. -_Weill_, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und -Schrift zu sorgen.] - -Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "_Fédération -des Bourses du Travail_" eine weitere gewerkschaftliche Organisation, -die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] -- Die -gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen -einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur -"_Confédération générale du Travail_" (C. G. T.), dem sogenannten Parti -syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische -Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben -dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460] -so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von _Pouget_ gepredigte -"action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den -höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai -1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt" -einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den -Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462] - -[Fußnote 458: Unter _Pelloutiers_ Einfluß, und seit dem Regionalkongreß -in Tours, (vgl. _Weill_, a. a. O. p. 275).] - -[Fußnote 459: _Weill_, a. a. O. p. 405 ff.] - -[Fußnote 460: _Blum_, a. a. O. p. 189.] - -[Fußnote 461: Albert _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".] - -[Fußnote 462: _Rappoport_, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p. -229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique" -im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der -Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4. -Morgenblatt).] - -Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den -Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen -Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im -Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht -vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die -Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung -der grève générale sind vielmehr _psychologische_ und _politische -Gründe_ maßgebend. - -[Fußnote 463: So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums -(Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung -wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik -angeschlossen, was, wenigstens nach _Briand_ (a. a. O. p. 11), der -bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das -Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung -(_Weill_, a. a. O. p. 406, und _Bourdeau_, a. a. O. p. 442). -- Etwas -günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember -1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt -haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter -Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige -wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die -Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht -worden (vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p. -14, 42, 43).] - -[Fußnote 464: _Delory_ (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).] - -Vor allem stellen die _Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen -eines Bruchteils der französischen Arbeiter_ dar. Die gewerkschaftliche -Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen -Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die -Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten -Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die -großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen -von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines -merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine -_anarchistische Minorität_ majorisiert werden, da letztere über eine -größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468] -Also nicht etwa das organisierte Proletariat schlechthin[469] hat in -Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences", -sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen -Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen -Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt -vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe -die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und -die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt -werden sollen. - -[Fußnote 465: Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der -franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik" -[Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"], p. 9), deren gewerkschaftliche -Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein -französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen -Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. _Griffuelhes_ aus -der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov. -05]).] - -[Fußnote 466: Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen -mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf -dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der -Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200000 Arbeiter -angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr. -verfügen!!" (_Rappoport_, p. 233).] - -[Fußnote 467: Z.B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und -Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. _Rappoport_ a. a. O.).] - -[Fußnote 468: Frankf. Ztg. a. a. O.; _Rappoport_, a. a. O.; _Weill_, a. -a. O. p. 411; _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus -in Frankreich", p. 26, 27. -- Vgl. auch _Lagardelle_ ("Die -syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine -Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der -amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische, -klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt, -untergehen".] - -[Fußnote 469: Wie _Briand_, p. 16, behauptet.] - -[Fußnote 470: _Weill_, p. 410, 411.] - -Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch -die Ausdehnung des "_gelben_" _Gewerkschaftswesens_ in Frankreich noch -künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung -des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die -organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf -allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft -scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471] - -[Fußnote 471: W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni -07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe -Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der -französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung -durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der -action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist". --- Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 -- (der Senat -wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht -nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam -nie in die Kammer [vgl. _Weill_, p. 334]) -- soll die G-streiktendenzen -gefördert haben (vgl. _Briand_, p. 12ff.).] - -Hierzu gesellten sich nun noch _politische Enttäuschungen_. Die -übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische -Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472] -Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen -Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder -daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen -sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die -zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473] - -[Fußnote 472: _Thomas_, "Achtung!.. usw.".] - -[Fußnote 473: _Weill_, p. 275, 405.] - -Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der _sozialistischen Parteien_ -Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der -Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem -Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die -syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch -politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den -Generalstreik büßten die _Guesdisten_ Anfang der 1890er Jahre ihren -Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die _Allemanisten_ -traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische -Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477] - -[Fußnote 474: Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung -Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und -Sozialpolitik, XXIII, 2).] - -[Fußnote 475: _Weill_, p. 408.] - -[Fußnote 476: Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens -zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-Tg. -(vgl. _Blum_, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige -Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre -Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl. -Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr -Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).] - -[Fußnote 477: Die Allemanisten erkannten stets, z.B. auf ihren -Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als -Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; _Blum_, p. -128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert _Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, -79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit -genug (vgl. z.B. _Pouget_, [Enquête, p. 63 ff.)].] - -Auch der sog. _Einigungskongreß_ von 1899 trug der syndikalistischen -Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel -und Wege zur Eroberung der Macht". - -[Fußnote 478: _Briand_ hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève -générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale" -(vgl. Vorwort zu _Briand_, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde -hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl. -_Delory_ [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation -socialistes françaises Paris" 1899, p. 395, 410.).] - -_Jaurès_ nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des -Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen -_Guesde_ der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die -Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480] - -[Fußnote 479: _Weill_, p. 408.] - -[Fußnote 480: _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine -Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu -(vgl. _Weill_, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).] - -Auch die _geeinte Partei_ mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen -und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die -syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse -bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen -guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und -Gewerkschaft. - -[Fußnote 481: _Rappoport_, p. 231.] - - * * * * * - -Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks -zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der _Generalstreik in -Marseille vom Jahre_ 1904. - -In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern -und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den -Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen -wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung -der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z.B. die -Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie -schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und -schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus -Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die -Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter -und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft -mit Proklamierung des _Generalstreiks_ in Marseille und mit -Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller -Häfen des Mittelmeers zum _Solidaritätsstreik_.[485] Beide Ausstände -nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht -nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten -spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in -Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere -an.[487] - -[Fußnote 482: Vgl. André-E. _Sayous_, Sécrétaire général de la -Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de -Marseille en 1904"; _Sayous_, wie auch v. _Reiswitz_ vertreten in ihren -Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.] - -[Fußnote 483: Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles _Rist_ (Krit. Blätter f. -d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden -großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits" -(gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu -erproben.] - -[Fußnote 484: Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.] - -[Fußnote 485: Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller -See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9. -04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9. -04).] - -[Fußnote 486: In Cette z.B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in -den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom -5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La -Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux -beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den -Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg. -Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der -benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus -Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. _Reiswitz_, p. 58); -die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die -wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die -Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9. -ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle -Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen -der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf -Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. _Reiswitz_, p. 58; -vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).] - -[Fußnote 487: So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der -Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg. -5./9. 04).] - -Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu -Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen -mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb -stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste -getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien -bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch -den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung -des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz -besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber -dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch -zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften -zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des -Marineministers _Pelletan_ eine große Unterstützung gewährt haben;[496] -der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches -Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß, -wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er -den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen -Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und -Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung -scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498] ---Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am -14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500] - -[Fußnote 488: Allg. Ztg. 6./9. 04.] - -[Fußnote 489: Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den -Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg. -5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (_Sayous_); auch in Cette -und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).] - -[Fußnote 490: Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte -sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen -Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.] - -[Fußnote 491: Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9. -waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen, -außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9. -04).] - -[Fußnote 492: _Sayous_; _P. Louis_, "Die Streiks in Frankreich", p. -596.--v. _Reiswitz_ (p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel -und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu -hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.] - -[Fußnote 493: Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert, -ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua -anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von -Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen -Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die -Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an -Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im -gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und -13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel -zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).] - -[Fußnote 494: In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf -50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).] - -[Fußnote 495: Am 10./9. beschlossen z.B. die Dock- und Hafenarbeiter -die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem -Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der -ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9. -arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch -1000-1200 Docker, am 27./9. sogar 2500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg. -Ztg. 11., 28., 29./9. 04).] - -[Fußnote 496: Vgl. _Sayous_; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.] - -[Fußnote 497: Allg. Ztg. 31./8. 04.] - -[Fußnote 498: Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.] - -[Fußnote 499: Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die -Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der -Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22. -unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil -sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch -die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und -28./9. 04).] - -[Fußnote 500: Vgl. _v. Reiswitz_, p. 58.] - -§ 15. Schweiz. - -In der Schweiz wird der _Generalstreik_ fast ausschließlich von den -Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen -Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen -des _politischen Massenstreiks_.[503] Der einzige schweizerische -Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden -dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand -bezeichnenderweise in _Genf_ statt.[504] - -[Fußnote 501: Vgl. den "_Weckruf_" z.B. vom 28. Mai 04.] - -[Fußnote 502: So lehnte z.B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in -Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. -522).] - -[Fußnote 503: Arbeitersekretär _Grimm_ verwies in seinem Vortrag "Der -politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks, -z.B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das -Sekretariat des _Schweizer. Gewerbevereins_ ("Begleiterscheinungen bei -Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen -Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen, -da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und -direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z.B. den Artikel "Im Prinzip", 15. -Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).] - -[Fußnote 504: Vgl. über den G-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht -des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes... für das -Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der -Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen) -Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10. -wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte -am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich -allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts -mehr nützen konnte".] - -§ 16. Italien. - -Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang. -Die _sozialistische Partei_ scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt -zu haben. Der reformistische Flügel (_Turati_, _Bissolati_ u. A.), wie -auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die -"Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (_Labriola_ usw.), die -seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und -die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre -praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur -des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung -des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den -angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen -Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in -der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute -den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die -Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den -Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906 -verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des -Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur -Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion". - -[Fußnote 505: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in -Italien".] - -[Fußnote 506: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom".] - -[Fußnote 507: _Bissolati_, "Die Krise in der italienischen -Sozialdemokratie".] - -[Fußnote 508: Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich -auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß -bedingungsweise für den G-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p. -282.).] - -[Fußnote 509: Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich -zum G-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. _Olberg_, "Die italienischen -Wahlen", p. 278).] - -[Fußnote 510: _Olberg_, "Der Parteitag in Rom".] - -Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen -Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle -Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu -erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der -größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der -_Generalstreik vom September_ 1904.[512] Die Veranlassung desselben -bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513] -Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische -Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen -derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del -Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die -Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und -Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt -haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das -Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September -angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den -sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen -dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf -des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des -"Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und -würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer -wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der -Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das -Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik -einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die -Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des -Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß -der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa -occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den -breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der -Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben. - -[Fußnote 511: _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 19; -_Bourdeau_, p. 432.] - -[Fußnote 512: Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den -konservativen Standpunkt vertretend, _Marazio_, "Il partito socialista -italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt -vertretend, insbes. _Olberg_, a. a. O. p. 18-24.] - -[Fußnote 513: Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich -neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn -die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen -wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z.B. in Torre Annunziata, Berra, -Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen -Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).] - -[Fußnote 514: Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.] - -[Fußnote 515: _Olberg_ a. a. O.; vgl. auch _Leimpeters_, "Zum -Generalstreik".] - -[Fußnote 516: So von den 2000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im -Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen -Generalversammlung, nach Anhörung von _Labriola_ und _Mocchi_, -einstimmig beschlossen (vgl. auch _Bourdeau_, p. 433).] - -[Fußnote 517: Vgl. _Olberg_, a. a. O.] - -[Fußnote 518: "La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée -social, Nov. 04).] - -[Fußnote 519: So faßt es _Marazio_ auf (p. 135).] - -Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520] Es -beteiligten sich Parteiangehörige und Mitglieder der Arbeitskammern, -besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521] im ganzen eine -Million Menschen,[522] deren Ausstand den "Eindruck eines -Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523] Nur die Eisenbahner -fehlten fast vollständig,[524] "sebbene i socialisti li pregassero e li -scongiurassero a fare causa comune con essi".[525] Der Grund für diese -Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines -Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei -deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht -gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526] teils in der -Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei -verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit -"Militarisation" seitens der Regierung,[527] teils in der Rücksichtnahme -auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende -Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs -Spiel gesetzt worden wären.[528] - -[Fußnote 520: Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza -aus (ca. 7000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100 -000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9. -die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua -Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle -Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl. _Olberg_, a. a. O.; nach der Allg. -Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin; -am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt; -Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine -eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4000, -in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000 -Feldarbeiter (vgl. _Olberg_ a. a. O.).] - -[Fußnote 521: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).] - -[Fußnote 522: Vgl. _Bourdeau_, p. 433.] - -[Fußnote 523: _Olberg_, a. a. O.] - -[Fußnote 524: Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena -(vgl. _Olberg_ a. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p. -465).] - -[Fußnote 525: Vgl. _Marazio_, p. 176.] - -[Fußnote 526: _Olberg_, a. a. O., und "Nachträgliches zum -Eisenbahnerstreik", p. 380.] - -[Fußnote 527: Musée sociale, a. a. O.] - -[Fußnote 528: Vgl. _Marazio_, p. 176, 113-136; _Olberg_, a. a. O.] - -Die _unmittelbare Wirkung_ des Streiks war eine "schwere Erschütterung -des öffentlichen Lebens".[529] Der Lokalverkehr in den Städten war -unterbunden,[530] die Zeitungen fehlten,[531] die Lebensmittelversorgung -versagte,[532] die Beleuchtung litt.[533] Es kam auch wiederholt zu -Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen -annahmen.[534] Bei der Verübung von allerlei Unfug[535] sollen übrigens -weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt -gewesen sein.[536] Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man -ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des -Zulässigen gehalten zu haben.[537] Dieser relativ friedliche Verlauf mag -teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung -auferlegte,[538] teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die -Aufrechterhaltung der Ordnung.[539] Dies alles vermochte aber nicht die -steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden -Unannehmlichkeiten zu dämpfen. Die Bürgerschaft begann, den Verhaftungen -Beifall zu spenden.[540] Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in -sozialistischen Kreisen,[541] durch das Benehmen der Syndikalisten -verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats" -inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen -Gewalt bemächtigt haben;[542] sie habe "die groteske Parodie einer -provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der -streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation" -geworden sei,[543] sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife -der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544] - -[Fußnote 529: Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das -Wirtschaftsleben (vgl. _Bourdeau_, p. 433, bes. auch _Marazio_, p. -142-150).] - -[Fußnote 530: Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom -16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen -behindert gewesen sein (_Bourdeau_, p. 433).] - -[Fußnote 531: In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino -dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem -Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen -Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte -(vgl. Allg. Ztg. 23./9.).] - -[Fußnote 532: In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein, -die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena -stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß -Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften -z.B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die -Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten, -sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von -Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung -an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die -Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg. -Arbeitsruhe aus (vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg. -Ztg. 17./9. 04; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883.).] - -[Fußnote 533: Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (_Olberg_, -a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil -der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den -Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die -Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. bei _Marazio_, p. -143).] - -[Fußnote 534: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand -schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte -an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob" -befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in -Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks, -anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu -blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in -der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in -Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der -übernächsten Nacht wiederholten.] - -[Fußnote 535: Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen -der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu -stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken, -Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger, -Hinderung des Tramverkehrs.] - -[Fußnote 536: Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich -proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung -ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9. -"der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten -einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg. -21./9. 04; vgl. auch _Marazio_, p. 162).] - -[Fußnote 537: Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober -04 (cit. bei _Bourdeau_, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke -bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein -Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei -guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird -(vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str."; _Turati_, "Lehren u. Folgen des -G-streiks in Italien"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22 -ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten -Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.] - -[Fußnote 538: Dies zeigte sich z.B. in der vorsichtigen Haltung des -Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit -großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt -wurde (_Olberg_, p. 24; _Bernstein_, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg. -20./9. 04).] - -[Fußnote 539: In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z.B. am -16. in Mailand durch _Rigola_, _Taroni_, _Turati_), ebenso in den -Aufrufen (z.B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den -Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch -organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst -durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während -der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).] - -[Fußnote 540: Vgl. _Turati_, cit. bei _Bourdeau_, p. 434; Musée -sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.] - -[Fußnote 541: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom"; _Turati_, "Lehren -und Folgen des G-streiks in Italien".] - -[Fußnote 542: _Bourdeau_, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485; -_Bissolati_, a. a. O.] - -[Fußnote 543: Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des -Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der -Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen -Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl. _Turati_, a. a. O.).] - -[Fußnote 544: "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9. -04).] - -Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik -getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben -diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber -es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare -Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der -Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums, -oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all -dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein -Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge -fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über -die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz -leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die -Bürgermeister von Mailand (_Barinetti_) und Turin (_Frola_) an den -Ministerpräsidenten _Giolitti_ und erhielten von ihm die Zusicherung, -daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei -friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur -Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure -sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine -ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um -von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten -Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch -eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form -kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens -der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als _Barinetti_ -das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich -die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die -Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und -forderte _Giolittis_ Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der -äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand -beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach -Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die -Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen -Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer -zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch -möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552] - -[Fußnote 545: _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.] - -[Fußnote 546: Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p. -483, 484; _Bourdeau_, p. 434.] - -[Fußnote 547: _Bömelburg_, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).] - -[Fußnote 548: _Leimpeters_, "Zum G-str.", p. 883.] - -[Fußnote 549: _Marazio_, p. 158.] - -[Fußnote 550: Allg. Ztg. 20./9. 04.] - -[Fußnote 551: Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines -Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der -Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern -Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein -Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den -21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und -Heizer) noch einige Zeit.] - -[Fußnote 552: _Bissolati_, a. a. O.] - -Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die -Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553] -Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure -materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war -also reichlich teuer erkauft. - -[Fußnote 553: _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 71; _Olberg_, p. -19, 24; _Bourdeau_, p. 433.] - -[Fußnote 554: _Leimpeters_, p. 883; _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. -278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht -getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche -Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.] - -Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere -Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war -wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien -verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren -Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen -schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen -Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der -Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's -Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559] -_Giolitti_, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik -einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der -Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht -zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für -den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle -Erfindung der "_Dienstobstruktion_", die am 26. Februar 1905 begann und -erst am 5. März, nach _Giolittis_ Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber -die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (_Fortis_) entzog den -Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das -Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die -Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck -brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz -_Giolittis_ Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564] -Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem. -Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert -hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie -auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele -Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher -gewährte Unterstützung.[566] - -[Fußnote 555: Allg. Ztg. 26./9. 04.] - -[Fußnote 556: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis -der ital. Wahlen", p. 958; _Marazio_, p. 168, sagt: "lo sciopero -generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella -pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il -governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle -argine".] - -[Fußnote 557: Vgl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. -380; _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Turati_, a. -a. O.] - -[Fußnote 558: _Turati_, a. a. O.; _Bissolati_, a. a. O.; _Bömelburg_, -a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung -begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten -schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten -die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren, -vgl. _Marazio_, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von -164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem -Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen, -deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig -angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. _Olberg_, "Die ital. -Wahlen").] - -[Fußnote 559: _Marazio_, p. 160, 173, 174.] - -[Fußnote 560: vgl. _Marazio_, p. 170; _Turati_, a. a. O.] - -[Fußnote 561: Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; _Lerda_, "Ostruzionismo -ferroviario e politica proletaria", p. 376.] - -[Fußnote 562: _Marazio_, p. 177 ff.; _Olberg_, "Nachträgliches zum -Eisenbahnerstreik", p. 380.] - -[Fußnote 563: Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme -des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens -erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern -Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen -allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz. -Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; _Marazio_, a. a. O.).] - -[Fußnote 564: 1905 z.B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl. -_Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei -dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende -Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte -Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx. -17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907 -(hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.] - -[Fußnote 565: _Bourdeau_, p. 434.] - -[Fußnote 566: _Turati_, a. a. O.] - -In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also -zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem -Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568] -gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird -in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben -soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu -stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem -weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin -schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der -Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der -Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin -einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste -Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen -Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so -daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern -bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es -"vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der -Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des -italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen -könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die -herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den -tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem -italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza -proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im -Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung -nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus -als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern. --- Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das -italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf -hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904 -nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575] - -[Fußnote 567: _Leimpeters_, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.] - -[Fußnote 568: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.] - -[Fußnote 569: _Turati_, a. a. O.] - -[Fußnote 570: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.] - -[Fußnote 571: "Vorwärts", cit. bei v. _Reiswitz_, p. 78.] - -[Fußnote 572: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.] - -[Fußnote 573: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.] - -[Fußnote 574: Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500 -Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei -_Marazio_, p. 97).] - -[Fußnote 575: Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen -bewies z.B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908 -("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in -determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il -lavoro", Genua, 10. März 1908).] - -§ 17. Spanien. - -So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten -seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei -es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten -kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen -derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578] - -[Fußnote 576: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte -und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" -stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).] - -[Fußnote 577: P. _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.] - -[Fußnote 578: Vgl. _Iglesias_ (Enquête). Die spanische Literatur war -mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich -nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903 -(_Roland-Holst_, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird -behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg -der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu -Nr. 11 der "_Wahrheit_"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.] - -Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der -_Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902_ gewesen sein. Etwa 100 000 -Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik -nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die -Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580] -das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe -wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten -und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke -an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen, -Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und -Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und -begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich -schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine -Gefährdung des Koalitionsrechts.[582] - -[Fußnote 579: Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.] - -[Fußnote 580: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte -und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" -stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).] - -[Fußnote 581: _Bebel_, a. a. O. p. 305; _Bourdeau_, p. 431.] - -[Fußnote 582: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte -und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" -stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).] - -Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz -abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische -Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?) -veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach -Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es -heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu -protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen -Kundgebungen anschlossen.[583] - -[Fußnote 583: Juan A. _Melia_, "Der Sozialismus in Spanien".] - -§ 18. Holland. - -Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der -bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung -zusammen. Domela _Nieuwenhuis_ übte mit seinen abenteuerlichen -Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das -holländische Proletariat aus[584] Gerade der Generalstreikidee dankte -die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast -vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst -das Fiasko des _Generalstreiks im April 1903_ gab "dem Glauben an die -Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Stoß."[586] - -[Fußnote 584: Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen -politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition -des holländischen Proletariats (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die -Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").] - -[Fußnote 585: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel", p. 194.] - -[Fußnote 586: Dr. Gust. _Mayer_, "Der internationale -Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem -glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu -schlagen" (vgl. _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", -p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen -Aprilstreik.] - -Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung -streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und -bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war -ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der -ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich -verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten -nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf -einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner -am _29. Januar_ in einen _Sympathiestreik_, stellten aber zugleich -auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die -antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische -Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem -Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um -Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr -vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum -Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende -Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu -Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende -Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der -Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte -sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung -ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch -verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise -über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der -Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung -kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die -nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den -Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den -Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch -kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein -proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über -das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen -Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der -Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592] -deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des -parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie -der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner, -beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz -der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen -Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen -beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften -zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur -Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch -sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar -keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen -Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in -Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit -zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den -"Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär -genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde -immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die -Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften -über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut -keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen -Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu -angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern. -Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die -Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur -Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den -_Generalstreik_ für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60 -000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam, -wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar -machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks -kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des -sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an -Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte -eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den -Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht -auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14 -Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte. -Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder -zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert. - -[Fußnote 587: Vgl. über die holländische G-streikbewegung: _Gorter_ a. -a. O.; _Roland-Holst_, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.; -_van der Goes_, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu -Utrecht"; _Vliegen_, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.] - -[Fußnote 588: Insbesondere versprachen sie Anerkennung der -Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem -boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten -Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der -bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.] - -[Fußnote 589: Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern -bedroht (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter -in Holland").] - -[Fußnote 590: Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und -der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats", -der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, -vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.] - -[Fußnote 591: Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen -Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die -Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.] - -[Fußnote 592: Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der -Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde -die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage -ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie _Troelstra_ -(S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen -Parteien hielten zur Regierung.] - -[Fußnote 593: Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und -Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes -der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten -Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der -Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung -schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war -schlecht besucht.] - -[Fußnote 594: Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der -Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst -wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch -militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der -Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg -überhaupt nicht 25%.] - -[Fußnote 595: Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und -Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften -den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des -Güterdurchgangsverkehrs an.] - -[Fußnote 596: Nur einen Tag lang streikte das Personal der -Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung -des Verkehrs. Der am 6. April von 3000 Dockarbeitern in Rotterdam -beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten -Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der -Sperre, die 2000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte -auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und -Eisenbahnmaterial.] - -[Fußnote 597: Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher -Bäckerstreik.] - -[Fußnote 598: Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg. -Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter, -Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen -sich dem G-streik 8000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter, -ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der -Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft -hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. _Roland-Holst_ -a. a. O.), und die Typographen an.] - -[Fußnote 599: Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die -Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die -Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. _Bourdeau_, p. 432; _Vliegen_, a. -a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg. -Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer -Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe -des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der -Güterverkehr, stockte vollständig.] - -[Fußnote 600: Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im -katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.] - -[Fußnote 601: Dies nimmt _Roland-Holst_ an.] - -Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der -Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf -sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür -in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der -Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen -Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu -erkennen. - -[Fußnote 602: Vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf -und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p. -121.] - -Die _Opfer des Streiks_ waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu -wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im -großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die -Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des -Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte -die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend -bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607] -und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe" -erholt haben.[608] - -[Fußnote 603: Es kamen allerdings auch Versuche vor, den -Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter -und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4. -03); andererseits verlangte z.B. eine Dockarbeiterversammlung in -Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere -Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung -keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).] - -[Fußnote 604: In den ersten Wochen waren fast 5000 Arbeiter -ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder -aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis -zum 21./4. bereits 1600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst -der Selbstmord hat unter den 5000 Opfern dieses Kampfes gewütet" -(_Troelstra_, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).] - -[Fußnote 605: Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die -deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der -niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität, -9000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der -sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).] - -[Fußnote 606: Vgl. _van der Goes_, a. a. O. p. 257.] - -[Fußnote 607: Eine Ausnahme bilden die gut organisierten -Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die -große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation... zerstört" (vgl. -_Troelstra_ a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225; -_Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland").] - -[Fußnote 608: Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den -G-str. in Holland (cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. -33, p. 3.); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.".] - -Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung -aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher -die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als -proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft -beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine -aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die -Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen -Sozialisten, so vor allem _Vliegen_, in der strikten Ablehnung jedes -Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich -bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem -unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen -Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in -Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam -vor.[612] - -[Fußnote 609: Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf -dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in -Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot. -Gwftskongr. Köln 05, p. 225.] - -[Fußnote 610: Vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der -Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z.B. _Roland-Holst_, -sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen -persönlichen Opfern unterstützt haben.] - -[Fußnote 611: Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen -Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).] - -[Fußnote 612: Vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Streik auf dem 10. -Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des -Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen -Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen", -vgl. _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen -Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "_Die nieuwe -tijd_" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht -eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des -intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.] - -§ 19. Russland. - -Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung -begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir -uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen. - -[Fußnote 613: Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der -Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit -der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres -spärlichen Materials.] - -Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der -Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur -Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die -Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert -hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903 -in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland -unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung -ergriff "epidemieartig" den ganzen _Süden_,[618] woselbst sie wegen der -Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von -Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an -Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen -des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben -soll.[620] Während der Dauer das Ausstands waren die Arbeiter auf der -Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die -Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie -unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach -und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer -eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei -der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg" -keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des -"Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen -solchen zu konstruieren.[624] - -[Fußnote 614: Vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozd.", p. 35; -ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.] - -[Fußnote 615: Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der -Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den -intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von -jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (_Bourdeau_, p. -436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische -Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht -gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (_Streltzow_, -"Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in -Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom. -Forderungen statt (vgl. _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Der politische -Massenstreik in der russischen Revolution").] - -[Fußnote 616: In Odessa soll die Agitation der _Subatow_'schen -Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht -beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).] - -[Fußnote 617: Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; _Bourdeau_; -_Roland-Holst_, "Gstr. u. Sozd."] - -[Fußnote 618: Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli -begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er -war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten -Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach -Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und -Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50 -000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000, -in Jelisawetgrad 2000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend -Personen gestreikt haben.] - -[Fußnote 619: Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter, -Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter), -Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal), -Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst -Stiefelputzer.] - -[Fußnote 620: Bericht der Delegation, p. 25 ff.] - -[Fußnote 621: Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten -Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt -zu haben scheint.] - -[Fußnote 622: Bericht der Delegation, p. 25 ff.] - -[Fußnote 623: Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich -gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr. -Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen -(Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten -sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten -wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation; -_Roland-Holst_ "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).] - -[Fußnote 624: Bericht der Delegation, p. 28.] - -Ein ganz anderes Bild bietet die russische _Streikbewegung des Jahres -1905_, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag -(22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate, -während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150 -Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint -sich die Bewegung in _Russisch-Polen_ entwickelt zu haben,[627] wo der -proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im -_Gymnasialstreik_ fand.[628] -- Im Mai erfolgte eine neue Steigerung, -die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete -der _politisch-revolutionäre Ausstand vom 7._ bis _17. Oktober 1905_, -der einzige wirklich _allrussische_ Streik. Zu diesem gaben die -Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen -Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und -asiatischen Rußlands.[631] - -[Fußnote 625: Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der -Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter -hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000 -Ausständige gewesen sein (_Bourdeau_, p. 436).] - -[Fußnote 626: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch -ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen, -Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v. -_Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des -Proletariats", die _Bourdeau_ unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel -von _Luxemburg_ erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den -offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der -Arbeiterdeputiertenrat --"eine Vertretung der spezif. großindustriellen -Arbeiterelite" -- die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil -"ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der -Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. _Weber_, "Zur Lage der -bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).] - -[Fußnote 627: Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4. -Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau, -Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.). -Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April, -p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau -schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für -beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische -Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen -wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des -polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl. -Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).] - -[Fußnote 628: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach -persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die -polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand -angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung -der Gymnasien.] - -[Fußnote 629: Im Sommer 1905 fand z.B. ein allgemein durchgeführter -eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als -Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden -Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2000 Tote gekostet -haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).] - -[Fußnote 630: Im April 1905 hatte sich endlich der _all_russische -Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung, -die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev. -M-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen -war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner -Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl. -_Streltzow_, a. a. O.).] - -[Fußnote 631: _Streltzow_, p. 133 ff.] - -Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der -Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im -Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen -russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter -mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die -Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe -folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im -Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung -gefunden zu haben.[636] - -[Fußnote 632: Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der -großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert. -Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die -gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. _Roland-Holst_, "Der -politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland -"aus den Angeln" gehoben, (vgl. _Lensch_, "Die Idylle im Sumpf"), den -"Thron ins Wanken" gebracht (vgl. _Ellenbogen_, Prot. Parteitg. Wien 05, -p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn -doch etwas übers Ziel hinausschießen.] - -[Fußnote 633: Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des -Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung -der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich -allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet -wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen -Freiheiten; vgl. _Streltzow_, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von -_Roland-Holst_ (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI) -prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die -Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.] - -[Fußnote 634: Vgl. _Streltzow_, a. a. O.] - -[Fußnote 635: Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer, -Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure, -Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner, -Dienstboten usw. (vgl. _Kropotkin_, "Die direkte Aktion und der -Generalstreik in Rußland"; _Streltzow_, a. a. O.).] - -[Fußnote 636: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik"; _Streltzow_, a. a. O.; _Plechanow_ (cit. bei -_Streltzow_) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die -Unzulänglichkeit der Organisation". -- Semstwoleute, Staatsbeamte, -Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter -gegründet haben (_Streltzow_). In der Streikleitung seien bürgerliche -Elemente, z.B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die -Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt -und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben -(_Streltzow_). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der -Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr. -340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die -_Roland-Holst_'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den -Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die -staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten -abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der -politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht -wohl zu weit.] - -Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter -sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende -Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese -selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter -denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu -politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so -mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig -für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639] - -[Fußnote 637: Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution -beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der -Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige -literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher -nichts Überraschendes. _Roland-Holst_ erachtete übrigens, trotz dieses -sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen -Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für -notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache -(vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214 -ff.).] - -[Fußnote 638: _Streltzow_: "Darin sind wohl alle namhaften russischen -Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben -noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach -_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den -russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären -Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la -dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war -natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte -vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder -Kräfte; der Streik war also parzelliert (_Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 105 ff.). -- Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein -gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (_Streltzow_, a. a. O.), der -Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik -diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren" -(_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. -auch _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich -nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die -Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie -gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen -Arbeiter" bald unterworfen gehabt (_Katz_). Die Arbeiter aber hatten -sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst -isoliert (_Streltzow_, p. 135). --Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni -1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf -verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da -dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats" -jetzt scheitern würde.] - -[Fußnote 639: Dies scheint z.B. M. _Beer_ ("La grève générale, son -histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl. -Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu -tun; ähnlich _Roland-Holst_ (a. a. O. und "Der politische Massenstreik -in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen -warnen z.B. _Streltzow_ a. a. O. und _Bernstein_ a. a. O.] - - -(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik. - -§ 20. - -Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine -besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem -internationalen Kongreß in _London_ 1888 französischerseits gemachten -diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die -Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "_Neue -Internationale_" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren -Projekten, schroffste Ablehnung. - -[Fußnote 640: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 42).] - -[Fußnote 641: Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G-str. die -Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als -politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London, -im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in -Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die -wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel -"Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen -Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). -- Neuerdings -erklären die Anarchisten übrigens den G-str. und die Gewerkschaft "als -mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution" -(vgl. die Resolution _Malatesta_ vom internat. Anarchistenkongr. in -Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).] - -Auf dem internationalen Kongreß in _Paris_ 1889 hatte _Tressaud_ den -Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen -Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution -empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von -_Liebknecht_ aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642] - -[Fußnote 642: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.] - -Der folgende Kongreß, _Brüssel_ 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung -des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit -plädierte der holländische Anarchist _Nieuwenhuis_, nur von den -holländischen und einem Teil der englischen und französischen -Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber -sowohl dieser Vorschlag, wie auch _Nieuwenhuis'_ Plan der -Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer -und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation -auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644] -erfuhr das gleiche Schicksal. - -[Fußnote 643: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.] - -[Fußnote 644: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.] - -Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des -Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in _Zürich_ -1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur -Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab. -Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten -belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik -für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht -bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das -erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem -ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor -allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte. --- Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu -dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem -Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen -Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde -schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. -- Bei dem Punkte "Stellung -der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl _Nieuwenhuis_ wieder sein -Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die -Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde -aber wiederum abgewiesen. - -[Fußnote 645: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.] - -Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der -Kongreß in _London_ 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die -Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben"; -immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch -als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder. - -[Fußnote 646: Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.] - -Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat -unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des -Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in _Paris_ 1900.[647] Die -Kommissionsminderheit, die sich, wie _Legien_ hervorhob, -bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen -Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine -Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch _Briand_ die -Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie -reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der -Wiederholung des Londoner Beschlusses. - -[Fußnote 647: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.] - -Am _Amsterdamer Kongreß_ 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind. -Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich -recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der -Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden -waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen -Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse -hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des -Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine -scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen -Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik -unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, _akzeptiert_ -werden müsse.[649] -- Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den -kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie -doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure -Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des -Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel -illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den -parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie -dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen -Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution, -diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen -proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob -und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la -grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] -- Auf -dem _Stuttgarter Kongreß_ von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle -mehr. - -[Fußnote 648: Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene -internationale Enquête Zeugnis ab.] - -[Fußnote 649: Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die -Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen -Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der -Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel -anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte, -deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl. -Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).] - -[Fußnote 650: Vgl. Wolfg. _Heine_, "Politischer Massenstreik im -gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.] - -[Fußnote 651: Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert -z.B. _Bömelburg_ (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)] - -[Fußnote 652: Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.] - - - - -_Dritter Teil:_ - -Zur Kritik des Klassenstreiks. - - - - -Erstes Kapitel: - -_Bedingungen des Klassenstreiks._ - - -§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks. - -Der Ausbruch eines Klassenstreiks ist vor allem an gewisse _objektive -Voraussetzungen_ gebunden: nämlich an das Vorhandensein einer -zahlreichen Lohnarbeiterschaft, von deren Arbeitsleistung ein so großer -Bruchteil der Gesamtheit abhängt, daß die Arbeitsverweigerung eine -aufsehenerregende gesellschaftliche Störung herbeiführen kann. Diese -Bedingung wird in vollem Umfang durch die moderne Wirtschaftsordnung -erfüllt. - -Hierzu gesellt sich als _subjektive Voraussetzung_ die Fassung des -Streik_entschlusses_ durch die erforderliche Anzahl von Arbeitern resp. -Arbeitergruppen. - -(a) Der Streikentschluß kann _planmäßig_, überlegt gefaßt werden. -Hierbei haben sich alle Beteiligten bereits vorher untereinander über -ihr Vorhaben verständigt. Sie wissen, um was es sich handelt. Sie -besitzen eine gewisse Organisation zur Durchführung des Streiks im -konkreten Fall. Das "Kommando" zum Ausstand[653] wird von einer im -Voraus bestimmten Leitung erwartet und gegeben. - -[Fußnote 653: Vgl. z.B. _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 -ff.). Wir begegnen dieser Form des Streikentschlusses z.B. in Belgien -und Schweden.] - -Anders beim _spontanen_ Streikentschluß. Dieser wird von jedem einzelnen -für sich allein gefaßt. Es ist möglich, daß ein und dasselbe Ereignis in -jedem einzelnen Teilnehmer den Streikentschluß ausgelöst hat, daß die -Faktoren aller einzelnen Streikentschlüsse objektiv zusammenhängen, daß -der Streik also mit innerer Notwendigkeit aus den allgemeinen -Ereignissen herauswächst.[654] Es kann aber auch der Fall eintreten, daß -die einzelnen Teilnehmer oder Teilnehmergruppen durch ganz verschiedene -Ereignisse zum Streikentschluß geführt werden. Wenn nun eine größere -Zahl partieller Ausstände zeitlich zusammenfällt, so kann sich aus -diesem Streikkonglomerat leicht ein Klassenstreik entwickeln.[655] - -[Fußnote 654: So z.B. beim ital. G-str. 1904; so auch wohl beim -Versuch des "heiligen Monats" 1842.] - -[Fußnote 655: Ein solches Streikkonglomerat schwebte wohl der Brüsseler -Zeitung "Internationale" vor, als sie 1869 schrieb: "Wenn die Streiks -sich ausbreiten und einander nähern, sind sie wohl nahe daran, ein -Generalstreik zu werden" (cit. bei _Umrath_ p. 13, 14).] - -(b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine -tiefgreifende und _allgemeine proletarische Erregung_[656] die -Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden -sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen -geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig. - -[Fußnote 656: Diese allgemeine Erregung betrachten _Bebel_ (Prot. -Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), _Bömelburg_ (Prot. Parteitg. Jena -05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), _Bernstein_ ("Pol. -M-Str. u. pol. Lage"), _Adler_ (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und -Parteitg. Wien 1905, p. 131), _Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05), -_Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als -unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.] - -_Vorbedingung_ ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße -die _Unzufriedenheit_ des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur -eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der -Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill -empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie -Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder -Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu -Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht -glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung -oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine -Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint. - -[Fußnote 657: Ein Mitempfinden fremder Leiden, wie beim Sympathie- und -Solidaritätsstreik, setze schon ein gewisses Maß von Klassengefühl, -resp. Klassenbewußtsein voraus (vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 5, 10, 11); _Polledro_ (a. a. O., p. 383, 384) teilt die -Klassenstreiks sogar geradezu ein in sciopero generale "di conquista" -(resp. resistenza), und sciopero generale "di solidarietà".] - -[Fußnote 658: Vgl. _Parvus_ in der Dortmunder Arbeiterzeitung, 24./9. -01, cit. bei Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer Theorie und -Taktik".] - -[Fußnote 659: Vgl. _Parvus_, "Staatsstreich und politischer -Massenstreik", p. 394.] - -Daneben hängt es noch von einer Reihe teils gegebener, teils künstlicher -Faktoren ab, ob ein solches Ereignis die zum Streikentschluß notwendige -Erregung auszulösen, also auch wirklich einen Klassenstreik zu -veranlassen vermag. - -1. Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die schon _erreichte Position -des Proletariats_. "Moins un prolétariat a de droits politiques, plus il -recourt à la grève générale."[660] Solange die Arbeiter wirklich -"nichts... zu verlieren" haben, "als ihre Ketten", wird ihnen der -Klassenstreikentschluß verhältnismäßig leicht fallen. Je geringer aber -die Spannung zwischen dem schon Erreichten[661] und dem noch begehrten -Fehlenden, um so größer die Zurückhaltung gegenüber gewagten -Unternehmungen (wie bei den deutschen freien Gewerkschaften), um so -sorgfältiger die Prüfung des Risikos in sozialer und persönlicher -Richtung.[662] - -[Fußnote 660: _Jaurès_, "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 05).] - -[Fußnote 661: Es handelt sich dabei um politische und wirtschaftliche -Positionen. Z.B. wird auch die Rücksicht auf mühsam errichtete -Tarifwerke ein Streikentschluß-Erschwernis bilden (vgl. _Giesberts_, -"Die Utopie des Generalstreiks", p. 35).] - -[Fußnote 662: Es ist schon behauptet worden, daß die Arbeiter sich der -schweren Waffe des Klassenstreiks überhaupt "nur in Notfällen, wenn ihre -Lebensinteressen berührt werden, bedienen". Aber wenn auch "die -ungeheuren Opfer, die jeder Generalstreik mit sich bringt für alle, die -ihn beschließen müssen", "der beste Schutz gegen willkürlichen frivolen -Gebrauch" sein mögen (_Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. -22), so ist doch noch nicht erwiesen, daß die Arbeiter sich dieser Opfer -vorher immer so genau bewußt wären oder die Konsequenzen des Ausstandes -richtig vorher beurteilten.] - -2. Einen weiteren wichtigen Faktor bildet das Maß der vorhandenen -_Streikfreiheit_. Prinzipiell ist die Arbeitsniederlegung allerdings -überall rechtlich zulässig.[663] Doch bestehen durch spezielle -Streikverbote[664] und durch Verleihung von Beamtenqualität an gewisse -Arbeiterkategorien[665] eine Reihe wichtiger Ausnahmen, und es ist -offenbar eine _Tendenz_ zu weiteren Streikrechts_beschränkungen_ -vorhanden, Beschränkungen, die der sozialen Bedeutung der einzelnen -Betriebsgruppen, also den durch ihre Ausschaltung drohenden -qualitativ-bestimmten Wirkungen entsprechen.[666] Diese Tendenz zeigt -sich in staatlichen[667] und privaten[668] Vorschlägen, in -parlamentarischen[669] und literarischen[670] Äußerungen. -- Immerhin -befindet sich auch ein Klassenstreik unter Ausschluß der -kriminalrechtlich gebundenen Arbeiter durchaus nicht in allen Fällen auf -dem vielgerühmten "Boden der Legalität",[671] selbst wenn er -durch die Vermeidung aller Gewalttätigkeiten die Klippen anderer -Gesetzesverletzungen glücklich umschiffte. Ist doch ein Klassenstreik -mehr, als eine private Interessenkollision; er hat vielmehr fast stets -einen revolutionären Beigeschmack. Dies folgt schon aus der Verletzung -des Rechtsgefühls breitester Massen durch eine solche Häufung von -_Kontraktbrüchen_.[672] Mehr ergibt sich dies noch aus dem Bestreben, -die Empörung einer ganzen Gesellschaftsklasse gegenüber allen übrigen -Klassen drastisch zum Ausdruck zu bringen. Er könnte also unter -Umständen die Verhängung eines Ausnahmezustandes, die zeitweilige -Ausschaltung des Koalitionsrechts herbeiführen.[673] - -[Fußnote 663: Eine Ausnahme bildet vielleicht Rußland, wo der Streik -als Kriminalverbrechen betrachtet wird oder wurde (Bericht der -Delegation... usw., p. 32).] - -[Fußnote 664: Seit 1903 wird in Holland der Streik der Eisenbahner und -der Arbeiter in öffentlichen Verkehrsanstalten als politisches Delikt -betrachtet und mit Gefängnis bestraft (vgl. Allg. Ztg. 2.-4./4. 03; -_Herkner_, "Die Arbeiterfrage", p. 505; _Roland-Holst_, "Der Kampf und -die Niederlage der Arbeiter in Holland"). -- In Rußland "ist mit Gesetz -vom 2./12. 1905 die Beteiligung an Streiks bei Unternehmungen, die -allgemeine oder staatliche Bedeutung haben, sowie in staatlichen -Betrieben unter Strafe gestellt" (vgl. _Philippowich_, Grundriß, 2. -Band, 2. Teil, p. 47); ferner sind am 15./4. 06 besondere Strafen für -Beteiligung am Landarbeiterstreik oder Aufreizung zu demselben -festgesetzt worden (vgl. Miscellen in Zeitschrift f. Sozialwissenschaft. -IX. Jahrg. 1906, p. 525).] - -[Fußnote 665: Streiken Beamte und Angestellte der Verwaltung, so liegt -bei Außerachtlassung der Kündigungsfrist Amtspflichtverletzung vor (vgl. -Bundesrat _Brenner_, Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 910). -Des Vergehens der Amts- und Dienstpflichtverletzung "machen sich auch -schuldig... Angestellte und Arbeiter, welche die Pflicht übernommen -haben, öffentliche Betriebe von Staat und Gemeinde zu bedienen, wenn sie -vorsätzlich oder rechtswidrig ihrer Dienstpflicht zuwiderhandeln" -(Vorschlag des Züricherischen Regierungsrates an den Kantonsrat, betr. -Revis. des Strafgesetzbuches [Streikinitiative], cit. in der N. Z. Z. -vom 18. Juni 07). Den italienischen Eisenbahnern ist gerade deshalb, um -ihnen den Streik unmöglich zu machen, die Beamtenqualität verliehen -worden, sodaß jede Dienststörung für sie die Entlassung zur Folge hat -(vgl. die "Hilfe", 1905 Nr. 16, p. 2, politische Notiz). Ausnahmsweise -stellt in Frankreich die Halbbeamtenstellung kein Streikhindernis dar -(z.B. drohten die französischen Marinearbeiter zur Verhinderung eines -ihnen unerwünschten Lohnsystems erfolgreich mit dem Streik [vgl. Soz. -Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1317.].)] - -[Fußnote 666: Bei einer fortschreitenden derartigen Rechtsentwickelung -wäre also der Streik der gesellschaftlich entbehrlichsten Arbeiter am -relativ zulässigsten und durchführbarsten; der Klassenstreik, mehr und -mehr auf die quantitative Wirkung beschränkt, müßte seinen Zweck -hauptsächlich in der Demonstration suchen.] - -[Fußnote 667: Der schwedische Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche -Streiks bedrohte den Kontraktbruch des staatlichen und privaten -Eisenbahnpersonals, der Arbeiter in staatlichen und kommunalen Gas-, -Elektrizitäts-, Wasserleitungs- und Reinhaltungswerken und den der -festangestellten Feuerwehrleute mit Entlassung und Gefängnis, falls der -Kontraktbruch "Schaden an einer Person oder groben Eigentumsschaden oder -Hinderung oder Stillstand im Betrieb" verursachen würde (vgl. _Axel -Hirsch_, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker", p. 196). Ähnliches -bestimmte ein spanischer Gesetzentwurf (vgl. _Herkner_, "Die -Arbeiterfrage", p. 505). Der Entwurf des deutschen Berufsvereinsgesetzes -hatte in § 20, Abs. 4, Ziff. 2 (cit. in der Soz. Prx. 1907, Sp. 635) -bestimmt, daß einem Vereine dann die Rechtsfähigkeit entzogen werden -kann, wenn er eine Arbeiteraussperrung oder einen Arbeiterausstand -herbeiführt, die... geeignet sind,... eine Störung in der Versorgung der -Bevölkerung mit Wasser oder Beleuchtung herbeizuführen oder eine gemeine -Gefahr für Menschenleben zu verursachen.] - -[Fußnote 668: Nach dem Vorschlag der "Section des assoc. coop. et -ouvrières" des "Musée social" vom 9. Mai 04 (vgl. "Musée social," Juli -1904, p. 318 ff.) sollen die "ouvriers et employés de l'Etat et des -Services concédés d'eau, de gaz et de chemins de fer", und soll das -"personnel des services publics administrés directement en régie par -l'Etat les départements et les communes, et dont l'arrêt même momentané -serait une cause de perturbation fâcheuse pour la vie nationale ou -locale", veranlaßt werden, auf das Streikrecht zu verzichten, "à titre -de clause essentielle du contrat de travail, et de respecter un délai de -préavis d'une durée déterminée par le contrat et le règlement".] - -[Fußnote 669: Nationalrat _Sulzer_ (in der Begründung seiner Motion, -vgl. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 863) z.B. hält den -Streik in den öffentlichen Betrieben, spez. in den Bundesbetrieben -(Bundesbahnen, Post, Telegraph, Grenzwacht- und Zolldienst, Eidg. -Fabrikbetriebe, Waffen-, Munitions- und Pulverfabriken, -Alkoholverwaltung) für "absolut unzulässig".] - -[Fußnote 670: _Marazio_, a. a. O. p. 116, 117, 159, hält den Streik mit -politischem Ziel für ein Delikt, "quando vi partecipano gli operai dei -pubblici servizi"; da deren Ausstand "la soddisfazione di grandi -bisogni" unmöglich mache, "con danno gravissimo della generalità dei -cittadini", so dürfe er nicht geduldet werden.] - -[Fußnote 671: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution"; -_Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis" p. 30) nennt den Klassenstreik das -"mächtigste Mittel legalen Zwangs".] - -[Fußnote 672: Der _Kontraktbruch_ ist bei der Ausdehnung des -Klassenstreiks und der regelmäßigen Beteiligung mehrerer Gewerbe -praktisch wohl unvermeidlich. Übrigens begegnen Versuche zu seiner -Vermeidung: so wurde z.B. in Zürich in den Tarifvertrag der -Holzarbeiter unter dem Eindruck der Streikbewegung im Sommer 1906 eine -Generalstreikklausel aufgenommen (ich verdanke diese Mitteilung Herrn -Prof. _Herkner_). -- Aus dem Kontraktbruch erwächst übrigens nicht -überall ein Schadenersatzanspruch (vgl. _ab-Yberg_, p. 119 ff.). In -Frankreich z.B. soll "keine Verpflichtung zu vorheriger Kündigung" -vorliegen, "da der Streik eine zeitweilige Aufhebung der Arbeit ist" -(gemäß Beschluß des französischen obersten Arbeitsrates betr. Kündigung -und Streik, vom Juni 1905, angenommen mit 19 gegen 18 Stimmen [cit. in -der Soz. Prx. 17. Aug. 05]). In England ist, gemäß der Conspiracy and -Protection of Property-Act von 1875, der Kontraktbruch (nicht die -Arbeitseinstellung als solche) unter Umständen mit einer Strafe bis zu -20 £ oder Gefängnis bis zu drei Monaten bedroht, und zwar tritt diese -Strafe ein, "wenn jemand, der sich im Dienst einer Person befindet -welche die Verpflichtung übernommen hat, eine Ortschaft mit Gas oder -Wasser zu versorgen, den Dienstvertrag in böswilliger Weise bricht, -obwohl er annehmen konnte, daß dadurch dieser Gas- oder Wasserbezug ganz -oder zum Teil unterbrochen würde, ferner, wenn durch den Vertragsbruch -Menschenleben, körperliche Sicherheit oder fremdes Eigentum in die -Gefahr der Zerstörung oder ernstlichen Schadens gebracht wird." -(_Herkner_, Arbeiterfrage, p. 504, 505.)] - -[Fußnote 673: Völlig zulässig soll der Klassenstreik nur in Frankreich, -England u. Belgien sein (_Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 312). In -Deutschland könne der Streik, wenn er "einen Druck auf gesetzgebende -Körperschaften bezweckte", besonders da Ausschreitungen und -Zusammenstöße unvermeidlich wären, bis zum Zuchthaus führen, zum -Hochverrat gestempelt werden, die Verhängung des Belagerungszustands und -den Eingriff der Militärjustiz herbeiführen (vgl. _Heine_, "Politischer -Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"). 1843 wurden mehr als 30 -Chartistenführer verurteilt, weil sie, wie es in der Anklage u. a. hieß, -in der Absicht, "to bring about and produce a change in the laws and -constitution of this realm", zum Streik aufforderten (vgl. _Gammage_, p. -231.)] - -Der Streikentschluß wird nun um so schwerer zu Stande kommen, je stärker -die rechtlichen Schranken sind. Doch je fester die Arbeiter an den -Streikerfolg glauben, und zwar an einen Streikerfolg, der sie zugleich -vor den bisher üblichen Streikstrafen zu bewahren vermag,[674] und je -lebhafter sie sich in ihren Lebensinteressen gefährdet fühlen,[675] um -so weniger werden sie sich von rechtlichen Schranken zurückhalten -lassen. - -[Fußnote 674: Bei gesetzlich besonders stark gebundenen Arbeitern müßte -das Streikziel unter Umständen also eine Gesetzesänderung oder geradezu -der Sturz der Regierung sein. _Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres", p. -736, 737) vergleicht den Klassenstreik mit dem Barrikadenkampf, bei dem -man das Leben um so eher gewagt habe, je mehr auf dem Spiele stand, und -je wahrscheinlicher der Sturz der Regierung erschien. -- Auch die -Annahme, die Regierung werde bei einer außerordentlichen Ausdehnung des -Streiks die Rechtsverfolgung aufgeben müssen, kann den Streikentschluß -fördern.] - -[Fußnote 675: In gewissen Fällen seien "Geldstrafen und sogar Gefängnis -weniger abschreckend..., als das, was durch die Arbeitsniederlegung -bekämpft werden soll" (_Axel Hirsch_, a. a. O. p. 197).] - -3. Natürlich kommt außerordentlich viel auf den _Charakter des -Proletariats_ an. Je temperamentvoller, heißblütiger, je mehr in -revolutionären Traditionen erzogen und zu putschistischen Aktionen -geneigt es ist, um so wahrscheinlicher eine Disposition zu raschen -Streikentschlüssen; je bedächtiger, kühler, allem Theatralischen -abgewandt die Arbeiter sind,[676] um so schwerer fallen ihnen spontane -Unternehmungen, und um so notwendiger werden zur Herbeiführung des -Streikentschlusses eine starke Opferwilligkeit und ein starkes -Solidaritätsgefühl. -- Der Streikentschluß wird also den romanischen -Arbeitern leichter fallen, als den germanischen. Der Ausstand wird im -allgemeinen den Verkehrs-, speziell den Hafenarbeitern mit ihrer oft -unregelmäßigen Beschäftigung leichter fallen, als den meist strenger -disziplinierten Industriearbeitern; er wird diesen wiederum leichter -fallen, als den Landarbeitern.[677] - -[Fußnote 676: _Heine_, a. a. O., konstatiert dies beim deutschen -Arbeiter.] - -[Fußnote 677: Vgl. z.B. _Hanisch_ über die österr. Agrarbevölkerung -(Prot. Parteitg. Wien 1894).] - -4. Auch die _Stellungnahme der proletarischen Organisationen_ zum -Klassenstreik-Problem ist von großer Bedeutung. Dieser Einfluß wird um -so stärker wirken, je größere Einigkeit zwischen Partei und Gewerkschaft -herrscht.[678] Bei Differenzen zwischen ihnen gibt regelmäßig die -Stellungnahme der _gewerkschaftlichen Organisation_ den Ausschlag.[679] -Diese Stellungnahme selbst aber variiert je nach der Form, Stärke und -Richtung, also nach dem ganzen Typus der in Frage kommenden -Gewerkschaft.[680] - -[Fußnote 678: Diese Einigkeit war vorhanden z.B. bei den belgischen -Wahlrechtsstreiks (vgl. _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"), beim -schwedischen Kl-str., beim projektierten österreichischen Kl-str.] - -[Fußnote 679: Vgl. _Cohnstaedt_, "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?" -p. 549; _Heine_, a. a. O.; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 -ff.); _Hue_, "Partei und Gewerkschaft". In England hielt man 1839 die -Mitwirkung der Gewerkschaften für so ausschlaggebend, daß man schon -wegen der ablehnenden Haltung der Trade-Unions den Plan des heiligen -Monats zurückzog (vgl. _Gammage_, p. 154, 155; _Brentano_, a. a. O.). -Ähnlich mußte die deutsche sozialdemokratische Partei vor dem -gewerkschaftlichen Gegenwind die Segel streichen; umgekehrt mußte sich -die Partei sowohl in Italien (1904), wie in Holland (1903), bei -innerlicher Mißbilligung, dem gewerkschaftlichen Streikunternehmen -anschließen.] - -[Fußnote 680: Der Gewerkschaftstypus selbst ist natürlich auch von -den allgemeinen Verhältnissen, den rechtlichen Zuständen, dem -Charakter des Proletariats, der Stärke revolutionärer Strömungen und -Gelegenheit zu deren anderweitigen Ableitung, bes. durch die Partei, -abhängig. In den französischen und italienischen Arbeitersyndikaten -z.B. soll die zeitweilige Blockpolitik der sozialistischen -Parteien ein entschiedeneres Betonen revolutionärer Tendenzen, das -Bestreben nach Verselbständigung und Unabhängigkeit, also auch die -Generalstreiktendenzen, gefördert haben.] - -Die Syndikate mit _föderalistischer_ Organisationsform, geringen -Mitglieder- und Kassenbeständen und revolutionären (anarchistischen, -antimilitaristischen, antiparlamentarischen) Tendenzen[681] erblicken -ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung und Inszenierung des -Generalstreiks; ihre ganze Taktik wird dermaßen von diesem Gedanken -beherrscht, daß man sie mit Recht als "Generalstreik-Gewerkschaften" -bezeichnet hat.[682] - -[Fußnote 681: Dieser Art waren zuerst die _Bakunini_stischen -Föderationen (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel", p. 194; _Umrath_, p. 13 ff.; _Bernstein_, "Die -Generalstreikgewerkschaft"); heute sind es großenteils die -italienischen, spanischen, französischen Arbeitersyndikate, teilweise -die holländischen, ausnahmsweise einige deutsche ("Freie Vereinigung", -"Lokalisten") Gewerkschaften. Vgl. auch _Louis_, p. 297; _Thomas_, -"Achtung! vor der 'direkten Aktion'"; _Friedeberg_, "Weltansch."; -_Griffuelhes_ ("Ein französischer Gewerkschafter über die Taktik der -deutschen Zentralverbände", in der "Einigkeit", 11. Nov. 05).] - -[Fußnote 682: So _Bernstein_ a. a. O.] - -Die _zentralistischen_ Gewerkschaften hingegen, die sich -durch ansehnlichere ökonomische Leistungsfähigkeit und durch -nüchtern-praktische, sich auf das Erreichbare beschränkende Tendenzen -auszeichnen,[683] lehnen den Klassenstreik im allgemeinen ab oder lassen -ihn höchstens im Interesse ganz unentbehrlicher politischer Forderungen -gelten.[684] - -[Fußnote 683: So die deutschen Zentralverbände, die engl., österr., -schwed., belg. Gewerkschaften; sie trachten, durch Tarifwerke auch die -Berufsmassenstreiks einzuschränken.] - -[Fußnote 684: Dabei handelt es sich vorwiegend am die -Verteidigung politischer Rechte (vgl. _Braun_, "Das Ergebnis des -Gewerkschaftskongresses"; Korrespondenzblatt der Generalkommission der -Gewerkschaften Deutschlands, cit. in Soz. Prx. XV Nr. 2, Sp. 38).] - -Eine _Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und -Generalstreikpropaganda_ ist unverkennbar,[685] und der Protest der -Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt, -wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der -revolutionären Gesinnung beurteilen wollte. - -[Fußnote 685: Dies konstatiert z.B. _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. -Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. -- _Greulich_, ("Wo wollen -wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der -mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".] - -[Fußnote 686: Vgl. z.B. "_Weckruf_", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".] - -Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er -verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit -abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen -müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile -zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische -Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein -Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck -der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als -Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen -erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che -quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die -allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik -diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der -Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber -diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils -überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige -Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten -Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung -jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne. -Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften -sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende", -"destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur -die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695] -sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich -ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken -trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der -Generalstreik einschleichen könnte.[697] - -[Fußnote 687: So bezüglich der französischen Gewerkschaften _Legien_, -"In Köln am Rhein", p. 378; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch. -Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.] - -[Fußnote 688: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; -_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).] - -[Fußnote 689: _Legien_, Prot. Parteitg. Dresden 03.] - -[Fußnote 690: Vgl. _Labriola_, a. a. O., p. 211; auch _Friedeberg_, a. -a. O., setzt starke Organisation voraus.] - -[Fußnote 691: Vgl. _Briand_, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.] - -[Fußnote 692: Vgl. _Louis_, p. 308.] - -[Fußnote 693: Vgl. _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. -26); ähnl. _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 18. Vgl. bezgl. der französ. -Landarbeiterorganisationen P. _Groß_, "Die Weinkrise und die -Landarbeitergewerkschaften im Languedoc".] - -[Fußnote 694: Korrespondenzblatt der Generalkommission... usw. (Citate -in der Allg. Ztg. 19./4. 02, und in der Soz. Praxis XV. Nr. 2, -Sp. 38); _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ders. "Die -sozialdemokratische Partei u. d. Gewerkschaften". -- _Hue_, p. 292; -_Bernstein_, "Pol. Massenstreik u. pol. Lage", p. 10.] - -[Fußnote 695: Auf der 3. internationalen Konferenz der Sekretäre der -Landesgewerkschaftsorganisationen am 9. und 10. Juli 03 in Dublin -schlugen die französischen Gewerkschaftsvertreter vor, den andern -Ländern die Taktik und die Prinzipien der französischen -Arbeitersyndikate zur Kenntnis zu bringen. Die deutsche -Gewerkschaftspresse nahm von dem entsprechenden Bericht der Conféd. gén. -du Travail keine Notiz, nur die anarchistische "_Wahrheit_" publizierte -ihn (unter dem Titel "Antimilitarismus und Generalstreik" als Beilage zu -Nr. 11).] - -[Fußnote 696: v. _Elm_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226.] - -[Fußnote 697: Vgl. _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft", p. -642; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 221); _Rob. Schmidt_ -(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 27). Die Zustimmung zum pol. M-str. -wird leicht als Konzession an den Anarchismus aufgefaßt (vgl. die -"_Einigkeit_" 1905, Nr. 41).] - -Umgekehrt wird durch die Schwäche der Gewerkschaft auch die -Generalstreiktendenz gestärkt. Je weniger eine Gewerkschaft auf reale -Erfolge, auf zahlenmäßige Machtbeweise hindeuten kann, um so eher wird -sie auf ein so einfaches und unter Umständen auch zugkräftiges -Propagandamittel verfallen, um so weniger riskiert sie bei dessen -Gebrauch.[698] - -[Fußnote 698: Die belgischen Gewerkschaften sollen sich seinerzeit um -so bereitwilliger am Kl-str. beteiligt haben, als sie nicht durch -"übermäßig gefüllte Kassen in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt" gewesen -seien (_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"). Das vielgeschmähte -Ruhebedürfnis der deutschen Gewerkschaften, womit sie in Köln ihre -Ablehnung des Kl-streiks motivierten (vgl. _Bömelburg_, Prot. p. 221), -ist ein Beweis dafür, daß sie bereits etwas zu verlieren haben (so -_Katz_, "Der politische Massenstreik"). Über die Behandlung des -Kl-str.-Problems vom rein finanziellen Standpunkt aus, über die -gewerkschaftliche "Versumpfung", klagen z.B. v. _Elm_ ("Rückblick auf -den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß", p. 568), _Kautsky_, ("Der -Kongreß in Köln"), _Geithner_, ("Zur Taktik der Sozialdemokratie"), -_Lensch_ ("Die Idylle im Sumpf"); vgl. auch _Braun_, "Der Kölner -Gewerkschaftskongress". Die Annahme, die finanziellen Fortschritte der -Gewerkschaften hätten die Generalstreikströmungen gestärkt (so _Düwell_, -p. 248 ff.), ist also wohl zurückzuweisen.] - -Auch _zwischen der gewerkschaftlichen Organisationsform und der -Generalstreikpropaganda_ dürften _Wechselwirkungen_ bestehen. Einerseits -stärkt die Generalstreikidee das Gefühl der individuellen -Selbstherrlichkeit. Sie vermag daher im hohem Grade die -"Sonderbündelei"[699] zu fördern. Andererseits bietet die -föderalistische Organisationsform den günstigsten Boden für die -Generalstreikpropaganda, da aparte und extravagante Ideen in lokalen -Gruppen (bourse du travail, camera di lavoro usw.) überhaupt leicht -Eingang finden. In einer zentralistischen Organisation hingegen werden -neu auftauchende Tendenzen erst durch mehrere Instanzen durchgesiebt, -wobei der persönliche Nimbus der neuen Propheten erheblich abgeblendet -und eine kritische Beurteilung unter Berücksichtigung der allgemeinen -Verhältnisse[700] ermöglicht wird. Die Argumente "fortschrittshungriger -Ungeduld"[701] verlieren um so mehr an Überzeugungskraft, je -umfangreicher die Verbände sind, je weiter also der Blick, je größer das -Verantwortlichkeitsgefühl ihrer Leiter. - -[Fußnote 699: Vgl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag", p. 8, 9.] - -[Fußnote 700: Vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.] - -[Fußnote 701: _Hue_, "Partei und Gewerkschaft".] - -5. Auch die _Stellungnahme der Frauen_ wird als ein wichtiger -allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte -die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine -moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die -Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß -dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine -erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es, -daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des -Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden. - -[Fußnote 702: Vgl. _Glas_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl. -_Nieuwenhuis_ (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam -diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z.B. in Rotterdam -(1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg. -Ztg. 7./4. 03).] - -Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch -durch spezielle, _künstliche Faktoren_ vergrößern.[703] Als solche -erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung -näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber -auch die Mittel _spezieller Vorbereitung_ des Klassenstreiks: Propaganda -und Agitation. - -[Fußnote 703: Nach _Louis_ (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die -Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage -des Klassenstreiks bieten. (?!)] - -[Fußnote 704: Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol. -M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen -Verbänden (so _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; -_Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; _Hue_, a. a. O.; -_Ledebour_, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. _Elm_, a. a. O.; -_Legien_, "In Köln am Rhein"; _Olberg_, "Der italienische -Generalstreik", p. 22; _Ströbel_, Vortrag über den pol. M.str. in -einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts, -14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische -Organisation, Aufklärung usw. (so _Parvus_, "Staatsstreich und -politischer Massenstreik", p. 391; _Zietz_, Prot. Parteitg. -Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung -auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische -Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins, -theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit -jedes einzelnen" (_Friedeberg_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26), -sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und -Antimilitarismus (vgl. "_Weckruf_", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E. -Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. -Dez. 05]; _Dejeante_, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; -_Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. -337); _Sironi_, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta... -usw., p. 387, gefordert.] - -1. Die _Propaganda_ betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem -Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen -Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch -wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen -die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten, -Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt -akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann -ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport" -mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht -etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des -Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder -weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709] -sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu -optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in -den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht -Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit, -über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln" -könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite -davon gründlich geprüft worden wäre".[711] - -[Fußnote 705: _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der -Parteitag in Jena".] - -[Fußnote 706: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in -Deutschland möglich?"; v. _Elm_, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln -05, p. 226; _Timm_, ebenda p. 222, 223; _Kautsky_, "Allerhand -Revolutionäres", p. 738, 739; _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.; -Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. -- _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena -05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel -nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.] - -[Fußnote 707: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Bernstein_, "Pol. -M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.] - -[Fußnote 708: v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und -Genossenschaftsbewegung", p. 735; ders. "Partei und Gewerkschaft".] - -[Fußnote 709: Vgl. Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195,196; _Hue_, -"Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Olberg_ ("Der italienische -Generalstreik") meint, der Gedanke sei "nicht so zart, daß er durch die -Diskussion abgegriffen würde", und die Redner des Proletariats seien -"nicht so dumm", ihre "Betriebsgeheimnisse" auszuplaudern. -- Freilich -können die Gegner aber in der bloßen Diskussion schon eine Drohung -erblicken und mit entsprechenden Gegenmaßregeln antworten (vgl. _Heine_, -Prot. Parteitg. Jena 05, p. 316).] - -[Fußnote 710: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen -Deutschland?"] - -[Fußnote 711: _Heine_, a. a. O. p. 754. _Kolb_ (Prot. Parteitg. -Mannheim 06, p. 263, 264) fürchtet, die Arbeiter könnten sich in einem -ungünstigen Moment zum Streik provozieren lassen.] - -2. Die _Agitation_ betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, das Thema zu -klären oder die gewonnenen Einsichten zu verbreiten, sondern die -Arbeiter nachdrücklich zum Handeln aufzufordern. Teils geschieht dies -_generell_: durch die Anweisung, _jede_ Gelegenheit zum Streik zu -ergreifen und _jeden_ Streik zum Klassenstreik zu erweitern (Praxis der -Anarchisten); teils _speziell_: durch planmäßige Bearbeitung der Massen -bei einem sich bietenden äußern Anlaß (wie in Schweden usw.), wobei es -wesentlich darauf ankommt, der Bewegung ein geeignetes, nämlich ein -bestimmtes, einheitliches und einleuchtendes Ziel zu geben.[712] - -[Fußnote 712: Je mehr Ziele zugleich auftreten, um so wahrscheinlicher -ein Scheitern der Bewegung. Durch eine Verkoppelung der -Wahlrechtsforderung mit dem Achtstunden-Postulat suchten seinerzeit die -österr. Sozialisten die Beteiligung der Bergwerksarbeiter am geplanten -Wahlrechtsstreik zu sichern, gaben aber, mit Rücksicht auf die allzu -verschiedene Entwickelung der einzelnen Industrien und auf die allzu -verschiedenen Erfordernisse eines ökonomischen und eines politischen -Streiks, den Gedanken wieder auf (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, -_Krejci_, p. 55; _Hueber_, p. 58; _Reumann_, p. 62). -- _Jaurès_ ("Aus -Theorie und Praxis") warf den französischen Syndikalisten vor, daß sie -die Arbeiter, die für so unbestimmte Forderungen, wie "Kommunismus", -nicht in den Streik treten würden, durch vorgeschobene Augenblicksziele -in einen Generalstreik verlocken und diesem dann eine revolutionäre -Wendung geben möchten.] - -Eine gewisse künstliche Förderung kann der Streikentschluß übrigens auch -durch die Gegner erfahren;[713] doch spielt dies keine große Rolle. - -[Fußnote 713: So sollen beim Lancashire-Streik 1842 die Unternehmer die -Hände im Spiel gehabt haben. Beim ital. Eisenbahnerstreik 1905 sollen -die Eisenbahngesellschaften hinter der Szene die Streiktendenzen -gefördert haben, um die Verstaatlichung zu hindern (vgl. Soz. Prx. 14. -Jahrg. Nr. 30; "Die Hilfe", 1905, Nr. 16. p. 2, polit. Notiz).] - -Welchen unter den zahlreichen Faktoren kommt nun _ausschlaggebende -Bedeutung_ zu? Die Möglichkeit unvorbereiteter Ausbrüche, wie die -Vergeblichkeit künstlicher Inszenierungsversuche beweisen, daß die -eigentlichen Triebfedern auf den _gegebenen_ Bedingungen, den -_allgemeinen Verhältnissen_ beruhen. Haben doch überhaupt die -großen Streiks "mehr den Charakter von Naturereignissen, als von -bestimmten menschlichen Handlungen", weniger den "eines gewollten -Mittels zu bestimmtem Zwecke, als den der unmittelbar gewollten -Demonstration".[714] Sind sie aber in erster Linie "von der Entwicklung -der Verhältnisse"[715] abhängig, so läßt sich eine wirksame Förderung -oder Hinderung des Streikentschlusses allein von einer Beeinflussung -dieser Verhältnisse erwarten. - -[Fußnote 714: "Sie entspringen den Stimmungen der Masse, zuweilen dem -Druck der Not und Entbehrung, öfter dem allmählich angehäuften Unwillen, -verletztem Ehrgefühl, sittlicher Entrüstung". (_Tönnies_, Über den -Ruhrstreik 1905, "Freies Wort", IV, p. 894).] - -[Fußnote 715: Vgl. _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Leimpeters_ (Prot. -Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf -dem Mannheimer Parteitag".] - -Aber der Streikentschluß ist doch _nicht ausschließlich_ vom -historischen Moment,[716] von der _geschichtlichen Notwendigkeit_[717] -abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen -durch die _künstlichen Faktoren_ modifiziert werden. Es unterliegt -keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker -die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je -mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht. -Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die -allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und -um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten -Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich, -ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil -hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen -besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen. - -[Fußnote 716: _Legien_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).] - -[Fußnote 717: _Luxemburg_, Vortrag über den pol. M-str. in einer von -den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez. -(vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).] - -Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint -deren _Beeinflussung_ zwecks Förderung oder Hinderung des -Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders _wertlos_ aber -erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik -des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als -Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der -Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren -Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen. - -[Fußnote 718: Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion -beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (_Bebel_, "Der -Bremer Parteitg."; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). --Vgl. auch -_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; _Bömelburg_ (Prot. -Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v. -_Elm_, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; _Zetkin_ (vgl. -Vorwärts, 23. Aug. 05).] - -§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks. - -1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom -_Ausharrungsvermögen der Arbeiter_ ab, und dieses selbst wird zunächst -durch das Maß _materieller Mittel_, über die das Proletariat verfügen -kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat -nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall, -sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den -Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck -(Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der -wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie -sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie -können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen -hungern";[721]; würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft -gezogen werden. Vor dem _Hunger_ verblassen alle noch so leuchtenden -Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat -dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also -Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder -gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps. -Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren, -müssen die Zeche bezahlen.[725] - -[Fußnote 719: Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str. -sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über -Generalstreiks und über politische M-streiks, z.B. von den -internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.); -ferner _Legien_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot. -Parteitg. Bremen 04, p. 196; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 30; -Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v. -_Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. -734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; _Grimm_, "Der politische -Massenstreik"; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421; -_Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; -_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; _Friedeberg_, -"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."] - -[Fußnote 720: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in -Italien", p. 866, 867; _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der -niederländischen Sozialdemokratie"; ders., "Der Generalstreik als -politisches Kampfmittel", p. 196, 197; _Heine_, "Politischer -Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Kolb_, "Zur Frage des -Generalstreiks", p. 209; _Axel Hirsch_, p. 197; _Grosch_, "Der -Generalstreik", p. 15 ff.; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883; -ders., Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, -Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749; _Eckstein_, p. 358, 359; -_Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 252, 253; _Kautsky_, -"Allerhand Revolutionäres", p. 689. -- Anderer Ansicht sind z.B. -_Louis_, p. 301 ff., und _Friedeberg_, "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 28, 29.] - -[Fußnote 721: Vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; ähnl. -ebenda _Zietz_, p. 319, und v. _Elm_, p. 331.] - -[Fußnote 722: Vgl. hierüber z.B. _Rob. Schmidt_ und _David_ (Prot. -Parteitg. Jena 05, p. 319, 328).] - -[Fußnote 723: Vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Kampffmeyer_, -"Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; _David_, -"Die Eroberung der politischen Macht", III; _Düwell_, p. 248 ff.; -_Grosch_, p. 16, 17.] - -[Fußnote 724: Vgl. z.B. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 153 ff.] - -[Fußnote 725: Vgl. _David_, "Rückblick auf Jena".] - -Zur Verhütung solcher Ausgänge sind natürlich um so größere Mittel -erforderlich, je mehr der Streik sich zeitlich und räumlich ausdehnt; -aber je mehr er sich ausdehnt, um so schwerer wird auch die Beschaffung -dieser Mittel, um so weniger genügen die Gewerkschaftskassen,[726] um so -geringer fällt der Zuschuß aus, den die Nichtstreikenden gewähren -können. Der Klassenstreik wird also im allgemeinen hinter der Dauer -eines gewöhnlichen Streiks zurückbleiben müssen.[727] Unter den heutigen -Umständen dürften die Vorräte der Arbeiter und der ihnen kreditierenden -Kleinhändler sogar schon nach einer Woche erschöpft sein.[728] - -[Fußnote 726: Vgl. z.B. _Grosch_.] - -[Fußnote 727: Vgl. _Reumann_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62; -_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Eckstein_, -p. 358. Die Behauptung, der Klassenstreik werde die Regierung noch vor -Erschöpfung der Arbeitervorräte zum Nachgeben zwingen (vgl. _Zietz_, -Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326), ist unbegründet.] - -[Fußnote 728: Vgl. _Leimpeters_, p. 883. "Die deutsche Arbeiterschaft -ist nicht einmal im stande gewesen, 200 000 Bergleute auf einige Wochen -mit Brot und Kartoffeln zu versorgen; wie soll das erst werden, wenn -Millionen in Frage kommen?" ("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in -der N. Z. Z.)] - -Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des -_Hungerproblems_ aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede -Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit -Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen -Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten -Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie -undurchführbar. -- Die Schaffung eines einigermaßen genügenden -Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des -Gewerkschaftswesens voraus. --Verproviantierungsschwierigkeiten wären -beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten -die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen. --- Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher stets in -bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht -wesentlich verbessern. -- Durch weitgehende Ausbildung des -Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche, -wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht -erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und -vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im -Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen -und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die -genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung -der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere -Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im -großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch -keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. -- Der einzige radikale Plan -zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation -der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im -kapitalistischen Staat unausführbar. - -[Fußnote 729: Vgl. Henri _Quelch_, Enquête, p. 185.] - -[Fußnote 730: Vorgeschlagen von _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. -104 ff.; _Kampffmeyer_ a. a. O.; vgl. auch Friedrich _Naumann_, "Innere -Wandlungen der Sozialdemokratie".] - -[Fußnote 731: Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in -einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig -aufzureiben" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der -russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte -"jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders -günstige Chancen bieten" (v. _Reiswitz_, a. a. O., p. 83) und die -Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl. -bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).] - -[Fußnote 732: Vgl. v. _Elm_, a. a. O.; _David_, "Rückblick auf Jena"; -ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; _Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 104 ff.] - -[Fußnote 733: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches -Kampfmittel", p. 196.] - -[Fußnote 734: Vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", -p. 31, 32.] - -Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen -materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen _moralischen -Qualitäten_ ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die -Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die -Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form -des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären -Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten -Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich, -und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit -der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen -Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften -verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das -sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit" -durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen -Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn -"innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge... gehen -unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem -einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns -rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft -lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und -die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet -sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie -Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der -staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie -eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt -also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten -Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den -Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, -daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des -Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen, -daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas -gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die -entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung" -erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um -allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein -richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn -sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher -fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die -moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit -überlegen".[744] - -[Fußnote 735: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders., -"Der Streik als politisches Kampfmittel". -- Ebenso würde der -Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt -wird (vgl. z.B. _Plechanoff_, _Adler_, _Liebknecht_ auf dem int. Kongr. -Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.] - -[Fußnote 736: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen -Stimmrechtskampagne"; _Turati_, a. a. O. Auch _Bernstein_ ("Ist der -politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne -jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.] - -[Fußnote 737: _Eckstein_; _Turati_. Dies war z.B. beim belgischen und -beim ital. Klassenstreik der Fall (vgl. N. Z. Z. 6./4. 02; Rdsch. Soz. -Mh. Mai 1902, p. 392).] - -[Fußnote 738: _Simmel_, "Soziologie der Über- und Unterordnung", p. 518 -ff.] - -[Fußnote 739: Vgl. _Lusnia_, "Unbewaffnete Revolution?", p. 564 ff.; -_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ähnl. auch _Deville_ (cit. bei -_Weill_, p. 405), _Leimpeters_, p. 881, _Legien_, v. _Elm_ (Prot. -Parteitg. Jena 05 p. 322), und zur Zeit des Chartismus z.B. _Stephens_ -(vgl. _Tildsley_, p. 47, 48).] - -[Fußnote 740: Der Kl-str. könne "affaiblir l'armée entre les mains de -la classe capitaliste" (_Briand_, "La grève générale et la révolution", -p. 9 ff.).] - -[Fußnote 741: "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 -der "_Wahrheit_", p. 11 ff. Der Streik müsse allgemein sein, um die -Kräfte des Gegners zu zersplittern, fordert z.B. _Parvus_, a. a. O.; -vgl. ferner _Adler_, _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.); -_Roland-Holst_, p. 88 ff.] - -[Fußnote 742: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9 -ff.] - -[Fußnote 743: Die Armee sei "insuffisante pour faire face à un pareil -danger" (_Briand_. p. 9 ff.), sei in solchen Fällen "zur Ohnmacht -verurteilt" (so "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.; ähnl. -_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694, 695). Durch häufige -persönliche Berührungen zwischen Streikenden und Soldaten kann natürlich -in letzteren das Gefühl der Interessengemeinschaft geweckt werden -(_Parvus_, a. a. O.); doch ist es unwahrscheinlich, daß dies bei den -heutigen militärischen Verhältnissen zu einer ernstlichen "Zersetzung -der militärischen Disziplin" (_Roland-Holst_, "Der politische -Massenstreik in der russischen Revolution", p. 220 ff.) führen kann; die -Disziplin müßte denn schon vorher sehr gelockert gewesen sein. Für -Deutschland scheint dies völlig ausgeschlossen. Übrigens hat weder die -Unzuverlässigkeit der belgischen Truppen (vgl. N. Z. Z. 26./3. 1893, -Allg. Ztg. 3./5. 93), noch die des russischen Heeres die Ausständigen -vor blutigen Zusammenstößen bewahrt.] - -[Fußnote 744: _Eckstein_, p. 362; ähnl. _David_.] - -Sofern freilich das Heer zu den Streikenden hielte, wären alle -blutigen Zusammenstöße natürlich von vornherein ausgeschlossen. -Daher die Bemühungen um Einführung des Milizsystems; daher die -Versuche, durch allgemeine sozialistische, wie auch durch spezielle -antimilitaristische[745] Propaganda einen Einfluß auf das Heer -auszuüben.[746] - -[Fußnote 745: Vgl. "_Weckruf_", 28. Mai 04; _Dejeante_ (Prot. int. -Kongr. Zürich 1893, p. 28); _Friedeberg_, "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 29 ff.; "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. -O.] - -[Fußnote 746: v. _Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen -Gewerkschaftskongress"; _Friedeberg_ a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem -biete den Arbeitern beim Kl-str. größere Vorteile, wird z.B. durch die -Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt -- 1902 forderten die -sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest -auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N. -Z. Z. April 1902).] - -Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses -Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder -Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter -selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der -Massen,[748] dann aber auch spezielle _Maßnahmen zur Aufrechterhaltung -der Ordnung_ während des Streiks: wie Einrichtung eines -Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und -Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders -verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige -Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit -der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] --Natürlich kann auch durch -ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die -moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753] - -[Fußnote 747: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische -Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der -Staatsanwalt".] - -[Fußnote 748: Dies fordert z.B. die Amsterdamer -Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso _Zietz_, (Prot. -Parteitag Jena 1905 p. 326); _Bernstein_, a. a. O., und viele andere, -auch _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119] -andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin -durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und -Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf, -sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach -Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der -Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die -Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände -arbeiten (vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel"; -_Umrath_, p. 19, 20; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff., -732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; _Olberg_, "Der -italienische Generalstreik", p. 23; _Jaurès_, "Grève et Révolution"; -_Roland-Holst_, p. 107 ff.; _Friedeberg_ a. a. O.).] - -[Fußnote 749: Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei -eingerichtet (vgl. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22). -Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von -Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es -drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen -einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).] - -[Fußnote 750: "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben, -mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen -Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (_Turati_, -"Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").] - -[Fußnote 751: Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob -das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger -Getränke abzustehen (vgl. _Tildsley_, p. 46). Beim belgischen Streik -warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg." 16./4. 02; -_Destrée und Vandervelde_, p. 259), der Branntweinausschank wurde -eingeschränkt (_Destrée und Vandervelde_, p. 259): "à Verviers, les -cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre -(Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on -remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren -die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z. -Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene -mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von -Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des -Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (_Olberg_, a. a. O.).] - -[Fußnote 752: Vgl. _Leimpeters_, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes" -p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.] - -[Fußnote 753: Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall -gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.] - -Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner -eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus -bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser -Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer -Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des -Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine -konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754] - -[Fußnote 754: Vgl. _Jaurès_, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis", -p. 99 ff.; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 107 ff.; _Bernstein_, "Pol. -M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur -Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt, -vgl. z.B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; _Luxemburg_, (Vorwärts, -8. Dez. 05); _Thesing_, p. 334.] - -2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des -Klassenstreiks aber noch von der _Widerstandskraft_ ihrer _Gegner_ ab. - -Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt, -ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle -Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum -wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln, -resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit. - -[Fußnote 755: _Streltzow_, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen -Streikerfahrungen, daß ein Kl-str. ohne starke Organisationen nur -möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt -wird".] - -Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische -Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand -der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik -ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die -politischen Verhältnisse gerade liegen (z.B. zur Zeit eines -unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im -Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was -für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das -bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise. - -[Fußnote 756: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel": -der pol. M-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die -Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese -Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte _Resel_ (Prot. -Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt, -"wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im -Parlament eine Konfusion eintreten wird".] - -[Fußnote 757: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132.] - -Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung -erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je -überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758] - -[Fußnote 758: Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung" -(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in -Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (_Gorter_, -"Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. _Kautsky_, -"Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; _Zietz_ -[Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; _Thesing_, p. 534; vgl. auch -_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. -750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender -Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.] - -Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll -zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der -Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder -herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und -Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein -Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein -Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer -noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu -Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr -diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch -weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit -sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten -Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und -deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern -würden.[763] -- Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks -müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des -Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr -auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage -an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks -immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung -übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung. - -[Fußnote 759: _Block_ a. a. O.; _Zetkin_ (Prot. Parteitag Jena 05, p. -324); zur Defensive brauche das Proletariat über weniger Kräfte zu -verfügen, als zur revolutionären Offensive.] - -[Fußnote 760: So meint z.B. _Rob. Schmidt_, (Prot. Parteitag Jena 05, -p. 332), der Ruhrstreik sei nur deshalb ohne Blutvergießen abgelaufen, -weil es damals der Regierung nicht des Einsatzes wert gewesen wäre; -"aber es würde ihr des Einsatzes wert sein, wenn es sich um so vitale -Interessen der bürgerlichen Klasse handelte, wie das Wahlrecht".] - -[Fußnote 761: "Da er den Herrschenden nicht so schrecklich, nicht als -der letzte Schritt zur Revolution erscheinen wird" (_Block_; ähnl. -_Adler_, Prot. Parteitag Wien 05, p. 128).] - -[Fußnote 762: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik". Z.B. in England sollen sich 1848 250 000 Bürger -als Spezialkonstabler in den Dienst der Regierung gestellt haben (vgl. -_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage" p. 11).] - -[Fußnote 763: Vgl. _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Ist der -politische Streik in Deutschland möglich?" p. 33; _Jaurès_ ("Aus Theorie -und Praxis", p. 115 ff.) verweist darauf, daß die Bürgerschaft infolge -der Schieß-, Turn-, Sport- und Militärübungen wohl im Stande sein würde, -eine energische Aktion auszuüben.] - -[Fußnote 764: Vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. -"Zum Parteitag", p. 780; ders., "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. -781; _Luxemburg_ (Vorwärts, 8./12. 05).] - -[Fußnote 765: _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik", p. 814 -ff., meint, in Deutschland z.B. müsse jeder Klassenstreik "zur -Entscheidungsschlacht" führen, "denn die herrschenden Klassen -Deutschlands vertragen infolge der Entwicklung der ökonomischen -Verhältnisse keinen Sieg des Proletariats, und sei es in welcher Frage -immer". Weil aber das Proletariat zum Entscheidungskampf noch nicht -stark genug sei, so müsse in Deutschland jeder Massenstreik vermieden -werden. (Gewiß erscheint die Ablehnung eines pol. M-streiks für -Deutschland durchaus gerechtfertigt; aber nicht deshalb, weil die -"Herrschenden" daraus eine "Todesdrohung" hören würden, sondern weil ein -pol. M-str. gerade in Deutschland infolge der politischen und -militärischen Verhältnisse ganz bes. aussichtslos sein würde). In -Österreich hält _Hilferding_ den Klassenstreik noch bei pol. -Einzelforderungen für angebracht. Ähnl. _Kautsky_, "Der Bremer -Parteitag" p. 9; _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte". _Block_ -billigt die _Hilferding_schen Ansichten über die Streikaussichten in -Deutschland nur bezüglich des Pressionsstreiks. -- Als Pendant zu den -_Hilferding_schen Ausführungen kann die in anderen Kreisen vertretene -Ansicht gelten, daß "heutzutage jeder einzige Streik sozialdemokratisch -organisierter Arbeiter ein politischer Streik" sei, weswegen man dem -Streikunwesen energisch entgegenwirken müsse (vgl. v. _Reiswitz_, p. -58).] - -[Fußnote 766: _Roland-Holst_, a. a. O. p. 686.] - -Je mehr Widerstand die Gegner leisten, um so mehr Ausharrungsvermögen -ist auf Seite der Arbeiter erforderlich. Also ist ein defensiver, -friedlicher Demonstrationsstreik für Teilziele, von mäßigem Umfang und -kurzer Dauer am relativ leichtesten,[767] der revolutionäre -Pressionsstreik aber am schwersten durchführbar. Letzterer verlangt auf -Seiten der Arbeiter ein so ungeheures Maß von Organisation, materiellen -Mitteln, Disziplin, Opferwilligkeit und eine so ungeheure Beteiligung, -oder er setzt auf Seiten der bürgerlichen Gesellschaft eine so schwache -Regierung, eine so jämmerliche, zusammengeschrumpfte Bourgeoispartei, -ein so vollkommen unzuverlässiges Heer voraus, daß er, sobald er möglich -wäre, auch schon unnötig würde. Denn dann wären ja wirklich die -Voraussetzungen des Sozialismus vorhanden, und es dürfte weder die -einzige,[768] noch gerade die beste Art sein, das neue Arbeitssystem -durch Proklamierung eines allgemeinen Ferienurlaubs einzuführen.[769] - -[Fußnote 767: Vgl. z.B. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 734, -735; _Block_; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).] - -[Fußnote 768: _Friedeberg_ ("Weltansch." und "Parlamentarismus und -Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der -Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man -durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist -keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung -zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches -Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die -Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische -Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen -wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des -"Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation -seiner Grundlagen.] - -[Fußnote 769: Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z.B. W. -_Liebknecht_ (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24; -Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); _Vliegen_ ("Der Generalstreik -als politisches Kampfmittel", p. 196); _Aveling_, _Plechanoff_ (Prot. -int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); _David_, "Die Eroberung der -politischen Macht"; _Düwell_, p. 233; _Greulich_, "Wo wollen wir hin"? -p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon _Atwood_ (vgl. -_Tildsley_, p. 48, 49); anderer Meinung z.B. die Redaktion von "_De -Nieuwe Tijd_" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die -tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne, -zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. _Liebknecht_ verwirft -ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können, -brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische -Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber -selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der -Erfolg eines Kl-streiks, am wenigsten der eines revolutionären -Kl-streiks garantiert!] - -§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks. - -Der Erfolg des Klassenstreiks, -- mit Ausnahme des reinen -Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner -Ziele erstrebt, -- besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt -also in erster Linie von deren _objektiver Realisierbarkeit_ ab. - -Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks -verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum -Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie _Bernstein_, -_Jaurès_, _Roland-Holst_ usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß -ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die -Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu -bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte, -so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt, -die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die -sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher -entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener -organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit -vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich -wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor -des Innenlebens immer wesentlicher" (_Friedeberg_); danach ließe sich -also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen -Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels -psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der -"Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog. -"_historische Psychismus_", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen -die Übertreibung des _historischen Materialismus_ anzusehen sein. -- -Nicht ganz so weit, wie _Friedeberg_, geht _Thesing_: der Wille des -Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein -misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die -seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen -Generalstreik, verleugne.[774] - -[Fußnote 770: Vgl. _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194); -_Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug. -05, Art. "Anarcho-Sozialismus".] - -[Fußnote 771: "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann -nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt -werden" (_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der -ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das -Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich -andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (_Stieda_, Art. -"Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von -Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum -werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie -die großen Kriege und Invasionen bewiesen (_Jaurès_, "Aus Theorie und -Praxis", p. 111 ff.).] - -[Fußnote 772: Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen -aufweisen. -- _Jaurès_ meint, in den gerade durch den Streik selbst -isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde -entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.] - -[Fußnote 773: Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e -federata", wie _Thesing_ (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks -und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (_Kautsky_, -"Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde -"stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."] - -[Fußnote 774: Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei -_Sombart_ ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.); -_Sombart_ folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen -"Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn -nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des -Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen -Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre -selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch -nicht imstande,... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und -objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt -sein würden (a. a. O. p. 141).] - -Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des -_Streikdrucks_ ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht, -nach oben durch die _tatsächliche Macht_ des Proletariats begrenzt, also -einerseits durch seine _politische Bedeutung_, die auf der "gewaltigen -Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine _ökonomische -Bedeutung_ (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776] -seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der -Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht. - -[Fußnote 775: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; _Friedeberg_ (Prot. int. -Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. -31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der -Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer -möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.] - -[Fußnote 776: _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische -Krisis".] - -[Fußnote 777: _Hilferding_, a. a. O. Die ökonomische Macht des -Proletariats wachse "organisch hervor... aus der Stellung und Funktion -des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr. -_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch _Hilferding_, -"Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); _Thesing_, p. 334, nennt -als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und -Arbeitskraft.] - -Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute. Handelt es -sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren -Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und -Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft... an einem Tage zum -Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der -Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil -gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats -befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da -das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im -Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von -Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur -"für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen -Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so -würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen -Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783] - -[Fußnote 778: Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z.B. _Werner_, -Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich -_Eckstein_, p. 363; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la -classe ouvrière, p. 337, usw.] - -[Fußnote 779: _Henry George_ soll gesagt haben: "wollte einmal die -produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in -wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei _Grosch_). Die Absicht, -durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens -allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z.B. _Bernstein_: "Der Streik -als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).] - -[Fußnote 780: Es waren z.B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger -Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und -industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit. -bei _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen -Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine -absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (_Vliegen_, "Der -Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot. -int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.] - -[Fußnote 781: Wie _Grosch_, p. 14, 15 annimmt.] - -[Fußnote 782: _Hilferding_, a. a. O. p. 141.] - -[Fußnote 783: _Kautsky_ ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß -jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes -die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht. --- Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch -während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem -gewissen Umfang weiterarbeiten.] - -Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der -proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die -Beteiligung des _gesamten_ Proletariats am Klassenstreik praktisch -überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält -zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus -Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom -Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder -rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus -prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des -Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise -das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die -proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand -beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und -Indifferente wirken kann.[788] - -[Fußnote 784: Z.B. die Staatsarbeiter (vgl. _Katz_, "Der politische -Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der -deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. _Kampffmeyer_, p. 874 -ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 112 ff.; _Parvus_, "Staatsstreik und politischer -Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z.B. meist auch -die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).] - -[Fußnote 785: In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben -Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen. ---_Cohnstaedt_ ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. -748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die -christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen -würden; das bezweifelt _Düwell_ (p. 249), und wohl mit Recht; er meint, -daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend -mitmachen würden. -- Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften -kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens -denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im -Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen -die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische -Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen -Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV, -Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die -christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl. -_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"). -Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands -schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke -(Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen) -ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).] - -[Fußnote 786: _von Elm_ (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim -Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen; -ähnlich _Luxemburg_ (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit -zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.] - -[Fußnote 787: "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine -Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des -deutschen Volkes" (v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens -soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch -wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein -(vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 882; _Giesberts_, a. a. O. -p. 35).] - -[Fußnote 788: Vgl. _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Gorter_, "Der Massenstreik -der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, -"Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Luxemburg_ (cit. von Wilhelm -_Schröder_, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen -Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der -Streik einer bewußten Minorität. Nach _Louis_, p. 299, braucht nur ein -Teil des Proletariats organisiert zu sein. _Kautsky_ ("Allerhand -Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat, -das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.] - -Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung -des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der -Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück. -Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den -Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung -usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese -_Streikflucht_ nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu. -Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten -Arbeit[789] stets zahlreiche _Ersatzkräfte_ zur Verfügung: vor allem die -"_Reservearmee_". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht -bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur -genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der -einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern -zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das _Militär_, und zwar -sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die -Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl -der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese -also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen -Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das _Bürgertum_ -selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende -Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung -gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen -Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr -der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt. - -[Fußnote 789: Die _notwendigste_ Arbeit ist keineswegs immer die -_komplizierteste_; neue Arbeitskräfte lassen sich also oft unschwer -anlernen.] - -[Fußnote 790: Um die seitens der "Reservearmee" drohende Minderung des -Streikdrucks zu paralysieren, wird möglichste Steigerung der -gewerkschaftlichen Organisation gefordert (vgl. _Delory_, Congrès -général... Paris 1899, p. 246 ff., vgl. auch v. _Reiswitz_, p. 32 ff.); -übrigens kann dies event. durch den Bezug ausländischer Arbeitswilliger -hinwiederum illusorisch gemacht werden (vgl. _Penzig_, p. 43).] - -[Fußnote 791: So fungierten die Soldaten als "Streikbrecher" beim -Reisarbeiterstreik in Norditalien (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u. -Sozd.", p. 38), beim Elektrizitätsarbeiterstreik in Paris (vgl. -_Kulemann_, "Das Streikrecht in öffentlichen Betrieben"). 1903 -verwendete man sie in Holland zur Aufrechterhaltung des Verkehrs -(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in -Holland").] - -[Fußnote 792: Man verwendet z.B. Eisenbahntruppen oder die Angehörigen -der sog. Militärapprovisionierung (_Eckstein_, p. 359).] - -[Fußnote 793: Die Militarisation bringt den Arbeiter in einen wahrhaft -tragischen Konflikt; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Vergehen -der überdies meist aussichtslosen Meuterei (_Eckstein_, p. 360) und dem -"Verrat" der eigenen Sache. -- Eine Militarisation fand z.B. in Ungarn -beim Eisenbahnerstreik statt.] - -[Fußnote 794: _Eckstein_, p. 359: der Kleinbetrieb werde diese -Gelegenheit gern benutzen, durch Produktionsanspannung seine Existenz zu -festigen.] - -[Fußnote 795: Elektrische und andere Werke hat man in Streikzeiten -schon durch Ingenieure, Studenten, technisches Personal aufrechterhalten -(vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. -197, 198; _Roland-Holst_, a. a. O.; _Grosch_).] - -Da die Arbeitsruhe unter den heutigen Verhältnissen nie eine -vollkommene, sondern höchstens eine relativ-allgemeine sein wird,[796] -so kann sie auch nur einen beschränkten Effekt ausüben, und es ist daher -ein Erfolg des Streiks regelmäßig nur dann zu erwarten, wenn die Aktion -der Arbeiter durch Unterstützung seitens anderer Klassen verstärkt -wird.[797] Daß eine solche möglich ist, hat die praktische Erfahrung -erwiesen.[798] Aber diese "so notwendige psychologische Unterstützung -bei anderen Gesellschaftsklassen"[799] hängt nicht nur von einer -vorhergehenden Bearbeitung der öffentlichen Meinung ab,[800] nicht nur -davon, daß die Forderung von anderen Klassen begriffen oder gar geteilt -wird,[801] sondern sehr wesentlich von den Eigenschaften des Streiks. Je -stärker dieser das bürgerliche Leben beeinträchtigt, je länger und -häufiger diese Beeinträchtigung auftritt, um so geringer wird die -Unterstützung ausfallen: denn wo "die moralische Aufwallung mit dem -Interesse kollidiert, da wird sie nie zu einer kräftigen Aktion -führen".[802] - -[Fußnote 796: Es werde immer noch ganze Gegenden geben, "in denen man -mit voller Kraft arbeitet und sogar die Produktion erhöht... In jeder -Stadt ist die Produktion in gewissem Umfange im Gange zu erhalten" -(_Vliegen_, a. a. O.).] - -[Fußnote 797: Daß das Proletariat allein noch nicht über die zum -Streikerfolg erforderliche Macht verfügt, geben selbst Sozialisten zu, -z.B. _Heine_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315 ff.), _Düwell_, (p. 248 -ff.), _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126); _Streltzow_, p. 136, -zieht aus der russischen Streikpraxis den Schluß, daß ein Kl-str. nur -dann Erfolg habe, "wenn alle freiheitlichen Elemente mit ihm -sympathisieren und ihn aktiv unterstützen."] - -[Fußnote 798: _Grosch_, wie auch _Vliegen_, nimmt an, daß alles, "was -nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und... die ganze -Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum -Kl-str. stellen würden. -- _Bebel_ glaubt umgekehrt (vgl. Prot. -Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und -Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen -Sympathie fänden; ähnl. v. _Elm_ (ebenda, p. 331). --_Penzig_, p. 41, -meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes -Denkenden" für sich. -- Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei -proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen _Czernin_ -("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser -schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden -Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs -nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung -gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende -nehmen.] - -[Fußnote 799: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik"; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. -132 ff.; _ab-Yberg_, p. 9; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik -und Sozialdemokratie"; _Bernstein_, "Der Streik als politisches -Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in -Deutschland möglich?" p. 33, 34.] - -[Fußnote 800: Eine solche Bearbeitung verlangt _Jaurès_, "Aus Theorie -und Praxis", p. 99 ff.; _David_ ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die -Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen, -_Cohnstaedt_ (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und -Staatshaupt gewonnen werden sollten.] - -[Fußnote 801: _Resel_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; _Ellenbogen_, -ebenda p. 54; _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 749; _Hilferding_, -"Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen -können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig -in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden. -- -_Branting_ ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623) -hielt einen weiteren Kl-str. in Schweden auch deshalb für inopportun, -weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die -Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß -die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem -Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".] - -[Fußnote 802: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland -möglich?" p. 34; _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen -Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende -Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik -aufbringen werde.] - -Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr -ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus -folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form, -je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je -bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung. - - - - -Zweites Kapitel: - -_Wert des Klassenstreiks._ - - -§ 24. - -Die bisherigen praktischen Erfahrungen haben keine besonders günstige -Bilanz für den Klassenstreik ergeben.[803] Zwar erscheint unter gewissen -Umständen die Möglichkeit eines Sieges theoretisch nicht ausgeschlossen. -Der Klassenstreik kann also nicht in allen Fällen a priori als -unzweckmäßig angesehen werden. Die _Aussichten auf einen Erfolg_ sind -jedoch unter den heutigen Verhältnissen so _schwach_, daß man dem -Klassenstreik nur einen recht geringen Wert beimessen darf. Dieser nimmt -aber noch erheblich ab, wenn man die _bitteren Konsequenzen_ in's Auge -faßt, die jeder versuchte oder durchgeführte Klassenstreik den Arbeitern -zu bringen pflegt. - -[Fußnote 803: Dies wurde anerkannt z.B. von _Vliegen_ ("Der -Generalstreik als politisches Kampfmittel", und Prot. int. -Kongr. Amsterdam 04, p. 28); _Braun_, "Das Ergebnis des -Gewerkschaftskongresses", p. 113.] - -Er legt ihnen nicht nur spezielle _materielle Opfer_ auf,[804] -sondern auch noch die allgemeinen Lasten einer solchen -"Gesellschaftskatastrophe".[805] Von den strengen Marxisten wird diese -letztere übrigens auch noch als eine unerfreuliche Hemmung der -ökonomischen Entwicklung verurteilt. - -[Fußnote 804: Vgl. z.B. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. -22; _Umrath_, p. 20. Überraschend ist die Prophezeiung, bei einem -Massenstreik in Deutschland würden "die gewerkschaftlichen -Organisationen gleich den politischen nicht nur nichts zu befürchten -haben, sondern würden noch einmal wiedergeboren und zehnfach gestärkt -daraus hervorgehen" (vgl. _Luxemburg_, Vorwärts, 8. Dez. 05).] - -[Fußnote 805: Vgl. _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", p. -21.] - -In _psychologischer_ Hinsicht gefährdet der Klassenstreik die Arbeiter -ebenso sehr durch die gepriesene "revolutionierende Wirkung"[806] eines -siegreichen Kampfes, wie durch die Wirkung des Mißerfolges: dort leicht -Selbstüberschätzung, hier Entmutigung, Verstimmung und Erschütterung des -Vertrauens der Arbeiter zu ihren Führern.[807] Freilich, wenn wirklich -jeder einzelne Teilnehmer den Streikentschluß als eine Gewissenspflicht -betrachtete,[808] wenn wirklich jeder einzelne es als Ehrenpflicht -empfände, "seine Existenz einzusetzen für sein Recht",[809] oder von der -Überzeugung durchdrungen wäre, "daß er einen Kampf für die Zukunft, für -die Erhöhung der ganzen Menschenart kämpft",[810] dann könnte der -Klassenstreik eine subjektive Heldentat darstellen.[811] Aber diesem -_subjektiv-ethischen_ Gewinn stünde doch nur allzuhäufig ein -_objektiv-ethischer_ Verlust gegenüber. Fragt man nämlich, ob der -Klassenstreik "unter die Kampfmittel gerechnet werden darf, die bei -einem das Endziel der _sozialen Versöhnung_ nicht aus dem Auge -verlierenden Klassenkampf als erlaubt und berechtigt gelten -können",[812] so wird man den Klassenstreik zwar allerdings als Mittel -der _Notwehr_ billigen[813] und in solchen Fällen selbst die im Gefolge -des Ausstandes auftretenden Gewalttaten entschuldigen.[814] Doch da der -Klassenstreik in jedem Falle einen so außerordentlich schweren Schlag -für die Gesamtheit bedeutet,[815] so dürfte sich seine moralische -Zulässigkeit wohl auf diejenigen Fälle beschränken, in denen es sich -nicht nur um ein wertvolles Ziel handelt, sondern in denen auch ein -Erfolg als wahrscheinlich vorausgesehen werden kann.[816] -- Der -direkten Revolution gegenüber stellt der Klassenstreik das friedlichere -Mittel dar. Er kann die Revolution ersetzen, ähnlich wie die -Friedensblockade unter Umständen den Ausbruch des Kriegs hindert. Wie -diese jedoch leicht in offene Feindseligkeit übergeht, so kann auch der -Klassenstreik leicht in die Revolution umschlagen. - -[Fußnote 806: Vgl. _Düwell_, p. 253. Die gewöhnliche Folge des Siegs, -Übermut und Selbstüberschätzung, werden leicht die Veranlassung von -Niederlagen, wie 1903 in Holland.] - -[Fußnote 807: Vgl. _Heine_, a. a. O.; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. -Kongr. Köln 05, p. 220 ff.). Auch schreckt der Mißerfolg vor -der Wiederanwendung ab, was freilich nur in den Augen der -Klassenstreikpropheten als Nachteil erscheinen wird.] - -[Fußnote 808: Vgl. _Tönnies_, "Der Massenstreik in ethischer -Beleuchtung", p. 541.] - -[Fußnote 809: _Eckstein_, p. 363; vgl. die Motivierung des pol. -M-streiks bei _Bernstein_ ("Pol. Mstr. u. pol. Lage", p. 28; ders., "Ist -der pol. Streik in Deutschland möglich?", p. 36; ders. Prot. Parteitg. -Bremen, p. 194); ähnl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim, 06, p. 230).] - -[Fußnote 810: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. -28; ähnl. "Antimilitarismus und Generalstreik" (Beilage zu Nr. 11 der -"_Wahrheit_"), p. 10.] - -[Fußnote 811: _Tönnies_. -- Über den hohen sittlichen Mut der -holländischen Arbeiter beim Streik 1903 vgl. _Roland-Holst_ ("Der Kampf -und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), die freilich selbst der -Partei angehört.] - -[Fußnote 812: _Penzig_, "Massenstreik und Ethik", p. 23 ff. -- Die -Absicht, durch den Klassenstreik das revolutionäre Gefühl, die sozialen -Gegensätze zu verschärfen, ist ausgesprochen z.B. bei _Sorel_ ("Lo -sciopero generale"); "Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und -der Klassenkampf"; vgl. auch _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 51; -_Briand_, a. a. O.] - -[Fußnote 813: Vgl. _Tönnies_. -- Ein Streik, der einen Krieg hinderte, -soll ebenfalls als moralisch gelten (_Penzig_, p. 26). -- _Comte_ hatte -den allgemeinen Ausstand nur als Verteidigungsmittel erwähnt (vgl. -_Weill_, p. 22, 23).] - -[Fußnote 814: Vgl. _Penzig_, p. 36 ff.] - -[Fußnote 815: Z.B. für Deutschland bedeute selbst der aussichtslose -Versuch eines Kl-Streiks "Grauen und Elend; ein Zurückdrängen unserer -Kultur um Jahrhunderte" (_Grosch_, p. 15 ff.), "unermeßliches Unheil" -(_Tönnies_, p. 531) und "nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern für -die ganze Zukunft Deutschlands eine kaum heilbare Wunde" (_Cohnstaedt_, -"Jena. Gewerkschaft oder Revolution", p. 548, 549). Er würde "die ganze -Zukunft des Reichs, seine wirtschaftliche Macht und seine Kultur in -Frage stellen" (_Mayer_, "Der internationale Sozialistenkongreß").] - -[Fußnote 816: "Seine Verwerflichkeit wird um so schwerer ins Gewicht -fallen, wenn der Schade, der davon ausgeht, auf diejenigen, die das -Mittel anwenden, selber zurückfällt" (_Tönnies_). Auch die -Massenstreik-Drohung, selbst zur Wahrung sittlicher Güter, wie des -Wahlrechts (vgl. _Tönnies_), werde, wenn jede Aussicht auf Erfolg fehlt, -prinzipiell von der Ethik mißbilligt. -- Hingegen billigen manche -Politiker, die prinzipiell einen defensiven Wahlrechtsstreik zur -Unterstützung einer allgemeinen Volksbewegung begrüßen würden (vgl. v. -_Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Cohnstaedt_, a. a. O.; ders., -"Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749 ff.), aber -aus praktischen Rücksichten "heute und für absehbare Zeit" seine -Verwirklichung ablehnen (vgl. v. _Gerlach_, a. a. O.; _Tönnies_), doch -die Kl-Str.-Drohung insofern, als sie gewisse Kreise "etwas bedächtiger, -vorsichtiger, gewissenhafter in hohen politischen Angelegenheiten machen -könne" (_Tönnies_).] - -Selbst auf einen _siegreichen_ Klassenstreik wird eine um so -empfindlichere _Reaktion_ folgen, je weniger die Arbeiter mittels des -Streiks eine Position errungen haben, durch die der "unvermeidliche -reaktionäre Gegenschlag paralysiert werden kann",[817] und je mehr sie -sich im Streik verausgabt haben, sodaß ihnen nun die "Ausnutzung und -Festhaltung" des Erfolges unmöglich ist.[818] Noch viel stärker aber -wird die Reaktion nach einem _verlorenen_ Streik auftreten. Ein solcher -würde einen äußerst schweren Stoß für die ganze Arbeiterschaft -bedeuten.[819] Denn die Gegenmaßregeln müßten sowohl an Ausdehnung, wie -an Energie die Folgen eines verlorenen innergewerblichen Ausstandes weit -übertreffen.[820] Sie würden um so schärfer ausfallen, je -umfangreicher[821] der Streik war, je revolutionärer seine Ziele,[822] -je häufiger oder wahrscheinlicher seine Wiederholung.[823] - -[Fußnote 817: _Bissolati_, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen", p. -958.] - -[Fußnote 818: _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 220 ff.; vgl. -auch _Streltzow_, p. 136.] - -[Fußnote 819: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; _Leimpeters_, -"Zum Generalstreik", p. 884; _Rob. Schmidt_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam -p. 27; Gwft. Kongr. Köln 05, p. 225); _Roland-Holst_, "Zur -Massenstreikdebatte"; _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und -Revolutionsromantik". Nur wenige werden optimistisch genug sein, eine -event. Niederlage deshalb gering zu achten, weil sie ja -- "der -Ausgangspunkt größerer Siege" sein könne (so _Allemane_, Prot. int. -Kongr. Amsterdam 04, p. 26).] - -[Fußnote 820: Anderer Meinung: _Briand_, "La grève générale et la -révolution", p. 15; _Louis_, p. 301 ff.] - -[Fußnote 821: Vgl. _Thesing_, p. 334.] - -[Fußnote 822: Vgl. _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 102. 103.] - -[Fußnote 823: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in -Italien". Die sozialistische Partei Italiens erkennt den Klassenstreik -übrigens an "als eine Lebensäußerung einer proletarischen, im -Klassenkampf stehenden Partei, die sich wiederholen kann und wiederholen -muß" (_Olberg_, "Die italienischen Wahlen").] - -Die Reaktion erscheint teils in speziellen Maßnahmen gegen die -Ausstandsteilnehmer (Aussperrungen, Maßregelungen, Strafen, Bußen usw.), -wodurch indirekt auch die proletarischen Organisationen, besonders die -Gewerkschaften, getroffen werden.[824] Teils zeigt sie sich in -generellen Maßnahmen gegen den Klassenstreik überhaupt, z.B. in der -Verkürzung des Streikrechts[825] oder in einer Umstimmung der -öffentlichen Meinung.[826] Solche Folgen können dann leicht auch die -übrige Bewegungsfreiheit der Arbeiter hemmen. - -[Fußnote 824: Vgl. _Hue_, "Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Heine_, -"Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Eckstein_, p. -362.] - -[Fußnote 825: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen -Stimmrechtskampagne".] - -[Fußnote 826: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Giesberts_, p. 31.] - -Der Klassenstreik ist also immer ein "zweischneidiges Schwert",[827] -_immer_ ein "desperates" Mittel.[828] In der _Mehrzahl_ der Fälle aber -ist er "ein Messer ohne Klinge",[829] eine "Phrase",[830] "Unsinn",[831] -"Utopie".[832] - -[Fußnote 827: So bezeichnet z.B. von _Bernstein_, "Der Streik als -politisches Kampfmittel", _Umrath_, p. 20, _Turati_, a. a. O., -_Eckstein_, p. 363, und anderen.] - -[Fußnote 828: _Jaurès_, _Kolb_, _Tönnies_ "Der Massenstreik in -ethischer Beleuchtung".] - -[Fußnote 829: _Pfannkuch_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28.] - -[Fußnote 830: _Liebknecht_, Prot. int. Kongr. Brüssel 1891.] - -[Fußnote 831: _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3. -"_Generalunsinn_" (_Liebknecht_), "_Absurdität_" (_Turati_). Bezüglich -des anarchistischen Generalstreiks sprachen sich auch die meisten -internationalen Arbeiterkongresse in ähnlicher Weise aus (vgl. z.B. -Prot. Zürich 1893, p. 53 ff.; London 1896, p. 29; Amsterdam, usw.).] - -[Fußnote 832: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff., -"_Traum_" (_Greulich_, "Wo wollen wir hin?", p. 37, 40); "_Illusion_" -("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in der Soz. Prx. XV. 15, Sp. 382, -11. Jan. 06, und "Hamburger Echo", Art "Anarcho-Sozialismus", 27. Aug. -05).] - - - - -_Schlußwort:_ - -Aufgaben der Gesellschaft. - - -Der Klassenstreik ist unter allen Umständen eine gefährliche Waffe. -Seine Verhütung liegt daher im Interesse der Arbeiter und in dem der -Gesamtheit. Dem bereits ausgebrochenen Klassenstreik mit Gewalt zu -begegnen, wird das Übel kaum bessern, da ja auch schon der bloße Versuch -des Massenstreiks die soziale Wohlfahrt auf's Schwerste gefährden kann. -Aufgabe der Gesellschaft ist es vielmehr, den _Ausbruch_ eines -Klassenstreiks möglichst zu _hindern_, also den Streikentschluß zu -erschweren. - -Dies könnte durch Einschränkung des Streikrechts geschehen, freilich -eine Durchbrechung des Koalitionsrechts, welche sich aber vielleicht -doch durch die höhere "Rücksicht auf das Gemeinwohl"[833] rechtfertigen -ließe. Dann aber müßten die Nachteile des Streikrechtentzuges durch -Einräumung besonderer Vorteile für die solcherweise in ihrer Freiheit -beschränkten Arbeiterkategorien wieder ausgeglichen werden.[834] -Indeß stellen Gesetzesbestimmungen höchstens einen kleinen Hemmschuh -dar, und ebenso wenig, wie etwa polizeiliche Hinderung der -Klassenstreikpropaganda oder ethische Belehrungen, bieten sie einen -absoluten Schutz gegen den Klassenstreik. - -[Fußnote 833: "Also durch soziale Sanktion" (_Penzig_, p. 13 ff.).] - -[Fußnote 834: Die Erwägung, daß es ungerecht wäre, "Arbeiterkategorien -Beamtenpflichten zu geben, ohne ihnen die entsprechenden Rechte zu -gewähren", soll seinerzeit zur Verwerfung der schwedischen -Antistreikvorlage geführt haben (vgl. _Axel Hirsch_, p. 196). ---Nationalrat _Scherrer_ (in der Begründung seiner Motion, vgl. Bulletin -der Schweiz. Bundesversammlung, p. 368) fordert, daß als Korrelat für -die Nachteile der Beamtenqualität den Arbeitern eine auskömmliche -Lebensführung garantiert werden müsse. -- Wie _Kulemann_ ("Das -Streikrecht in öffentlichen Betrieben"), um "einen geordneten Ausgleich -von entstehenden Streitigkeiten zu schaffen", wünscht auch das "Musée -social" (vgl. Juli 04, p. 318 ff.) "un droit de recours à des -commissions arbitrales". -- _Penzig_ (p. 19, 20) hat einen interessanten -Plan entworfen, wie die Arbeiter, entsprechend ihrer qualitativ-sozialen -Bedeutung, in ihrer Streikfreiheit in verschiedenem Grade zu -beschränken, und wie sie dafür in entsprechendem Maß anderweit zu -berücksichtigen wären. -- _Herkner_, a. a. O. p. 509, hält den Streik -der Staatsarbeiter für unzulässig, wünscht aber, daß dafür auch alles -aufgeboten werde, "um den Staatsarbeitern mindestens diejenige Lage zu -garantieren, die sie sich mittels des Koalitionsrechtes event. aus -eigener Kraft erstreiten könnten". -- Im Jahre 1891 hat das Einigungsamt -des Staates New-York anläßlich eines großen Eisenbahnerausstandes -Vorschläge gemacht, welche die Störung des Eisenbahnbetriebs durch -Arbeitseinstellung unter Strafe stellten, dafür aber eine Regelung der -Arbeitsbedingungen unter staatlichem Einfluß forderten (vgl. -_Philippovich_, Grundriß, 2. Bd., 2. Teil, p. 322).] - -Eine indirekte, doch allerwirksamste Bekämpfung des Klassenstreiks -besteht hingegen in der _Verminderung der Gelegenheiten zu -Massenstreikentschlüssen_. Nur dadurch läßt sich dem Unheil wirksam -steuern, daß man den berechtigten Forderungen der Arbeiter nachkommt -(besonders wertvoll wäre z.B. auch die Stärkung eines zentralistischen -Gewerkschaftswesens), daß man ihnen Gelegenheit zur Teilnahme am -öffentlichen und gewerblichen Leben gibt, daß man also ihr Interesse für -die ungestörte Weiterentwicklung jener Gesellschaft weckt, von der sie -doch selbst auch einen Teil bilden, und daß man in ihnen den Glauben an -das alte Wort befestigt, mit dem schon Menenius Agrippa die -"streikenden" Plebejer zur Rückkehr nach Rom bewogen haben soll, daß, -wie die Glieder für den Magen, der Magen auch für die Glieder -unentbehrlich sei. - - - - -Literaturverzeichnis. - - -I. Periodika. - -1. Zeitungen. - - (a) _bürgerlich_: - - Allgemeine Zeitung München. - Der Tag. - Frankfurter Zeitung. - Neue Zürcher Zeitung. - Zürcher Post. - - (b) _proletarisch_: - - sozialistisch: - - Arbeiter-Zeitung Wien. - Grütlianer. - Hamburger Echo. - L'Humanité. - Leipziger Volkszeitung. - Münchener Post. - Vorwärts (Berlin). - - anarchosozialistisch: - - "Die Einigkeit". - - anarchistisch: - - "Weckruf" (Zürich). - "Wahrheit" - -2. Zeitschriften. - - (a) _bürgerlich_: - - Archiv für Sozialwissenschaft u. Sozialpolitik. - Das freie Wort. - Deutscher Kampf. - Die Hilfe. - Die Nation. - Die neue Rundschau. - Eisenbahn und Industrie. - Jahrbücher für Nationalökonomie u. Statistik. - Journal des Économistes. - Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften. - Musée social. - Preußische Jahrbücher. - Revue des deux mondes. - Soziale Kultur. - Soziale Praxis. - Soziale Rundschau. - Süddeutsche Monatshefte. - The English historical Review. - Zeitschrift für Sozialwissenschaften. - - (b) _proletarisch_: - - Die neue Zeit - Die neue Gesellschaft. - Dokumente des Sozialismus. - Il socialismo. - Il divenire sociale. - Le mouvement socialiste. - Revue socialiste. - Sozialistische Monatshefte. - Social Tidskrift (Stockholm). - - -II. Protokolle. - -Protokoll des internationalen Arbeiterkongresses in _Paris_. Abgehalt. -vom 14.-20. Juli 1889. Deutsche Übersetzung mit Vorwort von Wilhelm -_Liebknecht_. Nürnberg 1890. Wörlein & Co. - -Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiterkongresses zu -_Brüssel_ (16. bis 22. August 1891). Berlin 1893, Verl. der Expedition -des Vorwärts. - -Protokoll des internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses in der -Tonhalle _Zürich_ vom 6.-12. August 1893. Herausgegeben vom -Organisationskomitee. Zürich, Buchhandlung des Schweizerischen -Grütlivereins 1894. - -Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Sozial. Arbeiter- und -Gewerkschaftskongresses zu London vom 27. Juli bis 1. August 1896. -- -Berlin 1896, Expedition der Buchhandlung Vorwärts. - -Internationaler Sozialistenkongreß zu _Paris_ 1900 (Berlin 1900, -Buchhandlung Vorwärts). - -Internationaler Sozialistenkongreß zu _Amsterdam_ 1904 (Berlin 1904, -Buchhandlung Vorwärts). - -Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen -Partei Deutschlands, abgehalten zu _Erfurt_, 14.-20. Okt 1891 (Berlin -1891, Expedition des Vorwärts). - ----- abgehalten zu _Köln_ a. Rh., vom 22.-28. Okt. 1893 (Berlin 1893). - ----- abgehalten zu _München_ 1902. - ----- abgehalten zu _Dresden_ vom 13.-20. Sept. 1903 (Berlin 03). - ----- abgehalten zu _Bremen_ vom 18.-24. Sept. 1904 (Berlin 04). - ----- abgehalten zu _Jena_ vom 17.-23. Sept. 1905 (Berlin 05). - ----- abgehalten zu _Mannheim_ vom 23.-29. Sept. 1906 (Berlin 06). - -Protokoll der Verhandlungen des 5. Kongresses der Gewerkschaften -Deutschlands, abgehalten zu _Köln_ a. Rh. vom 22.-27. Mai 1905 (Berlin, -Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands [C. -Legien]). - -"Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes -Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Konferenz der -_Gewerkschaftsvorstände_ vom 19.-23. Febr. 1906 (Beilage zu Nr. 185 des -Vorwärts, 11. August 1906). - -Verhandlungen des 4. österreichischen sozial. Parteitags. Abgehalten zu -_Wien_ vom 25.-31. März 1894 (Wien 1894, Bretschneider). - -Protokoll über die Verhandlungen des Gesamtparteitags der -sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Abgehalten zu _Wien_ -vom 9.-13. Nov. 1903 (Wien 1903, Ignaz Brand). - ----- abgehalten zu _Wien_ vom 29. Okt. bis 2. Nov. 1905 (Wien 05, -Brand). - -Congrès général des organisations socialistes françaises tenu à _Paris_ -du 3 au 8 décembre 1899, compte rendu sténographique officiel (Paris -1900, Société nouv. de librairie et d'édition). - -Quatrième congrès général du Partie Socialiste français tenu à _Tours_ -du 2 au 4 Mars 1902, compte rendu sténographique officiel (Paris Société -nouv.... etc., 1902). - - * * * * * - -Amtliches stenographisches Bulletin der Schweizerischen -Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI. - - -III. Aufsätze und Abhandlungen. - -_Adler_, Georg, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswft., 2. Aufl., Bd. -I. - -_Anseele_, Eduard, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien" -(Soz. Mh. Juni 1902, p. 407-412). - ----- "Die belgischen Wahlen" (Soz. Mh. Juli 1904, p. 511). - -XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des Schweizerischen -_Arbeiterbundes_ und des Schweizerischen _Arbeitersekretariats_ für das -Jahr 1902 (1903, Zürich, Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins). - -_Arons_, Leo, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen -Wahlrechtsbewegung" (Soz. Mh. 1906, p. 919). - -_Bebel_, August, "Der Bremer Parteitag" (N. Zt. 22, II, p. 742). - -_Bernstein_, Eduard, "Der Streik als politisches Kampfmittel" (N. Zt. -12. I. 1894, p. 689-695). - ----- "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik" (Soz. Mh. -Juni 02, p. 413-420). - ----- "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" (Soz. Mh. Jan. -05, p. 29-37). - ----- Besprechung über Roland-Holst's "G-str. u. Sozialdemokratie" -(Dokumente des Sozialismus, V, 9). - ----- "Trust und Streik" ("Die neue Rundschau", 1905, p. 504). - ----- "Der politische Massenstreik und die politische Lage der -Sozialdemokratie in Deutschland", Vortrag, mit Anhang: 12 Leitsätze über -den politischen Massenstreik. (Breslau 1905, Verlag der Volkswacht). - -_Bernstein_, Eduard, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik" -(aus den sozialistischen Monatsheften, 1. Jan. 1906, p. 12-20, -abgedruckt in der Münchener Post vom 29. und 30. Dez. 1905). - ----- "Die Generalstreikgewerkschaft" (Soz. Mh. August 1906). - ----- "Einige Randbemerkungen" (Soz. Mh. Febr. 1906, p. 128), abgedruckt -in der 2. Beilage des Vorwärts vom 30. Jan. 1906. - ----- "Patriotismus, Militarismus und Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Juni -1907). - ----- "Der Streik" ("Die Gesellschaft", Bd. IV, Frankfurt a. M). - -_Berth_, Edouard, Notes bibliograph. (Mouvement socialiste 1. und -15./11. 1905, p. 374 ff.) - -_Bissolati_, Leonida, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen" (Soz. Mh. -Dez. 04, p. 954-960). - ----- "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Mai -1906, p. 368). - ----- "Die Entscheidung in Rom" (Soz. Mh. Nov. 1906, p. 915-924). - -_Block_, Hans, "Formen und Möglichkeiten des Massenstreiks" (N. Zt. 24, -II, 21. Juli 1906, p. 557-563). - -_Blum_, Léon, "Les congrès ouvriers et socialistes français" I, -1876-1885, II, 1886 bis 1900 (Bibliothèque socialiste Nr. 6 & 7, Paris -1901, Société nouv.... etc.) - -_Bömelburg_, Theodor, Rede in einer öffentlichen Maurerversammlung in -Leipzig am 14. Nov. 1905 (Bericht im Vorwärts, 2. Beilage, 16. Nov. -1905). - -_Bourdeau_, Jean, "Les grèves politiques" (Revue des deux mondes, 15. -März 1905, p. 424-444). - -_Branting_, Hjalmar (Stockholm), "Die Generalstreikprobe in Schweden" -(Soz. Mh. Juni 1902 p. 420-424). - ----- "Die schwedischen Reichstagswahlen" (N. 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Aug. -1905). - - - - -Übersichtstafel über die Streikarten. - -(Zu § 1, oben S. 3.) - - Streik - | - +---------+---------+ - | | - | partieller - | Streik - Massenstreik - | - +--------------------+---+ - | | - | innergewerblicher - | Massenstreik - | - _Klassenstreik_ - | - +--------+--------+ - | | - | _politischer Massenstreik_ - | - _Generalstreik_ - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES -GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG*** - - -******* This file should be named 43664-8.txt or 43664-8.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/4/3/6/6/43664 - - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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